Max Seltmann
Erlebte
geistige Welt
Von Max Seltmann verfaßter bisher unveröffentlichter
Text. Aufgrund einer medialen Intervention des Autors nach seinem irdischen Tod
von Gertrud Emde inspirativ überarbeitet.
1998 Copyright @ by G. Emde Verlag Verlagsanschrift:
Seeoner Straße 17, Oberbrunn, D-83132 Pittenhart
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder
Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des
Verlags. Druck und Verarbeitung: Fritz Steinmeier, Nördlingen
Printed in Germany
Vorwort
Meine
Kindheit.....................................................................
15
Erste Kontakte mit der Geisterwelt........................................ 16
Vater wird
bekehrt................................................................ 16
Die .medialen Fähigkeiten meiner Mutter............................... 17
Mutters Reise ins
Jenseits...................................................... 19
In der
Fremde...................................................................... 21
Leeres
Leben....................................................................... 22
Mutters
Beerdigung.............................................................. 23
Die Stimme...............................................
;.......................... 24
Meine
Heilung......................................................................
25
Engelvisionen.........................................................................
27
Geistige
Heilung..................................................................... 28
Mein erstes großes Erlebnis...................................................
29
Ich wurde selbst ein Medium................................................. 31
Bei den
Methodisten.............................................................. 33
Der Dienst an meinen Geschwistern....................................... 34
Kämpfe mit den Wesenheiten................................................ 35
Liebe für die Verirrten
37
Hilfe für einen
Toten.............................................................. 38
Verbot und Flucht..............
:.................................................. 39
Erlebnisse mit einem Satan.....................................................
41
Hilfe für Freunde und Unbekannte
Visionen vom Krieg.................................................... 43
„Einsame“ Weihnachten............................................... 44
Unfälle und Todesfälle................................................. 47
Hilfe von Otto Hillig.................................................... 49
Ein Mädchen findet den Heiland.................................. 49
Ein neuer Freund......................................................... 52
Rettung zweier Verzweifelter....................................... 55
Freunde auf Erden und im Himmel............................... 59
Erlebnisse mit Fürchtegott
Begegnung in den
Bergen..................................................... 65
Auf dem Ödhof....................................................................
68
Fürchtegotts
Beichte............................................................. 70
Abschied vom Ödhof...........................................................
73
In der Geistkapelle...............................................................
75
Bei Fürchtegott im geistigen Reich......................................... 79
Weitere Begegnungen hüben und drüben
Begegnung mit
Weisheitsgeistern........................................... 81
Schauungen im Krankenhaus................................................ 86
„Traum“-Erlebnisse..............................................................
89
Ein Freund geht heim............................................................
95
Nachwort.......................................................................................
9
Vorwort
Können Sie sich vorstellen liebe Leser, wie mir zumute
war, als ich hörte, dass ein verstorbener Schriftsteller mich bittet,
seine hinterlassenen Schriften zu überarbeiten und herauszugeben? An einem
Morgen, vor nunmehr etwa 10 Jahren, rief mich ein guter Freund an, um mir
das mitzuteilen.
Den Namen Max Seltmann hatte ich noch nie gehört. Meine
Reaktion war also nicht gerade voller Begeisterung, als ich antwortete: »Ich
bin doch nicht arbeitslos… da könnte ja jeder kommen! Im übrigen habe ich noch
nie eine „Katze im Sack“ gekauft. Bevor ich nicht weiß, wer das überhaupt ist,
bevor ich nicht seine Schriften kenne und bevor ich nicht höre, wie sich dieser
Verstorbene das überhaupt vorstellt, ist bei mir keine Zusage zu erwarten….“
Von unserem Freund, einem seriösen Hochschullehrer, war
dann folgendes zu erfahren: Er habe neulich abends an der Zusammenkunft eines
spiritistischen Kreises teilgenommen, der schon seit 40 Jahren besteht und von
ernsthaften Menschen getragen wird in der Absicht, anderen Mitmenschen in
psychischer Not auch über den Tod hinaus beizustehen. Diesmal sei nun, durch
das Sprechmedium des Kreises erstmalig ein Geistwesen aufgetreten, das sich als
»Max Seltmann» vorgestellt habe. Zwei der Sitzungsteilnehmer begrüßten ihn
begeistert als alten Freund. Die meisten anderen - auch unser Freund - kannten
nicht einmal seinen Namen.
»Seltmann» habe geäußert, so berichtete unser Freund,
dass er schon länger nach einem geeigneten Menschen für diese Aufgabe
suche; der Betreffende müsse selbst eine gewisse mediale Begabung haben und „in
der Schwingung“ zu ihm passen, damit er ihn inspirativ beeinflussen könne.
Diesen Menschen habe er nun in mir gefunden, und er bitte darum, mir sein
Anliegen auszurichten.
Bald darauf kam - ohne Absender - ein altes aber durchaus
lesbares Manuskript zu mir. Von anderer Seite wurde mir mitgeteilt, dass ein
ganzer Stapel unveröffentlichter Schriften bei einem Freund Seltmanns auf mich
warte. Ich solle alles persönlich abholen so hieß es. Nicht genug, ich erhielt
ein Paket mit Broschüren zugeschickt die Seltmann zu seinen Lebzeiten verfaBt
und bereits veröffentlicht hatte. Sie sind im Turm Verlag, Bietigheim,
herausgegeben und noch heute im Buchhandel erhältlich. (Siehe die Auflistung am
Ende des vorliegenden Heftes)
Ich las in den mir zu
gegangenen Schriften - und war begeistert.
Unser Freund hatte
mich wissen lassen, daß ich jederzeit über das ihm bekannte Sprechmedium mit
»Max Seltmann" persönlich in Verbindung treten könne. Natürlich machte ich
von diesem Angebot gern Gebrauch, nahm dazu Zeugen mit und einen
Kassettenrecorder, um das Gespräch festzuha1ten. Die Kassetten mit den
Tonprotokollen des ersten und weiterer Gespräche mit »Seltmann" sind noch
vorhanden und in meinem Besitz.
Hochinteressant war
die Erfahrung, wie »Seltmann» jedesmal schon im voraus meine vorbereiteten,
aber noch gar nicht ausgesprochenen Fragen beantwortete, wie er zukünftige
Situationen voraussah und mich auf Schwierigkeiten hinwies, die im Zusammenhang
mit diesem Vorhaben zu erwarten seien. Schon diese Erlebnisse wären es wert und
spannend genug, zu Papier gebracht zu werden. - Aber kommen wir zu seinem eigentlichen
Anliegen zurück.
Gerade in seiner
Lebensgeschichte beschreibt Max Seltmann, wie sich seine Medialität ausbildete,
was für gute und schlechte Erfahrungen er durchleben mußte, um seine
eigentliche Aufgabe zu erlernen und endlich segensreich für notleidende
Mitmenschen wirken zu können - nicht nur im irdischen Bereich, sondern auch auf
jenseitigen Ebenen.
Jemand bezeichnete
seine Schriften einmal als »geistige Krimis», weil er seine Erlebnisse so
anschaulich und spannend erzählt.. Aber vor allem läßt sich aus seinen
Berichten viel lernen über die im Geistigen geltende Naturgesetzlichkeit. Dabei
äußert er seine Gedanken nie mit erhobenem Zeigefinger - wie wohltuend!
Die geschilderten
Erfahrungen sind erstaunlich und auch für den auf diesem Gebiet bewanderten
Leser aufschlußreich. Wer sich noch nicht mit solchen Erfahrungen befaßt hat,
wird es kaum glauben: wie ein verstorbener Mensch in die irdischen Bereiche
hineinwirken kann, und wie andererseits Seltmann schon zu seinen Lebzeiten im
Geistigen tätig sein konnte. Die Grenzen zwischen Hüben und Drüben verwischen
sich.
Umsomehr ist höchste
Achtsamkeit geboten; auch das hat Seltmann am eigenen Leibe erfahren müssen.
Ohne Orientierung auf die höchste Kraft, ohne die immer wieder erbetene
Verbindung mit seinem geliebten Jesus, hätte er sich verloren gegeben.
Ich möchte hier
einfügen: Seltmann kam in einer schwierigen Lebensphase mit dem umfangreichen
Werk Jakob Lorbers in Berührung, der sicher bedeutendsten medialen Niederschrift
seiner Zeit. So nimmt es nicht wunder, daß seine Gott-Vater-Jesus-Vorstellungen
dadurch geprägt wurden und dies in seinen Redewendungen zum Ausdruck kommt. Es
gab und gibt auch andere Glaubenslehren und Sprechweisen. Der Leser sollte
diesen Einzelheiten nicht zuviel Gewicht beilegen, sondern vor allem an den
Erlebnissen teilnehmen, die ihm das Hier und das Danach lebendig nahe bringen
können.
In diesem Sinne ist
es sicher vorrangige Absicht von Seltmann, auf Grund seiner Erkenntnisse und
Erfahrungen die Sinnhaftigkeit der Erdenexistenz aufzuzeigen, die Einsicht zu
verbreiten, daß der Mensch ein geistiges Wesen ist, das vorübergehend in einen
physischen Körper eingekleidet ist, um sich in einem Erdenschicksal zu
bewähren, eigene Erfahrungen zu sammeln und somit weiterzureifen.
Angesichts dieser
Schilderungen - wie auch aus einer vielfältigen weiteren Literatur - verstehen
wir die nahtlose Fortsetzung des Lebens nach dem irdischen Tod viel besser. Es
scheint eben nicht so zu sein, wie wir es oft auf Beerdigungen hören:
"Herr, laß sie ruhen in Frieden. Gib ihnen die ewige Ruhe." Oder, wie
ich bei einer theologisch-psychologischen Tagung von evangelischen Pfarrern
hörte: "Nach dem Tode sind wir in einem Augenblick verwandelt und stehen
vor dem Angesicht Gottes. In diesem Licht des gnädigen Gottes schmelzen unsere
Unvollkommenheiten und Sünden dahin.»
Brauchen wir
tatsächlich unser Leben lang nur "Däumchen zu drehen“, können also unsere
Zeit mit sinnlosem und sinnwidrigem Tand vertrödeln, weil ja Jesus vor 2000
Jahren für alle unsere heutigen und zukünftigen Dummheiten oder
Schlechtigkeiten gestorben ist? Warum sollten wir da noch etwas für unsere
innere Entwicklung tun, wenn Gottes Gnade wie ein Schwamm über alle unsere
Sünden hinwegwischen wird?
Oft wird auch von
theologischer Seite betont, der Mensch sei als unauflösbare Einheit von Leib
und Seele zu verstehen, darum müsse die sogenannte "Ganztodtheorie"
ernst genommen werden, die beim Sterben des Körpers auch mit einem Verlöschen
von Seele und Geist rechnet.
Demnach könnte man
dann nur auf eine Auferstehung am Jüngsten Tage hoffen (wer glaubt heute
wirklich noch daran?) - oder auf ein Weiterleben in unseren Kindern, als
Erinnerung oder Erbgut,….Ist das nicht deprimierend - trostlos?
Wo ist da
noch ein höherer Sinn unseres Lebens zu verstehen? Ist es nicht traurig, wie
wenig überzeugende Hilfen dem heutigen Menschen von autorisierter Seite für
eine sinnvolle Lebensgestaltmg gegeben werden, obgleich so viele
anderslautende Erfahrungen vorliegen? Aber. "Nur ja nicht an den
'Geheimnissen' des traditionellen Glaubens rühren!"
Max Seltmann hat sich
von diesen Verengungen frei gemacht Er schildert seine Sichten, seine
Erlebnisse im Hier und Drüben so, daß wir voll Ehrfurcht die Liebe und Weisheit
Gottes in allem Geschehen spüren können, - und auch seine Gerechtigkeit. Nichts
Wesentliches geschieht absichtslos oder zufällig. Zwanglos werden wir zu einem
besseren Verständnis über den Sinn unseres Daseins geführt. Dabei erkemen wir
all die Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, die uns die übliche Erziehung
häufig vermittelt hat. In unserer Verantwortung liegt es nun, ob wir seine
Erfahrungen
und Einsichten annehmen und in den Alltag mit seinen Aufgaben hineinnehmen
wollen.
Sicher hat
das Konsequenzen. Am Anfang steht das Erkennen, das bessere Verstehen, dann
folgt das Bemühen zu neuer Weichenstellung im eigenen Leben. Ausreden zählen im
anderen Leben nicht, Faulheit ist auch dort nicht gefragt. Aus meiner eigenen
Erfahrung möchte ich heute sagen: Bereits das Bemühen bewirkt, daß mehr und
mehr Hände sich hilfreich zeigen, sichtbare und unsichtbare, die vielerlei
Ängste schwinden lassen; die Geborgenheit nimmt zu, das Vertrauen zu unserem
lebendigen, auferstandenen Christus, unserem Bruder. und zu all seinen und
unseren lichten Begleitern wächst; wir können erfahren, daß wir schon hier im
Team mit ihnen tätig sein können und nie mehr wirklich allein sind: am Tag,
bei Nacht. in jeder Lebenssituation, im Hier und dann auch im
"Danach". Ist das nicht großartig?
Gewiß, das
Leben hat nicht nur Höhepunkte - auch Seltmann erzählt ja von seinen schweren
Krisen -, aber die Tiefpunkte des Lebens lassen sich doch besser durchstehen,
wem man in allem eine liebevolle, höhere Weisheit am Werke sieht. Eine Bemerkung
'zum richtigen Verständnis der Seltmannschen sehr konkreten, bildreichen
Schilderungen. scheint mir noch angebracht: Was
Seltmann über die
Zustände in "jenseitigen" Bereichen erlebt und be schreibt, sind
Einblicke in ganz erdnahe Ebenen der geistigen Welt Die Verhältnisse sind dort
in vieler Hinsicht sehr ähnlich den irdischen Lebensbedingungen. Damm glauben
auch so viele der dort weilenden Verstorbenen gar nicht, daß sie ihr irdisches
Leben hinter sich haben, sondern halten sich noch für lebende Menschen. Mit
diesem Gedanken muß man sich unbedingt vertraut machen. Die höheren
feinstofflichen Sphären gibt es auch, denn die Entwicklung geht
selbstverständlich weiter und
weiter; aber von
denen können wir uns als Menschen keine angemessene Vorstellung bilden.
Befassen wir uns also erst einmal mit den Zuständen, in die auch wir dereinst
als erstes hineinkommen. Auch ein Kind fängt mit "1+1" an, nicht mit
Algebra und Wurzelziehen.
Und noch etwas:
Seltmann erlebt und beschreibt aus seiner Zeitsituation heraus. Es ist der
zweite Weltkrieg sowie die Zeit davor und danach. Aber sehen wir uns um: Auch
jetzt war soeben noch Krieg im Nachbarland. Ist nicht vieles heute noch wie
gestern und vorgestern? Und die göttlichen Gesetzmäßigkeiten sind immer die
gleichen. Gewiß hat sich einiges auch zum Besseren gewandelt,
z. B. ist die
Intoleranz zwischen den verschiedenen Konfessionen in den letzten Jahrzehnten
einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl gewichen. Seltmann legt den Finger
auf Wunden. Er zeigt schonungslos auf, zu welch unchristlichem Gebahren die
religiöse Intoleranz führt, namentlich wenn sie auch noch von den
Amtsvertretern der Kirche geschürt wird. Heute könnte man versucht sein, aus
diesen Berichten Seltmanns (besonders im Kapitel über "Fürchtegott")
gar eine "Kirchenfeindlichkeit" herauszulesen.
Das wäre aber
ein völliges Mißverständnis. Seltmann geht es nicht um ein Niederreißen des
kirchlichen Lebens, sondern um eine Reinigung, um eine Erneuerung, um ein
Ausmerzen von Amtsmißbrauch. Seine Kritik setzt dort ein, wo das hohe ethische
Anliegen Jesu entstellt vermittelt wird, so als ob es auf die formelle
Einhaltung von äußeren Gebräuchen und Vorschriften der Kirche ankäme, um das
Heil zu erlangen. Er betont, daß es stattdessen vor allem auf die tätige
Nächstenliebe, auf die Nachfolge Jesu im täglichen Leben ankomme. Ist das nicht
wirklich die wichtigste Aufgabe jeder glaubwürdigen christlichen Kirche, die
Menschen immer wieder zu einer gottwohlgefälligen, nämlich ethisch verantwortungsbewußten
und sinnerfüllten Lebensführung zu bestärken - ohne Zwang und ohne Drohungen
oder gar Erpressungen, sondern durch Stärkung des Gewissens, der Verbindung
mit dem "Christus in uns"?
Zugegeben, ein
Geschehen, wie es in jenem Kapitel geschildert wird aus einer Zeit vor 60
Jahren, ist heute so kaum noch vorstellbar. Inzwischen hat es das 11.
Vatikanische Konzil gegeben, dadurch wurden neue Akzente gesetzt, wenn auch in
der Folgezeit nicht immer so umgesetzt, wie es notwendig wäre. Heute schieben
sich neue Chancen und Versuchungen für die kirchliche Seelsorge in den
Vordergrund: Die ganze Menschheit gerät zunehmend in eine mehrfache Bedrohung
ihrer Lebensgrundlagen, weil die prägenden Kräfte unserer Gesellschaft in
unverantwortlicher Weise das zukünftige Wohl von Menschen und Natur mißachten.
Hier lägen entscheidend wichtige Aufgaben von religiösen Organisationen: die
Menschen spirituell vorzubereiten zur Bewältigung der sich anbahnenden
Menschheitskrisen, damit sie sich nicht in Katastrophen entladen, sondern
möglichst in Frieden und in Gerechtigkeit für alle Menschen überwunden werden.
Dazu ist es belanglos, wie sich ein Mensch das Wesen Gottes vorstellt, welche
Dogmen er im einzelnen vertritt, wohin er seine Kirchensteuer entrichtet. Was
zählt ist, ob er sich mitverantwortlich fühlt für das Wohlergehen aller
Menschen und der Natur und daß er sich bemüht, im Sinne dieser Verantwortung zu
wirken. Heute ist es an der Zeit, die Intoleranz zwischen den ethisch orientierten
Religionen der Menschheit abzubauen und gemeinsam in Liebe für eine gute
Zukunft zu wirken. Möge uns Seltmanns kritische Erinnerung an vergangene
Mißstände zur Überwindung unserer gegenwärtiger Mißstände ermutigen.
Soviel zum Grundsätzlichen des Inhalts. Was war nun von
mir in der Zusammenarbeit mit Seltmann zu erbringen? .Manches wollte klarer
formuliert sein, alte Redewendungen sollten abgeändert werden. Der Text wurde
in Kapitel und Absätze untergliedert, Überschriften eingefügt, auch der
Buchtitel mußte festgelegt werden. Aber bei all dem wurde der Inhalt selbst
nicht geändert, auch die Reihenfolge der einzelnen Berichte wurde beibehalten.
Es sind also immer noch Seltmanns Erlebnisse, aus seiner Sicht von ihm selbst
in seiner packenden Art erzählt.
Der hiermit
vorgelegte Lebensbericht ist nur einer aus einer ganzen Reihe von
hinterlassenen Texten; weitere Hefte von Seltmann sind in Vorbereitung.
Spätestens nach dem zweiten oder dritten Band werden Sie alles verstehen, was
in diesem Vorwort nur angedeutet werden konnte.
Einer dieser weiteren
Texte steht in besonderer Beziehung zu dem Kapitel "Erlebnisse mit
Fürchtegott" des vorliegenden Bandes. Seltmann hat die hier berichteten
Erlebnisse wesentlich
ausführlicher noch
einmal in Form eines Romans geschildert. Seine eigene Person tritt dabei unter
dem Namen "Arno" auf, wie auch der Titel des Buches lautet. Die Erzählung
"Arno" stellt also eine wesentliche Ergänzung zu diesem Teil der
Lebensbeschreibung dar. Sie wird dann ebenfalls in der Schriftenreihe DONATA
erscheinen.
Für den Fall, daß Sie
mit einigen Stellen dieses Buches Schwierigkeiten haben, sei noch gesagt:
Lassen Sie es auf sich beruhen, was Ihnen nicht zusagt oder Ihnen zu
unglaublich erscheint. Machen Sie sich nur das zu eigen, wovon sie wirklich
überzeugt werden-; das andere mag warten, bis neue Erfahrungen ein besseres
Urteil ermöglichen. Wir sind immer unterwegs, im Wandel. . . .
Viel Freude also, -
nein, viel Aufmerksamkeit beim Lesen, viel Nachsinnen, viel Kraft zur
Befreiung von überkommenen Vorurteilen, manchmal auch Verständnis für das, was
zwischen den Zeilen steht, und viel geistigen Gewinn, damit Seltmanns
Schauunngen fruchtbar werden - auch für Ihr Leben, für unsere Welt, - das
wünscht Ihnen
Gertrud Emde
Oberbrunn, im Februar
1998
Im Elternhaus
Meine Kindheit
Ich stamme aus einer Bergarbeiterfamilie und war der
Älteste von sechs Geschwistern. Wir wohnten damals in Planitz. Meine Erinnerung
geht bis zu meinem zehnten Lebensjahr zurück, und alles ist wie eingebrannt in
meiner Seele.
Mit zehn Jahren sah ich zum ersten Mal einen Betrunkenen,
wie er von einem Karren herab in einen Pferdestall abgeladen wurde, um dort seinen
Rausch auszuschlafen. Bei genauem Hinsehen erkannte ich in dem Betrunkenen
meinen Vater. Bei diesem Anblick gelobte ich mir, mich niemals zu betrinken.
Dieses Gelöbnis habe ich bis heute gehalten. So danke ich meinem Vater, dass
er mich dadurch vor der Trunksucht bewahrt hat.
Ich ging gerne zur Schule und lernte leicht; dennoch war
es eine harte Kindheit. Meine Geschwister und ich mussten Heimarbeit leisten,
jeder hatte zuerst sein Soll zu erfüllen, bevor wir auf die Straße durften.
Meine Eltern waren sehr gottgläubig und erzogen uns
streng. Bei Ungehorsam bekamen wir keine Schläge, vielmehr gab es hierfür
andere Mittel. Wenn unser Vater pfiff, mussten wir sofort heim laufen, denn
wer zum Tischgebet nicht anwesend war, bekam nichts mehr zu essen.
Eines Tages wurde meine Mutter von einer langwierigen
Krankheit befallen. Sie litt fast zwei Jahre an Lungenschwindsucht, wie man
diese Krankheit damals nannte. Eine Heilung galt als unmöglich, und doch wurde
Mutter wieder gesund. Während dieser Zeit musste ich als der Älteste die kranke
Mutter im Haushalt vertreten: Kindermädchen spielen, kochen, einkaufen, - überhaupt
alles, was sie mir auftrug, waren meine Arbeiten. So lernte ich ausgezeichnet
kochen, backen und scheuern und ersetzte bereits als Dreizehnjähriger die
kranke Mutter im Haushalt.
Vater arbeitete im Bergwerk. Es war alles in allem eine
harte Zeit für mich, da ich trotz dieser Belastung keinen Schulunterricht
versäumte.
Erste Kontakte mit der Geisterwelt
Zwei Ärzte bemühten sich um meine Mutter, und als sie
eines Tages wieder bei ihr waren, hatte ich mein erstes Erlebnis mit der
Geisterwelt.
Während der Behandlung fing Mutter plötzlich an, mit
einer völlig fremden Stimme zu sprechen, in fließendem Hochdeutsch, so dass die
Ärzte aus dem Staunen nicht herauskamen. Sie gab in dieser uns fremden Stimme
den Ärzten Anweisung, sie anders zu behandeln als bisher. Die Ärzte waren
darüber nicht erfreut, und es gab eine lebhafte Auseinandersetzung. Danach
änderten sie jedoch ihre Behandlungsweise und Mutter wurde gesund.
Und noch etwas Neues begann. Der Zustand, in dem Mutter
in dieser fremden Stimme sprach, wiederholte sich, und so wurde es auch in der
Nachbarschaft bekannt. Einige dieser Nachbarn besuchten bereits kleine Zirkel,
in denen sich Geister zu Wort meldeten. Mir wollte man aufgrund meiner Kindheit
nichts Näheres erzählen, obgleich ich sehr neugierig war und mehr darüber
erfahren wollte.
Endlich konnte ich einmal mit dabei sein, als so ein
„Kreis“ bei uns zu Hause stattfand. Mein Vater war zwar strikt dagegen, und
verbot solche Zusammenkünfte in unserem Haus, doch die Nachbarn hielten sich
nicht daran. Was Gotthold, mein Vater, sagte, übergingen sie einfach, und Lene,
meine Mutter, musste sich eben als Medium zur Verfügung stellen. So bin ich
bereits als Junge mit „Geistern“ in Kontakt gekommen, bin solcherart
„Eingeweihter“ geworden und habe manches dabei erlebt.
Vater war jedoch nicht zu überzeugen. Er schlug die
Mutter, wenn er erfuhr, dass wieder eine „Geisterstunde“ bei uns stattgefunden
hatte und nahm ihr die Kleider weg, damit niemand kommen konnte. Doch immer
wieder fanden die Nachbarn Auswege, um, wie sie sagten, „Stunde“ zu halten.
Dies geschah hauptsächlich dann, wenn Vater Nachtschicht hatte.
Vater wird bekehrt
Eines Abends - es waren wieder einige Nachbarn gekommen,
die auch Kranke mitbrachten -, sprach wieder dieser Geistarzt in seiner fremden
und herrischen Sprache. Er stellte Krankheiten fest und gab Arzneimittel an.
Den Kranken ging es daraufhin besser und sie wurden sogar gesund. Diesen
Tatsachen konnte sich auch mein Vater nicht verschließen. Schließlich nahm er
auch einmal an einer solchen „Stunde“ teil, und hatte dabei selbst ein
außergewöhnliches Erlebnis: Ein Verstorbener, es war der Lehrer Fischer, sprach
zu ihm. Er war Dirigent des Gesangvereins gewesen, dem Vater immer noch
angehörte.
Vor einem halben Jahr war er nach Leipzig versetzt
worden; daher wusste hier niemand etwas von seinem Tod. Fischer schilderte nun,
weiche Qualen er ausgestanden habe, als sein Leichnam verbrannt wurde. Vater
war zwar nicht von der Wahrheit überzeugt; dennoch erzählte er davon in der
nächsten Singstunde.
Da wurde er schön ausgelacht und ein Kamerad forderte ihn
heraus: „Gotthold, und das willst du wirklich glauben?“ Der neue Dirigent aber
meinte: „Kameraden, ich habe seine Adresse, und ich werde ihm einfach
schreiben.“
So geschah es. Nach einigen Tagen war bereits die Antwort
da: Fischer sei vor einiger Zeit verstorben und sein Leichnam eingeäschert
worden. Nun war das Verwundern groß, denn Vater hatte ja von den Qualen
erzählt, die Fischer bei der Verbrennung seines Leichnams erlitten hatte.
Die medialen Fähigkeiten meiner Mutter
„Seltmanns Lene“ wurde nun als Medium mehr und mehr
bekannt.
Zu ihren medialen Fähigkeiten zählten: Heilen, Malen mit
Farbstiften, Sprechen in fremden Zungen sowie das Sehen von Geistern und das
Reden mit ihnen. Vater war mittlerweile bekehrt und sogar ein tüchtiger
Fürsprecher geworden.
Da ereignete sich etwas, das unseren Spiritismus auf eine
völlig neue Stufe heben sollte. „Vater Landbeck“, wie wir ihn nannten, kam und
sprach im Kreis seiner Alten und Getreuen in meinem Elternhaus. Er legte auch
Bücher vor, für deren Druck er Freunde und Spender suchte. Er konnte von vielen
Freunden berichten, die schon gespendet hatten und dafür Bücher erhielten. Hier
lernte ich erstmals die Schriften von Jakob Lorber kennen. In der Folgezeit
verschlang ich sie wie Romane.
Bei meiner Mutter steigerte sich das spirituelle Leben
mehr und. mehr. Es sprachen nicht mehr so viele Abgeschiedene durch sie,
sondern es meldeten sich immer öfter Selige und Engel. So wurde ihr Leben viel
freier, und ihre Gaben wurden vollendeter.
Doch auch ihre Gegnerschaft wurde größer. Nach einer
Anzeige des Pfarrers wurde meine Mutter eines Tages sogar von der Polizei eingesperrt.
Da geschah es, dass die Frau des Pfarrers Runkwitz schwer krank wurde. Kein
Arzt konnte ihr helfen. Wer kam da eines Tages zu Seltmanns Lene? - Die Frau
des Herrn Pfarrer. - Sie sagte, sie habe gehört: „Wem der Arzt nicht mehr
helfen kann, der bekommt Hilfe bei Seltmanns Lene!“, und deshalb sei sie hier.
Sie wurde gesund, und so musste ihr Herr Gemahl anerkennen, dass es sich hier
nicht um Dämonie handelte.
