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Geigele Lebensbild einer Medialveranlagten Bearbeitet von Felix Schmidt Erster TeilDas
nachfolgende Lebensbild — in drei Teilen — spielt in deutschstämmigen Kreisen
Amerikas. Die darinnen auftretenden Personen sind anders benannt worden. Die Handlung
spielt sich hauptsächlich im oberen Mississippi-Tal ab. Die Ortschaften haben
ebenfalls andere Namen erhalten, und zwar solche, die im oberen
Mississippi-Tal nirgends zu finden sind, mit Ausnahme der Großstädte St. Paul
und Minneapolis. Zweck aller Umbenennungen ist der, die Nachkommen der
deutschstämmigen Familie, in der sich das Lebensbild "Geigeles"
abspielte, vor aufdringlichen Nachfragen zu schützen, die nicht gewünscht
sind. Nur unter dieser Bedingung ist es dem Verfasser erlaubt worden, das nachfolgend
Mitgeteilte zu veröffentlichen, das bei allen Lesern des "Geistigen
Lebens" Interesse wachgerufen hat. Der
Bearbeiter * * * Es war ein
heißer August-Nachmittag. Die Sonne brannte erbarmungslos auf das
Mississippi-Tal hernieder, welches um das etwa 20.000 Einwohner zählende
Waterville herum von oft recht steilen, meistens mit Laubbäumen bewachsenen
Hügeln umkränzt ist. Auf dem breiten Mississippi fuhr ein Dampfer gemächlich
stromab und begegnete einem stromauf dampfenden Schlepper, wobei sie sich
gegenseitig mit Pfeifensignalen begrüßten, die über das Mississippi-Tal bei
Waterville hinweg tönten und den Bewohnern des Städtchens ankündeten, daß
selbst die sengende Nachmittag-Sonne das Leben auf dem breiten Strom nicht
unterbinden konnte. Waterville
hat genau den gleichen Charakter wie alle Städtchen von derselben Größe da
oben im nördlichen Teil des ausgedehnten Westens, wo sich der
"Maisstaat" Iowa mit dem "Staat der Tausend Seen", dem
Staat Minnesota, berührt und wo der Mississippi die Grenze nach dem Staat
Wisconsin zu bildet. Waterville hatte, obgleich durchschnittlich nur Mittelstands-Bevölkerung
doch auch eine Schicht von besonders Reichen, deren Eltern und Großeltern in
der Abflößerei der in den dichten Wäldern der oberen Nebenflüsse gefällten
Baumstämme fette Gewinne erzielt, diese gut angelegt hatten und dann mit dem
natürlichen Wachstum der Städte im Westen weiter hochgekommen und reich
geworden waren. Das Städtchen hatte aber auch, genau wie all anderen solcher
Art, sein Armenviertel oder, wie man es hierzulande zu bezeichnen pflegt, die
Gegend 'jenseits der Bahngeleise' – 'on the other side of the tracks' -, wo
diejenigen wohnen, die es trotz ehrlichster Arbeit zu nichts bringen können,
weil entweder die Familie zu schnell gewachsen ist oder Krankheiten ein Hochkommen
unmöglich gemacht hatten. Es gab dort 'jenseits der Bahngeleise' aber auch
einige Familien, die nicht gerade im besten Ruf bei der Bevölkerung standen,
doch das waren zur Ehre Watervilles immerhin nur einige vereinzelte, die
sonst keine Ruhestörungen verursachten außer während gelegentlichem
Betrunkensein und dann einsetzenden Schlägereien, die aber meistens von den
Umwohnenden selbst geschlichtet wurden, ohne daß erst die Polizei
einzuschreiten brauchte. Eines der
Häuser in der Gegend 'jenseits der Bahngeleise' stand derart nahe am
Eisenbahnbett, das nicht hochgelegt war, daß jeder vorbeifahrende Zug das
ganze Haus erbeben ließ, namentlich nachts, wenn zwei Expresszüge nach und
von der Pazifischen Küste, ohne anzuhalten, durchdonnerten. Doch die in dem
Haus Wohnenden waren so an diesen Lärm gewöhnt, daß ihnen etwas gefehlt
hätte, wenn die Züge nicht mehr vorbeigefahren wären. Die Bewohner, Schreiber
mit Namen, waren erst vor kurzem aus dem Staate Montana nach dem südlichen
Minnesota übergesiedelt, weil es da oben in Montana zwei Jahre hindurch auf
der Heimstätte nur Mißernten gegeben hatte und den Schreibers schließlich die
harten Winter mit ihrer großen Kälte und die große Hitze im Sommer, die in
Montana gewöhnlich im Juli und August zu verzeichnen ist, die Sehnsucht nach
einer besseren Gegend wachgerufen hatten. Man verbrachte zunächst einen
Winter in Nord-Dakota. Aber da waren die Verhältnisse fast die gleichen wie
in Montana, nur mit dem Unterschied, daß es dort bei großer Kälte meistens
auch noch stürmisch war. Schließlich fuhr Vater Schreiber mit seiner Familie
aufs Geratewohl nach dem Osten. In Minneapolis hörte er von Waterville, wo
sich eine Kleine Industrie zu entwickeln schien und außerdem ein Stapelplatz
für die Holzfällerei war. Familie
Schreiber gehörte zu jenen deutschen Pionieren, die sich überall, wohin sie
das Schicksal verschlägt, ihr deutsches Wesen bewahren und danach leben. Vor
jeder Mahlzeit, vor dem Schlafengehen, nach dem Aufstehen wurde gemeinsam
gebetet, und an Sonntag-Abenden wurden oftmals gemeinsam die hübschen
deutschen Kirchen-Choräle gesungen. Das Familienoberhaupt, Michael Schreiber,
entstammte einer Familie, die vor über hundert Jahren aus Süddeutschland nach
den Wolga-Kolonien ausgewandert war. Dort war durch die eingewanderten
Deutschen in kurzem eine blühende Landwirtschaft geschaffen worden. Als aber
die Russen anfingen, den eingewanderten Deutschen das Privilegium zu nehmen,
nicht in der russischen Armee dienen zu brauchen, setzte eine Auswanderung
der Deutschen aus den russischen Kolonien nach Nordamerika, und im geringeren
Maße auch nach Argentinien ein. Michael hatte nicht gleich auswandern können,
als er herangewachsen war, weil er eine kranke Mutter zu unterstützen hatte.
So mußte er denn auch noch in der russischen Armee dienen. Doch als seine
Dienstjahre um waren und er nach Heimkehr in sein Heimatdorf erfuhr, daß
seine Mutter inzwischen gestorben war, da machte er sich nachts auf und
schlug sich durch bis nach Bessarabien. Dort ging er bei einem deutschen
Bauern für ein Jahr in Stellung, sparte sich Geld und machte sich dann weiter
auf die Reise nach Amerika. Unterwegs wurden ihm jedoch seine Ersparnisse
geraubt, und er mußte nochmals ein Jahr in der Batschka bei einem Bauern eine
Stellung annehmen. Dort lernte er dann seine Sophie kennen, in das er sich
verliebte und sie im Frühjahr heiratete. Darauf traten beide die Reise nach
der Neuen Welt im Zwischendeck an, landeten in Montreal und versuchten erst
eine Heimstätte in Saskatchewan zu bekommen. Das ging aber infolge
irgendwelcher Umstände, die sich das junge Pärchen einfach nicht erklären
konnte, nicht schnell genug, und so reiste man hinüber über die Grenze nach
den 'Staaten' und nahm im Staat Montana eine Heimstätte auf. Es wurden
Michael und Sophie sechs Kinder geboren, drei Söhne und drei Töchter,
nämlich: Georg, Joseph, Magdalena, Margareta, Philipp und Josephine. Sie
waren 13, 11, 8, 6, 3 und 1 Jahr alt, als die Schreiber-Familie nach
Waterville kam. Michael, das Familienoberhaupt, fand gleich Beschäftigung in
der Brauerei am Ort. Georg, der Älteste, hatte es schnell verstanden, sich
beim Eisenbahn-Stationsagenten beliebt zu machen und hielt sich fast seine
ganze freie Zeit hindurch auf der Station auf, wo er allen Bahnbeamten der
durchfahrenden Züge schnell bekannt und bei ihnen auch beliebt wurde, weil er
jederzeit zu kleinen Gefälligkeiten bereit war. Seine Sehnsucht war, später
einmal Eisenbahn-Kondukteur zu werden, weil diese eine so schmucke Mütze
tragen, den Zug sozusagen kommandieren und alle Fahrgäste einem Kondukteur
ihre Fahrkarten vorzuweisen haben. Joseph, der
Zweitälteste, war nicht an der Bahn interessiert. Er spielte oft mit dem Sohn
Rudi des Nachbarn, der ein notorischer Trunkenbold war, und ging oft mit in
die Wirtschaft, wenn Rudi seinen Vater 'abholen' mußte, was aber nicht so
leicht war, da Rudi immer erst eine 'Szene schauspielern' mußte, ehe er
seinen Vater vom Schanktisch wegbekommen konnte. Meistens heulte Rudi dem
Vater was vor, daß zu Hause irgend etwas geschehen sei oder jemand erkrankt
wäre, ehe sich Rudis Vater endlich entschloß, mit Rudi und Joseph
heimzugehen, die den meistens Starkbetrunkenen 'stützen' mußten, wobei die
Jungen alle ihre Kräfte aufzuwenden hatten. Magdalena half der Mutter in der
Küche, maßte sich aber eine herrschende Stellung an, wenn Mutter nicht da
war, und tyrannisierte dann die jüngeren Geschwister. So mußte die zwei Jahre
jüngere Schwester Margareta dann alle die grobe Küchenarbeit machen, und
Magdalena sah einfach zu und gab Befehle. Von den beiden Jüngsten, dem
dreijährigen Philipp und der einjährigen Josephine, konnte aber Margareta
noch keine Hilfe erwarten, da ja beide noch zu klein waren. Josephine war
außerdem Mutters 'Nesthäkchen'. Und das war
so gekommen. Mutter Schreiber, immer noch eine stattliche, kräftige Frau, mit
hübschen, man möchte fast sagen, durchgeistigten Zügen, war von Natur aus
fromm. Außerdem war sie auch mit dem "Zweiten Gesicht" begabt. Sie
konnte Dinge vorhersehen. Als sie ihr Jüngstes, die Josephine, erwartete,
hatte sie einen seltsamen Traum. Ein Engel erschien und sagte ihr, daß ihre
Frömmigkeit dem Herrgott gefalle und daß sie deswegen ein Kind gebären würde,
das genau wie sie das "Zweite Gesicht" besitzen würde. Außerdem
würden durch das Kind später auch viele Menschen zu Gott geführt werden. Nach diesem
Traum betete Sophie Schreiber noch inniger zu Gott dankerfüllten Herzens. Und
als dann das Kindchen geboren war, ein Mädchen, das auf den Namen Josephine
getauft wurde, da bemerkte Mutter Schreiber gar bald, daß die kleine
Josephine dem entsprach, was ihr im Traum verkündet worden war. Die kleine
Josephine lernte bald, wenn Mutter am Abend vor ihrer Wiege niederkniete,
ebenfalls ihre Händchen zu falten und so anscheinend mitzubeten, obgleich
Josephinchen anfangs sich natürlich noch nicht bewußt war, was es bedeutete.
Der Mutter fiel dabei auf, daß Josephine beim Falten ihrer kleinen Händchen
immer an der Wand hochsah. Dort befand sich ein Wandkalender von mehreren
Jahren zurück, der dort von den früheren Bewohnern zurückgelassen worden war
und den die Schreibers hatten hängen lassen. Das Bild über
dem Wandkalender zeigte in der Mitte Gott auf einem Thron sitzend, umgeben
von Engelchen, die alle die Geige spielten. Den Hintergrund bildeten Wolken.
Die Engelchen waren, wie oft auf solchen Bildern üblich, nur abgebildet mit
entzückenden lockigen Kinderköpfchen, Schultern, einem Flügelpaar daran und
mit den Armen, mit denen sie die Geige spielten zur Ehre Gottes. Der übrige
Teil der Engelkörperchen ging in die Wolkenbänke im Hintergrund über. Als die
Mutter die Vorliebe ihrer Jüngsten für das Wandkalender-Bild sah, fing sie
an, als Josephinchen älter geworden war, ihr das Bild zu erklären. Sie sagte:
"Sieh, Phinchen (Abkürzung für Josephine), dort ist der liebe Gott, und
um ihn herum sind alles Engerle, und sie spielen alle das Geigele." Seltsamerweise
blieb bei Phinchen von alledem nur das Wort "Geigele" haften. Und
wenn Mutter sich über ihre Wiege beugte, um sie zu herzen und zu küssen, da
richtete sich Phinchen oft hoch, zeigte auf das Bild und stammelte
"Geigele". Es war das erste Wort, das Phinchen aussprechen konnte,
und so vergaß man bald auf den Namen Josephine und nannte Phinchen fortan nur
noch das Geigele. An dem zu
Beginn geschilderten Augustnachmittag saß nun Geigele im Stühlchen neben
ihrem zwei Jahre älteren Brüderchen Philipp wie immer neben der Türschwelle
vor dem Haus, als das Glockensignal des Abendschnellzuges vernehmbar wurde.
Immer, wenn dieser am Hause von Schreibers vorbeifuhr — er fuhr dann schon
langsam, weil sich bald dahinter die Station befand — sah der Lokomotivführer
vom Führerstand heraus und winkte den Kindern zu. Als jetzt das
Glockensignal lauter wurde, jubelte Geigele auf, und Philipp rannte ins Haus
mit den Worten: "Mutti, Mutti, 's Zügle koamt." Mutter
Schreiber trocknete sich schnell die Hände ab — sie hatte gerade Wäsche
gewaschen und eilte vor das Haus. Schon kam der Zug an. Vom Führerstand der
Lokomotive herab beugte sich der Lokomotivführer und winkte freundlich den
Kindern zu. Philipp und Geigele winkten wieder, doch Mutter Schreiber war
weiß im Gesicht geworden. Sie kniete nieder, umfing die beiden Kinder mit
ihren Armen und murmelte etwas vor sich hin. "Das war
Papa Krause auf der Lokomotive, Mutti", bemerkte Philipp. "Er winkt
uns immer, wenn er vorbeifährt." "Er hat
zum letzten Mal gewinkt" sprach da als Antwort Mutter Schreiber leise
vor sich hin, die Kinder noch immer fest umschlungen haltend. Das freundliche
Gesicht von Papa Krause auf dem Führerstand hatte sich für sie beim
Vorbeifahren des Zuges plötzlich in einen Totenkopf verwandelt, ein sicheres
Zeichen für Mutter Schreiber, daß ihm der Tod drohe! Am nächsten
Morgen durcheilte die Hiobsbotschaft Waterville, daß Lokomotivführer Krause
tödlich verunglückt sei. Auf der nächsten Station habe er sich beim Abfahren
zu weit aus dem Führerstand zur Seite hinausgelehnt, weil etwas an der
Maschine nicht in Ordnung zu sein schien, und war dabei von einem Signalmast
gegen den Kopf getroffen worden, was den augenblicklichen Tod zur Folge
hatte. Wiederum
hatte das "Zweite Gesicht" Mutter Schreiber nicht getäuscht. II. Es hatte sich
übrigens verhältnismäßig schnell in Waterville herumgesprochen, daß Mutter
Schreiber das “Zweite Gesicht“ hatte. Sie bekam deswegen öfter Besuch von
solchen, die Krankheit im Hause hatten und die sonstige Sorgen drückten. Aber
nicht immer war die um Rat Gefragte in der Lage, irgendeinen Aufschluß zu
geben. Sie teilte das dem Besucher oder der Besucherin auch ehrlich mit. So
kam es, daß man in Waterville geteilter Meinung über Mutter Schreibers
hellseherische Begabung war. Die, denen Auskunft erteilt worden war, welche
stimmte, schworen, daß das alles eingetroffen sei, was ihnen gesagt worden
wäre. Diejenigen dagegen, die unverrichteter Sache hatten abziehen müssen,
behaupteten steif und fest, die Hellseherin sei nichts wert, denn wenn jemand
wirklich das „Zweite Gesicht“ besäße, so müßte eine solche Person doch immer
Aufschluß geben können. Die so Urteilenden verstanden es eben nicht besser
und wußten nicht, daß mit der Gabe des „Zweiten Gesichts“, wie überhaupt mit
allen übersinnlichen Anlagen, auch eine gewisse Verantwortung verbunden ist,
die freilich nur diejenigen intuitiv spüren, die keinen Mißbrauch mit der
ihnen von Gott als ein Geschenk verliehenen Gabe treiben. Kurz nach dem
geschilderten Unfall des Lokomotivführers Krause erhielt eines Nachmittags
Mutter Schreiber hohen Besuch, nämlich den von Frau McCook, der Gattin des
Besitzers der größten Holzflößerei am Ort. Da Magdalena noch in der Schule
war und die anderen Kinder, Margaret, Philipp und Geigele draußen spielten,
so war Mutter Schreiber allein im Haus. Als sie die
nach der neuesten Mode der damaligen Zeit gekleidete Dame vor sich stehen
sah, wußte Mutter Schreiber gar nicht, was sie sagen und wie sie sich
benehmen sollte. „Kann ich ins
Haus kommen?“ nahm da freundlich lächelnd die Besucherin das Gespräch auf,
indem sie die noch immer sie anstarrende Mutter Schreiber aufs Geratewohl
ansprach. „Aber natürlich“,
beeilte sich die Angeredete nun zu versichern, wobei sie, wie aus der
Erstarrung erwachend, höflich zur Seite trat und Frau McCook ins Zimmer
hineinließ und ersuchte, auf einem der Stühle Platz zu nehmen, während sich
Mutter Schreiber selbst ihr gegenübersetzte. „Ich weiß
nicht recht, wie ich beginnen soll“, nahm etwas verlegen Frau McCook die
Unterhaltung auf. „Wie man sich in der Stadt erzählt, haben Sie die Gabe des
‚Zweiten Gesichts‘?“ „Wie man es
nimmt“, entgegnete bescheiden lächelnd die Angeredete. Natürlich,
natürlich können Sie nicht alles wissen! Das ist mir klar und „Entschuldigen
sie“, unterbrach da Mutter Schreiber die Sprecherin, „das ist nicht so, wie
Sie es sich denken. Ich weiß in jedem Falle sehr wohl, um was es sich
handelt, doch ich darf manchmal nicht darüber reden und schweige deswegen.“ „Wer
verbietet Ihnen das Reden?“ „Eigentlich
niemand! Doch in manchen Fällen spüre ich, daß es das Beste für alle
Beteiligten ist, nichts zu sagen, da es doch nur Unangenehmes sein und ich damit
vielleicht nur Verbitterung schaffen könnte.“ „Wann wäre
das zum Beispiel?“ fragte Frau McCook teils neugierig, teils ängstlich. „Wenn ich
z.B. gefragt werde, wo sich jetzt Verstorbene von Fragestellern befinden.
Manchmal sehe ich diese glücklich und zufrieden; manchmal sehe ich sie auch
bitter leiden. Und in solchen letzteren Fällen schweige ich gewöhnlich.“ „Ach so“, kam
es wie eine Art von Erleichterung von den Lippen der Besucherin. „Na, um eine
solche Auskunft komme ich nicht zu Ihnen.“ „Was ist es,
was Sie wissen möchten?“ „Ich habe
einen Sohn von acht Jahren; der macht mir Sorgen. Er ist nicht wie andere
Kinder. Er sitzt oft stundenlang da und stiert wie geistesabwesend vor sich
hin. Nichts interessiert ihn. Oft bricht er in bittere Weinkrämpfe aus,
worauf sich sein Zustand zu bessern scheint und er eine ganze Zeit hindurch
wieder ein ganz normales Kind ist, bis plötzlich ganz unvermutet ein neuer
Anfall über ihn kommt. Ich dachte, Sie könnten mir da mit Hilfe des ‚Zweiten
Gesichts‘ eine Auskunft geben, was es für eine Bewandtnis mit dem Kind hat
und wie ihm geholfen werden könnte. Ich will Sie auch gut bezahlen für Ihre
Hilfe.“ Mutter
Schreiber hatte aufmerksam zugehört, doch bei der letzten Bemerkung mit dem
‚guten Bezahlen‘ verfinsterte sich ihre Miene wie im Unwillen und, schärfer
vielleicht als sie gewollte hatte, antwortete sie: „Bitte, meine Gabe, die
mir unser Herrgott verliehen hat, ist nicht verkäuflich und käuflich. Wenn
ich Ihnen helfen kann, dann tue ich das gern aus Menschenpflicht und aus
keinem anderen Grund.“ Frau McCook
war etwas peinlich berührt. Sie wollte einerseits nicht beleidigen,
andererseits war es ihr aber auch unverständlich, warum jemand für einen
Dienst, den er vielleicht leistet, nicht bezahlt haben möchte. Ihr war das etwas
unfaßlich, da sie ja schottischer Abkunft und es in ihrer Familie stets
üblich gewesen war, für geleistete Dienste Bezahlung zu nehmen und für solche
auch selbst zu zahlen. Aus Angst jedoch, Mutter Schreiber vielleicht so zu
kränken, daß sie sich weigern würde, ihr zu raten oder zu helfen, lenkte sie
schnell ein mit den Worten: „Es lag mir vollkommen fern, liebe Frau
Schreiber, Sie irgendwie beleidigen zu wollen; doch helfen Sie bitte meinem
Sohn. Wenn ich von ‚bezahlen‘ sprach, so meinte ich damit nicht, daß ich Sie
einfach wie einen Händler abfertige, sondern ich wollte damit nur meine
Bereitschaft zeigen, Ihnen Ihre Mühe und eventuellen Unkosten zu vergüten.“ „Nichts davon
kommt hier in Frage“, lautete die freundliche, aber ernste Antwort. „Wenn ein
Mitmensch krank ist und es liegt in der mir von unserm Herrgott verliehenen
Gabe und Macht, ihm zu helfen, werde ich das ungeachtet aller Mühen als
selbstverständliche Menschenpflicht tun.“ Damit erhob
sich Frau Schreiber und deutete so an, daß sie bereit wäre, mit Frau McCook,
die sich ebenfalls erhoben hatte, zum Kranken zu gehen. Da jedoch vom
Mitgehen bis jetzt nichts direkt gesagt worden war, so war Frau McCook über
das plötzliche Aufstehen von Frau Schreiber etwas erstaunt und dachte, sie
wolle damit andeuten, daß sie den Besuch als erledigt betrachtete. Die
Besucherin blieb daher unentschlossen stehen, da sie ja noch nicht wußte, ob
ihrem Sohn geholfen werden würde oder nicht. Frau Schreiber wiederum konnte
sich das einfache Stehenbleiben der Besucherin im Zimmer auch nicht erklären.
Da fiel ihr plötzlich Geigele ein, das sie nicht gern völlig der Obhut der
beiden nur wenige Jahre älteren Geschwister anvertrauen wollte. Sie bemerkte
daher, wie entschuldigend: „Verzeihen Sie, Frau McCook, Sie haben wohl nichts
dagegen, wenn ich mein jüngstes Kind mitnehme. Es ist ja nicht so sehr weit
zu Ihnen, wenn wir weiter unten über die Bahngeleise gehen.“ „Oh, Sie
wollen mitkommen mit mir, Frau Schreiber!“ kam es da wie eine Erlösung von
Frau McCooks Lippen. „Aber natürlich,
deswegen stand ich ja auf. Ich muß doch den Knaben erst mal sehen.“ Nur zu gern
war die Besucherin nun zum Fortgehen bereit. Sie versicherte, daß sie ganz
und gar nichts gegen das Mitnehmen von Geigele einzuwenden hätte. So hob Frau
Schreiber das Geigele auf den Arm, das ihr Püppchen an sich drückte, und nahm
sie mit. Unterwegs
fiel Frau McCook das primitive Püppchen von Geigele auf, und sie gelobte
sich, wenn ihrem Sohn geholfen würde, ein anderes Püppchen zu kaufen. Geigele
liebte nun aber gerade dieses Püppchen, weil es ihre Mutti für sie aus
Stoffresten gemacht hatte. Die Augen waren zwei schwarze Knöpfe, der Mund und
die Nase waren zwei schwarze Garnlinien, und die Ohren waren zwei angenähte
Fleckchen. Die McCooks
bewohnten ein elegantes 14-Zimmer-Haus, mitten in einem ausgedehnten Garten
gelegen, der von einem eisernen Geländerzaun umgeben war, so, wie man zur
damaligen Zeit die großen Besitztümer zu umzäunen pflegte. Beim Öffnen
der Gartentür kam ihnen ein großer Schäferhund bellend, aber schweifwedelnd
entgegengesprungen. „Sei still,
Pluto“, gebot Frau McCook dem Hund, der immer noch schweifwedelnd die fremden
Besucher umsprang. Geigele, das
keinerlei Angst vor dem großen Hund hatte, schien Pluto gleich ganz besonders
ins Herz geschlossen zu haben, denn er trabte neben Frau Schreiber her und
blickte immer nur zum Geigele hoch. Man begab
sich durch mehrere Zimmer bis in einen saalartigen Vorderraum, wo vor dem
Fenster ein Lehnstuhl stand, in dem ein hübscher, achtjähriger Junge
apathisch vor sich hinstarrend ruhte. Auch als Pluto, der mit hereingekommen
war, seine Hände leckte, änderte der Knabe nicht seine Stellung. Mutter
Schreiber nahm Geigele vom Arm und dem Knaben gegenüber Platz, während Frau
McCook sich neben sie stellte und gespannt auf das wartete, was kommen würde.
Aber es geschah vorläufig nichts. Geigele drückte sich an ihre Mutter und sah
interessiert zu dem Knaben hinauf, während Pluto Geigeles Händchen und
Gesichtchen zu lecken versuchte. Nach längerem
Schweigen bemerkte Mutter Schreiber, sich wie im Halbschlaf an Frau McCook
wendend: „Ihr Sohn
wird geheilt werden.“ Dann schwieg
sie aber plötzlich, obgleich ihr Mund noch halb geöffnet war, als ob sie noch
mehr hätte sagen wollen, doch es kam kein Wort mehr über ihre Lippen. Frau McCook,
so hocherfreut sie über das Gehörte war, konnte das weitere Schweigen nicht
verstehen, zumal sie bemerkt hatte, daß Frau Schreiber anfänglich noch hatte
weitersprechen wollen, dann aber wie auf Kommando schwieg. Sie wartete,
bis Frau Schreiber wieder vollkommen bei sich war und drückte ihr dann
dankbar die Hand mit den Worten: „Vielen innigen Dank für den Trost, den Sie
mir gaben! Sie ahnen ja gar nicht, welche Freude Sie mir bereitet haben.“ Sie schwieg
darauf und hoffte, daß nun Frau Schreiber etwas sagen würde. Als das aber
nicht geschah, setzte sie hinzu: „Können Sie sehen, was wir, d.h. mein lieber
Mann und ich, tun müssen, um unseres Sohnes Zustand zu bessern?“ Doch ehe Frau
Schreiber antworten konnte, bewegte sich der Sohn im Lehnstuhl, war plötzlich
wach und streckte seine Hände nach der Mutter aus, die schnell zu ihm eilte
und ihre Arme um ihn schlang. „Fred, mein
lieber Fred, oh wie freue ich mich!“ jubelte sie, während sie ihren Sohn noch
fester an sich drückte. Dieser bemerkte jetzt Frau Schreiber und sah diese
neugierig an. „Oh, Fred,“
versuchte die Mutter aufzuklären, „diese gute Frau kann in die Zukunft sehen
und hat gesagt, daß alles noch gut mit dir werden würde.“ „Ich weiß das
jetzt auch“, bemerkte zum höchsten Erstaunen der Mutter der Knabe. „Siehe,
ich habe einen merkwürdigen Traum gehabt. Mir träumte, eine Frau — es war die
da“ — wobei er auf Frau Schreiber deutete, „würde ins Haus kommen und noch
jemanden mitbringen, der mir Heilung gibt.“ Nach diesen
Worten richtete sich Fred hoch und sah sich um. Da bemerkte er das sich ganz
an der Mutter Kleid anschmiegende Geigele, sprang auf und schrie: „Da, die
da, das Mädelchen ist es, das mich heilen wird.“ Damit neigte
er sich Geigele zu, die ihm erstaunt, aber furchtlos entgegensah und sich
ruhig von ihm umarmen und küssen ließ, wobei sie wie beglückt lächelte. Frau McCook
und auch Frau Schreiber sahen ruhig, wenn auch etwas erstaunt, dieser
überraschenden Szene zu. Plötzlich
wandte sich Fred bettelnd an seine Mutter: „Kann das Mädelchen hier bleiben,
bei uns?“ Frau McCook
sah Frau Schreiber an, und da sie bei ihr keine zusagende Geste bemerkte, so
antwortete sie dem Fragenden zögernd: „Ich glaube, das wird wohl nicht gehen.
Sieh‘ mal, was würdest du wohl dazu sagen, wenn jetzt jemand Fremder kommen
und sagen würde, ‚Fred, du kommst nun zu uns‘. Würde dir das gefallen?“ „Nein“,
antwortete zögernd und enttäuscht der Gefragte. „Sieh‘, so
will auch das Mädelchen, — ihr Name ist Geigele —‚ bei seiner Mutter bleiben.
Willst du nicht, Geigele?“ Damit beugte
sich Frau McCook zu Geigele nieder, das verlegen den Finger in den Mund
gesteckt hatte, während sie in der andern Hand ihr Püppchen hielt, wobei sie
sich ganz an ihre Mutter anschmiegte. Geigele blieb
stumm, nickte auch nicht. Deswegen ergriff ihre Mutter das Wort: „Warum kann
es nicht so gemacht werden, daß Fred ab und zu uns besucht. Da kann er mit
Geigele spielen.“ „Oder“, fiel
da Frau McCook ein, „warum kann denn Geigele nicht zu uns herüber gebracht
werden und hier im Garten mit Fred spielen? Hier sind die Kinder keinerlei
Gefahren ausgesetzt, und der Hund bewacht sie außerdem.“ „Na,
überlassen wir es der Zeit“, wehrte Mutter Schreiber ab, ohne weder
zuzustimmen noch abzulehnen. Beim
Fortgehen wollte Frau McCook den Scheidenden Gebäck mitgeben, doch auch das
wurde sanft abgewehrt: „Ich verstehe Ihre Gefühle, Frau McCook, doch bitte,
auch keine Geschenke!“ Frau McCook
gab nach; aber da fiel ihr plötzlich noch ein: „Können Sie mir nicht sagen,
was ich tun soll, wenn sich wieder die Anfälle bei Fred einstellen?“ „Zunächst
nichts weiter als innig zu Gott beten. Was später getan werden kann, vermag
ich augenblicklich noch nicht zu sagen.“ III. Von da ab
verging kein Tag, an dem nicht Fred herüberkam, um Geigele zu sehen und mit ihr
und ihrem Bruder Philipp zusammen zu spielen. Öfter brachte er auch seine
eigenen Spielsachen mit. Anfänglich kam die Mutter mit, die sich ruhig ins
Gras setzte und den Kindern zusah, wenn Frau Schreiber nicht zu Hause war.
Manchmal kam auch nur das Hausmädchen von McCooks mit. Nur selten ging Mutter
Schreiber mit Geigele zu McCooks hinüber, wo beide auch von Herrn McCook
freundlichst willkommen geheißen wurden. Doch es war nicht oft der Fall, daß
man McCooks besuchte. Und das hatte seinen Grund, der nur Mutter Schreiber
bekannt war. Was Mutter
Schreiber beim ersten Besuch gesehen, hatte sie für sich behalten, diente ihr
aber als Richtschnur. Sie hatte nämlich gesehen, daß irgendein Zusammenhang
zwischen der seltsamen Krankheit Freds und ihrem Geigele bestanden hatte.
Ferner hatte sie auch gesehen, daß Fred wohl ganz geheilt werden, aber jung
sterben würde, und zwar eines gewaltsamen Todes. Daher ihr Schweigen, denn
die mit ihrer Gabe gleichzeitig stets auftretende innere Eingebung hatte ihr
den Mund verschlossen, der Mutter Freds mehr zu sagen. Das ‚Gesicht‘
bezüglich Freds war leider nicht bis in alle Einzelheiten deutlich gewesen.
Daher war Mutter Schreiber vorsichtig beim Umgang Geigeles mit Fred. Sie
wollte nicht gern ihr eigenes Kind mit ihm zusammen gefährdet haben. Und
bisher hatte sie keine weiteren erklärenden ‚Gesichte‘ bezüglich Fred gehabt.
Soviel ließ sich nur feststellen, daß dieser durch das Spielen und
Zusammensein mit Geigele ganz anders geworden war. Seine Anfälle wurden immer
seltener und traten eigentlich nur auf, wenn er infolge schlechter Witterung
mehrere Tage hindurch nicht mit Geigele hatte zusammensein können. Es war,
als ob vom Geigele eine geheimnisvolle Heilkraft ausströmte. Und
allmählich ging auch mit Geigele eine Veränderung vor sich. Wenn sie längere
Zeit mit Fred nicht zusammen war, büßte das Kindchen an Lebhaftigkeit ein.
Das war es, was Mutter Schreiber ganz besondere Sorgen bereitete. Sie wußte
durch ihre mediale Begabung, daß es Menschen gibt, die andern Menschen
Lebenskraft rauben, ohne es zu wissen. Allerdings schien das zwischen Fred
und Geigele nicht so sehr ein Rauben zu sein, als ein verstärkter gegenseitiger
Lebensstrom-Austausch, der beim längeren Nichtzusammenkommen eben einfach
unterbrochen war. Freds
schneller Heilungsprozeß sprach sich durch die Familie McCook natürlich auch
in den ‚besseren Kreisen‘ von Waterville herum. Die McCooks hatten ja alle
Ärzte nicht nur Watervilles, sondern auch aus der Umgebung wegen des
Zustandes ihres Sohnes befragt, ohne daß nur ein einziger Arzt hätte wirklich
richtigen Aufschluß geben können. Die Gesundung Freds nach dem Besuch von
Mutter Schreiber rief daher um so größere Aufmerksamkeit hervor. Mutter
Schreiber erhielt jetzt auch Besuch von außerhalb, und wurde besonders bei unheilbaren
Krankheiten viel um Rat gefragt. Intuitiv frug sie aber in jedem Falle immer
erst, ob der Patient in ärztlicher Behandlung sei und bei wem. Aus einfachem
Anstands- und Taktgefühl riet Mutter Schreiber dann immer jeder sie um Rat
aufsuchenden Person, den Arzt weiter zu behalten und auch seinem Rat zu
folgen. Sie selbst heilte nur mit Gebet und Handauflegen, und ließ sich von
den Kranken versprechen, nicht mehr bewußt zu sündigen, wenn sie gesund
werden wollten. Die, welche ihr Versprechen ernst nahmen, gesundeten auch,
oft in den schwierigsten Krankheitsfällen. Das erregte schließlich die
Aufmerksamkeit der gesamten Ärzteschaft. Doch da Mutter Schreiber niemals
etwas für ihre Ratschläge an Vergütung forderte, nicht mit Medikamenten
irgendwelcher Art oder gar Patent-Medizinen heilte und auch nie abriet,
weiter zu dem Arzt zu gehen, den ein Patient gerade hatte, so konnte die
Ärzteschaft nichts gegen sie unternehmen oder es ihr verbieten, für Kranke zu
beten, um solche zu heilen. Eines Tages
wurde Vater Schreiber bei der Arbeit aufgefordert, zu seinem Arbeitgeber, dem
Brauer Ronner, ins Privatbüro zu kommen. Der so Ersuchte konnte sich diese
Ehre nicht erklären. „Mein lieber
Herr Schreiber“, begann nach Betreten des Privatbüros der Brauereibesitzer
den verschüchterten Schreiber anzureden. „Ich höre da ja ganz seltsame Dinge
von Ihrer Frau. Sie soll allerhand Kranke heilen können. Stimmt das?“ „Ja, Herr
Ronner“, antwortete Vater Schreiber, verlegen seine Mütze in den Händen
drehend. „Na, dann
sagen Sie Ihrer Frau, sie soll das von nun an sein lassen“, donnerte Ronner
plötzlich den völlig betroffenen Schreiber an, der nur stammelnd fragen
konnte: „Warum denn aber?“ „Warum? Und
da fragen Sie noch? Weil das natürlich Unsinn ist! Kürzlich erst hatte ich
eine Abendgesellschaft, zu der mehrere Ärzte geladen waren, und diese
erzählten mir, daß die Frau eines in meiner Brauerei arbeitenden Angestellten
den Ärzten hier arge Konkurrenz mache. Die Besucher baten mich, etwas dagegen
zu tun. Und ich werde etwas dagegen tun.“ Hierbei schlug Ronner mit der Faust
auf den Tisch! „Sagen Sie Ihrer Frau, sie soll mit dem Mumpitz aufhören und
das Heilen den Ärzten überlassen, die diesen Beruf gelernt haben,
verstanden?“ „Ja, aber
warum denn, warum denn?“ stammelte Vater Schreiber erneut, der das nicht
begreifen konnte. „Warum,
warum? Das ist alles, was ich von Ihnen höre! Mag sein,“ und er mäßigte damit
seine erregte Redeweise, „daß Sie als ehemaliger Farmer nicht wissen, was
Ihre Frau mit ihrem Heil-Blödsinn in Wirklichkeit anstellt. Also erstens, es
gibt kein Heilen durch Gebet! Wenn ich mir den Arm gebrochen habe, so brauche
ich einen Arzt, der mir den Arm zurechtsetzt und kein Gebete murmelndes
‚olles Weib‘! Zweitens haben die Ärzte, die sich irgendwo für ärztliche
Praxis niederlassen, viele Jahre studiert, ehe sie als Ärzte zum Praktizieren
zugelassen werden. Sie wissen also immer, was sie in Krankheitsfällen zu tun
haben. Und drittens hat es viel, oft sehr viel Geld gekostet, ehe sie ihre
ärztlichen Studien beenden konnten, und dann haben sie auch ein Recht, sich
durch ihren Beruf einen Lebensunterhalt zu verdienen. Und diesen nun nimmt
Ihre Frau mit ihrer Gesundbeterei den Ärzten fort! Dämmert‘s jetzt?“ „Meine Frau
sagt doch aber immer allen, sie sollen bei ihren Ärzten bleiben und nimmt
keinem Arzt das Honorar fort, denn sie nimmt niemals etwas für ihre Dienste!
Ich verstehe das ganze nicht.“ „Da muß ich
es Ihnen eben noch klarer machen“, erhob Ronner jetzt wieder seine Stimme.
„Wenn Sie es durchaus nicht begreifen können, dann suchen Sie sich woanders
eine Stellung, und bis Sie eine gefunden haben, werden Sie genug Zeit zum
Nachdenken gefunden haben. Verstehen Sie jetzt? Ihre Frau hört sofort mit
ihrem Gesundbeterei-Blödsinn auf oder aber Sie hören auf, bei mir zu
arbeiten. Das ist alles, und jetzt machen Sie, daß Sie hinaus kommen.“ Vater
Schreiber hatte immer noch nicht alles voll begriffen. Kopfschüttelnd
entfernte er sich und grübelte auf dem Nachhausewege vor sich hin, was er tun
sollte. Jetzt merkte er erst, was es heißt, im Angestelltenverhältnis zu
stehen. Vorher als Farmer hatte er wohl manchmal sehr, sehr schwere Zeiten
durchgemacht, doch er war sein eigener Herr gewesen und hatte sich nichts
gefallen zu lassen brauchen. Nun war alles anders! Als er zu
Hause sein Erlebnis am Abendtisch mitgeteilt hatte, herrschte zuerst
allgemeines Schweigen, und jeder sah nach Mutter Schreiber hin. Nach einer
Weile sagte diese ruhig: „Vater, du gehst morgen zu Ronner und sagst ihm, daß
deine Frau nicht mehr heilen würde.“ „Nein, das tue
ich nicht“, begehrte Vater Schreiber auf. „Du tust niemandem Unrecht, und
außerdem hast du die Gabe zum Heilen von Gott. Und niemand kann uns etwas
verbieten, was uns Gott zu tun beauftragt hat.“ „Du hast
recht, Vater,“ besänftigte Mutter Schreiber; „aber eine innere Stimme sagt
mir, daß es das Beste ist, was ich dir rate. Du gehst morgen zu Ronner und
sagst ihm, daß deine Frau das Heilen aufgibt.“ Die am Tisch
sitzenden Kinder hatten ruhig zugehört. Nun mischte sich der Älteste, Georg,
ein: „Mutter, du brauchst keine Angst haben. Vater bekommt jederzeit eine
Stelle bei der Bahn. Du weißt, McAllister, der Stationsagent, kann mich gut
leiden. Er würde sofort Vater eine Stelle geben.“ „Und ich“, bemerkte
Magdalena, „kann schon irgendwo im Haushalt aushelfen, wenn es sein muß.“ Vater und
Mutter Schreiber sahen sich erfreut an, als die Kinder sich so hilfsbereit
zeigten; doch Mutter Schreiber blieb bei dem, was sie gesagt hatte: „Es ist lieb
von euch, Kinder, daß ihr uns alle helfen wollt, doch Vater geht morgen zu
Herrn Ronner und sagt, was ich ihm mitgeteilt habe. Ich fühle, es ist so das
Beste, und wir brauchen auch noch den Verdienst, denn ihr seid noch nicht
groß genug, um die Last auf euch zu nehmen, auch noch uns Erwachsene
miternähren zu müssen.“ „Übrigens“,
fiel da Georg wieder ins Wort, „habt ihr, Vater und Mutter, etwas dagegen,
wenn ich als Hilfsschaffner mit dem Nachmittag-Güterzug bis nach Corellville
mitfahre und dann von dort noch denselben Abend mit dem hierher kommenden
Güterzug als Hilfsschaffner zurückkehre? Ich kann so die Woche $ 5.00
verdienen und lerne schon alles, was ein Schaffner für einen Schnellzug
wissen muß. Man will mich anlernen.“ Die Eltern
nickten sich lächelnd zu; wußten sie doch, daß es Georgs Herzenswunsch war,
einmal Kondukteur auf dem Schnellzug zu werden. „Wenn du uns
versprichst, stets vorsichtig zu sein, haben wir nichts dagegen“, antwortete
Vater Schreiber, was einen Jubelruf bei Georg auslöste. Des Brauers Ronner
Gesicht glänzte vor gesättigter Zufriedenheit, als ihm am nächsten Morgen
sein Angestellter Schreiber mitteilte, daß seine Frau nicht mehr heilen
würde. „Da ist es also doch möglich, in den Dickschädel eines Farmers
Vernunft zu bringen! Hier, nehmen Sie sich eine Zigarre“, womit Ronner seinem
Arbeiter Schreiber jovial eine seiner besten anbot. Dieser lehnte jedoch zum
höchsten Erstaunen ab mit dem Bemerken: „Der Farmer Dickschädel ist noch
immer derselbe, und wenn ich nicht will, will ich nicht! Doch meine Frau
selbst hat erklärt, daß sie nicht mehr heilen würde. Das ist der Grund; Ihre
angeblichen Vernunftsgründe jedoch waren es nicht!.“ Damit ging Schreiber
stolz erhobenen Hauptes aus dem Privatbüro Ronners. Er hörte nicht mehr, was
dieser ihm wegen seiner Bemerkung noch nachrief. Mutter
Schreiber lehnte von jetzt alle Fälle ab, in denen man sie um Hilfe bei
Krankheitsfällen anging. Sie war taktvoll und sagte nicht den wahren Grund,
sondern gab als Erklärung nur an, daß, sie unerklärlicherweise die Gabe zum
Heilen verloren habe. Der Besuch bei ihr ließ nach. Doch irgendwie — wahrscheinlich
durch die Arbeiter in der Brauerei — mußte es sich herumgesprochen haben, daß
der Brauer Ronner etwas damit zu tun hatte, daß Mutter Schreiber nicht mehr
heilen wolle. So vergingen
Monate, und nichts Besonderes ereignete sich. Fred kam regelmäßig, wenn immer
das Wetter es erlaubte, sein Geigele besuchen, brachte Bilderbücher und
anderes Spielzeug mit, und da meistens der nur zwei Jahre ältere Bruder
Geigeles, Philipp, zu Hause war, so spielten die drei gemeinsam. Nie gab es
Zank oder Streit zwischen den drei Kindern. Geigele und Philipp überließen
Fred gern die Leitung bei allem. Fred hatte
seine Anfälle fast überhaupt nicht mehr. Niemals hatten die Ärzte feststellen
können, was ihm eigentlich gefehlt hatte. Mutter Schreiber ahnte es, sagte
aber nie etwas darüber. Sie glaubte, daß es sich bei Fred um eine Art von
Besessenheit gehandelt hatte, und daß ihr Geigele die Anlage und Gabe hatte,
die oder das Wesen, das zeitweise Besitz von Fred nahm, zu vertreiben. Daher
auch der merkwürdige Lebenskraft-Austausch zwischen den beiden Kindern. Warum
das so war, konnte sich Mutter Schreiber trotz ihres ‚Zweiten Gesichts‘ aber
nicht erklären. Da, an einem
bitterkalten Februarabend, der einen blizzardartigen Schneefall mit sich
brachte, hielt ein Schlitten vor Schreibers Haustür. Auf das kräftige
„Herein“ Vater Schreibers trat ein Besucher in das von einer Petroleumlampe
matt erleuchtete bescheidene Heim und nahm gleich neben dem offenen Feuerherd
Platz, wo mehrere Holzstücke eine angenehme Wärme verbreiteten. „Mein Name
ist Knorr, Dr. Knorr“, stellte er sich vor. „Ich komme aus Corellville trotz
des Hundewetters und wollte Ihre Hilfe, Frau Schreiber, in Anspruch nehmen.
Der Sohn von Richter John ist schwer erkrankt, und ich kann nicht recht
herausfinden, was ihm fehlt; aber er siecht langsam hin, und ich kann nichts
tun. Da hat mich der Vater beauftragt, Sie, Frau Schreiber, um Rat zu fragen.
Er wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie helfen würden.“ „Ich habe
versprochen, nicht mehr zu heilen“, bemerkte ruhig Mutter Schreiber. „So, wem
denn?“ „Brauer
Ronner.“ „Und warum?“ „Er forderte
es und wollte meinen Mann entlassen, wenn ich weiter heilen würde.“ „Ist das so!
Na, das überlassen Sie mal mir und Richter John!“ „Sie täuschen
sich, Herr Doktor. Wenn unsereins sein Wort gibt, hält man es auch!“ „Aber was
soll ich denn dann tun? Was Richter John?“ „Das ist Ihre
Sache! Sie wissen ja, warum ich nicht mehr heile.“ Nach kurzem
Nachdenken antwortete Dr. Knorr, wie vor sich hin hinredend: „Ich verstehe!
Doch sagen Sie mal, liebe Frau Schreiber, würden Sie wieder heilen, wenn
Brauer Ronner Sie von Ihrem Versprechen entbindet?“ Mutter
Schreibers Antlitz verklärte sich förmlich, als sie versicherte: „Gewiß!“ „Gut, dann
komme ich morgen wieder.“ „Wohin wollen
Sie denn jetzt bei dem schlimmen Wetter“, mischte sich Vater Schreiber ein. „Einen
freundschaftlichen Besuch beim Brauer Ronner will ich machen und dabei
gleichzeitig auch bei ihm übernachten. Gute Nacht!“ Und richtig,
am nächsten Mittag kam Dr. Knorr wieder und zeigte Mutter Schreiber einen
Zettel vor, auf dem Brauer Ronner eigenhändig geschrieben hatte, daß er Frau
Schreiber ihres Versprechens entbinde. Nun setzte
sich Mutter Schreiber hin und verfiel in eine Art von Trance. Es gelang ihr
nicht so leicht den Fall des Sohnes des Richters John richtig zu erkennen.
Sie war aus der Übung heraus, weil sie lange nicht mehr geheilt hatte. Doch
plötzlich schien sie Kontakt zu haben: „Sagen Sie dem Vater, Herr Doktor, daß
er sich nicht zu sorgen brauche. Sein Sohn braucht vor allem Ruhe. Er soll
viel Wasser trinken. Aber die Eltern müssen oft gemeinsam für ihren Sohn
beten.“ Dann brach
Mutter Schreiber ab, doch man merkte, daß sie noch etwas hatte zusetzen wollen.
Auch Dr. Knorr bemerkte das und ermutigte dazu mit den Worten: „Immer heraus
mit der Sprache, wenn Sie noch was sagen wollen!“ „Ja, aber der
Richter mag das nicht gern haben.“ „Sie sagen es
ja mir!“ Nach einer
Weile des Zögerns setzte Mutter Schreiber hinzu: „Und sagen Sie dem Herrn
Richter, daß er die Politik aufgeben und sich wieder dem Anwaltsberuf widmen
solle!“ „Warum denn
das? Und was hat denn das mit dem Gesundwerden des Sohnes zu tun?“ „Sehr viel! Der
Richter ist in seinem Amt parteilich. Und das fällt auf seinen Sohn, der
infolge einer besonderen Veranlagung immer für die Sünden seines Vaters
gleich büßen muß.“ „Das
verstehe, wer will“, murmelte Dr. Knorr, etwas enttäuscht über die letzte
Mitteilung, die er für glatten Blödsinn hielt, vor sich hin. Er bedankte sich
jedoch höflich, fragte, was er schuldig sei, und bedankte sich nochmals, als
er erfuhr, daß man kein Geld annehmen wolle. Da es Richter
John nicht einfiel, die Politik aufzugeben, so half auch Mutter Schreibers
Ratschlag nicht viel. Drei Monate später starb der Sohn von Richter John.
Kein Arzt hatte ihm helfen können. In seinem
Schmerz suchte Richter John nach einem Schuldigen für den schweren Verlust,
den er durch den Tod seines Sohnes erlitten hatte, und schrieb an Brauer
Ronner, daß er glaube, er hätte damals sehr weise gehandelt, als er der Frau
seines Angestellten das Heilen verboten hatte. Das war Wasser auf die Mühle
des Brauers. Er erkundigte sich, ob Mutter Schreiber weiter heile, und als er
erfuhr, daß das geschehe, seit er den Brief dem Dr. Knorr gegeben hatte, ließ
er erneut Vater Schreiber zu sich ins Büro kommen und eröffnete ihm: „Herr
Schreiber, Ihre Frau heilt weiter und kümmert sich nicht um ihr gegebenes
Wort. Sie sind entlassen!“ „Aber, Herr
Ronner“, stammelte Vater Schreiber ganz erschrocken, „Sie haben es doch sogar
schriftlich erlaubt, daß meine Frau wieder heilen könne.“ „Nichts
dergleichen! Die Erlaubnis galt nur für den Fall John. Und wie Sie ja selbst
wissen, hat das Heilen Ihrer Frau dort nichts geholfen. Da sie trotzdem weiterheilt,
so haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Lassen Sie sich auszahlen,
was Sie zu bekommen haben, und dann lassen Sie sich hier nicht mehr sehen.“ Vater
Schreiber tat, wie ihm geheißen. Auf dem
Nachhausewege ging er wie betäubt die Straße entlang. Mit seinem Kummer
beschäftigt, sah er nicht Herrn McCook vorbeigehen, bis dieser ihn ansprach:
„Nanu, Vater Schreiber, was ist denn mit Ihnen los?“ Der Gefragte
schilderte sein Mißgeschick. Herr McCook
hörte Vater Schreiber ruhig an und sagte dann tröstend: „Vielleicht ist das
zum Besten für Sie. Wären Sie bereit, für mich zu arbeiten?“ “Aber gewiß“,
jubelte Vater Schreiber auf. „Nun, dann
vergessen Sie nur Ihren Kummer. Nächsten Montag können Sie unten an der Levee
des Flusses anfangen, Schiffe auszuladen. Ich gebe Ihnen noch etwas mehr als
Sie in der Brauerei hatten. Zufrieden?“ „Und ob.“ Freudig
schlug er zustimmend in die dargebotene Hand von Herrn McCook. Leicht
beschwingten Herzens machte sich Vater Schreiber auf den Heimweg. Da sah er
von fern seine Frau auf ihn zueilen, lebhaft mit den Armen wie abwehrend
winkend. Er dachte, sie habe vielleicht auch schon die frohe Nachricht von
seiner neuen Stelle gehört, und winkte freudig zurück. Als er dabei ein nach
der Brauerei abbiegendes Seitengeleis überschritt, kam gerade ein Güterwagen
leise angerollt, dessen Kupplung gerissen war, erfaßte Vater Schreiber, warf
ihn aufs Geleis nieder und zermalmte ihn. Ohne einen Laut ausgestoßen zu haben,
ging Vater Schreiber hinüber in die Ewigkeit. IV. Mutter
Schreiber war ihrem Mann entgegengeeilt, weil sie von einer furchtbaren
inneren Angst getrieben worden war. Sie hatte das Gefühl, ihm drohe eine
große Gefahr. Sie wußte nicht, welcher Art die Gefahr sein könne, und hatte
deswegen, als sie ihren Mann fröhlich die Straße heraufkommen sah, das instinktive
Gefühl gehabt, daß er stehen bleiben solle, bis sie bei ihm sein könnte. Ihr
Mann hatte das Winken aber nicht verstanden und war dadurch sogar von der
unmittelbaren Umgebung abgelenkt worden, so daß er sich beim Kreuzen der
Schienen nach den Industrieanlagen nicht umgesehen hatte, wie er es sonst
stets tat. Mutter
Schreiber brach an der Leiche zusammen und mußte in der Ambulanz nach Hause
gebracht werden. Die Leiche von Vater Schreiber wurde zum Leichenbestatter
geschafft. Frau McCook eilte gleich, als sie von dem Unglück hörte, zu
Schreibers und nahm Geigele und Philipp in ihr Heim, wo diese durch Spielen
mit Fred bald von dem Geschehnis abgelenkt wurden. Frau Schreiber brauchte
jedoch Pflege. Frau McCook ließ deswegen eine Krankenschwester kommen,
während Magdalena und Margarete den Haushalt besorgten. Am Tag der
Beisetzung hatte sich Mutter Schreiber wieder so weit erholt, daß sie an der
Trauerfeier beim Leichenbestatter teilnehmen konnte. Pastor Knecht von der
deutsch-evangelischen Kirche hielt die Trauerrede. Dann wurde die Leiche nach
dem Friedhof zur Beisetzung hinausgefahren. Mutter Schreiber war noch zu
schwach, um mitzufahren. So nahmen an der kurzen Feier auf dem Friedhof nur
die vier ältesten Kinder: Georg, Joseph, Magdalena, Margarete, ferner Herr
McCook und frühere Kollegen des Verstorbenen aus der Brauerei teil. Nun begann
eine ernste Zeit für Mutter Schreiber und die Kinder, obgleich ihnen manche
Hilfe zuteil wurde. So konnte Magdalena im Haushalt von Familie McCook
helfen; Margarete besorgte Ablieferungsgänge für den Grocer an der Ecke an
dessen Kundschaft; Joseph verkaufte Zeitungen, und Georg arbeitete an der
Eisenbahn. Die Kinder brachten ihre Verdienste nach Hause. Mutter Schreiber
nahm davon nur das Allernötigste für den Haushalt. Den Rest legte sie
heimlich und ohne Wissen der Kinder in Sparguthaben für jedes einzelne an,
das verdiente. Es waren nur immer kleine Einzahlungen, die gemacht werden
konnten, ergaben aber mit der Zeit doch Spargroschen. Mutter Schreiber selbst
ging täglich als Waschfrau aus und verdiente den Hauptlebensunterhalt für die
Familie. Geigele und Philipp verbrachten deswegen die meiste Zeit im Heim von
McCook zur Freude von Fred, der von seinem Leiden ganz geheilt zu sein schien
und ein wundervoller Spielkamerad für die beiden Schreiber-Kinder war. Erst
spät am Nachmittag, wenn Mutter Schreiber von der Arbeit heimgekommen war,
holte sie sich ihre Kinder wieder. Da Mutter Schreiber von fast überall her,
wo sie den Tag über gerade gearbeitet hatte, Lebensmittel nach Hause mitbekam
— Fleischwaren und Gemüse waren zur damaligen Zeit in kleineren Ortschaften
im Mittelwesten spottbillig — so blieb der Familie wirkliche Not erspart. Die schönsten
Stunden für Mutter Schreiber waren die Abendstunden, wenn sie mit Geigele und
Philipp zusammen auf der Schwelle vor ihrem kleinen Häuschen saß und sich den
beiden Jüngsten widmen konnte. Und die hatten meistens gar viel zu erzählen,
was sie am Tag alles mit Fred erlebt und von diesem gelernt hatten. Besonders
Philipp, ein kräftiger, sonst aber stiller und etwas schwerfällig veranlagter
Junge, sah in Fred beinahe einen kleinen Gott und verehrte ihn auch wie einen
solchen. Geigele dagegen liebte Fred so, wie eben Kinder einander
liebgewinnen. Konnte sie aber einmal für einen oder gar zwei Tage mit Fred
nicht zusammen sein, so weinte Geigele, wurde traurig und konnte nicht recht
essen. Ebenso erging es jedoch auch Fred. Er vermißte Geigele ebenfalls sehr.
Sah er sie nicht täglich, so kam es ihm so vor, als ob ihn eine Krankheit
beschleichen würde. Drei Jahre
gingen so dahin. Die Kinder wurden größer und selbständiger. Georg, der
Älteste, war jetzt 18 Jahre alt, bereits als Hilfsschaffner auf Personenzügen
angestellt und konnte so seiner Mutter mit seinem Verdienst gut aushelfen. Er
wußte nicht, daß der größte Teil davon immer weiter in sein Sparkonto ging.
Magdalena war zwar immer noch in Stellung bei McCooks, doch waren diese nicht
mehr recht zufrieden mit ihr, da sie manchmal sehr schnippisch war und
naseweise Bemerkungen machte. Sie wurde zwar freundlich zurechtgewiesen, doch
das half nicht viel, so daß Frau McCook schließlich, so leid ihr das tat,
Mutter Schreiber davon in Kenntnis setzen mußte. Das machte Magdalena aber
nur noch störrischer, und sie drohte Frau McCook, wenn diese ihr wieder mal
was sagte, einfach: „Sie werden es noch so weit treiben, daß ich fortlaufe,
aber dorthin, wo mich dann niemand findet. Und daran sind Sie schuld, Frau
McCook!“ Kurz, es war
mit Magdalena einfach nichts anzufangen. Auch Mutter Schreibers Mahnungen
nutzten nichts. Im Gegenteil prahlte Magdalena dann nur, daß sie genug vom
Haushaltführen und Kochen verstehe, um auch irgendwo anders eine Stelle in
einem Haushalt ausfüllen zu können. Wenn sie gefragt wurde, wo, antwortete
sie schnippisch: „Da gibt es noch andere Städte als gerade Waterville, z.B.
Correllville und dann St. Paul oder Milwaukee oder Davenport oder Chicago.“ Bemerkte Mutter
Schreiber dazu, daß sie, Magdalena, doch noch nicht einmal ganz 14 Jahre sei,
wurde nur erwidert: „Was macht denn das? Ich bin groß und stark. Wenn ich mir
lange Kleider anziehe, merkt niemand, wie alt ich bin.“ „Woher willst
du das Geld für Kleider nehmen?“ „Das lasse
nur meine Sorgen sein“, lächelte auf solche Bemerkung hin verschmitzt
Magdalena. Margarete und
Philipp gingen zur Schule und waren ruhige und gesittete Kinder. Nur der
Zweitälteste, Joseph, der jetzt 16 Jahre alt war, schien ganz und gar aus der
Art zu schlagen. Er fühlte sich merkwürdigerweise auch am meisten zu der
schnippischen Magdalena hingezogen. Joseph arbeitete jetzt bei der Zeitung,
die er nach Vaters Tod auszutragen begonnen hatte, als „All Around Man“, d.h.
als Office-Junge, Laufbursche und gelegentlicher Helfer beim Abladen von
Papier und bei Reparaturarbeiten. Sein bester Freund war noch immer Rudi, von
dem man nicht recht wußte, was er trieb. Von Zeit zu Zeit verschwand er aus
Waterville, manchmal auf Wochen. Dann, wenn er wiederkam, verbrachte er die
meiste Zeit in Kneipen und hatte vor allem immer Geld und ging auch anständig
gekleidet. Er wohnte mit seinem Vater zusammen, der immer noch trank und in
einem schäbig aussehenden und halb verfallenen Haus dahinvegetierte. Wann
immer Rudi in der Stadt war, kam auch Joseph spät — manchmal sogar angetrunken
— nach Hause. Alles Mahnen von Mutter Schreiber half nichts. Sie konnte so
halt nichts weiter tun als nur immer wieder und wieder mahnen und für
Magdalena und Joseph beten, die darüber aber nur lächelten. Eines Abends
im Herbst, als Mutter Schreiber vom Wäschewaschen nach Hause kam, fand sie
dort außer Geigele und Philipp auch Frau McCook vor, die auf sie zu warten
schien. Die Kinder waren schon das ganze letzte Jahr hindurch allein nach
Hause gekommen. Mutter
Schreiber ahnte irgend etwas Unangenehmes, und ihre Ahnung war auch richtig. „Es tut mir
so leid, liebe Frau Schreiber, Ihnen diesen Schmerz bereiten zu müssen“,
begann Frau McCook, „aber Ihre Tochter Magdalena ist seit gestern abend nicht
nach Hause gekommen. Ich wollte erst mit Ihnen sprechen, ehe ich die Polizei
vom Verschwinden in Kenntnis setze.“ „Haben Sie
eine Ahnung, wo Magdalena sein kann?“ fragte gefaßter als Frau McCook
erwartet hatte, Frau Schreiber zurück. „Nein. Nur
war mir die letzten Tage aufgefallen, daß sich Magdalena geradezu betont
frech aufgespielt hatte, und als ich sie einmal verwies, antwortete sie mir:
‚In kurzem können Sie sich Ihre Arbeit allein machen‘, eine Bemerkung, die
mich stutzig machte und der ich durch weiteres Fragen auf den Grund zu kommen
versuchte, doch leider vergeblich. Mir scheint es, als ob sie da schon
irgendeinen Plan für das Fortgehen gehabt hatte.“ „Fehlt Ihnen
etwas an Geld oder Sachen?“ fragte Mutter Schreiber besorgt. „Wenn so, lassen
Sie es mich wissen, denn ich ersetze Ihnen alles. Sie haben wirklich nur
Gutes an uns getan und sollen keinen Schaden erleiden.“ „Nein, aus
meinem Haushalt ist nichts entwendet worden, weder Geld noch Sachen, soweit
ich es wenigstens weiß. Und sollte etwas fehlen, Frau Schreiber, machen Sie
sich deswegen nur keine Sorgen. Wir werden nicht verarmen. Allerdings kann
ich nachfühlen, wie Sie empfinden mögen. Soll ich die Polizei in Kenntnis
setzen?“ „Nein, liebe
Frau McCook, bitte noch nicht. Ich habe das Gefühl, daß ich von Magdalena
bald hören werde.“ „Nun, wie Sie
wünschen. Ich hoffe nur, Ihre Ahnung ist richtig, denn wenn Magdalena
irgendwie verschleppt sein sollte, dann wäre jede Minute kostbar.“ Mutter
Schreiber erschrak bei dieser Bemerkung. Ein solcher Gedanke war ihr noch nie
gekommen. Doch sie blieb trotzdem dabei, die Polizei noch nicht zu
benachrichtigen, da sie bestimmt fühlte, daß sie bald Näheres von Magdalena
erfahren würde. Und Mutter
Schreiber behielt auch recht. Nach zwei Tagen empfing sie einen Brief von
Magdalena aus Chicago, worin diese ihr mitteilte, daß sie dort eine Stellung
in einem Haushalt angetreten hätte und ‚besser ab sei als bei den hochnäsigen
McCooks‘. Der Brief enthielt aber keine sonstige Aufklärung, woher Magdalena
das Reisegeld erhalten haben konnte. Mutter Schreiber schrieb zurück und bat
Magdalena, doch zurückzukommen, sie brauche ja nicht mehr zu McCooks zu
gehen. Wenn sie Geld brauche, so solle sie schreiben. Damit teilte Mutter
Schreiber zum ersten Male Magdalena etwas von dem für sie angelegten
Sparkonto mit. Dieser Brief wurde schnell von Magdalena beantwortet. Sie
blieb dabei, daß sie nicht zurückkehren würde und ersuchte ihre Mutter in
fast befehlerischem Tone — ohne ein Wort des Dankes für das angelegte Sparbuch,
— ihr doch sofort den gesparten Betrag zuzusenden, da sie ihn gut gebrauchen
könne, u.a. zum Abzahlen einer kleinen Schuld. Es blieb
längere Zeit ein Rätsel, woher Magdalena das Reisegeld gehabt haben konnte,
da sie ihren Verdienst bei McCooks immer prompt an ihre Mutter abgeliefert
hatte. Doch das Geheimnis klärte sich auf, als einige Wochen später auch
Joseph verschwand und dann später ebenfalls aus Chicago schrieb, daß er das
‚Nest‘ Waterville bis zum Erbrechen satt hätte und mit Rudi zusammen nach Chicago
übergesiedelt sei. Anscheinend hatte Rudi — wie jetzt Joseph — vorher auch
Magdalena mit Geld ausgeholfen. Joseph schrieb nicht, was er in Chicago
arbeite oder mache. Da sowohl von Magdalena wie auch von Joseph dann weiter
keine Briefe mehr kamen, so mußte Mutter Schreiber eben beide ihrem
selbstgewählten Schicksal überlassen. Später berichtete einmal Georg, der Älteste,
als er regelrechter Schaffner auf Durchgangszügen zwischen den
Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis und Chicago war, daß er einmal in Chicago
beim Schichtwechsel länger als sonst Zeit hatte und beim Schlendern durch die
Stadt zufällig Joseph und Rudi in einer Kneipe getroffen hätte. Beide seien
gut gekleidet gewesen. Man habe aber nicht mehr als ein paar Worte
gewechselt, und Joseph habe Grüße an ‚Ma‘ und ‚die andern‘ mitgegeben. Ab und zu
erhielt Mutter Schreiber abends noch Besuche von solchen, die gern beraten
sein wollten über die allerverschiedensten Dinge. Obgleich Brauer Ronner ihr
das Beten für Kranke nicht mehr verbieten konnte, seit ihr Mann tot war und
nicht mehr bei ihm arbeitete, so blieb Mutter Schreiber aber doch wie bisher
korrekt und mahnte weiter, wie früher, in Krankheitsfällen stets auch einen
Arzt zurate zu ziehen und diesen auch zu behalten, wenn man schon einen hatte. Unter den
Besuchern stellte sich einmal eine Frau ein, deren Mann Kirchenältester in
der Gemeinde von Pastor Knecht war, der beim Begräbnis von Vater Schreiber
die Trauerrede gehalten hatte. Dieser Kirchenälteste Major hatte einen Sohn
Karl von 15 Jahren, in dessen Gegenwart sich im Elternhaus immer die
merkwürdigsten Dinge ereigneten, die niemals vorkamen, wenn Karl nicht da
war. Und das Allermerkwürdigste dabei war, daß Karl über alle die seltsamen
Vorkommnisse weder erschreckt noch erstaunt war. Sie ließen ihn völlig
gleichgültig. Da sich diese Verhältnisse ständig verschlimmerten anstatt zu
bessern schienen, so sandte jetzt Maier seine Frau, um herauszufinden, ob
vielleicht Frau Schreiber etwas dagegen tun könne. Mutter
Schreiber hörte Frau Maier ruhig an. Sie hatte aber, als sie zuhörte, das
Gefühl, daß sie größte Vorsicht üben müßte, weil sie sonst Unannehmlichkeiten
haben könne. Als Frau
Maier geendet hatte und nun Mutter Schreiber fragend ansah, blieb diese erst
eine Weile, wie überlegend, still und fragte dann die Besucherin: „Was sagt
denn der Herr Pastor dazu?“ „Dem haben
wir noch nichts gesagt. Wir fürchten, ausgelacht zu werden, wenn es sich in
seiner Gemeinde herumspricht, daß es bei uns angeblich ‚nicht mit rechten
Dingen‘ zugehe.“ „Sprechen Sie
erst mit Ihrem Herrn Pastor“, bestand Mutter Schreiber, “eher kann ich in
dieser Angelegenheit nichts tun.“ Alles Bitten
von Frau Maier half nichts. Mutter Schreiber blieb fest. Sie wußte selbst
nicht warum; doch es war, als ob eine innere Stimme sie warnte. Am nächsten
Abend kam Herr Maier persönlich und versuchte, Mutter Schreiber umzustimmen,
freilich ebenfalls vergeblich. Nun wandte
sich Herr Maier, der mit Herrn McCook in geschäftlicher Verbindung stand, an
diesen, da er wußte, daß dessen Sohn durch Mutter Schreiber geheilt worden
war. Er kam daher
am darauffolgenden Tage nochmals wieder, diesmal in Begleitung von Herrn
McCook, der über Mutter Schreibers Weigerung sein Erstaunen aussprach und ihr
Verhalten nicht begreifen konnte. „Frau
Schreiber“, so bemerkte er, „Sie haben doch Fred so wunderbar geholfen; warum
können Sie denn da für Maier nichts tun?“ „Ich weiß
nicht, Herr McCook“, antwortete die Angeredete freundlich, denn sie wußte ja,
daß dieser es wirklich nur gut meinte, „hier liegen aber ganz andere
Verhältnisse vor.“ „Inwiefern?“ „Das kann ich
leider nicht sagen; doch ich fühle es.“ „Sieht Ihr
Gefühl irgendeine Gefahr für jemanden?“ „Ich weiß
nicht“, entgegnete Mutter Schreiber zögernd. „Es mutet mich alles so seltsam
an. Es ist mir, als ob ich mich auf ein ganz fremdes Gebiet begehe und dort
Gefahren irgendwelcher Art lauern, wovon ich noch keine Ahnung habe!“ „Beruhigen
Sie sich, Frau Schreiber“, tröstete Herr McCook; „die Verantwortung übernehme
ich und werde stets für Sie eintreten. Ich würde mich freuen, wenn Sie meinem
Freund Maier helfen würden.“ Das gab den
Ausschlag. Mutter Schreiber versprach, am nächsten Abend Maiers zu besuchen. Am Abend des
Besuches von Herrn Maier und Herrn McCook hatte sich aber in Maiers Heim
während dessen Abwesenheit etwas ereignet, was die merkwürdigen Vorkommnisse
in des Kirchenältesten Hause plötzlich stadtbekannt machte. Pastor Knecht
war bei seinem Abendspaziergang ganz unvermittelt auf den Gedanken gekommen,
den Kirchenältesten Maier wegen einer Gemeindeangelegenheit aufzusuchen. Als
er an Maiers Tür anklopfte und niemand öffnete, trat er ins Haus und ging, da
er in den vorderen beiden Räumen niemand fand, durch diese hindurch bis in
die Küche, wo sich ihm ein einfach phantastisches Bild bot. Am Tisch saßen
Karl und seine Mutter. Letztere starrte angsterfüllt nach einer Treppe im
Hintergrund, die nach dem oberen Stockwerk führte. Von dort kam ein schmaler
Tisch scheinbar her untergeschwebt. Jedenfalls sah Pastor Knecht niemanden,
der den Tisch trug. Schließlich landete dieser wohlbehalten vor dem Treppenaufgang. Pastor
Knecht, der glaubte, daß es sich hier vielleicht um einen
Dummen-Jungen-Streich von Karl handelte, obgleich dieser wie geistesabwesend
vor sich in ein Buch starrte, trat nun lachend vorwärts mit dem Bemerken: „Na, was wird
hier gespielt, etwa: ‚Im Hause spukt‘s‘?“ Kaum hatte
Pastor Knecht das ausgesprochen, als ihm eine geschälte Kartoffel vom
Küchentisch her, wo eine Schüssel mit geschälten Kartoffeln stand, an den
Kopf flog. „Nanu. Das
ist genug! Laßt jetzt mal den Scherz sein“, gebot entrüstet der Seelsorger,
der noch immer an irgendwelche Dumme-Jungen-Streiche dachte. Statt aller
Antwort flog ihm aber noch eine Kartoffel an den Kopf. Unwillkürlich
trat der Getroffene in die Tür zum Wohnzimmer, deren Schwelle er gerade
überschritten hatte. Nun konnte er die ganze Situation genau überblicken.
Alles blieb aber ruhig. Karl starrte weiter in das vor ihm liegende Buch, und
Frau Maier drohte, einen Ohnmachtsanfall zu haben. Schnell sprang Pastor
Knecht hinzu, legte den Arm von Frau Maier um seinen Hals, führte sie ins
Wohnzimmer und setzte sie auf einen Sessel. Sie wollte und wollte aber nicht
recht zu sich kommen, obgleich Pastor Knecht ihre Hände klopfte, ihren Kopf
aufrichtete und auf sie einsprach. Als alles nichts half, ging der Seelsorger
erneut in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Karl stierte immer noch vor
sich hin. Der Pastor holte sich ein Glas aus dem Küchenschrank und ging zur
Wasserleitung. Gerade wollte er das Glas unter den Wasserhahn halten, als es
ihm wie von unsichtbaren Händen fortgenommen wurde. Das Glas selbst schwebte
nach dem Küchentisch und stellte sich dort wie von selbst hin. Pastor Knecht
war sprachlos. Es wurde ihm plötzlich seltsam unbehaglich zumute. Er wußte
nicht, was er tun sollte. Da klopfte es zum Glück an die Tür. Er ging, um zu
öffnen. Er hoffte, Herr Maier käme heim. Statt dessen kam aber eine Nachbarin
und fragte nach Frau Maier. Als sie diese wie ohnmächtig auf dem Stuhl sitzen
sah, blickte sie erst erstaunt auf den Geistlichen, der ihr aber durch eine
Handbewegung andeutete, daß sie ruhig zu Frau Maier gehen könne. „Ich bin
gerade hier vorbeigekommen“, klärte Pastor Knecht die Nachbarin auf, „als ich
Frau Maier wie halb ohnmächtig am Küchentisch sitzen sah. Ich brachte sie
hier herein und wollte gerade ein Glas Wasser holen, als Sie klopften.“ Er verschwieg
wohlweißlich das Vorkommnis in der Küche mit dem Aus-der-Hand-nehmen des
Wasserglases. Die Nachbarin
bemühte sich um Frau Maier, die nun auch aus der Ohnmacht erwachte. Sie rieb
sich verlegen die Augen und, des Herrn Pastors ansichtig geworden, sprang sie
auf, strich sich die Frisur zurecht und bedeutete ihm, Platz zu nehmen mit
dem Bemerken: „Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Herr Pastor?“
wobei sie zur Küchentür schritt, einen Blick in die Küche warf und dann die
Tür schloß. „Oh, ich kam
nur hier vorbei und wollte Ihren Mann mal sprechen. Ich komme später wieder,
wenn er zu Hause ist.“ Damit ergriff
der Pastor seinen Hut, verabschiedete sich schnell von Frau Maier und der
Nachbarin und war innerlich froh und atmete auf, daß er auf so unauffällige
Weise aus dem Hause kommen konnte. Freilich vermochte er sich nichts von dem
eben Erlebten zu erklären. Er hoffte nur, daß man ihn deswegen nicht befragen
und daß sich noch alles zufriedenstellend aufklären würde. Er wollte Herrn
Maier um genaue Auskunft ersuchen. Die
Nachbarin, der das auffällige schnelle Schließen der Küchentür von Frau Maier
aufgefallen war, ließ sich aber nicht so schnell abfertigen. Sie bestand
durchaus darauf, daß Frau Maier ein Glas Wasser trinken sollte, was diese
jedoch abwehrte. Da rief von der Küche her Karl: „Mutter, komme schnell!“ Ohne im
Augenblick an die Nachbarin zu denken, öffnete Frau Maier die Küchentür, und
da bot sich den beiden Frauen ein seltsames Schauspiel. Karl saß immer noch
am Küchentisch; doch dieser sowohl wie der Stuhl, auf dem Karl saß, schienen
mindestens zwei Fuß über dem Boden zu schweben. Bei diesem
Anblick schrie die Nachbarin auf, rannte wie besessen auf die Straße und
schrie hysterisch laut heraus: „Bei Kirchenrat Maier spukt‘s!“ Die Passanten
sahen der Dahineilenden und Schreienden lachend nach, bis sie an der
Straßenecke im Laden verschwand. Warum sie gerade dorthin gelaufen war,
konnte sie sich später selbst nicht erklären. Als sie in den Laden stürzte,
erregte sie bei den Kunden natürlich allgemeines Aufsehen. Erschöpft setzte
sie sich auf einen Mehlsack. Sofort war sie von Kunden im Laden umgeben, die
auf sie einredeten, doch mitzuteilen, was nun eigentlich los sei. „Bei Maiers
spukt‘s!“ war alles, was sie herauszubringen vermochte. Die
Anwesenden sahen sich verständnislos und kopfschüttelnd an. Nach einer
Weile hatte sich die Nachbarin von Maiers erholt und erzählte nun haarklein
ihr seltsames Erlebnis. Dabei bemerkte sie, daß gerade Pastor Knecht bei
Maiers gewesen sei, als sie in das Haus gekommen wäre. „Und was sagt
Pastor Knecht zu dem allen?“ fragte einer der Herumstehenden. „Ich weiß
nicht“, antwortete zögernd die Gefragte wahrheitsgetreu. „Er ging bald,
nachdem ich gekommen war. Und was ich gesehen habe, ereignete sich erst nach
Fortgang des Herrn Pastors.“ „Na, da
wollen wir doch gleich mal zu ihm gehen“, bemerkte ein anderer. Sofort machte
sich eine Gruppe auf, um Pastor Knecht zu befragen. Dieser war aber angeblich
nicht daheim, und so mußten die Nachfragenden unverrichteter Sache wieder
abziehen. Das
Spukerlebnis der Nachbarin von Maier sprach sich wie ein Lauffeuer erst in
der Nachbarschaft und später in der ganzen Stadt herum. Der heimkehrende
Kirchenrat Maier hörte unterwegs davon und hielt es deswegen nicht für
angebracht, von vorn sein Haus zu betreten, das von Menschen umlagert war. Er
ging deswegen durch eine Seitengasse und trat dann durch die Küchentür ins
Haus. In der finsteren Küche wurde er beim Betreten von seiner Frau
angeredet: „Bist du es, Wilhelm?“ „Ja, was ist
denn nun bloß los?“ „Karl hatte
wieder einen seiner Anfälle, als zuerst Pastor Knecht und später noch die Nachbarin
Lehmann zu uns kamen. Die Lehmann hat nun gesehen, wie Karl mitsamt dem
Küchentisch in der Luft schwebte. Sie lief erschreckt davon und hat jetzt die
ganze Nachbarschaft alarmiert. Ich dachte, das Beste ist, nicht das Licht
anzuzünden und zu tun, als ob wir nicht zu Hause seien.“ „Das hast du
gut gemacht. Doch wo ist Karl?“ „Hier“, kam
es von der Ecke zurück. „Sieh, Karl,
das haben wir nun dir zu verdanken!“ bemerkte halb vorwurfsvoll der Vater. „Ich weiß,
Vater, doch ich kann ja nichts dafür“, kam es weinend zurück. „Plötzlich
kommt es halt über mich, und dann weiß ich nicht mehr, was um mich herum vor
sich geht.“ Es trat eine
Pause im Gespräch ein, während der man Karl leise schluchzen hörte. „Warst du bei
der Schreibern?“ fragte Frau Maier ihren Mann. „Was hat sie gesagt? Wird sie
morgen kommen?“ „Sie wollte
anfangs nicht; doch Herr McCook hat sie schließlich überredet, daß sie morgen
Abend kommen wird. Ob sie freilich jetzt kommen wird, wo die ganze Stadt
weiß, was in unserm Hause vorgeht, bezweifle ich.“ „Laßt uns das
Beste hoffen“, seufzte kleinlaut Frau Maier. Während die
Maiersche Familie sich leise nach oben in ihre Schlafzimmer begab, standen
noch lange Zeit Gruppen auf der Straße vor dem Haus. Als dieses jedoch
finster blieb und sich nichts mehr weiter ereignete, zerstreuten sich die
Gruppen allmählich. Die Erzählung
der Nachbarin Lehmann war auch zu Ohren des Schriftleiters der Lokalzeitung
‚The Recorder‘ gekommen, der gleichzeitig der lokale Vertreter einer der
großen Depeschen-Agenturen des Landes war. So kam es, daß am nächsten Morgen
in allen großen Zeitungen der ‚Spuk von Waterville‘ ausführlich beschrieben
und zum Teil lächerlich gemacht war. ‚The Recorder‘ selbst erschien erst am
Nachmittag. Da Mutter
Schreiber an diesem Tage gerade keine Arbeit als Waschfrau hatte, so war sie
seit dem Abend vorher nicht mehr aus dem Haus gewesen, bis sie sich dann am
späten Nachmittag, wie versprochen, zur Wohnung von Kirchenrat Maier begab,
Geigele an der Hand mit sich führend. Sie hatte bisher weder etwas gehört
noch gelesen von den Spukerscheinungen bei Maiers vom Abend vorher. Sie war
daher sehr erstaunt, als sie vor dem Haus des Kirchenrats eine Menge Menschen
sah. Auf ihre Frage wurde ihr gesagt, daß ‚es dort bei Maiers spuke!“ Doch
statt deswegen umzudrehen, drängte sich Mutter Schreiber mit Geigele an der
Hand entschlossen durch die Menschenmenge und klopfte bei Maiers an. Als Frau
Maier öffnete, um Mutter Schreiber und ihr Kind einzulassen, versuchten auch
noch andere einzudringen, was aber verhindert werden konnte. „Liebe Frau
Schreiber“, begrüßte Frau Maier die Besucherin und drückte ihr hocherfreut
beide Hände, „Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Unser Karl scheint wieder
einen Anfall zu bekommen.“ Mutter
Schreiber ließ Geigeles Hand los und begab sich mit Frau Maier in die Küche,
wo — diesmal aber nicht vor dem Küchentisch — der Sohn Karl abermals wie
abwesend auf einem der Küchenstühle zusammengesunken und apathisch dasaß.
Beim Eintritt der beiden Frauen - Herr Maier stand fassungslos in der Ecke, — wurden Kohlenstücke aus dem
Kohleneimer vor dem Ofen geworfen, ohne daß jedoch jemand getroffen wurde.
Man sah die Kohlenstücke aus dem Kohleneimer hochgehen — als ob sie von
unsichtbarer Hand gehoben würden — und dann einfach durch die Luft fliegen,
um sich später in Nichts aufzulösen. Auch zwei Tassen und Untertassen tanzten
auf dem Küchentisch herum. Im Beobachten der Vorgänge versunken, hörten weder
die Maiers noch Mutter Schreiber, daß vorn an der Tür geklopft wurde.
Geigele, die, nachdem die Mutter ihre Hand freigelassen hatte, im
Vorderzimmer geblieben war, wo sie auf einem Stuhl ein Bilderalbum entdeckt
hatte, in das sie sich vertiefte, hörte aber das Klopfen, öffnete als artiges
Kind die Tür und lief dann zum Album zurück, ohne darauf zu achten, wer
geklopft hatte, ins Zimmer getreten war und schnell die Tür hinter sich
wieder zuzog, um niemanden andern hereinzulassen. Als der Neuankömmling durch die geöffnete Küchentür
dort Menschen stehen sah, ging er ebenfalls in die Küche. Sein Kommen wurde
jedoch nicht bemerkt, da gerade wieder Kohlenstücke flogen. Der Neukommende war der Berichterstatter
einer Chicagoer Zeitung, der von dieser als Sonderberichterstatter nach
Waterville geschickt worden war. Als er nun die Kohlenstücke fliegen sah, mußte
er laut auflachen. Fast im gleichen Augenblick schrie er aber auf, denn ein
Kohlenstück war ihm an den Kopf geflogen und hatte eine ziemliche Beule und
einen schwarzen Fleck von der Kohle hinterlassen. Auf das Aufschreien hin drehten sich Herr
und Frau Maier sowie Mutter Schreiber erstaunt um, da sie den Neuankömmling
nicht hatten eintreten hören. Dieser stellte sich jetzt, dabei immer noch
seinen Kopf reibend, vor: „Mein Name ist Raymound, Spezialkorrespondent der
Chicagoer Zeitung ‚Voice of the People.‘ Ich bin herübergeschickt worden, um
über den Spuk zu schreiben.“ „Woher wissen sie denn in Chicago davon?“ „Oh, solche Sachen sprechen sich gar schnell
herum“, kam es geheimnisvoll zurück. „Doch um was handelt es sich hier
eigentlich?“ Herr Maier zog den Besucher ins
Vorderzimmer, wo Geigele immer noch die Bilder im Album betrachtete,
unbemerkt von irgend jemandem. Während der Zeitungsmann von Herrn Maier
jede gewünschte Auskunft erhielt, soweit eben Herr Maier solche geben konnte,
wurden die sogenannten ‚Spukerscheinungen‘ in der Küche immer stärker. Schließlich
schien alles durcheinander zu wirbeln, ohne daß jedoch weder die Frauen noch
Karl von den herumfliegenden Gegenständen getroffen wurden. Die Frauen wußten
sich schließlich keinen Rat mehr. Da kam Geigele, die mit dem Durchsehen der
Bilder im Album endlich fertig war, langsam in die Küche, und in demselben
Augenblick, als sie die Türschwelle zur Küche überschritt, setzten sämtliche
Spukerscheinungen wie auf Kommando aus. Das kam so unvermittelt, daß die
Frauen vor Staunen sprach- und bewegungslos zu sein schienen, bis Geigele
Mutter Schreibers Hand berührte — die dabei unwillkürlich zusammenschreckte
und bat: „Mutti, bitte, bitte, laß uns heimgehen!“ Das kam so
harmlos und natürlich von Geigeles Lippen, daß diese schlichten Kindesworte
einfach den Bann brachen, der über allem gelegen zu haben schien. „Ja, Geigele,
gleich“, antwortete wie automatisch die Gefragte. Dabei blickte sie, nunmehr
ganz zu sich gekommen, erstaunt auf das plötzlich neben ihr aufgetauchte
Geigele und dann auf die ebenso erstaunte Frau Maier. Beiden schien zur
nämlichen Zeit die gleiche Offenbarung zu werden: Das Aufhören der Spukerscheinungen
hatte etwas mit Geigeles Kommen in die Küche zu tun gehabt. Aber wie und
warum? Inzwischen
erwachte auch Karl aus seiner Lethargie und sprach seine Mutter an. Als Herr
Maier und Raymond Stimmen in der Küche hörten, traten sie ebenfalls neugierig
hinzu und waren höchst erstaunt, nun alles so ruhig, so friedlich und Karl
völlig erwacht zu sehen. Auf die Frage, wie das so plötzlich gekommen sei,
erzählten die Frauen ihre Mutmaßung. Der
Zeitungsmann erkannte da sofort mit scharfem Blick die augenblicklich
allergrößte Neuigkeit in der ganzen Spukaffäre, nämlich die Gabe von Geigele,
solche Spukerscheinungen, ganz gleich ob gewollt oder ungewollt, ob
beabsichtigt oder unbeabsichtigt, zu beeinflussen. Das war Neuigkeit! Mit ihr
konnte man morgen alle andern Zeitungen schlagen. Er erkundigte sich noch
nach näheren Einzelheiten über Geigele und ihre Mutter und empfahl sich dann.
Mit dem Nachtschnellzug fuhr er zurück, arbeitete sich unterwegs jedoch einen
Depeschen-Nachtbrief an seine Zeitung aus und sandte diesen von einer der
Stationen, auf denen der Schnellzug hielt, voraus, so daß er dann nur noch
ergänzende Kommentare bei seinem Eintreffen in Chicago zu schreiben brauchte. Der Name
Waterville war nun Tage hindurch auf den ersten Seiten aller Zeitungen des
Landes zu sehen. Jede Zeitung beschrieb die Spukerscheinungen wieder anders.
Einige versuchten, sie wissenschaftlich zu erklären; die meisten freilich
machten die Vorkommnisse nur lächerlich. Lediglich ‚Voice of the People‘ in
Chicago sah tiefer und beabsichtigte, die Angelegenheit noch lange nicht
fallen zu lassen, da das Vorkommnis noch viele, viele gute ‚Neuigkeiten‘
bergen konnte. ‚Voice of the People‘ widmete auch Geigeles Gabe einen
längeren Abschnitt. Nun wurde
Waterville das Pilgerziel zahlreicher Delegationen von Spiritisten,
Theosophen, Freidenkern und Wissenschaftlern aller Art. Doch es war, als ob
Geigele den ganzen Spuk verscheucht hätte. Die Vorfälle und Erscheinungen in
Maiers Haus blieben vorläufig aus, und die Delegationen mußten unverrichteter
Sache wieder abziehen. Somit kam
Waterville allmählich wieder in Vergessenheit bei den Zeitungen des Landes.
In Waterville selbst allerdings hatte das Vorkommnis in Kirchenrat Maiers
Heim noch so manches Nachspiel. Die vorgesetzte Dienstbehörde von Pastor
Knecht forderte einen eingehenden Bericht und verfügte dann, daß der Herr
Pastor Herrn Maier zum Resignieren als Kirchenrat veranlassen sollte, was
dieser sich aber zu tun weigerte. Die anderen Kirchenratmitglieder stimmten
jedoch Pastor Knecht und seiner vorgesetzten Dienstbehörde bei und versuchten
daher, immer mehr und mehr Druck auf Maier auszuüben. Mutter
Schreiber war die nächsten Tage recht nachdenklich. Das war das zweite Mal,
daß Geigele Heilungen zuwege gebracht hatte, wo alle Ärzte versagten.
Zunächst war Fred McCook völlig geheilt worden und jetzt der Sohn Karl vom
Kirchenratsmitglied Maier. Da Geigele im übrigen aber ein ganz normales Kind
war, das sich an kindlichen Vergnügungen unterhalten konnte, so mußte die dem
Kinde anhaftende Gabe eine angeborene Eigenschaft sein. Mutter Schreiber
wollte aber doch versuchen, die Gabe ihres Lieblings näher festzustellen. Aus
diesem Grunde widmete sie sich abends, wenn sie von der Arbeit heimgekommen
war und die Tische nach der Abendmahlzeit gewaschen hatte, mehr als vorher ihrem
Geigele. Dieses verbrachte immer noch den Tag bei McCooks, wo das Kind stets
sehnsüchtig auf das Heimkommen von Fred aus der Schule wartete. Philipp kam
gewöhnlich mit Fred zusammen. Dann spielte man noch eine Weile, worauf
Geigele mit Philipp nach Hause ging, da alsdann die Mutter von der Arbeit
heimzukommen pflegte. Abends saßen
Mutter Schreiber, Geigele und auch Philipp, der an seinem Schwesterchen sehr
hing und es wie eine ganz besondere Persönlichkeit verehrte, vor der Tür des
Hauses, während die Abendsonne an den Blufft (Steilhängen) der Hügel am
jenseitigen Ufer des Mississippi ihr wundersames Farbenspiel entfaltete. Das
war immer ein herrliches Schauspiel, zumal nach Süden, nach Corellville zu,
wo hinter den Bluffs immer noch höhere Hügel auftauchten. Wenn alle
drei, Mutter Schreiber, Geigele und Philipp still versunken dem Farbenspiel
der untergehenden Sonne zuschauten, da geschah es manchmal, daß Geigele vor
Freude ganz plötzlich in ihre Händchen klatschte und wie selbstverständlich
ihre Mutter auf etwas aufmerksam machte, was sie an den fernen Hängen der Hügel
zu sehen schien. „Mutti,
Mutti“, pflegte sie sich dann aufgeregt an ihre Mutter zu wenden, wobei sie
an Mutters Schürzenzipfel zog, „sieh doch alle die ‚Geigele‘ dort am fernen
Hügel. Und dahinter, da sind herrliche Paläste, wo die ‚Geigele‘ alle ein- und
ausgehen. O, Mutti, wie herrlich, wie herrlich!“ Sie faltete
dann gewöhnlich ihre Händchen und sah verzückt in die Ferne. Mutter
Schreiber wußte aus eigener Erfahrung, daß ihr Geigele hellsehend war und
dort am Horizont etwas ansichtig wurde, was sie nicht sehen konnte. Sie
störte deswegen ihr Kind nicht. Manchmal
wurde ihr aber doch bange um Geigele. Wie, wenn sie früh sterben würde? Wer
würde sich dann wohl ihres Geigeles annehmen, das ganz die Gaben einer
gottbegnadeten Seherin hatte? Mutter Schreiber konnte keine Antwort finden,
doch betete sie zu Gott, daß Seine Gnade sich ihres Geigeles erbarmen möge. Inzwischen
waren die Bemühungen für die Resignation von Herrn Maier vom Kirchenrat
weitergegangen, doch leider ohne jeden Erfolg. Herr Maier erwies sich überaus
dickköpfig. Doch die vorgesetzte Dienstbehörde von Herrn Pastor Knecht
drängte einfach auf eine Entscheidung! Pastor Knecht war am Verzweifeln und
wußte nicht, was er tun sollte. Auch der Kirchenrat wußte nicht recht, wie er
Herrn Maier zum Resignieren veranlassen konnte! In dieser
Bedrängnis fiel einem Kirchenratsmitglied ein, daß Brauer Ronner ein
ausgesprochener Gegner von Familie Schreiber war. Er wandte sich daher an
ihn, und dieser, Brauer Ronner, erklärte sich aus einem ihm selbst unverständlichen
Grunde und Drange bereit, Herrn Maier zur Resignation dadurch zu zwingen, daß
er entschieden Stellung in der Öffentlichkeit gegen Frau Schreiber und ihr
Geigele nahm. So setzte,
angeregt durch Herrn Ronner, eine Diskussion in der Lokalzeitung ‚The
Recorder‘ gegen Frau Schreiber und ihr angeblich mediales Töchterchen ein,
wovon letzteres freilich nichts hörte, und das sie in ihrem Alter wohl auch
kaum begriffen hätte. Das Ergebnis
der lokalen Zeitungskampagne war, daß die öffentliche Meinung angeblich
forderte, daß Frau Schreiber fortan jedes Sicheinmischen in lokale
Angelegenheiten mittels ihrer angeblichen Gaben und den vermeintlichen Gaben
ihres Töchterchens Geigele unterließ. Man ging sogar so weit, daß eine besondere
Kommission der lokalen Handelskammer bei Mutter Schreiber vorsprach und sie
bat, im Interesse des Aufblühens von Waterville alles zu unterlassen, was die
Gemeinde irgendwie in Mißkredit bringen könne, wie es kürzlich im Falle Maier
durch Frau Schreibers Einmischung gewesen sei mit dem Ergebnis, daß
zahlreiche Zeitungen von außerhalb durch ihre Berichte Waterville lächerlich
gemacht hätten. Mutter
Schreiber, die von all dem nichts richtig verstand, gab aber doch die
gewünschte Zusicherung, die man von ihr verlangte, und somit war der Friede
in Waterville wiederhergestellt, zumal Kirchenratsmitglied Maier es
allmählich doch satt bekommen zu haben schien, überall in der Stadt als eine
Art von ‚Feind des Allgemeininteresses‘ angesehen zu werden. V. So vergingen
zwei Jahre. Georg, der
Älteste der Schreiber-Familie, war inzwischen Hilfskondukteur geworden, stolz
auf seinen Erfolg, besonders aber auf seine Uniform, und er half Mutter
Schreiber wacker im Unterhalten der Familie. Von Joseph und Magdalena hatte
Mutter Schreiber nichts mehr gehört und mußte beide deswegen ihrem
selbstgewählten Schicksal überlassen. Margarete half im Haushalt von McCooks
und war dort sehr gern gesehen, da sie fleißig und niemals anmaßend war, wie
es so oft bei Magdalena der Fall war. Philipp entwickelte sich zu einem
kräftigen Jungen, und Geigele ging nun auch zur Schule, wo sie gute
Fortschritte machte. Fred, ihr bester Freund, war ihr natürlich in der Schule
weit voraus, doch die alte Freundschaft bestand weiter, und Geigele war
glücklich, wenn sie an den Nachmittagen kurz mit ihm zusammen sein konnte
oder er abends, nachdem er seine Schularbeiten erledigt hatte, ins Heim von
Mutter Schreiber kam. Letztere hatte einen ständigen Kreis Kunden, wo sie
allwöchentlich wusch und somit auch ihre ständigen Einnahmen, von denen sie
für Philipp und Geigele noch sparen konnte. Da kam eine
Spiritistin aus Chicago nach Waterville und hielt mehrere öffentliche
Vorträge. Sie hatte nicht viel Erfolg, zumal die Mehrzahl der Bewohnerschaft
von Waterville damals noch deutscher Abkunft war, die wenig oder gar nichts
um Spiritismus gab und glücklich war, wenn ihr Gesangverein ‚Lyra‘ ab und zu
ein Tanzvergnügen oder Konzert veranstalten konnte. Die
Spiritistin, die sich Mme. Williams nannte, erfuhr auch von den früheren
Vorkommnissen in Waterville und der Familie Schreiber, besonders Geigeles.
