Jung-Stilling
- Szenen aus dem Geisterreich
Wir müssen alle vor
dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit ein jeder das, was er sich in
seinem irdischen Leben erworben hat, auch empfangen möge, es mag dann gut oder
böse sein. 2. Cor. 5. V. 10.
Hanon. Mein Erwachen ist furchtbar oder
ein Traum? Welch eine ernste Stille; schweigende Dämmerung in dieser endlosen
Weite! Dort über dem fernen Gebirge ein sanftes Licht, gleich dem Erstlinge des
Maimorgens. Gott, welch eine feierliche Ruhe! Nirgends Leben und Odem, kein
Regen, kein Bewegen! Alles däucht mir bloß Schatten zu sein; ich walle einher
wie auf einem Wolkenboden, unter mir keine Erde mehr, über mir kein Gestirn,
kein sanfter Mondstrahl! Ich allein in dieser schauerlichen Wüste! Wie ist mir?
Ich schwebe leicht weg, wie Nebel auf dem Fittich des Windes, sanft schweb' ich
hin, erhebe mich, sinke, nach dem leisesten Winke meines Willens. - Mein träger
Körper ist nicht mehr! - Ist das Träumen, so hab' ich noch nie in so hohem,
deutlichem Bewußtsein geträumt! Allmächtiger Gott! Nein, ich träume nicht - es
ist mein Erwachen zum ewigen Leben.1) Sie standen um mein Bette, die
Geliebten, und weinten. Ach, jetzt erinnere ich mich meines ganzen Lebens. Das
war also das hochgepriesene Erdenleben, das große Menschenglück! Wo sind sie
nun hingeschwunden, die holden Tage des Genusses, die frohen Stunden im Schoße
der Freude und Wohllebens. Meine durchlebten sechzig Jahre sind nur ein
Schattenspiel; alles ist hin, alles verschwunden, und nun stehe ich da im
unendlichen Leeren, auf dem großen entscheidenden Punkte meines Daseins; was
wird nun aus meinen zurückgelassenen Geliebten, nur zärtliche Rückerinnerung;
auch sie werden den Traum bald ausgeträumt haben! Ich überschaue mein Leben,
ich sehe eine ungeheure Menge Mängel und Gebrechen; dagegen ist des
vollbrachten Guten sehr wenig, und doch wohnt in meinem Innern tiefer Friede,
Friede der Wehmut. Vater der Geister, vollende meine Geliebten, und erbarme
dich mein! - Du wirst ja doch hier ebenso allgegenwärtig sein, als in dem
bunten, rauschenden Gebäude, das ich verlassen habe! - Wie einsam! - Ich muß
Wesen suchen, denen ich mich mitteilen kann; vielleicht finde ich sie dort in
der Gegend des ewigen Morgens! Ha, wie erquickend ist's hier! Stärkende
Kühlung, Maienluft säuselt aus diesem ewigen Osten; welch' ein sanftes Licht! -
Gott, ich werde verklärt! Ich fange an zu schimmern; mein Wesen zieht das Licht
an, ich ahne Seligkeit! Aber welche Menge wandelt dort unten im
Schattengefilde, am Fuße des Gebirges! Ich muß hin! Ohne Gesellschaft gibt's
keine Seligkeit.
(Er nähert sich
einem einsam für sich wandelnden Geiste.)
Friede sei mit dir,
mein Bruder! Wer bist du?
Pelon. Mein Name ist Pelon.
Ich bin mir selbst
verborgen,
Und kenne mich noch
nicht!
Doch dieses merk'
ich zwar,
Ich bin nicht wie
ich war.
Indessen fühl' ich
wohl.
Ich bin nicht, wie
ich soll.
Hanon. Dir fehlt nur die erste Zeile
dieser Strophe, sie heißt: "Erleucht mich, Herr, mein Licht!" 2)
Und siehe, wie dieses Licht über jene Schattenhügel herstrahlt!
Pelon. Mir ist's eben, als wenn mich das
Licht nichts anginge. Im sehe, daß es sich in dir spiegelt; du schimmerst wie
Silberflor durch einen weißen Nebel, oder wie ehemals der Vollmond durch
Lämmerwolken; aber sieh, wie dunkel ich bin!
Hanon. Was warst du denn im vergangenen
Leben? Entdecke dich mir, mein lieber Pelon!
Pelon. Ich war ein Arzt, meine Erziehung
war gut, ich begriff die Grundsätze der Religion. Nein, ich begriff sie nicht,
ich lernte sie nur, aber ich glaubte sie, und wandelte untadelhaft; nun kam ich
auf die hohe Schule, ich las Schriften, die mir das Ziel verrückten; kurz, ich
ward ein Zweifler, ich bin's noch.
Hanon. Woran zweifelst du denn?
Pelon. Erst an der Wahrheit der
christlichen Religion, nachher auch am Dasein Gottes. an der Unsterblichkeit
und an der Freiheit der menschlichen Handlungen; endlich ward ich ein
vollendeter Determinist! 3)
Hanon. Und an dem allen zweifelst du
noch? - Bist vielleicht auch jetzt noch ein Determinist?
Pelon. Ja, leider!
Hanon. Zweifelst du denn auch an der
Unsterblichkeit?
Pelon. Ja, ja, an der Unsterblichkeit.
Hanon. Aber du warst ja gestorben und
siehe, du lebst wieder!
Pelon. Weiß ich denn, wie lange auch
dieses Leben dauert? Sind wir der Vernichtung nicht näher gekommen, als wir im
vergangenen Leben waren? Was ist denn die Welt, worin wir jetzt sind? -
Ein bloßer Schatten; hier keimt kein Hälmchen unter unseren Füßen. Alles ist
schwarzgraues Dunkel, eine unaussprechliche Aussicht nach allen Seiten! Nenne,
was du willst, wenn es nur ein Etwas, eine Möglichkeit vom Etwas ist, so
findest du es hier nicht; hier würdest du den Schritt der Käsmilbe und das
Odemholen des Infusionstierchens hören, wenn's in dieser Welt lebte. Wie nahe
sind wir hier nicht der Vernichtung! Noch einen Schritt, und wir sind nicht
mehr.4)
Hanon. Armer Pelon ! Ich glaube und hoffe. dein Zweifel werde
sich bald in unaussprechliche und frohe Gewißheit auflösen. Blieb dir aber das
ewige und unveränderliche Gesetz der Liebe Gottes und des Nächsten immer
heilig?
Pelon. Ja, und ich suchte es nach allen
Kräften zu erfüllen.
Hanon. Du warst also tugendhaft? -
Würdest du dich also freuen, wenn die christliche Religion in ihrem ganzen
Umfange wahr wäre?
Pelon. Ja, unaussprechlich! 5)
Hanon. Pelon! Du fängst an zu schimmern!
Pelon. Großer Gott! Ich empfinde es, und
ich fühle das entfernte Wehen der Beruhigung! Ich ahne dunkel und harre des
großen Aufschlusses. Aber wer bist du denn?
Hanon. Ich heiße Hanon und war
Ratsherr in einer kleinen Stach; ich ernährte mich und die Meinigen durch einen
kleinen Kramhandel.
Pelon. Du hast also nie gezweifelt? .
Hanon. Nein! Ich hörte viel von
Aufklärung und von Büchern, aus denen man sie lernen könne; allein ich gab
immer auf die aufgeklärten Leute acht und da fand ich denn, daß sie weniger
wußten als ich, und auch viel weniger Gutes taten, als ein braver, gemeiner
Mann, der nicht so aufgeklärt war; mir fiel dann die große Wahrheit ein: ,.An
ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" 6)
Pelon. O Hanon, wie glücklich bist
du nun!
Hanon. Ich hoffe, wir werden beide selig
und glücklich werden. Aber bist du schon lange hier?
Pelon. Das weiß ich nicht; hier ist keine
Sonne, kein Mond, überhaupt kein Zeitmaß, folglich auch keine Zeit; wenn ich
aber nach der Menge meiner aufeinander folgenden inneren Vorstellungen urteilen
soll, so bin im schon eine geraume Zeit hier.
Hanon. Hast du dich denn noch nie dort
dem Lichte genähert?
Pelon. O ja, mehrmals, aber je näher
im komme, desto beängstigter werde ich; es wird mir als einem Lebenden, der
nicht mehr zu Odem kommen kann.
Hanon. Hast du denn noch nie in dieser
endlosen Weite umhergestreift?
Pelon. Ich habe mit der Schnelle des
Sturmwindes ungeheure Weiten durchstrichen; aber es ist allenthalben gerade so
wie hier; dort Gebirge, darüber sanftes Licht und vor dem Gebirge Millionen
Menschenseelen, die des Ausgangs harren!
Hanon. Sind denn, so lange du hier bist,
noch keine Menschenseelen aus dieser Dämmerung zum Licht hinübergegangen?
Pelon. O ja, sehr oft. Von Zeit zu
Zeit schweben von furchtbarer Majestät strahlende Fürsten vom Gebirge herüber;
diese sammeln ein Heer Menschengeister um sich und schwingen sich mit ihnen
hinüber. Viele werden auch in den endlosen Raum weggehaucht oder vielmehr
hingeblitzt; ein Schauspiel, das einem noch lebenden Erdensohne das Blut in den
Adern starren machen würde. Die meisten aber bleiben hier im Reiche der
Schatten und des Harrens.
Hanon. Du hast wohl viele Geister
gesprochen und manches von ihnen erfahren?
Pelon. O ja, doch weniger als man denken
sollte; ich habe mit mir selber so viel zu tun, daß ich mich um andere wenig
bekümmern kann, und so geht's hier wohl jedem.7)
Hanon. Gott, wir befinden uns hier auf
einem erstaunlich wichtigen und höchst merkwürdigen Standpunkte; was wird noch
aus uns werden? - Da nähert sich uns jemand. Sieh, Pelon, seine Gestalt wird
größer, er sieht schrecklich aus. Wer bist du?
Avith. Es kommt euch nicht zu, zu fragen,
wer ich bin.8)
Hanon. Verarmter Geist, du verbirgst dich
vergebens, der Hauch um dich her strömt Tod und Verwesung aus.
Avith (indem er sich zu einer ungeheuren
Größe ausdehnt.) Rede mit Achtung zu einem Manne, den sein Fürst über Tausende
gesetzt hatte, die er in seinem Namen regierte. 9)
Pelon. Der aber nicht mehr Achtung verdient,
als nach dem Verhältnisse, wie er regierte.
Avith (indem er sich schrecklich nähert,
aber in der Berührung wie von einem elektrischen Schlage getroffen.
zurückfährt.) So etwas darfst du mir sagen - mir - vor dessen Blick sich alles
voller Erfurcht beugte, wohin ich ihn nur wandte?
Hanon. Und den nun das bloße Berühren von
zwei gemeinen Menschengeistern zurückblitzt.
Avith. Ist das Gerechtigkeit? - Der Ewige
bestimmt durch seine Vorsehung Familien oder auch einzelne Männer zu Rang und
Ansehen; in ihrem Leben will er, daß sie die gemeinen Volksklassen an seiner
Stelle regieren sollen; nach dem Tode aber lohnt er ihnen dafür mit Qual und
Verachtung.
Hanon. Gewiß denen nicht, die, wie er,
mit Weisheit und Güte Millionen glücklich machten.
Pelon. Sieh, Hanon, wer fährt da
im Strahlengewande das Gebirge herab? .
Hanon. Großer Gott! - Welche Majestät! -
Möchte man doch gleich in den Staub kriechen und anbeten! - Welche armselige
Goldkäfer-Herrlichkeit war der höchste Glanz des Erdenlebens gegen diese! -
Sieh, unser Gesellschafter will sich entfernen, aber er klebt am Boden. er ist
wie gelähmt und kann nicht fort.
Pelon. Der Arme! Aber siehe, Hanon, den
Wolkenwagen des Lichtfürsten, blendend blaulicht-weiß, wie hellpoliertes
Silber, in dem sich ein sanfter, heiterer Morgenhimmel spiegelt, und untenher
wallender Purpur im goldenen Nebel. Sieh', wie er steht und einherzieht! Sein
Gewand ist ruhender Blitz. seine Haarlocken Abendgewölke, wenn die Sonne heiter
untergegangen. Sein Angesicht - seine ganze Person - O wie weit über jede
griechische Göttergestalt erhaben! Aber er nähert sich uns!
Hanon. Vater des Lichts, erbarme dich
unser!
Azuriel (zu Avith). Enthülle dich!
(Azuriel schwebt vor sie hin, er steht da
in hoher Majestät - und nachdem er alle drei mit himmlischer Güte angeblickt
hat, und Avith sich bestrebt zu entfliehen, aber nicht kann, fährt ein
Lichtstrahl von Azuriel auf den armen Geist, in welchem er zu einem kleinen
Zwerg zusammenschrumpft.)
Pelon. Hanon, sieh' welch' eine blutige Rolle
sich aus ihm hin ins Leere entwickelt! Sieh', wie Flammenschrift über sie
hinlodert, als wenn sie mit Phosphorus beschrieben wäre. Gott, welche
Greueltaten mit lebendigen Farben gemalt! 10)
Hanon. O, wenn doch die Erdenkinder
einmal ein solches Schauspiel zu sehen bekämen! Gott sei uns gnädig!
Azuriel (schleudert einen Blitz auf Avith
und spricht): Fahre hin und leide Pein im ewigen Verderben, fern vom Angesicht
des Herrn und seiner herrlichen Macht!
Pelon. Sahst du, Hanon, in welch'
eine ungeheure Gestalt er verwandelt wurde, als er hinfuhr?
Hanon. Ich sah es, Pelon. Den
Anblick ertrüge kein Sterblicher.
Azuriel (zu Pelon). Enthülle dich! - Du
hast viel geliebt, Pelon; aber bloß um dein selbst, nicht um des Herrn willen.
Genieße den Lohn deiner Werke, aber den Erhabenen kannst du nicht
schauen.
Azuriel (zu Hanon). Enthülle dich!
Du hast viel geglaubt, aber weniger geliebt. Du wirst Ihn sehen und dich
freuen; doch mußt du dem Geringsten seiner Freunde dienen. 11)
Hanon. Herr, dein Urteil ist gerecht;
gern will im Türhüter sein, wenn ich Ihn nur sehe.
Pelon. Auch ich fühle, daß du recht
richtest; aber ach, werde ich denn nie zur Gewißheit kommen?
Azuriel. Du mußt von vorne anfangen zu
lernen, wie die Kinder, und dann wird sich's zeigen, ob das sanfte Licht der
Weisheit deine arme Finsternis erhellen kann. - Folgt mir zum Orte Eurer
Bestimmung!
Hanon (auf der Höhe des Gebirges). Gott,
welch ein schöner Morgen, welch eine paradiesische Gegend! - Herr, hier ist's
gut sein.
Azuriel. Das ist das Reich des Unterrichts,
wo die früh gestorbenen Kinder und die gut gearteten Zweifler zum Dienste des
Reiches Gottes erzogen werden. Hier regieren lauter Männer, die in ihrem
Erdenleben sich durch vortreffliche Erziehungsanstalten verdient gemacht, und
die guten Hausmütter, die dort ihre Kinder zu guten Erd- und Himmelsbürgern
erzogen haben, glänzen hier in königlicher Herrlichkeit und setzen ihre
Lieblingsgeschäfte, aber in himmlischer Würde und Seligkeit, fort. Mancher arme
Dorfschulmeister herrscht hier die Ewigkeit über Millionen und mancher Salomo
in aller seiner Herrlichkeit ist nur ein Bettler gegen ihn.12)
Pelon. Ach, mein Herr, vielleicht werde
ich in diesem Reiche meinen Aufenthalt finden!
Azuriel. Ja, Pelon. Siehst du dort auf jenem fernen Hügel die rötlich
schimmernde Burg?
Pelon. Ja, mein Herr, ich sehe sie; so
eine prächtige Wohnung hatte nie ein Erdenkönig oder -Kaiser.
Azuriel. Dort regiert über diese Gegend ein
Freund von mir; wir waren ehemals Lehrer der Religion und Kollegen auf der
Erde; wir lebten schon damals in vertrauter Freundschaft.
Hanon und Pelon (zugleich). Wie,
- bist du auch ein Mensch gewesen?
Azuriel. Jawohl, meine Brüder. Wundert euch
das? - Der gute Mensch ist noch zu weit größeren Dingen bestimmt, als ihr mich
verrichten seht.13) Jetzt gehe hin, Pelon, zu meinem Freunde; der
wird dir sagen, was du tun sollst. Du aber, Hanon, folge mir weiter.
Hanon. Werd' ich dann hinter jenem
Gebirge die Quelle des Lichts sehen?
Azuriel. Jetzt sind wir auf der Höhe;
siehst du sie nun?
Hanon. Vor diesem Anblicke schwindet
jede Vorstellung von Herrlichkeit und man muß unsterblich sein, ihn zu
ertragen.
Azuriel. Und doch ist dies noch das
Anschauen des Herrn nicht, sondern nur der Abglanz seiner Wohnung.
Hanon. Und diese unendliche Weite voll
unaussprechlicher Schönheit. - Wer ahnet so etwas im armseligen Erdenleben?!
Azuriel. Hier ist das Reich des Lichts; im
Reiche der Herrlichkeit ist es noch weit schöner. Komm, Hanon, zu deiner
Bestimmung.
Die Nachfolgenden
Erläuterungen zu dieser "ersten Szene im Geisterreich" sind zum
größten Teil von Stilling selber nachgefügt. Nur einige wenige neue Hinweise
dienen dazu, dem Menschen von Heute das Geschilderte nahezubringen.
Wir sehen hier klar,
wie eine Seele ihren Eintritt in die Welt des Geistigen vollzieht. Sie tritt
-in diesem Falle -sofort nach dem erfolgten leiblichen Tod "hinüber".
Die allererste
Reaktion ist Schreck, ein wenig Furcht und ganz zaghaft das Gefühl. jetzt
anders geworden zu sein.
Allerdings kann
diese abgeschiedene Seele sehr kurz nach ihrem Austritt aus dem Körper die
jenseitige Daseinssphäre erfassen. Aber sie sehnt sich nach anderen. denen sie
sich mitteilen kann. Das Alleinsein in dieser unendlichen Weite bedrängt die
bisher auf Erden lebende doch noch.
Dieser Wunsch
erfüllt sich sofort. Die ihr Begegnende allerdings kann sich ebenfalls - sofort
- von ihr - als der christlich Bewußteren - führen lassen. Diese .erste
Hilfeleistung im Jenseits, weist dem anderen Ich den Weg und zwar zu Beginn nur
durch die Vollendung eines Gesangverses, den die schon im Jenseits befindliche
Seele nicht voll erfaßt hat.
Daraus ist zu
entnehmen, daß wir mit dem verstandesgemäßen Auswendiglernen von Gesängen,
Gebeten und den Lehren unseres Heilandes das Rüstwerk für die Jenseitswelt
erhalten. Hier ist ein Schlüssel zum Reiche Gottes.
1) Dieses bekannte
Kirchenlied: Erleucht mich, Herr, mein Licht etc. hat der gottselige Prediger
in Duisburg Theodorus Untereyk, im Anfange des verflossenen Jahrhunderts
verfertigt; es schildert den Zustand einer Seele, die in den Wehen der neuen
Geburt gepreßt wird, vortrefflich.
Seltsam muten uns
die aus dem Hebräischen übernommenen Namen der Geister an. Stilling erklärt es
folgendermaßen:
2) Um alle
Mißdeutungen zu vermeiden, die bei diesem Buche so leicht möglich sind. wählte
ich hebräische Namen. Ich habe durchaus nirgends Personen, sondern nur Sachen
im Auge.
Das nun
stattfindende Gespräch zwischen den bei den entkörperten Seelen zeigt
seltsamerweise, daß der Hinzugekommene mehr als der schon hier Lebende weiß.
Wiederum ein Beweis, daß wir Menschen so von hinnen gehen. wie wir hier gelebt
haben. Es dürfte für uns zum Ansporn werden, doch mehr von der Lehre des
Christentums in unserem Denken aufzunehmen und durchzuarbeiten.
Es ist interessant,
daß StiIling, der doch selber Arzt - und zwar ein bekannter Staroperateur -
gewesen ist, dem Arzt die Rolle des Zweiflers zuschiebt. Und noch etwas: das,
was er nun den Geistern in den Mund legt, ist es nicht auch heute noch oft die
Folge unserer Zweifelsucht, daß wir - abgefallen vom rechten Christenglauben
-nichts besseres haben, ohne uns zu der rechten Erkenntnis zurückwenden zu
können?
Hier also ist
Stillings Gedankenweise schon nicht mehr "zeitgemäß". Sie ist so wenig
zeitbedingt gewesen, daß sie nun für uns - nach über 200 Jahren - verständlich
und aufschlußreich werden kann, wenn wir "Ohren haben, um damit zu
hören".
3) Dies ist der Weg,
den die Vernunft im Forschen geht, wenn sie die Quelle der Wahrheit in sich selbst
und in der sinnlichen Natur sucht; sie kann aber auch nicht anders, solange sie
den Fall Adams und ihre daher entstehende eigene Verdorbenheit nicht kennt.
Wäre das menschliche Geschlecht noch in seinem anerschaffenen Zustande, so wäre
dies der einzige Weg zur Wahrheit, sie fände alsdann Gott, Unsterblichkeit und
Freiheit in sich selbst, jetzt findet sie das Gegenteil.
4) Man merke hier
wohl die Sprache des Zweiflers! - Sein Charakter besteht nun einmal darinnen.
daß er zweifelt - auch dann noch zweifelt, wenn er schon sieht und hört: denn
er könnte ja getäuscht werden. Nur der wahre Glaube unterscheidet das Gewisse
und Ungewisse, er allein weiß, was wahr und was falsch ist. Es ist ein Glück
für Pelon, daß er nicht gern zweifelte.
Es ist seltsam, daß Stilling
bei den ersten Regungen der erwachenden Seele Pelons sagt, daß sein verklärter
Leib nun "zu schimmern beginnt, daß er fühlt wie Etwas in ihm anders,
schöner und befreiter wird."
Ebenfalls ist der
Gedanke tröstlich, daß nicht die Gelehrten, sondern vielleicht noch mehr die
"unverbildeten" im Reiche Gottes die Wissenden sein können, wenn sie
im Geiste und Gebote des Herrn genau so zu handeln vermochten, wie Hanon.
5) Bei dieser Stelle
bitte ich jeden Zweifler, Neologen und christlichen Nicht-Christen ernstlich
und herzlich sich zu prüfen und sich selbst gewissenhaft ebenso zu fragen; kann
er mit voller Überzeugung mit Pelon ja sagen, so ist noch Hoffnung für ihn,
findet er aber das Gegenteil, so erbarme sich seiner die ewige Liebe, sonst ist
er unausbleiblich verloren.
6) Ach. wenn doch
alle Rezensenten der Menschen und der Bücher bei dem Prüfen auf diesen Punkt
merkten. Da muß doch wahrlich Wahrheit sein, wo man die Früchte der Wahrheit
mit eigenen Augen sieht.
Und jetzt wird Pelon
zum Wegweiser für den Neuhinzugekommenen. Unendlich aufschlußreich aber ist das
Hinzukommen von Avith und das sich entwickelnde Gespräch, in dem der Leser
lernen kann, wie der Mensch die irdischen Güter einsetzen muß, um über ihnen
der himmlischen teilhaftig werden zu können.
7) Im Hades hört die
Neugierde auf - da sehnt sich jeder nach seiner Bestimmung -der Fromme möchte
gern über die Berge hinüber, und der Gottlose schaudert im Warten der Dinge,
die da kommen sollen. An Naturstudium der Geisterwelt wird selten gedacht.
8) Man bemerke hier
den wahren Charakter des Satans.
9) Möchten sich doch
viele Statthalter, Minister und Beamte an dem Schicksale des armen Aviths
spiegeln, und den Adel- und Dienststolz nicht mit hinüber in die Ewigkeit
nehmen - dort gilt er nichts!
Welches der hier
niedergeschriebenen Worte entspräche wohl nicht in irgendeiner Form unserem
heutigen Denken und Streben?
10) Ach hätte doch
mancher Volksquäler in diese Flammenschrift schauen können, indessen, was würde
es helfen? - Der Satan wird durch Furcht und Schrecken nicht gebessert, sondern
Demut und Liebe sind die Mittel zur Erlösung aller gefallenen Geister.
Auch unsere
Generation wird einmal das ernten, was sie gesäet hat in Unglauben, Verblendung
und dem bewußten Abwenden von dem Erlöser. Warum also fragen wir Menschen so
oft "Warum?"
11) Hatte doch auch
Hanon vorhin von Früchten geredet, an denen man den Christen erkennen müsse.
Einem reichen Manne wirds schwer, die Mittel zu treffen, und es ist übel, wenn
Gott über seine Wohltaten Buch hält - hier hatte Hanon einigermaßen gefehlt.
Alles verlassen und ihm nachfolgen, ist noch immer das Sicherste. - Aber,
lieber Gott! Für den Reichen ist das ein schweres Stück Arbeit, darum kommts
auch so leicht mit ihnen zum Darben und so schwer zum Aufnehmen in die ewigen
Hütten.
Gilt dies nicht
besonders für die Eltern. Wieviele Eltern, die allzu jung die Pflicht, eine
Seele zurück zu Gott führen, auf sich nahmen, sind selbst noch so erde
gebunden, so sinnenweltlich denkend, daß es für sie unmöglich ist, ein
Kind im rechten Glauben, mit dem Hinblick auf das ewige und nicht zeitliche
Dasein zu lenken.
12) Prüfe dich,
Erzieher oder Erzieherin, für wen du erziehst? - Für Christum? - Für die Welt?
- Für deine Ehre und für deinen Beutel? - Horche scharf auf die leise Stimme
des Gewissens, so kannst du schon ahnen, was dir einst der richtende Heilige
sagen wird.
Heilige? Sollten wir
nicht alle nur noch dahinstreben, einmal so geheilt von den Versuchungen des
Erdenlebens zu sein, daß wir als Geheilte vom Erbfluch, Heilige werden durften?
18) Dies gründet
sich auf die Verheißung, daß die Heiligen die Welt richten werden.
Zweite Szene.
(Im Reiche des Unterrichts oder im
Kinderreiche.)
Timeus, Zalmon, ]eriel, Alima und Zuriel.
Timeus. So schön auch dieses Land ist, so bietet
es doch dem Naturforscher keine Gelegenheit dar, seine Kenntnisse zu erweitern.
Ich möchte mir so gerne in den Nebenstunden ein Mineralkabinett sammeln, aber
dazu komm ich nicht. Meint ihr denn, ich hätte bisher eine Spur von Metallen
oder Steinarten gefunden? - Wenn ich zuweilen etwas Besonderes entdeckt zu
haben glaubte, so verschwindet es mir in der Hand und vergeht wie ein Nebel,
bevor ich seinen Charakter nach Kronstädt oder Kirchwan untersuchen
kann.
Zalmon. Gerade so geht's mir mit den Pflanzen;
Hier kenne ich nicht eine einzige. Ich habe das ganze Linnesche System
durchdacht und alles, was ich hier sah, damit verglichen; allein das paßt alles
nicht; und was noch das Verdrießlichste ist, immer blühen neue Arten hervor -
will man eine Pflanze beobachten und man besieht sie, um einige Charakterzüge
an ihr zu bemerken, und man kommt nach einiger Zeit wieder auf die Stelle, so
ist eine ganz andere da; oft breche ich eine Blume ab, aber sie verdampft mir
in der Hand, sie scheint ein geistiges, mit Empfindung begabtes Wesen zu sein;
ans Aufbewahren ist hier nicht zu denken. O, es ist schade, denn die Schönheit
der Farben und der Gestalten geht über alle Vorstellung!
Alima. Ach, ich bin noch weit übler daran; so
lange ich hier bin, habe ich Insekten gesucht, aber nicht ein Käferchen, kein
Würmchen, nicht einmal einen Schmetterling habe ich gefunden. Oft sehe ich aus
Lichtfarben gebildete Wesen über die Fluren hinziehen, die bald auf einer Blume
ruhen, bald safranfarbene Wölkchen um sich her sammeln und dann sanft in die
Höhe steigen und wieder sinken, als wenn sie ihrem Schöpfer ein Fest feierten;
aber an das Fangen ist nicht zu denken; was würde es mir aber auch helfen?
Spiritus vini hat man hier nicht, und wer weiß, ob sich diese Tiere darin
aufbewahren lassen?
Timeus. Es geht uns dreien auf einerlei Weise. In
meinem ehemaligen Leben dachte ich mir die Sache ganz anders; ich glaubte, es
sei Menschenpflicht, die Werke des Schöpfers und aus diesen Ihn selbst kennen
zu lernen; und da doch alle Geschöpfe einen Nutzen haben, so stelle ich mir
vor, es sei gut, dessen Nutzen zu erforschen, um damit dem Nebenmenschen dienen
zu können.2)
Zalmon. Gerade das waren auch meine Gedanken.
Zudem glaubte ich immer, die Kenntnisse, die man auf der untersten Stufe des
Daseins sammelte, würden für alle kommenden Äonen Grundkenntnisse bleiben, auf
die man alle folgenden bauen könne.
Alima. Ich stellte mir das Nämliche vor; ich
glaubte, alle Geschöpfe auf der Erde seien ebenfalls auf der ersten Stufe, sie
würden ihrem Grundwesen nach bleiben und nur auf jeder Stufe vollkommener
werden. Dann behauptete ich immer: der Mensch sei in Ewigkeit und auf allen
Stufen bestimmt, die Werke Gottes zu erforschen und sich in seinen Wundern zu
erfreuen.3)
]eriel. Ich habe euer Gespräch gehört, meine
Brüder, und es tut mir leid, daß ihr eure Seligkeit nicht empfindet; so geht's
aber, wenn man Nebenzwecke zu Hauptzwecken macht. Sagt mir doch einmal, welches
ist der Hauptzweck eures ganzen Daseins?
Timeus. Ewige und immer steigende Glückseligkeit.
]eriel. Sollte das wahr sein? - Fühlen wir nicht,
daß das Grundgesetz der Liebe unserem Wesen unzertrennlich eingeschaffen
ist, welches darin besteht, zur Vervollkommnung aller Wesen, aller Bürger des
Reiches Gottes, zu wirken? Jeder prüfe sich tief, so wird er die Forderung
seiner ganzen Natur an alle seine Kräfte finden: "Was du wünschest, das
dir andere tun sollen, das tue ihnen!"
Zalmon.
So hab'
ich mir die Sache auch immer vorgestellt; der Mensch hat die Pflicht, sich und
andere zu vervollkommnen, das ist sein Endzweck; daß nun Vergnügen und
Glückseligkeit damit verbunden ist, ist ein freies Gnadengeschenk des
Schöpfers; nun glaubte ich aber, in der Untersuchung der Natur bestünde eben
die Vervollkommnung des Menschen.4)
Timeus. Das ist alles ganz richtig; mich dünkt
aber, es laufe auf eins hinaus: sich vervollkommnen, um glücklich zu werden,
oder: Glückseligkeit zu suchen, um sich zu vervollkommnen.
]eriel. Nein, mein lieber Timeus, der Unterschied
ist erstaunlich groß: Wir sollen uns, wenn wir die Sache genau nehmen, so wie
sie in unserem Wesen liegt, nicht einmal deswegen vervollkommnen, um
glückselig zu werden, sondern weil es unsere wesentliche Pflicht ist; der
Glückseligkeitstrieb ist uns unvollkommenen Geschöpfen bloß deswegen gegeben,
um uns beständig zu jener hohen Bestimmung anzutreiben; je vollkommener wir
aber werden, desto weniger darf das Vergnügen der Beweggrund unseres Wirkens
sein; dieser ist immer tiefes Gefühl unserer Pflicht. Je niedriger die Stufe
ist, auf welcher wir uns befinden, desto niedriger und unlauter ist auch unser
Vergnügen oder der Zustand unseres Vergnügens, nämlich die Glückseligkeit. Wenn
wir nun auf jeder Stufe das ihr eigene Glück zum Zweck machen, so geht
auch unsere Vervollkommnung nicht weiter, sie schränkt sich dann bloß auf den
Zustand ein, und im folgenden sind wir nicht zu Hause. Wir bleiben
also auf der untersten Stufe stehen und erreichen unsere Bestimmung nicht.
Seht, meine Brüder, das ist gerade euer Fall. Ihr machet auf der ersten Stufe
die Naturforschung, weil sie euch Vergnügen brachte, zum Zweck, und die immer
wachsende Fähigkeit, dieses Vergnügen zu genießen, hieß euch Vervollkommnung;
nun habt ihr euch auf die vergangene Periode isoliert und seid also hier arm und
nicht zu Hause.5)
Timeus. Gott, ich fühle tief, und die Erfahrung
überzeugt mich, daß du recht hast; aber was hätten wir tun sollen?
Jeriel. Studium der menschlichen Natur, und daraus
hergeleitete gründliche Kenntnis aller Mittel zu ihrer wahren Vervollkommnung,
wozu dann auch allerdings eine zweckmäßige Untersuchung der Naturprodukte und
ihrer Kräfte gehört, und dann Einsicht in die beste Methode; diese Mittel in
jedem Falle und ununterbrochen anzuwenden, dies ist die wahre Wissenschaft, die
Jeder in seinem Fache verstehen und dann unablässig anwenden muß.
Wer die Menschheit und ihre immer steigende Veredlung zum Zweck seines Wissens
und Wirkens macht, der findet seinen Gegenstand auf jeder Stufe wieder, und
immer wird dann die ihn umgebende Natur passend sein. Hättet ihr also in eurem
vergangenen Leben den Menschen zum Zweck eurem Naturforschung gemacht, so würde
er auch hier euer Zweck sein; ihr würdet also auch jetzt erst seinen
gegenwärtigen Zustand ergründen, seine Eigenschaften und Bedürfnisse erkennen,
und dann würdet ihr mit staunendem Vergnügen bemerken, wie zweckmäßig und wie
reich auch diese gegenwärtige himmlische Natur an allen Befriedigungsmitteln
seiner Bedürfnisse auf dieser zweiten Stufe ist. Ihr würdet also auch hier eine
sinnliche Glückseligkeit genießen, die um ebensoviel erhabener sein würde, als
dieses Leben und die Natur über die vergangene erhabener ist; aber auch diese
Glückseligkeit dürfte wieder nicht Zweck sein, sonst würdet ihr auf der
folgenden Stufe abermals verarmen. Es ist unbedingte Pflicht zur Erfüllung
unserer Bestimmung, daß wir alles nicht um Eigennutzes, sondern um der Liebe
Gottes willen tun; denn man liebt Gott, wenn man sein uns angeschaffenes
Gesetz nicht um des Vergnügens willen, sondern aus Pflicht erfüllt.
Zalmon. Das alles leuchtet mir nun vollkommen ein,
und jeder muß es besonders in der Lage empfinden, in der wir jetzt sind. Aber
sage uns, Freund, wie ist denn uns zu helfen? - Wären wir noch in unserem
vergangenen Leben, so wüßte ich den Weg wohl: wir müßten alsdann freiwillig
unsere Anhänglichkeit an die Natur, die nicht mit uns ins andere
Leben übergeht, verleugnen, und unserer Seele die gehörige Richtung geben;
aber alles das ist nun nicht mehr möglich!
]eriel. Gott, die ewige Liebe, hat auf jeder Stufe
Mittel, seine verirrten Menschen wieder zurecht zu bringen; aber je weiter sie
fortrücken, desto schwerer wird es. Dort schwebt unser Fürst Zuriel auf
uns zu, der wird euch offenbaren, was ihr zu tun habt.
Zuriel. Dein Urteil, mein Bruder ]eriel, ist
wahr; der Erhabene hat es gehört und dich zum Fürsten über ein großes
Volk gesetzt; gehe in meine Wohnung, dort wirst du an den Tafeln im Tempel
deine Bestimmung lesen. Ihr aber, Timeus, Zalmon und Alima, werdet
von eurem Lichtgewande entkleidet, und solange über das Gebirge gegen abend ins
Schattenreich verwiesen, bis eure Seelen ganz von ihrer Anhänglichkeit an die
irdische Natur durch Hunger und Mangel gereinigt und ihr fähig geworden seid,
hier eure Bestimmung zu erfüllen. Ihr habt nun aus Erfahrung gelernt, daß der
bloße gute Wille nicht allein selig macht.6) Entfernt euch!
Timeus (im Schattenreiche). Gott, meine Brüder,
wie arm sind wir nun! Gar keine Natur, ewiges Dunkel, Totenstille um uns her! -
Sagt, was sollen wir tun, um bald aus dieser schrecklichen Einöde wieder erlöst
zu werden?
Zalmon. Hier pflanz' ich mich hin und weiche nicht
von der Stelle; dann will ich den ganzen Vorrat meiner Ideen, Kenntnisse und
Begriffe von meiner Geburt an bis in den Tod einzeln, eins nach dem andern
vornehmen und jedes, wie ein Unkraut, auswurzeln und vor meinem Angesichte
verdorren lassen, bis ich wieder so leer werde, als da ich auf die Welt kam.
Alima. Das ist gewiß der beste Rat für uns alle
drei.
Timeus. Das glaub' ich auch. Laßt uns daher dem
Lichte so nahe rücken als wirs aushalten können, so werden wir jede von unseren
Vorstellungen desto deutlicher erkennen; und da auch dies Unkraut das Licht und
die Wärme des Himmels nicht ertragen kann, so wird es desto leichter verdorren
und verwesen.
Hierzu schreibt Stilling:
1) Bei dieser Szene habe ich keineswegs
den Zweck, das Studium der Naturgeschichte zu tadeln, sondern nur den
übermäßigen Hang zu dieser Wissenschaft zu rügen, wodurch mancher verleitet
wird, ihr seine ganze Existenz zu widmen.
Gerade diese Szene ist für unser
Jahrhundert recht wichtig, denn mehr als jemals vorher wird das
Verstandesdenken, das Forschen und Beweisen höher gestellt, als das Glauben und
Vertrauen in die allmächtige Kraft des lebendigen Gottes. Wie sehr gerade
täuschen wir uns über den Gedanken an das Kommende hinweg, indem wir unsere
Gedanken, unsere Verstandeskräfte nur noch für das Greif- und Faßbare
einsetzen.
Und dies dürfte nicht sein, auch wenn die
Menschen die gleiche Frage wie hier folgt stellen:
2) Aber geschah dies denn, guter Timeus?
So täuschen sich die meisten gutgesinnten Männer dieser Art.
Ja, wir täuschen uns und stellen die
Täuschungen, die der Verstand diktiert, allmählich höher als das "Ahnen
unserer Seele". Darum müssen auch wir noch Stillings folgende Worte auf uns
beziehen:
3) Guter Gott, wenn doch die Menschen die
so nahe liegende Wahrheit erkennen könnten. Laßt die ewigliebende
Erlösungsgnade erst euer Herz heiligen, und dann erforscht die Natur. So werdet
ihr die gefundenen Kenntnisse auch gehörig zu benutzen wissen.
Wollen wir?
Nicht immer und auch dann nur recht
mangelhaft, aber
4) Die Vervollkommnung des Menschen fängt
mit dem Willen an, dieser wählt dann hernach diejenige Klasse von Kenntnissen,
die seine wahre Vervollkommnung am meisten befördern, und das sind immer
solche, die am stärksten aufs allgemeine Beste wirken.
Wie wenig suchen und finden wir in unserem
„allzu aufgeklärten Zeitalter" noch wirklich „Vergnügen" an dem
Streben zu Gott und zur seelischen Vollendung. Und nicht nur, daß Menschen, die
in dieser Weise leben möchten verlacht werden, man feindet sie auch an, sie
haben oft berufliche und materielle Schwierigkeiten aller Art durchzufechten,
wenn sie sich offen und freimütig zum Christentum in seiner wahren Gestalt
bekennen. Und doch liegt
5) diese so streng scheinende, so oft
bestrittene und doch ewig wahre Lehre, in dem Hauptpostulat: Wirke Gutes, nicht
um deines Vergnügens willen, sondern genieße so viel Vergnügen, als dir zum
Guteswirken nötig und nützlich ist.
Wer nun in sich zur Klarheit gekommen ist, versteht aber
auch das ewig Gesetzmäßige mehr und mehr. Er sagt sich, daß
6) dieses streng erscheinende Urteil in der Natur der Sache
gegründet ist: es muß durchaus dahin kommen. daß nur die erleuchtete Vernunft
den Willen beherrscht. solang er noch irgend einer Lust, die nicht jener
Vernunft, oder, welches eins ist - dem Gewissen, untergeordnet ist, zu Gebote
steht, solange ist man noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. Erst muß der
Wille das Gute ernstlich wollen; damit die Vernunft erleuchtet werden könne,
wenn dies geschehen ist, dann regiert sie den geheiligten Willen.
Wenn man
bedenkt, daß dies vor zirka 200 Jahren geschrieben ist. muß man erneut
einsehen, daß es unvergängliche Wahrheiten gibt, die nicht zeit- und
modegebunden sind. Und man erkennt, wie sehr es an der Zeit ist, sich mit dem
künftigen Leben auseinanderzusetzen, um nicht durch die Irrungen und Wirrungen
des falsch geschulten Denkens behindert zu sein.
Dritte
Szene.
(Im
Reiche des Lichts.)
Aramia. Nun schaue um dich her, mein
Bruder Jahdiel (dieses ist dein neuer Name). -Siehe die weite Gegend, so
fern dein Auge trägt. - Sie ist dein neues Fürstentum. Die lasurnen Gebirge
dort im weiten Kreise sind seine Grenzen. Siehe alle die sanften Hügel und
flachen Täler mit allen Lufthainen und Gefilden. - Sind nicht alle Lichtfarben
der vergangenen Natur Finsternis gegen diese Herrlichkeit? Was war der Smaragd
im Glanze der Sonne gegen diese grünende Natur? - Brillanten und hellpoliertes
Silber hingesät, sind bloße Schatten gegen jenen Lebensstrom, der sich dort
zwischen den Palmwäldern hinschmiegt, alle Juwelen im Glanze des schönsten
Morgens waren nichts gegen die Blumengefilde, über welche du nun hinschwebst,
ohne daß sich die zarteste Blume unter deinem Fußtritte beugt. Sind hier nicht
die unabsehbaren Alleen von lauter Lebensbäumen, in allen labyrinthischen
Gängen, lauter Tempel voller Schauer des Heiligtums, und ihr Grün schimmert wie
im flüssigen Golde! Und dieses ganze weite Gefilde durch und durch bewohnt und
benützt von vielen tausenden deiner ehemaligen Mitbrüder, von denen du viele
kennen wirst - alle gute und Menschen, deren Vervollkommnung nur von deiner
weisen Gesetzgebung abhängt. Dort auf dem erhabensten Hügel ruht deine Burg!
-Wie glänzt sie in den Strahlen der Herrlichkeit Gottes! - dort ragt deines
Tempels Zinne über alles empor, - über dem Altar wirst du saphirne Tafeln
schweben sehen, auf welchen du immer den Willen des Erhabenen mit
goldenen Lichtfarben ausgedruckt lesen und deine Gesetzgebung darnach
einrichten wirst. Wie du glänzest! Du strahlst ja unaussprechlich einher,
steigst und sinkst! -Du feierst dem Ewigen, und ich feiere auch!
Jahdiel. Für meine Empfindung hat die
Ewigkeit keine Worte, darum spricht mein ganzes Wesen demutsvolle Feier! Aber
sieh', du Verklärter, - sieh' jene Herrlichkeit, die uns hier die Sonne
tausendfach ersetzt, ihr Licht ist lauter Wahrheit, die ich ehemals glaubte,
und ihre Wärme ist lauter Güte, die ich ehemals liebte. Wie unaussprechlich!
Ich sehe im weiten Kreise die Stadt Gottes und auf ihrer Höhe die Wohnung des
Erhabenen, eine ganze Welt voller Urschönheit! Ach, werde ich das alles nicht
in der Nähe - nicht Ihn, den Unaussprechlichen, selbst sehen? -
Aramia. Ja, du wirst Ihn - und in seiner
Wohnung - oft sehen; - es gibt Zustände (Zeiten darf man hier nicht sagen), in
denen du vor Ihm erscheinen darfst; ein solcher Zustand ist das Höchste, was
ein endliches Wesen empfinden, aber auch ertragen kann.
Jahdiel. Wenn doch die armen Sterblichen
das alles wüßten.
Aramia. Wenn sie's wüßten, so könnten
sie's nicht erwerben. Nur durch den ahnungsvollen Glaubenskampf werden
sie fähig, das Reich zu erringen, das ihnen bereitet ist von Anbeginn der Welt.
Glaube und Liebe sind die bei den Adlersflügel, mit denen sich der arme
Staubbewohner hierher schwingen kann. Aber komm, Jahdiel - komm zu
deiner Wohnung, ich will dich begleiten.
Jahdiel (in seiner Wohnung). Die Größe der
Pracht, die Bequemlichkeit zu allem, was ich hier zu wirken habe, geht über
allen Begriff; das alles ist keine tote Materie, lauter Geist, Licht und Leben;
alles verändert sich unaufhörlich, durch alle Farben des Lichts; solch eine
geistvolle Harmonie der Urschönheit hat nie ein Sterblicher auch nur von ferne
geahnet! Aber wo ist mein Begleiter? Hätte er doch noch einen Augenblick hier
verweilt, um ihm meine hohen Empfindungen mitzuteilen! -Allein ich bin nicht
hier, um bloß zu genießen, nein, ich muß Gutes wirken - ich will hin in den
Tempel - und dort auf der saphirnen Tafel den Befehl des Herrn lesen. (Im
Tempel.) Gott, welche schauerliche Majestät! - Dort steht ja mein Begleiter, er
winkt mir, er verwandelt seine Gestalt! Allmächtiger Gott! Meine Elise, - mein
treues Weib!
Aramia (in himmlischer Umarmung.) Mein
Geliebter, nunmehr mein Jahdiel, und ich deine ewig unzertrennliche
Aramia!
Jahdiel. Großer Gott, wie bist du so
verklärt und verherrlicht!
Nunmehr kann ich
dich erst recht: mein Engel nennen. Siehst du nun, daß ich dir oft die
Wahrheit gesagt habe: du werdest mich dereinst in der Seligkeit übertreffen?
Aramia. Sag' das nicht, mein Freund. Deine
Herrlichkeit ist groß; nun blicke dorthin zum Licht und Recht, sieh', wie es
strahlt!
Jahdiel. Ich lese: Gehe hin und
erhöhe Seligkeiten durch dein Dasein!
Aramia. Das verstehe ich, mein Freund!
Komm!
(Beide schweben, Hand in Hand durch einen
hohen Säulengang, der wie hellpolierter Jaspis schimmert, zu einem großen Saal,
dessen kristallene Türen sich von selbst öffnen.)
Jahdiel. Wer sind diese unaussprechlich
schönen Engel, die da auf uns zueilen?
Aramia. Das sind unsere Kinder, Jahdiel,
die vor uns überwunden haben.
Jahdiel. Wäre ich nicht unsterblich, ich
verginge vor Freuden.
Die Engel. Erhöhet ist die Herrlichkeit des Erhabenen
über deinem Haupte, Vater, hier sind deine Kinder.
(Stumme, himmlische Umarmung und Feier.)
Jahdiel. Ich trinke Ströme voll Seligkeit!
-Kinder, ihr seid vollkommene Jünglinge und Jungfrauen, wer hat euch erzogen?
Die Engel. Wir waren bis jetzt im
Kinderreiche, wo wir unter der Aufsicht deiner Mutter, unserer Großmutter, zu
nützlichen Bürgern des Reiches Gottes gebildet worden sind; nun rief uns unsere
Mutter ab, und führte uns in deine Wohnung; hier, sagte sie, werdet ihr den
Vater sehen, denn er kommt aus dem Lande der Sterblichkeit, und hat überwunden,
hier sollt ihr bei ihm wohnen.
Aramia (öffnet noch eine große, weite,
strahlende Halle.) Tritt auch hier herein, hier siehe deine frommen Vorfahren,
sie kommen alle, dich zu umarmen, empfange die Herrlichen alle, sie werden
deine Ratgeber sein.
(Stumme himmlische Umarmung.)
Alle. Wie unaussprechlich ist das, was
Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben! - Wir gehen in Seinen Tempel, Ihm ein
geheiligtes Halleluja zu feiern.
Dieses Kapitel
enthüllt dem Leser die Notwendigkeit der christlichen Lehre. Wir müssen uns
über die wahren Eigenschaften des Gottessohnes klar sein, um hier auf Erden und
dereinst dort in der "Ewigkeit eingeweiht zu sein.
Stillings Auffassung von der belebenden Kraft des Heilands, die Er auf uns
übertragen möchte, drückt sich sehr erkenntnisreich in den folgenden Worten
aus:
"Christus ist die Sonne der
Geisterwelt, ihr Licht ist die Wahrheit, ihre Wärme, die Liebe, das Organ für
das Licht ist der Glaube, und für diese Wärme das Herz."
Wäre es deshalb
nicht - gerade für uns - die höchste Zeit, Einkehr zu halten? Unsere Seele so
zu bereinigen, daß wir wenigstens die Wahrheit über das Jenseits, seine vielen
Stufen und Abstufungen ertragen können? Damit, daß wir das göttliche Land
verstandlich bis ins letzte erfassen wollen, ist es nicht getan, hier kann
letzten Endes nur der bedingungslose Glaube helfen, denn allein durch den
Glauben gelangen wir zu der echten Verbindung, werden wir nicht von dunklen
Zwischenmächten gefangen gehalten und dürfen die Herrlichkeit des Vaters
schauen.
Wir wissen doch:
"Der
Zustand des reinen Herzens ist derjenige, in dem man Gott schaut." Darum sind und bleiben die
"selig, die nicht sehen und doch glauben." Joh. 20, 29.
Es ist aber nicht
nur der Eintritt in die reine Jenseitswelt, die sich diesem Entkörperten
öffnet. Etwas uns Menschen noch köstlicher Erscheinendes ist die zu erwartende
Vereinigung mit unseren Lieben. Dies dürfte sogar wenig gläubigen Menschen, ja
sogar einem ausgesprochenen Materialisten begehrenswert und - glaubwürdig
erscheinen, denn es gibt wohl keinen Lebenden, der nicht eine Seele hat, mit
der er einmal im Jenseits vereint sein möchte, mit der zusammen er - für sich
und sie -eine Wohnung im Hause des allgütigen Vaters ersehnt.
Vierte
Szene.
Adriel und Mahlon (im Reiche des Lichts).
Adriel. Du weißt doch, daß ich im Reiche
der Finsternis gewesen bin?
Mahlon. Ich hörte, daß ein gewisser Ilai
von dort ins Kinderreich übergeführt worden, vielleicht bist du sein Führer
gewesen?
Adriel. Ja, und ich freute mich des
Auftrages unaussprechlich, denn ich kannte ihn in seinem Erdenleben, und seine
Verdammnis, so gerecht sie auch war, betrübte mich sehr.
Mahlon. Erzähle mir doch seine Geschichte,
mein Bruder!
Adriel. Sehr gerne. Die Gerechtigkeit des
Allerhöchsten und seine unaussprechliche Liebe wird unsere Freude erhöhen und
wir werden uns durch diese Erzählung eine hohe und heilige Feier bereiten.
Siehe, wie dort ein Kreis himmelhoher Bäume purpurne Schatten über ein
blumichtes Grün hinstreut? Dort ruhen wir so lange und ich erzähle.
Mahlon. Hier ist's schauerlich schön,
ernste Stille um uns her, lieber Adriel Ich bin aufmerksam.
Adriel. Ilai war der Sohn eines frommen
Bürgers zu Wallental; seine Eltern erzogen ihn nach der gewöhnlichen Art; er
wurde in Schulen und Kirchen zur Erkenntnis der Religion geleitet; in seinem
väterlichen Hause sah er das gute Beispiel eines christlichen Wandels, und jede
Unart wurde durch Warnen, Ermahnen und Bestrafen bekämpft.
Mahlon. Dein Ausdruck: nach der
gewöhlichen Art, scheint mir doch zu sagen, daß es bei den Eltern am
ernstlichen Ringen, Wachen und Beten für ihr Kind gefehlt haben mag.
Adriel. Du hast recht geurteilt, Lieber,
es blieb bei der gewöhnlichen christlichen Erziehung; daher wuchs bei
dem Knaben das Unkraut stärker als der Weizen, so wie er größer wurde, so nahm
auch die Menge seiner sinnlichen Bedürfnisse zu. Zuweilen hatte er wohl fromme
Anwandlungen von Rückkehr, von Besserung und Ernst, recht gut und fromm zu
werden; allein bei der ersten Gelegenheit zum Genuß schwanden alle diese
hinweg. Er wurde also immer sinnlicher, immer entfernter von unserer
himmlischen Natur, ohne deswegen nach dem Begriffe der Menschen lasterhaft zu
sein; sie hielten ihn im Gegenteil für einen braven, ordentlichen und ehrlichen
Mann.1)
Mahlon. Bei meinen Gesandtschaften auf die
Erde habe ich bemerkt, daß es der Menschen von dieser Gesinnung am meisten
gibt; und daher kommt auch eben die starke Bevölkerung des Reichs der
Finsternis: denn wie kann ein solches Wesen zur Bürgerschaft des Reiches Gottes
geschickt sein.2)
Adriel. Du hast recht, Mahlon, so hab'
ich's auch gefunden. Das Leben des Ilai floß so wie gewöhnlich dahin, er war
ein guter Bürger, ein Hausvater ohne Menschentadel und ein äußerlicher Freund
der Religionsgebräuche; er tat nichts namhaft Böses, aber auch ebensowenig
wirklich Gutes, und der Vorsätze zur wahren Besserung wurden immer weniger.
Endlich rückte die Zeit seines Abschieds heran; er bekam die Auszehrung und
merkte bald, daß seine Stunde nun nahe sei: jetzt nahm er seine Zuflucht zu
seinem Religionslehrer; anstatt daß nun dieser Mann noch jetzt auf die
gründliche Erkenntnis der Beschaffenheit seiner sittlichen Natur und ihrer
gänzlichen Unfähigkeit zum Reiche Gottes hätte dringen und ihn zur wahren
Selbsterkenntnis hätte führen sollen, wodurch der unüberwindliche Vorsatz würde
entstanden sein, von nun an seinem erhabenen Zweck gemäß zu leben, der ihn dann
auch wenigstens auf die Grenzen des Kinderreichs gebracht und nach und nach
weitergeführt haben würde; statt dessen wies er ihn auf die überschwengliche
Genugtuung des Leidens und Sterbens des Welterlösers.3)
Mahlon. Gott, wie mancher geht doch durch
den so übel angewandten Begriff des größten, wichtigsten und herrlichsten aller
Geheimnisse verloren!
Adriel. Ja wohl. und es ist erschrecklich,
daß gerade diejenigen, die die Lehre von der Versöhnung predigen und anwenden
sollen, so selten selbst die Wahrheit erkennen! Viele glauben und lehren zu
viel, viele zu wenig, und nur einzelne göttlich gesinnte Männer treffen das
Ziel; indessen gehen die armen Menschen verloren. Die Wege des Erhabenen sind
unerforschlich; aber immer fallen mir die Worte unseres Freundes, des hohen
Sehers ein, die er ehemals sagte:
Wenn er seine
Seele wird zum Schuldopfer gegeben haben, so soll er Samen säen, in die Länge
leben, und des Herrn Wohlgefallen wird durch seine Hände von statten gehen.4)
Jes. 53. Vers 10.
Sie werden noch
errettet werden, die armen Menschen, unsere Brüder! - Unserem Ilai kamen
indessen die armseligen Tröstungen des Geistlichen sehr erquickend vor, denn so
kostete ihn das Seligwerden keine Mühe; er freute sich also auf die nahe
Vollendung und auf die überschwengliche Seligkeit, in welcher er schwelgen
wollte; seine Äußerungen wurden für sehr erbaulich ausgeschrien, die Nachbarn
kamen an sein Bette, um Sterben zu lernen; der Prediger gab das alles für
Wirkungen des Verdienstes Christi aus, und so wurden die elenden Mißbegriffe
von der gesegneten Menschenerlösung immer mehr befestigt. Wenn nur solche
unnützen Knechte des Erhabenen, die dem hohen Amte ihrer Bestimmung so schlecht
vorstehen, wüßten, welch ein schreckliches Gericht auf sie wartet.5)
- Ilai starb und erschien im Schattenreiche; hier konnte er sich nun gar nicht
finden, er fühlte das Heimweh nach dem, was er auf ewig verlassen hatte, mit
unaussprechlichem Jammer, denn das ganze Wesen seines Geistes war auf die
verlorenen sinnlichen Gegenstände und ihren Genuß isoliert; nur der einzige
Trost blieb übrig: er würde im Himmel noch weit größere Vergnügen wiederfinden;
an Wirken und Tätigkeit dachte er nicht, die Liebe zum allgemeinen Besten hatte
nie in seinem Herzen gekeimt, viel weniger Wurzel geschlagen. Hier mußte er
eine geraume Zeit warten, bis sich sein Geist geordnet und wieder eine feste
Existenz angenommen hatte. Nun trug sich's zu, daß ich vom Erhabenen den
Auftrag bekam, im Schattenreiche Gericht zu halten, dort fand ich den Ilai, unter
andern auch fähig und bestimmt; er wurde also enthüllt, und in seiner ganzen
Lebensrolle war nicht ein einziges Samenkörnchen, das in unsern Boden gesäet
werden konnte, keine einzige Tat, die himmlischen Ursprungs, himmlischer Natur
war; - die bloße, nackte, aber mit keiner einzigen guten Handlung befruchtete
Liebe zum Erlöser, war ihm noch kurz vor seinem Tode wesentlich geworden;
dieser Magnet blieb ihm also, und dieser war stark genug, um ihn dereinst zu
uns herüberziehen zu können; jetzt aber mußte erst jede sinnliche Neigung durch
lange und schwere Leiden ausgetilgt und sein Geist in den Kinderstand
zurückgeführt werden, folglich wurde er ins Reich der Finsternis verwiesen.6)
Kennst du auch die Beschaffenheit der Hölle und ihrer drei Reiche, lieber Mahlon?
Mahlon. Nein, mein Bruder, ich bin noch
nicht lange verklärt, meine Verrichtungen waren bloß auf unsere drei Reiche und
auf die Erde eingeschränkt; vermutlich bin ich auch noch nicht stark genug, in
jene schrecklichen Gegenden versandt zu werden. Aber darf ich dich bitten,
lieber Adriel, mir die Hölle zu beschreiben?
Adriel. Gerne will ich dir den furchtbaren
Aufenthalt schildern, und wir werden dann den demütigsten und innigsten Dank
dem Erhabenen feiern, der uns bewahret und in diese seligen Wohnungen
geführt hat.
Mahlon. Mein ganzes Dasein ist aufmerksam.
Adriel. Die Erde wurde vor ihrem
gegenwärtigen Zustande auch von Menschen bewohnt; die ganze Oberfläche
derselben war vollkommener, und der menschliche Körper nach dem gewöhnlichen
Laufe der Natur unsterblich; alles war dem himmlischen Urbilde näher wie jetzt.
Der Stammvater dieses Geschlechts war König aller seiner Nachkommen, und das
Gesetz, wonach er regieren sollte, wie immer, kein anderes als das Gesetz der
Liebe oder des allgemeinen Besten. Lange herrschte dieser König unter dem
Einflusse des Herrn und die Vervollkommnung und Beglückung aller seiner Kinder
und seiner selbst stieg mit jeder Periode immer höher. Endlich fing dieser
Fürst an, seinen Glanz und seine Herrlichkeit stärker und lebhafter zu
empfinden, als seine Pflicht gegen seinen Schöpfer, und jetzt begann er
eigenmächtig zu regieren; er machte sich selbst zum Gott, setzte das Gesetz des
eigenen Besten an die Stelle des allgemeinen, und nun folgte natürlich, daß
aller Einfluß vom Herrn aufhören mußte: die göttliche Wahrheit und die
göttliche Liebe, die dem allgemeinen Besten wesentlich sind, hörten also
auf der Erde auf, und dagegen wirkten die unzertrennlichen Eigenschaften der
Eigenliebe, Falschheit und Grimm, unaufhaltsam allenthalben.