Eines Tages, als Vater zur Schicht war, kamen zwei Herren
und baten meine Mutter, ihnen ein Bild zu malen. Sie richtete sich alles her an
Papier und Stiften sowie ein Messer zum Spitzen. Da es anfing, dunkel zu
werden, wollte ich die Lampe anbrennen. Aber schon wurde ich von einem
Geistwesen zurechtgewiesen: „Laß das sein!“
Da das Malen eines Bildes eine volle Stunde in Anspruch
nahm, wurde es währenddessen so finster, dass man weder die Farben erkennen
konnte, noch das Bild, das gemalt wurde. Dieses Malen war ein fast unglaublicher
Vorgang. Links lagen die Stifte und das Messer; wenn ein Stift einmal verwendet
war, wurde er nach rechts gelegt und kein weiteres Mal gebraucht, denn alle
Stellen von gleicher Farbe wurden in einem Arbeitsgang gemalt. Eine weitere
Eigenart war, dass mit dem letzten Stift in brauner Farbe das Werk mit einem
Vers unterhalb des Bildes beendet wurde. So geschah es auch diesmal.
Die beiden Herren sahen gespannt zu und keiner sagte ein
Wort.
Mutter rollte das Bild zusammen und sagte in einer
tiefen, harten Stimme, indem sie einem der Männer das Bild reichte: „So, nun
walten Sie Ihres Amtes!“
Zu mir aber sprach sie mit sanfter Stimme: „Nun mache
Licht. Amen!“
Was der Geist meinte, als er die beiden Männer
aufforderte, sie sollten ihres Amtes walten, stellte sich gleich heraus. Ich
machte Licht, und die Männer sahen sich das Bild an. Lange schauten sie dann
auf Mutter, bis einer sich endlich gefaßt hatte: „Frau Seltmann, unser Auftrag
war, Sie zu sistieren (zur Polizeiwache zu bringen, um sie zu verhören), doch
das können wir nun nicht mehr tun. Wir würden uns aber freuen, wenn wir Sie
wieder einmal besuchen dürften, wenn auch Ihr Mann zuhause ist.“ Mutter
bejahte. So waren wieder zwei Freunde gewonnen.
Mutters Reise ins Jenseits
Inzwischen war ich 14 Jahre alt geworden und erhielt in
jenem Jahr auch meine Konfirmation. .
Am Karfreitag 1896 geschah ein Ereignis, von dem man in
Planitz noch lange, lange sprechen sollte: Mutter durfte ihre erste Reise ins
Jenseits machen. Vater war unterrichtet, alle Bekannten wussten davon und sogar
einige Ungläubige waren informiert. Schon frühzeitig war Mutter an diesem
Abend hellsichtig und berichtete von Geistwesen, die sie sehe. Auch
übermittelte sie Botschaften von verstorbenen Angehörigen der anwesenden
Personen.
Genau um acht Uhr wurde sie sehr müde und legte sich, wie
ihr geheißen wurde, auf das Sofa. Dort fiel sie in einen tiefen Schlaf. Auf Anweisung
eines Engels paßte mein Vater auf, dass niemand sie berühren konnte. Doch bald war
es kein Schlaf mehr, ihr Arm fiel wie leblos herunter, und sie hörte auf zu
atmen. Auf ihrem Gesicht war deutlich eine gelbe Blässe zu sehen. Wie
angekündigt, dauerte dieser Zustand genau zwei Stunden lang. Dann - ein tiefer
Atemzug, Mutter öffnete die Augen, hob ihren Arm und sagte: „Ich möchte nicht
mehr hierher!“
Sie erhob sich. Alle schauten gespannt auf sie und so
sprach sie: „Geht alle wieder nach Hause, ich bin so müde von der langen Reise,
ihr werdet alles erfahren.“
Dann sah sie ihren Schwager, Gustav Schneider, und redete
ihn an: „Gustav, ich soll dich grüßen von deiner Gusel. Ach, hat die es schön,
sie lebt auf einer Sonne!“
Da erwiderte mein Onkel laut: „Na, nun seht ihr den
Schwindel, meine Schwester lebt ja noch!“
Vater warf ein: „Gustav, das war nicht recht von dir.
Fahre doch die Feiertage einmal zu deiner Schwester und erzähle ihr, was du
hier erlebt hast.“
Onkel Gustav war einverstanden und fuhr nach Sosa, einem
Ort im Erzgebirge, um seine andere Schwester zu besuchen. Als er dort in die
Stube trat, erschrak die Schwester: „Gustav, jetzt fällt mir unser Versäumnis
ein. Unsere Gusel ist schon vor einem halben Jahr gestorben
und wir haben
vergessen, es dir zu schreiben. “Onkel Gustav kam als Bekehrter zurück So habe
ich
mir durch die
vielen, vielen Erlebnisse ein reiches Wissen über die Geisterwelt und über das
Fortleben
nach dem Tode angeeignet wie selten ein junger Mann.
Irrwege und Neubeginn
In der Fremde
Die Strenge im Elternhaus gefiel mir jedoch nicht. Ich
wollte frei sein. So ging ich im Alter von knapp 15 Jahren in die Fremde. Da
ich Tierliebhaber war, wählte ich den Beruf eines Stallschweizers. Ich kam nur
noch ganz selten nach Hause. Trotz meinem Wissen um Gott und das Fortleben nach
dem Tode verlor ich mich an die Welt. Ich fiel immer, tiefer und tiefer und
wurde ein Rohling, wie es wohl selten ist. Der Umgang mit meinen neuen
Kameraden nahm mir alles, was ich an guter Erziehung erhalten hatte.
Nur mein Wissen über Gott und die geistige Welt blieb mir
erhalten. Ich erzählte oft und mancherlei davon, doch ich wurde nur ausgelacht.
Zu nehmen war es mir aber nicht mehr, denn die Erlebnisse mit meiner Mutter
waren unlöschbar in meinem Gedächtnis eingebrannt.
So wurde ich 20 Jahre alt. Durch die gesunde Arbeit, die
Milch und das gute Essen war ich recht kräftig geworden. Da verlor ich mich
völlig an meine sexuellen Begierden. Ich lernte ein Mädchen kennen, meine Hedwig.
Ihr gelang es, mich wieder zu einem anständigen Menschen aufzurichten. Ich
führte sie zu mir nach Hause und so wurde sie zu einem Kind meiner Mutter:
gläubig und vertrauensvoll zu Gott. Wir hatten vor zu heiraten, doch wegen
meiner Einberufung zum Militär mussten wir es vorerst verschieben.
Da starb Hedwig im Januar 1903 an einer Lungenentzündung.
In mir brach eine Welt zusammen. Noch eine Woche vor ihrem Tode hatten wir
einen Urlaub in ihrem Elternhaus verbracht. Dort hatte sie schon immer vom
Sterben gesprochen, und ich musste ihr geloben, im Fall ihres Todes ihre
Schwester Klara zu heiraten. Am 9. Januar 1903 wurde Hedwig beerdigt. Ich habe
sie nie vergessen können.
Leeres Leben
Meinem Versprechen getreu heiratete ich Hedwigs Schwester
Klara. Ihr Wesen war in allem das Gegenteil dessen, was mich mit meiner Hedwig
verbunden hatte. So entwickelte sich dieses Zusammensein von Beginn an zu einer
Fehlehe. Nach außenhin führten wir eine gute Ehe, doch mein Herz blieb leer,
meine Sehnsucht ungestillt.
Ich fing wieder an, mich an die Welt zu verlieren. Beim
Kartenspiel im Wirtshaus suchte ich einen Ausgleich. Das wurde zu einer
richtigen Leidenschaft. Meine Mutter wusste von meinem Zustand und betete viel
für mich, wie sie mir später einmal gestand. So lebte ich innerlich leer und
ziellos dahin bis 1913. Da bekam meine Mutter wieder eine langwierige
Krankheit. Asthma-Anfälle bereiteten ihr viel Leid und Schmerz. Um die
Schmerzen zu lindern, musste sie sitzen und konnte sich dadurch über ein Jahr
lang kaum ins Bett legen. Ich war mittlerweile Eisenbahner geworden. Der
häufige und lange Dienst, vor allem aber meine Spielleidenschaft führten dazu,
dass ich meine kranke Mutter nur selten besuchte. Es drängte mich eines Tages
sehr zu ihr hin. Als ich sie auf ihrem Krankenlager liegen sah und sie zum
Aufstehen keine Kraft mehr hatte, spürte ich deutlich, dass dies wohl das
letzte Mal war, dass wir uns sehen konnten. Ich kniete vor meiner Mutter nieder
und flehte unter Tränen: „Mutter, vergib mir, wenn ich dich gekränkt habe.
Warum hat denn Hedwig kein einziges Mal zu mir gesprochen, ich habe mich so
nach einem Wort von ihr gesehnt?“ Da sagte sie zu mir ganz unerwartet und ganz
in der Sprechweise meiner Hedwig: „Mein Max, du warst mir immer der Liebste!“
Das erschütterte mich so sehr, dass ich ohne ein weiteres Wort fortrannte
und sogar meine Mütze liegen ließ. Als ich einige Tage später vom Dienst
heimkam, sagte meine Frau: An unserer Bratpfanne ist heute ohne Grund der Griff
abgebrochen.“ Da wusste ich: Meine Mutter war gestorben, sie hatte es uns angezeigt.
Und so war es auch. Vater schrieb mir eine Karte und teilte uns die Stunde und
den Tag ihres Begräbnisses mit.
Mutters Beerdigung
Mit meinem Vater und meinen Geschwistern war ich auf der
Beerdigung meiner Mutter. Es war Johannistag. Viele Leute waren gekommen, denn
Mutter war ja bekannt und beliebt. Vom Trauerhaus aus setzte sich der
Leichenzug in Bewegung.
Als wir an der Aufbahrungshalle vorbeizogen, warf ich
einen Blick auf die Stelle, wo Mutter zuvor aufgebahrt gewesen war. Da erschrak
ich ganz gewaltig, denn dort auf dem Sarg, wo vorher noch der Leichnam meiner
Mutter gelegen hatte, sah ich mich liegen. Ich blieb vor Schreck stehen und
behinderte den ganzen Leichenzug. Ich hörte eine laute, aber monotone Stimme:
„Was nun, wenn du jetzt gestorben wärest?“
Ich war derart erschrocken, dass ich nicht mehr wusste,
was ich tun sollte. Ich hätte den ganzen Zug aufgehalten, aber die vielen
Menschen hinter mir drängten. So wurde ich weiter geschoben, und endlich
verging die Vision. - Die Stimme aber blieb!
Mutters Sarg wurde in die Redehalle getragen. Ich konnte
nicht Abschied nehmen, denn die Stimme in mir tönte unaufhörlich. Ich nahm
nichts wahr von dem, was um mich herum geschah, immer hörte ich nur diese
Stimme:
„Wenn du nun gestorben wärest, was dann?“
Wir setzten uns zur Trauerfeier, doch ich hörte kein Wort
von dem, was der Pfarrer sagte, sondern immer wieder nur die Worte: „Was nun,
wenn du hier liegen würdest, was dann?“ Mir war richtig elend zumute, so sehr
erschütterte mich dieses Geschehen.
Dann ging es weiter an das Grab. Für einige Momente hörte
und sah ich nichts mehr. Als aber der Sarg hinuntergelassen wurde, kam es
plötzlich wieder: „Wenn du jetzt hinab gelassen würdest, was dann?“
Ich fühlte mich elend und war dem Zusammenbrechen nah.
Immer und immer wieder hörte ich nur diese Stimme in mir. Auch als der Tag der
Beerdigung längst vorbei war, tönte sie weiter. Ich wollte alles vergessen,
doch die Stimme blieb.
Die Stimme
In allem, was ich bisher erfahren hatte und was ich
weiterhin erlebte, suchte ich eine Antwort auf dieses Geschehen zu finden. Bei
Predigern und alten Bekannten meiner Mutter suchte ich Rat. Es war alles vergeblich,
alle versagten, niemand konnte mir helfen. Sie hatten wohl schöne und gute
Worte für mich, doch die Stimme blieb. So lebte ich wie ein halb Irrer bis zum
Reformationsfest.
Ein Arbeitskamerad sprach mich schließlich an, was mir
denn fehle. Er war Spiritist. Nachdem ich ihm alles erzählt hatte, lud er mich
zu einer „Sitzung“ ein. Ich folgte der Einladung. Ein gewisser Ernst Möckel aus
Stenn sollte als Medium dienen. Als er nicht kam, verbrachten wir den Abend mit
„Tischchen-Rücken“. Da mich das langweilte, bat ich die anderen, mich doch mal
alleine an den Tisch zu lassen. Kaum legte ich vorsichtig meine Hände auf den
Tisch, da bewegte er sich recht heftig. Ich fragte: „Wer bist du?“
Daraufhin klärten mich die anderen auf, dass ich anders
fragen müsse. Der Tisch könne immer nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Einmal
rücken bedeutet „Ja“, zweimal rücken
„Nein“. ‚
Und so fragte ich: „Bist du Hedwig?“ „Nein“, war die
Antwort.
Ich nannte noch andere Namen, doch jedesmal erhielt ich
ein „Nein“ als Antwort.
Erst auf die Frage: „Bist du mein Cousin?“ kam ein „Ja“.
„Du“, schimpfte ich, „bist also der, der mich so peinigt?“ Darauf schwieg der
Tisch. Ich hatte genug erfahren, denn mir ging es ja nur um die Stimme, von der
ich mich befreien wollte. Und so ging ich nach Hause.
Am nächsten Tag hatte ich frei. Ich besuchte Ernst
Möckel, der ja eigentlich als Medium hatte dienen sollen. Dort sprach dann
tatsächlich mein verstorbener Cousin zu mir. Und ich glaubte diesem Geist. Er
forderte mich auf, ich solle am Totensonntag an seinem Grabe ein Alpenveilchen
pflanzen und sieben Vaterunser für ihn beten. Ich versprach es. Aber dennoch
hörte die Stimme nicht auf.
Meine Heilung
Es sollte noch ganz anders kommen. Ich schrieb einem
Freund meiner Mutter, Robert Gutbrecht in Chemnitz, dass ich ihn gerne einmal
besuchen wolle. Ich hätte am Totensonntag in der Nähe von Chemnitz, in
Reichenbrand, etwas zu erledigen, und so ließe sich beides gut miteinander
verbinden.
Ich erhielt Antwort von Gutbrechts mit der Bitte, doch
nicht so lange zu warten, sondern bereits am Reformationsfest mit meiner Frau
zu kommen. Später schickten sie uns sogar noch ein Telegramm. Und so folgten
wir der Einladung.
In Chemnitz wurde ich sehr liebevoll aufgenommen. Und
doch wusste ich, dass es ihnen nur darum ging, den Sohn meiner Mutter zu ehren.
Ich selbst hatte ja durch meinen schlechten lebenswandel kein Ansehen mehr.
Dort fand nun eine „Stunde“ statt und Schwester Martha
Gröner diente als Medium. Zuerst redete ein Geistfreund, dann trat die
Schwester zu mir, und ich wurde behandelt. Ein Inder sprach und sagte mir
alles, was ich auf dem Kerbholz hätte. Ich wurde nicht geschont. Über eines
musste ich mich dabei sehr wundern: Dass ich mir alles so ruhig anhören konnte,
obwohl ich sonst ein jähzorniger Mensch war.
Dann wurde ich von Kopf bis Fuß behandelt. Im Zimmer roch
es nach Teer und Schwefel, außerdem herrschte eine Eiseskälte. Alle rückten von
mir weg. Im Anschluß daran versprach ich mir, nicht mehr zu rauchen, nicht
mehr zu fluchen und das Kartenspielen aufzugeben. Da hörte die Stimme plötzlich
in mir auf und kam nie wieder. Von diesem Zeitpunkt an wurde ich ein neuer
Mensch und bemühte mich um ein besseres leben.
Neue Erfahrungen und Aufgaben
Engelvisionen
Mein Versprechen habe ich bis heute gehalten und seither
weder geraucht, geflucht noch jemals wieder Karten gespielt. Mein Jähzorn
machte einer inneren Ruhe Platz und ich suchte immer mehr, die innere
Verbindung zu Gott wieder herzustellen. Bei Geschwistern meiner Mutter, auch
bei meiner Schwester Kamilla, überall suchte ich Hilfe, um diese innere
Verbindung zu vertiefen und zu festigen.
Immer weiter drang ich vor in diese inneren Tiefen. Ich
betete oft: ,,0 Herr, laß mich nur einmal einen Engel sehen!“
Am 18. August 1914 wurde mir dieser Wunsch erfüllt. Ich
sah plötzlich, wie die Decke auseinander ging und eine weiße Gestalt erschien,
die aus einem weißen Bett eine graue Gestalt herausnahm, um dann wieder durch
die Decke zu entschwinden.
Am nächsten Tag erzählte ich von diesem Traum, von diesem
Phantasiebild, für das ich es hielt. Da schrie meine Schwägerin auf: „Das ist
Franz, mein jüngster Bruder!“ .
Mir war es peinlich, denn ich hielt diese Vision wirklich
nur für ein Ergebnis meiner Phantasie. Vier Wochen später aber kam die
Nachricht, dass Franz am 18. August im Feldlazarett St. Quentin verstorben sei.
Und so hatte ich den Beweis, dass mein Erlebnis nicht bloß Phantasie war. Derartige
Vorgänge wiederholten sich öfter in anderen Variationen.
Noch ein weiteres Erlebnis möchte ich schildern, weil es
mir so lebensnah gezeigt wurde. Ich war bei meiner Schwester in Oelsnitz im
Erzgebirge, wo gerade eine „Stunde“ stattfand. Viele Geistgeschwister waren
anwesend und eine mir unbekannte Frau diente als Medium. Jeder der Gäste sollte
von dem Geist einige Worte erhalten. Und so ging das Medium in der Runde von
einem zum anderen.
Da sah ich, wie vor einer älteren Frau und einem
erwachsenen Mädchen - es waren Mutter und Tochter - ein wunderbares Wesen mit
einer Harfe stand. Ich hörte deutlich das Lied, das es den bei den vorspielte
und sang. Vor mir sah ich auch einen Ritter in seiner Rüstung stehen.
Das Medium wandte sich der Mutter und Tochter zu: „Vor
euch steht ein Jüngling. Er spielt auf seiner goldenen Harfe und singt dazu.“
Sie sang nun mit und ich hörte gen au das gleiche Lied,
das ich vorher schon selbst hören und sehen durfte.
Als ich an der Reihe war, bekam ich die Botschaft: „Vor
dir steht ein Rittersmann in seiner Rüstung und mahnt dich, ja die Treue zu
halten, die du gelobt hast!“ Mir wurde noch mehr aufgetragen, woran ich mich
aber heute nicht mehr erinnern kann.
So wurde ich fester und fester im Glauben; - und doch war
noch nicht daran zu denken, dass ich mein Leben ganz dem Herrn widmen könnte.
Geistige Heilung
Ich verbrachte den Urlaub allein mit meiner kleinen
Tochter Erna wieder bei meiner Schwester Marie in Oelsnitz im Erzgebirge. Wir
gingen spazieren und sammelten Pilze. Erna wurde plötzlich bockig und wollte
unbedingt wieder heim zur Mama. Da sie nicht davon abzubringen war, liefen
wir zurück. Marie kochte uns die gesammelten Pilze, die wir dann auch aßen.
Abends um acht Uhr bekam ich plötzlich heftige Leibschmerzen.
Ich dachte an eine Pilzvergiftung und nahm einige Mittel dagegen ein. Eine
Stunde später waren die Schmerzen wieder verschwunden. Da ich auch am nächsten
Morgen nichts mehr davon spürte, fuhr ich mit Erna schon früh wieder zurück
nach Hause.
Zuhause angekommen, machte ich mich gleich auf die Reise
zu Georg Riehle nach Dresden. Ich kannte ihn schon seit meinem zehnten Lebensjahr,
da er oft zu meiner Mutter gekommen war.
Dort hatten sich abends einige Freunde zur „Stunde“
versammelt.
Während dieser „Stunde“ fingen plötzlich meine
Leibschmerzen wieder an, mich zu plagen in einer Heftigkeit, die nicht zu
schildern ist. Ich hörte kein Wort von all dem Gesprochenen und krümmte mich
wie ein Wurm. Als die Schmerzen nachließen, war es abends neun Uhr geworden.
Ich erzählte niemandem davon.
Am anderen Tag fuhr ich mit dem Zug zurück, stieg aber
bereits in Chemnitz aus, um Gutbrechts zu besuchen. Es herrschte große Freude
über mein Kommen. Abends ging ich dann mit Robert zu
Grönerts, wo wieder eine „Stunde“ stattfinden sollte.
Kaum hatte die „Stunde“ angefangen, überkamen mich wieder
diese Leibschmerzen, viel ärger noch, als ich es bisher erlebt hatte. Ich sehnte
das Ende der „Stunde“ herbei. Da trat der Inder, der mich schon einmal
behandelt hatte, in das Medium ein. Er richtete seine Worte an ein Wesen, das
mich besetzt hatte, und belehrte es. Im selben Augenblick verschwanden die
Schmerzen und ich war gesund. - So erlebte ich die erste „geistige Heilung“.
Der Inder war mein Schutzgeist geworden, und ab diesem
Zeitpunkt trat ich mit ihm in eine innigere Verbindung. Auch heute noch stehe
ich mit ihm in geistigem Kontakt, in brüderlicher Art. Meiner inneren
Entwicklung, sagte er mir, könne er nicht mehr folgen, da in ihm andere
Begriffe lebten als in mir. Auf seine Ratschläge jedoch gebe ich auch heute
noch sehr acht, weil sie hilfreich und gut sind.
In jener Zeit überkam mich wieder ein Drängen und Suchen,
und als Georg Riehle mir noch das Evangelium Jakob Lorbers schenkte, vermehrte
sich mein Eifer auf der Suche nach „Geistig-Göttlichem“. Durch das von Jakob
Lorber empfangene „Evangelium des Apostels Johannes“ wurde ich in neue geistige
Wahrheiten eingeführt. Ich blieb mit Georg Riehle in ständigem Kontakt, bis der
Krieg begann. Dann musste er leider seinen Dienst als Soldat verrichten.
So schloß ich mich mehr an Otto Hillig an. Durch ihn
wurde nun der wahre Grund in mein Herz gelegt, denn Otto Hillig wurde zu einer
„Mutter des Göttlichen“ in mir.
Mein erstes großes Erlebnis
Die Sehnsucht, Jesus immer tiefer zu erkennen und zu
erleben, führte mich auch in andere Kreise. 0 weh, was musste ich oft erleben –
an Wahrem und Falschem! Dadurch wurde ich unsicher und kam in innere Konflikte
mit mir selbst.
In dieser Zeit begegnete ich einem Eisenbahner, Kurt
Münch aus Lichtentanne. Er war hellsehend. Als ich eines Tages bei ihm war,
sagte er zu mir: „Max, deine Mutter ist hier. Sie sieht zumindest so aus.“ Ich
zweifelte, doch nach einigem Hin und Her meinte ich: „Kurt, bitte sie doch, sie
solle mir die letzten Worte sagen, die wir einst miteinander gesprochen haben.“
Und tatsächlich wurden sie mir wörtlich mitgeteilt.
Nun gab es kein Halten mehr. Mein Drängen, in diesem
Geiste zu dienen, schob alles andere in den Hintergrund. Doch wieder kamen mir
Hemmnisse in den Weg. Ohne mir dessen bewußt zu sein, wurde ich oft von
niederen Wesen besetzt. Emil Scheithauer war es, der mich immer wieder von
ihnen befreien konnte.
Ich hatte mit vielen Belastungen zu tun. In mir kamen
Gesichte und Visionen hoch. Ich sah Geistwesen und glaubte immer, es wäre
alles nur Phantasie.
Mein geistiges Innenleben entwickelte sich mehr und mehr,
doch ich erlebte auch Rückschläge. Meine Frau konnte mir und den Offenbarungen
nicht so recht folgen, denn in ihr waren andere Begriffe lebendig. Und da auch
Falsches und Verkehrtes durchkam, wurde ich auch selbst wieder unsicher.
In dieser Zeit hatte ich mein erstes großes Erlebnis:
Ganz unbewußt, ohne jegliches Verlangen, etwas zu
erleben, ging ich eines Morgens zum Dienst. Da die Eisenbahn in diesen
Kriegszeiten unregelmäßig fuhr, musste ich nach Zwickau laufen. Normalerweise
brauchte ich über eine Stunde für den Weg.
Kaum hatte ich den Ort Lichtentanne verlassen, befand ich
mich plötzlich mitten im Kriegsgeschehen. Ein Donnern der Geschütze, ein
Krachen vom Bersten der Granaten, ein Schreien der Kameraden. Dann auf einmal
Totenstille.
Plötzlich stand ein junger Soldat vor mir: Arno
Badstübner aus Lichtentanne. Ich kannte ihn gut, er war noch ein junger Kerl,
gerade 17 Jahre alt. Er kannte mich nicht. Mit einer wurfbereiten Handgranate
stand er neben mir.
Ich redete ihn an: „Kamerad, ich habe keine Waffe bei
mir. Ich weiß ja gar nicht, was eigentlich los ist mit mir. Entweder bin ich
gestorben oder du bist es.“
Da kam er ganz langsam näher und ich forderte ihn auf:
„Leg deine Waffe aus der Hand, denn nun sehe ich, du bist kein lebender Mensch
mehr. Ich erlebe vielmehr die Gnade, deinen Geistleib zu sehen.“
Er wollte mir nicht glauben. Ich musste lange und viel
mit ihm sprechen.
Ein Leutnant kam aus dem Graben, unbewaffnet, und sprach
zu ihm: „Kamerad, der Freund hat recht. Sieh, ich habe auch keine Waffen mehr
in meiner Hand. Der Krieg ist aus für dich.“
Darauf der junge Soldat: „Herr Leutnant, Sie wollen mich
nur prüfen. Wenn ich kein Mensch mehr wäre, hätte ich ja auch keinen Leib mehr.
Ich sehe mich aber noch.“
Der Leutnant erwiderte: „Kamerad, dann suche selbst. Ich
wollte dir nur den Weg ebnen in eine für dich neue Freiheit.“
Das bildliche Erleben war plötzlich vorbei und ich war
mittlerweile fast an meiner Dienststelle angelangt. Also hatte ich eine Stunde
lang ganz woanders gelebt, und war zur gleichen Zeit hier auf Erden als Mensch
zu meiner Arbeitsstätte gelaufen. Ich erzählte niemandem davon, da ich auch so
bereits wegen meiner neuen Lebenseinstellung gehänselt wurde.
Ich werde selbst ein Medium
Es musste meinen Arbeitskameraden natürlich auffallen,
dass ich ein .anderer Mensch geworden war. Ich fluchte nicht mehr, ließ mir
fast alles gefallen und war jedem gerne behilflich. Ja, ich warnte andere sogar
vor den Folgen ihrer eigenen Flucherei.
Für mich war die nun folgende Zeit von großer Bedeutung,
da mein Freund Georg Riehle mit seinem Lazarettzug nach Zwickau kam. Mit ihm
zusammen erlebte ich wahre Herzensfeiertage und -stunden. Damals hungerte ich
nach göttlichen Wahrheiten und sie wurden mir auch geschenkt.
Ich wurde selbst zu einem Geisterseher und drang immer
tiefer in die Lebensweise geistiger Wesen ein. Was hatte ich nicht schon alles
erlebt. Und doch schwieg ich fast immer darüber, denn noch war ich nicht
genügend gefestigt. Durch verschiedene Medien ließ ich mich oft irritieren,
bis ich schließlich selbst auch zu einem Medium wurde.
Manchmal wurde ich das Opfer von Lügen- und
Falschgeistern. Ich erinnere mich an eine merkwürdige „Stunde“ bei den
Geschwistern Dörrer in Weißenbrunn. Es waren da viele Gäste versammelt, alte
und erfahrene Lorberfreunde, auch Spiritisten und natürlich auch einige Medien.
Zu jener Zeit befand ich mich wie in einer Sucht, nicht
mehr nach Wahrheiten zu suchen, sondern Unwahrheiten aufzudecken. Dadurch kam
ich in den Ruf, ein Störenfried zu sein und wurde entsprechend mit Mißtrauen
behandelt. Während dieser „Stunde“ stellte ich folgende Frage an den Kreis:
„Wer übernimmt denn eigentlich die Verantwortung für das, was das Medium
spricht?“ Münzner, ein alter und gewissenhafter Freund, meinte: „Nun, das
Medium natürlich!“ Darauf die alte treue Marie Baumann, die sich als Medium zur
Verfügung gestellt hatte: „Damit dürft ihr mir aber nicht kommen. Wie kann ich
die Verantwortung übernehmen, wenn ich oft gar nicht weiß, was durch mich
gesprochen wird!“ Ein anderer meinte: „Nun, dann muß der Geist die
Verantwortung übernehmen!“ Ich: „Ja, laufe dem Geist nach, der wird dich schön
auslachen, wenn erein Lügner oder Falschgeist ist!“ Alle schwiegen und nach
einiger Zeit erklärte ich: „Hier mache ich nicht mehr mit, denn ich sehe einen
Pferdefuß. Wir haben das Johannes-Evangelium von Jakob Lorber, dort sind
Wahrheiten nachzulesen, mit denen wir uns wirklich sehen lassen können. Ich
kann es nicht mehr vor mir und meinem Gott verantworten, bei euch zu sein, weil
ich es spüren und auch schauen kann, dass es nicht mehr die Wahrheit ist, was
hier gesagt wird. Ich lehne diese Sitzungen nicht rundweg ab, da ich bei meiner
verstorbenen Mutter, die ihr ja alle gut gekannt habt, viel Gutes erlebt habe.