Sie suchte daher Mutter Schreiber auf. Nachdem sie
sich vorgestellt hatte, fuhr sie fort: „Sehen Sie, Frau Schreiber, ich bin sehr
medial veranlagt, und wenn ich wohin komme, ziehe ich immer gleich die
Geister im Haus an mich. Hier z.B. will eine Mildred sich melden und Ihnen
mitteilen, daß sie jetzt sehr glücklich sei. Sie kennen doch eine Mildred?“ Als Mutter
Schreiber das ehrlich verneinte, wurde Mme. Williams unruhig, doch nahm sie
sich zusammen und fuhr ruhig fort: „Sehen Sie, liebe Frau Schreiber, ich bin
hier im Lande geboren und kann manchmal nicht richtig die Namen von
Ausländern verstehen. Es mag sein, daß Mildred in Ihrer Heimatsprache einen
andern Namen gehabt hat.“ Da trat
Geigele ins Zimmer. Sie sah Mme. Williams, deutete auf sie mit dem Finger und
warnte ihre Mutter mit den Worten: „Mutti, lasse dich nicht ein! Ich sehe
böse Geister um die Frau herum.“ Geigele hatte
deutsch gesprochen. Mme. Williams hatte sie deswegen nicht verstanden. Sie
fragte Mutter Schreiber danach, was das Kind gesagt hätte. Mutter Schreiber
erfaßte sofort die Sachlage und erwiderte ruhig: „Machen Sie
sich nur nichts daraus, was das Kind spricht.“ „Ja, was hat es denn gesagt?“ „Daß du von
bösen Geistern umgeben bist“, fiel da Geigele ins Gespräch, wobei sie diesmal
Englisch und nicht Deutsch sprach. „Das ist ja
aber unerhört“, sprang Mme. Williams von ihrem Sitz auf. „Das hat mir noch
nie jemand gesagt. Mein Schutzgeist versichert mir dauernd, daß ich nur die
besten Geister um mich hätte, und dieses dumme Kind behauptet einfach das
Gegenteil. Nein, das ist empörend; das ist unerhört! Ich denke, ich habe
genug von Ihnen, Frau Schreiber, und Ihrem angeblich so medialen Kind.“ Damit
stand Mme. Williams empört auf und entfernte sich. Als sie fort
war, ging Geigele zu ihrer Mutter, die wie benommen dastand, und sprach auf
sie wie tröstend ein mit den Worten: „Mutti, glaube mir, ich sah nur dunkle
Gestalten um die Frau herum. Wenn sie nicht gegangen wäre, würden auch wir
jetzt die bösen Geister haben.“ Mutter
Schreiber beruhigte Geigele und hieß es zu Bett gehen. Aber auch
sie, Mutter Schreiber, hatte gefühlt, daß mit Mme. Williams irgend etwas
nicht stimmte, und daß die Geister, die sie mitbrachte, durchaus nicht so
einwandfrei waren, wie Mme. geprahlt hatte. Das Medium
hatte während seines kurzen Weilens in Waterville aber doch schon
Verbindungen hergestellt, die genügten, um sie zu veranlassen, in Waterville
eine spiritistische Kirche zu eröffnen und sich selbst zum Geistlichen — Frau
Reverend — zu ernennen. Die
Spiritistenkirche schien aber nicht so gut zu gehen, denn einige Monate
später verschwand Mme. Williams wieder, und die spiritistische Gemeinde schlief
ein. Da erkrankte
Geigele plötzlich. Der Arzt wußte nicht recht, was es war. Es hatte immer
Fieber, manchmal Schmerzen im Kopf, im Nacken und dann wieder in der Brust.
Der Arzt verschrieb ihr irgendein Beruhigungsmittel und überließ damit
Geigele seinem Schicksal. Es erhielt täglich den Besuch seines Freundes Fred,
worüber es sich sehr freute. Geigele mußte weiter das Bett hüten, und Mutter
Schreiber konnte ihren beruflichen Pflichten als Waschfrau nicht nachgehen.
Doch da sie Ersparnisse hatte, so fühlte sie den augenblicklichen
Einnahmeausfall nicht stark. Der Zustand
Geigeles war merkwürdig. Zu Zeiten war sie ganz schmerzenfrei; doch sie hatte
dauernd Fieber, und seit einigen Tagen stellten sich auch Ohnmachtsanfälle
ein. Der Lokalarzt wußte nicht, was er aus dem Krankheitsfall machen sollte
und hielt sich soviel als möglich von der Kranken fern. Da, eines
Abends, als Mutter Schreiber neben Geigele am Bett saß und ihre Hand hielt,
richtete diese sich unvermutet auf, sah starr in die Ecke des Zimmers, als ob
ihr Blick diese durchdringe und als ob sie irgend etwas Interessantes
erschaue. Dann sprach sie langsam, wie zu sich selbst: „Ja, Vati, ich
erinnere mich deiner! Oh wie froh bin ich doch, daß es dir gut geht. Mutti
sitzt hier neben mir. Ich weiß nicht, ob sie dich sehen und erkennen kann.“ Mutter
Schreiber horchte auf, sah aber nichts Besonderes. Geigele blieb
aufgerichtet im Bett sitzen und starrte weiter ununterbrochen in die Ecke des
Zimmers. Ab und zu war es, als ob sie etwas vor sich hinspräche; doch Mutter
Schreiber konnte nichts vernehmen. Geigeles Miene zeugte von höchster
Gespanntheit an dem, was sie anscheinend wahrnahm, wovon Mutter Schreiber
jedoch nichts sehen konnte. Dann trat
eine allmähliche Erschlaffung ein. Geigele fiel ins Bett zurück und schlief
sanft ein. Mutter
Schreiber dachte über den Vorfall nicht weiter nach, bis am nächsten Mittag,
gerade als der Arzt kam, Geigele wieder interessiert in die Ecke starrte. Der
Arzt bemerkte das wohl auch, nahm aber weiter keine Notiz davon und
verschrieb nur neue Medizin. Gerade als er seine Tasche zumachte, in der er
seine Instrumente hatte, sprach Geigele — dabei immer noch unverwandt in die
Ecke sehend — zu ihm: „Deine Mutti ist da und läßt dir sagen, daß sie sehr
glücklich sei, wo sie sich befindet, und du sollst auch frömmer sein und dich
mehr deines Herrgottes erinnern!“ Der Arzt, ein
jovialer Freidenker, hatte anfangs interessiert zugehört, dann aber gelächelt
und bemerkte nur, schon um in der Gegenwart von Mutter Schreiber was zu erwidern:
„Das war schön von dir, liebes Geigele, daß du mir was von meiner verstorbenen
Mutter berichtet hast; doch ich denke, du solltest jetzt wieder etwas
schlafen.“ Damit
versuchte der Arzt, Geigeles Körper hinüber zu legen, um es zur Ruhe zu
betten. Doch alle Anstrengungen des kräftigen Arztes halfen nichts. Geigele
konnte einfach nicht umgelegt werden. Der Arzt
versuchte das Beste aus der Lage zu machen und bemerkte lächelnd zu Mutter
Schreiber: „Geigele scheint in seinen Halluzinationen so befangen zu sein,
daß es für nichts anderes zugänglich ist. Bringen Sie es bitte nachher zur
Ruhe. Auf Wiedersehen.“ Doch ehe noch
der Arzt, der schon seinen Hut aufgesetzt hatte, das Zimmer verlassen konnte,
sagte Geigele plötzlich: „Doktor, sei vorsichtig! Dir droht Gefahr!“ „Sagt das
vielleicht auch meine verstorbene Mutti, Geigele?“ bemerkte dazu der Arzt,
wieder lächelnd, um damit alles ins Scherzhafte zu ziehen. „Ja, lieber
Doktor, deine Mutti läßt dir sagen, du sollst ja sehr vorsichtig sein, sonst
wirst du bald sterben.“ „Danke dir
schön, Geigele“, bemerkte der Doktor. Und auf Geigeles angebliche
Halluzinationen freundlich eingehend, erwiderte er: „Sag‘ nur, liebes
Geigele, meiner Mutti, wenn du sie wiedersiehst, daß ich Obacht geben würde!“ Damit ging
der Arzt, noch immer vor sich hinlächelnd, fort. Er kam nicht
mehr bis nach Hause. Er besuchte noch zwei andere Patienten und wählte auf
dem Nachhauseweg den kürzeren Weg, wobei er aber ein Stück auf den Bahngeleisen
entlangzugehen hatte. Er wich einem hinter ihm kommenden Frachtzuge auf das
Nebengleis an einer Stelle aus, wo die Strecke eine Kurve beschrieb. Und um
die Kurve herum auf dem andern Geleise kam ein Extrazug, der ihn überfuhr,
den Körper ein Stück mitschleifte und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete,
ehe der Zug zum Halten gebracht werden konnte. Der Arzt
hatte bei seinen beiden Besuchen, nachdem er Schreibers verlassen hatte, von
der Prophezeiung Geigeles lächelnd erzählt, da sie ihn doch etwas beunruhigt
hatte. Als nun sein plötzlicher Tod bekannt wurde, durcheilte erneut wie ein
Blitz die Nachricht das Städtchen, daß Mutter Schreibers Geigele den Tod
vorausgesehen hätte. Erst
schüchtern, doch mit der Zeit immer stärker und stärker, stellten sich wieder
Besucher bei Mutter Schreiber ein, angeblich nur um zu sehen, wie es Geigele
ginge, in Wirklichkeit aber, um vielleicht auch eine Prophezeiung für die
Zukunft zu erhalten. Sie wurden
nicht enttäuscht. Wenn Geigele sich gerade in dem Zustand völliger
scheinbarer Ohnmacht befand, teilte sie verschiedenen Besuchern auf Befragen
Dinge mit, die sich später auch als richtig erwiesen. Das trug natürlich noch
mehr dazu bei, Geigeles Gabe im Städtchen erneut bekanntzumachen. Die Gabe
Geigeles war diesmal merkwürdig genug. Manchmal sagte es überhaupt nichts,
wenn Besucher kamen. Manchmal wieder erzählte es solchen, wenn es sich gerade
wieder in seinem ‚merkwürdigen Zustand‘ befand, alles Mögliche von deren
verstorbenen Angehörigen, was diese natürlich gern hörten. Es schien,
als ob Geigele infolge seiner Krankheit noch hellseherischer und
hellfühlender geworden wäre. Einmal gab ihm eine Besucherin ein Handtäschchen
zum Geschenk. Als Geigele das Geschenk dankend angenommen hatte, verfiel es
wieder in seinen starren ‚Zustand‘. Es schien kaum zu atmen, doch sein
Mienenspiel zeugte von irgendeinem Erlebnis, das es während seines
‚Zustandes‘ haben mußte. Plötzlich
fing es — immer noch mit geschlossenen Augen — zu sprechen an: „Was ich hier
habe, das gehörte früher einem Mädchen, das tot ist. Es starb an einer
Krankheit. Ich habe es eben besucht. Es ist in einer wunderschönen Gegend, o
so schön“ — und dabei glänzte Geigeles Gesicht wie verklärt “und geht dort
mit anderen Mädchen in seinem Alter in eine Schule, wo sie alle von vielen
‚Geigeles‘ unterrichtet werden. Sie sagte zu mir, als es mich erkannte, ich
solle die Tasche nur ruhig behalten. Es sei die ihrige gewesen.“ Dann trat
eine Entspannung und sichtliche Erschlaffung ein. Geigele fiel zurück und
schien zu schlafen. Dieses
Vorkommnis, das der Wahrheit bezüglich des Ablebens der früheren Eigentümerin
des Täschchens entsprach, wurde Tagesgespräch in Waterville. Mutter
Schreibers Haus war von nun ab fast dauernd wieder von Besuchern umlagert.
Sie wußte sich nicht zu helfen. Manchmal wollten die Besucher Frau Schreiber
‚für ihre Unannehmlichkeiten durch die Besuche‘ mit Geld entschädigen, doch
Mutter Schreiber lehnte die Annahme von solchem entschieden ab. Nur wenn man
mal irgendein Geschenk fürs Geigele zurückließ, das nahm sie an und behielt
es auch für ihre Tochter. In Geigeles
Zustand trat eine sichtliche Verschlechterung ein. Wenn immer es wach war,
fragte es nach seinem Freund Fred, der in seiner freien Zeit doch stets neben
Geigeles Bett saß. Dann schien es mit Geigele besser zu sein. Es blieb wach,
hielt Freds Hand und konnte ihm glücklich lächelnd ununterbrochen zuhören. Es
schien beinahe so, als ob jetzt ein umgekehrtes Verhältnis zwischen beiden
bestände, als ob Fred dem Geigele Kraft gebe, während doch früher Geigele den
Zustand Freds gebessert hatte. Frau
Schreiber wußte sich keinen Rat, was sie machen sollte. Sie litt zwar keine
Not, zumal ja auch Fred und Frau McCook, wenn sie zu Besuch kamen, immer
Eßwaren mitbrachten, und wenn Frau McCook mal nicht kommen konnte, sie
Margarete mit Eßsachen nach Hause schickte. Doch nur recht geschäftstüchtige
Personen zu sein, wenigstens nach den Geschenken zu urteilen, die man ihnen
ins Haus bringe. Der Artikel
war ungerecht und unfair. Es kamen auch Erwiderungen, die der Herausgeber des
‚Recorder‘ aber nicht aufnahm, da ihm Ronner für jede von ihm zurückgewiesene
Zuschrift eine Extra 10 Zoll Anzeige der Brauerei versprochen hatte. Das
Nichtaufnehmen der Zuschriften gegen Ronners ‚Eingesandt‘ hatte aber unter
denen, die abgewiesen wurden, rechten Unwillen hervorgerufen. Man erfuhr
nämlich allmählich — auf welche Weise, ließ sich allerdings nicht recht
feststellen —‚ daß Ronner bei der Nichtaufnahme der Zuschriften gegen sein
‚Eingesandt‘ die Hände im Spiel hatte. Das trug nun gerade nicht zur weiteren
Popularität des an und für sich wegen seines oft anmaßenden Auftretens
unbeliebten Ronner bei. Ronner war —
wie man sagte — seit „undenklichen Zeiten“ der Präsident des deutschen
Gesangvereins „Lyra.“ Bei Neuwahlen wußte man schon vor der Wahl genau, wer
gewählt werden würde — Ronner natürlich! Wie das immer geschah, wußte niemand
so recht, doch es geschah eben! Es kursierten über die Durchführung dieser
Wahlen auch die merkwürdigsten Gerüchte. Doch was ging es einem schließlich
an! Ronner ließ sich seine Stellung als Präsident etwas kosten, denn niemals
brauchte der Verein aus seiner Kasse etwas für das Bier zu bezahlen. Die
„Lyra“ hatte immer Ronners Freibier. In einer
Geschäftssitzung der ‚Lyra‘ stellte unter dem Punkt ‚Verschiedenes‘ aber auf
einmal ein Vereinsmitglied — das von Ronner immer als ‚Radikaler‘ bezeichnet
wurde — die Frage: „Herr Präsident, ich wollte Sie mal fragen, warum Sie dem
‚Recorder‘ verboten haben, Zuschriften gegen Ihr ‚Eingesandt‘ aufzunehmen?“ „Wer sagt,
daß ich das verboten hätte“, brauste Ronner auf. „Das ist
meine Sache! Warum haben Sie das getan, antworten Sie!“ Ronner
schnellte von seinem Sitz hoch, schlug mit dem Hammer auf den Tisch und gebot
„Ruhe im Haus“, obgleich nirgends Unruhe herrschte. Dann donnerte er den
Fragesteller an: „Das gehört nicht hierher, in die ‚Lyra‘. Und wenn Ihnen das
nicht paßt, dann machen Sie, daß Sie rauskommen oder ich lasse über Ihren
Ausschluß abstimmen.“ Damit war
Ronner doch wohl etwas zu weit gegangen, denn es erhoben sich Proteststimmen.
Das hatte der Vorsitzende nicht erwartet. Nach einer Weile des Nachdenkens
sagte er, ruhiger und gefaßter: „Gut, es scheinen mir nicht alle
beizustimmen. Da wollen wir es doch mal anders machen. Seid ihr alle damit
einverstanden, daß wir dem Schwindel bei Schreibers ein für allemal ein Ende
machen?“ „Was geht
denn die ‚Lyra‘ das Leben der Familie Schreiber an? Das gehört nicht hierher!
Und wenn Ihnen das nicht paßt, Herr Ronner, dann werde ich mal den Antrag
stellen, über Ihren Ausschluß abzustimmen“, entgegnete der erste Redner, den
Ronner als ‚Radikalen‘ bezeichnete, entschlossen mit fast genau den gleichen
Redewendungen, die Ronner ihm entgegengeschleudert hatte. Ronner war
rot vor Wut geworden und wollte gerade gehässig ausfällig werden, als der
Erste Vizepräsident Fröhlich, der Vormann in Ronners Brauerei war, ihm ins
Wort fiel: „Warum können wir von der ‚Lyra‘ nicht mal den Unsinn bei
Schreibers untersuchen? Wie es scheint, findet sich ja sonst niemand in ganz
Waterville, der das täte. Ich schlage vor, daß wir halt die Sache in die Hand
nehmen, ein Komitee ernennen und dann sehen, was dabei herauskommt.“ Für
Komitee-Ernennen und Sachen zu untersuchen sind deutsche Vereine im Ausland
immer zu haben. Es ist so schön, wenn sich ein Komitee mit Untersuchungen
abquält und dabei eventuell hineinfällt, während die Mitglieder, die nichts
dabei getan haben, dann die Richter sind, sobald das Komitee Bericht erstattet!
Da kann man so schön kritisieren, was das Komitee alles falsch gemacht hatte
und wie man selbst alles viel besser durchgeführt hätte. Und so wurde
halt ein Untersuchungskomitee des Gesangvereins ‚Lyra‘ ernannt unter dem
selbstverständlichen Vorsitz des Präsidenten des Vereins, des
Brauereibesitzers Ronner. Es wurde
vereinbart, daß man am nächsten Samstag gegen Abend bei Schreibers
vorsprechen und davon auch vorher Notiz geben würde, so daß der Besuch als
fair charakterisiert werden konnte. Als Mutter
Schreiber den Brief erhielt, daß ein Untersuchungskomitee des Gesangvereins
‚Lyra‘ vorsprechen würde, wußte sie nicht, was sie davon halten sollte. Sie
fragte deswegen Herrn McCook um Rat, der die Untersuchung für eine alberne
Angelegenheit des ‚Wichtigtuers‘ Ronner hielt. Er versicherte Frau Schreiber,
daß er mit seiner Frau und Fred am Samstag abend ebenfalls zugegen sein
würde. Sie solle nur unbesorgt sein und am besten Geigele nichts vorher
sagen, wenn sie ihm bisher noch nichts von dem angekündigten Besuch
mitgeteilt hätte. Mutter
Schreiber war aber Donnerstag, Freitag und auch den Samstag hindurch so
nervös, daß es Geigele auffiel. „Mutti, was
hast du?“ fragte sie fürsorglich. „Nichts,
nichts, mein Kind“, antwortete die Gefragte etwas nervös. „Doch, Mutti!
Ich weiß, was dich drückt, aber sei unbesorgt.“ „Woher weißt du
das?“ platzte Mutter Schreiber erstaunt heraus. „Mutti,
sieh‘, seit ich das bin, was ihr alle als krank bezeichnet, ist ständig
jemand mit mir, der sich mein ‚Freund‘ und ‚Beschützer‘ nennt. Er sieht wie
ein ‚Geigele‘ aus, ist stets freundlich und lieb zu mir, und er ist es auch,
der mir die Auskunft auf die gestellten Fragen der Besucher gibt und mich
dann heißt, seine Antworten mitzuteilen. Dieser ‚Beschützer‘ hat mir gesagt,
daß Samstag ein wichtiger Tag für uns alle hier sein würde. Ich solle aber nichts
fürchten, so auch du nicht und niemand, der es gut meint. Mehr sagt er mir
nicht, doch er hat mir solches Vertrauen eingeflößt, daß ich weiß, alles wird
zum Besten sein.“ Mutter
Schreiber war erstaunt über das Gehörte, doch entgegnete sie nichts auf das
Vernommene, hauptsächlich wohl auch, weil sie wirklich nicht wußte, was sie
sagen sollte. Es war in der
Jahreszeit gegen Ausgang August. Der Samstag war ein schwüler, heißer Tag.
Schon vormittags ballten sich schwere Wolkenmassen zusammen, hinter denen zeitweise
die Sonne verschwand. Doch es regnete nicht. Nur ab und zu hörte man fernes
Donnerrollen. Jeder Bewohner des oberen Mississippi-Tales weiß, daß an
solchen Tagen im Hochsommer alle Gewitter von Minnesota, Wisconsin und Iowa
über dem Mississippi-Tal scheinbar zusammentreffen und dort oft eine ganze
Nacht, manchmal sogar Tag und Nacht mit nur kurzen Unterbrechungen wüten. Und
was für Unwetter sind das! Sie sind schlimmer als unten im Süden. Dort oben,
ebenso auch in den Dakotas — dort aber von kürzerer Dauer — sind solche
Gewitter äußerst schwer. Schlag folgt gewöhnlich auf Schlag, und wenn es erst
zu regnen beginnt, so sind es fast immer wolkenbruchartige Regen, die von den
Steilhängen des Mississippi-Tales ganze Felsblöcke losreißen und talabwärts rollen
lassen. Ein solcher
Gewittertag war der Samstag. Die Familie
McCook stellte sich schon gegen 5 Uhr abends ein. Geigele schien den Tag
besonders gut aufgelegt zu sein, und als sich Fred neben das Geigele setzte,
war es so frisch, als ob es überhaupt nicht irgendwie krank wäre. Nur seine
blasse Gesichtsfarbe verriet Geigeles Leiden. Gegen 6 Uhr
abends brach mit elementarer Gewalt das erste wirkliche Gewitter über
Waterville los, gerade als draußen der Schnellzug vorbeifuhr, auf dem Georg
diesmal Dienst als voll ausgebildeter und alleiniger Kondukteur tat. Er
blickte beim Vorüberfahren an Mutter Schreibers Haus vom Ende eines der
Pullmanwaggons zum Fenster hinaus. Doch so stark war der wolkenbruchartige
Regen und das grelle Zucken der Blitze so blendend, daß er das Haus beim
Vorbeifahren kaum zu erkennen vermochte. Endlich gegen
7 Uhr schien das erste schwere Gewitter vorüber zu sein. Es war etwas kühler
geworden. Die Luft war aber noch drückend. Es rührte sich kein Lüftchen.
Dabei zuckten ringsum die Blitze weiter, und der Donner rollte, aber es
regnete nicht. Kurz vor 8
Uhr setzte jedoch wieder starker Regen ein, wobei sich das Blitzen und
Donnern verstärkte, und mehrere Blitze mit krachenden Donnerschlägen zeugten
davon, daß es auch in Waterville irgendwo eingeschlagen haben müsse —
meistens in Bäume oder Telephon- und Telegraphenstangen oder auch in
Lichtleitungen —‚ und daß sich eines der Gewitter jetzt direkt über der Stadt
befand. Da wurde an
die Tür gepocht, und auf das „Herein“ betraten, wassertriefend vom Regen,
Ronner und fünf andere Männer das Heim von Frau Schreiber. Als Ronner
die Familie McCook im Zimmer sitzen sah, indem Geigele im Bett lag — Fred saß
wie ein echter Freund auf einem Stuhl neben dem Bett und hielt Geigeles Hand
—‚ bemerkte er erstaunt: „Nanu, Sie hier, Herr McCook? Was wollen Sie denn
hier?“ „Haben Sie
etwas dagegen, daß ich hier bin?“ fragte McCook zurück. „Nein“, kam
es zögernd zurück, „doch ich denke, es wäre besser für uns alle, wenn das
Komitee hätte allein mit den Schreibers sein können, um eine genaue
Untersuchung vorzunehmen.“ „Das können
Sie trotz unseres Hierseins“, antwortete lächelnd McCook. „Ich kann überhaupt
nicht recht verstehen, was Sie gegen unser Hiersein haben könnten, außer, daß
es Ihnen nun vielleicht schwerer sein mag, einen Bericht zusammenzuschreiben,
der wohl Ihnen und den vielleicht von Ihnen beeinflußten Komiteemitgliedern —
ich sehe, es sind alles Angestellte Ihrer Brauerei — zusagen mag, der aber
trotzdem möglicherweise doch nicht so ganz den Tatsachen entsprechen könnte.“ „Was, wollen
Sie mich der Unehrlichkeit bezichtigen?“ brauste Ronner auf. Doch da
mischte sich schnell Frau Schreiber ein mit der Bitte: „Herr Ronner, wollen
Sie nicht so liebenswürdig sein und schnell fragen, was Sie fragen wollen. Vergessen
Sie nicht: Meine Tochter ist nicht gesund, und jede Anstrengung und Aufregung
muß vermieden werden.“ „Und das ist
keine Anstrengung für Ihre Tochter, wenn sie täglich Besuche empfängt, was?“ „Das ist
unsere Angelegenheit und geht Sie nichts an, Herr Ronner!“ „So, das geht
mich nichts an! Na, da wollen wir gleich mal sehen. Gehen Sie weg dort“,
kommandierte er Fred, der jedoch nicht von seinem Platze wich. „Junger Mann,
haben Sie nicht gehört, was ich sagte?“ schnauzte Ronner jetzt Fred direkt
an. „O ja, ich
habe es gehört; doch da Sie keine Behörde, sondern nur Vertreter eines
Gesangvereins sind, so wüßte ich nicht, wie Sie mich zwingen wollen, meinen
Platz aufzugeben!“ bemerkte lächelnd Fred. „Das wollen
wir mal sehen!“ Damit schritt
Ronner auf Fred zu. Doch im selben Augenblick gab es einen solchen
Donnerschlag, daß das ganze Haus erbebte. Ronner war auch erschrocken und
brauchte eine Zeit, sich wieder zu sammeln. Dann sagte er plötzlich, wie
beruhigt, zu den Komiteemitgliedern: „Was macht es schließlich aus, wenn der
Junge dort sitzt. Laßt uns beginnen.“ Ohne erst die
Antwort und Zustimmung der anderen Komiteemitglieder abzuwarten, wandte er
sich an Geigele und fuhr es an: „Was fehlt dir, Kind?“ Geigele sah
seine Mutter an und antwortete nicht. „Was Geigele
eigentlich fehlt, wissen auch die Ärzte nicht“, antwortete Mutter Schreiber
für Geigele, wurde aber sofort von Ronner angeschnauzt: „Habe ich Sie
vielleicht gefragt? Ich habe zu Ihrer Tochter gesprochen.“ Da stand Herr
McCook auf und wandte sich an Ronner: „Hören Sie mal…“, Weiter kam er
nicht, denn Geigele war inzwischen in ihren ‚Zustand‘ gekommen und begann zu
sprechen — langsam, klar und deutlich: „Warum verfolgen Sie uns?“ Niemand
antwortete. Draußen zuckten weiter die Blitze, und der Donner rollte. „Warum
verfolgen Sie uns ... Herr Ronner?“ „Wer, ich?“
tat der direkt Angeredete erstaunt. „Ich verfolge niemanden. Ich will nur das
Beste für die Gemeinde und will nichts als Wahrheit, Wahrheit und nochmals
Wahrheit.“ „Ist das
alles?“ fragte Geigele zurück. Es war eine
eigentümliche Situation eingetreten. Das bestimmte Fragen vom Geigele, das
wie geistesabwesend mit geschlossenen Augen hoch aufgerichtet im Bett saß,
hatte Ronner scheinbar aus dem Gleichgewicht gebracht. Die übrigen
Komiteemitglieder, die bisher sowieso nichts gesprochen und anscheinend ja
auch nichts zu sagen hatten, blieben ebenfalls stumm, und so trat eine etwas
unheimlich anmutende Pause ein, die das starke Klatschen der vom Sturm
gepeitschten Regenmassen gegen die Fensterscheiben besonders deutlich
vernehmbar werden und die zuckenden Blitze noch grausiger erscheinen ließ als
es vielleicht war. Und da war wieder ganz in der Nähe ein Einschlag. Das Haus
bebte in allen Fugen. „Ist das
alles?“ stellte mit einer unheimlichen Bestimmtheit Geigele seine Frage
erneut. Es schien jetzt kein Kind mehr zu sein. Da immer noch
alles ruhig blieb, kam die Frage zum dritten Male von Geigeles Lippen, wobei
die Worte, obgleich nicht besonders betont ausgesprochen, in der merkwürdigen
Situation mit dem draußen tobenden Gewitter wie das Urteil einer Nemesis
wirkten. Da hielt es
Ronner doch endlich für angebracht zu antworten, um vor den
Komiteemitgliedern nicht als Feigling dazustehen. „Ich will der
Wahrheit bei dem Hokuspokus in diesem Haus auf den Grund kommen!“ „Da ist kein
Hokuspokus vorhanden“, antwortete Geigele mit einem Ernst, der unmöglich von
dem Mädchen im Alter von noch nicht ganz zehn Jahren herrühren konnte. Es
mußte jemand anders sein, der da sprach. Das schien auch
Ronner zu fühlen; denn er wurde etwas unsicher, als er fortfuhr: „Dann wäre
das alles wahr, was du Besuchern erzählst? Es wäre wahr, daß du die
Verstorbenen im Jenseits sehen kannst? Es wäre wahr, daß du in die Zukunft zu
schauen vermagst?“ „Ja“, antwortete
Geigele kurz und bestimmt, wobei ein neuer Einschlag ganz in der Nähe des
Hauses das Gesagte zu bestätigen schien. „Nun, wenn du
so in die Zukunft schauen kannst: Sage mir doch, wo jetzt mein Vater ist, der
vor dreißig Jahren starb!“ Geigele
schwieg. „Aha“, begann
Ronner zu triumphieren, als keine Antwort kam, wobei er sich borniert im
Kreise umsah. „Das habe ich mir doch gedacht! Mein Vater war ein Mann wie
ich. Er wollte immer nur die Wahrheit, hielt all den Quatsch vom Fortleben
für Hokuspokus, ebenso das Vorhandensein von Gott für ein Märchen. Seht“, und
damit wandte er sich an die Komiteemitglieder, „bei so einem Freidenker
prallt sogar der Hokuspokus eines Geigele ab.“ „O nein“, kam
es bestimmt zurück. „Sie täuschen sich! Doch über den gegenwärtigen
Aufenthalt mancher Verstorbenen darf ich nicht reden.“ „Und warum
nicht, wenn man fragen darf“, examinierte Ronner ironisch. „Weil das
nicht angenehm für die Angehörigen sein würde“, lautete die Entgegnung. „Was ist das?
Das ist ja eine Unverschämtheit sondergleichen von dir, Mädel!“ Ronner wurde
nun ernstlich ungehalten. „Warum nehmen
wir solchen Unsinn überhaupt ernst? Ich werde euch Komiteemitgliedern“ — und
damit wandte er sich diesen ganz besonders zu — „einmal beweisen, welcher
Unfug mit der angeblichen Weisheit vom Jenseits von raffinierten Menschen,
wie die Schreibern mit ihrer Tochter, so jung wie sie ist, getrieben wird.
Hier“ — und damit zog er einen Stein aus seiner Tasche heraus — „ist ein
Stein, den einer meiner Freunde aus Ägypten mitbrachte und den er von einer
Pyramide abbrach. Wenn du Mädel nun so hellsichtig und hellfühlend bist wie
abergläubische, alte Weiber annehmen, dann wirst du mir wohl sagen können,
von welcher Pyramide er herstammt.“ Geigele nahm
den Stein entgegen. Sie war immer noch in ihrem starren Zustand. Sie legte
den Stein an ihre Stirn und schwieg eine Weile. „Aha“, begann
Herr Ronner schließlich, „da ist es mit der Hellseherin ihrer Kunst zu Ende!
Natürlich hat sie keine Ahnung von der Geschichte und weiß nichts von den
Pharaonen. Daher kann sie auch nichts antworten. Seht“, sich den
Komiteemitgliedern zuwendend, „da habt ihr es ganz deutlich, daß alles
Schwindel ist. Nun, ich denke, dieser Beweis genügt. Laßt uns gehen, da das
Gewitter gerade etwas nachgelassen zu haben scheint.“ Doch als er
sich erhob und damit auch die Komiteemitglieder, begann es wieder gegen die
Fensterscheiben zu prasseln. Diesmal mußte auch Hagel mit unter dem Regen
sein. Unschlüssig, was
zu machen, standen Ronner und die Komiteemitglieder vor der noch
geschlossenen Tür im Zimmer. Da ließ sich Geigele nochmals hören: „Der Stein
ist nicht von einer Pyramide abgebrochen, sondern den haben Sie heute mittag
aufs Geratewohl aus ihrem Garten aufgelesen. Aber der Stein hat, ohne daß Sie
es wissen, doch seine Geschichte. Er ist ein Stein, der vor Tausenden von
Jahren vom Himmel herunterfiel, und zwar von einem Stern, der nicht mehr
vorhanden ist, sondern einst zersprang. Dieser Stern war eine wunderbare
Welt. Und in dieser Welt hatten Sie gelebt. Sie waren aber wegen ihres Charakters
ausgestoßen worden und auf der dortigen Welt von wilden Tieren zerrissen
worden. Das Auflesen gerade dieses Steines in Ihrem Garten besiegelt Ihr
irdisches Verhängnis. Noch heute wird Ihr Leben seinen Abschluß finden.“ Ronner war
bei diesen Worten kreideweiß geworden. „Nein!
Unsinn! Blödsinn! Laßt uns gehen!“ überstürzte er sich, riß die Tür auf und
rannte in den Regen hinaus. Da, ein greller Blitzstrahl, ein Donnerschlag,
der wie ein Erdbeben das Haus erschütterte, und Ronner lag hingestreckt in
einer Wasserpfütze, tot, vom Blitz getroffen. Die
Komiteemitglieder ergriff ein furchtbares Entsetzen. Sie rannten davon, so
schnell sie konnten. Auch Mutter
Schreiber und Familie McCook waren entsetzt. Nur Geigele saß immer noch wie
geistesabwesend da. Plötzlich kam sie aber zu sich und sah alle lächelnd an. Herr McCook
erklärte, daß er von dem Vorfall die Polizei benachrichtigen müsse.
Seltsamerweise hatte es nach dem Blitzstrahl, dem Ronner zum Opfer gefallen
war, wie abgeschnitten zu regnen aufgehört. Auch das Donnern war nur noch von
ferne her vernehmbar. Geigele saß
aufgerichtet im Bett und streckte ihre Hände nach Fred aus, der diese ergriff
und drückte. „Geigele,
weißt du, was eben geschehen ist?“ fragte besorgt die Mutter. „Nein, nicht
genau“, antwortete die Gefragte; „nur ist mir so, als ob jemand, der es schon
lange verdient hat, von der Gerechtigkeit ereilt worden wäre! Ich weiß nicht,
ich fühle jetzt so frisch und frei! Nichts schmerzt mich mehr! Ich glaube,
ich kann morgen aufstehen!“ VI. Wenn auch
alles versucht wurde, die näheren Umstände beim Ableben von Ronner zu
vertuschen, so sprachen sie sich durch die Komiteemitglieder doch herum, was
zur Folge hatte, daß Mutter Schreiber und Geigele allmählich in den Ruf einer
Art von Heiligen kamen. Zum Glück für
beide schien aber von dem Abend ab, an dem Ronner sein Schicksal ereilt
hatte, in Geigeles Zustand eine Besserung eingetreten zu sein, die anhielt
und zur schließlichen Gesundung führte. So vergingen
wiederum mehrere Jahre. Geigele war
inzwischen 13 Jahre alt geworden. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Philipp
arbeitete ab und zu schon bei der Bahn als Streckenarbeiter, da sich sein
Bruder Georg für ihn bei der Bahn verwandt hatte. Geigele war
ein stilles, hübsches Mädchen geworden. Sie war fleißig und aufmerksam in der
Schule, so daß Herr und Frau McCook sich mit dem Gedanken trugen, sie später
in eine besondere Mädchenschule zu schicken, da sie dachten, ihr Fred, der mit
Geigele noch immer ein Herz und eine Seele war, würde sie wohl doch einstens
heiraten. Fred selbst war längst aus der Hochschule heraus und von seinem
Vater nach einem Kolleg in St. Paul geschickt worden, um sich dort zum
Ingenieur auszubilden. Er und Geigele schrieben sich fast täglich. Letzterer
schien es selbstverständlich, daß Fred ihr gehört, und Fred hatte kein Auge
für irgendein anderes Mädchen als eben nur für ‚sein‘ — Geigele. Geigele
selbst war aber auch ein Mädchen geworden, das durch seine bloße Schönheit
schon Aufsehen erregte. Es ist daher eigentlich verständlich, daß es ihr an
‚Boy friends‘ nie gemangelt hätte; doch sie wies alle ab. Für sie gab es nur
einen — Fred! Die
Ferienzeit und die christlichen Festtage waren wirkliche Festtage für Geigele
und Fred, der seine Freizeit immer im Elternhause oder auf gemeinsamen
Spaziergängen mit Geigele verbrachte. Fred war ein
hübscher junger Mann geworden, der nur für seine Jugend zu ernst erschien.
Das größte Vergnügen beider war, bei schönem Wetter durch die Hügel, die das
Mississippital einrahmten, spazieren zu gehen. Dabei wurden meistens ernste
Gespräche geführt. Fred schwärmte von seiner Zukunft als Ingenieur, und
Geigele hörte, jedes Wort von seinen Lippen förmlich verschlingend, andächtig
zu. Seltsamerweise
hatten sich alle die sogenannten ‚übernatürlichen Erscheinungen‘ und
Eigenschaften bei Geigele fast ganz gegeben, seit sie nach Ronners tragischem
Ableben von ihrem damaligen unerklärlichen Leiden geheilt war. „Hast du gar
keine Visionen mehr?“ fragte bei einem der Spaziergänge Fred einst Geigele. „Ja und nein!
Nein insofern, als ich nicht mehr ohnmächtig werde und meinen geistigen
Beschützer sehe. Ja aber, indem ich manchmal, wenn ich mit Handarbeit
beschäftigt bin und vor mich hin sinne, wunderbare Landschaften und Gegenden
vor meinem geistigen Auge vorüberziehen sehe. Es ist mir dann, als ob ich
darinnen lebe — nein, als ob ich darinnen schon existiert hätte.“ „Erschrickst
du dabei oder fühlst du dich beglückt?“ „Ich fühle mich
beglückt und zufrieden. Ich glaube, ich habe einmal in irgendeiner solchen
Gegend gelebt, ehe ich hier auf diese Erde kam. Und ich habe auch das Gefühl,
daß du, Fred, mit mir zusammen dort warst. Ich habe sogar die Gewißheit,
lieber Fred, daß wir uns schon seit langem kennen und hier auf Erden nur
wiedergetroffen haben. Ich weiß nicht, wie das alles ist, aber manchmal habe
ich das Gefühl, als ob du ein Stück von mir wärst.“ „Seltsam“,
erwiderte Fred nachdenklich, „genauso geht es mir mit dir. Oftmals, wenn ich
mich abends nach Beendigung meiner Studien zu Bett gelegt habe und ehe ich
einschlafe, fühle ich mich zu dir irgendwie hingezogen und empfinde deine
Gegenwart. Auch mir kommt es manchmal so vor, als ob wir uns seit langem,
langem kennen. Doch ich sehe und fühle das alles nicht so klar, wie
anscheinend du, liebes Geigele.“ Es war ein
seltsames Verhältnis zwischen Fred und Geigele. Noch niemals war zwischen
ihnen das Wort ‚Liebe‘ gefallen; noch nie hatten sich beide geküßt, und doch
wußten sie, sie sind eine Einheit. Sie brauchten keine Liebeserklärung und
auch keine Küsse. Sie gehörten eben einfach sowieso zusammen. Sie besuchten
nie Festlichkeiten irgendwelcher Art, wie Schultänze oder ähnliche
Veranstaltungen. Sie waren glücklich und zufrieden, wenn sie nur zusammen
sein konnten. Oft sprachen sie bei ihren Spaziergängen lange nichts
miteinander, und doch wußten beide, sie verstanden sich irgendwie, und ihre
Gedankengänge bewegten sich in derselben Richtung. Wenn dabei der eine oder
andere eine Bemerkung so vor sich hinsprach, wurde — wie ganz
selbstverständlich — von der andern Seite darauf geantwortet, logisch und folgerichtig.
Gleich als ob der andere in den Gedankengängen dessen, der die Bemerkung
machte, mit drinnen gelebt hätte. Frau McCook
sprach mit Geigele über den Plan ihres Mannes, sie in ein Mädchenpensionat
nach Minneapolis zu schicken, doch Geigele zeigte weiter kein Interesse für
den Vorschlag. „Ich dachte
gerade, du würdest es gern sehen, nach Minneapolis gehen zu können. Fred ist
in St. Paul, und ihr wäret dann nur 15 Meilen von einander in den
Zwillingsstädten entfernt.“ Geigele
schwieg. Was Frau McCook sagte, war richtig; doch sie wollte lieber in
Waterville nahe ihrer Mutter bleiben. Sie fühlte, es war ein besonders inniges
Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter. Außerdem würde Margarete doch bald
heiraten, und dann könnte sie den Tag über bei McCooks helfen und die Abende
mit ihrer Mutter verbringen. Alsdann brauchte diese auch nicht mehr waschen
zu gehen, denn sie, Geigele, würde genug verdienen, und auch Philipp, der
noch zu Hause wohnte, gab jetzt schon von seinem Verdienst ab. So blieb
Geigele in Waterville, half ab und zu in Familien aus, wenn diese größere
Festlichkeiten hatten, und Mutter Schreiber, die auch eine gute Köchin war,
betätigte sich gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten außerdem mit Helfen beim
Kochen. Geigeles
hellseherische Begabung schien ganz von ihr gewichen zu sein. Sie führte mit
ihrer Mutter zusammen ein ruhiges, stilles Leben. Jedesmal, wenn der
Schnellzug am Haus vorbeifuhr, auf dem Georg als Kondukteur Dienst tat,
standen Mutter und Geigele vor der Tür und winkten ihm beim Vorbeifahren zu.
Die beiden Frauen waren freundlich zu allen Nachbarn, aber mit niemandem
intim, daher überall gut gelitten, und langsam war in Vergessenheit geraten,
daß Geigele einst ganz Waterville in Aufregung gesetzt hatte mit ihren
übernatürlichen Gaben. Schreibers lasen wohl das Lokalblatt, waren aber sonst
an Politik nicht interessiert und lasen so auch selten etwas von dem, was sie
im Grunde genommen nichts anging, in den Depeschen z.B. von Schlachten des
Ersten Weltkrieges in Europa, der dort ausgebrochen war. Doch als auch in
Amerika immer häufiger vom Krieg gesprochen wurde, begann auch Geigele mehr
Anteil an all dem zu nehmen, was im Zusammenhang damit in Amerika geredet und
gesprochen wurde. Als Fred zu
Weihnachten nach Waterville kam, war er ernster als sonst. Geigele fiel das
natürlich sofort auf, und auch ihrer bemächtigte sich eine innere Unruhe.
Doch sie sagte nichts, sondern wartete, bis Fred von allein von dem zu reden
anfangen würde, was ihn anscheinend bedrückte. Es war aber
nicht eher, als bis kurz vor seiner Rückreise ins Kolleg in St. Paul, daß
Fred bemerkte: „Geigele, ich fürchte, wir werden wohl im nächsten Jahr etwas
länger als sonst getrennt sein müssen.“ Die
Angeredete erschrak und sah ihren Begleiter geradezu fassungslos an. Da zwang sich
Fred zum Lächeln, legte seinen Arm um ihre Schultern und drückte sie — zum
ersten Male — fest an sich. Doch das ist
ja nur für kurze Zeit, liebes Geigele. Dann, wenn ich zurückkomme, dann —
heiraten wir.“ Geigele war,
da sie Fred gerade zum Bahnhof begleitete, wie versteinert mitten im Schnee
auf dem Bürgersteig stehen geblieben und sah, immer noch sprachlos und wie
gelähmt, Fred ununterbrochen an, als ob sie auf eine nähere Erläuterung
wartete. Fred mußte
unwillkürlich lachen: „Aber, Geigele, ich wußte nicht, daß dich das so
erschrecken würde, daß ich vom Heiraten zu dir sprach. Freilich hätte ich
erst formell deine Mutter um Erlaubnis und auch vielleicht dich erst mal
ordentlich küssen und dann offiziell fragen sollen, ob du auch meine Frau
werden möchtest, ehe ich vom Heiraten zu dir sprach. Doch ich dachte, auch
bei dir wäre es selbstverständlich, daß wir einmal Mann und Frau werden; denn
ich kann es mir ja gar nicht anders denken, als daß es einmal so sein würde.“ Da nahm sich
Geigele zusammen, schmiegte sich an Fred, sah ihn dabei glückstrahlend an und
stammelte: „Fred, nicht das Heiraten hat mich erschreckt, sondern deine Bemerkung
vom Getrenntsein auf kurze Zeit. Was bedeutet das?“ „Nun,
Geigele, zunächst bin ich froh, daß du mit meinem etwas seltsamen
Heiratsantrag einverstanden zu sein scheinst. Was das Getrenntsein anbetrifft“
— und dabei wurde sein Gesicht sehr ernst, — „so glaube und fürchte ich, daß
auch Amerika in nicht allzu langer Zeit in den europäischen Krieg verwickelt
sein wird und ich genauso wie alle anderen jungen Leute hierzulande werde
Soldat sein müssen, um drüben zu kämpfen.“ Geigele
erwiderte nichts. Auf einmal war es ihr, als ob ihre frühere hellseherische
Gabe wiederkäme. Doch sie unterdrückte das diesbezügliche Empfinden mit
Gewalt. Da fühlte sie
sich von Fred fortgezogen mit den Worten: „Komm, Geigele, sonst verpasse ich
meinen Zug. Hörst du ihn nicht schon pfeifen.“ Von fern war
der dumpfe Ton der Lokomotiv-Pfeife vernehmbar. Man eilte
schnell nach dem Bahnhof, wo Fred gerade noch Zeit fand, sich seine Fahrkarte
zu lösen, bis der Zug einfuhr. Zum ersten Male nahm Fred Geigele öffentlich
in seine Arme und — küßte sie, wobei es Geigele so seltsam wie ein
elektrischer Strom durchzuckte. Sie konnte nur beglückt mit der Hand winken,
als der Zug wieder abfuhr und Fred ihr durch geschlossene Waggonfenster
Kußhände zuwarf. So eingenommen war sie noch von dem innerhalb weniger
Minuten Erlebten, daß sie gar nicht bemerkte, wie ihr Bruder Georg von der
Veranda des Aussichtswaggons ihr zurief und winkte. Er tat jetzt Dienst als
Kondukteur auf dem Küstenexpreß, mit dem Fred nach St. Paul zurückfuhr. Von jetzt ab
lasen Geigele und ihre Mutter, die natürlich über Freds Heiratsantrag auch
erfreut war, obgleich sie das eigentlich als selbstverständlich erwartet
hatte, da Geigele und Fred seelisch zu eng miteinander verbunden waren, die
Lokalzeitung aufmerksamer und wurden nun erst gewahr, wie groß die Spannung
zwischen Amerika und den Mittelmächten bereits vorgeschritten war. Geigele
quälte irgend etwas, doch sie wußte nicht was. Es war ihr öfter genauso
eigentümlich zumute wie bei Freds Abschied, als es ihr so vorkam, daß sich
ihre hellseherische Gabe wieder einstellen würde. Aber die Gabe schien nicht
recht durchkommen zu können. Außerdem peinigte sie der Gedanke, daß Fred
vielleicht doch bald in den Krieg müsse. Fred bekam,
wie alle anderen Insassen seines Kollegs, keinen Urlaub nach Hause über
Ostern, da das Kolleg in Anbetracht des drohenden Krieges den Unterricht über
Ostern nicht unterbrechen wollte, um möglichst viel den Studenten mitzugeben,
wenn sie doch noch vor Semesterschluß eingezogen werden sollten. Und so kam es
auch. Gleich nach der Torpedierung der ‚Lusitania‘ durch ein deutsches
Unterseeboot, kam die Kriegserklärung Amerikas und dann die Einziehung zum
Militär. Fred wurde in
St. Paul eingezogen und in ein Camp nach dem Norden geschickt. Man ließ ihm
keine Zeit, nochmals erst nach Hause zu reisen. Es ging alles so schnell.
Nach etwa achtwöchiger Ausbildung wurde er nach Plattsburg im Staat New York
abkommandiert, wo sich ein großes Lager zur Ausbildung von Reserveoffizieren
befand. Fred hatte
für die Abkommandierung und Übersiedlung drei Extratage Urlaub
herausgeschunden und verbrachte diese in Waterville. Er und Geigele waren
während dieser Zeit überhaupt nicht zu trennen. Es waren unvergeßliche 72
Stunden. Am Abend vor der
Abreise nach Plattsburg fand eine Familienfeier im Heim von McCooks statt, an
der aber nur die Eltern Freds, Mutter Schreiber, Margarete und Geigele
teilnahmen. Dabei machte Herr McCook den Vorschlag, daß sich Fred offiziell
mit Geigele verlobe. Fred war sofort einverstanden, Geigele aber nicht. Man war
erstaunt und erwartete natürlich eine Begründung Geigeles für ihre Ablehnung. „Fred weiß
ganz genau“, begann schließlich Geigele langsam, „daß es für mich niemals
einen andern Mann als nur ihn geben könne. Ich bin sofort bereit, ihn zu
heiraten, wenn er zurückkommt, ganz gleich ob krank oder gesund, doch er soll
sich bis dahin nicht gebunden und irgendwie verpflichtet fühlen. Er darf mich
aber trotzdem als seine Braut betrachten, die ich ja in Wirklichkeit auch
bin, denn, wie gesagt, niemals wird es einen andern Mann für mich geben. Doch
jetzt zu verloben, käme mir vor, als ob ich Fred irgendeinen Zwang auferlegen
würde, unter dem er vielleicht einmal leiden könnte. Nein, Fred soll seine
Pflicht seinem Vaterland gegenüber erfüllen, ohne jede besondere
Verpflichtungs-Belastung gegen irgend jemanden.“ „Das ist ja
alles sehr schön und lobenswert gedacht von dir, liebes Geigele“, entgegnete
Fred. „Doch denkst du denn nicht, daß es für mich viel schöner ist zu wissen,
daß ich für etwas Eigenes, — mein Geigele — zum Beispiel, kämpfe?“ „Fred“,
antwortete Geigele, wobei sie ernst wurde und sich ganz zu Fred
hinüberbeugte, „das weißt du, ob verlobt oder nicht, daß du für mich
mitkämpfst, wenn dir das einen Lebensinhalt draußen im Feld geben kann. Aber
bitte, liebster Fred, lasse es so sein wie es jetzt ist. Ich bin die Deinige
und werde es immer bleiben. Darauf darfst du bauen wie auf einen Felsen!“ Damit schlang
sie ihre Arme um ihn und küßte ihn innigst auf den Mund. Freds
Ausbildung in Plattsburg dauerte gerade acht Wochen. Dann wurde er als
Offizier einem Regiment zugeteilt. Natürlich hatten diese schnell
ausgebildeten Reserveoffiziere nicht die militärische Erfahrung wie
Berufssoldaten oder ‚Top‘-Sergeants, die Jahre hindurch Dienst getan haben.
Man gab diesen schnell ausgebildeten Reserveoffizieren daher auch bald einen
Spitznamen, nämlich: ‚Die Achtundvierzig-Tage-Wunder von Plattsburg‘. Als ein
solches ‚Achtundvierzig-Tage-Wunder von Plattsburg‘ stellte sich ausgangs
August 1917 Fred seinen Eltern und seiner Braut in Waterville während seines
letzten Urlaubs vor Abreise nach Übersee vor. Die Tage des
Urlaubs zogen wie ein herrlicher Traum an Geigele vorüber. Doch dann kam die
Stunde des Abschieds. Es ist seltsam mit einem Abschied, besonders mit einem
solchen, bei dem eine geliebte Person hinaus ins Feld muß. Die letzten
Minuten vor dem Scheiden möchte man am liebsten auf Stunden verlängert haben,
und doch rückt der Uhrzeiger genauso gleichmäßig schnell weiter wie in Zeiten
der Langeweile und Unwichtigkeit. Schließlich
kam der Augenblick, in dem es hieß: Scheiden! Geigele war
merkwürdig gefaßt, nur bleich war sie, schreckensbleich. Fred bemerkte das
weiter nicht, da er zu sehr damit beschäftigt war, sein Geigele immer und
immer wieder an sich zu drücken und zu küssen. Als der Zug
die Station verlassen hatte und Geigele zusammen mit ihrer Mutter und McCooks
nach dem Heim der Letzteren zurückkehrten, um dort zu Abend zu essen, wobei
Margarete, die immer noch in McCooks Haushalt tätig war, stets ersucht wurde,
ebenfalls an der Tafel teilzunehmen, herrschte allgemeines Schweigen. Jeder
hing seinen eigenen Gedanken nach. Endlich raffte sich Herr McCook zusammen. „Na, ewig hat
ja bis jetzt noch niemals ein Krieg gedauert. So wird der jetzige auch mal
vorübergehen und Fred wieder nach Hause kommen. Ich erinnere mich noch, wie
wir im Spanisch-Amerikanischen Krieg nach Porto Rico eingeschifft wurden. Und
dann war der ganze Feldzug dort eine große Spielerei gewesen. Es kam überhaupt
zu keinem größeren Gefecht. Es war eigentlich alles viel eher vorüber als wie
wir gedacht hatten.“ „Diesmal wird
das aber anders sein“, bemerkte dazu Frau McCook ernst. „Vergiß nicht:
diesmal sind zu viele Nationen in den Krieg verwickelt. Es ist ein regelrechter
Weltkrieg. Und außerdem gab es zu deiner Zeit noch keine Flugzeuge,
Bombenabwürfe und Flammenwerfer.“ „Na, laßt uns
hoffen, daß drüben alles vorüber ist, ehe die Amerikaner an der Front
eingesetzt werden“, tröstete McCook. „Werden die
nicht gleich an die Front geschickt?“ fragte erstaunt Frau McCook. „Bewahre“,
lachte McCook, „die müssen sich dort erst ans Feldleben gewöhnen.“ Und so war es
auch. Fred schrieb regelmäßig an Geigele, aber auch häufig an seine Eltern.
Er war in einem Lager in Südfrankreich und wurde, wie auch die anderen im
Lager, unruhig, weil man nicht eingesetzt wurde, um dem Krieg endlich ein
Ende zu machen — so oder so, denn die Amerikaner hatten das Herumliegen in
Feldlagern satt und wollten so schnell wie möglich wieder nach Hause. Im Frühjahr
schrieb Fred dann, daß man in zwei Wochen nun endlich entweder in den
Argonnen oder in der Champagne eingesetzt werden würde. „Nun dauert es nicht
mehr lange, liebes Geigele, und wir sind wieder vereint.“ Das waren die
letzten Zeilen von Fred. Wochen
hindurch traf keine Nachricht mehr von ihm ein. Man verstand das, denn an der
Kampffront blieb wohl nicht viel Zeit zum Schreiben. Da eines
Nachts, etwa ein Jahr nach Freds Abschied, wachte Geigele plötzlich auf mit
einem grellen Aufschrei: „Fred, Fred, o lieber, guter, einziger Fred — du
bist tot?“ Mutter
Schreiber, die im selben Zimmer mit Geigele schlief, war sofort wach, als die
den grellen Aufschrei ihrer Tochter gehört hatte, machte Licht und sah
Geigele hoch aufgerichtet im Bett sitzen mit ausgestreckten Armen und nach
der Ecke des Zimmers starren, wobei ihr die Tränen die Wangen herunterliefen
und sie tief erschüttert in sich hineinschluchzte. Ihr ganzer Körper bebte. Nach einer
Weile trat Entspannung ein. Geigele fiel zurück, und eine tiefe Ohnmacht
umfing sie, aus der sie auch am Morgen nicht erwachte. Mutter
Schreiber schickte ein Kind aus der Nachbarschaft zu McCooks und bat sie,
sofort zu kommen. Als diese
eintrafen, erzählte Mutter Schreiber Geigeles nächtliches Erlebnis, wobei Frau
McCook ebenfalls aufschrie und ohnmächtig zusammenbrach. Nur Herr McCook
blieb gefaßt und sandte nach einem Arzt, während er und Frau Schreiber sich
um Frau McCook bemühten. Geigele lag noch da wie tot. Man merkte kaum, daß
sie atmete. Als der Arzt
eintraf, brachte er Frau McCook bald wieder zu sich. Schlimmer war
es um Geigele bestellt. Der Arzt horchte und horchte auf ihren Herzschlag,
beobachtete abwechselnd den Puls und die Ohnmächtige, zog dann einen
Rezeptzettel hervor und schrieb etwas auf, was er Mutter Schreiber übergab
mit der Aufforderung, diese Medizin holen zu lassen und Geigele einige
Tropfen — wie er vorgeschrieben hatte — alle drei Stunden zu geben. „Steht es
schlimm um meine Tochter?“ fragte Mutter Schreiber besorgt. „Ich kann
noch nichts sagen. Ich komme heute abend wieder. Lassen Sie sie nur ruhig
allein. Nach der Medizin wird sie in einen tiefen Schlaf verfallen. Auch
darinnen stören Sie sie nicht, bis sie von allein aufwacht.“ „Ja, sie muß
doch aber etwas essen.“ “Wenn der
Hunger zu groß wird, da wird sich schon ihre Natur von allein melden, und sie
wird aufwachen. Sorgen Sie sich deswegen nicht. Sie wird nicht verhungern.“ Mutter
Schreiber ließ die Medizin holen und flößte der Ohnmächtigen die Tropfen ein,
so gut sie es konnte, da Geigele ihren Mund geschlossen hielt. Gegen Abend
kam der Arzt wieder und stellte fest, daß Geigele aus ihrer Ohnmacht erwacht,
aber in tiefen Schlaf gefallen war, aus dem sie nicht geweckt werden sollte. „Was hat sie
eigentlich, Herr Doktor?“ fragte Mutter Schreiber besorgt. „Soviel ich
bis jetzt feststellen kann, leidet sie unter den Folgen des Schrecks, den sie
durch die angebliche Erscheinung ihres Freundes gehabt hat.“ „Glauben Sie,
das Fred gefallen sein kann?“ „Das weiß ich
ebensowenig wie Sie selbst. Abstreiten läßt sich so etwas nicht, besonders
wenn es in das Unterbewußtsein einer Person eingedrungen ist.“ „So glauben
Sie also, Herr Doktor, daß es doch möglich sein kann, daß Fred tot ist?“ „Wie gesagt,
es kann sein; es kann aber auch nicht sein. Vergessen Sie nicht, ich bin Arzt
und nicht Spiritist!“ „Wir sind
auch keine Spiritisten.“ „Nein?“
antwortete der Arzt erstaunt. „Ich dachte immer, Sie und Ihre Tochter wären
Spiritisten nach dem zu urteilen, was ich seit meiner Niederlassung in
Waterville über Sie beide von Bewohnern gehört habe.“ „Ach so, Sie
meinen das, Herr Doktor“, erwiderte etwas entfremdet Frau Schreiber. „Machen Sie
sich nur nichts daraus, Frau Schreiber“, tröstete der Arzt, Dr. Klein, der
erst seit zwei Jahren in Waterville wohnte. „Apropos, liebe Frau Schreiber,
ich habe einen Assistenten, der sich viel mit solchen sogenannten
‚übernatürlichen Dingen‘ beschäftigt hat. Der wird sich bestimmt für den Fall
interessieren. Ich werde ihn gelegentlich mal mitbringen.“ Geigele
erwachte, wie Dr. Klein gesagt hatte, schließlich von allein aus ihrem tiefen
Schlaf. Sie sah sich um, gleich als ob sie in einer Gegend sei, die sie noch
nie vorher gesehen hatte. Allmählich schien sie aber die Erinnerung an ihre
Umgebung zurückzugewinnen und leise rief sie: „Mutti!“ Frau
Schreiber eilte sofort an Geigeles Bett und strich ihr besorgt über Stirn und
Kopf. „Wie ist dir,
Geigele?“ „Ich weiß
nicht; mir ist so seltsam zumute! Mir ist, als ob ich gar nicht mehr hierher
gehöre! Mir ist, als ob ich ganz woanders gewesen bin, wo es sehr schön war,
o so schön!“ Dabei
verklärte sich ihr Gesichtsausdruck fast überirdisch. „Willst du
etwas essen?“ „Ich habe
keinen Hunger.“ Trotzdem
machte Mutter Schreiber aber Milch warm und flößte sie der Kranken ein.
Allmählich begann diese auch zu trinken. „O, ich bin
so müde; ich möchte wieder schlafen.“ „Schlaf nur,
Kind, schlaf, doch nimm vorher etwas von dieser Medizin.“ Geigele tat,
wie ihr geheißen, und schlief gleich wieder ein. Es dauerte mehrere
Tage, ehe Geigele wieder aufstehen konnte. Sie war sehr schwach und kreidebleich,
als ob alles Blut aus ihr gewichen wäre. Der Arzt kam regelmäßig, verschrieb
ihr neue Medizin und versicherte, daß sie in längstens zwei Wochen wieder auf
der Höhe sein würde. Seltsamerweise
hatte Geigele nichts mehr von der Erscheinung Freds seit ihrem Erwachen aus
der Ohnmacht gesagt. Es schien, als ob sie sich überhaupt nicht daran
erinnern könnte. Mutter Schreiber berührte den Punkt auch nicht und bat
McCooks, wenn diese kamen, ebenfalls nicht von Fred zu sprechen. So schien es
fast, als ob sie ganz auf Fred vergessen hätte. Dem war aber nicht so. Eines Abends,
als Mutter Schreiber und Geigele vor der geöffneten Haustür saßen, um den
Abendzug vorüber fahren zu sehen, begann Geigele, die wie ihre Mutter ein
Strickzeug in der Hand hielt, plötzlich ganz von allein. „Mutti, du
glaubst doch auch, daß man im Traum mit Verstorbenen zusammen sein kann.“ Mutter
Schreiber hielt in ihrem Stricken inne, sah ihre Tochter, die nachdenklich
vor sich hinblickte, von der Seite an und antwortete langsam und gedehnt:
„Freilich, Geigele, glaube ich das. Ich bin seit Vaters Tode oft mit ihm im
Traum zusammen. Doch, warum fragst du?“ „Ich bin jede
Nacht mit Fred zusammen. Es ist genau wie früher. Wir gehen zusammen
spazieren und er hat mir viel, o so viel, zu erzählen.“ Das war also
der Grund, warum Geigele so gefaßt war, seit sie aus ihrer Ohnmacht
aufwachte. Sie war jede Nacht mit Fred in ihren Träumen zusammen und hatte
das Gefühl, ihm jetzt viel, viel näher zu sein als ehedem, jedenfalls als
während der Monate, seit er abreiste und ihr nur regelmäßig Briefe gesandt
hatte. „Das muß
schön sein, Geigele“, bemerkte Mutter Schreiber gleichgültig dazu, da sie
immer noch nicht von Geigele gehört hatte, ob sie wußte, daß Fred ihr als
angeblich Gefallener erschienen war. Es trat eine
Pause ein. Da kam der Schnellzug herangebraust. Georg tat diesmal nicht auf
diesem Dienst, sondern auf dem Nachtschnellzug zwischen Chicago und St. Paul. Als der Zug vorüber
war, begann Geigele wieder: „Weißt du, Mutti, man ist sich doch eigentlich
viel näher, wenn jemand, den man lieb hat, tot ist als bei seinen Lebzeiten.“ Sie wußte
also doch, daß Fred ihr in seiner Sterbestunde erschienen war. Nach kurzem
Nachsinnen sprach Geigele weiter: „Und das Schöne bei solchem Zusammentreffen
ist, daß die ganze Umgebung so verklärt aussieht. Man fühlt keinen Schmerz,
sondern nur eine innere Beglückung, die lediglich ein Vorgeschmack von der
ewigen Glückseligkeit sein kann.“ Von da ab
erzählte Geigele jeden Abend ihrer Mutti vom Zusammensein mit Fred. Das war
ihr so etwas Selbstverständliches, als ob es gar nicht mehr anders sein
könnte. Dr. Klein kam
ab und zu mal vorbei, um nach Geigele zu sehen und war mit ihrer Besserung
zufrieden. Einmal gelang es Dr. Klein, Mutter Schreiber zur Seite zu nehmen
und zu fragen, ob Geigele nochmals auf die Erscheinung zurückgekommen wäre
und von Fred spräche. Als er hörte, daß Geigele angeblich mit Fred jede Nacht
im Traum zusammen sei, schien er recht zufrieden zu sein und fügte hinzu:
„Lassen Sie sie bei ihren Erzählungen. Stören Sie sie nicht in ihren
visionären Traumbildern. Desto schneller wird die völlige Genesung eintreten.
Doch ich denke, jetzt ist es bald mal an der Zeit, daß ich meinen Assistenten,
Dr. Lehman, mitbringe, der, wie ich Ihnen sagte, sich für solche Sachen ganz
besonders interessiert. Er ist eben so wie Sie und ich deutscher Abstammung.
In Freundeskreisen wird er für einen Sonderling gehalten, da er sich nichts
aus Unterhaltungen von jungen Männern seines Alters macht. Er ist mir auch
etwas zu ernst für sein Alter, aber er interessiert sich für das, was er als
‚über unser naturwissenschaftliches Wissen hinausgehend‘ bezeichnet, und so
werde ich ihn einmal mitbringen.“ Dr. Klein
hielt sein Wort. Er führte Dr. Lehmann, einen sehr sympathischen jungen Mann,
ein. Geigele nickte nur mit dem Kopf, als sie vorgestellt wurde und machte
sich anscheinend nichts weiter aus ihm. Dessenungeachtet kam er doch wieder. „Haben Sie
etwas dagegen, Frau Schreiber, und auch Sie, Frl. Schreiber, wenn ich ab und
zu abends mal vorbeikomme, so daß wir uns unterhalten können?“ Beide hatten
nichts dagegen. Doch Frau Schreiber wunderte sich, daß Dr. Lehmann nicht als
Arzt eingezogen war. „Ich bin
nicht ganz gesund, nicht felddienstfähig, und außerdem hat mich Dr. Klein
freundlicherweise reklamiert und tatsächlich sind wir ja jetzt auch die
einzigen Ärzte in ganz Waterville und Umgegend. Hoffentlich tritt keine
Epidemie ein, denn dann wüßten wir nicht, was wir beide allein machen
sollten.“ „Und eine
solche wird kommen“, mischte sich da ernst Geigele ein, „eine schlimme
Epidemie, der viele, viele Menschen zum Opfer fallen werden.“ Dr. Lehmann
schwieg betroffen, ebenso Mutter Schreiber. Geigele schwieg nach dieser
Äußerung ebenfalls, grade als ob sie unbewußt zuviel gesagt hätte. „Woher wissen
Sie denn das, Frl. Schreiber?“ fragte Dr. Lehmann neugierig. „Ich kann es
nicht recht sagen, woher. Doch ich weiß es und es wird geschehen, daß
Tausende und Abertausende sterben werden.“ „Was für eine
Epidemie soll das sein, da wir doch fast alle schon gegen Typhus und Cholera
geimpft haben?“ „Es wird eine
Epidemie der Lungen sein“, bemerkte bestimmt Geigele. „Bist du
dessen so sicher?“ fragte nun auch Mutter Schreiber betroffen. „Ja, Mutti,
ich weiß es. Diesen Winter wird die Epidemie einsetzen.“ Darauf kam
das Gespräch ins Stocken und Dr. Lehmann verabschiedete sich. Nachdenklich
begab er sich nach Hause und besprach das Gehörte mit Dr. Klein. „Unsinn, Lehmann“,
lachte Dr. Klein. „Ich habe zwar großen Respekt für Ihr Forschen über das,
‚was über unser wissenschaftliches Wissen hinausgeht‘, doch ich glaube, daß
Sie manches zu ernst nehmen. Das Beste ist freilich, einfach abzuwarten. Dann
ist immer noch Zeit, sich darüber Kopfschmerzen zu machen.“ “Ja und nein!
Glauben Sie nicht, Herr Kollege, daß es vielleicht angebracht wäre, daß man
sich mit irgendeinem Serum vorsieht?“ „Ja, aber was
für einem Serum? Nach der Beschreibung Ihrer übersinnlichen jungen Dame weiß
man nicht, was es für eine Epidemie werden soll. Was für Serum kommt denn da
wohl in Frage?“ „Das weiß ich
freilich im Augenblick auch nicht“, gestand der junge Assistent betroffen
ein. Aber der Gedanke ließ ihn nicht los, daß man doch irgendwelche Vorkehrung
treffen sollte für den Notfall, denn vielleicht könnte es doch zu einem
Epidemieausbruch kommen. Im Zusammenhang mit Kriegen hat man ja schon von
jeher das Allermerkwürdigste erlebt. In Geigele
ging inzwischen eine Wandlung vor sich. Sie war wieder gesund, doch wenn sie
schon immer ein ruhiges Kind gewesen war, so war sie jetzt noch ruhiger. Sie
konnte, wenn sie nicht gestört wurde, stundenlang dasitzen und ruhig vor sich
hinstarren, wobei ihr Gesichtsausdruck Glück und Zufriedenheit ausstrahlten.
Sie hatte stets großes Schlafbedürfnis und schlief auch sehr viel. Dr. Lehmann
sprach ab und zu noch vor, doch nicht zu häufig, denn er konnte Geigele in
kein rechtes Gespräch hineinziehen. Mutter
Schreiber ging immer noch aus waschen. Geigele versorgte den kleinen
Haushalt. Am liebsten wäre Geigele in Stellung gegangen, doch Mutter
Schreiber wollte davon nichts wissen. „Du bist noch
zu schwach dafür. Außerdem sorge fürs Haus und Philipp, wenn ich nicht da
bin, damit er sein Essen bekommt und im übrigen ruhe, bis du wieder ganz
hergestellt bist.“ Inzwischen
war der Verlobte Margarets vom Militär zurückgekehrt, ohne in Übersee gewesen
zu sein. Er hatte sich bei der Ausbildung ein Leiden zugezogen und war als
untauglich entlassen worden. Das Leiden war aber nicht dergestalt, daß er
etwa nicht hätte arbeiten können. Auch Waterville hatte Kriegsindustrie
bekommen und darinnen fand er schnell Beschäftigung. Mitte November wollten
Margarete und ihr Gustav heiraten und dann sollte Geigele den Haushalt bei
McCook führen, um abends immer zu ihrer Mutter zurückzukehren und dort weiter
wohnen zu bleiben. Frau McCook war, seit sie inzwischen offiziell gehört
hatte, daß ihr Sohn Fred tatsächlich bei einem Sturmangriff gefallen war,
leidend geworden und brauchte Pflege. Doch noch vor
der Hochzeit Margaretes wurde Frau McCook infolge Herzschlages dahingerafft.
Herr McCook blieb allein in seinem Haus und bat Frau Schreiber und Geigele,
ganz zu ihm überzusiedeln, sobald Margarete geheiratet hätte. Und so geschah
es auch. Einige Wochen
nach der Übersiedlung begann Geigele aber wieder zu kränkeln. Kurz vor Ostern
wurde sie bettlägerig, und Mutter Schreiber übernahm den Haushalt bei McCooks
und sorgte für ihn und für ihre Tochter. Herr McCook
freute sich, wenn Dr. Lehmann abends ab und zu vorsprach, was er jetzt wieder
häufiger tat, seit Geigele erneut erkrankt und bettlägerig geworden war. „Was ist
eigentlich Geigeles Krankheit, Herr Doktor“, fragte bei einem der
gelegentlichen Abendbesuche Herr McCook den Assistenzarzt. „Es ist ein
seelisches Leiden, wofür die Kunst der Ärzte noch keinen rechten Namen
gefunden hat.“ „Ist es eine
neue Krankheit?“ „Nein, ganz
im Gegenteil. Sie ist uralt und wird auch schon in der Bibel ab und zu
erwähnt.“ „Ist es eine
Art von Besessenheit?“ fragte interessiert Herr McCook, da Dr. Lehmann die
Bibel erwähnt hatte. „Nein, das
nicht. Es ist ein seelisches Leiden irgendeiner Art, durch das die Seele den
Körper anscheinend irgendwie ‚auflockert‘, so daß sich die Seele ohne Wissen
des oder der Leidenden aus dem Körper zu entfernen vermag.“ „Weist die
Geschichte der Arzneikunst solche oder ähnliche Fälle auf?“ „Ja, doch
sind es nur wenige. Wahrscheinlich wären es viel mehr, wenn die Ärzte sich
mehr damit beschäftigt hätten. Soviel mir bekannt war, liegt bisher nur ein
einziger offizieller Bericht über ein solches Leiden vor, und zwar ist das
der Bericht des deutschen Arztes Dr. Justinus Kerner über die ‚Seherin von
Prevorst‘! Ich habe den Bericht schon mehrmals genau gelesen, erst in letzter
Zeit wieder, da mir das, was Dr. Kerner von der ‚Seherin von Prevorst‘ berichtet,
in mancher Beziehung auch auf Geigeles Zustand zu passen scheint.“ „Das ist
interessant, sehr interessant. In welcher Hinsicht ist da eine Ähnlichkeit
vorhanden?“ „Das ist noch
schwer zu sagen. Ich denke, Geigeles Zustand wird sich erst noch dazu
entwickeln, mag aber eine etwas andere Form annehmen als bei der ‚Seherin von
Prevorst‘. Doch wir müssen abwarten.“ Dr. Lehmann
hatte recht vermutet. Geigeles Zustand wurde immer hinfälliger. Sie lag oft
mit halbgeschlossenen Augen und gefalteten Händen da, gleich als ob sie vor
sich hin betete. Manchmal sprach sie auch laut, und wenn Mutter Schreiber
gerade an ihrem Bett saß, so hörte sie Geigele oft, als ob sie sich mit
jemanden unterhielte. Inzwischen
war es tatsächlich so gekommen, wie Geigele es prophezeit hatte. Es war eine
Epidemie ausgebrochen, und zwar eine solche der Influenza, von der jetzt auch
Waterville und Umgebung nicht verschont blieben. Es war, als ob Waterville
erst ganz zum Schluß an die Reihe kam, nachdem schon seit Monaten die
Epidemie geradezu verheerend in ganz Nord-Amerika gewütet hatte. Inzwischen
war es ja auch zum Waffenstillstand gekommen. Es wurden schnell Ärzte von der
Armee entlassen, doch die Epidemie wütete noch den ganzen folgenden Winter hindurch,
wenn auch nicht mehr so stark wie am Anfang des Auftretens. Der Epidemie
war unter vielen anderen auch Dr. Klein zum Opfer gefallen. Sein Assistent,
Dr. Lehmann, übernahm seine Praxis und hatte zunächst vollauf zu tun, um
allen Rufen um Hilfe nachzukommen. Inzwischen
änderte sich in Geigeles Zustand nichts, außer daß sie fast zum Skelett
abmagerte, dabei aber geistig frisch und heiter erschien. Mutter
Schreiber und auch Herr McCook, dem Erstere von Geigeles Sprechen vor sich hin
erzählt hatte, saßen nun öfter abends am Bett der Kranken, denn es ergab sich
allmählich, daß sie besonders in den Abendstunden absolut geistesabwesend zu
sein, oder besser ausgedrückt, sich in einem Zustand völliger Entrückung zu
befinden schien. Wohin ihre Seele dann schwebte, wußte man nicht, doch zeigte
das geringe Atmen und der beseligende Gesichtsausdruck, daß Geigele
einesteils noch lebte, andernteils mit ihrer Seele jedoch ganz woanders sein
mußte. Öfter
bewegten sich wohl Geigeles Lippen, als ob sie mit jemandem spräche. Man
hörte auch manchmal ganze Sätze, aber nicht deutlich genug, um den Sinn des
Gesprochenen feststellen zu können. Da, eines
Abends, als Dr. Lehmann wieder einmal zu Besuch gekommen war und man ihn von
dem eigentümlichen Benehmen und Verhalten von Geigele in Kenntnis gesetzt
hatte, schien diese plötzlich zu erwachen und sprach dabei aufgeregt vor sich
hin. Alle drei —
außer Geigele — im Zimmer Anwesenden setzten sich nun ganz nahe zum Bett, um
besser hören zu können, was die Kranke vor sich hinsprach. Diese verfiel aber
bald wieder in ihren scheinbar so glücklichen Zustand des inneren Schauens. Schon wollten
sich alle leise entfernen, als Geigele die Lippen zu bewegen und nun deutlich
zu sprechen begann. Man trat nahe ans Bett heran. Sie atmete sehr erregt.
Plötzlich ließ dieses Atmen nach. Die Kranke erschien wie innerlich gesammelt
und gefaßt und sagte nun klar und deutlich: „Doktor, nimm
Papier und einen Bleistift und schreibe!“ Und als Dr.
Lehmann überrascht und zweifelnd zauderte, kam es wieder, diesmal bestimmt,
von Geigeles Lippen: „Warum zögerst du? Bitte tue, um was ich dich gebeten
habe!“ Nun suchten
alle drei, Geigeles Mutter, Herr McCook und Dr. Lehmann, nach Papier und
fanden es schließlich auch. Dr. Lehmann hatte einen Bleistift bei sich und
schreibbereit beugte er sich zu der Kranken nieder. Diese schien sich mit
irgend jemanden Unsichtbaren zu unterhalten. Sie nickte ab und zu ernst mit
dem Kopf, dann öffnete sie den Mund wie zum Sprechen, zögerte aber wieder und
schien erneut zuzuhören. Endlich mußte sie alles gehört haben, was ihr gesagt
wurde. Man sah es an ihrem Gesicht, das den Ausdruck des gespannten Zuhörers
verlor. Nach einer Weile diktierte sie: „Schreib! Die lieben Verstorbenen,
die hier alle um uns sind, lassen euch sagen, daß ihr nicht um sie zu trauern
braucht. Sie sind alle glücklich. Ich habe hier einen ‚Beschützer‘ bei mir,
der uns, Fred und mich, immer hier herumführt und alles zeigt und erklärt.
Nun hat er mich beauftragt, verschiedenes von dem, was ich sehe und wahrnehme,
der Welt mitzuteilen. Bist du, Doktor, bereit niederzuschreiben, was ich dir
diktieren werde? Ich werde alles erleben und ich übertrage es dann nur in
Worte an euch. Bist du bereit dazu, Doktor?“ „Gern,“
antwortete der Gefragte. „Doch du weißt“ — wobei Dr. Lehmann als ganz
selbstverständlich ebenfalls mit ‚du‘ antwortete —‚ „daß ich nicht jeden Tag
kommen kann, weil ich durch Patienten in Anspruch genommen bin.“ Geigele
schwieg und horchte lauschend nach Innen, wobei sie wiederholt nickte, als ob
sie das Gehörte verstanden hätte. Einige Male lächelte sie vor sich hin.
Einmal schüttelte sie auch energisch mit dem Kopf, lächelte dann aber gleich
wieder. Darauf sagte
sie laut vernehmlich: „Mein Leiter und ‚Beschützer‘ sagt mir, du kannst kommen,
wann du willst und Zeit hast. Man wird sich nach dir richten. Im übrigen
wirst du jetzt weniger zu tun bekommen, da wieder genügend Ärzte da sind und
die Epidemie in kurzem ganz erloschen sein wird.“ Da nun nichts
mehr weiter an Kundgebungen kam, verabschiedete sich Dr. Lehmann von Frau
Schreiber. Herr McCook begleitete ihn zur Tür und fragte ihn, wie zweifelnd:
„Was halten Sie von alledem, Herr Doktor?“ „Jetzt liegt
ein ganz klarer und deutlicher Fall von entwickeltem Sehertum vor, wie Dr.
Kerner ihn bei der ‚Seherin von Prevorst‘ beobachtet hatte. Und ich — denken
Sie, Herr McCook — ich bin dazu ausersehen, den Zustand und die Erlebnisse
dieser deutsch-amerikanischen Seherin, ‚Seherin von Waterville‘, der Nachwelt
zu übermitteln!“ Freudig
erregt drückte Dr. Lehmann dem etwas erstaunten Herrn McCook die Hände und
eilte davon. Von jetzt ab
begannen für Dr. Lehmann und auch für McCook, der es sich selten entgehen
ließ, dabei zu sein, sowie für Mutter Schreiber äußerst — wie sie alle
übereinstimmend bezeichneten — ‚segensreiche‘ Abende und Stunden, wovon die
Außenwelt nichts weiter erfuhr, bis sich später der Zustand von Geigele doch
wieder irgendwo herumgesprochen haben mußte und sich erneut Besuche
einstellten. Doch das war erst später. Die Kundgebungen Geigeles kamen nun
mehrere Jahre hindurch, wann immer Dr. Lehmann kommen konnte, und sie
dauerten oft viele Stunden. — Dr. Lehmann
zeichnete sie sorgfältigst auf für die Nachwelt! Um sie in
vollen Zusammenhang hier wiederzugeben, sei der Bericht über den eigentlichen
Lebensgang Geigeles unterbrochen und zunächst das in rechten Zusammenhang
gebracht, was Geigele aus dem Jenseits in ihrem somnambulen Zustand zu berichten
hatte. Die Berichte
führen in die verschiedensten Sphären des jenseitigen Seins. Manche davon
bleiben aber verschlossen, da die dort obwaltenden Umstände und Zustände kaum
würden begriffen werden können. Manche jenseitige Sphäre ist nur für schon
Verstorbene erfaßlich und würde noch Lebende lediglich verwirren. (Ende des ersten Teils) Zweiter Teil(Die nachstehenden
somnambulen Kundgebungen Geigeles sind nicht chronologisch, d.h. in der Reihenfolge,
wie sie kamen, sondern als inhaltlich zusammenhängende Erlebnisse wiedergegeben.
Manche Erlebnis-Schilderung Geigeles erfolgte innerhalb von Wochen, ja, sogar
erst von Monaten, je nachdem Dr. Lehmann zwecks Aufzeichnung zugegen sein
konnte. Die verschiedenen Schilderungen sind so zusammengefaßt, daß sie
fortlaufende Berichte ergeben. Die hier festgehaltenen somnambulen
Mitteilungen Geigeles erstreckten sich mit zeitweisen Unterbrechungen über
fast sieben Jahre, worauf sie auf einmal — wie Geigele von geistiger Seite
vorher angekündigt worden war — gänzlich ausblieben. Geigele lebte darauf
noch etwa fünf Jahre, die mit recht dramatischen Ereignissen ausgefüllt
waren, die in einem, diesem zweiten Teile folgenden Dritten Teil dann noch eingehend geschildert werden sollen.
Obgleich sich das Nachfolgende auf die gemachten Aufzeichnungen von Dr.
Lehmann stützt, ist die erzählende Form beibehalten. — Anmerkung der
Redaktion.) Der Leiter
und Beschützer Geigeles, ein Mann in glänzendem Gewande, der einstmals auf
Erden ein großer Denker war, aber nur wenig Anerkennung während seines
Erdenlebens gefunden hatte, hilft ihr aus ihrem Körper. Neben dem Beschützer
steht lächelnd, und Geigele willkommen heißend, ihr Fred. Es durchrieselt
Geigele ein überaus beglückendes Gefühl, als Fred ihre Hand ergreift und sie
an sich drückt. Sie sehen beide auf den, wie tot im Bett liegenden Körper
Geigeles, der nur schwache Anzeichen von Leben verrät. Daneben sitzen die
Mutter, Herr McCook und Dr. Lehmann, letzterer mit einer Schreibmappe auf den
Knien. Alle blicken sie auf den Körper, wie lauschend. Geigele selbst fühlt
sich zwar wunderbar frei, aber doch noch wie auf geheimnisvolle Weise an
ihren daliegenden irdischen Körper gekettet. Es kommt ihr so vor, als ob sich
alle ihre Gefühle und Empfindungen auf diesen übertragen, wodurch sie den
Umsitzenden verständlich werden, da sie darüber laut spricht, wovon sie
selbst aber nichts weiß, obschon sie sich bewußt ist, daß sie lebt und erlebt. Der
Beschützer, der sich als Aristos vorgestellt hatte, wendet sich jetzt an Fred
und Geigele mit den Worten: „Zunächst will ich euch in eine Sphäre führen,
die du, Fred, zwar schon kennst, da du ja auch dort durchgegangen bist nach
deinem irdischen Ableben, doch die du jetzt, da du deine eigene Sphäre, wo du
vorläufig noch hingehörst, nun gefunden hast, mit ‚wissendem‘ Bewußtsein
spüren wirst, d.h. du kannst nun über dem Verwirrenden dieser Sphäre stehen.
Für Geigele freilich wird es ganz etwas Neues bedeuten. Sie soll diese Sphäre
aber kennen lernen, um durch ihr Erleben in ihr gleichzeitig für die noch
lebende Menschheit darüber zu berichten. Kommt!“ Damit ist es,
als ob sich alle aus dem Zimmer entfernen, in dem Geigeles Körper liegt; doch
sie vermag es nicht recht anzugeben, ob es ein räumliches Entfernen oder nur
ein örtlicher Szenenwechsel ist. Es ist hier auf den Ebenen, in die sie
eingeht, wenn sie im irdischen Körper ihr Bewußtsein verliert, alles so ganz,
ganz anders. Plötzlich
befinden sich alle drei in einer Landschaft, die sich am Horizont in neblige
Umrisse auflöst. Es scheint alles etwas durcheinander zu sein. Es kommt
Geigele fast wie eine Art von Sanatoriumgarten vor. Dauernd tauchen, wie von
ungefähr, Menschen auf in den allerverschiedensten Kleidungen und Trachten.
Nach anfänglichem scheinbaren Herumwirren nähern sich diesen immer bald
andere Menschen, die hier sozusagen zu Hause zu sein scheinen und wie Angestellte
dieses scheinbaren Sanatoriumgartens sich der alle Augenblicke wie von
ungefähr auftauchenden Menschen freundlichst annehmen. Geschieht das, so
verschwinden sie wieder aus dem Gesichtsfeld, als ob sie sich aufgelöst
hätten. Geigele sieht
Fred erstaunt an. Dieser lächelt. „Und da bist
du auch durchgegangen, ich meine durch diesen Sanatoriumgarten?“ fragt sie
betroffen. „Ja“, gibt
Fred freundlichst zurück. „Das ist der
Platz“, fällt da Aristos erklärend in das Gespräch ein, „wo alle auf Erden
Gestorbenen, also alle von Menschenleibern befreite Seelen zuerst im
sogenannten ‚Jenseits‘ eintreffen. Das hier ist keine Räumlichkeit, die sich
irgendwo im Kosmos befindet, sondern eine Zustands-Örtlichkeit, die räumlich
überall sein kann und sich bemerkbar macht, wo jemand stirbt. Das ist
freilich für noch lebende Menschen etwas schwer verständlich. Für Fred wird
das aber nicht mehr so unverständlich sein.“ Dabei blickt Aristos Fred
freundlichst an, der zustimmend nickt. „Nun,
Geigele“, fährt Aristos erklärend fort, „für dich ist das aber alles
natürlich ganz etwas Neues und so auch für die Erdenmenschen, die einmal das
lesen werden nach den Aufzeichnungen, die Dr. Lehmann neben deinem irdischen
Körper macht, da du ihn — ohne daß du es hier fühlst — über das alles durch
Erzählen unterrichtest.“ Nachdem alle
drei eine Weile dem Kommen und Gehen auf dem Gelände zugeschaut haben, fährt
Aristos erklärend fort: „Um das alles zu verstehen, wollen wir uns einmal
einen Einzelfall herausgreifen. Seht dort den Mann, etwa zwischen 70 und 80
Jahren, der zögernd, staunend und etwas verwirrt aus dem schattenhaften
Horizont auftaucht und sich wie hilfesuchend umsieht. Es ist die Seele eines
gebildeten Menschen, der einen anständigen Charakter hatte, bei Lebzeiten
niemandem absichtlich etwas Böses zufügte, mit jedermann gut auskam,
Rücksichten kannte und nahm, sich aber um geistige Zustände nie ernstlich
bekümmerte. Er verlachte sie jedoch auch nicht, ließ sie aber nur als
kindliche Einbildungen gelten. Er war überzeugt, daß für ihn nach dem irdischen
Tode alles aus sein werde. Nun ist er gestorben. Er weiß das aber noch nicht.
Seht, jetzt nähert sich ihm jemand, der ein ähnlich freundliches Wesen hat.
Laßt uns zuhören, was sie sich unterhalten.“ Ohne daß sich
die drei fortbewegten, ist es, als ob sie nun direkt neben der eben erst hier
eingetroffenen Seele stehen, ohne daß diese sie jedoch sehen kann. Nur die
freundliche Person, die sich dem Neuankömmling genähert hat, scheint die drei
Beobachtenden wahrzunehmen, nickt ihnen aber nur wie einladend zu. „Was ist denn
bloß mit mir los? Wo bin ich?“ redet der Neuankömmling die zu ihm tretende
Person an. „Du bist
gestorben, mein Freund, und grade im ‚Jenseits‘ angekommen, an das du ja nie
geglaubt hast“, lautet die Antwort. „Das verstehe
ich nicht“, dabei faßte sich der Neuankömmling an die Stirn, als ob er über
alles das erst mal ordentlich nachdenken müsse. Nach einiger Zeit
fällt sein Blick wieder auf die neben ihm stehende Person, die sich seiner
annehmen will, und er fragt höflichst: „Entschuldigen Sie bitte, doch wer
sind Sie denn? Ich kann mich nicht erinnern, Sie schon je vorher einmal
gesehen zu haben.“ „O ja, Sie haben!
Ich bin Charles Dunkan!“ „Charles
Dunkan?“ wiederholte nachdenklich der Neuankömmling. „Jawohl,
Charles Dunkan,“ bekräftigte der Angeredete. „Und Sie sind Edward Laurel, der
in der Stadt, in der sie auf Erden lebten, der bestbekannte Architekt war.“ „Ich verstehe
noch immer nicht.“ „Warten Sie!
Denken Sie mal etwa dreißig Jahre zurück. Damals arbeitete ich, Charles
Dunkan, als Hilfsarchitekt in Ihrem Architektenbüro. Ein Gebäude stürzte ein
und begrub mehrere Arbeiter unter den Trümmern. Ich wurde dafür
verantwortlich gehalten, weil ich die hauptsächlichsten Berechnungen gemacht
hatte. Erinnern Sie sich jetzt?“ „O ja, das
ist recht!“ „Sie nahmen
sich damals, als ich verurteilt wurde und dann im Zuchthaus starb, meiner
Familie in vornehmster Weise an, ließen meine Kinder etwas lernen und
unterstützten meine Frau, bis diese sich wieder selbst ernähren und ihr
später von ihren Kindern geholfen werden konnte. Ich weiß, Sie betrachteten Ihre
Handlungsweise als einen Akt der Anständigkeit. Lieber Freund, Ihr Handeln
war ein Akt, der mich über das Grab hinaus verpflichtete und Ihnen, — ohne
daß Sie es wußten —‚ als Verdienst zugeschrieben wurde. Darum bin ich es
jetzt, der Sie bei Ihrem Eintreffen begrüßen und anfänglich beraten darf.“ „So, so, also
tatsächlich tot bin ich! Merkwürdig, und vom eigentlichen Sterben habe ich
gar nichts gespürt.“ „Das ist der
Lohn für Ihre durchaus anständige Gesinnung ihren Mitmenschen gegenüber.“ „Da gibt es
also doch ein Fortleben, an das ich nie habe glauben können.“ „Ja, und das
jetzige Leben — nach dem irdischen Tode — wird für Sie immer reicher und
voller werden. Doch vorerst werden Sie einige Aufklärungsinstitute besuchen
müssen, wo Ihnen jede Auskunft über Gott zuteil werden wird, die Sie
wünschen. Überall werden Sie dabei von netten und freundlichen
intellektuellen Menschen umgeben sein, so daß Sie sich werden direkt heimisch
fühlen können.“ „Was wird
denn dann aus mir, wenn ich die Institute absolviert habe?“ „Dann kommen
Sie in eine Sphäre, die Ihrem Innersten entspricht.“ „Hoffentlich
werde ich mich dort irgendwie betätigen können, denn nichts ist mir mehr
zuwider als Herumsitzen.“ „Deswegen
brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Hier im Jenseits gibt es so etwas
wie Faulenzen überhaupt nicht, wenn man sich glücklich fühlen will. Erst
überzeugen Sie sich aber vom Dasein Gottes, und Sie werden überrascht sein,
wie sich die Umwelt für Sie zum Besten ändern wird.“ Damit endet
die Unterredung, und Aristos, Fred und Geigele schienen wie durch unsichtbare
Hände von den beiden Sprechenden abgerückt zu sein. „Bist du auch
so hier empfangen worden, Fred, als du gefallen warst?“ fragt Geigele. „Nicht gerade
so, aber ähnlich.“ „Wie war es?“
drängt Geigele mit der ihrem Geschlecht eigenen Neugierde. „Soweit ich
mich zurückerinnere, war es folgendermaßen: Wir hatten im Argonnerwald
mehrere Stellungen gestürmt und lagen nun vor einer besonders starken
Stellung. Wir warteten auf unsere Artillerie, bis diese nachkam und die
Stellung erst ‚sturmreif‘ zusammenschoß. Dann stürmten wir wieder weiter. Das
Letzte, was ich weiß, war, daß ich über die Böschung unseres schnell
aufgeworfenen Schützengrabens hinwegkroch. Weiter weiß ich nichts mehr, denn
es wurde plötzlich alles schwarz um mich herum. Ich hatte dabei aber doch das
dumpfe Gefühl, als ob ich existiere. Mir war etwa so zumute, wie in einem Halbschlummer.
Mit der Zeit schien ich in einen traumlosen Tiefschlaf zu versinken. Wie
lange das war, weiß ich nicht. Plötzlich war es mir aber, als ob mich jemand
an der Hand nahm und freundlich ermunterte: ‚Kommen Sie, Herr Leutnant,
kommen Sie mit‘. Mir war es, als ob ich gehorchen müßte. Ich richtete mich
auf, was mir gar keine Schwierigkeiten bereitete. Willenlos folgte ich dem,
der meine Hand ergriffen hatte, von dem ich aber vorläufig nur die Silhouette
wahrnahm, da alles wie im Nebel um mich herum erschien. Auf meine Frage,
wohin wir gingen, erhielt ich zur Antwort, ich solle mich nicht beunruhigen.