Jetzt war der Jammer unaussprechlich. - Jeder suchte nur sein eigenes Glück,
nicht sein eigenes Bestes, denn das ist vom allgemeinen ganz
unzertrennlich, folglich wollte jeder befehlen, aber nicht gehorchen, jeder
wollte frei, das ist gesetzlos sein, aber jeden andern unter seine
eigenen Gesetze zwingen; es war also nicht anders möglich, als daß ein Regiment
entstehen mußte, das sich bloß auf die Macht des Stärkeren und nicht auf
Vernunft und Liebe oder auf Wahrheit und Güte gründete; mit einem Wort: es
entstand das höchste Ideal des Despotismus. Nun denke dir Unsterblichkeit und
den hohen Grad der Vernunft - oder vielmehr Verstandes-Vollkommenheit noch
dazu, verbinde das alles nun noch mit so lang gestiegenen Kräften und
vermehrten Wirkungsmitteln: so ist dein Begriff von der höllischen
Staatsverfassung vollendet.7)
Mahlon. Ich durchschaue all' den Jammer
vollkommen.
Adriel. Der Erhabene ließ diese
Rotte so lange toben, bis es die irdische Natur nicht mehr aushalten konnte,
und nun war´s Zeit, ihnen eine Wohnung zu bereiten, die sich genau zu ihrer
Verfassung schickte, und diese Wohnung ist die Hölle. Auf der Erde
fingen die Elemente an, in Unordnung zu geraten; Feuer und Wasser, Erdbeben und
Sturmwinde, alles tobte so fürchterlich untereinander, daß der ganze Planet
zerrüttet wurde und die ganze Oberfläche im Wasser unterging; in diesem Tumult
wurden auch alle menschlichen Körper zerstört und jeder Geist behielt nur die
feinere Hülle übrig, die nun je nach den herrschenden Leidenschaften auch eine
Figur annahm, so daß die schrecklichsten Gestalten aller Art entstanden und
einer dem andern vollends zum Schrecken und Abscheu wurde. So erschien die
ungeheure Menge im Schattenreiche; dem Thronfolger Michael wurde der Befehl
erteilt, sie zu richten; sie wurden in alle ihren Greueln bloßgestellt und dann
in den Abgrund weggeblitzt. Nachher bekam ihr König aus weisen Ursachen die
Erlaubnis, seine ehemalige Wohnung nebst den Seinigen, so oft er wollte, zu
besuchen; wie sehr er diese Erlaubnis benützt hat, das lehrt die Geschichte der
Menschheit, und das große Geheimnis der Versöhnung wird in seiner Vollendung
zeigen, wie sehr auch das zum allgemeinen Besten diente. Welche Mittel
aber im Abgrund der göttlichen Weisheit und Liebe noch verborgen liegen, um
auch endlich die Millionen verarmter Geister zu retten (denn gerettet werden
sie gewiß), das wird die große Zukunft entwickeln und uns allen eine reiche
Quelle unnennbarer Seligkeit sein.8)
Mahlon. Es stehen uns also noch große
Dinge bevor, lieber Adriel, wir wollen sie immer in Demut
erwarten und den Herrn verherrlichen.
Adriel. Das ist unsere Pflicht. Die
fürchterliche Wohnung jenes verworfenen Geschlechts liegt auf der Abendseite
des Schattenreiches und besteht ebenso, wie der Himmel, aus drei Regionen; die
erste heißt: das Reich des Jammers; die zweite: das Reich der
Finsternis, und die dritte: das Reich des Feuers.
Wenn man nun im
Schattenreich sein Angesicht vom Licht ab gegen Abend richtet, und dann den Zug
dorthin beginnt, so kommt man endlich so weit, daß das Licht des Himmels ganz
verschwindet, dagegen entdeckt man vor sich in großer Ferne, ganz niedrig über
dem Horizonte, einen dunkelroten Streifen, der sich zur Linken und Rechten sehr
weithin erstreckt; er hat das Ansehen wie Eisen, das eben anfängt zu glühen,
und durch einen schwarzen Raum schimmert. Sowie man näher kommt, sieht man ein
zackiges, schroffes Gebirge, welches sich nach beiden Seiten in ungeheure Weite
ausdehnt. Vor diesem Gebirge ist ein ödes Tal, in welchem eine unzählbare Menge
armer Geister in schrecklicher Unruhe wie lauter schwarze Schatten
durcheinander schwärmt. Die ganze Gegend wird über das Gebirge her ebenso erhellt,
wie die fernen Gefilde von einer Feuersbrunst in der Nacht. Von Zeit zu Zeit
kommen die Fürsten der Hölle in Riesengröße, aber mit der schrecklichsten
Verzerrung der menschlichen Figur, so daß alle Glieder, je nach den
herrschenden Leidenschaften, etwas Ungeheures an sich haben, in eine Glutwolke
gekleidet, über das Gebirge herüber, wo sie alsdann die zur Verdammnis reif
gewordenen Geister aussondern, und mit allem Grimme des Despotismus vor sich
hin über die Gebirge jagen, und jedem die ihm zukommende Region und Stelle
anweisen. Sowie man sich über das Gebirge hinschwingt. sieht man in der
tiefsten Ferne abermals ein weit und breit sich erstreckendes, noch weit
höheres und schrofferes Gebirge, über welchem die schrecklichste Glut bis hoch
hinauf in die ewige Nacht tobt. Es sieht aus, wie wenn Flammen in die
Finsternis bohrten, um sich Luft zu machen, und man hört in tiefster Feme ein
dumpfes Gebrülle, wie von tausend Donnern, wovon die Grundfeste der Hölle
zittert. Die ganze Region, die man jetzt übersieht, ist das Reich des
Jammers; die ganze Fläche besteht aus lauter verworren durcheinander
liegenden ungeheuren Felsmassen, um welche sich enge tiefe Täler hinwinden;
hier entdeckt man nirgends etwas Grünes, sondern alles, was hin und wieder
einzeln hervorkeimt, sieht aus wie der Tod und Verwesung, und der Boden
erscheint wie ein schwarzer Grieß und Asche. Die hierher verwiesenen Geister
wohnen in den weiten und geräumigen Höhlen, welche von den Felsenmassen
gebildet werden 9).
Mahlon. Das ist wohl ein jammervoller
Aufenthalt; aber womit beschäftigen sich diese Geister?
Adriel. Jeder beschäftigt sich je nach
seinen Neigungen und Leidenschaften; sie suchen sich in dieser schrecklichen
Einöde dasjenige beständig wieder zu verschaffen, was sie im Leben besessen und
genossen haben; viele bestreben sich, schöne Paläste zu bauen, und wenn das
jämmerliche Ding fertig ist, so stürzt es ihnen über dem Kopfe zusammen; andere
suchen Gärten anzulegen,und in der Hölle ein Paradies zu pflanzen, indem sie
die einzelnen giftigen Gewächse zusammen ordnen; allein die Ausdünstung dieser
Greuel betäubt sie, und wenn sie sich umsehen, so ist alles wieder Graus
und Ruin. Noch andere suchen Gesellschaft, in welcher sie sich vom vergangenen
Genuß unterhalten; viele geraten darüber in die traurigste Verzweiflung, so daß
sie ins unendliche Leere hinstürzen, und manchmal so lange herumirren, bis sie
von ihren Fürsten wieder herbeigegeißelt werden; andere erhitzen sich
gegeneinander mit einem solchen Grimm, daß sie fürchterlich kämpfen, bis sie
endlich, von einem Stärkeren gezüchtiget, wieder in ihre Höhle zurückkehren.
Nichts aber ist schändlicher und schrecklicher, als wenn ein männlicher und
weiblicher Geist sich gegeneinander zur Wollust erhitzen, und dann in der
höchsten Glut der Leidenschaft auf einmal einer dem andern in der
abscheulichsten Drachengestalt erscheint; mit dem schrecklichsten
Wehklagen fahren sie dann ohne den geringsten Genuß aus der Umarmung zurück und
fliehen von einander, so weit sie können. Mit einem Worte, des mannigfaltigen
Jammers ist kein Ende. 10)
Mahlon. Werden denn die Geister aus diesem
Reiche nicht versetzt; oder kommen wohl auch zu Zeiten Bewohner der übrigen
Reiche in dieses erste?
Adriel. Über dieses alles will ich dir
vollkommenen Aufschluß geben. Du weißt nun, daß die Hölle in ihren drei
Abteilungen keinen andern Zweck hat, als die Geister, die sich durch gelinde
Mittel in ihrem Erdenleben nicht wollten zu ihrer Bestimmung leiten lassen,
hier durch immer schärfere nach und nach dahin zu bringen, daß sie endlich ihre
wahre Richtung zur Vervollkommnung und Beglückung nehmen. Da aber hier alle
sinnlichen Vergnügungen gänzlich aufhören, so finden sie auch für ihre
Begierden und Leidenschaften keine Nahrung mehr; es kommt also bloß darauf an,
daß sie ihre Leidenschaften verleugnen und töten, und den unüberwindlichen
Willen fassen, von nun an zum allgemeinen Besten zu wirken. Sobald sie nur
anfangen, diesem Willen gemäß zu handeln, sich unter alle verdammten Geister zu
demütigen, jedem zu gehorchen, so lange er nichts Böses befiehlt, und
allenthalben Gutes stiften: so hört der Stachel des Todes auf zu wüten, und der
Einfluß vom Herrn beginnt in dem Verhältnis ins Innerste des Geistes zu wirken,
in welchem der Wille zur Wahrheit steht. Sanftmut und Liebe überwinden Satan
und Hölle.11) An Mitteln zu dieser Erkenntnis fehlt es
auch dort nicht, doch ist die Wiederkehr immer unendlich schwerer als im ersten
Leben, und wehe dem, der sie bis hieher spart. So wie nun ein Geist auf seiner
Rückkehr im Guten zunimmt, so wird auch seine Gestalt wieder regelmäßiger und
menschlicher, und die Gewalt des Mächtigen in der Hölle über ihn wird immer
geringer; er kann sich also aus dem dritten Reiche ins zweite, und so wie er
zunimmt, ins erste begeben; früher oder später wird ihm dann vom Erhabenen ein
Engel zugeschickt, der ihn stärkt, unterrichtet und schleuniger befördert, und
wenn er die wahre Kindereigenschaft erlangt hat, so wird er vollends durchs
Schattenreich hinüber ins Kinderreich geführt.
Mahlon. Einem solchen Geiste muß bei
seiner Ankunft im Himmel unaussprechlich zu Mute sein. Aber erzähle mir doch
weiter, mein Bruder, wie die andern Reiche beschaffen sind.
Adriel. Hinter dem zweiten Gebirge liegt
das Reich der Finsternis; hier ist die Gegend noch weit schrecklicher!
Ungeheure Felsenmassen liegen übereinander her, und bilden fürchterliche Höhlen
und Schlünde, in denen Riesengestalten, deren fürchterlicher Anblick einen
Sterblichen schon töten würde, umherstürmen und sich untereinander
verfolgen; alles zittert und bebt beständig, und allenthalben droht Einsturz.
Hier sieht man nun auch Satans eiserne Wohnung; tief über dem Horizont
glüht schrecklich in der Ferne eine Feuerwelt, die weit um sich her mit
krachendem Donner in die endlose Nacht blitzt; in der Mitte dieses Kreises
erscheint eine dunkle Ausdehnung wie rotglühendes Eisen, die mit einer großen
Stadt ausgefüllt ist, welche gerade so aussieht, als wenn sie durch eine
Feuersbrunst ruiniert wäre. Unter diesem Weltruin hinter der dritten
Gebirgsreihe befindet sich das Feuerreich. Hier geht nun die Wut und Zerstörung
über allen Begriff! Das Ganze besteht wieder aus ungeheuren Felsmassen, die
aber in einem wallenden Meere, wie Inseln umher zerstreut liegen; dieses Meer
scheint wie schmelzendes Pech und Schwefel und wird unaufhörlich durch Blitze
aus jenem Weltruin brennend erhalten. Hier sind nun die Geistergestalten am
abscheulichsten, und ihr Gewühl und Getose geht über alle Vorstellung.
Mahlon. Schrecklich, schrecklich! Aber
welche Arten von Sündern werden wohl vorzüglich in diesen schrecklichen Ort
verwiesen?
Adriel. Nur wenige kommen gleich nach
ihrem Tode in das Feuerreich; bloß die Christushasser, und dann auch
alle, die mit Wissen und Willen und beharrlich zum allgemeinen Schaden, und
zwar in hohem Grade gewirkt haben, werden gleich nach ihrem Abschiede aus der
Welt hierher verbannt 12), die meisten kommen aus den übrigen
Höllenreichen nach und nach hieher; denn wenn sich ein Geist in den ersten
Graden der Zucht nicht bessert, sondern immer boshafter wird, wie dies sehr
häufig geschieht, so gerät er schließlich auf diese letzte Stufe, wo nun die
äußersten Mittel, die ein endlicher Geist ertragen kann, angewendet werden, ihn
zur Rückkehr zu bringen.
Mahlon. Wo fandest du aber den armen
Ilai, und wie fandest du ihn?
Adriel. Nachdem ihm jeder Versuch, irgend
eine gewohnte Leidenschaft zu befriedigen, mißlungen war, er auch keine Kraft
der Bosheit hatte, um wie andere Höllenbewohner, Pläne aller Art zu entwerfen
und auszuführen, so wurde er ein allgemeiner Gegenstand des Spottes und der
Verachtung; aber es wurden auch keine gewaltigen Pläne gegen ihn gemacht,
folglich war keine Gelegenheit für ihn da, alle seine Leidenschaften in ihrer
Hitze zu erhöhen, oder sich in der Bosheit zu vervollkommnen; im Gegenteil, sie
verloschen allmählich und wurden immer schwächer; so wie dies geschah, wuchs
die Liebe zum Erlöser und das Verlangen nach seinem Reiche. Endlich, als er nun
von allem Eigenen entblößt war, wurde ich beauftragt, ihn abzuholen. Er war wie
ein Träumender, als ich ihn herüber führte, und für seine Empfindungen gibt es
keine Worte.
Mahlon. Das glaub' ich; den Ilai will ich
kennen lernen.
"Eine Hölle,
bevölkert mit kleinen und großen Teufeln und Luzifer, dem abgefallenen Engel
als Oberhaupt, ist für den aufgeklärten Menschen von heute etwas
Unvorstellbares."
Viele Menschen haben
diese Ansicht und halten den Glauben an einen höllischen Zustand für das
"Abschreckungsmittel", das die Kirche einsetzte, um ihre Macht über
die Seelen aufrecht zu halten.
Warum aber soll sich
im göttlichen Reiche eine auf Erden ungesühnte Schuld nicht rächen?
Ist es glaubhaft,
daß der große Schöpfer des Universums keine Gerechtigkeit in Form einer ewigen
Gerichtsbarkeit ausübt?
Wenn wir Menschen
uns schon ein Gericht schalten mußten, um den niedersten Instinkten und
Triebhaftigkeiten des Menschen Einhalt zu gebieten, wieviel mehr wird Gott, der
Herr, der alle Schwächen und Fehler sieht, danach trachten, die wilden
Schößlinge unserer Seele zu beseitigen. Aber - - Er betrachtet diesen
"Zustand der Seele" nicht als Strafe, sondern als Läuterungsprozeß im
"Ofen der Leiden und Trübsal".
Stilling selbst
nennt dieses Kapitel von der Hölle:
"Die wichtigste
Erzählung im ganzen Buch."
Das ist wahr, denn
es paßt für jede Zeit, es ist für alle bisherigen Entwicklungsstadien des
Menschengeschlechtes zutreffend.
Auch das kann man
sich gut vorstellen, daß viele Menschen dort hinkommen, von denen wir es
niemals dachten, wie Stilling wiederum erklärt:
1) Heere von
Menschen, die alle nach dem Tode als brave, rechtschaffene Leute selig
gepriesen werden, und es gewiß nicht sind, befinden sich in dieser Lage. Ach
Gott es ist traurig, daß die Prediger so gar oft an der nämlichen Seuche krank
sind, und daher nicht warnen können.
Wenn er auch die Prediger
nicht ausnimmt, so beweist das wirklich, wie gewaltig die Erbsünde in uns lebt,
wie wenig Kraft wir immer noch besitzen, um Herr über diese Schwäche zu werden.
Selbstverständlich aber dürfen wir - als Menschen - uns niemals an Hand dieses
Buches eine Kritik an anderen erlauben:
2) Dies darf man nur
im Himmel sagen, aber beileibe auf Erden nicht auf gewisse Menschen anwenden,
damit man dem Allerhöchsten nicht in sein Richteramt falle und sich selbst ein
schweres Urteil bereite.
Im Mittelalter war -
ganz im Gegensatz zu heute - der Glaube an die Hölle etwas
Selbstverständliches. Natürlich übersteigerte sich damals das Denken der
Menschen oft in dieser Hinsicht, ohne einen reellen Nutzen für die Seele
gewinnen zu können.
In dem Übersteigern
einer Richtung besteht die Gefahr, daß der Mensch sich nun verliert, daß er
sich "einseitig" ausrichtet. In jedem Zuviel liegt eben schon das
Zuwenig, denn alles Übersteigerte ist nicht gesund und deshalb zu umgehen, wie
Stilling ganz richtig bemerkt.
3) Dies Extrem kommt nun aus der Mode; man
neigt sich zu dem andern, weit schlimmeren, nach welchem es mit dem Seligwerden
nicht so genau genommen wird. Die schreckliche Erfahrung wird sie eines andern
belehren - Das Anweisen auf die Genugtuung des Erlösers findet dann erst statt,
wenn eine gründliche Erkenntnis des natürlichen Verderbens, und wahre Bekehrung
vorangegangen ist. Dann aber ist es auch das einzige Mittel zum
Weiterforthelfen.
Wenn er
seine Seele wird zum Schuldopfer gegeben haben, so soll er Samen säen, in die
Länge leben, und des Herrn Wohlgefallen wird durch seine Hände von statten
gehen. Jes
53, Vers 10.
4)Man hat diesen
Spruch in dieser Verbindung nicht recht verstehen können, hier will ich also
meinen Sinn darüber erklären: des Herrn - des Jehovah Wohlgefallen,
ist die Errettung und Seligkeit aller Menschen; dieser Zweck soll durch
die Ewigkeiten dadurch allmählich erreicht werden; denn dadurch, daß der
Messias das große Opfer opferte, erwarb Er sich den Segen, daß Er ewig leben,
und in Ewigkeit sich seiner Tränensaat freuen soll, weil Opfer nie aufhört,
unglückselige Menschen zu retten, solange es deren noch gibt. Daß dieser Spruch
im Munde des Propheten diesen Sinn hatte, behaupte ich nicht; und ebensowenig
soll er zum Beweise der Wiederbringung aller Dinge dienen,
sondern ich wollte ihn nur dieser Materie anpassen - und das darf im deswegen,
weil es die Evangelisten und Apostel mit Stellen aus dem alten Testamente oft
so gemacht haben.
5) Das Trösten auf
das Verdienst Christi kommt nun immer mehr aus der Mode; und man geht nun
leider zum andern Extrem über, und das taugt noch weniger. Daß doch die
Menschen so selten den Mittelweg finden können! Es ist unchristlich und
durchaus nicht erlaubt, jemand nach seinem Tode für verdammt zu erklären, aber
man hüte sich auch, einen Menschen, um einiger guten Äußerungen auf dem
Totenbette willen, für selig zu halten! - Ach Gott, es gehört mehr dazu! -
Es gehört vor allen
Dingen der Glaube des denkenden Menschen dazu. Wir können heute nicht mehr ohne
Nachdenken eine Schwäche in uns überwinden. Die Zeit des Kinderglaubens ist
vergangen, denn die Menschheit ist durch die übermäßige Verstandestätigkeit in
eine neue Entwicklungsära gekommen. Sie muß selbst kämpfen, aber bei aller
bewußten Einsetzung eigener Seelenkräfte niemals vergessen, daß das Letzte doch
nur durch die Liebe Christi vollendet werden kann.
6) Die Erlösung
durch Christum schafft dem bußfertigen Sünder Vergebung; damit darf er sich
aber nicht beruhigen, sondern er muß sich durch sie heiligen lassen. - Denn
ohne sie kann niemand selig werden.
Daß jeder Mensch
indessen von anderen beeinflußt, ja, geradezu befruchtet werden kann und -
sicherlich nach göttlichem Ratschluß auch soll - sieht man daraus, daß auch
Stilling erklärt, er habe manche Vorstellungen seines inneren Erlebens über die
jenseitige Welt durch die Anregung anderer - zum Beispiel Jakob Böhmes -
gehabt. - So führt er in bezug auf seine Höllenschilderung an, daß
7) diese Hypothese
nicht neu ist, ich habe sie dem Jakob Böhme abgeborgt, sie erklärt den Ursprung
des Satans und seines Reichs, seinen Haß gegen das menschliche Geschlecht und
seine Begierde. Beherrscher der Erde zu sein, vortrefflich. Hätte der Herr dem
menschlichen Geschlechte nicht aus Gnade den Tod geschenkt und die herrliche Erlösungsarbeit
getroffen, so wäre es abermals zu einem Höllenreiche gereift.
8) Soll das Böse so
ewig sein wie Gott? - Das sei ferne! - Die ewige Liebe wird endlich alles
besiegen und dann wird Gott Alles in Allem sein. Wen dieser Satz sicher machen
kann, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.
Immer tiefer aber
führt der Verfasser den Leser jetzt in die Schrecken des höllischen Zustandes
ein, um eine Warnungstafel für das erdhafte Leben aufzustellen. Er erklärt aber
gleichzeitig, wieviel in dem hier Gesagten symbolisch gemeint ist.
9) Diese
grausenhafte Schilderung ist bloß figürlich, ungefähr so, wie sie sich auch die
bösen Geister und verdammten Seelen vorstellen. An jenem großen Tage der
Vergeltung bekommen sie auch eine materielle Hölle. Jetzt hausen sie im
Dunstkreise der Erde.
10) Daß den
Verdammten ebensowohl ihre Werke nachfolgen, als den Seligen, ist in der Natur
der Offenbarung gegründet. Man kann sich diesem Zustand einigermaßen durch die
Delirieren eines leidenschaftlichen Menschen im hitzigen Fieber begreiflich
machen, immer von neuem verweist er dann auf die Liebe, die größer ist als
Welt.
11) Eben dadurch
überwand auch Christus. Er wurde dergestalt mißhandelt, nur göttliche Geduld
und Sanftmut fähig war, nicht Fluch und Verdammnis über die Bösewichter von
Gott zu erbitten, sondern an deren Stelle für sie zu flehen. Dies lähmte Satan
und sein ganzes Reich.
An dieser Stelle ist
eine Offenbarung ausgesprochen, die doch wirklich trostvoll für alle Menschen
ist. Wenn wir also lernen, die selbstlose Liebe in uns zu erwecken, dürfen wir
sicher sein, daß Gott die scheidende Seele von den fürchterlichsten aller
Qualen, der ewigen Verdammnis, befreit.
Wir brauchen uns nur
bemühen, denn .."Christus nimmt die Sünder an - - aus Gnade!"
Von dem Moment an, wo wir nicht nur erkennen, sondern bewußt streben aber wird
- wie Stilling sagt:
"Diese
Vorstellung von dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt und sinnlich und
materiell realisiert wird" unwirksam für unsere Seelen geworden
sein. Sie haben sich im Leben vom Bösen abgewandt und sind im Tode frei. Aber
genau
12) so wie unter den
Frommen in den letzten Zeiten die letzten die ersten sein sollen, so wird das
auch bei den Verdammten der nämliche Fall sein. Denn so, wie die Bosheit
wächst, so wächst auch der Grad der Verdammnis. Wer in den Feuersee gehört, das
finden wir Offenbarung Joh. 21. 8. -Die Hölle? - tragen wir sie nicht in uns,
wenn Haß, Rachsucht, Neid und Zorn zu den Herrschern unseres Lebens wurden? Der
Mensch, der nicht vergeben will, der gegen seine Feinde hetzt und intrigiert
unterstellt sich dem Zustand, wie Stilling ihn in diesem Kapitel beschreibt.
Welcher Denkende aber legt sich selbst den "Strick um den Hals", wenn
er - nur durch ein wenig "umschalten in seinem Ich - ein unvergängliches
Glück erlangen kann.
F ü n f t e S z e n e.
Uriel, Hanniel und Delaja.
Hanniel.
Wo gehst du hin, Uriel? -Du hast ja
dein Strahlenkleid abgelegt und die Wolkenhülle angezogen.
Uriel. Im gehe hinab zur Erde, um einen edlen Geist abzuholen, der
sich jetzt aus seiner irdischen Schale loswindet.
Hanniel.
Ach, wenn ich mitgehen dürfte!
Uriel, Geh' in deinen Tempel und frage den Herrn.
Hanniel (geht ab, kommt bald wieder auch in eine lichte Wolke
gekleidet.) Ja, Bruder Uriel, ich darf mitgehen, aber wer ist denn der
glückliche Sterbliche, den der Herr deiner Gesandtschaft würdiget?
Uriel, Er ist ein armer Taglöhner und heißt Delaja.1)
Hanniel.
Der Glaube dieses Mannes muß
sehr groß sein, da er so wenig hat wirken können; willst du mir nicht seine
Geschichte erzählen?
Uriel. Von Herzen gerne! Er ist der einzige Sohn einer armen Witwe;
als Kind mußte er seine Nahrung vor den Türen suchen, und seine Mutter, die an
einer langwierigen Krankheit darnieder lag, mit dem, was er zusammenbettelte,
ernähren. Einstmals kam er auch, ganz mit Lumpen bedeckt, zu einem Geistlichen,
von dem er etwas für seine kranke Mutter forderte; der Mann traute ihm nicht
recht, er gab ihm etwas und fragte ihn, ob er denn auch seiner Mutter brächte,
was er bekäme? Der Knabe weinte und sagte: Wenn ich das nicht täte, so könnte
mich ja unser Herrgott auf der Stelle strafen. Der Prediger fuhr fort:
Fürchtest du denn den lieben Gott? Ja, versetzte der Knabe, ich fürchte ihn
nicht bloß, ich liebe ihn auch. Der Prediger: Aber wie kannst du denn Gott
lieben, da er dir so wenig gibt und du so bitteren Mangel leiden mußt? Der
Knabe: Ich ging einmal an der Kirche vorbei, da ich keine anständigen Kleider
habe, stellte ich mich hinter die Türe und hörte dem Prediger zu; der erzählte
gar schön was für große Herrlichkeiten die Armen dermaleinst in Seligkeit zu
erwarten hätten, wenn sie sich hier im Leben recht fromm aufführten; und dann
sagte er auch: daß der Herr Christus selbst arm gewesen wäre, und
daß er die Armen vorzüglich lieb hätte; das freute mich so sehr, daß ich Gott
für Armut dankte und mir fest vornahm, so fromm zu sein, als es mir nur immer
möglich wäre, und dann den Herrn Christus von Herzen wieder so lieb zu
haben, und so zu leben, wie er gelebt hat. Dem Prediger gingen die Augen über,
er erkundigte sich, wo seine Mutter sich aufhielt, und versprach, sie bald zu
besuchen. Dies geschah nun auch schon des andern Tages, die arme Frau wohnte in
einer einsamen Hütte allein; der fromme Mann schlich herbei, stellte sich an
ein Fenster, um unbemerkt zu sehen, was vorging, und ich schwebte
unsichtbar über der hohen Dulderin, um ihr himmlische Lüfte in ihrem
Todeskampfe zuzuwehen; denn ich war ebenfalls abgeschickt, sie im
Triumphe heimzuholen. Jetzt kniete nun der kleine Knabe am Bette und betete;
noch einmal erholte sich seine Mutter. sie richtete einen Blick zum Herrn; du
kennst diese Blicke, Hanniel! - So betet der Seraph - sie haben Allgewalt und
werden immer erhört; nun hielt ich mich nicht mehr, ich ergriff den Geist, riß
die noch wenigen schwachen Bande los, und im Hinflug gab ich dem braven Manne,
der nun hereineilte, ungesehen einen Bruderkuß, der ihm durch Mark und Bein
drang, und dem Knaben strömte Feuer und Geist in seine Seele.2)
Hanniel.
In solchen Fällen fühlt man am
stärksten, daß man Engel ist. Aber was wurde aus dem Knaben?
Uriel. Der Prediger sorgte für ihn, daß er bei einem Bauern in
Dienst kam, um das Vieh zu hüten; hier wurde er auch so viel zur Schule
gehalten, daß er die notwendigsten Kenntnisse bekam. Indessen wuchs er heran
und wurde stark an Leib und Geist. Besonders aber war der Glaube dieses jungen
Mannes von einer solchen Stärke, daß wir selbst im Himmel wenig größere
Beispiele davon haben; wenn er nachher in seinem Ehestande manchmal auf die härtesten
Proben gesetzt wurde, so wankte er doch nie; je gefährlicher es um ihn aussah,
desto stärker wurde sein Vertrauen, denn er wußte gewiß, daß das alles nur
Prüfung seines Glaubens war. Ebenso groß war auch seine Menschenliebe, sein
Hunger nach edlen Handlungen ging ins Unendliche; da er nun kein Vermögen, und
alle seine Zeit nötig hatte, um sich und die Seinigen kümmerlich zu ernähren,
so bestand sein größtes Leiden darin, daß er wenig zum Besten der Menschen tun
konnte, und so wenig Gelegenheit hatte, seinen Glauben in seinen Werken zu
zeigen.3) Daher kam es denn, daß er mit unbeschreiblicher
Aufmerksamkeit allenthalben Acht gab, wo etwas Nützliches für andere
auszurichten sei. Und da er alles bloß aus dem Grunde tat, weil er wußte, daß
es die Glaubenspflicht erforderte, er also weder sein eigenes Wonnegefühl, noch
die Liebe und Hochachtung anderer Menschen suchte, folglich aus reiner Liebe zu
Gott wirkte, so war es ihm auch wenig daran gelegen, ob jemand seine guten
Handlungen bemerkte, sondern es war ihm genug, wenn sie geschahen. Hier verfuhr
denn auch sein himmlischer Führer mit ihm nach seinem einmal angenommenen
höchstweisen Plane; ihm blieben die gesegneten Folgen seiner besten Taten
verdeckt, die mißlingenden und geringsten aber konnte er in ihrem ganzen
Umfange übersehen.4) Dies hält den Christen in der ihm so nötigen
Demut und spornt ihn an, immer tätiger zu werden. Zuweilen gelang ihm aber doch
die eine oder die andere vortreffliche Handlung unter seinen Augen, so daß er
die herrlichsten Früchte davon sah, und das war ihm dann eine unbeschreibliche
Stärkung.
Hanniel.
O erzähle sie mir doch. So etwas ist
allein fähig, die Freude der Seligkeit zu erhöhen.
Uriel. Gut, ich will dir drei Beispiele erzählen. Als er einstmals
des Morgens früh in den Wald gehen und im Taglohn Holz hauen wollte, sah er von
ferne eine hochschwangere Weibsperson zwischen den Bäumen herumgehen und die
Hände ringen, er stellte sich hinter einen Baum und sah ihr zu; endlich zog sie
einen Strick aus dem Sack, stieg auf einen abgehauenen Stamm, machte ihn oben
an einem Aste fest und legte sich die Schlinge um den Hals. Jetzt sprang Delaja
herbei und rettete sie. Auf die Frage, warum sie sich mit ihrer Leibesfrucht
habe umbringen wollen, antwortete sie, sie sei eine arme Magd und mit einem
jungen Menschen versprochen; als sie sich nun hätten heiraten wollen, so habe
er müssen Soldat werden, sie sei also in ihrer Schande sitzen geblieben, und
ihre Herrschaft habe sie aus dem Hause gejagt; da sie nun eine arme Waise sei
und keinen Freund oder Verwandten in der Welt habe, zu dem sie gehen könne, so
sei sie endlich in Verzweiflung geraten und habe sich umbringen wollen. Delaja
redete ihr freundlich zu und brachte sie nach Hause zu seiner Frau, die sie
auch freundlich aufnahm und ihr in ihrem langwierigen schweren Wochenbette
treulich diente; er aber ernährte sie mit ihrem Kinde durch seiner Hände
Arbeit. Endlich erfuhr auch Delaja, wo ihr Bräutigam war; er reiste also zu
ihm, und brachte es bei seinem Regimente dahin, daß der junge Mensch
losgelassen würde, wenn Delaja einen andern an seine Stelle schaffen könne.
Gerne wäre der arme Taglöhner selbst dageblieben und Soldat geworden,
wenn er keine Frau und Kinder gehabt hätte, allein er hatte höhere Pflichten;
er ging also und suchte einen Jüngling, den er auch endlich fand, diesem gab er
seinen ersparten Notpfennig und kaufte also den Bräutigam los; dieser heiratete
seine Braut und beide lebten nun glücklich zusammen, sie waren auch so
erkenntlich, daß sie bald soviel zusammenbrachten, um dem armen Delaja sein
Geld wieder geben zu können.
Hanniel.
Das war eine schöne Tat.5)
Uriel. Gewiß. -Aber nun höre auch die zweite. Nahe bei der Hütte
des armen Delaja wohnte ein reicher Bauer, der ihn und die Seinigen teils durch
Druck und Verfolgung, teils durch Spott und Verachtung auf mancherlei Weise
quälte; denn das fromme, unschuldige Leben dieser Leute war ihm ein Dorn in den
Augen; gerne hätte er ihnen bald diese, bald jene Schandtat nachgesagt, wenn er
nur die geringste Veranlassung dazu gehabt hätte. Endlich wurde der reiche Mann
bestohlen; dieses sollte nun das Mittel sein, um den frommen Delaja zu Grunde
zu richten. Er gab ihn als den Dieb an und bekräftigte es mit einem Schwur.
Delaja wurde also mit seiner Frau ins Gefängnis gebracht, wo er lange
schmachten mußte; doch fanden sich wohltätige Menschen, die für seine Kinder
sorgten. Die beiden Gefangenen duldeten ihre Leiden mit größter Gelassenheit
und beteuerten ihre Unschuld. Ob nun gleich jedermann überzeugt war, daß
niemand weniger eines Diebstahls fähig sei, als Delaja und seine Frau, so half
doch alles nichts, denn der reiche Mann hatte geschworen. Nun fügte es aber die
Vorsehung so, daß nicht weit von da die wahren Diebe auf einer andern Tat
ergriffen wurden; diese gestanden nun bald, daß sie auch den reichen Bauern
bestohlen hätten; folglich wurde Delaja mit seiner Frau losgelassen und der
reiche Bauer mit einer großen Summe Geldes bestraft. Von der Zeit an wich aller
Segen von dem reichen Bauern, ein Unglück kam auf das andere; dadurch wurde er
aber nicht besser, ich Gegenteil, er geriet in allerhand Laster, besonders
ergab er sich dem Laster der Trunkenheit, und so kam es dann endlich, daß er
durch seine Schuldner von Haus und Hof gejagt wurde und sich nun ebenso wie
sein armer Nachbar in einer armseligen Hütte behelfen mußte. Nach und nach
wurde er alt, seine Frau starb und seine Kinder verliefen sich, so daß er nun
ganz allein war. Niemand gab ihm auch gerne etwas, denn er hatte sich jedermann
zum Feinde gemacht, und man sagte, er habe sein Schicksal verdient. Endlich,
als er sich einstmals betrunken und vielleicht einen und den anderen sehr
beleidigt hatte, wurde er des Abends spät auf der Straße angefallen und bis auf
den Tod geschlagen. Delaja hörte ihn jammern, er lief hinaus, führte ihn in
sein eigenes Haus, seine Frau erquickte und labte ihn, er selbst ging die Nacht
noch mehrere Stunden weit, holte einen Wundarzt, ließ den Verwundeten heilen
und bezahlte alle Unkosten. Nun wurde der alte Sünder nicht allein dankbar und
erkenntlich, sondern auch bußfertig; er lebte noch etliche Jahre als ein wahrer
Christ und starb selig.
Hanniel.
Das war eine ausschließlich christliche
Handlung. Gelobet sei der Erhabene für solche Menschen!
Uriel. Nun höre auch die dritte. Eine Stunde von seinem Dorfe lebte
ein vortrefflicher Kaufmann in einem Städtchen, der durch eine große
Wollenfabrik viel hundert armen Leuten Brot gab, und zugleich nach Leib und
Seele väterlich für sie sorgte, er wurde daher allgemein der Armenvater genannt.
In dem Hause dieses Mannes brach des Abends spät Feuer aus, als alles schlief;
dies Feuer nahm überhand, so daß der untere Teil schon allenthalben in lichten
Flammen stand, als der oben schlafende Hausvater erwachte. Nun suchte er sich,
seine Frau und Kinder und Hausgenossen zu retten, allein vergeblich, nirgends
war mehr durchzukommen. Indessen entstand Alarm in der Stadt, auch die
umwohnenden Bauern kamen herzugeeilt, schon mehrere Häuser brannten und noch
immer wehklagte die Familie oben, jedermann bejammerte sie, aber keiner wagte
sich hinein, um zu helfen. Delaja war einer der ersten, der zur Hilfe
kam; er erfuhr gleich von Anfang das Unglück des vortrefflichen Mannes und der
Seinigen, und beschloß, sie zu retten oder zu sterben; denn, dachte er, dieser
Mann ist vielen nötig, ich aber nur wenigen; sterbe ich, so wird Gott für Frau
und Kinder sorgen. Stillschweigend nahm er eine Leiter, schlich damit hinterher
ins Haus, wagte sich zwischen Glut und Flammen durch, brennende Balken und
Wände stürzten mit ihm zusammen und mit Hilfe der Leiter kam er zu den
unglücklichen Menschen, die ohnmächtig beisammen knieten, lagen, beteten und
wehklagten; schleunig ergriff er den Hausvater, riß ihn mit sich fort und
brachte ihn glücklich aus aller Gefahr; und nach fünf Todesgängen war alles
gerettet! Nur leicht war Delaja verwundet, aber er fühlte keine Schmerzen, er
eilte nun auch andern zu Hilfe, bis das Feuer getilgt war. Der Kaufmann wollte
ihn hernach belohnen, allein er nahm keine Belohnung an.
Hanniel.
Das heißt: sein Leben für die Brüder
lassen. Aber wurde der Mann nicht hochgeschätzt und von jedermann geehrt?
Uriel. Man sagte allgemein: Der Delaja ist ein gar braver Mann.
Wäre er aber reich und vornehm gewesen, so hätte man ihm Denkmäler gesetzt.
Hanniel.
Zu solchen Taten, um sie in dem Geiste
auszuführen, wird doch eine erstaunliche Übung erfordert.
Uriel. Ja wohl! Aber das ist auch der Fall bei dem Delaja. Mit
jedem Erwachen an jedem Morgen seines Lebens war sein erster Gedanke: Herr
laß mich heute keine Gelegenkeit versäumen, Gutes zu tun. Dann bewachte er
jeden keimenden Gedanken, und wenn er erreifte, war er ein Samenkorn für den
Himmel. Wenn jeder Gedanke betend entsteht, und durchs Gebet seine Richtung zum
allgemeinen Besten bekommt, so entsteht endlich eine Fertigkeit, welcher auch
die erhabensten Taten leicht werden. Aber laßt uns zu ihm eilen, seine
Auflösung ist nahe.
(An
Delaja's Sterbebette.)
Delaja (zu seiner Frau und Kindern, die um ihn sitzen und weinen).
Weinet nicht, meine Lieben! Ich habe lange genug bei euch gelebt. Gott, der
mich von Jugend auf ernährt und wunderbarlich erhalten hat, wird euch gewiß
nicht verlassen; verlaßt Ihn aber auch nicht! Gott, wie matt - wie schwach
werde ich! - Herr, stärke mich in dieser letzten Stunde! -(Uriel und Hanniel
schweben unsichtbar über ihm.)
Hanniel.
Das ist also der Edle! - Man sieht's in
seinem Angesichte, daß er sich dem Bilde des Vollkommensten sehr genähert hat.
Uriel. Er kämpft einen harten Kampf, ich muß ihm himmlische Luft
zuwehen.
Delaja. Wie wird mir so wohl! - ich ahne ewiges Leben. Herr, Dir sei
Dank für alles Gute, das Du mir erwiesen hast! - habe auch Dank für alle Leiden
und Prüfungen!
Hanniel.
O du Erhabener, sei verherrlicht für
diesen Bruder!
Uriel. Hülle dich ein, du Teurer, hier darfst du nicht glänzen!
Delaja. Habt ihr nicht gesehen, wie etwas glänzte? Ich sah einen
Strahl wie hellpoliertes Gold, aber im Augenblick war´s weg. Herr, der du auf Golgatha
geblutet hast, tilge alle meine Sünden und nimm mich, wie den armen
Schächer, heute noch zu dir in dein Reich!
Uriel. Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du bei ihm im Paradiese
sein!
Delaja. Was war das? - Es kam mir so vor, als wenn mir jemand
zurief, ich sollte heute noch bei ihm sein. Herr, erfülle diese Verheißung!
Hanniel.
Sieh, noch eben schwebt sein Geist an
der Hülle, entbinde ihn doch vollends!
Uriel. Komme, du vollendeter, gerechter Geist! deine Hülle werde
zu Staub und du erwache zum ewigen Leben!
(Delaja stirbt.)
Delaja (in starrem Erstaunen). Was ist aus mir geworden? - Wer seid
ihr, strahlende, fremde Jünglinge?
Uriel. Wir sind deine Brüder, Delaja! - wir sind gekommen, um dich
in dein ewiges Vaterland abzuholen.
Delaja. Nun fühle ich erst, daß ich wirklich gestorben bin und nicht
träume - aber Trost für diese meine Lieben!
Uriel. Der Segen des Herrn wird über ihnen sein, sie müssen in
ihren Prüfungen nur ausharren.
Delaja. Aber werde ich auch selig sein? - Wird mir der gerechte
Richter auch alle meine Mängel und Vergehungen nicht mehr zurechnen?
Uriel. Du hast treu an ihn geglaubt und nach allen deinen Kräften
seinen Willen erfüllt. Du kommst nicht ins Gericht, denn du bist schon
gerichtet. Aber folge uns, du Geretteter, komm zu deinem Erbteil!
(Im Schattenreiche.)
Delaja. Welch' eine unbeschreiblich schöne und weitglänzende
Morgenröte! - Ich werd' in ihr verklärt. -Ach, ich werde ja so wie ihr, in
Licht gekleidet - wie ist mir so wohl!
Hanniel.
Du wirst auch ebenso ein Engel sein wie
unsereiner.
(Im Kinderreiche, weit vorwärts nahe am Gebirge.)
Uriel. Sieh', mein Bruder Delaja, hier sollst du nun wohnen, diese
ganze Fläche mit allen ihren Hügeln und Tälern, mit allen Lebensbäumen und
Lebensströmen sind nun dein; hier in deinem Fürstentum wirst du viele Tausend
früh verstorbene Kinder und Millionen Geister aus allerlei heidnischen und
wilden Völkern, auch Türken und Juden, finden, die der Herr wert gefunden hat,
Bürger seines Reichs zu werden. Du wirst ihre himmlischen Wohnungen
allenthalben in großer Anzahl antreffen, alle haben ihre Lehrer, Führer und
Vorgesetzte, und du wirst aller Fürst und Vorsteher sein.
Delaja. Ach, ich Unwürdiger, woher nehme ich die Weisheit, diesem
Geschäfte vorzustehen?
Uriel. Du hast dir den Willen und die Kräfte in deinem Erdenleben
erworben; aber alle Weisheit kommt allein vom Herrn. Siehe, auf jenem
herrlichen hohen Hügel, an der Seite des heiligen Gebirges, ist deine
fürstliche Burg; siehe, sie schimmert weit und breit wie Gold und Perlen; über
alles ragt ein prächtiger Tempel hervor, in welchem auf saphirnen Tafeln
beständig der Wille des Erhabenen offenbaret wird; hier wirst du immer, so oft
du dein Angesicht hinwendest, finden, was du zu tun hast. Auch werden sich
viele Heilige um dich her sammeln, die dir in deinem erhabenen Geschäfte
beistehen.
Delaja. Der Wille des Herrn geschehe! Gelobt sei die Herrlichkeit
des Herrn an diesem Orte!
Uriel und Hanniel. Wir verlassen dich, Bruder. Genieße nun
deiner Seligkeiten Fülle, die dir von nun an dein hohes Wirken bereiten wird!
Womit
aber legte Delaja die Saat zu seiner nunmehrigen Seligkeit?
Antwort:
Als er an der Kirchentür stand und sich fest vornahm, so fromm zu sein, als es
ihm nur immer möglich wäre, denn damit ging er gerechtfertigt nach Hause.
Der
Gedanke einer Gleichschaltung aller Menschen, die guten Willens und Strebens
sind, wird hier ausgeführt und klargestellt, Stilling verweist auch ganz
eindeutig darauf, daß nicht Geld, Ehre und Ansehen die ewige Seligkeit
gewährleisten, sondern allein unser Ringen zum Licht.
1) Die
Gesinnung, die hier unserem Geiste durch den hiesigen Unterschied der Stände
nach Geburt, Ehre und Reichtum gleichsam wesentlich geworden ist, wird uns
dereinst an unserer Seligkeit sehr hinderlich sein, wenn wir sie hier nicht
schon ganz rein auswurzeln und jeden nach dem Grade der Gnade schätzen, die in
ihm wirkt.
Er
erzählt hier eine Geschichte, die, wie er ausdrücklich betont: "So
geschehen ist, wie ich sie hier erzähle. Daß ich die Dazwischenkunft der Engel
dazu gedichtet habe, brauche ich wohl nicht weiter in Erinnerung bringen,
"
Im
Verlaufe dieser Berichterstattung, die sich auf das Wohltun und die wahre
Nächstenliebe bezieht, verweist er darauf, daß man sogar für eine
"ordentliche Bekleidung der Armen sorgen müsse." Unsere
"gedankliche" Umschaltung ist also nicht allein ausschlaggebend. Es
ist nicht so, wie wir heutzutage gerne sagen, daß es Wohlfahrtsanstalten genug
gibt, für die wir jährlich bestimmte Summen zahlen, sondern, daß wir auch dort,
wo uns Not und Leiden entgegentreten, als wahre Christen - christlich gesinnt -
helfen müssen und uns nicht hinter "Ausreden" verstecken, wenn wir
nicht eine tatsächliche Schuld auf uns laden wollen.
Das
Empfinden, etwas Gutes getan zu haben, aber zeigt die innere Stimme, die wir
Gewissen nennen, uns dann genau so an, wie die sch1immen Handlungen, deren wir
uns zu schämen, vor deren Auswirkung wir uns zu fürchten haben.
2) Wenn
dir nach einer Handlung ein unbeschreibliches Wonnegefühl, so wie ein Blitz,
durch die Seele fährt, so denke: das war ein Engelkuß, und dafür danke dann
Gott. Der Prediger, der mir diese Geschichte als eine seiner merkwürdigsten
Pastoralerfahrungen erzählte, war Herr Pastor Eickel in Elberfeld, dessen
seligen Hingang ich auch besungen habe. Dies Gedicht befindet sich in der
neunten Szene des zweiten Bandes.
3) Hier
findet sich der unwiderlegliche Beweis, daß nur der Glaube und nicht die Werke
selig machen; und zugleich auch eine Erfahrung, aus welcher sich die
Vernunftmäßigkeit dieser Lehre begreifen läßt,
4) Je
weniger Ruhm und Ehre, aber auch Freude des Wohlgelingens man bei guten
Handlungen genießt, desto fruchtbarer sind sie für uns in jenem Leben,
Gutes zu
tun?
Das ist eigentlich ein wenig "aus der Mode gekommen".
Noch vor 40 oder 50 Jahren waren derartige Bemühungen um das Wohlergehen
anderer angebracht.
Die neue
Zeit - die der Sozialisierung - brachte das Gute, daß in gemeinnützigen
Anstalten und Vorkehrungen die Fürsorge für die Allgemeinheit lag. Das war
wirklich etwas sehr Gutes, aber ---sie befreite den Einzelnen von persönlichem
Nachdenken in dieser Hinsicht, von der Pflicht, sich um das Wohlergehen seiner
Mitmenschen privat zu bekümmern. So ist eine natürliche Gleichgültigkeit in
bezug hierauf unausbleiblich. Aber wir vergessen, daß es immer noch - auch
heute - Notleidende gibt, die nicht von dieser allgemeinen Fürsorge ergriffen werden
können. Für diese Sonderfälle indessen müssen wir uns unser "mitfühlendes
Herz im Verein mit dem ausgebildeten Verstandesdenken" wachhalten, Das
Tatchristentum muß erhalten bleiben. Es ist zu allen Zeiten nötig.
Für die
anderen! Für uns! Wir wollen Christus nachfolgen, also müssen wir ganz in
Seinem Geiste leben. Dazu gehören die guten Taten. Inwiefern sie uns dereinst
nützen werden, schildert Stilling eingehend. Er verweist auch darauf, wie solch
christliches Wohl tun aussieht, wie wir uns in den Sonderfällen zu
"verhalten" haben,
5) Diese
Handlung kann natürlich auch aus bloßer Gutmütigkeit, ohne bewußtes Nachdenken
und -streben, also sogar ohne Mitwirkung des Geistes Christi geschehen, wie wir
davon mehrere Beispiele haben, daß sehr lasterhafte Menschen ähnliche Taten
ausgeführt haben. Es kommt hier alles auf den Grund an, aus welchem eine
Handlung fließt; geschieht sie aus Dankbarkeit gegen Gott in Christo, und übt
man sie als Knecht oder Magd des Herrn aus, so ist sie am Tage der Vergeltung
gültig, sonst nicht.
Jetzt
muß man einmal fragen, ob sich die Handlungen christlich Lebender wesentlich
von denen der Andersgläubigen unterscheiden. Auch hierauf erhalten wir die
Antwort:
"Gewiß!
- und wenn sie der Irokese ausführt, so hat sie der Geist Christi in ihm
bewirkt, nur der allein kann die Feinde lieben."
Selig
macht indessen nur der Glaube, nicht aber allein die Werke", sagt
Stilling, "allerdings im Verein mit der Erfahrung, aus welcher sich die
Vernunftmäßigkeit dieser Lehre begreifen läßt."
Vor
allen Dingen dürfen wir niemals aus Geltungsbedürfnis handeln, "Je weniger
Ruhm und Ehre, aber auch Freude des Wohlgelingens man bei guten Handlungen
genießt, desto fruchtbarer sind sie für uns in jenem Leben."
In
manchen Fällen, wie beispielsweise in diesem Kapitel, hatte die Glaubenskraft
wenig zu wirken.
"Sie
wurde durch Leiden bewährt und desto herrlicher in Tätigkeit gesetzt. Eben
darum sind fromme Arme in jener Welt oft seliger als andere, die im gleichen
Grade fromm waren,"
Eine
nicht unwesentliche Frage stellt Stilling noch:
Wo und
wann legte Delaja die Saat zu seinem nunmehrigen Seligkeitszustand?"
Eine
Frage, die für uns alle von bedeutsamer Wichtigkeit ist.
Antwort
für Delaja:
Als er
an der Kirchentür stand und sich fest vornahm, so fromm zu sein, als es ihm nur
immer möglich wäre; denn damit ging er gerechtfertigt nach Hause."
Antwort
für uns heutige Menschen:
"Immer
dann, wenn wir mit vollem Bewußtsein Jesus Christus an die erste Stelle in
unserem Denken und Leben stellen, wenn wir uns mit allen Kräften bemühen, das
auszuführen, in die Tat umzusetzen, was er mit Seiner Lehre hinterlassen hat an
Ratschlägen und Ermahnungen."
S e c h s t e S z e n e.
Adin, Hasmon und Abiel.
(Im
Schattenreiche.)
Hasmon. Dort wandelt jemand in der
dämmernden Nacht! - Ich muß zu ihm, mich ihm mitteilen - vielleicht vermindert
mir das meine tiefe Schwermut. - Sei gegrüßet, Unbekannter! Bist du Wesen von
meinem Geschlecht, so teile deinen Kummer mit mir, denn ich bin unaussprechlich
leidmütig in dieser einsamen, dunkeln Gegend; ich habe die Welt mit all ihren
Freuden und alle meine Lieben verlassen müssen, und nun befinde ich mich hier
von allem entblößt, was nur irgend einen Tropfen Trostes, nur einen Schimmer
von Freude gewähren kann. Wer du auch sein magst, rede mit mir.
Adin. Eben in diesem Fall befinde ich
mich auch, und es erleichtert mir meinen Jammer, daß ich jemand finde, mit dem
im mich in die Szenen der Vergangenheit zurückversetzen kann, denn dieses ist
das einzige - der arme Rest, der mir von meinen genossenen Freuden noch übrig
geblieben ist.
Hasmon. Wahrlich, wir sind in einer Lage.
Wir leben also fort nach unserem Tode - es ist also doch wahr, daß die Seele
unsterblich ist - aber welche Unsterblichkeit! - Ich begreife nicht, wie der
Urheber unseres Daseins vernünftige Wesen schaffen kann, die unvermeidlich
unglücklich sind. 1)
Adin. Darüber dachte ich soeben nach,
ehe du zu mir kamst, und was noch das schlimmste ist, wir genießen im ersten
Leben unzählbare Freuden, um im zweiten den Verlust derselben und die
Entblößung von allem desto lebhafter fühlen zu können. Sage mir, Freund, ob das
nicht vollkommen wahr, und ob das nicht auch deine lebhafte Empfindung ist!
Hasmon. O ja, du hast aus meinem Herzen
gesprochen. Aber darf im dich bitten, mir deine Geschichte zu erzählen?
Adin. Von Herzen gerne, das wird Labsal
für meine hungrige Seele sein. Ich bin der Sohn eines Predigers in Deutsch1and;
mein Vater war ein guter orthodoxer Mann, der alles glaubte, was in seiner
Bibel und in den symbolischen Büchern stand, und nun haben wollte, daß ich das
alles auch glauben sollte; ich folgte ihm auch treulich, tat alles, was er
begehrte, und ich glaubte alles ohne gründliche Überzeugung, gerade so, wie er.
Dies währte aber nur so lange, bis ich auf die Universität kam, denn ich sollte
auch Pfarrer werden, und meine Mutter freute sich schon im voraus auf die Zeit,
mich auf der Kanzel zu sehen. Jetzt dachte ich nun nicht anders, als ich würde
eine Wissenschaft lernen, ich würde die unumstößlichen Beweise der
Wahrheit der christlichen Religion erfahren, und nun nicht mehr ohne Grund zu
glauben brauchen; allein weit gefehlt. - Die Doktoren der heiligen Schrift
schienen sich verdeckt und unter der Hand alle Mühe zu geben, Mißtrauen gegen
die Bibel einzuflößen; das alte Testament bestand aus lauter jüdischen
Volksgeschichten, Fabeln und unsicheren Volkssagen; Moses war ihnen zwar ein
großer Mann und Gesetzgeber, der sich aber vieler Mittel bediente, das rohe
unwissende Volk zu täuschen; geradezu hatte Gott übrigens nichts mit der
Sache zu tun. Dies alles sagten sie nicht so platt hin, aber ein
halbvernünftiger Zuhörer mußte doch dies Resultat herausziehen. Die
prophetischen Bücher nannten sie hebräische Gedichte, worin teils geschehene
Sachen in erhabenem Stil als zukünftig geweissaget, teils auch
vieles dunkel geahnt und mystisch und orakelmäßig vorgetragen worden, das dann
hernach auch zufällig eingetroffen sei, oder doch auf gewisse Begebenheiten
gedeutet werden könnte. Christus wurde von ihnen immer mit Ehrfurcht
genannt; aber wenn man den wahren Sinn aus ihren übertriebenen Kritiken und
zerstreuten Behauptungen herauszog, so war er nichts weiter, als ein
tugendhafter, frommer und weiser Mann, der sein Leben und seine Lehre mit dem
Martertode besiegelte.2) Daß sie vieles in der Bibel nicht Märchen,
sondern Allegorie nannten, war behutsame Politik. Endlich blieb also
nichts übrig als die christliche Moral, und diese schien auch eigentlich
das Ziel und der Zweck aller Gottesgelehrtheit zu sein, alles übrige war
gleichgültig. "Tue nur, was die Sittenlehre gebeut und dann glaube, was
du willst, oder auch gar nichts!" Sobald nun einmal die Bibel weiter
nichts ist, als ein gewöhnliches altes Geschichtsbuch, so glaubt man
natürlicherweise gar nichts, als was man erfährt und was die Vernunft begreifen
kann. Man ahnt einen Gott, aber er ist einem fremd, und man weiß von seiner
Beziehung auf die Menschen gar nichts; man ahnt Unsterblichkeit, allein was man
sein wird, das ist tief verborgen; man fühlt sich frei, untersucht man aber die
Freiheit genau, so ist man an eine eiserne Notwendigkeit gebunden, und doch
soll man tun, was die Moral gebeut.3) Siehe, das war mein Studium
der Gottesgelehrtheit; daß ich nicht Prediger ward, das kannst du dir leicht
denken; ich wählte also die Philosophie und schöne Wissenschaften; ich
studierte Helvetius, den Hume, las den Shakespeare zwanzigmal
durch; die Griechen und Römer waren die Welt, worin ich lebte; ich genoß mein
Leben vielleicht in höherem Grade, als ich hätte tun sollen, denn ich bekam
einen siechen Körper; als Dozent lehrte ich auf der hohen Schule die
Kenntnisse, die ich erworben hatte, bekümmerte mich um die Religion weiter
nicht, erlebte noch den Triumph der Menschheit, den allgemeinen Drang nach Freiheit
und Gleichheit und starb. Jetzt ist mein Zustand jammervoll, und ich
weiß nicht, was aus mir wird; aber erzähle mir nun auch deine Geschichte.
Hasmon. Die ist im wesentlichen wenig von
der deinigen verschieden; alle Religionsbegriffe, die man dir beigebracht hat
sind auch die meinigen, und ganz gewiß auch die wahren, wenn anders Vernunft
Vernunft ist. Diese ist ja die einzige Führerin und Gesetzgeberin des Menschen,
und wenn's einen gerechten Gott gibt, so kann Er uns nicht anders richten, als
nach der Überzeugung unserer Vernunft.4) Ich war ebenfalls der Sohn
eines Predigers, studierte aber die Rechtsgelehrtheit und ward Advokat; auch
ich habe hier die Welt genossen und meinen Körper ruiniert. Aber ach, ich habe
ein liebes Weib und zwei Kinder auf ewig verlassen müssen, das schmerzt mich
unaussprechlich! - Und was meinen Jammer unerträglich macht, ist, daß man hier
auch nicht einmal weinen kann! - Man verdorrt in der schmachtenden Wetterhitze.
Adin. Armer Geist, in dem Stück hab'
ich's besser, ich heiratete nicht ich liebte den Wechsel.
Hasmon. Auch ich liebte den Wechsel bei
meinem Weibe.
Adin. Das war unrecht! 5)
Hasmon. Ist's unrecht seine Bedürfnisse zu
befriedigen? Aber sage mir doch, wie gings dir im Sterben?
Adin. Ich war lange schwächlich, endlich
bekam ich die Auszehrung, ohne daß ich's wußte oder ahnte, immer glaubte ich,
ich würde wieder besser werden; meine Freunde und mein Arzt suchten mich auch
dessen zu überreden, allein ich wurde zusehends kränker; oft zweifelte ich an
meinem Aufkommen, wenn man mir dann aber zu beweisen suchte, daß das
Hypochondrie sei; so beruhigte ich mich wieder. Auf einmal war's mir, als würde
ich ohnmächtig, ich verlor mein Bewußtsein, und nun träumte ich, ich befinde
mich in einer mondhellen Nacht auf einem einsamen, mit einem hohen, dunklen
Walde umkränzten Felde. Ich besann mich und konnte fortschweben, ich zog so
ganz leicht hin und her, ohne meine Glieder zu bewegen, das gefiel mir. Nach
und nach geriet ich in den dunklen Wald, ich schwebte zwischen den Ästen durch,
und fühlte keine Schwere, keine Ermüdung. Endlich war's mir, als käme ich durch
einen dunklen, gewölbten Gang, der an der einen Seite offene Fensterlöcher
hatte, durch welche Mondeshelle ins Dunkel schien; hier empfand ich einen
Schauer, wie in alten Ruinen, wo es einem vor Gespenstern graut. Ich schwebte
in der halben Höhe des Ganges fort und nun merkte ich, daß er allmählich
abwärts führte und sich immer krumm herumzog. Nun durchdrang mich eine tiefe
wehmütige Empfindung der Einsamkeit und Verlassenheit, ich strebte zurück, aber
ich konnte nicht, und so geriet ich in einen großen, dämmernden Saal, hier
stand ein langer schwarzer Tisch, und um denselben saßen Männer in schwarzen
Mänteln und runden Hüten; alle hatten sich mit dem Gesichte auf die Arme auf den
Tisch gelegt, und allenthalben herrschte eine schauervolle Stille. Auf einmal
erscholl eine dumpfe Stimme von der Seite her: "Weh! weh! weh! Adin ist
gestorben!" -Jetzt fuhren alle die Männer auf und starrten mich mit
ihren hohläugigen, aschfarbenen Gesichtern an - ich erschrak so, wie ich noch
niemals erschrocken war, erwachte - und erwachte nicht zum Erdenleben zurück,
sondern vorwärts - vorwärts, in dieser schrecklichen dunklen Einöde, wo ich nun
bin und nicht weiß, was ich sein werde.6) Nun
erzähle mir auch
deinen Übergang aus
der schönen Welt in dieses Reich der Toten.