Ich erbitte mir jedoch immer mehr die Kraft, um wirklich die Wahrheit
offenbaren zu können.“ Allmählich bildete sich ein fester Kreis, dem ich gerne
bereit war, als Medium zu dienen. Die Kundgaben durch mich hörten aber langsam
auf. Und so wandelte sich dieser Kreis mit der Zeit zu einer Freundesgemeinschaft,
wie ich es bereits bei Otto Hillig erlebt hatte. Jesus immer tiefer zu
erkennen, wurde zu unserem Herzensziel, und immer größer wurde die
Teilnehmerschar.
Bei den Methodisten
Die Kämpfe mit der Geisterwelt hörten nicht auf, ich litt
manchmal direkt an Besessenheit. Bei mir meldeten sich damals fast nur
Selbstmörder. Der noch andauernde Krieg und mein eheliches Verhältnis trugen
das ihre zu diesem Zustand bei. Denn ich hatte wohl ein Familienleben und doch
wieder keines, obgleich wir beide guten Willens waren.
Wieder suchte ich wie früher den Ausgleich im Dienen.
Meine Not wurde trotzdem größer. Ich schrieb Otto Hillig seitenlange Briefe
und bekam immer die Antworten, die mir halfen. Es war eine schwere Zeit für
mich.
Obwohl ich sehr viele Freunde um mich hatte, ging ich
noch zu den Methodisten und besuchte ihre Kapelle. Dort konnte ich nach den
Bibelstunden alles ansprechen, was mir nicht ganz klar war. Darum waren diese
Zusammenkünfte für mich sehr wichtig. Immer mehr Menschen kamen. Sie hatten in
ihren Herzen so etwas noch nie erlebt. Ich spürte, sie kamen nur um
meinetwillen. Darum dachte ich daran, selbst Methodist zu werden.
Einmal fand eine Gebetswoche statt. Am Abend erschien der
Prediger mit einem Bekannten in meiner Wohnung. Ich war sehr offen zu den beiden
und erzählte ihnen, dass ich nur durch die Lorberschriften so bewandert in der
Bibel sei. Ich betonte, dass für mich gerade Lorber der Schlüssel zur Bibel
geworden sei. Der Prediger nannte mich „Bruder“, und dann beteten wir innig und
herzlich miteinander.
In mir reifte also der Plan, Mitglied ihrer Gemeinde zu
werden. Vielleicht könnte ich dort auch das neue Licht verbreiten. Trotzdem
war ich innerlich noch unsicher. Ich betete viel um Klarheit. Da es mein Dienst
erlaubte, konnte ich jeden Tag in die Kapelle nach Werdau gehen. An einem
Sonntag betete ich besonders innig um ein Zeichen von Jesus. Normalerweise ging
ich zusammen mit meiner Frau in den Gottesdienst. Aber an diesem Sonntag wurde
ich im Stall nicht fertig und mein Aufbruch verzögerte sich. Ich ging also
allein, und der Weg wurde mir zum Gebet und zur Bitte um ein Zeichen, ob ich
wirklich auf dem rechten Weg bin und mein Vorhaben auch sein Wille sei.
So erreichte ich die Kapelle. Im Flur traf ich den
Prediger und wir gingen gemeinsam die Treppe hoch zum Saal. Ich setzte mich
auf meinen Platz und der Gottesdienst begann.
Die Predigt handelte von dem neuen Tempel, den Salomo
erbauen ließ, aus Vorhof, Heiligstem und Allerheiligstem. Unter anderem wurde
gesagt, dass der Weg ins Allerheiligste nur über „Sein Wort“ gehe, und nicht
über Sekten, Spiritisten und Neuoffenbarungen. Ich war erschüttert. Gestern
sagte der Prediger noch, er kenne das Werk von Lorber, und heute war es ein
Werk des Teufels. Ich war voller Unruhe, und in mir sagte es immer wieder:
„Höre auf, höre auf! Das hätte er dir gestern sagen müssen und nicht heute!“
Das war das Zeichen! Meine Gebete waren erhört worden.
Wenn der Prediger ein Lügner ist, beruht seine ganze Lehre nicht auf Gotteswahrheit. Still ging
ich heute bist du „Ja!“
Der Dienst an meinen Geschwistern
Nach vier Wochen hatten wir wieder unsere Zusammenkünfte
in der kleinen Küche bei meinem Freund Erler. Mein Weg war nun klar: er galt
nur mehr meinen „Geschwistern“, den Menschen, die mich auf dem geistigen Weg
begleiten wollten, meinen „Brüdern“ und „Schwestern“, wie wir uns nannten.
Unsere kleine Gemeinschaft wurde immer größer und der Dienst als Medium stellte immer mehr Anforderungen
an mich. Aber ich diente gerne. 1933 wurde ich nach
Werdau versetzt und konnte nicht mehr regelmäßig kommen. Wenn ich dann aber
kam, war es für alle eine große Freude. Ich blieb trotzdem eng mit allen
verbunden und wir erlebten zusammen viel Erhebendes.
Inzwischen kam ein fremder Bruder aus Berlin in
unseren Kreis. Wir konnten leider nicht recht zusammenarbeiten, seine Weisheit
und sein Talent brachten es langsam fertig, mich „auszubooten“. Ich habe deswegen
viele und lange innere Kämpfe durchstehen müssen. Georg Riehle hätte ich gern
um Rat gefragt, aber er war in seinem Lazarettzug unterwegs. Ich sah keinen
Ausweg. Eines Tages, als ich am Zwickauer Bahnhof zu tun hatte, kam der Lazarettzug
vorbei, in dem Georg Riehle Dienst leistete. Ich lief den Zug entlang bis zum
Wagen Nr. 9. Georg stand schon auf dem Trittbrett und hielt nach mir Ausschau.
Ich rannte den Zug entlang und schrie: „Georg, Georg, ich möchte nur ein paar
Minuten mit dir sprechen!“ In diesem Moment ertönte das Notsignal der
Lokomotive und der Zug blieb stehen. Ich rannte zu Georg und wir konnten volle
zehn Minuten lang das für mich Nötigste besprechen. Wie sehr habe ich dafür gedankt!
Was war die Ursache für die kurze Fahrtunterbrechung? Auf
der Viehrampe wurde Zuchtvieh entladen. Eine vorbeifahrende Lokomotive hatte
ein Tier scheu gemacht. Beim Ausreißen trat die Kuh in das Gestänge der vielen
Drähte, die das Notsignal betätigten. Der Zug musste also halten, und blieb
gerade so lange, bis ich mit Bruder Riehle alles besprochen hatte. Es war eine
meiner schönsten Führungen.
Kämpfe mit geistigen Wesenheiten
Die Kämpfe mit Abgeschiedenen hörten nicht auf. Es war
wieder eine sehr schlimme Zeit. Wochenlang quälte ich mich mit einem Selbstmörder,
und es ging mir immer schlechter. Ich wandte mich an eine junge Schwester mit
der Bitte: „Hilf mir, sonst gehe ich noch unter!“
Eines Abends holte sie mich vom Dienst ab. Wir gingen an
einen ruhigen Ort. Dort konnte ich erzählen, wenn auch nur wenig, weil ich so
mitgenommen war.
Ich sagte ihr, dass ich keine Kraft mehr zum Durchhalten
hätte. Da flüsterte die Schwester: „Max, du ringst doch schon immer. Wäre es
nicht besser, du machst ein Ende mit deiner Ehe? Der Vater wird dir schon
vergeben, aber du würdest es dir nicht vergeben können, wenn du alle mit in den
Abgrund reißest, die durch dich zum Licht und Leben gekommen sind. Max, du
brauchst Liebe und die findest du zu Hause nicht. Du mußt sehen, wie du mit
allem fertig wirst.“
So war es auch: Ich hatte Kämpfe um Kämpfe durchringen
müssen. Meine jüngste Tochter war blind geboren, obwohl sie nicht in Wollust,
sondern mit heiligem Ernst gezeugt worden war. Auch während der Schwangerschaft
meiner Frau hatte ich mich enthalten. Eigentlich hatte ich mir einen Sohn
erbeten, der ein rechter Johannes werden sollte. Es wurde aber eine Tochter.
Genau um 24 Uhr am 25. Mai kam sie zur Welt. Nur eine einzige Wehe und das Kind
war da. In diesem Augenblick sah ich riesengroße Engel, die bei der Geburt
Zeuge waren und mein Herz war übervoll vor Freude. Dann aber kamen die Kämpfe
und meine Ehe litt doppelt. Wenn das blinde Kind nicht gewesen wäre, hätte ich
längst Schluß gemacht. Es war eine schlimme Zeit. Abends musste ich oft zum
Nachtdienst. Da ich Eisenbahner war, ging ich immer über die hohe und lange
Brücke. Als ich einmal mitten auf der Brücke war, sah ich, dass sowohl von
Zwickau als auch von Reichenbach ein Zug kam. Da hörte ich eine laute Stimme
in mir: „Jetzt ist es an der Zeit, denn du wirst doch Gnade finden vor dem
Vater!“ Ich zitterte, drehte mich um und rannte mit den Worten: „Jesus, Jesus,
Jesus“ um mein Leben. Ich weiß nicht, was dann geschah, aber plötzlich lag ich
unten am Bahndamm. Ich zitterte immer noch. Mühsam arbeitete ich mich nach oben
und ging sehr nachdenklich zum Bahnhof Steinpleis. Als ich in Zwickau ausstieg,
kam der Fahrdienstleiter aufgeregt auf mich zu: „Herr Seltmann, haben Sie
nichts bemerkt? Der Lokführer vom D-Zug meldete, dass er einen Mann überfahren habe.“
Ich verneinte und dann wurde mir bewußt, dass ich der Mann war, den der
Lokführer vermeintlich überfahren hatte. Nochmals wurde ich sehr nachdenklich
über die wunderbare Rettung. Kurze Zeit darauf erschoß sich ein Mann in unserer
Nachbarschaft. Ich konnte nicht mit zur Beerdigung gehen, traf aber nach
einigen Tagen seine Witwe.
Ich schenkte ihr einige Trostworte und bat um
Entschuldigung, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte: „Aber ich will
Ihnen etwas Gutes mitteilen. Ich werde Ihrem Mann eine Heimat bieten. Da er
ohne Gott gelebt hat, ist er ja jetzt ohne Heimat.“ Die Frau verstand mich
nicht. Aber ich erlebte etwas: Von dieser Stunde an war ich geheilt von allen
Selbstmordgedanken und von den Einflüssen von Selbstmördern.
Liebe für die Verirrten
Wieder gingen mir tiefe Gedanken durch den Kopf, denn ich
wollte aus Liebe etwas tun, für das ich gar keine Bestätigung hatte: Darf ich
denn überhaupt einem Selbstmörder Heimat bieten? Mit diesem Gedanken, der mir
keine Ruhe ließ, schlief ich ein und wachte früh wieder auf.
Während meiner zweistündigen Mittagspause in Zwickau traf
ich am Nachmittag eine tiefverschleierte junge Frau. Sie ging sehr langsam.
Mich zog es zu ihr hin. Ich ging einige Zeit neben ihr und beobachtete ihr
Gesicht. Sie schaute mich an, und ich bat sie nach einem kurzen Gruß um
Verzeihung, dass ich neben ihr geblieben war. Wir kamen ins Gespräch über die
Trauer um geliebte Tote. Ich fragte sie, um wen sie trauere. Sie sagte: „Um
meinen Vater. Er hat sich selbst entleibt.“
Ich fühlte einen Stich im Herzen und brachte zunächst
kein Wort heraus. Dann erwiderte ich: „Liebe Frau, ich frage nicht aus
Neugierde. Aber wie denken Sie über ihren Vater? Es ist doch immerhin eine
Schande für die Angehörigen.“
Sie aber antwortete mit fester Stimme: „Mögen die Leute
sagen, was sie wollen. Ich habe meinem Vater vergeben, denn er konnte nicht anders
handeln. Er hatte eine unheilbare Krankheit.“
Ich war ergriffen von diesem unerschütterlichen
Vertrauen. „Liebe Frau, Sie haben mir etwas sehr Schönes und Liebes gesagt. Nun
will ich Ihnen auch etwas sehr Schönes sagen: Weil Sie ihrem Vater vergeben
haben, so hat auch Gott in seiner Liebe ihm vergeben!“ „Wieso?“, fragte sie.
„Weil sich doch Gott von einem seiner Kinder in der Liebe
nicht in den Schatten stellen läßt.“
Nun war mir klar geworden, dass man in der Liebe weit
gehen kann, auch über irdische Gesetze hinweg.
Nach diesem Erlebnis habe ich all meine Liebe
hauptsächlich den Selbstmördern, Verirrten und Verlorenen geschenkt. Dabei
hatte ich manch wunderbare Führung. Für mich begann ein ganz anderes Lieben.
Aber keiner verstand mich. So schwieg ich eben über meine Erlebnisse.
Ich fand auch keinen Freund, Bruder oder Schwester, die
mich verstehen und unterstützen wollten, und so blieb ich allein. Immer allein
in Kirchen und Gefängnissen, in verrufenen Wirtschaften und Kneipen, kurz
überall, wo ich Versumpfte und lebensmüde antraf. Ich habe mit und ohne Erfolg
gearbeitet, habe auch große Niederlagen einstecken müssen, aber das hinderte
mich nicht an meiner weiteren geistigen Arbeit. Ich wurde sogar übel
verleumdet, aber das war mir gleich, ein kleiner Erfolg machte alles wieder
wett. Dabei wurde ich ein richtiger Seher. Ich erblickte nicht nur
Herrlichkeiten und Schönheiten, sondern auch niedere Sphären, ja sogar direkte
Höllen.
Geschadet hat mir das nie, wenn ich mich in einer
höllischen Sphäre bewegt hatte. Aber wenn ich einmal Herrlichkeiten erleben
durfte, war ich eine ganze Zeitlang wie heimwehkrank. Kein Mensch konnte mich
verstehen, auch nicht meine Frau. Schließlich wurde mir das Schauen selbst zum
Problem. Manchmal wusste ich nicht, ob es Menschen waren oder Geister, die mir
erschienen. Oft waren es Tiere und dann wieder geistige Wesen. Da bat ich den
Herrn, mir diese Gabe zu nehmen. Sie wurde mir daraufhin weitgehend genommen,
aber ein wenig belassen. Das war immer noch genug.
Hilfe für einen Toten
Einmal fuhr ich an einem Sonntagabend nach 18 Uhr vom
Dienst in Zwickau heim nach Werdau. Ich war schon in der Nähe von Werdau, da
sah ich von weitem ein Auto am Straßenrand stehen. Als ich hinkam, sah ich den
Autobesitzer. Er hielt mich an. Er hatte einen Radfahrer überfahren und an den
Straßenrand gelegt. Ich kannte den Mann, er hieß Brühschwein, ein häßlicher
Name. Der Verwundete bewegte immer seinen Mund, als wollte er sprechen. Ich
neigte mich zu ihm hinunter, konnte aber nichts verstehen. Mit dem
Autobesitzer, der mich beobachtete, war nicht zu reden. Der erste Mensch, der
vorbeikam, war der Sohn des Verunglückten. Er kam mit dem Rad von Werdau. Ich
winkte ihn heran und rief: „Hier, Dein Vater! Hole schnell ein Auto und die
Polizei, ehe dein Vater stirbt.“ Der junge Brühschwein fuhr schnell fort. Es
kamen noch mehr Leute und auch das Polizeiauto. Sie nahmen den Unfall auf und
verhörten mich. Dann kam das Krankenauto. Der Mann starb auf dem Transport.
Tage später an einem Sonntag kam ich wieder abends vom Dienst.
Dort, wo das Unglück passiert war, stand auf einmal
Brühschwein. Ich fuhr mit meinem Rad vorüber und grüßte ihn mit einem „Glückauf!“,
das ist unser Gruß in der Bergmannsstadt Zwickau. Aber Brühschwein dankte
nicht.
Ich dachte: „Nanu, was habe ich dem denn getan? Was macht
der für ein Gesicht!“ und hatte den Vorfall bald vergessen. Es dauerte einige
Wochen, da stand Brühschwein wieder an der selben Stelle. Ich grüßte wieder und
bekam wieder keinen Dank. Das war mir zuviel. Ich stieg vom Rad hinunter und
wollte ihm „die Haare kämmen“, wie man bei uns sagte. Doch wie ich mich
umdrehte, war er verschwunden. Da fiel mir ein, dass er ja verstorben war.
Bald hatte ich das Ganze vergessen, da stand er an einem
Sonntag wieder an dieser Stelle. Ich fuhr langsam und grüßte ihn. Er sah mich
an. Ich fragte ihn: „Weißt du, dass du gestorben bist?“
Er ging neben mir her, und ich fragte weiter, ob er auch
beten könne. Aber es kam keine Antwort. „Verstehst du mich überhaupt?“
Keine Antwort, aber er blieb an meiner Seite. Als ich
abzweigen musste, blieb er stehen. Ich war unzufrieden, denn er sagte kein Wort
und sein Gesicht zeigte nur Gram und Not. Ich segnete ihn.
In der folgenden Zeit konnte ich direkt auf ihn warten.
Er erschien mir in immer kürzeren Abständen. Ich sprach auch mit seiner Witwe
und lernte so sein Leben kennen. Er hatte ein völlig verlorenes Leben verbracht
wie auch seine Frau.
Die Begegnungen wiederholten sich immer wieder. So konnte
ich ihn vor allem zu beten lehren und brachte ihn auch zum Nachdenken über
seine Lage. Er verstand mich allmählich besser und zeigte sich immer öfter bis
er endlich erlöst wurde. Dann, nach einer langen Pause, erschien er noch einmal
und bedankte sich für meine Ausdauer.
Verbot und Flucht
1937 wurden unsere Zusammenkünfte verboten, trotzdem
blieb ich meiner Aufgabe treu. Ich setzte meine Arbeit fort, ohne den Namen
Jesu offen zu nennen. Inzwischen hatte ich viele Freunde gewonnen. Die meisten
stammten aus der Geisterwelt. Mit ihnen stehe ich noch heute in Verbindung.
Ansonsten pflegte ich keinen Kontakt mehr zu Geistern.
Meine Aufgabe sah ich vielmehr darin, Menschen von
Besessenheit zu befreien. Ohne Hilfe ist es recht schwer, davon loszukommen.
Als endlich das Verbot unserer Versammlungen aufgehoben
wurde, hatte ich eine gute Schulung hinter mir. Jetzt galt es, die Trümmer von
Falschem und Verkehrtem zu beseitigen. Ich suchte mir neue Geschwister und
fing an, mit ihnen zu arbeiten. Aber von meiner Mission waren sie nicht erbaut.
Nur die ganz alten Freunde blieben treu. Mit mir waren es nur sieben. Wir kamen
jeden Monat zusammen, arbeiteten gemeinsam und hatten schöne Erfolge.
Aber dann musste ich aus meiner Heimat fliehen. Nun war
mein Wirken sehr gehemmt. Als ich wieder die Nähe der Verirrten und Verlorenen
suchte, war es schwer, ihnen allein - ohne Freunde - zu helfen und sie aus
ihrer Lage zu befreien.
Ich hatte meine Erlebnisse immer aufgeschrieben, aber
durch die Flucht gingen alle Aufzeichnungen verloren. Sie fielen der Polizei in
die Hände. Würde ich alles noch einmal niederschreiben, ergäbe es ein ganzes
Buch. Später notierte ich wieder jede Begebenheit. So entstand manches „Werk“.
Heute noch tauchen meine damaligen Erlebnisse wieder auf,
aber ich bin durch meine seelischen Leiden geschwächt und nicht mehr in der
Lage, alles fest zuhalten und richtig wiederzugeben. Meine Erinnerungen werden
erst beim Schreiben wieder lebendig.
Wer es lesen wird, was ich festgehalten habe, wird
denken: Der hat es aber gut gehabt, ihm wurde ja alles geschenkt. - Irrtum!
Errungen musste alles werden. Ich musste Dinge erleben, die mich tief
niederdrückten, leidvolle Ereignisse, die mit Menschen zu tun hatten, die ich
kannte und lieb hatte.
Jeder sollte sich bewußt werden, dass wir Menschen immer
umgeben sind von Wesenheiten, die alles sehen und auch an allem teilnehmen,
seien es Unterhaltungen oder Handlungen.
Einmal hatte ich ein Jahr lang von Vorfällen Kenntnis,
über die ich nicht reden durfte und die mir große innere Kämpfe einbrachten.
Nach einem Jahr wurde endlich alles offenbar, erst dann konnte ich auf eine
Reue der Betroffenen hinwirken, die dann auch einsetzte. Vorher waren mir die
Hände gebunden gewesen.
Erlebnisse mit einem Satan
Öfter hatte ich Erlebnisse, bei denen ich durch unreine
geistige Wesen
auf satanische Anschläge aufmerksam gemacht wurde, durch
die ich zu Fall gebracht und als Geistesarbeiter erledigt werden sollte. Ich
hatte vor allem mit einem dieser Teufel meine Not. Er wollte mein Ende.
Da warnte mich einmal ein anderer Verirrter, ich solle
nicht mehr dahin gehen, wo ich so gerne weilte, nämlich zu meiner Schwester.
Ich lehnte ab, weil ich sie dann sehr betrübt hätte. Da sagte er: „Dann geh in
dein Unglück, ich weiß es genau!“ Ich aber hörte nicht auf ihn und ging weiter
dorthin.
Eines Abends fuhr ich nach Hause und dieses Geistwesen
warnte mich wieder, ich solle wenigstens einen anderen Weg nehmen. Ich hörte
nicht darauf. Als ich aus Zwickau herauskam, war tatsächlich eine Anzahl betrunkener
Russen auf der Straße. Als sie mich sahen, stürmten sie auf mich los. Ich
musste bergauf fahren, um zu entkommen. Da schossen sie zweimal auf mich, aber
sie trafen mich nicht. Gleich meldete sich der „Freund“: „Warum hörst du nicht
auf mich?“
Das Ganze passierte noch einmal, das Geistwesen riet mir
wieder, einen anderen Weg zu fahren. Ich tat es nicht. Und was geschah? Ein
Russenauto fuhr direkt auf mich zu. Ich landete im Straßengraben. Noch ein drittes
Mal hatte ich in dieser Art meinen Kopf hinhalten müssen. Aber wiederum wurde
ich beschützt und vor Schaden bewahrt.
Hilfe für Freunde und Unbekannte
Visionen vom Krieg
In der folgenden Zeit erlebte ich einige Schauungen von
großer Tragweite.
Eines Nachts stand der Herr vor mir, aber so, daß ich
erschrak. Sein Gesicht war eingefallen, seine Augen voller Tränen. Er sah aus
wie einer, der lange krank gewesen war und nun langsam auf dem Weg der
Besserung ist.
„Mein Vater“ rief ich erschreckt, „wie siehst Du aus, was
ist Dir geschehen?“ - Da sagte er: „Nun habe ich nur noch mein Kind.“
– Ich erwiderte: „Vater, wir wollen von vorne anfangen, denn es gibt
Kinder, die an Dich glauben.“
Das Bild verschwand und ich wußte nicht, wie ich es
interpretieren sollte. In meiner inneren Not ging ich zu den Geschwistern
Spitznaß nach Mariental. Dort traf ich mehrere Freunde aus alter Zeit. Es war
der Tag, an dem die Wehrmacht proklamiert wurde. Nach ihrer Frage, was mich
heute zu ihnen führe, beschrieb ich das Bild, das mir solchen Kummer bereitete.
Gertrud Spitznaß versuchte mich zu beruhigen: „Ach, Max,
freue dich doch mit uns, nun gibt es wieder Arbeit und wir können Geld
verdienen, wir bekommen wieder ein Heer. So eine Gnade.“
„Gertrud“, brach es aus mir heraus, „gibt es zweierlei
Gnade? Als wir 1918 die Waffen aus der Hand legen durften,
war es nach deinen Worten Gnade, und heute, wo wir wieder Waffen schmieden,
soll es wieder Gnade sein?“ Da versank um mich die reale Wirklichkeit und ich
schaute Trümmer über Trümmer, zerstörte Städte und Dörfer, verfallene Menschen
und eine Trauer in allen Gesichtern.
.
Ich seufzte: „Du mein armes Vaterland, mein armes
Vaterland“ und mußte ohne Unterlaß weinen.
Ein weiteres Erlebnis kommt mir in Erinnerung aus dem
Jahre 1933 in Steinpleis, wo Bruder Georg Riehle weilte. Er hatte gerade in
Berlin einen Besuch bei Sch. D. gemacht und die Feier der „Machtübernahme“
durch Adolf Hitler in der Potsdamer Garnisonskirche miterlebt. Er erzählte,
wie der „Führer“ am Sarkophag des Alten Fritz eine Weiherede gehalten habe.
Die untergehende Abendsonne habe so wunderbar geschienen, daß er ganz
ergriffen gewesen sei.
Da kam wieder das Schauen der Trümmer über mich.
„Georg, Georg,“, wehklagte ich, „die untergehende Sonne,
0 wenn es die aufgehende Sonne gewesen wäre. 0, du mein armes, armes Vaterland,
wie wirst du es einmal ertragen können!“
Alle Geschwister waren über mich entsetzt. Ich wurde zum
Kommunisten gestempelt. Dasselbe Bild kam noch zweimal. Nach dem Krieg sah die
Wirklichkeit noch schlimmer aus, als ich es geschaut hatte. Als ich dann
einmal in Oberrothenbach bei meiner Schwester war, traf ich dort ein
Geschwisterpaar, das damals beide Schauungen angehört hatte. Ich sagte: „Fritz,
weißt du noch, was ich in Steinpleis und in Mariental sagte? Alles ist
eingetroffen, sogar noch schlimmer.“
Er wollte es nicht wahrhaben, doch da erinnerte sich
seine Frau:
„Ja, Fritz, es ist wahr. Du, Max, hast es damals wirklich
vorausgeschaut, wir aber haben es nicht geglaubt.“
„Einsame“ Weihnachten
Doch zurück in die Jahre vor dem Krieg. Die lieben
Geschwister verstanden mich nicht mehr. Ich hatte während der ganzen Zeit
weiter gearbeitet und über meine Erlebnisse geschwiegen. Es wurde auch
gefährlich, da sich die Gestapo für mich interessierte. Ich wurde einsam, aber
umso inniger mit Gott verbunden. So hatte ich jeden Geburtstag des Herrn zu
einem Feiertag für mich gemacht.
Einmal ging ich früh vom Dienst heim, da ertönten die
Kirchenglocken und ich sagte laut: ,,0 mein Jesus, an Deiner Geburtsstunde
wünsche ich Dir, daß Du recht große Freude an Deinen Kindern erleben sollst.“
In mir wurde es ganz warm und ich erlebte eine Freude,
die nicht zu schildern ist.
Aber es war nicht immer Freude in mir. Am 25.12.1931 ging ich früh um halb fünf Uhr zum
Dienst. Ich war so niedergeschlagen, daß ich ausrief: „Mein Jesus, wie bin ich
traurig, daß ich Dir heute zu Deinem Ehrentage so wenig schenken kann, denn ich
sehe hier im Wald nichts als ein rotes Feuer und ein Meer von Qualm.“ Und ich
weinte bitterlich über mich und meinen Zustand.
Als ich aber aus dem Wald herauskam und rechts abbog, sah
ich hoch oben am Himmel einen Stern, der auf mich zukam und immer größer wurde.
Er kam immer näher, und sein Licht blendete mich. Als er ganz nahe war, stieg
ein Mann aus diesem Lichtstern. Er hatte eine starke elektrische Lampe in der
Hand, die wie ein Scheinwerfer leuchtete. Er kam mir ganz nahe, drehte sich um,
ging vor mir her und leuchtete mir auf dem Weg. Ich sah das blutrote Feuermeer,
- doch wie ich näher hinschaute, waren das alles Wesen, die sich im Lichtkegel
der Lampe krümmten.
Es schien, als ob der Lichtkegel eine riesige
Anziehungskraft hätte, denn überall, wo er hinleuchtete, zog er alles an, und
die Wesenheiten wurden wie in die Lampe hineingesogen. Immer mehr Massen von
solchen Gestalten drängten sich an das Licht. Solange unser Weg dauerte,
wurden immer noch weitere angezogen und aufgesogen.