Ich folgte daher ruhig weiter und tauchte dann schließlich hier auf, wo wir
uns jetzt befinden. Da wurde es plötzlich hell um mich und ich erkannte
meinen Begleiter. Du kennst ihn auch, Geigele, denn er steht neben uns. Er
war Aristos!“ „Was hat denn
Aristos gerade zu dir hingezogen?“ „Das weiß ich
auch nicht“, antwortete Fred mit Achselzucken. Fred
erscheint Geigele noch in seiner Offiziersuniform, so wie sie ihn beim
Abschied gesehen hatte, nur hat er keine Kopfbedeckung, und in seiner Stirn
befindet sich, wie Geigele jetzt mit Schrecken wahrnimmt, ein kleines Loch
wie von einer Kugel herrührend. Als Geigele
das jetzt gewahr wird, schmiegt sie sich ganz an Fred an, und ihre Hand auf
die Kopfwunde pressend, fragt sie besorgt: „Tut das noch immer weh, Fred?“ „Was meinst
du?“ kommt es erstaunt zurück. „Deine
Kopfwunde!“ „Habe ich denn
eine?“ Damit greift Fred, wie überrascht, nach seiner Stirn. Als er die Wunde
gewahr wird, wundert er sich noch mehr. „Das habe ich
ja aber noch gar nicht bemerkt gehabt.“ „Hast du denn
dort keine Schmerzen? Die Wunde sieht aus als ob sie noch nicht geheilt sei.“ „Nein.“ Geigele kann
sich das nicht erklären. Deswegen mischt sich Aristos ein: „Fred erlitt
einen Herzschuß und war gleich tot. Deswegen weiß er selbst es auch nicht,
auf welche Weise er starb. Da er noch nicht danach fragte, wie er starb, habe
ich es ihm nicht gesagt gehabt. „Übrigens hat er die Kopfwunde, die du
Geigele, jetzt wahrnimmst, auch nicht immer, sondern nur, wenn er mit dir
zusammen ist.“ „Das verstehe
ich nicht“, bemerkt der Angeredete. „Das glaube
ich“, fährt Aristos fort, „das hängt nämlich folgendermaßen zusammen. Fred
ist sich nicht bewußt, wie er starb. Folglich gibt es für ihn auch keine
Kopfwunde, die er auch nie erhalten hat, weil die Kugel direkt durch sein
Herz ging. Doch da du, Geigele, dir immer dachtest, er sei beim Angriff durch
den Kopf geschossen worden, so siehst du jetzt auf Freds Stirn eine
Kopfwunde. Und weil du darüber voller Mitleid und Erbarmen bist, so erscheint
dir die Wunde noch ungeheilt und schmerzhaft. In Wirklichkeit aber ist sie
gar nicht da, außer für deine Vorstellung.“ Geigele
schweigt benommen und scheint nachzudenken. Aristos
lächelt und erläutert weiter: „Ja, hier sind andere Gesetzmäßigkeiten,
besonders bei Beginn des Lebens im Jenseits als bei euch. Hier ist alles
vorhanden, was sich jemand vorstellt. Die Wunde an Freds Stirn ist von dir
geschaffen, Geigele.“ “Von mir?“
schreckt Geigele zusammen. „Ja, von dir,
doch du brauchst deswegen nicht zu erschrecken, denn du siehst ja, daß Fred
sie gar nicht bemerkt hatte und sie erst jetzt gewahr wird, als du
behauptest, er hätte eine. Da ihn selbst eine solche Wunde aber völlig
unbewußt ist, so ist die Wunde sofort weg, wenn du nicht bei uns bist.“ „Dann gehe
ich lieber gleich. Laßt mich in meinen Körper zurück“, bittet Geigele
flehentlich. „Ich will Fred keine Schmerzen bereiten.“ „Ja, aber er
hat doch gar keine“, lacht Aristos. „Stimmt das,
Fred?“ fragt zweifelnd Geigele. „Aber ja
doch, liebes Geigele. Niemals wäre mir der Gedanke an eine Kopfwunde
gekommen, wenn du mich nicht darauf aufmerksam gemacht hättest. Wie sich bei
dir, liebes Geigele, die Vorstellung von einer Kopfwunde in dein Bewußtsein
eingeschlichen hat, weiß ich nicht, doch deine Vorstellung läßt nun für mich
eine Kopfwunde auf meiner Stirn erscheinen. Nach deiner Vorstellung und
Auffassung würde ich für dich — wie ich nun glaube — gar nicht dein Fred im
Jenseits sein, wenn ich nicht eine Kopfwunde hätte.“ „Ist das
seltsam“, bemerkte erstaunt und zögernd Geigele. „Hier ist
noch so manches andere höchst seltsam, Geigele“, fügte Aristos hinzu. „Doch
Geigele, sag mal selbst, wie sollte wohl jemand einen — besonders seit langem
im Jenseits sich schon befindenden — Verstorbenen wiedererkennen, wenn dieser
nicht die Merkmale und Charakteristika aufwies, die mit ihm bei Lebzeiten
identisch waren. Angenommen, jemand war ein Krüppel und erscheint nach langer
Zeit einer ihm sonst fremd gewesenen Person, die im Leben weiter keinen
Anteil an ihm genommen hatte. Der Verstorbene mag hier im Jenseits in seinem
Seelenkörper schon lange kein Krüppel mehr sein, doch muß er als solcher noch
der Person erscheinen, die ihn nur so kannte, da sie sonst nicht wissen
würde, wer die Erscheinung sei. Wenn du öfter mit uns zusammen bist und mit
der Zeit weniger auf unsere äußere Erscheinlichkeit achten wirst, dürftest du
gewahr werden, daß Fred in Wirklichkeit hier, wo er jetzt weilt, auch gar
keine Uniform mehr trägt, sondern in ein weites, buntes Gewand gekleidet
ist.“ „O, da mußt
du aber schön darin aussehen, Fred“, schaltet erfreut Geigele ein. „Ja, darin
sieht Fred auch hübsch aus.“ „Warum kann
ich ihn denn jetzt nicht einmal darin sehen, nur für einen kurzen Augenblick
wenigstens, bitte.“ Aristos
schüttelte lächelnd den Kopf: „Alles zu seiner Zeit. Du wirst Fred schon noch
früh genug so sehen, wie er jetzt wirklich aussieht. Doch da drüben sehe ich
eine Seele sich aus dem nebligen Horizont herausschälen, zu der wir
hinwollen, um sie zu beobachten und zu belauschen.“ Schon stehen
die drei auch neben der Seele, deren Konturen als die einer menschlichen
Person aber nur schwach hervortreten. Es ist ein Mann in einem schäbigen
Anzug, der durchaus nicht deutlicher werden will. Er scheint im
Selbstgespräch begriffen zu sein und um sich nichts wahrzunehmen. Mit
geballten Fäusten, wie drohend irgendwohin gestikulierend, spricht er zu sich
selbst: „Warte, du Schuft, du wirst deinen Zahltag noch kriegen! Laß mich
erst wieder gesund sein. Keine ruhige Minute wirst du mehr in deinem Leben
haben. Was du mir angetan hast, wirst du hundert- — nein, tausendfach —
durchkosten, denn ich werde dich nicht gleich umbringen, sondern langsam zum
Krüppel machen, du elender Schuft du!“ Damit erhebt
das schattenhafte Wesen drohend die Faust. „Wer ist denn
das?“ fragt Geigele erstaunt. „Das ist der
Mann, der eben im Streit in einer Kneipe erstochen wurde. Er weiß noch nicht,
daß er tot ist. Er glaubt, er wurde nur verwundet und ist voller Rache gegen
den Täter.“ „Was wird aus
ihm hier?“ verwundert sich Geigele. „Siehe, da
nähert sich jemand, fast genau so schlecht gekleidet wie er und ebenfalls heruntergekommen
aussehend, was der Hinzukommende aber in Wirklichkeit nicht ist. Im
Gegenteil, er ist ein jenseitiger Helfer, auf den die hier eingetroffene
Seele aber nicht hören — ja, ihn nicht einmal sehen — würde, wenn der Helfer
nicht wie jemand erschiene, der aus gleichem Milieu wie die angekommene Seele
stammte.“ Jetzt wird
die Seele des Helfers ansichtig. „Nanu, wo
kommst du denn auf einmal in dieser elenden Gegend her? Sag‘ mal, wo bin ich
denn eigentlich?“ und sich, wie auf den Streit erinnernd, blickt er sich
wütend um: „Und wo ist der Schuft, der Charles?“ „Charles ist
nicht hier“, bemerkt ruhig der Helfer. „Was willst
du dann hier? Scher‘ dich fort von hier!“ Darauf nicht
hörend, fährt der Helfer fort: „Du solltest froh sein, daß sich jemand deiner
annimmt. Du bist nämlich ohne rechtes Bewußtsein und träumst.“ „Was, das
soll ich träumen? Doch, wo ist der Schuft, der Charles?“ „Gemach,
gemach, du wirst ihn schon noch zu sehen bekommen.“ „Ich hoffe so
und das recht bald!“ unterbricht die Seele erregt den Sprecher. „Na ja doch,
so beruhige dich doch endlich mal!“ fährt tröstend der Helfer fort. „Was du
jetzt nötig hast, ist Schlaf, weil du durch den Blutverlust infolge der
Messerstiche“ — und damit wurden für Geigele und Fred plötzlich mehrere blutende
Wunden in der Brust des Seelenkörpers sichtbar — „sehr geschwächt bist.“ „Da magst du
recht haben! Wo soll ich mich hinlegen? Wo bin ich denn überhaupt?“ „Davon, wenn
du ausgeschlafen hast“, tröstet der Helfer. „Doch komm.“ Damit nimmt
der Helfer den Seelenkörper, der sichtlich schwächer und schwächer wird, an
der Hand und führt ihn fort. Beide verschwinden in dem wallenden Nebel des
Hintergrundes. „Der Helfer
nimmt diese Seele fort und bettet sie weich auf ein Lager“, erklärte Aristos.
„Dort schläft sie, jawohl schläft sie“, unterstreicht Aristos nochmals, da er
Geigeles Erstaunen darüber bemerkt, „bis sich der Seelenkörper langsam erholt
hat, um allmählich die Umgegend fassen und begreifen zu können. Für den
Verstorbenen, der im Streit umkam, wird das aber noch nicht gleich möglich
sein, denn er ist voller Rache. Er wird für einige Zeit sich selbst
überlassen bleiben müssen, bis sein Rachedurst etwas nachläßt und er seine
Aufmerksamkeit mehr seiner Umgebung zuwendet. Dann wird sich ihm der Helfer
wieder nähern als teilnehmender Zuhörer und langsam, aber ganz langsam und
vorsichtig versuchen, ihn von seinen Rachegedanken abzubringen. Das mag noch
lange dauern, ehe es gelingt. In der Zwischenzeit wird die Seele sich allein
überlassen und muß einsam herumirren, bis sie für Ratschläge zugänglicher
wird und ihre Rache abgekühlt ist.“ „Wo kommt
dann diese Seele hin?“ erkundigt sich Fred. „Das hängt
von ihrer Gesamtlebensführung als irdischer Mensch ab. Diese Seele war bei
Lebzeiten kein regelrechter Verbrecher. Es war nur ein jähzorniger Mensch,
vor allem aber war er rachsüchtig veranlagt. Das hätte sich aber im Laufe
seines ferneren irdischen Lebens allmählich geben können, wenn er eben länger
gelebt hätte. Doch da er in einem Wutanfall hier ins Jenseits einging, so muß
er das Ablegen des Jähzornes jetzt hier lernen, was aber viel, viel langsamer
vor sich geht und schwerer ist als es bei Lebzeiten der Fall gewesen wäre.“ Geigele
blickt sich beobachtend um und nimmt wahr, wie sich dauernd neue Seelen
gleich Schatten aus dem nebligen Hintergrund herauslösen. „Können wir
mal bis zu dem Hintergrund gehen? Ich möchte gern sehen, was dieser
eigentlich ist“, bittet sie Aristos. „Gern“, geht
dieser willig auf das Ersuchen ein. Alle drei
schreiten nun vorwärts. Doch sie kommen und kommen damit dem Hintergrund
nicht näher. Es ist, als ob er stets zurückweicht. Es scheint Geigele, als ob
sie sich überhaupt nicht fortbewegen. Aber sie gehen doch und schreiten
vorwärts. Plötzlich
bleibt Geigele stehen. Auch Aristos und Fred tun das. „Was ist denn
das bloß“, bemerkt sie wie unwillig, „wir kommen ja dem Hintergrund überhaupt
nicht näher. Es ist, als ob wir uns überhaupt nicht fortbewegen, und doch tun
wir das.“ „Du kannst
den Hintergrund nie erreichen, Geigele“, belehrt Aristos, „weil wir uns in
einer Zustands-Örtlichkeit befinden, und zwar in einer solchen, die für
jeden, der stirbt und nach dem Tode zu sich kommt, die gleiche ist, nämlich
ungewiß, verwirrend und irreführend. Diese Eigenschaften stellen den nebelhaften
Begrenzungshintergrund dar. Das ist hier eine Stätte, die, wie schon erwähnt,
räumlich irgendwo sein kann, örtlich aber immer völlig gleich für jeden
Verstorbenen sich formt beziehungsweise von selbst bildet. Kurz, es stellt
eine Art von Einführungs-Räumlichkeit ins große Jenseits, sowohl für den Himmel
wie für die Hölle, dar. Hier ist die Stätte, wo jede Seele eines oder einer
Verstorbenen sich erst sammelt, bis sich die Charakteristika vollends herausgearbeitet
haben, die ihr auf Erden eigen gewesen waren. Dabei wird hier jeder Seele
gestattet, ihren Lieblingswünschen nachzugehen, und jede Seele wird in die
dafür passende, zustandsmäßige Sonder-Örtlichkeit versetzt. Und da zeigt es
sich, daß viele, viele Seelen für das, was sie begehren, einfach nicht reif
sind und deswegen dort auch nicht weilen können. Sie werden nicht
hinausgeworfen, sondern sie wollen allein dort nicht mehr bleiben. Dann
kommen sie hierher zurück und verweilen schmerzlos und sogar mit einer
gewissen Zufriedenheit, bis es ihnen langweilig zu werden beginnt. Nun wird
die Seele erst wie magnetisch dorthin gezogen, wo sie sich wirklich
wohlfühlt, d.h. wo alles ihrem Innersten entspricht. Einen Verbrecher zieht
es mehr oder weniger in höllische Zustands-Räumlichkeiten, gute Menschen dagegen
in dementsprechend für sie himmlisch anmutende Zustands-Regionen. Doch laßt
uns einmal solche Fälle selbst beobachten.“ „Ist das
eigenartig und so ganz anders, wie wir es uns auf Erden immer vorstellen“,
schaltet Geigele interessiert ein. „Ja, das ist
richtig“, fährt Aristos fort. „Manche Menschen glauben auf Erden, sie gehen
gleich in den Himmel ein und haben ein Recht dazu, da sie ihrer Meinung nach
ein gottgefälliges Leben geführt haben — das ist ihre Meinung, die sie für
die allein richtige halten —‚ doch die Wirklichkeit hier im Jenseits ist nur
zu oft anders. Seht, dort drüben kommt gerade eine Seele an. Es ist die einer
Frau. Auf Erden war sie eine ganz bedeutende Persönlichkeit und lebte in der
ursprünglichen Heimat deiner Eltern, Geigele. Sie war vermögend und gab
reichlich, wenn sie darum ersucht wurde und dafür genügend Lob erntete durch
Zeitungen und in Ansprachen. In allen Vereinigungen, denen sie angehörte, war
sie Präsidentin — sonst hätte sie sich ihnen überhaupt nicht angeschlossen —‚
und in ihrem Heim hatte sie drei weibliche Angestellte, die sie — ihrer
Ansicht nach — mit größtem Wohlwollen —‚ in Wirklichkeit aber ganz nach ihren
Launen — behandelte. Sie hielt sich für so gut — und wurde darin von
Schmeichlern um sie herum auch noch bestärkt —‚ daß sie nun bestimmt glaubt,
sie kommt nach ihrem Tode sofort in den Himmel, zumal sie in ihrer Kirche
ständig den teuersten Platz gemietet und auch immer prompt dafür bezahlt
hatte. Kommt, wir wollen uns ihr nähern.“ Anfänglich
verworren, blickt sich die Seele der Frau eine Weile erstaunt um. Doch dann
scheint sie ihre innere Sicherheit zu gewinnen. Schon naht sich ihr auch eine
andere Seele, diesmal eine Frau, als Helferin. Diese redet die Neuangekommene
höflich an. „Womit kann
ich Ihnen dienen, gnädige Frau?“ „Na, zunächst
sagen Sie mir mal, wo ich überhaupt bin! Ich lag doch krank danieder.“ „Sie sind tot
und im Jenseits, gnädige Frau!“ „Was, Sie
sind wohl nicht ganz richtig oder wollen sich Ihren Spaß mit mir erlauben.
Tot? So was Unsinniges! Meine liebe Frau oder Fräulein, oder was Sie nun
gerade sind, wenn ich mal gestorben bin und im Jenseits aufwache, gehe ich
geradewegs in den Himmel und nicht in eine Gegend wie hier, wenn Religion auf
Erden irgendwelche Wahrheit enthalten haben sollte. Wissen Sie denn nicht,
Sie einfältige Person Sie, daß die Gläubigen, die Hilfreichen und wirklich
guten Menschen, so wie ich es war, die einzigen auserlesenen ‚Kinder Gottes‘
sind? Wo haben Sie denn Ihren Religionsunterricht genossen! Wahrscheinlich
bei irgendeiner Sekte, wo man nichts weiß und nicht versteht, was Religion
wirklich lehrt und ist. Also, scheren Sie sich mal gefälligst fort, Sie
einfältiges Wesen Sie!“ Damit macht
die arrogante Seele eine Handbewegung, als ob sie die Helferin fortscheuchen
will. Diese entfernt sich auch, d.h. verschwindet. „Na, was ist
denn das hier“, fängt nun die Verstorbene an zu raisonnieren, „gibt einem
denn hier niemand eine richtige Auskunft?“ „Aber gewiß,
gnädige Frau“, ertönt es da neben ihr, wo, wie von ungefähr, ein Priester im
Bischofsornat auftaucht. „Womit kann ich Ihnen dienen?“ Beim Anblick
dieses hohen Geistlichen klärt sich die Miene der Verstorbenen sofort auf,
und sie antwortet in geradezu überfreundlicher Weise: „Mein
liebster Herr Bischof, Eminenz, welche Ehre, mich hier willkommen zu heißen.
Aber sagen Sie mir doch bloß mal, wo kommt man denn hier in den Himmel, wenn
ich nun doch mal gestorben sein soll, wie die einfältige Frauensperson von
vorhin mir glatt ins Gesicht sagte?“ „Ja, in
welche Abteilung des Himmels wünschen denn gnädige Frau zu gehen?“ erkundigte
sich unterwürfigst der Bischof. „Dorthin, wo
alle guten Menschen wie ich eingehen. Das ist doch wohl ganz
selbstverständlich.“ „Wie Sie
wünschen. Bitte, folgen Sie mir. Doch nach Ihnen, gnädige Frau!“ Damit deutet
der Bischof nach rechts, verneigt sich und läßt die Seele voranschreiten, die
sich dadurch natürlich sehr geschmeichelt fühlt. „Ach, es ist
doch ganz was anderes, wenn man es mit wirklich gebildeten, vornehmen
Menschen wie mit Ihnen, Herr Bischof, zu tun hat.“ Die
Verstorbene ist noch zu kurze Zeit im Jenseits, um gewahr zu werden, daß es
doch auffällig sein müßte, wie schnell sich alles ändert. Ihr Zustand ist
noch ein zu verschwommen-traumhafter, jedoch beherrscht von ihrem
vorstechenden Charakteristikum, nämlich Hochmut, Eitelkeit und Dünkel. Plötzlich
befindet sich die Seele mit dem Bischof als Begleiter in einem herrlichen
Palast, wo Generäle in phantastischen Uniformen, Diplomaten und Damen in
hochherrschaftlichen Toiletten herumstolzieren. Die Seele fühlt sich nun wie
zu Hause. „Wer sind
denn die Herrschaften alle?“ informiert sie sich fragend bei dem hinter ihr
untertänigst folgenden Bischof. „O, das ist
die Gesellschaft am Hofe eines mächtigen Herrschers!“ „Natürlich am
Hofe Gottes?“ „Das würde
ich nun gerade nicht sagen“, lenkt der Gefragte vorsichtig ab. Eine Weile
sieht sich die Seele um und wartet, angesprochen zu werden. Sie braucht
auch nicht allzu lange zu warten, da ja alles das etwas rein Zustandsmäßiges
für die Verstorbene ist. „Sagen Sie
mal, meine Liebe“, wird sie da auch schon von einer sehr vornehm sich
benehmenden Dame angesprochen, „sind Sie nicht die Gräfin Belmont?“ „Nein,
bedaure, Ihnen nicht dienen zu können?“ antwortet freundlichst die
Angeredete. „Oh“, bemerkt
nun enttäuscht die Dame, wendet etwas schnippisch den Kopf fort und entfernt
sich hochmütig, sich mit ihrem Fächer Luft zuwedelnd. Die Seele ist
darüber innerlich gekränkt. „Aber so
was“, bemerkt sie entrüstet, und sich an den Bischof neben sich wendend,
hadert sie: „Von einer Angehörigen des Hofstaates Gottes hätte ich aber ein
wenig mehr Takt erwartet.“ „Aber, ich
bedeutete Ihnen doch, gnädige Frau, daß ich sehr zweifle, ob das wirklich
Gottes Hofstaat ist.“ „Das bleibt sich
jetzt gleich“, entgegnete etwas aufgebracht die schon recht gekränkte Seele. Sie nimmt nun
eine recht hochmütige und arrogante Pose an und schwebt nur so durch den
großen Saal. Untertänigst machen Generäle und Diplomaten ihr Platz, was ihr
sehr schmeichelt. Da sieht sie einen Portier. Sie winkt ihm: „Sagen Sie
mal, gibt es hier niemanden, der einen einführt oder vorstellt?“ „Aber gewiß
doch, gnädige Frau“, ertönt es da wiederum untertänigst neben ihr. „Gestatten
Sie, mein Name ist Baron von Dressler. Wem wünschen gnädige Frau denn
vorgestellt zu werden?“ „Endlich
einmal ein wirklicher Gentleman“, nickt die Seele erfreut und befriedigt mit
dem Kopf. „Stellen Sie
mich doch bitte zunächst mal dem Herrn da auf dem Thron vor.“ „Aber gern.
Wie ist doch Ihr Name?“ „Frau
Krautschild, Gattin des Bankiers Krautschild und Präsidentin und
Ehrenpräsidentin fast aller Frauenkomitees und Frauenvereinigungen in unserm
Ort. Na, Sie wissen schon.“ „Krautschild
ist Ihr Name? Gerade eben nur Krautschild?“ bemerkt da wie enttäuscht und
betroffen der Baron. „Jawohl
Krautschild. Genügt Ihnen das vielleicht nicht?“ entgegnet die Seele etwas
spitz, weil sie sich schon stärker getroffen und verletzt fühlt. „Bitte,
gnädige Frau, nehmen Sie meine untertänigste Entschuldigung entgegen; aber
hier darf niemand vorgestellt werden, der nicht einen Titel hat, und wäre es
auch nur das einfache und schlichte ‚von‘.“ „Was ist
das?“ fährt die Seele, wie von einer Tarantel bei Erdzeiten gestochen, empört
herum: „Und das soll der Himmel sein! Nein, für solch einen Himmel danke ich,
wo man nicht die Verdienste, sondern nur die Titel und Arroganz ehrt. Kommen
Sie, hochwürdiger Herr Bischof!“ Und ohne sich
umzusehen, schwebt sie davon in der Richtung, wo sie einen Ausgang vermutet.
Sie sieht sich gar nicht einmal um, ob ihr der Bischof folgt. Sie sieht nur,
daß sie einen Aufruhr im Saal verursacht. Alle drehen sich nach ihr um und
sehen sie mißbilligend und empört an. In ihrer Erregung merkt sie auch nicht,
wie sich die Umgegend immer mehr und mehr für sie verändert, bis sie
schließlich wieder die Form annimmt, wie sie war, als sie nach ihrem Ableben
zu sich kam. Sie ist nun wieder an dem Ort, der von einem nebligen Horizont
umgeben ist. Der Bischof ist auch verschwunden. Die Seele
sieht sich erstaunt um und bemerkt entrüstet: „Na, aber so was!“ Dann scheint
sie sich aber, wie ganz selbstverständlich, in alles zu schicken. „Was wird nun
mit ihr?“ fragen da Geigele und Fred fast gleichzeitig ihren Begleiter
Aristos. „Vorläufig
wird sie ermüden und in einen tiefen traumlosen Schlafzustand sinken. Wenn
sie wieder zu sich kommt und gekräftigt erwacht, wird sich ihr abermals
jemand als Helfer nähern und sie ein anderes Charakter-Erlebnis durchmachen
lassen. Das geschieht so lange, bis sie derselben müde wird. Dann wird sie
nach der Sphäre versetzt, die ihrem wirklichen Wesen nach ihrer
Eigen-Charakteristik entspricht. Dort wird sie mit solchen zusammensein
müssen, die ebenso arrogant, eingebildet und hochmütig wie sie sind, und die
sie recht oft demütigen werden. Ist das geschehen, dann wird sich wieder ein
Helfer oder eine Helferin nähern, die sie nach einer anderen Sphäre versetzen
wird, wo dieser Seele andere Erfahrungen harren, die ebenfalls mit ihrem allmählichen
Charakterwandel etwas zu tun haben werden. Es ist ein langwieriger
Geduldsprozeß für die Helfer, bis es bei dieser Seele langsam zu dämmern
anfangen wird, daß andere Menschen auch Rechte haben und nicht bloß sie
allein. Alle solche Fälle von Hochmut und Arroganz sind sehr schwer hier
drüben auszuheilen.“ „Gelingt das
aber doch schließlich?“ forscht Geigele interessiert. „Ja, niemand
geht verloren, doch in manchen Fällen gehen bis dahin so viele Wandlungen und
Veränderungen mit dem Zustandsmäßigen der Seele und inzwischen auch mit ihren
räumlichen Verhältnissen vor sich, daß es selbst für Weitvorgeschrittene fast
unmöglich ist, allen Zusammenhängen in einzelnen Fällen zu folgen und sie zu
übersehen.“ „Ich sehe
immer nur Seelen von Kulturländern hier eintreffen? Wo kommen denn die Seelen
von anderen Ländern hin, z.B. von Eingeborenen aus Indonesien, Polynesien und
den asiatischen Ländern?“ „Die kommen
auch zuerst hier an, da, wie ich schon sagte, das, was ihr hier seht, als die
Eingangs- und Einführungsstation zum Jenseits zustandsmäßig örtlich überall
im Raum vorhanden ist, ganz gleich in welcher Gegend der Erde ein Mensch
stirbt. Daß ihr z.B. Seelen von Indern und Eingeborenen Asiens und der vielen
Inseln im Pazifischen Ozean nicht wahrnehmt, wenn sie hier eintreffen, liegt
an euch, da sich euer ganzes Leben in Kulturländern abspielte und ihr mit
Verhältnissen in asiatischen und anderen Ländern nicht vertraut seid. Doch
seid versichert, auch Asiaten und Polynesier treffen — wie schon erwähnt —
als Seelen ständig hier ein, da es keine andere Eingangsstelle für
menschliche Seelen ins Jenseits gibt als eben nur das Zustandsmäßig-Örtliche,
wo ihr euch jetzt befindet und das als Erdlich-Zustandsmäßiges einfach
überall im Raumgebiet der Erde vorhanden ist. Doch das mag euch noch lange
Zeit schwer verständlich bleiben. Laßt uns lieber, solange wir nun gerade
hier weilen, noch einige andere Seelen beobachten, wie es ihnen hier nach
ihrem Eintreffen geht. Die Seele z.B., die sich dort jetzt aus dem
Nebelhintergrunde löst.“ Es ist ein
seltsames Wesen oder besser eine merkwürdige Seele, die nun sichtbar wird,
aber überraschend schnell. Sie wird sehr klar und deutlich und bleibt nicht
verschwommen wie die meisten anderen, die wir bis jetzt beobachtet hatten. Es ist die
Seele eines freundlichen alten Mannes, sehr bescheiden, um nicht zu sagen
schäbig gekleidet. Auf seinem Gesicht ist ein überraschtes Erstaunen,
gleichzeitig aber auch ein zufriedenes Lächeln. Gleich als die Seele klar und
deutlich hervorgetreten ist, steht ein ähnlich gekleideter Mann als Helfer daneben
und spricht sie an: „Willkommen,
Emil. Ich sagte dir bei Lebzeiten doch immer, daß ich, wenn ich eher sterben
sollte, dich im Jenseits begrüßen werde. Nun, hier bin ich!“ „Was tust du
hier, Egon?“ fragte der Angeredete, dabei dem Helfer, in dem der Neuankömmling
seinen Freund Emil wiedererkannt zu haben glaubt, tüchtig die Hand
schüttelnd, um seiner Freude über das unerwartete Zusammentreffen Ausdruck zu
verleihen. „Oh, so
mancherlei“, bemerkte der Gefragte. „Jedenfalls ist die Aufgabe, die ich hier
auszuführen habe, eine sehr angenehme.“ „So, was ist
es denn?“ „Ungefähr
dasselbe, was ich auf Erden getan habe.“ „Nanu, können
denn hier auch alte Sachen gesammelt werden? Ich dachte, im ‚Jenseits‘ gibt
es so etwas nicht.“ „Oh, du weißt
schon, daß du gestorben bist?“ „Freilich
weiß ich das! Ich starb ruhig und nahezu vollbewußt meines bevorstehenden
Ablebens, weil ich mich, wie du weißt, bei meinen Lebzeiten oft mit sogenannten
okkulten Dingen beschäftigte. Nach meinem Ableben, das mir keine zu große
Pein verursachte, blieb ich noch eine Weile bei meiner Leiche, um zu sehen,
ob man für meinen Hund sorgen würde, wie mir meine Nachbarn im Falle meines
Todes versprochen hatten. Sie taten es. Doch der Hund wollte nicht gleich
mitgehen. Er sah mich aber als Seele neben dem Körper stehen, und erst als
ich ihm durch Handbewegung gebot zu gehen, ließ er sich ruhig fortführen.“ „Wenn du
willst, kannst du hier deinen Hund um dich haben.“ „Ja, er lebt
doch aber noch.“ „Wenn du ihn
gern haben möchtest, wird er sterben. Oder aber du kannst dir auch den Hund
herbeischaffen durch dessen ätherisches Doppel. Der Hund lebt dann weiter bis
zu seinem natürlichen Tode, fühlt aber, daß er mit dir doch irgendwie
verbunden ist und kommt nach seinem Tode dann gleich zu dir.“ „Nein, ich
möchte auch ein Tier nicht direkt an mich ketten. Das wäre nicht recht. Wenn
das Tier nach seinem natürlichen Tode zu mir kommt, ist es mir schon recht;
doch ich werde es auch dann nicht zurückhalten, wenn es wieder als ein Teil
der tierischen Massenseele in einen neugeborenen Hund zur Weiterentwicklung
hineingekörpert wird nach dafür geltenden Naturgesetzen.“ „Du weißt ja
wunderbar Bescheid hier.“ „Ich habe ja
auch genug über alles das bei Lebzeiten gelesen. Doch, was fange ich jetzt hier
an?“ „Denke mal
ruhig darüber nach, was du im Leben immer so gern gemacht hättest.“ „Wenn ich das
Geld gehabt hätte, hätte ich in Not Befindlichen immer gern geholfen.“ „Nun, das
kannst du jetzt hier in Hülle und Fülle tun. Komm!“ Nun treten
beide in eine Sphäre ein, die traurig und öde aussieht, wo aber zahlreiche
Menschen hungrig und durstig herumirren. „Hier“, sagt
Egon, auf diese Unglücklichen weisend, „kannst du gleich mit Helfen
anfangen.“ „Doch woher
soll ich die Hilfe nehmen? Hier wächst ja nichts.“ „Willst du
helfen?“ „Ja. „Nun, das
genügt! Gehe zu dem alten, halb verhungerten Mann dort und gib ihm zu essen.“ „Ich habe
doch nichts!“ „Gehe hin zu
ihm!“ Emil geht zu
dem alten Mann, der ihn nun plötzlich wahrnimmt und zu jammern anfängt, daß
er schon wer weiß wie lange kein Stückchen Brot mehr gegessen hätte und sehr
hungrig sei. O, wie dankbar wäre er für eine Brotkruste. Emil sieht
sich wie hilfesuchend um. Sein Wunsch, dem Manne zu helfen, wird dabei immer
stärker. Doch wie helfen? Da erinnert er sich, daß er im Erdenleben immer
Gott um Hilfe angefleht hatte. Er fängt an zu beten, und noch ist er damit
nicht ganz fertig, da steht neben ihm auch schon ein knuspriges, frisches
Brot, das er dem alten Mann hinreicht, der gierig hineinbeißt und sich des
Dankes nicht genug tun kann. „Nun siehst
du, Emil“, bemerkt hier lächelnd Egon, der daneben steht, von dem alten, nun
gierig das Brot essenden Manne aber nicht gesehen werden kann, „wie wir hier
helfen können! Jetzt macht es sich für uns — wenn man so sagen darf —
bezahlt, daß wir schon während unseres Erdenlebens an Gott zu glauben
begannen.“ Damit
verlassen Aristos, Geigele und Fred die beiden, — nun drei — glücklichen
Alten und kehren nach ihrem Beobachtungsplatz zurück. „Emil und
Egon“, so beginnt nun Aristos das eben Wahrgenommene zu erläutern, „waren in
ihrem Erdenleben Geschäftsnachbarn. Beide waren Altwarenhändler, aber absolut
ehrliche und anständige Menschen, die für jedermann ein Herz hatten und
niemals geschäftlich irgend jemand übervorteilten. Doch da drüben“ — dabei
auf eine sich aus dem Nebel heraus entwickelnde behäbige und sehr wichtig
vorkommende Persönlichkeit deutend — „werden wir wieder was anderes erleben.“ Die Persönlichkeit,
die in diese Einführungssphäre nun langsam eingeht — denn die
Herausentwicklung aus dem Nebel des Horizontes dauert diesmal länger als
sonst und scheint für diese Seele (es war die eines Mannes) nicht leicht und
dabei sogar schmerzhaft zu sein — bleibt sehr verschwommen. Man gewinnt,
soweit man sein Äußeres wahrzunehmen vermag, den Eindruck, daß es sich hier
um einen Menschen handelt, der im irdischen Leben eine bedeutende Persönlichkeit
gewesen sein muß. Und so war es auch, wie jetzt Aristos erklärt: „Hier seht
ihr die Seele eines führenden Politikers seines Landes, dem außerdem viele
Privatunternehmungen gehört hatten und der über ein immenses irdisches
Vermögen verfügte. Er starb plötzlich, an einem Herzschlag, nach einem zu
reichlich genossenen Mahl. Hätte er sorgfältiger gelebt, so hätte er noch
nicht zu sterben brauchen. Er ist erst nahe der Fünfziger gewesen. Doch
nähern wir uns ihm.“ Sofort stehen
sie neben ihm, ohne daß er sie sehen kann. Er reibt sich die Augen, wie um
besser sehen zu können. Doch es hilft nichts. Es bleibt vorläufig alles für
ihn verschwommen. Er weiß nicht, was er tun soll und sieht sich hilfesuchend
um. Da entdeckt er, wie in weiter Ferne, einen gut gekleideten Mann. „Hallo, Sie
da! Kommen Sie doch mal her.“ Doch der
Angerufene scheint ihn nicht zu hören. Nun beginnt der Verstorbene auf den
Mann zuzurennen. Er rennt auch, doch er kommt, vom Standpunkt der Zusehenden
aus betrachtet, nicht von der Stelle, scheint dabei aber doch dem Manne immer
näher zu sein, wie sich aus seinem Mienenspiel schließen läßt. Endlich muß er
ihn erreicht haben. Für die Beobachtenden hat der Helfer — denn ein solcher
war es — aber sowieso schon dauernd neben dem Verstorbenen gestanden. „Sie, lieber
Mann, hören Sie mal, wo ... Aber was ist denn das? Sie kommen mir doch
bekannt vor? Warten Sie mal? O ja, Sie sehen aus wie der verstorbene Daniels,
doch der ist ja nun schon seit Jahren tot.“ „Das stimmt!
Und doch bin ich jener Daniels.“ „Was, Sie
wollen der Daniels sein, den ich in der Wahl besiegte?“ „Jawohl, der
bin ich!“ „Mann, machen
Sie keinen Scherz! Wenn das wahr sein sollte, dann müßte ich ja auch tot
sein, und doch fühle ich mich kreuzfidel am Leben.“ „Trotzdem
sind Sie aber tot. Sie ‚ehrenhafter‘ Herr Thompson, Sie!“ „Sie kennen
mich also auch?“ „Natürlich
kenne ich Sie! Waren Sie es doch, der Sie mich auf die allerniederträchtigste
Art und Weise von Wahlmanövern und Manipulationen auf Erden um mein Brot und
meinen Verdienst gebracht haben.“ „Na, na,
Mann, mäßigen Sie sich! So schlimm kann es ja doch nicht gewesen sein, sonst
würden Sie nicht hier neben mir stehen.“ Nun erinnert
sich Thompson aber plötzlich, daß ihm Daniels kurz vorher ins Gesicht gesagt
hatte, er sei tot. „Apropos, wie
kommen Sie überhaupt hierher, und wo in aller Welt befinde ich mich denn
eigentlich?“ „In der
Ewigkeit, im Jenseits, da sind Sie jetzt, Sie, Sie sehr ‚ehrenwerter‘ Herr
Thompson, Sie!“ Dieser ist
konsterniert und verwirrt. „Bitte,
lassen wir jetzt mal alles vorläufig vergessen sein, was sich zwischen uns früher
abgespielt hat. Sagen Sie mir doch bitte vor allem erst mal, wo ich
eigentlich bin und was in aller Welt ich hier mache.“ „Gern!“ Sie
sind tot und im Jenseits, weil Sie zu üppig gelebt haben.“ „Wenn das
stimmt, warum sind Sie es denn dann eigentlich, der mich hier im Jenseits
empfängt?“ „Ganz
einfach, weil ich Ihnen Ihre Gemeinheiten nicht nachtrage.“ „Na, das ist
ja schön von Ihnen! Kommen Sie gleich mal her und lassen sie uns die Hände
schütteln.“ „Gemach, mein
sehr ‚ehrenwerter‘ Freund! Wir sind hier in Jenseits und in keiner irdischen,
politischen Versammlung, wo man mit Händeschütteln die Mitmenschen
irreführen, belügen und betrügen kann. Eins gilt nur im Jenseits, wenn man
vorwärts kommen will, nämlich ein anständiger Charakter.“ „So, so, und
den glauben nun ausgesucht Sie zu besitzen. Da fallen mir aber eben so einige
Kleinigkeiten ein, die auf Ihr Konto zu setzen sind, als Sie noch auf Erden
in Amt und Würden waren.“ „Das gebe ich
zu. Ich konnte aber nicht anders handeln. Die Parteidisziplin und der
sogenannte Ehrenkodex meines Berufes zwangen mich zu den von Ihnen
angedeuteten Handlungen, sozusagen gegen meinen Willen. Doch daß ich Sie
jetzt hier im Jenseits begrüßen kann und darf, verdanke ich schließlich doch
Ihnen, wenn auch indirekt!“ „Na also,
mein Lieber, ein Grund mehr, daß wir uns die Hände schütteln sollten.“ „Nochmals
sage ich Ihnen Gemach! Ich habe wohl keinen Haß mehr gegen Sie und trage
Ihnen nichts von Ihren Gemeinheiten gegen mich nach, aber eine Freundschaft
wie im irdischen Sinne könnte ich mit Ihnen deswegen doch nicht wieder
aufnehmen, ehe Sie sich nicht geändert haben, und das dürfte hier für Sie
noch eine Zeit dauern.“ „Nanu, schon
wieder die moralische Überlegenheit von Ihrer Seite? Wann werden Sie sich
denn einmal wandeln?“ „Ist zum Teil
schon geschehen. Beweis die Tatsache, daß ich es bin, der Ihnen hier in Ihrem
jetzigen Zustande helfen will.“ „Danke, ich
denke, ich brauche keine Hilfe. Hab‘ mir bisher im Leben immer allein ganz
gut fortgeholfen.“ „Das war im
Leben, doch jetzt sind Sie tot.“ Dies,
bestimmt gesagt, macht Thompson erneut stutzig und für eine Weile stumm. Doch
er rafft sich wieder auf und fragt: „Sie, Daniels, haben mir dabei immer noch
nicht erklärt, warum nun Sie gerade mich hier zu empfangen haben.“ „Deswegen,
weil ich Ihnen eine Dankesschuld abzubezahlen habe.“ „Na, da geben
Sie es ja selbst zu, daß ich doch kein ganz so schlechter Kerl gewesen bin.“ „In einer
Beziehung nein, aber nicht durch Ihr eigenes Zutun, sondern durch von Ihnen
herbeigeführte Umstände.“ „Wie meinen
Sie das?“ „Dadurch, daß
Sie mich durch Ihre Wahlbetrügereien aus dem Amt geworfen hatten, wählte ich
eine andere Beschäftigung, wo ich erst langsam zu merken begann, daß ich,
wäre ich weiter in meinem früheren Amt geblieben, schließlich auf Ihr Niveau
hätte herabsinken müssen. Ihre Betrügereien haben also meine Seele vor
schwerem Schaden bewahrt.“ „Sehen Sie,
was ich für ein Seelenretter gewesen bin! Ich wünschte, mein Pastor und meine
politischen Freunde hörten das.“ „Was diese
über Sie denken, können Sie leicht feststellen, wenn sie als Seele jetzt
Ihrem eigenen irdischen Begräbnis beiwohnen würden, das gerade augenblicklich
vor sich geht.“ „Was, man
begräbt mich? Ich bin doch aber hier! Bitte, lassen Sie den Unsinn sein.“ „Wollen Sie
sich überzeugen, daß Sie tot sind? Wollen Sie Ihre eigene Leiche sehen?“ Und ohne erst
eine Erwiderung abzuwarten, sehen sich beide, Thompson und Daniels, auch
schon in eine Kirche versetzt, wo ein Sarg vor dem Altar aufgebahrt steht, in
dem eine Leiche liegt. „Gehen Sie
nur ruhig hin und sehen Sie sich die Leiche an, Thompson“, ermuntert Daniels. „Aber ich
würde ja den Gottesdienst stören.“ „Unsinn,
keiner von den hier anwesenden ‚Leidtragenden‘ kann Sie sehen, und außerdem:
woher plötzlich Ihre Bescheidenheit und Rücksichtnahme bei Ihnen, dem einst
so geriebenen Politiker!“ Zögernd tritt
Thompson neben den Sarg, der noch geöffnet ist und — schreckt zurück.
Tatsächlich, dort liegt er drinnen! Andererseits lebt er aber doch und steht
neben seinem Körper. So verwirrend wirkt das alles, daß er beinahe das
Seins-Bewußtsein vorübergehend verliert, doch Daniels stützt ihn und flößt:
nun auf solche Weise neues Seins-Fluid ein. Thompson
starrt lange auf die Leiche und sagt nichts. Inzwischen hält der Geistliche
die Leichen-Einsegnungsrede und lobt die ‚edlen Taten‘ des Verstorbenen über
alle Maßen. Allmählich nimmt Thompsons Seele Interesse an des Geistlichen
Ausführungen und freut sich immer mehr und mehr über das Lob, das ihm
gespendet wird. „Sehen Sie,
mein lieber Daniels, hier auf Erden schätzt man mich immer noch und hat meine
vielen ‚edlen‘ Taten, wie der ganz famose Herr Pfarrer mit Recht hervorhebt,
nicht vergessen. Da muß ich wohl doch nicht ganz so schlecht gewesen sein,
wie Sie mich glauben machen wollen.“ „Vergessen
Sie nicht, daß ein Geistlicher bei einer Leichenfeier mit Rücksicht auf die
Angehörigen und zu deren Trost stets Lobenswertes über einen Toten sagen
wird. Doch wollen Sie wirklich wissen, was man über Sie so denkt, so
beobachten Sie bloß mal die anwesende Zuhörerschar.“ Thompson tut
das. Seine Frau und Kinder sind ehrlich betrübt, aber doch nicht in dem Maße,
wie er angenommen hatte, daß sie es sein würden. Aber er verzeiht ihnen das
großmütig, da ja die Kinder erwachsen und nicht mehr so eng mit ihren Eltern
verwachsen sind. Dann richtet
er seine Aufmerksamkeit auf die anderen ‚Leidtragenden‘, und da mußte er zu
seinem höchsten Erstaunen wahrnehmen, daß fast alle ihre Gedanken auf ganz
was anderes gerichtet hatten, wenn sie rein äußerlich auch so taten, als ob
sie ‚Leidtragende‘ wären. Viele denken bei sich, wenn der Geistliche da vorn
doch bloß mal mit seiner Weißwascherei des Politikers Thompson wirklich
aufhören würde! Andere denken wieder an ihr Geschäft, an ihren Beruf und an
ihre eigenen persönlichen Sorgen. Von wirklichem Bedauern über das Ableben
Thompsons ist fast bei keinem etwas zu bemerken. Im Gegenteil,
bei den meisten seiner Kollegen herrscht das Gefühl vor, daß es höchste Zeit
gewesen sei, daß Thompson endlich mal sein Schicksal ereilt hätte und er
Platz machte für einen anderen. Thompson wäre im Grunde doch nichts wert und
nichts weiter als ein aufgeblasener Politiker und Tunichtgut von einem
Wichtigtuer gewesen. Als Thompson
das alles wahrnimmt, hat er nur noch den Wunsch, wieder dorthin zurückzukehren,
wo er — wie er glaubte —, aufgewacht‘ war. Daniels sagt
nichts, und auch Thompson schweigt. Schließlich verabschiedet sich Daniels
mit den Worten: „Na, lassen Sie es sich gut gehen, und wenn Sie Sehnsucht
nach mir haben, brauchen Sie nur zu wünschen, daß ich bei Ihnen bin, und ich
bin da!“ „Vorläufig
wünsche ich nur,“ bemerkte Thompson in seiner bitteren Enttäuschung über das
Beobachtete und Wahrgenommene, „daß Sie sich wer weiß wohin scheren!“ „Tue ich gern“,
versichert Daniels. Thompson bleibt sich selbst überlassen. Nun bemerkt
Aristos: „Damit, Geigele und Fred, laßt es genug sein mit dem, was sich an
der Stätte als Eingangspforte zum Jenseits für jeden Verstorbenen abspielt,
ehe er in die Sphäre eingeht, die seinem innersten Wesen hauptsächlich
entspricht. Wir sind hier sozusagen an der Verteilungsstelle des Jenseits.
Ich sehe, Dr. Lehmann hat alles sorgfältig aufgezeichnet. Hoffentlich denken
alle, die es lesen, gründlich über das hier Mitgeteilte nach und ziehen ihre
eigenen Schlußfolgerungen daraus für sich selbst.“ II. Wieder einmal
begann Geigele, aus ihrem Körper herauszutreten, der ruhig auf dem Bett lag,
während Dr. Lehmann, mit Papier und Bleistift versehen, sowie Herr McCook und
Geigeles Mutter daneben saßen und die scheinbar Einschlafende mit
gespanntestem Interesse beobachteten. Da Geigele nun bereits mehrmals aus
ihrem Körper herausgetreten war, ging das jetzt schon bedeutend leichter vor
sich. Neben ihr standen, wie immer, Fred und beider Führer und Berater,
Aristos. Fred war
jetzt nicht mehr mit seiner Uniform, sondern wie mit einem Pelerinenmantel
bekleidet, an dessen Kragen eine haubenartige Kopfbedeckung angeschlossen
war, die hinten herunterhing. Die Bekleidung nahm sich etwa aus wie die Kutte
eines Mönchs, nur war sie von einer angenehmen, dem geistigen Auge
wohltuenden blauen Farbe. „Diesmal“, so
begann Aristos, als er mit Fred zusammen Geigele vollends aus dem auf dem
Bett wie tot liegenden Körper herausgeholfen hatte, „werden wir in Zonen
wandern, die zum Teil erschreckend und gruselig anmuten mögen. Haltet euch
deswegen stets an mich und tut auch nur das, was ich euch rate, dann braucht
ihr auch nichts zu befürchten. Um der Welt und ihren Bewohnern durch die
Aufzeichnungen von Dr. Lehmann von solchen Regionen Kenntnis zu geben, mußt
du, liebes Geigele, diese durchschreiten, damit das, was du dabei erlebst,
deinem wie tot daliegendem irdischen Körper übertragen werden kann, durch den
dann alles Erlebte kundgetan wird, so daß es Dr. Lehmann aufzeichnen kann.“ „Wo sind
diese Zonen, in die wir uns begeben wollen?“ fragte interessiert Geigele. „Da müßt ihr
nun beide genau zuhören, um das richtig verstehen zu können, weil die
Beschreibung für irdische Begriffe — und auch Fred haftet ja noch immer viel
Irdisches in seiner Vorstellungswelt an — etwas schwer verständlich ist. Was
ihr beide bisher erlebt habt, spielte sich bekanntlich sozusagen an der
Eingangspforte zum Jenseits ab, die überall vorhanden ist, wo Menschen sind,
die sterben. Es ist das rein Zustandsmäßige jedes Menschen, in dem er — wie
ihr beide wahrgenommen habt —‚ so lange verbleibt, bis sich der Grundton des
Charakters eines Verstorbenen herausschält, was dadurch geschieht, daß alles
im rein Zustandsmäßigen noch anhaftende Irdische abfällt. Damit geht dann die
Seele eines Verstorbenen vom rein Zustandsmäßigen in das Zustandsmäßig-Örtliche
über, das, obwohl örtlicher Art, doch für jeden Menschen vorhanden ist und
vielleicht am besten vorstellbar werden mag durch die gewöhnliche Auffassung,
daß alles, was gut ist, himmelwärts, also nach oben zu, strebt, und alles
dazu Gegensätzliche nach unten, also höllenwärts, gerichtet zu sein scheint.
Da wir zunächst die Zonen besuchen wollen, die nach unten gerichtet sind, und
zwar selbst einige recht schaurig anmutende, so bitte ich euch nochmals, euch
ja nach meinen Weisungen zu richten. Ich werde euch zwar stets im Auge
behalten, aber da ihr eventuell auch mal den Bewohnern jener Zonen sichtbar
werden möget, so kann es sehr wohl geschehen, daß vorübergehend ein Kontakt
zwischen ihnen und euch hergestellt wird, der verderblich für euch sein
könnte, namentlich für Fred, der sich nun schon wirklich im Jenseits
befindet, für dich, Geigele, jedoch insofern, als dein irdischer Körper dabei
Schaden erleiden mag. Also, bitte, folgt meinen Weisungen.“ Aristos hatte
dabei so ernst und mahnend gesprochen, daß es beide, Fred sowohl wie Geigele,
beeindruckte. „Nun kommt
und folgt mir“, forderte Aristos auf. Alle drei
begannen sich fortzubewegen und kamen auch wirklich von der Stelle, wobei
sich die Umgebung vollständig veränderte. In welcher Richtung man sich
bewegte war Geigele allerdings völlig unklar. Man ging zunächst über schöne,
blumendurchwirkte Wiesen und Hänge, die sich immer mehr und mehr abwärts senkten.
Die Gegend wurde spärlicher im Pflanzenwuchs. Es war also gerade umgekehrt
als auf Erden, wo der Pflanzenwuchs spärlicher wird, je höher man steigt.
Beim weiteren Abwärtswandern wurde der Weg steiniger und die Gegend
trostloser. Bald nahm es sich aus, als ob man am Rand einer Wüste wäre. War
es vorher hell gewesen, gleich als ob glänzender Sonnenschein über allem lag,
obgleich Geigele keine Sonne hatte wahrnehmen können —‚ wurde es jetzt
düsterer. Es war, als ob sich der Himmel mit einer gleichmäßigen dunklen
Wolkenschicht überzogen hätte, wobei jedoch keinerlei Wolkenform zu
unterscheiden war. Es nahm sich aus, als ob sich ein dicker Nebel immer
tiefer herabsenkte. Auf einmal sah man in der Ferne einen grellen Blitz aufleuchten
und gleich darauf einen feuerroten Lichtschein, als ob es irgendwo
eingeschlagen hätte. Es ließ sich jedoch nichts weiter unterscheiden. Der dem
Blitz nachgefolgte Donner war anderer Art als der irdische. Er war nicht so
laut, dafür aber dröhnender, so daß man das Donnerrollen im ganzen Körper wie
eine Vibration zu verspüren bekam. Es ging noch weiter abwärts. Jetzt schien
die dicke einförmige Wolkenwand sich von oben bis auf etwa 50 Meter Tiefe
herabzusenken. Es war nur noch dämmerig. Da tauchten am Horizont erneut
zuckende Blitze auf, in deren Lichtschein man Gebäude erkennen konnte. Sie
sahen aus wie Ruinen! Dazwischen hoben sich die Silhouetten dunkler Wesen ab,
die hin- und herhuschten. Der Weg wurde noch mühsamer. Jetzt war er nicht
mehr nur mit Steinen, sondern auch mit vulkanischem Bimsstein und verbrannten
großen Kohlenstücken besät. Geigele war es plötzlich, als ob sie müde wurde
und konnte mit Aristos und Fred nicht mehr so recht Schritt halten. Aristos nahm
sie unter den Arm und sofort fühlte sich Geigele wieder gestärkt, besonders
nachdem Aristos noch einige magnetische Striche über ihren Körper gezogen
hatte. Man kam den
scheinbar noch immer brennenden Ruinen näher. Jetzt sah man, daß die
schattengleichen Wesen, die man vorher hin- und herhuschen gesehen hatte,
wirkliche menschliche Wesen waren, die mit irgend etwas emsig beschäftigt zu
sein schienen. Was es war, konnte noch nicht festgestellt werden. Aristos
führte Fred und Geigele ungeachtet der züngelnden Flammen in das Ruinenfeld
hinein, und plötzlich war vom Feuer nichts mehr zu sehen, und die Ruinen
waren Häuser, wie man sie in jeder Stadt findet. Die Menschen waren ärmlich
gekleidet, bis auf unzählige Uniformierte, die man herumlaufen sah. „Hier“, so
erläuterte Aristos, „seht ihr die Hauptstadt eines Landes, in der ein
Herrscher regiert, der eben Krieg an das Nachbarland erklärt hat. Überall
seht ihr Redner stehen, die das Volk zur Wut gegen den Feind aufstacheln. Die
Soldaten gehören der Armee an und werden bald die Stadt verlassen, um gegen
den Feind zu ziehen. Die Flammen, die wir beim Näherkommen gesehen hatten,
die jetzt aber verschwunden sind, waren die Erscheinlichkeiten für uns, die
wir an dem hier Vorgehenden uninteressiert sind, und solange wir nicht in der
Stadt selbst waren. Nun sind wir aber von der Aura der Erregung der Bewohner
der Stadt umgeben, sehen deren Benehmen und erblicken daher auch nicht mehr
die äußerlichen Erscheinlichkeiten ihrer Wut und Rache als Flammen und
Feuergarben. Nun seht, jetzt kommt die Armee herangerückt, die dem Feind
entgegenzieht.“ Es war eine
eigenartige Armee voller ganz verschiedener Uniformen, von denen einige
phantastischer Art waren. Man sah sowohl Scharfschützen mit Pfeil und Bogen
und auch gepanzerte Ritter, dann aber auch wieder ganz modern mit Gewehren,
Haubitzen und schweren Geschützen bewaffnete Truppenteile vorüberziehen. Fred
schüttelte erstaunt den Kopf und fragte: „Was ist denn das für eine Armee?
Hat die gegen Heere verschiedener Zeitepochen zu kämpfen und deswegen die
verschiedenartig bewaffneten Truppenteile?“ „Du hast es
ganz richtig erraten, Fred“, stimmte Aristos zu. „Was wir hier sehen, ist das
Zustandsmäßig-Örtliche eines Landes, das von Natur kriegerisch gesinnt war,
aber zum Schluß unterlag, da es von einem bedeutend besser bewaffneten Heer
eines Nachbarlandes besiegt wurde. Nun glaubt man sich aber wieder kräftig
genug, um die Niederlagen zu rächen. Da zwischen diesem und dem Nachbarland
schon seit Jahrhunderten eine Todfeindschaft herrscht, so nehmen die Krieger,
die in den früheren Kriegen fielen, ebenfalls erneut Anteil an dem jetzigen
Rachefeldzug.“ „Hindern
diese sich denn nicht gegenseitig bei den Kampfhandlungen infolge der
verschiedenartig bewaffneten Truppenteile?“ „Nein,“
entgegnete Aristos, „und zwar einfach deswegen nicht, weil das Heer jeder
Epoche immer nur das gleiche Heer derselben Epoche als Gegner sieht und
bekämpft. Die Heeresgruppen der anderen Epochen sehen einander nicht. Nur wir
können die Truppen aller Epochen wahrnehmen, da wir an all dem nicht
‚interessiert‘ sind, d.h. keinen Anteil haben.“ „Wenn ich
mich nun zum Beispiel aber der Infanterie des modernen Heeres hier
anschließen würde, könnte ich dann die Truppen der anderen Epochen auch nicht
mehr sehen?“ fragt Fred interessiert als ehemaliger Soldat. „Nein, du
könntest die anderen Heere nicht mehr sehen, würdest aber auf einmal gleich
von genauso leidenschaftlicher Rache beseelt sein wie die Truppen hier.“ „Bitte,
bitte, lieber Fred, tue das nicht! Mische dich nicht unter die Soldaten“, bat
Geigele. „Nein, sei unbesorgt“,
beruhigte der Angeredete. „Ich wollte nur einmal die inneren Zusammenhänge
von dem Erlebnis hier richtig zu begreifen versuchen.“ „Das ist
verständlich“, bemerkte Aristos, „doch laßt uns weiter nur uninteressierte
Zuschauer bleiben, um in den Wutstrom, der nun bald Kämpfenden, nicht mit
hineingerissen zu werden. Sobald nämlich einer von uns dreien etwa die
Angelegenheit, die wir hier beobachtend wahrnehmen, zu ‚seiner
Eigen-Angelegenheit‘ macht, muß er vorübergehend das Schicksal der Krieger teilen,
das ihnen in kurzem bevorsteht.“ Kaum hatte
Aristos das ausgesprochen, als fern am Horizont riesige Feuergarben
aufleuchteten, dauerndes Kanonendonnerrollen zu hören war, und manchmal
Riesenflammen noch besonders hoch loderten. „Das muß ja
ein entsetzlicher Kampf sein“, bemerkte interessiert Fred. „Können wir nicht
etwas näher gehen, um uns den Kampf anzusehen? Wir sind ja im Jenseits; uns
kann nichts mehr geschehen.“ „Das ist
gerade ein großer Irrtum“, entgegnete ernst Aristos. „Du als wirklich Verstorbener,
also als Geist, kannst mit Leichtigkeit in all das Durcheinander mit
hineingezerrt werden, eben infolge deines ziemlich reichlichen Interesses,
das du an diesem Vorgang hier nimmst. Sei deswegen ja vorsichtig.“ „O, bitte,
bitte, lieber Fred, bleibe ganz bei Aristos und mische dich in nichts ein!“
bat erneut Geigele. „Ich weiß
nicht, was ihr habt“, entgegnete diesmal Fred, wie leicht gereizt, weil er
sich in seinem stetig zunehmenden Interesse für die Vorgänge gestört fühlte.
„Ich bin doch nun gestorben und kann nicht nochmals sterben.“ „Das ist auch
wieder etwas, worin du dich irrst“, bemerkte hierzu erneut Aristos, nun näher
aufklärend. „Freilich bist und bleibst du unsterblich, genau wie du es schon
bei deinen irdischen Lebzeiten gewesen bist, doch ebenso wie du dort starbst,
indem dein ‚Erlebnisbewußtsein‘ erlosch, um dann erst hier im Jenseits wieder
zu erwachen — zunächst im rein Zustandsmäßigen der Übergangsepoche —‚ so
könntest du auch hier nochmals dein Erlebnisbewußtsein vorübergehend verlieren,
also scheinbar sterben. Mischtest du dich nämlich hier in den Kampf, so wäre
dein Erlebnisbewußtsein voll davon in Anspruch genommen, und dir könnte im
Kampf ebenso mitgespielt werden wie allen den Kriegern, die du vorhin gesehen
hast, mitgespielt werden wird. Und was würde das sein? Du würdest dein
Bewußtseinerlebnis abermals für alles hier verlieren, und du würdest erst
wieder zu dir kommen nach einer Epoche des Schlafens im rein Zustandsmäßigen,
durch das du nach deinem irdischen Tode schon einmal gegangen bist, und wo
wir uns kennen lernten. Du würdest also hier im Jenseits ganz von neuem
anfangen müssen.“ „Wäre denn
das so schlimm“, warf da ein wenig frivol Fred ein, „da uns unsterblichen
Wesen doch die ganze Ewigkeit zur Verfügung steht?“ „Das stimmt
schon, aber du würdest mit deiner neuen Entwicklung hier im Jenseits
möglicherweise dann in eine anders geartete seelische und geistige
Evolutionswelle hineinkommen und damit von mir, vor allem aber von Geigele,
für lange, lange Zeit getrennt sein.“ Geigele hatte
angstvoll der Erklärung zugehört, faßte jetzt Freds Hand und flehte ihn
geradezu leidenschaftlich und in Tränen ausbrechend an: „Fred, liebster Fred,
bitte, bitte bleibe hier! Denke doch auch an mich! Du weißt doch, wie innig
ich dich liebe! Bitte, bitte, lieber Fred, bleibe hier!“ Fred wurde
nun nachdenklich. Es war ihm, als ob er aus einer leichten Hypnose zu sich
kam. Beinahe apathisch beruhigte er Geigele: „Sei nur unbesorgt, liebes
Geigele, ich bleibe hier und verlasse dich nicht, auch Aristos nicht.“ „Wenn du dein
Versprechen hältst, so können wir unbesorgt uns dem Schlachtfeld nähern, denn
als lediglich uninteressierten Zuschauern kann uns da nichts geschehen“,
schlug Aristos vor. „Können wir
nicht von Kugeln oder Pfeilen getroffen werden?“ fragte halb-ängstlich und
gespannt Geigele. „Nein, denn
die Kugeln und Pfeile sind nur todbringend für alle diejenigen, die an dieser
Geisterschlacht voll ‚erlebnisbewußt‘ teilnehmen, d.h. keinerlei anderen
Gedanken zugänglich sind.“ Alle drei
begaben sich jetzt in die Richtung, wo die Schlacht zu toben schien. Sie
waren bald dort, mischten sich einfach unter die Kämpfenden, die sie nicht zu
sehen schienen und sahen nun vor ihren Augen sich ein furchtbares Blutbad
abspielen. Beide Heere — es waren solche mit moderner Bewaffnung — kämpften
tapfer und wichen nicht. Die Soldaten sanken hin als ob sie niedergemäht
würden. Manche schienen nur verwundet zu sein und zu leiden. Das Kampfgetobe
und die Schreie der Verwundeten und Sterbenden waren zuviel für Geigele. Sie
bat, wieder fortzugehen, was auch alle drei taten. Fred
schüttelte nachdenklich mit dem Kopf. Er konnte mit all dem Gesehenen und
Beobachteten nicht recht fertig werden. „Was ist dir
daran unklar, Fred?“ fragte teilnehmend Aristos. „Warum
bekämpfen sich denn diese Soldaten? Sind es immer wieder dieselben Soldaten,
die das tun?“ „Ja, es sind
dieselben Soldaten. Aber jedes Mal werden es weniger, weil manche bei den
Kämpfen doch so schwer verwundet werden, daß sie unter großen Schmerzen
dahinsiechen. Das bringt sie langsam zum Einsehen des Unsinnigen des
Kriegführens. Doch laßt uns das einmal selbst beobachten. Kommt.“ „Nein, bitte
nicht mehr dorthin“, wehrte Geigele bittend ab. „Du brauchst
keine Angst mehr zu haben, Geigele“, tröstete Aristos. „Seht dorthin, wo das
Schlachtfeld war. Es ist alles ruhig. Der Kampf ist vorüber. Es wallen nur
noch schmutzig-graue Nebel.“ Man war
schnell auf dem Schlachtfeld, wo die ganze Armee getötet dalag. Manche
Soldaten waren furchtbar zugerichtet, doch alle schienen tot zu sein. „Nun will ich
euch etwas wahrnehmen lassen, was ich euch zeigen kann, weil ich weiter als
ihr vorgeschritten bin. Seht dorthin!“ Und auf
einmal spielte sich vor den Blicken von Geigele und Fred ein merkwürdiges
Schauspiel ab. Von allen Seiten hatten sich wie von ungefähr jenseitige
Helfer eingestellt und bemühten sich um die Toten. Sie befreiten vielfach
Seelenkörper aus den daliegenden leblosen Formen. Die Seelenkörper wurden von
den Helfern fortgetragen. Wohin, ließ sich nicht feststellen, da sie auf
einmal, wenn sie einen Seelenkörper aufgehoben hatten, mit diesem zusammen
verschwunden waren. Bei manchen toten Körpern ließen sich die jenseitigen
Helfer geduldig nieder, anscheinend um zu warten, bis und ob es ihnen möglich
sein würde, den Seelenkörper herauszuretten. Bei vielen schien das aber nicht
möglich zu sein, denn nach einer Weile Wartens entfernten sich die jenseitigen
Helfer traurig. „Das, was ihr
hier wahrnehmt, wird euch gewiß unverständlich sein“, klärte Aristos auf.
„Nun in allen den Fällen, in denen jenseitige Helfer die Seelenkörper
forttrugen, haben die Gefallenen diese Sphäre, in der sie schon wer weiß wie
lange gewesen sein mögen, endgültig verlassen, weil sie diesmal einen inneren
Abscheu vor dem Kämpfen erhalten haben durch ihre schwere Verwundung und
Leiden. In früheren Kämpfen mögen sie gleich getötet worden sein, ohne zu
leiden, und behielten daher ihre Rachegefühl-Einstellung bei. Sie erwachten
dann später wieder als Krieger hier in dieser Sphäre, und für sie war es ganz
selbstverständlich, daß sie wieder einmal würden kämpfen müssen, um ‚Rache
für das letzte Mal zu nehmen‘. Erst jetzt, infolge der selbst durchkosteten
Leiden sind sie zur Besinnung des Unsinnigen ihres Tuns gekommen. Wenn sie
später nach längerem Schlaf erwachen, werden sie sich in einer anderen,
fortgeschritteneren Sphäre befinden.“ „Wie lange
dauert es, bis die wieder erwachen, von denen sich die jenseitigen Helfer
traurig abwandten“, fragte teilnehmend Geigele. „Das mag verschieden
sein. Siehe, dort erheben sich schon einige, sind aber anscheinend noch nicht
ganz bei sich und bewegen sich taumelnd weiter. Und wohin gehen sie? In die
Stadt zurück, aus der sie gekommen waren. Doch laßt uns jetzt mal dorthin zurückkehren
und sehen, wie es da aussieht.“ Damit begaben
sich alle drei in die Stadt zurück, wo großes Klagen herrschte. Die
taumelnden zurückkehrenden Krieger wurden wie in Lazarette gebracht, dort
gepflegt und behandelt. Überall war Trauer eingekehrt, und alles wirkte
niederdrückend. „Nun, laßt
uns noch, ehe wir diesen traurigen Platz verlassen, sehen, wie ich dieser
Zustand erscheinlich ausdrückt für objektive Beobachter, wie wir es sind.“ Damit waren
alle drei plötzlich wieder an der Stelle, an der sie zum ersten Mal den
Feuerschein in den Ruinen und die huschenden Schattenschemen beobachtet
hatten. Doch jetzt sah es anders am Horizont dort aus, wo sich die Stadt
befand. Nicht mehr rotglühend war der Horizont, sondern es war, als ob dort
gelblich schmutzige, dicke und erstickende Nebelschwaden hochstiegen, die nur
ab und zu von grellen Blitzen zerrissen wurden — von Rachegedanken, die bei
den sich heimschleppenden Soldaten hie und da schon wieder auftauchten.“ „Nun laßt uns
weitergehen“, mahnte Aristos. „Wo gehen wir
jetzt hin?“ fragte Fred. „In eine
Stadt, in der sich viele gemeine Menschen zusammengefunden haben als ihr
zustandsmäßig Örtliches.“ „Existiert
eine solche Stadt auch in Wirklichkeit auf Erden?“ fragte Geigele. „Ja und
nein“, entgegnete der erklärende Aristos. „Nein insofern, als sich Verkommene
wohl kaum auf Erden an einem einzigen Platz, in einer einzigen Stadt, allein
zusammenfinden mögen. Ja aber insofern, weil das Charakteristische, was ihr
sehen werdet, in jeglicher Großstadt auf Erden zu finden ist.“ Man schritt
vorwärts. Der Weg senkte sich noch mehr. Die Dämmerung wurde schwächer, so
daß man nur ganz nahe Gegenstände zu erkennen vermochte. Es wuchs absolut
nichts mehr. Zum ersten Mal seit Antritt dieses Besuches in den unteren
Sphären begegnete man Einzel-Lebewesen. Es waren verelendete,
heruntergekommene, abgemagerte und zerzauste Gestalten, die sich nur mühsam
vorwärts bewegten. Manche saßen auch apathisch da, gleich als ob es sie
nichts mehr angeht, was noch weiter mit ihnen geschehen mag. Sie schienen
Aristos, Fred und Geigele nicht zu sehen. „Was sind das
für Menschen, und was wird aus ihnen?“ fragte mitleidsvoll Geigele. „Es sind ganz
und gar egoistische Naturen, die aus dem irdischen Dasein nichts an inneren
Werten mitgebracht haben und daher hier auch nichts erwarten können.“ „Wovon leben
sie?“ „Fast von gar
nichts! Doch sie verhungern nicht, da hier im Jenseits ja niemand völlig
ausgelöscht werden kann, weil ja jeder unsterblich ist, was Verstorbenen
meistens bald klar und einleuchtend wird.“ „Ist dieser
Zustand ewig für diese Wesen?“ „Der Zustand,
den ihr hier seht, der freilich ist ewig, doch die Wesen brauchen in diesem
Zustand nicht ewig zu bleiben. Sie können jederzeit daraus befreit werden.
Sie brauchen es nur zu wollen.“ „Ja, aber
warum wollen sie denn das nicht?“ „Aus
demselben Grund, aus dem jemand auf Erden aus einer gewohnheitsmäßigen
Einrichtung nicht herausgerissen werden möchte.“ „Aber die
hier müssen doch das Eintönige ihrer Lage endlich einmal sattbekommen.“ „Das geht
nicht so leicht, wie ihr denkt, da hier das zustandsmäßig Örtliche genau der
Charakteristik entspricht. Auf Erden hat jeder eine Umwelt um sich, die
unabhängig von seinem Charakter, seinem Wollen und Wünschen, durch sich
selbst besteht und sich selbst entwickelt. Hier im zustandsmäßig Örtlichen
gibt es für eine Seele aber keine von ihr unabhängige Umgebung. Darum heißt
es ja, daß auf Erden in einer Minute mehr erreicht werden kann als im
Jenseits in Tausenden von Erdenjahren.“ „Werden diese
Bedauernswerten aber nicht doch schließlich einmal erlöst werden?“ „Ja, aber das
mag lange, lange dauern, denn erst muß der Wunsch nach was anderem bei den
Wesen erwachen. Solche Wünsche werden durch jenseitige Helfer bei den
Bedauernswerten geweckt. Freilich viele, viele solche Besuche sind
vergeblich.“ „Was ist die
hauptsächlichste Ursache für solch einen Zustand“, ging das Fragestellen an
Aristos weiter. „Na, dort zum
Beispiel, bei dem Mann, der in ganz zerrissenem Gewand und in einem geradezu
elenden Zustand einfach dasitzt und vor sich hinstarrt, war die Hauptursache
für seine jetzigen Verhältnisse sein grenzenloser Egoismus. Alles mußte sich
immer nur nach ihm richten, für alle anderen hatte er nur ein verächtliches
Verurteilen übrig. Und als sich die Mitmenschen von ihm immer mehr und mehr
zurückzogen, so fühlte er beinahe eine innere Genugtuung darüber, weil er
glaubte, etwas ganz Besonderes zu sein und die anderen nicht zu brauchen,
weil er — wie er es nannte — ‚selbstzufrieden‘ mit sich war. Er ist es noch
immer. Daher seine Teilnahmslosigkeit und sein immer noch vorhandener Wunsch,
allein bleiben zu wollen.“ „Es gibt doch
aber auch viele gute Menschen, die für sich bleiben möchten“, wandte Geigele
ein; „ich zum Beispiel bleibe auch am liebsten zu Hause.“ „Bei dir,
liebes Geigele, liegen die Verhältnisse aber auch ganz anders. Du verurteilst
nicht die Mitmenschen und hast Verständnis für deren Leiden und Streben, was
du nicht herabsetzt und dich nicht wer weiß wie erhaben über andere dünkst.
Gerade das mangelnde Verständnis für die Mitmenschen und das Ablehnen von
Anteilnahme macht das Traurige des Zustandes dieses Menschen hier am Wegrand
aus.“ „Gibt es
nicht auch Fälle, wo solches Verlangen nach Alleinsein auf eine angeborene Tendenz
oder auf irgendeine Geisteskrankheits-Anlage zurückzuführen sein mag?“ „Jawohl, das
stimmt. Doch das Los solcher, die du eben beschrieben hast, ist auch ein
leichteres und viel besseres. „Übrigens sind die Leiden solcher, die an
Geisteskrankheit gestorben sind, hier im Jenseits meistens bald behoben nach
einer mehr oder weniger langen Ruhe und magnetischen Behandlung durch
vorgeschrittene Verstorbene.“ „Haben wir
denn hier im Jenseits auch Heilgehilfen und Krankenschwes-tern?“ erkundigte
sich Fred neugierig. „Noch viel,
viel bessere als auf Erden. Auch die Ärzte sind hier viel, viel weiter
vorgeschritten als die Arzte auf Erden, denen hiesige Ärzte vielfach überhaupt
erst Eingebungen zugehen lassen, wenn wieder einmal ein neues Hilfsmittel auf
Erden entdeckt wurde.“ Man schritt
weiter. Da wurde am Horizont eine Art von schmutziger, rötlich-grauer
Beleuchtung sichtbar. „Da ist
wieder eine andere Stadt, in die wir uns begeben wollen“, erklärte Aristos.
„Habe ich euch früher schon gebeten gehabt, euch nur nach mir zu richten, so
muß ich diese Bitte nun nochmals sehr ernstlich wiederholen. Vergeßt nicht,
wir begeben uns in diese Stadt nur deswegen, damit Geigele die Zustände erlebt
und durch ihr Sprechen im irdischen Körper dann durch Dr. Lehmann aufzeichnen
läßt zur Warnung für die Erdenbewohner, die solche Warnung beachten sollten.
Für dich, lieber Fred, birgt diese Stadt ziemliche Gefahren. Auch du,
Geigele, kannst dir, wenn du mir nicht genau folgst, ein körperliches Leiden
durch dein Seelenerlebnis zuziehen, das kein irdischer Arzt mehr würde heilen
können.“ Beide,
Geigele und Fred, versprachen hoch und heilig, sich ganz nach Aristos zu
richten. Man betrat
jetzt eine Straße, auf der viele Menschen geschäftig hin- und herrannten. Sie
schienen die drei Besucher nicht zu sehen, ja, sogar einfach durch diese
hindurchzugehen. Man kam bei
einer großen, hell erleuchteten Halle vorbei, in die Menschen hineinströmten. „Ist hier ein
Konzert?“ fragte Geigele. „Nein“,
antwortete Aristos, „hier findet eine Massenversammlung von Gottesleugnern
statt, zu der die Öffentlichkeit eingeladen ist.“ „Können wir
da mal hineingehen und zuhören?“ fragte Fred interessiert. „Natürlich“,
stimmte Aristos bei. Der große
Saal war mit Besuchern überfüllt. Noch ließen sich Gesichtszüge nur schwer
unterscheiden. Man unterhielt sich und sprach anscheinend erregt aufeinander
ein. Wie man aus den Gesprächen zu entnehmen vermochte, erwartete man einen
großen, bekannten Gottesleugner als Redner. Fred und
Geigele fiel auf, daß die meisten Zuhörer recht rohen Gesichtsausdruck
hatten; doch es gab auch einige Besucher in den vordersten Reihen, die sich
wie Gelehrte ausnahmen, einige davon sogar wie Idealisten. Da begann es
im Saal ruhig zu werden. Auf die Bühne trat ein Mann, der die Versammlung zu
leiten schien. Er führte jemanden ein, der nun auf die Bühne trat, ein
robuster, kräftiger Mann mit wildem ungepflegten Haarwuchs, buschigen
Augenbrauen und einem üppigen Vollbart. Bei seinem Erscheinen applaudierten
alle Anwesenden begeistert. Der Redner
führte etwa folgendes aus: Er sei soeben von einer weiten Reise zurückgekehrt
und hätte erfahren, daß auf Erden die ‚Aufklärung‘ jetzt ganz ungeheure
Fortschritte mache. Auf Erden glaube nunmehr beinahe keiner mehr an einen
Gott, sondern nur noch an die unabänderlichen Naturgesetze, wie man sie hier,
wo man sich befinde, genau studieren könne. Er hoffe, daß mit der Aufklärung
die Menschheit auf Erden endlich zum ‚goldenen Zeitalter‘ kommen würde, das
schon er, als er noch lebte, immer geahnt hätte. Der Redner
erntete großen Beifall. Dann wurde aufgefordert, ob jemand Fragen zu stellen
hätte. Es meldete sich auch jemand von den anscheinenden Gelehrten in den
vorderen Reihen, und zwar einer von denen, der sich wie ein wirklicher
Idealist ausnahm. Er trat auf die Bühne, verneigte sich vor dem Redner und
begann dann: „Freunde! Mit
Freude vernahmen wir, daß auf der Erde endlich das langersehnte ‚Goldene
Zeitalter‘ anzubrechen scheint und daß man mit dem Aberglauben bricht.
Freilich, zugeben müssen wir, daß mit einer Sache der Aberglaube — und damit
ist ja jeder Glaube gemeint — auf Erden Recht behalten hat, nämlich daß es
ein Fortleben nach dem irdischen Tode gebe. — „Unrichtig!
Unsinn! Ebenfalls Aberglaube!“ wurde der Redner da von allein Seiten
unterbrochen. Dieser schien
durch die Zwischenrufe verwirrt zu sein, denn er konnte nicht gleich
fortfahren. Endlich hatte er sich aber gesammelt. „Nun,
Freunde, ihr mögt böse sein wie ihr wollt, aber mit dem Fortleben nach dem
Tode hat der ‚Aberglaube‘ doch recht behalten, denn wir leben ja doch immer
noch. — „Aufhören!
Komm runter von dort oben, du Idiot! Solch einen Unsinn hier zu verzapfen!“
wurde erneut energisch von allen Seiten protestiert. Der Redner
stieg resigniert von der Bühne herab und setzte sich wieder auf seinen alten
Platz. Dafür stand
nun der Hauptredner auf und mit einem überlegenen Lächeln beruhigte er die
Aufgeregten mit den Worten: „Na, na, wir sind doch hier nicht mehr auf Erden!
Benehmt euch doch anständig, wie es sich für Aufgeklärte, wie wir es sind,
geziemt. Wir alle erinnern uns gewiß noch, wie es uns erging, als wir hier
auf dieser Seite der Welt zu uns kamen und wahrnahmen, daß wir lebten. Und
als wir dann von anderen erfuhren, daß wir in Wirklichkeit auf der Erde
gestorben waren, so ging es uns so ähnlich, wie der Vorredner noch immer
behauptet. Kurz, wir dachten alle für eine Weile, der ‚Aberglaube‘ auf Erden
hätte doch recht damit gehabt, daß es ein Fortleben nach dem Tode gebe. Diese
Annahme dauerte natürlich nur so lange, bis uns wieder bewußt wurde, daß ja
die Wissenschaft schon immer das gleiche behauptet hatte, nämlich daß nichts
vergehen könne. Nur war uns diese wissenschaftliche Feststellung auf Erden
nie so recht klar geworden, weil der ‚Aberglaube‘ dort dauernd ein
persönliches Fortleben nach dem Tode betont hatte und ...“ „Na, und was
ist das wohl anderes als ein persönliches Fortleben, was wir jetzt führen“,
mischte sich da eine schrille Frauenstimme dazwischen, den Redner
unterbrechend. Die weiter vorn Sitzenden drehten sich nach der Frau um. Sie
schienen sie hier alle wie eine Art von Kuriosum zu kennen, denn Zurufe wie:
„Setz dich, du alte Schrulle!“ — „Behalte deine Altweiber-Weisheit für dich!“
— „Halte gefälligst dein vorlautes Mundwerk“, wurden von allen Seiten laut. Die Gemaßregelte
ließ sich jedoch nicht einschüchtern und fuhr fort: „Und wenn es
euch auch nicht paßt, ich bleibe doch dabei, daß es auf Erden nur der
‚Aberglaube‘ der Religion gewesen ist, der uns ein persönliches Fortleben zugesichert
hatte, das wir jetzt auch haben, und nicht eine allgemeine und verschwommene
Fortexistenz, wie es euch eure euch so ‚erleuchtet‘ vorkommende Wissenschaft
einreden wollte.“ „Du hast wohl
wieder mal deinen Propheten-Spell, Laura“, mischte sich da ein untersetzter
kräftiger Mann ein. „Was hast du denn nun wieder in deinem Kaffeegrund alles
erblickt?“ Die
Anwesenden lachten. Der
Vorsitzende stand, ebenfalls lachend auf, und mit einer Handbewegung
Schweigen gebietend, bemerkte er, wie aufklärend, zu der Versammlung: „Die
meisten von uns kennen ja wohl Laura, und wir brauchen sie daher mit ihren
Hirngespinsten nicht zu ernst zu nehmen.“ „Ich habe
keine Hirngespinste“, schrie die aufgebrachte Laura dazwischen. „Auf Erden
war ich ein großes Medium und habe dort Prinzen und Herrschern die Zukunft
richtig vorhergesagt.“ „Vielleicht“,
bemerkte lachend der Vorsitzende, „kannst du uns hier, wo sich scheinbar in
Jahrhunderten für uns nichts ändert, auch mal die Zukunft vorhersagen.“ „Das kann
vielleicht sein“, reagierte die Aufgeforderte. „Seit einigen Minuten habe ich
nämlich das Gefühl, als ob wir hier von einigen unsichtbaren Geistern
beobachtet würden.“ Schallendes
Gelächter. „Willst du
damit etwa sagen, Laura,“ höhnte der Vorsitzende, „daß du auch hier noch, wo
wir uns jetzt nach unserem irdischen Tod befinden, an Gespenster, vielleicht
sogar an den Teufel und ähnlichen Unsinn glaubst?“ „Spottet
nicht“, warnte da allen Ernstes Laura. „Es gibt einen Teufel und …“ „Aha, du mußt
es ja wissen, weil du mit deiner Weissagerei wahrscheinlich mit ihm im Bunde
stehst“, warf da jemand dazwischen. Schallendes
Gelächter belohnte diese Bemerkung. „Lacht nur,
ihr einfältigen Narren mit eurer wissenschaftlichen Weisheit und gottlosen
Menschheitsbeglückung und einem bevorstehenden ‚Goldenen Zeitalter‘ auf
Erden. Ich weiß es besser! Ich weiß, daß es doch noch was Höheres für uns
hier gibt, für die das Dasein sonst tagaus, tagein ewig immer nur das gleiche
ist, und dazu mit euch Bonzen da vorn auf der Rednertribüne als ewige Leithammeln.
Ich sehne mich mal nach etwas anderem, nach etwas Höherem, mag das nun Gott
oder Teufel sein. Am liebsten wäre es mir aber, wenn ich mit Gott in
irgendeine Verbindung kommen könnte.“ „Und das
kannst du“, mischte sich da zum höchsten Erstaunen von Fred und Geigele deren
Führer Aristos ein, der dabei gleichzeitig allen Anwesenden im Saal sichtbar
wurde, und zwar wohl als irgendein höheres, glänzendes Wesen. Sein
Erscheinen rief eine unbeschreibliche Aufregung im Saal hervor. Alles schrie
und gestikulierte durcheinander und bedrohte Aristos, an den aber
merkwürdigerweise niemand herankommen konnte. Dafür warf sich jetzt die Menge
über Laura, die sich zwar tüchtig wehrte, aber schließlich doch unterlag
— was Aristos schweigend geschehen
ließ — und schließlich totgeschlagen wurde. Fred und Geigele sahen nun der
scheinbaren Leiche von Laura einen Seelenkörper entsteigen, wobei Aristos
half, der inzwischen für alle anderen im Saal Anwesenden wieder unsichtbar
geworden war. Als sich im
Saal die Aufregung allmählich gab, besann man sich plötzlich auf den
unbekannten Besucher, konnte ihn aber nirgends mehr finden oder sehen. Die
Versammlung löste sich auf, wobei das eben Durchlebte noch gründlich
durchgesprochen wurde und sich viele Diskussionen anschlossen, die zeigten,
daß die Erscheinung bei vielen Zweifel darüber wachgerufen hatte, ob es
wirklich so sei, wie die Führer der Gottlosen behaupteten, daß es keinen Gott
gebe. Es habe sich doch gezeigt, das irgend etwas dasein müsse, was mehr
Gewalt als sie habe. Aristos hatte
inzwischen die Seele von Laura von ihrem dortigen zustandsörtlichen Körper
freigemacht. Die Seele war noch vollständig verworren und glaubte zu träumen.
Da fand sich auch schon ein jenseitiger Helfer ein, der, Aristos zunickend,
die Seele von Laura in Obhut nahm und mit ihr verschwand. „Was wird
jetzt mit ihr?“ fragten Fred und Geigele. „Erst wird
sie zur Ruhe gebettet, so daß sie sich vollständig sammeln und wieder kräftig
werden kann. Dann wird sie in eine andere Sphäre versetzt, da sie in die
hiesige nicht mehr hineinpaßt.“ Man ging
weiter durch die Stadt und kam bei einem größeren, ebenfalls prächtig
erleuchteten Gebäude vorbei, durch dessen Haupttor ununterbrochen Menschen
aus- und eingingen. „Laßt uns
jetzt einmal hier hineingehen und sehen, was vor sich geht“, forderte Aristos
auf. Man trat in eine Vorhalle, in der sich am Ende ein langer Marmortisch
befand, der die weiter dahinter gelegenen Räumlichkeiten nach vorn abschloß.
Es sah aus wie die Annahmestelle einer großen Zeitung auf Erden. Das war es
auch zum Teil. Außerdem wurden aber auch Wetten entgegengenommen,
Versicherungen für alles mögliche abgeschlossen, Roulette gespielt, und in
einem Seitenraum befand sich ein Restaurant mit einem Tanzsaal. Es ging alles
bunt durcheinander, so daß sich Fred und Geigele kein rechtes Bild davon zu
machen vermochten, was in Wirklichkeit eigentlich vorging. „Das ist
hier“, so begann Aristos, „eine ‚halb-ähnliche‘ und teilweise auch ‚amtliche‘
Abwicklungsstelle für die allerverschiedensten Geschäfte meistens dunkelster
und gemeinster Art, denn der Haupttrumpf bei allen hiesigen Abkommen sind
Betrug und Besprechung von Diebstählen und Irreführung der anderen. Hier wird
auch nicht ein einziges Geschäft ehrlich abgeschlossen. Doch wir wollen
einmal näher treten.“ Sie gingen
aufs Geratewohl an einen der Schalter, wo ein verschmitzt aussehender,
verhältnismäßig gut gekleideter Mann mit dem Angestellten hinter dem Schalter
im Flüsterton irgendein Geschäft abzuschließen schien. „Ist das aber
auch wirklich so, wie Sie es da angeben?“ fragte gerade der Angestellte. „Aber
natürlich! Ich schwöre es Ihnen bei allem, was irgendwelchen Wert für mich
hat.“ „Haben Sie
keine bessere und verläßlichere Eidesformel?“ erwiderte geschäftsmäßig kalt
der Angestellte, der den anderen sehr wohl zu kennen schien. „Schon gut,
schon gut, da lassen Sie mich halt schwören bei irgend etwas, was Sie denken,
das wirksam und nachdruckgebend sein könnte.“ „Gut, dann
schwören Sie bei einer freiwilligen Geldbuße von 1000 $, daß Sie mir die Wahrheit
gesagt haben.“ „Werde mich
schwer hüten! Würden Sie so einen Schwur vielleicht leisten?“ „Natürlich
nicht“, lachte der andere zurück. „Doch da wir uns nun gegenseitig so gut
verstehen, sagen Sie mal, was ist in diesem Geschäft so eigentlich drinnen
für Sie und für — mich!“ Nun ging das
Feilschen im Flüsterton weiter. Aristos
erläuterte den Vorfall folgendermaßen. Der an den Schalter Herangetretene
wollte ein Grundstück für so und so viel zum Verkauf bringen durch den
Angestellten. Dieser kannte den anderen aber und wußte, daß sich dort, wie
angegeben, überhaupt kein Gebäude von irgendwelchem Wert befand. Der
Angestellte war aber nicht abgeneigt, trotzdem auf den Geschäftsvorschlag
einzugehen, wenn der andere ihm für die Mithilfe am betrügerischen Verkauf
von etwas, was gar nicht vorhanden war, einen Anteil zusicherte. Man traute
sich jedoch gegenseitig nicht. Schließlich schien man aber doch zu einer
Vereinbarung zu kommen. „Wird denn
das den Bewohnern hier nicht endlich einmal über, sich gegenseitig zu
betrügen?“ fragte Fred. „Sag mal,
Fred, du hast ja lange genug auf Erden gelebt, um genügend Menschen
kennengelernt zu haben. Kannst du dir vorstellen, daß jemand, dem irgendein
illegales Geschäft einmal geglückt ist, von neuen solchen Versuchen Abstand
nehmen wird, wenn er glaubt, daß weiter keine Gefahr mit solchem Gebaren
verbunden ist und jedes weitere solche ‚Geschäftchen‘ immer wieder glückt?“ Fred gab zu,
daß auch auf Erden jemand, der erst mal ‚Glück‘ mit Unrechttun hatte, es
immer und immer wieder versuchen würde, bis er einmal tüchtig dabei
hineinfällt. „Nun wohl“,
erläuterte Aristos weiter, „wenn das schon auf Erden geschieht, um wieviel
mehr dann erst hier, wo dem Geiste die sonstige rechte Ablenkung in seinem
zustandsmäßig Örtlichen fehlt.“ „Dann kann ja
aber das Betrügen überhaupt kein Ende nehmen“, warf hier bescheiden und
schüchtern Geigele ein. „Scheinbar
nein, und doch geschieht das, und zwar dadurch, daß hier jeder Unrechttuende
immer seinen Meister findet. Mag jemand noch so raffiniert sein. Immer wird
er im Jenseits jemanden finden, der noch raffinierter ist. Das ist das
‚Höllische‘ an seinem Zustand. Und das geht so lange, bis es ein so immer und
immer wieder Reingefallener einmal gründlich satt bekommt und einsieht, daß
er doch nicht der Allerschlaueste zu sein scheint. Dann wird ihm ein unsichtbarer
Helfer zugeschickt, der ihm zeigt, daß es auch noch andere Betätigungsgebiete
gibt, wo man zwar ehrlich sein muß, dabei aber doch ganz gut vorwärtskommen
könne. Das leuchtet schließlich einem so Beratenen einmal ein und er folgt
dem ihm zugesandten Helfer, der ihn in eine andere Umgebungssphäre versetzt,
wo es dem so aus seiner bisherigen Sphäre Entführten möglicherweise bald
recht zu gefallen anfangen wird.“ „Soviel ich
bis jetzt feststellen konnte“, begann Fred nachdenklich, „ist die Hölle
eigentlich gar nicht so schlecht für ihre Bewohner, wenn die Gegend, in der
wir uns jetzt befinden, schon zum Bereich des Höllischen gehört.“ „Da hast du
nicht so unrecht vom Standpunkt derer, die sich in diesen Sphären befinden.
Sie wären ja gar nicht hier, wenn die Umgebung eben ihren Herzensneigungen
nicht entspräche — im erstgegebenen Fall Kampfgier und Rachsucht und hier
jetzt Gemeinheit, Hinterhältigkeit, Lug und Betrug. — Die hier Weilenden
merken es auch erst richtig, daß die hiesigen Zustände höllischer Natur sind,
wenn sie ihnen wegen dauernder Mißgeschicke zuwider werden und sie in eine
andere Sphäre versetzt worden sind. Dann erst nehmen sie den Unterschied
beider Sphären wirklich wahr und sehen, daß dort, wo sie vorher gewesen
waren, wirklich ‚höllische‘ Zustände gewesen sind.“ „Wie anders
ist doch hier drüben alles im Vergleich zur Erde“, flocht Geigele ein. „Und
eigentlich kann es ja auch gar nicht anders sein, wenn es, wie es heißt, wahr
ist, daß das jenseitige Leben nur auf den Verlängerungs-Linien des irdischen
Seinszustandes zu suchen ist.“ „Das ist
recht geurteilt“, bestätigte Aristos. Doch ihr beide täuscht euch sehr, wenn
ihr etwa annehmt, daß das Höllische, was ihr eben gesehen habt, alles sei,
was es an Höllischem gibt. Zunächst vergeßt nicht, daß, wenn auch jemand, wie
z.B. jetzt Laura, von hier durch ihr ‚Ableben‘ in dieser Sphäre, von solcher
befreit ist, damit doch noch lange nicht gleich in himmlische Zustände
übergeht, denn in Menschen, die ziemlich tief in höllische Verhältnisse
geraten waren, wie diejenigen sind, die ihr eben seht, haben hier
beispielsweise zunächst das kollektive Höllische in sich abgetötet. Doch dann
muß noch das individuelle Höllische in jedem überwunden werden. So im Falle
von Laura geht deren unsterbliche Seele nebst ihrem Erlebnisbewußtsein von
hier in eine Gegend ein, die sogar noch unter dieser hier liegt, ‚unter‘ dabei
verstanden weniger als ‚räumlich‘ als vielmehr ihrer individuellen
Charakteristik entsprechend als noch tiefer liegend wie die kollektive
Erlebnisumgegend, aus der sie von mir befreit wurde, weil sie im Grunde doch
an einen Gott glaubt.“ „Dann ist die
Hölle doch schlimmer als sie uns bis jetzt erschienen ist“, bemerkte
nachdenklich Geigele. „Ja, viel
schlimmer“, bestätigte Aristos. „Und dabei kann und darf ich euch beiden nur
die höllischen Zustände von Menschen zeigen, die Betrüger, Verbrecher
gewöhnlicher Art und Gesinnungslumpen allgemeiner Natur waren, aber nicht die
haarsträubenden Zustände mancher, die mit nahezu tierischen Leidenschaften
besessen sind. Solche dürft ihr hier im Jenseits nicht sehen, weil ihr beide
dafür nicht vorbereitet seid, denn euch fehlen diesbezügliche Erlebnisse von
der Erde her. Seid Gott, dem Herrn, dankbar dafür! Denn in einigen
Abteilungen dieser aller-, allertiefsten höllischen Zustände können sich nur
die allerkräftigsten vorgeschrittenen Geister hineinwagen, ohne selbst dabei
Schaden zu leiden. Das Feuer der Leidenschaft solcher Tiefgesunkenen ist so
furchtbar, daß es zum Beispiel euch beide Unvorbereitete beinahe vernichten
könnte, wenn ihr ohne jeden schützenden Begleiter euch dorthin verirren
würdet. Erfreulicherweise kann das bei euch beiden ja aber nicht der Fall
sein, nicht so sehr deswegen, weil es hier ja eben kein Verirren geben kann,
wenn man nicht dem Charakter gemäß nach einer bestimmten Abteilung sich
hingezogen fühlt, sondern deswegen, weil bei euch die Erfahrung gänzlich
fehlt, wie es solchen äußerst Bedauernswerten in ihrem leidenschaftlichen.
Fühlen zu Mute ist.“ „Doch,
Aristos“, wandte da Fred wie etwas verschämt ein, „vergiß nicht, ich war auch
schon ein erwachsener junger Mann, ehe mich die Kugel traf, und auch ich habe
schon gewisse Leidenschaften gespürt.“ „Deswegen sei unbesorgt“, beruhigte
Aristos. „Das ist es nicht, was dich mit jenen Tiefbedauernswerten
gleichsetzen würde. Was du meinst, ist jene Last für den Körper und
scheinbare Belastung des Gemütslebens, von denen kein Mensch frei ist, ja
nicht frei sein kann, einmal aus rein natürlichen Gründen und zweitens um die
Beherrschung des rein Gefühlsmäßigen durch das Unterscheidungsvermögen des
Geistes zu lernen. Doch das sind Angelegenheiten, die zum Leben gehören und
nötig sind. Weiter nichts! Man finde sich bei Lebzeiten damit ab, lege ihnen
aber keinerlei besondere Bedeutung bei! Vor allem grüble man nicht viel
darüber nach. Dieses Gefühlsmäßige verliert sich im Jenseits mit der Zeit einesteils
deswegen, weil man im Jenseits unter normalen Verhältnissen damit nicht mehr
körperlich gequält wird, wenn es durch möglichst geringe Beachtung bei
Lebzeiten eben nicht tief ins Gemütsleben eingedrungen war, und zweitens,
weil die Hauptkraft, die sich bei diesem Gefühlsmäßigen manifestiert, im
großen Jenseits bald transmutiert, d.h. auf eine höhere Wirkungsebene
gebracht ist, wo man das Lästige, was sehr quälen mochte, völlig los ist.