Hasmon. Ich begann von dem vielen
Lebensgenuß endlich schwächlich und kränklich zu werden; meine Frau trauerte
sehr, denn ich mußte sie mit den Kindern ernähren, weil wir kein ererbtes
Vermögen hatten; da ich nun nicht viel mehr verdienen konnte, so fingen wir an,
Kummer zu leiden; oft reute mich's, daß ich nicht gespart und meine Gesundheit
geschont hatte, allein dann machte ich mir selbst Vorwürfe über diese Reue,
indem ich mir vordemonstrierte, wir seien fest an eine eiserne Notwendigkeit
geknüpft; das Geschehene sei nicht zu ändern; im Gegenwärtigen seien wir an
vergangene, also unabänderliche Tatsachen gebunden, die also auch jetzt
unüberwindlich auf uns wirkten, und die Zukunft sei uns verborgen, wir könnten
also auch ihre Schicksale nicht vermeiden. Kurz, ich sei also schlechterdings
unschuldig.7) Diese Beweise gaben mir eine stumpfe, leidende
Beruhigung, aber keine Freude. Auf einmal bekam ich ein hitziges Fieber, und
von der Zeit an, da ich mich zu Bette legte, war ich mir meiner, außer einiger
dunklen, schweren und schmerzvollen Stunden, nicht mehr bewußt.8)
Endlich geriet ich in einen Zustand dunkler Vorstellungen; mir däuchte, ich
befinde mich in einem dunklen Keller; der zuweilen durch eine bläuliche
Schwefelflamme, die bald erschien, bald verschwand, erhellt wurde. Um mich her
kroch erschreckliches und höchst ekelhaftes Gewürme, das auf mich zischte und
schnatterte, und durch die Angst, die ich empfand, schien mein Bewußtsein immer
deutlicher zu werden; nun dauerte auch das Schwefellicht länger, mein Schrecken
vermehrte sich, das Gewürm wurde immer größer und fürchterlicher, auf einmal
aber erschien plötzlich ein namenloses Ungeheuer, das mich anfuhr, und von dem
grausamen Schrecken erwachte ich, aber leider, nicht zum vorigen Leben, sondern
in diesem traurigen Lande der Finsternis. Sage mir, Freund, was glaubst du von
unserem Zustande? - Was wird aus uns werden? 9)
Adin. So unaussprechlich traurig auch
jetzt unser Zustand ist, so sagt mir doch meine Vernunft, daß wir unmöglich
unglücklicher werden können, den haben wir uns selbst gemacht? Sind wir
überhaupt schuld daran, daß wir geschickter und geneigter zum sinnlichen Genuß,
als zur strengen Tugend sind? Was können wir dafür, daß die Welt, die uns
umgab, voller Versuchung zum Laster war? - Nein, es kann uns nicht übel
ergehen: dieser Mittelzustand, in dem wir uns jetzt befinden, soll uns wegen
der Zukunft nicht beunruhigen.10)
Hasmon. Ich weiß nicht, wie es ist; der
Trost will doch nicht recht haften.11) - Es läßt sich wohl nichts
dagegen einwenden, aber - siehe Freund, wer naht sich uns da von ferne? Der
sieht nicht so ganz aus, wie unsereiner, und doch scheint er ein menschlicher
Geist zu sein! - Dem Ansehen nach trau ich ihm nicht recht, er hat so was an
sich, wie ehemals die Religionsfreunde, die ich nicht leiden kann.12)
Adin. Wir wollen einmal sehen, was er
will.
(Abiel
naht sich ihnen in verhüllter Herrlichkeit.)
Abiel. Ich komme, euch ein großes
Geheimnis zu erklären.
Hasmon. Was für ein großes Geheimnis?
Abiel. Wie Zeit und Ewigkeit
zusammenhängen.
(Hasmon und Adin
erschrecken.)
Hasmon. Das wissen wir, unsere Vernunft
sagt uns das.
Abiel. Wenn ihr das große Geheimnis wißt,
sagt mir doch, was auf euch wartet?
Hasmon. Wenn hier Gerechtigkeit gilt, so
muß ein höherer, ein vollkommener Zustand auf uns warten.
Abiel. Ja, hier gilt die wahrste, die
vollkommenste Gerechtigkeit, und ihr sollt selbst urteilen, ob nach ihrer
Entscheidung dieser Zustand euer Los sein kann.
Hasmon. Erst müssen wir aber wissen, ob du
das Recht hast, uns zur Rede zu stellen.
(Abiel
schießt Strahlen ins Innerste der beiden Geister; sie fangen an, sich zu
enthüllen.)
Hasmon und Adin (in erschrockenem
Staunen). Großer Unbekannter, wir sehen, daß du ein Wesen höherer Art bist.
Rede, wir wollen hören.
Abiel. Der Erhabene hat mich zu euch
gesandt, euch sein Urteil zu verkündigen. Da er aber will, daß jeder die
Gerechtigkeit seines Gerichts erkenne, und ihr nun das große Geheimnis zu
wissen glaubt, auch überzeugt seid, daß er euch einen höheren und
vollkommeneren Zustand schuldig sei, so müßt ihr euch selbst euer Urteil
sprechen, und dazu will ich euch vorbereiten. Eure eigene Vernunft soll dann
entscheiden.
Adin. Das ist sehr gnädig, aber auch billig.
Hasmon. Ja, das ist wahr, mehr können
wir nicht fordern.
Abiel. Was urteilt eure Vernunft von
einem Menschen, der, soweit sein Wirkungskreis geht, wohltätig ist, der auch
denen, die ihm Böses zufügen, die ihn beleidigen, Gutes erzeigt; der alle Menschen
mit Liebe und Sanftmut trägt; der sich in wahrer Demut vor jedermann beugt,
nirgends emporstrebt, sondern allen den Vorzug gönnt; der jedes Laster flieht
und in Herzensreinigkeit alle seine Tage verlebt; der jedes erlaubte Vergnügen
mäßig genießt und jedes Leiden nicht nur geduldig trägt, sondern sich auch
dadurch immer veredeln und verbessern läßt. Sagt mir, was haltet ihr von einem
solchen Geiste?
Hasmon. Daß er tugendhaft, sehr edel und
gut sei.
Adin. Ja, davon bin ich überzeugt.
Abiel. Wenn ihr also überzeugt seid, daß
die Tugend den Menschen veredele, und daß er immer vollkommener werde, je höher
ihr Grad steigt, so prüft euch doch einmal selbst und sagt mir, woher diese
Überzeugung komme?
Adin. Die menschliche Natur ist so
eingerichtet, daß sie die Schönheit, Vollkommenheit und den hohen Wert der
Tugend empfinden, und in dieser Empfindung Vergnügen schöpfen muß.
Abiel. Bist du auch der Meinung. Hasmon?
Hasmon. Ja, denn sie ist wahr.
Abiel. Folgt aber nun nicht aus dieser
Richtung der menschlichen Natur, daß sie auch nach allen ihren Anlagen bestimmt
sei, wirklich tugendhaft zu werden und in der Heiligkeit immer zu wachsen und
zuzunehmen?
Adin. Ja, das folgt natürlich, daran ist
gar nicht zu zweifeln; allein, eben darin liegt der Widerspruch; der Mensch ist
nach allen seinen Anlagen bestimmt, tugendhaft zu werden, und doch hat er keine
Kräfte dazu; er wird durch ein eisernes Schicksal hingerissen, dem Strom zu
folgen, seine Sinnlichkeit ist unüberwindlich, und wird je länger, je stärker.
Wie kann nun Gott Tugend von einem Menschen fordern, dem er die Kräfte versagt
hat, sie zu erwerben?
Abiel. Daß er nicht allen Menschen die
Kräfte zur Tugend versagt hat, beweist die Erfahrung, weil es viele edle
Menschen gibt; aber sind sie euch bei den denn versagt gewesen?
Adin. Bei mir waren die Reize der
Sinnlichkeit unüberwindlich, und ich wurde mit Gewalt von einem Genuß zum
andern getrieben.
Hasmon. Das war auch bei mir der Fall.
Abiel. Das heißt so viel: es lagen in
euch auf einer Seite Beweggründe zum sinnlichen Genuß und zum Laster; nach
eurer Meinung liegt also der Fehler darin, daß die Beweggründe zum sinnlichen
Genuß und zum Laster weit stärker gewirkt haben, als die ersten?
Hasmon. Allerdings, wenn Gott stärkere
Reize zur Tugend in den Menschen gelegt hätte, als zum sinnlichen Genuß, so
würden wir auch alle beide vollkommen tugendhaft geworden sein.
Adin. Ganz gewiß!
Abiel. Gesetzt, zwei Feldherren ziehen in
den Krieg, der eine hat einen schwächeren Feind vor sich, als er selbst ist,
der andere aber einen stärkeren; wenn nun beide siegreich nach Hause kommen,
welcher unter beiden wird nun der größte Held sein?
Adin. Unstreitig der letzte.
Abiel. Und kann man den einen tapferen
Mann, einen Helden nennen, der einen schwächeren Feind überwindet?
Hasmon. Nein!
Abiel. Hätte also einer die Tugend der
Enthaltsamkeit, der nur geringe, leicht zu überwindende Reize der Wollust
hätte?
Hasmon. Nein, sie wäre ihm natürlich.
Abiel. Gäbe es also überhaupt eine
Tugend, wenn die Bewegungsgründe zu ihr stärker auf den Menschen wirkten, als
die Reize zum Laster?
Adin. Nein, die Tugend wäre alsdann nur
natürliche Anlage.
Abiel. Ganz richtig! Wer also bei
stärkeren Reizen zur Sinnlichkeit diese dennoch überwindet und die Tugend
erkämpft. der ist erst recht tugendhaft, und er verdient Belohnung.
Hasmon. Das ist alles vollkommen wahr;
allein wenn nun einer gar keine Kräfte zum Kampfe hat - wenn einer
unüberwindlich vom Reiz der Sinnlichkeit hingerissen wird?
Abiel. Derjenige, bei dem dies
stattfindet, hat also keine Freiheit des Willens, und seine Handlungen sind
weder tugendhaft nochlasterhaft; kann das der Fall bei vernünftigen Wesen sein,
deren Willen durch das bestimmt wird, was ihre Vernunft für gut oder nicht gut
hält? 13)
Adin. Dem Ansehen nach freilich nicht;
allein die Vernunft überführt uns doch, daß alle Ursachen notwendig wirken,
nun sind aber in jedem Augenblicke, wo der Wille bestimmt wird, die Ursachen
schon vorbei, also nicht mehr zu ändern; wir werden also notwendig bestimmt,
und auf die Zukunft können wir uns nicht vorsehen, denn wir kennen sie nicht.14)
Abiel. Wenn ein Mensch sich vornimmt, ein
Vergnügen zu genießen, und er macht nun alle Vorbereitungen dazu, und es findet
sich dann Gelegenheit zu einem noch angenehmeren, noch höheren Grad des
Vergnügens, verläßt er dann nicht das erstere und wählt das letzte?
Hasmon. Das tut er freilich.
Abiel. Bestimmt also seinen Willen nicht
die Vorstellung von einem höheren Gut oder höheren Genuß? Und wird überhaupt
nicht der menschliche Wille durch das bestimmt, was ihm am angenehmsten
vorkommt? Angenommen, wenn ihn notwendige Bedürfnisse anders zu handeln zwingen?
Adin. Ja, das kann unmöglich
widersprochen werden.
Abiel. Nun, so handelt er ja frei - denn
er wählt das, was ihm am Besten deucht. Würde die Tugend euren Willen
nicht bestimmt haben, wenn sie größere Reize für euch gehabt hätte als die
Sinnlichkeit?
Hasmon. Ja, sie würde uns bestimmt haben,
tugendhaft zu werden.
Abiel. Jetzt urteilet einmal selbst: Ihr
erkennet den höheren Wert der Tugend, und daß der Mensch seinen Anlagen nach
bestimmt sei, in der Heiligkeit immer zuzunehmen; ihr wißt, daß der Wille durch
die Vorstellung des größeren Wertes einer Same bestimmt werde, daß es ohne
Kampf keine Tugend geben könne, und doch habt ihr euch die Tugend in aller
ihrer Schönheit nicht vorgestellt, und um ihretwillen nicht den geringsten
Kampf gewagt.
Adin. Verzeihe, großer Unbekannter, daß
ich dir immer noch die unvermeidliche Notwendigkeit unserer Handlungen vorstelle;
wir wurden durch die unabänderlichen vergangenen Ursachen nicht bestimmt, durch
den höheren Wert der Tugend, zum Kampf gegen die Sittlichkeit gereizt zu
werden.
Abiel. Wenn die Vernunft mit sich selbst
im Widerspruch steht, kann sie dann in beiden Fällen Recht haben?
Beide. Unmöglich.
Abiel. Seht ihr dann nicht ein, daß das
hier der Fall ist? - Die Vernunft sagt euch, alle eure Handlungen seien
notwendig, dies schließt ihr nach der Analogie aus der Körperwelt, ohne
einmal zu untersuchen, ob nicht in der Geisterwelt ein ganz an- derer
Bestimmungsgrund, nämlich das Sittengesetz durch Freiheit stattfinde? Und doch
nehmt ihr jenen Satz als feststehend und unwiderlegbar an. Auf der andern Seite
bezeugt euch die nämliche Vernunft, daß das höchstweise und allgütige Wesen den
Menschen zur Tugend und Heiligkeit erschaffen habe, wozu die Bestimmung des
Sittengesetzes durch die vollkommene Freiheit absolut erfordert wird; dazu
kommt noch, daß jeder Mensch bei jeder einfachen Handlung durch sein Gefühl
unwidersprechlich überführt wird, er handle in diesem Augenblicke frei; nie
empfindet er eine unvermeidliche Notwendigkeit zu handeln. Muß nun nicht
einer von beiden Sätzen falsch sein?
Hasmon. Das kann nicht geleugnet werden.
Abiel. Wenn das also der Fall ist, so
überlegt einmal, welcher unter beiden der Wahre sein muß! - Ist es der eurige,
so folgt, daß in Gott und seinen vernünftigen Wesen allenthalben Widerspruch
stattfindet. Er ist die höchste Weisheit und zugleich der höchste Unverstand,
die unendliche Liebe und zugleich der unendliche Haß; der Mensch ist
vernünftig, das ist: durch die Wahl des Besten bestimmbar, und zugleich
unvernünftig, weil er notwendig bestimmt wird. Nehmen wir aber meinen
Satz für wahr an, so finden wir allenthalben weise Ordnung; alles stimmt
überein und es fehlt an nichts, als daß eure Vernunft stolz genug ist, über
Sachen urteilen zu wollen, die jenseits ihrer Grenzen liegen, und wozu ihr
schlechterdings die Prämissen fehlen. Euer Gewissen muß euch also sagen, daß
ihr euch gerne hinter dieses erbärmliche Bollwerk versteckt habt, um die
Befriedigung eurer tierisch-sinnlichen Begierden daraus verteidigen zu können.
Aber ihr nahmt euer Gewissen gefangen unter der Sünden Gesetz. anstatt daß ihr
eure Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens hättet gefangen nehmen sollen.
(Diese Wahrheit
setzt beide Geister in Wut, sie wachsen plötzlich zur Riesengröße und fangen
an, aus ihrem Innersten herauszuglühen. Abiel aber schleudert einen Blitz auf
sie, wodurch sie zu Zwergen zusammenschrumpfen.)
Adin. Schone, O schrecklicher Unbekannter,
und bedenke, daß wir nicht die geringste Kraft zum Kampf gegen die Sinnlichkeit
hatten.
Abiel. Habt ihr je diesen Kampf begonnen?
Adin. Ich hab' ihn zuweilen versucht,
aber ich wurde immer besiegt.
Hasmon. Ich hab' ihn nie unternommen,
denn ich wußte voraus, daß ich unterliegen würde.
Abiel. Das heißt soviel, als, ihr fandet
Vergnügen am Genuß der Sinnlichkeit, und wolltet also nicht ernstlich
kämpfen; hättet ihr aber mit immerwährender Wachsamkeit jeden kleinen, leicht
zu überwindenden Reiz zum sinnlichen Genuß bekämpft, so wäre eure Kraft
gewachsen, und ihr würdet auch endlich in den größten Versuchungen Überwinder
geworden sein. Nimmt man aber dazu, daß die christliche Religion dem
ernstlichen Kämpfer Beistand verspricht, so seid ihr nicht zu entschuldigen.
Adin. Wer sicherte uns aber die Wahrheit
dieser Religion, die so viel Vernunftwidriges hat?
Abiel. Welche Vernunft fand Widersprüche:
die physische --- die geistliche Dinge nach materiellen Prinzipien beurteilt
und die Freiheit des Willens leugnet, oder die moralische?
Adin. Beide.
Abiel. Beide? - Auch die moralische - die
nach dem Grundsatz der Freiheit schließt? - Armer Adin - die kanntest du ja
nicht!
Adin. Also nur die physische.
Abiel. Wenn dir etwas fehlte und es wurde
dir eine Arznei empfohlen, die viele von dem nämlichen Übel völlig befreit
hatte, brauchtest du sie dann nicht, im Fall auch vieles in ihrer Mischung war,
was dir zweckwidrig schien?
Adin. Ja, und ich war schuldig. sie zu
brauchen.
Abiel. Warum hast du denn diese Regel bei
der Religion nicht befolgt?
Adin. Ach, Herr, ich bin überzeugt, und
ich fühle tief, daß du Recht hast, wir Toren haben des rechten Weges verfehlt!
Die sinnlichen Vergnügen gefielen uns so wohl, daß wir alles außer acht
ließen, und die Bahn der Tugend nicht zu betreten wünsch- ten.
Abiel (zu Hasmon). Bist du auch davon
überzeugt?
Hasmon. Ich bin gezwungen, ja zu sagen.
Abiel. Ihr seid also schuldig, denn
ihr habt gegen eure Bestimmung den Weg zur Tugend nicht betreten, folglich ist
das scheinbare Gute, das ihr getan habt, aus einer unreinen Quelle entsprungen
und gilt also nichts auf eurer Rechnung. Allein ist nun auch durch euren Genuß
nichts Böses entstanden? Entwickelt die Rollen eures Gewissens!
(Sie zittern und beben und aus jedem
Geiste enthüllt sich ein schreckliches, großes und langes historisches
Gemälde.)
Abiel. Da stehen eure Taten vor euren
Augen - wie viele Güter habt ihr im Übermaß verschwendet, mit denen viele Arme,
Hungrige und Durstige, Witwen und Waisen hätten erquickt werden können! Aber
ihr habt sie nicht erquickt. Dort eilen Jungfrauen auf dem Wege des Lasters zum
Verderben und ihr habt sie aus ihrem unschuldigen Zustande auf diese Bahn
hingerissen; ihre Kinder und Kindeskinder werden aus Mangel der Erziehung
gottlos und arm sein - andere Weibspersonen bejammern ihr Elend, in das ihr sie
gestürzt habt, und verklagen euch vor Gott. Eine Menge unzüchtiger Dirnen sind
durch euch noch tiefer gesunken und elender geworden. - Ihr habt eine Menge
Menschen beleidigt, die nun teils in der Hölle auf euch warten, um sich an euch
rächen zu können, teils auch in den Wohnungen der Seligen ihrem himmlischen
Vater das Gericht überlassen, und bei all diesen Greueln wollt ihr euch noch
rechtfertigen? Hattet ihr keine Kraft, Gutes zu tun, woher kam euch denn die
übermäßige Kraft zum Bösen? - Euer eigenes Gewissen spricht euch ein Urteil: Da
ihr den Weg der Tugend nie gewandelt und alle eure Kräfte zum Unglücke
der Menschheit verwendet, auch eure Zuflucht zum Welterlöser nicht genommen
habt, so kommen euch auch alle Anstalten der Erlösung nicht zustatten.
Fahret also hin in das Reich des Jammers und der Qualen und empfanget dort, was
euch nach der genauesten Gerechtigkeit zukommt.
Hasmon. Entsetzlich! - Entsetzlich! Unsere
Gestalt verwandelt sich, wir werden Ungeheuer - jedes der scheußlichsten,
schrecklichsten Tiere leiht uns eines seiner Glieder, uns verläßt die
Menschheit, und unser eigenes Dasein überzeugt uns, daß es
Teufel gibt!
Adin. O, das ist die grausamste aller
Qualen, selbst das furchtbarste Gespenst zu sein! - Diesen Jammer
wußtest du, - ewiger Richter, und schufst uns doch!
Abiel. Und ihr konntet ihn leicht wissen
und wähltet ihn doch freiwillig!
Adin. Erschaffen sind wir mit
unendlichen Kräften zum unendlichen Genuß, und nun erwarten uns unendliche
Kämpfe ohne Sieg, verbunden mit den unendlichsten Qualen! - Welch ein
Widerspruch!
Abiel. Auch dieser Widerspruch wird sich
heben, und ihr werdet in der herrlichsten Majestät des Erhabenen seine
Gerechtigkeit erkennen.
(Ein unwiderstehlicher Zug nach dem ewigen
Westen reißt sie hin. Abiel entfernt sich.)
Adin (für sich): Unendlich Herrlicher,
wehe mir Stärkung zu aus Deinem Heiligtume - ein endliches Geschöpf wie ich,
erliegt im Anschauen dieses Jammers. Nur Du, der Du die Ewigkeit in einem Blick
fassest, und außer der Zeit lebst - nur Du kannst Deinem, gegen alle Deine
Geschöpfe vor Liebe wallendem Herzen die seligen Folgen Deiner, alle endlichen
Begriffe übersteigenden Anstalten vorstellen; auch der Engel bedarf noch
Glauben und Hoffnung! Herr, ich glaube und hoffe!
Hasmon (in Hinzug zum Höllenreiche): Was
sagte der Himmlische? Dieser Widerspruch würde sich heben, und wir würden in
der herrlichen Majestät des Erhabenen seine Gerechtigkeit erkennen?
Adin. Ja, das sagte er, und ich fühle
tief in meinem Geiste etwas, das damit übereinstimmt, auf diesen Punkt will im
ewig meinen Blick heften, und wenn ich auf dem Ozean des Jammers, in
immerwährendem Schiffbruche mich ängstige, so will ich gegen dieses vom
Horizonte schimmernde Nebelgebirge hinstreben und hoffen, daß es Land sei!
Hasmon. Und mir soll der Gedanke ein Faden
sein, an dem ich mich aus den ewigen Labyrinthen wieder herausfinden will.
Eine
Posaunenstimme, (die
durch die ewige Nacht tönt): "Demütiget euch unter die gewaltige Hand
Gottes, damit er euch erhöhe zu rechter Zeit."
"Der Inhalt dieser Szene ist",
wie Stilling erläutert, "in unseren Tagen von äußerster Wichtigkeit. weil
fast alle Religionszweifel, und ich mag sagen die ganze Macht der Finsternis
auf dem philosophischen Fatalismus und Determinismus beruht. Möchte man doch
diese Szene aufmerksam lesen und beherzigen."
Alle jedoch, die den
irdischen Genuß zum Lebensinhalt machen. müssen demnach - wie Stilling ganz
richtig bemerkt - unfähig werden. sich dort Drüben wohl zu fühlen. den Verlust
weltlicher Freuden werden sie also zweifellos als Mangel empfinden. Damit
entfernen sie sich selbst aus dem Kreise der wahrhaft Seligen. Dies aber
braucht nicht sein. Wir müssen lediglich nach sittlicher Vervollkommnung auf Erden
und nach Heiligung streben. Erst. wenn unsere Seele heilig - geheilt von allen
Schwächen des Leibes - ist, kann sie sich Gott vereinigen. Des Menschen
Lebenszweck auf dieser Welt aber ist einzig und allein die Lösung aus der Nacht
der Fleischlichkeit und seine erwähnte Heiligung.
Der erlaubte
nützliche Sinnengenuß ist nur ein Mittel zur Stärkung. Auch die heutzutage oft
zutage tretende Ansicht. daß Jesus Christus nur ein tugendhafter und frommer
Mann gewesen sein soll, bespricht Stilling in diesem Kapitel und erteilt hier
die Antwort auf viele Fragen, die sogar uns noch - nach beinahe 200 Jahren von
den Skeptikern in der gleichen Form wie Dazumal gestellt werden. Stilling hat
einen vorbildlichen Glauben und den Mut. denselben allen Spötteleien zum Trotz
zu bekennen:
1) Ich begreife
nicht, wie ein Mensch so dumm werden kann, daß er seine Dummheit zur Richterin
über die göttliche Weisheit setzt. - Aber das ist der Vernunft ihre Art, sie
will lieber Gott die Schuld geben, als einen Meister über sich erkennen.
2) Und gibt sich
Christus selbst gar nicht zweideutig für den eingeborenen Sohn Gottes aus, der
vor Grundlegung der Welt in göttlicher Herrlichkeit bei dem Vater war. Kann das
ein tugendhafter, frommer und weiser Mann sagen, wenn es nicht wahr ist?
In dieser
"Szene" erinnert Stilling auch daran, daß ein übersteigertes
Verstandes denken recht wenig nützlich sein kann, besonders wenn es auf Kosten
der seelischen Entwicklung vor sich geht. Es klingt nun wie ein Aufschrei. wenn
er sagt:
3) Du großer Gott,
hätte ich das alles doch mit Flammenschrift dahin schreiben können. Ich bezeuge
vor Gott und der ganzen himmlischen Heerschar, daß jede Exegetik, die nicht auf
biblischem Grunde ruht, Pest für Gottesgelehrtheit und Christentum ist. - Wo
kann die Vernunft mit aller ihrer Weisheit die Offenbarung Gottes meistern?
Wir wissen wirklich
wenig und stellen vorübergehende Entwicklungsepochen oft höher. als das geheime
Reifen, das keine äußeren Beweise und Hintergründe gebraucht. So können wir in
Irrlehren geraten und intellektuelle Forschungen für das Wichtigste und
Ausschlaggebendste halten.
Und das ist eine
Gefahr, die den Menschen von Heute ganz besonders bedroht. Wieviele andere
Religionsformen, wieviele Sekten tauchen immer von neuem auf und versuchen, die
Lehre Jesu Christi als eine wohl gute, aber nicht
"alleinseligmachende" darzustellen. Hier aber müssen wir uns doch auf
die Worte des Erlösers stützen und auch jetzt noch ganz verlassen:
"Niemand kommt
zum Vater denn durch mich!"
Das sagt alles!
"Was nützet es
dem Menschen, wenn er die ganze Welt (all ihr Wissen) gewönne und nähme doch
Schaden an seiner Seele?"
Es nützt uns, auch
nach Stilling, gar nichts. Ebenso wenig wie gewisse Völker beispielsweise
Nutzen aus selbstquälerischen Taten zu ziehen vermögen.
Die ,absolute
Vernunft' regieren lassen, war und bleibt eine riesige Gefahr, denn die höchste
Vernunft, die wir in Wirklichkeit aufbringen sollten, ist der
"bedingungslose Glaube an den Sohn Gottes". Wir haben auch im Laufe
der verschiedenen Jahrhunderte eingesehen, wie verschiedenartig die jeweilige
Vernunftslehre verbreitet wird, wie sie darum "drehbar" ist. So
dachte auch Stilling, wenn er sagte:
4) Unsere Vernunft, wenn sie sich auf
zuverlässige Vordersätze baut, ist aber ein vielköpfiges Ungeheuer; nach
welchem Kopf soll denn nun Gott richten? - Und wenn nun die Vernunft ihre Augen
vor der Wahrheit zuschloß und sich von den sinnlichen Lüsten beherrschen ließ?
5) Da haben wir
schon zweierlei Vernunft, nach welcher soll nun Gott richten?
- Dann müßte auch die Obrigkeit jeden Verbrecher sich selbst sein Urteil
sprechen lassen.
Wenn man dann diese
Stellt, in der Adin von seinem Ableben erzählt, nachliest, sagt man sich ohne
weiteres, daß es berechtigt erscheint, wenn der Übergang eines nicht Gläubigen
in das Reich des Lichtes mit Schwierigkeiten vonstattengehen muß. Stilling
erzählt im Anschluß hieran, wie aufschlußreich sein Traumleben im Hinblick auf
die erörterten Fragen gewesen ist:
6) Ich habe niemals
in diesem Werke den Zeitpunkt zwischen dem Erlöschen des Selbstbewußtseins in
diesem Leben und stillem Erwachen in der Geisterwelt durch einen Traum
ausgefüllt; ich ahne mit Gewißheit, daß sich die Sache auch so verhält, ob ich
auch gleich keinen Grund dazu angeben kann, indessen hat doch auch die Psychologie
nichts dagegen.
Ja, unsere Vernunft
wird uns oft in religiösen Fragen zu einem verderbenbringenden Fallstrick, zu
einer Kette, wie Stilling es nennt:
7) Dies ist die
eiserne Vernunftkette, an welcher die Seele zu ihrem ewigen Verderben angeschmiedet
wird, wenn sie sich nicht einfältig ans Evangelium hält. Weiter unten wird sie
gesprengt werden.
Wenn aber eines
Tages dieses berühmte "vernunftgemäße" Denken durch Krankheit
lahmgelegt wird, was dann?
Auch hier gibt
Stilling die richtige Antwort:
8) Das ist bei
Kranken so oft der Fall; wie nötig ist's also, in gesunden Tagen seine Sachen
mit Gott ins Reine zu bringen.
Gewiß muten manche
Stellen auf das allzu Menschliche in uns befremdend. Ja, sie rufen Zweifel an
dem Geschriebenen hervor. Auch das weiß Stilling und gibt sein Kommentar dazu:
9) Lieber Leser, ich
erzähle keine Märchen, kein Gedicht, das Wesen meiner Einkleidung ist gewisse
Wahrheit. Sorge - ach, sorge dafür, daß du mit Glauben, Liebe und Hoffnung in
jene Welt übergehest. -
Ebenso ruhig wie
diese Verheißungen machen, überzeugt uns die zwiespältig wirkende Schilderung,
die jedoch letzten Endes zu dem einen Ziel hinführt, das wir suchen sollen und
wollen, wenn - wir uns Christi- Nachfolger nennen, auch wenn es vielgestaltig -
gegensätzlich wirkt.
10) Welcher
Widerspruch! - sie sind unaussprechlich traurig und haben doch nicht Ursache,
traurig zu sein; alles, was sie getan haben, mußten sie tun, und ahnen doch
Strafe, warum wären sie sonst traurig?
Besonders wichtig
dürfte der Hinweis auf die Stimme unseres Gewissens sein, wir begreifen sogar,
warum Stilling in seiner Erläuterung zu diesem Kapitel erklärt:
11) Das ist eben die
Sache - das Gewissen ist mit der Vernunft nicht im Einverständnis. Was aber
wird aus der Seele, die nicht Herr über das zersetzende Verstandesdenken wird?
Ergeht es ihr wie
Hasmon?
12) Hier zeigt sich
nun das Siegel des Satans und das Zeichen des Tiers; Hasmon kann die
Christus-Physiognomie nicht leiden. Prüfe dich, wie dir zu Mut ist, lieber
Leser, wenn du einen wahren, weit geförderten Christen siehst; dein Gefühl wird
dir dann dein Urteil schon sprechen.
Unser Fühlen? Wie
oft ist es von nackten Äußerlichkeiten abhängig. Wie sehr sind wir zu Sklaven
unserer Sinne, unserer Fleischlichkeit geworden, oft ohne es zu merken. Und
doch liegt in dem scheinbaren Keim der Vernichtung - schon die Erlösung.
13) Es kann nicht
genug gesagt werden, daß es keinen klaren und unwiderlegbaren Beweis für die
vollkommene Freiheit des Willens gibt, als daß der Mensch eine Vernunft hat,
und diese wäre ohne Freiheit ganz und gar zwecklos.
Gravierend für Menschen der hier
geschilderten Art ist es, daß sie bei allen Dingen, immer auf ihre Unkenntnis
der ewigen Gesetzmäßigkeit Bezug nehmen, daß sie sich hinter ihrer
"Schwachheit", ohne den Willen zur glaubensvollen Hingabe zeigen.
Stilling erinnert sie, daß
14) Gott nichts ohne
Zweck macht, was also unverdorben in der menschlichen Natur ist. das ist auch
bestimmt, den Zweck zu erreichen, wozu es geschaffen ist.
Wir haben einen
eigenen Willen und müssen ihn nützen. Wer das versäumt, darf nicht verwundert
sein, wenn er die hieraus kommenden Folgen auf sich nehmen muß.
15) Man merke nur
den Sprung in den Schlußfolgerungen - er nimmt den Satz: "Gott
habe den Menschen die Kräfte versagt", als wahr an, und überhaupt
alle die großen Anstalten, die Gott zur Erreichung dieser Kräfte getroffen hat.
Dabei ruft Stilling
mahnend die Zaghafteren und Mutlosen auf:
16) O ihr Leser alle, könnte ich euch
diese Worte alle mit Flammenschrift ins Herz schreiben ! - Nicht vorstellen
mögen - und das Nicht wagen wollen. sind die Haupthindernisse, die den Menschen
am Zufluchtnehmen zu Christ
S i e b e n t e S z e n e.
Laeda, Zareda und Seraja.
(Im
Schattenreiche.)
Laeda. Wer bist du, Trauriger - der du da
in Nacht hineingepflanzet stehst, als wenn du die Blitze des Allmächtigen
aufzufangen bereit wärest. - Rede, und ströme mir deinen Jammer aus!
Zareda. Ich bin ein großer Sünder, ich
habe einen Richter in mir, der mir das Urteil der ewigen Verdammnis spricht.
Laeda. Dieser Richter ist ehrwürdig, aber
er kann trübe Au- gen haben; was hast du denn für Grund dazu, daß du ein so
strenges Urteil über dich selbst fällest?
Zareda. Ich lebte bis in mein dreißigstes
Jahr ohne Gott in der Welt, und trank Ungerechtigkeit in mich, wie
Wasser, in meinem Gewerbe (ich war ein Kaufmann) war mir kein Mittel zu
schlimm, wenn ich nur etwas gewinnen konnte. Witwen und Waisen, arme Taglöhner
und Handwerksleute mußten den letzten Heller ihres mit saurem Schweiße
erworbenen Scherfleins hergeben, wenn ich nur mit einigem Schein des Rechts an
sie herankommen konnte; ich bestach die Richter, um gottlose Prozesse zu
gewinnen, und um groß und reich zu scheinen, richtete ich Gastmahle und Feste
an, während dessen die Armen, die ich arm gemacht hatte, zu Gott um trocken
Brot schrien, ich lebte und praßte im Überfluß, und wenn dann mein Körper von
geilen Säften strotzte, so verführte ich die Unschuld, und wenn ihre Schande
nicht mehr zu verbergen war, so stillte ich sie mit Geld und brachte sie in die
Ferne, und dort überließ ich sie mit den auf verbotenem Wege entstandenen
unsterblichen Wesen, allen Folgen der Armut und des Jammers! Ich kenne kein
Laster, das ich nicht vielfältig begangen habe.
Laeda. Was wurde aber in deinem
dreißigsten Jahre aus dir?
Zareda. Ich hatte ein vortreffliches Weib,
so wie es wenige gibt; sie wurde, weil ich reich war, von ihren Eltern zur
Heirat mit mir gezwungen, und ungeachtet sie keine eheliche Liebe zu mir hatte,
so war sie mir doch die treueste Freundin. Insgeheim erquickte sie die
Notleidenden, die ich drückte, obgleich meine schwere Hand auf ihr ruhte, wenn
ich's erfuhr. Sie erduldete meine Mißhandlungen mit größter Sanftmut, und oft
belauschte ich sie im Verborgenen, wo sie mit heißen Tränen für mich betete.
Nicht selten ergrimmte ich im Geiste, stürmte dann zu ihr in ihr Kämmerlein und
belohnte ihre Treue mit Schlägen, oft aber schlich ich auch mit klopfendem
Herzen wieder fort. Der vielfältige Kummer, den ich ihr verursachte. untergrub
endlich die Gesundheit der stillen Dulderin, sie wurde krank und ahnte mit
hoher Freude die baldige Erlösung von ihrem Jammer. Jetzt entstand tief in
meiner Seele eine ängstliche Unruhe; es war da etwas, das mich beständig
antrieb, mein bisheriges Leben zu prüfen, aber ich schauderte beständig vor dem
Gedanken zurück, und suchte mich auf dem gewohnten Wege zu zerstreuen; allein
es konnte nicht mehr gelingen. Wo ich ging und stand, da sah ich das Bild
meines leidenden Weibes, da hörte ich ihr Seufzen und Ringen nach ihrer
Auflösung. Endlich mußte ich der Gewalt, die mich drängte, nachgeben; ich blieb
am Krankenbette, pflegte meine Gattin mit Liebe, ihr Herz öffnete sich, und nun
half sie mir durch ihre zärtlichen und rührenden Vorstellungen meines bisherigen
Lebens zur gründlichen und tiefen Selbstprüfung. Großer Gott, welche Greuel
traten mir da unter die Augen! Ich wäre gewiß ein Selbstmörder geworden, wenn
mich nicht die lebhafte Vorstellung von der ewigen Verdammnis von einem solchen
Schritte zurückgeschreckt hätte; indessen schallten mir doch die Worte: meine
Sünden sind größer, als daß sie mir vergeben werden können, betäubend in
die Ohren, so daß ich manchmal auf der Wegscheide zwischen Tod und Leben stand,
doch hielt mich ein verborgenes Etwas beständig zurück. Während diesen
furchtbaren Leiden schien meine Frau ausgekämpft zu haben, ja es kam mir vor,
als wenn ihre Ruhe wüchse, wie mein Elend; dieses empörte mich, und ich machte
ihr deswegen zärtliche Vorwürfe, allein sie antwortete mir mit einem zärtlichen
lächeln: was ich jetzt tue, das weißt du nicht, du wirst es aber hernach
erfahren; tue nur alles, was in deinem Vermögen steht, das wieder gut zu
machen, was du verdorben hast; erstatte jedem das Geraubte, und beglücke
denjenigen, den du unglücklich gemacht hast; tue das nach allen deinen Kräften,
auch mit Aufopferung alles deines Reichtums und überlasse dann alles Übrige der
unergründlichen Barmherzigkeit Gottes in dem Erlöser; glaube an ihn, den
Sündentilger 1), und kämpfe bis auf's Blut; wirst du überwinden, so
wird Er dir vom verborgenen Manna zu essen und den weißen Stein geben, auf dem
dein neuer Name geschrieben steht! - Diese Worte drangen tief in meine Seele
und wurden lauter Samenkörner guter Früchte; bald darauf entschlief sie. Von
der Zeit an habe ich nun alle meine Kräfte aufgeboten, ihrem Rate zu folgen,
bloß mein und meiner Frau Erbe habe ich meinen Kinder erhalten, all mein
Erworbenes aber aufgeopfert. Ich habe öffentlich alle, die ich je beleidigt
habe, um Vergebung gebeten, und wo ich ersetzen konnte, da habe ich's doppelt
und dreifach getan. Für meine unehelichen Kinder und ihre Mütter habe ich,
soviel in meinem Vermögen stand, leiblich und geistig gesorgt, und unaufhörlich
zu Gott und seinem Sohne um Gnade geschrien; allein so bange mir um Trost war,
so habe ich doch nie ein Tröpflein gekostet, immer standen mir meine Sünden vor
Augen, und unzählig viele Greuel habe ich nicht wieder gut machen können, weil
die Gedrückten und Beleidigten teils gestorben, teils weggezogen waren;
freilich gab ich das, was ihnen zukam, andern Armen, aber ihnen selbst wurde
das doch nicht ersetzt, und eben dies ist noch immer der Grund, warum ich mich
für verdammungswürdig halte. O, es gibt noch viele, die durch mich auf den Weg
des Verderbens geraten sind, die also ewige Rache über mich schreien werden,
und die ich nicht wieder zurückrufen konnte. Ach, ich habe unaussprechlich viel
Böses in der Schöpfung Gottes gestiftet, und erwarte mit Recht den Lohn, den
meine Taten wert sind.2)
Laeda. Wie wars' dir aber im Tode?
Zareda. Sehr sonderbar; ich bekam eine
Krankheit, die kein Arzt kannte, folglich auch nicht heilen konnte; das Alter,
denn ich war achtundsechzig Jahre alt, und dann auch meine ehemalige Lebensart
mochten viel dazu beigetragen haben, mit einem Worte, ich wurde immer
schwächer; über die Zukunft konnte ich nicht nachdenken, und ich befand mich
gleichsam in dumpfer Ruhe ohne Trost und ohne Schwermut. Mein Bewußtsein
behielt ich immer, bis endlich die große Stunde schlug, von der ich aber wenig
gewahr wurde; ich fühlte nämlich eine Anwandlung von Ohnmacht, und nun geriet
ich in einen träumenden Zustand. Es war mir, als wenn ich sehr tief in einem
Brunnen läge, auf dem ein Turm stünde, durch dessen Schallöcher ein rötliches,
wunderbares Licht hereinstrahlte, zugleich hörte ich den sehr feierlichen Ton
einer großen Glocke, so wie sie ihre Töne langsam in gemessenem Takte hin und
her warf. Ich bestrebte mich aus aller Kraft, hinauf an die Löcher zu dem
wunderbaren Licht zu kommen, allein es wollte mir lange nicht gelingen; endlich
fand ich, daß ich mich erheben und leicht emporheben konnte; sowie ich aber dem
Lichte nahe zu sein glaubte, erwachte ich und befand mich hier in dieser öden,
weiten dämmernden Nacht; jetzt durchdachte ich nun mein ganzes Leben, und ich
fand, daß ich noch lange nicht alles ersetzt hatte, was ich verdorben habe.
Laeda. Hast du denn nicht an Christum und
sein Erlösungswerk geglaubt?
Zareda. Ja, ich habe an ihn geglaubt. Er
ist der Weltregent. der Erlöser, der Lehrer, der von Gott gekommen ist; aber
ich konnte mir sein Leiden und Sterben nicht zurechnen. Wie kann mir zugut
kommen, was nicht ich, sondern was Er getan hat?3)
Laeda. Nach diesem Urteil, das du über
dich selbst fällst, würde also kein Mensch selig.
Zareda. Ich urteile bloß über mich und
fühle, daß ich unter allen der größte Sünder bin, der deswegen an der Erlösung
keinen Teil haben kann.
Laeda. Du kannst also nicht begreifen,
wie es möglich ist, daß dir das Verdienst Christi zugerechnet werden könne.
Zareda. Nein, das widerspricht meiner
gesunden Vernunft!
Laeda. Kannst du denn aber begreifen, wie
es möglich ist, daß Gott, die ewige Liebe, die ihre Geschöpfe zärtlicher liebt,
als eine Mutter ihre Kinder, einen gründlich gebesserten Menschen
verdammen kann?
Zareda. Das ist freilich auch
unbegreiflich.
Laeda. Jetzt beherzige wohl, was ich dir
sagen will; deine Vernunft behauptet, ein gründlich gebesserter Mensch könne
wegen seiner vor der Bekehrung begangenen Sünden nicht selig werden;
zugleich überzeugt sie dich, er müsse selig werden. Kann nun wohl beides
zugleich, und muß nicht eines von beiden wahr sein?
Zareda. Das ist richtig, nur eines kann
und muß wahr sein.
Laeda. Nun so höre ferner: wenn die
Vernunft mit sich selbst im Widerspruch steht, folglich eine und die nämliche
Sache zugleich für wahr und für nicht wahr zu halten gezwungen
ist, so muß man die Folgen aus beiden Sätzen gegen den Maßstab gewisser
Wahrheiten vergleichen, so wird sich's bald zeigen, welcher von beiden richtig
ist. Wenn also dir die unbegreifliche Zurechnung der Genugtuung Christi nicht
wahr ist, nicht gilt, was folgt daraus?
Zareda. Daß ich nicht selig werde.
Laeda. Richtig, setze auch noch hinzu,
daß kein Mensch selig werde, denn alle haben von ihrer Jugend an bis zu
ihrer Bekehrung, und hernach während des Kampfes gegen das Böse noch mehr
gesündigt. Läßt sich das aber mit der unendlichen Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit Gottes vereinigen?
Zareda. Nein, freilich nicht.
Laeda. Was willst du nun am liebsten
glauben, entweder, daß es Dinge gebe, die du nicht begreifen kannst, weil die
Vordersätze dazu verborgen sind, oder daß Gott ungerecht, nicht die ewige
Liebe, das ist: nicht Gott sei?
Zareda. Das erste muß ich notwendig
glauben! Du flößest mir Beruhigung ein, ich beginne zu hoffen. Wie ist mir? Es
geht ein Schimmer von mir aus - ich glänze!
Laeda. Komm von hinnen! Wir wollen uns
dem ewigen Morgen nähern, damit dein Schicksal bald entschieden sein möge!
Zareda. Welch ein unbegreiflich sanftes
und doch durchdringendes Licht ist das, aber es erschreckt mich, ich verdunkle
wieder in diesem Lichte. - Ach, ich bin nicht wert, drüben im Lande der Seligen
zu wohnen.
Laeda. Du Armer, nur das Anschauen des
Freundes bußfertiger Sünder kann dich trösten, siehe, wer kommt dort über das
Gebirge herüber? - Er zieht einher, als wenn er mit Tröstungen beladen wäre;
ach, es ist Fürst Seraja - fasse Mut!
Zareda. Das Anschauen dieses Herrlichen
kann ich nicht ertragen; wo soll ich hinfliehen vor seinem Angesichte? (Er will
zurückweichen.)
Laeda. Weiche nicht von der Stelle, du
entfliehst doch dem Allgegenwärtigen nicht.
(Er bleibt
tiefgebeugt stehen.)
Seraja. Sei mir gegrüßt, Laeda - was
verrichtest du hier im Schattenreiche?
Laeda. Ich ging umherwandeln, um zu
sehen, ob ich unter den abgeschiedenen Seelen nicht eine finde, der ich
nützlich sein könnte, und da traf ich diesen Zareda an, einen Geist, der
sich verdammniswürdig fühlt, weil er sich die Genugtuung des Erlösers nicht
zurechnen kann.
Seraja. Warum kannst du das nicht, Zareda?
Zareda. Ach, frage mich nicht, du
Majestätischer! Ich bin ein Nichts, ein Verworfener, der größte Sünder unter
allen!
Seraja. Du hast deinen Blick auf deinen
verdorbenen Zustand geheftet, und vermagst ihn nicht wegzuwenden; enthülle
deine geheimsten und innersten Neigungen!
Laeda. O Seraja, es wird mehr
Freude im Himmel sein.
Seraja. Laeda - sprich die geheime Sprache der
vollendeten Gerechten - folge uns, Zareda!
Zareda. Ich gehorche, aber verschont mich
mit dem Anblicke der Heiligen!
Seraja. Nun so verhülle dich in diese
Wolke.
(Er umkleidet ihn mit einem Nebel. und
beide führen ihn zwischen sich fort über das Gebirge.)
Laeda (in einer verborgenen Sprache, die
Zareda nicht versteht). Mein Bruder Seraja, wo führest du ihn
hin?
Seraja. Was ich jetzt tue, das weißt du nicht,
du wirst es aber hernach erfahren. Der Erhabene hat mir in
meinem Innersten seinen Willen bekannt gemacht.
Laeda. Verherrlicht werde Er, der
Allerbarmer, durch uns! - Ich verstehe dich, mein Bruder.
(Seraja führt beide, in eine Wolke gehüllt,
so daß sie nichts sehen, ins Reich der Herrlichkeit und bringt sie dort in das
Innere eines einsamen Palastes, der mit einem unbeschreiblich schönen,
violetten oder sanften Purpurglanze erleuchtet ist; die Wände sehen aus, wie
halbdurchsichtiger Rubin, und die Säulen scheinen Perlen zu sein, allenthalben
spielen die sieben Lichtfarben in sanftem. strahlendem Schimmer.)
Seraja. Hier legt eure Wolkenhülle ab!
Laeda. Die Ewigkeit hat keine Worte für
das, was ich hier empfinde!
Zareda. Ich fühle, daß ich unsterblich
bin, sonst würde mich meine Empfindung vernichten!
(Es bildet sich mitten ich Saale im weiten
horizontalen Kreise ein lebhaft glänzender Regenbogen; in seiner Mitte
erscheinen vier Kinder in himmlischer Urschönheit, in Purpur gekleidet, diese
stehen im Viereck und unterstützen einen Thron, der wie Gold im Feuer
schimmert. Es blitzt, und nun sitzt auf dem Throne ein junger Mann, das Urbild
der vollkommenen Menschheit, sein Gewand ist hellpoliertes Silber im
Sonnenschein, sein Haupthaar zart gelockte Lämmerwolle, sein Angesicht das
höchste Ideal königlicher Majestät, auf beiden Händen und Füßen und aus seiner
linken Brust strahlen rotfunkelnde Sterne, und sein Haupt umgibt ein
smaragdenes, hell glänzendes Diadem. Seraja, Laeda und Zareda stehen mit
niedergeschlagenen Augen und feiern.)
Der Erhabene auf
dem Throne: Zareda, siehe mich an - und glaube! Deine Sünden sind dir vergeben!
Zareda. Erbarmer - König des Himmels und
der Menschen - womit soll ich dir deine Liebe vergelten? - Kann ich dir durch
alle Qualen der Verdammnis zeigen, wie überschwenglich ich dich liebe. - Siehe,
hier bin ich!
Der Erhabene. Du wirst alle, an denen du
gesündigt hast, zu ihrer Bestimmung führen, und deine Seligkeit wird mit der
ihrigen wachsen. Seraja, führe ihm den Engel zu, der ihn rettete, und
laß ihn hier wohnen. (Er verschwindet.)
Zareda. O du unermeßlicher Ozean der
Freuden, wie kann mein endlicher Geist das Anschauen deiner Fluten ertragen! - Allmächtiger
Gott! Laeda. was wird aus dir? - Du verwandelst dich! O des Abgrunds der
Gnaden! - Mein treues, edles Weib!
(Sie fliegen sich staunend und verstummend
in die Arme.)
Seraja. Seht ihr nun, ihr treuen Kämpfer,
- wohin die Leiden jener vergangenen Tage führen? Sie sind verschwunden, wie
ein Traum, und nun werdet ihr ewig leben. Dir, lieber Zareda, hat der Herr
deine Sünden vergeben, und dir die Führung aller, an denen du gesündiget hast,
anvertraut; jetzt kannst du, die Ewigkeit durch, alles wieder gut machen, was
du verdorben hast. Begreifst du nun das Geheimnis der Genugtuung?
Zareda. O ja, mein ganzes Ich ist lauter
Jubel, und wer unterrichtet mich in meinem hohen Geschäfte?
Seraja. Blicke dort hin, und lies auf der
strahlenden Saphirfläche die Flammenschrift. Da wirst du jeden Augenblick
lesen, was du zu tun hast. Hier ist dein Tempel und hier deine Wohnung. (Er
verschwindet.)
Laeda. Wüßten doch die Pilger im Staube,
was auf sie wartet!
Zareda. Gelobet sei die Herrlichkeit des
Herrn an diesem Orte! -
Dieses Kapitel
spricht in der Hauptsache von dem Einfluß lebender Menschen auf unser
Schicksal. Es besagt daß wir in der Wahl aller derer vorsichtig. sein müssen.
die in näheren Beziehungen zu uns treten. Er verweist indessen wiederum auf die
ungeheure Erlöserkraft Jesu Christi.
Stilling führt an,
daß der Sohn Gottes zum Mitregenten wurde, und wir damit durch unsere
"Nachfolge Christi" der Gnade teilhaftig werden, ohne die wir nicht
selig sein können.
1) Dieser Erlöser,
der nun Weltregent ist, tilgt alle Sünden dadurch, daß er jede Sünde jedes Menschen
so zu brauchen weiß, daß am Ende lauter wohltätige, Gott verherrlichende und
die Menschheit beseligende Folgen daraus entstehen.
2) Aber wir dürfen
niemals außer acht lassen. daß Christus der Mitwirkung des bußfertigen Sünders
bedarf, nicht, um seine Sünden zu tilgen. aber der Sünder bedarf dieser
Gesinnung, denn sie ist die Gerechtigkeit Christi, wodurch er nur allein selig
werden kann.
Deshalb müssen wir
Ihn immer suchen und dürfen nicht rein vernunftgemäß streben.
Wir dürfen auch
niemals annehmen, allein aus unserem Ringen um Wahrheit könnten wir Gott in uns
aufnehmen, Seine Liebe erwecken. Ein Berechnen des Für und Wider - alles
dessen, was wir tun und lassen müssen, führt zu nichts, wenn wir uns nicht dem
Gnadenwillen des dreieinigen Gottes zu unterstellen vermögen. Das ist auch
Stillings Ansicht, die er klar und eindeutig verficht.
8) Dies Zurechnen ist eben die Klippe,
woran so manche Vernunft scheitert; die Seele Jesu Christi hat sich durch sein
Leiden und Sterben die Fähigkeit erworben, sich alle Menschenseelen, die ihren
ganzen Willen mit dem Willen Gottes vereinigen, nach und nach verähnlichen, sie
zu heiligen und so zur Seligkeit geschickt machen. So macht also das Verdienst
Christi durch den Glauben selig. Wenn nun der Christ hier schon alles tut, was
er kann, um das Verdorbene wieder gut zu machen - denn das muß er, dadurch
beweist er die Aufrichtigkeit seiner Buße - so wird ihm dann in jener Welt
Gelegenheit genug gegeben werden, das noch vollends zu erfüllen, was er hier
nicht leisten konnte, wie der Schluß dieser Szene zeigt. Wenn der Mensch die
Gerechtigkeit Christi angezogen hat, so fühlt er sich als ewiger Schuldner aus
Dankbarkeit für seine Erlösung. und dies Gefühl treibt ihn dann auch an, ewig
Gutes zu tun.
A c h t e S z e n e.
Chilon, Ekron und Guel.
Chilion. (im Kinderreiche). Könnte ich
doch den hinterlassenen lieben Freunden auf Erden die unaussprechliche Anmut
dieses Morgenlandes das ich bewohne, beschreiben! -Wie erquickend und stärkend
waren mir einst die Frühlingsmorgen, wenn der Lichtkreis der Sonne über den
lebhaft grünen Wald herschimmerte, der Nebel im Tal sich lagerte und das
Nachtigallengeflöte fernher mein Herz rührte! - Allein welch ein elendes
Gemälde war das gegen diesen ewigen himmlischen Morgen! Alle sieben
Lichtfarben wechseln hier in gemessenen Zuständen miteinander ab, bald glänzt
ein sanftes violettes Licht über die Fluren und Auen, dies verwandelt sich
allmählich in Purpur, nach und nach schimmert lebhaftes Rot, das dann in Orangegelb,
nun in Lichtgelb, wieder in smaragdenes Grün, ferner in Blau, und dann wieder
in Violett übergeht. Durch alle diese geistige Farben schimmern allenthalben
die vollkommensten Ideale unzähliger Arten von Gewächsen hervor, die in ewiger
Jugend dastehen und immer abwechseln; sanfte Hügel und breite Täler mit sanft
rieselnden Bächen, grünen und glänzen in allen diesen Farben mit einem
Widerscheine hervor, der wie ein Nebelflor über sie hinfließt, als wenn sie
damit überschleiert wären. Blumen, die den Glanz und die Herrlichkeit der
schönsten Brillanten im Sonnenlichte weit übertreffen, und deren Formen die
höchsten Urbilder der Blüten sind, ziehen allenthalben den Blick an sich. Und
nun die seligen Wesen, die in unsterblicher Schönheit, befreit von der trägen
Fleischlast ihres ehemaligen Körpers, die holden Gegenden bewohnen! Welche
Liebe, welch freundschaftliches Zuvorkommen, welch Bestreben nach höherer
Vollkommenheit belebt sie alle!
O du
Freudenschöpfer, wo bist du hingegangen, uns die Stätte zu bereiten. -- Könnte
ich dich nur einmal sehen und sein, wo du bist! 2)
Guel. Willkommen, Bruder! - Es wird auch
eine Zeit kommen, wo du ihn sehen wirst.3)
Chilion. Du hast mich überrascht! - Wer
bist du, Herrlicher! Etwa ein Fürst aus den höheren Regionen?
Guel. Mein Name ist Guel, ich bin ein
Diener des Erhabenen, und gehe hin, einen Geist zu richten, der Unordnung in
der Schöpfung und in der himmlischen Natur anrichtet.
Chilion. Wer ist denn der Unglückliche,
erzähle mir doch etwas von ihm.
Guel. Er heißt Ekron und war ein
deutscher Gelehrter, der sein ganzes Leben mit Forschung der griechischen und
römischen Altertümer zugebracht, und seinen Geist ganz und allein auf
die Ideale der bildenden Kunst fixiert hat.
Chilion. Ach, wie töricht handeln doch die
Menschen, wenn sie Nebenzwecke zu Hauptzwecken machen.
Guel. Ja wohl. Er war sonst ein guter
und tugendhafter Mann, in dessen Seele kein Falsch wohnte; er war auch
wohltätig, aber seine Richtung zur Vollkommenheit hat den rechten Weg verfehlt;
anstatt das höchste Ideal der Menschheit zum Muster der Verähnlichung zu machen
und Ihm immer nachzustreben, ist seine Seele voll von nichtigen Formen
griechischer Bildhauer und Baukünstler, und von Wesen, die nicht existiert
haben, oder doch Menschen von sehr niedrigem Range gewesen sind. Seine größte
Seligkeit würde die Bewohnung eines griechischen Elysiums sein.4)
Chilion. Der arme Bedauernswürdige! - Ich
vermute also, wenn der Herr die Gestalt des vatikanischen Apolls hätte, oder
Petrus dem Farnesischen Herkules gleich wäre, und sollte es auch nur ein Torso
sein, so würde er sich freuen. ![]()
Guel. Du hast wahr geurteilt - allein
seine Verblendung geht so weit, daß ihm immer das Bild aus Marmor besser
behagt, als das Original selbst. Zeige du ihm einen der schönsten Menschen, und
er empfindet nichts dabei; wenn er aber einen abgebrochenen marmornen Finger
findet, von dem er nur vermutet, daß er von einem griechischen Künstler sein könnte,
so schwimmt er im Vergnügen, und er weiß eine Menge Ideen in den Finger zu
legen, die sich der Künstler wohl nie dabei gedacht hat.
Chilion. Sage mir doch, lieber! woher
kommt wohl diese sonderbare Verirrung des menschlichen Verstandes?
Guel. Das will ich dir erklären. In
jedem menschlichen Geiste liegt ein Grundtrieb zur Verähnlichung mit dem
höchsten Ideale der vollkommenen Menschheit; die Triebfeder dazu ist das Gefühl
des Schönen, mit welchem ein Vergnügen verbunden ist, das also jenen Grundtrieb
zum Wirken antreiben soll. Nun ist aber jenes Ideal aller menschlichen
Urschönheit geistig und sittlich, folglich zu weit von dem sinnlichen Menschen
entfernt; auch ist die unter den Menschen herrschende Religion zu unrein und
verdorben, als daß sie sie gerade zu diesem Ideale führen könnte. Da nun in
allen natürlichen und körperlichen Dingen eine göttliche Idee eigener Art, ein
Teilchen Urschönheit liegt, so rührt dieses diejenigen Menschen, die ein
reizbares Gefühl für das Schöne haben; sie geben sich also Mühe, es aufzusuchen
und sich in seinem Anschauen zu vergnügen; dabei bleiben aber nun die meisten
stehen. Anstatt daß sie sich durch alle diese kleinen Spiegel zum einzigen
Original wenden und es aufsuchen sollten, weil sie den Weg dazu zeigen, genügen
sie sich an der Schale und lassen den Kern fahren. Eben das ist auch der Fall
bei den meisten Altertumsforschern; sie finden einen hohen Grad der Ähnlichkeit
der Kunstwerke mit vollkommenen Idealen oder mit Naturgegenständen; diese
Vollkommenheit der Kunst rührt sie, und nun schaffen sie sich ein Idol daraus,
das sie anbeten: und bleiben so auf dem Wege zur wahren Vervollkommnung zurück.