Als schließlich keine dieser Wesen mehr zu sehen waren,
blieb der Mann stehen und wandte mir sein Gesicht zu, es leuchtete hell wie ein
Licht. Er hob seine Lampe hoch, und eine Fontäne von Licht fiel über ihn. In
der Mitte dieser Fontäne bildete sich ein Kelch, dann außen herum ein
Säulentempel mit vielleicht zehn Säulen (gezählt habe ich sie nicht). Der Kelch
stand wie auf einem Altar.
In diesem Lichttempel sprach der leuchtende Mann zu mir:
„In dir ist Licht, in dir ist das Wort, lasse alles zu einem Brot werden in
dir. Und was du nach außen stellen wirst, wird so sein, als hätte es Gott hinausgestellt.
Nimm alles in dich auf, wie ich es in mich aufgenommen habe, und du wirst zu
einem Segen werden.“ - Und vorbei war das Erlebnis. Dichte Finsternis umgab
mich.
Ich mußte mich erst wieder an die äußere Wirklichkeit
gewöhnen.
Über dieses Erlebnis habe ich damals lange geschwiegen,
denn ich wäre nicht verstanden worden. Wieder kam Weihnachten. Als die
Adventsglocken läuteten, ging ich müde und abgespannt den Schützenberg hoch,
den ich jeden Tag gehen mußte. Als ich oben war, sprach ich zu den Glocken:
„Läutet die Herrlichkeit Jesu ein. Gesegnet sei jeder
Ton.“ - Auf einmal vergingen mir wieder die Sinne für das Äußere, und ich sah
eine Gruppe von herrlichen Lichtpalmen vor mir. Sie waren so hoch wie ein
Kirchturm und mit weißen Brettern eingeschalt. In der Mitte ein Springbrunnen
mit allen möglichen Farben, ein prächtiger Anblick. Es war aber nicht Wasser,
das da sprudelte, sondern Licht, lauter Licht. Und dort, wo es herausquoll,
stand eine Menge Menschen - Bekannte und Unbekannte, darunter auch
mein Bruder Otto Hillig, der schon seit 13 Jahren im Jenseits weilte.
Ich sah den Herrn, umgeben von würdigen Männern mit
langen Bärten, sah Engel im herrlichsten Glanz und viele Wesen, die ich noch
nie gesehen hatte.
Da trat ein Engel hervor und verneigte sich tief vor dem
Herrn:
„Herr, Herr, bist Du taub, weil Du die Bitten Deiner
Kinder nicht mehr hören willst? Bist Du blind, weil Du nichts mehr schauen
willst? Hast Du einen Stein im Herzen, weil Dich die Not der Deinen nicht mehr
berührt ?“
Da trat Jesus näher und sprach: „Wollen wir nicht erst
einmal den anderen fragen?“ Er hob seine Rechte, und wies mit dem Zeigefinger
auf einen anderen Engel: „Holt mir euren Bruder hierher.“
Der Engel verneigte sich und kam nach wenigen
Augenblicken mit Luzifer zurück. Der war in der Tracht eines Försters
gekleidet, mit Joppe, Hut und einem grauen, struppigen Vollbart.
Jesus wandte sich zu dem ersten Engel: „Nun wiederhole du
mir deine Anklage in Gegenwart eures Bruders.“ Ganz ernst wiederholte der Engel
seine Worte. Dann richtete sich der Herr an Luzifer: „Was sagst du zu dieser
Anklage?“
„Herr, Herr“, erwiderte dieser, „haben die nicht ihr
Gutes gehabt? Wer will mich verklagen, wo ich so viele habe, die mir ihre Liebe
schenken. Versorge Du die Deinen, ich versorge die Meinen.“ Da trat Otto Hillig
zum Herrn: „Vater, Kinder werden Dir erstehen, Kinder, die zu Rettern für
viele Millionen werden. Denn Dein Geist hat seinen Einzug auf Deiner Erde
gehalten.“ Die strahlenden Augen meines Bruders Otto waren mir große
Verheißung.
Dann war das Bild verschwunden.
Unfälle und Todesfälle
Es waren nicht immer geistige Dinge, die ich schaute.
Viele Erlebnisse betrafen Vorfälle in der materiellen, greifbaren Welt.
Handelte ich dann dementsprechend, hatte ich keinen Schaden, sondern nur
Nutzen; handelte ich nicht danach, entstanden mir immer Nachteile.
Einmal erlebte ich im Geiste einen Motorradunfall.
Dadurch wurde ich gewarnt, denn wirklich: Nach zehn Minuten wurde ich
überfahren. Aufgrund der Warnung war ich aber vorsichtig geworden auf meinem
Fahrrad, und als dann das Geräusch eines Motorrades kam, drückte ich mich ganz
rechts an einen Zaun - und schon passierte es. Ich bin damals noch gut
weggekommen, es hätte schlimmer ausgehen können, wenn ich mitten auf der Straße
gefahren wäre.
Oft beobachtete ich auf der Straße geistige Wesen, die
Autos überfielen. Ich sah dann, wie es dadurch zu einem Unglück kam. Aber ich
war machtlos in solchen Fällen. Bis mir einmal ein Freund den Hinweis gab:
„Warum redest Du die Wesen nicht an und weisest sie zurecht, denn sie wissen
nicht, daß sie Verbrecher an den Gesetzen Gottes sind.“
Tatsächlich muß ich mir Vorwürfe machen. Denn kurz darauf
sah ich an einer großen Kurve eine ganze Wolke niederer Geistwesen, - und
ich fuhr mit meinem Fahrrad wieder vorbei, ohne sie anzusprechen. Zehn Minuten
später hörte ich von einem Unglück an eben dieser Kurve. Vier Menschen waren
tot, viele verwundet. Ein Omnibus war angefahren worden. Der Schuldige, der den
Unfall verursacht hatte, ein Angehöriger der Firma Wismuth, war betrunken
gewesen. Ich habe lange über diesen Fall getrauert, denn ich hätte ihn
abmildern können, wenn ich die Geistwesen von ihrer Schlechtigkeit überzeugt
hätte.
Viele Leser werden jetzt vielleicht meinen: „Das ist doch
alles Phantasie, das läßt sich ja gar nicht beweisen! Das kann ich nicht
glauben!“ Deshalb will ich noch einen Fall schildern, der erst vor einem Jahr
geschehen ist:
Ich war auf einer mehrtägigen Tour in Erdmannsdorf und
Chemnitz. Ich hatte mein Fahrrad in Zwickau untergestellt, nun holte ich es
wieder heraus und fuhr nach Hause - langsam und froh, wieder heimkehren zu
können, und in dem Bewußtsein, gedient und Freude bereitet zu haben.
Da sah ich meinen Nachbarn Ernst Pecher am Wege stehen.
Er machte einen traurigen Eindruck. Ich fuhr ganz langsam und begrüßte ihn mit
den Worten: „Ernst, Glückauf, wie siehst du denn aus?“ - Er gab mir keine
Antwort.
Zu Hause aß ich und legte mich zur Ruhe hin, ohne viel
mit meiner Frau zu reden. Am nächsten Tag sagte sie: „Du, daß du es weißt, du
mußt beim Pecher Ernst mit zum Grab gehen, denn er wurde überfahren und ist im
Krankenhaus gestorben.“
„Nun, da hört sich doch alles auf“, kam es aus mir
hervor, „gestern Abend habe ich ihn noch angesprochen. Er machte so einen
traurigen Eindruck auf mich.“ Also ein Fall, in dem ich einen Verstorbenen
erschaute, obgleich ich von seinem Tod nichts wußte.
Nun ein anderes Beispiel, hier wußte ich schon von dem
vorangegangenen Tod. Die Mutter meines Schwiegersohnes war gestorben. Ich ging
mit zum Begräbnis, stand unweit der Bahre und sah, wie aus der Brust des
Leichnams ein blauer Dunst aufstieg. Der Dunst nahm Form an, und als es hieß,
Abschied zu nehmen, umklammerte mich die blaue Dunstform und flehte:
„Max, hilf mir, du bist der einzige, der mir helfen’
kann.“ „Nicht ich, nur Jesus“, versuchte ich sie umzustimmen.
So kamen wir zum Grab. Der Pfarrer tat das Seine, die
Verewigte aber war bei mir und hielt sich an mir fest. Da ging ich mit ihr weg
vom Grab, rief einen Engelsfreund zu Hilfe und übergab ihm die arme Erlösungsbedürftige.
Ich sah noch, wie sie mit ihm ging und konnte nur danken, danken und wieder
danken.
Hilfe von Otto Hillig
Nun sollen noch weitere Erlebnisse folgen. Alle Menschen,
die dies einmal lesen. werden, möchte ich hineinführen in das Wunderbare
dieser großen Gottesliebe, in der eine Weisheit verborgen ist, von der der Alltagsmensch
keine Ahnung hat.
Ich durfte auch Geschehnisse aus dem Leben unseres Herrn
erschauen, aber beim Niederschreiben dieser „Köstlichen Szenen“ (d. i. der
Titel, unter dem sie veröffentlicht sind), kam ich fast nicht nach, da sich die
Bilder direkt überstürzten. Weil ich dabei intuitiv, also gedanklich, die Reden
und Schilderungen vernahm, blieb es nicht aus, daß mir einige Namen oder Worte entfallen
sind. Zweifel und Vorwürfe kamen auf. Da bekam ich Unterstützung von meinem
verstorbenen Bruder Otto Hillig. Seine Hilfe erlebte ich fast immer auf dem Weg
zum oder vom Dienst.
Zum Beispiel betraf es einmal das Wort Johannes des
Täufers über Jesus: „Ich kenne den Menschen nicht“ (Joh. 1,33). Über dieses
Wort war ich erstaunt, denn es heißt auch (Luk.1,30), daß Jesu Mutter und Johannes’
Mutter Verwandte gewesen seien.
Während ich darüber auf dem Heimweg vom Dienst
nachdachte, meldete sich Bruder Otto: „Alle Welt weiß, daß ich Otto Hillig
heiße, aber nicht Otto Hillig (heilig) bin. Sage deiner Schwester Christine,
daß sie nicht nur Christine heißt, sondern eine Christ-diene ist.“ Auf diese
Weise erfuhr ich, daß man einen Menschen wohl dem Namen nach kennen kann, aber
damit noch nichts von seiner Bestimmung und seinem Charakter weiß.
So wie hier, kam mir Bruder Otto oft
zu Hilfe. Ich hörte ihn wie eine von außen kommende Stimme.
Durch die vielen Erlebnisse wurde ich sicherer und traute
mir mehr zu. So will ich jetzt ein Erlebnis schildern, das ich vorher nicht für
möglich gehalten hätte.
Ein Mädchen findet den Heiland
Im Jahre 1927 fuhr ich nach Bielefeld zu meinen Freunden.
Auf der Rückreise stieg ich in Leipzig aus, um zu essen. Es war sieben Uhr
abends. Um neun Uhr wollte ich weiterfahren. Ich ging zum Messplatz und
sah am Fenster eines Gasthofs den Hinweis auf ein billiges Mittagessen. Ich
ging hinein und wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, denn in dem
Gastzimmer saßen nur aufgemachte Dirnen und Straßenmädchen.
Ich setzte mich an einen leeren Tisch und bestellte beim
Ober das Essen. Eines der Mädchen setzte sich zu mir und verlangte, ich solle
ihr auch ein Essen bestellen, da sie Hunger habe. Ich lehnte ab, denn ich hatte
solchen Menschen gegenüber einen Widerwillen, und sie ging zu den anderen
zurück.
Da sah ich ein Mädchen, das etwas abseits und allein für
sich saß. Ich rief ihr zu: „Bitte kommen Sie zu mir, um mir Gesellschaft zu
leisten.“
Sie wollte nicht, aber die anderen sagten: „Geh nur hin
zu ihm, der ist aus der Provinz.“
Sie setzte sich zu mir und ich fragte, ob sie Hunger
habe. Sie bejahte und ich bestellte beim Ober ein zweites Essen. In kurzer Zeit
war ich fertig; das Mädchen auch, sie muß tüchtigen Hunger
gehabt haben. „Fräulein,“ wandte ich mich ihr nun zu,
„ich muß mit Ihnen sprechen, aber hier ist nicht der richtige Ort. Bringen Sie
mich in ein gutes Lokal“
Sie war sofort bereit und in fünf Minuten saßen wir in
einem kleinen Cafe in einer Nische.
Nachdem wir bedient worden waren, sagte ich zu ihr:
„Fräulein, ich bin kein Moralprediger, aber wenn ich Sie so ansehe, fühle ich
einen großen Schmerz. Haben Sie denn nicht überlegt, daß Sie sich das größte
Unrecht zufügen, indem Sie Ihren leib, der doch ein Tempel Gottes werden soll,
zu einer Verkaufsware machen?“
Da fing sie an zu weinen: „Was soll ich denn machen, ich
bin seit Wochen arbeitslos. Meine Mutter kann nicht arbeiten, da sie immer
kränklich ist Ich bin gerade wegen Diebstahl entlassen worden. Ich bin aber
unschuldig, ich habe meinem Chef nichts entwendet Wenn Sie wüßten, was für
einen Ekel ich vor den Männern empfinde, und doch brauche ich Geld und wieder
Geld für mich und meine Mutter.“
Ich war tief beschämt und erschrocken über diesen
Ausbruch von leid und Kummer. Innerlich betete ich: „Vater, gib mir die rechten
Worte“, aber ich empfand nur tiefes Erbarmen.
Da nahm ich ihre Hand: „Fräulein, haben Sie denn keinen
Heiland, dem sie alles sagen können? Ihnen fehlt der Heiland.“
Sie schwieg und sah mich nur lange bange Minuten an. Und
so sprach ich weiter: „Fräulein, Sie gehen heute sofort nach Hause, reden aber
zu niemandem ein Wort, auch nicht zu Ihrer Mutter. Dann stellen Sie sich
vor, Jesus, der Heiland, den Sie ja immerhin kennen,
stehe vor Ihnen. Sagen Sie ihm dann, was Sie mir soeben gesagt haben. Alles,
Ihre ganze Not, Ihren ganzen Ekel. Und bitten Sie ihn um Verzeihung, daß Sie
ihn so oft betrübt haben in Ihrer Unkenntnis, daß Sie sogar Ihr leben wegwerfen
wollten. Und bitten Sie ihn um Hilfe, daß Ihr Unrecht offenbar werde.
Dann gehen Sie morgen zu Ihrem Chef. Seien Sie ganz offen
und erzählen Sie ihm von Ihrer Not Denn, glauben Sie mir: mich hat nämlich der
Heiland zu Ihnen geschickt, um Ihnen das zu sagen.“ Ich erzählte dem Mädchen
noch so manches von seiner liebe zu den Verlorenen und Verirrten, so daß mir
ganz warm dabei wurde.
Ich mußte aufbrechen, mein Zug ging. Das Mädchen
begleitete mich noch zum Bahnhof. Beim Abschied versprach sie mir, so zu
handeln, wie ich ihr geraten hatte. Sie wollte meinen Namen wissen, aber ich
lehnte ab und wollte auch den ihrigen nicht wissen. Ich wünschte ihr nur alles
Gute.
Im Zug, als ich mir alles noch einmal überlegte, machte
ich mir Vorwürfe, ihr Hoffnungen gemacht zu haben. Wenn sie nun enttäuscht
werde? Es wäre nicht auszudenken! - Eine ganze Zeitlang beschäftigte ich mich
noch mit dem Mädchen, aber dann vergaß ich dieses Menschenkind.
Einige Wochen später erhielt ich von Bruder Max Rödel in
Leipzig die Aufforderung, nach Leipzig zu kommen und vor seinem versammelten
Kreis zu sprechen. Ich sagte zu und fuhr an einem Samstagnachmittag nach
Leipzig. Ich wollte gerade über den Platz zu einer wartenden Straßenbahn gehen,
da kam mir eine Dame entgegen und begrüßte mich voller Freude. Ich entgegnete:
„Sie täuschen sich, ich kenne Sie ja gar nicht“
Aber sie ließ nicht locker: „Doch, Sie sind der Mann, den
der Heiland mir geschickt hatte. Bitte kommen Sie mit mir in das Cafe dort, ich
muß Ihnen alles erzählen. Heute sind Sie mein Gast“
Ich wollte eigentlich ablehnen, aber die Erinnerung an
damals ließ es nicht zu. Hand in Hand gingen wir in das noble Cafe und sie
erzählte mir alles:
„Als ich von Ihnen fort ging, habe ich mir vorgenommen,
alles zu tun, was Sie mir geraten hatten. Schon auf dem Weg zu meiner. Wohnung
betete ich unablässig und habe mich nach keinem Menschen umgesehen. Die ganze
Nacht habe ich kein Auge zutun können, ich mußte immer weinen und beten.
Frühzeitig machte ich mich auf den Weg zu meinem Chef und
betend betrat ich das Büro. Der Chef war da. Aber ehe ich ihm etwas erklären
konnte, unterbrach er mich gleich und sagte: ‚Endlich kommen Sie. Wie sehr habe
ich bereut, Sie entlassen zu haben. Nicht Sie, sondern
die Directrice war der Dieb. Wenn Sie wollen, nehmen Sie
Ihre Stelle gleich wieder ein.’
Ich weinte vor Freude und konnte kaum etwas sagen. Der
Chef sah mich fragend an. Da erzählte ich ihm die ganze Begegnung mit Ihnen und
daß der Heiland mich zu ihm geschickt hätte. Mein Chef war erstaunt, solche
Worte von mir zu hören und sagte: ‚Den Menschen möchte ich einmal
kennenlernen.’
So trat ich wieder meine Arbeit an und habe oft an Sie
gedacht. Heute ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen, denn durch Sie habe ich
meinen Heiland gefunden.“
.
Ich war erstaunt über dieses Bekenntnis und lud sie zu
unserer Versammlung ein, nannte auch die Adresse von Bruder Max Rödel. Aber
sie lehnte ab, weil sie mit ihrem Verlobten zu ihren Schwiegereltern fahren
wollte.
Was sich da in meinem Inneren abspielte, ist nicht mit
Worten zu fassen. Der erste, dem ich das Ganze erzählen konnte, war Bruder Max
Rödel. Die Sonntagsversammlung stand unter dem Motto des
Jesuswortes: „Lebet untereinander so, daß Mich niemand vermißt!“ Ich fühlte
mich besonders angesprochen durch den Satz: „Alles, was Du tust aus Deiner
innersten Liebe zum Heile deiner Mitmenschen, soll sein, als hätte Ich es
getan!“
Ein neuer Freund
Nun ein anderes tiefgründiges Erlebnis. In Chemnitz hatte
mich seinerzeit ein Inder [als
Geistwesen, s. S. 25] durch
Martha Grönert von meiner Besessenheit geheilt. Inzwischen konnte ich ihn
selbst sehen, so wie man eben Geister sieht. Seine überlegene Art störte mich
zwar oft, doch mit der Zeit konnte ich ihn in mir, das heißt gedanklich, immer
besser vernehmen und erfuhr, daß er mein Schutzgeist sei und ein Hüter oder Wächteramt
bei mir ausübe. Ich konnte mich nicht so recht mit ihm verständigen, alles
klang so anders, als ich es in den Büchern von Lorber gelesen hatte. Oft gab
es regelrechte Auseinandersetzungen mit ihm, weil ich mich ihm nicht
unterordnen wollte und auch nicht das tat, was er mir riet. Ich widersetzte
mich ihm also öfter.
Als ich mich wieder einmal in einem verrufenen Lokal (dem
Burgkeller) befand, drängte er mich, ich solle das Lokal verlassen.
Ich widersetzte mich und sagte: „Nein, mein lieber Hasso
Castro, ich bleibe bis 9 Uhr, erst dann gehe ich heim.“
In diesem Augenblick trat eine alte Mutter mit ihren zwei
Töchtern in das Lokal und nahm an meinem Tisch Platz. Sie mußte hier gut
bekannt sein, denn im Nu war die Tafel voll besetzt, und ich saß mitten drin
und noch ein anderer Herr neben mir. Mir war unheimlich, aber ich dachte nicht
ans Fortgehen, obwohl Hasso Castro drängte. Ich blieb.
Die Unterhaltung drehte sich nur um das Niedrigste und
Gemeinste. Am schlimmsten war die alte Mutter, die mir anbot, ich solle die
Nacht bei ihrer Tochter bleiben. Da ging ich zur Offensive über und fragte die
alte Mutter laut vor allen Menschen, ob sie eigentlich ihre Töchter zu
ordentlichen oder zu ausschweifenden Menschen erzogen habe. Ob sie noch
niemals daran gedacht habe, daß Gott sie einmal fragen werde: „Wo sind Deine
Töchter geblieben ?“
Nach einem Schweigen fielen sie alle über mich her, warum
ich überhaupt hierher komme und was ich eigentlich wolle. Ich aber hatte nun
Boden unter die Füße bekommen und sagte: „Ich wollte nicht hierher kommen,
sondern ich mußte hierher kommen, weil in meiner Brust etwas lebt, dem ich mich
unterordne.“
Es ging hin und her, da fiel das Wort von irgendeinem
Mädchen auf das „Fortleben“. Ich fing das Wort auf und erzählte, daß es ein
Fortleben nach dem Tode gebe, und daß sehr viele Verstorbene unsichtbar hier
seien, die nur ihre sexuelle Befriedigung ausleben wollten. „Und Du, Mutter
Deiner Töchter, bist die Handlangerin.“
Da ging es über mich her. Ich aber blieb ruhig und gelassen.
Als meine Zeit um war, wollte ich gehen. Nun sollte ich auf einmal bleiben.
Doch ich verließ das Lokal nach Bezahlung meiner Zeche. Aber der Mann, der
neben mir saß und die ganze Zeit über kein Wort gesagt hatte, folgte mir und
redete mich an: „Hören Sie, lieber Mann, ich muß mit Ihnen sprechen. Ich gebe
zu, ich wollte mir ein Mädel für die Nacht holen, aber Sie haben mir die Augen
geöffnet. Bitte kommen Sie mit mir in ein gutes Lokal, ich muß mit Ihnen
sprechen.“
„Gut“, sagte ich, „ich will Ihnen aber keine Unkosten
machen, ich kann meine Zeche selbst bezahlen.“
Wir gingen in den Fremdenhof, aber alles war besetzt.
Doch an einem Tisch saßen nur zwei Damen. Dort fanden wir Platz, und ich sagte
offen zu dem Herrn:
„Scheuen wir uns nicht vor den Damen, und seien Sie offen
zu mir, ich werde auch zu Ihnen offen sein.“
Es kam zu einer Unterhaltung, an der sich auch die bei
den Damen beteiligten. Was ich sagte, muß einen tiefen Eindruck gemacht haben.
Es kam mir vor, als wären wir längst gute Bekannte. Über drei Stunden saßen
wir zusammen. Wenn ich nicht zum Zug gemußt hätte, wir hätten noch viel zu
erzählen gehabt.
Der Mann war aus Plauen im Vogtland. Sein Zug ging zehn
Minuten später als meiner, und so gingen wir gemeinsam zum Bahnhof. Auf dem Weg
dorthin fragte er mich eindringlich: „Sagen Sie mir ehrlich: Sprechen Sie die
Wahrheit oder spielen Sie nur Theater? Entweder Sie sind der wahre Christ oder
ein großer Schauspieler. Sie behandeln dieses mystische Problem mit einer
Innigkeit und Nüchternheit, wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe.
Mit einem Schlag sehe ich mein verlorenes Leben. Nun frage ich: Was soll ich
tun, damit ich ein anderer Mensch werde?“
Darauf ich: „Lieber Freund, Sie müssen nicht nur an Jesus
glauben, sondern mit Jesus rechnen, daß er da ist. Sein Dasein können Sie
nicht aus der Welt schaffen. Ohne ihn gehen Sie verloren, aber mit ihm lernen
Sie, andere Wege zu gehen.“
Er meinte: „Mann, eben darum handelt es sich ja. Ich habe
genug von all den Betbrüdern, alles atmet nur Heuchelei, wenn sie von Moral
reden.“ „Leider’, sagte ich, „ist das oft der Fall, aber man darf auch das Kind
nicht mit dem Bade ausschütten. Jesus verlangt nichts. Er bittet nur: ‚Laß mich
bei Dir Wohnung nehmen!’
Ich kenne Jesus aber noch von einer anderen Seite, denn
Er ist nicht nur Liebe und Wahrheit, sondern auch ewige Erbarmung. Ich war ein
Verlorener, ohne jegliche Aussicht auf Errettung, dabei bin ich ein Wissender
gewesen von Jugend an. Und doch: die Gebete meiner seligen Mutter haben Jesus
bewogen, mir zu helfen. Er tat es so, daß es für mich kein Ausweichen mehr gab.
Und als ich den guten Willen zeigte, belohnte er mich, den größten Sünder,
indem er mich in einem Augenblick von meinen drei größten Leidenschaften
heilte: nämlich vom Rauchen, Fluchen und Kartenspielen. Schon im nächsten
Augenblick hatte ich eine derartige Abneigung dagegen, daß ich keine Lust mehr
hatte, mich diesen Lastern noch einmal hinzugeben.
Ich erkannte die unsagbare Liebe und wurde ein Dankender.
Was ich heute tue, ist weniger Arbeit und Aufgabe, es ist Dank und Bedürfnis.
Ich bin es meinem Heiland schuldig, denn er ist mir inzwischen Gott und Vater,
aber auch Freund und Bruder geworden.
Das mußte ich Ihnen, lieber Freund, sagen. Behalten Sie
mich immer in Erinnerung, denn auch an Ihnen soll die heilende und erlösende
Liebe Jesu Christi offenbar werden. Dort an dem Schalter tue ich Dienst. Wenn
Sie wieder einmal nach Zwickau kommen, fragen Sie, ob Kamerad Seltmann da ist,
und wir können uns weiter unterhalten. Leben Sie wohl, und Jesus sei mit
Ihnen!“
Noch oft kam der Freund aus Plauen an den Schalter und
erkundigte sich nach mir. Manchmal war ich nicht da, aber seine Grüße haben
mich immer gefreut. Traf er mich an, dann gab es ein Gespräch wie mit einem
lieben Verwandten.
Rettung zweier Verzweifelter
Nun will ich noch ein besonderes Erlebnis festhalten. An
einem Nachmittag wurde ich getrieben, in eines der schlimmsten Lokale zu
gehen. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit. In diesem Lokal
{Felsenkeller} saßen an die 20 Arbeitslose an einer großen Tafel. Ich grüßte
„Glückauf“, aber nur einer dankte mir. Neben ihn setzte ich mich, das heißt,
es mußte erst Platz gemacht werden.
Dieser Mann, er war etwa Mitte 30, sprach ganz unerwartet
offen zu mir. Erst konnte ich mir gar kein rechtes Bild machen, was er mir erzählen
wollte, aber dann wurde es mir klar: Er müsse sich noch „einen ansaufen“, damit
er den Mut habe, seine Frau und seine Kinder totzuschlagen und sich dann
selbst wegzuräumen.
In mir kam wieder die Ruhe und Sicherheit auf: „Kamerad,
komm, wir gehen in ein ruhiges Lokal, wo wir alleine sind. Wir haben uns viel
zu erzählen.“
Der Mann war nicht betrunken, aber besessen von seiner
satanischen Idee. Seine Augen glänzten. Willig ging er mit mir in ein anderes
Lokal, wo wir mehr Ruhe hatten. Ich bestellte zwei Glas Bier und bezahlte sofort.
Nun waren wir ungestört.
„Kamerad,“ begann ich, „was ist eigentlich mit dir
los? Sei ganz offen zu mir. Ich meine es gut mit dir.“
Ich sah ihn an und nahm seine linke Hand in meine rechte.
Da fing er an zu sprechen und schilderte mir sein Eheleben: Daß die Frau auf
die Straße gehe und er das nicht mehr ertragen könne. Er sehe keinen anderen
Ausweg und so sei es doch das Beste für ihn. Er erzählte noch von seinen
Bemühungen, Arbeit zu bekommen und entschuldigte sein Tun und sein Vorhaben.
Ich beruhigte ihn, daß ich großes Verständnis für ihn
habe und fragte ihn: „Hast Du es schon einmal mit dem Heiland, mit Jesus
versucht?“
Er schwieg. Ich stellte ihm die Lage so dar: Wenn er glaube,
auf diese Weise dem Elend entrinnen zu können, werde er in ein noch größeres
hineinrennen. „Glaubst du denn nicht an ein Fortleben? Was würdest du sagen,
wenn du deine Mutter darüber an den Rand der Verzweiflung brächtest?“
Da war er ganz erschüttert: „Sage mir nichts von meiner
Mutter, was hat die schon wegen mir geweint ...“ Er konnte nicht weiterreden.
Ich schwieg, aber mein Herz sprach um so lauter zu ihm.