Nein, das hat nicht das Geringste mit jenen zu tun, die ich als die
Tiefbedauernswerten bezeichnete, die auf Erden, so tief sanken, daß sich ihr
Denken fast nur noch ausschließlich mit den Äußerungen der angedeuteten Kraft
beschäftigte. Doch laßt es damit genug sein. Seid froh, daß ihr bis jetzt
nichts damit zu tun hattet und dagegen ziemlich gut gefeit seid.“ Man verließ
das Gebäude und ging durch Straßenzüge, die nach außen hin Wohlstand
verrieten. „Denen
scheint es ja ganz gut hier in der Hölle zu gehen“, bemerkte Fred auf die
Außenfassaden der Häuser deutend. „Du sagst
ganz richtig, Fred, ‚scheint so‘, denn das, was du hier siehst, ist nur ein
Schein, falscher Schein. Um euch davon zu überzeugen, folgt mir hier in
dieses Haus zum Beispiel.“ Damit öffnete
Aristos eine Haustür und schritt in einen Torgang, der zu einem großen Zimmer
führte, in dem sich mehrere Personen sehr lebhaft unterhielten. Die drei
Hinzugetretenen wurden anscheinend von niemandem gesehen. Beim
Herumblicken nahmen nun Fred und „Geigele“ auf einmal wahr, daß alle die
wunderbare Heimausstattungen nur äußerlich so wunderbar erschienen. Die Möbel
waren in Wirklichkeit verwahrlost und hielten sich zum Teil nur dadurch
aufrecht, daß sie hinten gegen die Wand zu durch Bretter und Stöcke gestützt
waren. Überall hingen Spinngewebe herum und fingerdicker Schmutz hatte sich
in den Ecken angesammelt. Die sich
Unterhaltenden bestanden aus sechs Männern, die auf wackligen Stühlen saßen.
Sie waren geradezu bizarr gekleidet. Die Kleider waren geflickt und
abgeschabt, saßen auch nicht recht, sondern hingen teilweise in Fetzen herab. „Und doch ich
sage Ihnen“, wandte sich einer der Männer, in dessen Gesicht alle nur
denkbaren Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen zu haben schienen, an die
anderen Herumsitzenden, „daß es in Wirklichkeit eine Kleinigkeit ist, die
ganze Macht in die Hände zu bekommen.“ „Ja, aber wie
wollen sie denn die Palastgarde beseitigen, die bestimmt Widerstand leisten
wird?“ wandte der, der die Versammlung zu leiten schien, zweifelnd ein. „Und das
wissen ausgesucht Sie, Exzellenz, nicht?“ lächelte der andere verschmitzt. „Ich wußte gar
nicht, daß man hier im Jenseits auch Bestechungen zugänglich wäre.“ „Hier
vielleicht noch leichter als einst auf Erden. Hier sind ja eben gerade solche
zu finden, die gern bestochen sein wollen, da sie sich auf Erden immer
bestechen ließen. „Und Ehrliche“, damit verneigte sich lachend der Wortführer
vor dem, zu dem er sprach, wie untertänigst, „gibt es in dieser Gegend, wo
wir sind, überhaupt nicht.“ „Na also,
warum zögern wir denn da eigentlich immer noch! Laßt uns nach dem Palast
gehen.“ Damit standen
alle Anwesenden zufrieden auf; die Männer umgürteten sich mit Schwertern und
verließen das Haus. Fred und
Geigele sahen Aristos verständnislos an. Letzterer gab nun folgenden
Aufschluß. „Diejenigen,
die ihr hier gesehen habt, waren Fürsten und Hofangestellte aus verschiedenen
Zeitepochen auf Erden, die sich hier infolge der ihnen eigenen Veranlagungen
für Intrigen zusammengefunden haben und eben beschlossen, den Herrscher
dieser Stadt zu stürzen. Vier von den sechs Personen, die ihr hier versammelt
sahet, waren auf Erden bei solchen Versuchen getötet worden, und die beiden anderen,
die besonders abgerissen aussahen, in Kerkern gestorben. Sie hatten sich an
dieser Stelle im Jenseits zusammengefunden, weil sie sich wie magnetisch
angezogen fühlten und verfielen gleich wieder in ihr altes Intrigenspiel. Die
vier Personen, die schon seit langer Zeit hier zu sein schienen, wissen, daß
sie bei solchen Versuchen wohl nochmals umgebracht werden könnten, daß sie
sich dann nach einiger Zeit aber wieder erholen und das alte Intrigenspiel
von neuem anfangen können. Die zwei anderen, die in Gefängnissen starben und
die erst kurze Zeit hier weilen, sind dagegen fest überzeugt, daß ihnen hier
nun nichts mehr geschehen könne, da sie ja, wie sie nun spüren, auch nach dem
irdischen Ableben noch immer existieren. Doch laßt uns sehen, wie es den
sechs Verschwörern geht!“ Aristos, Fred
und Geigele verließen das Haus und fanden die Menschen aufgeregt
gestikulierend auf der Straße herumrennen. Wie sie aus den Gesprächen
heraushörten, sei der Versuch gemacht worden, den Herrscher zu stürzen.
Infolge Bestechung der Palastgarde seien die Täter bis ins Thronzimmer gekommen,
dort jedoch von einer Spezialgarde niedergesäbelt worden, denen von dem
Herrscher versprochen war, daß jeder, der einen Verschwörer umbringe, eine
große Geldsumme erhalten würde, die nach der Zahl der Umgebrachten ausfalle.
Die erste Palastgarde, die sich hatte bestechen lassen, wußte, daß im
eigentlichen Thronsaal noch eine Spezialtruppe war, von der sie Prozente für jeden
Verschwörer erhielt, den sie hineinließ und vorher der Spezialgarde davon
mitteilte, daß Attentäter kämen, so daß diese beim Betreten des Thronsaales
mühelos niedergemetzelt werden konnten. Von den sechs Attentätern lagen auch
schon fünf tot auf dem mosaikgetäfelten Fußboden des Thronsaales, als
Aristos, Fred und Geigele diesen betraten. Der sechste, noch lebende, aber
schwerverwundete Verschwörer war gefesselt und wurde nun dem Herrscher selbst
vorgeführt, einem Mann von erschreckend häßlichem Aussehen, dessen Züge sich
vor teuflischer Freude geradezu verzerrten, als er den vor Schmerzen sich
krümmenden Gefangenen vor sich ausgestreckt liegen sah. „Nehmt ihn
raus auf den Balkon und vierteilt ihn vor den Augen meiner Untertanen.“ Der
Schwerverletzte wurde hochgerissen und nach dem Balkon geschleppt. Unten auf
dem Vorplatz wimmelte es von Menschen, die dem Herrscher zujubelten, als er
ihnen das Vierteilen des Gefangenen vor ihren Augen versprach. Nun traten
fünf grausam aussehende Soldaten der Spezialgarde zynisch lächelnd vor,
ergriffen den Gefangenen bei jedem Fuß und Arm, während der fünfte Soldat
sein Schwert schwang und unter dem Jubelgebrüll der Untertanen den Körper des
Gefangenen der Länge nach zweiteilte. Dann wurden die beiden Seitenhälften —
der Gefangene war nun natürlich tot — nebeneinander auf die Balkon-Balustrade
gelegt und nun nochmals quer durchschnitten, was wieder ungeheuren Jubel
auslöste. Dann drehten sich alle nach rechts zu. Am dortigen Ende des Platzes
war ein Käfig mit Löwen, die infolge des Blutgeruches wild brüllend hin und
her liefen. Diesen Löwen wurden die Körperstücke des Gevierteilten
zugeworfen. Außerdem brachte man jetzt auch die Leichen der anderen fünf
Umgekommenen und warf sie den Löwen vor. Geigele
schauderte bei dem Anblick, der sich darbot. Fred war robuster und gefaßter.
Er war nachdenklich geworden und wandte sich schließlich Aufschluß suchend an
Aristos mit der Frage: „Sag mal, sind das alles wirkliche Vorgänge oder nur
Erscheinlichkeiten?“ Aristos
lächelte, als er antwortete: „Fred, deine Frage zeigt mir, daß du lernst und
in deinen Kenntnissen der hiesigen Sphären Fortschritte zu machen scheinst.
Ich glaube, du würdest bei einigem Nachdenken selbst die richtige Antwort
finden, doch im Interesse Geigeles und derer, die einst das hier Erlebte
lesen werden, will ich den ganzen Vorfall näher erläutern.“ Nach einer
Pause, wobei er über die sich nun zerstreuende Menschenmenge hinwegblickte,
forderte er Fred und Geigele auf, ihm zum Löwenkäfig hin zu folgen. Es lagen
im Käfig nur noch blutende Reste der von den Löwen Verzehrten herum. „Kommt, laßt
uns einmal nähertreten.“ Damit schritt
Aristos durch die eisernen Stäbe des Käfiggeheges und stellte sich mitten
unter die Löwen, die ihn weder sahen, hörten noch spürten. „Kommt nur,
kommt! Euch geschieht hier nichts“, forderte Aristos lächelnd Fred und
Geigele auf, die zögerten, ihm in den Käfig zu folgen. Nach einigem Sträuben
taten sie es aber doch und kamen auch anstandslos durch die eisernen Stäbe
hindurch. Da warf sich
einer der gesättigten Löwen mit einem scheinbar zufriedenen Gebrüll hin. Das
geschah gerade neben der Stelle, an der sich Geigele befand. Sie schrie laut
auf. Der Löwe mußte etwas davon gespürt haben, denn er sprang sofort brüllend
auf und sah sich zähnefletschend um. Aristos stand
gleich neben Geigele und nahm sie in seinen Arm, was sie sofort beruhigte.
Auch der Löwe beruhigte sich und legte sich wieder nieder. Doch schien es,
als ob er irgendeinen Verdacht von etwas geschöpft hatte, wovon er jedoch
weder etwas sah noch roch. Aristos
schenkte den nun herumliegenden Löwen keinerlei Beachtung mehr, ging im Käfig
auf und ab und trat dabei auch einfach auf die Löwen, doch sein Fuß trat
durch diese hindurch und die Bestien merkten noch nicht einmal etwas davon. „Nun seht! Es ist
eine ganz, ganz andere Welt, die wir hier besuchen, als meistens mit einem
anderen dortigen zustandsmäßig Örtlichen zu rechnen, weil er noch andere,
nunmehr nicht mehr kollektive, sondern individuelle, Schlechtigkeiten und
Schwächen in seinem Charakter ausleben muß. Hier im Höllischen kann man sich
auch durch die zustandsmäßigen Örtlichkeiten anderer Verstorbener nicht so
einfach hindurchbewegen, also sozusagen Besuche machen, sondern muß warten,
bis einen ein weiter vorgeschrittener Geist besucht zur Erlösung aus dem gerade
gegenwärtigen Zustand. Und das hängt wieder davon ab, ob jemand in einer
hiesigen Sphäre der solchen rettenden Besuch erhält, auch auf den Besucher
hört und sich ihm nicht einfach verschließt. Tut das jemand hier, so kann er
noch eine rechte Weile warten, ehe sich ihm wieder ein rettender Besucher und
somit eine Gelegenheit zur Verbesserung der Lage, durch Herausgesetztwerden
aus den gegenwärtigen Verhältnissen in andere, bieten wird. Denn es kann nur
dem geholfen werden, der das wirklich will, weil jeder
Verstorbene seinen freien Willen behält und sein Herz, was sein jeweiliges
Wollen ist, sein bewußtes Leben darstellt. Mag sein, daß manches von dem hier
Gesagten noch ein bißchen zu schwer zu begreifen für euch ist. Aber nun laßt
uns weitergehen und noch einige andere Beobachtungen anstellen.“ Damit waren
sie auch schon außerhalb des Löwengeheges und unter den geschäftig hin- und
hergehenden Menschen auf der Straße, von denen jedoch keiner die drei Gäste
aus einer anderen Sphäre wahrzunehmen schien. Aristos bog
in eine weniger belebte Seitenstraße ein. Sie machte einen etwas
geheimnisvollen Eindruck. Vor den Häusern brannten rote Haustür- Lichter und
an den Fenstern saßen Frauen, die zu winken schienen. Aristos ging weiter, bis
zum Ende der Straße. Von dort hörte man lauten Lärm und schrille Musik, sowie
Lachen. Als die drei an das Gebäude herankamen, entpuppte es sich als eine
Kaschemme übelster Art. Aristos ging trotzdem hinein und Fred sowie Geigele
folgten. Der Saal oder
das große Zimmer, an das sich andere anzureihen schienen, war wie mit Nebel
angefüllt ähnlich dem irdischen Tabakqualm an solchen Plätzen. Fred und
Geigele konnten daher weder die Gestalten noch gar die Gesichter derer
erkennen, die den Platz füllten. Aristos ging weiter bis in eins der
hintersten Zimmer, wo er vor einem Tisch stehen blieb, was dann auch seine
Begleiter taten. Dort saß eine
Frauensperson, deren Gesichtszüge von Leidenschaft durchfurcht waren,
obgleich sie noch einstige Schönheit verrieten. Ihr gegenüber saß ein
verhältnismäßig junger Mann, auf den die Frauensperson einsprach: „Ich bitte
dich, lieber Robert, drehe doch um! Du kommst ums Leben, wenn du weiter
gehst! Du bist dem rohen Gesindel hier nicht gewachsen! Bitte, bitte, gehe
wieder fort!“ Der
Angeredete schien aber keine Lust zum Fortgehen zu haben. Er achtete nicht
auf die Frauensperson, der man es ansah, daß sie es wirklich ehrlich meinte,
und sah nur immer verlangend in die anderen nebeldurchwallten Räumlichkeiten
hinein, als ob ihn dort etwas locke. „O bitte,
bitte, Robert, drehe doch bloß um!“ flehte erneut die Frauensperson. Statt den Rat
zu beherzigen, stand Robert entschlossen auf, drückte die Frauensperson, die sich
schützend vor ihn stellen und ihm den Weg versperren wollte, beiseite und
schritt vorwärts. Er kam aber nicht weit. Ein robuster Mann von äußerst
verrohtem Äußeren stellte sich ihm entgegen und fragte: „Was willst du hier?
Du hast hier nichts zu suchen! Gehe dahin, von wo du gekommen bist.“ Damit wollte
er Robert beiseite schieben, was dem Rohling merkwürdigerweise aber nicht
gelang. Wütend darüber zog dieser ein langes Messer heraus und wollte es
gerade dem einfach weiterschreitenden Robert in den Rücken stoßen. Aber da
warf sich die Frauensperson vor den Unhold und dieser traf mit dem
Messerstich diese und nicht Robert. Auf den Schrei der Getroffenen hin dreht
sich Robert um, stieß mit einer Handbewegung den durch den Vorfall etwas
verwirrten Rohling beiseite und beugte sich über die Sterbende. Im selben
Augenblick hatte sich der Rohling aber wieder zusammengerafft und brüllte
laut: „Wo ist denn der Kerl hin, der eben hier war? Wo ist er?“ Dabei blickte
er sich wild um und andere halfen ihm suchen. Fred und
Geigele sahen sich betroffen an, denn Robert stand doch immer noch über die
Sterbende gebeugt da. Warum konnten der Rohling und die anderen Robert nicht
mehr sehen? Aristos gab die Erklärung und zog damit Fred und Geigele fort.
Während alle drei sich langsam entfernten, erläuterte Aristos: „Die
Frauensperson war ein Mädchen gewesen, das von einem jungen Manne namens
Robert sehr verehrt wurde. Das Mädchen liebte ihn über alle Maßen und wollte
ihm gern vorwärtskommen helfen, da beide arm waren. Trotz allen Bitten von
Robert beschloß das Mädchen, in die nächste Großstadt in Stellung zu gehen,
um Geld zu verdienen. Es war in Mitteleuropa vor nicht allzu langer Zeit,
bald nach Schluß des Weltkrieges. Als sie eines Abends heimkam, wurde sie von
jemandem überfallen und vergewaltigt. Nun schämte sie sich zurückzukehren und
haltlos begann sie ein Leben, das sie außerhalb der Gesellschaft stellte. Sie
liebte aber immer nur einen wirklich, ihren Robert, für den sie sparte,
darbte und viel Unbill über sich ergehen lassen mußte. Robert konnte und konnte
das Mädchen nicht finden, da sie Geld an ihn, um ihm beim Studium zu helfen,
immer wieder von einem anderen Ort sandte. Nicht allzu lange später hörte
sie, daß Robert plötzlich gestorben war an Schwindsucht, die er sich im Krieg
zugezogen hatte. Es dauerte auch nicht mehr lange und das Mädchen selbst
starb infolge eines Unfalls. Das Ableben Roberts hatte sie aus dem
Gleichgewicht gebracht und ihr jeden Halt genommen, so daß sie um nichts mehr
etwas gab und auch auf den Verkehr beim Überschreiten des Straßendammes nicht
mehr achtgegeben hatte.“ „Warum hat
denn jetzt Robert das Mädchen umkommen lassen? Das war nicht schön von ihm“,
nahm sich Geigele warm der Ermordeten an. „Weil der
Mann, den das Mädchen für Robert gehalten hatte, gar nicht Robert gewesen
ist.“ „Dann muß es
doch aber jemand gewesen sein, der Robert ähnlich sah, da das Mädchen in ihm
Robert erkannt hatte.“ „So war es
auch! Der, welcher als Robert erschien, war nämlich ein jenseitiger Helfer
gewesen, der in der Erscheinung von Robert gekommen war, um sie aus den
hiesigen zustandsmäßig Örtlichem zu befreien. Dort seht hin, er ergreift
jetzt die schlafende Seele der Ermordeten und führt sie fort.“ „Wohin kommt
sie jetzt?“ „Nach einer
ganz, ganz anderen Umgebung. Sie hat den Weg des Übels eingeschlagen, nicht
freiwillig, sondern war durch Umstände auf die schlechten Wege gedrängt
worden und einmal dort, sah sie eine Gelegenheit, leichter Geld zu verdienen
und somit ihrem Robert besser helfen zu können. Sie war im Grunde also eine
sehr selbstlose Person. Hier mußte sie nach ihrem Tode erst her, weil das
Leben, das sie die letzten Jahre auf Erden geführt hatte, sie für eine
bessere Umgebung im Jenseits zuerst ungeeignet gemacht hatte. Sie brauchte
aber nicht lange hier zu bleiben. Ihre Sehnsucht nach Robert, den sie hier
nicht finden konnte, hatte sie zu beten veranlaßt und sie somit zugänglich
gemacht für Hilfe von höherer Seite. Um ihr schneller vorwärts zu helfen,
hatte ein solcher Helfer, der als Robert auftrat, gleichzeitig eine Probe des
Mädchens vorgenommen. Sie hatte sie bestanden und gern ihr Leben — das
scheinbare in dem zustandsmäßig Örtlichen, wo sie sich befand — für Robert
geopfert. Wenn sie nach einiger Zeit in einer glücklicheren und friedlicheren
Umgebung aufwachen wird, wird es der Seele ihres wirklichen Roberts möglich
sein, sich ihr zu nahen, und sie werden zusammensein können, wenn immer sie
wünschen und sich dabei gegenseitig hier im Jenseits weiter vorwärts helfen
zu immer besseren und glücklicheren Verhältnissen für beide.“ Fred und
Geigele hatten aufmerksam und schweigend zugehört. Geigele unterbrach zuerst
dieses Schweigen, das Aristos ungestört gelassen hatte, mit den Worten: „Was
für eine eigenartige Welt ist doch das Jenseits und wie wunderbar sind Gottes
Wege, die wir auf Erden nicht übersehen können!“ „Da hast du
recht“, stimmte Aristos bei. „Doch laßt
uns mal dort unten hingehen, wo die Straße hinführt. Da werdet ihr noch etwas
anderes Interessantes erleben.“ Alle drei
gingen die Straße entlang bis vor ein Haus, wo die Vorhänge vor den Fenstern
heruntergelassen waren. Dahinter aber war Licht, das Zimmer somit erleuchtet. Aristos, Fred
und Geigele hatten keine Schwierigkeit, Eingang zu finden. Sie traten einfach
durch die Wand ins Zimmer, wo eine alte, abgemagerte Frau mit einem richtigen
Hexengesicht ein Bild von einem Manne mittleren Alters vor sich hatte, darauf
starrte und geheimnisvolle Zeichen darüber machte. Die ihr gegenüber sitzende
Frau von vielleicht 45 bis 50 Jahren sah ihr gespannt zu und fragte: „Wird es
diesmal etwas helfen, Magda?“ „Ich hoffe.“ „Hoffe,
hoffe, nichts als hoffe bekomme ich zu hören. Ich will Resultate haben,
verstanden, sonst ...“ „Sonst was?“
fragte die Hexe lauernd. „Ach ich weiß
nicht“, antwortete beschwichtigend die andere Frau. „Du darfst nicht
vergessen, daß mir zu sehr mitgespielt wurde und daß ich ein Recht auf Rache
habe! Und wenn du sie mir nicht verschaffen kannst, dann muß ich eben
woanders hingehen.“ „Wohin?“
fragte die Hexe lächelnd. „Na, dann
eben zum Teufel selbst!“ „Gut, tue es
nur!“ lachte die Hexe laut auf und begann ihre verschiedenen Utensilien
zusammenzupacken. „Aha, vor dem
hast du wohl Angst, du Hexe, du!“ „Ich?“ fragte
die Hexe, gleichsam resigniert zurück. „Nein, diese Zeit ist vorüber. Die
Tausende von Jahren, die ich hier bin, haben mich gelehrt, mich nicht auf den
Teufel, sondern auf mich selbst zu verlassen. Alles, was mir der Teufel
einstens, vor Jahrtausenden versprach, war eine Lüge. Wie schwer war es für
mich, mich langsam bis hierher wieder emporzuarbeiten. Nein, ich will nicht
wieder zurück, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!“ Die
Besucherin war überrascht über den Gefühlsausbruch der Hexe. „Nun, wo
willst du denn eigentlich noch hin dann?“ „Vorwärts,
aufwärts, und nie mehr rückwärts! Ich habe meine Lektion gelernt.“ „Das will ich
doch aber auch.“ „Das wird dir
nie gelingen, solange du nicht von deinen Rachegedanken abläßt. Und
ausrichten wirst du damit nie etwas können, wenn ich es nicht mal fertig
bringe mit meiner Jahrtausende langen Erfahrung im Beeinflussen durch
schwarze Magie. Ich sage dir, lasse ab von der Verfolgung. Der, an dem du
dich rächen willst, ist zu anständig und kann nicht erreicht werden! Mittel
der schwarzen Magie helfen nur bei solchen, die selbst schlecht sind.“ „So, dann
willst du den Schuft auch noch reinwaschen, den Schuft, der mich betrogen hat
und nicht heiratete.“ „Hatte er dir
denn das wirklich versprochen und du es dir nicht vielleicht nur
eingebildet?“ „Ich werde
wohl wissen, wie es gewesen ist.“ „Solltest du!
Aber deine Wut läßt dich nicht richtig und klar denken. Du bist ganz Wut! Das
zeigt, daß bei dir überhaupt keine echte Liebe vorhanden war. Echte und wahre
Liebe verzeiht, aber rächt sich nicht!“ „Nanu, willst
du Hexe mir jetzt etwa Moral predigen? Hört sich nett aus deinem Munde an.“ „Gewiß nicht
schlechter als aus deinem Munde deine Versicherung von Liebe, wenn alles, was
dich bewegt, nur Rache ist!“ „Ist es nicht
gerade große Liebe, die sich beim Wandeln ins Gegenteil, in tödlichen Haß,
verwandelt.“ „Ja, so heißt
es wohl, doch das ist dumm, denn man schadet sich damit nur selbst! Aber bei
dir ist es übrigens nicht Haß aus gewandelter Liebe, sondern bei dir
entspringt das Rachegefühl einem ganz anderen Motiv.“ „Und das wäre?“ „Beleidigter
Hochmut deswegen, weil der, den du jetzt angeblich aus ehemalig so großer
Liebe haßt, nicht auf deine Pläne hineingefallen ist, ihn als Ehemann zu
gewinnen! Das Beste, was du tun kannst, ist: Vergiß ihn! Du bringst ihn nicht
ins Verderben mit deinen Machinationen, da er dir nichts Schlechtes wünscht!
An solcher Haltung müssen alle geplanten seelischen und geistigen Versuche
abprallen. Sie finden keinen Halt, kommen dann aber verstärkt auf den
Aussender solcher häßlichen Gedanken zurück und rächen sich an ihm. Hochmut
ist eins der größten Übel, die es gibt und am schwersten zu heilen. So gehe
in dich, Weib.“ „Und du gehe,
wohin du willst!“ Damit stand
die Besucherin auf und entfernte sich empört. Die Erklärung
des eben Wahrgenommenen durch Aristos war diesmal kurz, indem er bemerkte:
„Ihr habt ja alles mit angehört! So war es auch, wie es die angebliche Hexe
der Fragestellerin ins Gesicht sagte. Diese Hexe ist auf dem Wege aufwärts
zum Licht und zu ihrer langsamen, aber sicheren Erlösung, wenn sie so bleibt
und versucht, andere von ihren verkehrten Wegen abzuhalten. Und die
rachsüchtige Frau wird niemals etwas erreichen können, weil der Mann, gegen
den sich ihre Rache richtet, ein anständiger Charakter ist. Sein Verbrechen
bestand nur darin, daß er auf die Wünsche der Frau nicht einging, wie sie es
wollte.“ Es trat eine
Pause ein, in der Fred und Geigele über das Gehörte nachdachten. Schließlich
fragte Geigele, wie nachdenklich: „Werden die beiden — ich meine die hassende
Frau und der Mann, den sie haßt — im Jenseits sich je begegnen?“ Aristos
bemerkte hierzu: „Schwerlich, und wenn das nach langer, langer Zeit, unter
ganz anderen Bedingungen und Verhältnissen doch vielleicht geschehen sollte,
dann jedoch nur wie gleichgültige Bekannte, die sich lange nicht sahen und
sich formell gegenseitig fragen, wie es ihnen geht. Aber selbst eine solche,
wenn auch nur formelle, Begegnung kann nur stattfinden, wenn die Frau ihren
Haß und ihr hochfahrendes Wesen völlig abgelegt hat. Erst muß sie lernen,
selbstlos zu werden und ihre Rachsucht aufzugeben. Damit wird bei ihr auch
schon ganz allein die Sehnsucht nach dem Mann, den sie jetzt haßt,
verblassen. Ist diese Sehnsucht aber verblaßt, dann geht sie ihren eigenen
Weg und wird sich um den Mann genauso wenig bekümmern wie dieser es schon
seit langem tut, nämlich seit dem Augenblick, als er ihren wahren Charakter
erkannt hatte.“ „Ich glaube“,
bemerkte nach wieder einer Weile Geigele, „daß aus dem Verhältnis der
Geschlechter zueinander auf Erden sehr, sehr viele Situationen hervorgehen,
in denen Haß und Rache eine große, wenn nicht sogar ausschlaggebende Rolle
spielen.“ „Da hast du
schon recht, Geigele“, stimmte Aristos zu, „doch vergiß nicht, daß die Erde
hauptsächlich eine Schule und Prüfungsstätte ist. Zum Prüfen gehören aber
Versuchungen und Probleme aller Art, die jeder mit sich selbst abzumachen und
zu lösen und damit auch seinen eigenen Charakter zu entwickeln und zu schulen
hat.“ Man war
während dieses Gedankenaustausches ins Freie getreten. Die Gegend war düster
und trug einen unfruchtbaren Wüstencharakter. Überall gab es nur Sand und
Staub. Das Geröll auf der Erde war verschwunden. Es war eine eintönige,
farblose Landschaft und Umgebung. Da kam ihnen ein einzelner Mann entgegen.
Er wurde der drei Besucher aus der höheren Sphären merkwürdigerweise gleich
ansichtig. Er warf aber nur einen Blick auf Aristos, Fred und Geigele und
schritt uninteressiert vorbei. Ab und zu sah er sich noch mißtrauisch um, ob
man ihm etwa folge. Der Mann hatte den Eindruck der Verschüchtertheit und des
Mißtrauens gemacht. Lange sahen die drei ihm nach, ohne etwas zu sagen, bis
Fred kurz bemerkte: „Eine eigentümliche Menschenseele!“ „Damit hast
du das richtige Wort gefunden, die Seele zu charakterisieren“, stimmte
Aristos zu. „Was hat der
Mann wohl auf Erden angestellt, daß er in diese Umgebung hier in die
höllische Sphäre versetzt worden ist?“ „Nichts so
eigentlich Schlimmes“, erläuterte Aristos. „Und er hat auch einen guten Kern,
der sich durch seine von ihm selbst auf Erden um sich geschaffene Hülle des
Mißtrauens nur noch nicht hat durchkämpfen können. Glaubt nicht, daß in der
Hölle nur Verbrecher sind. Es weilen dort auch Menschen, die sich derartig in
engbeschränkte Eigenwelten hineingearbeitet — um nicht zu sagen
hineinversetzt — haben, daß solche nur von ihnen selbst gesprengt werden
können. Solange das nicht geschieht, wandeln derartige Menschenseelen in eben
eintönigen, wüstenartigen zustandsmäßigen Vorstellungswelten hier im Jenseits
herum, wie ihr es habt wahrnehmen können.“ „Ja, aber was
ist es denn nun so eigentlich gewesen, was den Mann eine solche engbegrenzte
Eigenwelt um sich hatte aufbauen lassen?“ „Das ist
manchmal sehr schwer zu erklären. Meistens ist es durch eine gewisse
Charakterveranlagung bedingt, die zur Absonderung geneigt macht. Damit bildet
sich auch eine eigene Beurteilungswelt heraus. Durch solche freiwillig
gewählte Absonderung wird man mit der Zeit überempfindlich und unsicher in
der Beurteilung der Mit- und Umwelt, was nur noch zu verstärkter Absonderung
geneigt macht, um sich keinen Unannehmlichkeiten durch andere auszusetzen.
Schließlich wird man, ohne es so eigentlich gewahr geworden zu sein, zu einem
Wesen, das glaubt, nur die eigene Auffassung und gemachten Erfahrungen seien
das ausschlaggebende und richtige Moment auf der Welt. Wenn solche Personen
sich vor ihrem irdischen Ableben nicht ändern, haben sie im Jenseits oft für
lange Zeit nichts als ihre abgesonderte und abgesperrte Eigenwelt um sich,
die sich hier entsprechungsmäßig als Öde ausdrückt. Dabei sind solche
Menschen manchmal sehr wertvolle Persönlichkeiten. Sie können freigebig und
hilfsbereit sein, doch wenn dann diejenigen, — denen sie geholfen haben —‚
nicht genauso handeln, wie es sich ein solcher Freigebiger in seiner
Eigenwelt gedacht hat, so fühlt dieser sich innerlich verletzt und nur noch
bestärkt in seiner Annahme, daß seine entwickelte Eigenwelt des
Sichabschließens eben doch einzig und allein nur die beste ist.“ „Du sagtest,
Aristos, daß sich unter solchen Menschen auch Persönlichkeiten befinden
mögen, die freigebig und hilfsbereit sind, also doch ein gutes Herz haben. Wo
bleibt denn da bei solchen die jenseitige Belohnung für die erwähnten guten
Eigenschaften, wenn sie in derartig öden Gegenden wie hier herumwandern
müssen. Sie verdienten doch wirklich nicht in solche höllische Verhältnisse
versetzt zu werden!“ „Sie haben
sich doch aber selbst darein versetzt und sind nicht versetzt worden“,
bemerkte hierzu Aristos. „Sie werden ja auch von keinerlei anderen Leiden der
hiesigen höllischen Umgebung betroffen als eben nur von der von ihnen selbst
verschuldeten Isolierung. Sobald sie auch nur leise beginnen, ihre irrige
Auffassung zu begreifen und zugänglich werden für Ratschläge irgendeines der
vielen Helfer, denen sie hier dauernd begegnen, ändert sich auch das Zustandsmäßige
und sie kommen in andere Regionen, wo sie den Segen ihrer geleisteten Hilfe
und Freigebigkeit ernten werden.“ „Danach
verwischen sich eigentlich die Zustände an den Grenzen zwischen Höllischem
und Himmlischem?“ „Ja und Nein!
Ja aber nur insofern, als in den höllischen Verhältnissen auch Seelen
verstorbener Menschen für bestimmte Zeit verweilen mögen, die gemäß den in
ihnen vorhandenen guten Eigenschaften eigentlich in eine zustandsmäßige
Umgebung gehören, die als himmlisch angesprochen werden kann.“ Nach einer
Weile des Weiterwanderns änderte sich die Gegend auf einmal wieder. Sie wurde
geradezu furchterregend durch die tiefen Erdspalten, die sich überall
zeigten. Auch war fernes Donnerrollen zu vernehmen. Der Himmel wurde fahlhell
erleuchtet und war mit unheimlich aussehenden Unwetterwolken bedeckt, aus
denen Blitze zuckten wie bei irdischem Wetterleuchten. Der Horizont bestand
aus schroffen vegetationslosen Felsgeraden, von denen von Zeit zu Zeit große
Felsen abbröckelten und in die tiefen Spalten donnerten. Nach einer Weile
hörte man sie wie auf dem Grund der Erdspalte aufschlagen, wobei gleichzeitig
eine helle Glutflamme emporzüngelte und aus der Tiefe herzzerreißende Schreie
vernehmbar wurden. Geigele wurde
furchtsam. Auch Fred fühlte sich nicht so recht wohl. Aristos merkte es, ging
aber doch noch ein Stückchen weiter, bis er vor einer breiten Erdspalte
stand, aus der rote Flammen hochschlugen. Er winkte Geigele und Fred zu sich
und wies stumm mit dem Finger nach unten. Was sich dort
zeigte, war furchtbar anzusehen und kaum zu beschreiben. Geigele schrie auf
und zuckte zurück. Fred fing sie in seinen Armen auf und hielt sie fest. Plötzlich
wurden das Blitzezucken, das Donnerrollen und die entsetzlichen Schreie aus
der Tiefe immer lauter und lauter, während gleichzeitig grell-rote Flammen
aus der Tiefe fast bis zu den Füßen der drei Beobachtenden heraufzüngelten. „Öffnet nur
ruhig eure Augen und werft einen Blick in die Tiefe eines — und noch durchaus
nicht so sehr schlimmen — Teiles der wirklichen Hölle. Tue das, besonders du,
Geigele, damit du darüber in deinem somnambulen irdischen Körperschlaf
berichten kannst, was ja zum Besten der noch lebenden Menschen aufgezeichnet
wird. Was siehst du, Geigele?“ „O nein, o nein,
bitte, ich kann nicht mehr hinabsehen. Es ist zu furchtbar, zu entsetzlich!“ „Und doch,
Geigele, du mußt es tun! Es ist deine Aufgabe. Deswegen führe ich dich mit
deinem Fred hier herum. Nun beschreibe, damit alles durch das Sprechen deines
im somnambulen Schlaf befindlichen Körpers dem Aufzeichner neben deinem
Krankenlager auf Erden vernehmbar werden kann.“ Nach einer
Weile öffnete Geigele ihre Augen und, obgleich noch immer mit dem Ausdruck
des Entsetzens, begann sie zu beschreiben: „Was ich wahrnehme, ist ein
riesiges Meer von Flammen, in dem sich Gestalten in furchtbaren Qualen
wälzen. Ihre Körper sind voll eiternder Brandwunden. Sie versuchen zu
entfliehen, können aber nirgends heraus aus der Erdspalte, da die aus nacktem
Fels bestehenden Seitenwände der Erdspalte keine Möglichkeit zum Hochklettern
bieten. Ab und zu sehe ich wie von oben her ein Blitz durch das Flammenmeer
züngelt, der den einen oder anderen trifft, der aufschreiend zusammenbricht,
sich noch wie in den entsetzlichsten Qualen herumwälzt und dann wie tot
liegenbleibt. Merkwürdigerweise verbrennt der Körper aber nicht. Andere
wieder scheinen geistesgestört zu sein und keine Schmerzen mehr zu empfinden.
Ihre Körper zeigen auch keine Brandspuren. Sie schreiten ruhig durch die
Flammen und schweben aufwärts bis zur Kante der Erdspalte. Manche werden
darüber hinausgeworfen und eilen davon, wohin weiß ich nicht. Aber die
Schreie von unten her sind ja entsetzlich. Bitte, bitte laßt uns von der
Erdspalte zurücktreten.“ Aristos kam
nun dem Wunsche nach und alle drei setzten sich auf einige Felsblöcke, vom
Abgrund der Erdspalte schon weit genug entfernt, um die Schmerzensschreie und
Hilferufe von unten herauf nur noch wie aus weiter Ferne zu vernehmen. Geigele
schien ganz erschöpft zu sein und das Bewußtsein zu verlieren. Fred sah
Aristos fragend an. Dieser winkte beruhigend zurück und bald erholte sich
Geigele auch wieder, wurde kräftiger und schien gesammelt zu sein. „Nun habt ihr
einen Einblick in das eigentliche Höllische der Hölle tun können. Glaubst du
jetzt noch, Fred, daß es in der Hölle eigentlich gar nicht so furchtbar ist?“
fragte Aristos lächelnd. „Was ich nun
zu sehen bekommen habe, genügt mir vollkommen, um zu wünschen, nie in die
Hölle hinabsteigen zu brauchen. Doch, lieber Aristos, sag mal, war das
wirkliches Feuer, was wir da unten sahen? Wohl fühlte ich manchmal eine heiße
Luft um mich wehen, wenn die Flammen hochschlugen, doch die Menschenseelen
mitten drinnen in den Flammen verbrannten doch nicht?“ „Eine solche
oder ähnliche Frage hatte ich erwartet. Nun, hört zu: Was ihr jetzt als
Abschluß eures Besuches im Bereiche des Höllischen zu sehen bekommen habt,
war wie so manches andere hier im Jenseits für euch als Besucher aus anderen
Sphären, lediglich Entsprechungsmäßiges, also eine euch wahrnehmbare
Erscheinung von Seelen Verstorbener, die nach ihren durch ihr Leben und ihre
Taten auf Erden gestalteten Eigenwelten hier ihr örtlich Zustandsmäßiges in
ihrem Erlebnisbewußtsein durchmachen. Für diese sind das, was ihr saht,
leider aber nicht nur Erscheinungs-Wahrnehmungen — wie bei euch — sondern
allerbitterste Wirklichkeiten mit tatsächlichem Schmerz der Seele. Ihr wißt
ja auch, wie manchmal auf Erden ein Schuldbewußtsein wie ein inneres Feuer
auf eure Seele wirken kann. Nun seht, dieses innere Feuer der Eigenwelt plagt
die, deren Leiden ihr gesehen habt. Die Flammen, die hochzüngelten, waren für
euch aus anderen Sphären kommende lediglich Entsprechungs-Erscheinungen der
furchtbaren inneren Qualen der Verdammten, die ihr gesehen habt. Doch sie
wurden nicht etwa von Gott verdammt, sondern haben sich ganz allein selbst
verdammt in die Verhältnisse hinein, die naturgemäß gegeben und seelisch
vorhanden sind für alle, die auf Erden so gelebt haben, daß derartige
Verhältnisse der Eigenerkenntnis ihrer Eigenwelten entsprechen. Daher ist in
Wirklichkeit jeder sein eigener Richter nach seinem jeweiligen Leben, Gott
hat freilich die jeweiligen Bedingungen für Auswirkungen von Handlungsweisen
für die gegenwärtige Schöpfung durch Seine Macht festgelegt, doch Gott selbst
wirft keine Seele in irgendeine solche Bedingung hinein. Das besorgen die
schlechten Menschen selbst. Gott selbst ist und bleibt aber auch für die
Allerbedauernswertesten immer weiter lediglich die ewige Liebe, die keinen,
aber auch wirklich keinen einzigen Menschen verloren gehen läßt, wenn immer
sich ein solcher an Ihn um Gnade wendet.“ Es trat eine
längere Pause ein, die schließlich von Geigele unterbrochen wurde mit dem
Ausruf: „O, Du guter Gott, wie liebevoll bist Du doch zu jedem Deiner
Geschöpfe! Solcher allumfassenden Liebe ist nur Gott allein fähig!“ „Nun laßt uns
zurückgehen“, ersuchte Aristos. Damit standen
alle drei auf und da Fred und Geigele noch immer unter dem Eindruck des
Erlebten standen, so achteten sie nicht, wohin sie eigentlich gingen. Sie
setzten wie automatisch einfach ein Bein vor das andere, folgten Aristos nach
und gingen und gingen, bis ihnen auf einmal die Umgebung auffiel. Es war hell
um sie geworden, und statt Felsen, Sand und Vegetationslosigkeit schritten sie
über einen Grasteppich, der voller lieblicher Blumen war. Das bot so einen
Kontrast zu der bisherigen Gegend, daß Geigele vor Überraschung stehen blieb
und wie fragend nach Aristos blickte, als wollte sie näheren Aufschluß haben.
Und der wurde ihr auch zuteil. „Du wunderst
Dich, liebes Geigele, wo du auf einmal bist. Nun, wir haben die Örtlichkeiten
der höllischen Zustandsmäßigkeit verlassen und befinden uns augenblicklich
auf einer Art von neutralem Gebiet zwischen den örtlichen Zustandsmäßigkeiten
des Höllischen und Himmlischen.“ „Danach wären
wir also im ‚Fegefeuer‘?“ warf Fred, wie fragend, ein. „Das Fegefeuer ist kein direkt
Zustandsmäßiges insofern, daß es klar dargelegte örtliche Zustandsmäßigkeiten
ausdrücken würde. Aber das hier vorhandene und von euch wahrgenommene Charakteristische
mag eurem Verständnis vielleicht am leichtesten eben als das Fegefeuer
begreiflich sein. Hier gibt es für Seelen, die sich aufhalten, keine Leidenschaften
irgendwelcher Art, also weder Haß noch Neid, aber auch keine hervorstechenden
Anwandlungen von selbstloser Nächstenliebe. Man lebt hier einfach dahin ohne
Leiden, aber auch ohne besondere Freuden, wenn auch innerlich neutral
zufrieden. Hier ist es auch, wo die meisten Seelen hinkommen, wenn sie aus
irgendeinem zustandsmäßigen Örtlichkeits-Verhältnis durch dortiges scheinbares
Sterben heraus sind, wie bei den Gefallenen in der Geisterschlacht und bei
allen den anderen, deren scheinbares Sterben ihr bei euren Erlebnissen in den
höllischen Gebieten beobachten konntet. Hier erleben solche anscheinend Tote,
d.h. Seelen, deren Erlebnis-Bewußtsein aus ihrer bisherigen Umgebung
herausgehoben ist, jene Ruhe, die sie schließlich wieder erwachen
läßt, um langsam nach der örtlichen Zustandsmäßigkeit hinabzugleiten, wo sie
die nächstfällige unharmonische Eigenschaft ihres Charakters überwinden
lernen müssen. Manchmal kommt es auch vor, daß eine solche Seele eine Art von
Ferien im Reinigen von Schlacken der Leidenschaft erhält und vorübergehend in
bessere örtliche Zustandsmöglichkeiten hinaufgleitet und erst später den Rest
der unharmonischen Eigenschaft ihres Charakters in wieder mehr höllisch anmutenden
örtlichen Zustandsmäßigkeiten auszuleben braucht. Vergeßt nicht, ihr Menschen
auf Erden könnt ein vollkommenes Bild von hiesigen Verhältnissen und
Gesetzmäßigkeiten nie erhalten, da hier Faktoren in Wirksamkeit treten, die
euch auf Erden gänzlich unbekannt sind. Daher kommt es auch, daß jeder Seher,
jedes echte Medium das Jenseits immer wieder anders schildern wird, was
einmal auf die verschiedenartigen Lebensauffassungen der Seher und Medien
zurückzuführen ist, und auch auf den jeweiligen Stärkegrad der medialen
Kraft. Aber es ist ja auch gar nicht nötig, daß ihr auf Erden alles voll zu
verstehen braucht. Die Hauptsache ist, ihr erhaltet durch die Schilderungen
von Erlebnissen von Sehern und Medien im Jenseits einen Einblick in das
Zustandsmäßige eures niemals vergehenden Erlebnis-Bewußtseins nach dem
irdischen Ableben.“ Nach einer
Weile fortfahrend, erläuterte Aristos auch die sich ständig verbessernde und
liebreizender werdende örtliche Zustandsmäßigkeit der nun durchschrittenen
Umgebung. „Nun, liebes
Geigele und Fred haben wir unsere Wanderung durch das höllisch Zustandsmäßige
der Seelen von nicht einwandfrei gelebten Menschen beendet. Geigele mag jetzt
wieder in ihren Körper zurückkehren. Sie soll erst wieder etwas mehr irdische
Lebenskraft gewinnen. Daher werden wir vorderhand keine weiteren Wanderungen
unternehmen, sondern solche, wenn sie von jetzt auch in bessere örtliche,
nämlich in himmlische Zustands-Verhältnisse führen werden, auf einige Monate
unterbrechen. Und du, Geigele, wirst während dieser Zeit in deinem irdischen
Körper so kräftig werden, daß alle glauben mögen, du seist irdisch vollkommen
gesundet, denn man hält ja deinen somnambulen Zustand im allgemeinen für
etwas Krankhaftes. Darum laßt uns vorläufig scheiden, bis wir uns wieder
begegnen zwecks Unternehmens hübscherer und angenehmerer Wanderungen.“ Damit schwand
Geigele plötzlich das Erlebnis-Bewußtsein und Aristos wie Fred lösten sich
vor ihr scheinbar in Nichts auf. III. Als Geigele
diesmal zum irdischen Bewußtsein erwachte, war sie ganz anders als sonst,
wenn sie sich aus ihrem somnambulen Schlaf erholte. (Man vergesse
nicht, daß sich alles, was Aristos, Fred und Geigele auf ihren oben
beschriebenen Wanderungen durch das höllische Zustandsmäßige erlebten, nicht
so einfach hintereinander abspielte. Für alle diese Erlebnisse war es viele
Male notwendig gewesen, daß Geigele in somnambulen Schlaf verfiel und daraus
wieder erwachte. Und während manchem somnambulen Schlaf sah und berichtete
Geigele auch immer nur Teile von einem hier in sich zusammenhängend
beschriebenen Erlebnis. Wie schon vor Beginn der Berichterstattung über
Geigeles Erlebnisse redaktionell bemerkt wurde, sind hier alle Erlebnisse,
als wie hintereinander durchgemacht, geschildert, da es die Leser sonst
gelangweilt hätte, immer wieder zu lesen: Geigele fällt wieder in somnambulen
Schlaf!“ usw. — Anm. der Redaktion.) Beim
diesmaligen Erwachen war Geigele nun ganz frisch, verlangte sofort etwas zu
essen und zu trinken, richtete sich schnell auf ihrem Lager hoch und machte
den Eindruck einer von schwerer Krankheit gänzlich genesenen Person. Sie
sprach kräftig und versuchte sogar, mit den um ihr Lager sitzenden Personen,
nämlich Dr. Lehmann, der alles aufzeichnete, mit ihrer Mutter und mit Herrn
McCook zu scherzen. Geigele
begann sich auffallend schnell zu erholen. Zwei Tage nach ihrem diesmaligen
Erwachen konnte sie schon den ganzen Tag auf sein. Sie war so frisch, daß sie
ihrer Mutter in allem zur Hand ging. Diese freute
sich natürlich darüber und auch McCook nahm Anteil an Geigeles schneller
Genesung. Ab und zu
sprach Dr. Lehmann vor. Er vermied es aber, über die während Geigeles
somnambulen Schlaf gemachten Aufzeichnungen zu sprechen und Geigele selbst
zeigte merkwürdigerweise auch keinerlei Interesse dafür, was alles
aufgezeichnet worden war. Sie schien voller irdischem Lebensinteresse zu
sein, machte jetzt häufig erst kürzere, später längere Spaziergänge durch die
Stadt und auch in die unmittelbare Umgebung, wo u.a. von den deutschen
Einwanderern, als deren Einfluß noch vorherrschend in Waterville gewesen war,
eine Art von Sommerlokal mit anschließendem Parkgelände geschaffen worden
war. Das alles war aber mit dem Nachlassen des deutschen Vereinsiebens stark
vernachlässigt worden, zumal niemand angestellt wurde, das Gelände zu
verwalten und in Ordnung zu halten. Das Waldgelände wies nur noch Spuren von
Wegen auf, die in hügeliges Gelände übergingen. Dorthin wurde Geigele
manchmal auch von ihrer Mutter begleitet, der die frische Luft ebenfalls gut
tat. Herr McCook drängte beide Frauen sogar zu den Spaziergängen, weil sie
seiner Ansicht nach gesundheitsfördernd für beide waren. Von ihren
Geschwistern hatte Geigele nicht viel gehört. Nur ihre Schwester Margarete,
die glücklich verheiratet war, sprach ab und zu mal vor, um sie und Mutter zu
besuchen. Ihr ältester Bruder Georg war Kondukteur auf dem Küstenexpreß
zwischen Chicago und Seattle und hatte seine Dienstroute schon mehrmals
geändert bekommen, so daß er nicht bloß die Strecke von Chicago bis zu den
Zwillingsstädten Minneapolis und St. Paul befuhr, sondern manchmal auch
zwischen diesen Städten und weiter westlich, ja einige Male sogar bis nach
Seattle, Washington, hin. Zur Zeit war seine Dienstroute aber wieder zwischen
Chicago und St. Paul, und so konnte er manchmal in Waterville vorsprechen, um
sich zu erkundigen, wie es Geigele und seiner Mutter ging, und ob sie etwa
irgendwelche finanzielle Unterstützung benötigten, was jedoch nicht nötig
war, da Herr McCook für beide Frauen sorgte, die seinen Haushalt führten. Von
Joseph, der mit seinem Freund Rudi nach Chicago durchgebrannt, und von
Magdalena, die ebenfalls nach der ‚Windigen Stadt am Michigansee‘ verschwunden
war, hörte man nichts mehr. Nur Philipp war noch immer in Waterville und
hatte sich vom Streckenarbeiter bis zum Vormann bei der Bahn hochgearbeitet,
bei der sein Bruder Georg als Kondukteur angestellt war. So vergingen
einige Wochen völlig ereignislos. Eines Tages sprach jedoch Georg in
Waterville vor und teilte seiner Mutter und Geigele mit, daß er sich verheiraten
würde und schon ein Heim in Minneapolis eingerichtet hätte, das er mit seiner
Braut beziehen würde, sobald sie getraut wären. Die Hochzeit sei auf Samstag
in zwei Wochen festgesetzt. Herr McCook stellte Georg sein großes Heim für
Abhaltung der Hochzeit zur Verfügung, doch Georg erklärte, daß die Eltern
seiner Braut, die schwedischer Abkunft sei, wenn auch in Amerika geboren, die
Hochzeit arrangieren würden. Er, Georg, wollte nur Mutter, Geigele, seinen
Bruder Philipp und auch Herrn McCook zur Hochzeit einladen. Herr McCook
lehnte jedoch dankend ab, da er seit dem Tode seines Sohnes und seiner Frau
kein Interesse mehr für weltliche Feiern hatte. Und seine Mutter bat
ebenfalls, von der Teilnahme entschuldigt zu sein, da sie ja für Herrn McCook
sorgen müsse; dieser aber wehrte mit dem Bemerken ab, daß er doch kein Kind
wäre und schon mal einige Tage ohne Geigeles Mutter würde auskommen können.
Aber sowohl diese wie auch Herr McCook drängten darauf, daß Geigele nach
Minneapolis zur Hochzeit fahren sollte. Ihr Bruder Philipp, der sowieso einen
Freifahrtschein von der Bahnlinie, an der er angestellt war, erhielt, würde
sie gewiß begleiten. Geigele
wehrte sich anfangs gegen die Reise nach Minneapolis, gab aber schließlich
dem Drängen ihrer Mutter und Herrn McCooks nach und fuhr mit ihrem Bruder
Philipp zusammen dorthin. Es war das
erste Mal, daß Geigele seit ihrer frühesten Kindheit — als die ganze Familie
von Dakota nach Waterville übersiedelte — wieder mal mit der Bahn fuhr. Sie
fand Gefallen daran, zumal ihr Philipp die verschiedenen Gegenden am oberen
Mississippi erklärte. Die Braut
Georgs war eine hübsche Blondine von bescheidenem Wesen und großer
Herzlichkeit, so daß sich Geigele recht heimisch im Heim ihrer Eltern fühlen
konnte, wo sie eingeladen war als Gast zu bleiben, während Philipp in ein
billiges Hotel ging. Man war am
Donnerstag nachmittag von Waterville abgefahren und am Abend in Minneapolis
eingetroffen. Am nächsten Tage lud Sonja — so war der Name von Georgs Braut —
und ihr Bruder Friedjof Geigele zu einer Spazierfahrt im Auto durch die
Außenbezirke von Minneapolis, durch den Minnehaha-Park und nach dem Gelände
um Fort Snelling herum ein, von wo sich ein entzückender Blick über das
breite, hügelige Mississippital nach Süden hin bietet. Das war
Geigeles erste Fahrt in einem Auto. Da es Frühsommer war und die große Wärme
noch nicht eingesetzt hatte — in dieser nördlichen Gegend variiert zwischen
Winter und Sommer die Temperatur manchmal zwischen 30 bis 35 Grad Kälte und
30 Grad Hitze und mehr —‚ so boten die Außenbezirke Minneapolis, die
sogenannten Wohndistrikte, einen entzückenden Anblick mit ihren
wohlgepflegten Rasenflächen vor den Häusern und ihren vielen Blumen um die
Hausveranden herum. Außerdem waren die Straßen geradezu peinlich sauber
gehalten, eine Erscheinung, die im Nordwesten überall zu finden ist, wo
entweder deutsche oder skandinavische, besonders aber schwedische Ansiedler
sich niedergelassen haben. Während der
weltlichen Hochzeitsfeier im Heim der Eltern von Sonja fühlte sich Geigele
ein wenig verlassen, obgleich die Gastgeber und deren geladenen Gäste es
wirklich nicht an Herzlichkeit fehlen ließen. Auch Friedjof, Sonjas Bruder,
bemühte sich um Geigele, an der er großes Gefallen gefunden zu haben schien.
Doch in Geigeles Natur lag es nicht, sich in großer Gesellschaft heimisch zu
fühlen, was wohl einerseits auf ihre tiefe seelische Veranlagung, andererseits
aber vielleicht auch auf das ständige Alleinsein mit ihrer Mutter und nur
wenigen Bekannten zurückzuführen war. Geigele war
daher froh, als alles vorüber war und sie wieder nach Waterville zurückreisen
konnte. Sie fuhr ohne Philipp zurück, denn dieser hatte unter den
schwedischen Hochzeitsteilnehmern mehrere Freunde gefunden, und außerdem
hatte er noch einige Tage Urlaub. Doch da Georg und Sonja ihre Flitterwochen
in Chicago verleben wollten, so brauchte Geigele bis Waterville trotzdem
nicht allein zu fahren. Dort wurde sie von ihrer Mutter und Herrn McCook
abgeholt. Während des kurzen Aufenthalts auf dem dortigen Bahnhof stellte
Georg noch schnell seine junge Frau den beiden vor. Seine Mutter fand sofort
Gefallen an Sonja, die auch wirklich von unwiderstehlicher Herzlichkeit war. Zwei ruhige
Wochen waren seit Geigeles Rückkehr aus Minneapolis verflossen, als zur
Überraschung aller plötzlich ein Auto vor Herrn McCooks Haus vorfuhr und zwei
stattliche Männer an der Haustür klingelten. Mutter
Schreiber war gerade nahe der Tür und öffnete. Sie sah die beiden Besucher
befremdet an. Doch da sie ihre Brille nicht auf hatte, war sie nicht sicher.
Der eine junge Mann streckte ihr jedoch lächelnd die Hände entgegen mit den
Worten: „Na, Mutter, du willst doch nicht etwa deinen Sohn Joseph von der Tür
fortweisen.“ „Ja,
freilich, du bist ja der Joseph!“ kam es da über Mutter Schreibers Lippen.
„Komm nur rein. Ich meine natürlich, kommt nur rein!“ verbesserte sie sich
schnell, als Josephs Begleiter draußen bleiben wollte. Beide
Besucher wurden ins Wohnzimmer gebeten, wo Herr McCook gerade die Zeitung
las. Geigele war in der Küche beschäftigt, kam aber auf das Rufen ihrer
Mutter ins Zimmer. Sie erkannte Joseph sofort und war es auch, die dessen Begleiter
ebenfalls erkannte, den Joseph im allgemeinen Durcheinander des Willkommens
bis jetzt vorzustellen vergessen hatte. „Und Sie sind
Josephs Freund Rudi!“ Mit diesen Worten streckte sie Josephs Begleiter
ebenfalls die Hand entgegen. Dieser
verneigte sich schweigend als Bestätigung von Geigeles Vermutung. Die beiden
Besucher brauchten sich über die Herzlichkeit des Empfanges und die dabei
bewiesene Gastlichkeit im Heim von Herrn McCook nicht zu beklagen. Während
Rudi zurückhaltend war, tauschten Joseph, seine Mutter und Geigele
Erinnerungen über Erinnerungen aus. — Man vermied
zu fragen, was die beiden unerwarteten Besucher eigentlich so plötzlich nach
Waterville gebracht hatte und was überhaupt ihre Beschäftigung war. Herr
McCook, Geigele und ihre Mutter wollten taktvoll warten, bis diese selbst
darüber sprechen würden. „Bist du
schon bei Vaters Grab gewesen?“ fragte schließlich Josephs Mutter ihren Sohn. „Nein, noch
nicht, doch wir wollen das noch tun! Ebenso Rudi! Es ist ja schließlich recht
lange her, daß wir in Waterville waren. Besonders Rudi empfindet etwas
Gewissensbisse darüber, daß er sich nie um seines Vaters Grab bekümmerte,
zumal es uns doch seit einigen Jahren finanziell gut ergeht.“ „Ja, die
Zeiten sind für das Geschäftsleben eigentlich ganz gut geblieben, obgleich
man gleich nach Kriegsschluß eine Art von Depression befürchtet hatte,“ warf
Herr McCook ein, so nebenbei nur, um etwas mitzusprechen. „Ganz gut,
sagen Sie, Herr McCook“, antwortete darauf Rudi lachend und Joseph zublinzelnd.
„Ich möchte fast sagen: sie sind einfach glänzend. Für uns beide wenigstens!“ „Dann müssen
Sie allerdings in einer besonders gut prosperierenden Geschäftsbranche
drinnen sein“, schaltete McCook ein. „Sind wir
auch, nicht wahr, Joseph?“ erwiderte Rudi, Joseph abermals zublinzelnd. Dieses kurze
Erwähnen der Beschäftigung von Rudi und Joseph legte sich wie eine leichte
Ernüchterung auf die Herzlichkeit des Besuches. Die Gastgeber hatten das
Gefühl, daß es bei den beiden Besuchern mit ihrem Berufsleben eine eigene
Bewandtnis haben müßte. Natürlich vermieden sie es im weiteren Verlauf der
Unterhaltung, noch irgendwie dieses Thema zu berühren. Und da sowohl Rudi wie
Joseph überraschende Gewandtheit im Führen einer Unterhaltung zeigten, so
verwischte sich der unangenehme Eindruck auch bald wieder. Nur Geigele
hatte das Gefühl, daß beide Besucher einen Beruf ausübten, bei dem es etwas
für die Allgemeinheit zu verschweigen gab. Sie wußte nicht, was das sein
konnte, zumal sie ja weltfremd war. Im Verlaufe
der Unterhaltung — beide Besucher mußten zum Abendessen bleiben und waren
auch zum Übernachten eingeladen worden, was sie aber ablehnten, da sie
angeblich noch jemanden sehen mußten und sich dann ein Zimmer im Hotel nehmen
würden — kam man auch auf die Zeitverhältnisse im allgemeinen und auf die
Mißstände der Prohibition zu sprechen, die sich damals zu einem nationalen
Skandal auszuwachsen schienen und jenes Gangstertum schuf, das in Großstädten
richtige Konkurrenzschlachten mit Gewehren, Revolvern und Maschinengewehren
führte, bis schließlich die Bundesbehörde einschritt und zur Bekämpfung des
Gangstertums das ‚Federal Bureau of Investigation‘ — ‚FBI‘ — schuf, das dann
nach jahrelangen schweren Kämpfen endlich dem Gangstertum der
Prohibitionszeit für immer ein Ende bereitete. Bei der
Unterhaltung über die in Großstädten, namentlich auch in Chicago,
diesbezüglich herrschenden Zustände waren Rudi und Joseph geradezu auffallend
gut orientiert, so daß es sich Herr McCook nicht versagen konnte zu bemerken:
„Meine Herren, Sie sind ja über die Chicagoer Verhältnisse fast besser orientiert
als die Chicagoer Polizei selbst nach den in Chicagoer Zeitungen
veröffentlichten Berichten.“ „Vergessen
Sie nicht, Herr McCook“, bemerkte hierzu Rudi, „daß die Polizei in Chicago
zahlenmäßig zu gering ist, um das ganze gewaltige Stadtgebiet so zu schützen,
wie es unter den obwaltenden Umständen geschützt werden müßte. Doch, was
können wir dagegen machen? Nichts! Darum laßt uns das Thema wechseln.“ Das tat man
auch, und so verlief der weitere Verlauf des Besuches harmonisch und
zufriedenstellend. Als sich die
Besucher entfernt hatten, bemerkte beim Abräumen des Geschirrs Mutter
Schreiber: „Ich weiß nicht, da stimmt etwas nicht bei den beiden. Ich weiß
aber nicht, was es ist. Was denkst du, Geigele?“ „Ich denke
wie du, liebe Mutter, sehe aber nicht klar, was es sein kann.“ Als Geigele
mit dem Geschirr in die Küche gegangen war — sie hatte ihre Mutter gebeten,
ihr das Abwaschen zu überlassen und Mutter Schreiber mit einer Stickarbeit
neben Herrn McCook Platz genommen hatte, stellte sie an diesen, als er gerade
mit Durchlesen eines Teiles der Zeitung fertig war, die Frage: „Was denken
Sie, Herr McCook, was mit den beiden jungen Männern los ist und was vor allem
ihre Beschäftigung sein mag?“ „Das ist
schwer zu sagen“, antwortete Herr McCook zögernd. „Wir können ja nichts
beweisen und nachweisen. Ihre umfassenden Kenntnisse der gegenwärtigen
Verhältnisse in Chicago erscheinen mir aber dafür zu sprechen, daß beide im
Schwarzhandel mit Alkohol tätig sind.“ Mutter
Schreiber senkte ihre Arbeit. Sie war tödlich erschrocken. „Na, na!“
beruhigte Herr McCook, „da ist nichts zu erschrecken. Hunderte von Menschen
sind infolge des unsinnigen Prohibitionsgesetzes zur Zeit mit dem
Bier-Schwarzhandel beschäftigt, ohne deswegen Verbrecher und Gangster zu
sein. Bisher ist den beiden anscheinend ja auch noch nichts geschehen. Daher
werden sie sich wohl gerade nicht die gefährlichste Seite des
Schwarzhandel-Berufes ausgesucht haben.“ Mutter
Schreiber sagte ihrer Tochter nichts von diesem Gespräch mit Herrn McCook,
doch Geigele wurde wieder mehr in sich gekehrt und grübelte anscheinend
dauernd über etwas, was sie nicht verstehen und begreifen konnte. Einige Wochen
später — es war gerade sehr heiß draußen — klagte sie abends wieder mal über
große Müdigkeit und Schwäche. Mutter Schreiber wurde besorgt und rief auf
Anraten von Herrn McCook Dr. Lehmann, der nach längerer Untersuchung ein Nervenberuhigungsmittel
verschrieb und am nächsten Tage wiederzukommen versprach. Herr McCook
begleitete Dr. Lehmann zur Tür und fragte ihn: „Ist es etwas Ernsthaftes mit
Geigele, Herr Doktor?“ „Nein, das
gerade nicht“, antwortete Dr. Lehmann gedehnt, wie überlegend. „Fast scheint
es mir so, als ob die somnambulen Anfälle sich so langsam wieder einstellen
würden, die wohl nur unterbrochen wurden, um Geigeles Konstitution zu
kräftigen. Doch ganz Bestimmtes kann ich noch nicht darüber sagen.“ In den
nächsten drei Wochen wechselte das Befinden Geigeles dauernd zwischen Tagen,
an denen sie sich besser und leichter fühlte, und solchen, an denen sie recht
kraftlos erschien. Aber ihr Schlafbedürfnis nahm ständig zu. Eines Abends,
als Geigele schon eingeschlafen zu sein schien, sprach sie plötzlich laut
vernehmbar vor sich hin. Mutter Schreiber eilte sofort an ihr Lager. Geigele
saß aufgerichtet mit geschlossenen Augen im Bett und schien sich, wie früher,
wieder mit jemandem zu unterhalten. Sie lauschte anscheinend auf das, was ihr
irgend jemand sagte. Dann sank sie erschöpft auf ihr Lager zurück, wachte
aber bald auf, ergriff, als sie ihre Mutter neben sich sah, deren Hand und
bat sie: „Liebe Mutter, kannst du vielleicht Dr. Lehmann fragen, ob er wieder
ab und zu an mein Lager kommen und Aufzeichnungen machen kann? Ich habe eben
mit meinem Führer gesprochen, der mir sagte, daß ich mich genügend erholt
hätte, um die Wanderung durchs Jenseits fortsetzen zu können.“ „Ich werde
Dr. Lehmann benachrichtigen“, versicherte Mutter Schreiber. „Hoffentlich
hat er genügend Zeit.“ „Sorge dich
darum nicht. Mein Führer sagte mir, daß meine Wanderungen nur vor sich gehen
würden, wenn Dr. Lehmann Zeit hätte, an mein Lager zu kommen. Wie mir der
Führer sagte, hätte Dr. Lehmann zur Zeit sowieso nicht viel zu tun und könnte
alle seine Patienten den Tag über besuchen. Die Führungen würden wiederum
meistens in den Abendstunden bis in die Nacht hinein erfolgen.“ Als Mutter
Schreiber Dr. Lehmann nach seinem nächsten Krankenbesuch — Geigele lag
meistens nun fast immer im tiefen Schlaf — mitteilte, was Geigele sie zu fragen
beauftragt hatte, war dieser sofort bereit, wieder Aufzeichnungen zu machen. „Ich hatte
ein nochmaliges Auftreten der somnambulen Erscheinungen Geigeles sowieso
längst erwartet.“ Dr. Lehmann
kam nun fast jeden Abend zu Herrn McCook zu Besuch. Man wartete auf die
ersten Anzeichen von neuen Mitteilungen über somnambule Wanderungen von
Geigele. Doch es kam zu solchen durchaus nicht gleich. Dr. Lehmann hatte aber
Bleistift und genügend Schreibpapier nebst Unterlage zum Schreiben stets
bereit neben sich, wenn er im Hause von McCook weilte. Endlich, an
einem Samstagabend, hörten die drei Wartenden aus Geigeles Schlafzimmer laut
vernehmlich: „Mein Führer und auch Fred sind bei mir und bitten dich, lieber
Doktor, wenn du Zeit hast, herzukommen und aufzuzeichnen, was ich dir im
Schlafe mitteile.“ (Auch die nun
folgenden somnambulen Wanderungen sind ebenfalls wieder, genau wie die
vorausgegangenen, so berichtet, wie sie sich abspielten, also als ob sie
nicht unterbrochen worden seien. In Wirklichkeit konnten ja aber nur
stückweise Aufzeichnungen gemacht werden, da Geigele dazwischen immer wieder
in ihren irdischen Körper zurückkehrte. Jederzeit, wenn sie dann wieder in
somnambulen Schlaf versank, setzte sie aber genau an derselben Stelle, wo sie
vorher abgebrochen hatte, ihre Berichte fort. Die Unterbrechungen mit
Bemerkungen, wie: „Geigele erwacht und unterbricht den Bericht“, würde die
somnambulen Wanderungen jedoch zu schleppend im Wiedergeben erscheinen
lassen. Anm. der Red.). Als Geigele
erneut in ihren somnambulen Tiefschlaf verfiel und sie sich neben ihrem Fred
und Leitführer Aristos stehen sah, kam es ihr so vor, als ob sie endlich
wieder daheim sei, d.h. dort, wohin ihr Herz inniglichst verlange und wo sie
eigentlich nur glücklich sein könnte. Als sie sich
das erste Mal in dem somnambulen Zustand ihrer Existenz bewußt und sowohl
Freds wie Aristos ansichtig wurde, befand man sich auf einer entzückenden
taufrischen Wiese, die hell erleuchtet war. Die Blumen prangten in allen
Farben und strömten einen betäubenden Duft aus. Darunter waren Blumen, die
Geigele noch nie vorher gesehen hatte, obschon es nur einfache, schlichte
Feldblumen waren. Die
Beleuchtung war eigenartig und hob alles überaus plastisch klar und deutlich
von den Umgrenzungen ab, die durch die Entfernungen neben und zueinander
gegeben waren. Woher die Beleuchtung kam, war Geigele nicht klar. Sie sah
sich fragend um. Fred lächelte, doch Aristos bemerkte: „Du wirst hier noch
ganz andere Lichteffekte zu sehen bekommen, die du dir nicht zu erklären vermagst,
da du ja gewöhnt bist, Beleuchtung nur durch die Sonne, den Mond, die
Gestirne und durch künstliches Licht feststellen zu können. Nun, hier ist es
anders, hier kommt die Beleuchtung von innen heraus. Wie das geschieht, kann
ich dir nur so ungefähr verständlich machen. Wenn du zum Beispiel einmal über
irgend etwas lange nachgegrübelt hast und es wird dir auf einmal klar, ist es
dir dann nicht gewesen, als ob du alles, was mit dem Problem zusammenhängt,
wie von Helligkeit durchdrungen wahrnimmst? Nun, so ähnlich ist es mit der
Helligkeit hier. Sie strahlt vom inneren Bewußtseinsempfinden aller aus, die
im Schein solcher Helligkeit existieren, oder anders, und damit vielleicht
klarer ausgedrückt, jede Örtlichkeit von etwas Sündenlosem besitzt eigene
innere Erlebnisleuchtkraft, die durch diejenigen bedingt ist, deren seelische
Zustandsmäßigkeit eben in der entsprechend erleuchteten Örtlichkeit zum
Ausdruck kommt. Hast du das verstanden?“ Geigele
schüttelte verneinend den Kopf. Diese Erklärung war über ihr Begriffsvermögen
hinausgegangen. Aristos lächelte über ihr ehrliches Eingeständnis und
tröstete: „Sei unbesorgt! Je länger wir nun wieder zusammensein und in je
herrlichere Gegenden wir eindringen werden, desto verständlicher wird dir
allmählich das werden, was ich dir eben zu verstehen begreiflich machen
wollte. Doch selbst Fred, der nun schon längere Zeit hier weilt, ist manchmal
ganz verwirrt über den hellen Schein und die herrlichen Farben, ohne die
Lichtquelle irgendwo am Firmament zu finden. Nimm deswegen vorläufig nur mal
das, was du an Helligkeit wahrnimmst, eben als einfach bestehend hin. Doch
nun laßt uns unsere Wanderungen durch bessere Gefilde als während deiner
letzten somnambulen Erlebnisse antreten, damit Dr. Lehmann, der wieder neben
deinem Bett sitzt und Aufzeichnungen von all dem macht, was du berichtest,
ebenfalls die Erfahrungen, die wir jetzt erleben werden, zum Besten für die
Nachwelt aufzeichnen kann. Laßt uns gehen!“ Alle drei
schritten nun vorwärts! Es war so eigentlich kein Gehen, sondern, wie es
Geigele vorkam, mehr ein Schweben irgendwelcher Art, doch man kam dabei
vorwärts. Es war eine allerlieblichste Hügellandschaft, durch die man schritt
oder schwebte. Das Vorwärtskommen mußte jedoch wohl eine Form von Gehen sein;
denn beim Zurückblicken sah Geigele die sechs Fußspuren im niedergetretenen
Gras, aber auch, wie sich weiter nach hinten zu das niedergetretene Gras und
die dabei mit umgeknickten Stengel der Blumen schon wieder erhoben hatten. Da neigte
sich die Wiese vor ihnen in eine Talmulde hinab, wo sich zwischen Bäumen mit
frischem Gras und neben einem sprudelnden Bach mit kristallklarem Wasser ein
merkwürdiger Platz befand. Er bestand aus einer großen, weiten
Unterkunftshalle mit einer breiten offenen Veranda, auf der Liegestühle herumstanden.
Außerdem waren auf dem frischen Rasen Tische und Stühle aufgestellt, die zum
Ruhen und Rasten einluden. Überall sah man Menschen entweder auf den
Liegestühlen herumliegen oder an den Tischen sitzen oder in Gruppen
zusammenstehen. Alle schienen in sehr zufriedener Stimmung zu sein. Ein
älterer, vornehm aussehender Mann bewegte sich unter ihnen und tauschte mit
den Besuchern Grüße und Bemerkungen aus. Aristos, Fred
und Geigele gingen auf den Platz zu und setzten sich an einen leeren Tisch
hin. Auf einmal spürte Geigele Durst nach einem erfrischenden Getränk. Kaum hatten
sie Platz genommen, als sich der ältere, freundliche Mann ihnen näherte,
jedem einzelnen seine Hand zur Begrüßung reichte und die Frage stellte: „Nun,
meine Lieben, was kann ich für euch tun?“ „Gib uns
etwas zum Trinken“, antwortete im Namen aller drei Aristos. Der
anscheinende Besitzer des Platzes sah sich um, wie scheinbar nach einer Küche
zu, und im selben Augenblick stand auch schon ein Glas mit sprudelndem,
kristallklarem Getränk vor ihnen, das, wie Geigele herausfand, ganz großartig
schmeckte, obgleich sie aus dem Geschmack nicht anders klug werden konnte,
als daß das Getränk eben sehr gut und erfrischend war. Sie fühlte sich
gestärkt und wandte sich im Flüsterton an Aristos: „Glaubst du, daß es
unbescheiden wäre, wenn ich um noch ein Glas des herrlich erfrischenden
Getränkes bitten würde?“ Doch anstatt
des gefragten Aristos antwortete lächelnd der nette Besitzer: „Keineswegs!
Trinke nur soviel du willst und Verlangen hast. Hier ist alles frei und steht
allen zur Verfügung. Doch bitte, entschuldigt mich. Ich sehe, da kommen
Neuankömmlinge, die noch nicht Bescheid zu wissen scheinen.“ Damit
verneigte er sich und ging den Neuankömmlingen entgegen. Geigele sah
Aristos mit einem Blick an, der die Frage nach einer Erklärung enthielt.
Aristos verstand und kam dem Verlangen nach: „Ihr seid hier an einer Stätte,
die geschaffen worden ist lediglich durch den Herzenswunsch des Besitzers,
des älteren, vornehmen und freundlichen Mannes. Dieser war auf Erden ein ganz
einfacher Mann, besaß aber eine sehr anständige Gesinnung und war stets von
tiefstem Mitleid für diejenigen durchdrungen, die keine Angehörigen und
Freunde hatten und so eigentlich auch kein Heim so recht ihr eigen nennen
konnten. Er gelobte sich immer, wenn er einmal reich sein würde, ein Heim für
solche Menschen zu schaffen. Nun, im Erdenleben wurde er nie reich und nahm
seinen auf Erden unerfüllt gebliebenen Wunsch nach seinem irdischen Ableben
mit ins große Jenseits. Und hier konnte er zu seiner Freude alles das
verwirklichen, was sein Herzenswunsch auf Erden gewesen war. Diese seine
Herberge steht allen zur Verfügung, die sie finden.“ „Wird sie von
vielen gefunden?“ fragte interessiert Geigele. „Von sehr
vielen, die sich auf dem Entwicklungsweg nach oben befinden. Fast niemals
bleibt aber jemand lange hier. Es ist also nur eine Art von Durchgangsstation
für bessere Seelen Verstorbener.“ „Stellen sich
nicht manchmal auch Störenfriede ein? Was tut der nette, freundliche Herr
dann?“ „Nein, das
kommt hier nicht vor, denn in dieser Seins-Herrlichkeit kann kein Störenfried
existieren, ja, er würde dieser Örtlichkeit sogar nicht einmal ansichtig
werden.“ „Und was ist
die Zukunft des lieben, freundlichen Herrn, der das alles zum Besten anderer
geschaffen hat?“ „Er wird, wenn ihm
einmal das, was er jetzt so voller Lust und Liebe tut, über wird — und das
geschieht auch in den himmlischen Regionen, sonst gäbe es ja keine
Weiterentwicklung — direkt in die höchsten Regionen des Himmels eingehen,
welche die Bezeichnung: ‚Liebe-Himmel‘ führen. Er ist ganz dafür geeignet. Ihm
liegt nichts an Anerkennung oder Glanz. Er will nur helfen aus
Herzensbedürfnis und das ist das Fundament des allerhöchsten Teiles des
Himmels, des sogenannten ‚Liebe-Himmels‘.“ „Wie lange
wird er diese — nennen wir es — Herberge noch fortsetzen, ehe er in den
Liebe-Himmel eingehen wird?“ fragte mit echt weiblicher Neugierde Geigele
weiter. „Das hängt
ganz von der Stärke seines Herzenswunsches in dieser Beziehung ab. Doch er verliert
ja nichts in der Ewigkeit. Im Gegenteil, er sammelt auch hier immer noch
höhere Seligkeitswerte für seinen späteren Aufenthalt im Liebe-Himmel, je
länger er hier seinem irdischen Herzenswunsch Spielraum gibt,“ klärte Aristos
auf. Da Geigele
nach dem zweiten Glas nun keinen weiteren Durst mehr verspürte, standen alle
drei auf und verließen den Platz, wobei sie dem freundlichen Gastgeber mit
der Hand ein Lebewohl zuwinkten. Man schritt
weiter. Die Gegend wurde immer heller und heiterer. Doch im Hintergrund erhob
sich eine hohe Gebirgswand, deren Gipfel tief unter Schnee vergraben lagen.
Es ging jetzt bergauf, bis man auf eine Art von Alm kam. Dort befand sich ein
ähnlicher Platz wie der war, den man eben verlassen hatte, aber in viel
größerem Ausmaße. Es war wie
ein Sommer-Vergnügungsplatz, wo jeder nur Erholung suchte. Es befand sich
unter einem dichten Dach von Laubbäumen eine große geräumige Halle mit
Tischen, an denen Besucher saßen, erfrischende Getränke zu sich nahmen,
Gebäck aßen und sich unterhielten. An einer anderen Stelle wieder befand sich
unter den Bäumen ein Tummelplatz für Kinder mit Schaukeln, ein Platz zum
Buddeln im Sand und ein Platz zum Reigenspiel. Überall herrschte Frohsinn und
Heiterkeit. Jeder versuchte den anderen an Freundlichkeit und Rücksicht zu
überbieten. Doch das Allerüberraschendste und Interessanteste war eine
Kleinbahn, die jedermann frei benutzen durfte, und die ihn hinauf in die
Alpenwelt der unter Schnee vergrabenen Gipfel brachte. Nachdem
Aristos, Fred und Geigele das ganze Gelände durchschritten hatten und von der
Heiterkeit, Freundlichkeit und gegenseitigen Rücksichtnahme tief beeindruckt
waren, forderte Aristos, Fred und Geigele auf, mit ihm die Kleinbahn zu
besteigen und eine Fahrt in die Hochgebirgswelt zu unternehmen. Zwei sich
gegenüber befindende Sitzreihen waren noch frei und so stieg man ein. Es
waren lange, vierachsige Eisenbahnwagen mit offenen Seiten. Gegen das Hinausfallen
war man durch eine niedrige Tür und zwei Ketten übereinander gesichert. Gleich als Aristos,
Fred und Geigele eingestiegen waren, fuhr der Zug ab. Zunächst ging es an
einem steilen Abhang entlang, aus dem das Bahnbett herausgehauen war. Es ging
höher und höher. Überall war eine Flut von Licht. Manchmal kamen Wolken,
durch die der Zug hindurch fuhr, so daß es sich ausnahm, als ob er einfach
auf Wolkenbänken dahinschwebe. Es war ein ruhiges Fahren mit angenehmen
leichten Schaukeln. Außerdem hörte man eine sanfte, einschmeichelnde Musik,
die von irgendwoher zu kommen schien. Dann und wann brach die Wolkenbank, und
man sah vor sich im hellsten, aber nicht unangenehm scharfen Licht die
Hochgipfel vor sich liegen, auf die der Zug zustrebte. Da immer wieder
Wolkenbänke durchfahren werden mußten, merkte man gar nicht, wie der Zug über
abgrundtiefe Schluchten auf Brückengestellen hinwegfuhr. Endlich schien man
am Ziel angelangt zu sein. Der Zug hielt neben einer Plattform auf einem
Hochplateau, das tief unter Schnee begraben war. Merkwürdigerweise war es
aber nicht kalt, sondern angenehm mild, und doch schmolz der Schnee nicht.
Rechts von der Plattform, die man beim Aussteigen aus dem Zug betrat, befand
sich eine Art von Fahrstuhl nach dem Gipfel des höchsten Berggerades.
Geräuschlos ging es aufwärts. Oben war wieder eine Plattform, umrahmt von
einem starken Geländer. Von dort bot sich ein unbeschreiblich herrlicher
Blick in das Tal unter einem. Überall lag
heller Glanz auf der Landschaft. Der reine Schnee schimmerte wohl, tat aber
dem Auge nicht weh, trotz allem Lichterglanz. Und weiter unten im Tal sah man
das Gelände des Sommer-Vergnügungsplatzes, von dem die Eisenbahnfahrt
ausgegangen war. Und noch weiter unten in einer Talmulde befand sich die
Herberge, bei der man zuerst eingekehrt war. Und merkwürdigerweise war immer
alles, was einem in der Landschaft auffiel, sofort so nahegerückt, daß man es
— auch aus dieser weiten Entfernung — deutlich erkennen konnte, wie durch ein
scharfes Fernglas. Es war hier
oben nicht kalt, obgleich sich ein Gletscher abwärts senkte. Die Luft schien
voller Balsam zu sein, und man hatte das Gefühl, als ob man auf wunderbare
Weise gestärkt und gekräftigt würde. Die Landschaft unter einem war so
entzückend und einzigartig, daß sich Geigele überhaupt nicht davon losreißen
zu können schien. Endlich hatte
sie aber doch genug und bat, daß man wieder talabwärts fahren möge. Man sah
unten, am Fuß des eigentlichen Gipfels, den Zug zur Rückfahrt bereitstehen,
mit dem man von unten, vom Park her, heraufgefahren war. Aristos
bemerkte jedoch auf Geigeles Wunsch: „Eine Rückfahrt ist nicht
Entwicklungsabschnittes alles dachten, sich vorstellten und erlebten. Ihr
könntet sie auch wohl kaum richtig verstehen, weil euer Denken heute eben mit
anderen Aufgaben beschäftigt ist als wie diejenigen waren, die in früheren
Epochen die Aufmerksamkeit der damaligen Menschheit völlig in Anspruch
nahmen. Das Denken und Forschen der Menschheit früherer Zeitabschnitte galt
anderen Gebieten als wie es bei euch heute der Fall ist. Doch das beste ist,
ich versetze euch einmal in die Seinswelt von Menschen — sagen wir — der
Zeitepoche der Pharaonen im alten Ägypten.“ Und schon
änderte sich auch die ganze Umgebung und nahm das Aussehen einer Art von
Wüstenlandschaft an mit einstöckigen, hausartigen Bauten und einer
Bevölkerung, die orientalisch anmutete. Es schien aber überall Zufriedenheit
zu herrschen. Man begegnete sich freundlich. Die Trachten waren seltsam und
drückten anscheinend verschiedene Stände und soziale Stellungen aus. Im
Hintergrund sah man eine halb vollendete Pyramide. Man nahm wahr, wie es dort
von Menschen wimmelte, die aber durchaus nicht vergrämt und verbittert
aussahen. Jeder war beschäftigt, hatte Werkzeuge beziehungsweise Baugeräte in
der Hand und schien zu wissen, was er zu tun hatte. Abseits stand eine Gruppe
von Männern über große Papyrusrollen gebeugt, die auf einem flachen Tisch
ausgebreitet lagen. Sie studierten die Rollen und sahen dann immer wieder
nach der Pyramide hin, wo merkwürdige Hebebäume und Flaschenzüge von Menschen
bedient wurden. Es war nicht möglich festzustellen, welcher Kräfte man sich
zum Betrieb der Hebebäume und Flaschenzüge bediente, doch hoben diese, von
Menschen durch Hebelwerke in Tätigkeit gesetzt, ungeheure Steinlasten hoch,
die sie dann oben auf der zu dreiviertel fertigen Pyramide absetzten, wo sie
von dort befindlichen Arbeitskräften mit Mörtel befestigt wurden. Nachdem
Aristos, Geigele und Fred diesen Arbeiten eine Weile zugeschaut hatten,
mischte sich diesmal Fred ins Gespräch mit der Frage: „Das soll doch nicht
etwa heißen, daß die Bewohner Ägyptens seit der Zeit, als die Pyramiden
gebaut wurden, noch immer nicht damit fertig sind.“ „Das hast du
gut gesagt, lieber Fred“, lächelte Aristos. „Was hier zu sehen ist, stellt
die Erscheinlichkeit der Ebene einer der Hauptepochen des alten Ägyptens dar,
so wie sie eurem Verständnis am nächsten kommt. Wir wollen uns nicht dabei aufhalten,
ob und wann die Menschen hier die Pyramide fertigstellten, sondern wir wollen
sehen, wie sich die geistigen Errungenschaften der damaligen Zeit in den
Zustandsmäßigkeiten der Erscheinlichkeit jener Epoche bei weiterer
Entwicklung und fernerem Fortschritt auswirken.“ Damit änderte
sich das Bild vor ihnen. Man sah plötzlich Riesenbauten von phantastischen
Ausmaßen in einem gänzlich unbekannten Baustil. Dazwischen zogen sich
Straßenzüge hin, in denen sich zufrieden aussehende Menschen tummelten.
Überall war Helle und reiche Farbenpracht feststellbar. Fred und
Geigele sahen sich diese Erscheinlichkeit überrascht an, sagten aber nichts
weiter, sondern warteten, bis Aristos die Erklärung gab, die folgendermaßen
lautete: „Ich kann euch hier nur ein Beispiel vom jenseitigen Fortschreiten
einer starken menschlichen Entwicklungsepoche vorführen. Doch jede solche
Epoche hat ihren eigenen Fortbestand, je stärker sie wirkte, je länger sie
ihren Stempel aufdrückte und je mehr Menschen sie in ihren Bann ziehen
konnte. Was ihr jetzt hier seht, ist das Zustandsmäßige der Pyramidenepoche
der alten Ägypter, in jenseitiger Weiterentwicklung begriffen, womit
gleichzeitig ein wirkliches Örtlichkeits-Verhältnis geschaffen ist, das sich
in hiesigen-jenseitigen Raum- und Zeitverhältnissen nach logischen
Empfindungsoktaven der Menschenseelen jener Epochen weiter auswirkt.“ „Ich kann das
nicht so recht verstehen“, gestand Geigele ehrlich ein. „Das glaube
ich gern“, beruhigte Aristos. „Doch vergiß nicht, Geigele, daß du alles, was
du hier erlebst, nicht zu deinem Vergnügen erlebst, sondern um Dr. Lehmann,
der neben deinem, im somnambulen Schlaf befindlichen, irdischen Körper sitzt
und schreibt, eine Gelegenheit zu geben, das aufzuzeichnen, was du hier
wahrnimmst und in deinem somnambulen Schlaf erzählst. Was ist dir in dem von
mir Gesagten besonders schwer verständlich?“ „Im Grund
genommen, eigentlich alles ein bißchen, besonders aber deine Mitteilung, daß
es auch im Jenseits einen Zeitbegriff geben soll. Das ist mir am unverständlichsten.
Wir auf Erden haben doch nur den Zeitbegriff durch den Lauf von Sonne, Mond
und Erde durch das Weltall, aber hier sehe ich keine Gestirne, sondern nur
einen hellen Lichtschein, der alles klar abhebt, aber nirgends feststellbar
ist, wo er herkommt. Wodurch wird dann die Zeit im Jenseits bestimmt?“ „Nun,
Geigele, das ist eine sehr richtige und vernünftige Frage von dir. Doch um
dir das Problem wenigstens einigermaßen klar zu machen, muß ich etwas
ausholen. Höre deswegen genau zu! Du sagtest ganz richtig, daß euer irdischer
Zeitbegriff durch den Umlauf der Gestirne um die Sonne verursacht ist, also
letzten Endes durch Bewegung. Jede Handlung ist aber Bewegung. Wenn wir also
im Jenseits — im Zustandsmäßigen unseres Erlebnisbewußtseins nach dem
irdischen Ausscheiden — noch ‚erleben‘ wollen, so setzt solches ‚Erleben‘
Bewegung voraus. Je nach dem Impuls unseres Erlebens ist das Maß der Bewegung
festgelegt, das unseren jenseitigen Zeitbegriff bestimmt, der demnach im
Jenseits durchaus nicht der gleiche für alle Menschen ist, sondern immer nur
für im Tempo des Erlebens gleichgerichtete Massen oder Gruppen, ja manchmal
sogar nur für Einzelindividuen. Zum Erleben, was Bewegung erheischt, gehört
auch noch Raumvorstellung. Solche ist jedem Erlebnisbewußtsein eines Menschen
ewig eigen. Da Raum an sich unendlich ist, aber begrenzt werden kann, nämlich
durch Vorstellungsverhältnisse, so besitzt im Jenseits jedes individuelle
Erlebnisbewußtsein nicht nur seinen eigenen Zeit, sondern auch Raumbegriff,
womit gleichzeitig jedem Individuum die Macht verliehen ist, im großen
Jenseits, wenn das Leidenschaftliche seiner Seele abgeklungen ist, Eigenschöpfungen
vorzunehmen mit seinem eigenen ‚zustandsmäßigen‘ Zeit- und Raumbegriff.
Konntest du folgen, liebes Geigele?“ „Nicht ganz“,
gestand die Gefragte ehrlich ein. „Das tut
nichts“, fuhr Aristos unbeirrt fort. „Dr. Lehmann zeichnet ja alles auf, und
so mag das hier Mitgeteilte noch einmal vielen Hunderten von Lesern zu
Gesicht kommen, die darüber nachdenken werden, wodurch möglicherweise mancher
Leser, der kurz vor seinem geistigen Erwachen steht, eine große innere
Erweckung und Offenbarung erfahren mag. Doch ich will euch hier nicht so
lange aufhalten, da wir noch ungeheuer viel kennenlernen wollen. Also zurück
zu der euch augenblicklich wahrnehmbaren Erscheinlichkeit einer Zeitepoche
aus der Pharaonenzeit des alten Ägyptens, im dauernden Entwicklungsfortschritt
des Erlebnismäßigen der Menschen jener Epoche, die äußerst kräftig war und
sehr viele Menschen in ihren Bann schlug. Was ihr jetzt in scheinbar so
phantastischen Ausmaßen seht, stellt — wie schon erwähnt — ein wirkliches
Ortsverhältnis für die Menschen jener im Jenseits sich weiter entwickelten Epoche
dar. Und hier muß ich euch eine weitere Eröffnung machen, die euch ganz neu
sein wird. Alles, was auf Erden gedacht, erfunden und entdeckt wird, ist
irgendwo in der unendlichen Schöpfung als Wirklichkeit, als Örtlichkeit,
schon vorhanden. Kein Mensch kann überhaupt etwas denken, erfinden und entdecken,
was nicht schon da ist. Tief im Inneren des Erlebnisbewußtseins eines jeden
Menschen liegt ein genaues Bild von allem verborgen, was in der Schöpfung
vorhanden ist. Jeder Ton in der Musik, jeder in Stein gemeißelte Gedanke,
jede Erfindung, jede phantastische Beschreibung ist also in Wirklichkeit
nichts Neues, sondern irgendwo im großen Jenseits — oder besser — in Gottes
endloser Schöpfung bereits Vorhandenes. Jeder Künstler, Erfinder und
Entdecker ist daher eigentlich nichts weiter als jemand, in dessen innerst
verborgenem kosmischem Erlebnisbewußtsein plötzlich auf dem Gebiet dem er
sich nun gerade widmet, eine schon im Kosmos vorhandene Wirklichkeit ins
irdische Tagesbewußtsein tritt. Jenseitige, vorgeschrittene Menschenseelen
sind es oftmals, die das Eintreten von latent im Erlebnisbewußtsein ruhenden
kosmischen Verhältnissen in das Tagesbewußtsein bewerkstelligen und dazu
verhelfen. Daher ist das, was ihr hier als dauernden jenseitigen
Entwicklungsfortschritt einer Epoche aus der Pharaonenzeit seht, auch in der
Schöpfung als Örtlichkeit, und nicht bloß als Erscheinlichkeit vorhanden. Mit
der Zeit gehen anfängliche, lediglich zustandsmäßige Erscheinlichkeiten, in
die dementsprechend im Kosmos vorhandenen Verhältnisse als Örtlichkeit ein
und beginnen damit in gewisser Beziehung zu verkrusten, d.h. Teil der
betreffenden Örtlichkeit selbst zu werden und verändern, beziehungsweise
‚verbessern‘ sie.“ „Und was wird
aus den Menschenseelen solcher Epochen? Bleiben sie ewig gerade nur in der
Entwicklungsfortschrittsoktave einer solchen Epoche drinnen und können
niemals mehr wahrnehmen, daß es auch noch andere Entwicklungen und
Entfaltungen gibt, gegeben hat und immer noch weiter gibt?“ fragte Fred. „Auch dieser
Einwurf ist sehr gut! Die Menschenseele jeder Entwicklungsepoche, auch wenn
schon im Fortschritt so weit begriffen, daß sie in das dementsprechend im
Kosmos vorhandene Örtliche eingegangen ist, hat jederzeit Gelegenheit, sich
aus irgendeiner Epoche heraus zu befreien. Gelegenheit dafür gibt es im
großen Jenseits genug. Dauernd wechseln Helfer von Erscheinungsebenen zu
Erscheinungsebenen über. Wer will, kann aus seiner Epochenerscheinungswelt
heraus. Erst dann ist es für eine Menschenseele möglich, auch andere Epochen
zu übersehen und so bewußt zu werden, daß Fortschritt und Entwicklung nichts
weiter sind wie Erlebnisse des Seins im Erlebnisbewußtsein menschlicher
Seelen und des darinnen befindlichen menschlichen individuellen Geistes. Das
alles ist für euch beide, Fred und Geigele, so schwer verständlich, weil ihr
noch dimensional beschränkt seid in euren Erlebnisbewußtseinszuständen. Jedes
ewig fortlebende menschliche Individual-Bewußtsein, nebst Seele als
jenseitigem Körper, denkt, empfindet und nimmt aber wahr — erlebt also —
alles in vielseitiger Dimensionalität, was euch vielleicht am klarsten
gemacht werden kann damit, daß hier jeder fortgeschrittene Geist alles
viel-dimensional, gleichzeitig aber auch als Einheit, erlebt. Wenn er z.B.
eine Blume vor sich sieht, kann er jeden Augenblick in sich bewußt werden
lassen die Blume als Samen, als kleines Pflänzchen, als voll erblühte Blume
und als verwelkten Stengel. Er erfaßt also alles Erlebte gleichzeitig in
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, d.h. in einem Zeitbegriff zusammen, der
seinem Vorstellungsrhythmus entspricht und von ihm als Blume Erlebtes in
seinem Raumbegriff-Verhältnis begrenzt wahrnimmt. Doch, laßt uns weitergehen!