Chilion. Es ist doch unbegreiflich, wie ein
Mensch die Vollkommenheit bloßer Formen, die doch auf nichts weiter als hochgespannter
Imagination und technischer Geschicklichkeit beruht, so hoch erheben kann, -
und dagegen durch eine hohe Sittlichkeit, durch einen erhabenen Wirkungskreis
zum allgemeinen Besten kaum gerührt wird. Aber wo ist denn der arme Ekron jetzt?
Guel. Seine letzte Beschäftigung auf
seinem Sterbebette war, daß er sich einen kleinen Gipsabdruck von Laokoon gegenüber
stellen und Lessing's Schrift über dieses Kunstwerk vorlesen ließ; ans
Sterben dachte er nicht; denn er hatte noch eine Reise nach Sizilien vor,
wo er die Ruinen Agrigents untersuchen wollte.
Chilion. O der kindischen Einfalt und
Verkehrtheit! - An der kunstvollen Darstellung einer Fabel mehr Gefallen zu
haben, als an so vielen herzrührenden und treffenden Gemälden wirklich
geschehener, echter und vortrefflicher Taten, deren die Geschichte so viele
enthält! - Dort ist nur bloß tote und schwache technische Schönheit, ohne den
geringsten Nutzen, und hier Geist und leben verbreitende Urschönheit.5)
Wenn nun Ekron auch selbst ein noch schöneres Kunstwerk als den Laokoon
hätte machen können, was wäre es dann mehr gewesen?
Guel. O, dann hätte er sich selig
geglaubt! - über dem Anschauen des Laokoons übereilte ihn aber der Tod,
und er erschien im Schattenreiche. Da nun sein ganzer Geist mit dem unwiderstehlichsten
Triebe, nach Altertümern zu forschen, angefüllt ist, so bildeten sich in dieser
endlosen, dämmernden, leeren Wüste vor seinen Augen lauter Ruinen, Säulen,
Statuen, Büsten u. dergl.; er eilte auf die Gegenstände zu, allein sie flohen
vor ihm, und er konnte sie zu seiner größten Betrübnis nie erreichen. In diesem
trostlosen Zustande fand ich ihn, als ich gesandt wurde, sein Schicksal zu
entscheiden. Seine Enthüllungsrolle enthielt wohl keine Greueltaten, aber sie
war dagegen die vollständigste und eine systematisch geordnete
Antiquitätensammlung. Du weißt, mein Lieber, daß unser heiligstes Gesetz
gebeut: Jeder Mensch müsse sich erst selbst kennen lernen, damit er
das gerechte Urteil, das über ihn gesprochen wird, billigen könne. Demzufolge
wurde also dem Ekron an der nördlichen Grenze des Kinderreiches im Chaos
ein Erbteil angewiesen und ihm zugleich so viele Schöpfungskraft verliehen,
als nötig war, seine Ideen zu realisieren; hier sollte er also nun den Versuch
machen, was für eine Welt aus seinen Idealen herauskommen würde; ihm wurden
auch mehrere tausend abgeschiedene Menschengeister, die sich zu ihm schickten,
als Bewohner seines neuen Fürstentums und als seine Untertanen zugeführt; aber,
lieber Chilion, du würdest erstaunen, wenn du sähest, was er für ein Babylon
gebaut hat.
Chilion. Das kann man sich vorstellen. -
Du gehst also jetzt hin, in diesem Babel die Sprachen zu verwirren; darf ich
dich begleiten?
Guel. Frage den Herrn.
(Chilion geht weg und kommt in Kurzem
wieder.)
Chilion. Ich soll
dich begleiten, mein Bruder!
Guel. Das freut mich. - Nun so komm! Wir
wollen sehen, was Ekron gemacht hat.
(Beide in Ekrons Fürstentume.)
Chilion. Was ist das? Der arme Stümper hat
ja das Licht vergessen!
Guel. Nicht vergessen, mein Lieber,
sondern alle seine Werke sind des Lichtes nicht fähig. Alles, was nicht
himmlischen Ursprungs ist, ist auch des göttlichen Wahren, das ist des
himmlischen Lichts, nicht empfänglich.6)
Chilion. Es dämmert doch allenthalben so
gelblich, als wenn das ganze Land vom Neumond erleuchtet würde?
Guel. Komm, wir wollen das ganze Land
durchziehen, und alle die Kunstwerke besehen, die er gemacht hat. Spürst du
auch, wie schimmlich und dumpf hier der Geruch der Luft ist.
Chilion. O ja, ich empfinde dieses
widrige Wesen sehr stark. Ach. Guel, was ist dort?
Guel. Ich dachte wohl, daß so etwas
herauskommen würde, das wird seine Wohnung sein, denn es ist ein Palast im
griechischen Geschmack.
Chilion. Ja, ich erkenne schon die
Säulenordnung und verschiedene Statuen auf ihren Fußgestellen; das ganze Ding
glänzt ja, als wenn's mit Phosphorus übertüncht wäre.
Guel. Das ist ganz natürlich, denn jede
menschliche Idee, die wahr scheint, hat ihr eigenes, aber schwaches Licht,
das die Dinge anders darstellt, als sie in sich sind. Du sollst nun bald sehen,
welch eine schreckliche Verwüstung und Verwandlung hier entstehen wird, wenn
nur ein Strahl des himmlischen Lichts durch dieses jämmerliche Gemächte
hinfährt.7) Siehe dort eine mediceische Venus, und da einen
schlafenden Endymion! Welch ein armes Licht schimmert von diesem kindischen
Spielwerk umher.
Chilion. Ich habe nötig, mich ins Element
des göttlichen Erbarmens zurückzuziehen, damit ich nicht in Zorn gerate.
Guel. Wir wollen unseren Auftrag
beschleunigen, damit wir hier wegkommen.
Chilion. Da wandelt uns ja ein Wesen
entgegen, als wenn es Jupiter Olympius selbst wäre.
Guel. O der Eitelkeit, der arme Ekron
hat sich eine Larve nach der Idee seines Idols geschaffen; er ist es
selbst. Ekron, komm hierher zu uns. Wie geht es dir?
Ekron. Es geht mir, wie einem Träumenden,
der sich ermüdet, indem er sich zur Reise rüstet, er will fort, und wenn er auf
dem Weg ist, so hat er immer etwas Wesentliches vergessen, nur mit dem
bedauernswerten Unterschiede, daß er sich im Traum befindet, und bei mir alles
Wahrheit ist.
Guel. Gab dir nicht der Erhabene
Freiheit und Macht, dir ein Fürstentum aus dem Chaos zu schaffen, so wie du es
wünschest?
Ekron. Ja! - Aber ich tauge zum Schaffen
nicht!
Guel. Warum nicht?
Ekron. Ich weiß nicht, was zum himmlischen
Leben gehört.
Guel. Du hast ja aber doch deine Seele
mit lauter Bildern des Elysiums angefüllt?
Ekron. Ach, ich erfahre mit herzlichem
Jammer. daß das lauter leere Schatten ohne Wesen gewesen sind.
Chilion. Warum hast du aber deine
armselige Schöpfung nicht wieder vernichtet und etwas Besseres gemacht?
Ekron. Ich kann nur schaffen, aber nicht
vernichten8)
Chilion. Nun, so hättest du auch gute und
nützliche Ideen in dein Feld säen sollen.
Ekron. Ich Armer, ich konnte ja nicht
säen, was ich nicht hatte; gute wahre Ideen sind mir nie wesentlich geworden.
Guel. Lieber Bruder Chilion, Du bist
noch ein Neuling in himmlischen Dingen, sonst müßtest du wissen, daß alles, was
einmal geschaffen ist, nie wieder vernichtet werden kann, weil jedes Ding
dadurch ein Recht bekommt, zu existieren; und dann heißt schaffen nichts
anderes, als Ideen realisieren; man muß also notwendig die Ideen haben, die man
wirklich machen will.
Chilion. Ich danke dir innigst, du
Herrlicher, daß du mich belehrt hast.
Ekron. Ach, du Himmlischer, sage mir doch
auch, was ich tun soll? Am meisten bedaure ich die armen Geister, die meiner
Führung anvertraut sind; sie darben, hungern und dürsten nach Wahrheit und
Licht, und ich kann sie nicht sättigen.
Chilion (in einer dem Ekron unverständlichen
Sprache): Was haben aber diese Armen verschuldet?
Guel (in der nämlichen Sprache): Glaube
nur, daß der Erhabene in seinen Gerichten gerecht ist, sie verdienen, was sie
leiden. (Zu Ekron): Ich will dir sagen, was du tun sollst, und wie du,
durch schwere Leiden und Prüfungen geläutert, wieder gut machen kannst, was du
verdorben hast, damit du endlich zu Gnaden angenommen werden mögest.
(Guel reckt seine
Hand gegen Morgen und ruft mit starker Stimme: "Mache dich auf, werde
Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über
dir'" In dem Augenblicke strahlt der ewige Morgen einher, wie im
Kinderreiche; Ekron wird in ein lebendes, scheußliches Totengerippe und alle
seine Geschöpfe werden in lebendige höllische Ungeheuer verwandelt.)
Ekron. Schrecklicher, erbarme dich! Was
wird aus mir?
Guel. Du und deine Werke, Ekron, werdet,
was ihr im Geist und in der Wahrheit seid, - ihr werdet nicht verwandelt
sondern nur eurer armen Hülle beraubt
Ekron. Ach, sagt mir, ihr Himmlischen,
was ich tun muß, um von diesem Tode befreit zu werden?
Guel. Ist dein Wille unwiderruflich
bestimmt in allem den Willen Gottes zu erfüllen?
Ekron. Ja, ewig und unwiderruflich.
Guel. So erforsche von nun an den
Charakter eines jeden dir untergeordneten Geistes: demütige dich unter jeden,
und dulde unermüdlich seine Unarten und Bosheiten, so wirst du sie nach und
nach alle gewinnen. Solltest du in irgend einem Falle ungewiß sein, was des
Herrn Wille ist, so richte deinen Blick gegen Morgen, und bete um Licht und
Weisheit so wird er dir offenbar werden. Deine Gestalt wird alsdann nach und
nach mit einem verklärten Körper überkleidet und die scheußlichen Ungeheuer um
dich her immer veredelt und endlich in himmlische Gestalten verwandelt werden.
Tue das alles, Ekron, so wirst du leben und dereinst des Herrn
Herrlichkeit sehen.
Ekron. Mein Vorsatz, das alles zu tun,
soll durch keine Macht geändert werden, und ich preise den Herrn, der dich mir
zum Retter gesandt hat.
Chilion. Siehe, mein Bruder, wie ihn ein goldenes
Wölkchen umgibt, kaum ist seine Todesgestalt noch sichtbar.
Ekron. O wie gut ist Gott daß er schon
jetzt meinen Glauben und meine Hoffnungen stärkt. - Grinst nur und sperrt den
Rachen gegen mich auf, alle ihr Trauergestalten um mich her, ich verfluche euch
und wurzle euch aus meinem Wesen aus!
Guel. Dein Anfang ist vortrefflich. -
Das Versöhnungsmittel wirkt,10) erfülle nun auch des Herrn Willen an
deinen Brüdern und so wird das Ende herrlich sein. Euch Ungeheuer aber alle
umhülle die Materie des Chaos, geht in derselben in Tod und Verwesung über,
damit der Urkeim des Guten, der in euch liegt, entwickelt und dereinst zum
nützlichen Gebrauch im Reiche Gottes erreifen möge.
(Alle Gestalten werden in eine
schwarzbraune Wolke verschlossen.)
Chilion. Ach, Bruder, wann werde ich auch
einmal fähig sein, solche erhabenen Werke auszuführen 11)
Guel. Dann, wann dieser Wunsch nicht
mehr in dir aufsteigen kann. 12)
Chilion. Gott, ich empfinde, daß ich nach
hohen Dingen getrachtet habe; verzeiht mir, Erhabener, ich werde mich aufs
Gebirge gegen Abend begeben und da für mein Verbrechen büßen. Nein, ich bin
noch nicht geschickt zum Reiche Gottes.
Guel. Herr, vergib diesem Bruder - er
verdunkelt, entziehe ihm dein Licht nicht!
Chilion. Ich liebe ihn - den Erhabenen -
aus allen meinen Kräften, ich muß für meinen Fehler büßen.
Guel. Ich gehe mit dir und leide mit
dir.
(Ein Vertrauter des Herrn erscheint ihnen
und sagt ihnen mit himmlischer Freundlichkeit):
Der Erhabene hat
mehr Gefallen an Liebe, als an Leiden, jeder gehe an seinen Ort! -
1) Dieser Abschnitt
verweist erneut darauf. daß eine allzu innige Verbindung mit der Materie die
Seele allzu sehr derselben verkettet. Dadurch aber wird die Befreiung derselben
von der Erde eines Tages verhindert. Das erkannte auch Stilling, denn er sagt.
daß das vernünftige Forschen der Kunst und der Geschichte des Altertums nicht
zu tadeln sei. Dies gilt auch für die zweite Szene, die Naturforschung. Nur den
Mißbrauch zu rügen ist mein Zweck; es ist ganz etwas anderes, ein Studium als
Mittel anzusehen, als wenn man's zum Endzweck seines Lebens macht.
2) Diese Gefahr ist
besonders stark, wenn das intellektuelle Denken über das seelische gestellt
wird, wie es beispielsweise bei uns zur Zeit der Fall ist. Wer allzu sehr nur
nach dem geht, was das nüchterne Verstandesdenken bejaht, wird seiner Seele die
Kräfte entziehen, von denen allein sie leben kann.
Wer nicht das Licht
vor Augen hat, kann seinen Weg niemals finden. Darum sagt Stilling: Man muß
wohl bemerken, daß das Streben nach höherer Vollkommenheit auch in jenem Leben
und zwar ewig fortdauert; denn es gehört zum Wesen der Natur.
Was aber sagt unsere
Zeit gerne? "Mach hier dein Leben gut und schön, kein Jenseits gibt´s,
kein Wiedersehen."
3) Ist es nicht
fürchterlich, so zu denken, dies wirklich zu glauben? Darum aber ist es
unbedingt erforderlich, sich mit Fragen über den Jenseitszustand genauestens zu
erforschen, vor allen Dingen endlich den Weg zum Erlöser zu finden. Das ist
auch Stillings Ansicht. sonst würde er nicht so warnend mahnen: Prüfe dich
einmal unparteiisch, lieber Leser, ob es dir Freude der Seligkeit sein würde,
Jesum Christum sinnlich zu sehen und mit Ihm umzugehen? - Die Antwort deines
Gefühls entscheidet über deinen ganzen Seelenzustand.
Und wenn wir uns
fragen würden?
4) Viele unter uns
würden vielleicht mit einem mitleidigen Lächeln die Achseln zucken und sich
nicht klarmachen. daß Jesus Christus wirklich "Der Weg, die Wahrheit und
einst das ewige Leben für uns darstellen wird." Was aber tun wir? Genau
wie Sti1ling es schildert. wir packen unseren Gehirnkasten randvoll mit lauter
Erdennichtigkeiten an, die dort Drüben nichts mehr sein werden, ebenso wenig
wie das Blatt am Baum vom Bestand ist. Auf die Wurzel kommt es an. Sie ist der
Lebensspeiser. Genau so ist es mit uns. So war es schon zu Zeiten Sti1lings,
sonst hätte er nicht darauf hingewiesen. daß man einmal einige Künstlerreisen
nach Italien und Griechenland lesen sollte. Der eigentliche Grund des
Vergnügens liegt in der Entdeckung, wie weit es die Menschen in der Nachahmung
der Natur haben bringen können, und dann auch vorzüglich in den erhabenen
Idealen, die sich jene Künstler gedacht haben und zu denken fähig waren. Das
ist nun freilich etwas Großes, aber ganz und gar nichts gegen einen Menschen,
der sich selbst nach dem höchsten Ideal der Menschheit. nach Christo Jesu
gebildet hat.
Hier allerdings
möchte man sich oft fragen. ist das überhaupt noch möglich in der rasenden Hast
und Ehrsucht unserer Tage? Sich nach Christus bilden?
5) Wir haben Sein
Bild ja nicht mehr so klar, so abgegrenzt vor Augen. Im Gegenteil. wir haben
uns mit allen unseren Zeitwünschen und Leidenschaften angefüllt und daher nur
noch wenig Raum für das Göttliche. Das war noch im Mittelalter anders. Vor
allen Dingen hat die Geschichte der christlichen Religion so erstaunlich viele
edle Züge der Menschenwürde aufbewahrt. und doch wird niemals ein Modestudium
daraus, wohl aber aus dem Unsinne des Heidentums. Leser, untersuche einmal,
woher das komme? - Dank sei es Raphael, Tizian, Leonardo da Vinci, Guido Reni,
Carlo Dolci und anderen mehr, daß sie so vortreffliche religiöse Kunstwerke
darstellen, wodurch denn doch noch manchem Kunstliebhaber das Herz gerührt
wird.
Auch daran krankt
"unsere" Zeit. daß sie nicht mehr die Kunst auf Grund ihrer
harmonischen Gestaltung des Schönen und Edlen wertet, sondern die
verstandesgemäße Einschätzung selbst hierbei regieren läßt. Auf diese Weise ist
manche Kunstform der Jetztzeit das Zerrbild der Epoche geworden, ohne durch
ihren veredelnden Einfluß das Zukunftsgemälde der aus unserem Chaos sich
entwickelnden neuen Kunstform zu schaffen. Was ist Kunst anderes. als die
Ausdrucksweise jeder Zeit. Wenn die Menschen also Gott nicht mehr lieben, Ihn
nicht mehr als Höchstes verehren, dann wird ihre künstlerische Gestaltungskraft
leiden, und sie werden nur noch Zeitbilder hervorbringen. Erst wenn ein Mensch
gläubig ist, wenn er sich der Dreieinigkeit des Höchsten hingibt, kann er das
formen, was diesem Gottland am nächsten liegt.
Eine Gläubigkeit jedoch,
die Beweise sucht, wird zu einer glaubenszersetzenden Philosophiererei, wie
auch Stilling sagt:
6) "Was aber
ist das allergeordnetste - recht nach allen Regeln des Systems errichtete
Lehrgebäude der Philosophie anderes als ein Babel. Man lese nur die Schriften
und Rezensionen. Wo ist allein die Wahrheit?
Antwort: bei der
Quelle. Also überall da, wo Gott wirkt. - Und da ist das Licht das erste, bei
Menschenwerken aber das letzte, weil es da Wirkung des Gemachten ist. -
Sehr nachdenklich
stimmt der Augenblick, wie Ekron - Jupiter Olympius gleichend - im Jenseits
wandelt. Haben nicht auch wickr oftmals irgend ein Steenpferd, auf dem wir
"in die Irre reiten?"
Und doch kann
wiederum nichts mehr erheben, die Seele zum Schwingen und Klingen bringen, als ein
vollendetes Kunstwerk, das das Menschenich schaffen kann. Deshalb kann auch
niemand den Einfluß des Göttlichen lebhafter aufnehmen, als der Kunstliebhaber.
7) Das Gleiche
empfand aber auch schon Stilling: Niemand kann das lebhafter empfinden, als ein
philosophisches oder Kunst-Genie, wenn es vom heiligen Geist erleuchtet wird. -
Man kann dann nicht begreifen, wie man Gefallen an vergänglichen Kindereien
haben konnte.
Wie läßt Stilling
Ekron erklären: "Ich kann nur schaffen. aber nicht vernichten."
8) Dazu sagt er:
Diese große Wahrheit bitte ich zu beherzigen; wir alle können vieles zum Sein
bringen, aber seine Wirkung kann nur der Erlöser vernichten, oder zum Zweck
leiten.
9) Wirklich, wenn
wir Menschen wüßten, welche geistige Urgestalt wir haben, wir würden sicherlich
viele Dinge wesentlich anders behandeln, auch mehr auf die Gedankenarbeit
unseres Gehirns achten. Eines Tages werden wir entblößt sein von dem, was uns
heute noch gehört und dann? Wie werden wir dann ausschauen, wenn. wie Stilling
so wunderbar sagt: Das himmlische Licht, welches die Wahrheit selbst ist, in
Menschenwerke strahlt, so zeigen sie sich auch nach der Wahrheit, wie sie in
sich selbst sind.
Forschen wir also
unermüdlich, was wir anstreben, was wir ersehnen. Erst wenn man die nachfolgenden
Worte Stillings in sich als ratsame fühlt, ist man gerettet.
10) Wenn man mit Gott versöhnt ist, so
spürt man anstatt des ehemaligen Widerwillens gegen das Göttliche, nunmehr
brünstige Liebe dazu; denn das ist ja die Wirkung jeder Versöhnung; dagegen
aber empfindet man Abscheu gegen seine eigenen bösen Werke.
11) Sollte irgend
jemand die Frage aufwerfen: ob man denn im Himmel auch noch sündigen könne, -
so diene ihm zur Antwort: Nein! Sündigen kann man wohl nicht mehr, aber irren,
fehlen ist vielleicht mehr möglich. - Doch jeder kann davon halten. was er für
wahr ansieht.
12) Auch die Himmel
sind nicht rein vor ihm.
Neunte
Szene.
Alon, Chanania, Deguel und Usiel.
Alon (im Schattenreiche). Das war also
das Ausschlupfen des Schmetterlings aus seiner Puppe! -ungefähr so hab' ich
mir´s auch vorgestellt. Diese weite, dämmernde Wüste, dieser Hades ist
die merkwürdige Pause zwischen der ersten und zweiten Stufe der menschlichen
Existenz! - Große Erwartungen erfüllen meinen Geist, und im bin neugierig, was
jener große und sanft strahlende Morgen Gutes bringen wird? - O wie freue im
mich jetzt, daß ich mein Leben der Tugend gewidmet habe. - Wie muß es hier dem
Lasterhaften zu Mute sein! - Ich will zu jenem Morgen hinschweben und sehen,
was es da zu wirken gibt; denn Gutes tun, muß doch auch hier meine Bestimmung
sein.l) Da sehe ich eine ungeheure Menge abgeschiedener Menschen.
Warum schwingen sie sich nicht über das
Gebirge hinüber - oder können sie nicht? -Ich meines Orts werde hier nicht
lange verweilen, so untätig zu sein, ist meine Sache nicht. Da kommt mir einer
entgegen, ich muß ihn doch anreden und sehen, ob ich nicht etwas Nützliches
stiften kann. Wer bist du? Warum wandelst du so einsam und so müßig?
Chanania. Ich erwarte ruhig und in Demut,
was der Wille Gottes über mich ist.
Alon. Der Mensch muß aber doch das
Seinige tun, um den Willen Gottes zu erfahren! - Hier gibt es nichts zu wirken,
wir müssen uns dem Licht nähern und über das Gebirge gehen.
Chanania. Bist du des Lichtes fähig, und
weißt du, ob du die Himmelsluft ertragen kannst? Ich bin wenigstens noch nicht
geschickt dazu, denn so oft ich mich ihm nähere, werde ich so beklemmt, als
wenn ich ehemals an einem Orte war, wo ich nicht Odem holen konnte.
Alon. Das muß ich doch versuchen. (Er
schwingt sich weg, kommt aber bald wieder, er ist wie betäubt und kann sich
kaum erholen.) Das begreif ich nicht. - Ich hab' doch in meinem Leben
alles getan, was ich konnte, um den Willen Gottes zu erfüllen.2)
Chanania. Hast du
alles getan, was
du konntest? - Ich erstaune über dich! In meinem Innersten verhält sich's
ganz anders; je mehr ich mich prüfe, desto mehr finde ich, daß alle, auch meine
besten Werke unrein und mit Eigenliebe befleckt sind, und dann entdecke ich auch
eine ungeheure Menge schlechter Handlungen auf meiner Rechnung. Ich, meines
Orts, fühle mich verdammniswürdig, und meine einzige Hoffnung gründe ich bloß
auf die Gnade Gottes in dem Erlöser; denn mein Wille war seit langer Zeit fest
und unwiderruflich bestimmt, Ihm zu leben und zu sterben.
Alon. Ich merke wohl, du hängst noch an
den Symbolen der Kirche. - Laß diese Ängstlichkeit fahren. - Ich war viele
Jahre protestantischer Prediger, ich hab' die Sache durchgedacht und die
ungereimten Begriffe vom Falle Adams, von der Genugtuung Christi, oder
von der Versöhnung der Menschen mit Gott lange weggeräumt; gerade als wenn sich
die ewige Liebe, der ewig unveränderliche. gute Gott erzürnen könnte, so daß
man Ihn wieder gut machen, seinen Zorn stillen müßte; und das mit dem Blute
eines unschuldigen, edlen Menschen.3)
Chanania. Die Sprache kenne ich - aber ich
habe nie getraut. Die menschliche Vernunft kann irren, und in dieser Sache
irren ist sehr gefährlich. Denn im Falle nun doch die Versöhnungslehre wahr wäre,
wie sie es in der Tat ist, was wagt dann ein Lehrer, der sie seinen Zuhörern
und besonders der Jugend zweifelhaft macht oder gar wegvernünftelt? Beraubt er
sie nicht dadurch des einzigen Mittels, sich vom ewigen Verderben zu retten? -
Und doch ist er überzeugt, daß seine Vernunft in über- sinnlichen Dingen nicht
zuverlässig ist.4)
Alon. Ja, die menschliche Vernunft kann
irren, allein es gibt doch anerkannte Wahrheiten, gegen die sich nichts
einwenden läßt.
Chanania. Da hast du Recht! - Indessen
konnte sich einst ein vernünftiger, aber freilich unstudierter Mann nicht genug
über die Verblendung der Gelehrten wundem, daß sie glaubten, die Erde drehe
sich um ihre Achse, und die Sonne stehe still.
Alon. Du mußt mir keinen Mann
entgegensetzen, der nicht die geringste Kultur hat.
Chanania. Daraus folgt also, daß alle
Gelehrten, wenigstens in den Wahrheiten, die du für anerkannt hältst,
einerlei Meinung sein müssen.
Alon. Das nun wohl eben nicht.
Chanania. Wie! - Können denn aufgeklärte
Männer nicht über eine Sache verschieden urteilen, und doch alle Recht haben?
Alon. Nein, sie können nicht alle Recht
haben.
Chanania. Wie kannst du aber versichert
sein, daß deine Religionsbegriffe die wahren sind, da es doch auch gründlich
gelehrte Männer gibt, die in allen Stücken das Gegenteil behaupten?
Alon. Meine Grundsätze sind vor dem
Richterstuhl der gesunden Vernunft entschieden.
Chanania. Das behaupten aber deine Gegner
auch, folglich muß eine Partei fehlen.
Alon. Ich bin meines Satzes gewiß; denn
ich behaupte keine Ungereimtheiten, keine unanständigen Dinge von der Gottheit.
Chanania. Eben das sagen auch die Männer,
die die Versöhnung durch das Leben und Sterben Christi glauben.
Alon. Nun, wir wollen's auf den
Ausspruch des gerechten Richters ankommen lassen.5)
Chanania. Freilich ist nun nichts anders
mehr übrig, doch muß ich dir noch eins an's Herz legen. Gesetzt, ein großer
Herr verteilt die Verwaltung seiner Güter unter seine Diener, und nun verreist
er auf lange Zeit; bei seinem Abschiede aber befiehlt er, daß sie sich alle in
zweifelhaften Fällen in seinen Hausakten und bisher gegebenen Verordnungen Rats
erholen sollen. Einige tun das auch treulich, ohne über diesen und jenen Punkt
zu räsonieren, und wenn ihnen etwas nicht einleuchten will, so denken sie:
unser Herr muß wohl seine guten Ursachen gehabt haben, so zu urteilen, diese
oder jene Einrichtung zu treffen, und befolgen also seinen Willen. Andere aber
sagen, die Gesetze und Verordnungen enthalten vernunftwidrige Dinge, wir wollen
nach unserem eigenen besten Wissen und Gewissen die Güter verwalten. Nun was
dünkt dich, welche unter beiden Partien hat den sichersten Weg gewählt? -
Besonders, wenn nun noch von beiden Partien gar nicht gezweifelt wird, daß ihr
Herr unendlich mehr Verstand habe, als sie alle miteinander.
Alon. Dein Gleichnis hinkt. - Dieses
Herrn erstes Gebot ist: kultiviere deine Vernunft, so sehr du kannst, und dann
folge ihr!
Cnanania. Auch in übersinnlichen Dingen, zu
denen die Vordersätze sehr tief verborgen liegen, oder die wir von selbst nie
erreichen können?
Alon. Wenn im irdischen leben solche
Kenntnisse nötig sind, welches noch die Frage ist, so haben wir ja eine
Offenbarung Gottes an die Menschen.6)
Cnanania. Du gestehest doch, daß in jedem
menschlichen Geiste eine strenge Forderung zur Tugend liegt; und daß er auch
zugleich einen stärkeren Hang habe, nicht tugendhaft zu sein?
Alon. Das kann nicht geleugnet werden.7)
Chanania. Findet denn deine Vernunft da
nicht einen offenen Widerspruch?
Alon. So scheint es; allein der Mensch
muß seinen stärkeren Hang zur Sinnlichkeit überwinden.
Chanania. Hat er die Kräfte selbst zum
Kämpfen und überwinden?
Alon. Allerdings! ![]()
Chanania. Er muß sie also doch wohl brauchen
wollen, wenn er kämpfen und überwinden will?
Alon. Das ist unstreitig.
Chanania. Kann ein Mensch diese Kräfte
brauchen wollen, der einen überwiegenden Hang zum Bösen hat?
Alon. Nein, freilich nicht. - Allein die
Vernunft stößt in sittlichen Dingen oft auf Widersprüche, wo sie sich nicht
heraushelfen kann.
Chanania. Und doch braucht hier der Mensch
sichere Kenntnisse, die ihn zur Sittlichkeit leiten, die er aber gewiß in jenen
Widersprüchen nicht findet.
Alon. Eben darum haben wir auch eine
göttliche Offenbarung an die Menschen.
Chanania. Du gestehest mir also nun ein, daß
uns eine Offenbarung nötig ist?
Alon. Ja, und daß die Bibel sie enthält,
das hab' ich immer geglaubt.
Chanania. Wohl, diese Bibel lehrt aber den
Fall Adam's, die Genugtuung Christi, und dessen Versöhnung der
Menschen mit Gott; ja sie lehrt die wesentlichsten Stücke der Symbole der
protestantischen Kirche.
Alon. Dem Buchstaben nach freilich; aber
ob das ihr wahrer Sinn sei, das ist eine andere Frage.
Chanania. Dieser Sinn muß doch so in den
Worten liegen, daß er aus denselben erkannt werden kann.
Alon. Notwendig!
Chanania. Es ist also unmöglich, daß das
Gegenteil von dem, was in dem Buchstaben liegt, behauptet werden könne?
Alon. Das ist allerdings unmöglich.
Chanania. Da also die Lehre vom Falle Adam's
und der Versöhnung der Menschen mit Gott durch Christum in der Bibel
positiv behauptet wird, so kann das Gegenteil von beiden Stücken
unmöglich wahr sein.
Alon. Wie kann es aber doch wahr sein,
da es meiner Vernunft widerspricht?
Chanania. Deiner Vernunft, nicht der meinigen,
nicht aller Menschen Vernunft; und wenn das auch der Fall wäre, so müßte
der Fehler in der Schwäche der Vernunft gesucht werden, sobald sie mit einer
wahrhaften Offenbarung Gottes in Kollision kommt; in deiner Vernunft
bemerkten wir aber vorhin schon einen Widerspruch.
Alon. Gesetzt auch, ich hätte geirrt, so
hab' ich doch getan, was ich konnte, um tugendhaft zu werden.
Chanania. Das wird sich nun bald zeigen,
wenn dein Richter erscheint.
(Deguel naht sich den bei den Redenden in
verhüllter Herrlichkeit.)
Deguel. Ich habe euer Gespräch gehört;
auch ich hätte wohl dem neuangekommenen Geiste etwas zu sagen.
Alon. Ich bin bereit, dich anzuhören.8)
Deguel. Du warst Lehrer einer protestantischen
Gemeinde?
Alon. Ja, und zugleich auch Vorsteher
verschiedener Prediger.
Deguel. Hast du denn die Begriffe, die du
gegen diesen Bruder behauptet hast, von der hohen Schule mitgebracht? 9)
Alon. Zum Teil, ja, zum Teil hab ich
sie hernach auch noch durch eigenes Forschen verbessert und berichtigt.
Deguel. Hast du denn nicht bei dem
Antritte deines Amtes einen Eid geschworen, die protestantische Religion nach ihren
Symbolen zu lehren.10)
Alon. Ich merke wohl, daß du sagen
willst, ich hätte entweder meinen Eid halten oder gar nicht schwören sollen.
Aber wo ist denn eine Religionsverbesserung möglich?
Deguel. Deinem Satze zufolge darf also
jeder Religionslehrer lehren, was er will?
Alon. Das nicht; was er lehrt muß doch
mit der Vernunft und Offenbarung übereinstimmen.
Deguel. Das glaubt jeder Fanatiker,
Schwärmer, Abergläubige und Ungläubige von seinem eigenen System.11)
Alon. Das ist freilich wahr: allein es
gibt doch allgemein entschiedene Irrtümer und Wahrheiten; daß also der
geistige Vorstand darauf sehen müsse, daß allenthalben gegen die ersten
gepredigt und die andern gelehrt werden, versteht sich von selbst.
Deguel. Du gibst doch zu, daß dieser
geistliche Vorstand diese Irrtümer und Wahrheiten gesetzmäßig bestimmen
und alsdann die neu anzustellenden Lehrer darauf verpflichten müsse, daß sie
gegen die ersten predigen und die anderen lehren sollen?
Alon. Das muß ich freilich zugeben, denn
sonst könnte ja jeder Irrgeist lehren, was er wollte.12)
Deguel. Ganz recht, bestimmten nun aber
nicht die protestantischen Symbole damals allgemein anerkannte Irrtümer und
Wahrheiten?
Alon. Allerdings! Aber das sind sie nun
nicht mehr.
Deguel. Ist das allgemein herrschende
Gewißheit bei dem Vorstande der beiden protestantischen Kirchen?
Alon. Nein, das könnte ich nicht sagen!
Deguel. Folglich sind eure Symbole noch
immer Kirchengesetze, die jeder Lehrer heilig beobachten muß: und wenn er das
nicht mehr kann, muß er sein Amt niederlegen.
Alon. Ich komme wieder aufs Vorige: wie
ist aber dann Fortschritt in der Aufklärung und Wachstum in der Erkenntnis
möglich?
Deguel. Was dünkt dich, was aus der
Religions- und Kirchenverfassung werden würde, wenn sich jeder einzelne
Lehrer das Recht anmaßen wollte, die Symbole zu verbessern und sein eigen
System herrschend zu machen?
Alon. Das kann freilich schlechterdings
nicht angehen.
Deguel. Siehst du nun ein, wie notwendig
Symbole sind, und daß jeder Lehrer schlechterdings nach denselben lehren und
sein Amt führen müsse?
Alon. Aber Lieber, beantworte mir doch
die Frage: wie ist dann Fortschritt in der Aufklärung möglich?
Deguel. Die sollst du selber beantworten:
Gestehest du ein, daß durch die Reformation die Aufklärung befördert worden
ist?
Alon. Das ist der rechte Punkt, der die
Sache entscheidet; allerdings, und zwar in hohem Grade, aber hat Luther nicht
auch seinen Eid gebrochen, indem er den Symbolen seiner Kirche entgegen
arbeitete?
Deguel. Wenn ein Kirchenvorstand Gesandte
ausschickt, die nicht allein den Symbolen widersprechende, sondern die
Menschheit empörende Dinge tun und lehren, was fordert dann der Eid des
Volkslehrers?
Alon. Er muß alsdann die Wahrheit
unerschrocken sagen und verteidigen. Ich sehe nun wohl ein, daß das im
Anfang bei Luther der Fall war, denn der Ablaßkram war in allem seinem
Mißbrauch gar nicht in den Symbolen der Kirche gegründet. Aber er griff auch
hernach die Symbole selbst an, die er doch beschworen hatte!
Deguel. Wenn zwei einen Vertrag
miteinander machen, und der eine bricht ihn, ist dann der andere an sein
Versprechen gebunden? 12)
Alon. Nein!
Deguel. Du
mußt doch gestehen, daß das bei Luther der Fall war. - Zudem wurde seine
eigentliche Obrigkeit nebst vielen andern seiner Meinung, und sie nahm ihn in
Schutz. Der römische Hof verfolgte ihn, tat ihn in den Bann, und indem ihn also
der, dem er geschworen hatte, nicht mehr für seinen Untertan erkannte, so war
er ja seiner Eidespflicht entledigt.
Alon. Ich sehe nun wohl ein, daß die
Reformation für mich nichts beweist.
Deguel. Wenn sie nichts für dich beweist,
so beweist sie gegen dich: daß du höchst strafbar gehandelt und ein Empörer in
der Kirche Gottes gewesen bist.
(Deguel strahlt prächtig in himmlischer
Majestät. Alon erschrickt, Chanania feiert.)
Alon. Engel des Herrn, ich habe geirrt,
aber doch nach meiner innigsten Überzeugung gehandelt, und mein Wille war,
immer das zu tun, was ich fürs Beste erkannte.
(Usiel schwebt auf einem goldfarbigen
Gewölk. mit einem purpurnen Widerscheine umkränzt, über das Gebirge herab, er
strahlt einher, wie die Sonne über einem Donnerwetter und stellt sich mit
feierlich ernstem Blicke vor Alon hin, der sich mit einem tiefgebeugten
Armensündergesicht zu Bo- den neigt.)
Usiel (zu Deguel). Sei mir gegrüßt,
lieber Bruder Deguel! was machst du hier?
Deguel. Ich hörte diese beiden
Neuangekommenen, ihnen unsichtbar, sich miteinander unterreden; dieser (auf Chanania
zeigend) führte die Sprache eines Gläubigen, jener aber (Alon) ist
ein christlicher Stoiker; ich habe angefangen, ihn zur Erkenntnis seiner selbst
zu führen, allein ich hatte keinen Auftrag, ihn zu richten.
Usiel. So eben sah ich im Lichte und
Rechte den Befehl des Erhabenen, Alon's Blick auf seinen ganzen Wirkungskreis
zu leiten, damit er erkennen möge, was seine Taten wert sind.
Alon. Heiliger, habe Mitleiden mit mir!
Du wirst finden, daß mein ganzer Wille immer entschlossen war, nach meiner
besten Erkenntnis zu handeln, und die Gebote des Herrn zu erfüllen.
Usiel. Nun so entwickle die Rolle deines
Gewissens!
Alon. Da erscheint mein ganzes Leben vor
mir, alle meine Gedanken, Worte und Werke sind entkleidet. Gott, wie viele
Unvollkommenheiten entdecke ich, aber laß Gnade für Recht ergehen, - ich habe
ja mich selbst nicht gemacht, und was kann ich dafür, daß ich einen
überwiegenden Hang zur Sinnlichkeit hatte? Bedenke, daß mein Wille aufrichtig
gewesen ist.
Usiel. Du sagst: Dein Wille sei immer
unüberwindlich entschlossen gewesen, deinem Grade der Erkenntnis des Guten zu
folgen. Gab es aber nicht von jeher viele Verfolger der Wahrheit, die da
glauben, es sei recht und dem Willen Gottes gemäß, jene, die nicht ihrer
Meinung waren, zu allerhand Strafen zu verurteilen? - Hast du nie deine
Amtsbrüder, die anders dachten, wie du, öffentlich getadelt, verhöhnt, in
Gesellschaften gerichtet, und ihnen dadurch viele Leiden verursacht? - Blicke auf
jene Gegend in der Rolle deines Gewissens!
Alon. Ja, ich habe das oft und
vielfältig getan, aber ich handelte nach meiner Erkenntnis, und ich glaubte,
den Irrtum überall bekämpfen zu müssen.
Usiel. Bemerke diese Stellen in deinem
Leben genau, so wirst du finden, daß Stolz, Eigenliebe und Rechthaberei mehr
Anteil an deinem Richten, Verurteilen und Disputieren hatten, als die Liebe zur
Wahrheit.
Alon. Ach ja, auch das finde ich; aber
ist denn die menschliche Natur nicht so geartet, und hab' ich mich denn selber
gemacht?
Usiel. Es ist die Frage, ob du alle deine
Kräfte angewandt hast, deine verdorbene Natur zu bessern und zu bekämpfen? Hast
du alle Wahrheiten, auf deren Erkenntnis deine Willensbestimmung zu
deiner wahren Vervollkommnung beruht, nach allen deinen Kräften geprüft?
Alon. Ja, das war immer mein Zweck.
Usiel. Sieh, wie du dich täuschest; -
Prüfe doch den Geist, der in allem deinem Forschen herrschte! Zwei Systeme
standen vor dir, du konntest wählen; das eine empfahl die Verleugnung deiner
sinnlichen Lüste und Begierden, kämpfen bis aufs Blut gegen die Sünde und alle
Regungen deiner verdorbenen Natur, und ernstliches Bestreben nach wahrer
Reinheit des Herzens und der Heiligung; das andere empfahl dir bloß
Wohltätigkeit und Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, deine verdorbene Natur
aber ließ es unangetastet, weil es dich täuschte, die Natur sei nicht so
verdorben, sondern nur durch den größeren Reiz zur Sinnlichkeit ausgeartet, der
sich aber allmählich durch Ausübung so vieler guter Handlungen vermindern
würde. Nun sage mir aufrichtig, warum hast du nicht das erste, sondern das
zweite gewählt?
Alon. Bei dem ersten fand meine Vernunft
Widersprüche, bei dem andern nicht.
Usiel. Und welche Widersprüche fandest du
bei dem ersten oder christlichen System?
Alon. Die damit verbundene Lehre vom
Falle des ersten Menschen, von der Erlösung durch Christum, vermittels seines
Leidens und Sterbens, und von den außerordentlichen Gnadenwirkungen des
heiligen Geistes.
Usiel. Wenn du das nun auch alles nach
dem wahren Sinne der Bibel geglaubt hättest, würde dich das in der Ausübung
aller anerkannten Sittenpflichten und in dem Fortschritte deiner
Vervollkommnung gehindert haben?
Alon. Nein! Das kann ich nicht sagen;
doch war mir das andere System lieber, weil es auch zur Vollkommenheit führt,
und doch vernunftmäßig ist.
Usiel. Glaubst du, daß Gott vollkommen
gerecht, weise und die ewige Liebe ist?
Alon. Ja, das ist eine ewige Wahrheit,
die ich mit tiefer Anbetung glaube.
Usiel. Du behauptest aber zugleich, daß alle
schrecklichen Laster und Verdorbenheiten des Menschen aus seinen
eingeschränkten Begriffen und größerem Hang zu sinnlichen Vergnügen herrühren,
und daß er so aus der Hand seines Schöpfers gekommen sei. Daraus folgt also
nach deinem System, daß Gott, die ewige Liebe, der Allgerechte, der Allweise,
die Menschen zu ihrem Verderben schuf?
Alon. Wir wissen aber nicht, was für
große und gute Folgen das Böse in der moralischen Welt noch dereinst haben
wird.
Usiel. Das beweist gar nichts für dich;
denn die Menschheit ist, nach deiner Meinung zu einem langen und unabsehbaren
Jammer geschaffen, es mag dereinst aus ihr werden, was da will, die Leiden alle
hat sie einmal vorab.
Alon. Dieser Widerspruch findet sich
aber auch im christlichen Systeme.
Usiel. Bist du ein Lehrer gewesen und
urteilst so seicht? - Lehrt dieses nicht, daß Gott den Menschen gut geschaffen,
daß dieser aber freiwillig gefallen sei, und daß ihm nun hinlängliche Mittel
genug an die Hand gegeben worden, seine Bestimmung zu erreichen?
Alon. Verzeihe mir, du Heiliger! Gott
wußte aber den Abfall der Menschen und allen Jammer vorher und schuf ihn doch?
Usiel. Merke wohl, das christliche System
hat Dinge, die der Vernunft im Erdenleben zu hoch, und zu begreifen
unerreichbar sind 14), aber das Deinige hat Widersprüche; Gott ist
nach deinen Begriffen gerecht, heilig und die ewige Liebe, schafft aber doch
Menschen, die von Natur mehr zur Sünde als zur Tugend geneigt sind, und straft
noch über das alles das Laster. Er täuscht sie mit einem Gefühle von Freiheit
des Willens, im Grunde aber sind doch alle ihre Handlungen bestimmt, folglich
notwendig; dem allem ungeachtet richtet er sie so, als wenn sie vollkommen frei
wären.
Alon. Du hast Recht, das sind
Widersprüche.
Usiel. Du sagtest eben, du hättest dein
System deswegen gewählt, weil es vernunftmäßiger sei, als das christliche oder
symbolische deiner Kirche; und dann behauptetest du noch vorher, du hättest
alle deine Kräfte zur Erforschung der Wahrheit verwendet; ist nun beides wahr?
Prüfe den Geist genau, der dein ganzes Leben geleitet hat!
Alon. Ach ich finde mit Beschämung, daß
nun beides nicht wahr ist!
Usiel. Gib Gott die Ehre und bekenne,
warum du dein System gewählt hast?
Alon. Es gefiel mir besser!
Usiel. Warum?
Alon. Ach, mein ganzes Leben liegt ja
enthüllt vor euren Augen, ihr wißt es, seine Forderungen waren mir leichter zu
erfüllen, als die Pflichten des ersten.
Usiel. Siehe, wie du den Erhabenen, dich
selbst und uns belogen hast; Du beriefst dich auf deinen guten Willen, auf
deine Treue in Erforschung der Wahrheit, und auf deinen Fleiß in der Ausübung
des Guten; wo ist nun dein guter Wille? - Und wo deine Redlichkeit im Forschen?
- Nun wollen wir aber auch noch die Menge deiner guten Werke prüfen; du hast
Kandidaten in's Predigtamt befördert, die deiner Meinung waren, und die nun
lauter Schaden anrichten; du hast dir Einfluß an Höfen verschafft und Lehrer
für Prinzen besorgt, die deine Freunde und deinem System zugetan waren, die
aber nun Freigeister bilden, deren Wirkung auf die Nachkommenschaft schrecklich
sein wird. Du hast vielen Fleiß auf die Verbesserung der Schulen verwendet,
indem du Schullehrer bildetest, die aufgeklärt, das ist: Zweifler waren.
Sehr hast du dich gehütet, Anstalten zu begünstigen, wodurch die Kinder zur
Erkenntnis ihrer selbst und zu den Grundbegriffen der christlichen Religion
geleitet werden, dagegen aber war dir's sehr darum zu tun, daß sie brauchbare
Kenntnisse für das kurze Erdenleben bekämen: Dieses hättest du tun, aber jenes
nicht vernachlässigen sollen. Du hast Schriften drucken lassen, worin du dein
System mit sehr lebhaften Farben und mit vieler Kraft der Überredung
vorgetragen hast, die also viele vom rechten Weg verführt haben und noch
verführen werden. Du hast auch hin und wieder Hungrige gespeiset, Durstige
getränket und Nackende bekleidet, aber nicht aus Pflichtgefühl, das ist: aus
Liebe zu Gott, sondern entweder um dir das Vergnügen des Bewußtseins guter
Handlungen zu verschaffen, oder den Richter der Lebendigen und Toten dereinst
damit zu bestechen. Der Glaubensgrund, aus dem alle guten Werke fließen mußten,
fehlte dir also gänzlich, und da du endlich auch das Erlösungswerk des
Weltheilandes gekannt und doch nicht geglaubt hast, so kann es dir auch bei
deiner mit Sünden befleckten Gerechtigkeit nicht zu gut kommen! Sprich dir also
dein Urteil nun von selbst.
Alon. Erbarmen, schrecklicher Richter!
Wie konnte ich zum Erlöser auf diese Weise meine Zuflucht nehmen, da die
Zurechnung einer fremden Gerechtigkeit meiner Vernunft widersprach? 15)
Usiel. Hättest du die Pflichten der
christlichen Religion, die auch der allerungeübtesten Vernunft einleuchten,
nämlich: Bekämpfung eines jeden Keims sündlicher Begierden, Verleugnung alles
dessen, was den Reiz zu sinnlichen Vergnügen nährt, beständige Richtung der Aufmerksamkeit
und des Begehrungsvermögens auf Gott und sein Gesetz, und die immerwährende
Wachsamkeit auf alle deine Gedanken, Worte und Werke fleißig geübt, so würdest
du in dir einen Abgrund des Verderbens entdeckt und gefunden haben, daß in
deinem ganzen Wesen kein Rettungsmittel, zu deiner Bestimmung und
Vervollkommnung zu gelangen, zu finden sei. Dann müßte aber auch deine Vernunft
erkannt haben, daß es der ewigen Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht gemäß
sei, vernünftige Geschöpfe, denen bei allem ihrem Verderben doch noch ein
sehnliches Verlangen nach Vollkommenheit übrig geblieben ist, hilflos zu
lassen; du würdest dann ohne Vorurteil und gründlich die Erlösungslehre
geprüft, den Geist aus der Buchstabenhülle entwickelt, und dann mit hohem Frieden
entdeckt haben: daß der Begriff von der Versöhnung der Menschen mit Gott durch
Christum ganz und gar nichts Vernunftwidriges enthalte, folglich würde in dir
ein wahrer und tätiger Glaube entstanden sein, der nun jetzt in ein Schauen und
Genießen überschwenglicher Seligkeit übergehen könnte.16)
Alon. Ach ich Elender! Wie war's doch
möglich, daß ich mich so täuschen konnte! -Aber ihr Bürger des Himmels - was
vergangen ist, das kann nun nicht mehr ungeschehen gemacht werden, und mein
ganzes Ich strebt doch dahin, den Willen Gottes zu erfüllen; sagt mir, was ich
nun tun soll?
Usiel. Dort zur Linken, gegen Mittag,
fern von hier, an den entlegensten Grenzen des Kinderreichs ist eine dämmernde,
einsame Gegend, wo die Tugendhaftesten aus den rohen und wilden Nationen ihren
Aufenthalt haben; zu diesen wirst du gesendet; ihr roher Sinn wird dir viel
Leiden machen, aber wenn du nun anfängst, jeden Keim des Stolzes, der
Eigenliebe und des Verlangens nach sinnlichen Vergnügen aus deinem Wesen zu
vertilgen, wenn du ihnen ein Vorbild der Demut, der Sanftmut und der
Selbstverleugnung wirst, und sie dann in den Kenntnissen, die sie zum
himmlischen Leben nötig haben, unterrichtest, so wirst du sie nach und nach
alle gewinnen: und so wie das geschieht, wird deine Seligkeit wachsen, und du
wirst endlich zum Anschauen des Erhabenen gelangen.
Alon. Herr, du Heiliger und Erhabener! -
gelobt seist du für dein Urteil, das du durch diesen deinen verherrlichten
Diener über mich aussprichst! - Ich empfinde tief, daß diese Bestimmung allen
meinen Anlagen gemäß ist, - und gehorche mit der willigsten Aufopferung aller
meiner Kräfte.
Usiel. Die geheime Kraft vom Herrn wird
dich belehren und unterstützen; und wir werden uns dereinst mit
unaussprechlicher Freude wiedersehen. Lieber Bruder Deguel, begleite ihn
an seinen Ort.
(Deguel und Alon schweben fort.)
Usiel (zu Chanania). Enthülle dich!
Chanania (im Enthüllen). Er hat meine
Seele erlöset, daß sie nicht in's Verderben fahre, sondern mein Leben das Licht
sehen möge.
Usiel. Ei du frommer und getreuer Knecht!
Du hast reichlich Früchte voller Gnade und Wahrheit gewirkt und erworben, komm
mit mir! Ich will dir dein Erbteil zeigen, das du von nun an ich Reiche des
Lichts auf ewig bewohnen sollst.
(Beide schweben über
das Gebirge weg.)
(Alon und Deguel im
Reiche der Wilden.)
Alon. Sei mir gesegnet, du heilige,
stille Einöde mit allen deinen walddichten Gipfeln, die das ewige Morgenrot
erhellet, mit allen deinen dunklen stillen Tälern, die kein Laut belebt! - Bald
soll hier allenthalben des Herrn Lob erschallen, und mein unsterbliches Wesen
soll sich hier allen Stürmen, wie ein Berg Gottes im Ungewitter,
entgegenstemmen! - Durch Sanftmut will ich alle Geister bekämpfen und sie durch
Demut überwinden! - Dann will ich sie den Gesalbten Gottes kennen lehren und
ihr Mose sein, der sie aus dieser Wüste ins gelobte Land führt!
Deguel. O Alan, dein Glaube ist groß! - Es
geschehe, so wie du gesagt hast! Ich will den Erhabenen bitten, daß er mir
erlaube, dich oft zu besuchen und dich zu trösten, wenn du leidest!
Alon. Mußte doch ein Engel den
Gottmenschen in Gethsemane trösten, wie viel mehr werde ich es nötig
haben! Aber bloß und allein des Herrn Wille soll geschehen; dem übergebe ich
mich ohne Vorbehalt.
Deguel. Nimm hin den Kuß der himmlischen
Liebe - und nun lebe und wirke im Segen! (Er verschwindet.)
Bei Beginn gerade
dieser Szene müssen wir uns gleichfalls fragen, ob wir wohl nicht im tiefsten
Herzen ebenso selbstgefällig sind, ob wir nicht auch nur das Gute bei uns sehen
und uns selbst danach überschätzen. Eben, weil wir im Zeitalter des
intellektuellen "Jonglierens" leben, ist die Gefahr, sich
"zuviel einzubilden", eben aus dem Schulwissen heraus, recht
heimtückisch.
In bezug auf diese
Selbstgefälligkeit Alons sagt auch Stilling:
1) Der fühlt so
recht seine Behaglichkeit, er ist so ganz mit sich zufrieden, daher ist er auch
so geschwätzig, er denkt nicht daran, daß es möglich sein könnte, gefehlt zu
haben, und doch wird er finden, wie wenig er zum Himmel paßt. Seine
Selbstgefälligkeit vergiftet auch seine besten Worte.
Wenn man bedenkt,
daß Stilling diese Schrift vor beinahe 200 Jahren geschrieben hat, dann kann
man recht mutlos darüber werden. daß keine wirkliche Änderung eingetreten ist.
2) Dieser Alon hat
erstaunlich viele Brüder, besonders unter der protestantischen Geistlichkeit. -
Sie sind ihrer Sache so gewiß und so ruhig dabei, daß einem wahren Christen die
Haut schaudert, und ihm ob der Folgen die Haare zu Berge stehen möchten.
Eigentlich ist es
nicht ganz verständlich, wenn ein Mensch als Christi Nachfolger die Menschen zu
Ihm führen will, dann müßte er doch wirklich, von innen
heraus, den Herrn lieben und wissen, daß kein Mensch so rein und sündenlos sein
kann, daß er befreit ist von der Erbsünde. Auch hier hat Stilling mit seiner
zutreffenden Folgerung den Kernpunkt der Sache bloßgelegt.
3) Es ist
unbegreiflich, wie vernünftige Männer den allgemeinen Hang, die überwiegende
Neigung der gesamten Menschheit zur Sünde übersehen, den Fall Adams leugnen
können; und wenn dieser nicht geleugnet werden kann, so ist ja nichts
vernunftmäßiger, als die Erlösung durch Christum.
4) Es wäre sehr zu
wünschen, daß man sich hier des Sicherheitspostulats bediente, nämlich: ist die
altevangelische Lehre, so wie sie die Symbole der protestantischen Kirche
bekennen, wahr, so sind wir die glücklichsten und die Neologen die
unglücklichsten Menschen; und ist sie nicht wahr, so irren wir zwar, aber wir
können auf keinen Fall unglücklich werden; folglich wer Neologie lehrt, der
wagt entsetzlich viel, und wer nach den Symbolen lehrt, gar nichts.
Jeder Mensch, der
eine andere als die christliche Lehre, wenn er sie genau kennt, ablehnt, um
eine andere zu lehren, macht sich schuldig an der leiblichen Opferung des
Herrn. Auch er ist dann Einer von jenen, die einstmals schrien: "Kreuzige
Ihn, denn Er ist nicht Gottes Sohn!"
Und ein Mensch, der,
wie wir heute, soviel lernte, also seinen Verstand trainieren durfte, kann,
wenn er nur will, die Wahrheit und den Segen der christlichen Lehre erfassen.
Zu diesem Kapitel
muß man die Nachworte Stillings hören, weil sie dieselben schlagartig und
gravierend beleuchten.
Wenn er also Alon
selbstgefällig sagen läßt: "Nun, wir wollen's auf den Ausspruch des
gerechten Richters ankommen lassen", dann müssen wir ihm beipflichten,
wenn er in der Anmerkung ausruft:
5) Die Verblendung
und Tollkühnheit dieser Leute ist fürchterlich! - Sie haben ja noch tausende
von Beispielen gegen sich, wo die Versöhnungslehre böse Menschen in heilige
umgeschaffen hat, und eben so viele Beweise von Verirrungen der Vernunft, und
doch dürfen sie noch ans Gericht Gottes appellieren.
6) Alon räumt hier
mehr ein, als die meisten in der Aufklärung schon weiter vorgerückten
Modernisten. Diese glauben an eine solche Offenbarung Gottes an die Menschen nicht
mehr.
Es ist erstaunlich,
wie viele Worte Stillings noch auf unsere Zeit passen. Dieser erneute Beweis,
daß wir seit den Tagen eines Goethe, Schiller, Herder u. a. im ethisch
christlichen Sinne noch nicht weitergekommen sind, ist erschütternd. Oder könnte
das folgende Wort Stillings nicht genau für uns zugeschnitten sein?
7) Auch dieses
scheint man nicht mehr zugeben zu wollen, man fängt an, zu glauben, der Hang
zur Tugend sei auch völlig da, er brauche nur kultiviert zu werden; man nimmts
aber auch mit der Tugend so streng nicht - so wächst der Abfall zusehends.
8) Wie doch der
Irrtum so fest sitzt! Ach, es gehört viel dazu, einen Aufgeklärten unserer Zeit
zu überzeugen.
9) Da sprudelt eben
die Quelle alles Jammers. - Die Jünglinge lernen da die Vordersätze des
Unglaubens und des Zweifels, auf welche sie hernach ihr verderbliches System
gründen.
Ebenfalls ist man
zutiefst erschüttert, wenn Stilling nun in dem Zwiegespräch zwischen Alon und
Deguel auf die Art und Weise des Lehrens der christlichen Religion eingeht,
wenn er darauf verweist, wie zwanglos manches hierbei gehandhabt wird. So ist
seine Anmerkung begreiflich, auch wenn sie einen bösen Krebsschaden aufdeckt.
10) Dies wird auch
nicht mehr so genau genommen, man vereidigt die Prediger nicht mehr so scharf,
und hat überdem so seine reservationes mentales dabei. Sogar setzt man das
Wesentliche des Protestantismus in eine immer fortgehende Reformation.
11) Es ist wahr,
jeder Fanatiker erklärt sein System aus der Bibel, und eben dies wollen ihr die
Neologen zum Vorwurf anrechnen, und ihr daher den Wert einer göttlichen
Offenbarung absprechen. Der ganze Fehler liegt aber darinnen, daß man einzelne
Stellen herausreißt, sie seinen eigenen Lieblingsideen anpaßt, und nicht den
ganzen Bibelgeist in sein Wesen aufnimmt.
12) Die Alons geben
das freilich zu, aber sie wenden den Satz nur auf die alten Symbole an; ihnen
sind diejenigen nur Irrlehrer, die Glaube und Versöhnung predigen, alle andern
nicht. Wie inkonsequent!
Aber besteht nicht
auch unser Leben oft aus Inkonsequenzen? Wir sind uns nur nicht immer klar
darüber, denken häufig nicht genügend über den wahren Sinn der heiligen Schrift
nach. Oder halten wir uns etwa an den Satz:
"Du sollst Gott
mehr gehorchen, als den Menschen?" Den Willen dazu haben wir. aber
--- meistens fehlt uns doch der Mut. Stilling packt auch hier wieder den
Stier bei den Hörnern und spricht das aus, was er denkt:
Luther hatte der
römischen Kirche den Eid des Gehorsams geschworen; sobald aber nun diese Kirche
Dinge zu tun befahl, die offenbar sündlich sind, so konnte er seinen Eid nicht
halten und ebensowenig sein Lehramt niederlegen, weil seine Obrigkeit
ihn dabei schützte.
Der Reformator des
Mittelalters fühlte also das ihn antreibende innere Gebot so klar, daß er
dieser "Verpflichtung" nachkam. Und wir?