„Was soll ich denn tun?“ fragte er schließlich. „Ich
komme nicht mehr weiter.“
„Doch mein Freund, der Heiland ist noch da und ist dir
näher, als du glaubst, denn er sendet mich, dir zu helfen, und in meiner liebe
kommt er jetzt zu dir.“
„Nein, nein, das kann ich nicht glauben, alles ist
verloren.“
„Nicht doch, lieber Freund, ich will dir einen Vorschlag
machen. Würdest du mich in deine Wohnung bringen? Ist deine Frau zu Hause und
auch deine Kinder?“
Er nickte, aber er wollte darauf nicht eingehen. Ich
redete ihm zu: „Der Heiland in mir will euch allen helfen!“
Nach vielem Hin und Her gingen wir. Die wenigen Schritte
bis zu seiner Wohnung redete ich kein Wort, er auch nicht. Wir kamen in das
alte kleine Haus, finster die Treppe, ein schwaches Licht erhellte den Hausflur.
An der Tür erkannte ich auch den Namen: Seidel. Er öffnete die Tür. Ich betrat ein
dunkles Zimmer. Die Frau sah mich an und wich zurück, als ich ihr die Hand zum
Gruß reichen wollte.
Ich sagte: „Liebe Frau Seidel, denken Sie nicht schlecht
von mir. Ich will nichts von Ihnen, sondern Ihnen etwas schenken, was Ihnen
beiden den Frieden bringen soll.“
„Den kann ich schon gebrauchen“, sagte sie und reichte
mir ihre Hand, ebenso die beiden Mädchen, sie waren etwa zehn und zwölf Jahre
alt.
Ich ging sofort auf mein Ziel los und sagte: „Frau
Seidel, Ihr Mann hat mir alles erzählt. Ich kann mir Ihre Lage sehr gut
vorstellen und kann Ihnen nur sagen: Euch beiden fehlt der Heiland, Jesus.
Denken Sie aber nicht, daß ich Sie bekehren möchte. Ich will Ihnen nur den Weg
zeigen, wohin Ihr beide Euch verirrt habt, und wo Ihr beide landet: in der größten
Verzweiflung, wo jede Rettung aussichtslos ist.“
Da sagte sie ohne jede Erregung:
„Hat Ihnen mein Mann auch alles erzählt? Ich glaube
nicht. Ja, ich gehe auf die Straße, weil ich meine Kinder nicht verhungern
lassen will, weil mein Mann seine Arbeitslosenunterstützung für sich und andere
Frauen verwendet. Wenn ich kein Essen auf den Tisch bringe, bekomme ich noch
Schläge obendrein. Wir hatten es so schön. Ich habe mitgearbeitet. Aber jetzt
ist es nicht möglich, Arbeit zu bekommen, und Gott hat uns vergessen. Reden Sie
mir nicht mehr von einem Heiland! Der heutige Heiland ist Geld und Arbeit. Auch
ich möchte heraus aus den Verhältnissen. Und glauben Sie, daß es mir Freude
macht, mich zu verkaufen? Mich ekelt das leben an, aber meine Kinder sind mir
mehr, als ich sagen kann, und nur um der Kinder willen tue ich es. Wie lange
das noch geht, weiß ich nicht, denn auch ich bin fast am Ende.“
Ich war erschüttert, wandte mich zu dem Mann und sagte:
„Also so sieht es aus, so einer bist du! Viel zu schade
bist du für den Heiland. Um deinetwillen wird deine Frau zur Hure, um der
Kinder willen. Um auch dich nicht verhungern zu lassen, tut sie, was sie
glaubt, tun zu müssen. Weißt du überhaupt, wie schuldig du dich machst?
Ich kenne viele Arbeitslose, aber zu hungern braucht
keiner. Ich sehe hier in eurer Stube nur Reinlichkeit und Sauberkeit und einen
guten Willen für deine Kinder. Du gemeiner Mensch, du! Und diese Frau willst
du mit deinen Kindern umbringen? Was mußt du für ein Teufel sein, wenn du
vorhast, diesen Engel auch noch zu bestrafen. Gib mir Antwort in Gegenwart
deiner Frau und deinen Kindern!“
Der Mann schwieg auf meine harten Anklagen hin. Die Frau
und die Kinder weinten.
Ich sagte: „Frau Seidel, was soll nun werden? Geredet ist
genug, ich fühle es, daß Sie sofort Ihr verkommenes leben aufgeben, sobald Ihr
Mann sich wieder zum Besseren wendet. Und du, zu dir sage ich nur ein Wort:
Möchtest du nicht wieder ein anständiger Mensch werden?“
Zusammengekauert saß er auf der Fußbank und weinte, aber
er blieb stumm.
Ich fragte die Frau: „Würden Sie Ihrem Mann alles
vergeben, wenn er wieder zu einem ordentlichen Menschen wird? Sie haben Ihn
doch geliebt. Er ist nicht schlecht, nur verloren hat er sich.“ „Vergeben ja,
ohne jede Überlegung. Aber Schläge zu bekommen für meine Liebe, das wäre
zuviel. Ich muß ja mit ihm zusammenleben, schon um der Kinder willen. Wie kann
ich denn den Mann noch lieben, wenn sich die Kinder ihres Vaters schämen
müssen?“
„Kamerad, du hast gehört, was deine Frau gesagt hat. Was
gäbe mancher Mann für eine Frau, die eine solche Gesinnung hat, die nur um der
Kinder willen sich zu einer Verlorenen gemacht hat. Nun rede endlich und höre
auf mit deinem Geflenne!“
Er stand auf: „Mann, wenn es geht, ja, ich will. Aber wie
soll ich es anfangen ?“
„Das geht ganz leicht, wenn man eine solche Hilfe hat:
den Heiland und deine Frau. Meide das Wirtshaus, denn dort gibt dir niemand
Arbeit und Brot, sondern die paar Mark werden dir noch aus der Tasche geholt.
Liebe deine Frau wieder wie am ersten Tag und habe Vertrauen zu dir selbst,
dann wird alles ins rechte Lot kommen. Liebst du deine Frau noch? Und Frau
Seidel: Lieben Sie noch Ihren Mann?“ Beide nickten.
„Also reicht euch die Hände, und verzeiht euch, und
besiegelt den neuen Bund mit einem Kuß, der aber von Herzen kommen muß.“ Da
reichten sich die beiden Menschen die Hände und die Frau sagte: „Vergib mir,
niemals sollst du wieder Grund zum Klagen haben. Aber du mußt auch tun, was
dieser Mann dir sagt.“ Weinend umarmten sich beide.
Da sagte ich: „So ist es recht. Nun wollen wir Versöhnung
feiern. Frau Seidel, haben Sie Kaffee zu Hause?“’ Sie nickte.
„Hier, ihr beiden Mädels, sind zwei Mark, geht und holt
Kuchen für das Geld, denn Versöhnung muß gefeiert werden. Sie kochen uns einen
guten Kaffee und dann will ich euch noch etwas erzählen von der Liebe des
Heilandes, was ihr noch nicht gehört habt.“
Ich berührte das Vergangene nicht mehr, sondern erzählte,
wie der Heiland jedem Verlorenen nachgeht, der einen guten Willen hat. Beim
Kaffeetrinken wurde es recht gemütlich, denn die vier lauschten meinen Worten.
Ich erzählte ihnen aus meinem Leben, wie uns auch die Not mit unserem blinden
und schwachsinnigen Kind nicht gehindert hatte, nur in der Nachfolge Jesu leben
zu wollen, der sein Leben auch für uns geopfert hat.
Frau Seidel konnte ich als Schwester gewinnen. Sie fehlte
danach in keiner Versammlung. Niemals mehr klagte sie über ihren Mann, der auch
bald im Bergwerk Arbeit bekam. Nie mehr wurde die Vergangenheit hervorgeholt,
denn Jesus hatte ja die Schuld gestrichen. Voll Dank war mein Herz, wenn ich
die Frau mit ihren Kindern in unserer Versammlung sah.
Freunde auf Erden und im Himmel
Nun muß ich noch einmal um Jahre zurückgreifen. Es war
1915. Damals verunglückte ein Kamerad namens Uhlig. Er war zwischen die Puffer
von zwei Eisenbahnwaggons gekommen und war sofort tot. Die Witwe war Baptistin,
Kamerad Uhlig ebenfalls. Ihre Nachbarin Ida Erler ging mit mir in die „Stunde“
(spiritistische Zusammenkunft), war aber Anfängerin auf diesem Gebiet, wie ich
damals auch.
Ich besuchte sie eines Abends. Ihr Mann machte Musik bei
einer Gesellschaft und war nicht zu Hause. Ida hatte auch ihre Nachbarin Uhlig
und einige andere eingeladen. Das Gespräch drehte sich natürlich um den toten
Nachbarn. Da sah ich ihn anwesend, ganz wie zu Lebzeiten in seiner Uniform, und
ich erzählte davon. Die Witwe Uhlig bezweifelte das, da er doch „wiedergeboren“
sei. Meine Schauung trügte mich aber nicht, es war sicher mein Kamerad Uhlig.
Ich wandte mich an Ida Erler:
„Ida, wir wollen beide um Klarheit beten und dem toten
Bruder im Geiste Jesu die Hände auflegen.“
Und zu ihm in seiner Geistgestalt: „Kamerad, du hast
bestimmt Interesse daran, daß deine Frau erlebt, daß du hier unter uns bist. Du
bist doch kein Verlorener, du warst ja gläubig. Aber in einem Himmel kannst du
auch nicht sein, sonst wärst du nicht unter uns. Wir wollen dich stärken. Gib
deiner Frau einen Beweis, daß du wirklich da bist.“
Dann stellte ich mir meinen Kameraden als Mensch vor und
legte ihm die Hände auf und Schwester Ida legte ihre Hände auf meine. Ich betete
laut: „Lieber Heiland, wenn es Dein Wille ist, dann stärke diesen Bruder, um
Dich zu verherrlichen.“ Ich sah, wie sich der geistige Freund Uhlig umschaute
und sich an einem Küchenrahmen zu schaffen machte. Dann sahen wir, wie sich
eine Rolle Sandpapier, die in ein Töpfchen hineingesteckt war, zu bewegen
begann. Alle hielten den Atem an. Das Sandpapier wurde ohne unser Zutun
richtiggehend aus dem Töpfchen heraus gedreht und fiel hinunter. Wir blickten uns
an. Mein geistiges Auge war wieder geschlossen. Ich sagte: „Laßt uns danken für
den Beweis einer solchen Liebe, dass sich ein Bruder manifestieren kann. Und
betet: Lieber treuer Heiland, Jesus Christus, wieder durften wir Deine
unsagbare Liebe erleben. Wir sind viel zu schwach und zu klein, um Dir genug
danken zu können. Nimm hin unseren schwachen Dank um Deiner Liebe willen.“ Das
ganze löste aber bei der Witwe Uhlig das Gegenteil aus. Erregt beharrte sie,
sie könne es nicht glauben. Das sei ein Geister-Zitieren und sie wolle es sich
überlegen, ob sie nicht Strafantrag wegen groben Unfugs stellen werde. - Sie
tat es dann aber nicht, weil ihr Prediger da zu keine Zustimmung gab; es sei
doch alles in Ordnung und mit Gebet zugegangen. Ida Erler wurde durch dieses
Geschehen tief beeindruckt und selbst hellsehend.
Nach zwei Jahren erkrankte Schwester Ida. Ich besuchte
sie, wenn ich Zeit hatte. Ihr Mann war im Krieg gefallen und mit ihren bei den
Kindern stand es nicht zum Besten. Sie konnte nichts essen außer Sahne und
davon so wenig, daß eine volle Kaffeetasse für eine Woche reichte. Ich konnte
ihr aber die Sahne besorgen von einer Schwester in Steinpleis, die ein
Rittergut hatte. Jede Woche trug ich ihr diese Tasse voll Sahne hin. Als ich
wieder einmal kam, sagte sie: „Max, du brauchst nur noch ein mal zu kommen.
Das sagt mir jetzt dein Engel, der dich immer begleitet. Er hat ein leuchtendes
R auf seinem Kopf. Es wird wohl sein Name sein, der mit einem R anfängt, denn
er nickt jetzt.“
Wirklich, ich brachte ihr nur noch einmal das
Liebesgeschenk. Als ich kam, empfing sie mich mit den Worten: „Max, der Engel
dankt dir für deine Mühe.“ Sie sprach wenig. Der Besuch bei dieser
Schwerkranken war immer ein Gottesdienst für mich. Ida wurde begraben und die
Kinder kamen zu Verwandten.
20 Jahre später. Ich befand mich auf Urlaub mit einem
Berufskameraden unten am Kochelsee. Die Frau des Kameraden war eine fröhliche,
immer gut gelaunte Person und gesellte sich gerne dazu, wo viel gelacht und Spaß gemacht
wurde. Eines Tages gingen wir schon frühzeitig los, um auf den Herzogstand zu
steigen. An einer Verkaufsbude stand eine Anzahl Mädchen, lauter lustige, frohe
Menschenkinder. Ich beteiligte mich mit einem Scherz an ihrer gesunden
Fröhlichkeit.
Da sprach mich ein Mädchen an: „Sind Sie Sachse?“ „Ja,
ein waschechter noch dazu“, versicherte ich ihr, „aus Werdau bei Zwickau.“ „Bei
Zwickau?“ erstaunte sie. „Kennen Sie Lichtentanne?“ „Aber ja, mein Fräulein,
ich habe dort fast zwölf Jahre gelebt.“ „Ist Ihnen Robert Erler, der 1917 gefallen
ist und meine Mutter Ida Erler bekannt?“ „Ja, sehr gut! Dann bist du wohl die
kleine Ida? Wo ist dein Bruder Georg?“ Da rief sie ihren Freundinnen zu: „Geht
alleine weiter, ich habe einen Freund meiner Mutter getroffen!“ und wandte sich
wieder zu mir: „Sie gestatten doch, daß ich mich Ihnen anschließe?“
„Aber gern, kleine Ida. Ich sage nun wieder Du, wie du zu
mir damals Onkel sagtest. Sage es ruhig jetzt auch wieder.“
So stiegen wir nun nach oben und ich bat sie: „Ida,
erzähle mir, wie es dir und deinem Bruder ergangen ist. Bergauf fällt mir das
Reden schwer, aber oben werde ich dir dann manches erzählen.“
Ich erfuhr viel Wichtiges und Unwichtiges. Oben genossen
wir erst einmal die herrliche Fernsicht. Dann zogen wir uns zurück und machten
es uns unter Latschenkiefern bequem. Nun erzählte ich die Geschichte ihrer
Mutter. Ich will sie hier im Stenogrammstil festhalten. „Deine Mutter, Ida, war
eine Berufene wie selten eine Frau. Dein Vater war ungläubig. Aber sie haben
eine gute Ehe geführt. Deine Mutter war katholisch, dein Vater evangelisch.
Dein Bruder ging in die Schule, du noch nicht. Als dein Vater gefallen war,
wurde deine Mutter eine Geisterseherin, wie Kurt Münch, damals der größte
Hellseher. - Ich fühlte mich mit deiner Mutter liebevoll verbunden. Ich hatte
ihr viel zu verdanken, da ich zu der Zeit selbst ein Suchender und Ringender
war.
Nach dem Tode deines Vaters zog deine Mutter zu Kurt
Münch, wo sie dann krank wurde und starb.
Nun höre: Durch deine Mutter haben sich große Engel
offenbart und auch mir Dinge gezeigt, die sich teils in irdischen, teils in
geistigen Sphären zutrugen. Zum Beispiel gab mir dein Vater einmal ein Bild seines
Lebens in der Geisterwelt. Er bedauerte, daß er sich nicht losreißen könne von
den Stätten, an denen er immer Musik gespielt habe. Ich konnte und durfte ihm
ein klein wenig Licht bringen. Als Mensch hatte er davon nichts wissen wollen,
aber jetzt wollte er alles tun, um sein Leben zu bessern. Es sei so hart, da
der Weg zum Heiland unendlich schwer sei. So erlebte ich deines Vaters Reue und
Umkehr.
Deine Mutter aber, geläutert durch ihr Leiden, brachte
wunderbare Offenbarungen. Ich fing fast an zu zweifeln, daß ein Mensch von
einem Kaffeelöffel Sahne überhaupt leben konnte. Auf die Stunde hat sie mir ihren
Tod vorausgesagt und hat auch von dir und Georg erzählt, daß ich mich um euch
keine Sorgen zu machen brauchte. Ihr kamt fort von Lichtentanne. Mit deiner
Mutter habe ich oft Kontakt gehabt, weil auch ich die Gabe erhielt, geistige
Freunde zu sehen. So erlebte ich einmal, wie sie mir mit deinem Vater erschien
und zu mir sagte: ‚Bruder, das geistige Leben ist nur eine Fortsetzung des
irdischen Lebens, aber viel ernster. Wer einmal das Leben begriffen hat und es
aus der Gnade Gottes lebt, für den ist es leicht und wird es zur Seligkeit’“_
Lange saß das Mädchen da, in ihren Augen Tränen, aber
auch ein Leuchten: ,“Lieber Onkel Max, mir ist es, als wenn ich dich jetzt
wieder erkenne und als wenn meine Mutter ganz dicht neben mir säße. Als ich
mündig wurde, kam mein Bruder Georg zu mir und wollte mich zwingen, ins Kloster
zu gehen, weil auch er in der Klosterschule erzogen wurde. Ich war bei einer
Tante, die meinem Beichtvater und Hochwürden den Haushalt in Freiburg führte.
Ich lehnte die Art ab, wie Georg sich mir gegenüber
benahm: überhaupt nicht wie ein Bruder. Ich konnte nicht ständig so ernst sein
wie er, ich liebte ja mein Leben.
Ich hatte
Schneiderin gelernt. Als ich meinem Bruder allen Ernstes sagte, ich ginge
nicht ins Kloster, wurde er direkt brutal. In diesem Augenblick kam mein Onkel
Hochwürden ins Zimmer und stellte Georg zur Rede, wie er als Sohn der Kirche
so lieblos sein könne. Da sagte mein Bruder: ‚Ich muß über meine Schwester
wachen, damit sie nicht eine Verlorene wird wie unsere Mutter.’
Ich war erstarrt. Aber Hochwürden sagte: ‚Ist es nötig,
daß du als rechter Sohn der Kirche deine Mutter noch im Tode verleumdest?
Warte einen Augenblick, ich werde etwas holen und du sollst Zeuge sein, wie
ich deine Schwester jetzt belohne.’
In wenigen Minuten kam er zurück und hatte zwei Briefe in
der Hand. Als er sich gesetzt hatte, las er uns beide Briefe vor und erklärte
dazu: ‚Ehe ich euch hier aufnahm, habe ich den Pfarrer in Lichtentanne und den
Geistlichen der katholischen Kirche in Werdau um Auskunft gebeten. Hier die
Antworten.
Der katholische
Pfarrer schrieb: ‚Ida Erler ist als eine Verlorene zu betrachten, denn sie hat
trotz meiner Warnungen und ernsten Vorstellungen meinerseits den Ungläubigen
Robert Erler geheiratet und niemals mehr von den Gnadenmitteln der Kirche
Gebrauch gemacht.’
Der Pfarrer der evangelischen Kirche schrieb: ‚Ida Erler
ist das Weib eines ehrlichen und braven Mannes geworden, der seine Familie
liebte und niemals Grund zur Klage gab, obwohl er viel in unseriösen Gesellschaften
verbrachte, weil er dort Musik machte. Sein Tod wurde von allen betrauert. Ida
Erler lebte ein religiöses Leben, wie wenige in meiner Gemeinde. Sie hat durch
ihre Geistesgaben manchen Menschen den Weg zu Jesus bahnen dürfen und sich
dadurch einen Schatz und einen Platz im Himmel erworben.’
So ist das Urteil der zwei Priester, meine Kinder, und du
Georg, laß dir das eine Lehre sein für dein ganzes Leben. Dir aber, meine Ida,
lebe dein Leben, wie ich es dich gelehrt habe in Gottesfurcht und Liebe, dann
wird die selige Jungfrau Freude an dir haben. Somit überreiche ich dir die
beiden Briefe, die eine Ehrenrettung deiner Mutter sind. Du bleibst bei uns,
solange ich lebe.’
Nun, lieber Onkel’“, erzählte sie weiter, „habe ich einen
Bräutigam, leider ist auch er evangelisch. Ich lasse aber nicht von ihm. Er
hatte in Freiburg eine gute Stelle als Kaufmann. Auf einmal wurde er entlassen
‚wegen Arbeitsmangel’, wie es hieß. Ich erfuhr, wer der eigentliche Urheber
war: mein Bruder Georg. Lebte mein Onkel noch, wäre das sicher nicht geschehen.
Doch nun könnten wir bald heiraten, denn mein Bräutigam hat in Köln wieder
eine Stellung gefunden. Was rätst du mir: Soll ich unter diesen Umständen noch
katholisch bleiben?“
„Ida, was glaubst du, was deine Mutter sagen würde, wenn
sie hier wäre ?“ „Onkel Max, ich glaube, meine
Mutter ist jetzt hier und sagt: ‚Meine Ida, im Himmel wurde noch keiner
gefragt, welchen Glauben er hat, aber es wird gefragt: Kind, wie hast du
geliebt?’“
„Ida, nimm an, es ist deine Mutter, die dir das sagt. Ich
sehe sie jetzt im Geiste vor uns beiden stehen.“
Beim Abschied sagte das Mädchen zu mir: „Onkel Max, du
ahnst nicht, was du mir mit deinen Erzählungen für ein Geschenk gemacht hast.
Endlich habe ich etwas von meiner Mutter erfahren dürfen, was mir Freude
macht. Ich werde oft an diesen Tag denken, den mir Gott geschenkt hat und der
mir den Beweis gebracht hat, daß es ein Wiedersehen im ewigen leben gibt.“
Erlebnisse mit Fürchtegott
Die folgenden Erlebnisse hat Seltmann in einem eigenen
Buch in Form eines Romans ausführlicher geschildert, siehe hierzu die
Bemerkungen im Vorwort. Das Buch erscheint als Band 3 in dieser Schriftenreihe
unter dem Titel: „Arno“. Im folgenden werden dann nur einige Ausschnitte aus
diesem Teil des Lebensberichts Max Seltmanns wiedergegeben. (Erläuterungen der
Herausgeberin sind kursiv gesetzt]
Begegnung in den Bergen
Es war im Jahr 1936. Mit Friedrich Tesch aus Hannover
hatte ich mich verabredet, den Urlaub gemeinsam in Pfronten im Allgäu zu
verbringen. Jeden Tag haben wir wunderbare Ausflüge unternommen und dabei auch
geistige Erlebnisse gehabt. Hier will ich nur ein einziges festhalten, das oft
wieder in mir lebendig wird und mir zeigt, was der geistigen Welt durch ihr
Einwirken alles möglich ist.
Wir waren unterwegs zu den Reichenbacher Wasserfällen,
der Weg war. sehr beschwerlich. Unsere Unterhaltung drehte sich wie immer um
das Geistige. Wir waren so vertieft, daß wir den Fußgänger nicht beachteten,
der vor uns ging, mit einer Tragebutte auf dem Rücken.
Ich muß etwas laut gesprochen haben, denn der Mann hielt
inne und sprach uns an: „Verzeihen Sie einem alten Mann, der auch etwas von
Ihnen vernehmen will, was Sie so untereinander besprechen. Sie reden doch vom
lieben Gott.“
„Aber freilich, zu dritt wandert es sich besser als
allein“, erwiderte ich, „aber es kommt darauf an, ob Sie überhaupt befriedigt
sind von dem, was wir sprechen.“
Da schaute mich der alte Mann mit seinen klaren Augen
offen an.
„Liebe Herren“, sagte er, „Sie ahnen ja gar nicht, was in
mir vorgeht, wenn ich Ihre Worte vernehme. Ich bin ein Verfemter, von dem man
nichts mehr wissen will.“
Ich lächelte. „Ein Verfemter? Lieber Freund, gibt es das
eigentlich noch in unserem modernen Zeitalter? Denn wären Sie ein Spitzbube
oder ein Räuber oder ein Mörder, säßen Sie doch längst hinter Schloß und RiegeL“
„Das wohl nicht, aber mir ist noch viel Schlimmeres
geschehen. Die Kirche droht mir mit dem Fluch.“
„Lieber Mann,“ erwiderte ich, „ich habe mich schon vor
zehn Jahren von der Kirche gelöst, weil ich diese Heuchelei nicht mehr
mitmachen wollte.“
„Waren Sie auch katholisch?“
„Nein, evangelisch. Aber ist denn das die Hauptsache,
einer Kirche anzugehören? Seit ich mich von der Kirche gelöst habe, bin ich
erst richtig frei geworden, weil mir nun die Natur und die schöne Gotteswelt
zur Kirche geworden ist.“
„Das verstehe ich noch nicht. Sie sprechen so erhaben
über Gott und den Heiland, daß ich mich wundern muß. Das können doch nur die
Pfarrer.“
„Lieber Mann, Sie scheinen wenig von der Welt zu wissen.
Haben Sie noch nie einen Laienprediger gehört? Haben Sie noch nie einen anderen
Gottesdienst besucht als den in Ihrer Kirche? Ich achte jeden Glauben, aber
meinen eigenen vertrete ich aus Überzeugung. Mein Glaube ist der an Jesus
Christus, der für mich und für alle am Kreuz gestorben und am dritten Tage
wieder auferstanden ist von den Toten. Er wird sich all denen, die an ihn
glauben und nach seinen Worten handeln, in ihren Herzen offenbaren. Das kann
ich Ihnen auch an Hand der Bibel belegen.“
„Meine Herren, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann möchte
ich Sie bitten: Seien Sie heute mein Gast. Ich muß mit Ihnen sprechen.“
Ich sah Friedrich an, der nickte. „Gut, lieber Freund,“
willigte ich ein, „wir kommen gerne mit, wir können über unsere Zeit verfügen.“
Eine gute Stunde wanderten wir noch und unterhielten uns
dabei.
Dann kamen wir zu einem kleinen Hof. Wir wurden erwartet
und begrüßt von einer jungen Frau mit einem Kind auf dem Arm. „Hier ist meine
Frau und mein Sohn“, sagte er und stellte uns vor.
„Die beiden Herren habe ich unterwegs getroffen und zu
uns eingeladen. - Ich erhoffe großen Nutzen von ihnen für mich und auch für
dich, meine Liesei.“ Der Willkommensgruß der Frau war herzlich, aber sie schlug
die Augen nieder vor meinem Blick. „Liebe Frau“, versuchte ich sie zu
ermutigen, „ich danke Ihnen und hoffe, daß die Zusammenkunft auch Ihnen großen
Segen bringen wird.“
Es war noch eine Magd anwesend, sie musterte uns kalt und
mit feindlichen Blicken.
Bald saßen wir am Tisch bei einem einfachen Mahl.
Nachher, als auch die Tragebütte geleert war, führte uns der alte Hausvater zu
einer Bank, von der aus wir eine wunderbare Fernsicht hatten. Die junge Frau
hatte derweil in der Küche zu tun.
Wir sprachen über die Kirche und den Glauben. Ich lenkte
immer das Gespräch auf Jesus und auf die von ihm ausgehende Gottes- und Liebesbeziehung.
Wir saßen keine zwei Stunden, da wurden wir zum Mittagsmahl geholt und
erlebten, daß auch die Bergbewohner gut kochen können. Nur spürte ich eine
Unfreiheit, die mich geradezu beengte. So suchte ich ein tieferes Vertrauen
beim alten Hausvater. Er hieß Fürchtegott und bot mir und Friedrich das Du an.
„Höre, Fürchtegott, hier bei euch stimmt etwas nicht, vor allem mit euerer
Magd. Ich habe direkt eine Abneigung gegen sie.“
„Du meinst Barbara, sie ist eine Verwandte von mir, eine
gute Katholikin.“
Mir ging eine Ahnung auf, mein Inneres hatte mich nicht
umsonst gewarnt. Aber mit unseren Gesprächen kamen wir nicht vorwärts, und ich
sah wenig Erfolg. Leise meinte ich zu Friedrich: „Am liebsten würde ich
aufbrechen.“ Er stimmte zu.
„Mein Fürchtegott“, sagte ich also, „wir möchten wieder
nach Hause gehen. Wir reden um die Sache herum und kommen nicht weiter.“
Doch er bat: „Könnt Ihr dann nicht später noch ein paar
Tage zu mir kommen? Am liebsten würde ich mit euch gehen.“
Er führte uns in seinem Haus und Gehöft herum. Nur eine
Kuh war im Stall, sonst war das Vieh auf der Alm. Ich wunderte mich, daß das
Ehepaar getrennte Schlafräume hatte. Ich schwieg, aber ich nahm mir vor, doch
noch einmal zu dem alten Mann zurück zu kommen.
Wir verabschiedeten uns kurz von den Frauen. Fürchtegott
begleitete uns ein gutes Stück talabwärts und wiederholte noch einmal seine
Einladung, einige Tage bei ihm zu verbringen. Es solle uns nichts kosten, er
sei so dankbar für das, was wir ihm gegeben hätten. Ich lehnte nicht ab und
glaubte, es sei alles in
Ordnung. .