Ich denke, wir haben uns hier lange genug aufgehalten.“ „Halt, noch
eine Frage, lieber Aristos“, schaltete Fred ein. „Ehe wir weiterwandern —
wenn man den Ausdruck ‚wandern‘ für unser Erleben hier anwenden darf —‚
könntest du uns vielleicht sagen, wo der hier wahrgenommene
Entwicklungsfortschritt aus der Pharaonenzeit als Örtlichkeit im All der Schöpfung
anzutreffen sein mag?“ „Das mag
irgendwo im All sein“, antwortete Aristos aufklärend. „Doch zerbrecht euch
über solche Einzelheiten nicht den Kopf. Das ist unwichtig und ändert auch nichts
an der Tatsache, daß es nun einmal so ist, daß alles, was die Menschen je
dachten, erfanden und wußten, schon irgendwo im Kosmos als verwirklichte
Örtlichkeit vorhanden ist. Nun laßt uns weiterwandern.“ „Wo geht es
jetzt hin?“ fragte Geigele neugierig. „Wir werden
uns erst hier, wo wir jetzt sind, ein wenig herumtummeln und dabei manches
Interessante wahrnehmen. Dann besuchen wir den sogenannten Kinder-Himmel, den
Himmel von Erfindern und Entdeckern, dann den Weisheits-Himmel und abschließend
den allerhöchsten Himmel, den Liebe-Himmel. Es ist also eine ziemliche
Aufgabe, die wir vor uns haben. Dabei vergeßt aber nie und nimmer, daß ich
euch von all dem, was ich euch erleben lassen werde, immer nur ein paar
Beispiele vorführen, d.h. hineinversetzen kann. Jeder der erwähnten Himmel —
und noch unzählige andere, von denen auch ich noch keine Ahnung habe, sind in
sich und an sich unendlich, also endlos, wie die Schöpfung selbst, obgleich
in sich begrenzt.“ Damit schritt
man vorwärts über eine herrliche Wiese voller Blumen, die herrliche Düfte
ausströmten. Ab und zu gab es Gebüsche, die in voller Blüte standen. Die
Farben der Blüten waren einfach unbeschreiblich. Jede nur denkbare Farbe war
vertreten, doch in solcher Weichheit, daß alle Farben zu einer wahren
Farben-Symphonie verschmolzen. Dieser Anblick nebst den Düften, die den
Blumen und Blüten entströmten, machten die Seele leicht und beschwingt. Man
war sich einfach nicht bewußt, daß man vorwärtsschritt. Man schien zu
schweben. Manchmal wieder nahm es sich so aus, als ob man überhaupt stille
stehe und alles an einem nur vorbeiziehe. Doch über allem lag eine in Worten
nicht auszudrückende friedliche Ruhe. Dazu kamen noch leise, entzückende
Melodien, wie von einem verborgenen Orchester herrührend. Die Melodien waren
manchmal so zart, daß man sie wie ein leises Wehen empfand, dann aber wieder
lauter. Es kam einem so vor, als ob die Musik und die lieblichen Melodien
einfach über die Landschaft hingehaucht würden. Geigele blieb
entzückt stehen. Man fühlte, man war in einer anderen Seinssphäre, die mit
nichts auf Erden hinsichtlich Feinheit, Zartheit und Emporschwingen
vergleichbar war. Es war, als ob der ganze Mensch, d.h. die Seele mit dem
Geist zusammen, in einem Ozean von Glückseligkeit dahinwoge. Fred und Aristos
waren auch stehen geblieben. Als man sich zum Weiterschreiten entschloß, sah
man eine geschmackvoll gekleidete Dame auf sich zukommen. Sie nickte ernst,
aber freundlich. Gerade a la
man vorbeigehen wollte, besann sie sich und sprach die drei Wanderer an, sich
dabei besonders an Geigele wendend: „Entschuldigen Sie bitte meine scheinbare
Aufdringlichkeit, doch mir kommt es so vor, als ob Sie, Fräulein, gerade erst
von der Erde kämen. Vielleicht könnten Sie mir Auskunft geben.“ „Gern, wenn
ich dazu in der Lage bin“, erklärte sich Geigele bereit. „Aus welcher
Gegend kommen Sie von der Erde?“ „Aus dem
Grenzgebiet der Staaten Minnesota und Wisconsin in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika…“ „O, wie
glücklich bin ich, jemanden gerade aus diesen Staaten hier zu treffen. Ich
habe mit meinem lieben Mann die letzten Jahre in New Ulm in Minnesota gelebt.
Dort ging ich dann von der Erde, infolge einer schweren Krankheit. Haben Sie
vielleicht zufällig einmal etwas von meinem lieben Mann gehört — natürlich es
müßte ein Zufall sein — oder etwas von ihm in den Zeitungen gelesen?“ „Wie ist der
Name Ihres Herrn Gemahls?“ „Ripley…“ „Nein“,
entgegnete Geigele nachdenkend. „Ich habe niemals etwas von einem Herrn
Ripley gesehen oder gehört.“ „Das ist doch
merkwürdig, warum ich niemals etwas über oder von ihm hören kann. Nun treffe
ich erfreulicherweise jemanden aus derselben Gegend meines irdischen
Lebenswandels, und auch jetzt ist mir nicht geholfen. Doch ich danke Ihnen
herzlich, Fräulein, und bitte, sind Sie mir nicht böse wegen meiner Aufdringlichkeit.“ Damit
verneigte sie sich vor Geigele und auch vor deren Begleitern und entfernte
sich sinnend. Geigele und
Fred sahen Aristos an und warteten auf eine Erklärung. „Die Frau hat
bei Lebzeiten sehr an ihrem Manne gehangen. Er war ihre Jugendliebe gewesen,
und beide paßten auch in jeder Beziehung sehr gut zueinander. Nur in einem
stimmte man nicht überein, was jedoch kein Hindernis für ihr irdisches,
glückliches Eheleben bildete. Sie war von Natur aus fromm veranlagt und
empfand Religion mit ihrem Herzen, während ihr Mann kein Verständnis für
Religion hatte, sonst aber ein feiner Charakter und voller Mitleid und
Mitgefühl für jedermann war. Sie sorgt sich um ihn, weil sie glaubt, ihr Mann
wird jetzt ganz in Unglauben verfallen, seit sie nicht mehr um ihn ist.“ „Somit gibt
es also auch im Himmel nicht völlig ungetrübtes Glück.“ „Ja und nein!
Ja, insofern als manche Seele, die reif für den Himmel ist, es vorzieht,
sozusagen auf dem Vorplatz zum Himmel, wie hier auf dieser herrlichen Wiese,
zu verbleiben, um auf jemanden zu warten, den die Seele sehr liebte und nicht
im Stich lassen möchte. Sie will warten, bis dieser Jemand nach dem irdischen
Tode dann auf diesem Vorplatz zum Himmel auftaucht. Dann will die Seele
diesen Jemand empfangen und zusammen mit ihm in die ewige Glückseligkeit für
immer eingehen.“ „Ist der Mann
von der Frau, die uns ansprach, noch nicht gestorben?“ fragte interessiert
Geigele. „O ja, doch
infolge seines Unglaubens — nicht im bösen Sinne, sondern im Sinne seiner
Unfähigkeit, ein Fortexistieren nach dem Tode für wahrscheinlich annehmen zu
können — befindet er sich noch wie im Nebel auf jener Ebene, die wir früher
durchwanderten und die ihr als ‚Fegefeuer‘ bezeichnet habt.“ „Kann die
Frau ihrem Mann nicht helfen?“ „Ja, aber es
würde dem Mann nicht viel nützen! Während ihres Erdenlebens sprach die Frau
immer und immer wieder auf ihren Mann ein, um ihn zu überzeugen, doch
vermochte sie es nicht. Sie würde das jetzt auch nicht fertig bekommen. Der
Mann muß von jemandem anderen aufgeklärt werden, aber derart, daß er es von
sich aus erkennt, daß es einen Fortbestand nach dem irdischen Tode gibt,
sonst kommt er aus dem Nebelzustand seiner Verwirrung nicht heraus.“ „Kann die
Frau absolut nichts tun, um ihrem Manne zu helfen?“ „O ja, und
sie tut es auch. Sie betet viel für ihn. Das wird zur Folge haben, daß er
sich bald seines Zustandes bewußt werden wird, und dann wird er seiner Frau
hier begegnen, denn auch er hat innerlich große Sehnsucht nach ihr.“ „Klärt denn
niemand die Frau auf, daß ihr Mann gestorben ist?“ „Warum sollte
sie aufgeklärt werden? Sie würde dadurch nur noch beunruhigter werden, und
sie würde alles aufbieten, den Tag schneller herbeizuwünschen, an dem er zu ihr
eilen kann, als wie es vielleicht zum eigenen Besten des Mannes gut wäre. Die
Frau leidet hier nicht, und es wird auch nicht mehr lange dauern und sie ist
mit ihm vereint.“ Beim
Umblicken sahen Geigele und Fred über die Wiesenhänge verschiedene einzelne
Menschen dahinschlendern. Niemand von diesen sah unglücklich aus, doch jeder
schien auf irgend etwas zu warten. „Gibt es denn
so viele Seelen im Jenseits, die nicht weiter fortschreiten können oder
wollen, weil sie auf andere warten?“ fragte erstaunt Geigele. „O ja“,
belehrte Aristos. „Doch in den meisten Fällen handelt es sich ja nur um eine
Wartezeit, und niemand leidet hier. Es gibt aber auch Fälle, in denen hier
Wartende aus schon viel weiter fortgeschrittenen Seinsebenen freiwillig
herabgekommen sind, um denen, auf die sie warten, besser helfen zu können.
Seht dort, die einsame, überaus hübsche Frau, die in ihrer Erwartung geradezu
tragisch anmutend wirkt. Sie hat eine ganz eigenartige Geschichte.“ „Was ist mit
ihr“, fragte Geigele neugierig. „Sie ist eine
von jenen Seelen, die weiß, wer ihr ‚zweites Ich‘ ist, das sich aber noch im
irdischen Körper befindet und ein schweres Lebensschicksal auszuleben hat,
wobei immer die Gefahr besteht, daß ihr ‚zweites Ich‘ noch weiter seelisch
herabsinken kann, was den Tag ihrer himmlischen Vereinigung noch für
unvorstellbare Zeiten in die Zukunft verschieben mag. Da diese Seele hier von
der weit, weit vorgeschrittenen Sphäre aus, wo sie zu Recht seelisch beheimatet
ist, nicht stark genug die grobmateriellen Dinge beeindrucken kann, ist sie
freiwillig zurückgekommen auf diese Ebene hier, die im Vergleich zu ihrer
eigentlichen Ebene noch als sehr grob angesprochen werden muß. Von hier aus
wurde ihr einmal auf ihr flehentliches Gebet gestattet, auf ihr im irdischen
Körper noch lebendes ‚zweites Ich‘ in dessem Schlaf derart stark einzuwirken,
daß das ‚zweite Ich‘ morgens schweißgebadet und bis ins Innerste erschüttert
aufwachte. Die Seele hier war ihrem ‚zweiten Ich‘ in aller ihrer jetzigen
strahlenden Schönheit erschienen und hatte es unter Tränen inniglichst
angefleht, sich doch bloß zu ändern, da sie sonst lange, lange nicht vereint
werden könnten und sie doch ihn — das ‚zweite Ich‘ — allein liebe. Das
‚zweite Ich‘ hatte den hinterlassenen Eindruck für Wochen nicht von sich
abschütteln können. Das Erlebnis hatte ihn nachdenklich gestimmt und
erschüttert. Ob dieses höchst eindrucksvolle Erlebnis aber nachhaltende
Wirkung haben wird, muß sich erst noch zeigen.“ Man schwieg
nach dem Gehörten, weil man darüber nachdachte. Plötzlich
nahm man wahr, wie sich die Gegend stärker belebte. Man sah nicht nur mehr
Einzel-Personen, sondern auch Gruppen von Männern und Frauen, jede für sich,
aber auch Gruppen von Männern und Frauen zusammen herumstehen, sich
unterhalten oder durch die entzückende Gegend spazierengehen. „Was sind das
für Gruppen?“ fragte Fred. „Solche von
Gleichgesinnten, die, da sie hier noch auf liebe Angehörige oder Freunde
warten, die noch im irdischen Körper weilen, sich durch ihre gleichgerichteten
geistigen Bestrebungen zusammengefunden haben..“ „Was machen
die denn so eigentlich den ganzen Tag über?“ fragte Geigele mit echt
weiblicher Neugierde. „Die müssen die Unterhaltungen doch mal satt bekommen.
Essen sie nicht? Schlafen sie nicht? Welche Abwechslung haben sie hier?“ „Na, das
waren ja gleich eine Menge Fragen auf einmal, die du da hervorgesprudelt
hast. Doch ich will sie dir beantworten“, entgegnete Aristos. „Hier in dieser
Gegend, d.h. Ebene, gibt es unzählige besonders eigene Erscheinungswelten,
ähnlich wie wir sie in der Herberge und beim Ausflug nach dem Berggipfel
wahrnahmen. Mit der Zeit lernen die, die du hier siehst, sich mit
Leichtigkeit in irgendeine solche Erscheinungswelt erlebnismäßig hin
einzuversetzen und da haben sie Abwechslung und Ablenkung ohne Grenzen. Das
Bedürfnis nach Essen und Trinken ist manchmal da. Das macht aber keine Sorgen
hier. Sobald man sich etwas wünscht, hat man es hier auch. Es ist ja mit
solchen Wünschen meistens nur subjektiv Erlebnismäßiges verknüpft. Auch
Schlafbedürfnis stellt sich von Zeit zu Zeit ein. Das immer, wenn es sich um
ein Übergehen in eine höhere Ebene handelt. Aber auch sonst kann man dem
Schlafbedürfnis nachgeben. Man hat ja hier seine eigenen ‚erlebnismäßig‘
geschaffenen Heime, die man sich ‚erlebnismäßig‘ so angenehm wie möglich
ausstatten, und in die man auch Freunde und Bekannte einladen kann, genau wie
es in dem Park war, den wir an der Herberge besuchten. Und wenn du, liebes
Geigele, vorher bemerktest, was die hier den ‚ganzen Tag‘ machen, so siehst
du aus meiner Erklärung, daß der ‚Tag‘ jedes einzelnen vollauf ausgefüllt
ist. Doch vergiß bitte nicht das, was ich euch früher erläuterte. Jeder
Zeitbegriff — also auch der eines Tages — ist hier individuell bemessen und
begrenzt. Nur bei gemeinschaftlichem Zusammensein verschmilzt dieser
Zeitbegriff oftmals zu einer gewissen gemeinschaftlichen Einheitlichkeit,
bedingt von der geistig am lebhaftesten tätigen Seele irgendeiner Gruppe, bei
der man sich befindet.“ „Über was
unterhält man sich hier? Geht denn nicht schließlich mal der
Unterhaltungsstoff aus?“ fragte Fred. „Laßt uns das
selbst herausfinden“, ermunterte Aristos, womit er sich einer Gruppe sehr
freundlich aussehender Herren näherte und diese ansprach mit den Worten:
„Verzeihen Sie, meine Herren, doch meine Freunde hier“ — auf Geigele und Fred
deutend — „möchten gern wissen, über was Sie sich unterhalten.“ „Gern sind
wir zur Auskunft bereit, doch glauben wir nicht, daß die beiden Besucher
unser Thema interessieren wird. Wir sprechen nämlich hier über neue Ausdrucksrichtungen
in künstlerischer Betätigung, so daß jedes irdische Kunstprodukt packender
das wiederzugeben vermag, was ein Künstler gern der irdischen Welt darbieten
möchte. Meine Freunde hier sind nämlich Künstler, entweder Bildhauer, Maler,
Dichter, Komponisten oder Schriftsteller, also wirklich kompetent, über das
erwähnte Thema fachmännisch urteilen zu können. Wenn Sie sich an der Unterhaltung
beteiligen wollen, so steht dem nichts im Wege. Wir hören gern Ihre Ansicht.“ „Nein,
danke“, wehrte Aristos ab. „Meine Begleiter wunderten sich nur, über was man
sich alles unterhalten mag.“ Damit
verneigte man sich gegeneinander und trennte sich. Aristos
erläuterte, als er wieder mit Geigele und Fred allein war: „Ihr seht, an
Gesprächstoff mangelt es hier also nicht. Und so hat jede Gruppe hier ihre
eigenen Interessengemeinschaften. Doch wir wollen uns nicht zu sehr in
Einzelheiten verlieren, denn wir haben noch viel kennen zu lernen.“ „Nur noch
eine Frage, Aristos“, schaltete Fred ein. „Wäre es zum Beispiel möglich,
große Geister hier zu treffen wie Homer, Virgil, Shakespeare oder Goethe und
Schiller?“ „Wenn du mit
‚hier‘ das große Jenseits meinst, dann kann ich deine Frage mit ja
beantworten, doch wenn du mit ‚hier‘ die jetzige Ebene meinst, dann ist meine
Antwort: Nein. Ich glaube, du kannst es dir wohl allein denken, warum das so
ist.“ Fred nickte. Aristos
machte Anstalten, sich zu entfernen, und wie es diesmal schien, aus dieser
ganzen gegenwärtigen Daseins-Ebene hinaus. Deswegen warf Geigele noch schnell
eine Frage ein: „Aristos, wie kommt es, daß niemand hier den Wunsch hegt,
nochmals auf die Erde zurückzukehren, wenn manche so sehnsüchtig auf liebe
Angehörige warten. Ist es nicht möglich für Seelen, sich nochmals auf Erden
zu verkörpern?“ Aristos blieb
stehen und antwortete langsam und bedächtig: „Mit dieser Frage hast du ein
Gebiet angeschnitten, das allergründlichst zu erklären zu lange dauern würde.
Ich will deswegen nur hier beobachtete Fälle behandeln. Bei der Frau, die ihr
vorhin traft und die auf ihren Mann so sehnsüchtig wartet, ist von der
Vorsehung vorgesehen, daß bei ihr der Wunsch nicht auftaucht, nochmals auf
die Erde zurückzukehren, weil ihr Mann sich bereits — allerdings noch woanders
— im Jenseits befindet. Die Frauenseele, die um ihr ‚zweites Ich‘ so schwer
trauert, weiß infolge ihres Vorgeschrittenseins, daß sie ihrem ‚zweiten Ich‘
auf Erden nicht helfen könnte, wenn sie ihm zuliebe nochmals wiederverkörpert
würde. Infolge ihres Vorgeschrittenseins würde sie nur einen irdischen Körper
von solcher Zartheit erhalten können, daß dieser den irdischen Beschwerden,
Hemmungen und Begrenzungen nicht lange standzuhalten vermöchte und irdisch
bald dahinsiechen würde. Im großen und ganzen findet man aber sowieso keine
große Geneigtheit hier auf dieser Ebene, nochmals als Mensch auf die Erde
zurückzukehren. Schon der Gedanke daran läßt manchen erschauern. Man weiß ja,
daß auf Erden alle zu sterben haben. Die Angehörigen, Freunde und Bekannten
müssen also doch alle mal ins Jenseits kommen. Warum sich daher nochmals
verkörpern, um ihnen entgegenzukommen. Man kann außerdem von dieser Ebene aus
den Lieben, die noch im Fleisch auf Erden wandeln, viel besser helfen durch
Beten, durch gedankliches Beeinflussen und auch mit ihnen zusammensein in
deren Träumen.“ „Dann ist die
Lehre von der Wiederverkörperung demnach falsch?“ schaltete Fred hier ein. „Durchaus
nicht“, entgegnete Aristos, „nur macht ihr auf Erden aus allem ‚Möglichen‘
immer gleich feststehende Regeln, und zwar so, wie ihr es euch im irdischen
Körper nun einmal nur vorzustellen vermögt, während die Wiederverkörperung
durch Bedingungen und Gesetze verursacht ist, von denen ihr nichts ahnen
könnt und auch nichts ahnt. Es gibt Reinkarnationen, freiwillige aber auch
unfreiwillige, d.h. solche nur mit Widerwillen, doch von der Erkenntnis bedingt,
daß das nur noch der einzige Weg ist, welcher der Seele bleibt, um aus
Verhältnissen herauszukommen, in die sie sich im vergangenen Leben aus
eigener Schuld tief hineingearbeitet hatte. Wirklich freudig- freiwillige
Wiederverkörperungen kommen eigentlich nur bei Seelen vor, die im
allerhöchsten, im ‚Liebe-Himmel‘, existieren. Dort ist man Gott am nächsten
und daher stets ohne Zögern zur Wiederverkörperung bereit, wenn man einsieht,
daß man Gott damit direkt dienen kann. Dort im ‚Liebe-Himmel‘ sind die wahren
‚Palladine Gottes‘, für die es aus freien Stücken nur einen Wunsch gibt,
nämlich den, den Gott gerade hegt. Doch all das hier Mitgeteilte muß mehrmals
genau durchdacht werden, um es wirklich innerlich erfassen, verstehen und
begreifen zu können. Man denke daher über jeden Satz immer wieder nach und
wird dann langsam merken, wie einem — gleich als ob von jenseitiger Weise
kommend (was auch vielfach geschieht) — dabei helfender Erkenntnis-Aufschluß
zuteil wird.“ „Nun wollen
wir uns hier, ehe wir uns dem ‚Kinder-Himmel‘ zuwenden, noch in einige
zustandsmäßige Himmel-Verhältnisse hineinversetzen, d.h. sie besuchen, aus
denen ihr ersehen könnt, daß es tatsächlich nichts auf Erden gibt, was nicht
hier im Jenseits im Zustandsmäßigen als Beglückungsumgebung anzutreffen wäre,
weil eben alles rein Zustandsmäßige dem innigsten Verlangen, dem
Herzenswunsch nach innerlicher Beglückung und Befriedigung, entspricht, was
allen zuteil wird, die nicht gerade durch zu leidenschaftliches Leben andere
geschädigt oder irgendeine Schuld gegen andere auf sich geladen haben. Nun
gebt mal Obacht.“ Auf einmal
veränderte sich die Landschaft wieder. Es wurde hügelig, ja sogar stark
gebirgig. Obgleich die drei Wanderer nichts von Kälte spürten, fing es an zu
schneien und bald wateten sie durch fußtiefen Schnee. An einem Abhang sahen
sie eine erleuchtete Schutzhütte, auf deren schrägem Dach eine mehrere Fuß
starke Schneedecke ruhte. Doch um die Schutzhütte herum waren gepflasterte
Wege, die vollkommen frei von Schnee waren. Der weggeschaufelte Schnee war
auf die Böschung geworfen, die daher überall als hohe Schneewand emporragte.
Der eventuell noch verbliebene Weg war mit dem Besen gekehrt. Als man sich
der Schutzhütte näherte, wurde die Tür geöffnet, und ein großer
Bernhardinerhund sprang den Besuchern bellend und wedelnd entgegen. Fred und
Geigele, die beide Tiere liebten, streichelten das große Tier, das seine
Freude durch Lecken der Hände Ausdruck verlieh. Da kam der
Bewohner der Schutzhütte mit vor Freude strahlendem Gesicht und
ausgebreiteten Armen den Besuchern entgegen und begrüßte sie mit den Worten:
„Willkommen, willkommen! Es ereignet sich nicht oft, daß sich Besucher in
meine Regionen verirren. Die Menschheit auf Erden scheint sehr verweichlicht
zu sein, daß sie nicht ein bißchen Kälte und Schnee vertragen kann. Kommen
Sie nur herein in die Stube, wenn Sie frieren sollten. Mich friert nicht.“ „Uns auch
nicht“, versicherte Aristos. „Trotzdem, kommen
Sie nur herein! Dem jungen Mädchen wird vielleicht kalt sein.“ „Nein, ich
friere gar nicht“, versicherte Geigele, die sich mit Fred zusammen noch mit
dem Hund beschäftigte. Man trat in
die Behausung ein. Sie war sehr sauber gehalten und hübsch ausgestattet. Sie
sah aus wie eine wohlgepflegte Schutzhütte oder eine Klub Cottage irgendwo im
Hochgebirge. Man nahm auf
Ersuchen des Gastgebers am runden Tisch in der Mitte des Hauptraumes Platz. „Darf ich Sie
alle zu einem Gläschen wärmenden Trankes einladen? Das wird Ihnen allen
wohltun“ fragte der Gastgeber, der, sich vorstellend, fortfuhr: „Übrigens
nennt mich einfach nur Arnold. So nannte man mich auf Erden, als ich eine
beliebte Berg-Schutzhütte im Hochgebirge verwaltete.“ Fred und
Geigele hatten interessiert und gespannt zugehört. Danach wußte Arnold also,
daß er tot war. Doch was hatte es für eine Bewandtnis mit dem wärmenden
Trank? Gab es denn in himmlischen Regionen auch wärmende Getränke? Aristos sah
Fred und Geigele lachend an. Er erriet ihre Gedanken und beruhigte sie, leise
sprechend, damit der Gastgeber es nicht hörte, der sich gerade entfernt
hatte, um eine Flasche zu holen, aus der er etwas in das warme Getränk goß. „Es ist kein
alkoholisches Getränk, das ihr hier als wärmendes Getränk angeboten bekommt.
Für die Zustandswelt Arnolds ist es freilich etwas anderes. Für uns ist es
jedoch, was es auch in Wirklichkeit ist, nämlich ein harmloses, angenehm
schmeckendes Getränk. Deswegen beleidigt auch nicht den Gastgeber, indem ihr
das Getränk etwa zurückweist.“ Arnold war
mit einer großen Flasche und einer großen Kanne heißem Wasser, sowie mit
einer Zuckerdose zurückgekommen und bereitete für jeden den wärmenden Trank
vor. Dabei erzählte er: „Glaubt mir, liebe Gäste, ich freue mich immer, wenn
ich Besuch bekomme. Es ist nur schade, daß das so selten geschieht. Wenn die
Menschen — oder besser Seelen der Verstorbenen — nur wüßten, wie
unbeschreiblich herrlich eine Schneelandschaft im Hochgebirge sein kann! Ich
werde euch nachher mal auf verschiedene Schönheiten aufmerksam machen. Doch
kommt, laßt uns erst mal trinken.“ Man stieß an. Der Trunk schmeckte gut,
doch für Arnold schien er noch etwas ganz Besonderes zu sein, denn er strich
sich mit Behagen über den Mund. „Doch woher
kommt ihr und wohin wollte ihr von hier aus? Kann ich euch vielleicht führen?
Ich kenne diese Gegend wie meine eigene Hosentasche.“ „Danke, doch
wir gehen von hier aus in eine andere Zustandssphäre, wo wir deiner Führung
nicht bedürfen. Aber herzlichen Dank für dein Angebot.“ „Warum bleibt
ihr nicht bei mir ein wenig zu Gast? Ich habe Gastzimmer und die beiden
jungen Leute haben den Hund gern und können mit ihm einige Ausflüge machen.
Vielleicht machen wir alle zusammen eine Schlittenfahrt.“ „Dazu haben
wir leider keine Zeit“, wehrte Aristos ab. „Zu schade“,
bemerkte enttäuscht der Gastgeber. Doch er war schnell wieder gut aufgelegt,
besonders als er ein weiteres volles Glas des wärmenden Getränkes zu sich
genommen hatte. „Gut, wenn
ihr wieder fort müßt, so läßt es sich eben nicht ändern. Doch ihr sollt von
hier nicht eher fort, ehe ihr nicht die Pracht dieser Gegend genossen habt.
Kommt, laßt uns mal vor die Tür treten. Ich habe es inzwischen wieder
schneien lassen.“ Als man vor
die Tür trat, bot sich ein Anblick von geradezu bezaubernder Schönheit. Es
schneite noch stark. Aber das Gewölk war dünn, aus dem es schneite, und der
am Abendhimmel stehende Mond warf einen silbernen Schein auf die
Berglandschaft und den fallenden Schnee, der alles wie von Diamanten besät
erglitzern ließ. Diese Pracht überwältigte besonders Fred und Geigele. „Friert
jemand von euch?“ fragte besorgt der Gastgeber, „denn ich habe es kalt werden
lassen. Wir haben jetzt 25 Grad Kälte.“ Man spürte
jedoch nichts von Kälte. Aber jetzt, als man darauf aufmerksam gemacht worden
war, sah man, wie einem der Hauch vor dem Mund stand, obgleich man selbst
keine Kälte fühlte. „Soll ich den
Pferdeschlitten kommen lassen?“ fragte Arnold erneut. „Nein, bitte
nicht unseretwegen. Wir müssen jetzt weiter“, wehrte Aristos ab. „Zu schade,
zu schade“, murmelte Arnold vor sich hin. Aber er
schickte sich in das Unvermeidliche, schüttelte jedem die Hand und bat: „Wenn
ihr wieder hier vorbeikommt, bitte, besucht mich noch mal. Ich habe mich
sehr, sehr gefreut. Doch wenn ihr weiter müßt, so werde ich mich eben ans
Schneeschaufeln machen. Ihr glaubt ja gar nicht, wie einen das jung erhält.“ Damit waren
Aristos, Geigele und Fred wieder auf der blühenden Wiese. Von Arnold, von
seiner Hütte und dem Schneefall war nichts mehr zu spüren. Alles war verschwunden
gleich wie ein Traum beim Erwachen. „Nun kommt,
laßt uns ein bißchen hinsetzen, denn ich habe diesmal etwas ausführlicher zu
erklären, da ihr sonst das eben Erlebte nicht so leicht würdet verstehen
können“, forderte Aristos auf. „Also, unser lieber Gastgeber Arnold war bei
Lebzeiten, wie er selbst sagte, Verwalter einer Hochgebirgs-Klubhüttenkabine
gewesen. Er liebte seinen Posten, obgleich er während der Wintermonate fast
ganz von der Welt abgeschnitten war durch den tiefen Schnee. Nur seinen Hund
hatte er bei sich. Die Liebe Arnolds für den Posten als Verwalter war nicht
so sehr verursacht durch seine Verwalteraufgabe, als vielmehr durch eine unerklärliche
Freude an Schnee, Eis und Winter. Schon bei Lebzeiten hatte er bei Schneefall
stundenlang am Fenster sitzen und dem Fall der Schneeflocken zusehen können.
Nach seinem Ableben konnte sich bald sein Herzenswunsch für
Winterlandschaften, Schneefall und Kälte als zustandsmäßige Erlebnisebene für
ihn formen, da er ein ruhiges, bescheidenes und hilfsbereites Leben geführt
hatte und außer seiner Vorliebe für ein warmes Getränk von Zeit zu Zeit weiter
keine Leidenschaft gehabt hatte. Er ist sich jetzt zwar bewußt, daß er nicht
mehr auf Erden lebt, doch ist sein Herzenswunsch nach Schnee, Schneeschaufeln,
Kälte und Schneefall so groß, daß er noch nicht dazu gekommen ist, darüber
nachzudenken, wie es wohl kommt, daß es immer gleich schneit, wenn er es
will, daß es sehr kalt wird, wenn er es will und daß er im Handumdrehen beim
Schneeschaufeln mit seiner großen Schneeschippe alle Wege ums Haus herum
schneefrei hat. Er lebt in einem Zustand des Traumhaften und Wirklichen, im
Zustandsmäßigen seines Herzenswunsches nach Schnee, Eis und Kälte und der
Pracht einer Schneelandschaft. Er ist glücklich, restlos glücklich. Die
einzige Schwäche, die ihm noch anhaftet, ist seine Vorliebe für das warme
Getränk, das aber als Ding an sich nicht vorhanden ist.“ Wie lange
wird er in diesem seinem, für ihn so glücklichen Zustand verweilen?“ fragte
Geigele. „So lange er will.
Wie du weißt, gibt es ja hier keine objektive Zeit durch Gestirnumdrehungen
wie auf Erden. Hier wird auch nie jemand aus der Zustandsmäßigkeit seiner
projizierten Herzenswunsch-Seinsebene hinausgedrängt oder gar
hinausgetrieben. Aber einmal wird auch bei ihm die Sehnsucht nach etwas anderem
erwachen, vielleicht durch Besuche bei ihm von Führern aus anderen
Seinsebenen. Und dann ist auch seine jetzige zustandsmäßige Seinswelt für immer
für ihn verschwunden, genau wie es bei uns geschah, als wir uns aus Arnolds
Zustandsmäßigkeitsebene entfernten.“ „Wie weit
reicht wohl Arnolds Winterlandschaft zustandsmäßig örtlich — örtlich für
ihn?“ fragte Fred. „Sie ist
begrenzt nur durch seine Vorstellung und seinen Herzenswunsch. Wenn er
glaubt, daß hinter den Bergen, die wir von seinem Hause aus sahen,
Hochgebirge ist, das zum Südpol hinführt, so ist seine Welt so weitreichend.
Die Begrenzung seiner Welt erfolgt durch ihn selbst, denn vergeßt nicht: ein
Herzenswunsch an sich ist unendlich, aber begrenzbar durch den Geist,
zunächst Gottes, Der die Begrenzungen in Seiner Schöpfung durchgeführt hat,
und dann noch durch jeden menschlichen Geist als Funken aus Gott. Nun wollen
wir noch kurz in die Eigenwelten von einigen anderen Menschenseelen hineinschauen
und dann weiterschreiten oder wandern in andere Zustandsebenen, die nicht
mehr durch Einzelindividuen mit ihrem Denken begrenzt und abgegrenzt sind,
sondern durch Verhältnisbedingungen, die für viele gemeinsam in Betracht
kommen. Nun, was seht ihr jetzt?“ „Ist das aber
hübsch und niedlich hier!“ Mit diesen Worten schaute sich Geigele um. „Ich
sehe ein schönes Farmhaus, um das herum Hunde und Katzen in schönster
Eintracht spielen. Nun sehe ich eine einzelne Frau herauskommen und die Tiere
füttern. O, wie nett sich die Tiere füttern lassen. O, wie hübsch sich die
Tiere benehmen. Jedes Tier scheint zu wissen, welcher Bissen ihm gehört. Und
er wird ihm auch nicht von anderen streitig gemacht.“ „Gut“,
schaltete sich Aristos ein, „mehr brauchen wir hiervon nicht zu wissen. Wir wollen
uns nicht ganz in diese zustandsmäßige Seinssphäre hineinversetzen, weil uns
sonst die Tiere wahrnehmen würden und beunruhigt wären. Hier handelt es sich
um eine unverheiratete Frauensperson, die sich unter den Menschen nie
zurechtfinden konnte und daher all ihr Verständnis bei den Haustieren suchte.
Sie wandelte ihren kleinen Grundbesitz in eine Hunde- und Katzenfarm um und
fühlt sich nun hier im Jenseits unter der Gesellschaft dieser Tiere immer
noch restlos glücklich.“ „Sag mal,
Aristos“, fragte Fred, „sind das eigentlich Seelen von Tieren oder nur
eingebildete Gestalten der Frau in ihrer hiesigen zustandsmäßigen
Seinssphäre?“ „Beides ist
der Fall“, klärte Aristos auf. „Danach leben
also Tiere auch fort?“ „Das weißt du
doch aber, Fred, warum fragst du denn?“ „Mir ist
soeben ein Problem gekommen, mit dem ich nicht so recht fertig werde. Tiere
haben doch keinen Verstand, können nichts Abstraktes fassen und können sich
somit doch auch nichts Zustandsmäßiges in ihrem Jenseits erschaffen.“ „Tiere“, so
klärte Aristos auf, „haben wohl keinen Verstand, wenn man darunter
‚Verständnis‘ meint, das von Vernunft Erfaßtes zergliedert, zerlegt, daraus
logische Folgerungen zieht und dann abstrakte Begriffe formt wie Ethik,
Moral, Kultur usw., doch Tiere haben soweit Vernunft, daß sie damit Erlebtes
für sich selbst projizieren, was das Träumen der Tiere anzeigt. Wenn sie
träumen können, besitzen sie auch ein persönliches Erlebnisgefühl und können
daher nach ihrem irdischen Tode ebenfalls Umwelten für sich projizieren, die
jedoch nicht sehr reichhaltig sein werden, außer ein Tier stand im engen
Kontakt mit Menschen und hat dadurch sein Vernunftsbild durch Erfahrung
erweitern können. Von den Tieren, die ihr eben gesehen habt, waren nicht
alles nur Tierseelen, sondern manche waren lediglich zustandsmäßig bedingte
Wesenheiten, die in das Zufriedenheits-Erlebnisbild der einsamen Frau
gehörten, weil es ihre Lieblingstiere gewesen waren, von denen manche noch
auf Erden leben. Die Erscheinungsbilder der Tiere hier sind nur durch den
Wunschgedanken der Frau in ihre zustandsmäßige Seinsumgebung hineinprojiziert
durch ihren Herzenswunsch, weil sie gern auch diese Tiere um sich hatte. „Nun das
zustandsmäßige Sein eines anderen menschlichen Charakters“. Sich
umdrehend, befanden sich alle drei auf einmal in einem großen Saal mit
Bücherregalen bis hinauf zur Decke. Darinnen saß auf einer Leiter ein älterer
Herr, völlig in das Lesen eines vor ihm auf einer Leiterstufe aufgeschlagen
liegenden Buches. Es war ein tief philosophisches Werk. Das Gesicht des
Lesenden verriet den geistigen Genuß, den ihm das Buch bereiten mußte. Der
große Bibliotheksraum machte einen etwas durcheinander gewürfelten Eindruck.
Überall lagen aufgeschlagene Bücher herum. Die drei
betrachteten die vor ihnen sich geöffnete Erscheinungswelt für eine Weile,
dann wandte sich Aristos ab und Geigele sowie Fred folgten ihm. „Ich glaube,
ich habe euch hier weiter nichts zu erklären. Ihr saht ja selbst, wie
glücklich der Mann beim Lesen des Buches gewesen war.“ „Ja eins,
Aristos“, warf Geigele ein. „Machen denn die Menschen — oder besser
Menschenseelen —‚ deren zustandsmäßige Erscheinungswelten wir nicht nur
sahen, sondern auch in manche uns völlig hineinversetzten, dauernd immer nur
ein und dasselbe, haben sie sonst keine andere Abwechslung und wird ihnen das
nicht doch schließlich mal gründlich langweilig?“ „Selbstverständlich
wird es ihnen einmal langweilig werden, doch das kann manchmal für irdische
Zeitbegriffe sehr lange dauern. Hast du nicht auf Erden auch ab und zu schon
Menschen getroffen, die Tag für Tag dasselbe verrichten, ja manchmal sogar zu
genau derselben Zeit ihre Einkäufe besorgen usw.? Zwingt euch allen auf Erden
— wenn auch meistens nicht in so starrer Form, wie ihr es hier sehen könnt —
nicht z.B. der gewöhnliche Alltag auch eine gewisse Monotonie auf? Und dabei
gibt es um euch herum auf Erden Vorträge, Theater- und Konzert-Darbietungen,
interessante Menschen und Vergnügungen aller Art. Doch viele Menschen kümmern
sich schon auf Erden um all das nicht und ihr Alltagstrott wird nicht
unterbrochen, außer es kommt mal Besuch von außerhalb, dem man etwas zeigen
will, oder Verhältnisse ändern sich, die einem zu einer anderen Lebensart
zwingen. Viel nachhaltiger wirkt sich das nun hier aus, wo die Seele mit
ihren Wünschen und Gewohnheiten sich die Eigenwelt formt, in die sich nur
gelegentlich von außerhalb her irgendein Führer oder Lehrer hineinversetzen
mag. Und wie selten wird wirklich diesen geglaubt, wenn sie den in ihren Eigenwelten
— gemäß deren Herzenswunsch — eingewobenen Seelen von anderen Ebenen
berichten.“ „Nun noch
eine Frage, Aristos“, warf Fred ein. „Mir kommt es so vor, als ob das, was
wir bis jetzt hier sahen, im Prinzip genau dasselbe ist, was wir im Höllischen
sahen, nur ist alles hier freundlicher, angenehmer und schöner. Aber das
Prinzip, daß jeder Mensch in seiner Eigenwelt nur so leben, denken und
empfinden kann, wie auch schon auf Erden seine Wesenheit ist, ist scheinbar
das nämliche, ob nun im höllischen oder himmlischen Zustandsmäßigen.“ „Damit hast
du recht. Darum sollte das hier Mitgeteilte von Tausenden und aber Tausenden
von Menschen auf Erden immer wieder gelesen werden, denn während des
Erdenlebens ist es, wo wir uns unsern jeweiligen Himmel oder Hölle, d.h.
unsere Herzenswünsche entwickeln, die dann nach dem irdischen Leben für
längere oder kürzere Zeit unsere zustandsmäßig bedingte Umwelt formen. Das
Himmlische beziehungsweise Höllische unseres Herzenswunsches ist von den
Motiven und durch unsere Charaktereigenschaften bedingt.“ Für eine Weile
schritt man schweigend weiter, Geigele und Fred in Gedanken über das
letztgeführte Gespräch vertieft. So merkte man kaum, daß sich die Umgebung
erneut veränderte. Erst als man hübsche Gesänge wie Hymnen und einen
Lichtglanz, der von Kerzen auszugehen schien, um sich wahrnahm, wurde man
aufmerksam. Es bot sich ein seltsames Bild. Man befand sich in einem Tempel
mit riesigen Säulen und einem Marmorfußboden, auf dem Männer und Frauen
knieten und zu beten schienen. Es herrschte eine äußerst ernste und feierliche
Stimmung. Im Vordergrund befand sich eine Art Altar, vor dem ein Priester in
goldenem Gewand betete. Plötzlich stand dieser auf, wobei sich der Gesang der
Hymnen noch verstärkte, und schritt mit hoch erhobenen Händen und verzücktem
Gesichtsausdruck ganz nahe an den Altar heran. Die kniende Menge sah mit
ebenfalls verzückten Mienen nach vorn, als ob sie dort ein Wunder erwartete.
Und es schien auch so zu sein. Auf dem Altar wurde nämlich eine herrliche,
von Strahlen umflossene Gestalt sichtbar, die allen eine Art Segen zu
erteilen schien. Sofort warfen sich die Knienden lang auf den Fußboden und
sangen gemeinsam eine andere entzückende Hymne. Es schwebte eine Art
durchgeistigte Stimmung über allem, die auch Geigele und Fred spürten. Doch ehe sich
beide völlig klar über das wurden, was sie eben sahen, befanden sie sich auch
schon wieder auf einem prächtigen Grasteppich, an einem Abhang sitzend,
umflossen von herrlichen Wohlgerüchen, und umflattert von zahmen Singvögeln,
die sich auf Schulter und Haupt setzten und liebkosen ließen. Aristos
ergötzte sich eine Zeitlang an der Überraschung, die diese liebliche
Umgebung, besonders auf Geigele, ausübte. Dann begann er: „Was ihr beide eben
erlebt habt, war die zustandsmäßig bedingte Umwelt einer Religionsgemeinschaft,
die heute nicht mehr auf Erden anzutreffen ist, die sich aber im großen
Jenseits noch erhalten hat, und zwar in einer Art von himmlischer Reinheit
und Erhabenheit. Es handelt sich um eine zahlenmäßig kleine, religiöse
Gemeinde, deren Religion in einer Art von mystischer Versenkung bestand. Die
Bedingungen zur Aufnahme waren sehr streng, und die vorher abgelegten Gelübde
der Reinheit wurden strikt innegehalten. Ihr Glaube war kurz der, daß man
durch eine edle Lebensführung und durch Nächstenliebe infolge Versenkung mit
Gott verbunden werden könnte, Der ihnen nach dem irdischen Ableben auch
persönlich erscheinen würde. Ihr habt eben einen Gottesdienst dieser Gemeinde
in deren Zustandsmäßigkeit im großen Jenseits beigewohnt.“ Aristos
schwieg und schien auf Fragen von seiten Geigeles und Freds zu warten. Zu
seiner Überraschung wurden jedoch keine solchen gestellt. Beide, Geigele
sowohl wie Fred, saßen in scheinbar tiefes Nachdenken versunken da. „Das ist ja
seltsam, daß ihr diesmal keine Fragen stellt“, verwunderte sich schließlich
Aristos. „Ist euch denn bei dem eben Erlebten sofort alles in seinen inneren
Zusammenhängen klar geworden?“ „Das gerade
nicht“, begann darauf langsam und zögernd Fred, während Geigele noch immer
über irgend etwas Besonderes intensiv nachgrübelte. „Im Gegenteil hätte ich
hier sogar sehr viel zu fragen, doch weiß ich nicht recht, wo ich damit
anfangen soll.“ „Frage nur
immer darauf los“, ermunterte Aristos. „Gut“, und
Fred schien damit wieder frischen Mut zu bekommen. „Du sagtest, daß es sich
bei dem eben Erlebten um das Zustandsmäßige im großen Jenseits einer
Religionsgemeinschaft handelt, die nun schon seit langem auf Erden
verschwunden ist. Das muß dann wohl schon lange her sein, nicht wahr?“ „Jawohl, so
gegen 4000 bis 5000 Jahre.“ „Und sie
besteht im großen Jenseits immer noch fort in der Zustandsmäßigkeit derselben
Form, von der sie einst auf Erden gewesen war?“ „Jawohl“ „Wie ist denn
das möglich? Dann hätten ja die Mitglieder dieser Gemeinde trotz der Jahrtausende,
die seit ihrem Bestehen auf Erden verflossen sind, noch überhaupt keine
Fortschritte gemacht.“ „Halt, lieber
Fred, hier ist es, wo du zu falschen Schlußfolgerungen kommst. Diese
Religionsgemeinschaft stand auf so hoher ethischer Basis, daß sie mit der
Zeit in die höchsten Seligkeiten der himmlischen Regionen eingehen wird. Sie
hat sich auch hier im großen Jenseits schon stark vergeistigt, was du nur
nicht bemerken konntest. Die Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft leben in
ihrer Zustandsmäßigkeit in einem innerlich so beglückenden Zustand, der sich
für sie nach außen hin in geradezu unglaublich schöner Umgebung auswirkt, die
ihr nicht zu sehen bekommen konntet, weil ihr nur den Gottesdienst wahrnehmen
solltet, da dieser für sie alle schon wirklich himmlisch ist. Diese
Beglückung erweitert und vergrößert sich für sie immer mehr und mehr, denn
jedes Zustandsmäßige hat in seiner Entfaltung nach oben zu keine Grenzen.“ „Wer war die
herrliche Erscheinung auf dem Altar?“ fragte Fred weiter. „Das war die
Vorstellung dieser Religionsgesellschaft, die sie von Gott hat, oder
verständlicher ausgedrückt, Gott war sichtbar geworden für diese Gemeindemitglieder
in der Form, in der sie Gott von ihrem Standpunkt aus begreifen und erfassen
können.“ “Soll das heißen“,
mischte sich jetzt Geigele ein, „daß jede Religionsgemeinschaft ihren Himmel
so findet im großen Jenseits, wie sie sich ihn vorstellt?“ „Recht“,
nickt Aristos. „Danach
fänden die Heiden also in ihrem Zustandsmäßigen im großen Jenseits eventuell
auch ihre grausamen Götzen vor, denen sie einst Menschenopfer darbrachten?“ „Richtig“,
nickte erneut Aristos. „Wo sind denn
aber deren Götzen im großen Jenseits?“ Aristos mußte
lachen. „Aber, Geigele, das solltest du dir doch eigentlich jetzt schon von
selbst denken können. Diese Götzen befinden sich im Zustandsmäßigkeitsbereich
derer, die an solche grausamen Götter glauben. Da solche
Religionsanschauungen aber der göttlichen Harmonie entgegengesetzt sind, so
wirst du deren Bereichs-Zustandsmäßigkeiten wohl kaum in diesen Regionen
finden, wo wir uns jetzt aufhalten.“ „Sag mal,
Aristos“, griff Fred die Fragestellung wieder auf, „warum hast du uns denn
eigentlich die himmlischen Regionen einer Religionsgemeinschaft gezeigt, die
auf Erden nicht mehr existiert und nicht diejenige irgendeiner der
christlichen Sekten, wie sie jetzt auf Erden bestehen?“ „Die Frage
ist sehr, sehr berechtigt und ich hatte sie eigentlich schon eher erwartet“,
stellte Aristos mit Genugtuung fest. „Würde ich euch solche Religionen zeigen
und euch sagen, welche Religionsgemeinschaft dabei in Betracht kommt, so
würde sich unter denen, die das hier Erlebte lesen und vielleicht gerade
einer der Kirchen- und Sektengemeinschaften angehören, großer Protest
erheben, und man würde sich vielleicht angegriffen fühlen und nicht mehr
weiterlesen, was wir noch alles bei unserem Weiterwandern im großen Jenseits
erleben werden und sollen. Darum ließ ich euch nur die himmlischen
Zustandsmäßigkeiten einer reinen, ethisch und moralisch hochstehenden
Religionsgemeinschaft erleben, die heute auf Erden nicht mehr existiert. So
sind wir allen Mißverständnissen aus dem Wege gegangen, und jeder kann aus
dem hier Gezeigten und Erklärten seine eigenen Folgerungen auf sich und sein
religiöses Verlangen und Erwarten ziehen.“ Da weiter
keine andere Frage mehr gestellt wurde, fuhr Aristos allgemein unterweisend
fort: „Was ihr eben erlebtet, stellte das erste Eindringen in Bereiche dar,
die durch gleichgerichtetes Denken vieler menschlicher Seelen geschaffen
wurden, und somit aus dem rein Zustandsmäßigen bereits in das Zustandsmäßig-Örtliche
des großen Jenseits übergegangen sind. Bei unserem weiteren Wandern werden
wir jetzt in solche Bereiche eingehen, deren Zustandsmäßig-Örtliches meistens
durch gleichgerichtete geistige Bestrebungen geschaffen werden. Manche davon,
die wir nur — sozusagen berührend — streifen, mögen euch lediglich als ein
einheitlicher Begriff erscheinen und in der Zusammensetzung durch zahlreiche
geistig gleichgerichtete Individualitäten erst wahrnehmbar werden, wenn wir
in solche Zustandsmäßig-Örtlichkeiten wirklich eindringen. Versteht ihr das?“ Aristos
stellte diese Frage an Geigele und Fred mehr scherzhaft, da es ihm sehr wohl
klar war, daß sie ihn nicht gleich verstanden haben konnten. Beide Gefragten
schüttelten auch verneinend ihre Köpfe. Aristos fuhr
daher fort, wie folgt: „Nun hört mal gut zu. Wenn ihr auf Erden von der Armee
sprecht, so stellt ihr euch darunter das Instrument der Verteidigung eines
Landes vor und seid euch in diesem Zusammenhang gar nicht bewußt, daß diese
Armee — als Begriff — aus vielen Tausenden von Einzelwesen besteht. Doch wenn
ihr sagt, er ist zur Armee eingezogen worden, so dämmert es euch schon, daß
die Armee eine Einrichtung ist, die eben Tausende und aber Tausende von Einzelwesen
mit umfaßt. Nun, so werden euch jetzt ganze Gemeinschaften geistig
gleichgerichteter Individualitäten nur als eine Einheit — als ein Begriff —
wie der Begriff Armee erscheinen, ohne daß ihr euch der
Einzelindividualitäten der geistig gleichgerichteten Wesenheiten irgendwie
besonders bewußt werdet. — Wenn wir nun zuerst jetzt das Kinderreich im
großen Jenseits besuchen, so könnt ihr euch darunter noch nichts Rechtes
vorstellen. Darum werden wir uns in das Zustandsmäßig-Örtliche desselben
hineinbegeben und darinnen uns herumbewegen, wobei allerdings nicht zu
vergessen bleibt, daß wir uns nicht ganz darinnen verlieren wollen. Dadurch
freilich wird es uns auch nicht möglich werden, das Kinderreich in allen
Einzelheiten zu erleben, d.h. zu durchwandern, denn es ist in Wirklichkeit
ungeheuer ausgedehnt, um allen Anforderungen nach rechter Entwicklung der zu
früh ins große Jenseits eingegangenen Seelen gerecht zu werden bezüglich
deren seelischen Vorentwicklung und festgesetzt gewesenen Weiterentwicklung,
aus der sie durch zu frühen Tod herausgerissen wurden. Ist euch beiden das
nun Gesagte etwas verständlicher?“ „Ich denke
ja“, antwortete Fred, wobei er Geigele anblickte, die ihm bestätigend
zustimmte. „Doch ich glaube, wir werden mehr als durch vorausgegangene
Erklärung aus dem lernen, was wir erlebend wahrnehmen dürfen.“ „Da hast du
vollkommen recht“, stimmt Aristos voll und ganz zu. „Nun, so laßt uns mit
unserer Wanderung durch das Kinderreich beginnen.“ Die
Landschaft, in der sich alle drei bewegt hatten, verschwand und man befand
sich in einem großen Saal, der lichtdurchflutet war, ohne daß man eine
Lichtquelle wahrzunehmen vermochte. Überall waren Kinder im Alter von etwa
einundeinhalb bis nahe an sechs Jahre mit Spielzeugen aller Art und mit Kinderspielen
untereinander und miteinander beschäftigt, während weißgekleidete,
anscheinend, Aufseherinnen überall nach dem Rechten sahen. Es herrschte allgemeine
Fröhlichkeit, und man vermißte jedes Gezank unter den Kindern, was in
Kinderheimen auf Erden ja stets zu hören ist. Die Kinder schienen die
Besucher, Aristos, Geigele und Fred genauso wahrzunehmen wie die vielen
Aufseherinnen. Man nahm an den Besuchern aber nirgends Anstoß, sondern schien
solche Besucher als etwas Natürliches zu betrachten. Man überließ es einfach
ihnen selbst, sich ordentlich umzusehen, und wenn sich irgendwo Geigele zu
Kindern niederbeugte, ganz gleich wie alt sie waren, so lächelten diese ihr
beglückt zu, waren aber auch nicht böse, wenn sich Geigele umdrehte und zu
anderen, nahebei befindlichen Kindern sprach. Die
Aufseherinnen, von denen jede immer nur eins, höchstens zwei Kinder zu
überwachen hatte, schienen den Kindern völlig freie Hand zu lassen in allem,
was sie taten, doch beim näheren Hinschauen nahm man wahr, daß in den Kindern
doch auch der Drang wie auf Erden vorhanden war, anders zu handeln oder
ungeduldig zu werden. Aber gleich widmete sich die Aufseherin dem Kind ganz
persönlich, indem sie es nicht aus den Augen ließ, bis es sich beruhigt und
in die anscheinend dort geltende Ordnung von allein wieder eingefügt hatte.
Es schien dem alles beobachtenden Geigele und Fred so, als ob eine seelische
Gefühlslenkung durch die Aufseherin wie durch eine Art von Fernlenkung
erfolgte, aber ohne Zwang, sondern mehr dadurch, daß das Kindchen — oder
Seelchen — einfach in eine glückliche, fröhlich-zufriedene Stimmung
zurückversetzt wurde. „Um eine
Übersicht über all das zu bekommen, was ihr hier seht, laßt uns einmal hinaus
in den blumendurchwirkten Garten gehen, uns dort hinsetzen und uns mit der
Aufseherin unterhalten, die eben dort auf uns zukommt.“ Man begab
sich durch eine Tür in den Garten, wo sich eine schier endlose
blumendurchsetzte Wiese ausbreitete, auf der Kinder unter Jauchzen und Lachen
herumtollten. Überall herrschte Licht, Wärme und ein herrliches Aroma, das
fast hypnotisch beruhigend wirkte und beseligend friedlich stimmte. Aristos,
Geigele und Fred setzten sich auf eine Bank. Auf einer seitlich fast
gegenüber befindlichen Bank nahm die Aufseherin Platz, auf die Aristos
aufmerksam gemacht hatte. Es war eine schöne, engelgleiche Erscheinung. Aristos
ergriff das Wort, sich an die Aufseherin wendend: „Hier, Schwester, habe ich
zwei Seelen mit mir, von denen eine schon im großen Jenseits weilt, hier aber
in anderer Zustandsmäßigkeit beheimatet ist. Diese Seele, Fred bei Namen,
darf unter meiner Führung dieses Mädchen begleiten, das noch auf Erden lebt,
dort aber im somnambulen Schlaf ruht und über alles, was es hier erlebt, im
somnambulen Zustand für die auf Erden um ihr Bett Herumsitzenden berichtet,
wo es aufgezeichnet wird, damit all das Erlebte und Gesehene andere Menschen
einst nachlesen können. Eigentlich brauchte ich dir, liebe Schwester, das
alles wohl kaum zu erklären, doch tue ich es der Ordnung der irdischen
Aufzeichnung wegen. Nun, liebe Schwester, kläre meine Begleiter über das
Kinderreich ein wenig auf, und beantworte dann die Fragen, die sie stellen
mögen.“ „Aber nur zu
gern folge ich deinem Rat, lieber Bruder“, entgegnete bereitwilligst die
Angeredete. „Zunächst,
ihr lieben Besucher-Geschwister“, begann nun die Aufseherin ihre
Ausführungen, „wollen wir uns mit dem Platz beschäftigen, wo wir uns gerade
befinden. Wie ihr seht, sind es Kinderseelen im frühesten — allerdings nicht
allerfrühesten — Alter. Die Seelen — eine unendlich kleine Zahl von denen,
die tatsächlich in diesem Altersklassenbereich von der Erde hierher stündlich
kommen — bleiben hier und wachsen langsam heran bis etwa zum siebenten Lebensjahr
— nach irdischen Zeitbegriffen —‚ was nach hiesiger Zeitvorstellung nur kurz,
eventuell aber auch lang sein mag, da die hiesige Zeitvorstellung diesbezüglich
vom Wachstumsfortschritt der Kinder abhängt. Sobald die Kinderseelen die für
sie hier festgesetzte Entwicklungszeitspanne erreicht haben, wollen sie
selbst fort, und es wird für die Weiterentwicklung durch Überführung nach
einer höheren Erziehungsstufen-Örtlichkeit gesorgt. Ihr habt vielleicht auf
Erden schon manchmal sagen gehört, daß etwa bis zum siebenten Lebensjahr ein
Kind für Beeinflussung von jenseitiger Stelle her ‚offen‘ ist. Das ist auch
der Fall, und neben dem Schutzengel ist bis zu diesem Zeitalter immer noch
ein anderer Engel als Spielgefährte vorhanden. In früher Jugend kann man
kleine Kinder auf Erden in ihren Wiegen oftmals wie mit jemandem Unsichtbaren
spielen sehen. Dem ist auch so; es ist der Engel, der als Spielgefährte fungiert.
Nach dem siebenten irdischen Lebensjahr tritt der Spielgefährten-Engel
zurück, und der eigentliche Schutzengel übernimmt von nun ab die Gesamtleitung
für das Kind. Könnt ihr meinen Ausführungen folgen?“ Geigele und Fred nickten
bejahend. „Doch wie ist
es nun wohl“, so fuhr die Aufseherin fort, „mit den Kindern, die gleich nach
der Geburt oder auch schon kurz vor ihrer Geburt sterben? Dann zieht sich die
Menschenseele entweder in den wartenden Zustand zurück, in dem sie war, ehe
sie in den nun verstorbenen Körper eintrat, oder sie geht gleich in einen
anderen sich entwickelnden Kinderkörper über, oder aber die Menschenseele
kommt sozusagen im Zustand eines Embryo nach dem großen Jenseits herüber und
entwickelt sich hier schließlich zu einer vollen jenseitigen Menschenseele.
Die Fälle anzugeben, in denen das eine oder andere Angeführte Platz greift,
würde zu weit führen und für euch kaum verständlich sein. Soviel dürft ihr
jedenfalls sicher sein, daß für jede menschliche Seele vom großen Jenseits
aus auf die eine oder andere Art stets Sorge getragen wird.“ „Das mag eine
große Erleichterung für manche Eltern sein“, warf Geigele ein, „deren Kinder im
allerfrühesten Alter durch irgendein Versehen gleich wieder ihr junges Leben
aufgeben müssen.“ „Ein
Schuldbewußtsein brauchen Eltern, die keine direkte Ursache zum frühen
Sterben ihres Kindes gaben, deswegen nicht zu haben“, klärte die Aufseherin
weiter auf. „Anders ist das freilich in Fällen, in denen die Eltern das Kind
nicht wünschen und sich leichtsinnig oder ablehnend gegen dasselbe
verhielten.“ „Was ist dann
wohl die Strafe?“ fragte Fred. „Das richtet
sich immer nach dem vorliegenden Fall. Doch wir wollen nicht tiefer in dieses
Thema eindringen, da wir da leicht zu Fehlurteilen kommen mögen. Die Eltern
sind es allein, welche die Verantwortung in allen solchen Fällen zu tragen
haben. Und da sie Erwachsene sind, werden sie je nach Umständen, Verhältnissen
und Motiven selbst ein Urteil in solchen und ähnlichen Fällen abgeben können.
Doch hier diene als Trost, daß Gott jede Sünde vergibt, wenn man einsieht,
unrecht gehandelt zu haben, und sich gelobt, nicht mehr in denselben Fehler
zu verfallen.“ „In was
werden die Kinderseelen hier unterrichtet?“ war Geigeles weitere Frage. „Der
Unterricht ist hier etwas anders als auf Erden, bedingt dadurch, daß sich im
großen Jenseits Kinderchen nicht an Ecken und Kanten stoßen können. Der
Unterricht ist stets individuell und genau angepaßt gemäß den in der Seele
gerade vorhandenen Keimen. Manche davon werden langsam ausgerottet; die guten
aber gefördert und gestärkt. Daher ist das frühe Ableben von Kindern, selbst
vor der Geburt oder gleich nach dieser, durchaus nicht immer ein Nachteil für
die Kinderseele. So manche Kinderseele, die früh starb, ist dann durch die
geschickte Unterweisung bei der jenseitigen Entwicklung für die nächste
irdische Geburt und das nachfolgende Erdenleben — wenn solches notwendig sein
oder werden sollte — bedeutend besser vorbereitet.“ Es trat eine
Pause in der Unterhaltung ein, während der alle interessiert die sich
herumtummelnden Kinder beobachteten. „Sag mal“,
nahm schließlich Fred die Fragestellung wieder auf, „ich sehe hier
Kinderseelen, die kommen mir trotz Erscheinung in Kinderform als das vor, was
wir auf Erden mit ‚altklug‘ bezeichnen. Dann sehe ich wieder Kinderformen,
die sehr weit körperlich-seelisch entwickelt, aber in ihrem Gebaren sich benehmen
wie ein- bis zweijährige Kinder. Wie kommt das?“ „Das hängt
davon ab, wie weit die geistige Entfaltung vorgeschritten ist. Vergiß nicht,
ein Menschengeist kann sich nicht entwickeln, weil er an sich vollkommen ist.
Er kann sich nur entfalten, d.h. mehr oder weniger eine Seele durchdringen und
beleben. Bei den hiesigen Kinderseelen, die du als ‚altklug‘ bezeichnet hast,
handelt es sich in Wirklichkeit um Menschenseelen, die entweder schon auf
anderen Weltkörpern gelebt oder gewirkt haben, oder schon mehrmals auf Erden
verkörpert waren, wobei sich der darin wohnende Menschengeist bereits so
entfaltet hat, daß er selbst im Kindheitszustand einer neuen Verkörperung,
oder versucht gewesenen Verkörperung, stark zum Durchbruch kommen konnte. Ein
solcher Menschengeist beherrscht bereits die Menschenseele, in der er zur
Entfaltung kommt. Dann sind vielleicht nur noch ein bis zwei weitere Verkörperungen
nötig, oder aber hier im großen Jenseits mag es bei weiterer jenseitiger
Entwicklung — für menschliche Begriffe oftmals recht bald — zur geistigen
‚Wiedergeburt‘ kommen, d.h. die Seele ganz in den Menschengeist aufgehen oder
von diesem gänzlich absorbiert werden, womit die ‚Kindschaft Gottes‘ ja
erreicht ist.“ Man stand
auf, um sich weiter umzusehen. Überall sah
man das gleiche, muntere Leben und Spielen! „Wenn Kinder
sterben, die bereits älter waren und sich ihrer Eltern erinnern können, haben
diese dann nicht gelegentlich noch Sehnsucht nach diesen?“ fragte Geigele
nach einer Weile. „O, gewiß!“ „Weinen sie
dann nicht und verlangen nach den Eltern?“ „Natürlich,
aber gewöhnlich nicht lange! Nicht etwa deswegen, weil sie gezwungen würden,
ihre Eltern zu vergessen, sondern deswegen, weil die Aufseherin, die einem
Kind zugewiesen ist, anfänglich der Kinderseele in der Form der Mutter
erscheint, und ferner die Kinderseelen, auch tatsächlich mit ihrer Mutter oft
zusammen sein können, während diese auf Erden schläft und träumt. Die Art der
hiesigen Erziehung und des Heranwachsens bringt es aber mit sich, daß sich
die Kinderseele bald an die neuen Verhältnisse gewöhnt und einlebt.“ „Bleiben die
sich heranentwickelnden Kinderseelen immer im großen Jenseits oder verkörpern
sie sich manchmal wieder auf Erden?“ „Eine Regel
im Sinne irdischer Gesetzmäßigkeiten läßt sich dafür nicht aufstellen.
Meistens verkörpern sich die Kinder aber wieder im Laufe der Zeiten, dann
entweder als reife und geniale Seelen und Geister — in solchen Fällen erlebt
ihr auf Erden das Erscheinen eines Wunderkindes, das schon als Kind ein
Künstler oder sonstiges Genie ist — oder auch als normale irdische Kinder,
die aber infolge ihrer hiesigen Entwicklung im Laufe ihres irdischen Lebens
dann oftmals als phänomenale Erfinder oder sonst als außergewöhnliche Talente
in Erscheinung treten. Manche verkörpern sich überhaupt nicht mehr auf Erden,
sondern auf irgendeinem anderen Planeten und kehren erst von dort zur
nochmaligen Verkörperung auf die Erde zurück. Dann gibt es wieder
Kinderseelen, in deren Entwicklungslinie es liegt, bald wieder — also noch
als Kinderseele — erneut zum irdischen Kind auf Erden zu werden. Vergeßt
nicht, hier im großen Jenseits gibt es wohl eherne Gesetzmäßigkeiten, die
niemals übertreten werden können, aber keine Normalisierung nach zeitlich,
sozial oder gewohnheitsmäßig bedingten Klassifizierungen. Hier im großen
Jenseits sind die Gesetzmäßigkeiten sozusagen durchgeistigt, so daß deren
ergebnismäßigen Auswirkungen euch ganz verwirrend erscheinen müssen.“ „Habt ihr
auch Schulen hier im Jenseits, wie wir auf Erden?“ „Aber
natürlich. Laßt uns einmal eine besuchen.“ Damit standen
alle auf, und die Aufseherin lenkte ihre Schritte, gefolgt von ihren Gästen,
einer Baumgruppe zu, hinter der sich ein herrliches Bauwerk auf einer kleinen
Anhöhe erhob, die sich als saftige Rasenfläche nach einem See hinabneigte,
hinter dem bewaldete Hügel sichtbar waren. Alles lag in Licht gebadet. Doch
auch hier, wie sonst nirgends im großen Jenseits, war eine Lichtquelle von
Art einer Sonne zu entdecken. Im großen Jenseits ist eben die Lichtquelle
einzig und allein nur das geistige Streben, das erhellt. Der Glanz des
Lichtes ist umso entzückender, je selbstloser die Durchgeistigung ist. Die
Aufseherin führte die ihr Folgenden durch verschiedene Klassenzimmer, wo von
anderen Aufseherinnen Unterricht erteilt wurde. „In den unteren Graden wird
statt Lesen, Schreiben und Rechnen zunächst das Auskommen miteinander und die
Grundregel für ein harmonisches Zusammenleben erläutert, und zwar an
Beispielen, die als lebende Bilder an den Kindern vorüberziehen in einer nur
sehr schwer zu beschreibenden Form. Es erscheinen nicht etwa sich bewegende
Bilder auf irgendeinem Vorhang, sondern die Szenen werden wie lebendige Wesen
von der Lehrerin einfach projiziert. Es sind sozusagen verkörperte
Gedankenformen und Gedankenwesen der Lehrerin und Aufseherin.“ „Ihr seht“,
so fuhr die Aufseherin mit ihren Erläuterungen fort, „daß hier das
Unterrichten viel anschaulicher ist als bei euch auf Erden. Hier werden
abstrakte Begriffe durch Gedankenformen sofort wahrnehmbar, was dazu führt,
daß die zu erziehenden Kinderseelen es für ganz natürlich empfinden, daß auch
sie Gedankenformen bilden können. Da das an und für sich eine der
Hauptvermittlungsformen zwischen Verstorbenen hier im großen Jenseits ist, so
stellt die hiesige Unterrichtsart dasselbe dar, was bei euch auf Erden dem
Lesen und Schreiben gleichkommt. Und die Mathematik, d.h. das Rechnen in
irgendeiner Art und Form, wird den heranreifenden Seelen durch ein Einfühlen
in alles das, was mit Harmonie zusammenhängt, verständlich gemacht. Kurz, der
Unterricht für heranreifende Seelen hier im großen Jenseits ist
durchgeistigter Art, was ja schließlich auch verständlich ist.“ „Gibt es,
wenn die Kinderseelen herangewachsen sind, hier auch Hochschulen und
Universitäten oder diesen unseren irdischen Instituten ähnliche Anstalten?“ „Jawohl! Last
uns einmal eine solche jenseitige Universität besuchen.“ Im Augenblick
befand man sich in einem einzigartigen Gebäude von riesigen Ausmaßen. Endlos
schienen die von hohen Säulen gebildeten Gänge, an deren Seiten sich Türen zu
Hörsälen befanden. Die Aufseherin
blieb stehen und fragte: „Welches Unterrichtsfach würde euch am meisten
fesseln?“ Aristos und
Geigele überließen Fred die Auswahl. „Ich würde
gern den Hörsaal besuchen, in dem Naturwissenschaften gelehrt werden.“ Man trat in diesen
Hörsaal ein. Es herrschte scheinbar absolutes Schweigen, obgleich man einen
Dozenten mitten unter den überall zwanglos herumsitzenden Hörern sich bewegen
sah. Die Hörer selbst befanden sich meistens — für irdische Begriffe — im Alter
zwischen 18 und 20 Jahre. Fred sah
verständnislos die Aufseherin an, da er durchaus nichts hörte, obgleich von
dem Dozenten eine Unterweisung ausgehen mußte, da alle Zuhörer gespannt auf
ihn sahen. Als die
Aufseherin Freds erstaunten Blick wahrnahm, schien ihr etwas einzufallen. Mit
dem Ausruf: 2Ach so, entschuldigt bitte, ich hatte vergessen!“ wurde den
Gästen plötzlich sowohl in Worten wie auch in Bildern das wahrnehmbar, was
der Dozent lehrte. Es war, als ob die Aufseherin irgendwie eine Ein- und
Umschaltung vorgenommen hätte, die auf einmal die Besucher in die Aurasphäre
des Hörsaals hineinversetzte. So
angestrengt Fred zuhörte und zusah, konnte er doch nicht aus dem recht klug
werden, was der Dozent lehrte. Es war ein für irdische Begriffe astro-
physikalisch- mathematisches Problem, das behandelt wurde. Doch wurden dabei
Gesetzmäßigkeiten vorausgesetzt, die Fred absolut unbekannt waren. Nach einer
Weile schüttelte er seinen Kopf zum Zeichen, daß ihm alles unverständlich
sei. Darauf winkte
die Aufseherin ihren Gästen, ihr zu folgen, und man verließ den Hörsaal, um
sich auf einer der hübsch verzierten Bänke in dem von Säulen umrahmten
Vorsaal niederzusetzen. Das dachte
ich mir sehr wohl“, begann die Aufseherin zu erläutern, „daß ihr der
Unterweisung nicht würdet folgen können. Doch ihr hattet Verlangen, den
höchsten Grad der Unterweisung kennenzulernen, der hier im großen Jenseits
Kinderseelen zuteil wird. Die Unterweisung war für euch so unverständlich,
weil hier mit Naturgesetzlichkeiten gerechnet wird, die euch auf Erden
unbekannt sind, denn wenn sich auch durch den ganzen Kosmos die Schöpfungsgestaltung
an sich ziemlich einheitlich auswirkt, so sind doch die überall herrschenden
Gesetzmäßigkeiten oft ganz verschiedener Art. Es gibt z.B. Weltkörper, wo
alles sich noch wie in ewigem Fluß befindet und sich ein menschliches Sein
nach Normen abwickelt, die euch einfach unfaßbar anmuten, wenn ihr keinen
Einblick in die Regeln gewonnen habt, die auf solchen Weltkörpern bestimmend
sind. In dem Hörsaal, den ihr eben betreten hattet, erläuterte der Dozent
gerade interplanetarische Beziehungsverhältnisse zwischen verschiedenartig
wirksamen Gesetzmäßigkeiten auf benachbarten Sonnensystemen.“ „Ich
wünschte, ich könnte auch in solchen Kursus aufgenommen werden“, äußerte sich
Fred begeistert. „Das kann
sehr leicht geschehen, wenn du es wünschest. Aber dafür ist es notwendig,
erst noch eine längere Zeit im großen Jenseits zu weilen und fester in die
hier geltenden Verhältnisse hineingewachsen zu sein.“ „Du meinst,
erst dann könnte ich in eine solche Unterrichtsanstalt aufgenommen werden?“ „Die wirst du
gar nicht durchzumachen brauchen, sondern du wirst gleich in einen Kreis von
Wissenschaftlern aufgenommen werden, von denen es hier im großen Jenseits
genügend gibt.“ „Aber ich
kenne doch alle die grundsätzlichen Gesetzmäßigkeiten nicht, mit denen die
heranwachsenden Kinderseelen hier vertraut gemacht werden.“ „Das wirst du
auch nicht zu lernen brauchen, denn es wird dir mit deinem Hineinwachsen in
die allgemeine Aura des großen Jenseits intuitiv erkenntnismäßig zuteil
werden, da du auf Erden bereits fundamentale Gesetzmäßigkeiten — wenn auch
nur die irdischer Natur — studiert hast.“ „Eine
eigentümliche Welt, dieses große Jenseits“, bemerkte Fred nachdenklich. Die
Aufseherin und Aristos mußten darüber lächeln. „Nun, Geigele
und Fred“, nahm Aristos die Unterhaltung wieder auf, „wollt ihr noch mehr vom
Kinderreich sehen oder habt ihr noch irgendwelche Fragen zu stellen?“ Es trat eine
Pause ein, die sowohl von Fred wie von Geigele dazu benutzt zu werden schien,
über weitere Fragen nachzudenken. Schließlich
bemerkte Fred: „Seltsam, in meinem Unterbewußtsein ist es, als ob ich noch
viel fragen sollte und auch zu fragen hätte, doch jetzt fällt mir nichts so
deutlich und klar ein, daß ich es in direkte Fragen formulieren könnte. Wie
kommt das bloß?“ „Mache dir
deswegen keine Sorgen. Das, was du jetzt als Frage in deinem Unterbewußtsein
hast, wird dir mit der Zeit von allein klar werden, wenn du in deiner eigenen
Sphäre weiter fortgeschritten sein wirst. Daß du keine Fragen stellen kannst,
beruht darauf, daß du in dieser Sphäre hier fremd bist, die dich geistig fast
erdrückt durch das viele Unverständliche, was du hier wahrnahmst.“ Fred gab sich
schließlich mit dieser Erklärung zufrieden. Da ergriff
Geigele nochmals das Wort: „Wie kommt es wohl, daß auf Erden manche Familien
so viele Kinder haben und manches Ehepaar, das sich Kinder wünscht, keine
hat.“ „Das kann die allerverschiedensten Ursachen haben“,
nahm Aristos das Beantworten dieser Frage auf, während die Aufseherin sich
auf das Zuhören beschränkte. „Vom irdischen Standpunkt aus erscheint so
vieles unverständlich und unbegreiflich deswegen, weil das irdische Sein nur
ein kleiner Ausschnitt aus dem ewigen Sein des menschlichen Geistes
darstellt, und weil man während des irdischen Seins nicht weiß, aus welchen
Vorbedingungen die nun gerade vorherrschenden irdischen Verhältnisse sich
herausentwickelt haben, und welche Nachwirkungen sie im Sein nach dem
irdischen Ableben haben mögen. Meistens hängt die Größe einer Familie mit
karmischen Bedingungen des Elternpaares zusammen. Das Wort ‚karmisch‘
ist hier nicht nur gemeint als ‚schuldig‘ oder ‚schuldbewußt‘, sondern auch
als ‚entwicklungsnotwendig‘. Ebenso kann das frühe Sterben von Kindern manchmal
damit zusammen hängen.“ Aristos stand
nun auf und gab so das Zeichen, daß er damit die Wanderung durch das
Kinderreich als beendet erachtete. Man verabschiedete sich von der
freundlichen Aufseherin. Doch gerade als man fortgehen wollte und die
Aufseherin schon zu verschwinden anfing, weil man sich nach einem anderen
zustandsmäßigen Sein zu entfernte, wünschte Geigele noch eine Frage zu
stellen. Man gab diesem Wunsch nach und setzte sich sogar nochmals auf die
Bank. „Was ich
fragen wollte“, begann Geigele, „ist das: Sind alle die Aufseherinnen, die
wir hier im Kinderreich sahen, Engel, also ‚jenseitige‘ Wesenheiten?“ „Das ist eine
ganz natürliche Frage, liebes Geigele“, entgegnete die Aufseherin. „Die
Antwort auf deine Frage lautet: Nein! Es befinden sich darunter wohl viele
Engel, besonders für die Kinderseelen, die ganz jung und beinahe noch
unentwickelt herüber ins großen Jenseits kommen, doch die Zahl der Helfer —
oder wie ihr es im irdischen Leben auch nennt: Kinderpflegerinnen — ist so
groß, daß jede Seele, die herüberkommt und helfen will, höchst willkommen
ist. So befinden sich unter den Helfern viele Verstorbene von eurer Erde.
Doch niemand wird als Helfer zugelassen, der nicht kinderlieb ist. Denn die
Erziehung der Kinderseelen erfolgt fast ausschließlich nur durch Liebe und
Sympathie. Wir haben hier unzählige Kinderheime, von denen manche völlig
unter der Leitung von Seelen Verstorbener von eurer Erde stehen. Solche
Kinderpflegerinnen können Kinderheime einrichten und ausbauen wie sie wollen
und wie sie es sich erträumen, nur muß der Unterrichtsplan im Grundton
einheitlich bleiben, was auch ohne weiteres geschieht, da jede Verstorbene,
die Kinderpflegerin werden will, in der hiesigen Methode von Seelenerziehung
unterrichtet wird.“ „Sind nur
Seelen von Kindern von unserer Erde hier?“ „In der
Region, die ihr besucht habt, meistenteils nur von eurer Erde. Doch es gibt
auch Seelen von Kindern von Weltkörpern, auf denen Verhältnisse wie bei euch
auf Erden herrschen. Dagegen sind die Kinderheime von Bewohnern anderer
Weltkörper entsprechend anders eingerichtet und aufgebaut und sind in anderen
Regionen zu suchen, die ihr nie finden würdet, da ihr ja nicht wißt, wie auf
anderen Weltkörpern die Verhältnisse sind, und ihr euch deswegen allein
niemals darein hineinversetzen könntet, weil sie für euch unsichtbar und
unwahrnehmbar bleiben — zustandsmäßig.“ „Wäre das
möglich unter jenseitiger Führung?“ „Gewiß“,
antwortete jetzt Aristos: „Einige könnte ich euch zeigen und in solche
hineinversetzen, doch was würde es euch wohl nützen. Die dortigen Erziehungsmethoden
und Verhältnisse wären euch so fremd und unverständlich, daß ihr euch nur
langweilen müßtet. Laßt es deswegen genug sein mit dem Besuch des
Kinderreiches von Seelen, die von der Erde kommen.“ Damit stand
Aristos auf, um anzudeuten, daß er den Besuch im Kinderheim nun für wirklich
beendet erachtete. Gleich befand
man sich auf einer anderen Anhöhe in einer lieblichen Frühlingslandschaft.
Man schwebte förmlich über einen weichen, blumengeschmückten Wiesenteppich
dahin. Die Luft war würzig und erfrischend. Man konnte scheinbar in
unendliche Fernen sehen. Ohne das irgendwie oder irgendwo eine Sonne sichtbar
war, erschien alles lichtdurchflutet und hob sich klar und scharf ab. Das
Sehen war geradezu eine Wohltat fürs Auge. Fred und Geigele waren darüber
erstaunt. Aristos
klärte auf: „Ihr seid hier in der zustandsmäßigen Aura des unermeßlich
ausgedehnten Weisheitshimmels. Hier besteht die größte Seligkeit darin, in
allem im allerhöchsten Maße geistig zu schwelgen, was als Ergebnis von
verstandesmäßigem Forschen dann durch Erkenntnis zur Weisheit geworden ist.
In diesen Bereich gehören auch alle Begriffs- und Vorstellungswelten der
Kunst, einschließlich Musik. Es ist ein vom rein irdischen Standpunkt aus
betrachtet geradezu phantastisches Reich. Jeder der ernstlich Forschenden
begreift hier entwicklungsmäßig das Ziel, das er sich auf Erden gesteckt
hatte, in allerumfassendster Form. Doch zu seiner Überraschung erweitert es
sich hier endlos, so daß immer neue Ziele auftauchen. Hier im Bereich des
Weisheitshimmels ist es auch, wo neue Richtungen für Kunst und Wissenschaften
auf Erden erstehen, die dann durch Träger dieser neuen Richtung, die als
diesbezügliche Genies auf Erden geboren worden, dort zur Verwirklichung
gelangen. Hier ist es ferner, wo geistig zuerst die neuesten Entdeckungen und
Erfindungen gemacht werden, die dann auf Erden in Erscheinung treten durch
geniale Erfinder und Entdecker, die auf Erden geboren werden. Diese Erfinder
und Entdecker opfern sich manchmal direkt, indem sie sich zur Wiederverkörperung
auf Erden freiwillig bereitfinden, um den Erdenbewohnern, also ihren
Mitmenschen, zu helfen. Solche geistige Wesen, bewegen sich schon zwischen
den Bereichen des Weisheits- und des allerhöchsten Himmels, nämlich des
Liebehimmels. Ich kann euch natürlich auch vom Weisheitshimmel nur kleine
Teile zeigen, denn niemals könnten wir ihn ganz durchforschen. Er kann nur
erfaßt werden als reiner Geist, dessen Vorstellungsvermögen durch nichts mehr
beschränkt ist, und der daher mit einem Begriff alles zu umfassen vermag, was
mit solchem Begriff irgendwie verbunden sein kann.“ „Geht jeder
Künstler und jedes Genie, das auf Erden stirbt, gleich nach seinem irdischen
Ableben in seine Gefilde des Weisheitshimmels ein?“ „Durchaus
nicht. Jeder, der auf Erden gelebt hat, muß erst das Irdische abklingen
lassen, d.h. das Irdische, das sich während des irdischen Lebens an ihn
anheftete, muß zunächst abfallen und von ihm abgeschüttelt werden. So muß das
Leidenschaftliche bezüglich Wünschen und Verlangen, die nur auf Erden und in
irdischen Körpern erfüllt werden können, von der Seele weichen oder
transmutiert werden auf eine höhere Basis, die mit der geistigen Aura der
rein geistigen Sphäre des Weisheitshimmels verschmelzen kann. Laßt uns
zunächst einmal eine Halle der Weisheit betreten, wo gerade ein Konzert statt
findet.“ Man schritt
auf ein eigenartiges Gebäude zu, so eigenartig im Baustil, wie es weder Fred
noch Geigele auf Erden je gesehen hatten, weder in Wirklichkeit noch in
Bildern. Das wuchtige Bauwerk, das trotz seiner Ausmaße aber nicht
erdrückend, sondern freundlich einladend wirkte, schien aus einer Art Marmor
gebaut zu sein, dessen Glanz ausstrahlte aber nicht blendete. Je mehr man
sich dem Bauwerk, das von stattlichen Baumgruppen umgeben war, näherte, desto
erhebender wurde einem zumute. Von allen Seiten strömten Männer und Frauen
herbei, in Gewänder und Kleider der verschiedensten Zeitalter gekleidet, und
gingen durch ein breites Tor. Aristos, Fred
und Geigele mischten sich unter die Besucher und betraten das Innere, das
amphitheaterartig angeordnet, äußerst bequeme Sitze aufwies, die man ganz
zurücklehnen konnte, so daß man wie auf einem Divan ruhte. Viele Musikfreunde
genossen auf solche Weise ruhend mit geschlossenen Augen die musikalischen
Darbietungen. Auf der Bühne war ein zahlenmäßig starkes Symphonicorchester
plaziert, das nur noch auf den Dirigenten zu warten schien. Der
Konzertsaal war bald bis auf den letzten Platz gefüllt. Man unterhielt sich miteinander,
bis das Konzert begann; doch man nahm nur das Sprechen durch Bewegen der
Lippen wahr. Man hörte keine Worte. Geigele und Fred sahen sich erstaunt gegenseitig
an. „Kannst du
mich verstehen, Geigele“, wandte sich Fred an diese. „Ja. Und du mich?“
fragte Geigele zurück. Fred nickte bejahend mit dem Kopf. Da mischte
sich Aristos erklärend ein: „Das ist hier anders als bei euch auf Erden. Wenn
sich hier Theater- oder Konzertbesucher während einer Aufführung oder eines
Konzerts unterhalten wollen, können sie das tun. Sie stören die anderen
nicht, da diese sie gar nicht hören. Auch was ihr beide eben miteinander
gesprochen habt, hat niemand um euch herum gehört. Das erhöht hier an und für
sich schon den Genuß einer Theateraufführung oder eines Konzerts ganz
bedeutend. Ebenso hören Besucher, die kein besonderes Musikverständnis
besitzen, kein hier gespieltes Konzertstück, das sie nicht interessiert. Sie
fühlen dann lediglich die harmonischen Vibrationen der Musik als seelisch und
geistig heilend und fördernd. Sie können sich in ihrem Sitz zurücklehnen und
ausruhen, fühlen dabei aber die im Konzertspiel zum Ausdruck gebrachten
Harmonien um sich herum wie sanfte, balsamische Lüfte wehen. „Was für
Werke werden denn hier hauptsächlich aufgeführt?“ fragte interessiert Fred. „Alle bereits
auf Erden vorhandenen Musikstücke aller Komponisten sämtlicher Nationen,
manchmal auch Kompositionen von Künstlern anderer Planeten, deren Feinheiten
jedoch nur von den Seelen verstorbener Bewohner solcher Planeten verstanden
werden. Manchmal aber werden hier auch Kompositionen gespielt, die noch auf
keinem Planeten — auch nicht auf Erden — von einem Komponisten inspirativ
vernommen und in Musik auf ihrem jeweiligen Planeten umgesetzt wurden. So
haben wir hier abwechselnd Konzerte irdischer Komponisten, Konzerte von
Komponisten anderer Planeten und Konzerte von jenseitigen Komponisten, die
noch auf keinem Planeten gehört wurden. Eingeteilt sind die Konzerte in
solche mit leicht populären Musikstücken, in rein klassische Konzerte und in
Konzerte für weit fortgeschrittene Musikliebhaber und Künstler. Der Besuch
aller Konzerte steht jedermann frei. Wer Kompositionen nicht versteht oder
manche nicht liebt, kann während deren Darbietungen ruhen. Nichts stört ihn,
denn er hört nicht die ihm unverständliche und ungewünschte Musik, fühlt aber
deren Wirkung auf seelisches und geistiges Wohlbefinden.“ Jetzt
erschien auf der Bühne der Dirigent, ein schlanker Mann in mittleren
gereiften Jahren, mit völlig durchgeistigten Gesichtszügen. Er verneigte
sich, und das Orchester begann zu spielen. Fred und
Geigele hörten aufmerksam zu. Sie wußten nicht, was gespielt wurde, doch
sobald das Orchester angefangen hatte, überkam sie ein überaus wonniges
Gefühl, das sich ihrem ganzen Wesen mitteilte. Gleichzeitig mit dem Spiel
wechselten die Farben des Lichts und die exotischsten Düfte wehten durch den
Raum. Die Wirkung war so einzigartig, daß das Konzert sowohl Geigele wie Fred
geradezu wunderbar vorkam. Manchmal, wenn die Klänge des Orchesters weich wie
ein Hauch durch den Konzertsaal zu wehen schienen, öffneten sich Vista in so
phantastische, einzigartige Landschaften, wie weder Geigele noch Fred sie
sich sie bis jetzt je vorgestellt hatten. Wie lange das erste Konzertstück
dauerte, hätten weder Fred noch Geigele sagen können. Zum Schluß gab es
starken Beifall, wobei man merkwürdigerweise aber niemanden mit den Händen
klatschen sah. Der Applaus schien lediglich durch die Begeisterung der
Zuhörer hervorgerufen zu sein und äußerte sich als ein Begeisterungsausdruck,
der die Seele förmlich hochhob, als ob sie schwebe. „Ich denke,
wir können wieder gehen“, bemerkte Aristos. „Heute werden hier neue
Kompositionen von hohen Geistern gespielt, von denen ihr doch noch nicht den
vollen Genuß haben würdet, da die Kompositionen über euer irdisches
Musikverständnis hinausgehen. Aber ich glaube, ihr werdet nach dem eben
Gehörten verschiedene Fragen zu stellen haben. Laßt uns diese zusammen
erörtern, was euch dann noch manche Klarheit bringen wird. Vergeßt nicht, ihr
macht hier auch nur eine Wanderung durch diese Zonen, damit diejenigen, die
dann die Wanderungs-Beschreibung lesen, ihre eigenen Folgerungen auch für
sich daraus ziehen können. Ihr möget noch solange hier im Bereich des
künstlerischen Musikausdrucks verweilen, profitieren würdet ihr nur, wenn ihr
selbst durch und durch musikalisch veranlagt wäret, und Musik euer
Lieblingsgebiet sein würde, weil ihr euch bereits in euren Vorleben mit Musik
beschäftigt hattet.“ Man stand
auf. Obgleich der Dirigent bereits ein anderes Musikstück mit dem Orchester
spielte, verursachte der Fortgang der drei Besucher keinerlei Unruhe. Man
schien ihr Schreiten durch die Reihen zum Ausgang hin gar nicht einmal zu
bemerken. Es war, als ob man durch sie hindurchsah. Vor dem
mächtigen Musikhallengebäude gab es lauschige Gartennischen mit Ruhebänken.
Man ließ sich auf einer solchen Bank nieder und Aristos nahm seine
Erklärungen wieder auf. „Ich glaube,
auf allen unseren Wanderungen durch das große Jenseits wird euch bis jetzt
noch niemals eine solche erhabene Seinsebene vorgekommen sein, als wie ihr
sie eben erlebt habt. Ich will sie euch ein wenig näher erläutern. Das
Publikum, das ihr saht, bestand fast ausschließlich nur aus Musikbeflissenen
der verschiedenen Planeten unseres Sonnensystems. Da in ihrem Dasein Musik
für sie alles war, so leben sie jetzt hier gemäß ihrer Herzenswünsche und
sind restlos glücklich in ihrem eigenen Musikhimmel.“ „Werden sie
nicht auch einmal dieses Glücks über?“ fragte Fred. „Diese Frage
kann nicht so einfach mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ beantwortet werden“, antwortete
Aristos, „aus dem einfachen Grunde, weil — wie ich euch früher schon
erläuterte — Gottes Wunderschöpfung durch uns denkende Wesen wohl abgegrenzt
und begrenzt werden kann, trotzdem aber in der Tiefenwirkung der Erweiterung
endlos ist. Daher kann irgend jemand, dessen ganzer Herzenswunsch nur in der
Ausübung und Vervollkommnung einer Kunstrichtung besteht, für — nach euren
Begriffen — einfach endlose Zeitmaße immer und immer wieder neue Formenmöglichkeiten
finden und entdecken für sein künstlerisches Bemühen, Forschen und Arbeiten,
was für ihn ja Herzenswunsch ist. Theoretisch freilich wird auch jeder
künstlerische Herzenswunsch einmal transmutiert werden in was anderes, noch
Höheres, von dem wir jetzt aber noch keinerlei Vorstellung haben können, da
das Geistige in seiner Ausdehnung eben endlos ist. Doch laßt uns bei dem
bleiben, was wir eben erlebten, denn sonst verlieren wir uns noch ebenfalls
ins Endlose und uns mag es dann passieren, daß wir nicht mehr zurückfinden,
zumal ja Geigele noch auf Erden lebt und Fred noch nicht sehr weit vorgeschritten
ist, und auch ich noch viele, viele Begrenzungen habe.“ „Sag mal“,
fragte da der immer etwas praktisch veranlagte Fred, „wie erfolgt denn von
hier aus die musikalische Eingebung auf die Menschen z.B. unserer Erde. Du
sagtest, daß das stattfindet.“ „Es findet
nicht nur gelegentlich statt, sondern ist beinahe überhaupt der einzige Weg,
wie Künstler auf Erden schaffen. Die Beeinflussung von hier aus ist nur
möglich auf solche, die in einer Kunstrichtung sozusagen aufgehen, weil sie
ihr Künstlerberuf ganz erfüllt. Solche künstlerisch veranlagte Menschen werden
auf verschiedene Weise von hier aus beeinflußt. Vielfach geschieht es im
Traum, öfter auch, wenn der Künstler meditiert. Dann öffnet sich für ihn die
‚Innere Sehe‘ oder das ‚Innere Gehör‘ oder ‚Innere Gefühl‘, und es werden ihm
plötzlich Melodien bewußt, die hier schon komponiert und vorhanden sind. Besonders
künstlerisch veranlagte Naturen haben sogar ein künstlerisches Genie hier im
Jenseits als eine Art von künstlerischem Schutzengel, der es versteht, die
Stimmungen eines Künstlers auf Erden für Eingebungen von Melodien
auszunutzen. Doch nicht nur Melodien — wie z.B. in der Musik — werden auf
solche Weise übermittelt, sondern auch neue Formgebungen werden dem irdischen
Künstler innerlich eingegeben. Es ist ein Vorgang, der einem erst so richtig
klar wird, wenn man sich selbst hier im Weisheitshimmel des großen Jenseits
befindet.“ „Danach gäbe
es also überhaupt so eigentlich keine Original- Komponisten auf Erden,
sondern alles ist nur Eingebung?“ „Das ist
falsch! Du mußt mich nicht ganz richtig verstanden haben, oder ich habe mich
undeutlich und unklar ausgedrückt. Es gibt Original- Komponisten auf Erden,
doch solche werden meistens intuitiv auch innerlich so geöffnet sein, daß
ihnen bei ihrer Kompositionsarbeit intuitiv der hiesige unerschöpfliche Vorrat
an musikalischen Ideen in Ton und Theorie zur Verfügung steht, so daß ein
solcher irdischer Komponist ungehindert daraus schöpfen kann. Geschieht das
allerdings zu selbstbewußt, indem man Jenseitsweisungen nicht annehmen will,
so mag es geschehen, daß Künstler mit der Zeit so verwirrt werden, daß sie
entweder in geistige Umnachtung fallen oder Kunstwerke schaffen, die wahre,
wirklich echte Kunst verzerrt und entstellt wiedergeben. Das kommt
hauptsächlich daher, weil Künstler, die glauben, alles allein meistern zu
können, dann vielfach durch irdische seelische und geistige Strömungen zu
sehr beeinflußt werden mit dem Ergebnis, daß ihre Kunstschöpfungen
schließlich nicht mehr reine Kunst, sondern verwirrte Strömungen ihrer
Zeitepoche festhalten und als wahre Kunst präsentieren.“ „Wie eng
hängt doch alles im Kosmos Vorhandene zusammen“, kommentierte, wie zu sich
selbst redend, Geigele das eben Gehörte. „Doch wir
wollen uns nicht zu lange bei einer Kunstrichtung aufhalten, sondern uns im
Weisheitshimmel noch etwas mehr umschauen, da hier nämlich nicht nur die Kunst
ihre höchste Vollendung findet, sondern auch jede andere geistige Bestrebung,
wie z.B. die von Erfindern und Entdeckern. Dann gibt es wieder Schulen, die
sich ausschließlich der Förderung der seelischen Entwicklung der Menschen
widmen. Und endlich seien die Denker und Philosophen nicht vergessen. Ihr
seht, hier nimmt man erst so recht die Vielseitigkeit der
Ausdrucksmöglichkeiten denkender Wesen wahr. Auf Erden erscheint alles das so
einfach und man geht darüber hinweg. Hier im Weisheitshimmel dagegen wird
jedes Streben denkender Wesen zu einer Art besonderen Himmel mit dementsprechender
beseelender Beglückung.“ „Nach deiner
Erklärung, lieber Aristos“, fuhr Fred im Fragen fort, „wäre dann eigentlich
nichts, was auf dem Gebiet der Kunst auf Erden zu verzeichnen ist, direkt
irdischer Abstammung, sondern alles auf Beeinflussung vom Jenseits
zurückzuführen.“ „Das ist aber
nicht so, wie du es dir vorstellst. Die Anregungen und Beeinflussungen auf
irgendeinem geistigen Gebiet vom großen Jenseits aus bestehen mehr in
Impulsen, die sich bei denen, die für solche Impulse zugänglich sind aufgrund
ihrer Veranlagung, als Bestrebungen auswirken, die irdischen Charakter
tragen, da sie ja unter irdischen Bedingungen in Wirksamkeit treten. So ist
also bei jeder künstlerischen und erfinderischen Schöpfung auf Erden sehr
wohl der Künstler und Erfinder der Verwirklicher des Neuen. Andererseits wird
aber durch die Hilfe vom großen Jenseits auch alles geistige Streben auf
Erden bestärkt, unterstützt und gefördert. Es sei daher immer und immer
wieder aufmerksam gemacht, daß ohne die Anregung von oben her alles geistige
Streben auf Erden ungeheuer erschwert sein würde, während manche Anregungen
für Verbesserungen auf allen geistigen Gebieten vielfach ins Jenseits mitgenommen
werden von verstorbenen Künstlern, deren Seelen in den Weisheitshimmel
eingehen. Die Verbesserungsideen verstorbener Künstler sind bei diesen
während ihres Erdenwirkens geweckt worden durch die Widerstände, die auf
Erden allen geistigen Bestrebungen an und für sich entgegentreten. Kurz, das
Wechselspiel zwischen dem Diesseits und dem großen Jenseits ist unbedingt
nötig, um die Gesamtheit des Kosmos entwicklungsmäßig vorwärts zu bringen
durch Mitwirkung denkender Wesen, deren Aufgabe es ja schließlich ist, die Schöpfung
in allen ihren Ideen und Anregungsmöglichkeiten selbst fortzuführen, nachdem
Gott alle Potentialitäten dafür in sie hineingelegt hat, und Er alles
sozusagen nur noch — wenn auch sehr genau — überwacht, selbst jedoch nicht
mehr direkt eingreift, was ja auch nicht nötig ist, da alles in der Schöpfung
als göttlicher Wille vorhanden ist, was zum Erhalten der Schöpfung im Sein
notwendig ist. Doch kommt, wir wollen uns jetzt noch ein bißchen mehr
umsehen.“ Man schritt
weiter. Es war aber eine Art Schweben und kein Gehen mehr. Je weiter man
anscheinend in die Regionen des Weisheitshimmels eindrang, desto wonniger
wurde das Gefühl und Empfinden, desto klarer der Blick, desto geweiteter der
Horizont. Man begegnete Gruppen von Menschen von ganz außerordentlicher
Schönheit. Es war eine Art strahlender Schönheit, die auf einem wie Balsam
wirkte. Die meisten der vorbeiziehenden Gruppen beachteten Aristos, Fred und
Geigele nicht. Andere wieder nickten im Vorübergehen freundlich zu. „Laßt euch
durch die scheinbare Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit mancher
vorüberziehenden Gruppen nicht täuschen“, bemerkte Aristos, der wahrgenommen
hatte, daß Fred und Geigele sich darüber zu wundern schienen. „Solche
scheinbar gleichgültig wirkende Gruppen sind in Gespräche und in
Gedankenaustausch über Gebiete vertieft, die ihr Wesen ausmachen, bei euch
aber kaum irgendein Verständnis erwecken würden. Wir wollen uns nun einmal in
ein Konferenzzimmer von jenseitigen Erfindern begeben.“ Damit deutete
Aristos auf einen Saumpfad, der nach rechts auf dem Rücken eines Höhenzuges
dahinführte. Bald tauchte über den Wipfeln von Pinien ein wieder in einem
ganz phantastischen Baustil gehaltenes Prachtgebäude auf. Die Tore standen offen,
und Menschen gingen emsig ein und aus. „Hier“, erläuterte
Aristos, „findet ihr unter anderen auch alle diejenigen wieder, die auf Erden
ständig grübelten und so manche kleine Erfindung und Verbesserung machten,
die aber keinerlei Anerkennung fanden oder deren Ideen von Fabrikanten
aufgekauft und dann vom Markt ferngehalten wurden, weil sie bestehende
Handelsartikel schädigen und deren Verkauf hemmen würden.“ Man trat in
eine Art Ausstellungshalle. Bei manchen der Modelle, die da auslagen, konnte
man nicht feststellen, zu was sie eigentlich dienen sollten. Dann gab es
wieder verschiedene Zahnradkonstruktionen, Antriebsvorrichtungen, die, wie
verzeichnet war, erst später einmal auf Erden von großem Vorteil sein würden.