Wir unterlassen
viele Dinge aus Angst, den Zorn der anderen zu erwecken, in Zwietracht - oder
gar in materielle Nöte geraten zu können.
13) Wenn er jetzt im
Verlauf des Gespräches deutlich darauf hinweist, daß wir die "Rolle",
in der unsere Gedanken, Worte und Taten aufgezeichnet sind, schon im Erdenleben
ausbreiten sollten, um im jenseitigen Leben nicht allzu sehr leiden zu müssen,
dann ist auch das zeitlos, und für alle Zeiten, auch für uns noch zutreffend.
Wieder müssen wir seinen nachgefügten Worten recht geben:
14) "Ach, wenn
sich solche Männer nur hier schon bei Zeiten die Mühe nähmen, diese furchtbare
Rolle zu entwickeln, um noch diesseits ihre Rechnung mit dem Erlöser
abzutun."
Wenn er ferner
auseinandersetzt, wie schadenbringend gewisse Vorurteile sich auswirken können,
wird jeder einigermaßen Nachdenkende ihm beipflichten:
"Wie fest ist
noch das Vorurteil eingewurzelt, wenn man nicht an den Fall Adams glauben
kann."
Wenn nun die
Menschen in diesen bei den Jahrhunderten im christlichen Denken fortgeschritten
wären, hätten wir niemals die schreckensvollen Kriegszeiten durchleben müssen
und die folgenden Worte Stillings wären belanglos geworden:
15) "Indessen
läßt sich doch ein Blick in dies große Geheimnis tun. Bei Gott ist keine Zeit,
folglich keine Vergangenheit und keine Zukunft, die ganze Ewigkeit ist bei Ihm
ein einziges gegenwärtiges Nun, in welchem das Leiden der Menschheit im
Verhältnis gegen ihr Glück ein Nichts ist; nimmt man noch dazu, daß der christliche
Kämpfer unendlich weit herrlicher und seliger wird als der Mensch ohne den Fall
Adams würde geworden sein, und daß die Erlösung durch Christum die Menschheit
unaussprechlich glücklicher machte, als sie ohne ihren Fall würde geworden
sein, so ist der Blick in dies Geheimnis noch heller."
Das Christentum muß
der Menschheit derart in Fleisch und Blut übergehen, daß der Mensch als
einzelner nichts mehr gegen das Massenfühlen wirken kann. Damit fällt auch der
verderbliche Einfluß einer materiellen Massensuggestion fort, die, wie wir am
eigenen Leibe erfahren mußten, so grausige Geschehen hervorzurufen vermochte.
Und mit dem Aufnehmen des echten Christusgedankens zerfällt letztlich auch das
allzu verstandliche - der Seele immer feindliche - Erdendenken.
16) Nun da kommt
denn endlich der letzte Feind, der nun auch aufgehoben werden muß. Der Stolz
der selbstsüchtigen Vernunft ist wirklich unbeschreiblich groß, sie will
durchaus nichts für wahr erkennen, als was sie bei ihrem Lämpchen sieht - sie
hat ein wahres Nachteulengesicht, das den Tag nicht vertragen kann!
Gerade diese letzten
Worte sind wiederum keineswegs überholt, im Gegenteil, sie passen auf unsere
Zeit, in der Wissen, Lernen und schulmäßiges Ausbilden allzu hoch gewertet
wird. Ein Mensch. der nicht seelisch, also intuitiv zu denken vermag, der nur
mit seinem intellektuellen Gedankengut jongliert, kann gar nicht im echten
christlichen Sinne fühlen lernen. Der moderne Mensch muß beides Intellekt und
Intuition vereinen, sonst bleibt er in dem kommenden Zeitalter, mehr noch im
jenseitigen Leben eine Halbheit und ist unfähig, Gottes Kind zu werden. Wie
trostvoll ist gerade an dieser Stelle Stillings Auslegung für uns.
17) Die Lehre von
der Versöhnung und der zugerechneten Gerechtigkeit Christi ist nur der philosophisch
aufgeklärten Vernunft widersinnig; dagegen der biblisch erleuchteten Vernunft
äußerst zweckmäßig, heilig, gerecht und Gott geziemend; denn wenn Christus aus
den Sünden am Ende lauter heilige und selige Folgen herleitet, die ohne die
Sünden nicht hätten entstehen können, so bleibt die Sünde zwar immer noch
abscheulich, und der Sünder unter dem Zorn Gottes! Aber diese Gerechtigkeit
Christi tut der Gerechtigkeit Gottes vollkommen genug, denn die Sünde wird in
Segen verwandelt und, sobald der Sünder nun wiedergeboren ist, und Christo das
Böse zu guten Zwecken lenken hilft, so ist er ja versöhnt mit Gott und hat Teil
an der Gerechtigkeit Christi!
Neunte
Szene.
Alon, Chanania, Deguel und Usiel.
Alon (im Schattenreiche). Das war also
das Ausschlupfen des Schmetterlings aus seiner Puppe! -ungefähr so hab' ich
mir´s auch vorgestellt. Diese weite, dämmernde Wüste, dieser Hades ist
die merkwürdige Pause zwischen der ersten und zweiten Stufe der menschlichen
Existenz! - Große Erwartungen erfüllen meinen Geist, und im bin neugierig, was
jener große und sanft strahlende Morgen Gutes bringen wird? - O wie freue im
mich jetzt, daß ich mein Leben der Tugend gewidmet habe. - Wie muß es hier dem
Lasterhaften zu Mute sein! - Ich will zu jenem Morgen hinschweben und sehen,
was es da zu wirken gibt; denn Gutes tun, muß doch auch hier meine Bestimmung
sein.l) Da sehe ich eine ungeheure Menge abgeschiedener Menschen.
Warum schwingen sie sich nicht über das
Gebirge hinüber - oder können sie nicht? -Ich meines Orts werde hier nicht
lange verweilen, so untätig zu sein, ist meine Sache nicht. Da kommt mir einer
entgegen, ich muß ihn doch anreden und sehen, ob ich nicht etwas Nützliches
stiften kann. Wer bist du? Warum wandelst du so einsam und so müßig?
Chanania. Ich erwarte ruhig und in Demut,
was der Wille Gottes über mich ist.
Alon. Der Mensch muß aber doch das
Seinige tun, um den Willen Gottes zu erfahren! - Hier gibt es nichts zu wirken,
wir müssen uns dem Licht nähern und über das Gebirge gehen.
Chanania. Bist du des Lichtes fähig, und
weißt du, ob du die Himmelsluft ertragen kannst? Ich bin wenigstens noch nicht
geschickt dazu, denn so oft ich mich ihm nähere, werde ich so beklemmt, als
wenn ich ehemals an einem Orte war, wo ich nicht Odem holen konnte.
Alon. Das muß ich doch versuchen. (Er
schwingt sich weg, kommt aber bald wieder, er ist wie betäubt und kann sich
kaum erholen.) Das begreif ich nicht. - Ich hab' doch in meinem Leben
alles getan, was ich konnte, um den Willen Gottes zu erfüllen.2)
Chanania. Hast du
alles getan, was
du konntest? - Ich erstaune über dich! In meinem Innersten verhält sich's
ganz anders; je mehr ich mich prüfe, desto mehr finde ich, daß alle, auch meine
besten Werke unrein und mit Eigenliebe befleckt sind, und dann entdecke ich
auch eine ungeheure Menge schlechter Handlungen auf meiner Rechnung. Ich,
meines Orts, fühle mich verdammniswürdig, und meine einzige Hoffnung gründe ich
bloß auf die Gnade Gottes in dem Erlöser; denn mein Wille war seit langer Zeit fest
und unwiderruflich bestimmt, Ihm zu leben und zu sterben.
Alon. Ich merke wohl, du hängst noch an
den Symbolen der Kirche. - Laß diese Ängstlichkeit fahren. - Ich war viele
Jahre protestantischer Prediger, ich hab' die Sache durchgedacht und die ungereimten
Begriffe vom Falle Adams, von der Genugtuung Christi, oder von der
Versöhnung der Menschen mit Gott lange weggeräumt; gerade als wenn sich die
ewige Liebe, der ewig unveränderliche. gute Gott erzürnen könnte, so daß man
Ihn wieder gut machen, seinen Zorn stillen müßte; und das mit dem Blute eines
unschuldigen, edlen Menschen.3)
Chanania. Die Sprache kenne ich - aber ich
habe nie getraut. Die menschliche Vernunft kann irren, und in dieser Sache
irren ist sehr gefährlich. Denn im Falle nun doch die Versöhnungslehre wahr
wäre, wie sie es in der Tat ist, was wagt dann ein Lehrer, der sie seinen
Zuhörern und besonders der Jugend zweifelhaft macht oder gar wegvernünftelt?
Beraubt er sie nicht dadurch des einzigen Mittels, sich vom ewigen Verderben zu
retten? - Und doch ist er überzeugt, daß seine Vernunft in über- sinnlichen
Dingen nicht zuverlässig ist.4)
Alon. Ja, die menschliche Vernunft kann
irren, allein es gibt doch anerkannte Wahrheiten, gegen die sich nichts
einwenden läßt.
Chanania. Da hast du Recht! - Indessen
konnte sich einst ein vernünftiger, aber freilich unstudierter Mann nicht genug
über die Verblendung der Gelehrten wundem, daß sie glaubten, die Erde drehe
sich um ihre Achse, und die Sonne stehe still.
Alon. Du mußt mir keinen Mann entgegensetzen,
der nicht die geringste Kultur hat.
Chanania. Daraus folgt also, daß alle
Gelehrten, wenigstens in den Wahrheiten, die du für anerkannt hältst,
einerlei Meinung sein müssen.
Alon. Das nun wohl eben nicht.
Chanania. Wie! - Können denn aufgeklärte
Männer nicht über eine Sache verschieden urteilen, und doch alle Recht haben?
Alon. Nein, sie können nicht alle Recht
haben.
Chanania. Wie kannst du aber versichert
sein, daß deine Religionsbegriffe die wahren sind, da es doch auch gründlich
gelehrte Männer gibt, die in allen Stücken das Gegenteil behaupten?
Alon. Meine Grundsätze sind vor dem
Richterstuhl der gesunden Vernunft entschieden.
Chanania. Das behaupten aber deine Gegner
auch, folglich muß eine Partei fehlen.
Alon. Ich bin meines Satzes gewiß; denn
ich behaupte keine Ungereimtheiten, keine unanständigen Dinge von der Gottheit.
Chanania. Eben das sagen auch die Männer,
die die Versöhnung durch das Leben und Sterben Christi glauben.
Alon. Nun, wir wollen's auf den
Ausspruch des gerechten Richters ankommen lassen.5)
Chanania. Freilich ist nun nichts anders
mehr übrig, doch muß ich dir noch eins an's Herz legen. Gesetzt, ein großer
Herr verteilt die Verwaltung seiner Güter unter seine Diener, und nun verreist
er auf lange Zeit; bei seinem Abschiede aber befiehlt er, daß sie sich alle in
zweifelhaften Fällen in seinen Hausakten und bisher gegebenen Verordnungen Rats
erholen sollen. Einige tun das auch treulich, ohne über diesen und jenen Punkt
zu räsonieren, und wenn ihnen etwas nicht einleuchten will, so denken sie:
unser Herr muß wohl seine guten Ursachen gehabt haben, so zu urteilen, diese
oder jene Einrichtung zu treffen, und befolgen also seinen Willen. Andere aber
sagen, die Gesetze und Verordnungen enthalten vernunftwidrige Dinge, wir wollen
nach unserem eigenen besten Wissen und Gewissen die Güter verwalten. Nun was
dünkt dich, welche unter beiden Partien hat den sichersten Weg gewählt? -
Besonders, wenn nun noch von beiden Partien gar nicht gezweifelt wird, daß ihr
Herr unendlich mehr Verstand habe, als sie alle miteinander.
Alon. Dein Gleichnis hinkt. - Dieses
Herrn erstes Gebot ist: kultiviere deine Vernunft, so sehr du kannst, und dann
folge ihr!
Cnanania. Auch in übersinnlichen Dingen, zu
denen die Vordersätze sehr tief verborgen liegen, oder die wir von selbst nie
erreichen können?
Alon. Wenn im irdischen leben solche
Kenntnisse nötig sind, welches noch die Frage ist, so haben wir ja eine
Offenbarung Gottes an die Menschen.6)
Cnanania. Du gestehest doch, daß in jedem
menschlichen Geiste eine strenge Forderung zur Tugend liegt; und daß er auch
zugleich einen stärkeren Hang habe, nicht tugendhaft zu sein?
Alon. Das kann nicht geleugnet werden.7)
Chanania. Findet denn deine Vernunft da
nicht einen offenen Widerspruch?
Alon. So scheint es; allein der Mensch
muß seinen stärkeren Hang zur Sinnlichkeit überwinden.
Chanania. Hat er die Kräfte selbst zum
Kämpfen und überwinden?
Alon. Allerdings! ![]()
Chanania. Er muß sie also doch wohl brauchen
wollen, wenn er kämpfen und überwinden will?
Alon. Das ist unstreitig.
Chanania. Kann ein Mensch diese Kräfte
brauchen wollen, der einen überwiegenden Hang zum Bösen hat?
Alon. Nein, freilich nicht. - Allein die
Vernunft stößt in sittlichen Dingen oft auf Widersprüche, wo sie sich nicht
heraushelfen kann.
Chanania. Und doch braucht hier der Mensch
sichere Kenntnisse, die ihn zur Sittlichkeit leiten, die er aber gewiß in jenen
Widersprüchen nicht findet.
Alon. Eben darum haben wir auch eine
göttliche Offenbarung an die Menschen.
Chanania. Du gestehest mir also nun ein, daß
uns eine Offenbarung nötig ist?
Alon. Ja, und daß die Bibel sie enthält,
das hab' ich immer geglaubt.
Chanania. Wohl, diese Bibel lehrt aber den
Fall Adam's, die Genugtuung Christi, und dessen Versöhnung der
Menschen mit Gott; ja sie lehrt die wesentlichsten Stücke der Symbole der
protestantischen Kirche.
Alon. Dem Buchstaben nach freilich; aber
ob das ihr wahrer Sinn sei, das ist eine andere Frage.
Chanania. Dieser Sinn muß doch so in den
Worten liegen, daß er aus denselben erkannt werden kann.
Alon. Notwendig!
Chanania. Es ist also unmöglich, daß das
Gegenteil von dem, was in dem Buchstaben liegt, behauptet werden könne?
Alon. Das ist allerdings unmöglich.
Chanania. Da also die Lehre vom Falle Adam's
und der Versöhnung der Menschen mit Gott durch Christum in der Bibel
positiv behauptet wird, so kann das Gegenteil von beiden Stücken
unmöglich wahr sein.
Alon. Wie kann es aber doch wahr sein,
da es meiner Vernunft widerspricht?
Chanania. Deiner Vernunft, nicht der meinigen,
nicht aller Menschen Vernunft; und wenn das auch der Fall wäre, so müßte
der Fehler in der Schwäche der Vernunft gesucht werden, sobald sie mit einer
wahrhaften Offenbarung Gottes in Kollision kommt; in deiner Vernunft
bemerkten wir aber vorhin schon einen Widerspruch.
Alon. Gesetzt auch, ich hätte geirrt, so
hab' ich doch getan, was ich konnte, um tugendhaft zu werden.
Chanania. Das wird sich nun bald zeigen,
wenn dein Richter erscheint.
(Deguel naht sich den bei den Redenden in
verhüllter Herrlichkeit.)
Deguel. Ich habe euer Gespräch gehört;
auch ich hätte wohl dem neuangekommenen Geiste etwas zu sagen.
Alon. Ich bin bereit, dich anzuhören.8)
Deguel. Du warst Lehrer einer
protestantischen Gemeinde?
Alon. Ja, und zugleich auch Vorsteher
verschiedener Prediger.
Deguel. Hast du denn die Begriffe, die du
gegen diesen Bruder behauptet hast, von der hohen Schule mitgebracht? 9)
Alon. Zum Teil, ja, zum Teil hab ich sie
hernach auch noch durch eigenes Forschen verbessert und berichtigt.
Deguel. Hast du denn nicht bei dem
Antritte deines Amtes einen Eid geschworen, die protestantische Religion nach ihren
Symbolen zu lehren.10)
Alon. Ich merke wohl, daß du sagen
willst, ich hätte entweder meinen Eid halten oder gar nicht schwören sollen.
Aber wo ist denn eine Religionsverbesserung möglich?
Deguel. Deinem Satze zufolge darf also
jeder Religionslehrer lehren, was er will?
Alon. Das nicht; was er lehrt muß doch
mit der Vernunft und Offenbarung übereinstimmen.
Deguel. Das glaubt jeder Fanatiker,
Schwärmer, Abergläubige und Ungläubige von seinem eigenen System.11)
Alon. Das ist freilich wahr: allein es
gibt doch allgemein entschiedene Irrtümer und Wahrheiten; daß also der
geistige Vorstand darauf sehen müsse, daß allenthalben gegen die ersten
gepredigt und die andern gelehrt werden, versteht sich von selbst.
Deguel. Du gibst doch zu, daß dieser
geistliche Vorstand diese Irrtümer und Wahrheiten gesetzmäßig bestimmen
und alsdann die neu anzustellenden Lehrer darauf verpflichten müsse, daß sie
gegen die ersten predigen und die anderen lehren sollen?
Alon. Das muß ich freilich zugeben, denn
sonst könnte ja jeder Irrgeist lehren, was er wollte.12)
Deguel. Ganz recht, bestimmten nun aber
nicht die protestantischen Symbole damals allgemein anerkannte Irrtümer und
Wahrheiten?
Alon. Allerdings! Aber das sind sie nun
nicht mehr.
Deguel. Ist das allgemein herrschende
Gewißheit bei dem Vorstande der beiden protestantischen Kirchen?
Alon. Nein, das könnte ich nicht sagen!
Deguel. Folglich sind eure Symbole noch
immer Kirchengesetze, die jeder Lehrer heilig beobachten muß: und wenn er das
nicht mehr kann, muß er sein Amt niederlegen.
Alon. Ich komme wieder aufs Vorige: wie
ist aber dann Fortschritt in der Aufklärung und Wachstum in der Erkenntnis
möglich?
Deguel. Was dünkt dich, was aus der
Religions- und Kirchenverfassung werden würde, wenn sich jeder einzelne
Lehrer das Recht anmaßen wollte, die Symbole zu verbessern und sein eigen
System herrschend zu machen?
Alon. Das kann freilich schlechterdings
nicht angehen.
Deguel. Siehst du nun ein, wie notwendig
Symbole sind, und daß jeder Lehrer schlechterdings nach denselben lehren und
sein Amt führen müsse?
Alon. Aber Lieber, beantworte mir doch
die Frage: wie ist dann Fortschritt in der Aufklärung möglich?
Deguel. Die sollst du selber beantworten:
Gestehest du ein, daß durch die Reformation die Aufklärung befördert worden
ist?
Alon. Das ist der rechte Punkt, der die
Sache entscheidet; allerdings, und zwar in hohem Grade, aber hat Luther nicht
auch seinen Eid gebrochen, indem er den Symbolen seiner Kirche entgegen
arbeitete?
Deguel. Wenn ein Kirchenvorstand Gesandte
ausschickt, die nicht allein den Symbolen widersprechende, sondern die
Menschheit empörende Dinge tun und lehren, was fordert dann der Eid des
Volkslehrers?
Alon. Er muß alsdann die Wahrheit
unerschrocken sagen und verteidigen. Ich sehe nun wohl ein, daß das im
Anfang bei Luther der Fall war, denn der Ablaßkram war in allem seinem
Mißbrauch gar nicht in den Symbolen der Kirche gegründet. Aber er griff auch
hernach die Symbole selbst an, die er doch beschworen hatte!
Deguel. Wenn zwei einen Vertrag
miteinander machen, und der eine bricht ihn, ist dann der andere an sein
Versprechen gebunden? 12)
Alon. Nein!
Deguel. Du
mußt doch gestehen, daß das bei Luther der Fall war. - Zudem wurde seine
eigentliche Obrigkeit nebst vielen andern seiner Meinung, und sie nahm ihn in
Schutz. Der römische Hof verfolgte ihn, tat ihn in den Bann, und indem ihn also
der, dem er geschworen hatte, nicht mehr für seinen Untertan erkannte, so war
er ja seiner Eidespflicht entledigt.
Alon. Ich sehe nun wohl ein, daß die
Reformation für mich nichts beweist.
Deguel. Wenn sie nichts für dich beweist,
so beweist sie gegen dich: daß du höchst strafbar gehandelt und ein Empörer in
der Kirche Gottes gewesen bist.
(Deguel strahlt prächtig in himmlischer
Majestät. Alon erschrickt, Chanania feiert.)
Alon. Engel des Herrn, ich habe geirrt,
aber doch nach meiner innigsten Überzeugung gehandelt, und mein Wille war,
immer das zu tun, was ich fürs Beste erkannte.
(Usiel schwebt auf einem goldfarbigen
Gewölk. mit einem purpurnen Widerscheine umkränzt, über das Gebirge herab, er
strahlt einher, wie die Sonne über einem Donnerwetter und stellt sich mit
feierlich ernstem Blicke vor Alon hin, der sich mit einem tiefgebeugten
Armensündergesicht zu Bo- den neigt.)
Usiel (zu Deguel). Sei mir gegrüßt,
lieber Bruder Deguel! was machst du hier?
Deguel. Ich hörte diese beiden
Neuangekommenen, ihnen unsichtbar, sich miteinander unterreden; dieser (auf Chanania
zeigend) führte die Sprache eines Gläubigen, jener aber (Alon) ist
ein christlicher Stoiker; ich habe angefangen, ihn zur Erkenntnis seiner selbst
zu führen, allein ich hatte keinen Auftrag, ihn zu richten.
Usiel. So eben sah ich im Lichte und
Rechte den Befehl des Erhabenen, Alon's Blick auf seinen ganzen Wirkungskreis
zu leiten, damit er erkennen möge, was seine Taten wert sind.
Alon. Heiliger, habe Mitleiden mit mir!
Du wirst finden, daß mein ganzer Wille immer entschlossen war, nach meiner
besten Erkenntnis zu handeln, und die Gebote des Herrn zu erfüllen.
Usiel. Nun so entwickle die Rolle deines
Gewissens!
Alon. Da erscheint mein ganzes Leben vor
mir, alle meine Gedanken, Worte und Werke sind entkleidet. Gott, wie viele
Unvollkommenheiten entdecke ich, aber laß Gnade für Recht ergehen, - ich habe
ja mich selbst nicht gemacht, und was kann ich dafür, daß ich einen
überwiegenden Hang zur Sinnlichkeit hatte? Bedenke, daß mein Wille aufrichtig
gewesen ist.
Usiel. Du sagst: Dein Wille sei immer
unüberwindlich entschlossen gewesen, deinem Grade der Erkenntnis des Guten zu
folgen. Gab es aber nicht von jeher viele Verfolger der Wahrheit, die da
glauben, es sei recht und dem Willen Gottes gemäß, jene, die nicht ihrer
Meinung waren, zu allerhand Strafen zu verurteilen? - Hast du nie deine
Amtsbrüder, die anders dachten, wie du, öffentlich getadelt, verhöhnt, in
Gesellschaften gerichtet, und ihnen dadurch viele Leiden verursacht? - Blicke
auf jene Gegend in der Rolle deines Gewissens!
Alon. Ja, ich habe das oft und
vielfältig getan, aber ich handelte nach meiner Erkenntnis, und ich glaubte,
den Irrtum überall bekämpfen zu müssen.
Usiel. Bemerke diese Stellen in deinem Leben
genau, so wirst du finden, daß Stolz, Eigenliebe und Rechthaberei mehr Anteil
an deinem Richten, Verurteilen und Disputieren hatten, als die Liebe zur
Wahrheit.
Alon. Ach ja, auch das finde ich; aber
ist denn die menschliche Natur nicht so geartet, und hab' ich mich denn selber
gemacht?
Usiel. Es ist die Frage, ob du alle deine
Kräfte angewandt hast, deine verdorbene Natur zu bessern und zu bekämpfen? Hast
du alle Wahrheiten, auf deren Erkenntnis deine Willensbestimmung zu
deiner wahren Vervollkommnung beruht, nach allen deinen Kräften geprüft?
Alon. Ja, das war immer mein Zweck.
Usiel. Sieh, wie du dich täuschest; -
Prüfe doch den Geist, der in allem deinem Forschen herrschte! Zwei Systeme
standen vor dir, du konntest wählen; das eine empfahl die Verleugnung deiner
sinnlichen Lüste und Begierden, kämpfen bis aufs Blut gegen die Sünde und alle
Regungen deiner verdorbenen Natur, und ernstliches Bestreben nach wahrer
Reinheit des Herzens und der Heiligung; das andere empfahl dir bloß
Wohltätigkeit und Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, deine verdorbene Natur
aber ließ es unangetastet, weil es dich täuschte, die Natur sei nicht so
verdorben, sondern nur durch den größeren Reiz zur Sinnlichkeit ausgeartet, der
sich aber allmählich durch Ausübung so vieler guter Handlungen vermindern
würde. Nun sage mir aufrichtig, warum hast du nicht das erste, sondern das
zweite gewählt?
Alon. Bei dem ersten fand meine Vernunft
Widersprüche, bei dem andern nicht.
Usiel. Und welche Widersprüche fandest du
bei dem ersten oder christlichen System?
Alon. Die damit verbundene Lehre vom
Falle des ersten Menschen, von der Erlösung durch Christum, vermittels seines
Leidens und Sterbens, und von den außerordentlichen Gnadenwirkungen des
heiligen Geistes.
Usiel. Wenn du das nun auch alles nach
dem wahren Sinne der Bibel geglaubt hättest, würde dich das in der Ausübung
aller anerkannten Sittenpflichten und in dem Fortschritte deiner
Vervollkommnung gehindert haben?
Alon. Nein! Das kann ich nicht sagen;
doch war mir das andere System lieber, weil es auch zur Vollkommenheit führt,
und doch vernunftmäßig ist.
Usiel. Glaubst du, daß Gott vollkommen
gerecht, weise und die ewige Liebe ist?
Alon. Ja, das ist eine ewige Wahrheit,
die ich mit tiefer Anbetung glaube.
Usiel. Du behauptest aber zugleich, daß
alle schrecklichen Laster und Verdorbenheiten des Menschen aus seinen
eingeschränkten Begriffen und größerem Hang zu sinnlichen Vergnügen herrühren,
und daß er so aus der Hand seines Schöpfers gekommen sei. Daraus folgt also
nach deinem System, daß Gott, die ewige Liebe, der Allgerechte, der Allweise,
die Menschen zu ihrem Verderben schuf?
Alon. Wir wissen aber nicht, was für
große und gute Folgen das Böse in der moralischen Welt noch dereinst haben
wird.
Usiel. Das beweist gar nichts für dich;
denn die Menschheit ist, nach deiner Meinung zu einem langen und unabsehbaren
Jammer geschaffen, es mag dereinst aus ihr werden, was da will, die Leiden alle
hat sie einmal vorab.
Alon. Dieser Widerspruch findet sich
aber auch im christlichen Systeme.
Usiel. Bist du ein Lehrer gewesen und
urteilst so seicht? - Lehrt dieses nicht, daß Gott den Menschen gut geschaffen,
daß dieser aber freiwillig gefallen sei, und daß ihm nun hinlängliche Mittel
genug an die Hand gegeben worden, seine Bestimmung zu erreichen?
Alon. Verzeihe mir, du Heiliger! Gott
wußte aber den Abfall der Menschen und allen Jammer vorher und schuf ihn doch?
Usiel. Merke wohl, das christliche System
hat Dinge, die der Vernunft im Erdenleben zu hoch, und zu begreifen
unerreichbar sind 14), aber das Deinige hat Widersprüche; Gott ist
nach deinen Begriffen gerecht, heilig und die ewige Liebe, schafft aber doch
Menschen, die von Natur mehr zur Sünde als zur Tugend geneigt sind, und straft
noch über das alles das Laster. Er täuscht sie mit einem Gefühle von Freiheit
des Willens, im Grunde aber sind doch alle ihre Handlungen bestimmt, folglich
notwendig; dem allem ungeachtet richtet er sie so, als wenn sie vollkommen frei
wären.
Alon. Du hast Recht, das sind
Widersprüche.
Usiel. Du sagtest eben, du hättest dein
System deswegen gewählt, weil es vernunftmäßiger sei, als das christliche oder
symbolische deiner Kirche; und dann behauptetest du noch vorher, du hättest
alle deine Kräfte zur Erforschung der Wahrheit verwendet; ist nun beides wahr?
Prüfe den Geist genau, der dein ganzes Leben geleitet hat!
Alon. Ach ich finde mit Beschämung, daß
nun beides nicht wahr ist!
Usiel. Gib Gott die Ehre und bekenne,
warum du dein System gewählt hast?
Alon. Es gefiel mir besser!
Usiel. Warum?
Alon. Ach, mein ganzes Leben liegt ja
enthüllt vor euren Augen, ihr wißt es, seine Forderungen waren mir leichter zu
erfüllen, als die Pflichten des ersten.
Usiel. Siehe, wie du den Erhabenen, dich
selbst und uns belogen hast; Du beriefst dich auf deinen guten Willen, auf
deine Treue in Erforschung der Wahrheit, und auf deinen Fleiß in der Ausübung
des Guten; wo ist nun dein guter Wille? - Und wo deine Redlichkeit im Forschen?
- Nun wollen wir aber auch noch die Menge deiner guten Werke prüfen; du hast
Kandidaten in's Predigtamt befördert, die deiner Meinung waren, und die nun
lauter Schaden anrichten; du hast dir Einfluß an Höfen verschafft und Lehrer
für Prinzen besorgt, die deine Freunde und deinem System zugetan waren, die
aber nun Freigeister bilden, deren Wirkung auf die Nachkommenschaft schrecklich
sein wird. Du hast vielen Fleiß auf die Verbesserung der Schulen verwendet,
indem du Schullehrer bildetest, die aufgeklärt, das ist: Zweifler waren.
Sehr hast du dich gehütet, Anstalten zu begünstigen, wodurch die Kinder zur
Erkenntnis ihrer selbst und zu den Grundbegriffen der christlichen Religion
geleitet werden, dagegen aber war dir's sehr darum zu tun, daß sie brauchbare
Kenntnisse für das kurze Erdenleben bekämen: Dieses hättest du tun, aber jenes
nicht vernachlässigen sollen. Du hast Schriften drucken lassen, worin du dein
System mit sehr lebhaften Farben und mit vieler Kraft der Überredung
vorgetragen hast, die also viele vom rechten Weg verführt haben und noch
verführen werden. Du hast auch hin und wieder Hungrige gespeiset, Durstige
getränket und Nackende bekleidet, aber nicht aus Pflichtgefühl, das ist: aus
Liebe zu Gott, sondern entweder um dir das Vergnügen des Bewußtseins guter
Handlungen zu verschaffen, oder den Richter der Lebendigen und Toten dereinst
damit zu bestechen. Der Glaubensgrund, aus dem alle guten Werke fließen mußten,
fehlte dir also gänzlich, und da du endlich auch das Erlösungswerk des
Weltheilandes gekannt und doch nicht geglaubt hast, so kann es dir auch bei
deiner mit Sünden befleckten Gerechtigkeit nicht zu gut kommen! Sprich dir also
dein Urteil nun von selbst.
Alon. Erbarmen, schrecklicher Richter!
Wie konnte ich zum Erlöser auf diese Weise meine Zuflucht nehmen, da die
Zurechnung einer fremden Gerechtigkeit meiner Vernunft widersprach? 15)
Usiel. Hättest du die Pflichten der
christlichen Religion, die auch der allerungeübtesten Vernunft einleuchten,
nämlich: Bekämpfung eines jeden Keims sündlicher Begierden, Verleugnung alles
dessen, was den Reiz zu sinnlichen Vergnügen nährt, beständige Richtung der
Aufmerksamkeit und des Begehrungsvermögens auf Gott und sein Gesetz, und die
immerwährende Wachsamkeit auf alle deine Gedanken, Worte und Werke fleißig
geübt, so würdest du in dir einen Abgrund des Verderbens entdeckt und gefunden haben,
daß in deinem ganzen Wesen kein Rettungsmittel, zu deiner Bestimmung und
Vervollkommnung zu gelangen, zu finden sei. Dann müßte aber auch deine Vernunft
erkannt haben, daß es der ewigen Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht gemäß
sei, vernünftige Geschöpfe, denen bei allem ihrem Verderben doch noch ein
sehnliches Verlangen nach Vollkommenheit übrig geblieben ist, hilflos zu
lassen; du würdest dann ohne Vorurteil und gründlich die Erlösungslehre
geprüft, den Geist aus der Buchstabenhülle entwickelt, und dann mit hohem
Frieden entdeckt haben: daß der Begriff von der Versöhnung der Menschen mit
Gott durch Christum ganz und gar nichts Vernunftwidriges enthalte, folglich
würde in dir ein wahrer und tätiger Glaube entstanden sein, der nun jetzt in
ein Schauen und Genießen überschwenglicher Seligkeit übergehen könnte.16)
Alon. Ach ich Elender! Wie war's doch
möglich, daß ich mich so täuschen konnte! -Aber ihr Bürger des Himmels - was
vergangen ist, das kann nun nicht mehr ungeschehen gemacht werden, und mein ganzes
Ich strebt doch dahin, den Willen Gottes zu erfüllen; sagt mir, was ich nun tun
soll?
Usiel. Dort zur Linken, gegen Mittag,
fern von hier, an den entlegensten Grenzen des Kinderreichs ist eine dämmernde,
einsame Gegend, wo die Tugendhaftesten aus den rohen und wilden Nationen ihren
Aufenthalt haben; zu diesen wirst du gesendet; ihr roher Sinn wird dir viel
Leiden machen, aber wenn du nun anfängst, jeden Keim des Stolzes, der
Eigenliebe und des Verlangens nach sinnlichen Vergnügen aus deinem Wesen zu vertilgen,
wenn du ihnen ein Vorbild der Demut, der Sanftmut und der Selbstverleugnung
wirst, und sie dann in den Kenntnissen, die sie zum himmlischen Leben nötig
haben, unterrichtest, so wirst du sie nach und nach alle gewinnen: und so wie
das geschieht, wird deine Seligkeit wachsen, und du wirst endlich zum Anschauen
des Erhabenen gelangen.
Alon. Herr, du Heiliger und Erhabener! -
gelobt seist du für dein Urteil, das du durch diesen deinen verherrlichten
Diener über mich aussprichst! - Ich empfinde tief, daß diese Bestimmung allen
meinen Anlagen gemäß ist, - und gehorche mit der willigsten Aufopferung aller
meiner Kräfte.
Usiel. Die geheime Kraft vom Herrn wird
dich belehren und unterstützen; und wir werden uns dereinst mit
unaussprechlicher Freude wiedersehen. Lieber Bruder Deguel, begleite ihn
an seinen Ort.
(Deguel und Alon schweben fort.)
Usiel (zu Chanania). Enthülle dich!
Chanania (im Enthüllen). Er hat meine
Seele erlöset, daß sie nicht in's Verderben fahre, sondern mein Leben das Licht
sehen möge.
Usiel. Ei du frommer und getreuer Knecht!
Du hast reichlich Früchte voller Gnade und Wahrheit gewirkt und erworben, komm
mit mir! Ich will dir dein Erbteil zeigen, das du von nun an ich Reiche des
Lichts auf ewig bewohnen sollst.
(Beide schweben über
das Gebirge weg.)
(Alon und Deguel im
Reiche der Wilden.)
Alon. Sei mir gesegnet, du heilige,
stille Einöde mit allen deinen walddichten Gipfeln, die das ewige Morgenrot
erhellet, mit allen deinen dunklen stillen Tälern, die kein Laut belebt! - Bald
soll hier allenthalben des Herrn Lob erschallen, und mein unsterbliches Wesen
soll sich hier allen Stürmen, wie ein Berg Gottes im Ungewitter,
entgegenstemmen! - Durch Sanftmut will ich alle Geister bekämpfen und sie durch
Demut überwinden! - Dann will ich sie den Gesalbten Gottes kennen lehren und
ihr Mose sein, der sie aus dieser Wüste ins gelobte Land führt!
Deguel. O Alan, dein Glaube ist groß! - Es
geschehe, so wie du gesagt hast! Ich will den Erhabenen bitten, daß er mir
erlaube, dich oft zu besuchen und dich zu trösten, wenn du leidest!
Alon. Mußte doch ein Engel den
Gottmenschen in Gethsemane trösten, wie viel mehr werde ich es nötig
haben! Aber bloß und allein des Herrn Wille soll geschehen; dem übergebe ich
mich ohne Vorbehalt.
Deguel. Nimm hin den Kuß der himmlischen
Liebe - und nun lebe und wirke im Segen! (Er verschwindet.)
Bei Beginn gerade
dieser Szene müssen wir uns gleichfalls fragen, ob wir wohl nicht im tiefsten
Herzen ebenso selbstgefällig sind, ob wir nicht auch nur das Gute bei uns sehen
und uns selbst danach überschätzen. Eben, weil wir im Zeitalter des
intellektuellen "Jonglierens" leben, ist die Gefahr, sich
"zuviel einzubilden", eben aus dem Schulwissen heraus, recht
heimtückisch.
In bezug auf diese
Selbstgefälligkeit Alons sagt auch Stilling:
1) Der fühlt so
recht seine Behaglichkeit, er ist so ganz mit sich zufrieden, daher ist er auch
so geschwätzig, er denkt nicht daran, daß es möglich sein könnte, gefehlt zu
haben, und doch wird er finden, wie wenig er zum Himmel paßt. Seine
Selbstgefälligkeit vergiftet auch seine besten Worte.
Wenn man bedenkt,
daß Stilling diese Schrift vor beinahe 200 Jahren geschrieben hat, dann kann
man recht mutlos darüber werden. daß keine wirkliche Änderung eingetreten ist.
2) Dieser Alon hat
erstaunlich viele Brüder, besonders unter der protestantischen Geistlichkeit. -
Sie sind ihrer Sache so gewiß und so ruhig dabei, daß einem wahren Christen die
Haut schaudert, und ihm ob der Folgen die Haare zu Berge stehen möchten.
Eigentlich ist es
nicht ganz verständlich, wenn ein Mensch als Christi Nachfolger die Menschen zu
Ihm führen will, dann müßte er doch wirklich, von innen
heraus, den Herrn lieben und wissen, daß kein Mensch so rein und sündenlos sein
kann, daß er befreit ist von der Erbsünde. Auch hier hat Stilling mit seiner
zutreffenden Folgerung den Kernpunkt der Sache bloßgelegt.
3) Es ist
unbegreiflich, wie vernünftige Männer den allgemeinen Hang, die überwiegende
Neigung der gesamten Menschheit zur Sünde übersehen, den Fall Adams leugnen
können; und wenn dieser nicht geleugnet werden kann, so ist ja nichts
vernunftmäßiger, als die Erlösung durch Christum.
4) Es wäre sehr zu
wünschen, daß man sich hier des Sicherheitspostulats bediente, nämlich: ist die
altevangelische Lehre, so wie sie die Symbole der protestantischen Kirche
bekennen, wahr, so sind wir die glücklichsten und die Neologen die
unglücklichsten Menschen; und ist sie nicht wahr, so irren wir zwar, aber wir
können auf keinen Fall unglücklich werden; folglich wer Neologie lehrt, der wagt
entsetzlich viel, und wer nach den Symbolen lehrt, gar nichts.
Jeder Mensch, der
eine andere als die christliche Lehre, wenn er sie genau kennt, ablehnt, um
eine andere zu lehren, macht sich schuldig an der leiblichen Opferung des
Herrn. Auch er ist dann Einer von jenen, die einstmals schrien: "Kreuzige
Ihn, denn Er ist nicht Gottes Sohn!"
Und ein Mensch, der,
wie wir heute, soviel lernte, also seinen Verstand trainieren durfte, kann,
wenn er nur will, die Wahrheit und den Segen der christlichen Lehre erfassen.
Zu diesem Kapitel
muß man die Nachworte Stillings hören, weil sie dieselben schlagartig und
gravierend beleuchten.
Wenn er also Alon
selbstgefällig sagen läßt: "Nun, wir wollen's auf den Ausspruch des
gerechten Richters ankommen lassen", dann müssen wir ihm beipflichten,
wenn er in der Anmerkung ausruft:
5) Die Verblendung
und Tollkühnheit dieser Leute ist fürchterlich! - Sie haben ja noch tausende
von Beispielen gegen sich, wo die Versöhnungslehre böse Menschen in heilige
umgeschaffen hat, und eben so viele Beweise von Verirrungen der Vernunft, und
doch dürfen sie noch ans Gericht Gottes appellieren.
6) Alon räumt hier
mehr ein, als die meisten in der Aufklärung schon weiter vorgerückten
Modernisten. Diese glauben an eine solche Offenbarung Gottes an die Menschen
nicht mehr.
Es ist erstaunlich,
wie viele Worte Stillings noch auf unsere Zeit passen. Dieser erneute Beweis,
daß wir seit den Tagen eines Goethe, Schiller, Herder u. a. im ethisch
christlichen Sinne noch nicht weitergekommen sind, ist erschütternd. Oder
könnte das folgende Wort Stillings nicht genau für uns zugeschnitten sein?
7) Auch dieses
scheint man nicht mehr zugeben zu wollen, man fängt an, zu glauben, der Hang
zur Tugend sei auch völlig da, er brauche nur kultiviert zu werden; man nimmts
aber auch mit der Tugend so streng nicht - so wächst der Abfall zusehends.
8) Wie doch der
Irrtum so fest sitzt! Ach, es gehört viel dazu, einen Aufgeklärten unserer Zeit
zu überzeugen.
9) Da sprudelt eben
die Quelle alles Jammers. - Die Jünglinge lernen da die Vordersätze des
Unglaubens und des Zweifels, auf welche sie hernach ihr verderbliches System
gründen.
Ebenfalls ist man
zutiefst erschüttert, wenn Stilling nun in dem Zwiegespräch zwischen Alon und
Deguel auf die Art und Weise des Lehrens der christlichen Religion eingeht,
wenn er darauf verweist, wie zwanglos manches hierbei gehandhabt wird. So ist
seine Anmerkung begreiflich, auch wenn sie einen bösen Krebsschaden aufdeckt.
10) Dies wird auch
nicht mehr so genau genommen, man vereidigt die Prediger nicht mehr so scharf,
und hat überdem so seine reservationes mentales dabei. Sogar setzt man das
Wesentliche des Protestantismus in eine immer fortgehende Reformation.
11) Es ist wahr,
jeder Fanatiker erklärt sein System aus der Bibel, und eben dies wollen ihr die
Neologen zum Vorwurf anrechnen, und ihr daher den Wert einer göttlichen
Offenbarung absprechen. Der ganze Fehler liegt aber darinnen, daß man einzelne
Stellen herausreißt, sie seinen eigenen Lieblingsideen anpaßt, und nicht den ganzen
Bibelgeist in sein Wesen aufnimmt.
12) Die Alons geben
das freilich zu, aber sie wenden den Satz nur auf die alten Symbole an; ihnen
sind diejenigen nur Irrlehrer, die Glaube und Versöhnung predigen, alle andern
nicht. Wie inkonsequent!
Aber besteht nicht
auch unser Leben oft aus Inkonsequenzen? Wir sind uns nur nicht immer klar
darüber, denken häufig nicht genügend über den wahren Sinn der heiligen Schrift
nach. Oder halten wir uns etwa an den Satz:
"Du sollst Gott
mehr gehorchen, als den Menschen?" Den Willen dazu haben wir. aber
--- meistens fehlt uns doch der Mut. Stilling packt auch hier wieder den
Stier bei den Hörnern und spricht das aus, was er denkt:
Luther hatte der
römischen Kirche den Eid des Gehorsams geschworen; sobald aber nun diese Kirche
Dinge zu tun befahl, die offenbar sündlich sind, so konnte er seinen Eid nicht
halten und ebensowenig sein Lehramt niederlegen, weil seine Obrigkeit
ihn dabei schützte.
Der Reformator des
Mittelalters fühlte also das ihn antreibende innere Gebot so klar, daß er
dieser "Verpflichtung" nachkam. Und wir?
Wir unterlassen
viele Dinge aus Angst, den Zorn der anderen zu erwecken, in Zwietracht - oder
gar in materielle Nöte geraten zu können.
13) Wenn er jetzt im
Verlauf des Gespräches deutlich darauf hinweist, daß wir die "Rolle",
in der unsere Gedanken, Worte und Taten aufgezeichnet sind, schon im Erdenleben
ausbreiten sollten, um im jenseitigen Leben nicht allzu sehr leiden zu müssen,
dann ist auch das zeitlos, und für alle Zeiten, auch für uns noch zutreffend.
Wieder müssen wir seinen nachgefügten Worten recht geben:
14) "Ach, wenn
sich solche Männer nur hier schon bei Zeiten die Mühe nähmen, diese furchtbare
Rolle zu entwickeln, um noch diesseits ihre Rechnung mit dem Erlöser
abzutun."
Wenn er ferner
auseinandersetzt, wie schadenbringend gewisse Vorurteile sich auswirken können,
wird jeder einigermaßen Nachdenkende ihm beipflichten:
"Wie fest ist
noch das Vorurteil eingewurzelt, wenn man nicht an den Fall Adams glauben
kann."
Wenn nun die
Menschen in diesen bei den Jahrhunderten im christlichen Denken fortgeschritten
wären, hätten wir niemals die schreckensvollen Kriegszeiten durchleben müssen
und die folgenden Worte Stillings wären belanglos geworden:
15) "Indessen
läßt sich doch ein Blick in dies große Geheimnis tun. Bei Gott ist keine Zeit,
folglich keine Vergangenheit und keine Zukunft, die ganze Ewigkeit ist bei Ihm
ein einziges gegenwärtiges Nun, in welchem das Leiden der Menschheit im
Verhältnis gegen ihr Glück ein Nichts ist; nimmt man noch dazu, daß der
christliche Kämpfer unendlich weit herrlicher und seliger wird als der Mensch
ohne den Fall Adams würde geworden sein, und daß die Erlösung durch Christum
die Menschheit unaussprechlich glücklicher machte, als sie ohne ihren Fall
würde geworden sein, so ist der Blick in dies Geheimnis noch heller."
Das Christentum muß
der Menschheit derart in Fleisch und Blut übergehen, daß der Mensch als
einzelner nichts mehr gegen das Massenfühlen wirken kann. Damit fällt auch der
verderbliche Einfluß einer materiellen Massensuggestion fort, die, wie wir am
eigenen Leibe erfahren mußten, so grausige Geschehen hervorzurufen vermochte.
Und mit dem Aufnehmen des echten Christusgedankens zerfällt letztlich auch das
allzu verstandliche - der Seele immer feindliche - Erdendenken.
16) Nun da kommt
denn endlich der letzte Feind, der nun auch aufgehoben werden muß. Der Stolz
der selbstsüchtigen Vernunft ist wirklich unbeschreiblich groß, sie will
durchaus nichts für wahr erkennen, als was sie bei ihrem Lämpchen sieht - sie
hat ein wahres Nachteulengesicht, das den Tag nicht vertragen kann!
Gerade diese letzten
Worte sind wiederum keineswegs überholt, im Gegenteil, sie passen auf unsere
Zeit, in der Wissen, Lernen und schulmäßiges Ausbilden allzu hoch gewertet
wird. Ein Mensch. der nicht seelisch, also intuitiv zu denken vermag, der nur
mit seinem intellektuellen Gedankengut jongliert, kann gar nicht im echten
christlichen Sinne fühlen lernen. Der moderne Mensch muß beides Intellekt und
Intuition vereinen, sonst bleibt er in dem kommenden Zeitalter, mehr noch im
jenseitigen Leben eine Halbheit und ist unfähig, Gottes Kind zu werden. Wie
trostvoll ist gerade an dieser Stelle Stillings Auslegung für uns.
17) Die Lehre von
der Versöhnung und der zugerechneten Gerechtigkeit Christi ist nur der
philosophisch aufgeklärten Vernunft widersinnig; dagegen der biblisch
erleuchteten Vernunft äußerst zweckmäßig, heilig, gerecht und Gott geziemend;
denn wenn Christus aus den Sünden am Ende lauter heilige und selige Folgen
herleitet, die ohne die Sünden nicht hätten entstehen können, so bleibt die
Sünde zwar immer noch abscheulich, und der Sünder unter dem Zorn Gottes! Aber
diese Gerechtigkeit Christi tut der Gerechtigkeit Gottes vollkommen genug, denn
die Sünde wird in Segen verwandelt und, sobald der Sünder nun wiedergeboren
ist, und Christo das Böse zu guten Zwecken lenken hilft, so ist er ja versöhnt
mit Gott und hat Teil an der Gerechtigkeit Christi!
Zehnte
Szene.
Paltiel, Elnathan und Braja.
Paltiel (auf der Höhe zwischen dem Reiche
der Herrlichkeit und dem Reiche des Lichts). Er kommt von Ferne, der treue
tätige Elnathan Wie freue ich mich seiner Begleitung! Solche Wonne, wie
jetzt unser wartet, genießen auch die Allerseligsten nicht oft. Sei mir
gegrüßet, himmlischer Bruder! - Deine Gegenwart erhöht meine Verklärung.
Elnathan. Und ich strahle herrlicher in
deinem Anschauen; ich habe Befehl, dich zu begleiten; darf ich wissen, das
große Geschäft, wozu der Herr seinen Paltiel sendet?
Paltiel. Wie kann ich das meinem
Mitgesandten verhehlen?
Elnathan. Mich durchdrang ein Schauer der
erhabensten Feier, als ich auf der saphirnen Himmelsbläue las: "Gehe
auf die Höhe, und begleite den Paltiel" - Denn ich weiß, daß du zu der
englischen Ordnung gehörst, die nur zu den erhabensten Aufträgen gebraucht
wird.
Paltiel. Das, was mich würdig machte, war
seine Gabe; auch du wächsest schleunigst empor: gelobet sei der Herr in aller
seiner Wahrheit und Güte! - Heute werden wir einen Triumph feiern!
Elnathan. So etwas ahnte mir, - besonders
als ich dich in deinem fürstlichen Schmucke mit der Siegeskrone auf deinem
Haupte einherziehen sah. Auch ich kleidete mich in mein feierlichstes
fürstliches Gewand, als ich gewürdigt wurde, Paltiels Mitgesandter zu
sein. Aber wer ist denn der große Sieger, der jetzt eingeholt werden soll?
Paltiel. Eine Fürstin, die durch
erstaunliche Trübsale geläutert, durch die feurigsten Versuchungen bewährt, in
den schrecklichsten Kämpfen Siegerin, und deren ganzes Leben ein Gewebe von
edlen Taten ist.2)
Elnathan. Solch ein edles, erhabenes Wesen
zu sehen und in seine Gemeinschaft zu kommen, erhöht jede Seligkeit. Willst du
mir auf dem Heimweg zu ihr ihre Geschichte erzählen?
Paltiel. Das soll mit hoher Freude
geschehen. Braja heißt in unserer Sprache der erhabene weibliche Geist,
zu dem wir jetzt hineilen; sie ist die Tochter einer frommen Mutter, die sehr
viel von ihrem Gemahl litt, der seine Größe darin suchte, alles um sich her
zittern zu machen; jede kleine Wohltat, die er jemand erzeigte, war ihm bloß
Gnade, aber nicht Pflicht; dagegen war es eines jeden strenge Schuldigkeit,
alles zu tun, was seine wildeste Leidenschaft heischte. In dem Ofen der Leiden
geprüft, erzog sie ihre Tochter so, daß sie fähig wurde, alles zu ertragen, was
sie selber dulden mußte, und gewöhnte sie an die reinste und lauterste
Selbstverleugnung, verbunden mit der Aufopferung aller Kräfte zum Wohle des
Nebenmenschen; der Regentenstand wurde dem jungen Gemüte nicht anders
vorgestellt, als ein Verhältnis, worin man vor allen andern Menschen
Gelegenheit habe, Gutes zu wirken, und alles Glück, aller Segen, den man darin
um sich her verbreiten könne, sei nicht freie Willkür, sondern hohe Pflicht. So
ausgerüstet, wurde sie frühe an einen wollüstigen und von Grund aus verdorbenen
Erbfürsten verheiratet. Hier mußte sie nun täglich alle Greuel eines tief in
den Abgrund aller Laster versunkenen Hofes ansehen, und mit lauter Menschen
leben, deren Betragen so beschaffen war, als wenn sie dazu bestimmt wären,
allenthalben Fluch und Verderben zu stiften. Ob sie sich nun gleich in
Regierungssachen nicht mischen durfte, so wußte sie doch durch ihr kluges
Betragen, durch Bitten und durch weislich angebrachte Geschenke manches Böse zu
verhindern und manches Gute zu befördern. Besonders aber machte sie sich durch
ihre vernünftige Sparsamkeit geschickt, vortreffliche Stiftungen zur Erziehung
armer Kinder zu veranstalten, und den Armen Arbeit und Unterhalt zu
verschaffen. Mit solchen edlen Handlungen füllte sie ihre Lebenstage aus, und
nicht eine Gelegenheit, Gutes zu wirken, hat sie mit Wissen und Gewissen oder
Willen versäumt. Dieses alles war aber nicht etwa Folge eines guten
Herzens, oder Mittel, ein lasterhaftes Leben damit zu decken, sondern reiner
Grundsatz aus Pflicht, besonders da in ihrem Charakter viele Anlage zum Geiz
verborgen lag. Ihre körperliche Schönheit, verbunden mit einem geistvollen und
gefälligen Wesen, lockte alle Wollüstlinge zu ihrem Umgange; die schönsten
Männer verschwendeten alle Mühe der listigen Verführungskunst an sie, und
obgleich ihre physische Natur zur fleischlichen Liebe und deren Genusse
in hohem Grade geneigt war, und sie von ihrem Gemahl, der sich allen
Ausschweifungen ohne Vorbehalt hingab, schändlich vernachlässigt wurde, so
kämpfte sie doch bis auf's Blut, und siegte in allen oft so feurigen
Versuchungen, daß sie kaum ein Sterblicher zu ertragen vennag.3) In
allen diesen Verhältnissen mußte sie nun noch über das alles nicht
allein jeden äußeren Trost, jedes Zulächeln des Beifalls der Menschen
entbehren, sondern unaufhörlich geheimen, beißenden Spott und die ganze Wut der
Hölle des Christus- und Religionshasses erdulden; dieses ging endlich so weit,
daß man die künstlichsten und verwickeltsten Pläne schmiedete, entweder ihre
hohe Tugend oder sie selbst zu stürzen; da nun das erste nicht möglich war,
so gelang das andere desto besser; man beschuldigte sie geheimer
Schandtaten und Laster, erklärte ihre Tugenden für Heuchelei und
verschloß sie nun in eine alte, abgelegene Burg, wo ihr alle Wirksamkeit
unter den Menschen gänzlich versagt wurde. Hier lebte sie mit einigen getreuen
Personen viele Jahre gänzlich von der Welt abgeschieden, und diese Zeit brachte
sie mit gründlicher Selbstprüfung und Veredlung ihres Geistes zu, bis endlich
ihr Gemahl plötzlich aus dem Taumel der Wollust in die Ewigkeit hingerissen
wurde; jetzt richteten nun die wenigen, von allen Geschäften verdrängten
Rechtschaffenen ihre Häupter auf, sie bewiesen nicht nur die
Unschuld, sondern auch die hohe Tugend ihrer Fürstin rechtskräftig, und erhoben
sie als Regentin und Vormünderin ihrer Kinder auf den Fürstenstuhl. So sehr ihr
nun auch alles Volk entgegen jauchzte, so groß war ihr Leidwesen, als sie den
gänzlichen Ruin und die schreckliche Verwirrung der Staatsverfassung, und dann
das große Verderben ihrer drei Kinder entdeckte; der Erbprinz war schon in den
Grund verdorben, und die bei den Töchter Muster der Eitelkeit. Jetzt griff sie
mit Mut und Heldenstärke die Sache an; sie versammelte einige der größten und
würdigsten Männer um sie her, brachte den Religions- und Kirchendienst in die
beste Ordnung, verbannte allen Luxus, gab ihren Kindern die zweckmäßigste und
klügste Aufsicht, und regierte so, daß sie in 12 Jahren durch kluge
Sparsamkeit, unermüdeten Fleiß und Geduld, und mit unaussprechlicher Mühe die
ganze Verwirrung aufgelöst und alles in guten Stand gesetzt hatte. Jetzt kam
aber ihr Sohn zur Regierung, der nun die zu spät gelernten guten Grundsätze
bald wieder vergaß, und gänzlich in seines Vaters Fußstapfen trat, seine
würdige Mutter, die ihm überall im Wege war, wurde mit guter Manier wieder auf
ihr altes Schloß verwiesen, wo sie noch einige Jahre in heiligen Übungen
verlebte, dann krank wurde, und nun ihrer Auflösung nahe ist.4)
Elnathan. Diese erhabene Seele muß wohl
unaufhörlich im Geiste des Gebetes vor Gott gewandelt haben; denn sonst wär' es
unbegreiflich, wo alle diese Kräfte zur Bekämpfung ihrer eigenen verdorbenen
Natur, und so vieler mächtiger Feinde außer ihr, sollten hergekommen sein.
Paltiel. Du hast recht geurteilt; das ist
das einzige Mittel, wodurch sich der sterbliche Mensch über alle Mächte
emporschwingen und alles überwinden kann; dann gehört aber auch die Kampf treue
in allen, auch den kleinsten Versuchungen noch dazu, und beide Hauptstücke
hatte ihr ihre Mutter von Jugend auf eingeflößt.
Elnathan. So selten in den höheren Ständen
die wahre Gottseligkeit ist, so groß und erhaben sind dann aber auch die
Geister, die sich in denselben der Heiligkeit widmen, und am Ende treu erfunden
werden.
Paltiel. Das ist vollkommen wahr, denn alle
Umstände vereinigen sich in diesen Ständen, den Weg zum Verderben leicht und
angenehm, und den zum Leben schwer und verdrießlich zu machen. Aber laßt uns
nun in unser Strahlengewand einhüllen, dort kämpft Braja's unterliegende
Natur mit dem Tode.
Elnathan. Wie der Engel schon durch die
Tonhülle schimmert! - Herrlicher Bruder! -solchen Ausdruck im Gesichte eines
Sterbenden sah ich noch nie,
Paltiel. Solcher Sterbenden gibt's aber
auch wenig! Empor, Braja! - Flügel her, Flügel der Morgenröte! - Schwinge
dich zu uns, du durchaus getreuer Geist! - Eine Lichthülle aus dem Reiche der
Herrlichkeit voll unendlicher und himmlischer Lebenskräfte vereinige sich auf
ewig mit dir! Und nun stehe da, wie ein Fürst des Erhabenen, wie ein Seraph vor
seinem Throne!
Braja. Wo bin ich? Was ist aus mir
geworden? - Welche Ruhe in mir, und welche reine, heitere Morgenluft um mich
her! - Es ist mir, als wenn ich früh im Mai vor Sonnenaufgang erwachte und
sanft geschlafen hätte! - Diese Dämmerung voller Wohlgerüche weht unaussprechliche
Ahnungen großer und erhabener Dinge in meine Seele! Allgütiger, meine Hülle
strömt Strahlen aus, wie eine aufgehende Sonne! - ich steige ohne mein Bemühen
aufwärts, wie ein Dampf vom Blumenfeld im niedrigen Tale, wo das Morgenrot
vergoldet. (Die bei den Engel erscheinen vor ihr in himmlischer Majestät.) Ach
mein Heiland, mein Erlöser! Stärke mich, damit ich das Anschauen dieser
Herrlichen ertragen könne! - Ich bin nicht würdig, euch, ihr starken Helden, in
eurer himmlischen Herrlichkeit anzusehen! - Erbarmt euch meiner, damit ich
nicht in meiner niedrigen Ohnmacht vergehe.5)
Paltiel. Sei getrost, du Siegerin! Du
kommst aus großen Trübsalen und hast deine Kleider im Blute des Lammes glänzend
gemacht. - O, du hast einen herrlichen Kampf gekämpfet! - Komm nun zum
Siegestriumph und gehe ein zu unseres Herrn Freude?
Braja. Gott! - Ewiger, Barmherziger! -
Träume ich nicht?
Paltiel. Nein! Komm und umarme uns, deine
himmlischen Brüder! - Du hast deine sterbliche Hülle abgelegt, und wir sind
gekommen, dich ins Reich der Herrlichkeit zu führen.