Das war aber nicht der Fall, denn Friedrich grollte um
den verlorenen Tag. „Friedrich“, sagte ich darauf, „ich werde noch einmal
hingehen. Nicht umsonst wurden wir hierher geführt. Wir haben da eine Mission
zu erfüllen.“
Er blieb bei seiner Ablehnung, und so trennten wir uns
zum Ende des Urlaubs. Ich ging die letzten vier Tage noch einmal auf den Ödhof,
und Friedrich fuhr nach München.
Auf dem Ödhof
Als ich wieder bei Fürchtegott einkehrte, war Bärbel die
erste, die mich begrüßte.
Sie fuhr mich sogleich an: „Glauben Sie ja nicht, daß ich
mich freue, daß Sie wieder hier sind. Wir können Sie gar nicht gebrauchen.“
„Deswegen bin ich wieder da“, entgegnete ich, „aber nicht
für Sie, sondern für Fürchtegott, der kann mich schon gebrauchen. Eins möchte
ich Sie fragen: Gehört das zu Ihrer Religion, daß Sie Gäste, die der Hausvater
eingeladen hat, wieder hinausekeln wollen? - Wo ist Ihre Herrschaft ?“
Sie nannte den Namen eines Ortes, den ich nicht verstand.
Ich setzte mich auf die Bank. Liesei, die junge Frau, kam mit ihrem Kind auf
dem Arm, hieß mich herzlich willkommen und forderte mich auf, mit ins Haus zu
kommen. Ich ergriff ihre Hand. .
„Liesei, dein Mann bot mir das Du an, und ich biete es
dir auch an. Es spricht sich leichter, wenn auch die kleinste Wand weg ist. Ich
komme als euer Freund zu euch und bin diesmal allein. Sei versichert, ich
komme nicht, um euch den Frieden zu stören, sondern zu helfen, den wahren
Frieden zu finden. - Wo ist denn Fürchtegott?“
„Er ist im Heu, eine Viertelstunde von hier. Ich komme
gerade von ihm.“ „’ch werde zu ihm gehen“, erwiderte ich, „ich lasse nur mein
Gepäck ins Haus bringen. Bärbel ist wütend, weil ich wieder gekommen bin.“
„Ich komme mit und zeige dir den Weg zu Fürchtegott. Er
erwartet dich schon, aber er möchte heute gerne mit dem Heu fertig werden.“ Wir
gingen los. Sie nahm wieder ihr Kind auf den Arm.
Unterwegs bat sie mich, ich solle Bärbel nicht bös’ sein.
Sie sei sehr gut zu ihnen, vor allem zu dem kleinen Fürchtegott. „Liesei“,
erwiderte ich, „ich fühle, hier ist ein Geheimnis. Bitte sei offen zu mir. Ich
habe dir nicht nur in die Augen geschaut, sondern auch in dein Herz. Warum hast
du Angst vor mir? Ich mache dir doch keine Vorwürfe. Fühlst du dich irgendwie
schuldig? Weißt du, die wahre Liebe kennt keine Schuldigen.“
„Weißt du etwas von mir? Hat Fürchtegott etwas gesagt?“
„Nein, Liesei, noch kein Wort kam über seine Lippen. Aber
ich ahne und fühle, daß irgend etwas dich sehr bedrückt. Was es auch sei,
du stehst vor mir ganz rein wie die Sonne da. Sieh, auch ich kenne das Leid,
ich habe eine blinde, schwachsinnige Tochter von 18 Jahren.“
„Eine blinde Tochter hast du? Das muß sehr schwer sein.
Wie wird deine Frau damit fertig?“
„Geduldig und wie eine Christin. Was hätte auch das
Klagen für einen Sinn. Was Gott uns schenkt, muß uns doch dienen. Darum müssen
wir danken und alles als Geschenk seiner großen Liebe ansehen.“ „Da bin ich
sicher noch sehr rückständig. Ich lebe in einer steten Gottesfurcht, denn ich
bin eine Schuldige.“
„Liesei, sage das nicht. Kennst du unseren Heiland so
wenig?“
„Lieber Freund, wir sind ohne den kirchlichen Segen
verheiratet. Das ist es, was mich niederdrückt. Ich komme nicht los von dem
dauernden Schuldgefühl.“ „Liesei, du bist ein armes, armes Menschenkind. Jetzt
freue dich, daß ich in euer Haus gekommen bin, und sei nicht traurig, denn ich
komme mit einem Herzen voller Liebe zu euch.“
Bald waren wir bei Fürchtegott angelangt. Er hätte am
liebsten sofort aufgehört mit seiner Arbeit. Aber ich half ihm, und so dauerte
es nicht mehr lange, dann war die Arbeit erledigt. Liesei war wieder zum Haus
zurückgegangen.
Diese Freude, mich wieder zu haben! Der alte Fürchtegott
war wie umgewandelt. Er habe viel über meine Worte nachgedacht. Nun freue er
sich auf das, was er noch von mir hören werde.
Zu Hause ärgerte sich Liesei, denn Bärbel war
weggegangen, ohne ihre Arbeit zu erledigen. So hatte sie nun selbst einen
Kaffee und eine gute Vesper hergerichtet. Wir blieben im Hause am Kaffeetisch
sitzen und erzählten von den Ereignissen in der Welt und von dem, was
eigentlich noch alles geschehen könnte. Fürchtegott war ein völlig weltfremder
Mensch, trotz seiner 70 Jahre.
Nach einigem Hin und Her brachte ich das Gespräch zur
Hauptsache: „Mein lieber Fürchtegott, wir wollen uns lieber mit dem Geistigen
beschäftigen, um die Stunden zu nutzen, die uns hier geschenkt sind. Ich bitte
dich, mein lieber Bruder, sei ganz offen. Ich bin nicht um irdischer Dinge
willen, sondern um des Ewigen willen zu euch gekommen. Mein Freund Friedrich
war darüber etwas verärgert, aber ich fühlte in mir, daß ich euch wichtiger bin
als ihm. - Was ist eigentlich mit Bärbel los? Sie steht mir so feindlich
gegenüber.“
Fürchtegott wunderte sich auch über Bärbels Verhalten.
„Ich ahne es längst, daß da etwas im Gange ist, aber ich weiß nicht recht, was
sie eigentlich will. Wir verstehen uns sonst ganz gut.“
Inzwischen war Bärbel zurückgekommen. Sie sagte nicht, wo
sie gewesen war.
Ich ging mit Fürchtegott wieder hinaus auf die Bank. Das
Wetter war gut, mit würziger luft und klarer Fernsicht, daß ich ganz aufging in
dieser herrlichen Bergwelt.
Nun fing Fürchtegott an, sein Leben zu schildern.
Fürchtegotts „Beichte“
„Lieber Freund, ich bin hier auf dem Hof geboren. Vor
ungefähr 25 Jahren kam ein Mädchen zu uns. Sie hatte nur ein kleines Päckchen
mit ihren Habseligkeiten bei sich, aber eine Sorgenlast auf dem Rücken und
noch eine größere unter dem Herzen. Meine Mutter erbarmte sich ihrer und tat,
was jeder Mensch und Christ tun würde: Sie bot ihr Unterkunft und Gelegenheit,
ihr Kind auszutragen. Das Kind, das sie geboren hat, ist heute meine Frau.
Ja, schaue mich nicht so fremd an, es klingt wie ein
Märchen. Aber es ist ein bitteres Märchen.
Das Mädchen hieß Liesbeth oder Liesei, wie man hier sagt.
Sie war lutherisch.
Als sie ihr Kindchen geboren hatte, blieb sie bei uns.
Mein Vater lebte nicht mehr, meine Mutter besaß das Anwesen als Witwe, und ich
machte die Arbeit. Liesei und ich, wir haben uns innig geliebt, und unserer
Liebe tat es keinen Abbruch, daß wir nur wie Bruder und Schwester miteinander
lebten und Liesei als Mutter ihr Kind zu betreuen hatte. Meine Mutter wußte von
unserer Zuneigung, denn Mutteraugen sehen scharf.
Vor ungefähr 13 Jahren starb meine Mutter an einer
inneren Krankheit, und ich mußte ihr versprechen, Liesei zu heiraten. Sie
betrachtete Liesei längst als ihre Tochter. Daß wir nicht kirchlich heiraten
konnten, lag an Mutters Beichtvater, der gegen diese Ehe mit einer lutherischen
war.
Ich heiratete Liesei trotzdem, habe aber unterlassen,
ihre Tochter, die ebenfalls Liesbeth, liesei hieß, zu adoptieren. Wir haben
eine gute Ehe geführt. leider wurde uns kein Kind geschenkt. Nach den Worten
des Pfarrers ruhte auf mir und meiner Frau kein Segen, sondern ein Fluch. Nun
war es der Wunsch meiner Mutter gewesen, die kleine Liesei katholisch zu
erziehen. So geschah es auch. Der Pfarrer kam, aber nur zu Liesei, der Tochter.
Nun höre! Vor drei Jahren starb Mutter Liesei, meine
Frau. Als sie beerdigt war, wollte man mit allen Mitteln erzwingen, daß
Liesei, unser Kind, aus dem Haus käme, das doch immerhin ihr Elternhaus war.
Sie war noch nicht mündig, und sie sei, wie man sagte, nur mein Stiefkind.
Meine Mutter hatte das Geheimnis, wer der Vater Lieseis war, mit ins Grab
genommen, und in mir ruht es auch. So hatte sie es gewollt, und ich bin es
meiner Liesei schuldig, mich daran zu halten, denn wir haben uns geliebt wie
wahre Menschen. leider wurden wir nicht kirchlich getraut, weil sich der
Pfarrer weigerte. Aber unser leben war Gott geweiht. Nun sollte meine geliebte
Tochter, die doch nicht meine leibliche Tochter war, aus dem Haus. Mir blutete
das Herz, und ich hatte keinen Freund, der mich verstand. Der Pfarrer war mein
schlimmster Feind - unter der
Maske der Frömmigkeit.
Da ging ich nach Innsbruck zu einem Rechtsanwalt und bat
ihn um Rat. Ich erklärte ihm, daß ich das Kind liebe und daß es nicht als mein
Kind anerkannt werde, weil es katholisch sei, aber ich nicht der kirchlich angetraute
Vater sei. Da sagte der Rechtsanwalt zu mir: Da ich doch von der Kirche längst
gelöst sei, stehe mir nichts im Weg, meine Tochter zu heiraten.
,Machen Sie ein Testament und setzen Sie Ihre Tochter als
Erbin ein. Kommen Verwandte und fechten es an, heiraten Sie sie. Aber Ihre Tochter
bleibt die Erbin. Bestellen Sie das Aufgebot und schicken Sie Ihre Tochter bis
zur Heirat irgendwo hin. Drehen Sie dem Pfarrer ein Schnippchen. Niemand kann
das Aufgebot anfechten, weil es ja nicht Ihr Fleisch und Blut ist. Das ist
keine Seltenheit. Sehen Sie zu, daß Sie noch zu einem Erben kommen, dann findet
Ihr leben einen schönen Abschluß .’
Als ich das Liesei unterbreitete, wehrte sie sich
entschieden: ,Du bist mein Vater, ja, fast mehr als ein Vater. Das kann ich
meiner Mutter nicht antun.’ ,Doch,
Liesei, wir müssen heiraten, damit dir die Heimat erhalten bleibt. Und
wenn sich die Hölle gegen uns wehrt, wir bleiben zusammen.’
,Und wenn dann ein Mann kommt, den ich liebe, und du
lebst auch noch, was dann?’
,Dann werden wir auch
einen Weg finden. Es wird schon alles recht werden, glaub mir.’
Und so ist Liesei
meine Frau geworden. Oh, dieser Kampf und immer wieder Kampf! Das Kind ist noch
nicht getauft, wir nicht kirchlich getraut…Wer sollte uns auch trauen unter diesen
Menschen?“
Ich legte meine Hand auf Fürchtegotts Hand:
„Fürchtegott,
du hast mir erst die Hälfte erzählt, denn du bist nicht der Vater deines
Sohnes.“
„Hat dir
Liesei etwas gesagt?“
„Nein, Fürchtegott,
aber ich weiß es, mein Inneres sagt es mir.“ „Dein Inneres hat recht. Es kam
so. Mich besuchte einmal ein Neffe namens Josef und blieb einige Tage hier.
Die beiden jungen Leute verstanden sich gut. Da reifte in mir der Plan, Josef
muß mir helfen. Ich sprach mit Liesei, wie ihr Josef gefalle. Sie sagte: ‚Gut.
Er ist ein prächtiger Mensch.’ ,Dann liebe Josef, als sei er dein Mann. Ich
brauche einen Erben für meinen Hof.’ Entsetzt lehnte sie mit so scharfen Worten
ab, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Ich sei ihr Mann und sie
wundere sich, daß ich sie immer noch für meine Tochter hielte. Sie wolle mir
alles schenken, aber untreu werden, nein, das tue sie nicht. Ich lenkte ein und
sagte, zwingen werde ich sie nicht, aber mir zuliebe könnte sie es tun. Ihr
Kind würde mein Kind sein und der Vater ihres Kindes würde später, wenn ich
nicht mehr bin, ihr rechter Mann sein. Josef blieb auf mein Bitten auf dem Hof,
ich brauchte ihn nötig, das sah
auch Liesei ein. Nach einigen Monaten sagte Josef zu mir:
,Onkel, ich muß heim, das Leben hier wird mir zur Qual, ich kann und darf nicht
mehr hier bleiben.’ Ich lächelte nur und sagte: ,Wohl weil du Liesei liebst?
Mein Josef, ich freue mich herzlich darüber. Liebe sie als dein Weib, und mir
erfüllst du den größten Wunsch meines Lebens. Ich brau che einen Erben für
meinen Hof, damit Liesei eine Heimat hat, wenn ich nicht mehr bin.’ Josef
lehnte entrüstet ab: ,Nein, Onkel, soll ich ein Schuft werden? Gott bewahre
mich davor, so zu handeln.’ Ich aber sagte: ,Und wenn ich dich bitte, demütig
bitte? Tue es, und wenn es so weit ist, dann kannst du gehen und warten auf
deine Liesei. Sie ist und bleibt für mich meine Tochter. Die Ehe ist nur zum
Schein geschlossen, weil ich Liesei sonst hätte fortschicken müssen.’
Nach einigen Monaten kam Liesei zu mir und sagte: ,Vater,
es ist so weit. Nun kannst du dich scheiden lassen von mir. Ich habe unter
Tränen dir deinen Wunsch erfüllt und schenke dir, wenn es Gottes Wille ist, einen
Erben. Aber Josef muß fort. Ja, ich liebe ihn, aber dich liebe ich auch, meinen
allerbesten Vater.’
So ging Josef aus dem Haus, er will warten, bis meine
Zeit gekommen ist. Und er hat Wort gehalten. Bis heute ist er nicht
wiedergekommen, weil ich ihn darum gebeten hatte. Also ist der kleine Bub mein
Sohn. Taufen lasse ich ihn nicht, das habe ich im Testament festgelegt. Er
soll, wenn er mündig ist, selbst entscheiden, welchen Glauben er annehmen will.
So, Max, das ist meine Beichte. Was sagt nun dein Heiland dazu?“
„Fürchtegott, mein Heiland sagt: ,Alles, was du in Liebe
tust, das ist so, als hätte Ich es getan.’ Darum liebe deinen Sohn, damit er
auch ein „Fürchtegott“ werde. Lieber wäre mir, er hieße Liebegott, denn nur in
der Liebe kann das Gottesleben in unserer Brust wachsen und Frucht für die
Ewigkeit bringen.“
Am Abend war auch Bärbel wieder da. Sie benahm sich sehr
freundlich, so daß ich mir dachte: Na, was wird sie wieder ausgeheckt haben? Ihre
Freundlichkeit war zu auffallend.
Wir blieben am Abend noch lange zusammen.
Wir überspringen hier einige Abschnitte des Berichts.
Darin wird u. a. eine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Pfarrer
geschildert,
der von Bärb/ über den Besuch Se/tmanns informiert worden
war und nun kam, um „nach dem Rechten zu schauen“.
Wir fahren fort mit Se/tmanns Bericht beim /etzten Abend
seines Aufenthalts auf dem Ödhof.
Abschied vom Ödhof
Der Nachmittag verging schnell. Bärbel mußte wieder etwas
besorgen und wir, Fürchtegott, Liesei und ich, gingen zusammen auf die Anhöhe.
Am Abend wollten wir noch eine kleine Feierstunde halten. Meine Ab reise war
auf morgen Nachmittag festgesetzt, da ich dann einen günstigen Zug nach
München hatte mit Anschluß nach Hof.
Gegen Abend war auch Bärbel wieder zurück und wir
beschlossen, etwas länger aufzubleiben, da es der letzte Abend war. Als alles
in Ordnung gebracht war und der Kleine schlief, setzten wir uns wieder auf die
Bank. Ich war innerlich so erfüllt von dem Schönen, das ich hatte weitergeben
dürfen, daß ich beide hätte umarmen mögen. Auf einmal fing ich wieder an zu
sprechen, Worte, die eigentlich nicht meine Worte waren und doch wie aus meinem
Herzen kamen.
Diese Worte waren nur an die beiden gerichtet. Plötzlich
stutzte Liesei: „Vater, das sind doch Worte von meiner Mutter. 0 Mutter, nur du
kannst es sein, denn solche Worte hast nur du gesagt.“
Fürchtegott bestätigte: „Ja, Liesei, ich spür’ es auch,
du bist es.“
Aus meinem Mund floß es fast zwei Stunden lang. Manches
kam, was ich nicht wiedergeben kann. Auf einmal schwieg mein Mund mit dem Wort:
„Bärbel!“
Fürchtegott erhob sich und wollte nachsehen. Da wurde er
zurückgehalten: „ Fürchtegott, ich bin noch nicht fertig. Ich will dir noch
etwas sagen. Eine Bitte habe ich an dich: Suche bei Gelegenheit Bärbels Koffer
gut durch. Was du da finden wirst, genügt, um dir die Augen zu öffnen. Wisse,
das Kind ist vielen im Wege. Ab heute aber solltet ihr ein gemeinsames
Schlafzimmer haben, denn böse Zungen wollen euren Frieden stören. Bleibt ganz
ruhig und reinigt euer Haus. Beweise wirst du finden, wenn du meine Worte
beachtest. Du ahnst nicht, welche Seligkeiten ich empfinde, daß ihr, meine bei
den Geliebten, zusammen seid. Du Liesei, halte dein Glück fest. Halte aber auch
dein Haus rein, weil es ein Haus der Liebe ist und bleiben soll, jetzt und für
alle Zeiten.“
Nun hatten die beiden viele Fragen, und noch lange mußte
ich ihnen über diesen Vorgang Erklärungen geben. Für die beiden Menschen blieb
es ein Wunder. Liesei sagte:
„Vater, es muß Mutter gewesen sein. Nur ich kann wissen,
was sie mir damals gesagt hat, als ich noch ein Kind war. Denn du, Max, du seltsamer
Mann, konntest es nicht wissen. Darum sage ich dir, komme wieder! Denn nur
durch dich hat mich der Heiland frei gemacht von diesem Schuldgefühl, das mich
immer belastet hatte.“
Was sollte ich noch sagen. Hier hätte jedes Wort von mir
das geschmälert, was ihnen offenbart worden war. Der Abschiedsmorgen war
angebrochen. Ich wollte nicht mehr wandern, da ich fast die ganze Nacht nicht
geschlafen hatte. Das Schicksal der beiden lieben Menschen bewegte mich sehr.
Es war auch so ruhig im Haus.
Fürchtegott hatte Bärbel mit einem Auftrag ins Tal
geschickt. Ich war froh, daß ich sie nicht mehr sah. Nach einiger Zeit kam er
zu mir und zeigte vier Briefe, die in Bärbels Koffer versteckt gewesen waren.
Ich solle davon Kenntnis nehmen.
Ich lehnte ab mit den Worten: „Bruder, das ist deine
Angelegenheit. Mache dir Abschriften und lege sie wieder dort hin, wo sie
waren. Wenn nötig, kann ich dir bezeugen, daß die Briefe da waren. Aber ich
glaube, dir genügt es nun zu wissen, daß du eine Natter in deinem Haus genährt
hast. Meine Adresse hast du, wenn du mich brauchst. Aber ich glaube, es ist
nicht nötig.
Mein Fürchtegott, wir haben uns nicht das letzte Mal
gesehen und wenn es auch in der Ewigkeit sein sollte, daß wir uns wieder
treffen. So, wie deine Liesbeth gestern durch mich so viel sagen konnte, so
wirst auch du dich einmal mir nähern dürfen, wenn du dereinst nach dem Willen
des Herrn dich gelöst hast von dieser Erde. Darauf freue ich mich schon heute.“
„Ja, Bruderherz, das werde ich tun. Aber wird auch Liesei
etwas davon erfahren?“
„Das überlassen wir dem Herrn.“
Der alte, treue Bruder begleitete mich noch weit, und wir
umarmten uns lange, ehe wir uns trennten.
In der Geist-Kapelle
Bittere Jahre kamen. Endlich war der Krieg mit seinen
verheerenden Folgen zu Ende. Das Verbot gegen unsere Zusammenkünfte war aufgehoben
worden, und ich konnte meine geistige Tätigkeit mit anderen Geschwistern
wieder beginnen.
An einem arbeitsreichen Tag wurden wir von einem Geistwesen,
dem wir etwas Licht un’d Klarheit geben konnten, gebeten, ihm auch weiterhin
Helfer zu sein. So ‚erfuhren wir sein Schicksal. Zu meiner Überraschung stellte
sich heraus: Es war Josef, der Neffe meines Freundes Fürchtegott.
Von diesem geistigen Freund erfuhren wir nicht nur seine
Lebensgeschichte, sondern vor allem, daß er an einer Liebe krankte. Es war seine
Liebe zu Liesei: Er komme nicht mehr davon los, daß seine Liesei, die doch
seine Frau werden sollte, wieder geheiratet habe. Sofort kamen mir Erinnerungen
an Fürchtegott, der nun auch schon seit längerem in die ewige Heimat
eingegangen war.
Ich schildere nun eine Kette von Erlebnissen ganz eigener
Art, die mir das weitere Schicksal von Fürchtegott und Josef vor Augen führten.
Ich besuchte einmal eine katholische Kapelle, in die sehr viele Andächtige zu
einem Gottesdienst gekommen waren. Neben dieser Kapelle sah ich noch eine
kleinere. Sie war aber von geistiger Art, außen zwar klein, doch innen so groß,
daß viele hundert Menschen Platz hatten. Es waren lauter Verstorbene darin
versammelt. Am Altar stand ein Priester, ein Vorbeter, und die Anwesenden
sagten immer: „Maria hilf!“
Der Gottesdienst mußte schon lange gedauert haben, denn
einer trat vor und sagte: „Freunde, wie lange wollt ihr denn noch hier bleiben?
Wißt ihr denn nicht, daß ihr Verstorbene seid?“ - Es war Fürchtegott, der so
sprach.Der Priester erregte sich und ging auf ihn zu: „Du bist ein Verdammter.
Wie kommst du hierher? Und auch noch als Verstorbener! Du hast kein Recht, hier
zu sein.“
Da war die ganze andächtige Ruhe vorbei. Rufe wurden
laut: „Jagt ihn hinaus, diesen Ketzer!“
Fürchtegott aber stand wie eine Eiche, furchtlos.
„Freunde, endlich habe ich Gelegenheit, mit euch zu sprechen. So wie ich ein
Verstorbener und Seliger bin, so seid auch ihr Verstorbene und könnt genauso
selig werden wie ich, wenn ihr mir glaubt und euch endlich von diesem Ort trennt.“ .
Der Priester war ganz aufgeregt. „Glaubt diesem Ketzer
nicht!“ schrie er, „Er ist ein Abgesandter der Hölle und möchte uns alle
verderben.“
Fürchtegott trat vor den Priester. „Schweige du vor
allem, denn deine Priesterherrlichkeit geht nun zu Ende. Ich werde diesen
Tempel zerstören, wenn nur ein einziger mir glaubt. Hört auf mich, euern
Fürchtegott, der sich schon als Mensch von euch trennen mußte.
Wie lange habt ihr kein Brot mehr gegessen? Das habt ihr
diesem Priester zu verdanken. Ihr habt nur von Hostien gelebt, und die sind
euch ausgegangen. Nun habt ihr großen Hunger. Ich bin im Auftrag unseres
Gottes hier und soll versuchen, euch dahin mitzunehmen, wo es genug Brot und
Früchte gibt. Schaut mich doch an, sehe ich wie ein Verdammter
aus? Ich habe mich bis jetzt verhüllen müssen, sonst hättet ihr euch noch
gefürchtet. Sieht ein Verdammter wirklich so aus?“
Er warf seinen Mantel zur Seite und erstrahlte in einem
helleuchtenden Gewand. Alle konnten es sehen. Sie schrien auf.
Einer, der Sägmüller, ging zu ihm nach vorn. „
Fürchtegott, bist du es wirklich? Dem Gesicht und deiner Gestalt nach kannst du
es sein, aber wie siehst du aus? Wie ein Engel oder wie der liebe Gott. Du bist
doch gestorben? - Was das schlimmste war: Du hast nicht einmal ein christliches
Begräbnis bekommen.“
„Sägmüller, ich bin es. Wohl war ich der Ausgestoßene und
das danke ich hier dem Herrn Pfarrer, vor dem ihr ins Mauseloch gekrochen seid.
Wie steht ihr jetzt da? Und ihr könntet auch so aussehen wie ich! Darum bitte
ich euch jetzt, kommt zu mir in mein Heim, das mir der Herr geschenkt hat.
Kommt, ich lade euch alle ein. Da könnt ihr euch erst einmal richtig satt
essen. Meine Liesbeth wird euch willkommen heißen, als wäret ihr unsere besten
Freunde gewesen.“
Der Pfarrer war außer sich. „Glaubt ihm nicht, der will
nur unser Unheil. Hier ist das Heil! Nur in ihm, dem Gekreuzigten, dürfen wir
unser Heil sehen .“
Fürchtegott trat wieder zu ihm. „Auch du kannst dich
überzeugen von dem, was ich sage. Als erstes müßt ihr endlich einsehen, daß ihr
gestorben seid. Glaubt mir, daß ich euch die Wahrheit sage und euer Bestes im
Sinn habe. Denn auch in der Geisterwelt, die eigentlich die Ewigkeit ist, gilt
das Wort: ,Dir geschehe nach deinem Glauben.’ Es liegt also an euerem Glauben,
an euerer Entscheidung, wie es mit euch weitergeht.
Und du, was kannst du deiner Gemeinde bieten, du Priester
der Kirche, die man die Alleinseligmachende nennt? Nichts als diese
Scheinkapelle. Nur ein Wort von mir, und sie wird zunichte werden, denn ich
habe vom Herrn die Vollmacht dazu. Aber keine Macht der Welt könnte mir meine
Welt, mein Haus, mein Heim, vernichten, wo viele hundert Selige jetzt leben.
Darum die Bitte: Versucht, von hier wegzukommen. Ihr
könnt ja jederzeit wieder zurückkehren in euer armseliges Kirchlein.“
„Fürchtegott, darf ich mitkommen?“ meldete sich nun ein
anderer. „Du weißt, daß ich dich am meisten kränkte und mein Spott immer nur
dir galt. Aber wenn du recht hast, dann will ich
alles wieder gut machen. Hast du aber nicht recht, dann kannst du dich freuen!
Dann werde ich es tausendmal schlimmer mit dir treiben.“
„So soll es gelten, Huber. Aber mir ist bange um dich.
Wenn du nun alles so findest, wie ich euch sagte, was machst du dann mit
deinem Hochwürden, für den du verleumdet, gelogen, gestohlen und anderen die
Ehre abgeschnitten hast?“
„Dann zerreiße ich ihn, wenn du recht hast.“
„Dann darf ich dich nicht mitnehmen, denn in meinem Heim
soll alles Unrecht mit Liebe vergolten werden.“
„Ist das dein Ernst und die volle Wahrheit? Dann lasse
mich lieber hier, solange, bis einer kommt und mich holt.“
„Huber, es wird sich schon ein Ausweg finden. Vor allem
prüft erst einmal alles. Dann werde ich euch fragen, was ihr nun tun wollt.“
Da kam ein weiterer aus der Gruppe herzu. „Ich muß dem
Fürchtegott recht geben. Warum haben wir uns damals von ihm getrennt? Nur weil
er eine Lutherische geheiratet hat, die wir alle eigentlich als den besten
Menschen achten mußten. Und weil er dann die Tochter heiratete. Aber das tat er
ja nur, um ihr die Heimat zu erhalten. Denkt an meine Rede, als wir über
Fürchtegott Gericht hielten. Ich mahnte euch, als Christen zu handeln. Und was
habt ihr getan? Genau das, was man auch dem Heiland angetan hat: ,Kreuzigt
ihn!’, so hieß es dann nur noch. 0 mein Gott, wenn es möglich wäre, uns allen
unsere grobe Sünde zu vergeben, wie würde ich mich glücklich fühlen. Und, mein
lieber Pfarrer von Gottes Gnaden, was wirst du tun, wenn Fürchtegott doch recht
behielte und du der Verlorene wärest?“
„Schweigt, ihr seid alle des Teufels. Ich bleibe hier und
warte, bis ihr zurückkommt. Auf den Knien werdet ihr dann bitten müssen.“
„Schweig du jetzt!“, rief nun der Dorfschulze. „Wir
warten ab, wie sich Fürchtegott aus der Schlinge zieht, die er sich selbst um
den Hals gelegt hat. Wißt ihr noch, als wir ihn begraben haben? Nur ich habe
damals ein paar segnende Worte an seinem Grabe gesprochen, weil ich dazu verpflichtet
war, er war ja im Grunde ein Ehrenmann. Und auch, weil seine junge Frau mich
darum gebeten hatte - um ihres Sohnes willen, der noch kaum
denken konnte.