In einer Abteilung waren Modelle von Flugzeugen, wie man sie auf Erden noch
nicht kannte. Fred war besonders daran interessiert, da er auf den
Schlachtfeldern Frankreichs und Flanderns viele Fliegerkämpfe beobachtet
hatte. Dann gab es ein merkwürdiges Schiff, das fast wie ein großer Walfisch
geformt, aber anscheinend aus Stahl hergestellt und im Inneren erstklassig
ausgestattet war mit allen Bequemlichkeiten. Darunter stand: ‚Modell für das
erste Raumschiff, das je auf Erden erfunden werden wird‘. Fred sah sich die
Erfindung von allen Seiten an, konnte aber nicht feststellen, wie es wohl
fortbewegt werden würde. Ein Mann, der nahebei stand und die Besucher seit
langem beobachtete, kam freundlich auf die Gruppe Aristos, Fred und Geigele
zu und bemerkte: „Kann ich euch lieben Gästen — denn ich glaube mich nicht zu
irren, in euch Gäste zu erkennen — vielleicht mit irgendeiner Erklärung
dienen?“ „O ja,“ ging
Fred sofort auf das Angebot ein. „Ich werde aus dem Modell, wenn es das eines
künftigen irdischen Raumschiffes sein soll, nicht recht klug.“ „Das glaube
ich gern“, antwortete lächelnd der Erläuterer. „Also dieses Raumschiff, wenn
es einmal auf Erden erfunden ist, wird durch eine Kraft angetrieben werden,
von der ihr heute noch nicht die geringste Ahnung habt, obgleich deren
Entdeckung ziemlich unmittelbar bevorsteht. Doch auch dann wird es noch
mehrere Jahre nehmen, ehe die: Erdenbewohner diese Kraft werden voll
auswerten können. Du siehst, mein Freund, um das Raumschiff äußerlich herum
eine Art von Aura, durch die angedeutet werden soll, daß das Raumschiff durch
die euch zur Zeit noch unbekannte Antriebskraft auch ein Medium gefunden
haben wird, alle Widerstände zu überwinden. Fred war die
Vorstellung einer Weltenraum-Schiffahrt so unfaßbar, daß er beim weiteren Betrachten
des Modells nur immer den Kopf schüttelte, was bei dem Erklärer ein Lächeln
auslöste. „Du ahnst ja
gar nicht, mein Freund“, nahm der Erläuterer seine Erklärung wieder auf, „wie
nahe die Erdenbewohner vor euch noch einfach als höchst wunderbar anmutenden
Erfindungen und Entdeckungen stehen. Die nächsten Jahrzehnte auf Erden werden
einzigartige Kenntnisse bringen.“ Fred wurde
nachdenklich und etwas traurig gestimmt, traurig deswegen, weil er nicht mehr
auf Erden weilte und an diesen allerneuesten, wunderbaren Erfindungen und
Entdeckungen würde Anteil nehmen können. Der
Erläuterer schien ganz richtig zu fühlen, was Fred bedrückte, denn er
bemerkte: „Du brauchst nicht darüber traurig zu sein, daß du nicht mehr auf
Erden lebst und direkten Anteil an all dem wirst nehmen können, was ich
andeutete. Siehe, ich bin schon viel länger im Jenseits als du und bin doch
nicht im geringsten enttäuscht. Und warum nicht? Weil ich von hier aus alles
überblicken und verfolgen kann, was auf Erden vorgeht. Ich kann aber auch
helfend und fördernd auf irdische Geschicke einwirken, wie ich das nie
fertigbringen würde, wenn ich noch auf Erden weilte. Darum, Kopf hoch! Hier
ist das Leben viel reicher, wenn du es dir reicher gestaltest, d.h. immer
noch Anteil an irdischem Geschehen nimmst. Das allerdings mag vielleicht
nicht immer der Fall sein, da mit der Länge des Weilens im großen Jenseits
unser Interesse an irdischem Geschehen ganz natürlicherweise abflaut. Doch
darf ich vielleicht dich, mein Freund, und deine Begleiter zu einer Demonstration
nebst Vortrag einladen.“ Fred sah
Aristos und Geigele an, die ihm zustimmend zunickten. Der Erklärer
führte alle in einen großen Vorführungssaal, der, ähnlich der Musikhalle
vorher, ebenfalls amphitheaterartig gebaut war. Auch hier sehr bequeme,
weiche, zurücklehnbare Sitze, die im Augenblick durch einen Griff zum
Ruhebett gewandelt werden konnten. Gerade als
man Platz genommen hatte, begann ein Vortragender: „Liebe Forscher- und
Erfinderfreunde! Ihr alle wißt es hier im sogenannten großen Jenseits — ihr
wißt es infolge von Vorträgen, die ihr gehört habt, und zum Teil auch aus
eigener innerer Erkenntnis —‚ daß die Erde in den nächsten Jahren einem
großen Wandel unterworfen sein wird, wie es in einer Zeit, an die sich
Menschen auf Erden zurückerinnern können, bisher noch niemals der Fall
gewesen ist. Es ist daher auch unsere besondere Gelegenheit, unseren Brüdern
und Schwestern auf Erden hilfreich unter die Arme zu greifen. Was denkt ihr,
was wir zunächst irdischen Erfindern und Entdeckern besonders eingeben
sollten, damit die Vervollkommnungen stattfinden können?“ Auf die Frage
meldete sich ein ernst, aber sehr freundlich und durchgeistigt aussehender
Zuhörer und bat ums Wort, das ihm auch gewährt wurde. „Wir hier
haben, wie ihr alle wißt, einen viel größeren Fernblick als wir es je haben
konnten, solange wir noch auf Erden lebten. Dank dieser Tatsache wissen wir,
daß der Menschheit nicht immer mit dem gedient ist, was wir hier erfinden und
entdecken. Manches davon wird von den Menschen, wenn z.B. jemand aufgrund
unserer Eingebung im großen Jenseits eine hier entworfene Erfindung dann auf
Erden macht, sofort mißbraucht. Wir haben uns daher, wie ihr alle wißt,
selbst einen Zwang auferlegt und lassen nur die Erfindungs- und
Entdeckungsideen in geeignete Menschen auf Erden als Eingebungen eindringen,
von denen wir glauben, daß sie in ihrer Gesamtheit dann von den Menschen zu
ihrem wirklichen Segen verwendet werden. Euch allen ist aber auch bekannt,
wie wir uns diesbezüglich trotz genauester Durchsprechung nur zu oft schon
getäuscht haben. Immer und immer wieder wurde auf Erden jede neue Erfindung
und Entdeckung sofort für Kriegszwecke verwendet unter dem Vorgeben der
‚Selbstverteidigung‘. Darum möchte ich diesmal vorschlagen, daß wir von den
vielen Erfindungen und Entdeckungen, die demnächst auf Erden sowieso gemacht
werden dürften, vorläufig nur solche durch Eingebungen zulassen, mit denen
die Menschen keine zu großen Selbstzerstörungen anrichten können. Laßt uns
nicht vorschnell bei unseren diesmaligen Entschlüssen handeln, sondern das
ganze Problem behandeln zusammen mit den Ratschlägen, die unsere hiesigen
Philosophen und weisen Männer uns geben mögen. Wir hier können zwar
Entdeckungen und Erfindungen machen, weil das unser ‚Herzenswunsch‘ ist, doch
damit ist uns aber auch noch lange nicht alle die Weisheit eigen geworden,
die uns allein helfen könnte, richtig und zum Besten der gesamten Menschheit
zu handeln.“ Der
Vorsitzende und erste Redner bei Beginn der Sitzung bemerkte zu diesen
Ausführungen: „Ich stimme dem Vorredner vollständig bei, und darum denke ich,
es ist das Beste, daß wir Erfinder und Entdecker ein besonderes stehendes
Komitee ernennen, das mit einem ähnlichen Komitee der Philosophen und weisen
Männer zusammenarbeitet und einen Plan ausarbeitet, nach dem wir handeln
können, wenn wir unsere Entdeckungs- und Erfindungsideen den Menschen auf
Erden zugehen lassen.“ Obgleich
damit die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen waren, stand Aristos doch
auf und gab dadurch für Fred und Geigele das Zeichen, daß er glaube, er habe
beiden einen genügenden Einblick in das Sein, Tun und Lassen von Künstlern,
Genies und Philosophen in ihren dementsprechenden Bereichen im
Weisheitshimmel gezeigt. „Machen
Künstler, Erfinder, Entdecker und Genies“, fragte Geigele hier, „den ganzen
Tag nichts anderes als sich damit zu beschäftigen, wie sie ihre eigenen Ideen
am gefahrlosesten der Menschheit übermitteln könnten? Schlafen denn die
Bewohner des Weisheitshimmels nicht mehr? Haben Sie kein Heim?“ Aristos sah
Geigele überrascht an, als wollte er damit sagen: Ja, hast du denn noch nicht
das Fundamentale der jenseitigen Welt begriffen? Geigele
fühlte, daß Aristos über ihre Frage nicht nur erstaunt, sondern sozusagen
betrübt war. Deswegen ergänzte sie ihre Frage: „Du mußt mich bitte nicht
falsch verstehen. Aber mir kommt das Dasein hier im Weisheitshimmel so hoch
entwickelt und vergeistigt vor, daß ich zu der Annahme geneigt war, daß hier
bei dem hohen Entwicklungsstandpunkt, den die Bewohner dieser Region erreicht
haben, das Schlafbedürfnis völlig überwunden sein müßte.“ Aristos
schwieg eine Weile, nachdem Geigele geendet hatte, gleich als überlege er,
wie er Geigeles Frage am besten, klarsten und deutlichsten beantworten
könnte. „Liebes
Geigele“, begann er schließlich. „Es gibt Fundamentalgesetze, die sich durch
den ganzen Kosmos als eine Vorbedingung des Vorhandenseins ziehen. Ein
solches ist das der Gegensätzlichkeit, ohne die es für uns keinen Fortschritt
und keine Anregungen gäbe. Das Gegenstück zur höchsten Aktivität ist die
Passivität, zur Bewegung die Ruhe. Da die Bewohner gerade des Weisheitshimmels
sehr rege sind, so müssen auch sie gelegentlich ruhen, und so haben auch sie
ihre eigenen Heime wie die Bewohner aller anderen Reiche.“ „Dann muß es
hier doch auch so etwas wie Dörfer und Städte geben!“ fragte Geigele weiter,
„denn wenn sich Menschen Wohnungen errichten oder einrichten, so tun sie das
doch gewöhnlich immer so, daß sie Nachbarn in der Nähe haben.“ „Dein
Gedankengang ist ganz richtig“, bestätigte Aristos, „und doch liegen hier im Jenseits
diesbezüglich die Verhältnisse ein wenig anders, was dir noch nicht recht
faßbar sein wird, solange du eben noch auf Erden lebst und du mit deiner
Seele und deinem Geist sozusagen hier lediglich nur auf Urlaub weilst, die
Trennung von irdischen Verhältnissen für dich also noch nicht vollzogen ist.
Wohnungen und Heime errichtet man sich in allen Himmelszonen des großen
Jenseits stets durchaus wunschgemäß, d.h. man braucht dazu keine besonderen
Handwerker, sondern ein Heim, das man sich wünscht, ist hier dann einfach
nach Wunsch sofort vorhanden. Auch die Innenausstattung ist so, wie man es
sich ersehnt und darinnen glücklich und zufrieden fühlen kann. Die Umgebung
hängt ebenfalls ganz und gar von den eigenen Wünschen ab. Die meisten der
Heime sind also mental geschaffen, oder besser ausgedrückt durch den eigenen
Geist gemäß jemaligem Herzenswunsch vorhanden. Sie stellen daher anfänglich
auch so etwas wie rein Zustandsmäßiges dar, sind aber nichtsdestoweniger
absolut wirklich für den, der es geschaffen hat und auch für alle, die in
seine Seinssphäre eintreten. Nun ist aber hier im Weisheitshimmel freilich
viel stärker als sonst in irgendeiner Zone der Wunsch vorhanden, mit
Gleichgesinnten eng zusammen zu sein, um seine eigenen Philosophien stets
durchzusprechen oder seine Erfindungen darlegen zu können. So kommt es, daß
wir im Weisheitshimmel auch ganze Gegenden in Dorf-, Stadt- oder sonstiger
Gemeinschaftsgruppierung als geistige Wirklichkeiten vorfinden. Wir werden
uns einmal nach einer solchen ganz eigener Art begeben, wobei ich aber
bemerken möchte, daß wir nicht lange werden bleiben können.“ „Warum das?“
fragte Fred erstaunt. „Mit
Rücksicht auf Geigele!“ „O, ich
verspreche, keinerlei Anlaß zu einer Störung zu geben“, warf Geigele schnell
ein. „Das wissen
wir, liebes Geigele, daß du das nicht tun wirst, doch es sind andere Gründe,
die ein längeres Weilen dort, wohin wir uns begeben wollen, mit Rücksicht auf
dich nicht angezeigt erscheinen lassen. Frage jetzt nicht weiter, du wirst es
selbst herausfinden können.“ Man gab sich
zufrieden. Was jetzt
geschah, kann nicht richtig beschrieben werden. Es war kein direktes
Schreiten, es war auch kein Fliegen, es war eine Art von Fortbewegung, die
Geigele und Fred zum ersten Male erlebten. Der Vorgang glich etwa einem
automatisch vor sich gehenden, langsamen Szenenwechsel der Umgebung durch
allmähliches Erblassen und Hervortreten von etwas ganz Neuem. Das Neue war
auch eigenartig genug. Es war eine äußerst liebliche Landschaft, in der alles
eine eigene Beleuchtung auszustrahlen schien. Alles war geradezu durchsättigt
von einer Flut von Licht, durch die Farbennuancierungen von solcher Pracht
und Feinheit hervorgezaubert wurden, daß man sich genötigt fühlte, das, was
sich bot, nicht bloß mit dem Gesichtssinn, sondern mit allen fünf Sinnen zu
gleicher Zeit zu ‚erleben‘. Am besten ließ sich diese ganz seltsame und
eigenartige Auffassung von allem um einem herum beschreiben als ein Schwimmen
in Vibrationen des Lichts, des Schalls, des Gefühls, des Geschmacks und
Geruchs zur gleichen Zeit. Es war etwas, was man sich auf Erden überhaupt
nicht vorzustellen vermag. Man war in des Wortes vollster Bedeutung wie
‚verzaubert‘. Und wie sah
die Umgebung aus? Aristos,
Geigele und Fred befanden sich auf der Hauptverkehrsstraße einer eigentümlichen
orientalisch anmutenden Stadt mit großen, offenen Kaufhäusern, wo emsig
eingekauft wurde. Doch man gab kein Geld. Man sah den Käufer nur prüfend an,
und darauf bekam er die Waren. Manche kauften auf solche Weise viel, manche
wenig. Aber alle Menschen hatten eine strahlende Erscheinung und schienen innerlich
befriedigt und beglückt. Alle Begegnenden lächelten grüßend Aristos, Fred und
Geigele zu. Von der Hauptstraße aus, auf der sich die Warenhäuser befanden,
sah man nach beiden Richtungen — die Hauptstraße sozusagen abschließend —
herrliche, mit blühenden Bäumen bewachsene Berghänge ansteigen, die auf ihren
höchsten Höhen Schnee trugen, der einen wohltuenden Schein herunterwarf und dabei
den Eindruck einer erfrischenden, leise wehenden Briese hervorrief. Aristos, der
Geigele sorgfältig beobachtete, begab sich schließlich mit seinen Begleitern
von der Hauptstraße fort nach einem Platz, auf den mehrere Marmorstufen
hinaufführten. Der Fußboden des Platzes bestand ebenfalls aus
farbenprächtigem Marmor. An den Seiten befanden sich Säulengänge, in denen
Bänke zum Rasten einluden. Plötzlich
fing Geigele an zu wanken, Aristos stützte sie schnell und führte sie,
begleitet von Fred, nach einer der Bänke in der offenen Säulenhalle. Dort erholte
sie sich langsam, doch bald fiel wieder auf, daß sie scheinbar erneut
allmählich kraftlos zu werden schien. Da näherte
sich den dreien eine hübsche Erscheinung, ein stattlicher Mann mit dunklem
Vollbart und leuchtenden Augen, der die drei auf der Bank Ausruhenden begrüßte:
„Ihr seid neu hier, wie ich glaube.“ Als Aristos
das nickend bestätigte, bemerkte der Fremde, auf das ganz in sich
zusammengesunkene, wie kraftlos dasitzende Geigele deutend: „Sie gehört
überhaupt noch nicht ins Jenseits!“ Aristos
nickte. Da blickte der
Fremde Geigele scharf an. Sofort fühlte diese sich gekräftigt. Der
stattliche Fremde fuhr fort: „Ihr seid selbstredend allerherzlichst
willkommen hier in unserer himmlischen Heimat, doch dehnt den Besuch in Anbetracht
eurer Begleiterin“ — dabei auf Geigele deutend, die wieder schwächer zu
werden schien — „nur nicht zu lange aus, denn das Dasein ist hier ganz besonders
für solche, die noch nicht hierher gehören, sehr teuer.“ „Was ist das
hier wohl für eine Gegend?“ fragte, ihre Kräfte zusammennehmend, neugierig
Geigele. „Laßt uns sie
einfach als eine sehr ‚teure‘ Gegend bezeichnen“, entgegnete freundlich
lächelnd der Fremde. „Wieso?“ fuhr
Geigele zu fragen fort. „Hier erhält
nämlich jeder nur, was er sich wirklich erworben hat, und das ist oft nicht
leicht; denn hier werden sehr hohe Ansprüche gestellt an jedermann.“ „Welche
eigentümliche Gegend und was für eine seltsame Gemeinde im Weisheitshimmel“,
warf hier Fred erstaunt ein. „O durchaus
nicht so eigentümlich als wie du, lieber Gast, glaubst. Wir haben uns
zusammengefunden aus Prinzip und aus freien Stücken, um ein Beispiel und
Vorbild für viele andere Gruppen im Weisheitshimmel zu sein, daß eine
Gemeinschaft wie die unsrige, aufgebaut auf den höchsten Idealen der
Selbstlosigkeit, die ein edles Ziel verfolgt, sehr wohl bestehen kann.“ „Wodurch ist
diese Gegend denn so teuer?“ fragte Fred interessiert. „Dadurch, daß
an jeden, der hier wohnt, hohe Ansprüche an seinen betätigenden Beitrag für
die Gemeinschaft, d.h. diese Niederlassung, gestellt werden. Wer diesen nicht
leisten kann oder will, kann daher hier nicht bestehen.“ Fred
schüttelte nachdenklich und ungläubig den Kopf. „Nanu, was
hat denn mein Freund?“ fragte interessiert der Fremde. „Ich kann“, so
bemerkte Fred, „nicht verstehen und begreifen, wie im Himmel — und wenn es
auch der Weisheitshimmel ist, Existenzbedingungen vorhanden sein können. Hier
kann man sich doch durch bloßes Denken Heime und Wohnstätten schaffen und herstellen.“ „Sehr richtig“,
erwiderte der Fremde. „Doch um ausgesucht hier an unserer Stätte — nennen wir
sie vielleicht eine Kolonie von Idealisten, die ihre Prinzipien beim
geistigen Aufbau dieser Stätte als eine Bedingung für ihr Bestehen
hineingelegt haben — existieren zu können und damit zu dieser Gemeinschaft zu
gehören, müssen von jedermann — aus freien Stücken natürlich — die einmal für
die Existenz dieser Stätte niedergelegten Bedingungen erfüllt werden, sonst
kann sich niemand hier behaupten und wohnen, d.h. man würde einfach
allmählich so schwach werden, daß man einschlafen und erst in einer anderen
Gegend des Weisheitshimmels wieder erwachen würde, ohne dann je den Weg
hierher wieder zurückzufinden.“ „Wie würde
man denn, wenn man körperlich hier eingeschlafen ist, in eine andere Gegend
kommen?“ fragte neugierig Fred. „Ganz
einfach“, klärte der Fremdling weiter auf, „ein hiesiger Körper würde, da
seine Seele und sein Geist es hier nicht auszuhalten vermögen, aufgelöst
werden und ein neuer Körper für Seele und Geist sich in irgendeiner anderen
Gegend des Weisheitshimmels formen, in dem man dann sein Bewußtsein wiederfinden
würde.“ Doch
plötzlich auf Geigele deutend, die Aristos und Fred für eine Weile aus den
Augen gelassen hatten, mahnte der Fremdling: „Beeilen Sie sich, von hier
fortzukommen. Ihre Begleiterin, da noch nicht irdisch gestorben, könnte durch
die verschwindende Vitalität, hervorgerufen durch die enorm starke geistige
Aura dieses Platzes, leicht schweren Schaden erleiden, der sich auch auf
ihren irdischen Körper auswirken müßte, in den sie immer noch hineingehört.“ Aristos stand
sofort auf. Ebenso erhob sich Fred, der nichts von schwindender Lebenskraft
fühlte, da er ja schon dem großen Jenseits angehörte. Beide fingen die halb
ohnmächtige Begleiterin Geigele in ihren Armen auf und schleppten sie fort.
Der Fremde berührte aber Geigele, und diese bekam dadurch wieder größere
Vitalität und konnte sich selbst fortbewegen, klagte dabei aber über eine
lähmende Schwäche. Auf einmal
befanden sich Geigele, Fred und Aristos wieder auf einer der vielen
blumengeschmückten Wiesen — von denen es unzählige im Weisheitshimmel zu
geben scheint — ohne eigentlich zu wissen, wie sie dahin gekommen wären. Sie
legten sich ins Gras und ruhten, denn auch Fred, ja selbst Aristos, fühlten eine
gewisse Schwäche. Nach kurzer Zeit der Rast jedoch waren Aristos und Fred
bald wieder frisch, nur dauerte es bei Geigele noch eine Weile, ehe sie
völlig zu sich kam und wieder kräftig war. Nach einer
Pause des allgemeinen Schweigens nahm Aristos das Gespräch auf und bemerkte:
„Ich denke, wir brechen jeden weiteren Besuch von einzelnen
Sphärenabteilungen des Weisheitshimmels ab. Ihr habt gesehen, daß manche
Gegenden im Weisheitshimmel durchaus nicht so ungefährlich für Besucher sein
können. Und da habt ihr noch eine verhältnismäßig harmlose Sphäre kennen
gelernt, die von einem idealen Eingeweihten geleitet wird. Es gibt aber im
Weisheitshimmel auch Sphären, in denen ganz abstrakte Gedanken verwirklicht
sind, die so stark auf gelegentliche Besucher einwirken können — da solche
manchmal nicht in der Lage sind, sich in deren Verhältnisse einzufinden —‚
daß sie direkt gefährlich für sie sein können. — Nun, Geigele, hast du bald
deine Wanderung durch das ‚Jenseits‘ zum Berichten auf Erden beendet. Wollt
ihr“ — sich sowohl an Geigele wie auch an Fred wendend — „noch irgendwas
Besonderes hier sehen, ehe wir den Weisheitshimmel gänzlich verlassen und
einen Einblick in den allerhöchsten Himmel, den Liebehimmel, tun?“ „Ja, aber
Aristos“, ersuchte Fred, „ist es von hier aus vielleicht mal möglich, auf
andere Gestirne zu gelangen und einen Einblick in dortige Verhältnisse zu
gewinnen?“ „Ja“,
antwortete Aristos zögernd, „doch ein solcher Besuch hat sein großes ‚Aber‘,
über das ihr euch erst gründlich klar werden müßt.“ „Wenn du uns
alles erklärst“, beruhigte Fred, „so werden wir uns wie immer in allem nach
deinen Weisungen richten, die du uns für einen solchen Besuch geben
solltest.“ „Leider ist
das Erklären nicht so einfach. Du, Fred, wirst das schneller begreifen können
als Geigele.“ „Dann, lieber
Fred“, schaltete Geigele ein, „mache du mit Aristos den Ausflug nach einem
anderen Gestirn allein, und ich werde hier auf eure Rückkehr warten.“ „Nein, liebes
Geigele, das werden wir beide nicht tun“, bemerkte hier ziemlich bestimmt
Aristos. „Wenn solcher Ausflug unternommen wird, geschieht das nur
deinetwegen oder deutlicher der Aufzeichnungen wegen, die darüber von Dr.
Lehmann an deinem Krankenbett gemacht werden. Also hört mal beide zu. Wärest
du, liebes Geigele, schon irdisch gestorben, also hier im großen Jenseits wie
Fred und ich beheimatet, so könnten wir den Ausflug auf folgende Weise
machen. Ich würde jemanden aus dem Weisheitshimmel, der solche Ausflüge schon
unternommen hat, bitten, uns zu begleiten. Da er infolge früherer solcher
Besuche auf anderen Gestirnen weiß, wie dort alles ist, könnten wir — wären
wir, wie erwähnt, alle drei schon Bewohner des großen Jenseits — im Augenblick
auf solchem Gestirn sein. Wir brauchten uns nur in die Seinssphäre unseres
Begleiters von hier hineinzuversetzen. Dieser hätte nämlich nur nötig, an die
Verhältnisse auf einem anderen Planeten zu denken und wäre damit schon dort,
auch örtlich. Das ist im Grunde eigentlich nichts so besonders Wunderbares.
Auf Erden können wir das seelisch und geistig ja ebenfalls fertigbringen beim
Sicherinnern an irgendeine fern gelegene Gegend, womit wir uns geistig
dorthin versetzen und damit in unseren Gedanken auch schon dort sind. Hier im
großen Jenseits sind wir in solchen Fällen aber nicht bloß gedanklich, sondern
auch sogleich örtlich wirklich dort, weil der Stoff, aus dem das große
Jenseits besteht, von ganz anderer Beschaffenheit als die irdische
grob-stoffliche Materie ist. Geigeles Seele und Geist sind mit ihrem kranken
irdischen Körper auf Erden jedoch noch verbunden, deswegen kann ein Ausflug
durch bloßes Hineinversetzen in die Seinssphäre von jemanden, der auf anderen
Planeten schon gewesen ist, leider nicht erfolgen. Das könnte nämlich einen
solchen Schock auf den kranken irdischen Körper Geigeles ausüben, daß
möglicherweise das dünne Band, das Geigeles Seele und Geist mit ihrem
schwachen irdischen Körper noch verbindet, zerreißen mag, d.h. ihr irdischer
Tod eintreten würde, den wir damit veranlaßt, auf solche Weise Geigele also
ermordet hätten.“ Fred
erschrak. „Wenn solche Gefahr für Geigele mit dem Ausflug verbunden ist, dann
verzichte ich gern darauf.“ „Das braucht
nicht zu sein“, erläuterte Aristos weiter. „Es gibt nämlich noch einen
anderen Weg. Kommt.“ Damit führte
Aristos seine beiden Begleiter nach einem ganz eigenartigen Gebäude, von
dessem Dach aus himmelwärts, d.h. nach oben, vier scheinbare Stahlgerippe
weit hinaufragten. Es schien so, als ob das Stahlgerippe eine Art Schienenweg
für etwas darstellt, was innerhalb desselben emporzugleiten hatte. Und so war
es auch. Durch dieses Stahlgerippe stieg eine Art von Raumschiff hoch, das
unten in dem Gebäude, in das man eintrat, wie auf Zementstützen aufrecht
stand. Aristos,
Geigele und Fred wurden beim Betreten des Gebäudes freundlichst willkommen
geheißen und nach dem Raumschiff gewiesen, dessen Tür offen stand. Darinnen
waren noch andere Personen, Männer und Frauen, die gleichfalls einen
‚Ausflug‘ machen wollten. Es kam Geigele und Fred so vor, als ob man in eine
Art Fahrstuhl einstiege, dessen Abfahrt nur verzögert wurde, weil man
wartete, bis so viele Mitfahrer drinnen waren, wie das Raumschiff fassen
konnte. Nachdem noch
drei Personen hinzugekommen waren, wurde die Tür von außen verschlossen. Im
Raumschiff herrschte ein freundliches Dämmerlicht. Plötzlich wurde eine
Stimme vernehmbar, ohne zu wissen, woher sie kam, die ankündigte: „Wir treten
jetzt eine Reise nach einem Planeten an, der noch zu eurem Sonnensystem
gehört, von eurer Erde aus aber nicht gesehen werden kann. Doch dieser Planet
ist nicht tot, wie ihr sehen werdet. Auf der nun beginnenden Reise nach
diesem Planeten wird sich euer Wahrnehmungsvermögen automatisch den euren irdischen
Augen unsichtbar gebliebenen Lichtschwingungen des Planeten anpassen, und ihr
werdet daher den Planeten in genau die gleiche Lichtfülle eingehüllt finden,
wie ihr es hier im Weisheitshimmel gefunden habt. Doch bitte eins zu
beachten. Ihr habt, ehe wir abfahren, auf den gepolsterten Sitzen in der
Mitte des Raumschiffes Platz zu nehmen und dürft nur dann ans Fenster treten,
wenn euch das durch die Stimme, die hier zu euch spricht, gestattet wird. Diese
Vorsichtsmaßregel ist zu eurem Besten getroffen worden. Nun, viel Freude auf
eurer Reise!“ Durch das
Raumschiff ging jetzt ein Vibrieren, das anzukünden schien, daß es
losgefahren sei. Darauf spürte man aber nicht mehr das Geringste von irgendeiner
Fortbewegung, außer daß es ab und zu ein wenig schwankte. Der Insassen
des Raumschiffes bemächtigte sich allmählich eine Art von Unruhe. Jeder
wollte gern einmal ans Fenster treten und hinausblicken, denn von den Sitzen
aus erschien draußen alles nur schwarz. Endlich ließ sich die Stimme wieder
vernehmen: „Nun mögt ihr an das Fenster treten.“ Die Insassen
taten das sofort. Es war ein eigenartig interessanter Anblick, der sich bot.
Man sah unten einen halb-hell erleuchteten Planeten — unsere Erde? Aus den
deutlich sich abhebenden Konturen sah man, daß in den Lichtschein
hineinzuragen schien die gesamte Ostküste Amerikas und Teile der Westküste
Afrikas, das aber um die Krümmung der Kugel herum verschwand. Nun ließ sich
die Stimme wieder hören: „Was ihr hier seht, ist die irdische Erde! Die diese
umgebenden feineren Sphären, in denen sich die unteren Gebiete des großen
Jenseits befinden, nehmt ihr nur deswegen nicht wahr, weil ihr sonst völlig
verwirrt von dem werden würdet, was ihr zu sehen bekämet. Auf der Erde seht
ihr, wie durch die Erdumdrehung allmählich der amerikanische Kontinent in
seiner ganzen Länge den Sonnenaufgang erlebt, d.h. sich der Sonne zudreht.
Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr oben im Norden der Erdkugel Wolkenmassen
sehen und an der Äquatorgegend ebenfalls, ferner nehmt ihr dort aufblitzende
Punkte wahr. Das sind Blitze aus dort auftretenden tropischen
Gewitterwolkenbänken. Nun seht mal nach rechts. Dorthin geht unsere Reise.“ Da bemerkte
man einen anderen Planeten, einen in ein wunderbares, leicht weiß-bläuliches
Licht getauchten Weltkörper. „Es wird nicht mehr allzulange dauern“, fuhr die
Stimme fort, „bis wir eintreffen. Nun begebt euch bitte wieder auf eure Sitze
zurück. Ihr werdet euch wundern, warum ihr nicht dauernd zum Fenster
hinausblicken dürft. Das hat seine Gründe. Wir durcheilen interplanetarische
Jenseitssphären, wobei ihr Wesenheiten sehen würdet, die sehr weit
vorgeschritten, zwar immer nur hilfreich sind, die euch aber durch ihre Form,
Größe und ihren Glanz einen seelischen Schrecken einjagen mögen. Darum, geht
bitte wieder auf eure Sitze zurück.“ „Wie werden
wir denn aber merken, daß wir an unserem Ziel sind, wenn wir nicht zum
Fenster hinausblicken dürfen“, bemerkte eine Mitfahrerin. „Ihr werdet
das schon merken“, beschwichtigte die Stimme. Es dauerte
auch nicht mehr allzulange, als abermals ein leichtes Vibrieren stattfand. Dann
ging auf einmal die breite Tür des Raumschiffes auf, und herein flutete ein
Strom von einem unbeschreiblich herrlichen Licht. Alles drängte
sofort zur Tür. Es entstand aber kein Gedränge, da jeder wie unsichtbar
gelenkt wurde. Neugierig
blickten sich alle um. Man trat wie auf einen Teppich, der aus etwas
Ähnlichem wie unserem Gras zu bestehen schien. Dann gab es überall herrlich
blühende Sträucher und Bäume, die einen betäubenden Duft verbreiteten.
Empfangen wurden die Besucher von einigen — für irdische Begriffe
phantastisch gekleideten Damen und Herren, die sich der eingetroffenen
Besucher gruppenweise annahmen und mit ihnen wie auf eine
Besichtigungs-Rundreise gingen. Aristos,
Geigele und Fred waren übriggeblieben und kamen sich schon etwas vereinsamt
vor, als hinter dem Raumschiff der freundliche Führer aus der ‚teuren Stadt‘,
die sie besucht hatten, hervortrat und sie begrüßte: „Willkommen
auf dieser Welt! Ihr seid erstaunt, mich hier zu treffen, nicht wahr?“ Dabei
lachte er die drei freundlichst an. Dann fuhr er fort: „Ihr seid deswegen
nicht mit anderen Gruppen mitgenommen worden, weil es für das junge Mädchen“
— auf Geigele deutend — „gefährlich sein würde, sich zu weit vom Raumschiff
zu entfernen. Wenn ihr auf meinen Rat hören wollt, möchte ich euch nahelegen,
es bei dieser Reise hierher und zurück bewenden zu lassen. Ihr habt schon
einmal selbst erlebt, was es für eure Begleiterin bedeuten kann, wenn ihre Lebenskraft
zu weichen scheint. Nun, von hier aus ist es sogar recht schwer, sie ihre
Lebenskraft auf Erden wieder gewinnen zu lassen. Seid so gut und folgt meinem
Rat.“ Aristos sah
Fred und Geigele an, die schon wieder schwach zu werden schien. Alle drei
waren sich, ohne miteinander gesprochen zu haben, sofort einig, den Rat des
freundlichen Gönners aus der ‚teuren Gegend‘ zu befolgen, und so antwortete
Aristos: „Lieber Freund, wir folgen deinem Rat. Wann geht das Raumschiff
zurück in das jenseitige Bereich unseres irdischen Planeten.“ „In ganz
kurzem! Laßt uns schon in das Raumschiff hineingehen und uns dort hinsetzen.
Dort kann ich auch das junge Mädchen besser durch meine Vitalität stärken.“ Man begab
sich ins Raumschiff und nahm Platz. Nach einer Weile des Schweigens bemerkte
Fred: „Nun sind wir auf einem anderen Planeten und wissen nicht mal recht,
wie er aussieht, welche Tiere er hat, welche Pflanzen und welche
Menschenrassen ihn bewohnen. Diejenigen, die uns beim Landen begrüßten, waren
allerdings sehr sympathische Menschen, doch man weiß nicht, ob alle so sind.
Kannst du uns nicht etwas Näheres darüber berichten?“ „Gern, soweit
ich das vermag, denn auf diesem Planeten bin ich selbst noch nicht gewesen.
Ich habe aber andere besucht.“ „Wenn du noch
niemals hier warst, wie bist du denn dann hierher gekommen, da wir dich in
dem Raumschiff nicht sahen, und wie überhaupt wußtest du, daß wir uns hierher
begeben würden?“ fragte Geigele neugierig. „Wenn du erst
für immer in unsere Sphären eingegangen sein wirst, wirst du auch wissen, wie
das geschieht. Man braucht nur seine Gedanken auf jemand zu richten und
‚erlebt‘ dann solchen Jemand vollständig mit allen seinen Plänen und
Absichten. Ich habe, nachdem ihr meine Gegend verlassen hattet, oft an euch
gedacht, weil ich ein wenig um dich, mein Kind, besorgt gewesen war. Und so
wurde mir eure Absicht bekannt, einen anderen Planeten zu besuchen. Ich kam
mit einem anderen Raumschiff vor euch hierher. Doch nun zu Freds Frage, wie
es hier aussehen mag. Nicht allzuviel anders als bei euch auf Erden und in
eurem irdischen großen Jenseits. Ganz veränderte Verhältnisse, wie sie auf
anderen Gestirnen sind, könntet ihr noch gar nicht ‚erleben‘, weil euch das
Verständnis und Begreifen dafür abgeht. Aber doch ist hier auf diesem
Planeten manches anders. Hier sind z.B. alle die Wesenheiten, sich bildend
und auch wieder vergehend wie sie wollen, wahrnehmbar vorhanden, von denen
ihr auf Erden in Märchen oder okkulten Büchern gelesen habt, wie Elfen,
Gnomen und sonstige Luftgeister aller Art. Sie haben keine Bange vor den
Menschen und helfen diesen, wie bei euch eure Haustiere. Die hiesigen
Menschen können ihre Tierwelt verstehen, ohne mit ihr direkt zu sprechen,
durch einfaches Wunsch- und Gedankenübermitteln. Die Flora, d.h. Vegetation,
ist hier so üppig wie ihr es euch kaum vorzustellen vermögt, und dabei ohne jede
giftige Blume oder Pflanze. Ebenso gibt es keine giftigen Spinnen, Skorpione
oder Schlangen. Die Tierwelt hat keine Scheu vor den Menschen und gehorcht
diesen willig. Und was Menschenrassen anbetrifft, so gibt es keine
verschiedenen, sondern nur eine einheitliche Menschheit, die keine Kriege
kennt. An Naturkräften dienen den Menschen so vielerlei Kräfte, daß man sich
ihrer für alles zu bedienen vermag. Dabei kann durch mechanische
Vorrichtungen, durch die manche dieser Kräfte wirken, niemals ein Unglück
geschehen, da auch die Naturkräfte zu den Menschen freundlich eingestellt
sind. Und das alles, weil die Menschheit lieb, freundlich und hilfsbereit
ist. Fliegen geschieht hier nach der Art, wie es euch in der Fabel vom Ikarus
berichtet wird auf Erden. Nur braucht man dafür hierzulande keine Flügel wie
Ikarus, sondern man erhebt sich einfach vom Erdboden und läßt sich von den
freundlichen Kräften durch die Luft tragen, wohin man will. Dieses Fliegen
ist ein einfaches Schweben durch den Raum.“ „Das muß ja
entzückend sein, hier zu leben“, warf Geigele begeistert ein. „Warum kann es
nicht so auch auf Erden sein?“ „Das hat
seinen guten Grund“, entgegnete ernst der freundliche Aufklärer. „Seht, ihr
auf Erden habt dort ein Probeleben durchzumachen in einer, wie ihr es ganz richtig
sagt, ‚Lebensschule‘, wo ihr lernen müßt, wahre ‚Kinder Gottes‘ zu werden.
Ihr seid, wenn ihr euer Probeleben besteht, mehr als geschaffene Engel, die
immerhin auch als Engel gerichtet sind, weil sie einfach nur alles das zu tun
haben, wofür sie nun einmal geschaffen sind, ohne dabei irgendwelche freie
Auswahl für ihr Handeln zu haben. Auch Engel, obgleich das ‚personifizierte
Gute‘, müssen erst einmal ein irdisches Probeleben durchmachen, ehe sie
wirkliche ‚freie‘ Helfer Gottes werden können und nicht nur ‚muß-gehorchende‘
ausführende Organe Gottes zu sein. Nur ein ‚freier‘ Helfer ist ein wirklicher
Helfer Gottes, alle anderen sind sozusagen lediglich ‚Angestellte‘, aber
nicht ‚Kinder Gottes‘. Ich weiß nicht, ob euch das klar sein kann, ist aber
nichtsdestoweniger doch so.“ „Nun geht die
Rückfahrt los“, bemerkte Fred. Die große Tür
schloß sich, wieder ein leises Vibrieren, ein wenig Schaukeln und man bewegte
sich anscheinend durch den Raum mit dem Raumschiff. Diesmal wurde nicht zum
Hinaussehen eingeladen, zumal die Rückfahrt auch nur wenige Augenblicke
dauerte. Man stieg dort aus, wo man vom Weisheitshimmel aus abgefahren war. Der
freundliche Begleiter aus der ‚teuren Gegend‘ verabschiedete sich herzlichst.
Als er Geigele die Hand reichte, fühlte diese, wie neue Lebenskraft durch
ihre Adern zu strömen schien. Der abschiednehmende Begleiter richtete dabei
folgende Worte an Geigele: „Nun noch ein paar besondere Worte an dich! Euer
freundlicher Führer wird euch noch einen Blick in den Liebehimmel werfen lassen,
von dem du und Fred wahrscheinlich etwas enttäuscht sein werdet, obgleich es
der höchste Himmel ist. Dann, Geigele, ist deine Mission als Somnambule auf
Erden erfüllt. Du hast deine Aufgabe gut gelöst. Doch ehe du von der Erde
endgültig durch den irdischen Tod scheiden wirst, hast du noch einmal
Schweres durchzumachen. Deine Reisen durch das hiesige große Jenseits werden
in dir aber eine stets vorhandene dunkle Erinnerung an herrlich Erlebtes
zurücklassen. Diese Erinnerung wird es sein, die dich auch bei dem
bevorstehenden Schweren, das du noch durchzumachen haben wirst, stützen und
stärken wird. Deine letzte irdische Prüfung wird, wenn auch schwer und
schmerzhaft, doch nur von kurzer Dauer sein. Dann kommst du für immer zu uns
ins große Jenseits, wo du dich nicht als Fremdling fühlen wirst. Denke
zuweilen auch an deinen Freund in der ‚teuren Gegend‘, wie er auch an dich
denken wird.“ Damit drückte
der ‚Freund aus der teuren Gegend‘ nochmals Geigeles Hand, nickte Fred und
Aristos freundlich zu und war dann im Augenblick verschwunden. Erst nach
einer Pause nahm Aristos das Gespräch wieder auf: „Wie dir, liebes Geigele,
schon gesagt wurde, wirst du jetzt nur noch einen Einblick in den höchsten
aller Himmel, in den Liebehimmel, tun. Aber es wird nicht mehr als eben nur
ein Einblick sein, denn du wirst von ihm enttäuscht sein, weil du die alle
dabei wirksamen inneren Zusammenhänge noch nicht zu erfassen vermagst, deren
Kenntnis erst das Liebevolle des Liebehimmels ausmacht.“ Geigele und
Fred schwiegen nach diesen Worten Aristos, hauptsächlich deswegen, weil sie
so eigentlich nichts darauf zu erwidern wußten. Es war keinem von beiden so
recht einleuchtend, warum nun gerade der höchste aller Himmel — enttäuschen
sollte! Ein Himmel müßte doch an sich etwas Wunderbares sein, ganz gleich,
wie sich der Himmel nun auch nennen mag. Aristos
schien die Gedanken der beiden zu erraten, denn er nahm schließlich das
Gespräch wieder auf, indem er erklärte: „Ich weiß, es kommt euch beiden sehr,
sehr seltsam vor, was ihr gerade über den höchsten der Himmel vernommen habt.
Zur näheren Erklärung möchte ich euch daher ein paar Vergleiche aus dem
irdischen Leben anführen. Ihr alle werdet in eurem irdischen Leben wohl schon
Menschen begegnet sein, die so gar nichts für sich begehren, sich in alles
schicken und das Leben dankbar annehmen, wie es sich ihnen darbietet. Dabei
sind sie immer helfend, beachten Beleidigungen nicht und gehen still und ruhig
ihren Geschäften nach. Seht, solche Menschen sind reif für den Liebehimmel.
Aber damit ihr euch kein falsches Bild formt, sei ein anderes Beispiel erwähnt.
Jemand ist ein hitziger und feuriger Charakter, gesund und sehr stark und
kräftig. Er ist voll übersprudelnder Lebensfreude, macht jeden Sport mit, ist
der Fröhlichste unter allen Fröhlichen, verurteilt niemanden, sucht jeden
immer zu verstehen, ist nach irgendeinem Mißverständnis stets gleich zur
Entschuldigung und Versöhnung bereit, trägt niemandem etwas nach, und ist
immer bereit, jemandem zu helfen, dem es schlechter als ihm selbst ergeht,
oder dem von anderen Unrecht zugefügt wird. Seht, das ist ein weiterer
Kandidat für den Liebehimmel, in den er allerdings auch nicht gleich sofort
eingehen wird, sondern erst nach einer Anpassungszeit im großen Jenseits,
aber in einer paradiesisch anmutenden Umgebung und unter paradiesischen
Verhältnissen. Oder noch ein Beispiel! Da ist eine Mutter von sechs Kindern.
Ihr ganzes Leben war nichts als Arbeit und Sorgen. Und doch verzweifelte sie
nie, kümmerte sich um jedes Kind und ihren Mann, erzog ihre Kinder zu
ordentlichen Menschen fürs Leben und verlebte nach dem Tode ihres Mannes den
Rest ihres irdischen Lebens allein für sich, da alle ihre Kinder verheiratet
waren und woanders wohnten, deren Angebote, zu ihr zu ziehen, sie stets ablehnte,
da sie der Ansicht war, daß jedes der Kinder seinen eigenen Lebensweg selbst
zu vollenden hätte und sie durch ihre Anwesenheit nicht, wenn auch ungewollt,
irgendwie störend eingreifen wollte. Sie hatte sich eine kleine Wohnung
gemietet und verbrachte den Rest ihrer Tage mit Gelegenheitsarbeit hier und
dort und mit Hilfeleistungen, wie immer solche in Betracht kamen. Diese Frau
ist ebenfalls für den Liebehimmel herangereift. Und so könnte ich noch so manche
anderen Beispiele anführen, doch ich denke, ihr habt verstanden, was ich
andeuten wollte.“ Beide,
Geigele und Fred nickten bejahend mit dem Kopf, verharrten aber weiter in
Schweigen, wie in tiefes Nachdenken versunken. Nach einer Weile wandte sich
Fred an Aristos: „Ich kann deine Ausführungen sehr gut verstehen, doch ist
dieser höchste Himmel dann eigentlich wirklich das, was der Vorstellung der
meisten Menschen entspricht? Nehmen wir zum Beispiel einen Gelehrten an,
dessen Herzenswunsch nur darinnen besteht, immer tiefer und tiefer in die Geheimnisse
des Seins wissenschaftlich einzudringen. Wie könnte der wohl im höchsten, im
Liebehimmel, glücklich sein, wenn er dort nicht weiterforschen kann.“ „Du hast die
Bedeutung des Liebehimmels doch noch nicht richtig erfaßt“, bemerkte darauf
Aristos. „Der Gelehrte, den du als Beispiel anführst, ist eben noch nicht
reif für diesen höchsten aller Himmel. Wäre er es, so würde es ihm klar sein,
daß er dort ebenfalls forschen kann. Das ganze Sein im höchsten aller Himmel
ist jedoch eingestellt auf innigste Zuneigung zum höchsten Wesen, zu Gott.
Man hat dort nur noch einen einzigen Wunsch, der einem beseelt, und das ist
Gott gefällig zu sein und Ihm zu dienen, etwa so, wie die Paladine eines
Herrschers, den sie verehren, für nichts weiter lebten und strebten, als
dienende Helfer ihres Herrschers zu sein. Und wie bei jedem Auftrag, den die
Paladine im Namen des Herrschers durchführen, die Paladine gleichzeitig mit
der vollen Ausführungsgewalt des Herrschers ausgestattet waren, so ist jeder
im Liebehimmel bei jedem Auftrag, den er für Gott ausführen kann, bei dieser
Ausführung mit voller göttlicher Gewalt ausgestattet. Darum sagen die
höchsten Engel und Geister auch immer, ihnen stehen wohl alle göttlichen
Kräfte zur Verfügung, doch nur durch Gott und nicht durch sie selbst. Das
Geheimnis der allerhöchsten Stärke und Gewalt, die einem Wesen zuteil werden
kann, besteht also in einer hemmungslosen Liebe zu Gott, die durch nichts
erschüttert werden kann. Um das wenigstens ahnend zu begreifen, will ich noch
ein irdisches Beispiel anführen. Angenommen, jemand hat auf Erden einen
Lehrmeister, der gerecht, freundlich und liebevoll ist, und der freudig und
gern jede Frage beantwortet, die ein Lernender stellt. Der Lehrmeister ist
deswegen allgemein beliebt. Mit welcher Leichtigkeit lernen da die Schüler!
Sie begreifen einfach alles schon deswegen, weil der Lehrmeister durch seine
Anteilnahme am Studium jedes einzigen Schülers sozusagen dessen Seele öffnet,
mit welcher der Schüler alles lernend begreift. Es ist für den Schüler dann
wie bei einem Kind, das nach Auswandern mit den Eltern in ein anderes Land,
die Sprache des neuen Landes mit Leichtigkeit erlernt im Spiel mit
gleichaltrigen Spielgefährten, die sich untereinander gewöhnlich bald liebgewinnen
und mit dem Herzen ihr Wissen austauschen. Nun zu deinem Beispiel des
Gelehrten, lieber Fred. Wenn er erfassen könnte, was es heißt, Gott wirklich
zu lieben, er würde erstaunt sein, mit welcher Klarheit alle Probleme seines
Studiums für ihn sofort verständlich werden würden. Mit dem bloßen Verstand kann
der Liebehimmel jedoch nie erfaßt und begriffen werden, genauso wenig wie ein
Gelehrter durch sein Studium nicht die Freude begreifen kann, die damit
verbunden ist, wenn man einem anderen selbstlos mit irgendeiner Unterstützung
hilft. Der Liebehimmel kann nur begriffen und die darinnen vorhandenen
allerhöchsten Seeligkeiten können nur wirklich erlebt werden mit und durch
Liebe sowohl in Wort wie in der Tat und im Handeln. Daher wird der
Liebehimmel auch von vielen, vielen nie verstanden werden, wenigstens so
lange nicht, wie die Seelen nicht mitzuschwingen verstehen, wenn wir etwas
aus Liebe tun, um einem anderen zu helfen, ihn zu stützen und zu erfreuen.“ Wiederum trat
tiefes Schweigen ein. Es wurde
diesmal von Geigele unterbrochen mit der Bemerkung: „Dann ist der Liebehimmel
so eigentlich die richtige Heimat für uns weibliche Wesen, denn wir leben
viel, viel mehr mit dem Herzen als die Männer. Es muß dann recht hart für die
Männerwelt sein, in den Liebehimmel zu kommen.“ Aristos mußte
über diese Folgerung Geigeles lächeln. Geigele sah
das und war ein wenig enttäuscht darüber, da ihre Worte ehrlich gemeint und
auf Überzeugung und Mitempfinden zurückzuführen waren. „Ja, du hast
recht von deinem Standpunkt“, beschwichtigte Aristos, „doch du hast bei
deiner Beurteilung ganz vergessen, daß der Grundakkord des Charakters einer
Frau von dem eines Mannes verschieden ist. Wohl lebt und existiert ihr
weiblichen Wesen mehr mit eurem Gefühl und demnach auch Mitgefühl, doch das
kann auch sehr schnell umbiegen und wirkt dann alles andere als liebevoll.
Ein Mann dagegen handelt mehr gemessen, mehr logisch und wird in seinem
Gefühlsleben nicht so schnell umschlagen. Ein Mann ist z.B. von Natur aus
großzügiger und nicht so kleinlich und nachtragend wie ein weibliches Wesen
sein kann. Du siehst also, daß es sehr wohl möglich ist, daß ebenso viele
Männer in den Liebehimmel eingehen können wie Frauen. In diesem höchsten
aller Himmel, im Liebehimmel, spielt das Geschlecht sowieso überhaupt keine
Rolle mehr. Dortige Wesen können, wenn sie Sterblichen sichtbar werden bei
irgendeiner Mission im Auftrag Gottes, sowohl als männliche wie auch als
weibliche Wesenheiten erscheinen. Der geschlechtlichen Differenzierung der
Menschheit fällt im höchsten Himmel eine ganz andere Bedeutung zu als wie ihr
von eurem irdischen Standpunkt aus beurteilen mögt. Doch nach all diesen
Einführungs- und Aufklärungsgesprächen über den Liebehimmel laßt uns in ihn
hineinsteigen, was uns nur durch Gottes Gnade vergönnt ist, damit durch
Geigele darüber den noch lebenden Menschen berichtet werden kann. Es ist das
eine große Gnade, die uns zuteil wird. Wir werden dabei von einem höheren und
unsichtbar bleibenden Wesen geleitet und überwacht werden, welches uns das
erleben lassen wird, was uns und der irdischen Welt vom Liebehimmel zu
begreifen nur möglich sein kann.“ Damit änderte
sich langsam die Umgebung. Die Änderung bestand aber nicht so sehr in einer
Umwandlung der Landschaft als vielmehr in einer geistigen Durchdringung, was sich
am besten etwa folgendermaßen beschreiben läßt: Die Hügel im Hintergrund
kamen einem so vor, als ob man ihre ganze Entwicklungsgeschichte wie in einem
Augenblick umfassend zu begreifen vermochte. Die Gräser und Blumen zu Füßen
schienen sprechen oder sich mindestens einem verständlich machen zu wollen,
so daß es einem vorkam, als ob man von verstehenden und friedlich beeinflussenden
Elfen umgeben wäre. Der Himmel schien voller Musik zu sein, und die Farben
des Himmelsgewölbes waren von unbeschreibbarem Glanz und, wie es einen
anmutete, voll friedlicher Harmonien. In solcher
Umgebung, — die Sterblichen nicht recht erklärlich gemacht werden kann, —
bewegten sich Aristos, Geigele und Fred dahin. Anscheinend waren sie allein,
doch keiner hatte dabei das Gefühl, es wirklich zu sein. Von jedem Baum, von
jeder Blume, von jedem Grashälmchen strömte auf irgendeine Weise in
irgendeiner Form eine Botschaft aus, die das Gefühl auslöste, ihr seid hier
unsere Gäste, ihr seid hier geborgen, denn wir lieben, beschützen und behüten
euch. Die
Eigentümlichkeit aller dieser Strömungen, in einer von Harmonien
durchtränkten Umgebung, übte auf die drei Dahinschreitenden ihre Wirkung aus.
Es überkam sie eine so gehobene, durchgeistigte Stimmung, daß sie die ganze
Welt zu umarmen und Gott zu bitten wünschten, ihnen doch nur eine Gelegenheit
zu geben, ebenfalls solche Harmonie, Zutrauen und Liebe überallhin ausströmen
lassen zu können. Es war eine absolut durchgeistigt gehobene Stimmung, die
durch die Aura der Umgebung verursacht war. Plötzlich
standen alle drei vor einer bescheidenen sauberen Hütte, aus der ein Mann
heraustrat, der einer biblischen Prophetengestalt ähnelte. Er streckte den
Besuchern seine Hände zum Willkommen entgegen. Vor seiner Hütte befand sich
eine bescheidene Veranda mit einem Tisch und mehreren Stühlen. Er lud ein,
Platz zu nehmen. Es trat eine
Art Verlegenheitspause ein, weil von den drei Besuchern niemand etwas zu
sagen wußte, diesmal auch Aristos nicht, der sich hier gleichfalls in einem
ihm fremden Gelände befand. Der
ehrwürdige Besitzer der Hütte nahm den dreien gegenüber Platz und lächelte
ihnen verstehend zu, wobei er bemerkte: „Es geht euch Lieben anscheinend
genauso wie allen, die zum ersten Male in den äußeren Bereich des
Liebehimmels eintreten. Ihr erwartetet wunder Etwas und seid nun im Grunde
ein wenig enttäuscht, daß dieser höchste aller Himmel so schlicht und so
einfach ist.“ „So ganz
überrascht sind wir nun allerdings nicht“, bemerkte Aristos, „denn wir sind
darauf schon vorbereitet worden.“ „Das freut
mich“, antwortete schlicht und freundlich lächelnd der Gastgeber, denn
inzwischen war — woher konnte man nicht feststellen — ein äußerst erfrischend
mundendes Getränk vor jedem der drei Besucher auf dem Tisch aufgetaucht.
„Trinkt von dem Getränk. Es mag euch etwas mehr mit der hiesigen Aura
vertraut machen.“ Alle drei
nippten von dem Getränk, das sich von allein in Gläser eingefüllt hatte.
Sofort nach dem ersten Schluck aus dem Glas überkam alle drei ein nicht zu
beschreibendes Gefühl der höchsten Beglückung. Alles erschien doppelt
verklärt um sie herum. „Nun, liebe
Freunde“, nahm der Gastgeber das Gespräch wieder auf, „ist es wohl Zeit, daß
ich mich euch vorstelle. Mein Name ist einfach Gottlob. Jetzt wißt ihr, wie
ihr mich anreden könnt. Nun fragt geradeaus, was ihr wissen wollt und worüber
ich euch belehren soll.“ Nach einer
Pause bemerkte Aristos: „Siehe Gottlob! Meine Wenigkeit und der junge Mann
neben mir sind schon im großen Jenseits, doch dieses junge Mädchen … „Ich weiß,
ich weiß schon“, wehrte Gottlob lächelnd ab. „Hier bedarf es keinerlei
Einführungen. Hier wissen wir von allem im voraus, was sich ereignen und was
geschehen mag. Darum fragt lieber direkt, wie es im Liebehimmel wohl zugeht
und ich will euch jede Frage gern beantworten.“ Es trat
wieder eine Pause ein. Keiner der drei Besucher wußte auf einmal, was er nun
so eigentlich fragen sollte. Doch da ermannte sich Geigele als erste: „Lieber
Bruder Gottlob, worin besteht nun so eigentlich die Glückseligkeit aller
Himmel?“ „Das ist
wenigstens eine Frage, an die sich anknüpfen läßt“, antwortete lächelnd
Gottlob. „Siehe, liebe Besucherin! Die höchste Glückseligkeit hier besteht
darin, daß man wunschlos ist und nichts mehr für sich selbst begehrt. Hier
ist kein Verlangen nach irgend etwas vorhanden, weil man weiß, daß einem alles,
was man braucht, sozusagen von allein zuteil wird. Hier gibt es keinen
Hunger, keinen Durst, keinen Wohnungsmangel, kein Verlangen nach Geld, um
sich Bekleidung und sonstige notwendige Bedarfsartikel kaufen zu müssen. Alles,
was unserem Gefühl nach für uns wünschenswert ist, wird uns einfach zuteil.
Woher? Aus der Fülle des himmlischen Füllhorns Gottes. Vergeßt nicht, Gott
ist das allerhöchste und allerreichste Wesen, das es gibt. Wir sind in Seiner
unmittelbaren Umgebung, und was uns als notwendig erscheint, steht uns immer
sofort zur Verfügung. Es ist ein glückliches, zufriedenes und friedliches
Sein, das wir hier führen. Nur ein Wunsch beseelt uns: Gott zu dienen! O,
welche Seligkeit durchdringt uns, wenn jemand von uns ausersehen wird, eine
Aufgabe im Auftrag Gottes durchzuführen! Gott könnte ja das, was Er
durchgeführt wissen will, augenblicklich selbst geschehen lassen durch Seinen
allmächtigen Willen, doch um unsere Seligkeit zu erhöhen, läßt Er uns solche
Aufgaben selbst ausführen und gibt sie uns als ‚Missionen‘, wobei uns dann
stets alle göttliche Macht im Kosmos zur Verfügung steht.“ „O, wie
wunderbar“, rief Geigele begeistert. “Ja, das ist
wirklich wunderbar in der vollsten Bedeutung des Wortes“, nickte Gotthold zu
dieser Bemerkung. „Man kann
sich das so eigentlich gar nicht recht vorstellen. Könntest du uns ein
Beispiel dafür anführen?“ „Gern, liebe
Gäste. Hoffentlich könnt ihr mich dabei aber auch richtig verstehen.“ „Wir wollen
es versuchen“, versicherten alle drei. „Nun wohl“,
begann Gotthold. „Vor einiger Zeit wurde mir z.B. von Gott der Auftrag
zuteil, in einer politischen Streitfrage auf eurer Erde Gottes Wünsche
durchzusetzen. Doch, bitte, stellt euch das nicht zu einfach vor. Bei solchen
Aufträgen Gottes ist Grundbedingung, niemals den freien Willen der Entscheidung
der dabei in Betracht kommenden Parteien einzuschränken. Andererseits steht
uns bei solcher oder ähnlicher Mission aber alle Macht Gottes zur Verfügung.
Wir können Unwetter und Erdbeben verursachen, wir können Menschen
zusammenbrechen lassen, wir können irgendwelche Wunder verrichten. Gott würde
uns dabei nicht stören. Er hat uns ja für die ‚Mission‘ alle Seine Macht
anvertraut.“ „Wenn jemand
von euch nun aber auf irgendeine Weise oder in irgendeiner Form, vielleicht
ganz ohne euer Wissen und Zutun, diese Macht mißbrauchen würde, was würde
dann mit so einem wohl geschehen?“ fragte Fred neugierig. „Nichts“,
entgegnete ruhig Gottlob. „Der angerichtete Schaden würde durch andere
Bewohner des Liebehimmels mit größerer Einsicht wieder gut gemacht werden,
und Gott selbst würde alles verzeihen, uns aber sobald nicht wieder mit einer
ähnlichen Mission betrauen. Wir würden unseres Fehlschlages wegen nicht aus
dem Liebehimmel hinausgetrieben werden, doch das Gefühl, ‚gefehlt‘ zu haben,
würde uns tief niederdrücken und unsere Freude im Liebehimmel würde durch
unsere Reue stark getrübt sein.“ „Danach wäre
also auch im höchsten aller Himmel, im Liebehimmels, öfter solche kleine
Fehlschläge, wie du ihn eben erwähntest, möglich sein. „O doch, aber
bedenkt, ‚leben‘, d.h. ‚empfinden, daß ‚man ist‘ erheischt stets ein gewisses
Auf und Nieder! Selbst im aller-allerhöchsten Teil des Liebehimmels sind
leichte Nuanzierungen vorhanden, die für menschliche Begriffe geradezu
lächerlich kleinlich anmuten mögen, hier im Liebehimmel, als höchstem aller
Himmel, aber gar schwerwiegend in die Waagschale fallen können, weil hier die
Anforderungen, die an Seelen gestellt werden, die allergrößten und allerhöchsten
sind.“ „Gibt es bei
Missionen von Gott an euch Bewohner des Liebehimmels öfter solch Meine
Fehlschläge wie du ihn eben erwähnt hast?“ fragte diesmal Aristos. „Gewiß!
Unfehlbar ist ja doch nur Gott allein!“ „Hast du Gott
schon gesehen?“ fragte Fred neugierig. „Sicher, aber
nur so wie ich Ihn begreifen kann. Gott kann nämlich zu gleicher Zeit an den
allerverschiedensten Stellen sein, was uns hier im Liebehimmel verständlich,
euch aus anderen Sphären und gar von der Erde aber gänzlich unverständlich
sein und bleiben muß. Gott an sich als allerhöchstes Wesen, das alle Macht
des Kosmos in Sich vereint, kann freilich in keiner Form von einem
geschaffenen Geist gesehen und begriffen werden. Das wissen wir hier und sind
schon hochbeglückt, wenn wir Gott nur einmal so sehen können, wie wir Ihn
gerade zu begreifen vermögen.“ Es trat eine nachdenkliche Pause ein. Wiederum war
es Geigele, die dann die Pause unterbrach mit der Frage: ‚Lieber
Gottlob, könntest du es vielleicht möglich machen, daß wir einmal wahrnehmen
können, wie eine von Gott aufgetragene Mission durchgeführt wird?“ „Aber
herzlich gern! Wartet mal!“ Gottlob
erschien für eine Weile wie geistesabwesend. Dann bemerkte er: „Wie mir
soeben bewußt wird, hat ein Bewohner des Liebehimmels gerade den Auftrag
erhalten, auf inständiges Beten einer tiefbetrübten Mutter ein junges Mädchen
auf den rechten Weg zurückzubringen. Laßt uns sehen, wie dieser Bote des
Herrn aus dem Liebehimmel seine Mission durchführt!“ Alle waren
wie in eine wartende Haltung versetzt, wobei es für sie gar nichts ausmachte,
ob sie standen oder saßen. Das Folgende spielte sich für sie wie ein Vorgang
auf einer Bühne ab. Man sah
zunächst, wie ein herrlich aussehender — ja, was war es eigentlich: Mensch,
Engel oder sonstige Wesenheit — sich sozusagen vorbereitete, auf die Erde
hinabzusteigen — wenn man vom Liebehimmel aus das Eingehen in irdische
Verhältnisse als ein Herabgehen oder Herabsteigen bezeichnen kann — und sich
veränderte zu dem Wesen, das er in irdischen Verhältnissen für seine Aufgabe
sein wollte. Plötzlich
änderte sich die Bühne und man sah ein Haus, vor dem sich ein hübsches, etwa
neunzehnjähriges Mädchen von einem Mann küssend verabschiedete, den sie sehr
zu verehren schien, während der Mann selbst die Küsse ziemlich gleichgültig
hinnahm. Man hörte das Gespräch zwischen beiden. Der Mann redete auf das
Mädchen ein, ja nicht auf das zu vergessen, um was er bitte oder besser, was
er forderte. Und gleich sah man auch, was es war. Das junge Mädchen betrat
eine bescheidene Wohnung, wo eine ältere, aber wie es schien religiös
eingestellte Frau ihre Tochter erwartete. Als die Tochter eintrat, ging ihr
die Mutter entgegen, doch die Tochter schien nicht viel darum zu geben. Sie
setzte sich mit der Mutter an den Tisch zur Abendmahlzeit, was die Mutter bereitet
hatte, und begann gleich, die Mutter zu bedrängen, daß sie ihr einige hundert
Mark gebe, weil Philipp, ihr ‚Freund‘, diese benötige und sie versprochen
hatte, ihm das Geld zu verschaffen. Vergeblich versuchte die Mutter, das
Mädchen zu veranlassen, dem Philipp nicht das Geld zu geben, weil dieser
ihrer nicht würdig sei und sie nur ins Verderben stürzen würde. Doch die
Tochter achtete nicht auf diese Mahnung und bestand darauf, das Geld zu
erhalten oder „sie würde es sich selbst nehmen.“ Die Mutter wurde still und
gab der Tochter das gewünschte Geld. Es blieb ihr nun nicht mehr viel von dem
von ihrem Mann hinterlassenen Sparpfennig übrig. Die Mutter bemerkte das auch
und erwähnte es, doch das machte nicht den geringsten Eindruck auf das
Mädchen, das sich, kaum daß es das Essen hinuntergeschluckt hatte, sofort
aufmachte, um Philipp zu treffen und ihm das geforderte Geld aushändigen zu
können. Als das Mädchen das Haus verließ, sahen die vom Liebehimmel aus
Zuschauenden, wie sich dem Mädchen ein anderes junges Mädchen zugesellte — es
war die Beauftragte aus dem Liebehimmel und das Mädchen bat, ihr doch zu
helfen, da sie in großer Not sei. Die so Angeredete war von Natur mitleidig,
blieb stehen, nahm ihr Börse heraus, um nach einem Geldstück zu suchen. Die
Abgesandte ärmlich gekleidet, zog das junge Mädchen in ein Gespräch auf eine
so gewinnende Art und Weise, daß es ruhig zuhörte und auch, gefesselt von dem
Gehörten, antwortete. Die Abgesandte aus dem Liebehimmel verstand so
freundlich weiter zu sprechen und so herzlich zu danken, daß das Gespräch
viel länger dauerte als dem Mädchen Zeit verblieb, sich mit Philipp an dem
verabredeten Ort zu treffen. Endlich fiel dem Mädchen ein, daß es Philipp das
Geld geben wollte. Schnell verabschiedete es sich und eilte davon, ohne zu
merken, daß die Abgeordnete aus dem Liebehimmel nachfolgte. Als das Mädchen
an die Ecke kam, sah es dort Philipp im Gespräch mit einer sehr gut
gekleideten Dame stehen, die ihrem ‚Freund‘ mehrere Geldscheine überreichte,
die dieser gleichgültig zählte und in die Tasche steckte. Als sich die Dame
bei Philipp einhing und beide gerade fortgehen wollten, wurde Philipp seiner
Freundin — des Mädchens — ansichtig. Schnell ließ er die Dame stehen und kam
auf das Mädchen zu, sie barsch anfahrend, wo es sich so lange herumgetrieben
hätte. Es möge ihm schnell das Geld geben, da er nicht lange Zeit hätte. Das
junge Mädchen war wie aus allen Wolken gefallen. So hatte es ihren Philipp ja
noch niemals vorher gesehen. Als es mit dem Geld zögerte, entriß Philipp ihm
einfach die Geldtasche, öffnete sie, nahm das zusammengefaltete Geld an sich,
warf die geleerte Geldtasche hin und ging auf die andere Straßenseite, wo er
sich mit der Dame entfernte. Das junge Mädchen stand immer noch wie
entgeistert vor Überraschung da, als sich ihr die Abgesandte aus dem
Liebehimmel wieder näherte, sie unter den Arm nahm und nach Hause zur Mutter
führte. Damit
entschwanden alle beteiligt gewesenen Personen und die Zuschauer im
Liebehimmel befanden sich wieder unter sich. Fred und
Geigele wußten nicht, was sie sagen sollten: Das war doch alles eigentlich so
ein banaler Vorgang gewesen, wie er sich oft auf Erden ereignen mag. Warum
mußte nun dafür gar eine Abgesandte aus dem höchsten aller Himmel
einschreiten. Gottlob
merkte und fühlte die Enttäuschung und begann zu erklären: „Ihr wolltet ein
Beispiel von himmlischer Hilfe wahrnehmen. Und ihr habt es gesehen, so wie
sich der Vorgang abspielte. Die Vorgeschichte und die Vorgänge — sozusagen
hinter der Bühne im Leben des jungen Mädchens, das ihr sahet — sind folgende:
Die Mutter betete seit langem innigst zu Gott, ihre Tochter doch vor ihrem
Freund Philipp zu retten, von dem sie spürte, daß er nicht gut und nicht der
rechte Lebensgefährte für ihre Tochter war, die jedoch nicht von dem Manne
lassen wollte und fest überzeugt war, daß sich die Mutter irrte, wozu noch
ein gewisser jugendlicher Trotz kam, weil die Mutter Vorschriften machen
wollte. Gott erbarmte Sich schließlich der Mutter infolge ihres Betens und
beauftragte einen Bewohner des Liebehimmels, das junge Mädchen zu schützen
und zur Mutter zurückzubringen. Das war der Auftrag. Die Ausführung lag —
ohne jede besondere Anweisung — ganz in Händen der (oder der) Beauftragten
des Liebehimmels, wofür ihm (beziehungsweise ihr) jede höchste Gewalt zur
Verfügung stand, wohlverstanden aber nur für diese Aufgabe. Der Beauftragte
studierte nun die Sachlage, was ihm als Beauftragten Gottes nicht schwer
fiel, da ihm ja alle Macht zur Verfügung stand, und er so im Augenblick die
Lebensgeschichte und auch Charakteristik des jungen Mädchens und des so
genannten Philipp überblicken konnte. Er wußte nun, daß das junge Mädchen von
Natur und dem Charakter nach mitleidig war. Der Mann Philipp dagegen war
herrisch und ungemein egoistisch. Der Beauftragte des Liebehimmels sah
sofort, wie er den Auftrag Gottes im Sinne und Geiste des Liebehimmels
durchführen konnte, nämlich durch Appell an das gute Herz des Mädchens. Und
so nahte er sich als Bettlerin und hatte auch Erfolg, wie ihr alle wahrgenommen
habt.“ „Und was wird
aus dem jungen Mädchen?“ fragte Geigele. „Da sie ihren
Philipp wirklich lieb hatte und Liebe, wenn ehrlich und aufrichtig, tief in
das Wesen eines Menschen eindringt, so stellt Enttäuschung in der Liebe
oftmals ein inneres Leiden dar, das als Krankheit genauso ausgeheilt werden
muß wie ein körperliches Leiden durch Behandlung und durch die Zeit. Was ihr
nicht gesehen habt ist, daß der Beauftragte des Liebehimmels als Mädchen
verstand, eine wirkliche Freundin des jungen Mädchens zu werden, das somit
einen Halt und schließlich wieder zur Mutter und ins normale Leben
zurückgefunden hat. Mit der Zeit wird der Beauftragte vom Liebehimmels alles
so arrangieren, daß das Mädchen einen ordentlichen Mann kennen und erneut
lieben lernen wird. Dann hat der Beauftragte des Liebehimmels seine Aufgabe
erfüllt und verschwindet unter dem Vorgehen, daß er auf lange Zeit verreisen
muß.“ Geigele
grübelte über das Gehörte nach. Fred schien etwas zu plagen, worüber ihm
nicht Klarheit wurde. Gottlob nahm das wahr und ersuchte Fred, ihn doch ruhig
zu fragen. „Ich muß dir
offen sagen, daß das uns vorgeführte Beispiel vom Wirken aus dem Liebehimmel
eigentlich —“ „Na, sprich
es schon aus“, ermunterte Gottlob lächelnd. „Nun wohl,
also es kam mir alles ein wenig banal vor, so etwa wie ein Geschichtchen, das
man auf Erden in einem billigen Erzählbuch lesen kann. Das hätte doch auch
von irgendeinem Bewohner der unteren Himmel ausgeführt werden können, warum
muß dafür die himmlische Ruhe eines Bewohners des Liebehimmels gestört
werden. Und dann: Ist das Sichausgeben und Verstellen um eine andere Person
darzustellen, nicht eigentlich etwas — na sagen wir — Irreführendes? Beinahe
scheint es mir so, als ob ein bißchen nach dem Grundsatz: ‚Der Zweck heiligt
die Mittel‘ gehandelt worden sei.“ „Gut, lieber
Freund, daß du deinen irdischen Bedenken hier Ausdruck verliehen hast. Siehe,
etwas ist dem Liebehimmel eigen, was ihr so leicht nirgendwo anders in der
ganzen großen Schöpfung finden könnt. Hier kann erstens niemand jemanden
beleidigen, und für alle Anschauungen und Auffassungen wird hier das
allergrößte Verständnis gezeigt, weil man sich eben aus wahrer, aufrichtiger
Anteilnahme in die Anschauungen anderer wirklich hineinzuversetzen versteht.
Ich will versuchen, euch die Sachlage in dem von euch eben Erlebten
klarzulegen, doch ihr dürft nie vergessen, daß dem Beauftragten des Liebehimmels
bei seinem Handeln alle Macht Gottes zur Verfügung stand. Er konnte also
sowohl alle Zusammenhänge in der Vergangenheit von den beteiligten Personen
übersehen, als auch den Weg des geringsten Widerstandes in der Zukunft
erblicken. Die Hauptsache bei einem Auftrag aus dem Liebehimmel ist stets:
Wirkliche Liebe zu betätigen, das Gute zu erwecken und das Ziel zu erreichen,
worum Gott im Gebet ersucht worden war. Was später sich durch neu eintretende
Verhältnisse noch gestaltet, hat für die gegenwärtige Mission des Gesandten
aus dem Liebehimmel keine Bedeutung. Da greifen Wesenheiten aus dem
Liebehimmel ein mit viel weitreichender praktischer Erfahrung ...“ „Danach gibt
es also auch im Liebehimmel noch Unterschiede durch Erfahrung.“ „Aber
selbstredend doch! Jeder, der in den Liebehimmel eingegangen ist, hat sich
doch diesen Zustand verdient durch Ringen und Handeln gemäß seiner
Veranlagung. Das Glücksgefühl im Liebehimmel ist überall unbegrenzt erhaben,
doch die unterschiedlichen Fähigkeiten bleiben etwas von jeder Seele Eigenerworbenes,
das jedem völlig gehört. Und im Liebehimmel wird niemandem etwas versagt, so
daß er seine Glückseligkeit bis zum Allerhöchsten steigern kann. Darum sind
Unterschiedlichkeiten auch im Liebehimmel vorhanden, aber nicht
Unterschiedlichkeiten im Glückseligkeitsempfinden an sich. Das kann bis zum
allerhöchsten Empfinden bei uns gesteigert und von jedermann erlebt werden.
Dafür ist er ja im Liebehimmel. Doch Beispiele aus eurem Erdenleben mögen
euch das hier Gesagte deutlicher werden lassen. Habt ihr auf Erden einmal das
Glücksempfinden eines Kindes gesehen, wenn die Eltern mit ihm spielen? Habt
ihr das Glücksgefühl einer Mutter beobachtet, wenn sie ihr Kindchen auf dem
Arm wiegt? Habt ihr die Freude der Eltern gesehen, wenn deren Kind einen
Erfolg zu verzeichnen hat? Oder stellt euch die innere Freude vor, wenn eine
geliebte Person aus Lebensgefahr gerettet werden konnte! Würde in solchen
Fällen jede der dabei in Betracht gekommenen Personen vielleicht mit einer
anderen tauschen? Und sie braucht es auch nicht. Das Glückseligkeitsgefühl an
sich ist stets das gleiche. Ist dir das klar, Fred?“ Fred nickte
nachdenklich mit dem Kopf. Er schien aber doch noch nicht voll befriedigt zu
sein. „Frage nur
ruhig, Fred, denn ich fühle, du hast noch mehr auf dem Herzen“, regte Gottlob
zu weiterem Fragestellen an. „Ja, du hast
recht! Es sind noch Fragen vorhanden, die ich gern stellen und beantwortet
haben möchte. Das Beispiel für die Hilfeleistung aus dem Liebehimmel hat mich
nicht so stark beeindruckt, wie du vielleicht angenommen hast. Das mag
freilich daran liegen, daß ich das wahre Wesen dieses Himmels noch nicht
richtig zu erfassen imstande bin.“ „Du hast da
vollkommen recht“, schaltete Gottlob ein, „denn das gesamte Betätigungsgebiet
dieses unseres Himmels auch nur einigermaßen überblicken zu können, ist
selbst uns, die wir schon längere Zeit (nach euren Zeitbegriffen) hier
weilen, manchmal noch nicht möglich. Wenn ich deinen Einwand richtig
verstehe, so hieltest du es geradezu — na sagen wir — für eine Art von
Kraftvergeudung, für einen Hilfsfall wie für den euch vorgeführten jemanden
aus dem Liebehimmel zu belästigen. Deiner Ansicht nach hätte so auch irgendein
gewöhnlicher Schutzengel handeln können. Diese Auffassung ist von deinem
Standpunkt aus verständlich, obgleich in dem euch gezeigten Falle viel mehr
Komplikationen vorhanden waren als euch wahrnehmbar werden konnten,
Komplikationen, deren Ursprung weit in der Vergangenheit zurückliegen und mit
früherem Existieren auf dieser eurer Erde und auf anderen Gestirnen zu tun
hatte, und mit Komplikationen, die aus dem wahrgenommenen Hilfswerk sich in
der Zukunft entwickeln können. Gerade dadurch, daß ein Helfer aus dem
Liebehimmel diese dir scheinbar so banal vorgekommene Hilfsaktion
durchführte, ist vieles, vieles für die Zukunft an Verwicklungen vermieden
worden. Das konnte aber nur geschehen, weil der Helfer aus dem Liebehimmel
für dieses Hilfswerk Gottes Kraft zur Verfügung hatte, die allein ihn
befähigte, die Komplikationen in der Vergangenheit und etwaige Komplikationen
für die Zukunft augenblicklich zu erfassen, was einem Schutzengel, als Helfer
aus einem tiefer stehenden Himmel unmöglich gewesen wäre.“ „Das ist mir
jetzt einleuchtend nach deiner nunmehrigen Erklärung“, gestand Fred zu, „doch
könntest du uns nicht mal noch einen anderen Fall sozusagen als Zuschauer
miterleben lassen, wo uns das Hilfswerk aus dem Liebehimmel dabei deutlicher
und verständlicher werden würde?“ „Gut, auch
das sollt ihr erfahren“, willigte Gottlob bereitwilligst ein. „Ihr werdet
jetzt etwas beobachten können, wobei euch die Erklärung dafür von allein
kommen wird.“ Damit änderte
sich die Umgebung, und Fred, Geigele und Aristos wurden Zeugen folgenden
Vorfalles: Ein
Ozeandampfer war im Untergehen begriffen. Die Passagiere hatten sich an die
Rettungsboote gedrängt, doch dort standen Matrosen mit geladenen Revolvern,
um nur die in die Boote zu lassen, die zuerst gerettet werden sollten, und
das waren Frauen und Kinder. Herzzerreißend waren die Szenen der Trennungen
von Familienvätern von ihren Frauen und Kindern. Es herrschte ein
entsetzliches Durcheinander. Unter denen, die sich nach den Rettungsbooten
drängten, sahen Fred, Geigele und Aristos viele unsichtbare Helfer, und zwar
nicht bloß solche aus dem Liebehimmel, sondern auch sogenannte Schutzgeister,
die sich derer anzunehmen suchten, für die sie Schutzengel waren. Die Helfer
aus dem Liebehimmel hielten sich aus dem herrschenden Wirrwarr fern. Doch ab
und zu griffen sie scheinbar wegweisend ein, und in solchen Fällen zogen sich
die Schutzgeister zurück. „Warum ziehen
sich denn die Schutzgeister zurück, sobald ein Helfer aus dem Liebehimmel
eingreift?“ fragte Geigele neugierig. „Deine Frage
ist berechtigt“, bemerkte Gottlob. „Siehe, die ersten, die bei einer
Katastrophe wie dieser zur Stelle sind, sind natürlich die Schutzgeister.
Doch viele von diesen sind noch nicht sehr weit entwickelt und können nicht
den ganzen Komplex von Aufgaben und Verantwortungen übersehen. Darum wachen
Helfer aus dem Liebehimmel bei Katastrophen wie dieser über den
Hilfsaktionen, die automatisch von den Schutzgeistern in Szene gesetzt werden.
Siehe z.B. hier: eine Frau mit ihren zwei Kindern wird in einem Rettungsboot
in Sicherheit gebracht. Doch die Schutzengel der Frau wissen nicht, daß eines
der beiden Kinder bereits weit fortgeschritten und reif für den Liebehimmel
ist. Sie entsetzen sich, weil eine Welle dieses Kind davonträgt und fühlen
sich schuldig, nicht genügend über dieses Kind gewacht zu haben, und doch ist
das nicht deren Schuld. Dieses Kind, dessen sich die Helfer aus dem Liebehimmel
sofort annehmen, ist reif für Weiterentwicklung in Regionen, die der Mutter
und dem anderen Kind noch verschlossen sind, weil sie noch nicht dementsprechend
fortgeschritten sind.“ „Mit anderen
Worten“, warf Fred ein, „die Boten aus dem Liebehimmel überwachen die
Rettungsaktion der Schutzengel, die noch nicht alle Konsequenzen überblicken
können.“ „So ist es,
Fred“, bemerkte Gottlob. „Und dann vergiß bitte nicht, daß wir hier im
Liebehimmel ganz andere Ein- und Fernblicke in irdische Verhältnisse haben
als eure Schutzengel auf Erden. Es ist mir leider unmöglich, euch mit allen
den unzähligen Möglichkeiten vertraut zu machen, die den Helfern aus dem
Liebehimmel zur Verfügung stehen. Könntet ihr das begreifen, euch würde eine
ganz andere Anschauung zuteil werden. Doch ihr würdet auch manches nicht
völlig verstehen und unrichtige Schlüsse daraus ziehen. Darum, lieber Fred
und ihr anderen, die ihr Fred begleitet, glaubt mir nur, wir hier im
Liebehimmel wissen ganz genau, was wir tun, wenn uns Gott mit einer
bestimmten Aufgabe betraut. Und ein solches Betrauen mit einer bestimmten
Aufgabe stellt eine der größten Seligkeiten für uns hier im Liebehimmel dar.
Stellt euch doch nur mal vor, falls ihr auf Erden in einem Königreich oder
gar Kaiserreich zu Hause wäret, euer König oder gar Kaiser würde euch sagen,
verrichtet in meinem Namen dies und das! Wie würdet ihr euch wohl geehrt
fühlen! Nun stellt euch mal unsere Gefühle vor, wenn Gott uns mit einer
Aufgabe betraut und damit Seine ganze göttliche Gewalt uns zur Verfügung
stellt. Wie würde euch wohl dabei zumute sein?“ „Genug“, schaltete
Fred ein. „Ich verstehe jetzt die Sachlage. Ich muß sagen, ich begreife, was
du uns klarmachen willst. Doch, noch eins! Was wird im Liebehimmel aus allen
denen, die in der Unendlichkeit des Weltenraums wirkliche Klarheit zu
gewinnen suchen? Ist solchen keine Möglichkeit im Liebehimmel gegeben,
wirklichen Einblick in die Verhältnisse des Weltenraumes zu gewinnen, wenn
doch die Wissenschaftler in dem unter euch befindlichen Weisheitshimmel, wer
weiß wie weit glauben, in den Weltenraum eingedrungen zu sein.“ „Lieber
Fred“, bemerkte dazu Gottlob, „ich kann deine Fragestellung sehr wohl
verstehen. Darum wollen wir einmal den Erlebnissen eines Astronomen folgen,
der durch seinen einwandfreien irdischen Lebenswandel das Eingehen in den
Liebehimmel verdient hat. Siehe nun folgendes:“ Damit öffnete
sich eine wunderbare Vista für Fred, Geigele und Aristos. Ein Astronom, der
in den Liebehimmel eingegangen war aufgrund seines absolut einwandfreien
Lebenswandels auf Erden, sah auf einmal den unermeßlichen Weltenraum vor sich
ausgebreitet mit allen den Myriaden von Sonnensystemen und den dazu gehörigen
Planeten, die um solche Sonnen kreisen. Er war überwältigt, besonders als er
erblickte, wie Sonnensysteme in sein Blickfeld rückten, deren Licht auch sein
geistiges Auge kaum auszuhalten vermochte. Doch immer wurde ihm in solchem
Falle klargemacht, daß er sich an solche Lichtfülle selbst zu gewöhnen hätte.
Und tatsächlich gewöhnte sich das geistige Auge des Astronomen auch immer
schnell an solche Lichtfülle. Und so nahm der Astronom im Liebehimmel Sonnen-
und Planetensysteme wahr, deren er auf Erden niemals hätte bewußt werden
können. Der betreffende Astronom wurde sich damit völlig klar darüber, was es
heißt, daß die Schöpfung ‚unendlich‘ in ihren Ausmaßen ist. Stets wieder
neue, immer weitere Sonnensysteme wurden wahrnehmbar, und manchmal dauerte es
sogar eine längere Zeit, ehe sich sein geistiges Auge an den Glanz der fernen
Sonnensysteme gewöhnt hatte. Nirgends jedoch fand der Astronom irgendeine
Grenze der Welten und Weltensysteme. „Hast du nun
einen wenigstens Meinen Begriff von den Ausmaßen und Möglichkeiten des
Liebehimmels erhalten“, fragte Gottlob. „O ja“, gab
Fred ehrlich zu. „Doch noch eins ist mir unfaßbar, nämlich wie die Bewohner
des Liebehimmels gewahr werden, daß ein Gott existiert.“ „Nun auch
das, lieber Fred, soll dir und deinen Begleitern bewußt werden, doch
erschreckt nicht darüber.“ Plötzlich
änderte sich die ganze Umgebung. Alles schien nur noch ein Lichtmeer zu sein.
Und inmitten dieses Glanzes war plötzlich Jesus sichtbar, so wie Fred,
Geigele und Aristos sich Jesus vorgestellt hatten. Der Glanz des Lichtes, der
von dieser Erscheinung ausging, blendete beinahe jeden, und man war froh, als
der Glanz nachließ und die Erscheinung Gottes, wie man es auffaßte, vorüber
war. „War das
wirklich Gott, Der uns in Seinem Lichterglanz erschien?“ fragte Fred weiter. „Ja und nein,
lieber Fred! Gott kann von keinem Sterblichen so erblickt werden, wie Er
wirklich ist. Doch jeder sieht Gott so, wie er sich Ihn vorstellt. Ihr habt
die Vorstellung gehabt, daß Gott in einem Meer von Licht erscheint. Nun, so
habt ihr Ihn auch gesehen. Andere, die sich Gott anders vorstellen, werden
Ihn nur so sehen, wie sie glauben, daß Gott ihrer Auffassung nach ist. Gott
in Seiner wirklichen Form und Gestalt wahrzunehmen, ist keinem geschaffenen
Geist möglich.“ Fred war
verstummt. Er wußte nicht mehr, was er fragen sollte. Auch Geigele und
Aristos waren schweigsam geworden. Da nahm
Gottlob noch einmal das Gespräch auf und bemerkte: „Da ihr nun einmal im
Liebehimmel seid, den es gibt, so sei euch als eine bleibende Erinnerung auch
noch selbst ein Einblick in Gottes unendliche Schöpfung gewährt. Bitte, folgt
mir!“ Damit begab
sich Gottlob nach einer Art von Galerie, wohin ihm Fred, Geigele und Aristos
willig folgten. „Nun seht“,
begann Gottlob auf den Blick von der Galerie in die Unendlichkeit des Raumes
deutend. „Hier habt ihr einen Teil der unendlichen kosmischen Schöpfung vor
euch, nämlich den Teil, den ihr zu fassen vermögt. Es gibt dann auch noch
andere Schöpfungen in dem von euch wahrnehmbaren Raum, doch diese bleiben
euch so lange verschlossen, als ihr nicht fähig seid, sie zu begreifen,
obgleich sie manchmal in eure Schöpfung hineinwirken und Verhältnisse und
Umstände herbeiführen, die ihr nicht zu erklären versteht und sie darum
einfach als ‚Zufall‘ bezeichnet.“ Fred, Geigele
und Aristos blickten nun, von einer Art von Galerie in eine Unendlichkeit
hinein, die ihnen zunächst völlig schwarz und Schrecken einjagend anmutete.
Je länger sie jedoch in diesen Weltenraum hineinblickten, desto lichter wurde
alles. Sie sahen auf einmal Sonnensysteme, um die sich Planeten drehten, und
zwar so, daß sie deren Drehungen wahrzunehmen vermochten. Dann sahen sie
Sonnen, deren Licht sie völlig zu blenden schien. Sie wandten daher ihren
Blick weg. Doch da
hörten sie die Stimme Gottes: „Blickt auch ihr wie vorhin der Astronom nur
ruhig hinein, euer Auge wird sich allmählich daran gewöhnen!“ Fred, Geigele
und Aristos taten das auch. Sie empfanden zwar Schmerzen von der Lichtfülle,
hielten aber aus und auf einmal hatte sich auch deren geistiges Auge an die
Lichtfülle gewöhnt. Was sich ihnen nun bot, war von unbeschreiblicher Pracht.
Sie sahen auf den Planeten ferner Sonnensysteme Menschen leben wie auf unserer
Erde, nur schienen diese glücklicher und zufriedener wie die Erdenmenschen zu
sein. Auf einigen Planeten sahen sie Menschen von unbeschreiblicher Schönheit
und prächtiger Gestalt, auf anderen aber wieder Menschen, die von einer
gewaltigen Sehnsucht beseelt waren nach etwas, wovon sie nur eine dumpfe
Vorstellung hatten, doch überall sahen sie Leben, Streben, Forschen und Drang
nach Glückseligkeit. Soviel Aufschluß und Einblick wurde ihnen zuteil, daß
sie wie gelähmt von allem waren, was ihnen geboten wurde. Gottlob freute sich
über den Genuß, den er seinen Besuchern bereitet hatte. Als diese sich von
all dem, was sie sahen und erfahren hatten, abwandten und damit wieder
Gottlobs ansichtig wurden, fragte dieser: „Nun, liebe
Freunde, was mehr wollt ihr nun noch sehen und erfahren?“ Da mischte
sich Geigele ein mit der Frage: „Lieber Gottlob! Da wir nun im Liebehimmel
sind, wäre es nicht möglich, wenigstens einen Abglanz von Gott zu gewinnen?“ „O ja, das
ist schon möglich“, erwiderte lächelnd Gottlob, „doch erschreckt nicht.“ Auf einmal
hatten Geigele, Fred und Aristos das Gefühl, als ob sie in ein Meer von
unbeschreiblichster Wonne untergetaucht wären, eine Wonne, die sich nicht
beschreiben läßt, sondern selbst erlebt sein muß. Dabei hatten alle drei das
Empfinden, daß sie alles, was ihnen gerade als Gedanke durch den Kopf ging,
zu gleicher Zeit von Anfang bis zum Ende umfassend begriffen. Das war so
etwas vollkommen Neues für alle, daß sie verwirrt wurden. Außer dem kam es
ihnen so vor, als ob sie sich langsam aufzulösen begännen, ohne aber ihr
Bewußtsein als Individuum zu verlieren. Es war ein Zustand, der sie jedoch
immer mehr und mehr zu ängstigen und zu quälen begann, zumal das Meer der
Wonne, in dem sie schwammen, immer heller und heller wurde und sie fast zu
verbrennen schien. Immer stärker wurde der Wunsch, aus diesem Abglanz Gottes
wieder herausgezogen zu werden, da sie spürten, sie waren noch lange nicht
reif dafür. Auf einmal
befanden sie sich wieder vor der bescheiden gehaltenen Hütte, in der Gottlob
seine himmlische Heimstätte hatte. Aristos, Geigele und Fred durchdrang immer
noch ein Gefühl unbeschreiblicher Wonne. „Nun, habt
ihr noch eine Frage?“ ermunterte Gottlob zu weiterem Fragestellen. Aristos und Fred
verneinten das, doch Geigele warf, als, wie sie sagte, letzte Frage noch ein:
„Spürten wir den Abglanz Gottes, weil Gott tatsächlich neben uns stand?“ „Gott ist,
wie du weißt, überall gegenwärtig. Er ist ja allgegenwärtig. Euer Wunsch,
einen Abglanz von Gott zu empfinden, machte euch die stete Gegenwart Gottes
nur plötzlich wirklich fühlbar, doch auch nur so weit, wie ihr fähig seid,
sie ertragen zu können. Gott selbst kann — ich wiederhole es — kein
geschaffenes Wesen wahrnehmen, denn es würde sich sofort in nichts auflösen,
selbst sein individuelles Erlebnisbewußtsein, freilich ohne dabei zu
vergehen. Nun erschreckt darüber nicht. Unter diesem Sichauflösen ist
verstanden, daß jedes Individualbewußtsein in einen Zustand übergehen würde,
der für keinen von euch verständlich und begreiflich erklärt werden könnte,
weil euch etwas Ähnliches absolut unbekannt ist. Der Zustand könnte nur
indirekt beschrieben werden, etwa so, wie die Inder ihr Nirwana zu erklären
versuchen, indem sie alles uns irgendwie Bekanntes anführen und hinter jedem
betonen, daß es das nicht ist, so daß vom Nirwana scheinbar nur das ‚Nichts‘
übrig bleibt, was aber nicht der Fall ist, denn dieses ‚Nichts‘ ist die
allergrößte Fülle. Mehr kann euch leider nicht gesagt werden, zumal auch wir im
Liebehimmel nicht mehr darüber wissen. Aber beim tiefen Meditieren über das
hier Angedeutete, kann einem hier im Liebehimmel freilich doch manches noch
verständlicher werden. Aber dieses zu erläutern, dafür fehlen jeder Sprache
die rechten Wort-Begriffe.“ Es trat eine
Pause ein, die diesmal auch Gottlob nicht unterbrach. Nach einer
Weile schienen sich die drei Besucher wie zu sammeln und darauf zu warten,
aus dem Liebehimmel irgendwie hinausgeleitet zu werden. Weil das aber nicht
geschah, bemächtigte sich ihrer eine gewisse Unruhe, der Aristos Ausdruck
verlieh mit den Worten: „Wir danken dir aufrichtig, lieber Bruder Gottlob,
für deine Erläuterungen und Erklärungen. Obgleich wir eigentlich nur
sozusagen Stichproben von den Verhältnissen im Liebehimmel erhielten, so habe
ich — und ich glaube wohl auch Geigele und Fred — doch das innere Empfinden,
daß wir gar nicht in der Lage sein würden, mehr zu begreifen.“ „Da hast du
recht“, stimmte Gottlob bei, „zumal ihr drei in den Liebehimmel erst gekommen
seid — und es war die rechte Art der Einführung — nachdem ihr durch die
unteren Himmel, vor allem durch den Weisheitshimmel geführt worden seid. Die
wahre Natur des höchsten — des Liebehimmels — ist für euch und jeden noch auf
Erden lebenden Menschen so schwer verständlich, weil die meisten von euch
nicht begreifen können, welche ungeahnte Wonnen darin ruhen, daß man nichts
mehr wünscht und sogar immer glücklicher wird, je weniger man begehrt. So
geht man ganz allmählich vollkommen in Gottes Willen ein, und wir werden die
rechten Helfer Gottes.“ „Habt ihr
Bewohner des Liebehimmels gar keine Wünsche und Begehren mehr?“ „O doch, aber
solche Wünsche können immer gleich erfüllt sein, da in uns hier im
Liebehimmel niemals etwas als Wunsch auftauchen könnte, dem irgendwelche
sündige Schwäche anhaftete, wie z.B. sich an jemanden rächen, jemanden
benachteiligen oder etwas Ähnliches antun zu wollen. Alle solche Wünsche
treten an niemanden hier im Liebehimmel mehr heran. Darum kann jeder Wunsch,
der hier im Liebehimmel bei jemandem auftaucht, stets sofort erfüllt werden.
Doch wir merken bald, daß das unsere Seligkeit nicht vergrößern kann. Die
Seligkeit, die hier im Liebehimmel für niemanden von uns auch nur die
geringste Begrenzung hat, kann für uns immer nur vergrößert werden, je
weniger wir an uns denken, um desto mehr uns um andere bemühen zu können. Da
diese Kenntnis und diese Einstellung bei jedem Bewohner des Liebehimmels
vorherrschend ist, so wird die Seligkeitsaura hier im Liebehimmel dauernd
dadurch vergrößert, daß jeder sich nur immer um den anderen bemüht und der
andere das ja auch für einen selbst tut. Dadurch, daß hier kein Bewohner des
Liebehimmels etwas für sich, sondern immer nur für die anderen will, wird
jener unbegreiflich herrliche Zustand der Glückseligkeit hervorgerufen, der
sich nur vergrößern, jedoch niemals mehr verringern kann. Wenn die Menschen
auf Erden diesbezüglich erzogen würden und danach auch handelten, sich immer
nur helfend um den Mitmenschen zu bemühen, die Erde könnte wieder zum
Paradies werden, selbst wenn auch nicht solche beseligende Zustände
geschaffen werden könnten wie sie nur hier im Liebehimmel erreicht werden.
Aber wirklich schön könnte eure Erde doch werden.“ „Da wir alle
drei fühlen“, nahm darauf Aristos das Gespräch wieder auf, „daß uns doch
nicht mehr verständlich werden könnte als was wir von unserem bisherigen
Weilen im Liebehimmel erfahren haben, so denken wir, daß es vielleicht an der
Zeit für uns ist, den Liebehimmel zu verlassen. Wir danken dir, lieber
Gottlob, für Deine Hilfe im Erklären der Zustände in diesem höchsten Himmel.
Nur gewundert hat es z.B. mich, daß wir von den Bewohnern des Liebehimmels
eigentlich nur dich so richtig kennen lernten. Warum halten sich alle anderen
Bewohner von uns fern?“ „Sie tun es
ja aber gar nicht!“ antwortete lächelnd Gottlob. „Ihr seid von ihnen umgeben,
doch sie mischen sich nur nicht in unser Gespräch ein, weil sie fühlen, daß
ich euch ganz richtig belehre und daß sie euch auch nichts anderes sagen oder
zeigen könnten. Ihr seid durchaus nicht von den anderen Bewohnern des
Liebehimmels abgesperrt oder abgeschlossen.“ „Nochmals
vielen Dank, lieber Bruder Gottlob. Vielleicht geleitest du uns fort von
hier.“ „Das ist
nicht nötig. Ihr werdet von allein gleich wieder in eine andere Sphäre
zurückversetzt sein. Doch laßt mich euch noch folgende Geleitworte mit auf
den Weg geben: Ihr habt nun bereits einmal im Liebehimmel geweilt. Die hier
empfangenen Eindrücke haben sich in eure Seele viel tiefer eingeprägt und
euer geistiges Verständnis viel stärker geweitet als ihr ahnt. Ihr werdet
alle einst auch hierher kommen, und da wird euch das, was ihr bei eurem nunmehrigen
Besuch schon ahnend zu empfinden bekommen habt, von großem Nutzen sein. Und
auf eurem Weg von dort, wo ihr noch hingehört — wie du, Aristos, in die
höheren Sphären des Mittelreiches als Schutzgeist, und du, Fred, als
fortschreitender Geist dortselbst, und du Geigele, als eine Botin aus den irdischen
Sphären — herauf zu uns, wird euch stets ein unklares, aber doch deutlich
wahrnehmbares beglückendes Gefühl überkommen, sobald ihr über eure Zukunft
meditiert. Der Besuch hier im Liebehimmel hat etwas bei euch hinterlassen,
das nicht mehr ausgelöscht werden kann.“ Nach einer
Pause fuhr Gottlob fort: „Und nun zum Abschied einige Aufklärungen für euch:
Du, Aristos, wirst zuerst in den Liebehimmel eingehen. Fred wird im
Mittelreich auf Geigele noch warten, und Geigele selbst wird auf Erden noch
etwas durchzumachen haben, was sie tief erschüttern dürfte. Es ist das, sozusagen,
die völlige Ablösung von irdischen Gebundenheiten, was durch die bösen
Erfahrungen, die sie noch durchzumachen haben wird, erfolgt. Geigele hat eine
große Mission mit ihrem somnambulen Wandern durch die endlosen Weiten des
Jenseits erfüllt. Denn all das, was sie erlebte, ist ja aufgezeichnet worden
und wird einmal von Tausenden gelesen werden können, unter denen es dann
viele geben wird, die inneren Frieden finden und den Tod nicht mehr fürchten
werden. Nun lebt wohl!“ Und damit
ging plötzlich eine allgemeine Änderung vor sich. Alles schien sich zu drehen
und durcheinander zu wirbeln. Geigele besonders hatte das Gefühl zu fallen,
immer schneller und schneller. Auf einmal schien das Fallen aber aufzuhören
und es war ihr, als ob sie Stimmen um sich hörte, doch konnte sie sich noch
nicht bewegen. Sie hörte aber deutlich die Stimme ihrer Mutter: „Herr Doktor,
was ist denn bloß los? Geigele atmet ja gar nicht mehr!“ Geigele
empfand, daß sich Dr. Lehmann über sie beugte und den Herzschlag abhörte.
Dann schien sich der Arzt aber wieder aufzurichten und erklärte der besorgten
Mutter in ruhigem Ton: „Ängstigen Sie sich nur nicht. Ihrer Tochter ist
nichts geschehen. Doch diesmal erwacht sie anders wie sonst aus ihrem somnambulen
Schlaf. Ich denke, sie wird bald die Augen öffnen.“ Und so war es
auch. Geigele wachte auf, sah ihre Mutter, Dr. Lehmann und Herrn McCook vor
ihrem Bett stehen mit besorgten Mienen. Da mußte sie unwillkürlich lächeln.
Ihre Mutter beugte sich über sie und küßte sie. Nun wurde Geigele ganz wach.
Sie richtete sich hoch, sah jeden der um ihr Bett Stehenden freundlich an,
streckte sich, als ob sie aus einem tiefen gesunden Schlaf erwacht wäre und
bemerkte: „Ich fühle mich so frisch, habe keinerlei Schmerzen und möchte
sofort aufstehen.“ Ihre Mutter
wollte sie davon abhalten, doch Dr. Lehmann ermutigte Geigele dazu. Dr.
Lehmann und Herr McCook verließen das Zimmer, wo die Mutter ihrer Tochter
beim Ankleiden half. „Was halten
Sie von Geigeles heutigem Benehmen?“, fragte Herr McCook den Arzt. „Es scheint
mir so, als ob sich Geigeles somnambuler Zustand gänzlich behoben hätte. Es
dürfte mich nicht überraschen, wenn Geigele von jetzt ab ein ganz normales
junges Mädchen werden würde. Sie scheint die Aufgabe, die sie zu lösen hatte,
durchgeführt zu haben. Darauf lassen auch ihre letzten Äußerungen schließen,
ehe sie aufwachte.“ Und so war es
auch. Geigele gesundete vollständig, hatte anfänglich keinerlei somnambule
Anfälle mehr und half ihrer Mutter rüstig im Haushalt. Nur wenn sie sich zum
Verrichten von Handarbeiten niedersetzte, kam sie in eine Art von traumhaftem
Zustand, in dem sie manchmal völlig entrückt zu sein schien. Aber was sie
dabei entweder wach-träumend oder meditierend empfand, behielt sie für sich.
Niemand fragte sie auch taktvoll danach. Man wollte sie völlig gesunden lassen.
Und das geschah. Geigele wurde ganz frisch und lebhaft. Nur manchmal lag ein
Schimmer von Verträumtheit über ihrem Wesen, der sie in ihrem Ernst oft wie
eine Art von Verklärte erscheinen ließ. Allmählich stellte sich wieder die
Gabe des Hellsehens und Hellfühlens ein, so daß sie oft hinter Besuchern
deren Schutzengel stehen sah und auch fühlte, wenn solchen eine Gefahr in
naher Zukunft bevorstand. (Ende des zweiten Teiles) Dritter TeilIn diesem dritten
Teil des Lebensbildes einer medial Veranlagten werden die letzten Lebensjahre
Geigeles geschildert, die voll bitterer Enttäuschungen und trauriger
Erlebnisse war. Sie werden in Nachfolgendem eingehender beschrieben, um
erstens das Lebensbild Geigeles vollständig zu geben, und zweitens, um allen
daran Interessierten zu zeigen, daß das irdische Leben von gottbegnadeten
Menschen wie Somnambulen, Sehen usw., meistens nicht leicht ist, und zwar
hauptsächlich deswegen, weil sie von Natur sensitiver und daher seelisch
geöffneter für Einflüsse sind, die robuste Naturen überhaupt nicht spüren
mögen. So floß das
Leben für die drei Bewohner des hübschen Wohnhauses von McCook, nämlich für
diesen selbst, für Geigeles Mutter, Frau Schreiber, und für Geigele ruhig
dahin. Sie lebten alle sehr zurückgezogen und hielten sich im Sommer viel im
schönen Garten des Grundstücks auf, so daß Geigele frisch und gesund wurde.
Der einzige Gast, der die drei Genannten öfter besuchte, war Dr. Lehmann,
der, wenn immer er Zeit in seinem Beruf fand, eingehendst die von ihm während
Geigeles somnambulen Erlebnissen gemachten Aufzeichnungen durcharbeitete und
ordnete. Er brachte bei seinen Besuchen die so durchgearbeiteten
Aufzeichnungen mit, und las sie zur Beurteilung vor. Nur selten brauchte er
etwas hinzuzufügen oder zu verbessern. Geigele hörte beim Vorlesen meistens
aufmerksam zu und saß manchmal wie geistesabwesend da, gleich als ob sie das
Vorgelesene nochmals miterlebte. „Kannst du
dich auf all das hier Niedergeschriebene beim Vorlesen noch erinnern,
Geigele?“ fragte einst Dr. Lehmann neugierig. Seit Geigele im somnambulen
Zustand Dr. Lehmann mit ‚du‘ angeredet hatte, gebrauchte dieser in der Anrede
ebenfalls das ‚du‘. „O ja“,
erwiderte die Gefragte. „So genau kann ich mich beim Zuhören auf die Zustände
im Jenseits noch erinnern, daß ich jedes Erlebnis fast deutlich spüre und ich
mich nochmals in alles hineinversetzt glaube.“ „Möchtest du
nicht lieber wieder dort sein, wo es so schön war?“ „Selbstverständlich,
doch ich spüre es, ich könnte in manchen der herrlichen Gegenden noch nicht
bleiben, da ich noch nicht ‚reif‘ dafür bin.“ „Wie fühlst
du das?“ „Es ist, als
ob mich etwas mit unsichtbaren Armen hier noch zurückhält, weil ich noch
nicht alles erledigt habe, was ich in diesem irdischen Leben zu erledigen
habe.“ „Ja, aber was
kann denn das sein, was du noch nicht erledigt hast, Geigele?“ mischte sich
Frau Schreiber ein. „Fred wartet
doch im Jenseits auf dich, wie du weißt“, fügte Herr McCook noch hinzu. „Ich weiß,
ich weiß das alles“, antwortete Geigele hastig wie abwehrend, „und doch ist
irgendwo und irgendwie etwas vorhanden, was mich — und ich spüre es — noch
hier auf der Welt zurückhält. Es hängt an mir wie eine Kette, mit der ich
noch für eine Weile an diese Erde gefesselt bin.“ Inzwischen
war der Herbst gekommen, der gerade im Nordwesten des Landes von einer
unbeschreiblichen Pracht und Herrlichkeit ist. Es herrscht dann meistens
Sonnenschein, und die Herbststürme, wie man sie in Europa hat, setzen
gewöhnlich erst mit dem Frühwinter ein. Dieser bezaubernd schöne Herbst, der
alles wie mit einer Verklärung übergießt, dauert oft sechs bis sieben Wochen,
wobei es freilich vorkommen mag, daß morgens manchmal die Temperatur schon
bis unter den Gefrierpunkt absinkt, gegen Mittag aber wieder zu sommerlicher
Wärme ansteigt. Während
dieser herrlichen Herbsttage machten Dr. Lehmann und Geigele, wenn es des
ersteren Zeit erlaubte, nachmittags manchmal Spaziergänge in die liebliche
Hügellandschaft in der Umgebung, die infolge des in herbstlichen Farbentönen
leuchtenden Laubes der Wälder einen entzückenden Anblick boten. Dem Auge von
Geigeles Mutter war es nicht entgangen, daß sich Dr. Lehmann stark für ihre
Tochter zu interessieren schien. Geigele merkte das wohl nicht, denn sie blieb
ihrem Begleiter gegenüber stets die gleiche. Einmal spielte Dr. Lehmann
indirekt auf seine Gefühle für Geigele an und machte bei einem der
Spaziergänge zu ihr die Bemerkung: „Sag‘ mal, Geigele, du hast zwar deinen
Lebensgefährten im Jenseits, wie ich sehr wohl weiß, doch willst du, solange
du noch auf Erden weilst, nicht heiraten?“ Geigele sah
Dr. Lehmann so erstaunt an, daß dieser sich fast schämte, diese Frage
gestellt zu haben. Nach langem
Zögern antwortete Geigele: „Sieh mal, Dr. Lehmann, mit zwei Menschen, die
zueinander gehören, wie zum Beispiel Fred und ich, hat es eine ganz eigene
Bewandtnis. Es ist, als ob wir eine geschlossene Einheit darstellen. Für mich
war es schon bei Freds Lebzeiten so, daß er für mich alles bedeutete,
geradezu ein Stück meines eigenen Lebens war. Niemals haben wir Streit
gehabt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein solcher überhaupt hätte entstehen
können. Alles, was Fred mir sagte war für mich einfach so, daß es gar nicht
anders hätte sein können. Für mich hatte Fred immer recht, und Fred gestand
mir, kurz ehe er ins Feld zog, daß er, sobald er mit mir zusammen war,
niemals etwas Unwahres hätte sagen können. Es war, als ob jeder von uns den
anderen genauso kannte wie sich selbst. Unsere Liebe war eine einfache Selbstverständlichkeit.
Es konnte für uns gar nicht anders sein. Und dabei war unsere Liebe keine
leidenschaftliche. Es war dafür aber eine Liebe von solch unvorstellbarer
Tiefe, Harmonie und einem solchen ineinander Verschmolzensein, daß nichts,
aber auch einfach gar nichts, uns je hätte auseinanderbringen können. Unsere
Liebe trug einen beinahe überirdischen Charakter.“ Als Geigele
daraufhin schwieg, schritten beide für eine Weile schweigend nebeneinander
her, wobei Geigeles Züge wie verklärt erschienen. Endlich
raffte sich Dr. Lehmann wieder zusammen und ließ die Bemerkung fallen: „Wie
denkst du über mich, Geigele?“ Geigele
blieb, wie aus einem schönen Traum aufgeschreckt, erschrocken stehen. Zum
ersten Mal schien ihr zu dämmern, daß sich Dr. Lehmann für sie auch als
weibliches Wesen und nicht nur für sie als Somnambule interessiere. Nach
einer Pause antwortete sie langsam: „Dr. Lehmann, du bist mir sehr, sehr
sympathisch und ich fühle mich bei dir absolut geborgen. Doch dieses Gefühl
ist ein ganz anderes als das, was ich für Fred empfinde. Ich schätze dich,
bewundere dein Wissen und bin stolz darauf, dich als einen Freund zu haben,
auf den ich mich verlassen kann, doch das ist alles!“ Damit wurde
das Gespräch abgebrochen und man unterhielt sich während des Restes des
Spazierganges meistens nur noch über das hübsche Herbstwetter. Die Motive
für die Abweisung, die Dr. Lehmann von Geigele erhalten hatte, schien dieser
zu verstehen und würdigte sie auch, denn er besaß einen durchaus vornehmen
Charakter. Es trat daher auch keine Erkaltung in den freundschaftlichen
Gefühlen zwischen Dr. Lehmann für Geigele, für ihre Mutter und für Herrn
McCook ein. Der Winter
war diesmal streng. Schon frühzeitig hatte sich der Mississippi mit Eis
bedeckt. Etwa drei Wochen vor Weihnachten setzte jedoch auf einmal für
mehrere Tage Tauwetter ein. Der Schnee begann sogar unter den warmen
Sonnenstrahlen wegzuschmelzen. Es war, als ob mitten im Winter der Frühling
ins Land gezogen wäre. Dieses Wetter
veranlaßte Herrn McCook, der behauptete, solche seltsame Witterung hier oben
im Norden noch nie erlebt zu haben, einen Spaziergang in die Hügel zu
unternehmen, um — wie er sagte — zu sehen, wie die Natur auf diesen
scheinbaren Frühling im Winter reagierte. Frau
Schreiber warnte Herrn McCook, der ja nicht mehr der Jüngste war, sich vor
Erkältung zu hüten, zumal er gerade erst eine solche glücklich überstanden
hatte. „Unsinn“,
wehrte Herr McCook ab, „ich bin doch kein Kind mehr und weiß, wie weit ich
gehen kann. Ich werde schon nichts übertreiben, auch wenn heute früh die
Sonne noch so warm schien, bis sich der Himmel mit dickem Gewölk bedeckt hat.
Jetzt ist es ja auch ganz windstill und so sehe ich weiter keine Gefahr.“ Als er vor
die Haustür trat, machte er einen tiefen Atemzug, als ob er die herrliche
Luft voll in seine Lungen aufnehmen wollte und bemerkte zu Frau Schreiber,
wobei er sich zu ihr nochmals umwandte: „Ich weiß nicht, mir ist heute so
unbeschreiblich leicht zu Mute. Mir ist, als ob ich fliegen könnte und als ob
alle Himmel sich für mich geöffnet hätten.“ Geradezu
leichtbeschwingt trat McCook seinen geplanten Spaziergang an, während ihm
Frau Schreiber nachdenklich nachblickte. Plötzlich überkam sie das Gefühl,
daß Herr McCook vielleicht ihre Hilfe benötigen könnte. Sie zog schnell ihren
Mantel an und folgte ihm unauffällig. Sie wußte sowieso welche Gegend der
Hügelkette Herr McCook mit Vorliebe aufzusuchen pflegte. Geigele wollte ihre
Mutter begleiten, doch wehrte diese ab, da Geigele gerade eine leichte Halsentzündung
hinter sich hatte. Als Herr
McCook die Hügelkette erreicht hatte und sich auf dem Fußweg befand, der
hügelan führte, fing es an zu regnen. Der Regen wurde immer stärker, so daß
Herr McCook beschloß umzukehren. Auf dem Rückweg begegnete er Frau Schreiber,
die ihm gestand, nachgegangen zu sein, weil sie das Gefühl gehabt hätte, daß
ihm Gefahr drohe. Währenddessen
hatte sich Nordwind erhoben, der zum Sturm wurde, ehe beide Wanderer die
ersten Häuser des Städtchens erreichten. Gleichzeitig war der Regen in Schnee
übergegangen und es wurde plötzlich kalt. Herr McCook und Frau Schreiber
hatten stark gegen den Sturm und das Schneetreiben anzukämpfen. Die Straßen
waren wie verlassen und die Nässe auf dem Straßenpflaster war unter dem
Einfluß des Nordwinds zu gefährlichem Glatteis geworden, das nun bereits mit
einer dünnen Schneeschicht überzogen war. Beim Überqueren der Straße glitt
Herr McCook auf einmal auf dem eisigen Pflaster aus und fiel, wobei er stark
auf das Pflaster aufschlug. Als Frau Schreiber ihm wieder aufhelfen wollte, konnte
sich der Gefallene nicht erheben. Frau
Schreiber wußte im Augenblick nicht, was sie tun sollte. Der Schnee wirbelte
um sie herum, der Nordwind heulte und ihre Hände fingen vor Frost an zu
erstarren. Da sah sie durch den Schneesturm eine Gestalt auf sich zukommen.
Es war Dr. Lehmann, der gerade wieder einen Besuch bei McCook abstatten
wollte. Er merkte
sofort, daß sich der Hingefallene beim Sturz die Hüfte gebrochen hatte und
ersuchte Frau Schreiber, in ein nahes Geschäft zu gehen und das Hospital
anzurufen. Die Polizei
war schnell zur Stelle und transportierte McCook, nachdem sie ihn sorgfältig
aufgehoben hatte, auf Dr. Lehmanns Rat zunächst nach seinem nicht mehr weit
entfernten Heim. Wie sich bei
der Untersuchung herausstellte, war der Bruch nicht so gefährlich als wie man
anfangs vermutet hatte. Dr. Lehmann veranlaßte das Anlegen eines
Gipsverbandes vom Hospital aus, hielt aber die Überführung des Verunglückten
nach dem Hospital selbst nicht für nötig. „Ist Herr
McCook schwer verletzt?“ fragte Frau Schreiber besorgt Dr. Lehmann, den sie
bei dem inzwischen zu einem schweren Blizzard angewachsenen Schneesturm nicht
fortgehen lassen wollte, sondern das Gastzimmer für ihn zum Übernachten
herrichtete. „Das glaube
ich nicht, doch der Bruch ist in McCooks Alter nicht das Gefährliche, sondern
die Komplikationen, die einsetzen können, wie z.B. Lungenentzündung!“ Und so war es
auch. Herr McCook erkrankte schwer an Lungenentzündung, die schließlich nach
achttägigem Krankenlager zu seinem Ableben führte. Inzwischen
hatte aber eine starke Kältewelle eingesetzt und das Thermometer war bis auf
45 Grad Kälte gesunken. So konnte die Leiche McCooks nicht
gleich beigesetzt werden, sondern mußte vorläufig in der Leichenhalle auf dem
Friedhof untergestellt werden, bis wieder wärmeres Wetter einsetzte, so daß
dann ein Grab neben der Grabstätte seiner Frau geschaufelt werden konnte, da
der Boden zur Zeit zu tief gefroren war. McCook hatte
sein Haus Mutter Schreiber und deren Tochter Geigele hinterlassen und ebenso
eine Rente für beide ausgesetzt. Auf Wunsch von McCook während dessen letzten
Lebenstagen war Dr. Lehmann in McCooks Haus übergesiedelt und führte von dort
aus seine Praxis durch. McCook hatte das so gewünscht, damit die beiden
Frauen nicht allein und verlassen zu sein brauchten. Schließlich
ging aber auch dieser Winter — der als einer der kältesten und
schneereichsten in der Geschichte von Waterville galt — vorüber. Dr. Lehmann
hielt jetzt in einem dafür hergerichteten besonderen Zimmer des Frau Schreiber
und ihrer Tochter Geigele vermachten Hauses seine Sprechstunden ab, während
der lange Korridor als Wartezimmer hergerichtet war. Um sich zu betätigen,
hatte Geigele Dr. Lehmann gebeten, ihm mit Handreichungen bei seiner Arbeit
helfen zu können, worüber dieser sich sehr freute. Frau Schreiber widmete
sich dagegen ganz der Pflege des Gartens und verrichtete im übrigen — dabei
ebenfalls von Geigele unterstützt — die Hausarbeit. So vergingen
die nächsten drei Jahre nach McCooks Tod ziemlich ereignislos mit der
geschilderten Routinearbeit. Wenn Dr. Lehmann über Land gerufen wurde,
begleitete Geigele ihn öfter bei seinen Krankenbesuchen bei Farmern in der
Umgebung. Das brachte etwas Abwechslung in den Alltag, der aber von allen
dreien durchaus nicht als langweilig oder geisttötend empfunden wurde, da
jeder verstand, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Und hatte man Zeit, so
holte Dr. Lehmann seine Aufzeichnungen über Geigeles somnambule Erlebnisse
hervor und man las diese immer wieder mal zusammen durch und besprach sie. Da, abermals
zu Winterbeginn des vierten Jahres, nachdem Geigeles somnambules Erleben
aufgehört hatte, erkrankte plötzlich Frau Schreiber. Dr. Lehmann konnte nicht
recht feststellen, was ihr fehlte, doch sie wurde immer schwächer und schwächer
und schien allmählich hinzusiechen. Eines Tages
bat sie Geigele: „Weißt du, ich habe das Gefühl, daß ich nicht mehr lange
lebe. Schreibe doch an Joseph und Magdalena in Chicago, daß ich sie gern noch
einmal sehen möchte.“ „Ich will das
sofort tun, doch du weißt ja, liebe Mutter, daß bisher alle unsere Briefe an
sie immer unbeantwortet blieben.“ „Das weiß
ich, doch schreib noch einmal.“ Geigele tat
es, aber der Brief blieb unbeantwortet. Es wurde
erneut geschrieben, doch wieder traf keine Antwort ein. Frau
Schreiber wurde unruhig. Da erklärte sich Dr. Lehmann bereit, wenn er nächste
Woche nach Chicago zu einer Ärztekonferenz fahren würde, entweder Joseph oder
Magdalena aufzusuchen und ihnen den Wunsch der Mutter zu unterbreiten. Und so
geschah es auch, doch gleichfalls ohne allzu großen Erfolg. Dr. Lehmann
konnte nur feststellen, daß beide Geschwister Geigeles, sowohl Joseph wie
auch Magdalena, nicht mehr unter der Adresse wohnten, die Frau Schreiber
hatte. Dort jedoch, wo Magdalena angeblich wohnen sollte, erfuhr er die
Arbeitsstelle Josephs. Als er sich dahin begab, fand er das Lokal — es schien
irgendein Club zu sein — geschlossen. Wie er in der Nachbarschaft erfuhr,
wurde das Lokal immer erst so gegen 8 Uhr abends geöffnet, da es ein
Nachtlokal war. Dr. Lehmann hatte jedoch nicht Zeit, bis zum Abend zu
bleiben, notierte sich aber die Adresse. Dorthin
schrieb nun Geigele auf Mutters ausdrücklichen Wunsch nochmals, und diesmal
erhielt man Antwort. Sie war zwar recht kurz, aber doch wenigstens eine Antwort.
Es hieß einfach, daß er, Joseph, und Magdalena, nächste Woche mit Rudi in
dessen Auto nach Waterville kommen würden, da sie in St. Paul sowieso etwas
geschäftlich zu erledigen hätten. Am Donnerstag
der darauf folgenden Woche fuhr vor dem Haus in Waterville ein elegantes Auto
vor, dem zwei Männer und eine sehr vornehm gekleidete Dame, alle drei in
Pelzen, entstiegen. Es waren Joseph, Magdalena und Josephs Freund Rudi. Joseph
begrüßte seine Mutter herzlich. Magdalena dagegen verhielt sich sehr
reserviert. Die Gäste erklärten, daß sie sich nur kurze Zeit aufhalten könnten,
da sie abends noch in St. Paul sein müßten. Das Gespräch
kam nur langsam in Gang. Man wußte nicht recht, über was man sich unterhalten
sollte, hatte man sich doch schon seit langem nicht mehr gesehen. Eine gewisse
Scheu hielten Frau Schreiber und Geigele davon ab, direkte Fragen an die
Besucher zu stellen. Es war eine Scheu, die mehr einer Angst glich,
vielleicht etwas Unerfreuliches hören zu müssen. Geigele
servierte Kaffee und Kuchen — zum Abendessen zu bleiben wurde entschieden
abgelehnt — und man unterhielt sich so zwanglos wie möglich weiter. Dr.
Lehmanns Sprechstunden waren abgelaufen und er kam, um ebenfalls die Besucher
zu begrüßen. „Sie haben
hier eine hübsche Office“, bemerkte der von jeher vorlaut gewesene Rudi. „Ja, dank dem
liebenswürdigen Gedenken meiner von Herrn McCook konnte ich mir hier meine
Office einrichten.“ „Ich nehme
an“, mischte sich da in hochfertigem Ton Magdalena ins Gespräch, „daß Ihre
Rente Mutter und Josephine“ — es war seit vielen, vielen Jahren das erste
Mal, daß Geigele wieder mit ihrem eigentlichen Taufnamen benannt wurde —
“über Wasser hält, denn von was sollten die beiden sonst wohl leben außer vom
Waschen der schmutzigen Wäsche anderer Leute.“ Dr. Lehmann
war erstaunt über diese Bemerkung und wollte gerade etwas scharf erwidern,
als sich Geigele einmischte: „Nein, Magdalena, das braucht Mutter nicht mehr.
Herr McCook hat uns eine Rente hinterlassen außer diesem Haus.“ „Na, da habt
ihr beide es ja gut verstanden, euch hier einzunisten“, warf Magdalena
schnippisch-frech ein. „Sie täuschen
sich, Frl. Schreiber“, entgegnete nun ziemlich ernst Dr. Lehmann. „Von
Einnisten kann hier keine Rede sein. Frau Schreiber hatte Herrn McCook auf
dessen Wunsch nach dem Tode seiner eigenen Frau die Wirtschaft geführt und
für ihn sehr gut gesorgt und Geigele bis auf die Jahre ihrer
Krankheit ihrer Mutter stets geholfen.“ „Krankheit?“
fragte Magdalena gedehnt. „Was kann den Josephine anders gefehlt haben als
Faulheit! Wenn sie sich hätte durchs Leben schlagen müssen wie ich, dann
hätte sie keine Zeit zum Kranksein gefunden. Na, ich habe es wenigstens zu
was gebracht aus eigener Kraft und nicht durch Erbschleicherei.“ Während
Mutter Schreiber und Geigele ruhig blieben, war Dr. Lehmann erregt
aufgesprungen. Doch die peinliche Situation wurde durch die Gewandtheit Rudis
gemildert, der bemerkte: „Bitte, meine Damen und Herren, nehmen Sie Frl.
Magdalena nicht zu ernst. Sie meint es nicht so schlecht, denn sie hat in
Wirklichkeit ein sehr gutes Herz. Sie hat in Chicago ein Heim für einsame
Mädchen und Frauen aufgemacht und tut ein gutes Werk dabei.“ Alle
schwiegen vor Staunen, wobei es Dr. Lehmann allerdings so vorkam, als ob
Joseph und auch Rudi ein heimliches Hohnlachen unterdrücken mußten, während
Magdalena beiden einen wütenden Blick zuwarf. „O, ist das
aber lieb von dir, Magdalena. Ich wußte ja immer, daß du im Grunde ein gutes
Herz hast und niemanden absichtlich wehe tun würdest“, streckte Frau Schreiber
freudevoll von ihrem Krankenlager aus ihrer ältesten Tochter die Hände
entgegen. Doch anstatt
die Hände der Mutter zu ergreifen, stand Magdalena trotzig auf und herrschte
Rudi an: „Laß uns weiterfahren! Ich fühle mich nicht recht wohl hier in dem
Erbschleicherheim.“ Und ohne
weder ihrer Mutter noch Geigele noch Dr. Lehmann eines weiteren Blickes zu
würdigen, schritt sie zur Haustür hinaus und setzte sich ins Auto, wobei sie
ungeduldig das Horn ertönen ließ. Joseph beugte
sich zum Abschied über seine Mutter und wünschte ihr baldige Gesundung. Auch
von Geigele und Dr. Lehmann verabschiedeten sich Joseph und Rudi
freundlichst. Geigele flüsterte beim Hinausgehen Joseph noch zu „Schreibe du
doch wenigstens ab und zu mal an Mutter. Sie freut sich doch über jede Zeile
von dir und auch von Magdalena.“ „Ich glaub es
schon. Und wenn Magdalena nicht schreiben will, so werde ich euch wenigstens
ab und zu eine Nachricht zugehen lassen. Verlasse dich darauf.“ Als das Auto
abgefahren war, setzten sich Dr. Lehmann und Geigele an Frau Schreibers
Krankenbett, die das Benehmen und Verhalten ihrer ältesten Tochter Magdalena
mehr mitgenommen zu haben schien als sie zugab. Sie war müde und sehnte sich
nach Schlaf. Man ließ sie daher allein. Dr. Lehmann
fragte Geigele nicht weiter über ihren Bruder und ihre Schwester aus, doch
Geigele hielt es für angebracht, ihn aufzuklären, so weit sie das selbst
vermochte, denn sie konnte sich das Benehmen ihrer Schwester an Mutters
Krankenlager eigentlich selbst auch nicht so recht erklären. Geigele
berichtete nun Dr. Lehmann, daß Magdalena anfangs im Haushalt von McCooks —
als Frau McCook noch lebte — angestellt war und sehr anständig behandelt
wurde. Trotzdem wäre sie eines Tages verschwunden und, wie sie später mal
schrieb, nach Chicago gegangen, wohin auch Joseph gereist war. Bis auf einen
einmaligen Besuch habe man nie mehr etwas von beiden gehört. „Es scheint
ja aber beiden recht gut zu gehen, wenigstens ihrem Äußern nach zu urteilen“,
bemerkte Dr. Lehmann. „Ja, doch
scheint das nur so“, antwortete Geigele nachdenklich. „Konntest du bei deinem
Suchen nach Josephs Arbeitsstätte in Chicago nicht ausfinden, was das für ein
Platz ist, wo Joseph arbeitet?“ „Leider hatte
ich nicht die Zeit dazu, doch es schien mir eines jener Nachtlokale zu sein,
die ja jetzt während der Prohibition wie Pilze überall in den Großstädten
hochgeschossen sind.“ Damit war die
Angelegenheit für beide erledigt. Joseph hielt
sein Wort und schrieb ab und zu einmal, allerdings niemals ausführlich, aber
es waren eben wenigstens Lebenszeichen. Die beiden
anderen Geschwister Geigeles, der Eisenbahnkondukteur Georg, der nun eine
eigene Familie hatte, schrieb dagegen regelmäßig und erkundigte sich immer
nach Mutters Befinden, während ihr Bruder Philipp, der den Posten eines
Vormannes einer Arbeiterabteilung für Streckenreparierung bei derselben Bahn
bekleidete, bei der Georg als Kondukteur tätig war, ab und zu sogar
persönlich bei seiner Mutter und Lieblingsschwester Geigele vorsprach. Die am
Ort selbst verheiratete Tochter Margareta kam während Frau Schreibers
Erkrankung mehrmals die Woche zu Besuch. Ungefähr um
Weihnachten herum verschlimmerte sich der Zustand von Frau Schreiber so
stark, daß Dr. Lehmann befürchtete, es würde mit ihr, nun wohl bald zu Ende
gehen. Und so war es
auch. Noch einmal feierte man zusammen Weihnachten, und dann wurde Frau Schreiber
schwächer und schwächer bis sie Mitte Januar die Augen zur ewigen Ruhe
schloß. Zur
Beisetzung fanden sich alle Kinder ein bis auf Magdalena, die vorschützte,
eine schwere Erkältung zu haben. Frau Schreiber wurde auf demselben Friedhof
beigesetzt, wo auch die Leiche ihres verunglückten Mannes ruhte. Joseph war
auf Geigeles Wunsch noch einen Tag länger verblieben. Er war diesmal mit der
Eisenbahn gekommen. Er machte einen weniger zuversichtlichen Eindruck und es
schien so, als ob ihn etwas bedrückte. Er erklärte sich aber nicht näher über
seinen Kummer, nur gab er auf Befragen zu, daß er Hilfsmanager in einem der
Klubs war, wie sie während der Prohibitionszeit bestanden, jener Klubs, in
denen alkoholische Getränke wie in normalen Zeiten verkauft wurden, was nach
dem Prohibitionsgesetz ja verboten war. In letzter Zeit ginge das Geschäft
aber schlecht und er würde sich wohl nach etwas anderem umsehen müssen. Nach
was, wisse er zur Zeit noch nicht. Geigeles Angebot, doch nach Waterville zu
ziehen und bei ihr zu wohnen, lehnte er jedoch entschieden ab. Die nächsten
Wochen vergingen wie es immer der Fall ist, wenn der Tod irgendwo eine Lücke
gerissen hat. Die Mutter fehlte anfänglich überall. Allmählich gewöhnte sich
Geigele aber doch daran, daß sie nun den Haushalt allein zu führen hatte.
Wäre sie allein gewesen, so hätte sie nicht mehr viel um ihr irdisches Dasein
gegeben, doch sie hatte ja jemanden in dem großen Haus — das nach der
Bauweise der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts viele Zimmer und in
diesen zahlreiche schwere Möbel enthielt — wohnen, für den sie mit zu sorgen
hatte, nämlich Dr. Lehmann, der dort nun auch immer seine Sprechstunden
abhielt. Dr. Lehmann
versuchte, Geigele so viel wie möglich für sein Arbeitsgebiet zu
interessieren, das ihr ja schon durch ihre Hilfeleistung etwas vertraut geworden
war. Es gelang ihm dadurch auch, sie von dem Kummer über den Verlust ihrer
Mutter abzulenken und sie wieder Anteil am irdischen Leben nehmen zu lassen. Doch Geigele
war ruhelos. Sie wußte so eigentlich nicht, warum sie es war! Sie war dank
der Fürsorge von Herrn Cook versorgt, und Dr. Lehmann gewährte ihr einen
sicheren Schutz, den sie ohne ihn nicht gehabt hätte. Trotzdem bemächtigte
sich ihrer zeitweise ein merkwürdiges Gefühl, das sie sich nicht näher zu
erklären vermochte, ein Gefühl, als ob das Schicksal darauf warte, daß sie
noch eine Aufgabe erfüllen müsse, die ihr das Leben aufgetragen habe. Das
beunruhigte sie, weil sie nicht wußte, um was es sich dabei eigentlich
handle. In dieser
Zeit der inneren Ungewißheit traf ein Brief von ihrem Bruder Joseph aus
Chicago ein, der sie einlud, doch einmal auf ein paar Wochen zu Besuch zu
kommen. Er hätte Sehnsucht nach ihr und außerdem könnte sie mit ihrer Gabe
des Hellsehens dort vielleicht viel Gutes stiften. Magdalena hätte Unterkunft
für sie. Sie könne dort wohnen, so lange sie wolle, und wenn Magdalena etwas
von ihr für Wohnung und Beköstigung fordern sollte, so würde er die Unkosten
tragen. Geigele war
beim Empfang dieses Briefes eigentümlich zu Mute. Sie wußte nicht, was es
war, doch die Zeilen ihres Bruders berührten sie so seltsam. Es lag etwas in
den Zeilen, was irgendwelche Bedeutung für sie haben müsse. Sie wußte aber nicht,
was das sein konnte. Sie zeigte
den Brief Dr. Lehmann und fragte ihn, ob er für einige Wochen ohne ihre
Fürsorge für ihn auskommen könnte. Dr. Lehmann
beruhigte sie. Seine Mahlzeiten würde er in dem benachbarten Lunchroom
einnehmen, so daß sich Geigele keinerlei Sorgen um ihn zu machen brauche. „Doch,
Geigele“, so setzte er bei dieser Zusicherung hinzu, „wenn du wiederkommen
willst, weil dir irgend etwas in Chicago nicht zusagt, so schreibe mir einfach
oder sende ein Telegramm und ich komme sofort, dich in Chicago abzuholen.“ Geigele
antwortete schließlich ihrem Bruder Joseph, daß sie für einige Zeit nach
Chicago kommen würde und daß er ein Zimmer für sie bei Magdalena reservieren
solle. Sie könne die Zimmermiete allein bestreiten. So traf ausgangs
März Geigele in Chicago ein und wurde auf dem Bahnhof nicht nur von ihrem
Bruder Joseph, sondern auch von ihrer Schwester Magdalena und Josephs Freund
Rudi abgeholt, in deren Begleitung sich aber noch zwei Herren befanden, die
Geigele als Mack und Professor Susan vorgestellt wurden. Beide, Mack und
Professor Susan gaben sich sichtlich Mühe, auf Geigele einen günstigen
Eindruck zu machen, doch war an diesen beiden irgend etwas, was Geigele
abstieß. Was es war, wußte sie nicht. Ihre Schwester Magdalena zeigte sich
diesmal von einer sehr liebenswürdigen, verwandtschaftlichen Seite. Sie war
recht zugänglich und schien sich tatsächlich um Geigele zu sorgen. „Es ist nett
von dir, Geigele, daß du gekommen bist. Du entschuldigst wohl, daß auch ich
dich jetzt mit Geigele anrede, denn der Name gefällt mir wirklich.“ „Nenne mich
nur, wie du willst, liebe Magdalena“, erwiderte Geigele, „Ich freue mich, daß
du mit meinem Besuch einverstanden bist und mich bei dir aufnehmen willst.“ „Aber, das
ist doch ganz selbstverständlich“, versicherte Magdalena, dabei Geigele
herzlich die Hand drückend. Geigele war
erstaunt über Magdalenas Wandlung seit ihrem Besuch in Waterville vor dem
Ableben ihrer Mutter. Doch sie grübelte nicht weiter darüber nach, sondern
dachte, Magdalena war damals vielleicht gerade verstimmt oder verärgert
gewesen, als sie mit Joseph und Rudi den Besuch abstattete. Rudi erbot
sich sofort, Geigele und Magdalena in seinem Auto nach Magdalenas Heim zu
fahren. Joseph schloß sich den dreien an. Die beiden anderen
Herren, die Geigele als Mack und Prof. Susan vorgestellt waren, hielten sich
sehr bescheiden im Hintergrund. Nur wünschten beide, als man sich
verabschiedete, daß es Josephs ‚berühmter‘ Schwester in Chicago recht gut
gefallen möge. Geigele
stutzte bei dieser Schmeichelei. „Berühmte Schwester?“ fragte sie erstaunt
zurück. „Na, waren
Sie das nicht, Fräulein Geigele, und in Ihrer Gegend als solche auch
allgemein bekannt durch Ihre hellseherische Gabe?“ versuchte Prof. Susan in
äußerst verbindlich lächelnder Weise zu erklären. „Aber damit
war ich doch noch lange keine Berühmtheit“, beharrte Geigele bescheiden bei
ihrer Auffassung. „Sie müssen
das nicht alles so ernst nehmen, was Ihnen da der Professor sagt“,
vermittelte Rudi in seiner verbindlichen Art. „Hier in der Großstadt legt man
solches Gerede nicht auf die Waagschale und weiß genau wie es aufzufassen
ist, nämlich als einen Versuch von Schmeichelei, die dem braven Professor bei
Ihnen. Frl. Geigele eben vorbeigelungen zu sein scheint.“ Alle
lächelten und damit war der Zwischenfall erledigt. „Bitte, kommt
jetzt alle“, mahnte Rudi, „sonst erwischt mich die Polizei, da ich mein Auto
an einer Stelle stehen habe, wo man nicht stehen darf.“ Rudi fuhr
nicht gleich nach Magdalenas Haus, sondern bot sich an, Geigele ein wenig von
Chicago zu zeigen. Man fuhr durch den Lincoln Park und am Seeufer entlang und
darauf noch ein Stück durch Süd-Chicago. Dann ging es wieder nach dem Geschäftszentrum
— dem „Loop“ — zurück und von dort bog Rudi nach Nordwesten zu ab. Nach etwa
einer halben Stunde hielt er vor einem großen Wohnhaus. „So, da wären
wir.“ Man stieg einige Steinstufen hinauf bis zum Haupteingang. Im
Hintergrund eines langen, mit schweren Teppichen ausgelegten Korridors führte
eine mit festem Geländer versehene, ebenfalls dick mit Teppichen belegte
Treppe zum ersten Stockwerk, wo sich zahlreiche Zimmer befanden. Magdalena
öffnete die Tür zu einem sehr vornehm eingerichteten Zimmer mit den Worten:
„Hier, Geigele, das ist dein Zimmer während deines Aufenthalts in Chicago.“ Geigele blieb
erstaunt stehen. Das Zimmer war äußerst elegant eingerichtet. „Kannst du
mir nicht ein einfacheres Zimmer zuweisen?“ bat sie Magdalena. „Sie sind
alle ähnlich eingerichtet. Siehe, ich vermiete die Zimmer, und in dieser
Gegend müssen solche Zimmer elegant eingerichtet sein, sonst bekommt man
niemanden.“ Geigele
schwieg und fügte sich in die Verhältnisse. Joseph brachte ihren Handkoffer
herauf und verabschiedete sich dann mit den Worten: „Nun, Geigele, schlaf
recht gut. Du wirst gewiß müde sein. Morgen gegen Mittag holen Rudi und ich
dich ab, um dir noch mehr von Chicago zu zeigen. Morgen abend sind wir alle
eingeladen zu Mack. „Ist Mack ein
Freund von dir?“ „Ja und nein!
Wir sind Freunde geworden in den Jahren des Zusammenarbeitens, denn wir waren
Geschäftspartner.“ „Was für ein
Geschäft hattet ihr denn?“ „Ach, laß das
bis morgen, wenn wir zusammen sind. Dann erzähle ich dir mehr und werde auch
alle deine Fragen beantworten, die du stellen willst.“ Am anderen
Mittag stellten sich Rudi und Joseph pünktlich ein, um Geigele abzuholen.
Diese war schon fertig zur Ausfahrt und hatte gerade ihr Frühstück beendet,
das ihr von Magdalena selbst ins Zimmer gebracht worden war. Man fuhr
durch verschiedene Gegenden Chicagos und stellte dann das Auto im
‚Loop‘-Distrikt unter, wo man ein Restaurant besuchte und zu Mittag aß. Rudi
und Joseph schienen dort sehr bekannt zu sein, denn sie wurden überall
begrüßt. Als Joseph
wahrnahm, daß das Geigele auffiel, bemerkte er erläuternd: „Wenn man lange
in einer Stadt lebt und arbeitet, wird man halt bekannt. Doch du wolltest ja
wissen, was meine Beschäftigung war. Nun siehe! Rudi und ich waren beide von
Mack, den ich dir gestern vorstellte und zu dem wir heute abend eingeladen
sind, in dessen Nachtklub angestellt als Gästeanweiser. Natürlich verkaufte
auch dieser Nachtklub wie alle anderen alkoholische Getränke, was zwar nach
dem Gesetz verboten ist, worum man sich aber hier in Chicago nur wenig oder
gar nicht bekümmert. Man wird auch nicht weiter von der Polizei belästigt,
wenn man eine gewisse Form wahrt, d.h. das Nachtlokal als ‚geschlossenen
Klub‘ nur für Klubmitglieder betreibt. Das geschieht auch. So ist Mack fast
niemals mit den Behörden in Konflikt gekommen. Natürlich ist das Unternehmen
eigentlich ungesetzlich, aber hätte Mack eben nicht so einen Nachtklub
betrieben, so hätte es irgend jemand anderer getan, da in einer Großstadt wie
Chicago die Nachfrage nach solchen Klubs besteht.“ Geigele
schwieg. Ihr war das eben Gehörte nicht gerade angenehm. Der gewandte Rudi
merkte die Verstimmung und fuhr daher ergänzend fort: „Und nun möchtest du
gewiß genau wissen, warum Mack schließlich das Nachtlokal aufgegeben hat. Das
geschah aus zweierlei Gründen. Erstens hatte er ‚genug Geld gemacht‘, um sich
zur Ruhe setzen zu können, und zweitens hat er für Prof. Susan, den du ja
auch kennen gelernt hast, ein Privatstudio eingerichtet für dessen
psychologische Studien.“ Geigele
dachte über das Gehörte nach. Etwas schien ihr dabei nicht zu stimmen, doch
sie wußte nicht, was das war. Rudi merkte,
daß Geigele nicht alles verstanden zu haben schien und fuhr von allein
ergänzend fort: „Viel macht Prof. Susan nicht mit seinen Studien, doch Mack
hat genug Geld verdient, um es sich leisten zu können, Prof. Susan zu unterstützen.“ Darauf trat
eine Pause in der Unterhaltung ein, die erst nach geraumer Zeit von Geigele
unterbrochen wurde mit der Frage: „Was macht ihr beide denn jetzt? Ihr habt
doch nun auch eure Stellungen verloren?“ „Ich habe
schon wieder eine in Aussicht als Abteilungsleiter in einem hiesigen
Warenhaus“, erwiderte Rudi. „In etwa einem Monat werde ich Joseph dort auch
anbringen können. Und bis dahin können wir beide schon existieren, nicht
wahr, Joseph?“ antwortete Rudi, „zumal wir ja Mack auch noch weiter helfen.“ Man brach
bald darauf auf und fuhr Geigele nach Magdalenas Heim zurück. Dort
versprach Geigele auf Drängen von Joseph und Rudi, am Abend um 8 Uhr bereit
zu sein, wenn man sie abholen werde zum Besuch bei Mack. In ihrem
Zimmer angekommen, setzte sich Geigele nachdenklich in den Lehnsessel. Sie
hatte das Gefühl, daß irgend etwas hier in Chicago sowohl mit Magdalena wie
mit Joseph und Rudi nicht so recht stimmte, doch wußte sie nicht, was das
wohl sein könnte. Sie hatte ein unangenehmes Gefühl, wenn sie an deren
Verhältnisse dachte, und es war ihr manchmal, als ob ihr innerlich geraten
würde, wieder abzureisen. Dann aber wieder war es, als ob irgendeine Macht
sie zu überzeugen suchte, daß sie hier irgendeine Mission zu erfüllen hätte.
Sie wußte nicht recht ein noch aus. Schließlich beschloß sie, noch eine Weile
auszuharren und zu sehen, wie sich alles gestalten würde. Sie hoffte, so
schließlich eine bessere Übersicht zu erhalten. Dann sei es schließlich immer
noch Zeit genug, wieder abzureisen. Abends gegen
3/4 8 Uhr pünktlich stellten sich Joseph und Rudi wieder ein, um Geigele
abzuholen. Auch Magdalena hatte beschlossen, mitzufahren. Geigele
fühlte sich wieder besser, zumal sowohl Magdalena wie Joseph und Rudi sehr
gut aufgelegt waren. Mack wohnte
in einem dreistöckigen, palastartigen Gebäude, das zwölf Zimmer enthielt. Es
lag mitten in einem parkartigen, von einem eisernen Gitter eingefaßten
Garten. Als man durch die breite, gußeiserne Einfahrpforte die asphaltierte
Autostraße zum Haus hinauffuhr — das Haus selbst war auf einer kleinen Anhöhe
gelegen — kamen zwei livrierte Diener die Steintreppe herunter, um die Türen
des Autos zu öffnen und die Gäste ins Haus zu leiten. Im langgestreckten
Korridor nahmen andere Hausangestellte die Garderobe ab. Dann wurde man
rechts in ein großes saalartiges Zimmer geleitet, das mit dicken Teppichen
ausgelegt und eleganten schweren Möbeln ausgestattet war. Beim Betreten des
Zimmers erhoben sich aus tiefen Polsterstühlen Mack, Professor Susan und noch
mehrere andere Damen und Herren, welche die eingetroffenen neuen Gäste
herzlichst begrüßten und zum Platznehmen aufforderten. Geigele war
von der Pracht der Zimmerausstattung überwältigt. Mack stellte
die schon anwesenden Damen und Herren und die eben eingetroffenen Gäste einander
vor, wobei man wie gewöhnlich beim Vorstellen die genannten Namen kaum
verstand, sich aber höflich voreinander verbeugte und so tat, als ob man sich
freue, sich gegenseitig kennenzulernen. Nur ein Name
war Geigele beim Vorstellen haften geblieben, nämlich der einer Gräfin von
Roszinsky. Geigele war von Mack allgemein vorgestellt worden als ‚Fräulein
Geigele‘! Mack führte,
nachdem man Platz genommen hatte, sofort die Unterhaltung weiter: „Ich hoffe,
Fräulein Geigele hat es mir nicht übelgenommen, daß ich sie unter diesem
Namen vorstellte?“ Dabei
lächelte er verbindlichst die Angeredete an, die freundlich erwiderte: „Warum
sollte ich Ihnen das wohl übelnehmen, da ich von meiner lieben, verstorbenen
Mutter ja nur mit Geigele angeredet worden war.“ „Sie haben
wohl sehr an Ihrer lieben Mutter gehangen“, wandte sich mit liebenswürdigem
Lächeln die als Gräfin Roszinsky vorgestellte Dame an Geigele, wobei die
Gräfin ihren Arm um sie legte. „Ja, wir
beide waren unzertrennlich“, antwortete Geigele zutraulich. „Das dachte
ich mir und fühle ich auch“, bemerkte dazu die Gräfin. „Ich bin nämlich sehr
medial veranlagt und empfinde, daß der Geist Ihrer lieben Mutter jetzt neben
Ihnen steht.“ Geigele wußte
nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie selbst fühlte nichts von der
Gegenwart Ihrer verstorbenen Mutter. Eigentlich hatte sie sich auch niemals
vorgestellt, daß ihre verstorbene Mutter als Geist nun ständig um sie sein
würde. Die
eingetretene Gesprächspause wurde von dem gewandten Mack überbrückt: „Alles
das hier, Fräulein Geigele, mag Ihnen überraschend und seltsam vorkommen.
Deswegen erlauben Sie mir gütigst, es Ihnen näher zu erläutern. Als ich durch
Zufall mit Professor Susan — dieser verbeugte sich wie verschämt bei Nennung
seines Namens — bekannt wurde, kam es mir auf einmal zu Bewußtsein, daß es
noch etwas anderes als nur dieses irdische Leben geben mag. Professor Susan
betreibt nun hier in meinem Heim — das ich ihm dafür zur Verfügung gestellt
habe — metaphysische Experimente, und hat einen Kreis von Interessierten um
sich gesammelt, mit denen er seine Experimente durchführt, die zum Teil so
phänomenal und überraschend sind, daß ich es für meine Menschenpflicht halte,
einige davon in meinem vornehm gehaltenen Abendrestaurant als ‚Floor-Show‘
vorzuführen, scheinbar in Form einer Unterhaltung, der aber in Wirklichkeit
ein tiefer und erzieherischer Sinn inne wohnt. Hoffentlich kommen Sie, wertes
Fräulein Geigele auch einmal in mein Restaurant, selbstverständlich als mein
Ehrengast.“ Ehe noch
jemand etwas erwidern konnte, fuhr Mack fort: „Doch wie ungezogen von mir,
Sie alle hier hungern zu lassen, während im Nebenzimmer doch schon das
Abendessen bereit steht. Wollen Sie mir bitte folgen.“ Mit einer
höflichen Verbeugung bot er Geigele seinen Arm und eröffnete somit den Reigen
der Besucher zur überreichlich gedeckten Tafel im Nebenzimmer, das ebenfalls
groß und geräumig wie das Zimmer war, in dem die Gäste zuerst empfangen
worden waren. Das
Abendessen wurde von vier Hausangestellten serviert. Als Getränke wurden nur
alkoholfreie Limonaden und Kaffee serviert. Geigele war
zwischen Mack auf der einen und der Gräfin Roszinsky auf der anderen Seite an
der Tafel plaziert worden. Beide unterhielten Geigele auf die verbindlichste
und freundlichste Weise. Nach dem Kaffee bat Mack die Anwesenden, ihm nach
oben zu folgen, wo Professor Susan sich seinen Experimentierraum eingerichtet
hätte. Alle folgten
der Aufforderung. Der Experimentierraum von Professor Susan unterschied sich
eigentlich kaum von den Zimmern, die Geigele im unteren Stockwerk gesehen
hatte. Hier oben im Zimmer waren die Polsterstühle jedoch im Halbkreis
aufgestellt. Das war der einzige Unterschied zwischen unten und oben. Man nahm
Platz. Professor Susan hatte einen besonderen Sessel und er war es, der dem jetzigen
Zusammensein eine Art von feierlich-offiziellen Anstrich gab mit den Worten:
„Meine Damen und Herren! Seien Sie versichert, ich freue mich wirklich
aufrichtig, Sie hier begrüßen zu können als Vertreter hiesiger okkulter
Studiengruppen. Wir alle wissen es sehr zu schätzen, daß wir heute hier als
Gast noch jemanden bei uns haben, nämlich Fräulein Geigele, die in ihrer
Heimat allgemein als eine Seherin geschätzt und verehrt wird.“ Bei diesen
Worten klatschte man Beifall und alle Blicke richteten sich auf Geigele, die
sich verwirrt und hilflos umsah. „Aber,
Fräulein Geigele, nur keine falsche Bescheidenheit“, beruhigte und ermunterte
Gräfin Roszinsky lächelnd die verwirrt Dasitzende. „Ich kann Sie sehr wohl
verstehen, erging es mir doch ebenso, als man meine mediale Begabung
festgestellt hatte.“ „Gräfin
Roszinsky“, mischte sich da Aufklärung gebend Mack ins Gespräch, „ist nämlich
nicht nur hellsehend, sondern auch ein Sprechmedium, wovon sie uns nachher
noch eine Probe geben wird. Doch vorher, laßt uns hören, was uns heute Abend
Professor Susan von seinen Studien zu berichten weiß.“ Professor
Susan, beim Aufstehen von den Anwesenden mit Händeklatschen begrüßt, hielt
nun einen Vortrag über Metaphysik und okkultes Forschen. Auf Geigele machten
seine Ausführungen keinen Eindruck, obgleich sie sorgfältig zuhörte, da sie
geglaubt hatte, ganz etwas Neues zu hören. Doch der Vortrag bestand meistens
nur in allgemeinen Phrasen. — Nach
Professor Susan erhob sich die Gräfin Roszinsky, die ebenfalls mit Applaus
begrüßt wurde. Sie hatte, als sie sich erhob, die Augen geschlossen, als ob
sie sich in tiefem Trancezustand befände und sprach theatralisch mit
verzücktem Gesichtsausdruck. „Liebe
Freunde! Ach, ihr glaubt ja gar nicht, wie sich unsere jenseitigen Freunde
freuen, euch alle hier versammelt zu sehen und in unserem Kreis heute auch
noch ein gottbegnadetes Wesen zu haben, das allgemein Geigele genannt wird.
Ihr alle solltet jubeln darüber, sie mit euch zu haben. Nun, eure Freunde in
der Geisterwelt begrüßen euch und alle eure Lieben, die im Tode schon vor
angegangen sind, freuen sich, mit euch zusammensein zu können.“ Mit solchen
und ähnlichen Redensarten fuhr die Gräfin mit verzückter Miene wohl gut 20
Minuten zu reden fort. Geigele
schüttelte es dabei, als ob sie von einem inneren Gruseln erfaßt würde, doch
sie schwieg und ließ alles Gerede genau so ruhig über sich ergehen wie es bei
den anderen der Fall war, nur mit dem Unterschied, daß Geigele das Empfinden
hatte, bei alledem ist etwas nicht in Ordnung. Geigele fühlte
immer deutlicher, irgend etwas ist nicht richtig. Was das jedoch war, wußte
sie nicht. Auch ihre innere Stimme gab ihr weiter keinen Aufschluß außer, daß
sie eben das Gefühl hatte, daß alles, was hier vorging, nicht echt war. Nachdem die
Gräfin ihre ‚Botschaft‘ beendet und sich erschöpft in ihren Lehnsessel hatte
fallen lassen, wobei sie sich schüttelte, als ob sie erst eine andere Welt
abschütteln müsse, ehe sie sich in dieser wieder zurecht finden könne, erhob
sich ein anderer der Gäste und führte aus: „Wie Sie alle wissen, bin ich viel
in der Welt herumgekommen, habe Ägypten und Indien bereist und dort überall
die okkulte Seite des Lebens studiert. Ich kann nur sagen, daß ich mich
glücklich schätze, in diesen Kreis hier gekommen zu sein, wo uns ein so
hervorragendes Medium wie die Gräfin Roszinsky direkte Botschaften unserer
Lieben aus dem Jenseits übermittelt, und wo ein Gönner wie unser lieber
Freund und Gastgeber Mack es einem ernstlich nach Erkenntnis Strebenden wie
Professor Susan ermöglicht, seine hochwichtigen transzendentalen Studien
ungestört fortsetzen zu können. Wie Sie wissen, befassen sich meine Studien
hauptsächlich mit Reinkarnation, und wie Sie sich wohl alle erinnern, habe
ich ja auch schon versucht, Ihnen allen aus Ihrem Vorleben zu erzählen. Über
das Vorleben unseres lieben Gastes, Fräulein Geigele, bin ich mir jedoch noch
nicht im Klaren, aber ich fühle, daß sie in ihrem Vorleben die Hohepriesterin
irgendeines Volkes war, das einst eine große Kulturhöhe erreicht hatte, dann
aber spurlos von der Erde verschwunden ist.“ Geigele war
einfach sprachlos über das Gehörte. Noch niemals hatte sie je gedacht, ein
Vorleben hier auf Erden gehabt zu haben. Die ganze versammelte Gruppe machte
daher auf sie nicht nur einen ungewohnten, sondern einfach abweisenden
Eindruck, obgleich sich doch jeder bemühte, ganz besonders freundlich und
entgegenkommend zu ihr zu sein. Es lag aber etwas über diesem Kreis, das ihr
fremd und unnatürlich vorkam. Sie schwieg jedoch über ihre empfangenen
Eindrücke. Dann sprachen
noch mehrere andere von den anwesenden Gästen. Sie gaben ihre angeblichen übersinnlichen
Erlebnisse und Erkenntnisse zum Besten, von denen jedoch kein einziges
irgendwelchen Eindruck auf Geigele machte. Sie war deswegen auch froh, als
Mack, der Geigele dauernd im Auge behalten hatte, das gesellschaftliche
Zusammensein endlich aufhob mit den Worten: „Liebe Freunde! Sie glauben gar
nicht, welche Freude Sie mir durch Folgen meiner Einladung erwiesen haben. Es
war ein Genuß, allen Ihren Ausführungen lauschen zu dürfen. Schade nur, daß
unser lieber Gast, Fräulein Geigele, nicht auch etwas aus ihrer zweifelsohne
großen okkulten Erfahrung mitgeteilt hat. Na, vielleicht ein anderes Mal. Es
ist schon recht spät geworden, und ich bitte besonders unseren lieben Gast
deswegen um Entschuldigung, der gewiß in der Heimatstadt im Norden gewohnt
ist, sich zeitig zur Ruhe zu begeben.“ Damit brach
man auf. Alle umringten Geigele und schmeichelten ihr mit Komplimenten, von
denen sie nicht wußte, wie sie sie eigentlich verdient haben sollte. Doch
alles war so überaus herzlich gehalten, daß sie während der letzten Stunden
so eigentlich nicht so recht zu sich selbst hatte kommen können. Als man
fertig war, das Haus zu verlassen, kamen Rudi und Joseph, die sich den ganzen
Abend hindurch auffällig ruhig verhalten hatten, auf Geigele zu und
entschuldigten sich, daß sie sie diesmal nicht nach Hause fahren könnten, da
sie noch einer Geschäftssitzung beizuwohnen hätten. Doch Mack stellte ihr und
Magdalena eines seiner Autos nebst Chauffeur zur Verfügung. Morgen würden
beide sie wieder abholen und besuchen kommen. Als Geigele
und Magdalena im Auto saßen und heimfuhren, fragte letztere ihre Schwester:
„Na, Geigele, das hast du dir wohl nicht träumen lassen, daß du in Chicago
noch einmal solchen Empfang haben würdest?“ „Nein“,
gestand Geigele ehrlich ein, „doch warum wurde denn bloß so viel Wesens von
mir gemacht?“ „Du weißt es
vielleicht nicht, daß über deine hellseherischen und somnambulen Erlebnisse
in okkulten Kreisen viel gesprochen wurde, und da Mack, seit er an Professor
Susans metaphysischen und okkulten Studien solch großes Interesse nimmt, sich
auch für deine mediumistischen Gaben interessiert, so ist es doch ganz
natürlich, daß er eine sehr hohe Meinung von dir hat, zumal er Joseph,
unseren Bruder, und dessen Freund Rudi, schon seit Jahren kennt.“ Geigele
erwiderte nichts. Sie dachte nach. Seltsam war ihr alles vorgekommen, was in
den letzten Stunden an ihr wie ein Wandelbild vorübergezogen war.
Merkwürdigerweise hatte aber nichts von allem Erlebten irgendwelchen Eindruck
auf sie gemacht. Gefühlsmäßig kam es ihr so vor, als ob alles das nur eine
Fassade war, hinter der sich irgend etwas anderes verbarg. Was das sein
konnte, vermochte sie nicht auszumachen. „Du bist ja
so still, Geigele?“, unterbrach Magdalena schließlich das eingetretene
Schweigen. “Hat es dir denn nicht gefallen? So etwas hättest du doch in deinem
Nest, wo du wohnst, sicherlich niemals erlebt. Und das hast du nur dem
Umstand zu verdanken, daß wir drei, Rudi, Joseph und ich einstens aus dem
Örtchen fortliefen und uns hier in Chicago eine Eigenexistenz aus eigener
Kraft aufgebaut haben. Du scheinst d alles nicht so richtig zu schätzen? Was
soll dir denn noch mehr geboten werden, um dich, die du wie eine Prinzessin
behandelt wurdest, noch gnädiger zum Anerkennen zu stimmen?“ Geigele war
frappiert über die bei Magdalena plötzlich wieder umgeschlagene Stimmung. Sie
hatte sich doch bisher von so überaus freundlicher Seite ihr gegenüber
gezeigt. Oder sollte das vielleicht nur Mache gewesen sein? Aber warum? So
grübelte und grübelte sie und vergaß ganz darauf, ihrer Schwester irgendeine
Antwort zukommen zu lassen. „Was hast du,
hochverehrte Schwester, nun jetzt noch auszusetzen?“ nahm im sarkastischen
Ton Magdalena die Unterhaltung wieder auf. „Nichts“,
entgegnete Geigele kurz. „Es scheint,
daß du Kleinstadtpflänzchen überhaupt nicht zufrieden gestellt werden
kannst.“ Glücklicherweise
war man jetzt vor dem Hause Magdalenas angelangt, so daß die Unterhaltung,
die einen kritischen Punkt hätte erreichen können, nicht weitergeführt zu
werden brauchte. Mit einem
freundlichen „Gute Nacht“ begab sich Geigele nach ihrem Schlafzimmer, ohne
darauf eine Antwort von ihrer Schwester zu erhalten. Geigele begab
sich gleich zur Ruhe, konnte und konnte jedoch nicht einschlafen. Das Erlebte
ging ihr dauernd durch den Kopf und sie wußte nicht, was das alles sein und
bedeuten konnte. Besonders stutzig hatte sie das Umschlagen der Stimmung
ihrer Schwester gemacht. Und das für Geigele Irritierende war, daß es ihr
vorkam, als ob ihre innere Stimme, die sie in schweren Lagen stets richtig
geleitet hatte, absolut stumm zu sein schien. Nur schwach, ganz schwach
dämmerte es in ihrem Unterbewußtsein, daß irgend etwas hier nicht in Ordnung
war und daß sie, ohne es zu wissen oder erkennen zu können, eine Rolle
spielte, wobei sie irgendwie ausgenutzt werden sollte. Schließlich
schlief sie aber doch ein. Nach einem traumlosen Schlaf wurde sie am nächsten
Morgen gegen 8 Uhr von Magdalena geweckt, die ihr das Frühstück auf den Tisch
stellte. Magdalena war
auf einmal wieder die Liebenswürdigkeit selbst: „Geigele,
bitte entschuldige mein Benehmen gestern abend, doch ich war müde und
abgespannt. Du kennst ja mein Temperament und ich habe es nicht so
unfreundlich gemeint wie es sich angehört haben mag.“ Diese Worte
söhnten Geigele sofort wieder aus. Man unterhielt sich über die
verschiedensten Dinge, während sich Geigele ankleidete. Ehe Magdalena das
Zimmer verließ, warf sie noch ein: „Apropos, Geigele, Mack hat vorhin
angerufen und uns eingeladen, heute abend in sein Abendrestaurant als seine
Gäste zu kommen. Dort sollst du einmal die hellseherische Begabung der Gräfin
Roszinsky kennen lernen und beobachten und dann dein Urteil darüber abgeben.“ „Warum hebt
man mich denn bloß immer und immer wieder besonders hervor? Das ist mir
peinlich“, bemerkte Geigele ungehalten. „Ach, denke
dir dabei nur nichts“, erwiderte Magdalena leichthin. „Du kennst nicht
Chicago und die verschiedenen Kreise. Mack will dich nun einmal ehre und dann
mit dir auch prahlen, weil man über deine übersinnlichen Erlebnisse so viel
gesprochen hatte.“ „Aber gerade
das ist mir im Innersten so zuwider.“ „Nimm es nur
nicht zu tragisch“, tröstete scheinbar beruhigend und scherzhaft Magdalena.
„Tue ihm doch den Gefallen und komm heute abend mit in sein Lokal.
Schließlich willst du doch auch etwas vom gesellschaftlichen Leben Chicagos
sehen, nicht wahr?“ Geigele sagte
schließlich zu, am Abend mitgehen zu wollen. Doch da schoß
ihr blitzartig ein Gedanke durch den Kopf: „Ist hier in der Nachbarschaft die
Office einer Telegraphenagentur?“ „Willst du
ein Telegramm schicken?“ antwortete Magdalena lauernd. „Nun gut, so
brauchst du nur den Text des Telegramms aufzuschreiben und in einen
Briefumschlag zu tun. Ein junges Mädchen, das hier im Haus wohnt, ein Modell
in einem Damenkleidergeschäft, fährt in einer Stunde nach dem Loop-Distrikt,
also in den Geschäftsteil Chicagos, und kann das Telegramm mitnehmen und dort
aufgeben.“ Geigele
dankte, und Magdalena verließ das Zimmer. Eine Stunde
später klopfte es bescheiden an Geigeles Zimmer und auf ihr „Herein“ trat ein
sehr bürgerlich und bescheiden aussehendes, hübsches junges Mädchen in ihr
Zimmer und fragte nach dem Telegramm, das sie mitnehmen sollte. Geigele gab
ihr den Text des Telegramms, der in ein Kuvert gesteckt war, das sie nun
zuklebte. Geigele fiel
das junge, schüchterne Mädchen auf. Sie fühlte sich zu ihr sofort hingezogen. „Ist Ihr
Beruf sehr anstrengend, liebes Fräulein — „Nennen Sie
mich nur Lucie, das genügt schon“, fiel sie Geigele ins Wort. „Nein, die
berufliche Betätigung ist nicht sehr anstrengend“, beantwortete sie die gestellte
Frage. „Aber sehr schwer ist es, jede Woche immer die Mittel zum bloßen Existieren
zusammenzubekommen, an Sparen gar nicht zu denken. Man vegetiert eben einfach
nur so dahin.“ Geigele wußte
nicht, was sie dazu sagen sollte, hatte sie doch von Rudi gehört, daß
Magdalena eine Art von Schutzengel für die weiblichen Mieter der möblierten
Zimmer in ihrem Haus sein sollte. Ehe Lucie
ging, bemerkte diese noch vielsagend: „Haben Sie sich eine Abschrift Ihres
Telegramms behalten?“ „Ja, doch
warum fragen Sie?“ „Nur der
Ordnung halber, nur deswegen! Alles Gute und auf Wiedersehen.“ Als Lucie
ging, öffnete Geigele ihr die Zimmertür und hielt — sie wußte nicht, aus
welchem Grunde — die Tür noch eine Weile länger offen. Da kam es ihr so vor,
als ob Lucie unten von Magdalena aufgefordert wurde, mit ihr in ein Zimmer
hineinzugehen. Dann glaubte Geigele erregte Stimmen zu hören. Doch sie konnte
sich auch getäuscht haben. Das
Telegramm, das sie abschicken ließ, war an Dr. Lehmann gerichtet mit der
Bitte, wenn es ihm möglich wäre, doch nach Chicago zu kommen und sie unter
irgendwelchem Vorwand nach Hause abzuholen. Geigele
wollte abreisen. Sie fühlte sich nicht wohl bei allem Aufwand, der sie umgab
und der mit ihr gemacht wurde. Sie fühlte, sie konnte nicht mehr sie selbst
sein. Sie sehnte sich nach der Stille ihres ‚Nestes‘ zurück, wie Magdalena in
ihrer Verstimmung wegwerfend bemerkt hatte. Geigele mußte jetzt selbst über
den Ausdruck: ‚Nest‘ lächeln. Am Abend
kamen wieder Rudi und Joseph, um Geigele abzuholen. Gleichzeitig trat auch
Magdalena mit ins Zimmer und brachte ihr ein kostbares Kleid: „Hier, Geigele,
ziehe das heute Abend an.“ „Ja, aber
warum denn?“ „Du darfst
dort, wo wir hingehen, nicht durch einfache Kleidung auffallen. Siehe, Rudi
und Joseph haben auch Gesellschaftsanzüge an.“ Alles Sträuben
Geigeles nützte nichts. Sie mußte das ihr geborgte Kleid anziehen. Sie tat es
schließlich, weil sie hoffte, doch nicht mehr lange in Chicago bleiben zu
brauchen, und um keine Mißstimmung zu erzeugen und zu hinterlassen. Das
Abendrestaurant, wohin Geigele von Mack eingeladen worden war, befand sich im
Loop-Distrikt und machte einen sehr vornehmen Eindruck. Als das Auto vorfuhr,
erschien sofort ein uniformierter Portier, der die Tür des Autos galant
öffnete, die Gäste zum Eingang geleitete und die Tür zum Restaurant
aufmachte. Rudi und Joseph entschuldigten sich, da sie ihren Pflichten
nachzukommen hätten, eintreffende Gäste an entweder schon reservierte oder
sonst noch leere Tische zu geleiten. Das Lokal
machte einen äußerst vornehmen Eindruck. Alle Tische waren weiß gedeckt; auf
jedem stand ein kleiner Blumenstrauß, und die Sitzgelegenheiten bestanden in
bequemen Sesseln. Nach den Wänden zu war das Restaurant terrassenförmig angelegt,
so daß man von den hinteren Tischen aus den Tanzflur in der Mitte ebenfalls
gut übersehen konnte. Gegenüber dem Eingang befand sich die Bühne für die
Kapelle. Die Beleuchtung war gedämpft, so daß der Saal einen kosigen Eindruck
machte. Mack hatte
anscheinend schon auf seinen Ehrengast Geigele gewartet, denn bei ihrem und
Magdalenas Betreten des Restaurants kam er gleich auf beide zu, begrüßte sie
allerherzlichst und geleitete sie nach einem reservierten Tisch, von wo man
den ganzen Saal nebst Tanzflur und Bühne gut überblicken konnte. An dem Tisch
hatten bereits die Gräfin Roszinsky und Professor Susan Platz genommen. Die
Gräfin begrüßte die Neuzukommenden herzlichst: „Wie lieb, besonders von
Ihnen, liebes Fräulein Geigele, daß Sie der Einladung unseres lieben Freundes
und Gönners Mack Folge geleistet haben. Ich möchte Sie hiermit nochmals
allerherzlichst willkommen heißen. Ich hoffe, meine hellseherischen Gaben,
von denen ich nachher hier eine öffentliche Probe ablegen werde, findet Ihren
Beifall.“ Geigele wußte
nicht, was sie erwidern sollte und nahm schweigend am Tisch Platz neben
Professor Susan, der sofort versuchte, Geigele in ein Gespräch über
transzendentale Themen zu ziehen, während die Gräfin sich mit Magdalena im
Flüsterton unterhielt. Das vornehme
Lokal füllte sich schnell mit Besuchern. Die Kapelle spielte Tanzweisen, nach
denen die Paare tanzten. Alles machte einen durchaus gediegenen, ja geradezu
vornehmen Eindruck. Alkoholische Getränke schienen nicht serviert zu werden,
nur fiel Geigele auf, daß Herren, die aus dem neben der Garderobe
befindlichen Foyer zurückkamen, alle etwas in den Händen zu halten schienen,
was sie sorgfältig verbergen zu wollen bemüht waren. Später nahm Geigele noch
wahr, daß an verschiedenen Tischen die Herren etwas aus Flaschen in ihre
alkoholfreien Getränke zu gießen schienen. Geigele verstand nicht, was das
alles bedeutete und kümmerte sich auch weiter nicht darum, zumal es im ganzen
Restaurant unter den Gästen keinen einzigen Betrunkenen gab. Geigele hatte
meistens nur halb zugehört zu dem, was Professor Susan zu ihr sagte und seine
Fragen auch zerstreut und uninteressiert beantwortet. Für sie war dieses
Lokal etwas absolut Neues, was sie interessierte. Einmal wurde die Tanzmusik
unterbrochen und es erschien auf der Bühne eine elegant gekleidete Sängerin,
die über eine sehr gute Stimme verfügte und mit ihren Liederdarbietungen,
besonders solchen von Forster, wie ‚ My Old Kentucky Home‘ and ‚Swany River‘
großen Beifall auslöste. Da, gegen 10
Uhr, trat Mack auf die Bühne und kündigte an: „Meine hochverehrten Damen und
Herren. Ich danke Ihnen allerherzlichst für Ihren Besuch, der zweifelsohne
mit auf die Ankündigung zurückzuführen ist, daß das berühmte Medium, Gräfin
Roszinsky, Ihnen eine Probe ihres phänomenalen Mediumismus nebst
telepathischen Wissens ablegen wird. Bemerken möchte ich, daß Gräfin
Roszinsky ihre medialen Kräfte erst so wunderbar entwickelte, seit von
Professor Susan ihre medialen Kräfte in sachverständiger Weise überwacht
wurden. Wie Sie alle, meine hochverehrten Damen und Herren wissen, habe ich
für Herrn Professor Susan ein besonderes Laboratorium für Seelenforschung
eingerichtet, so daß wir in der Lage sein werden, Ihnen noch weitere
diesbezügliche Überraschungen bieten zu können. Doch jetzt, werte Anwesende,
stelle ich Ihnen Gräfin Roszinsky vor, die mit verbundenen Augen jede gestellte
Frage von Besuchern genau beantworten wird, als Beweis für ihre
hellseherische und telepathische Begabung. Zwei Angestellte dieses
Restaurantunternehmens werden sich erlauben, unter Ihnen herumzugehen und
Fragen sowie sonstige Wünsche entgegenzunehmen. Ich danke Ihnen.“ Mack erntete
Beifall für seine Einführungsworte. Nun sah Geigele, wie Rudi und Joseph von
Tisch zu Tisch gingen und entweder Gegenstände, die ihnen gereicht wurden,
oder beschriebene Zettel entgegennahmen. Die Gräfin
Roszinsky saß allein auf der Bühne in einem bequemen Sessel mit verbundenen
Augen. Sie war es, die die jetzt folgenden Vorführungen eröffnete mit der
Aufforderung an Rudi und Joseph, die gestellten Fragen laut bekanntzugeben.
Rudi meldete sich zuerst: „Gräfin, was habe ich hier in der Hand?“ „Die
Handtasche einer Dame“, antwortete Gräfin Roszinsky ohne Zögern, „die vor
nicht allzu langer Zeit eine liebe Person durch den Tod verloren hat. Diese
liebe Person sehe ich um sie herum und ihr zuflüstern, sie solle sich keine
Sorgen über das machen, worüber sie in letzter Zeit so oft nachgrübelte.
Alles würde sich noch zum Besten wenden. Habe ich recht?“ „Absolut,
Gräfin“, sprang eine Dame ganz erregt von ihrem Stuhl auf einer der unteren
Terrassen des Lokals auf. „Ich verlor vor nicht allzu langer Zeit meine beste
Freundin und sie hatte mir vor ihrem Ableben versprochen, daß sie immer um
mich sein würde. Ich danke Ihnen, liebe Gräfin, für Ihre Mitteilung. Sie war
wunderbar.“ Der Eindruck
dieser Bestätigung der ‚Botschaft‘ der Gräfin durch die Dame die die
Botschaft anging, auf die im Lokal Anwesenden war phänomenal. Von allen
Seiten regnete es jetzt Fragen an die Gräfin, die teils von Rudi, teils von
Joseph gesammelt und laut vorgelesen wurden. Die Gräfin versagte in keinem Fall,
selbst wenn ihr aus der fernsten Ecke des Lokals irgendein Gegenstand
entgegengehalten wurde, den sie ja sowieso nicht sehen konnte, weil ihre
Augen verbunden waren. Unzweifelhaft, die Gräfin war eine Sensation ersten
Ranges für das Lokal. Nach etwa dreiviertel
Stunden wurde die Darbietung der Gräfin von Mack unterbrochen mit den Worten:
„Nun, meine hochverehrten Damen und Herren, es bedarf wohl keiner weiteren
Beweisführung von irgendeiner anderen Seite her über die Echtheit der
medialen Darbietungen der Gräfin, die jetzt aber aufs Äußerste erschöpft ist,
weswegen die Darbietungen ihrer ganz ungewöhnlichen Fähigkeiten unterbrochen
werden müssen bis morgen abend. Da Sie sich zweifelsohne heute abend selbst
von der geradezu einzigartigen Fähigkeit der Gräfin überzeugt haben werden,
so möchte ich Sie alle bitten, nicht nur wiederzukommen, um die Kräfte der
Gräfin weiterhin zu prüfen und zu studieren, sondern auch um Ihre Freunde und
Bekannten mitzubringen. Vielleicht mögen Sie sagen, daß ein Restaurant nicht
der rechte Platz für solche Vorführungen ist, aber meine Damen und Herren,
vergessen Sie nicht, es bleibt sich schließlich doch ganz gleich, wo Ihnen
ewige Wahrheiten dargeboten werden. Die Hauptsache ist, daß es sich um solche
handelt und davon werden Sie sich wohl alle überzeugt haben. Ich danke
Ihnen!“ Mack,
besonders aber der Gräfin, wurde beim Abtreten von der Bühne ein nicht
endendwollender Beifall gespendet. Die Gräfin schien ungeheuer erschöpft zu
sein, als sie zu ihrem Tisch zurückkehrte, erholte sich aber auffallend
schnell, als Professor Susan sich zu ihr neigte, ihre Hand drückte und ihr zu
ihrem Erfolg anscheinend Glück wünschte. Geigele wußte
nicht, was sie von dem eben Erlebten halten sollte. Ihr Inneres war von allem
Gebotenen und Wahrgenommenen gänzlich unberührt geblieben. Sie war verwirrt. „Nun, was
hältst du von der medialen Kraft der Gräfin?“ wurde sie — wie es Geigele
erschien — lauernd von ihrer Schwester Magdalene gefragt. „Ich weiß es
nicht, ich bin zu verwirrt“, gestand Geigele ehrlich ein. „Nun, das
kann ich verstehen, doch ich denke, es war doch wirklich überraschend, wie
treffend die Gräfin alle Probleme zur Zufriedenheit der Fragesteller löste.
Gibst du das nicht zu?“ „Gewiß“,
antwortete, aber wieder zögernd, Geigele. Magdalena
merkte das Zögern und schien darüber etwas aufgebracht zu sein, denn sie
hielt Geigele die Frage entgegen: „Oder kannst du mir vielleicht eine andere
Erklärung als mediale Kraft dafür geben, daß die Gräfin alle Fragen zur
vollsten Zufriedenheit der Fragesteller zu beantworten vermochte?“ „Nein“; mußte
Geigele zugestehen. Und doch, und doch, etwas stimmte nach Geigeles innerem
Empfinden nicht, aber sie konnte und konnte nicht ausfinden, was das wohl
sein mochte. Sie bat
Magdalena, nach Hause gebracht zu werden, worauf diese gern einging. Als sich
beide nach der Garderobe begaben, begegnete ihnen Mack, der sich selbstredend
danach erkundigte, welchen Eindruck die Gräfin auf Geigele gemacht hätte. „Die Gräfin
ist sehr gut“, bemerkte Geigele, was ein zufriedenes Lächeln bei Mack
auslöste. Wie es Geigele jedoch schien, winkten sich beide, Mack und Magdalena,
dabei bedeutungsvoll zu. Mack stellte
beiden wieder eins seiner Autos zur Verfügung. Beim Abschied bat er Geigele: „Bitte,
kommen Sie beide recht bald wieder. Vergessen Sie nicht, Sie sind hier
jederzeit willkommen. Vielleicht könnten auch Sie, liebes Fräulein Geigele,
später einmal eine Probe Ihrer phänomenalen geistigen Fähigkeiten vor der
Öffentlichkeit ablegen?“ Man war
gerade beim Einsteigen ins Auto. Diese unerwartete Aufforderung Macks machte
Geigele so stutzig, daß sie beim Einsteigen zögerte, was Magdalena zu ärgern
schien, denn sie mahnte: „Na, aber mach doch endlich daß du ins Auto kommst.
Du hältst ja durch dein Zögern den ganzen Verkehr auf der Straße auf.“ Geigele stieg
in den Wagen, ohne Mack auf seine Bemerkung zu antworten. Anfangs
herrschte Schweigen zwischen den Schwestern. Nach einer Weile nahm Magdalena
die Konversation auf: „Nun, sag‘ mal, was hast du denn wieder? Man ehrt dich
wer weiß wie, du hast heute die wunderbare Gabe der Gräfin beobachten können
und du äußerst dich zu alledem nicht. Sag mir bloß mal, warum nicht?“ „Ich kann es
dir nicht sagen, Magdalena, ich bin absolut verwirrt. Mir fehlt hier in
Chicago jene — sagen wir — Harmlosigkeit und Selbstverständlichkeit meiner
Kräfte, die ich daheim um mich herum fühle.“ „Nun, das
kann ich verstehen“, antwortete zufriedengestellt Magdalena. „Doch noch
immer“, so fuhr sie fort, „ist es mir nicht klar, was denn nun eigentlich so
Außergewöhnliches an deiner Gabe gewesen sein soll? Die Gräfin tut doch
dasselbe, vielleicht sogar noch mehr als du je zu tun fähig gewesen bist.
Doch bitte, liebes Geigele, nimm mir meine freie Bemerkung nicht übel.“ „Aber, wie
könnte ich wohl, liebe Magdalena, doch meine angeblichen Gaben versagen
einfach hier in Chicago. Ich weiß nicht warum und wie das kommt.“ „Aber,
Geigele, mache dir deswegen bloß keine Sorgen“, beruhigte freundlichst
Magdalena. „Obwohl ich selbst nicht das Geringste von Mediumismus und
ähnlichem Unsinn verstehe und begreife, ist mir dein Einwand doch
einleuchtend.“ So nahm
dieser Abend einen zufriedenen Ausgang für die beiden Schwestern. Der nächste
Tag brachte herrlichen Sonnenschein. Geigele fühlte den Frieden in der Natur
und war selbst friedlich und zufrieden gestimmt. Als sie ihr Frühstück
eingenommen hatte, kleidete sie sich an und wollte gerade einen Spaziergang
antreten, als ihr unten im Hausflur Magdalena entgegentrat und sie
diesbezüglich umzustimmen versuchte: „O nein, liebe Schwester, so gehst du
mir nicht aus, ohne irgendwelches Geleit. Dafür ist Chicago doch eine viel zu
große Stadt. Du kennst deren Versuchungen nicht, und jeder — sei mir deswegen
nicht böse — sieht dir die Kleinstadt an Kleidung, Auftreten und Benehmen
sofort an. Warte, bis Rudi und Joseph dich abholen kommen. Die zeigen dir
schon die Stadt.“ Geigele gab sich zufrieden. Gerade als
sie sich nach oben begeben wollte, klingelte das Telephon. Magdalena, die
antwortete, wurde plötzlich sehr erregt und Geigele überhörte folgende
Antworten von ihr auf telephonische Mitteilungen von irgendeiner Seite her:
„Ist es wirklich so schlimm? — Nun gut, ich komme in kurzem hinüber. — Sie
denken, er kommt wieder zu sich? — Gut, ich möchte ihn gern sprechen!“ Darauf hing
Magdalena das Telephon an, doch sie war sehr erregt und bemerkte zu Geigele,
die sich noch auf der Treppe zum oberen Stockwerk befand: „Denke dir,
Geigele, Joseph hatte einen Autounfall und ist im Hospital. Willst du mit mir
dorthin gehen?“ „Aber
natürlich doch“, stimmte Geigele sofort zu. Man ließ ein
Taxi kommen und begab sich ins Hospital. Der Arzt ließ
jedoch noch niemanden vor und vertröstete die Besucher auf den nächsten Tag.
Auf Magdalenas Befragen über Josephs Befinden erklärte der Arzt, man weiß
noch nicht, wie sich alles gestalten würde. So mußte man
unverrichteter Sache aus dem Hospital fortgehen. Auf der
Straße bat Geigele ihre Schwester, ob sie mit ihr ein wenig die Promenade am
Ufer des Michigansees entlanggehen würde, da das vielleicht beiden gut tun
würde, denn sonst ließe sich augenblicklich nichts bezüglich Joseph machen,
außer ab und zu im Hospital anzufragen. Magdalena war
jedoch auffallend niedergedrückt. Sie hatte keine Lust zu einem Spaziergang,
war aber auch zu teilnahmslos, um Geigele irgendwelche Vorschriften machen zu
wollen. Sie rief ein Taxi, um nach Hause gefahren zu werden und kümmerte sich
nun nicht mehr darum, was Geigele tun wollte. Der Unfall, von dem Joseph
betroffen worden war, schien ihr doch sehr nahe gegangen zu sein. Sie
verabschiedete sich, halb geistesabwesend, von Geigele und überließ diese
sich selbst. Das war aber
gerade, was Geigele wünschte, der plötzlich eine Welle von Energie von
irgendwoher zuzufließen schien. Sie winkte einem anderen gerade
vorüberfahrenden Taxi und gab als Ziel — da sie kein anderes wußte — den
Bahnhof an, auf dem sie in Chicago eingetroffen und von dem sie sich
erinnerte, daß er zentral im Loop-Distrikt gelegen war. Auf der Fahrt
dorthin im Taxi dachte sie an ihren Bruder Joseph, doch sie bekam weder
irgendeine Ahnung noch sonstige innere Mahnung bezüglich seines Schicksals.
Chicago schien auf sie hinsichtlich ihrer medialen Kräfte wie ein Opiat zu
wirken. Am Bahnhof
angekommen, zahlte sie und machte sich auf eigene Faust zum Wandern auf.
Zunächst durchschritt sie die geräumige Wartehalle des Bahnhofs. Kurz vor dem
Ausgang steckte ihr im Vorbeigehen jemand einen Handzettel zu, der folgende
Aufforderung enthielt: „Kommen Sie heute abend nach Mack‘ fashionablem
Restaurant, wo Ihnen eine wirkliche Gräfin jeden gewünschten Aufschluß über
ihr Schicksal geben wird.“ Geigele warf
den Handzettel fort. Ihr gefiel diese marktschreierische Reklame nicht, doch
dachte sie weiter nicht darüber nach. Sie ging nun
einfach drauflos durch das Straßengewirr des Loop-Distrikts von Chicago. Sie
ging kreuz und quer und war schon ganz verwirrt. Auf einmal las sie das
Schild: ‚Hotel Bismarck‘. Sie befand sich in der Randolph Straße. Als sie das
Hotel passierte, trat sie — wie einer plötzlichen Eingebung folgend — ein und
setzte sich für eine Weile in der Lobby des Hotels hin. Gerade als sie
weitergehen wollte, kam die Treppe zur Lobby das junge Mädchen Lucie herauf,
das Modell, das ihr Telegramm an Dr. Lehmann aufgegeben hatte. „Frl. Lucie“,
redete Geigele die Heraufkommende an, die von der Begegnung peinlich berührt
zu sein schien. „Das freut mich aber, Sie wieder zu sehen. Darf ich Sie
einladen, mit mir im Taxi nach Hause zu fahren?“ „Aber, ich
wohne doch gar nicht mehr dort“, antwortete Lucie. „Was? Das
wußte ich nicht“, antwortete Geigele erstaunt. “Haben Sie was Besseres
gefunden?“ fragte Geigele teilnehmend. „Ich weiß
nicht! Ich wohne jetzt in einem billigen, möblierten Zimmer in einer nicht
gerade angenehmen Gegend Chicagos.“ „Ja, warum sind
Sie denn dann aber ausgezogen?“ „Ich bin von
Ihrer Schwester hinausgeworfen worden.“ Geigele war sprachlos. „Hinausgeworfen?“
stammelte sie ungläubig. „Jawohl, regelrecht hinausgeworfen.“ „Aber warum
denn bloß?“ “Wegen Ihrem Telegramm.“ „Wieso? Ich verstehe nicht.“ „Ihre
Schwester verlangte von mir, daß ich ihr Ihr Telegramm gäbe. Ich wollte das
nicht, doch da ich mit meiner Miete rückständig war, so mußte ich das
schließlich tun, worum mich Ihre Schwester ersuchte.“ „Sie gaben
das Telegramm meiner Schwester?“ „Glauben Sie,
daß es abgeschickt wurde?“ „Ich weiß
nicht, doch ich bezweifle es.“ „Wieso? Ich
dachte, meine Schwester hilft allen jungen Mädchen, die bei ihr wohnen, wie
ein Schutzengel.“ Lucie lacht
laut auf. „Ihre Schwester helfen? Die nimmt den letzten Cent aus uns jungen
Mädchen heraus, wenn sie uns durch ihre verlockenden Anzeigen nach ihrem Heim
in Kost und Logie bekommen hat. Ihre Schwester ist das herzloseste Geschöpf,
das mir je im Leben begegnet ist. Sehen Sie zum Beispiel mich an. Ich wurde
einfach auf die Straße gesetzt — wobei mir freilich großmütig die restliche
Miete geschenkt wurde, weil ich ihr Ihr Telegramm aushändigte, was ich nie
und nimmer hätte tun sollen. Doch, was sollte ich wohl machen, ohne
irgendwelche Ersparnisse, die alle auf Kost und Logie bei ihrer Schwester
draufgingen?“ Geigele war
erschüttert. Nach kurzem Überlegen erwiderte sie: „Hören Sie, Frl. Lucie,
gehen Sie nach irgendeinem Hotel bis Sie ein vernünftiges möbliertes Zimmer
gefunden haben. Hier sind vorläufig 25 Dollars. Ich weiß nicht, wie lange
dieser Betrag Sie in Chicago über Wasser halten wird, doch wenn Sie in Not
kommen sollten, schreiben Sie an Dr. Lehmann und bitten Sie ihn, Ihnen in
meinem Namen Geld zu überweisen, damit Sie nach meinem Heimatstädtchen reisen
können. Dort können Sie bei mir freie Wohnung und Beköstigung haben, bis Sie
irgendeine passende Beschäftigung finden können.“ „O danke,
tausend Dank. Haben Sie noch den Text des Telegramms im Kopf, das ich senden
sollte. Ich lasse es sofort abgehen.“ „Danke, das
ist nun nicht nötig, da ich es selbst aufgeben werde.“ Geigele ging
nach diesem Zusammentreffen und Erlebnis in die Lobby zurück und setzte sich
auf eine Bank, um alle erlebten Eindrücke zu ordnen und sich innerlich zu
sammeln. Doch das
Ordnen von alldem Erlebten war nicht leicht für sie. Was sollte sie tun? Am
liebsten hätte sie sich eine Fahrkarte gekauft und wäre mit dem nächsten Zug
nach ihrem Heimatstädtchen zurückgereist. Aber das konnte sie ja nicht gut,
solange sie nicht wußte, wie es um Joseph stand. Endlich
raffte sie sich auf, um wenigstens die Lethargie zu brechen, die sich ihrer
bemächtigt hatte, und telefonierte nochmals das Hospital an. Sie erfuhr zwar,
daß Joseph wieder bei Besinnung sei, aber vorläufig noch keine Besuche empfangen
könne. Nach einer
Pause unentschlossenen Nachdenkens ging sie nochmals zum Fernsprecher und
rief Magdalena an. Was sie damit bezweckte, wußte sie so eigentlich nicht
recht. Das kam ihr aber erst zum Bewußtsein, als sie schon den Hörer
abgenommen und Magdalenas Telephonnummer dem Amt gegeben hatte. Es meldete
sich jedoch niemand auf den Anruf. Nach einer Weile hing Geigele den Hörer
wieder auf. Es war ihr nun lieb, daß bei Magdalena niemand zu Hause zu sein
schien, denn was hätte sie ihr wohl über das Telephon sagen sollen? Der Fall
Lucie konnte nur mündlich erledigt werden. Geigele
setzte sich wieder in der Lobby nieder und griff eine Zeitung auf, die jemand
liegen gelassen haben mußte. Sie blätterte sie gleichgültig durch. Ihr Blick
glitt uninteressiert über die Seiten, aber als sie zu den Anzeigen über
Restaurants kam, fiel ihr plötzlich ein, daß Magdalena vielleicht zu Mack
gefahren sein mochte. Sie sah nach der Uhr und war erstaunt, daß es bereits
kurz vor 7 Uhr war. Da fiel ihr ein, daß sie ja noch an Dr. Lehmann
telegraphieren wollte. Nach kurzem Überlegen ließ sie es jedoch sein, weil
sie sich ja vorgenommen hatte, sowieso abzureisen. Sie wußte nicht, daß es
vom Hotel ‚Bismarck‘ bis zu Macks Restaurant gar nicht weit war, doch da ihr
Chicago nicht näher bekannt war, so nahm sie dennoch ein Taxi. Sie war
erstaunt, als dieses schon nach kurzer Fahrt anhielt und sie sich vor dem
Eingang zu Macks Restaurant befand, wo der Portier wieder galant die Tür
öffnete und überrascht war, Geigele allein aussteigen zu sehen. Das Lokal war
noch ziemlich leer. Das Tanzorchester spielte aber schon. Sie setzte sich an
einen Tisch im Hintergrund des Saales nieder und bestellte sich einen kalten
Aufschnitt nebst Kaffee. Gleichzeitig fragte sie den Kellner, ob sie vielleicht
Mack sehen könnte. „Ich glaube
kaum, da sich Herr Mack in Konferenz befindet und ersucht hatte, unter keinen
Umständen gestört zu werden.“ Geigele gab
sich zufrieden, bat jedoch den Kellner, es sie sofort wissen zu lassen,
sobald die Konferenz vorüber wäre. Das
Restaurant fing nun an, sich schnell zu füllen. Geigele beobachtete die
Besucher, die alle elegant gekleidet waren und den besten
Gesellschaftskreisen anzugehören schienen. Sie kamen meistens der hellseherischen
Darbietungen der Gräfin Roszinsky wegen. Auf jedem Tisch — auch auf dem, an
dem Geigele saß — lag eine elegant gehaltene Einladung, die besagte: „Sie
sind hiermit eingeladen, an die Gräfin Roszinsky während ihrer Seance
irgendwelche Fragen zu stellen, sobald Sie von den dazu bestimmten Angestellten
ersucht werden, irgendeinen Gegenstand zu überreichen, um auf solche Weise
den seelisch-geistigen Kontakt zwischen sich und dem Medium herzustellen. Die
Geschäftsleitung Mack.“ Da Geigele
ganz im Hintergrund des Restaurants saß, wurde sie von dem Kellner mit
Bestellungen nicht weiter belästigt, als sie ihren kalten Aufschnitt verzehrt
hatte. Sie langweilte sich und wußte so eigentlich nicht — was ihr jetzt erst
zum Bewußtsein kam —‚ was sie hier überhaupt wollte. Sie dachte nach. O ja,
sie hoffte, hier entweder ihre Schwester oder Rudi oder Mack oder Prof. Susan
zu treffen in der Hoffnung, etwas Näheres über ihres Bruders Joseph Unfall zu
erfahren. Seltsamerweise sah sie aber keinen von den Genannten. Inzwischen
war die Zeit herangekommen, zu der die Gräfin aufzutreten pflegte und der
Anwesenden begann sich bereits eine leichte Unruhe zu bemächtigen. Doch es
trat erneut die Sängerin auf und dann folgte allgemeiner Tanz. Als dieser
beendet war, begannen die Anwesenden jedoch so laut zu klatschen, daß sie
schließlich sogar das Orchester übertönten, das einen neuen Tanz zu spielen
begonnen hatte. Als das
Klatschen sich durchaus nicht geben wollte, erschien endlich Mack neben dem
Orchesterleiter auf der Bühne und erklärte, nachdem sich das Publikum beruhigt
hatte: „Werte Anwesende! Infolge eines tragischen Unfalls, dem einer der
jungen Männer zum Opfer fiel, die von Tisch zu Tisch zu gehen pflegen, um
Gegenstände von den Gästen entgegenzunehmen und dann die Gräfin Roszinsky zu
ersuchen, laut mitzuteilen, was diese Gegenstände seien, kann dieser heute
abend nicht hier sein. Da er erst vor kurzem im Hospital aus seinem Zustand
der Bewußtlosigkeit erwacht ist, hat es sich die Gräfin nicht nehmen lassen,
sofort mit der Schwester des Verletzten und mit dem anderen jungen Mann nach
dem Hospital zu fahren. Sie sind noch nicht zurück, und daher bitte ich die
Anwesenden um Entschuldigung für das verspätete Auftreten der Gräfin, und
deswegen sich gütigst noch etwas zu gedulden. Ich erwarte die Genannten aber
bestimmt in etwa einer halben Stunde zurück.“ Nach dieser
Ankündigung stand Geigele sofort auf, um ein Taxi zu nehmen und nach dem
Hospital zu fahren, in dem ihr Bruder Joseph lag. Vorher versuchte sie
nochmals, Mack zu sprechen, aber sie wurde in sein Privatzimmer nicht
zugelassen. Ebenso wußte keiner der Angestellten, wo Prof. Susan zu finden
sei. Schließlich
stieg sie in das durch den Portier herbeigerufene Taxi und fuhr nach dem
Hospital. Dort wurde sie jedoch ebenfalls nicht vorgelassen, weil die Besucher,
die vorher dort waren, den Verletzten zu sehr aufgeregt hätten. Sie sollte am
nächsten Tag wiederkommen. Die vorherigen Besucher hatten sich bereits
entfernt. Soviel konnte sie jedoch von der diensttuenden Krankenschwester
erfahren, daß ihr Bruder erfreulicherweise außer Lebensgefahr zu sein schien.
Nur Ruhe brauche er jetzt. Geigele
wußte, als sie das Hospital verließ, nicht recht, was sie tun sollte. Da
meldete sich — und wie ihr schien — zum ersten Male wieder ihre innere Stimme,
die ihr riet, in das Restaurant zurückzukehren. Als sie dort
eintraf, fand sie noch ein Tischchen frei für zwei Personen an einer Stelle
im Hintergrund des Lokals. Sie bestellte sich einen weiteren kalten Aufschnitt
und Kaffee und wartete ab, was kommen würde. Es dauerte
auch nicht lange, bis Mack wieder neben dem Orchesterleiter erschien und nun
ankündigte: „Meine hochverehrten Gäste! Ich danke Ihnen allerherzlichst für
Ihre Geduld. Gräfin Roszinsky ist jetzt bereit, die allabendlichen Proben
ihrer wunderbaren medialen Kraft abzulegen. Wie sie nach ihrer Rückkehr aus
dem Hospital mitteilte, ist unser junger Angestellter glücklicherweise bei
dem Unfall nicht so ernstlich verletzt worden, daß Lebensgefahr für ihn
bestände. Doch hier kommt die Gräfin. Lassen Sie uns alle sie gebührend durch
Händeklatschen begrüßen.“ Das geschah
auch. Die Gräfin dankte durch Kopfnicken und ließ sich dann auf ihrem Sessel
auf der Bühne nieder, wobei sie sich an die Anwesenden mit der Bemerkung
wandte: „Liebe Freunde! Entschuldigen Sie, falls ich heute abend manchmal
zerstreut sein sollte. Es geht einem nahe, wenn ein treuer Mitarbeiter von
einem Unfall betroffen wird und leidend im Hospital liegt. Er war mir ein
großer Helfer, da wir sehr aufeinander seelisch eingestellt waren. Erfreulicherweise
habe ich ja noch den anderen meiner beiden Helfer zur Verfügung. Doch für
meinen verunglückten Helfer muß ich diesmal einen anderen zur Seite haben,
mit dem ich infolge der Kürze der Zeit noch keinen rechten Kontakt
herzustellen vermochte. Wenn also heute abend vielleicht nicht jede Frage
ganz genau beantwortet werden kann, haben Sie bitte Nachsicht und ziehen Sie
die erwähnten Umstände in Betracht.“ Nun sah
Geigele, wie Rudi — und zu ihrer höchsten Überraschung — als Ersatz für ihren
Bruder Joseph Prof. Susan selbst sich unter das Publikum mischten. Beide
baten um Gegenstände, worauf sie dann an die auf der Bühne mit geschlossenen
und auch verbundenen Augen sitzenden Gräfin Roszinsky die Frage stellten, was
sie in der Hand hätten. Anfangs verliefen die Experimente vorzüglich, doch
auf einmal stellten sich bei Fragen, die Prof. Susan an die Gräfin richtete,
Irrtümer ein. Prof. Susan handelte sehr nervös. Stets sprang jedoch nach
einem Fehlschlag der sehr umsichtige Rudi mit seiner Fragestellung ein und
dann klappte alles wieder vorzüglich. Nach einiger
Zeit erklärte die Gräfin plötzlich: „Liebe Freunde! Der heutige Tag mit all
dem Durcheinander hat mich sehr angegriffen, zumal ich mit meinem neuen
Helfer noch nicht den rechten Kontakt finden konnte. Daher möchte ich Sie
allerherzlichst bitten, mir zu gestatten, eine Pause in den Darbietungen
eintreten zu lassen — sagen wir von einer halben Stunde — und dann hoffe ich,
mich wieder genügend erholt zu haben, um zu Ihrer Verfügung zu stehen.“ Das Publikum
schien vollständig damit einverstanden zu sein. Die Musik spielte dann zum
Tanz auf und auch die erwähnte Sängerin brachte mehrere Lieder zu Gehör. Als die halbe
Stunde Pause vorüber war, kam die Gräfin Roszinsky — wie es schien —
bedeutend besser gesammelt als das erste Mal auf die Bühne und die
hellseherischen Experimente nahmen ihren Fortgang. Statt Prof. Susan
fungierte ein anderer junger Mann, in dem Geigele einem vom Restaurant angestellten
Kellner — jetzt im Frack — wieder zu erkennen glaubte. Nun wickelte
sich alles glatt wie am Schnürchen ab. Das Publikum applaudierte bei jeder
richtigen Angabe der Gräfin, was Rudi oder der andere junge Mann gerade in
Händen hielten, gegeben von Gästen. Nach etwa einer halben Stunde solcher
Vorführungen erhob sich plötzlich im Hintergrund — auf der anderen Seite des
Saales, zu weit von Geigele entfernt, um die Person zu erkennen ein Herr und
bemerkte: „Einen Augenblick bitte! Ich bin an solchen Experimenten sehr
interessiert und schätze hoch, was der Besitzer dieses Lokals zur Förderung
der Erklärung vieler geheimnisvoller Zusammenhänge des Seins hier tut. Würde
die Gräfin“ — wobei sich der Herr galant gegen die Gräfin hin auf der Bühne
verneigte — „gestatten, daß ich einmal anstelle des einen jungen Mannes mich
unter die Gäste mische, um Gegenstände bitte und dann die Frage, was es sei,
was ich in Händen halte, an Sie richte, Frau Gräfin?“ Die durch die
freundlichen Worte zur Zusage geneigte Gräfin gab ihre Einwilligung, horchte
dann aber gespannt hinter den Bühnenvorhang, von woher ihr jemand etwas
zurief, worauf sie noch schnell bemerkte: „Wer immer Sie Fragesteller sein
mögen, tun Sie, wie Sie wünschen, aber bitte nicht zu lange, da ich erschöpft
bin und mit Ihnen keinerlei Kontakt habe, weil ich Sie in Wahrheit ja gar
nicht kenne, auch nicht weiß, wer Sie sind. „Werte
Gräfin“, kam es da beruhigend zurück, „seien Sie versichert, daß Sie es mit
jemandem zu tun haben, der Ihre wunderbaren Fähigkeiten sehr hoch schätzt und
darüber in fachmännischer Literatur eingehend berichten wird.“ Die Gräfin
schwieg, entweder weil sie nicht wußte, was sie darauf erwidern sollte, oder
weil sie abwarten wollte, wie sich alles weiter entwickeln würde. Inzwischen
trat der fremde Herr an einen Tisch in seiner Nähe heran, ergriff die
Handtasche, die eine Dame vor sich liegen hatte, und fragte die Gräfin: „Zu
welchen Zwecken dient der Gegenstand, den ich hier in der Hand halte?“ Die Gräfin
schien perplex zu sein und zu überlegen. Dann sagte sie forsch heraus: „Was
Sie in der hand haben, wer immer Sie auch sein mögen, ist ein Damenhut und
dient zur Beschützung des Kopfes.“ Eisiges
Schweigen beantwortete diese falsche Auskunft. Die Gräfin
schien zu merken, daß etwas nicht stimmte, denn sie wurde nervös und
versuchte sich zu verbessern mit dem Bemerken: „Es mag auch ein Regen- oder
Sonnenschirm sein, den Sie, junger Mann, in der Hand halten.“ Das eisige
Schweigen der Besucher hielt an. Da merkte die
Gräfin, daß etwas schief gegangen war, Sie begann zu stöhnen, sich in
Zuckungen zu strecken und eine Ohnmacht vorzutäuschen. Mack trat auf
die Bühne und entschuldigte die Gräfin mit den Worten: „Die
Geschäftsleitung bittet Sie, werte Anwesende, vielmals um Entschuldigung für
die Unterbrechung der Vorführungen durch die Ohnmacht der Gräfin. Doch es war
entschieden zuviel, was heute alles auf die Gräfin einstürmte. Erst die
Nachricht von dem Unfall ihres Mitarbeiters, dann der Besuch im Hospital und
jetzt hier das Zusammenarbeiten mit völlig fremden Helfern, mit denen sie
bisher noch nie einen Kontakt gehabt hatte. Ich bin sicher, daß sich die
Gräfin morgen wieder völlig erholt haben wird, und ich würde mich freuen, Sie
morgen wieder begrüßen zu können. Doch darf ich vielleicht den Herrn, der zuletzt
liebenswürdigerweise die Fragestellung übernommen hatte, um eine persönliche
Unterredung bitten.“ Doch der Herr
war nirgends mehr zu sehen und zu finden. Er hatte sich inzwischen aus dem
Restaurant unauffällig entfernt. Geigele hatte
aufgehorcht, als der erwähnte Herr um die Erlaubnis gebeten hatte, selbst
Fragen stellen zu dürfen. Die Stimme war ihr bekannt vorgekommen. Sie war
während der Fragestellung nach dem Eingang zu gegangen und als dann Mack auf
die Bühne trat, war der Herr an ihr vorübergegangen, ohne sie erkannt zu
haben. Doch Geigele sprach den Herrn hocherfreut an: „Herr Dr. Lehmann, o
welche Freude und Beruhigung für mich! Doch, wie kommen Sie denn nach Chicago
und hierher?“ Es war Dr.
Lehmann, der bei Geigele beinahe vorbeigegangen wäre, wenn sie ihn nicht
angeredet hätte. Dr. Lehmann
ergriff Geigeles Hand, zog sie mit sich und bemerkte, sie nun ebenfalls mit
‚Sie‘ anredend, da er es für richtig hielt, in der breiten Öffentlichkeit
formell zu wirken, um damit persönlichen Fragen aus dem Wege zu gehen: „Nicht
hier, Frl. Geigele. Hier mögen wir gefährdet sein. Kommen Sie mit mir. Sie
haben übrigens recht getan, während unseres hiesigen Weilens wieder die
Anrede ‚Sie‘ zu gebrauchen.“ Damit holte
sich Dr. Lehmann seinen Mantel und Hut aus der Garderobe — Geigele hatte
nichts in der Garderobe abgegeben — trat mit Geigele schnell aus dem Lokal,
ging rechts bis zur nächsten Ecke und winkte dort erst ein Taxi heran. Geigele wußte
nicht recht, was das alles bedeuten sollte. Dr. Lehmann beruhigte sie und
versprach ihr, gern jede Auskunft über sein seltsames Verhalten in dem Lokal
zu geben. Vor seinem
Hotel angekommen, zahlte Dr. Lehmann den Taxifahrer und zog dann Geigele in
die nächste Seitenstraße hinein und in einen dort befindlichen Lunch-Room,
der noch offen war. „Ich kann verstehen,
liebes Frl. Geigele,“ begann er dann, als beide im Lokal Platz genommen und
sich einen Kaffee und Pie bestellt hatten, „daß Sie alles das nicht
verstehen. Nun gut, ich will von Anfang an berichten. Als ich gar nichts von
Ihnen hörte — keine Karte und keinen Brief —“ … „Ja, aber ich
habe Ihnen doch einen Brief geschrieben“, bemerkte Geigele erstaunt. „Doch ich
habe nichts von Ihnen gehört. Daher wurde ich unruhig und beschloß, selbst
einmal bezüglich Ihrer nach dem Rechten zu sehen. Ich wußte die genaue
Adresse Ihrer Schwester nicht mehr, wohl aber erinnerte ich mich noch an den
Platz, wo Joseph und Rudi arbeiteten. Daher begab ich mich heute abend — ich
traf erst am Spätnachmittag in Chicago ein — nach dem Lokal, weil ich hoffte,
dort etwas Näheres über Sie und die Adresse Ihrer Schwester zu erfahren. Bei
den Darbietungen der Gräfin — notabene erkannte ich Rudi, der aber
glücklicherweise auf der anderen Seite des Saales ‚arbeitete‘ und mich wohl
kaum gesehen haben mochte — fiel mir auf, daß bei bestimmten Sachen, die Rudi
und der andere Herr hochhielten, immer die gleiche Fragestellung bei
demselben Gegenstand wiederkehrte. Das kam mir merkwürdig vor. Um die Gräfin
zu prüfen, bat ich um die Erlaubnis, selbst Fragen stellen zu dürfen und
stellte solche auf eine andere Art und Weise, mit dem Ergebnis, daß die
Gräfin einfach festsaß.“ „Was meinen
Sie damit, lieber Herr Doktor?“ „Ich vermute,
daß die Gräfin überhaupt kein Medium ist, sondern daß die ganzen Vorführungen
auf Schwindel beruhen, um das Restaurant jeden Abend mit Besuchern zu
füllen.“ Geigele
schwieg; doch nun schien sie zu wissen, warum ihre innere Stimme bei allem,
was sie gesehen hatte und was ihr geboten worden war, immer geschwiegen und
erst heute abend sich wieder gemeldet hatte. „Nun, Frl.
Geigele, Sie sagen ja gar nichts dazu. Glauben Sie mir nicht?“ „O ja“,
antwortete zögernd die Gefragte, „doch ich kann den ganzen Zusammenhang noch
nicht so recht begreifen.“ „Mir wird
jetzt so ziemlich alles klar“, bemerkte, wie zu sich selbst sprechend und
dabei nachdenkend, Dr. Lehmann. „Sehen Sie, Frl. Geigele, ich wunderte mich
schon über die plötzliche Einladung Ihrer Schwester, nach Chicago zu kommen.
Sie war doch eigentlich bisher niemals so freundlich entgegenkommend gewesen.
Ich dachte während Ihres Fortseins oft darüber nach, konnte aber auf kein
Motiv kommen, das Ihre Schwester bewogen haben mochte, Sie einzuladen. Aber
seit vorhin sehe ich den Zusammenhang.“ Geigele sah
Dr. Lehmann fragend an, ohne etwas zu erwidern. — Deswegen fuhr dieser fort:
„Die sogenannten hellseherischen Fähigkeiten der Gräfin „ notabene glaube ich
gar nicht, daß es sich dabei überhaupt um eine Gräfin handelt „ werden nicht
durch mediale Begabung, sondern dadurch erreicht, daß die beiden jungen
Leute, die sich unter dem Publikum bewegen und Gegenstände hochhalten, diese
der mit verbundenen Augen auf der Bühne dasitzenden Gräfin durch die Art
ihrer Fragestellung bekanntgeben. Mir fiel bei der Fragestellung auf, daß
sich z.B. beim Hochheben eines Schals irgendwelcher anwesenden Damen stets
die Frage wiederholte, in der Form, daß sich irgendwo dabei das Wort ‚leicht‘
vorfand, wie z.B. ‚Was ist dieser ‚leichte‘ Gegenstand wohl, Frau Gräfin, den
ich hier hochhalte?‘ Wurde wieder einmal ein Schal überreicht, so lautete die
Frage: ‚Zweifellos werden Sie, Frau Gräfin, den Gegenstand, den ich in der
Hand halte, ‚leicht‘ erkennen.“ Das dritte Mal, als ein Schal gegeben wurde,
war die Frage an die Gräfin: ‚Es ist zwar ein ‚leichter‘ Gegenstand, den ich
hier hochhalte, doch das dürfte Sie, Frau Gräfin, kaum hindern, ihn doch zu
erkennen‘. Warum mir gerade dabei das Wort: ‚leicht‘ so aufgefallen war, weiß
ich selbst nicht. Es war, als ob ich einer inneren Eingebung folgte. Würde
ich mal eine Zeitlang jeden Abend zu Mack gehen, würde ich zweifelsohne mit
der Zeit auch hinter die Stichworte bei den anderen Fragen kommen. Daß ich
auf die Vermutung kam, daß bei der ganzen Vorführung nicht alles stimmte,
wurde veranlaßt, weil der erste der beiden neuen Helfer, die anstelle des
verunglückten Joseph einsprangen, so oft versagte. Er hatte eben noch keine
rechte Zeit gehabt, sich mit der Gräfin auf die Stichworte einzuarbeiten. Bei
Rudi, der alle Stichworte kannte und schon lange genug geübt hatte, versagte
die Gräfin nie.“ Geigele
konnte das alles immer noch nicht recht fassen. Dr. Lehmann
erklärte deswegen weiter: „Hören Sie mal, Frl. Geigele, ist Ihnen denn
während Ihres Aufenthaltes hier nie etwas irgendwie aufgefallen?“ „Eigentlich
nein.“ „Wie hat man
sie behandelt?“ „O, man
behandelte mich mit einer Hochachtung und Rücksicht, als ob ich die Gräfin
wäre.“ „Aha, da
haben wir schon etwas. Hat man Ihnen nicht irgendein Angebot gemacht?“ „Nein, doch
warten Sie mal“, fuhr Geigele nachdenklich fort. „Mack machte einmal die
kurze Bemerkung, daß auch ich vielleicht einst auftreten und Proben meiner
medialen Veranlagung ablegen würde.“ Dr. Lehmann
schlug lachend mit der Hand auf den Tisch: „Da haben wir es! Man wollte die
‚Seherin von Waterville‘ als eine Bühnenattraktion für Macks vornehmes
Abendrestaurant ausnutzen, wußte, daß Sie nie zustimmen würden und versuchte
Sie nun, langsam auf andere Art zu gewinnen. Wunder, wer der Anstifter zu
alldem wohl gewesen sein mag?“ „Ich weiß
nicht, ich bin ganz und gar verwirrt.“ „Ich glaube
nicht“, fuhr Dr. Lehmann fort, „daß es Ihr Bruder Joseph war. Eher denke ich
da an Rudi, doch auch dieser ist nicht direkt heimtückisch. Eigentlich habe
ich Ihre Schwester Magdalena im Verdacht, obgleich ich nichts beweisen kann.
Schließlich spricht ja auch zu ihren Gunsten der Umstand, daß sie sich
alleinstehender Mädchen annimmt.“ Geigele
blickte bei diesen Worten weg, was Dr. Lehmann auffiel, ohne daß er jedoch
deswegen irgendeine Bemerkung fallen ließ. Dr. Lehmann
riet Geigele nach einer Pause des Schweigens jedoch, diesmal nicht in
Magdalenas Heim zurückzukehren, sondern sich ein Zimmer für eine einzelne
Person ebenfalls im Hotel zu nehmen. Auf den
fragenden Blick Geigeles bemerkte Dr. Lehmann nur: „Es ist wegen des Vorfalls
in Macks Restaurant. Als ich das Lokal verließ, bat Mack von der Bühne, daß
der Herr, der zuletzt die Fragen stellte — und das war ja ich — zu ihm in
sein Privatzimmer kommen sollte, wo mich Rudi natürlich sofort erkannt haben
würde. Das würde zur Folge haben, daß Sie mit Magdalena, wenn Sie in ihr
dortiges Heim heute Nacht zurückkehren, einen Auftritt haben würden. Dem
sollten Sie aus dem Weg gehen.“ „Man hat Sie
doch aber anscheinend gar nicht erkannt, Herr Dr. Lehmann.“ „Das vermuten
wir nur. Man mag uns beide aber haben zusammen das Lokal verlassen sehen. Die
Folge wäre dann bestimmt allerlei Fragestellungen von seiten Ihrer Schwester.
Wenn auch möglicherweise nicht die Anstifterin des Komplotts, um Sie zu einer
Nachtklub-Größe zu machen als ‚Hellseherin‘, so kann ich mir aber doch nicht
helfen zu vermuten, daß Ihre Schwester — trotz ihrer Fürsorge für
alleinstehende Mädchen — etwas mit dem Komplott gegen Sie zu tun gehabt hat.“ Auf weiteres
Zureden stimmte Geigele schließlich zu, die Nacht nicht im Heim ihrer
Schwester zuzubringen, sondern sich ein Zimmer im Hotel zu mieten. Vorher rief
man aber nochmals das Krankenhaus an und erfuhr, daß die Verletzungen Josephs
nicht so gefährlich gewesen waren, wie man anfangs angenommen hatte, aber man
sollte mit dem Besuch bis zum nächsten Nachmittag warten, da der zweite Besuch
seiner Schwester Magdalena den Patienten sehr aufgeregt hätte. Dr. Lehmann
und Geigele sahen sich bei dieser Auskunft überrascht an. Warum hat Magdalena
ihren Bruder Joseph schon zweimal besucht, und zwar immer ohne Geigele, und warum
hatte der zweite Besuch wohl ihren Bruder so aufgeregt? Da es schon
spät war, ging man ins Hotel zurück, wo sich Geigele ein Zimmer für sich
sicherte. Darauf trennte man sich und verabredete, sich am Vormittag des
nächsten Tages gegen 11 Uhr unten im Cafeteria zu treffen. Geigele
konnte diese Nacht keinen rechten Schlaf finden. Nach dem
gemeinsamen Frühstück im Cafeteria rief Geigele wieder das Hospital an und
erhielt die Zusicherung, daß sie am Nachmittag gegen drei Uhr ihren Bruder
besuchen kommen könne. Vom Hospital aus wurde ihr aber noch die Nachricht
ihrer Schwester Magdalena übermittelt, sie möge sie sofort anrufen oder am
besten gleich zu ihr kommen, da sie mit ihr sehr Ernstes und Wichtiges zu
besprechen hätte. — Dr. Lehmann
riet Geigele ab, zu ihrer Schwester zu fahren, sondern sie nur anzurufen. Das
tat Geigele. Als die
Verbindung hergestellt war und Geigele gesagt hatte, daß sie es wäre, die
anriefe, ging es von der anderen Seite der Telefonleitung auch schon los:
„Also so eine bist du? Treibst dich die ganze Nacht auf den Straßen Chicagos
herum. Weißt du, daß ich für dich verantwortlich bin? Ich hätte dich gar
nicht kommen lassen sollen, wenn ich gewußt hätte, wie du dich hier benehmen
und aufführen würdest. Das beste für dich ist, du reist möglichst bald wieder
ab nach deinem ‚Nest‘ und versauerst dort weiter. Es hat keinen Zweck, wenn
man Kleinstadtblüten nach einer Großstadt verpflanzen will. Sie schlagen da
nur über die Stränge. Also, hörst du, du holst dir noch heute deine Sachen
bei mir ab und fährst zurück nach deinem ‚Nest‘. Ich will dich hier nicht
mehr haben. Und dann das Aufsehen, was dein nächtliches Ausbleiben verursacht
hat. Nirgends warst du zu finden, niemand hatte dich gesehen. Mack hat sofort
die Polizei ersucht, nach dir Nachforschungen anzustellen. Nicht einmal
deinen Bruder hast du im Krankenhaus besucht, du herzloses Geschöpf du! Also,
du holst deine Sachen bei mir ab und dann sehe ich dich hoffentlich nie
wieder.“ Damit wurde am anderen Ende der Hörer angehangen. Geigele war,
wie vor dem Kopf gestoßen. Sie erzählte Dr. Lehmann, was Magdalena gesagt
hatte. Man beschloß,
langsam durch den Loop-Distrikt zu schlendern und sich die Auslagen in den
Schaufenstern der Geschäfte anzusehen, bis es Zeit zum Besuch im Krankenhaus
war. Dort
angekommen, wurde Geigele sofort zugelassen, auch Dr. Lehmann, als dieser
sich als ein Bekannter von Geigele vorgestellt hatte. Joseph war
bei Bewußtsein, und man sah ihm die Freude über Geigeles Besuch an. Doch,
wieder ernster werdend, fragte er: „Ist außer Dr. Lehmann noch jemand mit
Dir? Vielleicht Magdalena?“ Als Geigele
das verneinte, schien Joseph ersichtlich aufzuatmen. Dr. Lehmann fragte nach
dem behandelnden Arzt, stellte sich ihm als Kollege vor und beide gingen den
Korridor auf und ab, so daß Joseph und Geigele sich selbst überlassen
blieben. Sie
beglückwünschte ihren Bruder, daß der Unfall nicht schlimmer gewesen war und
lud ihn nach Waterville ein, bis er sich völlig erholt hätte. „Nur zu gern,
Geigele, würde ich zu Dir kommen auf eine Weile, doch ich weiß nicht, ob ich
hier fortkann.“ „Für einige
Wochen mag vielleicht Mack Ersatz für dich finden, bis du wieder ganz
hergestellt bist.“ „Mack schon,
aber ob die Gräfin“, kam es etwas zögernd von Josephs Lippen. Doch gleich
wurde er verlegen, als ob er zuviel gesagt hätte. Geigele tat,
als ob sie von seiner Verlegenheit nichts bemerkt hätte und Joseph erzählte
jetzt von seinem Unfall. Plötzlich
hörte man draußen laute Stimmen auf dem Korridor. Joseph faßte ängstlich
Geigeles Hand und lauschte angestrengt. Dann warf er sich auf sein Lager, wie
enttäuscht, zurück und bemerkte ungehalten: „Schon wieder Magdalena!“ Doch die
lauten Stimmen schienen sich wieder zu entfernen und es wurde still auf dem
Korridor. Geigele
gedachte der Mahnung des Arztes, sich noch nicht allzulange am Krankenlager
aufzuhalten und stand auf mit dem Versprechen, am nächsten Tag bestimmt
wiederzukommen. Beim
Abschiednehmen hielt Joseph Geigeles Hand wie schutzsuchend. Dann ließ er die
Hand resigniert fallen mit der Bemerkung: „Nein, erst das nächste Mal, erst
morgen!“ Geigele hatte
den Eindruck gewonnen, als ob er ihr hätte noch was sagen wollen, dann aber
für sich behielt. Auf dem
Korridor war, als Geigele Josephs Krankenzimmer verließ, niemand zu sehen,
auch nicht Dr. Lehmann. Als sie sich jedoch dem geräumigen Toreingang zum
Hospital näherte, hörte sie, da die Tür offenstand —, daß sich Dr. Lehmann in
einem erregten Wortwechsel mit jemandem befand. Und die Person, mit der er
den Wortwechsel hatte, war ihre Schwester Magdalena. Als Geigele
näher kam, unterbrach Magdalena das lebhafte Gespräch mit Dr. Lehmann und kam
erregt auf sie zu, sofort lossprudelnd: „Das hat man davon, wenn man sich um
seine Angehörigen zuviel bekümmert und ihnen Gutes tun möchte. Wie bereue ich
meinen Entschluß, als ich in einer schwachen Stunde den Wünschen anderer
nachgab und dich hierher einlud. Ich konnte mir schon denken, was du mir wohl
noch alles antun würdest. Hast du denn gar kein Dankgefühl für das, was ich
dir hier bot und noch weiter bieten wollte, als ich dich hierher einlud?
Nein, da mußt du hinter meinem Rücken an deinen ‚Doktor‘ nach deinem Nest
telegraphieren, er möge bloß kommen und dich aus meinen Klauen befreien. Ach,
wie gemein von dir! Das hätte ich nie und nimmer von meiner Schwester gedacht!
Wo soll ich dir deine Sachen, die ich alle schon zusammengepackt habe,
hinschicken, denn ich will dich nicht mehr in meinem Hause haben. Zwischen
uns ist es nun ein für alle Male aus! Und deinen Bruder Joseph kannst du dir,
wenn du willst, auch gleich mitnehmen. Er wird von jetzt ab bloß noch
hinderlich sein. Doch damit du siehst, daß ich nicht so schlecht bin wie du
denkst, wünsche ich dir alles Gute, aber bleibe raus aus meinem Leben!“ Ohne eine
Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging bei Dr. Lehmann vorbei, ohne
ihn eines Blickes zu würdigen. Beide,
Geigele und Dr. Lehmann, waren sprachlos über solch ein Benehmen. „Na, wie geht
es Joseph?“ nahm schließlich Dr. Lehmann das Gespräch wieder auf? „Es geht ihm
anscheinend besser.“ „Haben Sie irgend
etwas darüber herausgefunden, was meine Annahme bestätigt, daß die
Vorführungen in Macks Restaurant mehr auf Reklame für das Restaurant als auf
Studien okkulter Kräfte hinzielen?“ „Nichts
Direktes, doch hat mich manches im Verhalten von Joseph etwas stutzig
gemacht.“ Geigele
erzählte Dr. Lehmann, daß Joseph glaube, ‚unabkömmlich‘ im Restaurant zu sein
wegen der Gräfin, dann schien er eine ausgesprochene Abneigung gegen seine
Schwester Magdalena zu haben, mit der er gestern anscheinend eine Auseinandersetzung
hatte, und darauf hat er mir zögernd zu verstehen gegeben, daß er mir morgen
eventuell etwas anvertrauen möchte. „Das genügt
vorläufig“, bemerkte Dr. Lehmann. „Nun, wir bleiben noch zwei bis drei Tage
hier — doch Sie, Geigele, bleiben im Hotel und lassen sich Ihre Sachen von
Magdalena durch irgendeinen Boten dorthin bringen. Da das Wetter heute schön
ist und wir doch nichts weiter mehr vorhaben, so laßt uns ein wenig am
Seeufer entlang promenieren.“ Das tat man auch. Am Abend
beorderte Dr. Lehmann einen Boten, Geigeles Sachen aus dem Apartmenthaus von
Magdalena abzuholen und nach ihrem Zimmer im Hotel zu bringen. Da Dr. Lehmann
besser in Chicago Bescheid wußte als Geigele, so richtete er es am Abend beim
Spaziergang so ein, daß man auf der anderen Seite an Macks Restaurant
vorbeikam. Es schien
sowohl Geigele wie Dr. Lehmann so, als ob der Besuch des Lokals nachgelassen
hätte, da es um die Zeit herum war, wo sonst die Besucher in Massen
herbeiströmten. Möglicherweise war das auf den Reinfall der Gräfin vom Tag
vorher zurückzuführen. Am nächsten
Tag begaben sich Geigele und Dr. Lehmann schon frühzeitig nach dem Hospital,
in dem Joseph lag. Beide waren höchst gespannt, was der Patient wohl zu sagen
haben würde. Obgleich die Besuchsstunde noch nicht begonnen hatte, wurde
Geigele eher vorgelassen, da Dr. Lehmann im Gebäude zufällig den Kollegen
wieder traf, mit dem er sich am Tag vorher unterhalten hatte. Joseph freute
sich sichtlich, als Geigele eintrat. Er schien sich bedeutend besser zu
befinden. „Kommst du
allein zu mir?“ war Josephs erste Frage wieder mit einer scheinbar
ängstlichen Neugier. „Nur Dr.
Lehmann ist mitgekommen. Er unterhält sich draußen mit einem Arzt und wird
uns nicht stören. Also, du willst nun doch mitkommen nach Waterville,
wenigstens bis du dich völlig erholt hast?“ Geigele hatte
diese Frage wie auf Eingebung gestellt und Joseph war es anscheinend nicht
unangenehm, daß seine Schwester von allein dieses Thema wieder angeschnitten
hatte. „Ganz genau
weiß ich es noch nicht, da ich erst noch von Rudi hören will, ob Mack nichts
dagegen einzuwenden hat. Rudi hat mir gestern telephonisch versprochen, daß
er heute entweder noch persönlich vorsprechen oder mir telephonisch würde
Bescheid zugehen lassen.“ Darauf trat
eine Pause im Gespräch ein, während der aber Geigele — zu ihrer eigenen
Überraschung — wieder wie auf Eingebung den Entschluß faßte, nun direkt auf
das Ziel zuzusteuern, daß Dr. Lehmann und auch ihr vorschwebte, nämlich
endlich einmal zu erfahren, was es denn wohl für eine Bewandtnis mit Mack,
mit Professor Susan und mit der Gräfin einerseits und ihm, seinem Freund Rudi
und ihrer Schwester Magdalena andererseits hat, und warum letztere sie,
Geigele, nach Chicago eingeladen hatte. Noch wußte
sie nicht recht, wie sie die diesbezügliche Frage stellen sollte, als ihr
Joseph zuvorkam und aus der Verlegenheit half, indem er erklärte: „Geigele
höre mal! Ich habe dir ein langes Geständnis zu machen. Hast du Geduld, mich
anzuhören?“ „Aber
freilich“, stimmte Geigele hoch erfreut sofort zu. „Also höre
und staune. Als Rudi und ich vor Jahren aus Waterville nach Chicago kamen,
hatten wir es anfänglich nicht so leicht, doch Rudi fand immer wieder
Verdienstmöglichkeiten und brachte dann mich gewöhnlich auch irgendwie in
seinem Arbeitsfeld mit unter. Als wir einmal eine ziemlich gut bezahlte
Stellung in einem der besseren Restaurants hatten — Rudi hinter dem
Schanktisch und ich als Kellner —‚ hatte ich zufällig eine Gruppe von Herrn
zu bedienen, die einen reichen Eindruck machten. Als ich bei der Bar vorbeikam,
flüsterte mir Rudi schnell zu, daß er gesehen habe, wie einer der Herren beim
Herausziehen seines Taschentuches aus der Hosentasche einen Geldschein
verloren hatte. Ich sollte mich mal bei seinem Sitz umsehen und, wenn ich
etwas auf dem Boden liegen sähe, das sofort aufheben und dem Herrn geben, in
dem Rudi nach einem Bild in der Zeitung Mack erkannt hatte, der damals als
einer der bedeutendsten Bierbarone galt, d.h. er hatte Kontrolle über fast
die Hälfte der heimlichen Kneipen, Lokale und Restaurants Chicagos, in denen
trotz des Prohibitionsgesetzes alle alkoholischen Getränke, die man haben
wollte, verkauft wurden, natürlich zu den allerhöchsten Preisen. Ich ging nun
wie von ungefähr um den Tisch herum und sah tatsächlich neben dem Sitz von
Mack nicht nur einen Geldschein, sondern ein ganzes Bündel von Geldscheinen
liegen. Gerade wollte ich Mack darauf aufmerksam machen, als die ganze
Gesellschaft aufbrach. Mack wandte sich an mich mit den Worten: ‚Hier habe
ich das Geld für unsere Zeche hingelegt. Der Rest ist Ihr Trinkgeld!‘ Damit
entfernte sich die Gesellschaft auch schon, dabei in lebhafter Unterhaltung
begriffen. Als ich das Geldbündel vom Boden aufgehoben hatte, war die Gesellschaft
schon zum Lokal hinaus. Ich gab das Paket Rudi hinter dem Schanktisch, der
die Geldscheine schnell durchzählte und feststellte, daß sich in dem Bündel
von Scheinen im ganzen etwa 600 Dollars befanden, meistens in Zwanzig-,
Zehn-, ja sogar einigen Fünfzig-Dollar-Scheinen. Ich sah Rudi fragend an,
doch dieser bemerkte hocherfreut — wieder im Flüsterton — dieser Fund ist der
Anfang unserer wirklichen Karriere in Chicago. Ich verstand ihn nicht, worauf
er hinzusetzte: ‚Wir suchen morgen Mack persönlich auf und geben ihm das Geld
zurück, obgleich er den Verlust vielleicht kaum spüren würde‘. Und so taten
wir es auch. Mack ließ uns, als wir ihm in seinem palastartigen Heim gemeldet
wurden, auch vor, da Rudi dem Diener beim Öffnen der Tür versichert hatte,
daß wir Mack etwas Hochwichtiges zu sagen hätten. Mack hatte anscheinend
erwartet, daß wir ihm etwas über seine Konkurrenten im Biergeschäft
mitzuteilen hätten, was hoch-wichtig für ihn sein würde, da sich der Kampf um
die Oberherrschaft stark zu verschärfen begann, so daß es schon zu verschiedenen
Untaten zwischen den Anhängern dieser sogenannten Bierbarone gekommen war. Um
es kurz zu machen: Mack lachte herzlich auf, als wir ihm das gefundene Geld
zurückbrachten, dessen Verlust er, wie Rudi ganz richtig vermutete, überhaupt
noch nicht bemerkt hatte. Er gab uns auch das Geld einfach wieder mit den
Worten: ‚Hier, behaltet es und teilt es euch!‘ Damit wurden wir entlassen.
Doch das ging gegen Rudis Pläne. Kurz vor der Tür drehte er sich noch einmal
frech zu Mack um mit den Worten: ‚Herr Mack,
könnten Sie nicht zwei ehrliche Charaktere wie uns in Ihrem Geschäftsbetrieb
gebrauchen?‘ Die
Dreistigkeit Rudis schien Mack zu gefallen, Er sah uns eine Weile freundlich
und gönnerisch an und erwiderte dann lächelnd: ‚Freilich kann ich das! Kommt
morgen früh dorthin‘ — damit gab er uns eine Visitenkarte mit einer Adresse,
und ‚Ihr werdet euer Aufgabengebiet erfahren. Betrachtet euch aber jetzt
schon als von mir engagiert, verstanden?‘ So kamen wir mit Mack zusammen, der
stets anständig zu uns war, gut bezahlte und unsere Zuverlässigkeit und
Ehrlichkeit wohl zu schätzen wußte.“ Als Joseph
darauf schwieg, wie um nachzudenken, auf welche Weise er seine Mitteilungen
wohl am besten fortsetzen könnte, warf Geigele ein: „Was hattet ihr beide
denn bei Mack zu tun?“ „Das ist es,
worüber ich jetzt reden will. Wir hatten eine Art von Aufseherposten und
mußten die geheime Ablieferung der Getränke überwachen. Als das infolge der
verschärften Bierkonkurrenz mit der Zeit gefährlich wurde, bekamen wir
Revolver, brauchten, Gott sei Dank, aber nie davon Gebrauch zu machen, einmal
weil man uns fast überall gern hatte, und dann auch, weil Mack vernünftig war
und nichts auf die Spitze trieb. Als aber der wirkliche Bierkonkurrenzkampf
entbrannte, verkaufte er seine Geschäftsinteressen an den Umsatzsyndikat und
machte das jetzige Restaurant auf. Alles ging gut. Mack verkaufte natürlich
auch alkoholische Getränke, aber in so versteckter Form, daß man ihm nichts
anhaben konnte, zumal er sich ja auch sehr gut mit der Polizei steht. Seit
nun der blutige Kampf zwischen den Anhängern der verschiedenen
Umsatzsyndikate tobt, führt Mack sein angesehenes vornehmes Restaurant
unbelästigt weiter. Uns beide ernannte er zu Platzanweisern, die das Publikum
zu begrüßen und an Tische zu führen hatten. Wir wurden gut bezahlt und alles
ging gut.“ Wie kam dann
die Gräfin in das Lokal?“ fragte Geigele weiter. „Dazu komme
ich auch noch“, fuhr Joseph in seinem Bericht fort. „Das kam so: In dem
Restaurant stellte sich als ein ständiger Gast der Charakter ein, der jetzt
überall als Professor Susan vorgestellt wird und der die Sache mit der Gräfin
in Szene setzte.“ Geigele
begann nun, höchst interessiert aufzuhorchen. Professor Susan imponierte Mack, weil er
angeblich früher einmal an einer Universität doziert hatte. Er war später
wegen Trunkenheit entlassen worden, was man ihm gern glaubte, denn er verließ
keinen Abend eher das Restaurant, bis er total betrunken war. Mack ließ ihn
gewähren, obgleich Professor Susan bald nicht mehr bezahlen konnte. Mack fand
aber Gefallen und Interesse an den gelehrten Gesprächen, die der Professor zu
führen verstand, bis er vollgetrunken war. Vor etwa Jahresfrist begann der
Besuch in Macks Lokal stark nachzulassen. Worauf das zurückzuführen war, ließ
sich nicht feststellen. Mack wurde besorgt und teilte das auch Professor
Susan mit. Dieser versprach Mack, einmal ordentlich darüber nachzudenken, wie
er ihm helfen könne, um sich dadurch auch erkenntlich für alles zeigen zu
können, was Mack Gutes an ihm getan hatte. Und wirklich, Professor Susan
hatte einen Plan ausgeheckt. Er überredete Mack, ihm in seinem großen
villenartigen Haus, und zwar im oberen Stockwerk, einige Zimmer einzurichten
und zu gestatten, Sonntag abends — wenn Macks Lokal geschlossen war — eine
Studiengruppe einzuladen und mit ihr metaphysische Studien zu betreiben. Mack
war einverstanden, obgleich er anfänglich nicht sehen konnte, wie ihm das im
Geschäft helfen sollte. Aber eines Tages schien Professor Susan so weit zu
sein, daß er seine ausgedachten Pläne würde in die Praxis umsetzen können. Er
überredete Mack, bei den abendlichen Vorführungen in seinem Lokal auch immer
einen kurzen Vortrag von ihm, Professor Susan, über das Fortleben nach dem
Tode miteinzufügen, woran doch schließlich jedermann interessiert sei. Man
machte den Versuch, der Erfolg war jedoch nicht derart, wie man erwartet hatte.
Professor Susan versicherte Mack aber, daß man es dann eben auf andere Weise
versuchen müsse. Und damit tritt die Gräfin in den Vordergrund. Sie besuchte
öfter Professor Susans sonntägliche Abendvorträge und glaubte, mediale Kräfte
zu besitzen. Ob dem so war, weiß ich nicht. Jedenfalls schienen diese wohl
nicht so zuverlässig zu sein, denn plötzlich wurden Rudi und ich gebeten,
dabei mitzuhelfen. Und nun begannen die Proben. Uns wurde gesagt, daß die
Gräfin mediale, hellseherische und telepathische Kräfte besitze, daß sie aber
in ihren Fähigkeiten noch nicht wirklich gefestigt genug wäre, um nicht gelegentlich
doch noch den Einflüssen zu unterliegen, die in einem Saal bei gemischtem
Publikum stets vorherrschten. Da sollten wir beide aushelfen. Und wie? Wir
wurden beauftragt, uns unter das Publikum zu mischen und Gegenstände
hochzuhalten und dann die Gräfin zu fragen, was das sei. Bei der
Fragestellung hatten wir Stichworte zu gebrauchen, wie z.B. bei Schals das
Wort ‚leicht‘, das irgendwie in den fragenden Satz einzufügen war. Bei Hüten
war das Stichwort: ‚auffallend‘,
bei Handtaschen: ‚schwierig‘ und so weiter. Wir mußten jeden Tag mindestens
eine Stunde mit der Gräfin üben, damit alles bei unserer Fragestellung am
Abend gut verlief. Jeden Monat wurden die Stichwörter gewechselt, damit sie
nicht entdeckt werden konnten, was ja nun aber doch geschehen ist.“ „Ist die
Gräfin Roszinsky eine wirkliche Gräfin?“ fragte Geigele gespannt. „Ach wo“, kam
es lachend von Joseph zurück. „Ihr wirklicher Name ist Myer. Sie erhielt den
Namen einer Gräfin Roszinsky von Professor Susan, damit ihr Auftreten desto
größere Zugkraft ausüben sollte, was ja auch der Fall gewesen ist. Mack war
glücklich und zufrieden. Aber jetzt, nach dem Reinfall mit der Gräfin, will
er alles aufgeben, sowohl das Auftreten der Gräfin wie das Restaurant selbst.
Er will es verkaufen und sich zur Ruhe setzen, was er ja auch leicht tun
kann.“ Wieder trat
eine Pause ein. Dr. Lehmann hatte mit seiner Beobachtung also völlig recht
gehabt. Nun handelte es sich für Geigele nur noch darum herauszufinden, warum
Magdalena sie nach Chicago eingeladen hatte. „Wie kam denn
eigentlich“, nahm Geigele wie von ungefähr die Fragestellung wieder auf,
„Magdalena dazu, mich hierher einzuladen?“ „Nun, das
hatte seine eigene Bewandtnis. Magdalena, die ja ein wirklich gut gehendes
Geschäft mit Zimmervermieten hat, wobei sie gleichzeitig auch noch nach
zugkräftigen Talenten für Auftreten in Macks Restaurant Ausschau hält, und
dafür von ihm bezahlt wird, kam öfter abends ins Lokal. Als wir einmal abends
nach Schluß des Restaurants alle — Mack, Professor Susan, Frau Myer — ich
meine natürlich die Gräfin —‚ Magdalena, Rudi und ich — zusammensaßen, kam
man ins Gespräch über die Leichtgläubigkeit der Menschen, wie es sich doch
allabendlich zeige. Mack sprach da die Besorgnis aus, was man wohl aber tun
würde, wenn mal ein Besucher doch hinter die angebliche mediale Begabung von
Frau Myer käme. Da mischte sich Margareta ein. Sie erklärte, daß man dagegen
schon jetzt Vorkehrungen treffen sollte und könnte. Wenn Mack damit einverstanden
sei, könnte man ihre Schwester Geigele mal nach Chicago einladen und
unauffällig in den Kreis einführen. Man solle es ihr überlassen, ihre Schwester
für die Gräfin und für deren mediale Kräfte zu gewinnen. Mack war über den
Vorschlag hocherfreut und fühlte sich nun gesichert, falls einmal doch bei
den Vorführungen etwas nicht planmäßig verlaufen oder falls Frau Myer krank
werden oder gar sterben sollte. Man würde es so einrichten, daß man Magdalenas
Schwester — damit bist du, Geigele, gemeint — mit aller Vorsicht und
Rücksicht behandeln würde und daß Frau Myer gelegentlich einmal krank sein
sollte, so daß man Geigele bitten könne, aus Gefälligkeit für die Erkrankte
ein- und aufzutreten. Wenn man sie dann als die berühmte ‚Seherin von
Waterville‘ vorstellen könne, würde er, Mack, bestimmt bald sein Lokal ganz
bedeutend vergrößern müssen. Man würde für Geigele dann einen großen Salon
einrichten, wo sie, Geigele, Seancen abhalten könne. Und wenn sie dabei noch
unsicher wäre, so hätte man ja, noch vom Biergeschäft her, genug Freunde und
Bekannte, die stets heimlich Recherchen über Personen einholen könnten, die
um Rat und Aufschluß vorsprächen. Wenn Geigele einmal nicht recht wissen
sollte, was sie den Fragestellern bei ihrer Seance sagen könne, so brauchte
sie nur zu bemerken, sie möchten in ein paar Tagen wiederkommen, da sie sich
psychisch erst sammeln müsse. Während dieser Zeit könnten über die betreffenden
Personen alle Informationen eingeholt werden, so daß Geigele die Fragesteller
dann mit ihrem Wissen über sie einfach düpieren würde.“ Geigele
fühlte sich nach diesem Geständnis ihres Bruders wie zerschlagen. Also, so
wollte man sie mißbrauchen. Und dazu hatten ihre eigene Schwester und ihr
eigener Bruder die Zustimmung gegeben! Sie brach in Tränen aus. Joseph konnte
das nicht begreifen. „Aber, Geigele, warum weinst du denn, ich habe dir doch
alles wahrheitsgemäß berichtet? Ja, du wärest beinahe eine große Berühmtheit
in den Vereinigten Staaten geworden.“ Geigele
weinte noch heftiger nach diesen Worten. Joseph war fassungslos: „Aber,
liebste Schwester, liebes Geigele, was hast du denn bloß? Bitte, bitte, sage
es mir doch.“ Doch Geigele
hatte nicht das Herz, ihrem Bruder zu sagen, wie sie sich davon getroffen
fühlte, daß ihre eigene Schwester die Anstifterin gewesen war und der Bruder
ihr nichts davon geschrieben hatte, um sie vor Antritt der Reise nach Chicago
noch rechtzeitig aufzuklären und zu warnen. Geigele
entschuldigte sich, daß ihr nicht gut sei und sie einmal für einen Augenblick
raus auf den Gang gehen möchte. Sie würde aber bald wiederkommen. Draußen auf
dem Gang sah sie nichts von Dr. Lehmann. Sie ging weiter in einen Seitengang,
um dort nach ihm zu suchen. Währenddessen war aber Dr. Lehmann von der
anderen Seite den Gang heraufgekommen, gerade als Geigele in den Seitengang
eingebogen war. Dr. Lehmann
klopfte an Josephs Krankenzimmer. Als er auf
dessen „Herein“ eintrat, fand er Geigele nicht vor, dafür Joseph aber in
aufgeregter Verfassung. Dieser berichtete, daß Geigele plötzlich zu weinen
angefangen und hinausgegangen sei. Er wisse nicht, wie seiner Schwester
plötzlich habe schlecht werden können. Dr. Lehmann
stand auf, entschuldigte sich und ging wieder auf den Gang, wo ihm Geigele
gerade entgegenkam. Sie war jetzt gefaßt und lächelte ihrem Bruder zu, als
sie wieder ins Krankenzimmer trat. „Joseph“,
tröstete sie ihren aufgeregten Bruder, „wir kommen heute nachmittag wieder,
um alles wegen deiner Abreise mit uns nach Waterville näher zu besprechen.
Bis dahin wirst du wohl auch von Rudi gehört haben. Also, bis auf
Nachmittag.“ „Ist dir
jetzt aber wirklich auch wieder besser, Geigele?“ fragte Joseph besorgt. „Aber ja
doch, lieber Joseph“, beruhigte sie ihren Bruder. Auf dem Weg
zum Hotel berichtete Geigele alles, was ihr Joseph erzählt hatte, und gestand
Dr. Lehmann dabei, daß er in allen seinen Vermutungen Recht gehabt hätte. Geigele war
äußerlich zwar gefaßt, doch im Inneren aufgewühlt, entschuldigte sich und
begab sich auf ihr Zimmer, um nochmals ruhig über alles nachzudenken.
Schließlich schlief sie ein, erwachte aber glücklicherweise zur rechten Zeit
für den versprochenen Besuch im Krankenhaus. Als man dort
ankam, bedrängte Joseph Geigele, ihr doch nur zu sagen, ob ihr auch wirklich
wieder gut sei. Als die Gefragte das versicherte, wurde Joseph gefaßt und
teilte Dr. Lehmann freudig mit: „Rudi hat mich eben verlassen. Wie er mir
sagte, ist es Mack sehr ernst mit dem Verkauf seines Restaurants, um sich
ganz vom Geschäft zurückzuziehen. Rudi will noch in Chicago und bei Mack
bleiben, bis dieser das Restaurant verkaufen kann und dann ebenfalls nach
Waterville zurückkehren, wohin er mir geraten hatte, zwecks besserer Erholung
zu reisen. Siehe, Geigele, so fahre ich eben mit euch mit, sobald ich aus dem
Krankenhaus entlassen bin, was wahrscheinlich schon morgen sein wird.“ Man
verabredete nun, Joseph am Nachmittag des nächsten Tages abzuholen und für
ihn ein Zimmer für eine Nacht im Hotel zu bestellen. Am Tag darauf wurde
beschlossen, daß alle drei nach Waterville zurückkehren würden. Auf dem
Rückweg zum Hotel begegneten Geigele und Dr. Lehmann zufällig Frl. Lucie, die
früher bei ihrer Schwester ein möbliertes Zimmer gehabt und der Geigele beim
letzten Zusammentreffen 25 $ gegeben
hatte mit der Weisung, an Dr. Lehmann zu schreiben und nach Waterville zu
fahren. Geigele war
erstaunt, daß Lucie noch in Chicago war. Auf ihre Frage antwortete diese:
„Ich schrieb, wie Sie mir geraten hatten, an Dr. Lehmann, bekam aber keine
Antwort und blieb deswegen in Chicago.“ „Das ist
allerdings verständlich“, klärte Geigele auf. „Sehen Sie, Frl. Lucie, Herr
Dr. Lehmann ist in Chicago und steht hier neben mir“, damit stellte Geigele
Dr. Lehmann vor, „und wir fahren übermorgen nach Waterville zurück. Ich lade Sie
ein mitzukommen.“ Lucie ging
hocherfreut auf das Angebot ein und man verabredete sich übermorgen auf dem
Bahnhof, kurz vor Abfahrt des Zuges nach Waterville, zu treffen. Geigele
klärte nach Lucies Fortgang Dr. Lehmann über den Zusammenhang auf. Nach
Waterville zurückgekehrt, nahm der Alltag wie früher wieder seinen Verlauf.
Lucie hatte sich mit Geigele recht befreundet und diese bat sie, vorläufig
bei ihr zu Gast zu bleiben, was Lucie zwar annahm, dabei aber doch durchblicken
ließ, daß sie von Natur aus zu aktiv wäre, um es lange ohne Arbeit aushalten
zu können. Da sich Dr. Lehmanns Praxis vergrößerte, so machte dieser den
Vorschlag, Frl. Lucie zusammen mit Geigele als Hilfe sozusagen zu engagieren.
Dr. Lehmann schwebte vor, beide, wenn sie wollten, später im örtlichen
Krankenhaus zu Krankenschwestern ausbilden zu lassen. Doch es kam anders. Josephs
Erholung schritt seltsamerweise nur langsam vorwärts und Dr. Lehmann riet ihm,
vorläufig keine Arbeit anzunehmen, bis er wieder kräftiger sein würde. Aber
es wurde merkwürdigerweise mit Joseph nicht besser, und als Dr. Lehmann im
lokalen Hospital Röntgenaufnahmen von Josephs Verletzungen nehmen ließ,
zeigten diese, daß Josephs Verletzungen viel stärkere innere Zerreißungen zur
Folge gehabt hatten als anfangs festgestellt werden konnte. Nach einigen
Wochen trug man Joseph zu Grabe, obgleich er alle Pflege erhalten hatte, die
ihm nur hätte zuteil werden können. Zu seiner Beerdigung war auch Rudi nach
Waterville gekommen, der berichtete, daß nun Mack im nächsten Monat bestimmt
sein Restaurant verkaufen und er, Rudi, dann nach Waterville übersiedeln
würde, um von seinen Ersparnissen irgendein Hotel zu kaufen und dieses
sozusagen als ein Heim für Touristen herzurichten. Genau wußte er selbst noch
nicht, was er mit dem Hotel anstellen wollte, um den Betrieb zu erhöhen und
zu einer erfreulichen Einnahmequelle zu machen. Während seines Weilens in
Waterville lud er Lucie zu Autofahrten ein und beide schienen Gefallen
aneinander zu finden. Allmählich
fiel Dr. Lehmann auf, daß Geigele müde und interesselos wurde. Nur viel
schlafen wollte sie. Sie versuchte, sich deswegen zu entschuldigen, doch Dr.
Lehmann beruhigte sie, beobachtete sie jedoch von nun ab genauer und
verschrieb ihr auch stärkende Medizin, die aber immer nur für ganz kurze Zeit
half. Schließlich half die Medizin überhaupt nicht mehr. Als eines
Tages Geigele nicht aus ihrem Zimmer herunterkam — Lucie hatte es automatisch
übernommen, für den Haushalt zu sorgen —‚ war Dr. Lehmann höchst besorgt. Er
ging mit Lucie hinauf in Geigeles Zimmer, und was er da sah, überzeugte ihn
sofort, daß sich bei Geigele wieder die somnambulen Schlafanfälle
einzustellen begonnen hatten, was er übrigens schon seit langem heimlich
erwartete. Nachdem Dr.
Lehmann und Lucie eine Weile vor Geigeles Lager gestanden hatten, begann
diese, langsam zu stöhnen, als ob sie erwache. Dr. Lehmann
zog einen Stuhl heran und horchte aufmerksam, ob Geigele eventuell zu sich kommen
und zu ihm sprechen würde. Und das geschah auch. Langsam öffnete sie die
Augen, sah sich anfänglich verstört um und schien erst allmählich die neben ihrem
Lager Befindlichen zu erkennen. „Kann ich
Ihnen mit irgend etwas behilflich sein?“ fragte Dr. Lehmann teilnehmend. Geigele
schien über etwas nachzudenken, fing dann aber, wie unter Anstrengung, zu
sprechen an: „Ich glaube, ich brauche wieder Hilfe von Ihnen, Herr Doktor.
Lucie, wollen Sie mich pflegen?“ „Aber
selbstverständlich doch“, versicherte die Angeredete. Nach einer
Pause fuhr dann Geigele, wie zögernd fort, „ich glaube, ich habe meine
Mission auf Erden erfüllt, doch es wird noch etwas dauern, ehe ich ganz vom
irdischen Körper befreit sein werde. Würden Sie, Herr Doktor, so freundlich
sein und wieder Aufzeichnungen machen, denn ich fühle, daß es vielleicht noch
manches aufzuzeichnen geben wird. Ich sah Aristos und Fred vor mir stehen,
genau wie damals, als ich mit ihnen meine Wanderungen durch das Jenseits
machte. Sie sagten, sie würden von nun ab für eine Weile immer zwischen 9 und
10 Uhr abends zu mir kommen und mir Verschiedenes mitteilen, was du, lieber
Doktor, wie früher, aufzeichnen sollst. Würdest du das tun?“ „Aber gewiß,
sehr gern“, versicherte der Gefragte. Geigele nahm
von nun an wieder die Anrede mit ‚Du‘ auf, wie es früher der Fall gewesen
war. „Von nun ab
werde ich die meiste Zeit schlafend zubringen, wie ohnmächtig und brauche
Pflege. Doch abends möchte ich, daß du, lieber Doktor, zur Stelle bist, wenn
ich im somnambulen Schlaf sprechen werde wie damals, als meine liebe Mutter
noch lebte.“ Von nun ab
gab Dr. Lehmann jeden Abend genau Obacht, ob sich wieder das Sprechen im
somnambulen Schlaf einstellen würde, doch es dauerte noch mehrere Tage, ehe
das geschah. In der Zwischenzeit nahm Geigele fast keine Nahrung zu sich und
schlief viel. Ab und zu erwachte sie zu einer Art von Halbschlaf, sprach aber
nichts, sondern sah nur sinnend vor sich hin. Sie schien keinerlei Schmerzen
zu spüren. Eines Morgens
jedoch erwachte sie zu vollem Tagesbewußtsein und teilte Lucie, die sie
betreute, mit, daß sie am Abend um 9 Uhr wieder geführt werden würde, um mit
ihrem Seelenkörper Beobachtungen anzustellen. Und so war
es. Dr. Lehmann
stellte sich schon kurz nach 8 Uhr in Geigeles Zimmer ein, versehen mit
Bleistift und einem Block Schreibpapier. Geigele schien friedlich zu
schlafen. Obgleich sie fast gar nichts aß und auch nur sehr wenig Wasser
trank, sah sie doch durchaus nicht abgemagert aus. Plötzlich
wurde sie ruhelos, warf sich auf ihrem Lager hin und her und dann wurde sie
wieder ruhig, wobei ihre Gesichtszüge einen verklärten Ausdruck annahmen. Auf
einmal begann sie zu sprechen: „Ja, ich
folge dir. Wir entfernen uns von hier nach einem großen Haus, anscheinend
einem Krankenhaus. Dort stellen wir uns in einem Krankenzimmer neben
jemanden, der gerade im Sterben begriffen ist. Er hat eine Schußwunde in der
Brust und atmet schwer. Neben ihm stehen außer uns dreien, Aristos, meinem
Führer durch die verschiedenen Himmel, meinem Fred und mir, noch zwei wunderschöne
Gestalten. Es sind das Jenseitige aus einer höheren Sphäre, die dem
Sterbenden das Heraustreten der Seele aus dem Körper erleichtern wollen. Der
Sterbende scheint Schmerzen zu haben. Er stöhnt laut. An seinem Bett im
Hospital befinden sich ferner noch seine tiefbetrübten Eltern, ein Bruder und
eine Schwester. Wie mir Aristos erklärte, war der Sterbende von der Kugel
eines Gangsters getroffen worden, als dieser ihn beraubte. Der Überfallene
hatte sich zur Wehr gesetzt, worauf der Gangster sofort geschossen hatte. Als
der Getroffene zusammengebrochen war und der Gangster nach Berauben des
Schwerverletzten fliehen wollte, wurde er aber von der Polizei, die den Schuß
gehört hatte, festgenommen. Die Polizei hatte den Verbrecher an das Krankenbett
seines Opfers gebracht und wartete nun darauf, daß der Schwerverletzte
nochmals zu sich kommen und den Gangster als den identifizieren würde, der
ihn niederschoß. Da sahen wir, wie die beiden Schutzengel mit dem Sterbenden
verhandelten und ihm rieten, den Mörder nicht zu identifizieren und ihn somit
nicht der Todesstrafe auszusetzen, da die lange Gefängnisstrafe — vielleicht
auf Lebenszeit sogar den Gangster doch noch zur Einsicht seiner unseligen Tat
bringen würde, während er, wenn hingerichtet, verbittert ins Jenseits
eingehen müsse und es dort dann sehr lange für ihn dauern würde, ehe es mit
ihm wieder vorwärtsgehen könnte. Die Schutzengel versprachen dem Bewußtlosen
zu gewähren, daß er nochmals so weit würde zu sich kommen können, um seine
Angehörigen zu erkennen, aber dann, wenn ihm der Verbrecher wieder vorgeführt
werden würde, würde er erneut in Bewußtlosigkeit verfallen. Der
Schwerverletzte erklärte sich damit einverstanden, was die Schutzengel zu
freuen schien. Der Sterbende kam bald darauf nochmals zu Bewußtsein, erkannte
seine Angehörigen und drückte ihnen die Hände, verlor aber darauf sofort
wieder das Bewußtsein, als die Polizei den gefesselten Verbrecher zur
Identifizierung herbeiführte. Mein Führer Aristos erklärt mir, daß der
Sterbende dem Verbrecher in einem früheren Leben einmal bitteres Unrecht
zugefügt habe, was nun seine Sühne gefunden habe, und demjenigen, der ihn niedergeschossen
hatte, jetzt zur Rettung verhelfen dürfte, dadurch, daß er nicht hingerichtet
werden würde, sondern den Rest seines irdischen Lebens dafür würde verwenden
können, zur Einsicht seiner Handlungsweise als Mörder zu kommen, wozu der
jetzt Sterbende dadurch verhilft, daß er den Mörder nicht identifiziert. So
sei beiden geholfen, dem Sterbenden, dessen Schuld aus früherem Leben nun gesühnt
wäre, und dem Mörder, der durch die abzusitzende lange Freiheit eine innere
Wandlung durchmachen würde, die seine bisherige Lebenseinstellung gänzlich
ändern müsse.“ Die letzten
Worte kamen nur noch wie gehaucht hervor. Geigele
verfiel anscheinend wieder in einen Tiefschlaf, und da weiter keine
Nachrichten mehr zu erwarten waren, begab sich Dr. Lehmann wieder nach unten
an seine Berufsarbeit. An den
nächsten Abenden kam es zur selben Stunde immer wieder zu ähnlichen
Mitteilungen, wobei es sich um Berichte über Szenen an Sterbebetten handelte.
Geigele berichtete da u.a., wie leicht in Wirklichkeit das eigentliche
Sterben sei, obgleich es den Umstehenden so vorkomme, als ob der Sterbende
ganz fürchterlich litte. Das Hinübergehen ins große Jenseits sei in
Wirklichkeit ein genauso einfacher Vorgang wie abends das Einschlafen, wenn
man gleich von einem schönen Traum umfangen wird. Ein andermal beschrieb sie
eingehend das Eintreffen von Seelen Verstorbener im großen Jenseits, das in
jedem Falle wieder verschieden wäre. Einmal erzählte sie auch im somnambulen
Schlaf, daß sie mit allen ihren Angehörigen, die schon gestorben sind,
vereint sei und welches beglückendes Gefühl das bei ihr auslöse. Eines Abends
machte Geigele folgende Ausführungen: „Ich fühle immer deutlicher, daß es
jetzt bald mit mir auf Erden vorüber sein wird. Ich bin bereit zu gehen und
wünsche euch alles, alles Gute auf eurem ferneren Lebensweg, der ganz
deutlich vor mir sichtbar ist. Du, liebe Lucie, wirst Rudi heiraten, wenn er
hierher übergesiedelt ist und ein glückliches Familienleben führen. Du,
lieber Doktor, wirst unverheiratet bleiben und ganz in deiner Arbeit
aufgehen. Ich bitte euch aber, euch ab und zu nach Magdalena zu erkundigen,
der es noch einmal, wie ich sehe, schlecht gehen wird. Nehmt euch dann ihrer
bitte an.“ Lucie und Dr.
Lehmann versprachen Geigele, alles zu tun und zu besorgen, um was sie gebeten
hatte. Sie schien die Zusage beider trotz ihres somnambulen Schlafes
vernommen zu haben. Dann sprach sie weiter: „Ach, ihr glaubt ja gar nicht,
wie schön das Fortgehen von der Erdenwelt ist, wenn man das Gefühl hat,
niemandem absichtlich ein Unrecht zugefügt zu haben und sich stets bemühte,
das zu tun als Pflicht, was einem als Lebensaufgabe zugedacht wurde. Wenn die
Menschen bei Lebzeiten nur ahnten, wie herrlich es in der Sterbestunde ist,
wenn man sich bewußt ist, niemanden absichtlich ein Unrecht zugefügt und
jedermann verziehen zu haben, der einem wirklich Unrecht zufügte! Es kommt
einem dann so vor, als ob man ein Examen glücklich bestanden hat und nun in
einen Seinszustand eingehen kann, wo es solche Sorgen und Kümmernisse wie auf
Erden nicht mehr gibt. Und von wie vielen herrlichen Gestalten, teils Engeln
und teils bereits seit langem Verstorbenen und weit Vorangeschrittenen, ist
man umgeben, wenn sich die Fesseln, die einem noch hier ans irdische Leben
ketten, langsam zu lösen beginnen. Ihr wißt es nicht, doch ich befinde mich
bereits im Zustande der Loslösung von dieser Erde und lebe beinahe schon
ständig in zwei verschiedenen Welten.“ Und so schien
es auch zu sein, denn Geigele wachte jetzt am Tag manchmal wieder vollbewußt
auf und nahm an den Vorgängen des Alltags wirklichen Anteil, doch sie sprach
nicht viel und schien wie durchgeistigt. Öfter sah sie lächelnd irgendwo im
Zimmer auf einen Punkt und schien sich dort mit jemandem lautlos zu
unterhalten. Ein anderes Mal wieder nickte sie und schien auf etwas mit
äußerster Aufmerksamkeit zu lauschen. Dr. Lehmann und Lucie störten Geigele
nicht, die sich aber wohl doch irgendwie bewußt sein mußte, daß ihr seltsames
Benehmen Neugierde erweckte. Eines Abends, zur festgesetzten Stunde zwischen
9 und 10 Uhr erklärte sie plötzlich im somnambulen Schlaf: „Ich bin dankbar
dafür, daß Ihr beiden lieben Menschen mich nicht stört, wenn ich Besuche aus
dem Jenseits empfange. Denn das ist der Fall, wenn ihr mich am Tag plötzlich
wie geistesabwesend nach einem Punkt starren und mit euch unwahrnehmbaren
Wesen mich unterhalten seht. Jetzt, im Zustand des langsamen Sterbens,
befinde ich mich, während ich noch voll lebe, oftmals schon im Jenseits und
bin mit dortigen Bewohnern zusammen, wobei ich aber nicht weiß und angeben
kann, ob ich in Wirklichkeit nicht in deren Seinsebene eingehe oder ob die
jenseitigen Besucher mit ihrer Seinsebene nicht hierher kommen. Denn wenn sie
hier sind, verschwindet manchmal völlig das ganze Zimmer und ist nur noch wie
eine Umrahmung für das vorhanden, was ich dann sehe und erlebe. Es ist ein
schwer zu beschreibender, aber herrlicher und beglückender Zustand. Mir
werden da viele, viele innere Offenbarungen zuteil. Manchmal ist es mir, als
ob ich dabei den ganzen Erdball begreifend umfassen könnte, und dann wieder
sehe ich in unendlich entfernte Sternenwelten hinein, die plötzlich für mich
ganz nahe rücken. Oft ist es nur ein Gestirn, das mir dabei so nahe kommt,
daß ich sogar die Bewohner darauf erkennen kann. O, wie herrliche Menschen
gibt es auf einigen solchen Sternen.“ Obgleich
Geigele noch ganz gesund und kräftig erschien, merkte man an ihrem immer mehr
und mehr durchgeistigten Zustand aber deutlich, daß mit ihr bereits
Veränderungen vor sich gingen, die sie immer mehr und mehr der Welt zu
entrücken schienen. Eines Abends
— es war im Spätsommer — erschien Geigele besonders durchgeistigt,
gleichzeitig aber auch innerlich beglückt, als sie folgendes in ihrem
somnambulen Schlaf enthüllte: „Nun sind es nur noch ein paar Tage, ihr lieben
Freunde, die ich mit euch zusammen hier auf Erden verbringe. Erschreckt darüber
nicht. Wir alle müssen ja einmal von hier fort. Diesmal möchte ich euch aber
etwas mitteilen, was mir mein Führer Aristos andeutete, daß ich es euch sagen
sollte. Jeder Mensch, der auf Erden geboren wird, hat eine Aufgabe zu
erfüllen, und wäre es auch nur die, eben einmal auf dieser Welt gelebt zu
haben. Doch für die meisten Erdenmenschen ist die Aufgabe größer als nur
gelebt zu haben. Mir wurde zum Beispiel gezeigt, daß es meine Mission war,
die Erdenmenschen aufmerksam zu machen, daß das irdische Leben so eigentlich
nur ein einziger Schultag in unserem ewigen Sein darstellt. Und dieser
Schultag wird von jedem Lebenden wieder anders aus- und durchgelebt, je nach
der Schulaufgabe, die ihm, am Tag zuvor aufgegeben wurde. Dieser Tag zuvor
ist dabei die Zeit vor seiner Geburt, wenn er noch vollbewußt im Jenseits
weilt und ihm innerlich zur Kenntnis kommt, daß er auf diese Erde versetzt
werden würde für einen ganz bestimmten Zweck und für eine ganz bestimmte
Aufgabe. Meine Aufgabe war zum Beispiel — und ich werde mir derselben jetzt
auch voll bewußt — ein Leben zu führen, durch das ich seelisch und geistig
auffallen und so viele Menschen, die mit mir irgendwie in Berührung kommen
würden, durch meinen somnambulen Zustand und meine Gabe des geistigen
Beratens veranlassen würde, über Fragen des Seins nachzudenken. Oft dachte
ich mir im Leben, wenn ich über meinen somnambulen Zustand nachdachte, ja ich
beeindrucke dabei doch nur einen wirklich kleinen Kreis, der von gar keiner Bedeutung
für die Masse der Menschheit sein kann. Aber jetzt habe ich die Lösung zu
dieser meiner inneren Frage gefunden. Freilich kann ich immer nur einige
wenige beeindrucken, doch alles Weltgeschehen und jede Veränderung und
Verbesserung im Weltdenken wurde immer nur zuerst von einigen wenigen
begonnen und strahlte dann von diesen aus in Kanäle der Überlieferung, die
später große Aufklärung brachten.“ Dr. Lehmann
hatte sich über diese somnambule Eröffnung ganz besondere Aufzeichnungen
gemacht, da sie ihm sehr wertvoll erschienen. An einem der nächsten
Abende setzte Geigele im somnambulen Schlaf und im somnambulen Sprechen
diesen Gedankengang noch weiter fort, indem sie u.a. bemerkte: „Ja, ja, ihr
ahnt nicht, welche inneren Zusammenhänge zwischen allem Weltgeschehen im
Kosmos bestehen. Irgendwie und irgendwo besteht sogar eine Art von
magnetisch-seelischer Bindung zwischen dem Sandkorn und einem Sonnensystem.
Ach, es ist so furchtbar schwer, euch alles das klarmachen zu können, was mir
jetzt kurz vor meinem Scheiden von dieser Welt bewußt wird. Und dabei komme
ich mir vor, als ob ich doch noch hätte viel, viel mehr tun sollen und können
zur Verbreitung meiner Gabe als Somnambule, die meine Lebensmission
darstellte, obschon ich eigentlich nicht wußte, wie ich das hätte anstellen
sollen. Aber, ich sage euch allen, so schön wie es ist beim Sterben zu
wissen, daß man niemandem absichtlich wehgetan hat und deswegen ruhig sterben
kann, so quälend ist doch das Gefühl, daß man die irdische Lebenszeit
vielleicht doch nicht richtig ausnutzte und vergehen gelassen hat, ohne das
Äußerste zu tun, die Mission zu erfüllen. Dann taucht dabei jedoch auch
wieder der Gedanke auf, wäre man dabei nicht vielleicht zu einem Fanatiker
geworden, der schlimmer ist als jemand, der seine Missionspflicht nicht ganz
erfüllt hat? Es sind manchmal auch Augenblicke beim Sterben, besonders bei
einem Sterben wie es bei mir vor sich geht, langsam und sich über Tage
ausdehnend, wo man von Vorwürfen gequält wird und nicht die Kraft fühlt,
solche Gedanken zu bannen, obschon meine euch unsichtbaren Freunde um mich
herum mir lächelnd-beschwichtigend versichern, daß ich mich zu Unrecht mit
solchen Vorwürfen quäle. Wenn derartige Augenblicke über mich kommen, dann
fühle ich, wie ich körperlich schwitze und dieser Schweiß ist schon eine Art
Todesschweiß.“ Dann kamen
wieder Abende, wo Geigele fast fröhlich war, wobei ihr Gesicht strahlte, als
ob ihr Kopf von einem Heiligenschein umgeben wäre. Aufgrund der
Selbstankündigung Geigeles, daß es nun wirklich bald mit ihr zu Ende gehen
würde, wachten Dr. Lehmann und Lucie besonders sorgfältig über Geigele.
Manchmal schien es ihnen, als ob schon jedes Leben aus ihrem Körper gewichen
wäre, doch eine genaue Untersuchung Dr. Lehmanns erbrachte dann immer wieder
den Beweis, daß es doch noch nicht so weit war. An einem
Abend war Geigele ganz besonders glücklich und strahlend. Geradezu jubelnd
hörte sich das an, was sie da im somnambulen Schlaf sagte: „Oh bin ich
heute glücklich! Wie wundersam ist mir zumute! Sie sind heute abend alle,
alle mich besuchen gekommen und füllen hier die Stube aus, obgleich ihr beide
sie nicht seht. Da steht Fred und neben ihm Aristos. Freundlich lächelnd
neben diesem steht Gottlob, der liebe Führer und Erklärer bei unserer
Wanderung durch den Liebehimmel, ja ich sehe auch den liebenswürdigen
Erläuterer aus der ‚teuren Stadt‘, wo ich es damals nicht lange aushielt,
weil mir die Kräfte zu schwinden drohten, und außerdem sind noch unzählige
andere Verstorbene, manche davon schon in einem teilweise verklärten Zustand,
um mich, die ich einst auf Erden kannte. Auch meine liebe Mutter, ja sogar
schon Joseph, obgleich er doch erst kurze Zeit tot ist, und auch mein lieber
verstorbener Vater, der jetzt so beglückt aussieht; sie alle, alle sind um
mich versammelt und wollen mir den Ein- und Übertritt in deren Welt so leicht
und erfreulich wie möglich machen. Mir ist es jetzt, als ob ich direkt aus
meinem Körper heraustreten und zu den Umstehenden um mich herum hinübergehen
könnte, doch eine innere Stimme sagt mir, ich solle mich noch eine kleine Weile
gedulden. Aber gar nicht mehr lange würde es dauern und ich wäre von dieser
Erdenbürde befreit und erlöst.“ Geigele
fühlte anscheinend keine Schmerzen, denn sie klagte niemals, daß ihr irgend
etwas weh täte. Aber in den letzten zwei bis drei Tagen stellten sich einige
Veränderungen bei ihr ein. Ihr Körper schien Gewicht zu verlieren, die Haut
wurde wie durchsichtig und ihr Blick war seltsam wehmütig und traurig. Dabei kam es
nun auch den Tag über oft zu Anfällen von großer Schwäche, wobei Geigele
stark schwitzte. Dr. Lehmann konnte trotz aller seiner ärztlichen Kenntnisse
nicht feststellen, was Geigele nun eigentlich fehlte, außer einem allgemeinen
körperlichen Verfall infolge großer Schwäche. Am nächsten
Abend kam Geigele auf des Doktors Diagnose zurück und führte aus: „Lieber
Doktor, du kannst als Arzt nicht feststellen, was nun eigentlich mein Leiden
ist, das zum Tod führen wird. Du kannst das auch nie feststellen, außer als
allgemeinen körperlichen Schwächezustand, aber darunter verbirgt sich doch noch
so mancherlei, was die ärztliche Wissenschaft heute noch nicht weiß. Mein
Leiden ist verursacht durch meine medial-somnambule Veranlagung, die sich als
Werkzeug der Nerven oder, noch besser gesagt, des sogenannten Nervengeistes
oder vielleicht — am deutlichsten ausgedrückt — des Nervenfluidums bedient.
Das Nervenfluidum ist sozusagen das Blut der Seele und wirkt im irdischen
Körper auch durch das menschliche Blut. Mein Leiden ist also so eigentlich
kein rein irdisches, sondern eines des Nervengeistes meines Seelenkörpers.
Dieser ist bei mir weit geöffnet für überirdische Einflüsse, über die die
ärztliche Kunst keine Macht besitzt und auch keinen Einfluß auszuüben vermag.
Daher tritt mein eigentliches Ableben erst dann ein, wenn meine seelisch-geistige
Verpflichtung erfüllt ist, die mit meiner Lebensmission verbunden ist. Und
solche Erfüllung steht nun unmittelbar bevor. Todeskampf werde ich nicht
durchzumachen brauchen, da mich meine jenseitigen Freunde, wenn der Moment
der Reife für mein Ableben gekommen ist, sofort in Empfang nehmen werden, so
daß ich sozusagen nur aus meinem irdischen Körper werde herauszutreten oder
besser herauszusteigen brauche. Ihr werdet Zeuge davon sein, denn, wie mir
von meinen unsichtbaren Freunden mitgeteilt wird, werde ich abends zwischen 9
und 10 Uhr sterben, also in der Stunde, wenn ihr sowieso immer hier um mich
versammelt seid.“ Dr. Lehmann
und Lucie waren diesmal von dem Gehörten erschüttert. Sie begaben sich
schweigend nach unten, während Geigele in einen wohltuenden Tiefschlaf fiel. Während der
nächsten drei Tage war Geigele fast die ganze Zeit, wie ihr Benehmen zeigte,
mit Verstorbenen zusammen, die um sie herum waren und mit denen sie sich zu
unterhalten schien, öfter nickte sie mit dem Kopf, lächelte gelegentlich auch
wie beglückt, dann hörte sie wieder wie äußerst gespannt zu, kurz es war, als
ob sie sich schon mehr im Jenseits als noch in diesem irdischen Leben
aufhalten würde. An diesen
Abenden kam es zwischen 9 und 10 Uhr nur zu unbedeutenden Mitteilungen. Sie
berichtete lediglich, wer alles um sie herum sei und wie einzelne davon sie
herrliche Szenen schauen ließen. Schmerzen schien sie nicht zu haben. Es war,
als ob ihr Körper sich bereits aufzulösen begänne, denn ihre Haut war fast
ganz durchsichtig und der Glanz ihrer Augen war geradezu überirdisch. Am Abend des
vierten Tages begann sie bereits um 9 Uhr zu sprechen. Es nahm sich so aus,
als ob sie das, was sie diesmal mitteilen wollte, einfach auszusprechen
hätte, um, wie es schien, etwas loszuwerden, was sie noch bedrückte. „Ihr Lieben
werdet euch gewiß wundern, warum meine Schwester Magdalena so gegen mich eingestellt
war. Jetzt weiß ich es, doch ich muß, ehe ich es sage, vorher noch etwas
anderes eröffnen. Wir denken oft, daß Blutsverwandte in diesem Leben zusammengeführt
werden durch verwandtschaftliche Bindungen in früheren Leben. Das trifft
gelegentlich wohl zu, doch Verwandtschaften werden im Leben meistens mehr
bedingt durch Verhältnisse in früheren Leben, wo bestimmte andere als
verwandtschaftliche Bindungen mit- und untereinander vorlagen infolge
irgendwelcher Einstellungen und Auffassungen, die sich dann in diesem
Erdenleben auswirken. Manche davon lösen sich während des irdischen
Erdenlebens in ganz natürlicher und für jedermann unmerklicher Weise. Damit tritt
dann Entfremdung zwischen Geschwistern oder zwischen Kindern und Eltern ein.
Die verwandtschaftlichen Bindungen in einem Erdenleben sind manchmal sogar
ganz oberflächlicher Natur, ohne jede besondere frühere verwandtschaftliche Beziehung.
Oftmals kommt es allerdings auch vor, daß verwandtschaftliche Bindungen in
einem Erdenleben veranlaßt sind dadurch, daß sie bestimmte latente Hemmungen
auszulösen oder als Hemmungen für einzelne andere Familienmitglieder zu
dienen haben. Das liegt natürlich in jedem Fall wieder anders. Erklären
möchte ich hier nur, daß verwandtschaftliche Bindungen im irdischen Leben
durchaus nicht immer tiefgründiger Art sind, sondern öfter lediglich durch
gelegentliche Umstände verursacht sein mögen, so daß man fast sagen kann, sie
sind rein zufälliger Natur.“ Sie
unterbrach ihre Ausführungen und es sah so aus, als ob sie tief einschlafen
wollte. Nach einigen Minuten fuhr sie jedoch fort zu berichten: „Nun, wie kam
es, daß meine Schwester Magdalena in unserer Familie so aus der Art geschlagen
war und — zum Teil auch etwas — mein schon verstorbener Bruder Joseph.
Magdalena war während mehrerer meiner früheren Leben meine Freundin gewesen,
dann aber ihre eigenen Wege gegangen und dabei auf Abwege geraten. Ich hatte
ihr nicht helfen können. Es bestand aber eine gewisse ursächliche Bindung
zwischen uns. Sie hatte sich in einem späteren Leben unter widrigen
Verhältnissen verkörpern müssen und war ziemlich tief gesunken. Aufgrund
meiner einstigen Freundschaft und meiner somnambulen Gabe war die Möglichkeit
da, sie auf den rechten Weg zurückzubringen. Mir gelang das nicht. Doch
dadurch, daß sie mir jetzt großes Unrecht tun wollte und ihr das nicht
gelang, wird sie aus dem Gleichgewicht geworfen werden und in Verhältnisse
geraten, die dann bessernd auf sie einwirken werden. Für mich selbst erfüllte
sie die Aufgabe, mir meine somnambule Mission auf Erden etwas zu erschweren,
denn ohne solche Hemmungen hätte meine Mission niemals Proben bestehen
können. Kein Sterblicher, selbst die Heiligen, sind in ihrem Leben von
Heimsuchungen frei, müssen im Gegenteil desto schwierigere durchmachen, je
höher sie sich zur Heiligkeit durchringen. Legt also eng verwandtschaftlicher
Bindung im irdischen Leben keine zu große Bedeutung bei. Oft befinden sich
Verwandte im Lebenskreis eines Menschen und seiner Familie nur infolge ganz
nebensächlicher Umstände, oder damit sich diejenigen, die jetzt Verwandte
sind, durch das Zusammenleben gegenseitig unbewußt helfen und fördern, oder
hemmen und zurückhalten, wie nun gerade der Fall liegen mag.“ Erneut trat
eine Pause ein, die von Dr. Lehmann und Lucie nicht gestört und unterbrochen
wurde. Dann fuhr sie auf einmal wieder, weiter erklärend, fort: „Mein Führer
teilte mir eben mit, daß ich das, was er anführte, etwas ungenau und verwirrt
gesagt hätte, doch ich kann es nicht klarer in Worten ausdrücken, während es
mir in dem Zustand, in dem ich mich befinde, völlig klar und verständlich
ist. Entschuldigt deswegen, Ihr Lieben, daß ich euch alles jetzt Mitgeteilte
nicht deutlicher zum Bewußtsein zu bringen vermag.“ Damit schlief
Geigele ein und sprach nicht mehr weiter. Drei Tage
später war Geigele, als Lucie ins Zimmer trat, freudig gestimmt. Sie lachte
Lucie entgegen und teilte ihr mit: „Lucie, heute abend werde ich abgeholt. Es
wird das ungefähr 9:35 Uhr sein. Sage Dr. Lehmann, er soll ja rechtzeitig zur
Stelle sein. Um euch beide für eure Güte und Pflege wenigstens etwas zu
entschädigen, habe ich meine Freunde aus dem großen Jenseits, die nun dauernd
um mich sind, gebeten, euch, wenn möglich, irgend — etwas von der Beseligung
fühlen zu lassen, die für mich mit meinem Eintritt ins große Jenseits
verbunden sein wird.“ Lucie nickte
nur stumm, fragte Geigele, ob sie was Besonderes wünsche, was aber verneint
wurde, und begab sich dann nach unten zu Dr. Lehmann, dem sie Geigeles
Eröffnung mitteilte. Beide waren den ganzen Tag hindurch so bedrückt, daß sie
nicht recht wußten, was sie mit sich beginnen sollten. Zum Glück hatte Dr.
Lehmann diesen Tag keine Patienten. Ab und zu ging man hinauf in Geigeles
Zimmer, wo diese aufrecht im Bett saß und sich beglückt mit ihren Gästen aus
dem großen Jenseits zu unterhalten schien. Endlich kam
der Abend heran. Der Himmel
hatte sich mit schwerem Gewölk bedeckt und ferner Donner rollte. Ab und zu
zuckte ein jäher Blitz auf. Es war eine unheimliche Stimmung in der Natur. Schon um 8:30
Uhr begaben sich Dr. Lehmann und Lucie, die den Tag über fast gar nichts
gegessen hatten, in Geigeles Zimmer. Noch immer
schien diese sich mit ihren Gästen aus dem großen Jenseits zu unterhalten.
Manchmal blickte sie ruhig vor sich hin. Gegen 9 Uhr
schien sie müde zu werden und einzuschlafen. Ihr Atem ging aber ruhig und
regelmäßig. Es war 9:30 Uhr und noch immer schien Geigele ruhig und friedlich
zu schlafen. Plötzlich
aber wurde sie wach, richtete sich im Bett auf und — Dr. Lehmann sah nach der
Uhr, es war genau 9:35 Uhr — breitete sie auf einmal mit einem Aufjauchzen
ihre Arme nach jemandem aus, den Dr. Lehmann und Lucie aber nicht sehen
konnten. Doch sie sahen etwas anderes, was wohl noch nicht von allzu vielen
Menschen in einem Sterbezimmer wird wahrgenommen worden sein. Sie sahen, daß
sich vom Kopf und der Brust Geigeles her eine schleierhafte Form, die ganz
das Aussehen von Geigele hatte, loslöste, bis diese Form schließlich die
volle Gestalt von Geigele erreicht hatte. Als dies geschah, drehte sich die
schleierhafte Form freudig-beglückt zu Dr. Lehmann und Lucie und im gleichen
Augenblick fiel die sitzend aufgerichtet gewesene irdische Gestalt von
Geigele im Bett zurück und lag steif und kalt da. Dr. Lehmann und Lucie
nahmen ferner wahr, wie einige andere schleierhafte Formen im Sterbezimmer
sichtbar wurden, die das seelische Geigele an den Armen faßten und mit ihr
langsam davon schwebten, wobei auf einmal das ganze Sterbezimmer mit Tönen
einer himmlischen Musik erfüllt und gleichzeitig das Zimmer auch von
herrlichen Blumendüften durchweht zu sein schien. Es war für
Dr. Lehmann und Lucie ein Erlebnis eigener Art und von solcher Deutlichkeit,
daß beide ebenfalls glaubten, ins Jenseits versetzt zu sein. Allmählich
wich der Bann von beiden und da nahmen sie erst wahr, daß draußen ein
schweres Gewitter tobte mit wolkenbruchartigem Regen, der gegen das
Zimmerfenster klatschte. Dr. Lehmann trat
an Geigeles Bett und stellte fest, daß der Tod eingetreten war. Er drückte
ihr die Augen zu. Die
Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof neben dem Grab ihrer Mutter. Mit dem
Ableben Geigeles war nochmals das Interesse der Stadtbevölkerung für ihr
früheres Wirken unter der — Hilfe und sonstige Weisungen — suchenden
Bevölkerung erwacht und die beiden Lokalzeitungen schrieben lange Artikel
über sie. Bei der Beerdigung hatten sich Hunderte von Menschen eingefunden.
Da Geigele zu keiner bestimmten Kirche gehört hatte, so hielt Dr. Lehmann die
Beisetzungsrede, die er abschloß mit den Worten: „Und so gehe
ein, liebes Geigele, in die von dir wohlverdiente himmlische Ruhe! Du hast
durch dein Leben und Wirken bewiesen, daß es auch heute noch — wie es schon
in der Vergangenheit stets war und wie es auch in die Zukunft hinein immer
sein wird —‚ Vorkommnisse und Begebenheiten gibt, von denen sich die
Schulweisheit nichts träumen läßt. Deine Lebensmission war es, der Welt zu
zeigen, daß es durch bestimmte Zustandsverhältnisse, die wir Somnambulismus
nennen, möglich ist, noch während unseres irdischen Daseins die Grenzen
dieser irdischen Welt zu überschreiten und in jene Zonen einzudringen, in die
diese irdische Welt von allen Seiten eingebettet ist. Ein Mensch, bei dem sich
solche Zustandsverhältnisse von Zeit zu Zeit einstellen, erfüllt damit eine
Mission für die Menschheit und das irdische Leben einer solchen Person ist
nicht leicht. Geigele, deren irdischen Körper wir hiermit der Mutter Erde
übergeben, hat nun eine solche Mission voll und ganz durchgeführt. Wir werden
ihrer stets gedenken. Ihre Seele und ihr Geist werden jetzt in besseren
Gefilden neue und noch herrlichere Aufgaben durchzuführen haben. Geigele, wir
werden dich nie vergessen!“ _______
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