Braja. O, so töne meine Stimme im
feierlichsten Jubel, daß es durch die Schöpfung schallt! - Halleluja! Ach, ich
träumte oft den Vorgeschmack der Seligkeit, und dann erwachte ich wieder im
Jammerleben! - Ach, wenn ich nur auch jetzt nicht träume, oder etwa ein Gesicht
sehe!
Paltiel. Erinnere dich, liebe Braja, des
Zusammenhangs der aufeinander folgenden Begebenheiten deines Lebens; erinnere
dich deines Todes, wie du in der Betäubung zuletzt den Stillstand der Lebensbewegung
empfandest, und fühle nun dein ganzes Dasein in der andern Welt!
Braja. Lobe den Herrn mein ganzes Dasein!
- Ja ich lebe und bin erwacht zum ewigen Leben. Ach, wie herrlich werde ich
überkleidet; ich strahle immer heller und schöner; es scheint mir, als wenn
ein; Regenbogen in blendenden Lichtfarben um mich her kreiste, und in meinem
Innersten eröffnet sich eine Quelle des Friedens, der alle Vernunft übersteigt.
Elnathan. Sei mir gegrüßet, Braja. ewige
Freundschaft verbinde uns in englischer Liebe!
Braja. Lehrt mich Worte, ihr Himmlischen,
womit ich meine Empfindungen ausdrücken kann!
Paltiel. Diese Empfindungen sind die
verständlichste Sprache der Seligen.6) Aufwärts, Braja!
(Beide nehmen Braja zwischen sich und
schweben mit Adlersflügeln empor, dem ewigen Morgen entgegen.)
Braja. Ich sehe in weiter Ferne ein
großes, goldenes Tor, das im Lichte blitzt; es ist auf ein starkes Gebirge
gegründet, und sein Giebel verliert sich in den ewigen Lüften; es scheint mir
hoch und weit genug zur Pforte aus der Zeit in die Ewigkeit.
Paltiel. Das ist die Siegespforte, durch
welche diejenigen einziehen, die bis in den Tod getreu geblieben sind und den
Kampf des Glaubens redlich gekämpft haben.
Paltiel.
Wenn am erhabenen
Giebel des Tors
der Herold posaunet
Palmenreihen der
Tiefe des Ostens entwehen -
Dann erheb' dich und
hol' uns
smaragdene Zweige
vom Tore,
Unter allen die
größten, mit goldenen Funken bestreuet!
Elnathan. Horcht, es tönt! - Man hört schon
Harfengelispel, ich gehe!
Braja. Dazu gehört Unsterblichkeit und
ein himmlisches Empfindungsorgan! - Nur einer dieser Blicke - nur ein leiser
Laut von hier würde die abgelegte Hülle zerstäuben! 7)
(Elnathan bringt drei wehende Palmenzweige
und teilt sie aus! Ein Seraph schwebt über das Tor herüber, setzt der Braja
eine strahlende Lorbeerkrone aufs Haupt und zieht ihr ein blendend weißes Kleid
an, das mit rotfunkelnden Sternen besäet ist.)
Paltiel. Weit auf das Tor, zum Siegeszug!
Der Held aus Juda
siegt durch seine Knechte,
Durch ihn, durch
seine Kraft ward Braja,
die Gerechte,
Auch Siegerin 8),
sie kommt!
Braja. Ich komm' im Adlersflug!
(Sie ziehen alle drei durch's Tor ein;
hier schwebt ein lichter Wolkenwagen auf den Schultern zweier Cherubim einher,
Paltiel und Elnathan nehmen die Braja zwischen sich und steigen hinauf; nun
geht der Zug vorwärts.)
Braja. Ich sehe eine breite, gerade
Straße vor mir, sie erstreckt sich bis in die äußerste Ferne des Ostens, und
glänzt, als wen sie mit Sonnengold gepflastert wäre. Tief am äußersten End
strahlt ein wunderbares Licht bis ins Unendliche. Großer Gott welch' eine
Herrlichkeit!
Elnathan. Siehst du auch rechts und links
das schöne paradiesische Land, wie es da in der Morgendämmerung ruht?
Braja. Ach ja, ich sehe dieses Eden, und
da möchte ich wohnen!
Elnathan. Das ist das Kinderreich; für
dich ist ein höher Standplatz bestimmt.
Braja. Allgütigster! Ich sehe Heere von
englischen Kinder herzu schweben, und alle haben goldene Harfen.
Paltiel. Sieg! -
Ihr himmlischen Kinder/ - Singt und lobt den
Herrn
Elnathan. Sieg,
und fleht für die Kämpfer, Jehova erhöret euch gern.
Braja. Ihm allein
gebührt der Triumph! Nur Ihm Halleluja!
(Der Kinderchor mit Gesang und Harfenton.)
Wenn im hohen
Siegsgepränge
Sich der Kämpfer
aufwärts schwingt,
Und der Palmenträger
Menge
Jubel in die Harfe
singt!
O dann laß von
Deinem Throne,
Höchster ! Lebenskräfte weh'n!
Kraft zum Kampf dem
Erdensohne,
Laß ihn Deine Hilfe
sehn!
Paltiel. Kraft
zum Kampf von den ewigen Hügeln! - Jehova!
Elnathan. Kraft
zum Kampf aus den Wunden des Herrn! Halleluja!
(Bei dem Einzuge in das Reich des Lichts.)
Braja. Ach, jetzt seh' ich erst die
himmlische Welt! Welch' eine unbeschreibliche Schönheit der ganzen Natur! -
Eine Luft wie Silberflor über Lichtlasurblau, eine Erde wie Schmelzgold; all
die Myriaden von Gegenständen wie aus Juwelen vom größte Künstler gebildet, und
dies Gemälde gleicht einem ehemalige Schattenrisse der lebendigen Natur. Und
dann alle die prächtigen Wohnungen auf den Hügeln und in den Tälern, gegen
welche die schönsten irdischen Paläste armselige Strohhütte sind. Hier heißt es
erst recht: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr
Zebaotht" Ach, welch' eine Menge glänzender Harfenspieler!
Elnathan. Sieg, und fleht für die Kämpfer im
Staub', Er er höret euch gern!
Braja. Er! Er sieget allein! nur ihm gebührt
der Triumph!
(Der Chor der Engel des Lichts mit Gesang
zur Harfe.)
Er hat gesieget! Das
Licht aus seinen Wunden I) Glänzt weit und breit von seinem Thron! Er hat im
Tod des Lebens Quell gefunden, Und trägt mit Recht die Siegeskron!
Sein Geist durchweht
die Kämpfer in dem Staube, Sein Licht durchstrahlt das Schattental.
Triumph, er siegt! -
der hohe Christenglaube! Und mehrt mit Macht der Sieger Zahl. Herr, ströme
Kraft hinab zur Muttererde, Sprich Mut dem matten Kämpfer zu:
Damit durch ihn die
Wut gedämpfet werde.
Du siegst allein,
der Kämpfer Sieg bist Du! Paltiel. Kraft hinab zur Muttererde, Jehova!
Elnathan. Mut
hinab dem Kämpfer im Staub. Halleluja! Braja. Gnade dem strauchelnden Pilger im
Schatten!
(Bei dem Einzuge ins Reich der
Herrlichkeit.)
Braja. Hier schwindet jeder Ausdruck,
dessen ein endliche Wesen fähig ist. Glühende Lichtfarben allenthalben, und
laute Ideale der Urschönheit! - Lehrt mich die Sprache der Seligen, damit ich
das Lob des Freudenschöpfers nach Würden besingen könne! Welch' eine unzählbare
Menge strahlender Himmelsfürsten mit hochwehenden Palmzweigen zieht da einher!
- Großer und erhabener Gott! Welch eine Majestät, wie herrlich wirst du erst
selbst sein! - Und auf der anderen Seite rauscht das Harfengetöne eines Chors
dieser Fürsten wie ferner Donner.
Paltiel. Sieg! -Seraphim! Ihr Chöre singt
und lobet den Herrn!
Elnattla~l. Sieg und Gebet für die
streitenden Brüder, Er höret
euch gern!
Braja. Sieg durch Ihn allein, nur Ihm
gebührt der Triumph!
(Der Chor der Seraphim mit Gesang zur
Harfe.)
Jehova's Donner sprach einst Leben in das
Nichts,
Und Blitze strömten Strahlen seines Lichts
in die Unendlichkeit.
Nun wälzten Sterne
sich in weiten lichten Zonen,
Es jauchzten ihm die
hohen Orionen,
Aus Ewigkeit ward
Zeit.
Der Erstling der
Vernunft, ein heller Morgenstern,
Stand hoch und her
im Jubel vor dem Herrn,
Er strahlte
himmelan.
Im Selbstgefühl der
Macht entbrannt sein eignes Licht
In roter Glut, des
Herren Hochgericht
Blitzt ihn aus
seiner Bahn.
Das ew'ge Wort
ertönt, und sieh' im lichten Kreis
Wälzt sich ein
Stern, sanftleuchtend, silberweiß.
Jehova liebte ihn.
Er wankt aus seiner
Bahn, trinkt Licht vom bösen Stern.
Rollt donnernd weg,
entfernt vom Thron des Herrn
Zu jenem Weltruin.
Jehova reckt den
Arm, er hält den Stern im Fall,
Er lenkt ihn um, und
dieser Erdenball
Ward holder Liebling
ihm.
Das Wort wird Staub
im Staub, besiegt die finst're Macht.
Entlockt das Licht
der ew'gen Todesnacht,
Nun jauchzen
Seraphim.
O unerschaffnes
Wort, erheitre dort dein Licht;
Du Quell der Kraft,
entweich dem Kämpfer nicht,
Weck' hohen Mut in
ihm!
Die Sieger mehren
sich, Triumph! Jehova siegt;
Seht, wie der Feind
im Todeskampf sich schmiegt!
Nun jauchzt ihr
Seraphim!
(Der ganze Chor im Donner der Harfen.)
Halleluja! Jehova
siegt! Halleluja!
Paltiel. Sieg im Kampf mit der Sünde! Du
Sieger Jehova!
Elnathan. Licht auf dem dunkeln Pfad im
Staube! Halle;uja!
Braja. Hohe
Empfindung des Friedens dem Kämpfer im Tode!
(Der Zug naht sich
der Stadt Gottes, die Straße führt zu einem majestätisch glänzenden, bis hoch
in die Höhe steigenden Tore, welches durchsichtigem Silber oder kostbaren
Perlen ähnlich ist; seine Bauart, sowie die der ganzen Stadt, ist in ihrer
Schönheit durchaus unbeschreiblich. Die weithin sich erstreckenden Mauern
scheinen lauter kostbare Juwelen zu sein, und die Häuser der Stadt sind
himmelhohe Paläste. von eben diesen Steinen gebaut. Tief im Hintergrunde ragt
eine saphirne Höhe weit und breit empor, welche regenbogenfarbige Wolken
umziehen. Auf diesem Berge steht die Wohnung des Königs aller Welten, der Zeit
und der Ewigkeit; ein Säulenwerk, wie von geschliffenen Diamanten, das sich bis
in die ewigen Höhen erstreckt und das in einem Lichtmeer glänzt, gegen welches
alles Sonnenlicht Finsternis ist. Dieses ist nun das größte Urlicht, welches
die drei himmlischen Reiche durchstrahlt, und alles mit Licht und Wärme, Wahrheit
und Güte erfüllt. Hinter diesem Lichte ist das ewige, jedem endlichen Geiste
unerreichbare Dunkel; zur Rechten steht ein Thron aus der glänzendsten
Lichtmaterie. auf sieben saphirnen Stufen. Ein glühender Regenbogen kreist um
ihn her, auf welchem viele Kinder, in Purpur gekleidet, ruhen. Innerhalb des
Regenbogens um den Thron her wallt sanft ein kristallheller See, in dem sich
Thron und Licht mit himmlischer Schönheit spiegelt. Oben über dem Thron ist die
eigentliche Quelle alles Lichts, wo es sich aus dem ewigen Dunkel gebiert und
unaufhörlich die Geheimnisse der Vorsehung enthüllt. Vor dem Throne, in weitem
Kreise, sitzen die vierundzwanzig Stammfürsten des Menschengeschlechts, welche
dem Erhabenen unaufhörlich die Gebete der Kämpfer vortragen und die Geschäfte
der niedrigen entfernten Erde besorgen.
Der Zug geht nun
durchs Tor über die mit Gold gepflasterte Gasse auf den heiligen Berg zu. Die
Bürger stehen auf bei den Seiten in ihren Ornaten mit hochwehenden
Palmenzweigen.)
Paltiel. Sieg! Ihr Bürger Jerusalems! Singt
und lobet den Herrn!
Elnathan. Sieg! Und fleht für die Kämpfer im
Staube! Er er- höret euch gern!
Braja. Ihm allein Triumph!
(Die Bürgerschaft Jerusalems,)
Feiert dem Herrn am
Throne - denn er hat gesiegt!
Feiert dem Urlicht!
-Heilig! Heilig! Heilig ist Er!
Feiert dem
Wundengestirne! dem Ordenszeichen des Herrn'
Feiert Ihm! - Er
naht sich dem Thron! - Die Grundfeste bebt.
Hin zum Boden das
Antlitz!
Heiliger, richte den
Sünder - und stärke den Kämpfer zum Sieg!
(Paltiel, Elnathan und Braja feiern am
Fuße des heiligen Berges: alle Scharen der Palmenträger und Harfenspieler
feiern in unübersehbaren Reihen durch die Gassen hin. Zwei Kinderengel schweben
auf einem goldenen Gewölke vom Palaste herab und führen jene drei hinauf vor
den Thron, auf welchem das Urbild junger, männlicher Schönheit sitzt, die
rotfunkelnden Sterne auf Händen, Füßen und in den Seiten strahlen in
unaussprechlicher Majestät ! Sein Gewand ist Silberlicht und einfach, und auf
ihn fließt beständig ein geistiger Strom aus dem Lichtquell herab.)
(Paltiel, Elnathan
und Braja stehen fern außer dem Kreise der Fürsten.)
Der Herr. Sei mir willkommen, meine
Schwester - aus dem Vaterlande! - Du bist treu gewesen bis in deinen Tod, und
hast überwunden. Von nun an sollst du in der Stadt Gottes wohnen, und du wirst
über viele gesetzt werden, um sie mir näher zu führen.
Braja. Unbegreiflich Herrlicher, König
der Engel und der Menschen! - Nun seh' ich Dich von Angesicht zu Angesicht;
Dich, den ich im Leben meines Glaubens über alles, aber in großer Schwachheit
geliebt habe! - Dank Dir in Ewigkeit! Du hast mich durch Deinen Geist in Deinem
Worte geleitet und mich bewahrt, daß die Sünde in mir nicht herrschend geworden
ist. Dir sei dafür nun auch mein ewiges Leben gewidmet.
Der Herr. Deine unverbrüchliche Treue in so
vielen Proben bewog mich, Dich nach Verhältnis zu stärken; nun stärke auch
Deine unvollkommenen Brüder.
Braja. Gib mir Kraft, Du Quelle des
Lichts und alles Lebens, so will ich tun, was Du mir befohlen hast! - O wie
erträgt mein endliches Wesen die unendliche Liebe zu Dir? Du Liebenswürdigster!
Der Herr. Eben diese unendliche Liebe
erweitert Deine Schranken in's Unendliche. Liebe mich aus allen Deinen Kräften,
denn darin besteht Deine höchste Seligkeit. Meine höchste Freude ist die Liebe
zu meinen Erlösten.
Braja. Mein endlicher Geist erträgt die
Wonne Deines Anschauens nicht länger, Du göttlicher Bruder.
Der Herr. Dieser Name, meine Schwester, könnte
meine Seligkeit erhöhen, wenn´s möglich wäre.10) Ihr lieben Freunde
und Brüder, Paltiel und Elnathan bringt die Selige an ihren Ort.
Braja. König der Menschen! Darf ich
zuweilen in deinem Anschauen ein Fest des Himmels feiern?
Der Herr. So oft es dein himmlischer Beruf
erfordert. Du wirst mich oft sehen und aus der Lichtsquelle Aufträge erhalten.
Braja. Allerseligster, ewiger Dank Dir!
Paltiel. Gelobet seist Du, Erhabener auf
Deinem Throne!
Elnathan. Preis Dir, König des Himmels und
der Erden!
Der Herr. Genießt der Seligkeiten Fülle,
meine Brüder! -
1) Wem etwa bei dem
Lesen dieser Szene einfallen möchte, warum ich eine hohe Standesperson, und
nicht einen geringen Menschen zum Gegenstande dieses Triumphes gewählt hätte,
dem diene zur Antwort, daß der Glaubenskampf und die Prüfungen im hohen Stande
weit schwerer als in niedrigen Ständen sind. folglich auch dort dem Oberwinder
eine größere Seligkeit zu Teil werden wird.
2) Bei
Standespersonen sind die Reize der Gelegenheit und die Mittel zu sündigen, weit
häufiger, mächtiger und stärker, als bei den gemeinen Leuten; wer also da treu
aushält, auf den warten himmlische Triumphe.
Auch Stilling
empfand damals die Unfähigkeit, den herrschenden Kreisen die ihnen auferlegte
Pflicht nahezubringen, als einen bitteren Mangel. weil er die schlimmen Folgen
klar erkannte. Gerade deshalb aber möchten wir diese Worte anführen.
3) Ich wünschte, daß
das bisher Gesagte recht beherzigt wird. Nicht alles ist wahre Tugend, was uns
so scheint, sondern bloß Folge eines edlen Charakters, nur das, was gegen den
Charakter erkämpft wird, ist wahre Tugend.
4) Möchte doch diese
Erzählung zum wahren Regentenspiegel werden. in dem sie sich oft besehen!
Allein was hilft dieser Wunsch? - Meine Schriften kommen wenig Regenten in die
Hände; Diejenigen, welche um sie sind, entfernen alles, was ihren Absichten
zuwider ist.
Und immer von neuem
verweist Stilling dann auf die eigentlichen Folgen unserer Handlungen auf das
jenseitige Leben in allen Phasen.
5) Ich glaube nicht.
daß es einen größeren und herzergreifenderen Augenblick in der ganzen
Entstehung des Menschen gibt. als das erste Erwachen aus dem Todesschlummer. -
8) Im Geisterreiche,
besonders nach der Enthüllung, sieht jeder in dem Wesen jedes andern, was er
denkt und empfindet. und dies ist die allen Wesen verständliche Sprache in
jenen Welten.
7) Eben darum wird
auch die sterbliche Hülle zerstäubt und der verklärte, Christus ähnliche Körper
angezogen, um höher empfinden zu können.
8) Ohne die
Oberwindungskraft des Geistes Jesu Christi wird kein Mensch Sieger. - Diese muß
errungen, erharret und erbeten sein.
Dies macht eben die
Seligkeit aus, ohne diesen inneren Frieden der Versöhnung mit Gott würde alles
nichts helfen.
9) Die armen
Vernünftler hienieden, die sich so sehr über das geschlachtete Lamm, Blut und
Wunden skandalisieren. werden sich dereinst wundern, wenn sie sehen und hören.
daß das Sprache des Himmels ist; indessen skandalisieren sie sich über Jupiters
Adler, den Pfau der Juno, die Eule der Minerva und die Schlange des Xskulap
ganz und gar nicht. Es ist entsetzlich! - Man ist Christus und seiner Religion
so satt, daß man nichts mehr von Ihm hören und sehen mag.
Wie die Menschen
sich verhalten, um kraft ihres "verstandesgemäßen Denkens" Christus
abzulehnen. ist unwichtig, nur die Tatsache, daß sie Ihn nicht anerkennen
mögen, gibt den Ausschlag, damals und auch heute wieder, denn das Jenseits
bleibt sich gleich.
Darum sind auch für
uns die Erkenntnisse eines Menschen, wie Stilling es gewesen ist,
bedeutungsvoll geblieben. Das, was Menschengeist - nicht ersonnen - sondern aus
dem Reiche Gottes aufgenommen hat, ist als unvergängliche Weisheit
unvergänglich für alle die Geschlechter. die im Vergänglichen noch zufrieden
sein können.
10) Die größte Idee, die ein Mensch denken
kann, ist: ein Wesen meines Geschlechts, mein wahrer, fleischlicher Bruder ist
der wahre Gott des Himmels und der Erden und die ewige Gottheit ist ein Wesen
meiner Art geworden - und diese größte Idee aller großen Ideen ist so groß, daß
sie dem Herzen tief empfundene, unwiderlegbare Wahrheit wird, wobei jede
Vernunft verstummt, sie ist die Grundfeste und das Wesen der ganzen
christlichen Religion.
E l f t e S z e n e.
Das große
Geheimnis
Abdiel Seluniel
und Tabrimon.
(Im Kinderreiche.)
Abdiel. Sei mir gegrüßt, mein Bruder Seluniel! Du
wandelst ja so einsam im Dunkel des Myrtenhains, als wenn du Geheimnisse der
Ewigkeit enthüllen wolltest.
Seluniel. Ich empfinde hier das sanfte Wehen
der allbelebenden Natur und feiere dem Erhabenen.
Abdiel. Ich lese in deinem Antlitz hohe Gedanken;
dein Geist arbeitet im Unermeßlichen.
Seluniel. Siehst du jenen großen Fremdling,
wie er feierlich ernst am Hügel unter den Palmen wandelt?
Abdiel. Ich sehe ihn, er blickt mit Unruhe nach
dem Lichte, es scheint ihm hier nicht wohl zu sein.1)
Seluniel. Er sehnt sich nach seiner
Versöhnung mit Gott.
Abdiel. Glaubt er denn das Geheimnis der Erlösung
nicht?
Seluniel. Er ist ein Brahmine und hat
die christliche Religion nie kennen gelernt.
Abdiel. Ist sein Leben geprüft?
Seluniel. Ich hab' ihn herbeigeführt, er ist
einer der edelsten Geister, und eben jetzt bereite ich mich, ihm das Geheimnis
der Versöhnung zu enthüllen.
Abdiel. Es gab einen Zustand, in welchem die Engel
dieser Enthüllung mit Sehnsucht entgegenjauchzten.
Seluniel. Gelobet sei die Quelle des
Urlichts für diese Offenbarung! Weißt du auch, mein himmlischer Bruder, daß
dieses Licht schon drunten im Tale der Schatten und des Todes die höchsten
Gipfel der Berge vergoldet?
Abdiel. Ja, ich habe erfahren, daß verschiedene
unter den Sterblichen helle Blicke in dies Geheimnis tun; auch dafür sei der
Herr gelobt! - Denn nun wird bald das Licht die Finsternis völlig besiegen.
Seluniel. Begleite mich, Abdiel - wir
wollen zusammen dem Fremdlinge uns nähern.
Abdiel. Sehr gerne, mein Bruder!
Seluniel. Friede sei mit dir, Tabrimon, in
den Tälern des Friedens! - Sage uns doch, warum deine Seele so arbeitet, und
warum du im Lande der Ruhe keine Ruhe finden kannst? - Entdecke uns dein
Innerstes ganz.
Tabrimon. O wie gern will ich euch, ihr
göttlichen Jünglinge, die Geschichte meines sittlichen Lebens erzählen, und
dann bitte ich euch, strömt Licht in meine Dunkelheit!
Seluniel. Das soll mit Freuden geschehen.
Tabrimon. Ich bin ein Brahmine, und wurde
zwar in den Geheimnissen des Brahma unterrichtet, allein mein Vater
belehrte mich schon in meiner frühesten Jugend, daß die höchste Pflicht, die
Mutter aller Pflichten, in der Ausübung der Liebe gegen alle Menschen bestünde;
jedermann wohlzutun, an jedes Menschen sittlicher Vervollkommnung unaufhörlich
und mit allen Kräften zu arbeiten, das sei es allein, was uns dem Wesen aller
Wesen wohlgefällig machen könne. Alles nun, was uns zur Ausübung dieser
Pflicht geschickt mache, sei Tugend.2) Unter allen Tugenden
aber müsse uns die Verleugnung aller sinnlichen Vergnügen, als die vornehmste,
von der Kindheit an bis zum Tode unablässig begleiten, denn dadurch würde die
Eigenliebe getötet, die uns sonst immer hindere, unparteiisch zu unserer und
unseres Nebenmenschen sittlicher Vollkommenheit zu wirken. Besonders aber wurde
mir der, unserem Stamme so gewöhnliche Stolz, als ein Tod aller Wirksamkeit zum
Guten, aufs lebhafteste vorgestellt. Mein Vater sagte: der Stolz liebt sich
nur selbst und schätzt alle andere gering; er ist also dem Gesetze der
Menschenliebe gerade entgegen; der Stolz wird von jedermann gehaßt, seine
Lehren und seine Wirkungen zum besten anderer können also unmöglich Eingang
finden; der Regierer aller Dinge lenkt und beherrscht alles auf eine unerforschliche
Weise, der kurzsichtige Mensch wirkt in diese verborgenen Gänge mit ein. Wenn
er nun stolz ist, so will er immer eigenmächtig nach seinen Grundsätzen
handeln; er strebt also dem Allweisen und Allmächtigen in seinen erhabenen
Wegen immer entgegen.3) Der wahre Demütige und Sanftmütige aber wird
von jedermann geliebt, er läßt sich gern von anderen belehren, und nimmt also
immer an Weisheit zu; er schätzt sich nach seinem wahren Wert, und findet immer
mehr Unvollkommenheiten an sich selbst, als an andern; er bestrebt sich also
unaufhörlich, immer sittlich vollkommener zu werden, und alle um sich her mit
sich fortzuziehen, und endlich forscht er immer mit tiefer Unterwerfung, was
wohl in jedem Augenblicke der Wille sein möchte; er wandelt in seiner Gegenwart,
und wirkt dann nicht als Selbstherrscher, sondern als Diener des Allerhöchsten.
Seht, das sind nun die Grundsätze, die ich von meiner Jugend an bis zu meinem
Tod nach allen meinen Kräften zu beachten gesucht habe.4)
Abdiel. Gelobet sei der Herr, der diese Worte des
Lebens in aller Menschen Seelen ausgesprochen hat! - Aber wenige suchen
und finden diesen Schatz, der so tief in ihnen verschlossen liegt! - Er hat ihn
uns enthüllt, der Erhabene, als wir noch danieden im Fleische wandelten,
Halleluja in Ewigkeit! Kannte dein Vater die Lehre der Christen? - Und hast du
sie gekannt?
Tabrimon. Wir haben oft von ihr gehört, aber
uns immer mit Abscheu von ihr entfernt gehalten.5)
Abdiel. Warum?
Tabrimon. Wie kann ein Mensch, der als ein
Übeltäter mit Schande hingerichtet worden, ein Gott sein? - Und wie kann ein
Volk, das in den schrecklichsten Lastern lebt, zum Teil gröberer Abgötterei
ergeben ist, als irgend eine Nation, zum Teil gar keinen Gottesdienst hat, und
übrigens mit dem unbändigsten Stolze grenzenlose Habsucht, Raub, Mord und
zügellose Wollust verbindet, die wahre Religion und eine göttliche Lehre haben?
Abdiel. So hast du die Christen in deinem
Vaterlande kennen gelernt; hast du nie ihre heiligen Bücher gelesen?
Tabrimon. Was konnte mich dazu aufmuntern
oder anlocken? - Aber Himmlischer, warum fragst du mich nach diesem
verworfenen Volke?
Abdiel. Das wirst du bald erfahren!
Seluniel. Du sagtest vorhin, du hättest alle
Grundsätze deines Vaters von Jugend an bis in deinen Tod nach allen deinen
Kräften zu beobachten gesucht; warum bist du denn nun nicht zufrieden?
Tabrimon. Das ist eben der Punkt, worauf es
jetzt ankommt, und kannst du mir dieses große Geheimnis enthüllen, so bin ich
selig; ich will dir also alles sagen: So, wie ich in Erkenntnis meiner selbst
und in der sittlichen Vollkommenheit zunahm, so entdeckte ich immer größere
Tiefen des Verderbens in meiner Natur; erst fand ich, bei scharfer
Selbstprüfung, daß auch meine größten und edelsten Handlungen nicht rein und
lauter, nicht bloß aus Pflichtgefühl entsprungen waren, sondern daß immer
Stolz, Eigenliebe, Empfindung meiner Vollkommenheit, Eitelkeit und dergleichen
unreine Triebfedern mehr, sich mit dazu gemischt hatten; ja, ich nahm endlich
zu meiner größten Bestürzung wahr, daß ich zwar Anlagen zum Guten in meinem
Wesen hätte, daß sie aber alle mit einem unergründlichen Verderben umgeben und
gleichsam wie gelähmt wären. Woher nun diese tiefe Verdorbenheit in der
menschlichen Natur? - Das reinste, heiligste und gerechteste Wesen kann
unmöglich den Menschen so unrein und verdorben geschaffen haben, und der Mensch
ist doch von Grund aus böse; wer das leugnet, hat noch nie einen Blick in die
Tiefe der menschlichen Seele getan. Welch ein Widerspruch. - Bei einer
ferneren treuen und langwierigen Untersuchung fand ich, daß die Vorsehung einen
ganz besonderen Gang mit den Menschen gehe, die mit Ernst an ihrer eigenen und
anderer Vervollkommnung arbeiten und sich unablässig bestreben, Gott
wohlgefällig zu wandeln; sie führt diese Menschen so heilig und so zweckmäßig,
daß man blind sein müßte, wenn man nicht sehen könnte, daß sie alle, auch die
kleinsten Umstände, so lenkt, wie es die sittliche Vervollkommnung am
schleunigsten und mächtigsten befördert. Daraus folgt also unwidersprechlich,
daß die Gottheit das grundverdorbene menschliche Geschlecht dennoch liebe, und
jeden zu seiner anerschaffenen Bestimmung führe, sobald er nur ernstlich will.
- Das reinste, heiligste und vollkommen gerechte Wesen liebt gegen seine Natur
ein unreines, unheiliges und ungerechtes Wesen; ist das nicht abermals ein
Widerspruch? - Das unbegreiflichste aber, und was mir noch immer vor der
Zukunft bange macht, ist: Gewißheit, daß Gott vermöge seiner unendlichen und
höchst vollkommenen Gerechtigkeit auch nicht das allergeringste Unrecht
ungestraft lassen kann: Nun hab' ich aber, aller meiner Treue im Wandel
ungeachtet, täglich von Jugend auf bis zu meinem Tod, viel Gutes unterlassen,
das ich hätte unter den Menschen stiften können, und mit Gedanken, Worten und Taten
viel Böses ausgeübt, das nun noch immer auf der Erde fortwirkt, folglich muß
die Gerechtigkeit Gottes schlechterdings für das versäumte Gute Ersatz von mir
haben, und für das positive Böse, das ich veranlaßte, muß ich nach Verhältnis
gestraft werden. So gewiß ich nun mein trauriges Schicksal erwarte und für
meine Sünden büßen muß, so wahr ist es doch, daß alsdann mein Los das Los aller
Sterblichen ist. Wie läßt sich nun das mit der Weisheit und Güte Gottes
vereinigen? - O ihr Verklärten! Könnt ihr, so enthüllt mir dieses große und
wichtige Geheimnis.6)
Seluniel. Selig sind, die da hungern und
dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden.7)
Du erkennest doch im Lichte der Wahrheit, daß Gott, sobald er vernünftige Wesen
schaffen wollte, diese vollkommen frei, das heißt: weder
mit einem überwiegenden Hange zum
Bösen, noch zum Guten schaffen mußte.8)
Tabrimon. Nicht zum Bösen, das sehe ich ein,
aber warum nicht zum Guten?
Seluniel. Kann denn ohne vollkommene
Freiheit Sittlichkeit, und ohne Sittlichkeit Zurechnung gedacht werden? - Wenn
ein anerschaffener Hang im Menschen stattfände, so würde dieser Hang,
aber nicht die Vernunft, Triebfeder des Willens. Das vernünftige Wesen
wäre also zugleich nicht vernünftig; denn nur insofern ist ein Geist
vernünftig, als er sich von der Vernunft bestimmen läßt.
Tabrimon. Das ist wahr! Gott schuf also den
Menschen vollkommen frei; aber woher kommt denn nun sein natürlicher Hang zum
Bösen?
Seluniel. Glaubst du, daß ein Kind, wenn es
von einem vollkommen weisen und heiligen Vater, mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit von den kleinsten Regungen an, bis zu ihrem Übergange in
Tatsachen geleitet, bewacht und erzogen würde, einen überwiegenden Hang zum
Guten bekommen müßte?
Tabrimon. Ganz gewiß!
Seluniel. Wenn also ein böser Vater durch
Beispiel und Leitung das Gegenteil von dem tut, so wird das Kind einen Hang
zum Bösen bekommen?
Tabrimon. Unstreitig!
Seluniel. Du weißt doch auch, daß in der physischen
Natur Reize oder Triebfedern zum Bösen liegen, die von den Eltern auf die
Kinder fortgeerbt werden?
Tabrimon. Allerdings!
Seluniel. Folglich wirst du nun einsehen,
daß ein physisch und moralisch verkommener Vater auch einen physisch und moralisch
verdorbenen, das ist, einen zum Bösen geneigten Sohn erzeugt, und notwendig
erzeugen muß?
Tabrimon. Das sehe ich vollkommen ein.
Seluniel. Wenn nun alle Menschen, soweit wir
sie kennen, zum Bösen geneigt sind, oder einen Hang zum Bösen haben, so muß
dieser Hang angeerbt sein, und diese Erbschaft muß bis zum Stammvater
aufsteigen?
Tabrimon. Die Wahrheit dieses Schlusses sehe ich
vollkommen ein; denn wie sollten sich alle Menschen vereinigt haben, den Hang
zum Bösen in ihre Natur aufzunehmen? - Wenn das wäre, so setzte das ja schon
einen Hang zum Bösen voraus.
Seluniel. Du urteilst ganz recht! - So
verhält es sich auch; der Stammvater der Menschen wurde vollkommen frei, ohne
Hang zum Bösen, geschaffen, er ward aber durch ein höheres böses Wesen
verführt, und er ließ sich verführen.9)
Tabrimon. Das ist mir nun alles begreiflich;
aber noch immer sehe ich nicht ein, warum Gott Wesen schuf, von denen er im
voraus wußte, daß sie abfallen würden? 10)
Seluniel. Wie wenn er nun eine große Menge
von Geschlechtern vernünftiger Wesen mit vollkommener Freiheit schuf, und sie
in eine solche Lage setzte, daß ihnen die Bestimmung zum Guten zu erreichen,
leicht, der Hang zum Bösen aber bloß möglich war; und unter den unzähligen
Klassen gäbe es bloß zwei, die abfielen 11), und auch diesen zweien
ließe er nicht allein ihre Freiheit, gut zu werden, sondern er gäbe
ihnen auch noch Mittel an die Hand, was wolltest du da dem Allgütigen
zur Last legen? 12) Endlich bedenke auch noch, daß Gott die ganze
Unendlichkeit in einem Blick faßt; Er weiß jeden in der Hülle der verborgenen
ewigen Zukunft noch unentwickelt liegenden Erfolg; vor ihm ist die moralische
Welt ein großes Ganzes, das Er dem Raum und der Zeit nach auf einmal übersieht;
ist es nun nicht viel gewagt und sogar Torheit, wenn ein endlicher Geist
unendliche Dinge begreifen will?
Tabrimon. Vergib mir, du Verklärter! Du hast
mir abermals eine neue Unart entdeckt; ich fühle, daß ein geheimer verborgener
Stolz die Ursache meines Forschens war 13); warum will ich
begreifen, was in sich unbegreiflich ist? - Aber belehre mich ferner!
Ich will nur Sachen fragen, die mein Geschlecht betreffen; da nun einmal alle
Menschen einen überwiegenden Hang zum Bösen haben, folglich nicht mehr
vollkommen frei sind, wie kann da die göttliche Gerechtigkeit fordern,
daß sie ihre Bestimmung zur Vollkommenheit erreichen sollen? - Und doch muß sie
das fordern; denn die vollkommene Gerechtigkeit eines unumschränkten Oberherrn
kann ja nicht zugeben, daß ein Untertan dem andern Untertan recht tut.
Seluniel. Merke wohl, Tabrimon, was
ich dir jetzt sagen werde. Sobald Gott vernünftige Wesen außer sich schuf, so
konnten diese nicht unendlich sein, wie Er; begreifst du das?
Tabrimon. Ja, das begreif ich, sie wären
sonst selbst Gott, also Er selbst gewesen.
Seluniel. Ganz recht! Diese Endlichkeit muß
aber darin bestehen, daß sie nicht alle Ideen auf einmal, sondern eine nach
der andern haben, daß sie also in der Zeit leben.
Tabrimon. Das ist unwidersprechlich.
Seluniel. Da nun Gott alles auf einmal erkennt
und alles auf einmal ist, die endlichen Wesen aber in der Zeit leben,
folglich ihnen der göttliche Wille in einzeln aufeinander folgenden
Ideen oder Begriffen offenbart werden muß, so gebar Gott von Ewigkeit her
ein Wesen aus sich selbst, welches auf einer Seite die Unendlichkeit des
göttlichen Verstandes umfaßt, alles weiß, was Gott weiß, selbst Gott ist, aber
auch auf der anderen Seite die Fähigkeit hat, eine Idee nach der andern aus
dem göttlichen Verstande zu entwickeln und an die endlichen Wesen zu offenbaren.
Dieser Hochheilige heißt das ewige Wort, oder der eingeborene Sohn Gottes. Du
kannst leicht einsehen, daß ohne dieses Mittelwesen durchaus keine Mitteilung
oder irgend eine Gemeinschaft zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen möglich
wäre.
Tabrimon. Jetzt geht mir ein großes Licht
auf.
Seluniel. Nun höre ferner: Dieses Wort oder
der Sohn Gottes spricht in jedem endlichen Wesen, folglich auch in jedem
Menschen, auch im verdorbensten, unaufhörlich das große und allgemeine
Gesetz aus, und diese wirksame Kraft in jedem endlichen Wesen heißt der Geist,
der vom Vater und Sohn ausgeht.
Tabrimon. Ach, wie wohltätig sind diese
göttlichen Wahrheiten! Jetzt erkenne ich, was das moralische Gefühl und
das Gewissen im Menschen ist. 14)
Seluniel. Jeder Mensch wird bei genauer
Selbstprüfung finden, daß ihm das Wort Gottes bei jeder Gelegenheit in seinem
Geiste offenbart, was recht ist, und daß er ungeachtet seines Hanges zum Bösen
doch immer noch die Kraft hat, dem Gesetze Gottes zu folgen, wenn er nur
will; er braucht nur treu und unaufhörlich gegen seinen Hang zu kämpfen,
so wird jene in ihm wohnende göttliche Kraft ihn immer mehr unterstützen. Ja,
er darf nur ernstlich gut und heilig werden wollen, so fehlt's ihm an Kraft
nie.15)
Tabrimon. Ja, das ist alles vollkommen wahr, und
ich hab' es an mir selbst erfahren; allein dem allen ungeachtet sind doch bei
weitem die meisten Menschen böse und werden immer böser; diese Anstalten zu
ihrer Besserung scheinen mir also auch nicht kräftig genug zu sein.
Seluniel. Ist es denn Gott geziemend, freie
Geschöpfe zu zwingen? Und muß denn alles auf der ersten Stufe des menschlichen
Daseins im Erdenleben geschehen? Kannst du wissen, was in dieser zweiten
Periode und in den künftigen geschieht?
Tabrimon. Verzeihe, Herrlicher! Ich habe
wieder töricht geurteilt. Nun belehre mich auch noch über die übrigen Punkte;
besonders in Ansehung der Versöhnung mit Gott!
Seluniel. Von Herzen gerne! - Der Hang zum
Bösen nahm vom ersten Stammvater an unter den Menschen immer zu, und wurde
immer herrschender und der Verführer breitete sein Reich immer weiter auf Erden
aus.
Tabrimon. Wer ist dieser Verführer?
Seluniel. Ein mächtiger Fürst, der mit der
ganzen Klasse seiner Art vor den Menschen auf der Erde wohnte und aus eigenem
Triebe, ohne Verführung von Gott abfiel. Du wirst ihn und seine Verfassung noch
kennen lernen.
Tabrimon. Ich habe in meinem vorigen Leben
einige Kenntnis von dieser Sache gehabt.
Seluniel. Die Vorsehung machte allerhand
Anstalten, die
Menschen zur Erkenntnis ihres
Verderbens und auf den Weg zum Guten zu leiten; sie errichtete sogar einen
eigenen Staat, zu dem sie ein besonderes Volk wählte, dem sie den eingeborenen
Sohn Gottes zum Regenten gab, der sich ihm unter dem Namen Jehova sinnlich und
auf mancherlei Weise offenbarte; allein auch das war vergeblich, denn
dies auserwählte Volk wurde fast noch schlimmer, als andere Nationen.
Tabrimon. Das ist entsetzlich und
unbegreiflich! - Wer war dies höchst strafwürdige Volk?
Seluniel. Die Juden.
Tabrimon. Die Juden! Nun wundre ich mich
nicht mehr, warum dieses Volk so verworfen und verlassen auf Erden herumirrt,
und warum es so ganz sittenlos und verdorben ist.
Seluniel. Noch mehr: Als das Verderben unter
den Menschen allenthalben wuchs, auch der Versuch mit dem Volke Gottes
mißlungen war, so traf die ewige Liebe eine Anstalt, über deren wunderbaren,
weisen und unbegreiflich liebevollen Plan der ganze Himmel erstaunte und in
hohem Jubel feierte. Der Sohn Gottes, oder der Jehova hatte seinen
Heiligen unter seinem Volke, wenn sie das allgemeine Verderben beweinten,
gewisse Winke gegeben, es werde dereinst ein Erlöser erscheinen, daher
entstand eine allgemeine Sage von einem Könige der Juden, der dereinst
auftreten, und ein ewiges Reich des Friedens, worin nichts als Gerechtigkeit
herrschen sollte, stiften würde. Diese Sage wurde nun zwar allgemein geglaubt,
aber jeder erklärte sie sich nach seinen Wünschen, und da die meisten sehr
sinnlich dachten, so erwartete man nichts anderes, als einen weltlichen
Monarchen, der die Juden zu Herren der Welt machen werde.
Tabrimon. Das war weit gefehlt! Ich erklärte
mir vielmehr diese Sage so, daß ein Lehrer auftreten sollte, der die
menschlichen Pflichten allgemein bekannt machen würde, damit sich niemand mehr
mit der Unwissenheit entschuldigen könnte: weil das hochgestiegene Verderben
die Ohren so verstopft hatte, daß sie die Stimme des ewigen Worts in ihren
Seelen nicht mehr hörten.
Seluniel. Ganz recht! - Aber wer dieser
Lehrer war, das errätst du nicht. Jehova selbst, das ewige Wort, der
eingeborene Sohn Gottes, belebte durch seinen Geist, ohne Zutun eines Mannes,
einen menschlichen Keim in einer sehr frommen jüdischen Jungfrau, und ward von
ihr, also als wahrer Mensch, aber ohne Hang zum Bösen, folglich vollkommen
frei, so wie der Stammvater der Menschen vor dem Falle war, geboren.
Tabrimon. O. das ist erstaunlich! - Wie
weislich war diese Anstalt getroffen! - Da trat also wieder ein neuer
Stammvater auf. Ach warum weiß das nicht jeder Mensch auf Erden?
Seluniel. Ein großer Teil der Menschen weiß
es, und die Übrigen alle erfahren es hier.
Tabrimon. Wer sind denn die glücklichen
Völker, denen das große Geheimnis bekannt ist?
Seluniel. Nur Geduld! Du wirst es erfahren.
Der Sohn Gottes war nun Mensch und zwar einer aus der niedrigsten Volksklasse,
obgleich seine damals arme Mutter von königlichem Geschlecht herstammte; er
wurde in aller Heiligkeit erzogen, wuchs heran und zeigte einen
außerordentlichen Verstand und alles übertreffende Kenntnisse.
Tabrimon. Das ist wahrlich kein Wunder!
Seluniel. Endlich, als er nun im Begriffe
stand, als Lehrer aufzutreten und den Zweck seiner Sendung zu verkündigen, so
wagte der Fürst der Finsternis bei ihm das nämliche, was er auch bei dem ersten
Menschen versucht hatte, denn diesem Manne traute er nicht; er suchte ihn auf
eine blendende und feinere Art zu verführen.
Tabrimon. Da kam er gewiß übel an!
Seluniel. Allerdings! Er wurde mit seinen
eigenen Waffen aus dem Felde geschlagen. Jetzt fing nun der Sohn Gottes an,
seinem Zwecke gemäß zu wirken. Da die Sinnlichkeit eigentlich der Sitz alles
Bösen im Menschen ist, so griff Er diese recht an der Wurzel an, und eben darum
war Er auch in der niedrigsten Volksklasse Mensch geworden. Er offenbarte das
Gesetz der Sittlichkeit rein und lauter, und belebte es selbst im höchsten
Grade, so daß er das höchste Ideal der vollkommenen Menschheit wurde; seine
Lehren begleitete Er mit außerordentlichen Taten zum Wohle seiner irdischen
Brüder, daß der gemeinste Menschenverstand überzeugt werden mußte, Er sei ein
solcher Gesandter Gottes an die Menschen; mit einem Worte, Er war der
liebenswürdigste, vortrefflichste Mann, der je gelebt hat und je leben wird!
Tabrimon. Das glaub ich! - O mein Geist
jauchzt vor Liebe zu diesem vortrefflichen Namenlosen! - Aber wie benahm sich
sein Volk dabei?
Seluniel. Der Urheber alles Bösen bot seine
ganze Macht gegen ihn auf: denn er begriff gar leicht, daß dieser Mann ihm und
seinem Reiche gefährlich war; sein Plan ging also dahin, ihn durch den Tod aus
dem Wege zu räumen; zu dem Ende erfüllte er die Obersten und Priester der
Juden mit Wut gegen ihn, so daß sie Ihn auf alle mögliche Weise verfolgten und
eine Ursache an dem Unschuldigsten aller Menschen suchten, um Ihn mit einigem
Scheine des Rechts schmählich hinrichten zu können.
Tabrimon. Ich begreife wohl, daß äußerst
sinnliche, grundverdorbene Menschen diesen Heiligen, der gerade das
Gegenteil von ihnen selbst war, unmöglich lieben konnten, vielmehr daß sie ihn
im höchsten Grade hassen mußten: allein, daß ihnen ihre Anschläge nicht
gelungen sind, das versteht sich von selbst.
Seluniel. Guter Tabrimon, so denkt
der kurzsichtige Mensch; gerade dieses Planes der allergrimmigsten Bosheit
bediente sich der Sohn Gottes, um seinen erhabenen Zweck auszuführen.
Tabrimon. Wie! - Wie soll ich das verstehen?
Seluniel. Das will ich dir erklären, und
dann wirst du in tiefster Demut die unergründliche Weisheit Gottes anbeten. Du
wirst doch einsehen, daß der Mann, der das höchste Urbild der sittlichen
Vollkommenheit und das höchste Muster der Heiligkeit sein sollte, in allen,
auch den höchsten Proben, bewährt werden mußte?
Tabrimon. O ja, das sehe ich wohl ein!
Seluniel. Dies war die erste Ursache,
warum der Sohn Gottes freiwillig sich dem schmählichsten Tode unterzog, dem er
gar leicht hätte ausweichen können; auch hier besiegte er das sittliche
Verderben in der menschlichen Natur in so hohem Grade, daß er in der
schrecklichsten Marter, nahe vor seinem Tode, noch für seine Feinde bei seinem
himmlischen Vater um Vergebung bat.
Tabrimon. O der unaussprechlich Gute!
Seluniel. Der zweite Grund, der ihn
bewog, zu sterben, bestand darin, daß er sich durch diesen Sieg über alles
sittliche Verderben, und durch die Erkämpfung der höchsten, dem Menschen nur
immer erreichbaren Tugend das Recht erwerben mußte, ein ewiger König der
erlösten Menschheit zu werden.
Tabrimon. Diesen über alles erhabenen und
herzerhebenden Gedanken fasse ich noch nicht recht.
Seluniel. Du erinnerst dich doch noch
dessen, was ich vorhin sagte, daß die Gottheit für sich außer aller Zeit, und
in der Ewigkeit jedem endlichen Wesen unbegreiflich und schlechterdings
unzugänglich sei; und daß sie zu dem Ende das ewige Wort ausgebäre, wodurch sie
sich den endlichen Wesen mitteile?
Tabrimon. Ich erinnere mich dessen sehr
wohl, und sehe ein, daß es nicht anders sein kann.
Seluniel. Nun, so wirst du auch erkennen,
daß dieser eingeborene Sohn Gottes, der allein erkennbare Gott, der König und
Regent aller endlichen Wesen, der Repräsentant der Gottheit sein müsse.
Tabrimon. Ja, das ist ganz richtig.
Seluniel. Da nun dieser Repräsentant der
Gottheit sich mit der menschlichen Natur in Einer Person und
unzertrennlich vereinigte, mußte da nicht diese menschliche Natur in ihm zur
höchsten sittlichen Würde, bis zu seiner göttlichen Natur hinauf geadelt
werden, wenn nicht zwei sich widersprechende Prinzipien in ihm stattfinden
sollten?
Tabrimon. Jetzt sehe ich das hohe Geheimnis
ein: dieser erhabene und wunderbare Mensch konnte nicht zugleich ein unvollkommener
Mensch und vollkommener Gott sein.
Seluniel. Jetzt wirst du aber auch begreifen
können, daß die menschliche Natur des Sohnes Gottes nicht anders die höchsten
Proben der Tugend und Heiligkeit durchkämpfen konnte, als auf dem Wege des
höchsten Leidens, dessen ein Mensch nur fähig ist.
Tabrimon. Ja, nun begreife ich alles! -
Gott! Welche unergründliche Weisheit! - Gerade durch den Plan, wodurch der
Feind alles Guten seinen Gegner stürzen und besiegen wollte, wird er selbst
gestürzt und besiegt!
Seluniel. Aber lieber Tabrimon, wie
sehr wirst du erstaunen, wenn ich dir nun auch die dritte Ursache des
Leidens und Sterbens des Gottmenschen erkläre! - Denn dadurch wird die Quelle
aller deiner Traurigkeit versiegen. Du hast sehr recht geurteilt, daß die
Gerechtigkeit vollkommenen Ersatz für alles versäumte Gute, und angemessene
Strafe für alles begangene Böse fordern müsse. Dieser Gerechtigkeit tat nun
endlich der Sohn Gottes vollkommen Genüge, indem Er als der allerheiligste
Mensch die Strafe des größten Lasters erduldete, und also als ein Sühnopfer für
die Sünden der Menschen starb; in diesem Tode, in diesem Opfer,
lieber Tabrimon, liegt die Genugtuung dessen, was du versäumt, und
dessen, was du Böses getan hast. 16)
Tabrimon. O, der unaussprechlichen Liebe
dieses großen und anbetungswürdigen Erlösers! - O Verklärter! Du eröffnest mir
eine unversiegbare Quelle der Seligkeit. Aber noch Eins: wie kann die göttliche
Gerechtigkeit durch die Genugtuung eines andern versöhnt werden? Nach ihren
unveränderlichen Gesetzen. muß doch gerade der ersetzen, der versäumt,
und der gestraft werden, der gesündigt hat?
Seluniel. Ich will dir einen Blick in
dieses, einem endlichen Geiste nie völlig begreifliche Geheimnis eröffnen, der
dich ganz beruhigen wird. Der Sohn Gottes starb, und durch seine göttliche
Kraft verklärte er am dritten Tage seine menschliche Natur, seinen Leib zur
Herrlichkeit des Himmels. Er stand also aus dem Grabe auf und setzte sich auf
den Thron aller Welten zur Rechten seines Vaters, wo er nun in Ewigkeit
herrscht und regiert. Nun, merke wohl, lieber Tabrimon! Du wirst dich
noch erinnern, daß ich vorhin sagte: der Sohn Gottes spreche in jedem
menschlichen Geiste das erhabene Sittengesetz aus; durch seine, durch Leiden
und Tod höchst vollkommen gewordene menschliche Natur ist dies Wort Gottes in
der Seele näher mit der menschlichen Natur verwandt und ihr ähnlicher geworden;
dadurch wird also die Umkehr vom Bösen zum Guten, und die Überwindung des
Hangs zum Bösen sehr erleichtert. Wenn daher der Mensch ernstlich und
unwiderruflich den Vorsatz faßt, dem Worte Gottes in sich zu folgen und das
Böse mit allem Eifer unablässig zu bekämpfen, so werden seine Kräfte durch die
menschlichen Kräfte des Sohnes Gottes in ihm erhöhet, und so wächst er von
Kraft zu Kraft, und wird seinem himmlischen Urbilde, das sich wesentlich in ihm
spiegelt, immer ähnlicher. Siehst du nun ein, inwiefern der Erlöser Anteil an
der Vervollkommnung jedes sich bessernden Menschen hat?
Tabrimon. O ja, jetzt begreife ich erst, wie
es möglich ist, daß die schwächeren Kräfte zum Guten, die stärkeren zum
Bösen überwinden können; das war mir ehemals ein unerforschliches Geheimnis,
und doch bemerkte ich an allen wahrhaft tugendhaften Menschen, daß es wirklich
geschah.
Seluniel. Nun höre weiter! In einem solchen
Menschen finden sich jetzt zwei Gestalten, oder eigentlich zwei Naturen die
eine Person ausmachen, so leidet der neue Mensch der in demselben vereinigt ist
und sich von ihm regieren läßt; und der alte verdorbene Mensch, der
unaufhörlich emporstrebt und nach der Herrschaft ringt. Da nun die immer
fortdauernde Abtötung des alten Menschen viele Schmerzen und immer anhaltende
Leiden verursacht, der alte und der neue Mensch aber nur eine Person
ausmachten, so leidet der neue Mensch und in demselben der Sohn Gottes mit.
Ferner, da auch nicht die bösen Handlungen des Menschen und seine
Unterlassungen, sondern der höhere oder niedrigere Grad des bösen Prinzips in
der Seele, in seinem genauesten Verhältnisse, vor dem Gerichte der göttlichen
Gerechtigkeit die Zurechnung des höheren oder niedrigeren Grades der Strafe
verdient, die soeben bemerkten Leiden der Abtötung aber sich genau so, wie der
Grad jenes Prinzips verhalten, so wirst du einsehen, daß jeder bekehrte Mensch
genau so viel leide, als er verdient; daß diese Leiden fortdauernde Leiden des
Gottmenschen sind, wozu der Anfang in seinem eigenen Leiden und Sterben gemacht
worden; und daß dieses die eigentliche wirkende Ursache aller dieser
Abtötungen, folglich der Grund aller Genugtuung sei, daß also der Sohn Gottes
in jedem Frommen die Gottheit versöhnt, indem jeder durch seine Kraft genau so
viel leidet, als sein Grad des Verderbens verdient.
Tabrimon. Ich werde durch diesen Beweis
unaussprechlich beruhigt! O Dank dir, du Herrlicher, für diese Belehrung; auch
ich habe von Jugend auf bis in meinen Tod sehr viel gelitten. Aber noch eine
Schwierigkeit ist mir übrig. Ich begreife nun wohl, wie die Versöhnung mit Gott
geschieht, und bin in Ansehung der Strafe beruhigt; aber weder durch das
Leiden des Erlösers, noch seiner Erlösten, wird denn doch das versäumte Gut ersetzt,
und das ausgeübte Böse ungeschehen gemacht; und beides ist doch eine
unbedingte Forderung der göttlichen Gerechtigkeit.
Seluniel. Auch diese Schwierigkeit will ich
dir heben; der Sohn Gottes regiert alle Handlungen der Menschen auf eine
unbegreifliche und höchst weise Art, so daß alles Böse zu lauter guten Zwecken
wirkt; denn da Er in jedem menschlichen Geiste, bösen und guten, sein Tribunal
hat, so weiß Er, ohne Einschränkung der Freiheit, jeder Handlung eine solche
Richtung zu geben, daß sie Gutes wirkt; denen nun, die sich nicht bekehren,
kommt dieses nicht zu gute, denn sie werden nach dem Grade des bösen Quells
ihrer Handlungen gerichtet; den Frommen aber kann das gewirkte Böse
nicht mehr zugerechnet werden, denn ihr böser Quell ist verstopft, der gute
geöffnet, und alle ihre Handlungen, böse und gute, wirken zu heilsamen Zwecken.17)
Tabrimon. Wie einem Gefangenen, dem man eine
Fessel nach der andern abnimmt, oder wie einem Blinden, der von Grad zu Grad
sein Gesicht wieder bekommt, gerade so ist mir zu Mute! Nun erkläre mir doch
auch noch, wie das versäumte Gute eingebracht wird?
Seluniel. Bist du nicht unsterblich, und
hast du nicht die ganze Ewigkeit vor dir, in welcher du unaufhörlich
Gelegenheit finden wirst, alles Versäumte wieder einzubringen? Denn glaube mir,
in diesem erhöhteren Zustande deiner Kräfte kannst du weit mehr ausrichten, als
auf der ersten Stufe deines Lebens.
Tabrimon. Das ist wahrlich wahr, und ich
werde tun, was nur immer in meinen Kräften steht; aber die göttliche Gerechtigkeit
fordert doch, daß jede gute Handlung zu ihrer Zeit, nämlich dann, wann sie
versäumt wird, geschehen muß, dieser versäumte Zeitpunkt ist doch nicht wieder
einzubringen.18)
Seluniel. Die Gottheit weiß von keiner Zeit,
sie stellt sich die ganze ewige Dauer eines jeden endlichen Wesens auf
einmal und in einer Idee vor; seine ewige Annäherung zu Ihr und seine ewig
steigende Vollkommenheit ist Ihre Forderung, und dies wird bei jedem Geiste,
der wirklich bekehrt ist, erfüllt; daher sieht Sie auch jeden schon in Gnaden
an, sobald er seine ewige Richtung in Ihr angefangen hat, insofern Sie weiß,
daß er in dieser Richtung beharren wird.19) In dem Verstande Gottes
ist die ganze erlöste Menschheit ein einziger Mensch, von welchem sein Sohn das
Haupt ist; alle einzelnen Menschen aber sind seine Glieder; da ihm nun das
Vergangene so gegenwärtig ist, wie das Zukünftige, und Er die ganze
Unendlichkeit in einen Blick faßt, so sieht Er diesen großen moralischen
Menschen in aller seiner steigenden Vollkommenheit; Er sieht in ihm die
vollkommene Menschheit seines Sohnes, in aller ihrer Wirksamkeit; Er sieht,
daß die Quelle alles Guten im irdischen Leben des Erlösers durch Leiden und
Tod eröffnet wurde, und daß dieser große Mensch immer genau in dem Verhältnisse
leidet, in welchem er noch unvollkommen ist, daß also seiner Gerechtigkeit
völlige Genüge geschieht. Siehe. lieber Tabrimon, das ist die Eröffnung
des großen Geheimnisses, insofern ein endlicher Geist davon stammeln kann.
Tabrimon. Gelobet sei Gott - und gelobet sei
sein Sohn in alle Ewigkeit! - Meine ewige Dauer soll ihn unablässig verherrlichen
und alle meine Kräfte sollen ihm gewidmet sein! Jetzt bin ich vollkommen
beruhigt, und in meinem Geiste eröffnet sich eine Quelle des ewigen Friedens.
Aber sage mir, du Himmlischer, warum sind diese großen Wahrheiten auf Erden
nicht bekannt?
Seluniel. Sie sind vielen Millionen Menschen
bekannt.
Tabrimon. Gott! - Wer sind diese
Glücklichen?
Seluniel. Lieber Tabrimon! - die Christen!
Tabrimon. Allmächtiger Gott - und Christus
ist der eingeborene Sohn Gottes, der Erlöser?
Seluniel. Ja, kein anderer!
Tabrimon. Während deiner Erzählung erwachte
eine geheime Ahnung in mir, die mir aber jetzt erst deutlich wird. O Du Unbegreiflicher!
Wie dunkel sind Deine Wege! - O vergib, Du menschgewordener Gott - daß ich
Deinen Namen haßte, nun will ich Dich desto stärker lieben und anbeten. Aber
sage mir doch, Du Verklärter, wie kommt es, daß diese erhabene Anstalt zur
Erlösung der Menschen abermals mißlingt? - Die Christen sind ja, meines
Bedenkens, noch weit schlimmer, als die Juden?
Seluniel. Das ist natürlich; je heller das
Licht der Wahrheit ist, desto größer ist der Grad der Bosheit derer, die es
nicht erkennen wollen. Du hast aber auch die ganze Christenheit nicht kennen
gelernt; sie enthält doch nach Verhältnis weit mehr gute und heilige Menschen,
als andere Völker.
Tabrimon. Warum ist aber die Wahrheit von Christo
nicht allen Völkern bekannt geworden? 20)
Seluniel. Die ernstliche Umkehr des Willens
vom Bösen zum Guten ist dem Christen beinahe so schwer, als dem Nichtchristen,
und in jedem Menschen spricht die Stimme des Gewissens laut, in jedem sagt der
menschgewordene Sohn Gottes, was recht und gut ist, ob ihn gleich der Mensch
dem Namen nach nicht kennt. Wenn es nun unter den Christen etwas leichter ist,
gut zu werden, so ist auch die Verantwortung und die Zurechnung bei dem, der
es nicht wird, desto schwerer, und wenn ein Nichtchrist sich der Heiligkeit
widmet, so wird sein Lohn desto größer, und bei dem, der es nicht tut, die
Strafe desto erträglicher sein. Gott ist gerecht, und seine Gerichte sind
gerecht! Die christliche Religion wird immer mehr ihr Licht verbreiten und
nach und nach alles aufklären. So wie die Kräfte des Reichs der Finsternis
wachsen, so werden auch die Kräfte des Reichs des Lichts zunehmen, und endlich,
wenn das Maß der Bosheit voll ist, so wird im letzten schrecklichen Kampfe der
Sohn Gottes über den Fürsten der Finsternis und alle seine Anhänger siegen
und an den Ort der Qual verbannen, wo sie niemand mehr verführen, niemand mehr
schaden können.21)
Tabrimon. O ihr Herrlichen, wie bin ich nun
so selig! Aber ich brenne vor Verlangen, den Herrn zu sehen, und Ihn in seinem
Anschauen zu verherrlichen; wie unaussprechlich gut ist Er, dieser Mensch auf
dem Throne Gottes! - Ein Mensch mein Bruder! - Gott und Regent aller Welten!
Welch ein Geheimnis ! Welch eine Quelle von unbegreiflichen Freuden, und doch
so wahr, so angemessen allen menschlichen Bedürfnissen! - Dürft ihr mich denn
nicht zu Ihm führen, ihr himmlischen Brüder?
Abdiel. Du sollst ihn sehen und dich mit
unaussprechlicher Freude freuen; erst mußt du aber mit himmlischer Herrlichkeit
verklärt werden und dein Strahlengewand anziehen.
(Tabrimon fängt an zu strahlen,
indem er mit Herrlichkeit bekleidet wird; er verstummt und feiert! Seluniel
aber verwandelt seine Gestalt.)
Seluniel. Kennst du mich nicht mehr,
Tabrimon.
Tabrimon. Du bist mein Vater! - O wie
überschwenglich ist die Güte und Barmherzigkeit Gottes! - Nun hast du auch die
Belehrung vollendet, die du angefangen hattest.
Seluniel. Aber nur hier konnte ich
sie vollenden, denn dort wußte ich nicht mehr, als du. Komm nun, lieber
Tabrimon zum Anschauen des Herrn!
Tabrimon. Führt mich hin! - Gott schenke mir
nur Kraft, daß ich die unaussprechliche Empfindung, die dann meinen Geist
erfüllen wird, möge ertragen können.
1) Wer in seinem Herzen seiner
Versöhnung mit Gott noch nicht gewiß ist, der ist auch im Himmel nicht selig.
Und wenn wir uns heute fragen, wie
es in dieser Hinsicht um uns beschaffen ist, was müßten wir uns als ehrliche
Sucher antworten, daß unser Streben im Getriebe dieser allzu bunten und
intelligenzbetonten Epoche untergegangen ist. Wir versuchen meistenteils nicht
einmal ernsthaft ästhetisch, ethisch und harmonisch zu denken und zu handeln,
darum können wir auch nicht erwarten, daß wir Menschen werden, deren Ich einer
gewissen Vollendung zustrebt, das tugendhaft lebt.
2) Tugend heißt: zu etwas taugen;
Vermögen und Kraft haben, etwas auszurichten; alles, was uns nun zur Ausübung
der wahren Gottseligkeit, der Gottes- und Menschenliebe Kraft gibt und
Fähigkeit verschafft, das ist Tugend. Aber darum ist im Grunde jede wahre
christliche Tugend nicht eigentümlich, sondern Gabe Gottes, folglich nicht
Tugend, sondern Gnade. Man muß bemerken, daß hier ein Heide redet. Zur
natürlichen philosophischen Tugend gibt nur die Eigenliebe Kraft, daher
gebiert sie Stolz, Eigendünkel und Splitterrichten; die Gnade hingegen wirkt göttliche
Tugend und wahre Demut.
Sehr wesentlich, besonders im
Hinblick darauf, daß der Abendländer der mit dem Christentum auf das engste
verwachsen ist, heute vielfach ostische Religionsformen annimmt, ist die
folgende Auslegung Stillings:
3) Daß ich hier dem Brahminen
nicht mehr in den Mund lege, als er zu leisten fähig ist, das beweisen die
Fakire, die unglaubliche Abtötungen der sinnlichen Lüste unternehmen und
ausführen; da dies gewöhnlich aber nur geschieht, um den Heiligenschein um den
Kopf zu erwerben, so ist es ein Greuel vor Gott. Bei Tabrimon war der Grund
redlich, darum wird er auch selig.
4) Hier urteilt Tabrimon
oberflächlich, aber die Christen in Ostindien geben leider Anlaß dazu.
5) Niemand wird dem Tabrimon
seinen Widerwillen gegen die Christen übelnehmen, da er weiß, wie sich die
europäischen Nationen gegen die Völker anderer Weltteile betragen haben. Man
kann solche Geschichten ohne Schauder und Abscheu nicht lesen.
Stilling steht so fest auf dem
Boden des tatkräftigen Christentums, daß er ganz folgerichtig in demselben die
einzige Erlösungsmöglichkeit von allen erdhaften Schwächen, Nöten und
Kümmernissen sucht und sieht. Daß er gerade in einem Zeitalter, das dem
Kniefall vor der Vernunft entgegenstrebt, dieses Buch schrieb, zeugt von der
Kraft, die der echte Christusglaube gibt, mit der er dem Menschen den Weg zu
wahren Erkenntnissen erschließt.
6) Alle Versuche der Philosophen,
dies Geheimnis außer der Erlösung durch Christum zu enthüllen, ist leere
Spiegelfechterei.
7) Eben die Sehnsucht nach der
Überzeugung von der Erlösung durch Christum ist der Hunger und Durst nach
Gerechtigkeit.
8) Ich bitte den denkenden Leser,
diesen Satz aufs schärfste zu prüfen und wohl zu beherzigen, hätte Gott die
Menschen mit einem überwiegenden Hang zum Guten geschaffen, so wären sie bloß
selige Maschinen geworden, der Glaube gibt den Ausschlag.
In diesem Kapitel enthüllt
Stilling ein großes Wissen um jenseitige Dinge. Alle Worte, die er den
Verklärten in den Mund legt, zeugen von einer so christlich-geistigen Reife,
daß die von ihm gegebenen Erklärungen nur noch die erforderlichen Schlaglichter
auf das uns Unverständliche werfen sollen. Er erfaßt das Übel in unserem Denken
an der Wurzel und hat damit dem Leser die Hilfe gegeben, die vielleicht gerade
ihm im Moment die einzig nötige ist. Wenn er also auf die Unterschiede im
geistigen Reich aufmerksam macht, dann doch auch wiederum nur, um uns zu
beweisen, daß dieses Erdenleben höheren Zwecken als denen der weltlichen Lust
und Begierde dienen müßte.
9) Ich kann nicht begreifen, wie
es möglich ist, daß man nach allen diesen Gründen, welche die Vernunft und
Offenbarung festsetzen, noch immer am Falle Adams zweifeln kann? - Wenn man es
nur einmal der Mühe wert hielte, genau zu prüfen, so würde man finden, daß
irgend eine tief verborgene, deterministische Idee der Grund von allem ist: wie
falsch aber der Determinismus ist, das zeigen alle die Widersprüche, die er
enthält.
10) Das ist eben die Klippe, an
welcher so viele scheitern: man merke wohl auf das, was Seluniel antwortet.
Aus den oben angeführten Gründen
aber unterteilt er nun die Seelen, weil er zutiefst im Christusdenken wurzelt
und in ihm verankert ist. Und gerade hiermit gibt er jedem, der diesem
alleinseligmachenden Glauben der Dreieinigkeit des Vaters, Sohnes und heiligen
Geistes - anhängt, den Boden, auf dem er stehen muß, um ein echter Christ sein
zu können.
11) Diese zwei Klassen sind die
bösen Geister und die Menschen, und die übrigen Klassen, deren nach der
Heiligen Schrift sehr viele sind, nennen wir mit einer allgemeinen Benennung
Engel oder gute himmlische Geister.
12) Und wenn Er auch noch alles so
zu lenken wüßte, daß die zwei Klassen vernünftiger Wesen am Ende noch weit
seliger würden, als wenn sie nie gefallen wären?
13) Und der
Stolz ist die allgemeine Ursache des Unglaubens.
14) Das moralische Gefühl ist die
Stimme der Natur in dem Menschen: und das Gewissen diese nämliche Stimme, aber
durch die Religion erhöht oder modifiziert. Je nachdem nun eine Religion mehr
oder weniger falsch ist, je nachdem wird auch das moralische Gefühl
verfälscht, und das Gewissen irrend, so daß es nicht mehr den reinen Willen
Gottes ausspricht.
15) Der vollkommene, Gott ergebene
Wille ist der Magnet, der die Kräfte aus dem göttlichen Element anzieht.
16) Diese Fingerzeige, Jesus
Christus zu erfassen als Menschen ist ein Weg, den wir doch eigentlich auch
heute noch, trotz aller Aufgeklärtheit gehen könnten. Hierin liegt vielleicht
eines von denen der Vernunft so schwer eingehenden Versöhnungsgeheimnissen,
welches aber doch dadurch begreiflicher wird, wenn man bedenkt, daß Christus
durch diesen Tod die Regierung der Welt erwarb, und dadurch die Sünden tilgt,
daß Er sie zu Mitteln guter Zwecke braucht.
17) Dies ist eigentlich der
genugtuende, die gesunde Vernunft beruhigende Begriff von der Genugtuung
Christi. Er regiert so, daß alle Sünden unendliche Folgen des Segens werden
und dadurch geschieht ja der Gerechtigkeit Gottes volle Genüge.
18) Der Geist Jesu Christi hat die
menschliche Natur angenommen und dadurch die Eigenschaft erhalten, die
sittlichen Kräfte der bußfertigen Seele zu erhöhen.
19) Die Leiden, die sich der
Christ nicht selbst zuzieht, sondern die ihm durch die Vorsehung zugeschickt
werden, sind die Gemeinschaft mit dem Leiden und Sterben Christi, wodurch er
auch Teil an der Versöhnung bekommt.
20) Hier spricht Stilling nun von
dem Weg, den der wahre Christ gehen muß, um zur Vereinigung mit dem Sohne
Gottes kommen zu können. Wir müssen also dahingehend denken lernen, daß wir
hier auf Erden nichts. unterlassen, was auf den richtigen Weg führt. Das, was
wir nicht erlangen in unserem Erdenleben, können wir nur noch durch die
Zwölfte Szene.
Das Geheimnis der Zukunft:
Hasiel und Jedidja. (im Reiche des
Lichts.)
Hasiel. Sei mir gegrüßt, Jedidja! Du kommst
mir ja entgegen, als wenn du mich einholen wolltest.
Jedidja. Ich sähe dich von weitem; deine blassere
Gestalt machte mich aufmerksam, und eilte dir entgegen, um zu sehen, woher das
käme?
Hasiel. Wundere dich über mein fast erloschenes Licht
nicht. Ich hatte eine Gesandtschaft auf der Erde; nun da ich mein Geschäft
ausgerichtet habe, will ich hier in diesem Luftgefilde bei dir ausruhen,
bis ich den Grad der Klarheit wieder habe, der mir zukommt.
Jedidja. Ist denn gar kein himmlisches Licht mehr
auf Erden? Ist die Finsternis so groß, daß auch die Engel darin erblassen?1)
Hasiel. Weißt du die jetzige Verfassung der
streitenden Kirche auf Erden nicht?
Jedidja. Ich starb als Kind, wurde dann im
Kinderreiche erzogen, und hernach hierher ins Reich des Lichts versetzt.
Bisher bin ich noch zu Gesandtschaften nicht gebraucht worden; und was ich von
der Erde erfahre, sind nur einzelne Tatsachen.
Hasiel. Nun, so will ich dir die ganze Verfassung
erzählen; du mußt sie wissen, denn bald wird der große und letzte
Kampf des Reichs des Lichts gegen das Reich der Finsternis beginnen.2)
Jedidja. Gelobt sei Der, der auf dem Throne sitzet! — Es
ist auch bald einmal Zeit, daß dem Grimme der Hölle Einhalt getan wird. Nun
lehre mich, himmlischer Bruder, lehre mich die Verfassung meines
Vaterlandes kennen,
Hasiel. Die Entfernung von der Zeit, in welcher unser
Herr auf Erden lebte, der Gang, den die menschliche Vernunft in ihrem Wissen
genommen hat, und der hohe Grad des bloß sinnlichen Genusses hat
den Glauben an den Erlöser so sehr geschwächt, daß es außerordentlich wenig
wahre Kämpfer mehr gibt; sie leben stille und zerstreut umher, und außer dem
Streit, den sie für sich mit dem Reiche der Finsternis führen, können sie fürs
Allgemeine wenig mehr tun.3)
Jedidja.
Es ist doch
erschrecklich, daß der so gierige Forschungsgeist
der Menschen nach so vielen Jahrhunderten noch nicht die reine und so klare Glaubenswahrheit finden kann.
Hasiel. Lieber Jedidja! Er mag sie nicht
finden, weil sie seinem natürlichen Hange entgegen strebt. Nun höre weiter!
Die zweite Klasse der Christen besteht aus wohlmeinenden Seelen, diese lieben
Gott und den Erlöser; aber da sie das natürliche Verderben des
Menschen nur als ein negatives Übel ansehen, das bloß aus der
Eingeschränktheit ihrer Natur und aus der Sinnlichkeit herrührt,
so wenden sie keinen Ernst an, das Böse an der Wurzel anzugreifen, sondern sie
begnügen sich bloß mit einem ehrbaren Lebenswandel, genießen alles, was dieser erlaubt,
und sind wohltätig, wo es ihnen keine Mühe macht. Um die Wahrheit von Christo
bekümmern sie sich weiter nicht. Er mag sein, was Er will, genug: Er ist
ihnen eine ehrwürdige Person, und als bloßer Lehrer schon hinlänglich zu ihrer
Bestimmung.1)
Jedidja.
Wenn diese
Geister doch bedächten, daß das bloße Bekenntnis:
ich bin ein Diener Christi, ganz und gar keinen Wert habe; denn wenn's einmal zum großen Kampfe
kommt, so werden sie gewiß nicht
aushalten.
Hasiel. Du hast ganz recht geurteilt: sie halten die
christliche Sittenlehre für die Hauptsache, und das ist auch ganz
richtig; allein da sie glauben, sie hätten selbst Kräfte genug, sie zu erfüllen, doch
aber diese Kräfte nicht anwenden, indem sie den Geboten unseres Herrn
eine solche Erklärung geben, wie es mit ihren liebsten Neigungen bestehen kann:
so bekümmern sie sich nun nicht weiter um ihn. Wenn ihnen also einst die
herrschende Partei ihre Sittenlehre läßt, und das tut sie gern, so
sagen sie ohne weitere Umstände Christo ab und bleiben neutral, welches denn
ebensogut ist, als wenn sie zum Feinde übergingen.5)
Jedidja. Das ist ganz richtig, wer nicht mit Ihm
kämpft, der kann auch nicht mit Ihm überwinden, im Gegenteil, er wird
überwunden.
Hasiel. Nun gibt es auch eine dritte Klasse unter
denen, die sich öffentlich für Christum erklären; diese aber ist beträchtlich schlimmer, als
die vorhergehende, denn sie arbeitet mit Macht daran, den Herrn zum
bloßen Menschen herabzuwürdigen. Er ist ihnen nichts weiter, als ein frommer und
weiser Lehrer, und seine Lehre erklären sie völlig nach ihrem
einmal angenommenen System; was nicht damit übereinstimmt, das nehmen sie
gar nicht an, es mag in der Bibel stehen oder nicht. Ihre Vernunft ist die
höchste Richterin in allen Religionssachen. Vom Glauben wollen sie nichts
wissen. Sie bedenken gar nicht, daß die Vernunft gröblich irren
kann, wenn sie von falschen Grundsätzen ausgeht; und ob sie gleich diese
Verirrungen täglich an anderen sehen, so hilft das doch nicht, sie haben
einmal recht! — Dabei sind sie unerträglich stolz, daß sie nicht
die geringsten Einwürfe gegen ihr System ertragen können; sie
verspotten, beschimpfen und verfolgen alles, was anders lehrt, als
sie, und werfen sich eigenmächtig zu Reformatoren auf. Ihr Leben entspricht
indessen ihrer Sittenlehre so wenig, daß sie sich alles erlauben, was nur dem
äußeren Wohlstande nicht geradezu entgegen ist; besonders sind ihrer
viele wollüstig und ausschweifend. Du siehst also, daß bei dieser
Klasse die Sittenlehre nur dazu da ist, um ihrem Systeme den Schein des Rechts
und der Religion zu geben; im Grunde aber sind sie bloße Naturalisten, und
ohne es sein zu wollen, die fruchtbarsten und tätigsten Werber für das Reich
der Finsternis; sie beschleunigen die Füllung des Maßes der Bosheit und
des Tages der Rache.6)
Jedidja. Gibt's dieser
gefährlichen Menschen viel?
Hasiel.
Sehr viele!
Besonders aber wird ihr Einfluß dadurch gefährlich,
daß sie großenteils Gelehrte sind, die teils mündlich, teils schriftlich
auf das Publikum wirken und also ihre bösen Grundsätze
auf alle Weise und allenthalben verbreiten.7)
Jedidja. Das sind ja
schreckliche Aussichten!
Hasiel. Freilich sind die Aussichten schrecklich;
aber Gott wird ihnen Maß und Ziel zu setzen wissen und die Stunden der Versuchung
abkürzen. Endlich macht denn die vierte Klasse die eigentlichen erklärten
Anhänger des Reichs der Finsternis aus; diese hassen im Grunde die Religion und
ihren heiligen Stifter; ihre äußerst verdorbene, durch den physischen und
moralischen Luxus ganz zerrüttete sinnliche Natur ist ihre Gesetzgeberin, denn
sie halten sie für rein und unverdorben; ihre Gesetze sind ihnen
göttliche Gesetze, weil ihnen die allgemeine Natur, und in
derselben die Vernunft, Gott ist; daher erlauben sie sich auch alles,
was dem Gebote: Tue was du willst, so lange du keinen Eingriff in die
Rechte deines Nebenmenschen wagst: nicht geradezu entgegenläuft; indessen
wird dieses doch auch nicht genau genommen; sie fordern von allen Anhängern der
Religion ungemessene Duldung, sie selbst aber verfolgen alles aufs grimmigste, was nicht ihres
Sinnes ist.8) Du siehst aus dieser Schilderung, lieber Jedidja, daß diese Menschen
unverbesserlich sind, denn das
Allerheiligste, das in ihnen wohnt, nämlich das Gesetz der Liebe, wird von ihnen als eine Wirkung des religiösen Aberglaubens angesehen und gänzlich
unterdrückt; wenn also die göttliche Wahrheit
selbst erkannt und aus Grundsätzen für
ungöttlich erklärt wird, so ist kein Rettungsmittel mehr übrig.9)
Jedidja. Das ist wahrlich wahr! — Dieses ist die
letzte Stufe des Verderbens, zu der vernünftige Wesen hinaufsteigen
oder hinabsinken können; es muß also nun wohl zum letzten entscheidenden
Kampfe mit dem menschlichen Geschlechte kommen.
Hasiel. Das ist gewiß und es
läßt sich jetzt auch mit Macht dazu an. Im Heidentume herrschte der
Aberglaube ohne die Erkenntnis des wahren Gottes, es war also möglich, daß
durch die Offenbarung desselben an die Menschen viele gebessert wurden; im Judentume
regierte der Aberglaube mit der Erkenntnis Gottes, aber ohne die
Offenbarung des ewigen Wortes oder des Sittengesetzes in und außerhalb dem
Menschen; es konnten also abermals viele durch die Entwicklung gerettet
werden. Im Christentume geschah diese Offenbarung, aber auch hier richtete der
Aberglaube seinen Thron auf und lenkte die Richtung vom Worte ab auf sich
selbst. Endlich wurde auch diese Richtung auf das wahre Ziel, auf das Gesetz
der Liebe gelenkt; allein nun nahm der Aberglaube eine feine, geistige Form an
und setzte sich in den Symbolen fest, wo er denn doch noch immer das große
Idol ausmachte, das allgemein verehrt wurde; nun fing man endlich an,
diesen Götzen kennenzulernen, anstatt ihr aber aus dem Tempel
des Herrn wegzutun, schleift und zerstört man den Tempel selbst, und
richtet nun den Thron des Tiers, das aus dem Abgrunde aufsteigt,
nämlich des Unglaubens, an dieser heiligen Stelle auf.10)
Jedidja. Es scheint also, als wenn nun keine Anstalt
mehr möglich wäre,
den Menschen zu retten, denn Unglaube bei einer vollendeten Offenbarung ist der höchste Grad des Verderbens.
Hasiel.
Es sind doch für die zweite und dritte Klasse noch zwei Mittel übrig.
Die Ursache alles bisherigen Jammers und Verderbens liegt in dem Irrtum, daß die
sinnliche Vernunft, welche die Grundsätze zum Sittlichen aus sinnlichen Begriffen abstrahiert, zur Richterin in Religionssachen
angenommen werden müsse. Wenn also nun ausführlich und dem gemeinen Menschenverstand faßlich dargetan wird, daß die
Grundsätze aus sinnlichen Prinzipien zum Sittlichen ganz und gar
nicht taugen, sondern schlechterdings
irre führen; dagegen aber einleuchtend erwiesen wird, daß die sinnlichen Prinzipien
nur für die Körperwelt, für die Geisterwelt aber das Sittengesetz
im Geiste des Menschen
Bestimmungsgrund sein müsse; so bleibt dem Unglauben durchaus keine Schutzwehr mehr übrig, hinter welcher er
sich verbergen könne; wer dann noch nicht glaubt, der ist bis zur teuflischen
Bosheit hinabgesunken, und eben diese höchst
wichtige Anstalt ist jetzt im Beginnen.11)
Das zweite
noch übrige Mittel ist eine nochmalige
sinnliche Offenbarung des Erlösers, die
aber freilich den bösen Menschen zum Gerichte, den gutwilligen Seelen hingegen
zur Vollendung ihres Glaubenskampfes
dienen wird.
Jedidja. Ach Gott, wenn doch die armen Menschen ihr
Bestes bedächten! — Aber sage mir doch, lieber Hasiel, läßt es sich denn schon
wirklich zum großen und letzten Kampfe an?
Hasiel. Ja, er beginnt von ferne.' Du wirst dieses
selbst gar leicht
einsehen, wenn ich dir nun auch noch die gegenwärtige politische Gesinnung der Christen schildere. Es gibt eine äußere Ordnung der Stände unter ihnen, die durch das
Altertum ehrwürdig und gesetzmäßig
geworden ist. Einige Geschlechter haben
sich das Erbrecht erworben, über andere zu herrschen, ohne irgend jemand zu gehorchen; viele erlangen durch
die Geburt den Vorzug, andern zu
befehlen, und auch selbst wieder die Gesetze der ersten zu befolgen: und endlich sind die meisten bloß zum Gehorsam gegen beide Stände verpflichtet. Die
erste Menscherklasse nennt man die Fürsten,
die zweite den Adel, und die
dritte das Volk. Alle drei Stände sind aber wiederum durch mancherlei Abstufungen der Würde, durch vielerlei
Gesetze und Verhältnisse so
miteinander verknüpft, daß der Übergang des einen zum andern manchmal fast unmerklich ist.
Jedidja. Diese Verfassung ist mir aus Unterredungen bekannt, die
ich mit Neuangekommenen gehabt habe; daß sie himmlischen Ursprungs
ist, hat seine Richtigkeit: denn auch hier gibt es eine Abstufung der Stände,
die bei dem unendlichen, verborgenen Vater der Ewigkeit anfängt und bei dem
Seligen
aufhört, der an der Grenze des Schattenreichs wohnt; nur darin besteht der
große Unterschied, daß hier der innere Wert den Grad des
Standes bestimmt, dort aber die Geburt, woher es denn sehr oft zutreffen muß,
daß die Bösen den Guten befehlen.
Hasiel. Das kann aber nicht geändert werden, lieber Jedidja.
Hier offenbart das himmlische Licht den inneren Wert eines Menschen
alsofort vor jedermann, und jeder ist auch genau mit dem Grade der Kraft
versehen, der seinem inneren Werte gemäß ist; auf der Erde aber, wo
dieses Licht nur von einigen Wenigen, und noch dazu sehr dunkel erkannt wird,
da kann dieser Wert
nur selten, und nur von den Allerrechtschaffensten und zugleich Weisesten
bestimmt werden. Du siehst also ein, daß die Ordnung
der Stände durch Wahl höchst unvollkommen, höchst unsicher und also
keineswegs die beste sei, und daß dagegen die Ordnung
durch Erbfolge, in Ansehen der Nutzstiftung, allerdings den Vorzug habe, sobald sie durch weise
Gesetze eingeschränkt ist.12)
Jedidja. Ich erkenne
die Wahrheit dieses Satzes vollkommen.
Hasiel. Du wirst also auch leicht begreifen, daß auf
der Erhaltung dieser Ordnung die ganze Existenz der Menschheit beruht; denn
ohne obrigkeitliche Gewalt läßt sich keine menschliche Gesellschaft
denken.
Jedidja. Das ist unstreitig! — Doch gab es auch
Verfassungen, die von keiner Erbfolge wußten.
Hasiel. Deren gibt es jetzt wirklich noch einige;
allein, wenn sie
nicht äußerst unsicher sein sollen 13), so müssen sie mit einer anderen in einer Verbindung stehen, die ihre Wahl
leitet. Was dünkt dich aber von dem
jetzt herrschenden Geiste unter den Christen,
der da will, daß das Volk vollkommen frei sein und sich seine Gesetze und Regierungsform selbst
bestimmen soll? — Freiheit und Gleichheit ist jetzt das allgemeine
Symbol eines gewissen Volks, das seit
Jahrhunderten in der sinnlichen Kultur
und im sittlichen Verderben vor allen andern den Vorsprung hatte.14)
Jedidja. Wenn dieser Geist die Herrschaft behält und
vollends allgemein wird, so ist freilich der letzte große Kampf im Beginnen; denn die
Menschheit wird sich selbst aufreiben.
Hasiel. Bei
der vierten Klasse ist er allgemein, die dritte gebiert ihn aus, und die
zweite hindert sein Wachstum nicht, du kannst denken, was da zu erwarten ist.
— Jetzt stell' du dir nur einmal die ganze Sache im Zusammenhange vor!
Die sinnliche und technische Kultur ist auf das Höchste gestiegen, man
muß die reichsten Länder der Erde plündern, um seine Bedürfnisse zu stillen,
daher allenthalben ein unersättlicher Trieb nach sinnlichen Vergnügen und
ein rastloses Streben nach den Gütern, die sie befriedigen. Zugleich hat der
jedem Menschen wesentliche Vervollkommnungstrieb ebenfalls seine Richtung auf
irdische Veredlungen, nämlich des sinnlichen Genusses, der Ehre, der
sinnlichen Wissenschaften und des Reichtums genommen, folglich ist die
ganze körperliche Natur für sie zu arm. Nun kommt der, aus den
ganz verdorbenen Religionsgrundsätzen entstandene Freiheitstrieb 13),
der alle bürgerlichen Bande zerreißt, noch dazu; was kann daraus anders
entstehen, als daß sich die Menschheit selbst untereinander zu Grunde
richtet.
Jedidja. Aber mein himmlischer Bruder, diesen
schrecklicher Ausgang kann doch die Sache nicht nehmen, denn der Herr,
der Erhabene, wird dem Urheber des Bösen und seinen Anhängern den Sieg
nicht lassen, sondern er muß mit seinen Getreuen die Herrschaft der Erde
endlich behaupten, und seinen Feinden ihre grimmige Bosheit auf
ihren Kopf vergelten.
Hasiel. Ja, mein treuer Jedidja, das wird und
das muß geschehen, und zwar bald; denn um der Auserwählten willen werden die Tage
des Jammers abgekürzt werden.14) Eben diese höchst wichtige Sache
war es, die meine jetzige Reise nach der Erde veranlaßte. Laß mich dir diese
große wichtige Geschichte erzählen, die auch den Engel mit heiligem
Schauer erfüllt.
Jedidja. Mein ganzer Geist horcht mit stiller Ehrfurcht.
Hasiel.
Ich fand auf
meiner Saphirtafel folgende Flammenschrift: Hasiel!
Gehe zum Tempel der menschlichen Schicksale und erfülle meine Befehle. Hast du diesen Tempel gesehen oder etwas davon gehört?
Jedidja. Gesehen hab' ich diesen heiligen Ort nicht,
wohl aber einzelne Nachrichten von ihm gehört.
Hasiel. Dort wo das Reich der Herrlichkeit an das
ewige Dunkel grenzt, erhebt sich ein Gebirge, das von Ferne wie
übereinander
getürmte Gewitterwolken aussieht, und sich in den ewigen Höhen
verliert. Hier schwingt man sich über Abgründe hinüber, allenthalben herrscht
einsame, schauervolle Stille,
und ein dämmerndes Licht schimmert auf den Pfad des engelischen Wanderers, der gewürdigt wird, dieses Heiligtum zu besuchen.
Wenn man endlich der höchsten Höhe näherkommt, so sieht man vor sich einen gelblichen Glanz, und in demselben
ein großes Tor zwischen zwei Säulen, die wie durchsichtiges Gold, aber rötlich schimmern. Die Säulen stehen schrecklich und mächtig da, als wenn sie eine Welt
zu tragen hätten; oben auf ihnen ruhen
die sieben Donner, und an diesen merkte ich zuerst, daß das Geheimnis der
Zukunft seiner Entwicklung nahe sein
müsse: denn ihre schwarzen drohenden Gewölke sind vom Zorne des Weltrichters hoch aufgeschwollen, und es däuchte mir, als wenn ich tief in ihrer
Gewitternacht schon etwas
Rotschimmerndes bemerken könnte. Das Tor selbst besteht aus zwei Flügeln, die wie ein Diamant oder fein polierter Stahl im Abendrot glänzen; es ist beständig
fest verschlossen, und nur der starke
Seraph, der seitwärts auf dem Hügel steht
und den kommenden Boten von ferne bemerkt, kann es öffnen. Voll heiligen Schauers nahte ich mich
dieser Pforte; indem dies geschah, enthüllte ich mich dem Seraph, er
sah meinen Auftrag, und nun schoß er einen
Blitz auf den Riegel des Tors, der
Riegel fuhr zurück, und die beiden Flügel wehten mit einem dumpfen Donner langsam einwärts. Hier eröffnete
sich mir nun eine Aussicht, die auch
den Engeln neu und furchtbar ist. So weit, als der weiteste Horizont, wenn man auf dem höchsten Berge steht, reichen mag, so weit standen im Zirkel herum
die Gewölbträger des Tempels; hoch
strahlten sie in die Höhe, es waren Säulen, wie aus Kristallfelsen gehauen, in
deren Innerstem eine Feuerglut wallt
und wühlt. Ihr Fußgestell bestand aus kristallenen
Würfeln, die wie schmelzendes Gold glänzten, und aus denen der Feuerquell durch
die Säulen aufwärts zu steigen schien.
Der ganze weite Boden war eben und glich einem Smaragde mit weit und breit sich herumwindenden
Lichtstreifen. Das erschreckliche Gewölbe sah aus wie Lasur, auf dem
safran-farbene Gewölke ruhten, die obenüber
dem Purpur ähnlich waren. Rechts unten im Mittelpunkt des Gewölbes aber hing ein fürchterliches schwarzes Donnerwetter, an dem
man weiter nichts bemerken konnte, als daß sich die Wolken langsam umzuwälzen schienen. Gerade senkrecht unter diesem
Gewitter, genau in der Mitte des
Tempels, stand ein Altar hoch und weit, wie ein Berg Gottes, er glich einem
hellpolierten Calcedonier, über und
über mit blutigen Lichtstreifen überzogen, die wie aus seinem Innersten herauszukommen schienen. Oben auf
diesem Altar schwebte ein
Engelpriester, der von Zeit zu Zeit eine Schale auf die Mitte desselben ausschüttete; so oft dieses geschah, loderte eine dunkle Flamme mit Opferdampf
gegen das Gewitter empor, der das
Donnergewölke zu vermehren schien. Der
ganze Tempel war wie von einem dämmernden Abendrot erleuchtet. Sowie ich dem Altare näher kam,
bemerkte ich sieben Engel, die
hinter demselben hervortraten und sehr ernst und feierlich einherschwebten; einer von ihnen trug eine Rolle mit sieben
Siegeln, die aber alle erbrochen waren. Diese Rolle ließ er weithin wehen, und sprach mit einer sehr
feierlichen Stimme: „Die Zeit ist
da, daß das Gericht vom Allerheiligen ausgehe, den Erdkreis mit Gerechtigkeit
zu richten!" — Sowie die
Worte ausgesprochen waren, fuhr ein hell leuchtender Blitz aus dem Gewitter
herab, mitten auf den Altar; zugleich brüllte einer von den sieben Donnern so schrecklich durch die ewigen Höhen hin,
daß der ganze Tempel erbebte, er sprach ganz vernehmliche Worte!
Jedidja. War das nicht damals, als der Himmel den
Zustand der Abenddämmerung im violetten Lichtschimmer feierte?
Hasiel. Ja, damals
war es!
Jedidja. Wir hörten alle das Rollen des Donners, aber wir
verstanden
seine Worte nicht.
Hasiel. Die Worte der sieben Donner werden nur im
Tempel verstanden, und dann auch da, wo sie verhallen. Darauf führte mich einer von
den Engeln hinter den Altar; hier standen sieben goldene Leuchter im
Kreise herum, in dreien war das Öl rein ausgebrannt, und sie waren ausgelöscht;
die übrigen vier brannten noch, aber sehr dunkel; der vierte war mit
kristallhellem Öle bis oben angefüllt; jetzt berührte der Engel die kaum
sichtbare Flamme des vierten Leuchters, und dann den Docht des sechsten,
welche beide nun helle zu brennen und zu leuchten begannen. Auf einmal
fuhr ein zweiter Blitz auf den fünften und siebenten Leuchter herab, der sie
umwarf und weit wegschleuderte, der Engel aber hob sie auf und setzte
sie wieder an ihren Ort; nun waren sie gänzlich verloschen, den vierten und
sechsten Leuchter aber nahm er, schwebte damit in die Höhe und stellte sie
mitten auf den Altar, wo sie weit und breit strahlten und den Tempel mit
ihrem Lichte erfüllten; aus dem Gewitter herab senkte sich nun ein milder
Lichtstrahl auf ihre Flammen, der sie wie das Thronenlicht erhellte
und sie bis zum Gewitter hinauf verlängerte. Dadurch wurden die schwarzen Wolken verklärt,
sie zerteilten sich, und nun strahlte des
Herrn Herrlichkeit, mit dem Lichte der beiden Leuchter
vereinigt, durch die ganze Weite des Tempels.17) Jetzt redete mich
der Engelpriester an und sprach zu mir: Du hast verstanden, lieber Bruder Hasiel, was du gesehen
hast. Der erste der sieben Donner hat den Anbruch des Gerichts Gottes über
die Christenheit verkündigt; das Reich der Finsternis hat ein großes
Heer gesammelt, und wird noch viele
sammeln; es wird
mit geistigen Waffen kämpfen; die
sich überwinden lassen, werden auf seine Seite treten und die Scharen
der Hölle vermehren; die sich aber widersetzen und ritterlich kämpfen,
sollen siegen durch Blut und Tod! Er aber, der auf dem Throne der Welten
sitzt, wird, wenn das Wüten und der Jammer auf das Höchste gestiegen ist,
seine Heiligen um sich her sammeln und selbst gegen sie ausziehen; dann wird Er
ihre Sprache verwirren, so daß sich jedermanns Schwert gegen jedermann kehren,
und sich die gottlose Rotte untereinander selbst aufreiben wird. Von da
an wird Er dann herrschen, und es wird Friede sein von einem Ende der Erde
bis
zum andern.
Jetzt gehe nun zur Erde hinab und kundschafte allenthalben die
treuen und rechtschaffenen Seelen, aus, die vor den Leiden des Gerichts bewahrt und vorher
in den Himmel abgefordert werden sollen;
diesen allen flöße Ahnung der nahen Zukunft
und neuen Eifer zur Vollendung ein;18) du wirst in jedem Geiste seine Bestimmung lesen. Diejenigen, welche
vom Kampfplatz an sichere Örter
entfernt werden müssen, unterrichte, und mache sie aufmerksam auf die Wege der Vorsehung, damit sie das enge Pförtchen bemerken, durch welches sie
dem zukünftigen Zorne entrinnen
können. Alle Kämpfer aber begeistere mit hohem Mute, getreu zu sein bis in den Tod, und laß sie, doch aber nur sparsam, die Kräfte der zukünftigen Welt
kosten. Nun gab mir dieser erhabene
Engel noch einige geheime Aufträge an die Großen der Erde, die ich aber nicht entdecken darf. Während dieser Rede verschwanden die Leuchter wieder vom
Altare, das Gewitter schwärzte sich
wie vorher, und anstatt des Lichts schimmerte
die vorige Abenddämmerung durch die ganze Weite des Tempels. Ich stand eine Weile und feierte; dann wandte ich meinen
Flug, das Tor donnerte hinter meinen Fersen wieder zu, und der starke Seraph auf dem Hügel blitzte den
großen blanken Riegel wieder vorwärts.
Jedidja. Das war eine große und feierliche Szene! Bei
solchen Auftritten rückt der Engel immer einen Grad weiter in der Vervollkommnung.
Hasiel. Das ist wahr, und er empfindet, wie klein er ist.
Jedidja. Aber, Lieber, wie war dir zumute, als du dich
der Erde nähertest? — Oder bist du seit deinem Seligwerden mehrmals da
gewesen?
Hasiel.
Ich habe öfters
sterbenden Frommen ihren Abschied erleichtert,
und war also mehrmals wieder da; allein niemals machte ihr Anblick einen so tiefen Eindruck auf mich, als jetzt.
Jedidja.
Das ist
natürlich; — Du hattest auch nie einen so großen und erhabenen Beruf, wie
diesmal. Aber ich kann mir doch vorstellen,
daß der Anblick des Sterns, wo man sein erstes Dasein empfangen hat,
sonderbare Empfindungen erwecken muß.
Hasiel. Das ist zwar richtig, allein es
sind Empfindungen des tiefsten Mitleids, und — wenn man nicht den milden Quell
der Sanftmut und der Liebe in sich hätte, so
würde man Blitze auf die schnöde Sünderrotte
hinschleudern. Es gehört wahrlich Engelsstärke
dazu, das Anschauen so vieler Werke der Hölle zu ertragen. Ich kam an einem Morgen von ferne; durch den blauen Äther schwang ich mich hinab und sah die
blaßrötliche Kugel schief abwärts vor mir hinrollen. Erbarmendes Mitleiden über
meine dort leidenden und kämpfenden Brüder erfüllte mich ganz, und ich erinnerte mich lebhaft an die Zeit, wo ich
unter den römischen Tyrannen
mit vieler Marter meine irdische Hülle ablegen mußte; dann dankte ich
dem Erhabenen, daß Er mich so väterlich
geleitet und mich nunmehr zu der Stelle, zu dem Grade meines Daseins, in dem ich mich befinde,
hinaufbefördert hat. Unter diesen
Gedanken kam ich näher, ich schwebte über Europa hin und sah mit tiefem Kummer das allgemeine Verderben; dort wütete
ein Volk in seinen eigenen Eingeweiden, mit einem Grimm, der nur in der Hölle seinesgleichen hat, und
mordete seinen unschuldigen König.
Allenthalben stieg ein fauler Geruch
der Üppigkeit und der Wollust auf, und selbst unsere Getreuen ermatteten und kränkelten in diesem
Pesthauche. Eine elastisch drückende
Kraft arbeitete mir allenthalben entgegen, so daß ich mich anstrengen mußte, vollends hinunter zu kommen. Es war der Geist der Freiheit und der
Gleichheit, der mit einer grimmigen Wut empordünstete. Denke nur einmal nach, lieber Jedidja! — Freiheit — wo jeder dem
andern eigennützige Gesetze aufdrängt
und keiner keinem gehorcht; und Gleichheit bei der unendlichen
Verschiedenheit der Geisteskräfte des Reichtums
und der Macht!
Jedidja. Es läßt sich nichts Unsinnigeres denken:
dieser Geist ist wohl der mächtigste und schädlichste, den Satan auf
die Erde senden konnte, um die Menschen zu verderben.
Hasiel. Ja, das ist der schädlichste, wenn man zugleich
die gegenwärtige Richtung des menschlichen Geistes damit verbindet; aber auch
der letzte, denn Freiheit mit Gesetzlosigkeit und unersättlichem Hunger
nach irdischen Gütern und Gleichheit mit dem unbändigsten Stolze, alles zu beherrschen, das ist eine Stellung,
wobei die Menschheit in allen ihren heiligsten Banden zertrümmern muß. Aber ich habe mich nun von
meiner Reise wieder erholt, und mein
Wesen hat seinen Glanz wieder, ich
eile also von dir nach meinem Wirkungskreis. Dein Zustand werde immer vollkommener und des Herrn Licht gehe
immer heller auf über dir.
Jedidja.
Amen! Und dir,
himmlischer Bruder, geschehe ebenfalls, was
du mir gewünscht hast.
Dieses Kapitel verweist im Anfang darauf, wie sehr die himmlischen Heerscharen
durch die bösen Taten der Menschen leiden, wie ihre Lichtgestalt durch die
Verbrechen der Erdenbewohner an Leuchtkraft, also an Hilfsfähigkeit durch
eine übergroße Bereitschaft ihrerseits verringert werden kann. Stilling
erklärt hierzu wie folgt;
1) Man braucht nur die Geschichte der europäischen Menschheit von 1790 an bis daher
zu wissen, so läßt sich das Erblassen der Engel begreifen.
Eine recht wesentliche Folgerung können wir noch aus
dieser Niederschrift entnehmen, die Zeitdauer, die für die Befestigung
des Reiches auf Erden nötig sein wird. Wenn wir heute annehmen, ein Ziel
auf dem Wege zur Vollendung erreicht zu haben, ist es für unsere
Nachkommen wiederum nur eine „Station auf dem Wege zu Christus" gewesen.
Auch wir denken oft den folgenden Worten Stillings gleich. Wir sind von
dem fortschrittlichen Geist unserer Zeit in dieser Hinsicht durchdrungen
oder — aber ermattet in Angst und Sorge um die Zukunft des Christentums.
Gerade, weil seine Worte so exakt auf die heurige Menschheit
zutreffen, sehen wir, wie zeitlos sie wirklich waren.
2) Er ist schon wirklich begonnen; denn die allgemein herrschende Erkaltung in
der Religion, Verachtung und sogar vielfältiger Haß gegen Christum, steigt von
Tag zu Tag, und werden bald der Langmut Gottes ein Ziel stecken.
3) Jetzt hat nun die große englische Missions-Sozietät, an welche sich allmählich die
deutschen Christen anschließen, den Weg zur allgemeinen Vereinigung gebahnt,
und in allen Weltteilen beginnen die Missionen Eingang zu finden; auch
in Deutschland sind hin und wieder wichtige und weit-aussehende
Erweckungen, folglich wächst auch das Reich des Lichts mit Macht.
4) Die große Anzahl, übrigens oft gutmütiger und
gutgesinnter Menschen ist das Produkt der gemäßigteren Neuerer.
5) Die überaus große Anzahl dieser Halbchristen macht
eigentlich die Laodizäische Gemeinde aus; und sie hat ihren Hauptsitz in
den beiden protestantischen Kirchen; denn der Katholik ist entweder ein
wahrer Christ, oder ein Freigeist, oder ein Fanatiker. Laodicäer wird er sehr
selten.
Natürlich sind, wie wir aus obigem ersehen, gewisse
Zeitrichtungen — zeitgemäße Sekten und Glaubensansichten — maßgebend. Aber
das wird ebenfalls noch lange anhalten, eben so lange, bis Christi Sieg
allgemein geworden ist.
Sehr
beachtlich ist die Rede „Hasiels", in der er von der dritten Klasse der Gläubigen
spricht, von jenen, die Christum nicht als Gottessohn anerkennen, sondern
ihm nur die Stellung des überaus gereiften Menschen einräumen. Und denken
sehr viele unter uns nicht immer noch so?
Was aber folgt daraus, wenn wir Christus nur als bedeutenden
Menschen anerkennen? Stillings Worte sind durchaus zutreffend:
6) Diese Menschenklasse geht dann auch nach und nach zum
Widerwillen. Ekel und sogar zum Haß gegen Christum über, und bereitet die Macht
der Finsternis oder des Antichrists vor; sie ist ihr Depot.
7) Die schrecklichste und gefährlichste Wirkung dieser bedauernswürdigen Menschenklasse
besteht in ihren Rezensionen religiöser Schriften.
8) Die beschriebene zweite Klasse vervollkommnet sich zur dritten und diese zur
vierten, darum hüte man sich vor den Grundsätzen der zweiten.
9) Vor allen Dingen warnt Stilling vor dem Erkalten der Liebe aller Menschen
zueinander. Wie recht er hiermit hatte, können wir am einfachsten und
Sinngemäßesten aus den Folgen sehen, in die uns die Glaubenslosigkeit, die Ablehnung
des wahren Christentums gestürzt hat. Menschen, die nicht einen Funken der
göttlichen Liebe mit Bewußtsein in sich wecken, haben denn auch den
teuflischen Grundsatz, daß der Zweck jedes Mittel heilige. Daher ist ihnen keine
Bosheit zu groß und kein Laster zu abscheulich, wenn’s nur dazu
dient, ihre vermeintlich guten Absichten zu erreichen.
10) Wieviel Übles entsteht aus allen
nichtbeachteten Grundregeln der christlichen Lehre. Auch die Zweifelsucht ist
eine der fürchterlichsten Gefahren für unsere Seele, wie Stilling wiederum
richtig ausführt. Beispielsweise erzeugt die Zweifelsucht den Unglauben,
und dieser macht die Vernunft unfähig, vernünftige Glaubensgründe
anzunehmen: denn er glaubt nun auch der Vernunft nicht mehr, da ist also kein
Mittel mehr übrig.
11) Die Kantische Kritik der reinen
Vernunft hat gezeigt, daß der natürliche Mensch die Dinge, die des Geistes
Gottes sind, nicht faßt, dagegen macht man nun aber
das Sittengesetz zum Götzen, den man anbetet; denn, wenn dieses auch zeigt, was man tun müsse, so gibt es doch keine Kräfte dazu.
D r e i z e h n t e S z e n e.
Hillel und Huel.
(Im Schattenreiche.)
Huel. Das weiß ich sehr wohl, daß ich nicht wert
bin, ein Bürger in jenem Reiche des Lichts zu werden, das mir so sanft über das
Gebirge her entgegenglänzt; aber wenn es auf das Wertsein ankommt, so
sehe ich nicht ein, wie irgend einer von meinen Brüdern, den Menschen,
Anspruch auf diese Bürgerschaft machen könne; und doch werden von Zeit zu Zeit
viele meiner Bekannten hinüberbefördert, ich aber bleibe zurück. Keiner von den
Glänzenden, die das selige Geschäft haben, die Geister abzuholen, sieht mich
an, sie betragen sich alle, als wenn ich gar nicht zugegen wäre, - was wird
denn endlich aus mir werden? - Kann ich schon meinen Aufenthalt allhier nicht
durch irgend ein Zeitmaß bestimmen, so däucht mich doch, ich müßte schon viele
Jahre hier zugebracht haben. Ich durchdenke mein ganzes irdisches Leben, alle
meine Gedanken, Worte und Werke habe ich geprüft und gefunden, daß ich freilich
jener Herrlichkeit unwürdig bin; allein ich habe doch den größten T eil meiner
irdischen Wallfahrt mit innigstem Anhangen an Gott zugebracht, ich habe von
Herzen an den Erlöser geglaubt, mein ganzer Wille war bis in den Tod fest und unveränderlich
auf die Erfüllung des Gesetzes der Liebe Gottes und des Nächsten gerichtet,
ich tat in meiner Schwachheit, was mir möglich war und spürte auch oft in
meiner Seele den hohen Frieden und das innige Wohlgefallen meines Gottes, und
doch bin ich verlassen in dieser dunklen stillen Wüste, mein ewiges Schicksal
bleibt unentschieden. O Du Vater der Menschen, wenn Du auch hier noch Gebete
erhörst, so erbarme Dich meiner! - Siehe, da glänzen wieder Verschiedene das
Gebirge herab - welch eine Majestät strahlt aus ihrem Ansehen! - Es ist, als
wenn sich die purpurne Morgenröte in aller ihrer Herrlichkeit aus dem ewigen
Osten herabsenkte. - Ach, wenn sich doch einmal einer meiner erbarmte! - Aber
da zieht mir ja einer entgegen; ich will ihm gebeugt und in Demut nahen;
vielleicht daß er mich in Gnaden ansieht, so wie ehemals Christus den Kranken
zu Bethesda.
Hillel. Du scheinst ja ganz ermüdet zu sein, und
auch das entfernteste Irdische aus deinem Wesen weggetilgt zu haben.
Huel. Gelobt sei der Herr für die Gnade, daß
mich endlich einmal einer der Himmlischen anredet.
Hillel. Du warst noch nicht reif dazu; jetzt aber
offenbare die
ganze Rolle deines Gewissens.
Huel. Erhabener Erlöser, siehe, da steht mein
ganzes Leben enthüllt vor Dir, deinem himmlischen Diener und mir, - ich
appelliere an Dein vollgütiges Verdienst.
Hillel. Dein neuer Name ist Huel: du wirst
selig sein, denn du bist redlich gewesen, und hast den Glauben bewahrt bis ans
Ende; aber etwas liegt in deinem Geiste, das dich bisher an deiner Beförderung
gehindert hat, und noch hindert. Du hast eine Neigung, die der wesentlichsten
Gesinnung der Himmelsbürger geradezu entgegen ist, und die du noch nicht
erkannt, folglich auch noch nicht abgelegt hast.
Huel. Ach, entdecke mir doch diese Unart, damit
ich sie verabscheuen und aus meinem Innersten wegtilgen könne!
Hillel. Du mußt sie selbst aufsuchen; und mich
wundert, daß du in der langen Zeit, wo du hier bist, und bei der sorgfältigen
Prüfung deines ganzen Lebens, diesen geheimen Feind in deinem Wesen noch nicht
gefunden hast.1)
Huel. Gib mir doch nur einen leisen Wink, du
Himmlischer, damit ich auf die Spur kommen möge.
Hillel. Gerne, lieber Huel! Untersuche nur einmal
die Quelle, aus welcher die Kraft fließt, die deinen ganzen Wirkungskreis auf
Erden belebte! Wan1m redetest und schriebst du so gerne von Regierungssachen? -
Warum urteiltest du immer über Staatsgeschäfte und tadeltest alle Regenten und
Verfassungen, die nicht nach deinem Sinne waren?
Huel. Diese Neigung hatte das allgemeine Wohl
der Menschen zur Triebfeder, denn da die Regenten die Macht in den Händen
haben, Glück und Segen um sich her zu verbreiten, so wünschte ich mit
Sehnsucht, daß sie es auch tun möchten.
Hillel. Prüfe diese Neigung einmal genau und
untersuche, ob ihre Triebfeder rein ist.
Huel. Ich merke, daß etwas sehr Geheimes mit
untermischt ist, das ich mir aber noch nicht recht erklären kann.
Hillel. Stieg nicht oft ein geheimes Verlangen in
dir auf, daß dich doch die Vorsehung zum Regentenstande möchte bestimmt haben?
Huel. O ja, sehr oft, allein der Grund, warum
ich das wünschte, war doch kein anderer, als um desto mehr Gutes stiften zu
können.
Hillel. Sieh wohl zu, daß du dich nicht täuschest!
- Wie, wenn du in die Lage gesetzt wärest, ein ganzes Volk zu regieren, doch
aber so, daß es kein Mensch gewußt, niemand jemals erfahren hätte, daß all das
Gute von dir herkäme; wenn du zugleich in einem niedern Stande hättest leben
und kümn1erlich deine Bedürfnisse befriedigen müssen, wäre dir das ebenso
gleichgültig gewesen, als wenn du auf dem Throne geglänzt und von jedermann
Verehrung genossen hättest?
Huel. Nein, allerdings nicht!
Hillel. Aber warum denn nicht? Wenn das allgemeine
Beste die einzige und reine Triebfeder deiner Handlungen, war, so mußte dir die
erste Lage lieber sein, als die letzte, weil sie mit weit weniger Gefahren
verpaart ist.
Huel. Jetzt geht mir ein großes Licht auf. - Wie
unergründlich ist doch das menschliche Verderben! - Ein geheimer, tiefgewurzelter
Hochmut war's also, der alle meine Handlungen, auch die besten befleckte.
Hillel. Jetzt hast du gefunden, was dich bisher an
deiner Verklärung hinderte; und eben diese Neigung ist es, die der himmlischen
Verfassung geradezu entgegenstrebt; ja, sie ist die Urquelle der Hölle und
alles Bösen.
Huel. Ach, lehre mich doch diese Verfassung
kennen, damit ich mich ihrer würdig machen könne! Ich habe ja doch mit Willen
diese Wurzel alles Bösen nicht genährt; nun da ich sie kenne, bin ich ihr von
Herzen gram, und ich berufe mich in Ansehung ihrer auf die Genugtuung des
Erlösers.
Hillel. Sie wird dir zu gut kommen, lieber Huel,
und damit du dich zu deinem neuen Stande anschicken könnest, so will ich dich
unterrichten. Die Demut entsteht aus der wahren und richtigen
Erkenntnis seiner selbst, so daß man den Grad seiner Vollkommenheit oder
Unvollkommenheit weder höher noch niedriger setzt, als er ist! Durch eben diese
Erkenntnis aber weiß man, daß man nicht das geringste Gute von sich selbst,
sondern bloß und allein aus dem unergründlichen Reichtum der Barmherzigkeit
des Herrn empfangen habe; dagegen aber, daß alle unsere Mängel und
Unvollkommenheiten unser Eigentum sind. Das daher entstehende schmelzende
Gefühl der eigenen Niedrigkeit und der Erhabenheit Gottes ist es nun, was man
eigentlich Demut nennt; sie ist ebenso die Mutter aller Tugenden, wie der
Hochmut der Vater aller Laster ist; sie bestimmt im Himmel den Adel und den
Grad der Regierungsfähigkeit, so wie der Hochmut in der Hölle.
Huel. Demzufolge ist also im Himmel der
Allerdemütigste zugleich der Allerhöchste?
Hillel. Allerdings, der Herr war in den Tagen
seines irdischen Lebens von Herzen demütig; er wählte freiwillig den geringsten
und ärmsten Stand, er litt Schmach und Verachtung bis zur tiefsten
Erniedrigung, und dadurch adelte er eben seine Menschheit bis zur höchsten
Würde empor. Jetzt empfindet Er nun auf seinem Throne in seiner Menschheit den
allerhöchsten Grad der Vollkommenheit, zu welchem Er von der niedrigsten Stufe
der Wesen vom ewigen Vater erhoben worden; und eben dieses ist die Quelle des
Ozeans der Seligkeit, die sein ganzes Wesen beglückt und von ihm in alle seine
Erlösten überfließt; die daher entstehende unbegreifliche Liebe zu seinem Vater
und der höchste Grad der Dankbarkeit gegen Ihn ist denn auch das Band, das diese
beiden göttlichen Wesen so innig verbindet.2)
Huel. Verzeihe mir, O Verklärter, daß ich dir
hier einen Einwurf mache; es liegt also doch im Wesen des Menschen ein anerschaffener
Erhöhungstrieb: denn eben das Gefühl der Seligkeit entsteht doch
dadurch, daß das Niedrige erhöht wird.
Hillel. Ganz richtig! Aber diese Erhöhung kann
sich auf zweierlei Weise äußern, wenn man sich entweder über andere erhebt und
sie beherrschen will; oder wenn sich der Geist selbst veredelt und seinem
höchst vollkommenen Urbilde immer ähnlicher zu werden sucht.3)
Huel. Das ist wahr! Der Erhöhungstrieb ist also
in seinem abstrakten Begriffe heilig und gut; aber in seiner Richtung und
praktischen Anwendung so verschieden, wie Licht und Finsternis.
Hillel. Du hast recht geurteilt! - Aber ich will
dir nun einmal die Folgen beider Richtungen entwickeln. Wenn eine große Menge
Menschen den Erhöhungstrieb außer sich auf andere lenkt, wenn jeder alle
beherrschen will, so wendet auch jeder sein Maß an Kräften zu diesem Zwecke an;
da nun jeder regieren aber keiner gehorchen will, so zwingt immer der
Mächtigere den Schwächern; dieser gehorcht mit Haß und Rachsucht, und jener
herrscht deswegen mit Wut und Unterdrückung. Siehe, das ist die Grundmaxime des
Reichs der Finsternis! Da nun im Geisterreiche überhaupt die Stände nicht, wie
auf Erden, durch Gewerbe und andere sinnliche und physische Verhältnisse, sondern
durch die Ähnlichkeit der Gesinnungen und der Charaktere entstehen, indem sich
die bürgerlichen Gesellschaften je nach der Ähnlichkeit des Wollens und
Begehrens bilden, so herrscht in jeder Höllengesellschaft der Mächtigste, und
alle gehorchen ihm durch Zwang und zwar jeder nach dem Grade seiner
Schwäche. Aber auch diese Mächtigsten sind sich wieder nach den Graden ihrer
Macht untergeordnet, bis auf den obersten Fürsten, der dann unter der Gewalt
des Herrn aller Geister steht. Dieses ganze Höllenreich ist also der
allervollkommenste Despotismus und das Urbild alles Jammers und aller Qualen,
die nur durch Zwang und Bedrückung möglich sind.
Huel. Das
ist eine fürchterliche Verfassung, von der man auf der Erde schon Vorspiele
genug hat. Allein was beobachtet denn unser anbetungswürdiger Himmelskönig für
einen Grundsatz, um jenes Wutreich mit seinen mächtigen Fürsten in den Schranken
zu halten?
Hillel.
Eben Diejenige, die er auch auf Erden von Anfang an beobachtet
hat, und die auch die einzig mögliche ist. Er läßt ihn seine Pläne entwerfen
und befolgen; da aber diese der Natur des Geisterreichs geradezu entgegen sind,
so entsteht ungefähr so eine Verfassung in der moralischen Natur, wie auf Erden
in der physischen, wenn lange viele schädliche und brennbare Dünste in die Höhe
gestiegen sind; sie bilden ein Gewitter, das sich vom starken Reiben der
Feuermaterie elektrisch entzündet, und so seinen eigenen Stoff vernichtet. Wenn
Satan mit seinem Reiche die Wut der Bosheit und der Empörung so hoch treibt,
daß man an den äußersten Grenzen des Himmels die widrige Wirkung zu empfinden
beginnt, so entzünden sich die Gerichtsdonner, welche ihn mit seiner Rotte in
ihre Kerker darnieder brüllen, wo sie dann ohnmächtig und betäubt zittern und
knirschen, bis sie sid1 nach und nach wieder erholen, und dann auf neue
Anschläge sinnen.4)
Huel. Allmächtiger
Gott! wann wird dieser Jammer und dieser Unfug einmal ein Ende nehmen?
Hillel.
Dann, wann der Hochmut selbst Demut ist.
Huel. Das
ist aber unmöglich.5)
Hillel.
Kein endlicher Geist weiß alles, was Gott möglich ist. Nun will
ich dir aber auch die Folgen schildern, die da entstehen, wenn der anerschaffene
Erhöhungstrieb so wirkt, daß sich der Geist selbst veredelt und seinem
höchstvollkommenen Urbild immer ähnlicher zu werden sucht; in dieser
Schilderung wirst du dann die Quelle unserer himmlischen Verfassung finden.
Huel.. Diese
Beschreibung wird mir ein Vorgeschmack der Seligkeit sein.
Hillel.
Du weißt, daß die Vollkommenheit des höchsten Wesens in Beziehung
auf die vernünftigen Geschöpfe in einer vollendeten Weisheit und Erkenntnis
aller Dinge, und dann in der höchsten Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, der
Freiheit aller Wesen unbeschadet, verbunden mit der höchsten Macht wirken zu
können, bestehe.
Huel. Ja,
das weiß ich!
Hillel.
Folglich muß sich der Erhöhungstrieb des Menschen in den Verähnlichungstrieb
mit dem höchsten Urbilde der Menschheit, das zugleich Gott ist, verwandeln;
die daher entstehenden Tugenden sind dann immer wachsende Erkenntnis und Liebe.6)
Huel. Das
ist eine unleugbare Wahrheit!
Hillel.
Der Mensch muß also seine ganze Richtung zur Erkenntnis Gottes und
seines moralischen, oder des Geisterreichs nehmen, und dann, so wie seine
Erkenntnis wächst, auch zum allgemeinen Besten werden .
Huel. Ganz
gewiß!
Hillel.
So wie seine Erkenntnis wächst, so wächst auch seine Einsicht in
die Unendlichkeit der Vollkommenheiten Gottes, in die Größe, Mannigfaltigkeit
und unbegreifliche Weisheit, die in allen seinen Werken hervorleuchtet, und in
seine eigene Eingeschränktheit, so daß auch der höchste endliche Geist in
allem seinem Wissen und Wirken gegen den Unendlichen wie Nichts zu achten ist
und in gar keinem Verhältnisse steht. Diese Überzeugung nun spornt den
Verähnlichungstrieb immer stärker. Zugleich aber fällt dadurch alle Anmaßung
eines höheren Werts vor andern weg. Du siehst also, daß die Demut zur
Erkenntnis und zur Wirksamkeit in eben dem Grade antreibe, in dem sie wächst,
und daß sie, um zu lernen und immer mehr den Geist zu veredeln, lieber
gehorche, als herrsche.
Huel. Das
sehe ich vollkommen ein!
Hillel.
Da nun keiner in den Himmel kommt, der diese Gesinnung nicht hat,
nur daß sie alle dem Grade der Erkenntnis und der Liebe nach verschieden sind,
so stehen alle Himmelsbürger in der Richtung der Annäherung zu ihrem höchsten
Urbilde; alle hungern mit einem unendlichen Triebe nach Erkenntnis, Weisheit
und Wirksamkeit zum allgemeinen Besten; jeder sucht in dem Gefühle seiner
Kleinheit und Eingeschränktheit von jedem zu lernen und jedem zu
gehorchen. Und wenn der eine merkt, daß der andere etwas noch nicht weiß, das
ihm doch nützlich sein könnte, so unterrichtet er ihn mit einer Liebe und
Demut, die den andern zu der nämlichen Liebe und Demut bestimmt; daraus folgt
dann ganz natürlich die vollkommenste Regierungsverfassung, die nur möglich
ist.7)
Huel. O,
das ist eine höchst glückselige Einrichtung!
Hillel.
Im Himmel bilden sich ebenfalls, je nach der Ähnlichkeit der
Charaktere und der Neigungen, bürgerliche Gesellschaften, so daß das ganze
Reich Gottes aus lauter kleineren und größeren Gemeinden besteht, deren viele
zusammen wieder einen größeren Staat ausmachen, die dann endlich alle zusammen
unter der Gemeinde der Erstgeborenen stehen, deren Haupt der Herr ist; alle
diese größeren und kleineren Gesellschaften wohnen auch in gewissen, ihnen
angemessenen Gegenden beisammen, und da jeder jeden nach seinem innern Werte
schätzt, so gehorchen alle freiwillig mit Lust und Liebe dem Vollkommeneren,
und dieser herrscht nicht mit Zwang, sondern nur durch sein größeres Licht der
Wahrheit, das aus seinen Vorschriften hervorleuchtet. Der Herr selbst regiert
nicht durch Zwang, sondern bloß durch Offenbarung seines Willens, der aber
immer dem Gesetze des allgemeinen Besten vollkommen gemäß ist; nun kennt aber
jeder das allgemeine Beste und will es auch, folglich gehorcht auch jeder
gerne. Überhaupt ist dies Grundsatz des Reiches Gottes: jedes
vernünftige Wesen muß frei sein, und seiner Natur gemäß dem anerschaffenen
Sittengesetze oder göttlichen Naturrechte folgen, dieses allein muß
seinen Willen, aber doch durch Freiheit, bestimmen; nun hat aber die
höchste Weisheit die moralische Welt so wunderbar eingerichtet, daß mit dem
Grade des Gehorsams gegen das himmlische Naturrecht, auch der Grad des
beständigen Vergnügens oder der Glückseligkeit wächst, und im Gegenteil, wie
der Grad des Ungehorsams steigt, so steigt auch der Grad der Qual und des Jammers,
folglich ist nun auch das Reich Gottes ein Reich der vollkommensten
Gerechtigkeit.8)
Huel. O,
das ist vertrefflich! - Wie sehr verlangt mich, ein Bürger dieses Reiches zu
werden! Aber verzeihe mir, du Himmlischer, wenn ich mich unterstehe, noch
ferner um Unterricht zu bitten: ist denn dieser Himmel ein großer Weltkörper,
der den fleischlichen Augen sichtbar ist?
Hillel.
Nein, lieber Huel! Das wird wohl von verschiedenen Menschen
auf der Erde geglaubt, allein es verhält sich ganz anders; alle Sonnen und
Planeten sind Weltkörper, die von vernünftigen Geschöpfen materieller und
geistiger Natur bewohnt werden; du wirst dereinst noch vieles von ihnen
erfahren, das ich dir jetzt noch nicht sagen kann. Jede Klasse dieser Wesen hat
ihren eigenen Himmel, in welchem sich ihnen der Herr durch's ewige Wort, oder
durch seinen eingeborenen Sohn, so wie es ihrer Natur gemäß ist, offenbaret.
Alle Himmel kommen aber immer mehr in Bekanntschaft miteinander, so wie sie
sich der Urquelle der Vollkommenheit nähern. Kein Himmel ist fleischlichen,
irdischen Augen sichtbar, und ebensowenig kann er durch die Ideen der Zeit und
des Ortes begriffen werden.
Huel. Mir
ist aber doch hier alles so deutlich! Ich bin mir dort des schönen Lichts, des
Gebirges, der großen Menge Seelen und dieser dunklen Einöde so vollständig, und
mir däucht, noch weit gewisser bewußt, als ehemals der Körperwelt; ich habe
alle meine Sinne in größter Kraft, und mir kommt alles wie Materie, nur weit
feiner vor, als sonst; ich empfinde alles im Raume und stelle mir alles nacheinander,
das ist: in der Zeit vor.
Hillel. Das ist alles ganz natürlich: wenn du dich
in deinem ehemaligen sterblichen Leibe an dieser Stelle befändest, so würdest
du von allen diesen Gegenständen um dich her gar nichts, sondern die äußere
Schöpfung, den blauen Himmel und. darinnen die Weltkörper sehen; nun aber, in
deinem erhöhten Zustande, siehst du die ehemals unsichtbare Welt nur allein;
wenn du aber weiter in den himmlischen Kenntnissen vorgerückt bist, so bekommst
du allmählich die Fähigkeit, auch die Körperwelt wieder zu sehen, und dann erst
kannst du auch zu Gesandtschaften in dieselbe gebraucht, und mit Recht ein Engel
genannt werden.
Huel. O, das ist erstaunlich! Aber ich bitte
dich, beschreibe mir doch die Natur des Himmels und seine Beschaffenheit, damit
ich alles besser begreifen könne, wenn ich dahin komme.
Hillel. Du bist außerordentlich lernbegierig;
folge mir, ich will dich hinüberführen und dich im Anschauen der Dinge selbst
unterrichten.
Huel (im Hinschweben über das Gebirge). Jetzt
widersteht mir diese Luft nicht mehr; wenn ich mich sonst dieser Gegend nahen
wollte, so konnt' ich nicht, denn es war mir, als wenn ich ersticken müßte; wie
ist das?
Hillel. So lange das Innerste eines Geistes noch
nicht offenbart ist, so lange ist auch sein Schicksal noch nicht entschieden,
und er weiß nicht, wohin er fahren wird; es ist also noch etwas in ihm, das
sowohl der Annäherung des Reichs des Lichts, als des Reichs der Finsternis
widersteht. Sobald er aber enthüllt ist, so zieht ihn seine nunmehr bestimmte
Natur dahin, wohin er gehört.
Huel. Unaussprechlich, unaussprechlich ist die
Schönheit des Landes, das ich vor mir sehe. Ich überschaue ein unermeßlich
großes Paradies in der schönsten Morgendämmerung. Alles der irdischen Natur
ähnlich; aber weit über alle Vorstellung schöner!
Hillel. Die unübersehbare Weite rechts und links,
und dann bis an jenes ferne Gebirge, ist das Reich des Unterrichts, in
welchem die Kinder, die vor den Jahren des Unterrichts sterben, nebst allen in
der Erkenntnis nicht weit geförderten Seelen zu den übrigen Reichen erzogen
werden.
Huel. Dauert denn diese Morgendämmerung immer so
fort, ohne daß die Quelle des Lichts aufgeht?
Hillel.. Ja, denn im Himmel stimmt die ganze sichtbare
Natur auf's Genaueste mit der moralischen Beschaffenheit ihrer Bewohner
überein; hier wohnen lauter Geister, denen das Licht der Wahrheit bloß dämmert;
jenseits jenem Gebirge aber erscheint des Herrn Herrlichkeit über dem
Horizonte, dort ist das Reich des Lichts, seine Bürger heißen eigentlich
Engel, ob man gleich diesen Namen allen Himmelsbürgern gibt, und dort herrscht
die vollständigste Erkenntnis allenthalben. Abermals hinter einem dritten
Gebirge ist das Reich der Herrlichkeit, und an den Grenzen der Ewigkeit
liegt die Stadt Gottes mit der Wohnung des Herrn, von welcher das Urlicht
ausstrahlt, das den ganzen Himmel erleuchtet. In diesem Reiche wohnen die
Seraphim, welche mit dem höchsten Grade der Erkenntnis auch den höchsten Grad
der Macht verbinden; sie werden auch Erzengel genannt.
Huel. Aber wie verhält sich's denn mit allen den
unbeschreiblich schönen Gewächsen, vielleicht auch Tieren, die dort das Auge
so lieblich ergötzen.
Hillel. Auch diese stehen im genauesten
Verhältnisse mit dem Zustande der Bewohner; wie die Arten der Erkenntnis einer
bürgerlichen Gesellschaft sind, so bilden sich auch die Arten der Gewächse und
der geistigen Tiere in der Gegend, die sie besitzt; und wie der Grad der
tätigen, wirksamen Liebe der Bürger beschaffen ist, gerade in dem Grade des
Wachstumstriebes stehen auch alle Gegenstände um sie her. Wäre es möglich, daß
sich ein verdammter Geist einige Zeit hier aufhalten könnte, so würde bald eine
wüste Einöde um ihn her entstehen.
Huel. Wie vortrefflich ist das! - Auf die Weise
lebt also jeder Selige in einer Gegend, die ihm ganz natürlich ist,
die ihm also auch am besten gefällt, und in welcher er sich unaussprechlich
wohl befinden muß?
Hillel.
Das ist gewiß! Der Regent oder Fürst einer jeden Gesellschaft, der
immer auch in Ansehung der Erkenntnis und der Liebe der Vollkommenste ist, und
dem seine Untertanen alle in Ansehung des Charakters ähnlich sind, dirigiert
auch die Natur; denn da man bald erkennen lernt, welche Gewächse und Tiere aus
jeder Art der Erkenntnis entstehen, er aber der Mächtigste in allen Einsichten
ist, so ordnet er seine Vorstellung so und teilt sie auch seiner Gesellschaft
so mit, wie es die Verschönerung seines Landes erfordert.
Huel. Aber
ich sehe auch allenthalben viele Wohnungen, prächtige Paläste von einfacher und
erhabener Majestät, dann auch geringere Häuser, die aber alle unbeschreiblich
schön sind; die Materie ist unvergleichlich, woher ist sie genommen, und wer
baut sie?
Hillel.
Die schöpferische Kraft vom Herrn, die allenthalben in der
himmlischen Natur gegenwärtig ist, stellt jedem Geiste gleichsam in einem
Augenblicke die Wohnung hin, die seinem Wesen angemessen ist; die innere
Verschönerung und Auszierung aber hängt wiederum vom Einwohner selbst ab.
Geister, deren Neigung zum Ernsten und Erhabenen gestimmt ist, wohnen in
Gebirgen, wo es Aussichten und Szenen gibt, die alles übertreffen, was man sich
nur Großes vorstellen kann.
Huel. Mein
ganzes Wesen erhebt sich und jauchzt über alle die Wunder, die ich höre. Aber
werden denn hier auch die Gewächse zu etwas gebraucht?
Hillel.
O ja, erinnere dich nur ans Essen vom Holze des Lebens, an die
Bäume, deren Blätter zur Gesundheit der Heiden dienen sollen, und an das
Gewächs des Weinstocks, von dem der Herr in seines Vaters Hause trinken wollte.
Man genießt alles, um mehr Kraft zur Erkenntnis und zur Liebe zu bekommen. Aber
lieber Huel, ich muß dich zu deiner Bestimmung führen; du wirst eine
Menge noch ungebildeter Geister, dort an der Grenze dieses Kinderreiches, unter
deine Aufsicht und Leitung bekommen, ihre Unvollkommenheiten werden dich
veredeln und zur vollkommenen Demut leiten. Komm, ich will dich hinführen und
ferner unterrichten!
Huel. Der
geringste Platz und das geringste Amt wird für mich Seligkeit genug sein!
Auch hier wieder
Hinweise auf die Vollendungsmöglichkeiten unserer Seele, auch jetzt werden mit
wenigen Worten die wichtigsten Punkte für das Freiwerden vom materialistischen
Streben gekennzeichnet.
1) Ja, wenn sich der
Feind in einen Lichtesengel vergestaltet, dann gehört viel dazu, ihn zu
entdecken, und das war hier der Fall.
Stilling hat erkannt,
daß das Böse nicht immer eine häßliche und abstoßende Gestalt haben muß, daß
das. Niedere sich gerne tarnt und in beinahe vollkommener
"irdischer" Schönheit in Erscheinung tritt. Vor allen Dingen aber
verweist er wieder und wieder auf die richtige Einstellung des Menschen zu
allen Dingen und Ereignissen des Erdenlebens in Verbindung mit dem Ewigen.
2) Je tiefer man seine
Niedrigkeit empfindet und dann doch nach dem Grade dieser Empfindung erhöht,
wird, desto höher steigt der Grad der Liebe und Dankbarkeit. Dieses ist das
Wesen aller himmlischen Verhältnisse.
3) Man merke diese
Unterscheidung wohl, sie ist unaussprechlich wichtig, denn die erste Art der
Erhöhung rührt aus der Quelle der Selbstsucht her, aus welcher die ganze Hölle
entstanden ist, die andere aber entsteht aus Liebe zur höchsten Vollkommenheit,
und diese ist ja das Wesen der Seligkeit.
Wiederum verweist er auf
die unausbleiblichen Folgen der uns beherrschenden Eigenschaften und Anlagen.
Es ist doch ein Trost für den gottstrebenden Menschen, wenn er hört, daß sich
das Reich des Erdverwachsenen durch die eigenen Taten richten muß.
4) Infolgedessen
zertrümmern auch auf Erden die Reiche des Despotismus und des Egoismus endlich
durd1 sich selbst; denn da die Selbstsucht unnatürlich ist, so kann unter ihrer
Herrschaft keine Natur bestehen.
Es dürfte jedoch kaum
möglich sein, einen selbstsüchtigen Menschen zu ändern, ihm den Begriff der
Selbstlosigkeit nahezubringen.
5) Ganz besonders
heutzutage, wo die Liebe erkaltete, wo Ichsucht, Anmaßung und Überheblichkeit
regieren.
6) So scheint es; allein
so wie Selbstsucht in Selbstliebe verwandelt werden kann, so kann auch Hochmut
Demut werden.
6) Wenn wir dahin kommen
könnten, daß wir wirklich alle und alles als ein Schöpfungsgebilde des
Allmächtigen anerkennen und uns darum vor demjenigen, also vor der ganzen
Schöpfung beugen und mit diesem Niedersinken vor der Allmacht im Kleinsten
uns, das Größte erringen, denn die wahre und wirksamste Vervollkommnung des
Menschen besteht darin, wenn alle Wesen zugleich mit ihm zu seiner
Vervollkommnung wirken, und dies tun sie, wenn auch der Mensch ihrer aller
Bestes sucht. Daher hat alsdann erst der Erhöhungstrieb des Menschen seine
wahre Richtung, wenn er aus wahrer Gottes- und Menschenliebe das allgemeine
Beste kennt und bewirkt.
Die Gedanken Stillings
sind sehr wohl zeitgeboren und dennoch nicht zeitgebunden. Aus diesem Grunde
spricht es auch uns noch an, wenn er beispielsweise sagt:
7) Wenn alle gehorchen
wollen und keiner befehlen will so befolgen alle den höchst vollkommenen
Willen, und der ist der Vorgesetzte, der diesen am besten weiß.
8) Mit diesem Grundsatz
erlangt man dann eines Tages die vollkommene Freiheit, in der jeder alles tut -
tun kann und darf, was er will; allerdings kann und darf nur der tun, was er
will, der das allgemeine Beste kennt und will, also kann nur dieser vollkommen
selig sein!
V i e r z e h n t
e S z e n e.
Elon, Jathir, Meraja und Gadiel.
(Im Schattenreiche.)
Elon. Ich bin zum ewigen Leben erwacht, mein
Lauf auf Erden ist vollendet! Diese stille, dunkle Wüste ist der Reinigungsort,
wo ich nun vollends von meinen Unvollkommenheiten und Unlauterkeiten gereinigt
werden muß. Ungefähr so hab' ich mir die Sache auch vorgestellt. O, wie
glücklich bin ich nun, daß ich auf Erden deinen Verleumdungsweg, 0 ewige Liebe,
gewandelt habe. Ich war eben in den Stand der gänzlichen Vernichtung
übergegangen, als du mich abriefst, und ich empfinde noch immer tief in meiner
Seele die innige Veranlassung von dir. Wer wandelt mir da entgegen?
Jathir. Willkommen, Elon! - Kennst du
deinen Bruder Jathir nicht mehr?
Elon. Nein! Ich hätte dich nicht gekannt, so sehr hast du
dich verändert; bist du denn noch hier? - Du bist ja acht Jahre vor mir
gestorben.
Jathir. Ach Bruder, ich weiß nicht, was ich sagen
soll; wir waren unserer Sache so gewiß; wenn wir in unseren Versammlungen
beisammen saßen und uns freuten, daß uns der Herr vor so vielen anderen
begnadigt und uns seinen Willen kund gemacht hatte, so glaubten wir in Demut,
wir würden vor vielen andern selig werden: aber denke nur, Bruder, ich habe
gesehen, daß viele von denen, die wir nicht für erweckt gehalten haben, mit
Triumph von den Engeln ins Reich der Seligen hinüber geführt worden, mich aber
hat bis dahin kein Engel bemerkt; ebenso geht es auch unserem Bruder Meraja.
- Dort steht er einsam und trauert; denn vor kurzem nahte er sich einem der
himmlischen Gesandten, allein es fuhr ein elektrischer Schlag, wie ein Blitz,
von ihm aus, und der arme Meraja prellte weit weg. Du weißt, wie hoch
wir den Meraja schätzten, seine Gabe der Beredsamkeit und der Erkenntnis
war so groß, daß wir ihm, als unserem Führer, folgten; sein guter Lebenswandel
in der Gegenwart Gottes, seine Abgeschiedenheit von der Welt und seine Treue,
die er uns in der Bemerkung unserer Fehler bewies, Überzeugte uns alle, er
würde hier ein herrliches Erbteil empfangen; allein viele sind ihm vorgezogen
worden, die wir nicht für Auserwählte ansahen.
Elon. Bruder Jathir, du erschreckst mich!
- Geschieht das am grünen Holze, was wird dann aus dem dürren werden? Aber wer
von unseren Bekannten ist denn dem Meraja vorgezogen worden?
Jathir. Sehr viele! - Das aber war mir
unbegreiflich, daß unser vor kurzem hier angekommener Prediger ohne Aufenthalt
mit großer Herrlichkeit eingeholt wurde.
Elon. Wer? - Unser Prediger! - Gott, wie ist das
möglich!
Ein Mann, der seine Perücke puderte, eine Halskrause und
silberne Schnallen trug, sogar einen goldenen Ring am Finger hatte! - Den
sollte der arm gewordene Heiland zu Gnaden angenommen haben? Ein Mann, dem's
nicht darauf ankam, zuweilen den abscheulichen Kegelspielen oder einem eitlen
Tanze zuzusehen? Der die Kirchenmusik bei uns einführte, der vom Wandel in der
Gegenwart Gottes, von der Einkehr, vom dunkeln Glauben und allen Zuständen
einer vernichtigten Seele nichts wußte, der sollte hier, ohne eine langwierige
und schwere Läuterung, selig geworden sein?
Jathir. Ja, er ist selig, und dem Ansehen nach in
einem sehr hohen Grade.
Elon. So offenbarte sich entweder Gott in der
Seele anders, als die Sache der Wahrheit nach ist, und das ist ja eine
Gotteslästerung: oder das, was du gesehen hast, ist eine Spiegelfechterei des
Fürsten der Finsternis; denn was sich in unserem Herzen und Gewissen als
Wahrheit legitimiert, das kann dod1 unmöglich falsch sein.
Jatl1ir. Du redest da harte Worte, Bruder Elon, aber
ich kann dir doch nichts dagegen einwenden. Siehe, da kommt auch Meraja.
Meraja. Sei mir gegrüßt, Bruder Elon!
Elon. Auch dich hätte ich nicht mehr gekannt.
Brüder, ihr habt euch sehr verändert, ihr seht so arm und verhungert aus; ich
höre, es geht hier ganz anders, als wir es uns vorstellten.
Meraja. Von allem, was ich hier sehe, begreif' ich
kein Wort; wir haben uns doch mehr als andere bestrebt, den Willen Gottes zu
tun; wir haben uns verleugnet, abgetötet, von der Welt abgeschieden gelebt und
ritterlich gegen unsere geistlichen Feinde gekämpft; und doch werden wir von
den Engeln keines Anblicks gewürdigt; ich bin sogar zurückgestoßen worden, als
ich mich einem von ihnen nahen wollte. Denket nur einmal, die abtrünnige Maria,
die uns immer so widersprach, gar von uns ausging und sich wieder zur Welt
gesellte, diese Maria, über die wir uns so sehr beklagten, die wir so
bedauerten, die ist alsofort, so wie sie ankam, selig geworden.
Elon. Die Maria? - Das kann unmöglich mit
Rechtem zugehen.
Meraja. Und doch ist es nicht anders!
Jathir. Ich hab's auch mit Erstaunen angesehen,
sie machte eine so frohe, demütige Miene, daß ich fast zweifle, ob sie nicht
den richtenden Engel getäuscht habe.
Elon. Wenn hier noch Täuschung möglich ist, so
ist Gottes Wort nicht Gottes Wort; nein, ich glaube vielmehr, daß die Seelen,
die ihr abholen sahet, an Reinigungsörter gebracht werden, oder daß es hohe
Versuchungen sind, die Gott zuläßt, um uns zu prüfen; vielleicht sind es böse
Geister, die sich in der Gestalt der Lichtsengel zeigen.
Jathir. So kommt mir die Sache nicht vor.
Meraja.
Mir auch nicht; doch es muß sich endlich aufklären. Elon. Was
sehe ich dort? - Was für herrliche Gestalten fahren aus der Morgenröte das
Gebirge herab?
Meraja.
Das sind die Engel, welche die Seelen richten; willst du es einmal
mit ansehen?
Elon. Ja,
das verlangt mich sehr, zu sehen, wie das zugeht. (Sie schweben alle drei dem
Gebirge zu.)
Jathir.
Siehst du, Bruder Elon, den, der da vor dem Engel steht? -
Gott, wie er bis zum Zwerge zusammenschrumpft! Jetzt lodert eine Flamme aus
ihm empor, siehst du die schrecklichen Dinge in der roten Flamme?
Elon. Herr
Gott, das ist fürchterlich! - Allmächtiger Erbarmer - er verwandelt sich in
ein Ungeheuer! Sieh! Wie er dorthin in die Nacht wegzischt, als wenn ihn die
Flamme versengte!
Meraja.
Jetzt steht ein anderer vor ihm; der fängt an zu glänzen; schau,
er bekommt einen Lichtkreis um sich her, der immer heller und heller wird! Wie
sanft bläulich und weiß ist das Licht; es schimmert, wie poliertes Silber im
Vollmond!
Jathir.
Aber siehst du auch alle die Schönheiten in dem Lichte, eine
lebende Sprache der Heiligkeit und Gottseligkeit!
Elon. Ja,
ich sehe es! - Der muß ein sehr frommer Mensch gewesen sein; nein, das ist
kein Betrug des Satans - keine hohe Versuchung!
Meraja.
Gott sei uns gnädig, den kenne ich, ist das nicht der Schulmeister
Elias? -
Elon. Er
war sehr krank, als ich starb; allein der kann's doch nicht sein, denn dieser
ist ja ein Heiliger; siehe, er schwebt schon wie ein Seraph über das Gebirge
hin! Der Schulmeister aber war nicht einmal erweckt.
(Gadiel naht sich
ihnen.)
Gadiel.
Ja! Eben dieser war der Schulmeister Elias; jetzt ist er
ein Fürst im Lande der Gerechten, sein Erbteil ist herrlich; denn sein Los ist
aufs lieblichste gefallen.
Elon. Verzeihe
mir, du Verklärter, wenn ich mich unterstehe, dich um etwas zu fragen.
Gadiel.
Frage, was dir beliebt.
Elon. Wir
können nicht begreifen, wie dieser Schulmeister selig werden kann; denn er war
nicht einmal erweckt.
Gadiel.
Was verstehst du unter dem Ausdrucke: erweckt sein? Elon. Wissen
die Engel nicht, was erweckt sein ist?
Gadiel.
Ob wir es wissen oder nicht wissen, davon ist die Rede nicht,
sondern davon, ob du es weißt.
Elon. Gott
Lob! Ich weiß es; denn ich bin schon über vierzig Jahre erweckt gewesen. Man
wird erweckt, wenn man sein sündig Elend und seinen höchst verdorbenen Zustand
einsieht, von Herzen bereut und sich dann ernstlich zu Gott in Christo wendet.
Gadiel.
Der Begriff ist ganz richtig, und das Gebot, das er enthält, ist
dem, der selig werden will, vollkommene Pflicht. Du sagst, du wärest schon über
vierzig Jahre erweckt gewesen; du mußt es also weit in der Selbsterkenntnis und
in der Einsicht in dein natürliches Verderben gebracht haben?
Elon. Darin
kann man es nicht zu weit bringen; ich habe mich in meiner Schwachheit an die
ewige Liebe übergeben und mich von ihr bewirken lassen.
Gadiel.
Sage mir, in welcher Pflicht vereinigen sich alle Pflichten des
Menschen?
Elon. In
der Liebe; Gott lieben über alles und den Nächsten als sich selbst, das
ist das Gesetz und die Propheten; die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung!
Gadiel.
Das ist ewige Wahrheit und das Grundgesetz, nach welchem alle
Menschen gerichtet werden. Was ist aber die Liebe und worin besteht sie?
Elon. Die
Liebe ist eine herzliche und innige Zuneigung der Seele zu Gott und zu den
Menschen.
Gadiel.
Aber worin äußert sich diese Zuneigung?
Elon. Sie
äußert sich gegen Gott durch ein beständiges Anhangen an Ihm, und durch
einen beständigen Wandel in seiner Gegenwart, und gegen die Menschen darin,
daß man sich unablässig bestrebt, sie alle und nach allen Kräften Ihm zuzuführen.
Gadiel.
Du vergissest die Hauptsache; Gott lieben heißt: seinen Willen
nach allen seinen Kräften erfüllen; und den Nächsten lieben: sein
Bestes, so wie das eigene Beste befördern.
Elon. Das
sind die Früchte, die aus jenem Baume hervorwachsen.
Gadiel.
Ganz recht! Ein Baum, der also diese Früchte nicht mitbringt, in
dem wirkt auch diese Liebe nicht! Wer Gottes Willen nicht erfüllt, dessen
Anhangen an Ihm, und dessen Wandel in seiner Gegenwart ist nichts als eine
elende Täuschung und ein Spiel der Phantasie; und wer seines Nebenmenschen
Bestes nicht in allen Stücken nach dem Maßstabe seines Eigenen befördert,
dessen Bestreben, ihn zu bekehren und selig zu machen, ist eitel!
Elon. Das
ist wahr.
Gadiel.
Du wirst doch überzeugt sein, daß seinen Nebenmenschen hassen schnurgerad
dem Willen Gottes entgegen sei, und daß derjenige, der dies tut, unmöglich Gott
lieben könne?
Elon. Wer
seinen Nebenmenschen haßt, in dem ist kein Funke des göttlichen Lebens; wer keine
Früchte bringt, verdient schon als ein unnütziges Holz abgehauen und in's
Feuer geworfen zu werden; wer aber sogar arge Früchte trägt, der verdient's
im höchsten Grade!
Gadiel.
Du bist ein strenger und gerechter Richter; aber erkläre mir
doch, worin sich eigentlich der Haß gegen den Nächsten offenbare?
Elon. Wenn
man ihm zu schaden sucht, anstatt sein Bestes zu befördern.
Gadiel.
Sehr richtig! Liebte der ältere Bruder des verlornen Sohnes
diesen seinen Bruder, als er vom Felde kam und über die Freudenbezeugungen
seines Vaters zornig ward, oder haßte er ihn?
Elon. Nein,
er liebte ihn keineswegs, sondern haßte ihn.
Gadiel.
Liebtest du den frommen Schulmeister Elias, als du ihn der
Seligkeit unwert hieltest?
(Alle drei zittern und
beben vor Schrecken.)
Du bist vierzig Jahre
erweckt, hast die ganze Zeit über dich im Anhangen an Gott, im Wandel in der
Gegenwart Gottes und im Bekehren deiner Brüder geübt, und noch nicht die erste
und unerläßliche Pflicht des Christen: "Niemand zu hassen", erfüllt!
Elon. Ach
Herr, verzeihe! -
Gadiel.
Wir haben alle nur einen Herrn, und der ist der Erhabene,
der auf dem Throne sitzt.
Elon. Ach,
verzeihe mir, du Himmlischer! - Wir haben uns doch von Herzen bestrebt, dem
Herrn zu gefallen und nach unserer besten Erkenntnis zu wandeln gesucht.
Gadiel.
Offenbaret euer Innerstes im himmlischen Lichte der Wahrheit!
(Sie werden alle drei
enthüllt.)
Wie kannst du sagen, Ihr
hättet euch von Herzen bestrebt, dem Herrn zu gefallen und nach eurer besten Erkenntnis
zu wandeln gesucht? - Ihr habt einmal einen Blick in euer natürliches
Verderben getan, und die Notwendigkeit einer beständigen Sinnesänderung
erkannt, das heißt ihr: erweckt sein; darauf suchet ihr im beständigen
Andenken an Gott, in frommen Betrachtungen, in Übungen, im Lesen, Beten und
Singen, und in Verbindung zu engeren Gesellschaften untereinander, die ganze
Erfüllung eurer Religionspflichten; ihr vermiedet zwar die groben Ausbrüche der
Sünden, aber die feineren, viel schlimmeren Unarten, geistlichen Stolz,
erheuchelte Demut, Verachtung und Verurteilung derer, die besser waren, als
ihr, die hegtet und pflegtet ihr nicht allein, sondern ihr sahet sie als Eifer
um das Haus Gottes an; ihr habt euch immer bemüht, das zu wissen, was
man tun müsse, um Gott zu gefallen, und dieses Wissen setztet ihr anstatt des
Tuns. Ihr bildetet euch ein Religionssystem aus Wahrheit, Unsinn, Empfindelei
und Phantasie; dieses Ausbreiten nanntet ihr dem Herrn Seelen zuführen, und
darin suchtet ihr die Erfüllung der Liebespflichten gegen den Nächsten: wer's
nun nicht annahm, den hieltet ihr des Reiches Gottes nicht würdig. Wo habt ihr
den Hungrigen gespeist, den Durstigen getränkt, den Nackenden gekleidet und
den Gefangenen besucht? Euer: Herr, Herr! sagen, euer Weissagen, euer Essen und
Trinken vor dem Herrn, und euer Lehren auf den Gassen seiner Stadt ist alles
eitel. Ihr seid nicht geschickt zum Reiche Gottes!1)
Meraja.
Unser Wille war doch, von Herzen Gott zu dienen; wir lasen die
Schriften heiliger Seelen und folgten ihren Lehren; wir haben uns vor tausend
andern Mühe gegeben, uns selbst zu verleugnen, und unser Fleisch zu kreuzigen,
samt den Lüsten und Begierden; haben wir nun des rechten Weges verfehlt, so
wird doch der Herr Gnade ergehen lassen, denn er hat ja die Sünden der Welt und
auch unsere Sünden getragen!
Gadiel.
Alle Abtötungen und Kreuzigungen ohne die wahre und tätige Liebe
sind ein Ekel vor Gott, denn sie nähren nur den Hochmut. Wer geht weiter in der
Abtötung aller sinnlichen Lüste, als die Fakirs in Indien; aber
wer ist auch stolzer, als sie? So lange ihr den Quell des Hochmuts und der
Verurteilung anderer noch nicht in euch verstopft habt, könnt ihr nicht selig
werden.2)
Jathir.
Wir empfanden doch so tief in unserer Seele die Gewißheit der Kindschaft
Gottes, wovon uns sein Geist Zeugnis gab.
Gadiel.
Diese Beruhigung fühlt jeder, der den Forderungen seines Gewissens
Genüge leistet: diese Forderungen mögen nun so abgeschmackt sein, wie sie
wollen. Die erste Pflicht des Christen ist, sein Gewissen zu berichtigen, und
wie das geschieht, ihm auch strenge zu folgen; darauf folgt erst das
wahre Zeugnis der Kindschaft, das sich in der herzlichsten Demut äußert. Wie
wohl und wie freudig war's dem Pharisäer ums Herz, als er sagen konnte: Ich
danke Dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Menschen; daß ich nicht so ein
Sünder bin, wie dieser Zöllner! Kann diese Freudigkeit ein Zeugnis der
Kindschaft sein? Ihr seid nun vor dem Richterstuhle des Weltregenten offenbar
worden, euer Innerstes, euer ganzes Leben liegt da enthüllt und in der
größten Deutlichkeit vor euren Augen, und doch strebt euer Stolz immer noch
empor, und ihr macht Ansprüche auf das Reich Gottes. Hütet euch, daß ihr nicht
in das Urteil der Empörer fallet, sondern demütiget euch jetzt unter die
gewaltige Hand Gottes, damit Er euch erhöhe zu seiner Zeit!
Elon. Und
wenn mich der Herr ewig verdammt, so will ich Ihn doch lieben und Ihn durch
meine Qualen verherrlichen!
Meraja.
Ich auch!
Jathir.
Das ist mein fester Entschluß.
(Der Engel fängt
schrecklich an zu strahlen.)
Gadiel.
Entfernt euch schleunig, damit Euch das Zornfeuer des Erhabenen
nicht in die äußerste Finsternis wegschleudere! Ihr wähnt, Eure Liebe sei
stärker, als die Hölle und habt noch nicht angefangen zu lieben. Entfernt euch!
-
(Die drei armen Geister fahren weit weg in eine wüste Einöde, die
von einem Meteor, gleich dem Vollmond, erleuchtet wird; die Gegend gleicht
einer wüsten Insel, die mit allerhand wilden Geistern bevölkert ist; hier sind
sie nun bestimmt, durch den rohen Sinn dieser Seelen geläutert und in der Demut
geübt zu werden, dagegen müssen sie die Geister unterrichten und ihrer
ursprünglichen Bestimmung immer näher bringen.)
Ein wirklich
beachtliches Kapitel, weil hier die Anmaßung und Überheblichkeit - die auch
heute noch vorhanden ist - ihre größten Triumphe feiern und fraglos viele
Seelen der Verdammnis überantworten kann. Aus diesem Grunde sollten wir den
Mahnruf Stillings nicht außer acht lassen:
1) Prüft - O prüft euch,
und erinnert euch, daß sogar von den zehn Brautjungfrauen, die doch wahrlich
auch erweckt sind, denn sie wachen ja, fünf verloren gehen, weil es ihnen am
Geiste der Liebe fehlt; man muß wirklich und wesentlich zum Heile' der Menschen
gewirkt haben, oder ernstlich haben wirken wollen, sonst hilft alles nichts.
2) Wer nicht tief
empfindet, daß er von Grund aus von sich selbst nichts Gutes an sich habe,
unter allen Menschen einer der Verdammniswürdigsten sei, der ist nicht
geschickt zum Reiche Gottes! Je weiter er im Lichte der Erleuchtung
fortschreitet, desto unwürdiger fühlt und sieht er sich an.
Ist es nicht tatsächlich
jetzt noch so? Haben wir nicht alle eine zu hohe Meinung von unserem Wissen,
von unseren "angelernten" Fähigkeiten?
Da wir nun genau wissen,
wie wenig unsterblich wir sind, ist es für jeden Menschen nötig, sein Ich zu
erkennen, um endlich im Du zur Vereinigung und damit von der irdischen Liebe
zur himmlischen gelangen zu können.
F ü n f z e h n t e S z e n e.
Elnathan
und Schirijah.
E r s t e S z e n
e.
Elnathan.
Schirijah, Engel des
Lieds! Du fährst auf Flügeln des Blitzes Feiernd den Äther hinab, die Harfe
donnert im Fluge:
Bringst du der sündigen
Erde den Frieden? Dem kommenden Zeitlauf
Botschaft der Zukunft
des Herrn? - Ach, weile dem himmlischen Bruder!
Darfst du der Sendung
Geheimnis mir sagen? Ich horche mit Sehnsucht.
Schirijah.
Frieden lügen die
Menschen, Elnathan! Den ewigen Frieden bringt Er selbst im kommenden
Zeitlauf der trauernden Erde. Komm, begleite mich, Bruder! Jehova befiehlt
es, wir eilen schnell auf den Schwingen des Lichtstrahls hin zu Helvetiens
Kämpfer,
Aller Kämpfenden Kämpfer
und aller Duldenden Dulder. Stärker im Glauben ist keiner von allen Zeugen der
Wahrheit; Ohne zu sehen, strebt er im Dunkeln am Faden der Vorsicht vorwärts im
Irrsal des Lebens, auf düsterem Steige am Abgrund,
Immer vorwärts - und
niemals allein. Nein Tausenden winkt er,
Tausende folgen zur
Fahne des Königs dem Christusverehrer -
Christusverehrer ist er - so liebend, wie Simon Johanna;
Tod für Jesus
Christus - und Tod für's Vaterland ist ihm immer der größte Gedank' - und
Bruder, jetzt stirbt er für
beide -
Lavater
stirbt - den erhabensten Tod, an der Vaterlandswunde, -
Kämpft ohne Aussicht den
Kampf des Glaubens, die Fülle der Schmerzen
Wütet in sechsfacher
Qual im schwächlichen Körper des Dulders. Fünfzehnmale schon blickte der
Vollmond mit rötlichem Schimmer
Lavaters
Kampfplatz an - und schwieg; - in Wolken verschleiert
Eilt er über den Jura,
er konnte das Elend nicht ansehn. Aber der Held steht da - wie ein Fels im
Wogengetümmel. Horcht mit Sehnsucht, und forscht unaufhörlich mit gierigen
Blicken,
Ob im Osten ein Schimmer
des Aufgangs der Höhe sich zeige? Horcht mit spürendem Ohr auf den Laut der
Ankunftsposaune; Will eine sinnliche Spur 'von Jesus Christus erlechzen;
Nur einen einzigen Blick
in Sein holdes Antlitz erglauben,
Nur einen Lispel von
Ihm, nur ein - Friede mit dir sich erbitten. - Wo ist ein Wesen, das Christum
liebt, wie Lavater liebet? Aber von allem kein Laut, kein Blick,
kein Schimmer von Osten. Alles gewöhnlich - und Nacht, - und fernes Drohen des
Spötters,
Fürchterlich drohende
Klippen, und Strandung dem Schifflein des Glaubens.
Aber er steht wie ein
Fels, und bebt nicht im Wellengetümmel. Glaubt und hofft, glaubt immer und
hofft und liebt wie sein Heiland.
Will
seinen Mörder in allen Welten erforschen, ihm sagen:
"Dank
für die Wunde, die Glauben, Vertrauen und Dulden mich lehrte. "
Ist in der Demut und
Sanftmut der Erste, im Unmut der Letzte. Gleich einem Lamme zur Schlachtbank
geführt im Schweigen und Leiden,
Möchte zu jedes Füßen
sich schmiegen, die Hände ihm küssen. Immer vorwärts ringt sein Geist und immer
geschäftig,
Streut er köstlichen
Samen für künftige Christusverehrer; Keine Minute ist leer, er wirkt
unaufhörlich für Christus; Schaut und; horcht ins ewige Dunkel, kein
Schimmer von Christus
Kommt in sein Aug', kein
Laut in sein Ohr, und dennoch vertraut er.
Glaubt seinem Gott,
bleibt treu bis ans Ende. - Elnathan, wir eilen
Ihn zu erlösen; der
Kampf ist erkämpft, die Krone errungen!
Elnathan.
Schirijah!
Bruder, wer jauchzt nicht vor Wonne bei deiner Erzählung?
Danket dem Herrn für den
mutigen Kämpfer, ihr himmlischen Heere!
Lobt den Jehova! Sein
Knecht hat vollkommen die Probe bestanden!
Aber ich schaue von
fern' in des innern Heiligtums Dunkel, Seh' den erhabenen Plan auf der goldenen
Tafel der Vorsicht:
"Siehe, mein
Bruder! Du weißt, mit welcher unendlichen Langmut
Gott die Christen ertrug
- wie viele Jahrhunderte hat Er Liebe, Schonung und Zucht gebraucht, um die
Menschheit zu bessern,
Alles vergebens! - Ach,
überall nur empöret der Abfall
Gegen Christus die
Christen, man haßt Ihn, die ewige Liebe! Schrecklicher ward kein
Verbrechen, so alt wie die Welt ist, begangen.
Schrecklicher war kein
Gericht, als jenes der Christenheit sein wird.
Er ist verhüllt in sein
Dunkel und gibt dem verruchten Geschlechte
Keinen Schimmer von sich
zu erkennen, damit sie im Zweifel vollends den Abfall erzweifeln, das Ziel
ihrer Wünsche ertaumeln,
Und er dann schnell, wie
ein Dieb 'in der Nacht, zum Abgrund sie stürze.
Aber eben dies Schweigen
des Herrn ist Wohltat dem Christen, denn es verkürzt die Tage der Prüfung,
beschleunigt die Ankunft
Ihres Erlösers, und
fordert sie auf zum Wachen und Beten. Würd' auch Christus durch Zeichen
und Wunder die Seinigen stärken,
Dennoch würd' es nicht
glauben der Unchrist; die Probe des Glaubens
Finden die Glaubenden
nicht, die sie reif macht zur ersten Erstehung.
Diesen war Lavater Muster,
und darum sollt er den Gipfel Aller Gipfel der Leiden und Proben des Glaubens
erklimmen. Siehe, er hat ihn erklommen - da steht er, ein Zeuge der Wahrheit,
Nah am Ziel! Er selbst
das größte der Zeichen und Wunder."
Schirijah.
Himmlischer Bruder, du
steigst und sinkst ja, als wenn du im Jubel Welten von Seligkeit ahntest!
Elnathan.
Die ahn' ich auch, Schirijah!
Amen!
Groß ist der Plan des
Erhab'nen, und selig die sündige Erde. Wenn Er sie zweimal erlöst, den Drachen
auf ewig besiegt hat. Siehe, wer schwebt da vom ewigen Hügel so eilend
hernieder?
Eldad, der
Liebende kommt; er naht sich mit Mienen des Jubels. Freude der Seligkeit
strahlt aus den Augen. Eldad, willkommen!
Steigt aus dem gähnenden
Abgrund empor - erbarm dich der Menschen.
Deiner Erlösten -
erbarm' Dich Jehova! Du aller Erbarmer! -
Z w e i
t e S z e n e.
Elnathan,
Schirijah, Eldad und Elgamar.
Eldad.
Seid mir willkommen,
Jerusalems Bürger, ich soll euch begleiten;
Lavater
abzuholen erhöht der Seligkeit Fülle.
Ach, wie wird er
strahlen vor Wonne, wenn ihm nun auf einmal schwindet die Hülle, und er den Unaussprechlichen
anschaut! Nun zum erstenmale sieht - Den - dessen Bildnis er ahnte; Alle
Formen der Schönheit erforscht und keine Ihm gleich fand. Nun Ihn sieht, das Urbild der Menschheit in
himmlischer Würde!
Dies zu schauen ist
Wonne der Engel. Ach, sehet Elgamar! Seht, wie er eilt, der Engel der
Ernte, der Engel des Todes! Wie er so ruhig dasitzt auf der Wolke, die Sichel
im Schoße! Kommt! Ihr seht, wie er eilt, um Lavaters Leiden zu enden.
Elgamar.
Wonne der Seligkeit
Euch, ihr Brüder! Ihr sollt mich begleiten; Das ist ein Fest, wie's wenige gab,
seit Christus erhöhet ist. Wenige hab' ich vom Kampfe entlastet, die Lavater
gleich sind. Selbst der Erhabenste freut sich des Anblicks, wenn Lavater
Ihn sieht.
Lächelnd sprach er vom
Throne herab: jetzt eile, Elgamar, Mir dies Kleinod meiner Erlösung zu
holen! Ich jauchzte!
Setzt euch hierher auf
die Wolk', uns tragen des Morgenrots Flügel,
Schnell am Sonnenweg
rechts hinab zur sündigen Erde.
Elnathan.
Wie's dort dämmert im
Land der Erlösung, der Hauch des Verderbens
D r i t t e S z e
n e.
Elnathan,
Schirijah, Eldad, Elgamar und Lavater
am
Sterbebette.
Schirijah.
Gott! Der Seligkeit
Wonne trübt sich beim Anblick des Jammers!
Elnathan.
Stimme die Harfe nicht
zu laut, du Lieber! Der Ratschluß des Höchsten
Will durchaus, daß kein
Laut vor dem Schauen den Glauben erhöhe.
Eldad.
Eil' Elgamar - mir
schauert! -
Elgamar.
(indem er die Sichel
schwingt.) Staub werde Lavaters Hülle! Sieger, empor!
Lavater.
Ich sterbe, Vater! Herr
Jesus! Ich sterbe!
Elgamar.
Schirijah,
donn're die Saiten hinab, daß die schmachtende Seele schnell sich
ermanne und schleunig vom Taumel des Todes erwad1e!
Schirijah.
(singt in die Harfe.)
Wach auf aus deinem Schlummer, Du müde Seele, du,
Entlaste dich vom
Kummer,
Eil deinem Eden zu!
Dein Glaube wird
gekrönet, Erhört ist nun dein Flehn, Den, welcher dich versöhnet, Sollst du nun
endlich sehn!
Lavater.
Gott! - Hallelujah! - Wo
bin ich? Wie ist mir? Herr Jesus wer seid ihr?
Steigt denn dein ganzer
Himmel voll Wonne von Sternen hernieder?
Sei uns willkommen, du
himmlischer Bruder! Jerusalems Bürger Sind wir - gekommen, dich
heimzuholen im hohen Triumphe.
Lavater.
Jesus
Christus! - So hast du denn endlich mein Flehen erhöret! Nun
so krön' auch das eine Vertrauen! - Du weißt, was mich drückte!
Eldad.
Gruß an dich, vom
erhabenen Throne, auch das ist erhöret!
Lavater.
Sonne bin ich geworden!
- Ich strahle! - Ihr himmlischen Brüder!
Was bin ich geworden,
das ahnet kein Mensch! Ach! dürft ihr Lieben,
Dürft ihr nicht Ruhe
hauchen zum Kreise der lieben Verlass'nen!
Elgamar.
Nur noch ein wenig
geharrt, so werden die Tafeln der Vorsicht Dich über alles belehren, und dann
erst fühlst du dich selig.
Schirijah.
Lavater!
Kennst du mich nicht! - Du Kenner der menschlichen Bildung!
Lavater.
Felix
Heß! - Allmächtiger Gott! - Ich erbebe vor Wonne!
Eldad.
Lavater!
- Bruder!
Pfenninger! Du! Hier vergeht mir die Sprache!
Elnathan.
Israel nennt
dich die Sprache der Himmel. - Du strahlst ja vor Wonne,
Wie noch keiner
strahlte; du jauchzest vor Freude, und steigest Hoch im Jubel empor, und
sinkest, du steigest und sinkest Gleich dem erhabensten Seraph, der schon
Jahrtausende feiert. Lavater Israel! Sieh! Dort sinkt der Wagen des
Siegers! Seitwärts nah am Orion hernieder, - nun segne die Erde,
Segne Helvetien! -
Segne dein Haus und die Liebenden alle! Nicht gar lang ist's hin, so kommst du
im glänzenden Zuge Wieder hieher, dem vielgekrönten König zur Seite.
Lavater.
Segen dir, bedrängtes Helvetien!
- Jammer und Elend Lastet schrecklich auf dir. - Jehova erbarme sich
deiner!
Führ aus dem Kampfe zum
Sieg die Kämpfer, Du Sieger Jehova! Glaubendes Dulden ist Siegen; dies
lehre sie, göttlicher Dulder! Jesus Christus! - Meine Geliebten! Die
Gattin! Die Kinder! Alle die Freunde! O segne, erquicke, beselige Alle!
Ströme den Geist der
Ruhe, des Trostes in alle Geliebten!
Alle, die mich beweinen,
durchsäusle Dein ewiger Friede! Aber dir, du Land der Erlösung, des Fluchs und
der Gnade, Stern der göttlichen Wunder! - Planet der Erbarmungen Gottes!
Dämmernd rollest du
jetzt dahin im Pesthauch des Abgrunds; Aber nah' ist der Tag, an welchem der
strahlende Morgen Christum mit himmlischen Scharen im Siegsgewande dir
zuführt!
Dann entschwindet der
Pesthauch, du schwimmst dann im ruhigen Äther,
Gleich dem Vollmond im
Mai, wenn ihn der Morgenstern grüßet.
All' ihr Erlösten des
Herrn, wo ihr im Dunkel zerstreut seid, Kämpft durch Dulden, und glaubt ohne
Schauen und siegt nur durch Liebe.
Segen auf euch vom
Herrn! Lebt wohl, ihr Erlöste Jehovas!
V i e r t e S z e n e.
Alle
die Vorigen, Chöre, Stephanus; gegen das Ende der Herr.
Schirijah.
Sieh', der Triumphwagen
kreist um dich her, erheb' dich und steige
Hoch zu den ewigen Höhen
empor, zu Jerusalems Toren. Siehe den Seraph! - Er bringt dir die Krone der
Sieger, den Palmzweig
Nimm ihn in die Hand!
Wir vier begleiten dich bis zu dem Throne.
Eldad.
Seht, wir fliegen empor
mit Schnelle des Blitzes; von Ferne Strahlt schon der ewige Morgen vom heiligen
Berge hernieder. Siehst du, Bruder! Die Perlentore Jerusalems schimmern?
Lavater.
Lehret mich erst die
Sprache für unaussprechliche Dinge,
Dann will ich preisen
den Herrn, in ewigem Jubel ihm danken! Wär' ich noch sterblich, mein Wesen
ertrüg' nicht der Seligkeit Fülle.
Himmlische Brüder! O
lehrt mich, den Neugeborenen, das Leben Himmlischer Wesen erst kennen! - Mein
Gott, ich bebe vor Wonne!
Elnathan.
Schirijah
sieh'! Die Palmenträger Jerusalems kommen Uns entgegen, die Harfe
zur Hand, sie töne im Jubel!
Seht, unabsehbare Reihen
umkreisen den Wagen, sie jauchzen.
Schirijah.
Bürger Salems! Triumph!
- Jehova siegt Halleluja!
Chor.
Preis, Anbetung Dir, Du
Heiligster! Jesus Jeuova!
Schirijah.
Bürger Salems! Begrüßt
den Bruder, He1vetiens Kämpfer.
Chor.
Heil Dir! - Sei uns
willkommen, Geliebter! Wir freuten uns längst schon
Hoch des Glaubens in
dir, der Geduld und der Liebe zu Jesus! Freuten uns deiner Tätigkeit
hoch, du Blutzeug Jehova's!
Wir erfuhren schon
längst dein unaufhörliches Sehnen, Christum zu sehen - und Ihm, dem Erhabenen
ins Antlitz zu schauen.
Jauchze, Bruder! Du
wirst Ihn sehen, das Urbild der Schönheit! Aller Wesen erhabenstes Muster - die
ewige Liebe, Göttlich-menschlich gebildet, an Lieb' und Huld unaussprechlich.
Lavater.
Nichts bin ich! - Ein
Sünder! Verklärte Jerusalems Bürger!
Ach, nicht wert, dem
Geringsten unter euch die Füße zu küssen, Tagelöhner nur, Jerusalems goldener
Straßen
Hüter, - der Perlentore
Jerusalems Wächter nur sei ich, Dann schon zerfließ ich in Wonne des Lebens!
o horcht, wie es tönet!
Elnathan.
Lobet den Herrn! Die
Triumphposaune donnert vom hohen Zion herab, ins Unendliche hin. Die
himmlischen Kreise Sollen den Siegestag begehen; der erste Blutzeug'
Stephanus
harrt auf der Zinne - den späteren Bruder dem
Herrn selbst
Vorzustellen am Thron.
Die Posaune schallt nur dem Blutzeug'.
Lavater.
Himmlische Brüder!
Erflehet mir Kraft, ich versinke vor Ehrfurcht!
Beben und heiliger
Schauer durchdringt mein innerstes Wesen.
Eldad.
Seht, Myriaden erfüllen
die goldenen Gassen, sie feiern Lavaters Sieg!
Lavater.
Der Herr hat gesiegt!
Ein Nichts kann nicht siegen!
Chor.
Ja, der Herr hat
gesiegt, und Ihm allein Halleluja!
Aber der Kämpfer im
Staub' siegt auch durch Ihn, Halleluja! Selig bist du, Überwinder im Staub',
durch Lieben und Dulden, Glauben und Hoffen und Leiden und
Sterben! Triumph!
Halleluja!
Elnathan.
Seht, es senkt sich vom
hohen Zion die goldene Wolke Strahlend hernieder, und Stephanus mit ihr,
- fasse dich, Bruder!
Stärke dich, nun ist sie
da, die Stunde des seligen Schauens!
Stephanus.
Herrlicher Sieger! O laß
dich umarmen und brüderlich küssen! Sei mir willkommen, mein Bruder! Am Fuße
des heiligen Berges. Sieh nun, wie selig es ist, der ewigen Liebe zu trauen,
Wenige Jahre des
Kampfes, des dunklen Glaubens, was sind sie? Ängstliche Träume, aus denen man
aufwacht zu ewiger Wonne; Komme zum längst ersehnten Ziele, zu schauen den
Herrn selbst.
Stephanus.
Brüder! Hieher auf die
Wolke und schwingt euch empor zu den Zinnen
Zions! Siehest
du, Bruder, die Glorie über dem Throne? Siehst du ihn strahlen, den Urthron
des Herrschers der Welten?
Der Schöpfung
Urquell, den Sitz der
göttlichen Menschheit des Jesus Jehova.
Lavater.
Jesus Christus! Du
ewiges Leben! Mein Herr und mein Gott!
Du!
Der
Herr.
Komm,
mein Freund, an die Brust! In die Arme der ewigen Liebe!
Lavater.
Gott! Ich bin ihrer nicht wert! Wie faß' ich die Meere des
Lebens? -
Kann ein Vögelchen denn die Fluten des Ozeans trinken,
Oder der Hirtenknabe, wie denkt er den Ratschlag des
Staatsmannes?
Aber ich spüre die Kraft, den Ausfluß der Nähe des Herrn
schon; Werde mutiger, stärker, der Seligkeit Fülle zu tragen,
Welten fang' ich an im Begriff zu umfassen, ich denke
Klar - mein Geist wird erweitert, ich fasse auf einmal die
Höhe,
Tiefe und Weite der Dinge, ich trinke Ströme des Lebens
Flutenweis ein - mein Dasein erwächst zur Größe des Engels.
Leser und Freunde verzeiht! Hier sinkt meine Seele in Ohnmacht.
Weiter schwingt sich mein Geist nicht empor, die Flügel
ermatten,
Noch zu sehr mit Staub belastet, es kämpfet die Seele,
Will empor sich ringen, und kann nicht, sie macht nur
Versuche; Gleich dem Vöglein im Nest, wenn eben die Federn erreifen. Geist der
ewigen Liebe! Befrei uns von dem, was die Seele
Noch an's Irdische fesselt, damit wir dereinst im Erwachen,
So wie Lavater hier, in einem Fluge bei Ihm sind.
Ihm, der war, und ist, und sein wird, Ihm
Halleluja! -
Anmerkungen
zu Lavaters Verklärung.
Schirijah. heißt: Gott ist mein Lied.
Elnathan, Gott hat gegeben.
Eldad, Gott lieb.
Elgamar, Gott hat vollendet.
Israel, Kämpfer Gottes.
Stephanus, Sieges-Krone. Der erste Blutzeuge für
die Wahrheit Jesu.
In dem Gedichte selbst
kommen einige Stellen vor, die wenigstens für den einen oder den anderen einer
Erklärung bedürfen.
Schirijah sagt in seinem
ersten Gespräch mit Elnathan: .Der Vollmond sei - über den Jura
hinweggeeilt." Der Jura ist ein Gebirge an der westlichen und
nordwestlichen Grenze der Schweiz, über welches also Sonne und Mond. wenigstens
dann, wann sie diesseits dem Äquator sind, untergehen. Dann führt er auch
Lavaters denkwürdige Äußerung an, die dieser verklärte Jünger der Wahrheit
wirklich gesagt hat, nämlich: "Ich will meinen Mörder in allen Himmeln und
in allen Höllen aufsuchen, und ihm danken für diese Leiden, die er mir
verursacht." Ist dies etwa auch Schwämlerei? Nun so ist mir diese
himmlische Schwärmerei viel tausendmal lieber, als alle Philosophie der Welt.
Auch die Worte, die ich
hier im Gedichte Lavatern in den Mund lege:
"Vater, ich sterbe! -
Herr Jesus, ich sterbe!" hat er wirklich gesagt.
Felix Hess, den Lavater in
Schirijah entdeckt, war ein junger Züricher Theologe, mit dem der Verklärte in
früheren Zeiten in vertrauter Freundschaft lebte; er starb in den besten
Jahren. Viel Schönes und Erbauliches findet man von ihm in Lavaters Tagebuch.
Pfenninger, der hier Eldad
heißt, ist bekannt durch mehrere vortreffliche Schriften; z. B. das christliche
Magazin mit seinen Sammlungen; der Kirchenbote; die Familie von Oberau oder
Eden, u. a. m. Er war ein vortrefflicher Mann, Lavaters vertrauter Freund,. und
so wie er, Pfarrer in Zürich. Er wurde vor mehreren Jahren zur Oberwelt
abgerufen.
Wenn ich Lavatem unter die Blutzeugen zähle, so getraue ich mir
das vor dem Throne Gottes zu verteidigen; denn er starb wirklich nach fünfzehnmonatigen
unerhörten Schmerzen und Martern, die ihm seine Schußwunden verursachten, an
den Folgen dieser Wunden; und diesen Schuß bekam er von einem Soldaten, nicht
aus Übereilung, nicht im Getümmel, nicht im Zank mit diesem Soldaten - mit
einem Worte, nicht aus einer mutwilligen Veranlassung, sondern aus einer
Ursache, die der Herr weiß, und die ihn zum Blutzeugen macht. Die ganze
Geschichte erzählt er selbst in seinen Briefen über das Deportationswesen. -
Man lese - urteile - lege die Hand auf den Mund und schweige!