Aber jetzt: Ein Wort habe ich noch sehr gut im
Gedächtnis, das er einmal zu mir gesagt hat. Dir, Pfarrer, habe ich es damals
wörtlich hinterbracht. Und nun bitte ich dich, Fürchtegott, wiederhole mir das
Wort. Es soll der Beweis sein für uns und vor allem für den Pfarrer.“
Fürchtegott sprach laut, daß es alle hören konnten: „Das
war das Wort: ,Der Haß geht eine lange Straße und hat kein Ende, die Liebe aber
ist ewig und führt zum Ziel. Wir können weder den Haß noch die Liebe
vernichten, aber wir dürfen uns entscheiden, dem Haß oder der Liebe zu
folgen.’“
„Jawohl, dies waren die Worte, mein Fürchtegott. Jetzt
bin auch ich überzeugt. Herr Pfarrer, nun sagen Sie: Sind es dieselben Worte
oder nicht?“
„Ja, es sind dieselben Worte. Aber der Teufel kann das
auch so sagen. Das ist mir noch lange kein Beweis.“
„Hört, hört, meine Freunde, hier mache ich nicht mehr
mit. Wollt ihr mit Fürchtegott gehen oder nicht? Wer beim Pfarrer - der
nur Haß kennt, wie ihr seht - wer bei ihm bleiben will, der mag
bleiben. Ich gehe mit ihm, und wenn es mein Verderben wäre. Hier, Fürchtegott,
hast du meine Hand, vergib mir, wenn ich dich nicht immer verstanden habe.“
Fürchtegott reichte ihm seine Hand. „Sei mir willkommen.
Und jeder, den du noch mitnimmst, wird angenommen. Niemals wirst du bereuen,
dich zu mir bekannt zu haben, denn ich stehe auf Gottes Seite. Darum laßt uns
nun gehen! Liesbeth wird sich am meisten freuen.“
„ Fürchtegott“, fragte da einer, „wirst du auch so viel
haben, daß du uns alle satt machen kannst? Ich würde lachen, wenn du in
Verlegenheit kommst, wenn wir noch mehr haben wollen.“
„Kommt und lacht mich aus, soviel ihr könnt. Wer zuletzt
lacht, lacht am besten.“
Bei Fürchtegott im geistigen Reich
Nun waren alle vor dem kleinen Häuschen, Fürchtegotts
geistigem Heim, angelangt. Der Pfarrer und sein Mesner waren weit zurück
geblieben, als wollten sie erst sehen, wie sich alles entwickelt. Liesbeth
stand vor der Tür und bat sie einzutreten: „Ihr werdet euch wundern, was ihr
alles erleben werdet!“
„Was, hier sollen wir alle hinein?“ wunderte sich der
Schulze. „Ich möchte nur wissen, wo da der Platz herkommen solL“
„Kommt nur herein und erlebt, was im Reich der Liebe
alles möglich ist.“
Neugierig traten sie ein. Was für Augen machten sie da!
„Das ist ja ein Palast! Wie ist denn das möglich? In dem kleinen Haus!“
„Kommt nur alle herein und nehmt Platz. Es können noch
einmal so viele kommen, es ist genügend Platz.“
Endlich waren alle eingetreten - außer dem Pfarrer mit
seinem Mesner. „Nehmt Platz, nehmt Platz! Zum Umschauen ist später noch viel
Zeit. Wir leben ja in der Ewigkeit.“
Endlich hatten sich alle gesetzt. Nun kamen viele junge
Mädchen in weißen Kleidern und brachten Brot, Früchte und Milch. Alle machten
große Augen.
„Das sind jetzt meine Kinder“, sagte Liesbeth. „Auf Erden
konnte ich mit Fürchtegott kein Kind bekommen. Aber er hat meinem Kind eine
Heimat gegeben und ist ihm Vater geworden. Darum sind wir jetzt hier mit Hunderten
von Kindern gesegnet worden. - Nun vergeßt euren Hunger nicht, ihr werdet
ohnehin nicht alles aufessen können.
Vorher wollen wir noch danken: Lieber Herr Jesus, Du
Vater der Liebe, Du Sohn des Lichtes und Du Geist der Wahrheit, sei auch in
dieser Stunde gegenwärtig. Segne wie immer Deine Gaben. Und sättige Du einen
jeden nach seiner Sehnsucht, auf daß sie Dich erkennen als den, an den sie
glauben. Amen.“
Alle griffen zu und fingen an zu essen, als hätten sie
eine Ewigkeit gehungert.
Wir brechen den Bericht hier ab. Die weiteren Erlebnisse
in Verbindung mit Fürchtegott, Lisbeth, Josef und der jungen Lisei können in
dem erwähnten Roman „Arno“ nachgelesen werden.
Weitere Begegnungen hüben und drüben
Begegnung mit Weisheitsgeistern
Nun ein anderes Erlebnis.
Im Jahre 1935 reiste ich nach St. Anton in Österreich.
Die Ulmer Hütte hatte es mir angetan. Leider - es war im Juni - fand ich die
Hütte noch geschlossen. Ich war allein heraufgestiegen. Fast 2000 Meter war ich
mit der Drahtseilbahn gefahren und hatte dann eine wunderbare Tour gemacht.
Skistecken hatten mir den Weg angegeben. Aber da ich fast nichts zu essen
mitgenommen hatte - ich wollte ja auf der Ulmer Hütte bleiben
- kam der Hunger. Nichts in der Tasche! Um mich her eine Welt von Schnee und
Einsamkeit und ein strahlender Himmel wie selten.
Als ich mich daran satt gesehen hatte, legte ich mich an
einer FeIsspalte in die Sonne. Wohlige Wärme umgab mich und nicht der
geringste Wind konnte mich belästigen. Ich war dann wohl eingeschlafen.
Plötzlich wurde ich geweckt. Ein Mann in einer
fremdartigen Kleidung stand vor mir. „Was suchst du hier in unserem Reich? Wir
möchten euch Menschen hier eigentlich nicht begegnen, denn eure Art, Gott zu
dienen, ist uns ein Greuel.“
Ich sah, daß dieser Mann ein Geistwesen war und sagte:
„Lieber Freund, wohl ist es wahr, daß es Menschen gibt, die euch oft vertreiben.
Zu denen gehöre ich aber nicht. Ich bin ein Mensch, der solche Wesen wie dich
sucht, um von ihnen zu lernen.“
„Was willst du von mir lernen, trägst du nicht schon
alles in dir?“
„Freilich, lieber Freund, aber es ist doch etwas sehr
Schönes, wenn ich etwas bestätigt bekommen kann, was ich bisher nur geahnt
habe, oder wenn ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mir noch nicht ganz
klar sind. Zum Beispiel würde ich gern wissen, was ihr hier die ganze Zeit tut
in dieser Einöde ohne Gegensätze, wo euch nichts begrenzt und nichts in die
Enge treibt.“
„Freund, du fragst viel. Du hast eine falsche Vorstellung
von uns. Du siehst nur mich, aber um mich her sind Hunderte von strahlenden
Wesen. Ihre Schönheit würde dich blenden. Du würdest dich auch nicht mit ihnen
unterhalten können, weil sie so genannte Weisheitsgeister sind. Ich bin ihr
Diener. Ich habe mich umhüllt, weil ich mit meinem Licht von dem Anhang, den
die Menschen immer mitbringen, nicht gesehen werden will.
Dein Anhang sieht mich auch nicht anders als du.“ [Mit
„Anhang“ sind die geistigen Begleiter gemeint.]
„Freilich, da hätte ich keine große Freude erlebt“,
erwiderte ich, „denn mit Weisheitsgeistern konnte ich schon von jeher nichts
anfangen.“ „Wieso“, fragte er, „wieso nichts anfangen? Weisheit ist doch Licht
und Klarheit.“
„Ja, mein lieber Freund, aber allzu viel Licht blendet,
und als ein Verblendeter werde ich mehr als elend. Sage mir doch das eine:
Kommt die Weisheit aus der Liebe oder die Liebe aus der Weisheit?“
„Eine dumme Frage. Weißt du denn nicht, daß Weisheit und
Liebe eines sind?“
„Nein, lieber Freund, das wußte ich nicht. Aber das weiß
ich, daß die Liebe der Anfang allen Lebens ist und ewig bleiben wird. Die
Weisheit aber ist nur das Licht der Liebe und trägt keine Schöpferkraft in
sich. Nur der Liebe ist es möglich, neue Kräfte aus sich heraus zu entfalten;
der Weisheit ist das unmöglich. Alles, was die Liebe umfängt und alles, was die
Liebe pflegt, ist geborgen in der Ewigkeit. Das könnte ich nicht von der
Weisheit sagen.
Sieh, lieber Freund, ich bin noch ein Mensch mit Fehlern.
Ihr meidet alle diese Menschen, wie ich einer bin, aber merkwürdig: Die Liebe,
die uns durch Jesus Christus offenbart wurde, sucht nicht nur die Weisen und
Guten, sondern alle Menschen und gerade auch die irrenden. Das ist nicht mein
Glaube; sondern mein Wissen, meine Erfahrung. Ich habe eine solche Liebe
erlebt, die ich niemals verdient hätte und auf die ich schon gar keinen
Anspruch gehabt hätte.
Du sagst: Weisheit sei Licht und Klarheit. Noch nie habe
ich aus einem noch so weisen Rat die Klarheit bekommen, die ich aus der Liebe
Gottes erhalten habe. Was sagt nun deine Weisheit zu meinen Worten?“
„Dazu kann ich nichts sagen, weil es deine Begriffswelt
ist. Ich muß dich einen gutmütigen Schwärmer nennen. Über einen solchen Schwärmer
sagen wir: Hände weg von denen, die das Licht der Weisheit verkleinern oder
verdunkeln.“
„So, dann ist nach deinen Worten also auch Jesus Christus
ein Schwärmer. Dann war sein Tod am Kreuz die größte Schwärmerei, dann war der
Geist in ihm, der ihm die Kraft zum Sterben am Kreuze gab, auch
nur Schwärmerei? Und sein Wort: ,Mir ist alle Macht und
Gewalt gegeben’, nennst du das auch Schwärmerei?
Siehst du, ich lasse dich nicht los, da es um die
Ehrenrettung meines Heilandes geht. Weißt du, wie ich dich betrachte? Wie den
Pharisäer im Tempel, der sagte: ,Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie
andere Leute, oder gar wie dieser Schwärmer da, der behauptet, unsere Weisheit
sei aus der Liebe geboren.’
Aber was sagen die Kinder der Liebe, zu denen ich mich
rechne, weil ich sie erfahren habe? Die Liebe, wie sie uns Jesus vorgelebt hat,
ist immer darauf bedacht, gerade die Verlorenen zu retten und sie auf den Weg
zum Vater zu führen. Ich kann das Wort nicht vergessen: ,Er wird 99 Gerechte
verlassen und dem einen Verirrten nachgehen, bis auch dieser gerettet ist.’
Wenn ich dich und alle die, die ihren Himmel in der
Weisheit gefunden haben, mit den Gerechten vergleiche: Ist dann der Verlorene,
der durch den Heiland heimgeholt wird, nicht doch besser dran als ihr? Ihr
wißt, daß der Heiland euch verlassen mußte, als er aus seinem Reich ausgegangen
ist, um die Verlorenen zu retten. Also seid ihr nun ohne den Herrn. Warum hat
er euch verlassen? Weil niemand von euch auf den Gedanken kam: ,Ich will mich
aufmachen und Gott den Dienst und Dank erweisen, den ich ihm schulde. Seiner
Liebe und Gnade verdanke ich es ja, daß ich hier in diesem Himmel leben kann.’“
Ich spürte auf einmal die Anwesenheit einer großen Schar
anderer geistiger Wesen und fuhr fort:
„Sieh’ doch, lieber Freund, viele Zuhörer habe ich um mich,
du kannst sie noch besser sehen als ich. Alle sind auf dem Weg zum ewigen Ziel.
Frage sie, für wen sie sich entscheiden würden: ob sie mit dir gehen möchten
oder mit denen, die mir mitgegeben sind zum Schutze und zur Hilfe.“
Ich wandte mich an die neu Hinzugekommenen: „Ich bitte
dich, der du Führer dieser großen Schar bist, mit wem würdest du freiwillig
gehen?“
Der angesprochene Führer trat vor und sprach den
„Weisheitsgeist“ an: „Er ist ein Mensch. Du bist ein Wesen im strahlenden
Kleid. Aus dir leuchtet eine Erhabenheit, die aber nicht anziehend ist. Aber
aus dir, du Mensch“, damit kehrte er sich mir zu, „strahlt eine Wärme, die
nicht nur mich, sondern uns alle beglückt.“ - Und wieder zum „Weisheitsgeist“:
„Würde ich dich mit deinem Strahlengewand bitten, uns mitzunehmen, würdest du
mich mit kalten Worten abspeisen: Ich solle mich erst den Deinen würdig
zeigen. Denn ihr fürchtet euch alle, unrein zu werden durch die Wesen, die ich
mitbringen wilL“
„Du hast recht. Ich müßte mir erst Anweisung holen, ob
ich eurer Bitte entsprechen dürfte. Außerdem meine ich: Warum soll ich mir denn
Lasten aufbürden, wenn es nicht unbedingt nötig ist.“
Auf einmal begann der neu angekommene Sprecher in einem
überirdischen Licht zu erstrahlen: „Seht, meine Freunde, ich wollte euch
einmal eine Szene erleben lassen von einem Menschen, der von meinem Geist
durchdrungen ist, und von einem Bewohner des Himmels, der nur den ‚ewigen und
weisen Gott’ kennen will. Ich überlasse es euch, wie ihr euch entscheidet. Geht
ihr mit mir, so führe ich euch in ein Heim, wo Liebe allein der Beweggrund
aller Handlungen ist. Wenn ihr nicht mitkommen wollt, dann bleibt in der
Sphäre, die ihr hier angetroffen habt und die euch so anziehend erschien. Du
aber, du Menschenfreund, sprich zu allen, die um dich sind, einige Worte. Denn
nun sollst auch du sie alle sehen können.“
Vor mir erblickte ich nun deutlich viele, viele Wesen in
grauen Kleidern. Und vor ihnen Jesus in leuchtend weißem Gewand. Daneben der
Mann mit dem großen strahlenden Hut und heller Kleidung. Der Blick des Herrn
sagte mir mehr als sein Mund.
Ich hob meinen Arm und sprach: „Liebe Geistfreunde, ich
grüße euch mit den Worten unseres Herrn: Friede sei mit euch! Durch seine Gnade
darf ich euch sehen und zu euch sprechen, so wie es mir in meinem Herzen zumute
ist.
Ich bin noch ein Mensch; ein Mensch, wie ihr auch einer
wart. Ich werde auch einmal das sein, was ihr jetzt seid: ein Bewohner der
unendlichen Gottes. und Geisterwelt. An euren Gewändern lese ich euren Stand
ab: Ihr seid noch nicht am Ziel, wie es euch früher als Mensch in eurem Glauben
so schön vor Augen stand.
,Warum kann ich das Ziel noch nicht erreichen?’ fragt
mancher von euch. ,Warum entzieht sich uns Gott, an den wir doch geglaubt
haben? Wo bleibt er mit seiner Gnade, den wir doch immer bitten, daß er zu uns
komme?’ - Niemand gibt euch Antwort, und so
sucht ihr immer neue Wege, die zu Gott führen sollen.
Darf ich euch einen Weg zeigen, der unfehlbar an das Ziel
führt? Dann hört euch ohne Vorurteil meine ehrlichen und gutgemeinten Worte an:
.Wo stehst du, Mensch, und wo gehörst du
hin?’
fragt Jesus einst, wenn ich ohn’ jed’ Gewinn
zu meiner Zeit werd’ diese Erd’ verlassen,
und ich nicht tat, wie mir sein Wort empfahl.
Drum laß’, 0 guter Vater, Dich erfassen
und werd’ für mich hier meine einz’ge Wahl!
Nun seid ihr alle hier in der ewigen Gottes- und
Geisterwelt. Wie weit seid ihr gekommen? Seid versichert, daß Jesus euch liebt,
aber mit einer Liebe, die nur rein göttlich ist. Was ist göttliche Liebe?
Liebe, die nur helfen und immer nur helfen will!
Ihr wollt, daß euch geholfen werde? Wißt ihr nicht, daß
Jesus in seinem Geiste immer unter euch ist? Ihr habt gebetet: ,Herr hilf!’
oder ,Herr, komme zu uns! Wir bedürfen Deiner.’ Er aber war schon immer bei
euch, nämlich als Liebe in eurer Brust. Sie möchte euch selbst zum Helfen
drängen.
So ergeht es auch mir jetzt: Nicht ich spreche zu euch,
sondern Jesus, der Heiland, spricht als Liebe aus meinem Herzen. Es gibt nur
einen Weg zu ihm: Werdet selbst zu Helfern und Heilanden!
Ihr schaut mich groß an. Einmal muß es euch doch gesagt
werden. Es mag euch neu sein, aber ich spreche in seinem Namen: ,Ich bin immer
unter euch gewesen; aber ihr habt mich nicht erkannt’. So ist er auch jetzt
unter euch, in euch.
Und noch etwas muß ich euch sagen: Wie leidet er unter
euch! Wenn ihr nur einmal seine Sehnsucht erleben könntet, ihr wäret längst auf
dem Weg in eine Heimat, die euch die größten Seligkeiten bereiten könnte.
Was ist Seligkeit? Doch nur das, was man den anderen an
Gutem, an Freude und Glück erbringt. Längst habe ich erkannt, daß ich an meiner
ewigen Seligkeit keinen Finger zu rühren brauche, da Jesus für all das der
Garant ist - aber nur in dem Maße, wie ich als
Mensch für meine Mitmenschen und Mitgeschöpfe gewirkt habe.
Wenn ich euch ansehe, muß ich mir sagen: Wieviel Liebe, 0
Gott, ist dir verloren gegangen durch diese armen Brüder. Sie haben dich immer
nur von außen gesucht und ahnten nicht, wie nahe du ihnen bist in ihren Herzen.
Ich will kein
Prediger sein, sondern nur ein Bruder, der auf euere Bitte hin zu euch kommen
kann. Aber sucht den Helfer in euch! Ihr werdet erkennen, daß er nur Liebe
ist. Dann werdet auch ihr das Licht finden, das eure Leuchte wird in eurem noch
dunklen, nebligen Dasein. Werdet zur Liebe, zur wahren, helfenden Liebe! Wenn
ihr das fertig bringt, habt ihr die helfende Hand Jesu schon erfaßt, die er
euch dann nicht mehr entziehen wird. Ich muß das sagen, weil ich es euch schuldig bin. Ich
müßte mir Vorwürfe machen, wenn ich es verschwiegen hätte. Nehmt meine Worte
so hin, als wenn sie der Herr gesagt hätte. Seid gesegnet in seinem Liebesgeist,
damit ihr in seinem Lichte freie und frohe Wesen werden könnt. Zieht hin in
Frieden!"
Und vorbei
war das Schauen und Erleben, - vorbei aber auch der Hunger. Es war später
geworden, als ich dachte. Nun begann der Abstieg. Mehrere Stunden brauchte ich,
bis ich nach St. Christof kam. Dort stärkte ich mich und war froh, in mein
Quartier zu kommen.
Auf die Frage, wo ich den
Tag zugebracht hätte, sagte ich zu meinem Wirt: "Auf der Ulmer Hütte. Sie
war aber geschlossen."
"Was, auf der Ulmer Hütte und allein!"
Der Wirt warf die Hände in die Höhe. "Da
können sie von einem großen Glück reden, denn jeden Tag war alles in Nebel
gehüllt, und wer weiß, wann Sie wieder heruntergekommen wären. Solche Touren
macht man doch nicht allein."
"Ich war auch
nicht allein," beruhigte ich ihn, "denn ohne meinen Führer
gehe ich
nicht auf diese Höhen. "
Ich habe noch lange
über dieses Erlebnis nachgedacht und freue mich noch heute über dieses große
Geschenk.
Schauungen im
Krankenhaus
Am
Johannistag 1946 erlitt ich einen schweren Unfall. Ich fuhr mit dem Rad zu
unserer monatlichen Versammlung. Ein anderer Radfahrer überholte mich und
streifte dabei mein Vorderrad. Ich stürzte so unglücklich, daß ich einen
Schädelbruch, einen Rippen- und einen Schlüsselbeinbruch davontrug. Die Folge:
fast drei Stunden Bewußtlosigkeit und ein hoher Blutverlust.
Am späten
Nachmittag wurde ich in das Zwickauer Krankenstift eingeliefert, wo ich wieder
zur Besinnung kam. Da ich nach der ersten ärztlichen Behandlung hohes Fieber
bekam, befürchtete man mein Ableben. Ich kam in einen besonderen Raum. Eine
Spritze sollte mir meinen Zustand erleichtern, und eine junge Schwester war
ständig um mich besorgt.
Allmählich
wurde mir erst ganz bewußt, was mit mir geschehen war. Schmerzen hatte ich
keine, nur meine Lage war unbequem. Ich mußte ganz flach liegen. Um den Kopf
hatte ich einen Gipsverband.
Meine
Gedanken wanderten zu meinen Angehörigen und zu den "Geschwistern",
die mich heute eigentlich erwartet hatten.
Auf einmal standen
Hindenburg und Lenin vor meinen Augen und hinter ihnen eine große Menge
Geistwesen, die alle auf mich schauten. Ich muß mich etwas
aufgeregt haben, denn sofort kam die Schwester an mein Bett.
"Warum schlafen
Sie nicht? Sie müssen doch schlafen!"
"Schwester, kann
man da schlafen, wenn mich so viele anschauen? Hindenburg und Lenin sind ganz
nahe bei mir."
Die Schwester fühlte
meinen Puls. Ich beruhigte sie. "Ich bin ganz normal, ich bin ganz
klar." Die Schwester glaubte mir natürlich nicht.
Ich war dann
aber ruhig und wartete ab. Eine große Traurigkeit überkam mich. Dabei dachte
ich überhaupt nicht an mein eigenes Ende. Aber mir war regelrecht zum Weinen
zumute, denn um mich war zwar alles stumm, und doch kam es mir vor, als
warteten alle auf mich. Zu einem richtigen Gebet kam ich auch nicht, denn es
gab so viel Bewegung, ganze Scharen zogen an meinem Fußende vorüber.
So ging das
die ganze Nacht. Die Traurigkeit verließ mich nicht, aber mein Schauen auch
nicht, bis die Schwester kam und alle Kranken wusch.
Es wurde fünf Uhr
früh, und alle Traurigkeit war fort. Da nahm ich mühsam einen Stift und Papier
aus dem Kasten und schrieb:
Warum denn
weinen, wenn es zur ewigen Heimat geht,
wo sich alle freuen,
wo sich jeder versteht?
Warum denn weinen,
wenn der Weg sich verstellt?
Freue dich, bald wird alles erhellt.
Ganz im Bann
dieser Worte, die ich mit größter Mühe schrieb, war ich erfüllt von Zuversicht
und blieb es auch, solange ich im Krankenhaus war.
Die
Röntgenaufnahme ergab den Befund, den ich oben schon beschrieben habe. Ich
mußte elfmal punktiert werden, aber ich verspürte keinerlei Schmerz. Meine
Zeit war ausgefüllt mit Unterhaltungen, die ich mit geistigen Freunden führte. Jeden
Abend hielt ich eine Andacht mit ihnen, und ich erfuhr auch alles, was sich
inzwischen bei mir zu Hause und bei meiner Schwester abgespielt hatte.
Mein
Geburtstag kam heran. Für den Abend um acht Uhr hatte ich mit meinen Freunden
eine geistige Feier geplant. Innig habe ich mich mit Jesus verbunden und bat
ihn aus tiefstem Herzensgrund, daß alle Freunde, angetan mit weißen Gewändern,
meine Geburtstagsfeier miterleben sollten. So war mein Plan und meine Bitte
gewesen, doch es kam ganz anders.
Eigentlich
war kein Besuchstag. Darum bat ich schon am frühen Morgen die Tagesschwester:
Falls heute Besuch käme, möchte sie doch eine Ausnahme machen, weil heute mein
Geburtstag sei. Sie versprach es. Innerhalb einer Viertelstunde war mein Tisch
voller Blumen. Bis zum Mittag hatte ich Ruhe, dann kamen die Besucher bis drei
Uhr. Als die Visite angesagt wurde, mußten sie gehen.
Nach der
Visite war Ruhe. Da bemerkte ich, wie die Wände des Zimmers aus meiner Sicht
verschwanden. Alle Kranken befanden sich mit mir in einem großen Spiegelsaal.
Wegen der Spiegel sah ich alles doppelt. Im Hintergrund war ein Podium mit
Stufen, darauf eine große Tafel, auf der ein Leuchter mit sieben Kerzen
brannte. Auf den Stufen stand ein mannshoher Kelch, eingepaßt in eine
Aussparung der Stufen. Es war ein schönes Bild. Und wie groß das Podium war!
Dann wurden
rechts und links die Flügeltüren geöffnet, und die Besucher kamen herein. Sie
wurden auf Plätze gewiesen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. - Ich war
enttäuscht, denn alle hatten dunkle Gewänder an, und ich hatte doch um weiße
gebeten.
Ein
Engelsfreund stand auf dem Podium. Die Gratulanten kamen mit ihren Geschenken.
Der Engelsfreund nahm die Pakete an, dankte und legte die kleinen in den Kelch,
die größeren auf die weißgedeckte Tafel. Dann deckte er die Geschenke mit einem
weißen Tuch zu.
Wieviele da
zusammengekommen waren, kann ich nicht sagen. Ein Teil der Gratulanten
verteilte sich an den Wänden, wo reichlich Platz war. Wieder sah ich alles
doppelt wegen der Spiegel.
Die Feier
begann. Meine verstorbene Tochter kam mit einer größeren Anzahl junger
Schwestern in ganz weißen Gewändern. Sie stimmten ein Lob- und Danklied an, das
ich oft im Geiste gehört hatte (Intermezzo aus Cavalleria Rusticana). Es
ergriff mich tief und löste bei mir Tränen der Freude aus.
Da betrat der
Heiland das Podium. Er hielt eine Ansprache, die aber nicht mir galt, sondern
den Wesen in den dunklen Gewändern. Wiedergeben kann ich seine Worte nicht,
weil meine Empfindungen dabei so stark waren, daß ich nicht mehr denken konnte.
Nach seiner Rede gab
Christus dem
Engel ein Zeichen. Die Gratulanten traten zum Engel, der zog das Tuch ab, griff
in den Kelch und gab jedem ein weißes Gewand. Sie sollten es denen geben, die
noch in ihren dunklen Kleidern auf den Plätzen saßen.
Dann kamen
die Geschenke auf der Tafel an die Reihe. Auch aus diesen Paketen wurden immer
wieder weiße Gewänder verteilt. Als die Tafel leer war, waren alle Anwesenden
mit weißen Gewändern bekleidet. Mich durchrieselte eine Freude, die nicht zu
schildern ist.
Nochmals
traten die Sänger auf mit einem Lied, das ich noch nicht gehört hatte. Auch
der Heiland befand sich mitten unter ihnen. Anschließend trat er vor und
segnete alle mit herzlichen und lieben Worten. So endete die Feier.
Ich war so
müde von der Freude, daß ich einschlief und nicht bemerkte, daß das Abendbrot
auf mein Tischchen gestellt wurde. Als ich erwachte, war ich erstaunt, so
lange geschlafen zu haben. Es war fast Mitternacht geworden. Dabei hatte ich
versprochen, eine Andacht mit meinen geistigen Freunden zu halten.
Da merkte
ich, daß ich mich noch immer in meinem Traumzustand befand. Jetzt saß ich
mitten unter geistigen Freunden und hörte andächtig zu, was uns der Herr, der
auch bei uns war, offenbarte. An die Inhalte kann ich mich leider nicht mehr
erinnern.
"Traum"
-Erlebnisse
Ich hatte
noch andere Erlebnisse, bei denen ich "wie im Traum" war. In einigen
Fällen wurden die "geträumten" Ereignisse auch von anderen Menschen
wahrgenommen, also können es nicht nur Träume gewesen sein.
Von einem
solchen Fall möchte ich jetzt berichten: Ich erschien an einem entfernten Ort,
obgleich mein Körper zu Hause im Bett lag.
Ich hatte mir
vorgenommen, wieder einmal die Bielefelder Freunde zu besuchen. Der Termin war
noch unbestimmt. Da kam der Diensteinteiler zu mir und meinte: "Herr
Seltmann, Sie müssen ihren Urlaub schon jetzt nehmen. Ich habe sonst einen Mann
übrig. Ich hoffe, daß Sie mir Verständnis entgegenbringen."
"Herr
Sickert, das paßt mir aber schlecht", wandte ich ein. "Ich habe
versprochen, in meinem Urlaub nach Bielefeld zu fahren. Ich weiß nicht, ob die
Freunde morgen zu Hause sind."
Aber Sickert blieb
dabei: "Herr Seltmann, ich habe Ihnen immer geholfen, wenn Sie etwas
vorhatten. Lassen Sie mich nicht im Stich."
Ich dachte etwas
nach. Dann sagte ich zu. "Also gut. Stellen Sie mir bitte einen Fahrschein
nach Bielefeld aus." Zu Hause sagte ich zu meiner Frau: "Ich habe
Urlaub ab morgen. Ich muß früh um halb vier Uhr heraus. Richte mir bitte meine
Sachen." Natürlich war sie nicht sehr erfreut darüber, aber ich bestand
darauf und ging zeitig schlafen, um ausgeruht zu sein für die neunstündige
Fahrt.
Ich schlief ein und
träumte, ich sei bei Familie Depenbrock in Bielefeld im Wohnzimmer.
Marie, die Frau, die
auch hellsichtig war, bekam einen Schrecken. "Heinrich, Max ist gestorben!
Ich sehe ihn an der Türe stehen."
Darauf ich:
"Nein, nicht gestorben! Aber ich bin da, um euch zu sagen, daß ich morgen
Nachmittag bei euch sein werde." Ich sah noch, wie Heinrich Depenbrock
seinen Kanarienvogel fütterte, wie der kleine Vogel ihm auf die Schulter
geflogen kam und wie er mit ihm sprach.
Dann war das Bild
oder der Traum vorüber.
Pünktlich fuhr der
Zug am nächsten Tag in Bielefeld ein. Else und Marie standen auf dem Bahnhof an
der Sperre. Ich begrüßte sie erstaunt: "Wo wollt ihr denn
hinfahren?""Aber Max", sagte Marie, "du. bist ja selbst
gestern abend bei uns gewesen und hast uns angekündigt, daß du mit diesem Zug
kommst."
Da fiel mir der Traum
ein. "Sag, Marie, hat der Heinrich in dem Moment den Kanarienvogel
gefüttert, als ich bei euch im Zimmer war?" "Ja, genau so
war's", versicherte Marie.
Für mich war das
wieder eine Bestätigung, daß es sich bei meinen "Träumen" um
wirkliche Geschehnisse handelt.
Ein anderer "Traum"
spielte an einem mir unbekannten Ort. Ich ging wie gewöhnlich schlafen. Mitten
in der Nacht hatte ich ein Erlebnis ganz eigenartiger Natur. Ich befand mich
auf einem riesigen Platz, Millionen Menschen standen in Reih und Glied,
haargenau gestaffelt, wie mit einer Schnur gezogen, immer etwa 50 Menschen
hintereinander. Alle hatten schwarze Festanzüge an, Frauen waren nicht dabei.
In der Mitte war eine Tribüne aufgebaut mit einer Stufenleiter auf jeder
Seite. Oben standen Leute, die eine große Kamera und ein Mikrofon bedienten.
Ich befand mich weit weg, in Dienstuniform. Einige Männer sprachen etwas in das
Mikrofon, was ich aber nicht verstehen konnte.
Auf einmal
hörte ich zweimal meinen Namen rufen. Ich erschrak.
"Ist Max
Seltmann nicht da?" wurde laut gefragt. "Er ist doch geladen!"
Da rief ich: "Hier bin ich!" Durch das Mikrofon wurde gesagt:
"Bemühen Sie sich nach vorne!" Und wie es im Traum zugeht: in einem
Moment war ich dort, und der Mann, der das Mikrofon bediente, sagte: "Sprechen
Sie zehn Minuten, alle Sender sind eingestellt auf Ihre Rede. Und wenn Sie
fertig sind, werden Sie gefilmt. Dann sprechen sie noch einmal sieben
Sekunden."
Ich habe
normalerweise keine Angst, doch hier hatte ich sie. Der Mann sagte noch einmal:
"Beginnen Sie!" Ich fing an zu sprechen. Die Worte weiß ich nicht
mehr, aber es klang laut und deutlich, damit mich alle hören konnten.
Plötzlich wurde ich von meiner Frau geweckt und ausgeschimpft, weil "bei
diesem Geschrei" kein Mensch schlafen könne. Ich spürte einen heftigen
Schmerz in meiner Brust. "Ja, was habe ich denn gesagt?" fragte ich
erregt.
"Was du gesagt
hast, war so schön, daß man es nicht wiederholen und sich merken kann.. Aber
bei diesem Geschrei kann kein Mensch im Hause schlafen." Ich konnte nun
auch nicht wieder einschlafen. Es war mir, als ob ich in Gedanken weiterredete.
Noch immer sah ich deutlich die vielen Menschen, die Tribüne, das Mikrofon und
die Kamera. Mir wurde auch klar, daß ich auf dieser Kundgebung sieben Segnungen
vortragen sollte. Da stand ich auf, setzte mich an die Schreibmaschine und
schrieb die sieben Segnungen nieder. Sie waren an alle Menschen gerichtet, jede
Segnung an eine bestimmte Klasse. Leider sind diese Texte von der Volkspolizei
beschlagnahmt worden, wie so viele andere Offenbarungen auch. Dieses
beeindruckende Erlebnis hatte ich noch lange Zeit vor Augen. Auch jetzt, da ich
es niederschreibe, steht es wieder ganz lebendig vor mir.
Nun noch ein drittes
"Traumerlebnis", auch wieder so gewaltig, daß ich
lange Zeit brauchte,
um es ganz zu erfassen.
Ich befand
mich in einem großen, ziemlich langen Tal. Wasser war nicht zu sehen, nur
langgestreckte Wiesen, Felder, Obstbäume. Nach beiden Seiten stieg das Gelände
allmählich an. Vereinzelt standen kleine Baumhütten. Die Menschen, die dort
wohnten, machten einen freudlosen Eindruck. Niemand arbeitete. Nur wenige
Frauen sah ich, sie trugen Alltagskleider.
Ich näherte
mich den Leuten. Sie schauten mich feindselig an. Ich fragte die Männer, warum
sie mir so abwehrend begegneten, ich käme doch in friedlicher Absicht. Da wurde
der eine gleich grob und schrie mich an: Er wisse schon, daß ich nur spionieren
wolle. Ich solle ja sofort das Tal verlassen, sonst werde es mir übel ergehen.
"Aber
gerade um deinetwillen bin ich gekommen", erwiderte ich. "Du bist
doch der Vorsteher dieser Gemeinde. Bist du dir eigentlich bewußt, welche
Verantwortung du übernommen hast als Führer einer Gemeinschaft, die nur von
Raub und Diebstahl lebt? Wie bald kann sich hier alles ändern, wenn einmal
eine Säuberung vorgenommen wird!"
"Wieso
Säuberung? Sind wir denn anderen Rechenschaft schuldig über unser Tun?
Ich möchte den sehen, der uns an unserem Gewerbe hindert!"
"Freund",
sagte ich, "du scheinst die Gefahren nicht zu kennen, in denen ihr lebt.
Der Wink eines Engels genügt, und ihr seid verloren. Wißt ihr denn nicht, daß
ihr keine Menschen mehr seid? Schau, auch ich bin nur in meinem Astralleib
hier, darum bin ich für euch unantastbar und unverletzbar. Mein Körper liegt
zu Hause im Bett. Das ist nicht mein, sondern Gottes Wille. Ich kann alles um
euch her sehen, und ich erkenne deutlich, daß ihr keine auf Erden lebenden
Menschen mehr seid."
Der Grobian
kam nur noch mehr in Wut. Er ballte die Faust und schlug mir ins Gesicht. Aber
er schlug durch meinen Körper hindurch und wäre fast hingefallen. So erlebte
er, daß ich tatsächlich ohne Körper war. Ich wich einen Schritt zurück.
"Freund", sagte ich ganz ruhig, "du wärst beinahe hingefallen,
wenn ich dich nicht gehalten hätte. Siehst du nun ein, daß es für dich und euch
besser. wäre, meinen Worten zu glauben? Laßt euch also eine neue Heimat
zuweisen!"
"Nie und nimmer,
und wenn tausend solcher Trugleiber kämen, wie du einer bist. Wir bleiben
hier." Noch einmal versuchte ich, sie in ruhigem Ton zu überzeugen, daß
sie in einer Trugwelt lebten, aber vergebens. Alles Reden war nutzlos, ihre
Haltung wurde immer drohender.
.
Da rief ich
um Hilfe und im nächsten Augenblick waren Tausende von Helfern da und
umstellten die Bewohner des Tales.
"Was
sagst du nun zu diesen vielen Helfern? Euer Leben ist an einem Scheideweg
angelangt. Entweder ihr ändert euren Sinn, oder wir ergreifen Maßnahmen, die
eurem bisherigen Tun und Dasein eine andere Richtung geben. Es wird nicht
angenehm sein, das kann ich euch versichern."
"Wir
können es abwarten", wurde mir drohend geantwortet.
Da geschah
etwas, was mir unfaßbar schien. Plötzlich waren weitere Tausende von Helfern
da, legten eine kleine Bahn mit vielen Loren an und begannen zu arbeiten. Wo
kamen auf einmal diese Massen von Erde her? Ich sah, daß das Tal von beiden
Seiten mehr und mehr zugeschüttet wurde.
Nun merkten
auch die Bewohner, was da vor sich ging und daß es ernst wurde.
Der eine
protestierte, man solle es nicht zulassen. Aber sie waren eingekesselt und
machtlos. Die Erdmassen bedrohten allmählich ihre Wohnstätten. Schon waren
einige Häuser zugeschüttet. Die Bewohner brüllten, man solle doch aufhören.
Aber die Erdbewegungen gingen immer weiter.
Der Vorsteher stürmte
wieder auf mich zu. Er schrie wie ein wildes Tier. Mir wurde bange vor diesem
Menschen, denn sein Gesicht war Schrecken erregend. Ich konnte kein Wort
hervorbringen und wandte mich an den Engel, der bei mir stand und nicht aus der
Ruhe zu bringen war. "Hilf mir, ich bin zu schwach, um etwas zu sagen.
Handle du statt meiner."
Aber er
sagte: "Ich bin nur zu deiner Sicherheit hier. Ich soll dich vor diesen
Teufeln schützen. Handle aus deiner Eingebung und fürchte dich nicht. Der Herr
hat schon oft durch uns versucht, diese Teufel wieder zu besseren Wesen zu
machen. Bloßes Zureden hilft hier nicht mehr."
Da sagte ich
zu dem Vorsteher: "Es ist zu spät, das rückgängig zu machen, was der Herr
mit euch vorhat. Nur eines könnt ihr tun - als erstes Zeichen eurer Umkehr:
Helft mit, das Tal in eine Hochebene Zu verwandeln! Zeigt, daß ihr wieder zu
brauchbaren Menschen werden wollt! Tut ihr es nicht, dann werden diese Helfer
dafür sorgen, daß ihr unter den Erdmassen begraben werdet."
"Nie und
nimmer!", schrie er. "Ich soll mich euch unterordnen? Lieber lasse
ich mich begraben!"
"Dann tue es! -
Aber ihr anderen, was sagt ihr? Wollt ihr nicht ehrliche Bewohner in der
Geisterwelt werden? Laßt euren Vorsteher, der nur
aufs
Herrschen aus ist, tun, was er will! Wendet euch ab von ihm und geht dorthin,
wo ihr ein besseres Dasein finden könnt, und zwar auf Dauer!"
Einer trat
vor und fragte: "Aus welcher Macht wirkst du? Noch keiner hat unseren
Vorsteher bisher zwingen können. Bist du ein Bote des unerbittlichen
Gottes?"
"Nein,
genau umgekehrt. Ein Bote Gottes, der die Liebe ist und keine Freude hat am
Gericht über die Verlorenen. Sieh mich an, auch ich war auf Abwege geraten und
völlig heruntergekommen. Aber heute bin ich glücklich, Gott dienen zu können,
der die Unglücklichen retten und auf den Weg zum Heil führen will. Also
nochmals meine Bitte an alle, die ihr guten Willens seid: Geht zu diesen
Helfern, die euere alte Heimat verbessern wollen und arbeitet mit. Ihr werdet
mir noch einmal danken."
"Und was
wird aus denen, die nicht mitkommen?" wollten einige wissen.
_,Das braucht nicht euere Sorge zu sein. Gott
hat mehr als genug Mittel und Wege. Je lieber ihr den Brüdern helft, desto
fröhlicher werdet ihr werden. Dann könnt ihr die anderen, die zurückgeblieben
sind, ermuntern. Sie werden immer weniger Raum um sich haben. Ihr könnt ihnen
zurufen: 'Kommt und folgt uns nach!' Wenn sie kommen, dann ist es gut. Kommen
sie aber nicht, dann weiß Gott, was ihr Schicksal sein wird."
Noch einmal
trat ich zu dem Vorsteher und sagte: "Siehst du, über zwei Drittel sind
dir schon abtrünnig geworden. Die anderen werden auch noch mitkommen, das kann
ich dir schon jetzt sagen. Versuche nicht, jemanden festzuhalten. Sobald du
Gewalt anwendest, wirst du im Moment stumm und unfähig, ein Glied zu rühren.
Und du wirst solange gelähmt bleiben, bis du ganz klein und demütig geworden
bist. Dann wirst du Gott bitten, dir ein gnädiger Richter zu sein."
Da hob er
wieder die Hand, um mich zu schlagen, aber im nächsten Augenblick war er steif
und stumm. Ein Bild zum Erbarmen, wie sein Gesicht größte Wut und Verachtung
ausstrahlte. - Da schraken die anderen vor ihm zurück.
Und ich
befand mich wieder in meinem normalen Zustand, zu Hause im Bett.
Oft fragte
ich mich, was wohl aus den Bewohnern und dem Vorsteher geworden ist. Eines
Tages bekam ich die Antwort: Alle konnten gerettet werden bis auf den
Vorsteher. Ihm hatte man ein Loch gelassen, wo er bis zum Hals im Sumpf
steckte. Jeden Augenblick mußte er fürchten, darin zu versinken.
Ein Freund
geht heim
Nun soll noch
ein Erlebnis folgen, an dem ich nur indirekt beteiligt war.
Schon seit
1916 habe ich versucht, in spiritistischen Kreisen, denen es nur um
interessante Geisterkontakte ging, auf mehr Verantwortungsbewußtsein
hinzuwirken. Es drängte mich, diese Freunde zu einer höheren Lebenseinstellung
zu bringen. In Lichtentanne, wo ich damals wohnte, habe ich viele Herzen
gewinnen können. Darunter einen Bruder mit Namen Hermann Walter.
Seine Eltern
hatten zur Gemeinschaft Dietel in Niederplanitz gehört. In der Familie Walter
konnte ich beeindruckende Offenbarungen durchgeben und gewann die ganze
Familie für meine Anliegen, mit Ausnahme von Hermanns Frau, Liesel. Sie war ein
eifriges Mitglied der "Landeskirchlichen Gemeinschaft."
Es war mir
nicht gelungen, Liesel Walter von den durch Lorber offenbarten Wahrheiten zu
überzeugen. Desto treuer und eifriger war ihr Mann Hermann in unseren
Zusammenkünften. Er hatte als Bergmann einen verantwortungsvollen Posten.
Darum wurde er 1914 nicht zum Kriegsdienst eingezogen.
1916 wurde
Hermann schwer krank. Ich habe ihn in jener Zeit oft besucht. Leider ging Frau
Liesel jedes Mal aus dem Raum, sobald ich kam. Die Krankheit war ernst. Das
Verhältnis zwischen Hermann und mir wurde immer inniger, zum Leidwesen seiner
Frau. An. sich hatten die beiden eine gute Ehe geführt.
Hermanns
Vater, Eduard, war verstorben. Ein älterer Bruder, Paul, hatte einen Tag vor
seiner Hochzeit aus Angst vor der Ehe Selbstmord verübt. Die alte Mutter lebte
noch und ich liebte sie wie meine eigene.
Die Krankheit wurde
immer schlimmer. Hermann nahm keine Linderungsmittel. "Ich will tragen,
was Gott mir auferlegt hat", war seine Antwort. Als eines Nachmittags
wieder - wie täglich - der Arzt kam, meinte Hermann: "Herr Doktor, morgen
kommen Sie das letzte Mal, dann gehe ich heim."
Zu Liesel und seiner
Mutter sagte er das gleiche. Sie wollten es kaum glauben.
Der Abend
verlief ruhig. Er bat seine 17jährige Tochter: "Geh morgen nicht zur
Arbeit. Sollst auch meinen Gott erleben in meinem Sterben."
Der nächste
Tag begann. Er wandte sich an seine Frau: "Liesel, heute kochst du mir
Schweinsknochen und grüne Klöße (unser Nationalgericht) und bringst mir einen
Krug Bier. Ich muß mich stärken." Alles geschah nach seinen Wünschen. Der
Vormittag verging, Hermann
hatte keine
Schmerzen. Alle freuten sich. Gegen Mittag wurde das Es sen fertig, Hermann aß
ganz wenig von allem. Dann sagte er zu seiner Liesei, zu seiner Tochter und zu
seiner Mutter:
"Liesel,
um vier Uhr gehe ich heim. Sei klug und gib für das Begräbnis nicht so viel
aus. Feiert kein Totenmahl wie üblich, sondern bleibt still für euch."
Liesel wehrte ab: "Hermann, dir geht es doch wieder besser, rede jetzt
nicht vom Sterben!"
"Nicht vom Sterben, Liesel", widersprach er, "sondern vom
neuen Leben rede ich, welches mir durchs Sterben geschenkt wird. Bitte, laßt
mich allein, ich werde müde."
So schlief er ruhig eine Stunde. Die Lieben wichen nicht von seinem Lager.
Dann wurde er wieder wach, sah sich um und sagte zu ihnen:
"Nun
wird es ernst. Vater ist mit Paul gekommen, um mich abzuholen. Liesei, jetzt
ist auch der Heiland da, er steht dort am Fußende meines Bettes. Vater und Paul
stehen hier, aber der Heiland sieht nur dich an, meine Liesel"
Hermann sprach nun im Flüsterton weiter, er unterhielt sich mit seinem
Vater, verstehen konnte man ihn nicht. So ging es lange, lange Minuten. Dann
richtete er das Wort wieder an seine Familie: "Jetzt kommt ein ernster
Engel mit einem Schwert. Vater und Paul lassen euch sagen: ,Ihr Lieben alle,
bleibt im rechten Frieden!' Und ich bitte euch: Bleibt verbunden in der Liebe
Jesu, die mich jetzt ruft."
Immer schwächer wurde sein Atem. Wie ein Licht, das kein Öl mehr hat,
schlief er ein, ohne nur einen Laut von sich zu geben. Wie ein Verklärter lag
er da.
Am Abend kamen die Freunde von Liesel aus der Landeskirchlichen
Gemeinschaft, um einen Trauergottesdienst zu halten. Liesel war ja eine treue
Anhängerin. Aber Liesel wehrte ab.
"Es ist nicht nötig, für Hermanns Seelenheil zu beten. Denn wer so
stirbt wie mein Hermann, kann kein Verlorener sein, wie ihr mir immer gesagt
habt, nur weil er Spiritist und Lorber-Anhänger war. Nun bereue ich es, meinem
Hermann nicht schon früher gefolgt zu sein. Er war der beste Mann, den mir Gott
schenken konnte. Hermann hat, als es zum Ende ging, noch seinen Heiland gesehen,
er habe mich dauernd angeschaut, eine volle Stunde lang. Seine letzten Worte
werden in mir immer wie eingebrannt sein. Sie lauteten: 'Bleibt verbunden in
der Liebe Jesu, die mich jetzt ruft!'"
Nachwort
Hier brechen
die Erlebnisse und Berichte ab.
Vieles wurde
schriftlich festgehalten, vieles ging verloren. Seltmann spricht ja davon. Aber
auch das begrenzt Vorhandene reicht aus, um sich ein wenig in die Lebendigkeit
des "Hüben und Drüben" hineinzuleben. Es ist Seltmanns
Lebensgeschichte, es sind seine Erfahrungen. Und
trotzdem - in anderen Variationen könnten es die unseren sein.
Hier in
unserem irdischen Leben erfahren wir täglich ein lebendiges Geschehen - im Materiellen. Wollten wir doch
noch mehr auch von der Lebendigkeit des Geistigen Kenntnis nehmen. Sie
schließt sich naht/os an das irdische Geschehen an, reiht sich dann weiter über
"erdnahe" Gegebenheiten zu immer feineren, geistigeren Situationen - vom Dunkel zum Licht, vom
Unvollkommenen hin zum Vollkommenen - Gott.
Es ist ein
weiter beschwerlicher Weg. Je bewußter wir auf diesen Entwicklungsweg
einschwenken und je mehr wir begreifen, daß wir als Mensch, aber auch als
weiterlebendes Geistwesen, um Hilfe ansuchen können, desto klarer können wir
das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden: Wer bin ich eigentlich? Was ist
der Sinn meines Erdenaufenthalts? Warum bin ich in diese Reduziertheit, in
diese Wissensbeschränktheit hineingeboren? Sollte ich nicht gerade dadurch
meine Reife, meinen Entwicklungsstand überprüfen und mich neu bewähren? Kann
ich die Erde als Schulungsort verstehen, wo jede Gegebenheit ihren Sinn hat als
Hilfe auf diesem Entwicklungsweg und mir zum wirklichen Weiterkommen dienen
könnte? Wie weit begreife ich, was es bedeutet: "Trachte zuerst nach dem
Reiche Gottes m." oder. "Du sollst Gott über
alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!" Habe ich diese Aussagen so durchdacht, daß ich sie in meinem
Alltag in die Praxis umsetzen kann? Was werden die "Früchte meines
Lebens" sein, auf die es später ankommen wird, wenn ich
dereinst die irdischen Augen schließe? Bin ich mir bewußt, ein Kind des Geistes
zu sein, mit einem irdischen Körper bekleidet, den ich einmal. ablegen werde,
um in der geistigen Welt weiterzuleben?
In dem
Buch" Arno" hat Seltmann auf alle diese Fragen aus seiner Sicht
Antworten eingeflochten. Im Rahmen einer spannenden Handlung leuchten die
erweiterten Gesetzmäßigkeiten, denen jeder Mensch unterworfen ist, auf. Sollten wir nicht schon heute versuchen,
Bürger beider Welten - der sichtbaren und der unsichtbaren - zu werden?!
Diese „erlebte geistige Wirklichkeit"
ist es, die Seltmann nicht müde wird, .seinen Lesern zu beschreiben und zu
erklären - aus seiner Sicht und mit der Aufforderung an jeden, sich zu fragen:
'Was hat mein jetziges Denken und Tun für Konsequenzen im Hier und im Drüben?“
Zum Abschluß lassen wir Seltmann noch einmal selbst zu
Worte kommen.
Am 12. Februar 1995 hatte ich Gelegenheit,
ihm über unser ungenanntes Medium, Frau H. - über das er seinerzeit mit mir in
Kontakt gekommen war - einige Fragen zu stellen. Er schilderte uns daraufhin,
wie er sein eigenes Hinübergehen erlebt hatte:
"Die letzten Wochen meines Lebens waren für mich nicht
leicht; denn ich hatte meine Sprache verloren. Und, wie ihr vielleicht schon
erfahren habt: ich habe gerne geredet Es war für mich eine große Übung der
Geduld, die mir manchmal zu Lebzeiten auch etwas gefehlt hat Aber dann, als die
Stunde kam, da ich hinüber durfte, erfüllte ein helles Licht den Raum. Ich sah
meine liebe Suse, meine Frau, wie sie strahlend im Lichtgewand vor mir stand.
Sie kam, um mich abzuholen. Auch Jesus durfte ich erblicken, wie er mir seine
Hände entgegenstreckte.
In der jenseitigen Welt bedurfte ich noch
der Ruhe und der Sammlung. Und meine liebe Suse .hat sich meiner angenommen.
Dann, zu einem viel späteren Zeitpunkt, durfte ich alle anderen begrüßen. Doch
ich will hier nicht zu viel darüber erzählen, weil es mit diesem Buch, das ihr
herausgeben wollt, wenig zu tun hat"
Auf die Frage, wie er heute zu der
Vorstellungswelt von Jakob Lorber steht:
"Ich stehe dazu heute nicht anders
wie damals zu Lebzeiten. Diese Offenbarungen waren alle sehr wegweisend für
mein ganzes leben. Und auch ich durfte ja dann Botschaften empfangen. Ich habe
sie aufgeschrieben und konnte sie durch innere Hellsicht ganz miterleben und
wahrnehmen."
Die letzte Frage ging danach, wie Seltmann heute die
Wirklichkeit der "traumartigen Erlebnisse“ beurteilt, die im letzten
Kapitel wiedergegeben sind:
"Es waren keine Träume im üblichen
Sinne, sondern seelische Erlebnisse. Es war meine Seele, die in den so
genannten Astralbereichen das Wort des Herrn verkündigt hat, denn ich durfte ja
auch sonst neben meinem irdischen Dasein gleichzeitig in der jenseitigen Welt
wirken. Und auch Jesus durfte ich in seiner Lebendigkeit erleben, damals und
auch heute immer wieder. Ihr wißt doch, daß Seele, Geist und leib voneinander
unabhängig sind [und sich
voneinander lösen können]. Aber
dieses war mir meistens nur in den Nachtstunden, wenn der Körper ruhte, voll
bewußt" -….
Er schloß mit den Worten:
"Seid eingehüllt in die
göttliche Liebe und Gnade!"
DONATA
Schriftenreihe mit inspiriert empfangenen
Texten
und Berichten über spirituelle Erfahrungen
Herausgegeben von Gertrud Emde
DO-1
Gertrud Emde (Text), Carla Schröfl (Federzeichnungen):
Ein
Kindertageslauf (1991)
DO-2
Max Seltmann:
Erlebte geistige Welt. Ein Sensitiver erzählt seine Lebensgeschichte (1998)
DO-3
Max Seltmann: Arno
DO-4
Gertrud Emde:
Christliches Heilen (Vortrag, 1996)
Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart
Tonkassetten mit Vorträgen von Gertrud
Emde
GT-1 GT-2 GT-3 GT-4 GT-5* GT-6
GT -
.1
Geistiges Heilen - ein christlicher Auftrag (Heiligkreuztal 1985)
GT –
2
Geistheilung durch jenseitige Helfer (Bad Ischl 1986)
GT –
3 Geistiges
Heilen - Spiritualität im Alltag (Heiligkreuztal 1986)
GT –
4 Drei
Meditationen (Heiligkreuztal/Ottobrunn 1986)
GT –
5* Geistiges Heilen
(Marburg 1986)
GT –
6
Geistiges Heilen - Chancen, Grenzen und Gefahren (Regensburg 1987)
GT - 7
Wanderungen
und Sichten in geistigen Bereichen (München 1987)
GT - 8*
Geistheilen und
Aura (Wien 1988)
GT - 9
Unsere
unsichtbaren Begleiter - Hilfen und Gefahren (Landau
1988)
GT-10
Heil
werden und Heil bringen - in anderen Kulturen und bei uns
(Heiligkreuztal
1988)
GT-11*
Das Leben danach -
aus der Sicht einer Sensitiven (Augsburg 1990)
GT-12*
Das Leben danach -
aus der Sicht einer Sensitiven (Bonn 1990)
GT-13
Spirituelle
Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verstehen und anwenden?
(Bern/Schweiz
1990)
GT-14*
Spirituelle
Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verstehen und anwenden?
(Baden-Baden 1991)
GT-15*
Spirituelle
Lebensberatung (Bad Herrenalb 1991)
GT-16*
Engel - unsere
Begleiter und Heiler (Stuttgart 1991)
GT-17
Geistiges
Heilen (Heilbronn 1991)
GT-18*
Bei Daskalos auf
Cypern - eine Reise ins Verstehen (München 1992)
GT-19*
Das geistige Umfeld
des Menschen (Hochreute 1992)
GT-20*
Geistiges Heilen
als Ergänzung zur Schulmedizin (München 1994)
GT-21
Sterben, Tod, Leben danach (Augsburg 1994)
GT-23*
Christliche Gesundheitsvorsorge (Augsburg 1996)
VT-73*
Begegnungen mit Engeln und Naturwesen / mit Erlebnisberichten
Von Tagungsteilnehmern
(Wies/Steingaden),
VT-123*
Medialität und Verantwortung -
Über den Umgang mit der eigenen Sensitivität
(Freising 1995)
Die mit * markierten Titel umfassen zwei Kassetten
Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart