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Louis Pendleton
Zu Füßen Uriels Ich sterbe Ich leide häufig an Magenbeschwerden und beneide deshalb das
kleine Seetier, die Holothurie, denn man sagt, es besitze die wunderbare
Gabe, sich einen neuen Magen anzuschaffen, sobald der alte verbraucht sei.
Als man mir jedoch zu verstehen gab, ich müsse wohl bald sterben und könne
in absehbarer Zeit meinen ganzen schwerfälligen, abgenützten Leib ablegen
wie ein altes Gewand und ich werde dann in einem neuen, unsterblichen Leib erwachen
– da freute ich mich nicht. Ich zweifelte eigentlich nicht an der Wahrscheinlichkeit
dessen, was mir der schlichte Mann erzählte, der an meinem Bette saß, um mir
Hoffnung zuzusprechen. Im Gegenteil, ich war ja immer der Meinung gewesen,
es müsse einen Gott geben, und der Mensch, sein Geschöpf, sei unsterblich.
Daß man nach dem Tod nie wieder aufleben sollte, schien mir ebenso
unerklärlich wie ungeheuerlich und ganz unmöglich. Man hatte mir das schon in
der frühesten Kindheit versichert. Aber ich hatte selten darüber
nachgedacht, denn ich war nicht eigentlich religiös. In meinem Freundeskreis
beschäftigte man sich mit der Welt und nicht mit der Ewigkeit. Ich liebte
daher die Welt und mochte sie nicht verlassen. Denn was man auch über das
Leben und seine Beschwerden jammern mag, so schätzen wir doch die Welt als
gut und angenehm. „Der Gedanke an Begräbnis und Verwesung bedrückt Sie?“
fragte der freundliche Mann. „Es ist nur Ihr materieller Leib, der sich so
zersetzt.“ „Das ist doch so ziemlich dasselbe, nicht wahr? Diese Hände
und Füße, diese Gliedmaßen, Augen und dieses Gehirn werden verwesen. Und das
bin ich.“ Er lächelte. „Ihr Kleid, nur Ihr Kleid! Ein Teil dieser
Welt. Das Kleid ist nicht der Mensch.“ „Nennen Sie es also Kleid“, antwortete ich, „aber was
bleibt übrig?“ „Das können Sie freilich mit den leiblichen Augen nicht
sehen, nur beweist das nichts. Was halten Sie von Ihren Gedanken? Sind sie
nicht wirklich? Und doch können wir sie nicht sehen.“ „Da haben Sie wohl recht“, erwiderte ich müde. „Also“, fuhr mein Freund fort, „mit den Augen unseres
Leibes sehen wir die Dinge und mit den Muskeln können wir sie bewegen. Aber
unsere Vernunft sagt uns, es müsse noch etwas innerhalb dieses Werkzeugs aus
Fleisch und Blut geben, das denkt und fühlt. Wir nennen es Seele oder Geist.
Und jedenfalls ist dies der Mensch. Wenn man einer Kokosnuß die äußere Hülle abreißt, so kommt
die innere harte Schale zum Vorschein, und darin steckt erst die Nuß selbst
mit ihrer süßen Milch. So ähnlich geht es dem Menschen, wenn er beim Sterben
die materielle Hülle ablegt, die er zum Verweilen in der Welt benötigt. Es
bleibt immer noch der geistige Leib als Hülle für das Gemüt und für den innersten
Sitz des Lebens, die Seele. Alles bleibt, was von wirklichem Nutzen für eine
höhere Stufe des Daseins ist. Der Mensch lebt, atmet und bewegt sich wie
zuvor – allerdings ohne durch seinen gebrechlichen materiellen Leib
behindert zu sein.“ Das alles befriedigte einigermaßen meine Vernunft. Es
mochte wohl so sein, aber da war immer noch das Sterben. Wenn man nur nicht
zu sterben brauchte! „Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele“, fuhr mein Freund
ungebremst fort, „wird uns überall in der Natur demonstriert: Der überreife
Apfel fällt zwar zu Boden und verfault. Aber in seinem Innern ist ein Same,
der sich zu einem neuen Baum entwickelt, der wiederum Früchte trägt, die neue
Samen enthalten, und so weiter. So zeigt sich uns ein Bild der Ewigkeit. Dasselbe sehen wir noch direkter in einigen der niedersten
Formen des Tierreichs. Was später ein Schmetterling wird, ist zuerst eine
kriechende Raupe, die sich bald verpuppt, die aber, wenn ihre volle Zeit
gekommen ist, die Hülle abwirft, sich als ein prächtiges Geschöpf in die
Lüfte schwingt und dort den Himmel findet. So ist es mit dem Menschen. Zuerst
gleich einem niederen Wurm mit irdischen Dingen beschäftigt, geht er dann
durch den Tod als Übergang hindurch und tritt in ein unvergleichlich besseres
Leben ein.“ Das war eine schwierige Ansprache an einen Sterbenden.
Aber mein Gemüt war klar, und ich war noch stark genug, mitzudenken, auch die
folgenden Tage, nachdem mein baldiger Tod zur Gewißheit geworden war. Ich
sah, daß meine Schwester sich Sorgen machte, die Unterredung könnte zuviel
sein für mich, aber sie bemerkte auch mein Interesse, und so hinderte sie uns
nicht. Der Geistliche kam öfter. Unter anderem versicherte er, das
natürliche Weltall sei nur die Vorbereitung auf der ersten Stufe unseres
Daseins. Da sei der Mensch imstande, zu seinem Schöpfer aufzuschauen. Durch
seine Vernunft könne er Gutes vom Bösen unterscheiden, und in Freiheit könne
er das eine bei sich pflegen und das andere meiden und sich dadurch in
Einklang mit dem Zweck und der Bestimmung seines Daseins bringen. Denn das
große Ziel der ganzen Schöpfung sei ein Himmel bewohnt von Menschen. „Sprechen Sie mit meiner Schwester“, sagte ich zuletzt, als
mich die Schwäche übermannte, „es wird ihr mehr helfen, weiteres darüber zu
hören, als mir.“ Ich war jetzt wirklich müde geworden. Die Zeit, solche
Dinge zu hören und zu bedenken, war für mich vorbei. Die Welt fing an zu
schwinden. Tag und Nacht folgten einander fast ohne Unterschied, wie zwei verschwommene
Phasen in einem Traum. Einmal, in einem helleren Moment, sah ich, wie der
Doktor sich über mich beugte, und hörte, wie meine Schwester ihr Schluchzen
zu unterdrücken suchte, als er leise mit ihr sprach. „Also liege ich jetzt im
Sterben“, dachte ich, „so ist das Sterben.“ Es war aber kein Schreckensgefühl. Nach so viel Leiden
umhüllte mich eine köstliche Ruhe und erquickte mich wie sanft rieselndes
Wasser. Nur der Gedanke an meine Schwester schmerzte mich. Ich wußte, daß sie
am Anfang glauben werde, ihr Herz sei gebrochen. Denn wir liebten einander
zärtlich und waren stets viel beieinander gewesen. Ich konnte nun sehen, was
kommen mußte: wie die schwarz Gekleideten sich um das offene Grab versammelten
und aus einer verschlossenen, nahestehenden Kutsche ein leiser Laut von
unterdrücktem, kläglichem Weinen hörbar wurde. Und wenn dann die ersten
Schaufeln Erde mit dumpfem Schall auf den Sarg fallen, da wird sie ihr Haupt
auf die Knie beugen und all ihre Gebärden werden das grausam zerschlagene und
gemarterte Gemüt verraten. Das war mein Schmerz, aber das war auch alles. Das
Bewußtsein des nahenden Todes brachte mir keine Aufregung, keine ängstliche
Bestürzung. Längere Zeit beherrschte mich der Gedanke: „Wenn es des Herrn
Wille ist, was kann ich dann tun?“ Aber allmählich kam ich zur Überzeugung:
„Was auch geschehen mag, mir wird Gerechtigkeit widerfahren.“ Ich wußte, daß nun die Todes-Szene bevorstand, daß meine
Schwester, meine Tante, der Doktor, die Krankenwärterin, vielleicht auch der
Geistliche um mich versammelt waren. Ich hörte sie sogar hie und da
flüstern. Einmal hörte ich eine Türe in einem entfernten Teil des Hauses sich
schließen, einmal auch das Krähen eines Hahns leise und in weiter Entfernung. Endlich schien es mir, als ob eine schwarze, wirbelnde
Wolke mich erfasse, und ich schwebte in ihrem Dunkel mit geschlossenen Augen
dahin. Die Stunde war wirklich gekommen. Eine kalte Hand legte sich auf mein
Gehirn und verwirrte meine Empfindungen. Einer nach dem andern versagten
meine Sinne, bis mir nur ein unbestimmtes Bewußtsein meines Daseins
übrigblieb, wie ein letzter Funke in einem Haufen verglimmender Asche. Welche Macht ist es, die einem einzigen Funken gestattet,
so lange weiterzuglühen? Es ist wunderbar und seltsam, dieses Verweilen des
Lebensfunkens im erkaltenden Leibe. Und doch gleicht es nur dem natürlichen
Abschied aus einem Hause, in dem man jahrelang gewohnt hat: wird man beim
letzten Adieu nicht noch unter der Türe anhalten und zurückblicken, auch wenn
das Haus alt und verwittert ist? Der Funke glimmt noch eine Weile; aber bald kommt ein
Windstoß, rüttelt an der schützenden Asche, und der Funke ist verschwunden.
Der Abschied ist endgültig; die Türe wird verschlossen. So auch jetzt: ein Augenblick, und der Funke erlosch die
Türe ward verschlossen. War es möglich? – Stand die Tür noch offen? – Glomm der
Funke immer noch? Können die Toten träumen? Oder war es Realität? Der
Schatten begann sich zu heben. Ich existierte also noch, und ich war immer
noch lebendig. War es denn überhaupt der Tod gewesen? Das war kaum möglich.
Ich sah zwar nichts, aber ich fühlte ein Frohlocken aus dem wachsenden
Lebensgefühl. Ich war wirklich am Leben! So blieb ich eine lange, glückselige
Weile. Zuletzt entdeckte ich, daß ich auf einem weichen Ruhebette lag, und
ich empfand eine ungewöhnliche Kraft, die meine Glieder belebte. Dann drang
das ferne Singen wohllautender, junger Stimmen an mein Ohr, und mit geöffneten
Nüstern sog ich einen Duft wie von blühenden Obstbäumen im Frühling ein. Und
obwohl meine Augen noch immer verschlossen waren, so wußte ich doch, daß ich
nicht allein war. Ich spürte deutlich eine Gegenwart. War dies die Schwelle
des ewigen Lebens, und waren die Wesen um mich her Engel? Ich fühlte auch, daß
sie forschend auf mich herabblickten und meine Seele entzifferten. Zuletzt
wurde mir bang, und ich wünschte, sie möchten mich verlassen. Dies geschah sofort. Zwar sah ich immer noch nichts, aber
ich empfand ihren Weggang als Erleichterung. Dabei war ich jetzt keineswegs
allein, denn bald fühlte ich andere Wesen um mich herum. Sie berührten mich
mit freundlichen Händen. Auch sie blickten mir ins Angesicht, und es schien
mir, als ob etwas sanft und sorgfältig von meinen Augen weggezogen oder
weggerollt würde. Dann erblickte ich das Licht. Aber ich konnte nicht auf ein
Mal alles klar und deutlich erkennen. Wer waren wohl diese neuen Freunde, die
mir solch gütige Dienste leisteten und deren Gegenwart mir keine Angst
einflößte? Endlich versuchte ich, meine Augen richtig zu öffnen und
aufzustehen. Und sofort ging eine überraschende Veränderung vor sich. Ich
konnte nicht verstehen, was es eigentlich war, aber das Singen schien mir
jetzt leiser und weiter entfernt, und die Wesen, deren Hände mich berührt
hatten, waren verschwunden. Oder – horch! – waren das nicht ihre Schritte,
die ich leise verhallen hörte? Und jetzt hörte ich eine sanfte Stimme, oder
war es bloß eine Einflüsterung, die in meinem erwachenden Gemüte zu klingen
begann: „Kleide dich an und komm zu uns heraus.“ Ich richtete mich auf und sah mich um. Die seltsame
Harmonie verstummte, ich war allein. Sonderbar. Ich befand mich in meinem
eigenen Zimmer mit all den wohlbekannten Gegenständen um mich her. Es war
Morgen und Zeit zum Aufstehen. Was hatte sich gestern zugetragen? War ich
nicht sehr krank gewesen, und hatte ich nicht erwartet, bald zu sterben? Und
jetzt: keine Schwachheit und kein Leiden mehr – im ganzen Körper eine
Leichtigkeit und eine Kraft! Aber wo war denn meine Schwester – wo waren die
anderen? „Kleide dich an und komm zu uns heraus.“ Hatte mich nicht eben vorhin jemand mit diesen Worten
geweckt? Wer war denn draußen? Mein Blick fiel auf einen Anzug auf einem Stuhl,
eine Armlänge vom Bett entfernt. Ich erhob mich, kleidete mich eiligst an,
etwas verwirrt, aber nicht bestürzt. Ich verließ das Zimmer, durchsuchte
das ganze Haus, fand aber niemanden und wunderte mich, wo sie so früh schon
hingegangen sein konnten. Denn außer meiner Schwester und meiner Tante hatten
wir noch drei Dienstboten im Hause. Es war unser Landhaus, wo wir den Sommer
zubrachten, wir drei für uns. Denn ich war erst fünfundzwanzig Jahre alt und
noch nicht verheiratet. Ich öffnete die Haustüre und ging hinaus. Es schien mir,
als ob etwas in der mir wohlbekannten Landschaft verändert sei. Hatten die
Wälder und Felder ihre Plätze verwechselt? Auf halbem Weg zur Gartentüre
blickte ich zurück und blieb verwundert stehen. Dies Haus war dem unsrigen ja
recht ähnlich, aber es war gewiß nicht unser Landhaus. Wer löste mir das
Rätsel? Unbehagen packte mich und steigerte sich rasch zur Angst. Ich begann
zu beten. Da sah ich einen Mann die Straße herabkommen und die Gartentüre
öffnen. Ich eilte ihm entgegen, denn es schien unser Nachbar zu sein. Aber
als er mir näher kam, stellte ich fest, daß ich ihn überhaupt nicht kannte.
Ein Mann in den besten Jahren mit angenehmen Zügen und einem golden
glänzenden Vollbart. Er gefiel mir, ja, wirklich, ein sympathischer Mann.
Aber das war es nicht; ich habe viele sympathische Männer gesehen oder
gekannt. Dieser war anders, ich konnte meine Blicke gar nicht mehr von ihm
wenden. Sein Gesicht strahlte etwas aus – Schönheit? – bei einem Mann? Oder
eher Güte? Aber von einer Kraft, wie sie mir noch nie begegnet war. Gab es so
etwas überhaupt in dieser Welt? Er erwartete mich, und indem er mir herzlich die Hand
drückte, fragte er mich nach meinem Befinden. „Es freut mich, dich zu sehen“,
sagte er lächelnd. „Ich wünsche dir Glück.“ Offenbar hielt er mich für jemand anders. „Sie sind sehr
gütig“, sagte ich, „aber ich habe nicht die Ehre – ich kenne Sie nicht.“ „Du wirst mich bald kennenlernen“, antwortete er heiter,
während er mich aus seinen dunklen Augen ruhig, aber aufmerksam betrachtete. Was konnte er damit meinen? Ich war etwas beunruhigt. „Können Sie mir sagen wo ich bin?“ fragte ich mit einer
Eilfertigkeit, die meine Angst verriet. „Das kann ich, und ich werde es bald tun“, erwiderte er
bedachtsam. „Aber vorher wollen wir in das Wäldchen spazieren und uns
niedersetzen. Es ist recht viel, was ich dir mitzuteilen habe.“ Ich versuchte meinen Kopf wegzudrehen, mußte den Mann aber
doch wieder anschauen. War er bei Sinnen? Ich erschrak ob meiner eigenen
Vermutung; das war bei diesem Menschen ganz ausgeschlossen. Aber wie konnte
ich mir sein absonderliches Verhalten und Reden sonst erklären? „Du irrst dich ganz und gar“, sagte er plötzlich, indem er
mich immer noch unverwandt anschaute. „Hier gibt es keine Verrückten, außer
denen, die sich zur Hölle wenden. Im wahren Lichte sind nämlich die
Schlechten wahnsinnig und nur die Guten recht bei Sinnen!“ Wer war dieser Mann? Ich hatte doch gar nichts gesagt, und
dennoch kannte er meine Gedanken. Beherrschte ich vielleicht meinen Gesichtsausdruck
nicht mehr? Irgendetwas stimmte nicht, ich mußte besser auf der Hut sein.
Dennoch fühlte ich ein richtiggehendes Bedürfnis, mich dieser wunderbaren
Person anzuvertrauen, die so im Gemüt anderer lesen konnte. Und als er seinen
Vorschlag wiederholte, folgte ich ihm ohne Bedenken in das Wäldchen. „Es scheint, als ob Sie mich kennen“, wagte ich zuletzt zu
sagen. „Wo haben Sie mich früher schon gesehen?“ „Ich habe dich nie zuvor gesehen“, antwortete er, „aber
dein Name ist Oswald Burton, nicht wahr?“ Ich vergaß, seine Frage zu bejahen, so sehr war ich verblüfft.
Schweigend traten wir endlich in das Wäldchen ein. Es bestand aus hohen
Eichen; gut gebahnte Wege durchzogen es, und die Mitte bildete ein runder,
tiefer Teich, dessen klare und durchsichtige Fluten unter einem mit Wasser bedeckten
Felsen hervorsprudelten und dann in einem sanft murmelnden Bächlein ins Feld
hinausströmten. Neben der Quelle standen zwei Gartensessel; auf seinen Wink
ließ ich mich neben meinem Führer nieder, er zog einen silbernen Becher
hervor und schöpfte etwas Wasser damit. „Trink“, sagte er, und ich gehorchte. Sobald ich den Inhalt des Bechers geschmeckt hatte, wandte
ich mich verwundert an meinen Begleiter: „Heißen Sie das Wasser?“ fragte ich,
während ich spürte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg. „Es ist so stark wie der
beste Wein. Woher kommt das?“ „Das kommt daher, daß diese Quelle eine vollkommene
Entsprechung der Weisheitsquelle ist“, lautete die Antwort. „Es freut mich,
daß du ihre Kräfte wahrnimmst, denn es ist für mich ein Zeichen, daß auch
deine Ohren der himmlischen Belehrung nicht verschlossen sind. Dieser Becher
voll Wasser ist ein untrügliches Erkennungsmittel.“ „Sie erzählen so absonderliche Dinge“, rief ich voll Erstaunen
aus. „Sagen Sie mir, was bedeutet das alles?“ „Es bedeutet, daß du jetzt ein Bewohner der geistigen Welt
bist.“ Erschrocken sprang ich auf. „Wie kann das sein?“ „Du bist ein Geist“, sagte er ruhig. „Du bist eben von der
Erde angekommen und bist jetzt in dem großen Eingangshof der geistigen Welt,
wohin alle nach dem Tode zuerst gelangen, und wo sie eine längere oder
kürzere Zeit verweilen, bis sie völlig für den Himmel oder für die Hölle
vorbereitet sind.“ „Es ist unmöglich“, erwiderte ich. Zwar kam mir jetzt
plötzlich in den Sinn, was mir der Geistliche vom Ablegen des Gewandes
erzählt hatte – weshalb nur? Ich wischte es weg. „Ich habe immer gehört, daß
ein Geist, wenn es so etwas gibt, ein dunstiges, dünnes, geschlechtsloses
Etwas ist, das in der Luft umherschwebt. Ich aber – habe ich nicht Kopf,
Leib, Hände und Füße? Ich sehe, höre, schmecke, rieche, fühle – ich bin ein
Mensch.“ „Ja, du bist ein Mensch, das ist gewiß, und bist im vollen
Besitz all deiner Fähigkeiten. Aber die Verbindung mit deinem irdischen Leib
ist getrennt; du lebst jetzt in deinem geistigen Leib, der in allen Stücken
das Ebenbild des natürlichen ist, nur daß er aus der Substanz der geistigen
Welt besteht, und daher nicht materiell, sondern substantiell ist.“ „Aber“, erwiderte ich, „erst vor einer halben Stunde wachte
ich aus meinem Schlafe auf in meinem Haus dort drüben und kleidete mich an,
wie ich es mein Leben lang getan habe.“ „Und – fiel dir dabei nichts Ungewöhnliches auf?“ „O doch; es ist wahr, daß ich in unerklärlicher Weise an
einen mir fremden Platz entrückt worden bin, und diesen Morgen, ehe ich
erwachte, hatte ich einen schönen Traum von lieblicher Musik und Wohlgeruch,
aber – „ „Das war sogleich nach deiner Auferstehung“, unterbrach
mich mein Begleiter. „Es war der Einfluß von Engeln. Diese mußten dich nach
einer Weile wieder verlassen, denn sie waren aus dem höchsten oder innersten
Himmel, und du konntest ihre Gegenwart nicht ertragen. Dann kamen Engel aus
dem mittleren Himmel und blieben bei dir, bis du aller deiner Sinne mächtig
wurdest. Es wurde Sorge getragen für deine Belehrung. Zuerst glaubtest du
dich in deiner irdischen Heimat mit ihrer ganzen Umgebung und schöpftest
daraus Mut und Zuversicht. Es wird immer so vorgesehen, damit der neue
Ankömmling nicht von zu großer Bangigkeit erdrückt wird.“ Ich setzte mich nieder und starrte den Redner stillschweigend
an. Ein leichter Wind strich durch die Wipfel der Eichen und säuselte in
deren Blättern. Der Sonnenschein glitzerte auf dem Wasser des Bächleins. Das
Summen der Bienen und der Gesang der Vögel drangen in mein Ohr. Nein! Nein!
Das war unmöglich! Dies mußte die Welt sein, ich kannte doch das alles. Ich
stand daher auf, stieß mit meinem Fuß an einen kleinen Stein, so daß er den
kurzen Abhang hinunterrollte. „Wollen Sie behaupten, das sei kein Stein?“ fragte ich. „Das ist wohl ein Stein“, antwortete er, „aber es ist kein
Stein aus der materiellen Welt. Er ist ein Teil der ewigen Substanz der
geistigen Welt, aus der die Materie der natürlichen Welt nur eine Art Kopie
darstellt.“ Ich setzte mich wieder hin. „Nein, das kann nicht sein!“
sagte ich. „Das ist unmöglich.“ Das Antlitz mir gegenüber zeigte Enttäuschung; der Mann
schwieg eine kleine Weile und blickte mir forschend ins Auge. „Wenn alles, was ich dir gesagt habe, noch nicht genug ist,
so wird der Herr in seiner Gnade dich wohl in anderer Weise davon überzeugen,
mein junger Freund“, sagte er zuletzt mit etwas wie Wehmut. „Steh’ auf und
spaziere dahin“, fuhr er fort, indem er mit der Hand die Richtung andeutete,
„und während du spazierst, denke an irgend einen Freund auf Erden, von dem du
weißt, daß er kürzlich verstorben ist. Und dann kehre nach einer kleinen
Weile zu mir zurück.“ Ich gehorchte ihm und machte mich auf den Weg, allerdings
ohne Glauben, aber doch in ängstlicher Spannung, was da wohl geschehen werde.
Ich war kaum hundert Schritte gegangen, so sah ich einen jungen Mann zwischen
den Bäumen herzukommen auf einem Pfad, der den meinigen kreuzte – einen
jungen Mann, den ich seit Jahren kannte und der drei oder vier Monate vor
meiner Krankheit gestorben war. Wir erkannten einander beinahe in demselben
Augenblick, und mit einem Lächeln schritt er schnell auf mich zu. Ich stand
still und es wurde mir kalt, als er zu mir trat und mich bei meinem Namen
begrüßte. „Was – was tust du hier?“ stotterte ich heraus. „Ängstige dich nicht“, sagte er mit einem freundlichen
Lächeln, „Du findest nichts Totenartiges an mir, wie du siehst.“ „Sah ich nicht zu, wie sie dich vor mehr als drei Monaten
beerdigten? Oder ist die ganze Welt närrisch geworden?“ „Ja, du hast wohl zugesehen, wie sie meinen Leib begruben.
Aber mich haben sie nicht begraben. Als ich zuerst hierher kam, war ich auch
ungläubig wie du“, fuhr er fort, „aber ich wurde bald überzeugt; ja, sehr
bald. Die Logik der Sachlage gestattete eben nichts anderes. Unsere schwachen,
vergänglichen Leiber sind abgefallen, mein lieber Burton, und wir sind in der
geistigen Welt.“ Ich hörte ihm still staunend zu, bis er zuletzt Adieu sagte
und weitergehen wollte. „0 geh noch nicht!“ bat ich, ihn am Arme zurückhaltend,
und wollte ihn eifrig weiter befragen. Aber er unterbrach mich. „Wer bin ich, daß ich dich unterweisen sollte, wenn Engel
des Himmels dich so gerne belehren?“ meinte er. „Ich muß dich jetzt
verlassen. Vielleicht sehen wir uns wieder, ich hoffe es. Adieu!“ Mit Widerstreben ließ ich ihn ziehen und schaute ihm
unverwandt nach, bis er zwischen den Stämmen verschwunden war. So stimmte es
also doch! Ich war ein Geist. Beschämt und verwirrt kehrte ich zu dem Mann im
Eichenhain zurück. Der war aber nicht mehr allein, sondern befand sich in
eifriger Unterredung mit zwei anderen, die ihm in ihrer ganzen Erscheinung
glichen. Sie schienen mein Kommen nicht zu bemerken, und ein paar Schritte
von ihnen blieb ich stehen, um sie nicht zu unterbrechen. Während ich sie so
betrachtete, erschien plötzlich ein heller Glanz auf ihren Gesichtern.
Sollten etwa diese Männer die Engel des Himmels sein, die mich belehren
wollten? Sie könnten es schon sein; einer von ihnen hatte mich ja schon in
einigem zu unterweisen versucht – und wie undankbar hatte ich es quittiert!
Plötzlich fühlte ich mich unwürdig, sie nur anzuschauen, und schlug meine
Augen nieder. So wartete ich eine Weile und dachte über meine Lage nach und
lauschte dabei auf den Wind, der in den Wipfeln der Bäume rauschte. Als ich
endlich wieder aufzublicken wagte, waren die zwei verschwunden, und nur der
Mann, den ich schon kannte, saß noch da, auf einem der Sessel, sein Blick
ruhte auf mir, er wartete geduldig auf Weiteres. „Sagen Sie mir, wer Sie sind!“ bat ich ihn ungestüm und
trat näher, so nah, als es meine Achtung vor ihm gestattete. Er lächelte ein wenig. „Ich bin Uriel, ein Diener des
Herrn.“ Aber als er dies sagte, ging ein so überirdisches Leuchten
über sein Antlitz, daß ich keinen Augenblick mehr daran zweifeln konnte, daß
ich einem Engel gegenüberstand. Diese Gewißheit überfiel mich wie ein
Sturzbach und schwemmte jedes Bewußtsein meiner eigenen Person davon; ehe ich
begriff, was ich tat, fand ich mich vor ihm auf den Knien. Aber er beugte
sich schnell vor, hob mich auf und sprach mit großem Ernst: „Beuge die Knie vor dem Herrn allein. Er ist dein Freund,
dein Beschützer. Er ist unendlich gut, weise und barmherzig.“ Sein Antlitz strahlte wie von innen erleuchtet, und ich kam
mir vor, als stünde ich im Schatten oder im Dunkel und weit von ihm entfernt.
Ich fühlte mich bedrückt, unbehaglich, mit einem Verlangen, mich abzuwenden
und zu mir selbst zurückzukehren, aber ich fürchtete mich, dies zu zeigen.
Er schien aber wieder meine Gedanken zu lesen, denn seine schönen Augen
blickten erwartungsvoll und ermutigend auf mich. So fühlte ich mich
gezwungen zu sagen: „Lieber, guter Uriel, gestatte mir, dich zu verlassen! Ich
bin nicht wert und ganz und gar unfähig, bei dir zu verweilen, denn du bist
ein Engel des Himmels.“ „Es steht dir frei, dich zu entfernen“, sagte er freundlich.
„Es ist ohnehin Zeit, daß wir uns trennen. Du mußt nun vorwärts gehen und
deine Anfechtungen durchstehen. Gute Geister werden dich zum Himmel führen,
böse dich zur Hölle hinabziehen wollen. Je nach dem Zustand deiner Liebe oder
der Neigungen, die du durch dein Leben in der Welt bestimmt hast, wirst du
entweder auf die einen hören oder dich den andern anschließen. Es hängt also
alles von deinem Leben in der Welt ab. Denn die Versuchungen hier dienen nur
dazu, den Vorgang zu beenden, der „Wiedergeburt“ heißt, falls er in der Welt
schon begonnen worden ist. Gemeint ist damit: Wenn du das Gute und Wahre
liebst, so wirst du allmählich aufwärts steigen und alles Böse abstreifen,
das dir noch anhaftet, auch wenn du hin und wieder verzagst und Rückfälle
erleidest. Wenn du allerdings das Böse liebst, so wirst du mit der Zeit alle
Erinnerung an das Gute verlieren und endlich deine Heimat unter den Unglücklichen
der Hölle finden. Der Herr und all die Himmel sehnen sich danach, dich bei
ihnen aufzunehmen, aber sie können es nicht, wenn du dich in der Liebe zum
Bösen bestärkt hast. Jetzt ziehe hin, der Herr sei mit dir! Lebewohl!“ Er drückte mir bewegt die Hand, dann wandte er sich und
ging fort. Ich sah ihm lange nach, mit Angst und Wehmut erfüllt. Ein
Geräusch des Waldes lenkte mich ab, und als meine Augen ihn wieder suchten,
war der Engel meinen Blicken entschwunden. Die ewigen Beter Es gibt Zeiten, wo die Sünden, die man begangen, und die
Pflichten, die man vernachlässigt hat, einem so deutlich vor Augen stehen,
und die eigene Selbstsucht, der Egoismus und der Eigendünkel so grell vom
Himmelslicht beleuchtet werden, daß es einen überrascht und erschreckt. Wenn
man dazu weiß, daß es die Teufel sind, die sich selber lieben, die Engel
dagegen das Wohl anderer über das eigene stellen, so fragt man sich zuletzt,
ob man nicht trotz eines anständigen, ordentlichen Lebenswandels innerlich
ein Teufel sei. Es schien mir, wie ich die Sache so bei mir überdachte, daß
jede Handlung meines Erdenlebens egoistischen Motiven entsprungen sei, und
ich stellte in tiefer Betrübnis fest, daß ich wohl nichts Besseres verdiene
als einen Platz in der Hölle. Gleich darauf aber flehte ich zu Gott, daß er
mich mit dem Ort der Unseligen verschone und mir gestatte, den Weg in das
Reich der Engel zu finden. Darauf erhob ich mich allmählich aus diesem
Zustand der Zerknirschung. Ich sagte mir, ich sei vielleicht doch nicht ganz
allein schuld daran gewesen, daß ich in der Welt meine Gelegenheiten
versäumt habe, ein weiserer und besserer Mensch zu werden. Die Leute, an die
ich mich in meiner Jugend um Unterweisung in Religionssachen gewandt hatte,
taten weiter nichts, als mit gängigen Redensarten über den Glauben um sich zu
werfen. Es hieß Glaube, Glaube und immer wieder Glaube, und das hatte ich nie
so recht verstehen können. So faßte ich jetzt wieder Hoffnung, daß in mir
trotz alledem vielleicht wenigstens ein Keim von Liebe zum Guten und Wahren gebildet
worden sei. Was ich daher zu tun hatte, war, vorwärts zu gehen, den Weg zum
Himmel zu erfragen, nie davon abzuirren und mir fest vorzunehmen, mein Gemüt
und Herz von allem Bösen zu säubern. Das würde wohl eine geraume Zeit in Anspruch
nehmen. Jetzt war ich offenbar unfähig, mit solchen Engelmenschen wie Uriel
zusammenzuleben. Aber wer weiß? Vielleicht gibt es andere, nicht so sehr vollkommene
Engel, unter denen ich am Ende einen Platz finden könnte. Durch solche Gedanken ermutigt beschloß ich, Uriels Auftrag
zu befolgen und „vorwärts“ zu gehen. Ich verließ den Eichenhain. Ich war noch
nicht weit gekommen, als ich auf einem Wege, der den meinigen kreuzte, eine
Gesellschaft von etwa fünfzehn Männern und Frauen erblickte, die sich
schnell fortbewegten. Sie waren schon über meinen Weg hinweg und schienen in
großer Eile. Ich begann deshalb zu laufen und rief ihnen hinterher, denn ich
wollte gerne mit ihnen reden und sie ausfragen. Sowie sie mich erblickten,
hielten sie an und erwarteten mit augenscheinlicher Neugierde mein
Herankommen. Im Abstand von ein paar Schritten hielt ich aufatmend an, verbeugte
mich und grüßte die Damen aufs höflichste. Dann wandte ich mich an einen
hageren, ernst aussehenden Mann von mittlerem Alter, der mir der Anführer der
Gesellschaft zu sein schien, und der, seinem Aussehen und seiner Kleidung
nach zu urteilen, ein Geistlicher war. Er grüßte mich herzlich und fragte, wo
ich herkäme. Ich sagte ihm, daß ich eben erst in die geistige Welt
eingetreten sei und kaum wisse, wo ich mich hinzuwenden hätte. Es liege mir
sehr daran, den Weg zum Himmel zu finden, und ich wäre sehr dankbar für
irgendwelche Belehrung, die er mir dazu geben könne. „Der Weg zum Himmel?“ wiederholte er frohen Muts. „Das ist
eben der Weg, den wir verfolgen, junger Mann, und wir werden bald dort sein.“ „Ist er denn so nahe?“, fragte ich zweifelnd. „Wir hoffen und glauben, daß er es ist“, lautete die Antwort.
„Auch wir, diese guten Freunde und ich“, fuhr er fort, „sind eben aus der Welt
angekommen. Sobald wir zum Bewußtsein erwacht waren, fragte ein jedes von
uns nach dem Himmel, und man sagte uns, wir sollten nur diesem Wege folgen.
Wie wir so weitergingen, fanden wir einander und erwarten nun zuversichtlich,
demnächst die Perlentore zu erreichen, durch die wir eintreten werden.“ Sowie ich diese Leute genau betrachtet hatte, war ich mir
einer inneren Antipathie bewußt geworden. Und diese Worte verstärkten das
Gefühl. Ohne weitere Antwort fragte ich deshalb: „Sind Sie dessen so gewiß?“ „Ganz und gar gewiß. Haben wir nicht Gottes Verheißung?
Wir haben fest in unserem Glauben gestanden, und für die Gläubigen liegt der
Lohn bereit. Wir haben unsere Seelen Gott geheiligt. Und wenn man einmal
durch den Glauben geheiligt ist, kann man der Gnade nicht mehr verlustig
gehen. Nie mehr! Und wenn uns der Teufel auch in die Sünde führte, so sind
wir doch sicher, sicher in alle Ewigkeit. „Grad’ wie ich bin, ohn’ weitres Wort Als daß dein heil’ges Blut mir ward, Grad, wie ich bin, ich warte nicht, Bis meine Flecken werden licht“. So sang er mit wahnwitziger Entzückung. „Glaube – Glaube,
das große Wort enthält alles: ewiges Leben, Reichtum, Seligkeit. – Junger
Mann, ich sehe, du bist ohne Glauben.“ „Ich fürchte, da haben Sie recht“, erwiderte ich ungerührt;
denn daß er sich herausgenommen hatte, mich so stracks abzuurteilen, stieß
mich ab. Zur Antwort wandte er sich an seine Gefährten, und mit der
lauten Stimme eines Kanzelredners rief er: „Kommt, liebe Brüder und Schwestern, laßt uns noch eine Seele
zu Gott bekehren. O unbedachter junger Mann, kehr um zu Jesus. Kehr um, o
Sünder, kehre um!“ Auf seinen Ruf drängten sich alle um mich herum und fingen
mit dem größten Enthusiasmus an, eines von ihren Jammerliedern zu singen,
wobei sie im Takt von einem Bein aufs andere wippten und ermunternd ihre
Köpfe schwenkten. Es paßte zu dem Text wie die Faust aufs Auge. Aber ihre
Blicke fraßen sich in mein Gesicht, als wollten sie meine ungläubige
Erbärmlichkeit in Stücken auseinanderreißen. Ich fühlte mich auch geistig
immer stärker bedrängt. Es fiel mir schwer zu atmen; bald fürchtete ich zu
ersticken. Ich riß mich los und blieb erst in sicherer Entfernung stehen. „Bitte, laßt mich in Frieden!“ rief ich. Sie aber drängten mir ungestüm nach und sangen mit verdoppelter
Kraft. Ich wandte mich, ihnen zu entrinnen, hielt aber inne, als mir
plötzlich etwas Besseres in den Sinn kam. „Was vergeudet ihr eure Zeit?“ schrie ich ihnen entgegen.
„Ihr vergeßt, daß ihr so nur euren Eintritt in den Himmel verzögert.“ Dies schienen sie gehört zu haben, und es leuchtete ihnen
ein. „Er hat recht“, sagte der Geistliche und blieb abrupt stehen. „Laßt uns
keine Zeit verlieren. Unsere Sternenkronen warten auf uns – laßt uns hineinziehen
und sie in Empfang nehmen. Du aber, junger Mann, kannst uns bis an das Tor
begleiten. Es mag dir von Nutzen sein, unseren Eintritt in die seligen
Wohnungen zu betrachten.“ Darauf wandten sie sich von mir ab und strebten vorwärts
wie zuvor, ihre Mienen voll gespannter Erwartung. Sie hatten mir viel Bangigkeit
verursacht, und ich war herzlich froh, ihre Aufmerksamkeit so schnell wieder
loszusein. Dennoch fühlte ich eine brennende Neugierde, die mich trieb, ihnen
nachzugehen, wenigstens ein kleines Stück, um zu sehen, wie das mit den
Perlentoren herauskommen werde. Während wir also hintereinander
weitermarschierten, drehte sich der Geistliche dann und wann um und richtete
aufklärende Bemerkungen an mich, obgleich unsere Unterhaltung durch den
Abstand erschwert wurde. Ich befürchtete nämlich, daß sie mich wieder umzingeln
könnten, und hielt mich deshalb in einiger Entfernung, so daß ich die
Möglichkeit behielt, ihnen zu entschlüpfen. Jetzt fragte ich ihn: „Was denken Sie zu tun, wenn Sie in den Himmel eingetreten
sind?“ „Zu tun? Was ist das für eine Frage! Getan haben wir genug.
Wir singen da die Lieder Zions und leben fortan in vollkommener Seligkeit. Es
scheint mir, junger Mann, daß du noch sehr der Belehrung bedürftig bist. Hast
du noch nie gehört, daß der Himmel der Platz ist, wo die Gerechten nach dem
Tode sich versammeln, um Gott zu lobsingen – der Platz „Wo die Andacht nie ein Ende nimmt, Der Sabbath nie zu Ende kommt!“ „Ich wundere mich nur, was der Engel Uriel zu diesen Leuten
sagen würde“, dachte ich bei mir. „Sie sind doch gewiß nicht für den Himmel
vorbereitet. Sie täuschen sich. Überhaupt, wenn das alles wäre – „ Meine Betrachtungen wurde hier plötzlich abgeschnitten,
denn wir hatten jetzt die Kuppe der sanft ansteigenden Anhöhe erreicht, und
in kurzer Entfernung von uns erhob sich eine hohe weiße Mauer, anscheinend
aus glänzenden Steinen errichtet und mit einem schönen von Türmchen gekrönten
Torgebäude versehen. Meine Reisegefährten jauchzten, als sie sahen, daß nur
eine grüne Rasenfläche sie von dem zu trennen schien, was das Ziel ihrer
Sehnsucht gewesen war. Voll Dankbarkeit warfen sie sich auf die Knie nieder.
Ein Schauer der Aufregung und Ehrfurcht überlief mich. War denn das wirklich
der Torweg zu den seligen Wohnungen? Dann stände ich nun zweifelnd, ohne
Ehrerbietung und gänzlich unvorbereitet vor dem allergrößten Ereignis. Ich sah jetzt, daß eine Türe in dem großen Torweg offen
stand und daß Leute von allen Richtungen sich herbeidrängten und in heftiger
Drückerei ins Innere verschwanden. Diese Hast hineinzukommen steckte an. Der
Geistliche mit seiner Gruppe hatte sich kaum auf die Knie niedergeworfen, als
die Leute schon wieder aufsprangen und in wildem Durcheinander auf das Tor
zueilten. Ich folgte ihnen und sah sie sich durch den Eingang quetschen, die
einen ohne Rücksicht auf andere, und sie hatten alle Würde und allen Anstand
vergessen. Inzwischen stand ich draußen, unsicher und verstört. Der Türhüter,
ein graubärtiger Greis, der sich nicht um das Gedränge zu kümmern schien,
bemerkte mich und wollte wissen, warum ich zaudere. „Warum kommen Sie nicht herein?“ Anscheinend wunderte er sich über mein Verhalten. Seine Anrede verwirrte mich aber noch mehr, so daß ich nun
nur sehr zaghaft an ihm vorbeiging. Ich gelangte in eine große niedere Halle,
worin ungefähr zweitausend Leute versammelt sein mochten. Sie waren in
Gruppen verteilt, von denen die einen sangen, andere beteten, wieder andere
predigten oder zuhörten. Das Getöse war unbeschreiblich. Die Sänger wandten
ihre Blicke aufwärts mit dem Ausdruck überschwenglicher Glückseligkeit, während
jene, die den Predigern zuhörten, ihnen jedes Wort mit Gier und Wonne von den
Lippen lasen, ohne sich dem Anscheine nach durch das mißtönende
Durcheinander beirren zu lassen. Die Prediger selber und die Beter schienen
beinahe bis zur Raserei erregt. „Diese Leute sind außer sich. Was kann das alles bedeuten?“
fragte ich zunächst mich selbst, dann laut jemand, der mir zur Seite stand. „Das bedeutet“, war die enthusiastische Antwort, „daß wir jetzt
im Himmel sind, ,Wo die Andacht nie ein Ende nimmt, der Sabbath nie zu Ende
kommt.’ „ Bei diesen Worten sank mir das Herz im Leibe, und ich
blickte schnell über meine Schultern nach der Türe zurück. Andere mochten
hier bleiben und ihre orgiastische Erregung in alle Ewigkeit genießen, sie
mochten sich hier im Himmel fühlen; aber mir war ganz elend, ich wollte nur
weg. So wandte ich mich um und suchte den Eingang wieder, aber zu meinem
Erstaunen sah ich überall nur feste, undurchdringliche Wände. Die Türe war
verschwunden. Voll banger Unruhe ging ich in die Halle zurück, setzte mich
hin und hörte dem Lärm von Predigen, Beten und Singen zu, bis mir der Kopf
dröhnte und ich zu fürchten begann, verrückt zu werden. Wieder kam das Gefühl
des Erstickens über mich. Ich erhob mich, taumelte der Wand entlang und
betete um Befreiung aus diesem Irrenhaus. Nachdem ich in dieser Weise halb um
die Halle gewandert war, sah ich auf einmal ein kleines Törchen direkt vor
mir, offen, ein Ausweg! Aufatmend schloß ich es hinter mir – und blickte in eine
zweite Halle, beinahe ebenso groß wie die frühere und mit ebenso vielen
Leuten darin. Hier gab es zwar weder Predigen, Beten noch Singen, aber trotzdem
herrschte das gleiche Getöse. Die einen aßen und tranken, während sie um die
Tafeln herum standen, auf denen allerlei Erfrischungen aufgehäuft lagen.
Andere saßen oder lagen auf Bänken und schliefen, offenbar als Folge
äußerster Ermattung. Die meisten aber wanderten rastlos auf und ab und besprachen
die Sachlage. Die inbrünstige Verzückung in der anderen Halle war hier
deutlich in Unzufriedenheit und Bangigkeit verwandelt. Nachdem ich mich an einer der Tafeln erfrischt hatte,
fühlte ich mich wohler und sah mich mit Interesse um. Ich setzte mich auf
eine Bank neben eine ältere Frau, deren Gesicht mir gefiel, obgleich es
jetzt durch den Ausdruck tiefster Niedergeschlagenheit verdüstert war, und
ich nahm mir die Freiheit, sie über die Ursache ihrer Betrübnis auszufragen. „Ich bin traurig“, sagte sie, „weil ich hier eingesperrt bin
und keinen Ausweg finden kann. Man sagt mir, daß ich, sobald ich
Erfrischungen zu mir genommen habe, in die andere Halle zurückkehren und an
dem Beten und Singen teilnehmen müsse. Wenn ich dann wieder der Nahrung bedürfe,
so könne ich wieder hier hereinkommen – und so fort, hin und zurück, hin und
zurück – bis in alle Ewigkeit. Das ist das Leben des Himmels. Ich habe getan,
was man mich geheißen hat. Aber je länger ich hier bin, desto schrecklicher
wird es mir. Ich bin jetzt achtundvierzig Stunden hier gewesen, und
achtundvierzig Jahre könnten mir nicht länger vorkommen. Mein Kopf will mir
zerspringen beim bloßen Gedanken, daß ich noch weiteren Predigten zuhören
oder weiter beten und singen soll. Ich bin wohl eine sehr schlechte Frau, daß
mir solche Gedanken kommen, aber ich glaube, ich möchte nie wieder einen
Prediger sehen, solange ich lebe.“ „War dies aber nicht Ihr Ideal von himmlischer Glückseligkeit,
als Sie auf der Erde lebten?“ wollte ich von ihr wissen. „O doch, ja; ich habe aber jetzt erfahren, daß gar keine
Glückseligkeit darin zu finden ist. Es bedeutet mir das tiefste Elend. –
Wenn sie mich zwingen, wieder hineinzugehen, wo diese Leute ihr Wesen treiben“,
fügte sie nach einer Weile hinzu, und ihre Stimme begann jetzt zu zittern „so
weiß ich nicht, was ich tun werde. Mir ist, als ob ich schreien oder verrückt
werden müsse. Ich sterbe, wenn sie mich nicht hinauslassen!“ Das hatte sie
nun wirklich geschrien. Über sich selbst erschrocken blickte sie scheu und furchtsam
umher. Aber niemand hatte ihre Verzweiflung zur Kenntnis genommen. „Ich glaube, wir werden bald gehen können“, tröstete ich.
„Ich bin zum Schluß gekommen, daß das Ganze eine Posse ist, nur zugelassen,
um uns zu zeigen, wie töricht und einfältig unsere Ideen über den Himmel sind.“ Ein Hoffnungsstrahl erleuchtete die müden Augen der Frau.
„Wenn sie mich nur hinausließen, mich etwas tun ließen“, sagte sie wehmütig,
„wenn ich nur meine tägliche Arbeit besorgen dürfte!“ Ich versuchte noch eine Weile, ihr Mut einzureden, und ging
schließlich weiter. An der gegenüberliegenden Wand fand ich endlich eine
Türe, die mir vorher nicht aufgefallen war. Sie führte aber bloß in eine
dritte Halle, auch wieder voller Leute. Hier herrschte nun die größte
Unordnung. Der Boden war mit Überresten von Obst und allerlei Kleidungsschnipseln
bestreut. Die Leute schienen ungekämmt und verwildert und stießen
rücksichtslos aneinander, während sie ziellos hier- und dorthin drängten.
Aller Schein von religiösem Enthusiasmus war verschwunden; Lärm und Streit nahmen
dessen Stelle ein, hauptsächlich auf der Gegenseite, wo sich alles um ein
großes geschlossenes Tor staute, offensichtlich in der Erwartung, daß es
geöffnet werde. Als ich mich langsam auch dorthin durchquetschte, hörte ich
aus der Masse lautes Fluchen von Leuten, die für ihren erdauerten Platz
fürchteten. „Mein hochheiliger Geistlicher mag nun sagen, was er will,
aber hier ist man offensichtlich nicht mehr so fromm“, stellte ich im stillen
fest. Ich versuchte, mich am Rande zu halten, wurde aber trotzdem
in das Gedränge hineingezogen. Der Druck war so gewaltig, daß ich fürchtete,
schwächere Personen könnten Schaden nehmen, und indem ich eine vor mir
stehende Frau beschützen wollte, bemerkte ich, daß sie niemand anders war
als die betrübte Gesprächspartnerin aus der zweiten Halle. „Sie werden uns jetzt gewiß bald hinauslassen“, versicherte
ich, um sie aufzumuntern. Aber das war wohl nicht mehr nötig. Ihr Ausdruck
hatte sich verändert. Es lag jetzt der Anflug eines bitteren Lächelns auf
ihrem Gesicht. „Vielleicht werden wir so bestraft, weil wir uns einbildeten,
wir seien würdig, in den Himmel einzugehen“, meinte sie leise, wobei sie den
Blick nicht zu heben wagte. Während ich ihr eine passende Antwort gab, dachte ich bei
mir: „Sicher gehörtest du von Anfang an nicht zu denen.“ Es hatte in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so lang gedauert,
aber mir kam es vor, als sei eine volle Stunde vergangen, ehe endlich die
großen Flügeltüren sich öffneten und uns einen willkommenen Ausblick in das
Freie gestatteten. Die Menge strömte ungestüm hinaus und zerstreute sich
augenblicklich. Einige liefen davon, als ob es ihr Leben gälte. So eilig
hatte ich es nicht. Ich warf mich aufatmend auf eine der Gartenbänke in der
Nähe und betrachtete das Volk, das immer noch aus der Türe quoll und sich
weiterhin nach allen Richtungen verlief. Es war ein seltsamer Anblick. Indessen bemerkte ich bald, daß einer der Türhüter nahe bei
mir stand und Fragen beantwortete, die ein junger Mann von einnehmendem
Äußeren an ihn richtete. „Was ist das für ein Platz? Wozu dient er?“ waren die
ersten Fragen. „Es ist ein Scheinhimmel für die Belehrung derer, die
meinen, das Leben des Himmels bestehe im Nichtstun. Solche Leute kommen bald
nach ihrer Auferstehung hier (und an anderen ähnlichen Orten) zusammen und
lernen schnell, daß solch ein Himmel in Wirklichkeit eine Hölle wäre. Wenn
ihnen das genügsam eingeprägt worden ist, läßt man sie wieder gehen, und
obgleich sie sich weithin zerstreuen, so wird für jeden gesorgt – ein jeder
wird belehrt, was der Himmel eigentlich ist. Den einen gefällt, was sie hören.
Viele aber sind unwillig, wenn sie erfahren, daß ein Leben des Müßiggangs im
Himmel unmöglich ist. Die Ersteren halten sich darauf unwillkürlich an die
Richtung 0st, die Letzteren verziehen sich nach Westen.“ „Warum gegen Osten und Westen?“ „Weil der Himmel gegen Osten, die Hölle aber gegen Westen
liegt.“ „In welcher Richtung ist wohl Osten?“ fragte ich mich,
indem ich um mich blickte. „Kann denn nicht jedermann, indem er ostwärts geht, in den
Himmel gelangen?“ lautete die nächste Frage. „Nein, der Zustand der Liebe eines jeden entscheidet über
seinen Weg. Der Neuling, der das Wahre liebt, entscheidet sich in jedem Fall
für den Osten, weil der Herr ihn so leitet, wer aber das Böse und Falsche
liebt, wendet sich unbewußt allmählich gegen Westen, bis er zur Hölle kommt.“ Voller Verwirrung erhob ich mich und ging die Anhöhe hinab,
bis ich an einem kleinen Bächlein stand. „Ich will in einer kleinen Weile
zurückkommen“, dachte ich, „und den Mann fragen, worin das Leben des echten
Himmels bestehe. Aber jetzt bin ich zu müde.“ Ich löschte meinen Durst,
wusch mir das Gesicht und die Hände und setzte mich in das weiche Gras. Als wir freigelassen wurden, ging der Tag schon zur Neige,
und jetzt wurde es dunkel. Das war gut, denn ich sehnte mich nach Ruhe. Der
angenehme Geruch des Grases und der Sträucher um mich herum, das Zwitschern
eines Vogels, das Murmeln des Bächleins, das alles fesselte aber meine Sinne
und ließ mich noch nicht fort. Bald stieg der Mond empor, mild und groß und
hell, gerade wie ich ihn so oft zuhause an Sommerabenden gesehen hatte. Wie
ich so dasaß und zu ihm aufblickte, wehte ein kühler Luftzug leise über mich
hin, und ich wurde mir eines zunehmenden physischen Wohlbehagens bewußt. „Was nun auch das Himmelsleben sein mag“, dachte ich, „dies
hier tut alles so wohl; ich danke Gott dafür.“ Bald hatte ich meinen Entschluß, zurückzugehen und
Erkundigung und Belehrung einzuziehen, vergessen; ich sank in das Gras zurück
und verlor mein Bewußtsein im Schlaf. Als ich wieder aufwachte, war es Morgen, und die Vögel
sangen in den Bäumen. Ich hatte tief geschlafen und fühlte mich frisch, und
als ich mich erhob und umherschaute, spürte ich in mir eine ungewöhnliche
Leichtigkeit und Körperkraft. Diese Empfindung erfüllte mich so stark, daß
ich mich fragte, ob wohl ein Marsch von hundert Meilen mich ermüden könnte. „Welche Veränderung gegenüber der Schwäche und den
Schmerzen der letzten paar Wochen!“ dachte ich. „Woher kommt das bloß? Der
geistige Leib? Wie froh bin ich, den gebrechlichen, abgenutzten natürlichen
Leibes loszusein. Der zersetzt sich wohl schnell zu Staub, während ich
selber – ist es nicht wunderbar? In der Welt war ich stets zusammengeschauert
bei dem Gedanken, daß mein Leib in der Erde verwesen werde. Jetzt kümmert er
mich nicht stärker als ein altes, abgelegtes Kleid auf einem Aschenhaufen.
Und meine Schwester – meine arme, liebe Schwester – sie schmückt wohl das
Grab dieses meines Erdenkleides mit Blumen und vergießt Tränen über den
Gedanken, daß ich tot sei. Tot! O daß sie wie ich sehen könnte, daß man in
der Welt blind ist, blind, blind!“ So dachte ich bei mir und ging zum Bächlein hinab, um zu
trinken, bemerkte aber dabei, daß jemand sich näherte. Als ich mich umwandte,
sah ich einen jungen Mann von meinem Alter, groß an Wuchs und von
sympathischem Äußeren bei mir stehen. Er grüßte mich fröhlich, und seine
Worte und Gebärden wirkten angenehm und einladend. „Welch netter Gefährte!“ war mein spontaner Gedanke, und
ich freute mich über das Zusammentreffen. Hatte mich so etwas früher auch so
stark bewegt? Er erklärte mir, er habe mich im Vorbeigehen gesehen und
gedacht, er wolle mich ansprechen, da ich wohl auch ein Neuankömmling sei. „Wo wollen Sie hingehen?“ fragte ich. „Zum Himmel.“ „Dorthin will ich auch.“ „Dann wollen wir zusammen gehen“, schlug er eifrig vor.
„Ich glaube nicht, daß es weit ist dorthin“, fügte er hinzu. „Im Gegenteil, ich glaube, es ist sehr weit.“ „Sicher nicht“, erwiderte er zuversichtlich. „Mir ist zuverlässig
berichtet worden, daß er nur eine kurze Strecke vor uns liegt.“ „Ein Scheinhimmel, wahrscheinlich“, gab ich zu bedenken.
„Man braucht nicht weit zu gehen, um einen solchen anzutreffen. Einer ist
auf dem Hügel da droben. Was mich betrifft, so habe ich schon genug davon
gesehen.“ „Ich meine keinen von den Orten, wo man Psalmen singt“,
erwiderte er mit einer gewissen Verachtung, die mich unangenehm berührte.
„Ich meine ein schönes Paradies – ein Eden. Wissen Sie nichts von dem Garten
Eden, worin die Urmenschen vor dem Sündenfall lebten? Das ist der wirkliche
Himmel, und dorthin gehe ich – in den Garten Eden.“ Von dieser Idee fühlte ich mich angesprochen. Sooft ich in
der Welt über den Himmel nachgedacht hatte, war dabei ein Paradies
herausgekommen, das ich mir in einer dunklen, träumerischen Weise ausgemalt
hatte. Kein Wunder also, daß ich mich jetzt von der Fantasie meines Gefährten
hinreißen ließ, trotz der Lektion, die ich eben erst erhalten hatte. Er
beschrieb noch vieles, was ich hier nicht wiedergeben kann, und mit solchem
Enthusiasmus, daß er bald meine sämtlichen Einwendungen beseitigt hatte und
ich mich bereit erklärte, ihm zu folgen. Während wir weitergingen, sagte er
mir, sein Name in der Welt sei Downing gewesen, und ich nannte ihm auch
meinen Namen. Wir fanden das Paradies eine kurze Strecke weiter, wie man
ihm berichtet hatte. Wir mußten nur eine Anhöhe und ein Tälchen queren; dann
sahen wir von der nächsten Erhebung einen Garten vor uns, von einer großen
Mauer umgeben; die Ausdehnung schien unermeßlich. Die engstehenden Wipfel
der Bäume hatten das frische Grün des Lenzes, das oft zu schön scheint, um
wirklich zu sein, und sie waren mit vielfarbigen Schlingpflanzen und Moos
durchwachsen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Begeistert suchten wir
nach dem Tor und wurden auch ohne Befragung eingelassen. In den herrlichen
Anblick vertieft, kam mir nur eine undeutliche, flüchtige Warnung, daß durch
solch leichten Zugang kaum der wahre Himmel erreichbar sei. Der Garten war
wirklich wunderschön. Wie weit unsere Wanderungen sich auch erstreckten, wir
fanden überall fortlaufende Anlagen der prächtigsten Obst- und Schattenbäume,
dazwischen blumige Auen, und hier und dort entdeckten wir einen kleinen klaren
See oder Bach. Das Obst war in solch üppiger Fülle da, daß das
heruntergefallene verschiedentlich den ganzen Boden bedeckte, und wir sahen
junge Leute, die sich damit belustigten, es in Pyramiden aufzutürmen. Wir
lasen davon auf, was uns am besten gefiel, und setzten uns hin, um Frühstück
zu halten. Dann sahen auch wir uns nach einer Belustigung um. Bald gelangten wir zu einer Gesellschaft junger Leute, die
voller Heiterkeit ihre Spiele auf der Blumenwiese gestalteten. Ringsherum
saßen Zuschauer von mittlerem und vorgeschrittenem Alter auf Gartenstühlen
und Bänken und ermutigten lächelnd die Spieler. Als wir herbeikamen, spielten
Musikanten auf verschiedenen Zupf- und Blasinstrumenten; wir setzten uns
dazu und betrachteten die Szene, während junge Herren und Damen sich zum
Tanze anschickten. Ich hörte nicht, wie sie den Tanz nannten, aber sooft ich
daran denke, nenne ich ihn unwillkürlich den „Blumentanz der Koketten“, weil
eine Hauptfigur darin bestand, daß die jungen Damen ihre Tänzer verließen
und sich einen neuen, zeitweiligen aus den Zuschauern auslasen. Jede der
jungen Damen hatte an ihrem Arm mehrere leichte Kränze oder Girlanden aus Blumen,
die sie einem neu erwählten Partner als Krone oder Halskrause verehrte. Der
bisherige Tänzer blieb inzwischen sich selbst überlassen. Während dieses Tanzes bemerkte ich mit Erstaunen, daß auf
einem der Gartenstühle nahe bei mir der heiligtuende Geistliche saß, dem ich
am vorhergehenden Tag in den Scheinhimmel der Kirchen gefolgt war. Ich hätte
ihn vielleicht übersehen, hätte nicht eine von den kokettierenden
Tänzerinnen ihn unvermittelt für sich erkoren und ihm, ohne irgendwie um Erlaubnis
zu fragen, einen Rosenkranz auf den Kopf gesetzt. Als er sich erhob,
lächelnd und errötend vor Selbstbewußtsein, hörte ich ihn ausrufen: „Ich dachte, das Tanzen sei eine schreckliche Sünde, aber
wenn im Himmel getanzt wird –„ Den Rest konnte ich nicht mehr verstehen, da
er, seinen Arm um die schlanke Taille gelegt, behend in der Menge
umherwalzte. Er zog viel Aufmerksamkeit auf sich wegen seiner Fußfertigkeit;
unerwartet, bei der linkischen Länge seiner Beine! Eine der hübschesten jungen Tänzerinnen, die sich Flora
nannte, war so nett, mich mehrere Male mit Blumen und Kränzen auszuzeichnen.
Ihre offenbare Bevorzugung schmeichelte mir sehr, und ich erschien mir so als
der Hauptlöwe des Tages. Jedesmal, wenn sie mir eine Rosengirlande umlegte,
fühlte ich mich stärker vom Vergnügen berauscht, bis zuletzt, als ich meinen
Arm im Tanze um sie schlang, sich etwas in meinem Inneren regte, das mich beunruhigte. „Nimm dich in acht, Oswald Burton, oder du bist bald
verliebt“, sagte ich zu mir selber. „Diese kleine Flora ist wohl recht
bezaubernd. Aber ist sie auch ein Mädchen, wie es dir als das Ideal deiner
zukünftigen Frau bisher vorgeschwebt hat?“ Unter solchen Lustbarkeiten war
der Tag bald vorüber. Lange nachdem die Nacht hereingebrochen war und die
lustigen Mädchen sich mit ihren Begleiterinnen entfernt hatten, suchten
Downing und ich uns ein Nachtlager auf. Wir wählten uns wieder eine Wiese, wo
ein leichter, süßer Blumenduft wehte, während ringsumher tiefe Stille
herrschte. Hier störte mich zum ersten Mal eine Art von Unzufriedenheit,
deren Ursache ich nicht zu bestimmen vermochte. Mir fehlte plötzlich die
Freude auf den folgenden Tag. Ein Rosenbeet ergibt zwar in der Einbildung ein
höchst angenehmes Lager, in Wirklichkeit aber ist es weniger bequem als das
billigste Ruhebett. Meine Beschwerde fand aber kein Interesse bei Downing,
der sich mit allem zufrieden erklärte. So sagte ich nichts mehr, lag aber
noch lange wach, indem ich über meine Lage fruchtlose Betrachtungen
anstellte. Mit dem Tagesanbruch verließen mich die beunruhigenden Gedanken
wieder. Früh waren wir bei unserer fröhlichen Gesellschaft, und die Lustbarkeiten
des vorigen Tages wiederholten sich mit angenehmer Abwechslung. So verging
ein weiterer Tag und ein dritter und vierter. Bei unterhaltenden Reden, Spielen,
Tänzen, Gesang, Bankettieren usw. konnte es ja nicht langweilig werden. Die
Gelegenheit zu Vergnügungen war unbeschränkt. Wer konnte sich etwas Besseres
wünschen als solch ein sorgloses, idyllisches Leben? Nur – bei Nacht kamen die störenden Gedanken immer wieder.
Das Licht über uns belästigte mich, es fiel mir schwer, die Augen geschlossen
zu halten. Der dunkelblaue, mit Sternen besäte Himmelsdom war wohl schön anzusehen,
aber es war nicht gut, darunter zu schlafen. Die Sterne schienen mich
anzuklagen, mir immer zu sagen: „Was tust du denn, Oswald Burton? Haben dich
deine jüngsten Erfahrungen gar nichts gelehrt? Willst du weiter deine Zeit
mit Torheiten vergeuden?“ Wir schliefen zwar nicht immer unter den Sternen. Denn als
wir alle anfingen, der grasigen Betten überdrüssig zu werden, zogen wir
weiter in den Garten hinein und fanden dort gedeckte Pavillons und bessere
Einrichtungen für unsere Bequemlichkeit und unser Treiben. Aber nun kamen die
quälenden Gedanken auch bei Tag. Die Lustbarkeiten hörten auf, mich zu
freuen. Selbst das Obst, das mir zuerst so köstlich gemundet hatte, schmeckte
fade. Sollte mir dieses liebliche Paradies so bald verleiden? Meine Augen waren
des saftigen Grüns, der gewundenen Weglein, der Bäche und Seen müde. Ich
hatte von allem genug! Aber wieso? Hatten sich einfach die vielen Reize abgestumpft,
oder war in meinem unerwachsenen Herzen eine Veränderung vor sich gegangen? Am Morgen des siebenten Tages erhob ich mich voller
Bangigkeit, aber trotzdem entschlossen, weiter zu gehen. Hier konnte ich mich
nie zufrieden geben. So sagte ich denn meinen lustigen Kameraden Adieu und
verließ sie. „Ich sollte den Downing auch aufgeben“, dachte ich, „wir passen
nicht zueinander.“ Als er aber sah, daß er meinen Entschluß nicht
erschüttern konnte, bestand er darauf, mich zu begleiten. Unterwegs war es
offenbar sein Wunsch, mich von der Richtung, die ich verfolgen wollte,
abzulenken. Er besaß eine bewundernswürdige Überredungsgabe. Ich spürte, daß
er mich tief in mir drinnen beeinflussen – ja beinahe zwingen konnte, die
Dinge anzusehen wie er. Allmählich bekam ich vor unserem Beisammensein
Angst. Einmal schlug er vor, wir sollten abseits zu einer Gesellschaft von
ausgelassenen, losen Mädchen gehen. „Nein“, sagte ich, „ihr Aussehen gefällt mir nicht.“ „Du magst das Schöne nicht!“ rief er aus. „Komm, Burton,
du scherzest. Was tust du, wenn ich dir sage, daß deine allerliebste Flora
auch dort ist?“ Dem war schwer zu widerstehen, aber es gelang mir, fest zu
bleiben. „Du kannst mich nicht fangen damit. Offenbar ist sie nicht, wofür
ich sie bisher gehalten habe.“ Downing fixierte mich mit einem spöttischen Ausdruck in
seinen Augen, und schon fühlte ich mich in meinem Vorhaben verunsichert.
Hätte ich mich nicht sogleich umgedreht und wäre weiter gegangen, so hätte
ich sicher nachgegeben. Später an diesem Tage geschah mir etwas Sonderbares. Wir
hatten es uns zum Ausruhen etwas bequem gemacht, und ich lag unter einem
Baum. Als ich von einem leichten Schlummer erwachte, sah ich Downing nicht
weit von mir im Grase sitzen und unverwandt auf etwas starren, das sich hinter
mir befinden mußte. Er war so sehr in Gedanken vertieft, daß er nicht
bemerkte, wie ich meine Augen öffnete, obgleich er mich offensichtlich
bewachte. Ich dachte im ersten Moment, er müsse jemand anderer sein, und
konnte kaum glauben, was ich sah: seine Gesichtszüge schienen zwar dieselben,
aber sein sonst munterer, freundlicher Blick war mit einem finsteren,
bösartigen, drohenden Ausdruck vertauscht, dem teuflischsten, den ich je
gesehen hatte. Ich schnellte auf und schrie entsetzt: „Downing, was ist das – was hast du – woher- ?“ Er zuckte zusammen, als ob man ihn ins Gesicht geschlagen
hätte, und sprang ebenfalls auf, während seine Hände zitterten und er mich
bestürzt anschaute. Dann begann er langsam zu lächeln. „Was – woher ?“ Sein Lächeln begann in den Mundwinkeln und bildete anfangs
mit dem starren Ausdruck der Augen eine unangenehme Fratze, die sich aber
zusehends entspannte. Denn sobald sein Blick mich erfaßte, fanden die grotesk
losgelösten Gesichtszüge wieder zu ihrer Einheit, und der alte Ausdruck
kehrte zurück. Er schüttelte sich. „Es ist nichts“, sagte er. „Du hast nur
geträumt.“ „Ich habe nicht geträumt.“ Wir sahen einander unverwandt an, bis ich wieder das
peinliche Bewußtsein seiner größeren Willensstärke empfand. Ich kämpfte aber
dagegen und sagte: „Ich glaube, wir sollten uns trennen. Die Zeit dazu ist
gekommen.“ Und ich wollte mich von ihm abwenden; aber sein Blick fesselte
mich. „O nein“, sagte er“, wir wollen nicht auseinandergehen.“ Das klang ganz beiläufig, nur wie eine andere Meinung. Aber
sein Blick! Freundlich schaute er mich an- mit einer beispiellosen Härte.
Ich war machtlos. In meinem Innern schrie es laut nach Befreiung von dem
unbekannten Zauber, der mich an den Willen dieses Jünglings kettete. Dabei
rührte ich kein Glied und stand nur wie angewachsen vor ihm. Aber auf einmal
spürte ich, daß sich jemand – ein Freund? – mir von hinten genähert und
Downings Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. Denn dieser fing wieder an,
in wilder Weise auf etwas hinter mir hinzustarren – Furcht und Haß in seinen
Augen. Seine Züge verzerrten sich, und nach wenigen Augenblicken hatte er
wieder den schrecklichen Ausdruck, den ich bei meinem ersten Erwachen an ihm
gesehen hatte. Anscheinend unfähig, den Kampf weiterzuführen, wich er zurück
und rannte davon unter die Bäume, indem er im Laufe noch wilde Flüche
ausstieß. Endlich drehte ich mich um, um mich nach meinem Beschützer
umzusehen und sah – niemanden. Ich war befreit, aber ich war allein. Konnte
es ein Engel gewesen sein – ein Engel, der sich so leise entfernt hatte, wie
er gekommen war, weil ich seine Gegenwart nicht auszuhalten vermochte? Zitternd vor Aufregung eilte ich davon und versuchte,
Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Allmählich begann ich zu verstehen.
Trotz der Belehrung hatte ich mich in einen anderen Scheinhimmel verführen
lassen – diesmal durch einen bösen Geist, der sich unter einer himmlischen
Maske versteckte. Und ein Engel – ein Engel auf Befehl des Herrn, hatte sich
darein gemischt, um mich zu befreien, indem er die Macht brach, die mich zu
überwältigen und mit sich fortzureißen drohte. Ehrfurchtsvoll und demütig flüsterte
ich: „Wie gut und barmherzig ist Gott gegen mich, den Unwürdigen!“ Dann kamen mir die Abschiedsworte des Engels Uriel wieder
in den Sinn, und sie klagten mich an: „Du mußt jetzt vorwärts gehen, deinen Versuchungen
entgegen. Die guten Geister werden dich zum Himmel hinführen, während die
bösen versuchen werden, dich zur Hölle hinabzuziehen. Je nach dem Zustand
deiner Liebe oder deiner Neigungen, die du durch dein Leben in der Welt
bestimmt hast, wirst du auf die einen hören oder dich den anderen anschließen.“ Diese Versuchungen hatten also begonnen, und die Aussicht
war fürchterlich: Hatte ich mich nicht von dem Engel Uriel getrennt, weil ich
mich in seiner Gegenwart beschwert fühlte, und hatte ich mich nicht mit
einem bösen Geist eingelassen, weil es mir bei ihm besser gefiel? Die Stadt der Neuankömmlinge Bald darauf wurde ich gewahr, das das Paradies hier zu Ende
ging. Ich sah nun auch viele andere, die seiner überdrüssig geworden waren
und deren hauptsächliches Verlangen darauf zielte, daraus befreit zu werden.
Einige hatten sich gar zu Boden geworfen und beklagten laut ihr Geschick. Als
ich mich mit ihnen unterhielt, sagten sie, sie hätten nun schon zehn Tage in
dem großen Garten zugebracht, und der bloße Anblick des schönen grünen
Laubes errege ihnen schon längst Widerwillen, und das mannigfaltige Obst,
das am Anfang Auge und Gaumen so entzückt hatte, sei ihnen jetzt zum Ekel
geworden. „Dort drüben ist ein Tor, das wohl aus diesem verhaßten
Orte hinausführt“, setzte einer grimmig hinzu, „aber was nutzt uns ein Tor,
das nie geöffnet wird? Unser Schicksal scheint zu sein, daß wir hier
gepeinigt werden, bis wir den Verstand verlieren.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als jemand in
einiger Entfernung vor uns aufsprang und freudig ausrief: „Das Tor, das Tor!
Es tut sich auf!“ Augenblicklich sprangen die auf dem Boden um mich her
Liegenden auf und stürzten durch die Gebüsche und über die Rasenplätze
gestreckten Laufes dem Tore zu. Jede Allee war auf einen Schlag gedrängt voll
von dahineilenden Leuten. Und als ich das Tor zu Gesicht bekam, drängte sich
auch schon eine große Menge darum. Da blieb ich stehen. Dieses Schauspiel
kannte ich ja. Ich hätte es vermeiden können; aber offensichtlich gehörte ich
zu diesen Leuten, und – wieder schauderte ich davor zurück, zuende zu denken.
Schließlich gehörte ich zu den Letzten, die das „Paradies“ verließen. Ich hatte mir vorgenommen, den Torhüter, der anscheinend
ein intelligenter Mann war, auszufragen. So blieb ich in seiner Nähe, während
die lärmende Menge sich wieder in alle Richtungen zerstreute, und nach einer
Weile trat ich zu ihm und sprach ihn an. Ich fand ihn redselig und blieb über
eine Stunde bei ihm, erzählte ihm meine Erfahrung in dem Schein-Paradiese
und wollte vieles wissen. Er versicherte mir, das Leiden, das die Geister in
diesen Schein-Himmeln erdulden, sei wohl mit der göttlichen Barmherzigkeit
vereinbar. Wenn eine falsche Glaubensansicht sich lange im Gemüt befestigt
habe, könne der Mensch oder Geist sie selten einsehen und davon befreit werden
ehe er durch lebendige Erfahrung überzeugt sei, daß sie zwingend zu Schmerzen
und Leiden führe. Der Mann Downing sei zweifellos einer von den bösen
Beredungsgeistern, deren Hauptlust darin bestehe, Neulinge zum Bösen zu
verleiten und so zu versuchen, sie auf die abwärts führende Bahn zu bringen.
Da solche bösen Geister noch nicht allen guten Schein verloren hätten und
deshalb noch nicht in die Hölle eingeschlossen seien, besäßen sie diese
Freiheit; besonders auch, weil die neu Herzugekommenen die sich für den
Himmel vorbereiten, der Versuchungen für ihre Reinigung bedürften. Einige von
den Mädchen im Blumentanze seien wohl im Ganzen unschuldig und guter Meinung
und hätten nur einige Versuchung und Unterweisung nötig, um sich von einem
Hang zur schädlichen Koketterie zu kurieren. Aber andere davon seien im
Herzen Buhldirnen und wahrscheinlich weibliche Gegenstücke zu Downing, denen
erlaubt sei, die Neulinge zu versuchen, und so die innerlich Bösen von den
Guten abzusondern. In solcher Weise, obgleich sie alles Guten bar sind,
dienen sie doch noch zur Sichtung und Einordnung. „Die innerlich Guten“, setzte er hinzu, „freuen sich stets,
wenn sie herausfinden, daß das wirkliche Leben im Himmel ganz und gar von
müßigem Genuß verschieden ist, den sie sich törichterweise vorgestellt
hatten.“ „Erzähle mir etwas über das Leben im Himmel“, bat ich ihn. Da erklärte er mir, das oberste Ziel im Himmel sei es, sich
nützlich zu erweisen und dadurch dem allgemeinen Wohle zu dienen; jeder
Engel, vom untersten bis zum höchsten, sei deshalb mit einer Arbeit beschäftigt,
für die er geeignet sei und deren Erledigung auch ihm selber ein stetiges
Glücksgefühl bereite. Diese Beschäftigungen seien unermeßlich an Zahl, weit
vielfältiger und mannigfaltiger als die auf der Erde. Denn der Himmel sei
nicht ein Ort, wo man nichts tut, sondern wo man alles tut – das heißt, alles
was unschuldig und nützlich ist- ein Platz, wo die wiedergeborenen, das
heißt die gereiften und dem Guten zugewandten Männer und Frauen leben und
wirken. Wo sie zwar unaufhörlich den Herrn in ihrem Inneren lobpreisen, aber
nur zu gewissen Zeiten sich zu äußerem Gottesdienst vereinigen, während sie
inzwischen ihre täglichen Pflichten wie in der Welt verrichten und auch
durch die angenehmsten Unterhaltungen sich erfrischen. „Gott zu lieben, sich in seine Ordnung einzufügen, auch den
Nächsten zu lieben und ihm zu dienen, das ist das Engelsleben, das ist
Im-Himmel-Sein“, faßte er zusammen. „Es ist aber wichtig“, fügte er hinzu, „daß die neuangekommenen,
gutgesinnten Geister irgendeine Beschäftigung erwählen und deren Pflichten
aufrichtig, treu und in gerechter Weise zu erfüllen lernen, und dies nicht
aus der Hoffnung auf Lohn, sondern aus Liebe zu Gott und den Menschen. So
bereiten sie sich am schnellsten für ihre ewige Heimat vor. Denn Nutzen zu
schaffen ist das eigentliche Leben des Himmels, während Müßiggang und Eigennutz
das eigentliche Leben der Hölle bilden.“ „Wie soll ich mir aber eine Beschäftigung aussuchen“,
fragte ich voll Bedenken. „Wo kann ich eine finden?“ „Wenn dich ernstlich danach verlangt, wirst du zu gegebener
Zeit dorthin geführt, wo du dich am besten nützlich machen kannst.“ Mit dieser Bemerkung erhob er sich plötzlich von seiner
Bank. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert; ich erkannte deutlich seine
gespannte Aufmerksamkeit. Dann sagte er mir nach kurzem Überlegen, er habe
ein Zeichen erhalten, es sei wieder an der Zeit, das Tor zu öffnen. Ich bemerkte
nun, daß sich innen ein neues Gedränge gebildet hatte und einige sich wieder
um die besten Plätze stritten, während andere sich umsonst abmühten, das Tor
zu durchbrechen. Ich stand dabei und beobachtete, wie der Hüter hinzutrat
und das große Tor öffnete, worauf die Menge sich ungestüm hindurch zwängte
und wie zuvor nach allen Seiten hin zerstreute. Das Drängen und Tummeln, die
Hast und das zornige Gezänk der befreiten Gefangenen hätten mich sonst wohl
zum Lachen gereizt, jetzt aber hatte ich Probleme mit meiner eigenen Zukunft
und ließ mich nicht davon ablenken. Das sture Volk schien mir ohnehin nur ein
Zerrbild der gedankenlosen, halsstarrigen Welt, die ich kürzlich erst
verlassen hatte. Bald darauf hatte sich das Gedränge wieder zerstreut, bis
auf zwei oder drei, die sich mit dem Torhüter noch unterhielten. Begierig,
alles zu hören, was gesagt wurde, trat ich näher und fand zu meinem großen
Erstaunen, daß einer der Fragesteller kein anderer war als der heiligtuende
Geistliche; den traf ich nun schon zum dritten Mal. Ihm schienen die Antworten
zu mißfallen, denn ich hörte ihn gerade mit lauter, zorniger Stimme sagen: „Nachdem ich mich so viele Jahre abgemüht habe, um im
Glauben festzubleiben, nachdem ich der Hälfte der Freuden des Lebens entsagt
habe, nachdem ich mir ehrlich die Sternenkrone und das Recht zur himmlischen
Ruhe errungen habe, sagst du mir, der Himmel sei eine Werkstatt!“ „Es ist nicht mein Fehler, wenn es euch nicht gefällt“,
sagte der Torhüter ruhig, aber bestimmt. „Ich spreche nur die Wahrheit aus,
wie es mir von oben aufgetragen ist.“ „Ich weigere mich, es zu glauben“, rief der Geistliche
grimmig aus, und schon im Weggehen fügte er noch hinzu: „Ich werde weiter
suchen, bis ich den Himmel meines Glaubens finde. Gelingt es mir nicht, dann
bin ich betrogen worden, dann braucht mir niemand weiter von Gott zu reden!“ Dabei hatte sein Gesicht einen widrigen, abstoßenden
Ausdruck. Das Antlitz des Torhüters bildete dazu den stärksten Gegensatz. Es
strahlte Würde, Milde und Heiterkeit aus. Ich spürte sein Wohlwollen und
empfand eine gewisse Ehrfurcht ihm gegenüber. Er konnte ein Engel sein. Als
wir zwei wieder allein waren, hätte ich ihn gern darüber befragt, aber ich wagte
es nicht. Er schien erhaben genug in seiner ganzen Haltung und Rede; wenn er
noch kein Engel war, so mußte er doch bald einer werden. Wir unterhielten uns
noch eine ganze Weile und so berichtete er mir, daß nicht weit von hier eine
große Stadt von neuen Ankömmlingen sei und daß die Landstraße, die er mir
zeigte, mich sicher dorthin führen werde. Mit liebevollen Worten
verabschiedete er sich von mir, und wir trennten uns. Nach einem Gang von ungefähr einer Stunde durch ein
anmutiges, wellenförmig ansteigendes Land, wo Wald und Felder wechselten,
fand ich mich in der Umgebung einer großen Stadt, die in jeder Beziehung den
mir bekannten Städten in der natürlichen Welt glich. Die Straßen waren gepflastert
und die Häuser auch aus Ziegeln, Steinen oder Holz gebaut. Es war später
Nachmittag, als ich ankam, und viele der Einwohner suchten nach Unterhaltung.
Die einen flanierten in den Straßen und öffentlichen Anlagen, andere fuhren
spazieren, wieder andere besuchten Vergnügungsplätze. Es sah feiertäglich
aus, und die Läden und Buden wurden gut besucht. Endlich müde von meiner Wanderung, begab ich mich in ein
Wirtshaus und bestellte ein einfaches Mahl. Als ich eben noch beim Weine war,
kamen drei wohlgekleidete, fein aussehende junge Leute herein und setzten
sich an einen kleinen in der Nähe stehenden Tisch. Ihr Aussehen interessierte
mich, und ich blieb noch sitzen. Ihr Gespräch, von dem ich allerdings nur
Bruchstücke vernahm, hatte offensichtlich einiges Niveau. Einer von ihnen,
und zwar der fröhlichste, gefiel mir besonders durch seine anziehenden
Gesichtszüge, feinen Manieren und einen offenen geraden Blick, der
Wahrhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit verriet. Zu diesem angenehmen Äußeren trug
er noch den wohlklingenden Namen Maric Mortimer. Die zwei anderen, mit Namen
Hans und Percy, waren zwar nicht ungefällig in ihrem Äußeren, aber ich fühlte
mich nicht in demselben Maße zu ihnen hingezogen. Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, wurde mehr Wein
und ein Kartenspiel hereingebracht. Nachdem er mir dann lächelnd zugenickt
hatte, lud Maric Mortimer mich ein, bei ihnen Platz zu nehmen. Ich weiß nicht
mehr, was wir spielten, aber es trug zu unserem Vergnügen und guter
Kameradschaft bei; ich zeigte eine größere Fertigkeit und größeres Interesse
als je zuvor. Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, daß all meine
Kräfte und Fähigkeiten gewachsen waren, seit ich den natürlichen Leib verlassen
hatte. „Laßt uns heute abend ins Theater gehen,“ schlug Mortimer
vor, nachdem wir einige Zeit gespielt hatten. „ Ich weiß einen Platz, wo man
Musik hören und graziösen Tanz sehen kann. Eine poetische Pantomime“, setzte
er hinzu, „kein gewöhnliches Ballett.“ Er blickte uns der Reihe nach an. „Ich ziehe ein Gesellschaftsdrama vor“, sagte Hans
entschieden. „Ich bin für das Klassische“, sagte Percy, „wir können
nicht weit von hier eine griechische Tragödie sehen in einem allerliebsten
kleinen Theater.“ „Wie wunderbar ist es“, sagte ich“, hier alles ähnlich wie
in der natürlichen Welt zu finden! Und doch, was sollten wir anderes
erwarten? Die Wahrheit ist aber, daß die Menschen auf der Erde nur halb an
eine jenseitige Welt glauben und sich deshalb keine bestimmte Vorstellung
davon machen.“ Hier bemerkte ich, daß mir Mortimer wohlwollend zuhörte,
die andern zwei aber zeigten in ihren Mienen ein Erstaunen und eine Art von
Verachtung, die nicht sehr ermutigten. Ich nahm mir aber die Freiheit, noch
hinzuzufügen: „Ich frage mich nur, ob man auch im Himmel Theater spielt.“ „Maric, da hast du einen Mann nach deinem Herzen!“ rief
Hans mit krampfhaftem Gelächter. „Aber ich bitte um Verzeihung, man darf ja
nicht darüber lachen. Der Himmel! – Es ist aber doch wirklich zum lachen“,
beharrte er, nachdem er sich wieder gefaßt hatte – „dieses Geschwätz über
die eingebildete Konstruktion, die man ,Himmel’ nennt.“ „Alte-Weiber-Sagen auszurotten war noch immer eine
fruchtlose Arbeit“, pflichtete Percy lachend bei. Inzwischen starrte ich sie in nicht gerade freundschaftlicher
Weise an. Das war also ihre Haltung. Ich beneidete sie nicht darum. „Das Spiel ist an Ihnen“, mahnte Percy, indem er mich etwas
ungeduldig anblickte. Ich warf eine Karte aufs Geratewohl hin und gab keine
Antwort. Wir beendeten hastig das Spiel; anschließend erhob ich mich, als ob
ich mich entfernen wollte. Maric Mortimer erhob sich auch. „Aber ich will mit Ihnen vom Himmel sprechen“, sagte er
bereitwillig. Unwillkürlich rückten wir unsere Stühle vom Tisch weg und
ließen die andern zwei die Karten unter sich verteilen. „Wissen Sie“, fing Maric eifrig an, „ich sah vor einigen
Tagen einen Engel, das heißt eine schöne und herrliche Frau, die mir
anvertraute, sie habe ihre Vorbereitungszeit vollendet und werde nun bald in
den Himmel eingehen. Und diese Frau war meine eigene teure Mutter, die sechs
Jahre vor mir gestorben war. Ich erzählte Hans und Percy davon. Aber sie
lachten nur und sagten, ich habe geträumt. Aber es war kein Traum. Ich war
nie heller wach in meinem ganzen Leben. Und, oh! Sie sprach solch liebende,
weise Worte zu mir und erzählte mir so vieles, das ich schon lang gern gewußt
hätte. Unter anderem sagte sie mir gerade, es gebe im Himmel Schauspiele und
aller Art anmutige Unterhaltung. Die Engel erfüllen am Vormittag ihre
täglichen Pflichten, am Nachmittag und Abend aber vergnügen sie sich
gemeinsam mit Spazierenfahren, Wandern und mit dem Besuch von Schauspielen,
Konzerten usw. Es werde aber nie etwas Schlechtes dargestellt in den
himmlischen Schauspielen.“ „Man kann leicht einsehen, daß das so sein muß“, bestätigte
ich, „aber man kann sich nicht leicht vorstellen, wie man einen starken
Effekt erzeugen kann, überhaupt, wie man irgendwelche Dramatik erreichen
kann, wenn alle Charaktere gut sind.“ „Vielleicht ein schönes, harmonisches Entfalten, so wie
eine Blume sich öffnet.“ Meinte Maric. Wir schwiegen eine Weile. Wir versuchten wohl beide
aufgrund unserer ungenügenden Kenntnisse zu einer befriedigenden Anschauung
zu gelangen. Da unterbrach Maric unvermittelt die Pause. „Ich freue mich über die Bekanntschaft mit Ihnen, mit Hans
und Percy kann ich über solche Dinge nicht sprechen, sie lachen mich immer
aus. Können Sie es glauben, daß diese Burschen ständig die Möglichkeit eines
Lebens nach dem Tode bestreiten und beweisen wollen, daß sie immer noch in
der natürlichen Welt leben?“ „Welch ein Wahnsinn!“ rief ich unwillkürlich aus. „Ich weiß
nicht, wie Sie darüber denken, aber ich halte es nicht für sinnvoll, viel mit
solchen Leuten zu tun -.“ „ – zu haben. Warum sprechen Sie nicht zuende? Sie brauchen
sich nicht zu genieren; es kann doch sein, daß Sie recht haben. Wissen Sie,
diese Leute – wie Sie sie kennengelernt haben – waren immer meine wärmsten
Freunde.“ Maric wirkte nachdenklich und unsicher. „Wenn wir nicht gerade über
den Himmel und solche Dinge reden, sind sie die angenehmsten Gesellschafter,
und ich – wirklich es fällt mir schwer, daran zu denken, sie aufzugeben.“ „Ich habe aber trotzdem recht, und eines Tages wird es sich
zeigen, daß sie weniger angenehme Kameraden sind, als du glaubst!“ Dies
behielt ich jedoch für mich „Man kann nicht dem Himmel zuwandern in der
Gesellschaft von Atheisten. Der dunkle Schatten, in dem sie umhertasten, wird
mit der Zeit alles Himmelslicht verdunkeln, das den Suchenden leiten sollte.“
Und ich kam mir eigentlich schon recht weise vor. Als später aber der Vorschlag, ein Theater zu besuchen,
wieder erneuert wurde, nahm ich doch an, und wir gingen alle miteinander. Wir
wählten das Gesellschaftsdrama. Die Vorstellung war höchst interessant und
das Spiel sehr gut. Dennoch ließ es keinen guten Eindruck in mir zurück. Ich
bin noch immer niedergeschlagen gewesen nach einem der modernen Schauspiele,
worin entweder eine junge Frau von ihrem Manne hinweg verführt wird, oder
umgekehrt. Solch eine Fantasie zeichnet stets ein Bild der Hölle. Bald nach dem Schauspiel zogen wir uns zurück und logierten
alle im selben Hotel. Gestörter
Gottesdienst Der nächste Tag war Sonntag, und zur gewöhnlichen Zeit am
Morgen läuteten die Kirchenglocken. Als Maric und ich davon sprachen, daß wir
in die Kirche gehen wollten, anerboten sich seine zwei Freunde zu meinem Erstaunen,
uns zu begleiten. „Oh“, lachte Percy zur Erklärung, „wir tun es lediglich zum
Zeitvertreib. Die heutige Mode-Kirche ist nur eine Form des Theaters, und
jedermann geht bloß zum Amüsement hin – ausgenommen natürlich einige wenige
einfältige und ungebildete Personen.“ Der friedliebende Maric kam meiner ungestümen Erwiderung
zuvor, indem er die Unterhaltung schnell auf ein anderes Thema lenkte. So
konnten wir einträchtig auf die Straße gehen, wo wir nur wenige Häuser weiter
eine große, prächtig aus Backsteinen erbaute Kirche fanden, die von reich
gekleideten, anscheinend wohlhabenden Leuten gedrängt voll war. Die Predigt
unterschied sich nicht weiter von denen, die man an irgend einem Sonntage in
einer Kirche der natürlichen Welt hören kann. Der Geistliche schien nicht
auf Belehrung auszugehen, um seine Zuhörer durch die Wahrheit zum Guten zu
führen, sondern suchte nur, sie zu unterhalten, zu amüsieren und eine
angenehme Selbstzufriedenheit bei ihnen zu nähren. Er sprach von den großen
und herrlichen Dingen, die die Menschen verrichtet haben, streute
unendlichen Weihrauch auf den Altar der Menschheit, sagte aber kein Wort über
die verdorbenen, höllischen Neigungen, die diese Menschheit liebt und pflegt,
und von denen sie sich abwenden muß, wenn sie mit dem Himmel Gemeinschaft
haben will. Endlich erhob ich mich voll Unmuts und verließ die Kirche,
während Maric zur großen Belustigung seiner zwei Freunde mich begleitete. „Hier sind wir in der Geisterwelt“, fing ich an, „auf der
einen Seite der Himmel, auf der anderen die Hölle, und die höchst wichtige
Frage liegt vor uns, wie wir uns von dem Bösen, das uns anhängt, befreien
können, damit wir auf unsere ewige Heimat vorbereitet werden. Und trotzdem
stellt sich jener Mensch auf seine Kanzel und redet von Motoren,
Druckerpressen und Kunstwerken!“ Vielleicht weiß er es nicht besser“, meinte Maric. „Er muß es besser wissen! Uriel, der Engel, der nach meinem
Aufwachen mit mir gesprochen hat, sagte mir, jeder, der in die geistige Welt
eingeht, werde belehrt. Man sagt ihm, wo er ist und welche Vorbereitungen er
absolvieren muß. Ist er später unwissend, so will er es sein.“ „Es wird so sein“, sagte Maric, „daß solche Leute wie
dieser Prediger und auch die, die ihm gerne zuhören, bald wieder vergessen
haben, was man ihnen gesagt hat, weil sie sich in einem verhärteten Zustand
befinden, und daß sie wieder zu ihrem gewöhnlichen Routinedenken zurückkehren,
dem sie in der natürlichen Welt gehuldigt hatten.“ „So scheint es“, erwiderte ich, „und ihr Fall ist ziemlich
hoffnungslos, denn wenn sie sich weigern, über ihre Bosheiten nachzudenken
und sie zu meiden, so werden diese die Leute bald vollends beherrschen.“ Während dieser Unterredung waren wir weiter durch die
Straßen gebummelt und standen nun unversehens vor einer anderen Kirche, die,
obwohl aus Stein gebaut, im Äußeren der ersten ziemlich glich. Aus Neugierde
schauten wir hinein, und das Angesicht des Predigers schien mir sogleich
bekannt. Ein zweiter schärferer Blick, und ich wußte, daß ich mich nicht
getäuscht haben konnte: es war Pastor Sebastian Bonifazius, der während
seines Erdenlebens eine Gemeinde in der Nähe meines früheren Landhauses betreut
hatte und der einige Monate vor meiner Erkrankung gestorben war. Ich hatte
ihn eher flüchtig gekannt, hatte aber hohe Achtung gehabt vor ihm wegen
seiner strengen Rechtschaffenheit, für die er in unserer Gegend gemeinhin
bekannt gewesen war. „Laß uns hineingehen“, sagte ich, „ich kenne den Prediger.“ Drinnen bemerkten wir, daß Menschen aller Art in diesem
Gebäude versammelt waren, die meisten nur zu ihrem Amüsement. In den hinteren
Reihen saß ein Haufen roher Leute, von denen manche respektlos alles, was
vorging, besprachen mit halblautem Geflüster und kaum unterdrücktem Gelächter.
Die weiter vorn Sitzenden betrugen sich etwas besser, einige schienen sogar
voll Interesse zuzuhören. Eben als wir uns setzten, sagte der Geistliche: „Nach der ersten Überraschung vergessen die neu in der
Geisterwelt Angekommenen nur zu leicht wieder, wo sie sind, und verfallen in
ihre alten irdischen Gewohnheiten, sowohl im Denken wie im Handeln, und
werden nachlässig in der Aufgabe, die vor ihnen liegt. Meine lieben Freunde,
ihr habt eure definitive Heimat, die fest und unwandelbar ist, noch nicht erreicht.
Dieser erste Zustand unseres ewigen Lebens ist nur ein Übergang. Wir sind
hier, damit wir uns vorbereiten, entweder auf den Himmel oder auf die Hölle.
Gehen wir denn ans Werk! Jenen, deren Leben in der Welt von solcher Art
gewesen ist, daß sie jetzt nicht lieben können, was dem Himmel angehört, und
die deshalb die Himmelspforten nicht durchschreiten werden, denen sage ich
nichts; denn sie nehmen keine Belehrung an. Aber die Gutgesinnten möchte ich
ermahnen, ihre Sinne und Gemüter von vielem, was sie in dieser Stadt sehen,
abzuwenden. Ich rate euch, jeden Tag und jede Stunde eure Schritte dem Anstand,
der Ehrenhaftigkeit und Wahrheit gemäß auszurichten, und das nicht nur in
euren Handlungen, sondern auch in euren Gedanken und eurer Gesinnung. Wir
sind alle in der einen oder anderen Weise belehrt worden, der Himmel sei kein
Ort des Müßiggangs, und es ist daher auch klar, daß, wer sich der Ordnung
unterwerfen will, auch hier in der Zwischenwelt etwas mehr tun muß, als bloß
herumzuwandern, um sich nach Belustigungen oder gar nach dem Weg zum Himmel
umzusehen. Nur durch rechtschaffenes Denken und Handeln finden unsre Füße auf
den himmlischen Pfad; nur wenn wir unsere angeborene Neigung zum Abirren
überwinden, können wir auch äußerlich die Bahnen, die aufwärts führen,
erblicken. Ich rate all denen, die ihr Angesicht zum Himmel gewendet haben,
keine Zeit zu versäumen, sondern sogleich mit der Beschäftigung zu beginnen,
für die sie glauben am besten geeignet zu sein, und es sich zur Aufgabe zu
machen, die Pflichten ihres Berufs aufrichtig, treu und in gerechter Weise zu
erfüllen, und dies nicht aus Hoffnung auf Belohnung, sondern aus uneigennütziger
und echter Liebe zum Wahren und Guten. Sobald ihr dies tun lernt, liebe
Freunde, werdet ihr in die Schar derer eingereiht, die durch die göttliche
Vorsehung zum Himmel geführt werden.“ Noch einige allgemeinere Worte und der Geistliche neigte
sein Haupt zum Zeichen, daß er zu Ende sei. Da – gerade als er „Amen“ sagte
– geschah etwas Schändliches. Am hinteren Ende des Saals erscholl ein
Hohngelächter und ein Hagel von Kieselsteinen regnete auf den Geistlichen
herab, von denen einige auf sein gebeugtes Haupt, andere auf das vor ihm geöffnete
Buch fielen, während in dem Getöse Stimmen laut wurden: „Schweig endlich!“
„Werft ihn hinaus!“ „Er will uns in eine Fabrik schicken!“ „Er lügt – lügt!“ Da richtete sich der Geistliche langsam auf und blickte die
Ruhestörer bleich, aber mit unbewegtem Angesicht furchtlos an. Die darauf
folgende Szene ist nur schwer zu beschreiben: Das ganze Haus erhob sich auf
einen Schlag, und während die einen in die Beleidigungen einstimmten,
versuchten andere, sie zur Ruhe zu bringen, indem sie „Schämt euch!“ riefen.
Alle aber vermehrten so nur den Tumult. Es lag auf der Hand, daß die Ruhestörer
versuchen würden, einem unschuldigen Manne Gewalt anzutun, wenn es nicht
gelang, ihn schnell zu beschützen, und einige von uns, darunter auch Maric
und ich, drängten zum Altar. So standen sich bald die Gesinnungsfreunde des
Geistlichen und die Spötter, die auf Unheil sannen, auf kleinstem Raum
feindlich gegenüber. Was das Ende vom Lied gewesen wäre, läßt sich nur mutmaßen.
Da mischte sich unversehens eine andere Macht ins Geschehen: gerade als ein
allgemeiner Zusammenstoß unvermeidlich schien, tauchten zwischen den
feindlichen Parteien drei hohe, weiß gekleidete Gestalten auf mit Geißeln in
den Händen. Ohne ein Wort zu verlieren, wandten sie sich gegen die Ruhestörer
und trieben sie vor sich her zur Kirchentüre hinaus. Es lag etwas in ihrem
Auftreten, das den unordentlichen Pöbel zu schrecken schien, denn niemand
versuchte den geringsten Widerstand. Indem wir in respektvoller Entfernung den drei Fremden
folgten, sahen Maric und ich die Störenfriede alle auf die Straße
hinausbefördert. Und nicht nur das: die fünf Haupträdelsführer –
wahrscheinlich dieselben, die Kieselsteine geworfen hatten – wurden von den
weißgekleideten Schutzmännern mit gebundenen Händen weggeführt. Ich sah sie um die Straßenecke verschwinden und vermutete,
die Missetäter würden wohl in ein naheliegendes Gefängnis abgeführt. Aber die
Neugierigen, die ihnen gefolgt waren, kamen gleich wieder zurück und
berichteten, die drei mit den Geißeln hätten sich samt den Gefangenen hinter
jenem Haus einfach in Luft aufgelöst. Sie seien weder zur Haustür noch in den
Garten eingetreten, sondern auf offener Straße vor den Augen der Menge
plötzlich unsichtbar geworden. Maric und ich sahen einander erstaunt an. Wir
traten wieder in die Kirche zurück, um mit Herrn Bonifazius zu sprechen. Dieser
war anscheinend ohne Verletzung davongekommen, und ich freute mich, daß er
mich mit sichtbarem Vergnügen erkannte. „Wer waren denn die drei Fremden?“ fragten wir miteinander
und ohne Einleitung. „Sie waren sicher Diener des Herrn“, lautete die Antwort. „Kennen Sie sie? – Erwarteten Sie sie?“ „Nein, ihr Dazwischentreten war eine ebenso große
Überraschung für mich wie für Sie.“ „Was haben sie wohl mit diesen – diesen Elenden gemacht?“ „Das läßt sich nicht mit Gewißheit sagen, aber wir dürfen
annehmen, daß sie sie in ein Gefängnis, wahrscheinlich ein zeitweiliges in
der Nähe der Hölle gebracht haben, und darauf folgt später die Hölle selbst.
Ich habe stets festgestellt, daß die Strafe, die hier auf die
Gesetzesübertreter fällt, augenblicklich und unwiderruflich vollzogen wird.“ „Sie sagen ,stets’“, fragte ich etwas beunruhigt, „dann
haben Sie solche Szenen schon des öfteren erlebt – oder erduldet?“ Er nickte
nur. „Läßt sich das denn ertragen?“ „Ich habe zu lernen“, sagte er einfach. „Durchhalten, ich
meine mit Vertrauen und mit Freude, war nicht gerade meine besondere Stärke,
früher, auch wenn es für Sie“, er schaute mich mit einem etwas mühsamen
Lächeln an, „wenn es auf Sie ganz anders gewirkt haben mag. Hier lernen Sie
mich nun kennen, wie ich wirklich bin.“ Maric schien sich bei dieser Beichte nicht besonders wohl
zu fühlen. Wieder einmal lenkte er ab: „Ich verstehe aber immer noch nicht,
wie sie so plötzlich verschwinden konnten“, wollte er wissen. „Als sie aus unseren Augen verschwanden“, erwiderte der
Geistliche, „erschienen sie vor den Augen derer, die dort wohnen, wohin sie
gegangen sind, und die mit ihnen übereinstimmen. Ihnen erscheint es in der
Zwischenzeit, als ob sie sich auf einem Marsch befänden. In Wirklichkeit gibt
es aber keine Entfernung in der geistigen Welt, obwohl es anders erscheinen
mag. Alles Fortschreiten ist hier bloß eine Zustandsveränderung. Deshalb
wohnen im Himmel nur die beieinander, die an Neigung und Gedanken einander
ähnlich sind, und daher kommt es auch, daß einer dem andern sogleich
erscheint, wenn er seine Gegenwart ernstlich ersehnt. Das habe ich von
Engeln gehört. Sie werden es zuerst nur mühsam verstehen, aber mit der Zeit
wird es Ihnen vollkommen klar.“ Es war jetzt Zeit, die Kirche zu verlassen, weil sie geschlossen
werden sollte, und es fiel uns schwer, uns von dem Geistlichen zu trennen. Er
lud uns herzlich ein, ihn in unserer freien Zeit in seiner nahe liegenden
Heimat, einer temporären, wie er sich ausdrückte, zu besuchen. Mit einem
warmen Händedruck verabschiedeten wir uns. „Welch eine wunderbare und herrliche Gabe ist das Leben,
das ewige Leben“, sagte ich, als wir die Straße hinabgingen. Marics Augen wanderten über die im Winde rauschenden
Baumwipfel einer Anlage zu unserer Linken dahin, während er mit einem Seufzer
erwiderte: „Ach ja! Aber Hans und Percy, die armen Kerle – sie könnten
diese Gabe erhalten, aber sie wollen nicht daran glauben.“ Die Hochschule der Atheisten Die Mahnung, unbedingt einer regelmäßigen Beschäftigung
nachzugehen, hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Was Herr
Bonifazius auf der Kanzel gesagt hatte, paßte genau zu dem, was ich vom
Torhüter schon wußte. Ich fühlte ein starkes Verlangen in mir, mehr zu tun,
als bloß in der Geisterwelt umherzuwandern, um Belehrung und Abenteuer zu
erleben; aber was sollte oder konnte ich denn anfangen? Das war eine
schwierige Frage. In der natürlichen Welt hatte ich es noch zu keiner festen
Beschäftigung gebracht, da ich eben erst meine Studien an der Universität
beendet hatte und dann ein Jahr lang gereist war, worauf ich von der
Krankheit befallen wurde, die mit meinem Tode geendet hatte. Mein großes
Vermögen war ein Grund des ungewöhnlichen Zauderns in der Wahl meiner
Tätigkeit. Eine gewisse Wankelmütigkeit – ein Wandern meiner Neigungen von
einem akademischen Beruf zum anderen, bis ich sie alle durchlaufen hatte,
könnte man teilweise derselben Ursache zuschreiben. Es war eine meiner besonderen
Schwächen, daß ich mir einbildete, ein Universalgenie zu sein. Dies entsprang
vielleicht nicht so sehr meinem angeborenen Eigendünkel als den Umständen
meiner Erziehung. Der tägliche Verkehr mit den Gliedern einer Familie, die in
perfekter Einigkeit, aber durchaus unkluger Weise meine Talente überschätzte,
war im ganzen angenehmer als förderlich. Wenn ich etwas rezitierte,
debattierte, malte, schrieb, musizierte oder sonst etwas trieb, so ergänzte
diese wohlwollende Familienliebe alles Mangelnde und hieß mein Machwerk
wunderbar. Einmal hatte ich mir im zarten Alter von zwanzig Jahren
unaufgefordert die diffizile Aufgabe gesetzt, einen jungen Schriftsteller
von schon einiger Erfahrung und vielversprechendem Talente endlich die
Schriftstellerei zu lehren. Dadurch war ich ihm zur Last geworden und hatte
eine Freundschaft, die uns beiden von Nutzen gewesen wäre, gestört. Statt daß
diese Erfahrung, die, offen gestanden, durchaus nicht einzig dastand, mir die
Augen geöffnet hätte, diente sie mir nur dazu, ernste Betrachtungen über die
Undankbarkeit der Menschen anzustellen. So machte ich halt weiter,
theoretisierte und erklärte und bildete mir ein, daß ich in einem Dutzend
verschiedener Berufe gleichviel Erfolg haben könnte, wenn ich mir nur die
Mühe nehmen wollte, ein gewisses Quantum von Vorstudien dafür zu bewältigen.
Wenn man regelmäßig das Innere seines Herzens bloßlegen und das Verzeichnis
seiner Torheiten und Sünden vorlesen müßte, so dürfte der eigene Charakter
wohl in einem recht erbärmlichen Licht erscheinen! Aber wie selten tut man
das! Wie selten nehmen wir uns die Mühe, ganz und gar offen mit uns selbst zu
sein! Als ich das Alter von fünfundzwanzig Jahren erreicht hatte,
fing dieser Wahn an, sich zu vermindern – oder vielleicht auch nur sich zu
verwandeln; jedenfalls schien es mir nun klar, daß meine Haupteignung auf die
Gelehrsamkeit und auf das Lehrfach hinauslief. So hatte ich mir zum Endziel
gesteckt, ich wolle Professor an einer Universität werden, obwohl mein Vermögen
mich eigentlich von aller Arbeit befreit hätte. Wenn nun schon in der natürlichen Welt die Schwierigkeiten
so beträchtlich gewesen waren, so schienen sie mir hier wenigstens
verdoppelt. Wohin zeigte jetzt meine Hauptneigung? Immer noch zum Lehrfach?
Beim Nachdenken, bei einer eingehenden Selbstprüfung stellte ich fest, daß
ich mich kaum verändert hatte. Aber wie sollte ich denn jetzt hier lehren, da
doch meine Stellung immer nur die eines Forschers oder auch eines Lehrlings
geblieben war? Wenn ich mich durch einen langen und tüchtigen Erziehungskurs
vorbereitete? Wenn ich mich darauf spezialisieren könnte, die aus der Welt
neu Angekommenen zu begrüßen, wie der Engel Uriel – ja dann! An dieser
Stelle meines Gedankenganges wurde mir alles klar, als ob ein plötzlicher,
heller Lichtstrahl mich erleuchtet hätte: das war es, was mich fesselte und
womit ich gerne mein ganzes Leben zugebracht hätte. „Vorwärts gehen und etwas tun“, hatten beide gesagt, der
Pastor und der Türhüter. Also dann! Die Schwierigkeiten waren am Ende gar
nicht so groß. Als ersten Schritt wollte ich mich nach einer Hochschule
umsehen – es mußte doch wohl solche Institute hier geben – und mich als Student
einschreiben. Solch eine Anstalt müßte naturgemäß unter mittelbarer oder
unmittelbarer Aufsicht der Engel stehen, dann gab es da sicher die richtigen
Studiengänge. Als ich meine Pläne Maric mitteilte, fühlte ich mich bestätigt,
als er mir mitteilte, auch er habe nicht wenige Schwierigkeiten zu überwinden
gehabt. Seine Liebe galt der Kunst, und er hatte bald nach seiner Ankunft aus
der Welt den Weg zu einer Kunstschule gefunden, war aber dort sehr geplagt
worden, denn man duldete nichts als den Ultrarealismus. Er hatte sich daher
wieder gelöst und ein anderes Institut gefunden, wo er sich seinem Geschmack
für das Ideale frei hingeben konnte. Im Laufe unseres Gesprächs erwähnte er, es gebe unweit der
Stadt der Neuangekommenen eine berühmte Schule der Gelehrsamkeit, die sich
„Hochschule der Weisen“ nenne. Dort seien viele Professoren von berühmten
Universitäten in Europa versammelt. Seine zwei Freunde studierten dort. Er
zweifle aber, ob mir der dort alles durchdringende Rationalismus, der seiner
Ansicht nach gar nicht rational sei, zusagen werde. Aber es könnte nichts
schaden, die Sache einmal zu untersuchen. Seine zwei Freunde sollten an
einer Versammlung der literarischen Gesellschaft der Universität am nächsten
Abend Reden halten, und er schlug vor, wir wollten nachmittags
hinausspazieren, die Universität besichtigen, in der Studenten-Mensa speisen
und dann der Versammlung abends beiwohnen. Dann könne ich mich entscheiden,
ob ich in die Hochschule eintreten wolle. Begierig auf das Abenteuer trieb ich am nächsten Nachmittag
schon früh zum Aufbruch. Der Spaziergang wurde durch die Unterhaltung mit
Maric verkürzt, und ich hatte den Eindruck, die Stadt erst gerade verlassen
zu haben, als schon die Universität in Sicht kam – ein weitläufiges, sich
breit ausdehnendes Gebäude aus Sandstein in einem flachen, sandigen Tal, das
beinahe wie eine Wüste aussah. Es wunderte mich, daß kein See oder Bach
irgendwo die Sonnenstrahlen zurückwarf. Als wir näher kamen, bemerkten wir,
daß wohl einige Versuche gemacht worden waren, eine Anlage herzustellen,
aber, wo hohe Bäume sich im Winde hätten wiegen sollen, starrte nur etwas
struppiges Gesträuch. „Was ließ sie denn diese Einöde zur Wohnstätte wählen?“
fragte ich. „Vielleicht wurde die Einöde für sie ausgewählt“, war die
Antwort, während ein ungewohnter Ernst in Marics Auge das Lächeln, das um
seine Lippen spielte, dämpfte. Als wir vor dem Haupteingang anhielten und die bescheidene
Inschrift »DIE HOHE SCHULE DER WEISEN« betrachteten, erschien ein Diener und
lud uns ein, ihm zu folgen. Wir durchschritten eine lange, leere Halle bis zu
einem Empfangszimmer, wo er uns bat, uns zu setzen, um die Ankunft eines der
Beamten der Universität abzuwarten. Wir schauten uns im Zimmer um, und
unsere Aufmerksamkeit wurde nicht so sehr von den Porträts der Würdenträger
als von einigen Inschriften gefesselt, die mit großen, schwarzen Lettern auf
den weißen Wänden angebracht waren. Ich erinnere mich der folgenden: „Glaubensbekenntnisse sind ein Fluch, wenn man sie als
Anker benützt, um den Fortschritt zu hemmen.“ Oder: „Das zukünftige Leben ist nur eine unbeweisbare Behauptung
der dogmatischen Theologie.“ Weiter: „Die Leichtgläubigkeit des gemeinen Volkes ist das große
Ei, woraus die aufdringlichen Betrüger ausgebrütet werden, die man Priester
nennt.“ Unsere Kommentare zu diesen Inschriften wurden durch den
Eintritt des erwarteten Beamten unterbrochen. Er begrüßte uns mit großer
Herzlichkeit. Er war von hohem Wuchs, blaß und von gelehrtem Aussehen, ein beeindruckender
Mann, obgleich mir der Ausdruck seiner Augen nicht recht gefallen wollte. Er
hatte in seinem Wesen das Einnehmende, das diejenigen bezaubert, die nicht
weiter denken. Ich erklärte ihm, was uns hergeführt habe und hörte einem Loblied
zu auf die ausgezeichnete Universität, der er die Ehre habe anzugehören, und
auf die berühmten Professoren, die zu deren Erhabenheit beigetragen hätten.
Er versicherte mir, ich hätte nichts Besseres tun können, als zu ihnen zu
kommen, wie ich bald sehen werde, und er schlug vor, uns sogleich durch das Gebäude
zu geleiten. Als er sich aber erheben wollte, hielt ich ihn zurück, indem ich
auf die Inschriften an den Wänden wies. „Ich habe mir schon etwas den Kopf darüber zerbrochen“,
sagte ich. „An der ersten habe ich weiter nichts auszusetzen, wenn Sie damit
die falschen Glaubensbekenntnisse und den wahren Fortschritt meinen. Ich
kann mir auch wohl denken, daß viele wohlmeinende Leute bis auf einen
gewissen Grad mit dem beißenden Sarkasmus des letzten Mottos übereinstimmen
werden, da sehr wahrscheinlich eine große Anzahl der ‚Priester’ in der Welt
heutzutage Heuchler und Betrüger sind. Aber die Inschrift über das ‚zukünftige
Leben’ habe ich mit wahrem Erstaunen gelesen. Was können Sie denn eigentlich
damit meinen?“ „Genau, was die Worte ausdrücken.“ Maric und ich sahen einander an. „Aber“ – nach einer Pause – „wie können Sie sagen, das
zukünftige Leben sei eine bloße Annahme, da doch Sie genauso wie wir jetzt
darin leben, nachdem wir durch den Tod aus der natürlichen in die geistige
Welt übergegangen sind?“ Der Beamte lächelte nachsichtig und mit deutlichem
Bedauern, etwa wie ein gereifter Mann lächelt, wenn er dem wilden Unsinn
eines Knaben zuhört. „Ich sehe, daß diese erbärmlichen Verrückten Sie unter
der Hand gehabt haben“, sagte er. „Sie tun das wohl, wenn man’s ihnen gestattet.
Sie kamen sogar zu mir – zu mir! – mit ihrem Kindergeschwätz, aber das ist
schon lange her.“ Ein beengendes Stillschweigen folgte hier. „Haben Sie keine Erinnerung an die Stunde nach Ihrem
Aufwachen?“ fragte Maric plötzlich. „Unsinn! Was sollten wir unsere Zeit mit der Besprechung
solcher Torheiten vergeuden? Wenn ich aber doch von diesen Verrückten reden
soll, so kamen sie wohl auch ein Mal zu mir, als ich gerade von einem tiefen
Schlaf aufwachte, und fingen an, diese Märchen zu erzählen. Ich habe sie
aber schnell eines Besseren belehrt.“ „Dann sind Sie also wirklich der Meinung, noch in der natürlichen
Welt zu leben! Es scheint mir unglaublich“, sagte ich. „Gewiß, es gibt keine andere Welt.“ „Sie wollen doch nicht behaupten“, fiel Maric etwas
ungeduldig ein, „daß Sie sich immer noch in derselben Stadt und Universität
Europas oder Amerikas befinden, wo Sie früher-„ „Nein – das will ich nun nicht, obgleich manche von uns
immerhin dieser Ansicht sind. Es ist zweifellos eine gewisse Veränderung vor
sich gegangen, die einige wenige von uns anerkennen, und die wir so weit noch
nicht erklären können. Wir sind wohl aus unserer früheren Heimat an einen
anderen aber ähnlichen Platz in derselben Welt gebracht worden. Wie dies allerdings
im einzelnen vor sich gegangen ist und wo genau wir uns jetzt befinden – das
sind die dunklen Punkte. Wir haben das schon oft besprochen. Einige meinen,
wir müßten durch ein Arzneimittel betäubt worden sein. Aber keiner von uns
stimmt auch nur für einen Augenblick der These zu, es seien übernatürliche
Kräfte beteiligt. Einer von unseren Professoren, ein sehr gelehrter Mann,
ist jetzt mit einer eingehenden Forschung über dieses Phänomen beschäftigt,
und er erwartet zuversichtlich, daß er das Rätsel auf rein wissenschaftliche
Weise lösen werde.“ Darauf ließ sich nichts weiter antworten. Solcher Wahn
entzog sich jeder Belehrung. Wir erhoben uns, um ihm zu zeigen, daß wir
bereit seien, mitzugehen und das übrige Gebäude in Augenschein zu nehmen. Er geleitete uns in eine große Halle, deren eine Wand aus
Glas bestand. Dennoch floß nur wenig Licht herein; und dies erklärte, warum
die verschiedenen großen Teleskope, die in gleicher Entfernung voneinander
aufgestellt waren, durch runde Öffnungen ins Freie hinausragten. Auf die
schwarz gestrichenen Mauern waren Kreideskizzen gemalt, die verschiedene
Sternbilder in ihren Stellungen zueinander darstellten. „Dies ist unsere astronomische Abteilung“, erklärte unser
Begleiter, „wir können einen befriedigenden Fortschritt in dieser
Wissenschaft konstatieren. Unser Oberastronom hat schon zwei neue Planeten
entdeckt und die Stellung mehrerer bisher unbekannter Fixsterne näher bestimmt.
Er kontrolliert jetzt die Arbeit an einem enormen Teleskop, mit dem man die
Bewegungen des nächsten Planeten so genau zu beobachten erwartet, daß man
dadurch nicht nur die Grundsätze, die der Raumschiffahrt zugrunde liegen, sondern
überhaupt alle Bewegungen im Weltraum aufs genaueste ermitteln werde. Er
hofft, die praktische Anwendung dieser Grundsätze werde ihn befähigen, ein
Transportgerät zu konstruieren, das es jedem kühnen Forscher ermöglicht, nicht
nur die Planeten, sondern sogar die entferntesten Sonnensysteme zu besuchen.
Das wird natürlich nicht nur unserem unermüdlichen Professor, sondern auch
unserer Universität zu unsterblichem Ruhme gereichen und ein unschätzbarer
Gewinn für die Wissenschaft werden.“ Maric und ich mußten wohl in unseren Mienen gezeigt haben,
daß wir sicher waren, „der unermüdliche Professor und unsere Universität“
werden umsonst nach solchem Ruhme dürsten. Immerhin waren wir klug genug,
keine Bemerkung darüber zu machen, und wir folgten unserem Führer bald
darauf in die zweite Halle, einen Hörsaal, dessen Wände auch wieder schwarz
gestrichen und mit Kreidezeichnungen bedeckt waren. An einem Ende des Saales
vegetierten einige Pflanzen mit welken Blättern in Blumentöpfen. Hier
begegneten wir dem dozierenden Professor, der, wie uns gesagt wurde, einer
der hervorragendsten der „jetzt lebenden“ Botaniker sei. Als wir eintraten,
beendete er eben eine Skizze hinter einem Lesepult gegenüber den jetzt
gerade leeren Bänken. „Ich bin eben bei den Vorbereitungen für meine Vorlesung
von morgen“, sagte er, als wir ihm vorgestellt wurden. Er hatte eine Reihe von Skizzen entworfen, die das
Aufsteigen und die Entwicklungsstufen der höheren Lebensformen aus den
niedrigen Pflanzen- und Tierphasen darstellten. Den untersten Anfang bildete
das „Protoplasma“, der „halbflüssige zähe Stoff, voll von zahllosen winzigen
Körnchen in unaufhörlicher geschwinder Bewegung“. Das, sagte er uns, sei der
Anfang, die Grundlage alles Pflanzen- und Tierlebens. Die Skizzen sollten
zeigen, wie aus diesem unerklärlichen, allem zugrunde liegenden Stoff im
Pflanzenreich zuerst die Flechten und nachher die höheren Formen, die Moose,
das Leberkraut, die Farnkräuter, Palmen, Gräser, Tannen, Lärchen, Eichen,
Nesseln, Rosen, Apfelbäume, die Winden und in der höchsten Gruppe die
Kompositen, wie die Aster und die Dahlien, entstanden seien. Der Teil der
Wandskizze, der dem Tierreich gewidmet war, zeigte nach dem Protoplasma die
Protozoen, Schwämme, Korallentierchen, Medusen, Seesterne, die Ganoiden, den
Tintenfisch, die Auster, die gewöhnlichen Fische, die Insekten, Amphibien,
Kriechtiere, Vögel, die Nagetiere, die Lemuren und die Fledermäuse. Nachher
kamen die Raubtiere, die Wale, Elefanten, geschwänzte Affen, schwanzlose
Affen, zuletzt der Mensch. „Aber was ist dann der Ursprung dieses wunderbaren und –
wie Sie es bezeichnen – alles erzeugenden Protoplasmas?“ fragte Maric
höflich, nachdem wir dem Professor einige Zeit zugehört hatten. „Ich sagte Ihnen, das sei der Anfang. Wie können wir weiter
zurückgehen als zum ersten Anfang? Wenn er das ist, so ist es natürlich sein
eigener Anfang.“ Hierbei zeigte er sich einigermaßen gereizt. „Und glauben Sie nicht“, fuhr Maric ruhig fort, „es könnte
noch etwas jenseits des Protoplasmas geben? Müssen Sie nicht vermuten –
einfach um der Vernunft zu genügen – daß diese erste natürliche Form ihre
Seele und ihr Wesen aus einer geistigen Form beziehe, die ihrerseits aus dem
Allerersten existiert und lebt- dem unerschaffenen und ewigen Gott?“ „Bah!“ „Darf ich vielleicht eine Frage an Sie richten?“ unterbrach
ich die beiden hier. „Sie dürfen!“ sagte der Professor hochmütig. „Kann dies alles erzeugende Protoplasma denken und lieben?“ „’Denken und lieben?’ Gewiß nicht!“ „Wenn Sie dann zugeben, daß der Mensch ein Wesen ist, das
denkt und liebt, und das müssen Sie doch wohl, sehen Sie dann nicht, daß so
das Erzeugte höher steht als dessen Erzeuger? Das Geschaffene höher als sein
Schöpfer? Welcher Strom kann höher steigen als sein Ursprung?“ Der Professor war vor Zorn blaß geworden. Zur Antwort
wandte er sich an unseren Führer und fragte mit bebender Stimme: „Wer sind
diese närrischen und anmaßenden jungen Leute? Nehmen Sie sie fort, ehe ich
mich vergesse!“ Dann wandte er sich höhnisch zu seinen Skizzen zurück und
schimpfte: „Mir von einem Gotte sprechen, der das ganze Weltall übersehe,
wenn ich weiß, daß die Entfernung zu dem nächsten der Millionen von
Fixsternen so groß ist, daß es drei Jahre dauert, ehe das Licht von dorther
uns erreicht, obgleich es 300.000 Kilometer in der Sekunde zurücklegt?“ Unser Führer geleitete uns schnellstens weiter und führte
uns in eine dritte Halle, wieder einen Hörsaal, der der vergleichenden
Anatomie geweiht war. Wir fanden hier in Ordnung eingereiht mehrere Menschenskelette,
ausgestopfte Tiere und Tierskelette von großer Mannigfaltigkeit. Wie ich
nachher erkannte, waren es nicht die Überreste von verstorbenen Menschen und
Tieren, sondern Erzeugnisse der Phantasie. An einem Ende des Hörsaals machte
auch dieser dozierende Professor Kreideskizzen auf die schwarze Wand zur
Erläuterung seines nächsten Vortrages, der von der Evolution handeln sollte.
Er hatte das vergrößerte Skelett einer Fledermaus gezeichnet, und er zeigte
uns, wie ähnlich es dem menschlichen Skelette sei – mit Ausnahme der Flügel.
Und selbst die Flügel – man müsse sie nur etwas verkürzen – seien den
menschlichen Armknochen nicht unähnlich. Es waren auch noch andere Skizzen
da, die Ähnlichkeiten zwischen den Skeletten der früheren Kriechtiere und
denen der Vögel zeigten. „Diese hervorragenden Forschungsergebnisse erzählen selbst
ihre Geschichte“, sagte er zu uns mit selbstzufriedener Miene. Ich hätte ihn gerne gefragt, ob seine Auslegung dieser
Fakten nicht auch ihre eigene Geschichte erzähle. Aber unsere eben gemachte
Erfahrung war mir noch zu frisch im Gedächtnis, und ich sagte nichts. „Laßt uns jetzt die Halle unserer mythologischen Antiquitäten
besuchen“, schlug unser Begleiter nun vor. „Es ist für mich das
Interessanteste, obwohl Ihnen vielleicht die Bibliothek noch besser gefallen
wird.“ Er führte uns in den vierten Hörsaal, an dessen Wänden eine
Reihe von Schränken entlanglief, auf deren tiefen Böden eine große Anzahl
weißer Standbilder eingeordnet waren. „Wir verdanken der unermüdlichen Energie unserer gelehrten
Mythologen und unserer geschickten Bildhauer“, fing er mit einer stolzen
Handbewegung an, „diese einzige und äußerst wertvolle Sammlung. Wir haben
hier ein Standbild für jeden Gott, der seit Anbruch der Geschichte in
irgendeinem religiösen System angebetet worden ist, ebenso eine Darstellung
aller seiner Eigenschaften. Lassen Sie mich Ihnen die wichtigeren Gruppen
weisen: Hier haben wir die sumero-akkadischen, die assyrischen und die babylonischen
Gruppen; hier die ägyptischen, die phönizischen und die karthagischen. Diese
hervorragende Gruppe bilden die zwölf großen Götter der Griechen und alle die
Untergötter und Halbgötter bis herunter auf die Grazien, die Flußgötter und
alle die Naiaden und Dryaden. Hier ist die interessante römische Sammlung und
die weniger reichhaltigen Überreste aus der Geschichte der alten Etrusker.
Auf der anderen Seite hier sind die indischen, chinesischen und tatarischen
Götter versammelt und hier die der Perser. Das hier sind die des alten
Galliens und Britanniens. Und zuletzt kommen wir zu den Mexikanern und Peruanern.“ Wir waren unserem Führer gefolgt und hatten uns jede Gruppe
sorgfältig angesehen, ohne uns weitere Gedanken zu machen über das, was
vielleicht noch folgen werde. Jetzt waren wir am unteren Ende der Halle
angekommen. Da deutete unser Führer mit einer stolzen Handbewegung auf das
letzte Regal. Ich mußte tief Atem holen und die Augen niederschlagen,
als ich die Bedeutung seiner Worte erfaßte, und so war ich für den Augenblick
in lautlose Spannung versetzt. Ehe er aber seinen Satz beenden konnte, wurde
er durch einen herrischen Befehl unterbrochen: „Schweig!“ Ich blickte erschrocken zu Maric auf, so hatte ich ihn noch
nie gehört. Sein Angesicht war abgewandt und bleich bis zu den Lippen. Er
drehte sich zu mir und unsere Augen begegneten sich. Dann strebten wir eilig
zur Türe und suchten uns in größter Hast einen Ausgang aus dem Gebäude. Wenig
später atmeten wir im Freien tief auf. „Maric – mein Freund“, flüsterte ich mühsam; die Worte
gingen mir schwer über die Lippen; „dies muß doch die Hölle sein.“ „Die Hölle im Innern, von außen erkennt man sie noch
nicht“, erwiderte er hart. Dann bemerkten wir, daß der Führer uns gefolgt war und sich
näherte. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung“, fing er in seiner
eleganten Weise und mit unleidlicher Süffisance an. „Ich war zu voreilig.
Aber ich konnte diese Reaktion wirklich kaum von zwei so vielversprechenden
jungen Leuten erwarten, schon gar heutzutage, wo die gute Fasson in jeder
intelligenten Gesellschaft es verbietet, ernsthaft über Religion zu sprechen.
Es ist seltsam, wirklich seltsam, wie tief diese alte biblische Fabel sich im
Menschengeschlecht eingenistet hat – das heißt bei den Einfältigen, natürlich
nicht bei den Erleuchteten. – Meine lieben jungen Freunde, Sie wollen doch
nicht, daß ich Sie unter die Einfältigen rechne, wie?“ „Das halten Sie, wie Sie wollen; aber es ist besser, wenn
Sie uns verlassen, jetzt, sofort“, warnte Maric mit bebender Stimme. Die Leutseligkeit in der Miene unseres Führers verschwand
allmählich, und mit drohendem Blick fing er eine schreckliche,
gotteslästerliche Rede an. Aber damit überschritt er die Grenzen unserer
Geduld. Maric holte plötzlich mit der Rechten aus, und ein sehr erstaunter
und erschütterter Mann lag hinter uns auf dem Boden, als wir uns umdrehten
und rasch den Ort verließen. Der schwanzlose
Affe Wir machten einen langen Spaziergang, ehe wir in der
Studenten-Kantine unser Mahl einnahmen. Ich drang darauf, wir sollten
sogleich in die Stadt der Neuankömmlinge zurückkehren, aber Maric erinnerte
daran, seine zwei Freunde würden doch an diesem Abend bei einer Versammlung
in der Aula der Universität Reden halten, und er bestand darauf, wir sollten
wenigstens noch bis dahin bleiben. „Ich kann es nicht über mich bringen, das Gebäude noch
einmal zu betreten“, sagte ich. „Solch einen Platz sollte man meiden. Es
heißt, mit dem Feuer spielen.“ „Das wäre es wohl“, antwortete er, „wenn wir nicht so fest
in unserem Glauben wären. So aber, glaube ich, ist es eine nützliche-„ „Aber wir wissen nicht, mit welch perfiden Lästerungen sie
uns überraschen werden!“ „Das zwar nicht, aber bei der ersten Andeutung in dieser
Richtung können wir uns entfernen. Ich muß dies eine Mal noch hingehen,
meiner Freunde wegen“, setzte Maric sehr ernst hinzu. „Ich hoffe immer noch,
daß sie gerettet werden können.“ Es war ganz dunkel, als wir aus dem Lokal traten. Wir
setzten uns auf einen niedrigen Felsen, der in all dem Sand etwas unerwartet
hervortrat. Wir besprachen die Sache hin und her. Unser Platz lag etwa
zweihundert Schritte vor dem Hauptgebäude der Universität, das sich mit
seinen weitgedehnten schattenhaften Umrissen gegen den dunkelblauen Nachthimmel
auftürmte. Das Licht, das von den vielen Fenstern ausstrahlte, ängstigte
mich; das Gebäude kam mir allmählich vor wie ein enormes Ungeheuer, das uns
mit hundert gelben Augen anstierte. Trotzdem ließ ich mich überreden; ich
brachte es nicht fertig, Maric allein dorthin zurückkehren zu lassen. Eine Stunde später, als die Glocke die Eröffnung der Versammlung
verkündete, erklärte ich mich daher bereit, meinen Kameraden zu begleiten.
Wir suchten uns einen zurückgezogenen Platz, nahe bei der Türe. Die Aula war
ein kreisförmiger Hörsaal von ansehnlicher Größe mit ansteigenden Sitzreihen.
Das Zentrum ragte als Rednerbühne etwas empor. Dort saßen die Professoren.
Die Studenten besetzten die Ränge im Umkreis, und die einen wie die anderen
trugen dünne schwarze Roben und Kappen. Nur die Sitzordnung zeigte den Stand
und die Würde. Der Rektor oder Präses trug die gleiche Tracht, zeichnete sich
aber vor seinen Kollegen durch einen höheren Sitzplatz aus, von wo er den
Redner gerade vor sich hatte. Ich bemerkte, daß der Mann, den Maric zu Boden
geschlagen hatte, unter den Professoren saß und die Gesichter der
hereinströmenden Studenten sorgfältig musterte, so als ob er nach uns suche.
Als alle sich versammelt hatten, erhob sich der Rektor und kündigte nach
einer ansprechenden Einleitung das Thema des Abends an. „Zur größeren Bequemlichkeit“, sagte er, „haben wir das
Thema in drei Abschnitte eingeteilt, und wir werden daher drei Ansprachen
oder Vorträge hören. Das Thema mit seinen Unterabteilungen ist das Folgende: „Ist der Mensch etwas anderes als ein verbessertes Tier?“ 1. Wenn nicht, wie verstehen wir dann seine abergläubischen
Ansichten, seinen Glauben an eine Seele und ein zukünftiges Leben? 2. Was ist der Ursprung der Mythen, und in welcher
Beziehung stehen die jüdische und christliche Religion zu den vorhergehenden? 3. Wie beantwortet man unseren Lehrsatz vom Standpunkt der
vergleichenden Anatomie? „Die erste und zweite Abteilung unseres Themas werden von
zwei hervorragenden Vertretern der ältesten Studentenklasse vorgestellt. Die
dritte Abteilung aber behandelt unser ausgezeichneter Kollege, dessen
anatomische Untersuchungen ihn in beiden Hemisphären berühmt gemacht haben,
so daß es nicht not tut, seinen Namen zu nennen.“ Damit setzte der Rektor sich nieder und ein Student (in dem
ich Maric’s Freund Hans erkannte) erhob sich und trat an das Lesepult. Er
breitete sein Manuskript vor sich aus und erläuterte ungefähr das Folgende: „Wenn der Mensch nur ein verbessertes Tier ist, wie erklärt
man dann seine abergläubischen Ansichten, seinen Glauben an eine Seele und an
ein ewiges Leben? Wir stimmen alle darin überein, daß der Mensch der
Höhepunkt der ganzen Schöpfung ist, eine vollkommene Lebensform, mit der die
Natur erst nach einem Ringen von Millionen von Jahren ihr Werk zu krönen
vermochte. Wenn dieses Meisterwerk der Natur an Feinheit und Durchbildung
des physischen Gewebes so ausgezeichnet ist, muß es auch in entsprechendem
Grade mit einer höheren Gemüts-Qualität ausgerüstet sein. Außerdem besitzt
ein feinerer Leib logischerweise auch ein feineres Gehirn. Nehmen wir dann
diesen Urmenschen mit seiner höheren Entwicklung und betrachten diese im
Verhältnis zu seiner Umgebung: Im Menschen ist das Gehirn des ursprünglichen
Tieres in staunenswerter Weise vergrößert; durch stetige Weiterentwicklung
ist er mit den neuen Fähigkeiten der Fantasie und der Vernunft begabt worden;
und obgleich er zuerst wie seine vierfüßigen Vorfahren lebte, wie es bei
Wilden teilweise noch heutzutage der Fall ist, haben wir nun in ihm ein
Geschöpf vor uns, das Eindrücke aufnehmen und darüber nachdenken kann. Sein Denken ist jedoch während vieler Jahrtausende noch von
wenig Nutzen. Denn er ist zunächst ungelehrig, nur auf sich selbst
angewiesen, die ganze Welt ist ihm wie ein versiegeltes Buch. Jedoch sammelt
er sich allmählich einen Vorrat von Ideen und erwirbt damit zunehmende
Anerkennung. Wenn er sich bei Nacht zum Schlummer auf den Boden legt, bleibt
seine Einbildung wach. Er träumt, er wandere weit fort und bestehe viele
Abenteuer. Am Morgen redet er darüber mit seinen Freunden wie über wirklich
Erlebtes. Als Antwort lachen sie ihn aus. Sie sagen ihm, er habe die ganze
Nacht bei seinem Feuer unter der Eiche geschlafen. Der eine und der andere
seien wach geblieben; sie bezeugen, daß er geschlafen und sich nicht gerührt
habe. Dennoch ist der Eindruck seiner nächtlichen Abenteuer zu lebhaft, als
daß er sich leicht verwischen ließe. Während er sich nun bestrebt, dieses
Mysterium zu ergründen, entwickelt sich bei ihm allmählich der Glaube an ein
anderes Ich oder an eine Seele, die sich lostrennt und nach eigenem Ermessen
umhergeht, indem sie den schlafenden Leib auf dem Boden zurückläßt. Der Urmensch hat schon früher durch leidvolle Erfahrung
herausgefunden, daß er und alle seine Gefährten einstmals sterben müssen. Er
sieht das Leben in dem Leibe seines Freundes ein Ende nehmen. Das Licht im
Auge erlischt, die Gliedmaßen werden steif, der ganze Mensch verwest und
zerfällt zu Staub. Dennoch, wenn er wieder einschläft und träumt, oder wenn
sein zweites Ich dahinwandert, begegnet es seinem Freunde in Lebensgröße,
und dieser lacht und spricht und ißt. So ist sein Freund also noch am Leben.
Auf diese Weise entwickelt sich allmählich die Idee eines zukünftigen Lebens.
Sie entwickelt sich, wird von einem Zeitalter ins nächste übernommen und wird
dabei verändert, wie alle Geschichten, die von Mund zu Mund wandern, bis sie
zuletzt als der heutige Religionsglaube erscheint, wie ihn die Einfältigen
hegen. So, meine Herren, erkläre ich, wie der Mensch, obgleich er
sich aus der unvernünftigen Kreatur herausentwickelt hat, dennoch zum
Glauben an eine Seele, ein zweites Ich, und an ein zukünftiges Leben
gelangte.“ Als der Sprecher zu seinem Platz zurückkehrte, lächelte der
Rektor ihm beistimmend zu, und die große Mehrzahl der Studenten klatschte
begeistert. Nachdem alles wieder ruhig geworden war, konnte das zweite Thema
verlesen werden. Ein zweiter Student erhob sich, in dem ich Maric’s zweiten
Freund erkannte, und trat an das Lesepult. Sein Vortrag lautete ungefähr so: „Was ist der Ursprung der Mythen, und in welcher Beziehung
stehen die jüdische und die christliche Religion zu den vorhergehenden? Die
eben gehörte Ansprache beantwortet im allgemeinen die erste Frage nach dem
Ursprung – denn der erste noch unentwickelte Mythos, der Urstamm der ausgedehnten
Systeme, die später daraus erwuchsen, konnte nur in dem unbeschwerten Gemüt
der Urmenschen entstehen, und zwar zu gleicher Zeit und in ähnlicher Weise
wie die Idee eines zweiten Ichs und eines zukünftigen Lebens. Malen wir uns den Urmenschen in der Waldheimat seines ihm
noch nicht so fern stehenden Ahnen, des schwanzlosen Affen, aus. Stellen wir
ihn uns vor, wie er mit seinem geringen Schatz an Kenntnissen und Erfahrungen
den wundersamen Erscheinungen der Natur ausgeliefert ist. Wenn sein
neuerweckter Geist den Aufgang und Niedergang der Sonne und des Mondes, die
Anhäufung schwarzer drohender Wolken am Himmel, den herniederströmenden
Regen, die Stimmen des Windes, den grellen Blitz, den rollenden Donner
erlebt, wie kann er diesem Geschehen den richtigen Stellenwert innerhalb der
Lebensabläufe zumessen? Sein Gemüt wird ja fortwährend von neuen und noch
undeutlichen Eindrücken erfüllt. Er kann es also nicht. Und doch ist er nicht
müßig. Er fürchtet sich, er zittert, er beginnt zu vergöttern. Beinahe alle
Mythologien rechnen Sonne und Mond unter die Götter, und wir brauchen nur
bis auf die Griechen zurückzugehen, um festzustellen, daß sie im Blitzstrahl
einen schrecklichen Feuervogel sahen. Was brauchen wir weiter zu forschen? Der Ursprung der
Mythen ist ganz klar und deutlich. Wie sie sich von ihren Uranfängen zu den
ausgedehnten Religionssystemen entwickelten, die seit der Morgendämmerung der
Geschichte bis zur Gegenwart aufeinander folgten, ist ebenso klar, und ist
zugleich die Geschichte der allmählichen Erweiterung des menschlichen
Ideenvorrats und der Vernunft. Was im einen Zeitalter mit vollem Glauben
anerkannt wurde, erschien dem folgenden als widersinnig und wurde wieder aufgegeben.
Dieses fortwährende Einfügen und Ausscheiden von Glaubensgrundsätzen ist die
Folge der sich schärfenden Kritik. Es setzte sich fort, bis schließlich die
christliche Religion entstanden war, die einfacher und vernünftiger ist als
die vorausgehenden Systeme. Ein bezeichnender Zug in dieser fortschreitenden
Modifikation ist die stetige Abnahme in der Zahl der Götter. Die fünf- bis
achthundert Götter der Ägypter, die vierhundert des assyrischen und babylonischen
Systems schrumpfen zum einen Gott des jüdischen. Die Christen aber scheren
aus dieser Entwicklung aus oder beginnen einen Gegenzug, indem sie drei
Götter anerkennen. Wir haben von der christlichen Religion als dem vernünftigsten
und einfachsten aller Religionssysteme gesprochen. Betrachtet man sie
allerdings bei Tage, so ist auch sie ein bloßes Gespinst von
Widersinnigkeiten! Kann man sich etwas Stupideres vorstellen als die
vollständige Aufgabe der Vernunft in der Idee von drei Gottheiten, von denen
jede ein allmächtiger Gott sein soll? Die früheren Mythologien-Gründer
zeigten eine größere Weisheit, indem sie gewöhnlich einen Hauptgott
postulierten, dem alle übrigen untertan waren. In dieser Beziehung zeigen
auch die Juden eine bessere Urteilskraft. Die letzten zwei Mythologien oder
Religionen sollen mit geschlossenen Augen geglaubt werden, wie man von uns
verlangt. Dabei haben sie noch viel von den früheren, unentwickelten Mythen
in sich, von denen sie herstammen, und, was noch weit schlimmer ist, sie haben
noch vieles in sich, das sie mit den barbarischen Systemen der Wilden auf
eine Stufe stellt. So z.B., wenn man das Wichtigere beiseite läßt, sagen die
Oranger-Neger, es sei eine Sünde, wenn man auf die Erde speie, und es gibt
Christen, die behaupten, es sei eine Sünde, Karten zu spielen. Die
Kamtschadalen sagen, es sei Sünde, in die Fußstapfen eines Bären zu treten,
und es gibt Christen, die den Tanz als Sünde verdammen. Im Vergleich mit dem großartigen, unparteiischen, unwiderstehlichen
Umlauf der Zeit und des Naturgeschehens in diesem kolossalen Weltall und in
Anbetracht der unwiderleglichen und unsterblichen Tatsachen der
Wissenschaft, wie kleinlich und anmaßend erscheinen doch da diese Religionssysteme
mit ihren Göttern und Teufeln, mit ihren Belohnungen und Strafen! Ein
Himmel, eine Hölle- ein zukünftiges Leben! Als ob es einen Platz geben
könnte, wo all die Leute versammelt wären, die seit unzählbaren Zeitaltern
in dem bewohnten Weltall gelebt haben! So riesengroß – so groß, daß er den
unendlichen Weltenraum ausfüllen würde – das ist undenkbar und daher
unmöglich. Da hätten ja sogar die Wilden recht, die glauben, die stoffliche
Atmosphäre sei so mit Geistern überfüllt, daß man sich unmöglich darin
bewegen könne, ohne gegen diese anzustoßen, und die sich daher bei ihnen
entschuldigen, wenn sie etwas in die Luft werfen, weil sie sie treffen
könnten! „Die Zeit ist nicht mehr fern“, sagte der Redner zum
Schluß, „in der die Masse der Menschheit die jüdische wie die christliche
Religion verwerfen wird – wie es die Gebildeten ja jetzt schon tun – worauf
diese beiden dann ihren natürlichen Platz unter den ausrangierten Religionen
einnehmen werden. Denn aus diesen sind sie ja entsprungen und sind ihnen
deshalb in allem Wesentlichen ähnlich. Die Massen müssen lernen, was wir
schon lange wissen: daß nämlich das Weltall aus nichts anderem besteht als
aus Energie und Stoff. Dies sind unsere Götter, wenn wir überhaupt Götter
haben müssen. Unser Hauptgott sei die Macht, und unsere Untergötter Stoff und
Energie.“ Auf diese Rede folgte lauter und anhaltender Beifall. Ehe noch gänzliche Stille eingetreten war, erhob sich ein
niedergebeugter und etwas stumpfsinnig aussehender Professor und bat den
Rektor um das Wort. Dieser gestattete es, allerdings mit sichtbarem Widerstreben. „Wir haben zu viel Theorie“, fing der Mann mit tadelnder
Stimme an. „Wir alle wissen, daß eine Theorie immer wieder von einer anderen
verdrängt wird; die Tatsachen sind daher das Wichtigste. Wenn man in meine
Jahre kommt, wird man es leid, immer von Theorie, Theorie und wiederum
Theorie zu hören. Da hält man sich mehr an die Tatsachen. Und so will ich
Ihnen nun ein paar hübsche, mit der Mythologie der Wilden verbundene Tatsachen
bekanntgeben: Die Orinoco-Indianer sagen, der Tau sei der Speichel der
Sterne. Die Kamtschadalen sagen, es sei Sünde, wenn man eine glühende Kohle
zum Anzünden der Pfeife anders fasse als mit den Fingern. Bei den Kannibalen
muß man erst lernen, Tabaksaft zu trinken, ehe man ein Priester werden kann.
Bastian erzählt, daß der König von Quinsembo am weißen Nil nicht wage, das
Wasser anzusehen, weil er sonst sterben müsse und sein Reich untergehe. Die
Dyaken von Borneo hießen einen heftigen Regen einen „Er-Regen“. Die alten
Russen sagten, die vier Winde seien vier Götter, die man dort auch anbetete. Die
Paraguayaner schlagen die Luft, um ihre Freude über das Erscheinen des
Neumondes auszudrücken, auch laufen sie gegen den Sturm und bedrohen ihn mit
Feuerbränden. Wiederum schrecken sie den Sturm, indem sie die Luft
durchprügeln. Die Kasiren von Bengalen sagen, die Sterne seien Menschen, die
auf einen Baumgipfel hinaufgeklettert waren, und als der Baumstamm gefällt
wurde, blieben sie an den Zweigen in der Luft hängen. Die Muscovier in
Südamerika behaupten, der Mond sei ein Mann, und die Mondfinsternis entstehe,
wenn ein Hund ihm die Eingeweide ausreiße. So beeilen sie sich, ihm
beizustehen, indem sie einen fürchterlichen Lärm anfangen, um das Ungetüm
fortzuschrecken. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, daß die
amerikanischen Indianer und andere Wilde bei Mondfinsternissen ihre Hunde
durchprügeln. Halleur erzählt, ein Neger habe ihm erklärt, es sei nicht der
Baum (unter dem er Palmöl und Früchte darbrachte), der ein Fetisch sei,
sondern ein unsichtbarer Geist, der dort wohne, und dieser genieße nur den
geistigen Teil der Speise, den materiellen Teil aber verschmähe er. Bastian
sagt uns, wenn unter den Kindern in Fernando Po eine ansteckende Seuche
ausbreche, dann befestigten die Einwohner eine Schlangenhaut an einer Stange
auf dem Marktplatz, und die Mütter brächten dann ihre Kinder dorthin, um
diesen Fetisch zu berühren. Unter den Bambas in Angola ist es Sitte, daß alle
angeseheneren Mitglieder des Stammes einen zeitweiligen Tod durchmachen. Wenn
der Priester seine Kalebasse schüttelt, so verfallen die jungen Männer, die
sich dafür gemeldet haben, in einen kataleptischen Schlaf. Sie fallen dann
wie tot auf den Boden und bleiben drei Tage lang in diesem Zustande. Wer
nicht diese Wiedergeburt durchgemacht hat, wird allgemein verachtet, und es
ist ihm verboten, die Stammestänze mitzumachen. Die Hottentotten sagen, wie
uns Waitz berichtet, der Mond habe einmal dem Hasen aufgetragen, den Menschen
zu sagen, auch sie könnten nach dem Tode das Leben wiedererlangen, ebenso
wie der Mond, der nach seiner Abnahme wieder voll wird. Die Hohepriester oder
Chitome der Kongo-Religion“ Während dieses ganzen kuriosen Vortrags hatte der Rektor
eine sich steigernde Ungeduld gezeigt. Jetzt erhob er sich und unterbrach den
Professor. „Ich muß den Redner zur Ordnung rufen“, sagte er, „seine Bemerkungen
haben keine wahrnehmbare Beziehung zum aktuellen Thema. Zu einer anderen Zeit
werden wir diese interessanten und wertvollen Tatsachen gehörig zu würdigen
wissen.“ Mit einem Blick der Verachtung und des Widerwillens
gegenüber dem Rektor kehrte der zurechtgewiesene Redner an seinen Platz
zurück, und der Bewegung seiner Lippen nach zu urteilen, setzte er seine
Rede noch einige Zeit flüsternd fort. Der Rektor kündigte nun den dritten
Teil des Themas an, und der Professor, den wir am Nachmittag im Hörsaal der
vergleichenden Anatomie getroffen hatten, erhob sich und kam unter
Beifallsbezeugungen nach vorn. Sein Vortrag war, kurzgefaßt, der folgende: „Wie kann man unsere Frage ‚Ist der Mensch etwas anderes
als eine verbesserte Version des Tieres’ vom Standpunkt der vergleichenden
Anatomie beantworten? Man muß sie verneinen. Es ist allgemein bekannt, daß
der Mensch nach demselben allgemeinen Muster oder Model wie andere Säugetiere
gebaut ist. Man kann all die Knochen in seinem Skelette mit den
entsprechenden Knochen im Affen, im Seehund oder selbst in der Fledermaus
vergleichen. Ebenso geht das mit seinen Muskeln, Nerven, Blutgefäßen und inneren
Organen. Wenn wir schließlich einen Vergleich zwischen den höheren Tieren im
allgemeinen und denen auf niedrigerer Stufe anstellen, finden wir dasselbe;
und eine sorgfältige Untersuchung des ganzen Gebietes zwingt uns anzuerkennen,
daß eine niedere Spezies allmählich in eine höherstehende übergeht, so daß
wir erst nach Millionen von Jahren der wahren Erzeugung und des langsamen
Fortschreitens von den weniger zusammengesetzten Lebensformen zu den höchsten
Tieren und Pflanzen kommen. Jene einfacheren Organismen wiederum entstanden
aus anderen, noch weniger komplizierten; der allgemeine Ausgangspunkt ist der
unterste oder einzellige Organismus. Laßt uns jetzt diejenigen Glieder dieser Kette vornehmen,
die dem gegenwärtigen vollkommenen Endglied dem Menschen, am nächsten
stehen, und sie betrachten, nämlich die menschenähnlichen Affen.“ Dann wandte er sich zu der Tafel, die neben dem Lesepult
eigens für ihn aufgestellt worden war, und zeigte die Skizzen, die er selbst
darauf gezeichnet hatte von den Skeletten eines Armaffen, eines Orang-Utans,
eines Schimpansen, eines Gorillas und eines Menschen. Die Ähnlichkeit zwischen
diesen Skeletten und das allmähliche Aufsteigen vom einen zum andern bis man
zu dem bestgebildeten, dem des Menschen, überraschten und waren bestens dazu
angetan, die Zuhörer für die Argumente des Redners einzunehmen. „Laßt uns die menschen-ähnlichen Affen nehmen“, erklärte
er, „die in dieser Gruppe abgebildet sind. Ihre Skelette sind dem des
Menschen so sehr ähnlich, daß es uns in Staunen versetzt. Zuerst finden wir
dieses Säugetier auf allen Vieren kriechend. Dann sehen wir es nach Belieben
entweder kriechen oder gehen, endlich erhebt es sich beinahe zur aufrechten
Positur des Menschen, indem es eine solche Art der Fortbewegung entwickelt
hat, in der es der vorderen Gliedmaßen nicht mehr zu seiner Unterstützung
bedarf, sondern sie zum Hantieren und Werfen benutzen kann. Der dadurch
gewonnene Vorsprung war enorm. Er ergab zum ersten Mal einen Menschen, den Urmenschen.
Dieser Schritt von der Stufe der schwanzlosen Affen bis hier herauf ist zwar
gewaltig, aber noch immer nicht so weit wie zwischen dem wilden und dem
zivilisierten Menschen. Es steht außer Zweifel, daß der unterste Wilde dem
Affen näher ist als dem Europäer, und das, was wir vom Affen wissen, läßt uns
daher eine Vorstellung vom Urmenschen bilden. Er stand wahrscheinlich noch eine Stufe unterhalb des
niedrigsten jetzigen Wilden – ein kräftiger, listiger Zweifüßler, mit
Sinnesorganen, die von unaufhörlicher Übung außerordentlich geschärft waren,
mit starken Instinkten, mit aufwallenden und schnell vorübergehenden Gemütsbewegungen,
mit wenig Anlage, sich zu wundern, und mit mehrheitlich noch schlummernder
Vernunft, ohne Gedanken an den morgigen Tag und schnell das Vergangene vergessend.
Er ernährte sich von der Hand in den Mund mit rohen Naturprodukten, kleidete
sich in Felle oder Rinde, fand ein Obdach unter Bäumen, war mit den
einfachsten Handwerkskünsten noch unbekannt, oft hilflos wie ein neugeborenes
Kind, aber dennoch mit starker Lust am Leben und einem unklaren Bewußtsein
seiner Rechte daran. Durch allgemeine Gefahren und Leidenschaften wurde er
langsam angetrieben, sich mit seinesgleichen zu verbinden. Aber das Vermögen
zu diesen Verbindungen war noch von Zeichen, Lallen und Gebärden abhängig. So
dürfen wir uns zuversichtlich das Porträt der frühesten Einwohner dieser Erde
und der Ahnen unserer Rasse vorstellen – als das Glied zwischen dem
schwanzlosen Affen und dem Menschen.“ Der Redner lenkte nun die Aufmerksamkeit auf drei
sonderbare Skizzen, die er auf einen anderen Teil der Tafel gezeichnet hatte
und die von unserem Sitze aus einander ganz ähnlich sahen. „Ich möchte gern, daß Sie anhand dieser Skizzen betrachten,
wie ähnlich der Embryo-Mensch dem Embryo eines Hundes und eines Fisches ist.
Die Keime, aus denen alle Organismen entstehen, sind einander dem Scheine
nach fast ganz gleich, und dies gilt bei den höheren Tieren noch für viele
nachfolgende Entwicklungsstadien, selbst nachdem man die Form des Embryos
wahrnehmen kann. Der Embryo-Mensch hat am Anfang auf jeder Seite des Halses einen
Einschnitt ähnlich wie die Kiemen der Fische. Später folgt auf diese ein
Häutchen, ähnlich dem, das bei Vögeln und Kriechtieren die Kiemen ersetzt.
Das Herz ist anfangs eine einfach pulsierende Kammer, wie in den Würmern.
Die Wirbelsäule setzt sich in einen beweglichen Schwanz fort, und die große
Zehe streckt sich aus wie unser Daumen und wie die Zehen der Affen. Bei der
Geburt ist der Kopf im Verhältnis viel größer und die Arme verhältnismäßig
länger als beim Erwachsenen, in beiden Beziehungen also dem Affen ähnlich.
So zieht das Ei, aus dem der Mensch entspringt, die Veränderungen von
Millionen von Jahren in ein paar Wochen zusammen und demonstriert uns die
Geschichte seiner Entwicklung aus Formen, die denen der Fische und der
Kriechtiere gleichen, sowie auch seine unmittelbare Abstammung von einem geschwänzten
haarigen Vierfüßler. Sogar die Wilden im weglosen Walde zeigen eine instinktmäßige
Anerkennung dieser großen Wahrheit, die von den Nichtwissern, die man in zivilisierten
Ländern orthodox nennt, so leichtsinnig verleugnet wird. In Südafrika z.B.
befragten die Eingeborenen Monteira’s Esel, was er von den Sachen denke,
indem sie die Handlungen des Tieres als Menschenhandlungen ansahen. Und noch
deutlicher: die Arekunas von Guinea ziehen, wie Schomburgk berichtet, Kinder
und Affen miteinander auf. Die Weiber säugen die jungen Affen und zeigen
ihnen große Anhänglichkeit. Manchmal sieht man eine Frau mit einem Säugling
und einem jungen Affen zugleich an ihrer Brust, während die zwei Säuglinge
miteinander streiten. Rassenel sagt, in Senegal, in Kordosan und in Brasilien
glaubten die Eingeborenen, die Affen könnten sprechen, wenn sie wollten,
weigerten sich aber, es zu tun, weil sie fürchteten, man zwinge sie dann zur
Arbeit. Stellar berichtet, die Kamtschadalen glaubten, Hunde könnten
sprechen und hätten dies in alten Zeiten getan, aber seit die Abkömmlinge des
Gottes Kutka an ihnen vorübersegelten, ohne ihre Fragen zu beantworten, seien
sie aus Stolz verstummt. Endlich sollte man die Tatsache beherzigen, daß die
kalifornischen Indianer ihre Abstammung von einer Herde von Prärie-Wölfen
ableiten, die auf ihren Schwänzen saßen, bis sie diese abgerieben hatten.
Hier haben wir daher die Theorie der Evolution in kurzer Zusammenfassung: Sie
saßen auf ihren Schwänzen, bis sie diese abgerieben hatten!“ Der Applaus, der diesem Vortrag folgte, war betäubend.
Selbst nachdem das Beifallsrufen und Händeklatschen ein Ende genommen hatte,
füllte ein Gemurmel froher Stimmen den ganzen Hörsaal. Plötzlich erhob sich
unter den Studenten, uns fast genau gegenüber, eine hohe Gestalt und stand
stille da, als ob sie eine Gelegenheit suche, sich hörbar zu machen. Und
allmählich gings von Mund zu Mund, daß jemand zu reden wünsche. Alsdann,
sobald allgemeine Stille eingetreten war, hörte ich eine klangvolle Stimme,
die mir sonderbar bekannt vorkam: „Ich bitte um die Erlaubnis, ein Wort als Antwort auf das
Gesagte zu sprechen. Wollen Sie mich anhören?“ Diese Bitte war offenbar ungewöhnlich und unerwartet, und
der Rektor zögerte, indem er den Redner forschend anblickte. Aber so weit
oben gegen den Rand war das Licht zu spärlich, als daß man ein Gesicht hätte
unterscheiden können. Man konnte nur sehen, daß die hohe Gestalt nicht das
schwarze Kleid und die schwarze Kappe der Universität trug, sondern mit einem
hellfarbigen Gewand angetan war. „Ich weiß nicht, wer mich angesprochen hat“, sagte der
Rektor und fügte nach einer Pause, in der der Unbekannte seinen Namen immer
noch nicht genannt hatte, zögernd hinzu: „Wenn Sie sich kurz fassen wollen,
so mögen Sie reden.“ Die unerwartete
Entgegnung „Einer der Redner behauptete, der Mensch habe zuerst bloß
durch Träume an sein zweites Ich und an ein zukünftiges Leben zu glauben
gelernt. Wir wollen zugeben, daß dieses Scheinargument gut ersonnen und recht
darauf angelegt ist, den Einfältigen irrezuführen, aber es hält nicht Stich.“ Ein Murren unzufriedener Stimmen erhob sich hier und
unterbrach den Redner, und er konnte einige Augenblicke nicht weiterfahren.
Die Unterbrechung hätte wahrscheinlich so lange fortgedauert, bis der Unbekannte
sich wieder gesetzt hätte, wenn er sich nicht mit gebieterischer Stimme an
die Ruhestörer gewandt hätte: „Schweigt! Laßt mich reden! Es ist mein Vorrecht. Wenn ich
fertig bin, könnt ihr mit meinen Worten machen, was Ihr wollt.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Dies ist ein auf den
ersten Blick gefälliges, aber irreführendes Argument, das keine Grundlage für
sich hat als die bloße Mutmaßung. Der wahre Grund für den Glauben an eine
Seele beruht auf der Tatsache, daß die Vorstellung von Gott und vom
zukünftigen Leben von Geburt her dem Herzen des ganzen Menschengeschlechts
eingeprägt ist. Es ist die Stimme Gottes, die von innen her redet und die ein
jeder hören kann, der es will. Schon die allerersten der vorhistorischen Menschenstämme,
die ein einfaches kindliches Hirtenleben führten und sich bloß von den rohen
Erdenfrüchten nährten und nichts von den Künsten wußten, horchten aufÜdiese
Stimme – diese Eingebung, die vom Herrn durch die Himmel in das Innere ihres
Denkens sprach. Dies lehrte sie, daß es einen Gott gebe, den sie anbeten
sollten, daß der Mensch ewig leben werde, daß es Gutes und Böses gebe und
daß, wer weise sein will, das Böse meiden und das Gute tun müsse. Diese
Gottesstimme von innen her wurde später durch eine Stimme von außen her
bestärkt – durch die Äußerungen von Engeln, die von Gott inspiriert waren,
und zuletzt durch ein geschriebenes Wort, das zugleich mit der Schreibkunst
den Menschen gegeben wurde. Die göttliche Wahrheit existierte so in verschiedenen
Formen von den ältesten Zeiten bis jetzt, und zwar, weil dadurch eine
Verbindung zwischen Himmel und Erde hergestellt wird, und es so dem Menschen
ermöglicht wird, ewig in Glückseligkeit zu leben. Es ist mir gesagt worden,
nur wenige Erdenbewohner fehlten in denjenigen Himmeln, die von jenen
uralten Völkern der Erde herstammen. Denn im Anfang horchten fast alle
Menschen auf diese innere Eingebung von oben her, und nachdem sich die äußere
Offenbarungsstimme hören ließ, weigerten sich nur die absolut Verkehrten,
ihr zu gehorchen. Aber der Mensch wurde nicht gezwungen, sondern stets in der
Freiheit gelassen, und im Verlauf der Zeitalter schlich sich die
Verdorbenheit ein und nahm immerfort zu. Es gab eine Morgendämmerung, einen
Mittag, einen Abend und eine Nacht. Und nach der Nacht kam ein neuer Morgen.
Auf einem Überbleibsel des Guten wurde ein neues Geschlecht und eine neue
Zivilisation herangebildet. Auch wurde ihnen eine neue Art von Offenbarung
gegeben, um sie zu ihrem Mittagsglanz zu führen und ihren Abend und ihre
Nacht zu verzögern. Die Zunahme des Bösen führte sie aber trotzdem
unaufhaltsam dorthin. So kommen wir nach dem Verlauf der Zeitalter zu dem
gegenwärtigen göttlichen Wort, zur jetzigen Kirche und Zivilisation auf
Erden. Es waren also nicht die leeren Träume eines unabhängig existierenden
Menschen, wie Sie in Ihrer Verblendung vorgeben, sondern die Stimme Gottes,
die von innen und von außen her zu den Menschen redete und sie belehrte, sie
besäßen eine Seele und es gebe ein zukünftiges Leben. Ein anderer Redner behauptete, die Naturereignisse riefen
mehrere Götter und Mythen hervor, indem sie auf das jungfräuliche Gemüt des
Urmenschen einwirkten, und diese Mythen bildeten den Stamm, dem die darauf
folgenden Religionssysteme entsprossen seien. Mir ist versichert worden, die
Wahrheit verhalte sich ganz anders: die verworrenen Mythologien der Assyrer,
Ägypter, Griechen und Römer und auch alle anderen stammten aus der einfachen
und wahren Religion des vorgeschichtlichen Zeitalters her – einer Religion,
die ihr Leben aus einer früheren Offenbarung herleitete, einer Religion,
deren Seele die Anbetung des einen Gottes war. Im Verlauf der folgenden Zeitalter,
als das Menschengeschlecht von seiner früheren Einsicht und Rechtschaffenheit
abfiel, sah man die verschiedenen Namen, womit man in alten Zeiten die
verschiedenen Eigenschaften des einen Gottes bezeichnet hatte, als ßeno
viele verschiedene Götter an, und mit dem weiter zunehmenden Verfall
erfolgte die Vervielfältigung dieser noch wenigen Götter in beliebig viele.
Dann, und erst dann, entstanden die Religionen der alten historischen
Weltreiche mit ihrer Vielgötterei, und so auch die gegenwärtigen
willkürlichen und verkehrten Religionen der Heiden und Wilden. Sie verspotten die Vorstellung eines Himmels, der alle
fassen könne, die je gelebt haben, weil sie nicht wissen oder nicht wissen
wollen, daß das natürliche Weltall begrenzt und meßbar, das geistige Weltall
aber unbegrenzt und unermeßlich ist. Sie meinen, es dürfe einen nicht
wundern, wenn Wilde sagen, die materielle Atmosphäre sei so gedrängt voller
Geister, daß man sich nicht darin bewegen könne, ohne anzustoßen. Das
Beispiel, das Sie hier gegeben haben, bekräftigt aber genau das, was wir eben
von einer alten reinen Religion als Ursprung der späteren krausen Mythologien
dargelegt haben. Im Mittagsglanze jener früheren wahren Religion wußte und
bekannte man, daß die geistige Welt oder das geistige Weltall nicht durch
eine materielle Entfernung vom natürlichen getrennt sei, sondern sich
sozusagen innerhalb oder oberhalb befinde, wie die Seele innerhalb oder oberhalb
des Leibes ihren Platz hat. Das ergibt ein ähnliches Verhältnis zwischen den
zweien wie zwischen Gedanke und Rede. Diese Vorstellung, wie auch alle
anderen Wahrheiten, die in jenen alten Zeiten selbstverständliche Anerkennung
genossen, wurde im Lauf der Zeit verkehrt, vergröbert und ins Materielle verschoben:
unter den verkommenen Abkömmlingen jenes alten weisen Volkes findet man nun
den Glauben an die Gegenwart von Geistern in der stofflichen Atmosphäre um
sie her. Ein anderer Redner versuchte hier zu beweisen, daß der
Mensch keine unsterbliche Seele habe, weil er nur eine weiterentwickelte
Version des Tieres sei, wie an der Ähnlichkeit der Knochengerüste abgelesen
werden könne. Wie aber, fragen Sie, kann er dem Tiere ähnlich sein, wenn er
nicht auch von den Tieren abstammt? Ich will Ihnen das erklären. Er ist dem
Tiere ähnlich, oder um es richtiger auszudrücken, das Tier ist ihm ähnlich,
weil jedes Ding in der Natur, vom größten bis zum kleinsten, in besonderer
Weise ein Bild der menschlichen Form ist, und diese wiederum das Abbild der
alles erschaffenden göttlichen Gestalt, von der jeder Mensch, jedes Tier und
jede Pflanze das Leben bezieht. Das schaffende Göttliche ist so in der
Substanz und im Bau aller geschaffenen Dinge ausgeprägt. Sie haben die Föten der Fische, Hunde und Menschen
miteinander verglichen, und weil sie auf ihren ersten Entwicklungsstufen
einander ähnlich erscheinen, haben Sie geschlossen, sie seien ihrem Ursprung
nach wesentlich ein und dasselbe. Blinde Blindenführer! Haben nicht Ihre eigenen
mikroskopischen Untersuchungen Sie belehrt, daß, je tiefer man in Gegenstände
der Natur eindringt, sie desto vielfältiger zusammengesetzt erscheinen, so
daß man ins Staunen gerät und je länger desto weniger eine Erklärung findet?
Wenn so selbst die Natur Ihrem Verständnis Grenzen setzt, die doch nur die
äußere Hülle oder Schale bildet, was wissen Sie dann vom Geist? Was wissen
Sie von den inneren geistigen Formen, die diese drei Föten beleben und die
sie, obwohl äußerlich ähnlich, zu drei verschiedenen Geschöpfen machen, von
denen zwei bloße Tierseelen, die dritte aber eine unsterbliche Menschenseele
umhüllen? Sie tun manchmal so, als wollten Sie an Gott glauben, wenn
Sie Ihn sehen könnten. Heuchler! Sie hätten längst geglaubt, wenn sie hätten
glauben wollen. Denn die Idee des einen Gottes als eines Gottmenschen ist dem
Herzen einer jeden Kreatur von Geburt an eingeprägt. Sie weigern sich, an
irgend etwas zu glauben, was Sie mit den körperlichen Sinnen nicht
wahrnehmen oder was Sie nicht berechnen können. Sie verschmähen die Idee
eines zukünftigen Lebens, und doch leben Sie eben jetzt genau dieses zukünftige
Leben. Sie haben Ihren Verstand so verunstaltet und ruiniert, daß Ihnen das
Licht als Finsternis und die Finsternis als Licht erscheinen, und wenn Ihnen
gestattet würde, den Himmel selbst zu erblicken, so würde er Ihnen als eine
Hölle erscheinen. Sie decken Ihre Augen mit Ihren eigenen Händen zu. Die Weisheit,
die bei den edlen Alten das Innerste erfüllt hat, klammert sich bei Ihnen
gerade noch an die äußersten Dinge; sie ist in den Schmutz der Erde
hinabgesunken und schwelgt darin wie ein sich krümmender Wurm.“ Während diese kühnen Worte des hohen Unbekannten langsam
und deutlich durch den Raum hallten, lauschten die Zuhörer gespannt, nicht
aus Liebe, sondern aus Haß gegen das Gesagte. Eine überwältigende Ausstrahlung,
die den Redner umgab, schien Ordnung und Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Jedenfalls zeigten die blassen, abgewandten Gesichter der Professoren
deutlich, daß sie gegen ihren Willen sitzen blieben, weil eine Kraft, der sie
nicht widerstehen konnten, sie niederdrückte. Aber ich sah kommen, daß,
sobald die letzten Worte des Redners verklungen waren, der Bann brechen und
ein Pandämonium herrschen mußte. Und so geschah es. Nur eine winzige
Generalpause mit absoluter Stille, dann brach das ganze Haus auf einen Schlag
in Schmähungen und Flüche aus. Ich blickte Maric in die Augen, und ohne ein
Wort zu verlieren, sprangen wir auf und drängten uns, so gut es gehen wollte,
durch die brodelnde Menge, um uns dem kühnen Redner an die Seite zu stellen. „Fangt ihn!“ hörten wir in dem Wutgebrüll. „Laßt ihn nicht
entwischen! Man muß ihm das Maul stopfen!“ Wir wußten, daß sie ihn umbringen würden, wenn sie es
könnten. Nach einem atemlosen Drängen gelangten wir endlich in seine Nähe. Da
traf es mich wie ein Schlag, als ich sah, daß er überhaupt nicht berührt worden
war. Welch einen wunderbaren Schutz genoß dieser Mann. Die Gewalt tobte um
ihn herum; die rohen Hände, die ihn bedrohten, vermochten nicht, ihn zu
erreichen. Da stand er, in ein strahlend weißes Gewand gehüllt, von einer
Sphäre milden Lichtes umgeben, im Dämmerlicht des finsteren Amphitheaters
inmitten der jetzt in völliger Schwärze wild gestikulierenden Gestalten –
sicher, wie von Mauern umgeben. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da ich
hinter ihm stand, aber ich sah das Gewand, das Licht fiel auf mich, ich hatte
das Gefühl einer körperlichen Berührung und ich erlebte, wie das Gedränge
sich vor ihm zerteilte und zurückwich wie von einer mächtigen Hand zur Seite
gedrängt. Er schritt inmitten seiner Feinde vorwärts mit bedächtiger,
furchtloser Würde und entfernte sich bald darauf durch eine Tür am anderen
Ende der Halle. Das Gedränge lockerte sich hier, und ich konnte ihm endlich
nacheilen. Aber ich fand jenseits der Türe niemanden mehr; er war fort. War es ein Traum gewesen? Ich wandte mich um, fuhr mit den
Händen über die Augen und blickte im Amphitheater umher. Nein, kein Traum!
Eine ungewöhnliche Unterbrechung hatte mit Sicherheit stattgefunden, denn ich
erblickte jetzt ein Erstaunen erregendes Schauspiel. Die Professoren und zwei
Drittel der Studenten saßen wieder an ihren Plätzen, ihre Häupter mit den
weiten Ärmeln der Amtsgewänder bedeckt. Die übrigen Studenten drängten sich
um die Türen des Hörsaals und sprachen mit leisen, aber aufgeregten Stimmen
aufeinander ein. Ein zweiter Blick zeigte mir, daß sie zu zweien und dreien
den Saal verließen und bald verschwunden waren. Offensichtlich hatte das eben
Vorgefallene sie aufgestört, und wahrscheinlich hatten sie ihr Vertrauen in
die Lehrer verloren. Als ich wieder auf die Professoren und Studenten
zurückschaute, wie sie mit bedeckten Häuptern dasaßen, erinnerte ich mich der
Worte des Engels – denn es mußte doch wohl ein Engel gewesen sein: „Ihr bedeckt eure Augen mit euren eigenen Händen. Ihr seid
wie die im Schmutz sich krümmenden Würmer, die nur den Staub sehen und nicht
glauben wollen, daß die Sterne am Himmel scheinen.“ Meine Neugierde war erregt. Obgleich ein Gefühl mich
drängte, mich zu entfernen (Maric schien schon gegangen zu sein), setzte ich
mich doch noch einmal hin, um zu sehen, was sich gleich zutragen werde. Ich
brauchte nicht lange zu warten. Nach einigen Augenblicken entblößte der
Rektor sein Haupt und blickte umher. Und die Professoren und Studenten taten
es ihm einer nach dem andern nach. „Was ist das! Haben wir denn geschlafen? „ hörte ich sie
einander fragen. „Ah, ich erinnere mich“, sagte einer der Professoren
heiter, „ein Verrückter kam da herein und unterbrach uns mit seinem
kindischen Geschwätz. Man mußte ihn hinausbefördern.“ „Ach ja, ja! Das war’s!“ riefen mehrere andere aus, indem
sie begierig nach dieser Erklärung haschten. „Laßt uns denn fortfahren“, fing der Rektor in pompöser
Weise wieder an. „Es ist jetzt meine angenehme Pflicht zu bestimmen, ob der
Lehrsatz bewiesen worden sei; und meine Entscheidung lautet: die tüchtige
Beweisführung, die wir gehört haben, beruht auf einer festen Grundlage von
Vernunft und Erfahrung und beweist ohne allen Zweifel, daß der Mensch nur
ein verbessertes Tier, und die Behauptung, er besitze eine unsterbliche
Seele, leere Luft ist.“ Enthusiastischer Beifall begrüßte diese Entscheidung ex
cathedra. Während sie noch klatschten und schrien, erhob ich mich, von einem
Erstickungsanfall bedroht, und eilte ins Freie. Ich blickte mich um und
fragte mich, was aus Maric geworden sei. Ein paar Minuten blieb ich
erwartungsvoll stehen, dann ging ich langsam etwa hundert Schritte in die
sandige Ebene hinaus, nahm meine Mütze ab und füllte meine Lunge in langen
Zügen mit frischer Luft. Plötzlich empfand ich eine fremde, beglückende
Gegenwart irgendwo auf der Seite. Ich suchte gespannt die Umgebung ab und
entdeckte trotz der Dunkelheit die Umrisse eines Mannes, dessen Gesicht mir
in einem Kreise milden Lichtes deutlich sichtbar wurde. Mein Herz hüpfte vor
Freude, ich kannte dieses Antlitz, den golden schimmernden Bart und den
Blick dieser unbeschreibbaren Augen. Es war der Engel Uriel. Ich war so von Gefühlen erschüttert: Erstaunen, Freude,
aber auch Ehrerbietung, vermischt mit etwas wie Furcht, daß ich mich ihm zu
Füßen geworfen hätte, wenn er mich nicht mit seiner sanften Kraft angefaßt
und aufrecht gehalten hätte. „Du hast mich nicht vergessen“, sagte er. Diese Stimme! – Hatte ich sie nicht eben erst gehört? Und
ich hatte sie nicht erkannt! „Oh, waren Sie es selbst“, stammelte ich „waren Sie
es, der eben in der Aula gesprochen hat?“ „Ja, das war ich.“ Eine ganze Weile ließ er mir Zeit, mich
zu schämen. Dann faßte er meine Hand.“ Aber jetzt gräme dich nicht mehr; du
hattest mich ja nicht erwartet. Später wirst du schneller begreifen.“ Ich hatte Mühe, weiterzureden. Endlich brachte ich hervor:
„Die drinnen sind verrückt. Nachdem Sie hinausgegangen waren, deckten sie
ihre Köpfe zu. Und bald darauf behaupteten sie, sie hätten geschlafen. Sie
weigerten sich zu glauben, was sie doch mit ihren eigenen Augen gesehen
hatten.“ „Ich wußte, daß sie nicht auf mich hören würden, und sprach
nicht ihretwegen“, war seine Antwort. „Es galt jenen, deren Ohren für die
himmlische Belehrung noch nicht ganz verstopft waren. Meine Worte waren für
dich und die jungen Studenten bestimmt, die sich jetzt von ihren betörten Lehrern
getrennt haben und an andere Plätze weitergezogen sind, wo man sie in der
Wahrheit unterweisen wird.“ „Ich danke Gott, daß Sie gekommen sind“, sagte ich. „es ist
mir jetzt so vieles klar geworden. Lehren Sie mich, o gütiger – „ „Keiner ist gut als der Eine, Gott“, unterbrach mich der
Engel. „Komm mit mir“, fuhr er dann nach kurzer Überlegung fort, „es wird
dir gestattet sein, den Zustand dieser Anbeter der Natur mit anzusehen, nachdem
sie einige Zeit hier verweilt haben.“ Er ging durch den Sand in nordwestlicher Richtung, und ich
folgte ihm. Im Vorbeigehen stießen wir vor der Universität auf zwei
Professoren, die einen Spaziergang machten, uns aber offensichtlich nicht gewahrten. „Sie wissen“, sprach der eine in seiner energischen,
eindringlichen Redeweise, „daß ich schon in beiden Hemisphären berühmt bin
durch meinen Beweis, daß Christoph Columbus bloß ein Manitou-Mythos der
amerikanischen Indianer war. Die Welt wird daher um so bereitwilliger die
nächste Beweisführung aufnehmen, die ich sofort nach dem Tod der Königin
Victoria veröffentlichen werde, nämlich daß diese nichts als ein
altbritischer Mythos des Sonnengottes gewesen ist.“ Der Zuhörer gab eine uns unverständliche Antwort, und die
zwei entfernten sich aus unserer Hörweite. Kurz danach waren die vielen
Reihen hell erleuchteter Fenster aus unserem Blickkreis verschwunden, und
gleich darauf standen wir vor einem langen, niedrigen, pechschwarzen Gebäude,
aus dessen kleinen unregelmäßigen Fenstern ein schwaches Licht
herausschimmerte. Als wir an die Türe klopften, flogen mehrere dunkelfarbige,
schwere Vögel von einem struppigen Baum in der Nähe auf und flatterten in die
Nacht hinaus. Ihr langer dumpfer Flügelschlag erinnerte mich an die Aasgeier
in der natürlichen Welt. „An solche Plätze kommen sie, einige in ungefähr einem
Jahr, andere schon früher“, sagte der Engel. „Sie kommen dann in den Zustand,
der ihr Inneres offenbart. In der Geisterwelt geht der Mensch durch drei
Zustände. Der erste entspricht seinem Äußeren, das heißt, der Mensch verhält
sich gerade so wie in der Welt, führt sich klug und anständig auf, und auch
wenn er innerlich bösartig ist, macht er dennoch ein liebenswürdiges Gesicht.
Aber weil es hier niemandem erlaubt ist, ein geteiltes Gemüt zu haben – daß
er zum Beispiel Böses denke und Gutes spreche – so kommt er nach einiger Zeit
in den Zustand, der sein Inneres verrät. Wenn er gut ist, redet und handelt
er jetzt frei heraus, aus dem liebevollen Antrieb seines Herzens. Aber wenn
er böse ist, wirft er alle Bedenken über Bord, redet, was ihm gerade durch
den Kopf geht, und handelt, soweit ihm erlaubt wird, gemäß dem Bösen, das in
ihm ist. In solchem Zustand sucht er freiwillig die an den Grenzen der Hölle
liegenden Plätze auf, die seinem Charakter entsprechen, gerade wie wir es
hier sehen. Bei den Bösen ist der zweite und dritte Zustand genau gleich, bei
den Guten aber gilt der dritte der Vorbereitung für den Himmel. Die Anbeter
der Natur, die Sie in der Hochschule gesehen haben, sind noch im Zustand des
Äußeren, hier können wir nun erleben, wie solche innerlich sind.“ Ein Pförtner erschien jetzt mit seiner Laterne; nachdem er
die Türe mit einem unangenehmen Rasseln von Riegeln und Ketten geöffnet
hatte, lud er uns ein, ihm in einen engen, dunklen Gang zu folgen. Dieser
führte uns in ein großes Zimmer, wo wir an die fünfundzwanzig Männer
vorfanden. Einige saßen an Tischen und schrieben, andere spazierten im Zimmer
auf und ab und unterhielten sich, während wieder andere in Betrachtung
versunken auf ihren Stühlen dösten. Alle sahen vorzeitig gealtert und verrunzelt
aus und machten einen widrigen Eindruck wegen des bösartigen Ausdrucks ihrer
eingefallenen Gesichter und ihrer gläsernen Augen. Diese schienen in dem trüben
Kerzenlicht, von dem das Zimmer erleuchtet war, mit wahnsinniger,
verzehrender Leidenschaft zu brennen und zu glitzern. Der Engel führte mich von einer Gruppe zur anderen und
stellte Fragen an mehrere Personen. „Was schreiben Sie, mein Freund?“ fragte er höflich den
einen, der mit Schreibzeug und Papier an einem der Tische saß. „Ein Werk über Philosophie, das alle Philosophien, die bis
jetzt erdacht worden sind, übertreffen wird“, lautete die enthusiastische
Antwort. „Sie haben sich ein schwieriges Ziel gesteckt!“ „Ja, aber desto größer wird der Ruhm. Keine Angst, ich
werde Erfolg haben. Erstens habe ich einen göttlichen Genius. Zweitens werde
ich dadurch Wunder vollbringen, daß ich meine Gedanken in solch verwickelte
und dunkle Redensarten kleide, daß niemand recht herausfinden kann, was ich
meine. So denkt dann der Leser, ihm würden die tiefsten Geheimnisse der
Weisheit bloßgelegt. Manche haben das vor mir probiert, aber keiner mit so
viel Scharfsinn wie ich. Drittens wird mir das beispiellose intellektuelle
Kunststück gelingen, daß ich zuerst einen Satz beweise und gleich darauf das
Gegenteil.“ Er fügte aber hinzu, daß das ganz leicht sei, denn es gebe immer
Scheingründe, mit denen man irgend etwas, wenn auch noch so widersinnig,
beweisen könne. „Sie erinnern mich an einen Mann, von dem ich einmal
hörte“, sagte der Engel, „der konnte beweisen, daß eine Krähe weiß sei, dann
aber auch, daß sie schwarz sei. Die Farbe sei nur äußerlich, sagte er, nimmt
man die Federn weg, so findet man die eigentliche Krähe weiß. Dann aber, um
das Gegenteil zu beweisen, sagte er, die wirkliche Krähe sei schwarz, denn
trotz ihrer weißen Haut sei doch die Krähe in jedermanns Vorstellung etwas
Schwarzes.“ „Das“, rief der Philosoph erfreut aus, „ist ein ausgezeichnetes
Beispiel meiner Idee. Ich werde es in meinem Buche benützen.“ Ein anderer teilte uns mit, er sei in einer wissenschaftlichen
Forschung begriffen, von der er zuversichtlich erwarte, daß sie ihn
befähigen werde, selber einen Planeten zu erschaffen und nachher vielleicht
ein ganzes Weltall. Dann werde er sich als Gott proklamieren. Auf die Warnung
hin, er solle seiner Sache nicht zu gewiß sein, sprang er wütend auf, ergriff
mit wilden Worten und Gebärden einen Stuhl, aber als er einen Wächter
herbeikommen sah; zögerte er und gab sich wieder zufrieden. Der Engel sagte
mir dann, die Wächter seien immer da (genauso auch in der Hölle), um die
Bösen in Schranken zu halten, so daß sie einander nicht schädigen. Ein dritter vertraute uns an, die Freiheit, irgend ein sogenanntes
Verbrechen zu begehen, sei ein unveräußerliches Vorrecht des unabhängigen
Menschen. „Was ist denn das Verbrechen anderes“, fragte er, „als eine
Meinungssache? Der Christ sagt, man dürfe dies und das nicht tun, der Wilde
wiederum sagt, jenes und das andere sei verboten, und ich sage, wir können
tun, wozu wir Lust haben. Es gibt keine Sünde. Das einzige wirkliche
Verbrechen besteht darin, in vermessener Weise den sogenannten Verbrecher zur
Rechenschaft zu ziehen.“ Als einer, der in Gedanken versunken dasaß, gefragt wurde,
was sein Beruf sei, antwortete er in abwesender Weise: „Atome, Zellen,
Körperchen, Nebeldunst, Protoplasma.“ Auf die wiederholte Frage antwortete
er: „Protoplasma, Nebeldunst, Körperchen, Zellen, Atome.“ „Wenn ihr Zustand sich solcherart zuspitzt, daß sie nicht
länger hier bleiben können“, sagte der Engel, nachdem wir wiederum ins Freie
gelangt waren, „dann werden sie für die Ewigkeit in ein Arbeitshaus in der
Hölle gebracht. Dort werden sie durch den Zwang, für ihr tägliches Brot
arbeiten zu müssen, in einer gewissen Ordnung erhalten. Sie versinken aber
trotzdem noch tiefer in ihre wahnsinnigen Phantasien und erleiden Qualen,
weil sie ihren bösen Gelüsten nicht frönen können.“ Die Begegnung mit
Paul Als wir weggingen, flogen noch mehr der dunklen wüsten
Vögel mit heiserem Krächzen von dem verkrüppelten Baume auf. Und ich fuhr
zurück voll Angst und faßte meinen Begleiter am Arm, als ein langer, sich windender
Schatten, der nur eine ungeheure Schlange bedeuten konnte, quer über unseren
Weg hinkroch. „Diese Tierformen, die uns hier erscheinen, sind Abbildungen
vom inneren Zustand der Leute da drinnen“, sagte der Engel beschwichtigend.
„In den Gegenden, wo Leute wohnen, deren Gemüt von Falschem völlig durchtränkt
und benebelt ist, so daß sie sich in den Widersinnigkeiten ihrer
selbstproduzierten Einsicht winden, erscheinen Scheusale von Vögeln und
Kriechtieren. Aber wo das Gemüt klar und wirklich vernünftig ist, weil die
echten Wahrheiten bekannt sind und geliebt werden, dort erscheinen zierliche
Singvögel und andere angenehme Tiere. Ursache ist, daß alle Tiere den guten
oder den bösen Neigungen entsprechen. Das war den Alten auf der Erde wohl
bekannt. Daher kam es, daß die Griechen dem Pegasus Flügel verliehen und sich
darunter den Verstand des Menschen vorstellten und seine Fähigkeit, sich
aufwärts zu schwingen und sich über die irdischen Dinge zu erheben, bis zur
Betrachtung himmlischer Zusammenhänge.“ „Ist es nicht auch ein Überbleibsel dieser längst vergessenen
Wahrheit, aus dem unsere Redensarten vom Schwung und der Erhebung der
Einbildungskraft oder des Verstandes stammen?“ fragte ich begierig. „Zweifellos. Alle Vergleiche und Metaphern bei den Alten
hatten ihren Ursprung in dieser Kenntnis der Entsprechungen.“ Jetzt hatten wir die Lichter und die dunklen Umrisse der
Universität wieder vor uns. Wir traten an den Felsen, auf dem Maric und ich
am Abend ausgeruht hatten. Der Engel setzte sich und lud mich ein, dasselbe
zu tun, und fuhr dann in seiner Unterweisung fort. Endlich faßte ich den Mut, ihm meinen Wunsch nach einer
bestimmten Beschäftigung zu verraten, und ich bekannte, daß ich mich am
liebsten auf eine ihm ähnliche Weise betätigen wollte. Ich redete mit vielem
Zagen und weitschweifig darum herum, weil mir davor bangte, wie er wohl meine
Anmaßung aufnehmen werde. Aber statt mich wegen meines eitlen Ehrgeizes zu
schelten, drückte er mir herzlich die Hand und sagte feierlich aber mit
spürbarer Freude: „Möge der Herr mit dir sein und dir vorwärts helfen, mein Bruder!“ Ich konnte nicht sprechen vor freudiger Erregung. Tränen
des Glücks standen mir in den Augen, als ich ehrerbietig des Engels Hand
küßte. Er redete noch lange und ernst mit mir und versicherte, alles was ich
wünsche, werde mein sein, wenn ich wirklich darnach verlange, und zwar,
sobald ich dazu genügend vorbereitet sei. Das könne aber geraume Zeit in
Anspruch nehmen, denn ich werde manche Versuchung durchzumachen haben und
müsse mich bestreben, das immer noch in mir gebliebene Böse zu überwinden
und mich davon zu lösen. In der Zwischenzeit aber solle ich lernen, mit
Freude zu tun, was mir die göttliche Vorsehung zuweise. „Was muß ich aber tun, um meine bösen Neigungen zu
überwinden?“ fragte ich mit Bangen. „Fürs erste, bete stets, daß deine Augen offen gehalten
werden, damit du das Böse hauptsächlich in dir selbst sehen und erkennen
kannst. Bitte darum, so geleitet zu werden, daß du aufgrund der Wahrheit
richtig denkst und in ihrem Lichte weise handelst.“ „Es ist nur zu traurig“, sagte ich, „daß meine Augen oft
gegen diese Wahrnehmung verschlossen sind. Es gibt Zeiten, da ich überhaupt
nichts Böses in mir sehen kann.“ „In solchen Momenten solltest du dich prüfen“, war die
schnelle Antwort, „und zwar nicht oberflächlich, sondern sorgfältig und entschlossen.
Prüfe die innersten Absichten deiner Gedanken und den Endzweck deiner Wünsche.
Frage dich, was du am meisten liebst. Stelle dir vor, jede Schranke wäre
beseitigt, keine Sünde würde mehr bestraft, und prüfe dich dann und forsche,
ob du dennoch in allen Fällen anständig, ehrenhaft und gerecht handeln würdest.
Wenn dein Herz dann so vor deinen Augen bloßgelegt ist, stelle diese Fragen: Liebe ich das Wahre um seiner selbst willen, oder weil ich
gerne als weise und gut erscheine? Liebe ich das Gute, weil es vom Himmel
ist, und hasse ich das Böse, weil es aus der Hölle kommt? Ist mein Wunsch,
eine würdige Laufbahn anzutreten, die Wirkung meiner Liebe, dem Herrn und
dem Nächsten zu dienen, oder kommt sie aus dem Ehrgeiz, mir einen Namen und
eine ehrenhafte Stellung unter den Menschen zu erringen? Wünsche ich dem Mitmenschen wohl, ebensosehr wie mir
selbst? Bin ich gerecht gegen ihn, ebenso wie ich gerecht gegen mich selber
bin; oder macht mir die Ungerechtigkeit Vergnügen? Macht es mir irgendwie Spaß,
wenn ich eine Anklage gegen ihn übertreiben kann? Laß mich, ehe ich antworte,
dies sorgfältig bedenken. Liebe ich meine Freunde, weil auch in ihnen Gutes lebt,
oder bloß wegen ihrer Schönheit und Anmut, oder weil sie sich durch feine
Schmeicheleien oder andere Künste angenehm machen? Macht es mir Freude, böse Handlungen unter dem Mantel der
Nächstenliebe zu verstecken? Beschönige ich Fehler in mir, die ich in anderen
verdamme? Entschuldige ich meine Vergehen, wenn sie mir im Gedächtnis auftauchen
und mich anklagen, oder erkenne ich ihre ganze Ungeheuerlichkeit und bereue
sie? Wenden sich meine Gedanken auf die treue und beständige
Liebe zu einer einzigen Frau, oder macht es mir Vergnügen, an die Liebe zu
mehreren zu denken? Wenn ich meine, etwas Gutes getan zu haben, schreibe ich
die Urheberschaft der Handlung sogleich dem Herrn zu, oder halte ich sie für
mein eigenes Verdienst? Erkenne ich die göttliche Vorsehung in allen Begebenheiten
des Lebens an, und erhebe ich ehrfurchtsvoll meine Seele zu Gott unserem
Herrn als dem Urquell, dem allein Leben, Wahrheit und Gutes entspringt, und
erkenne ich an, daß ich wirklich, den Einfluß von oben ausgeschlossen, ganz
und gar böse bin?“ Indem ich diesen tief beeindruckenden Fragen lauschte,
verschwand die Glückseligkeit der vorhergegangenen Stunde, und Demut und
Kummer überwältigten mich. Die Gewißheit meiner Verdammnis erschien mir in
hellem Lichte. „Gott hilf mir!“ sagte ich voll Angst. „Ich bin schuldig.
Ich kann diese Fragen nicht der Wahrheit gemäß so beantworten, wie es
richtig wäre. Es gibt keine Hoffnung für mich. „ „Aber ja! Natürlich gibt es Hoffnung!“ Das sagte Uriel ganz
ruhig, so als spräche er zu einem Kind. Trotzdem fühlte ich mich
augenblicklich wieder etwas aufgerichtet, und mit Spannung wartete ich auf
das Weitere. „Es gehört zu deinem Zustand, daß du Angst hast. Aber die wird
vergehen. Gäbe es keine Hoffnung, so würdest du jetzt nicht so gespannt auf
die Belehrung hören. Du hast den Kampf gegen das Böse schon in der Welt
begonnen, und alle, die dort wirklich einen Anfang gemacht haben, können das
Werk hier vollenden. Wie lang das dauert, spielt keine Rolle. Mach nur
weiter. Behalte diese Fragen in deinem Gedächtnis und gib dir Mühe, den
Anforderungen zu entsprechen; du wirst Fortschritte machen. Es ist nicht so
schwer, wie man glaubt, wenn man nur treu und entschlossen an die Aufgabe
geht.“ Bald nach diesen Worten erhob sich der Engel plötzlich und
sagte: „Man ruft mich, ich muß dich jetzt verlassen.“ „Wie ruft man Sie denn?“ fragte ich, mich ungern von ihm
trennend. „Kein Bote ist hier gewesen.“ „Dennoch ruft man mich“, sagte er, und in dem sanften
Lichte, das sein Antlitz umschimmerte, sah ich ein leichtes Lächeln auf
seinen Lippen. „Ich habe ein Zeichen erhalten.“ Ich wunderte mich, woraus dieses Zeichen wohl bestand,
aber ich mochte nicht fragen. „Ich werde zum Herrn beten“, sagte ich, „daß
ich Sie wiedersehen darf.“ „Wenn du das tust und meiner wirklich bedarfst“, versicherte
er mit voller Sicherheit, „so wird das bestimmt geschehen.“ Er drückte mir die Hand zum Lebewohl und entschwand meinen
Augen in der Dunkelheit. Allein gelassen blieb ich noch lange stehen,
bedachte das Gehörte und durchging die Begebenheiten des Abends. „Es muß schon nach Mitternacht sein“, stellte ich
schließlich fest. Ich schaute mich um und erinnerte mich daran, wo ich mich
befand. Was sollte ich jetzt tun? Kaum ein Licht schimmerte noch
aus den Universitätssälen oder aus den Schlafzimmern der Studenten. Ich hatte
daher keine Aussicht, selbst wenn ich es gewünscht hätte, dort ein
Unterkommen zu finden. Was also? Nach der Stadt der Neulinge zurückwandern?
Ich konnte vor Morgenanbruch nicht dorthin gelangen. Außerdem wollte ich
noch mit Maric sprechen, ehe ich die Gegend verließ. Während ich noch zögerte
und mich fragte, ob ich vielleicht gleich hier auf dem Sand übernachten könnte,
erblickte ich plötzlich im dunkeln einen menschlichen Schatten, und ich
vernahm eine leise Stimme: „Bist du’s Burton?“ Maric! Beglückt faßte ich ihn am Arm, und wir begaben uns
wieder zurück zum Felsen, der uns nun schon wie ein alter Bekannter erschien.
Nachdem wir kurz die Ereignisse des Abends besprochen hatten, drang ich
eifrig in ihn: „Komm, wir wollen diesen Ort sogleich verlassen.“ „Wieso? Wohin?“ „Egal, irgendwohin, wenn wir nur von hier wegkommen.
Zuerst zurück in die Stadt der Neuankömmlinge und dann vielleicht weiter in
eine andere Stadt, und zuletzt in die himmlische Stadt, wenn unser gutes
Glück – oder vielmehr die göttliche Vorsehung uns schon so weit führt.“ „Es wäre für mich sicher angenehmer, wenn ich mit dir gehen
könnte, anstatt die Reise allein zu machen“, erwiderte Maric nachdenklich.
„Aber was wissen wir darüber? Vielleicht ist es uns nicht bestimmt, miteinander
zu gehen, sondern jeder von uns muß seine besonderen Versuchungen
durchstehen und überwinden.“ „Da hast du wahrscheinlich recht“, entgegnete ich. „Wir
könnten aber doch einige Zeit noch beieinander bleiben. Und die Gefahr, die
uns beiden hier droht –„ „Es ist eine Gefahr“, unterbrach mich Maric, indem er mehr
zu sich selber zu sprechen schien, „was mich allein betrifft, ich würde mich
gern sogleich auf den Weg machen. Aber meine zwei lieben alten Freunde… Ich –
wirklich, ich kann sie noch nicht verlassen.“ Und jetzt wandte er sich fast
flehend an mich: „Könntest du nicht auf mich warten, Burton, bis ich noch
etwas mit ihnen diskutiert habe?“ „Nein“, sagte ich mit Bestimmtheit,
obgleich ich mich gegen seine Bitte richtig wehren mußte, „es wäre nicht gut.
Ich glaube einfach nicht an den Sinn. Wie kannst du noch irgendwelche
Hoffnung für sie hegen, nachdem du ihre Vorträge gehört hast? Die sollten dir
doch, um die Wahrheit zu sagen, die Augen geöffnet haben!“ „Sie glauben nicht wirklich daran – das ist meine Meinung“,
sagte er, aber die Wehmut, mit der er sprach, widerlegte sein eigenes
Vertrauen in die Worte. „Sie lassen sich durch ihre Begeisterung für Redegewandtheit
und für derartige Gedankengänge betören und fortreißen.“ „Du liebst die beiden. Weshalb? Weil sie Gutes in sich
haben? Oder fasziniert dich etwas anderes?“ fragte ich, als mir die Worte
Uriels durch den Kopf gingen. „Ich glaube nicht, daß ich sie wegen etwas anderem so gerne
mag“, antwortete er mit einem Seufzer. „Sie sind liebenswürdige Gesellen –
sie sind viel besser als du glaubst.“ Ich wehrte ab. „Das ist bloß das Äußere; Liebenswürdigkeit
ist eine Maske, die sich leicht anziehen läßt. Wenn das allein der Prüfstein
wäre, wer könnte da nicht den Engel des Lichtes spielen?“ „Ich bin vielleicht nicht viel besser als sie“, seufzte
Maric. „Wenn du ihretwillen deine Grundsätze aufgibst“, versetzte
ich jetzt ohne weiteres Mitleid, „dann wirst du noch schlimmer als sie. Wer
bist du, der du für sie die Vorsehung spielen möchtest? Wenn sie gerettet
werden können, so wird der Herr sie retten.“ „Vielleicht gebraucht mich der Herr als Werkzeug“, war
Marics feierliche Antwort, und ich fühlte den verdienten Verweis. Trotzdem glaubte ich, recht zu haben. Aber als ich seine
Entschlossenheit erkannte, wurde mir klar, daß ich ihn verlassen mußte. Der
Gedanke schmerzte mich. „Wir müssen uns also trennen“, sagte ich mit zitternder
Stimme. „Ich kann einfach nicht hier bleiben und mit dem Feuer spielen.“ „Ja – es wird vielleicht besser sein“, erwiderte er kaum
hörbar. Als wir uns erhoben, drückte er mir die Hand und hielt sie
fest. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber ich wußte, daß er um Fassung
rang. „Adieu, lieber Freund“, sagte ich. „Ich hoffe, wir werden
uns bald wiedersehen.“ „Adieu“, wiederholte er. Er legte seinen linken Arm um
meine Schulter, beinahe um meinen Hals. Dann murmelte er, wieder nur wie zu
sich selber: „Es geht mir schrecklich nahe. Ich verstehe mich selbst nicht
mehr; ich war früher alles andere als sentimental. Jetzt komme ich mir so
kindisch vor. – Auf jeden Fall hätten wir gute Brüder sein können.“ Dann trennten wir uns rasch und entfernten uns in
entgegengesetzte Richtungen. „Die Liebe eines warmen Herzens ist es wert, daß man darum
kämpft“, sagte ich zu mir selber. „Aber er hat unrecht und ich habe recht.“ Wenig später fing schon der Tag an zu grauen, und ich war
noch nicht weit gekommen, als die Sonne aufging. Ich wandte mich um und
blickte in die Richtung der „Hochschule der Weisen“, aber sie war aus meinem
Gesichtskreis verschwunden. In Gedanken sah ich die „Weisen“ vor mir, wie sie
sich erhoben und sich für ihr Tagewerk vorbereiteten, um ihre Hirngespinste
den blinden Jüngern mitzuteilen. Ich malte sie mir aus, wie einer nach dem
anderen in den nächsten Zustand versetzt wurde, und, von seinem eigenen Inneren
beherrscht, die Maske fallen ließ und auszog aus den stolzen Hallen der
Universität in das trübe Zwischenhaus der Vorbereitung, dann weiter in die
Tiefe hinab, von der ich gar nichts wußte, als daß er von dort nie
wiederkehren durfte. Und Maric – es tat mir weh, an ihn zu denken. Nachdem ich mich einige Stunden im Hotel erholt hatte,
machte ich spät am Morgen einen Gang durch eine belebte Straße der Stadt.
Aber ich sah weder Häuser noch Menschen, denn mein armer Freund beschäftigte
mich unvermindert. Seine Anhänglichkeit an die zwei abgeirrten Kameraden
ging mir nicht aus dem Kopf, und ich begann mich zu prüfen: „Gibt es jemanden unter denen, die ich Freunde nannte, der
mich auch so beeinflussen könnte? Hege auch ich für jemanden eine solche Art
von Liebe? – Eigentlich nicht. Oder doch, halt! Es gibt so einen Menschen:
Vetter Paul. Ach ja, Vetter Paul! Warum habe ich nicht schon früher an
ihn gedacht? Er war mir ja immer der liebste, und er wäre doch wohl zu
finden, denn er trat ja nur fünf Monate vor meinem eigenen Tode in die
Geisterwelt über. Bin ich bis jetzt aus irgendeinem Grunde von ihm
ferngehalten worden? Könnte ich mich von ihm in dieser Art beeinflussen
lassen? Aber unser Verhältnis hatte gar nichts mit dem von Maric und den zwei
Studenten gemein. Mein Vetter war ein guter, ehrlicher Mann. Seinen Einfluß
brauchte man nicht zu fürchten oder zu scheuen. – Im Gegenteil, ich habe Paul
jetzt nötig; er könnte mir helfen, er könnte Großes für mich tun. Wo ist er
nur? Ach, wenn ich ihn finden könnte! Während meine Gedanken so davoneilten,
sozusagen in einem Sturm von Enthusiasmus, blickte ich auf und sah nur ein
paar Schritte vor mir einen jungen Mann, der mich unverwandt anschaute –
einen jungen Mann von mittlerer Größe, aufrecht, sympathisch und mit einem gesammelten
Gesichtsausdruck, der eigentlich mehr als seine bloß dreißig Jahre zu
verraten schien. Er lachte, als unsere Blicke sich begegneten, und mit einem
Gefühl innigsten Glückes erkannte ich ihn. Es war Paul. Die Entlarvung einer Ehe Dieser Vetter war über fünf Jahre älter als ich, aber noch
ehe ich mündig geworden war, hatte er mich schon als seinesgleichen
behandelt, nicht nur was das Alter anbelangt, er nahm mich immer für voll.
Das mag wohl unweise gewesen sein, aber es verfehlte nicht, ihm meine bleibende
Zuneigung zu sichern. Paul schien mir stets das Ideal eines jungen Mannes zu
sein. Ich erinnerte mich noch genau, wie geduldig er stets seine Arbeiten zur
Seite schob und mir eine halbe Stunde lang behilflich war, meinen Horaz oder
Homer zu übersetzen, als wir noch miteinander die Schule besuchten. Er schien
unermüdlich in seinem entgegenkommenden Verhalten und war immer ungewöhnlich
beliebt gewesen. Ich hatte mich oft darüber gewundert, wie bereitwillig er
immer seine Zeit, die er doch so nützlich bei seinen eigenen Studien anwenden
konnte, für andere opferte. Meine Schwester war ihm persönlich nie so zugetan
gewesen, aber sie stimmte mit mir darin überein, daß er eine Anlage zu
ungewöhnlicher Selbstlosigkeit habe. Es war mir oft schwer gefallen, meines Vetters Charakter
mit seinen religiösen Anschauungen in Einklang zu bringen. Denn er war ein
fester Anhänger des alleinseligmachenden Glaubens. Wenn aber für des
Menschen Heil der bloße Glaube an gewisse Lehrsätze genügte, ohne daß man nach
Wahrem und Gutem strebte und es zur Richtschnur für das tägliche Leben
machte, warum gab er sich dann so viel Mühe, seine Tugenden solcherart
auszuüben? War es möglich, daß er es bloß tat, um die Achtung der Leute zu
gewinnen, um ihre Dankbarkeit gegen sich zu erwecken und so aus der
Freundschaft der Mitmenschen Vorteile zu ziehen? Ich verwarf eine solche Idee
unwillig, noch ehe sie sich in mir fertig gebildet hatte, aber ich war mir
immer eines gewissen Widerspruchs in meines Vetters Charakter bewußt, sooft
ich an seine Religionsgrundsätze dachte. Jedoch blieben meine Empfindungen
für ihn davon unberührt; immerhin gehörte er ja nicht zu einer militanten
Gruppe, die ihre Religion bis zum Fanatismus steigert. Er führte bloß einen
untadeligen Lebenswandel und bestand mit Ruhe und Überlegenheit auf seinen
religiösen Grundsätzen. Unter all meinen Bekannten war gewiß kein einziger
des Himmels sicherer und der ewigen Seligkeit würdiger als er. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren hatte mein Vetter
Fräulein Maria Gordon, ein schönes junges Mädchen und reiche Erbin,
geheiratet. Es war etwas an dieser Verbindung, das ich nie so recht
verstanden hatte – etwas, das meinem Vetter in der Meinung gewisser
Beobachter nicht zur Ehre gereichte – aber ich war immer überzeugt, daß er
nichts wirklich Unrechtes dabei getan habe. Zur Zeit, als er anfing, dem
Fräulein Gordon den Hof zu machen, wurde noch angenommen, daß sie sich mit
einem gewissen Edward Ray, einem Architekten, der mehr Verdienst als Geld
besaß, verloben werde (wenn sie nicht schon mit ihm verlobt war). Wie es
zuging, konnte niemand recht erklären, aber nachdem sie zuerst die Huldigungen
Pauls mit der größten Gleichgültigkeit aufgenommen hatte, änderte sie auf
einmal ihre Haltung und gab Ray einen Korb. Es hatte mich zur Zeit ungemein
überrascht, aber ich zögerte nicht, meinen Vetter von jeder ehrenrührigen
Handlung freizusprechen. Schließlich konnte er beträchtliche Vorzüge in die
Waagschale werfen, und auf die Gerüchte, Paul habe durch geschicktes Manövrieren
Ray vor seiner Geliebten in ein ungünstiges Licht gesetzt, gab ich sowieso
nichts. Auch glaubte ich der Behauptung nicht, Fräulein Gordon habe Pauls
Werbung wegen seiner geschäftlichen Tüchtigkeit angenommen, denn in unserer
Familie waren wir der Ansicht, sie sei in ihn verliebt. Ungefähr zwei Jahre
nach ihrer Verheiratung erkrankte und starb meine neu gewonnene Cousine, zu
der ich in brüderlicher Weise eine starke Zuneigung gefühlt hatte. Nicht
ganz drei Monate später kollidierte ihres Mannes Kutsche mit einem Baum, und
auch er verlor plötzlich sein Leben. Während der wenigen Monate, ehe ich
selber von meiner Krankheit ergriffen wurde, hatte ich oft an sie beide
gedacht und mir ihre Wiedervereinigung in der geistigen Welt ausgemalt. Denn
sie mußten zweifellos wünschen, wieder miteinander verbunden zu werden, da
meiner Ansicht nach niemand so glücklich sein konnte wie meines Vetters Frau
und kein Mann so selig wie der Gatte meiner Cousine Maria. Man kann sich also meine Freude denken, als ich meinen
bewunderten Verwandten und Freund auf der Straße in der Stadt der
Neuankömmlinge erblickte. „Er ist noch nicht in den Himmel erhoben worden“,
war mein erster Gedanke, „das wird aber sicher nicht mehr lange dauern.“ In
meinem spontanen Verlangen, glaube ich, bin ich richtig auf ihn zugerannt und
habe ihn beim Namen gerufen Gleich darauf gingen wir Arm in Arm die Straße
hinunter indem jeder den andern mit unzähligen Fragen bestürmte. „Ist Marie bei dir?“ wollte ich gleich zu Anfang wissen. „Ja.“ War es möglich, daß ich in seiner Antwort den
Freudenton vermißte, den ich dabei erwartet hatte? Aber ich schalt mich
selber; welches Recht hatte ich, zu verlangen, daß ein Mann die Liebe zu
seiner Frau schon im Klang seiner Stimme verrate? Ich erwartete zuviel, bildete
mir wohl auch zuviel ein. „Ja“, wiederholte mein Vetter, „und du mußt uns besuchen
und bei uns zu Abend essen. Es wird sie freuen, dich zu sehen. Wir erwarten
anschließend einige Freunde, die du sicher auch gerne kennenlernen wirst.“ Später aber bestand er darauf, daß ich sogleich mit ihm zum
Mittagsimbiß kommen solle, und ich willigte gerne ein. Das Haus stand in
einer der schöneren Straßen und war in seinen Umrissen demjenigen, das sie
auf der Erde bewohnt hatten, nicht unähnlich. Keinen wärmeren Empfang als
den meiner Cousine Maria hätte ich mir wünschen können. Sie wirkte auf den
ersten Blick so schön und zart wie je, aber ich bemerkte bald, daß sie
stiller war; etwas wie Schwermut lag in ihrer Zurückhaltung. Auch in Paul war
eine Veränderung eingetreten, obgleich es mich einige Zeit kostete,
herauszufinden, woran es eigentlich lag. Am besten ließe es sich vielleicht
so beschreiben: sein Ausdruck erschien weniger fein, und in unserer
Unterhaltung war er weniger bereit, auf die ernsten Belange des Lebens einzugehen
und Folgerungen daraus zu ziehen. „Wie bequem ihr eingerichtet seid!“ rühmte ich, als die
beiden mich durch ihre üppig ausgestatteten Zimmer führten. „O ja, aber das Elend ist“, klagte Paul mit einem halben
Seufzer, „daß mein Besitzanspruch hier sehr relativ ist. Niemand weiß ja,
wann man weiterziehen muß.“ Er sah mich nachdenklich an. „Natürlich“, bekräftigte ich, „dies ist nur eine Etappe.
Wir sollen hier nur so lange bleiben, wie es von Nutzen ist.“ „Was mich betrifft“, meinte Paul, mit einem gierigen Blicke
umherschauend, „wäre ich ganz zufrieden, immer hier zu verweilen. Dies ist
mir Himmel genug.“ „Das wundert mich“, sagte ich und fühlte einige Enttäuschung.
Sogleich wandte ich mich zu meiner Cousine und fragte: „Wärst du damit zufrieden,
ewig hier zu bleiben?“ „Wir könnten alle noch weit glücklicher sein, als wir es
sind.“ Dabei schaute sie mich nicht an. Von diesem Augenblick an wußte ich, daß sie unglücklich
war, sich jedoch wacker darin übte, dies Tag für Tag zu verheimlichen. Aber
in der geistigen Welt ist dies viel schwieriger als in der natürlichen,
selbst im ersten, noch äußerlichen Zustand. Und später trägt jeder ein Bild
seines Charakters vor sich her, deutlich zu lesen für alle. Sehnsucht lag in
den schönen braunen Augen meiner Cousine, als sie im Zimmer umherschaute und
meinen direkten, forschenden Blick vermied. Ich zweifelte kein bißchen, sie
war unglücklich – aber warum nur? War es möglich, daß sie trotz allem ihren
Mann nicht liebte? Was konnte sie sich aber besseres wünschen, als einen
Mann, der die Ehrenhaftigkeit des Charakters mit intellektuellem Scharfsinn
und überzeugender persönlicher Anziehungskraft verband? Ich hatte oft über
eine Gesetzmäßigkeit reden gehört, jedes gute Weib könne irgendeinen guten
Mann lieben. Ich hatte mich zwar stets geweigert, einer solchen Meinung
beizupflichten, weil sie nicht mit meiner Idee von der wahren Liebe
übereinstimmte. Aber jetzt fiel es mir schwer zu glauben, daß Marie einen
Mann wie ihren Gatten nicht lieben könne. „Ihr zwei seid so viel glücklicher als ich“, stellte ich
während des Mittagsmahls fest, vielleicht nicht mit voller Aufrichtigkeit,
aber mit voller Absicht. „Ihr habt einander, während ich nur so ein einsamer
Wanderer bin.“ „Das wird hoffentlich nicht ewig der Fall sein, Vetter
Oswald“, erwiderte Pauls Frau mit wohltuender Sympathie, ihre eigene
Situation vergessend. „Es ist wohl am besten so, jetzt“, setzte ich ergeben
hinzu. „Wäre ich an eurer Stelle, so würde mich die gegenwärtige
Glückseligkeit viel zu stark daran hindern, an die Zukunft zu denken, fürchte
ich.“ „Und warum solltest du viel an die Zukunft denken?“ fragte
Paul leichthin. „Weil die Gegenwart hier noch schneller vorübergeht und
noch weniger Wert besitzt als in der Welt. Wir sind hier nur Gäste und
bereiten uns durch unsere Erfahrungen entweder für den Himmel oder für die
Hölle vor, je nachdem…“ „Genau, das ist das Elend dabei“, unterbrach mich mein
Vetter mit veränderter Stimme. „Elend, wieso?“ „Ich sagte schon, ich wäre ganz zufrieden damit, für immer
hier zu bleiben. Mir genügt dies hier. Ein Spatz in der Hand – du weißt.“ „Eine sonderbare Ansicht! Das ist ja gerade so, als ob ein
Dreizehnjähriger sagte, er wolle sein Leben lang ein Knabe bleiben. Was mich
betrifft, so schaue ich sehnsüchtig dem volleren, reiferen Zustand entgegen,
der mich im Himmel erwartet, wohin, wie ich hoffe, wir alle gehen.“ „So hoffe ich auch“, bestätigte Paul. Seine Frau hingegen
erwiderte nichts, sondern blickte auf ihren Teller nieder, wie jemand, der
nicht weiß, was er sagen soll, und daher schweigt. „Und wenn wir uns nach jener Richtung hinwenden“, fuhr ich
fort, „so haben wir alle noch Böses in uns, das überwunden werden muß, und
dieser Kampf sollte unsere tägliche Aufgabe sein. Das meinte ich, als ich
vorhin davon sprach, an die Zukunft zu denken.“ „Ich hörte viel von solchem Gerede, anfangs, als ich in
diese Stadt kam“, sagte mein Vetter selbstgefällig. „Aber ich bitte um
Entschuldigung, Oswald – ich hielt es nicht für nötig, groß darauf zu hören.
Es ist wohl immerhin gut, sich ehrenhaft aufzuführen, aber die wirkliche
Frage ist doch nur, ob wir Glauben haben oder nicht. Seit meiner Bekehrung
aber hatte ich stets die Zuversicht, den wahren Glauben zu besitzen. So war
ich immer sicher, daß ich mich weiter nicht daran zu kehren brauche, so
lange ich nicht wirklich die Gesetze übertrete.“ Ich hatte meinen Vetter oft in dieser Weise reden hören,
als wir noch beide in der natürlichen Welt lebten. Aber damals war ich noch
so unwissend und gedankenlos, daß es wenig Eindruck auf mich machte. Jetzt
aber schien mir diese Theorie abscheulich. Ich sprach mich daher eifrig dagegen
aus, und wir disputierten darüber im weiteren Verlauf des Mittagsmahls. Die
Idee Pauls schien zu sein, der Einlaß in den Himmel geschehe aus bloßer Gnade
– das Öffnen einer Pforte für eine gewisse Anzahl Seelen, deren Glaubensartikel
ihre Einlaßkarten bedeuten. Wirkliche Wiedergeburt habe eigentlich nichts
damit zu tun, so daß auch der verächtlichste Mensch, wenn er auf seinem Totenbette
sagen will: „Ich glaube“, in den Himmel kommen und ein Engel des Lichts
werden könne. Ich lehnte mich mit der ganzen Kraft meines Gemüts gegen diese
verderbliche Falschheit auf und versuchte, meinen Vetter zu überzeugen – wie
ich selber überzeugt worden war – daß es dem Menschen ebenso unmöglich sei,
ohne vorherige Reinigung von dem angeborenen Bösen in den Himmel zu kommen,
wie für einen Fisch, außerhalb des Wassers zu leben, ohne vorher eine Lunge
erhalten zu haben. Nur wer durch anhaltendes Bemühen den Himmel in sich aufgebaut
und die Seele nach dem Maß der Himmelsgesetze umgebildet habe, könne den
Himmel überhaupt sehen und also eintreten und sei fähig, das Leben dort
auszuhalten, was keineswegs allen möglich sei. Mein Vetter bestand aber auf seiner unsinnigen Theorie und
weigerte sich, seinen leichten „Heilsplan“ aufzugeben, und sein
Gemütszustand erfüllte mich mit großer Trauer. Während unserer ganzen Disputation,
die zuletzt durch die Ankunft der Gäste unterbrochen wurde, bemerkte ich,
daß Cousine Marie aufmerksam zuhörte und daß sie meinen Bemerkungen mehr
Beifall schenkte als denen ihres Mannes, und dies bestärkte mich noch mehr in
meiner Ansicht, daß sie ihn nicht liebe. Die Gäste, die gekommen waren, um den Abend dort
zuzubringen, waren etwa zwölf bis fünfzehn an der Zahl und sahen im Ganzen
gerade so aus und benahmen sich auch so, wie man es von Gesellschaften auf
der Erde gewohnt ist. Sie unterhielten sich über Kleinigkeiten, die sich
unlängst in der Gesellschaft zugetragen hatten oder bald vor sich gehen
sollten. Auch in anderer Weise zeigten sie, daß sie ganz und gar in den
geringfügigen Alltäglichkeiten befangen waren. Nur eine Bemerkung hörte ich,
die vermuten ließ, sie seien sich bewußt, daß ihre augenblickliche Situation
dem kurzfristigen Muster eines großen Kaleidoskops zu vergleichen sei und
daß sie sich bald in einen dauernden und unwiderruflichen Aufenthalt im
Himmel oder in der Hölle verwandeln werde. Zwei der Besucher möchte ich besonders nennen. Es war da
eine nicht mehr sehr junge Dame, Fräulein Isabella Grub, die immer als eine
besonders intime Freundin meines Vetters erschienen, jedoch zwei bis drei
Monate vor ihm gestorben war. Und es war auch Edward Ray gekommen, der junge
Mann, dessen Bewerbung meine Cousine zurückgewiesen hatte, und der, wie ich
eben jetzt erfuhr, kurz nach mir in die geistige Welt eingetreten war. Meine Unterhaltung mit Ray war zuerst etwas bedrückt, weil
eine gewisse Zurückhaltung in unserem Verhältnis seit einem früheren Streit
eingetreten war. Aber da der Hauptfehler bei mir gelegen hatte und ich dies
längst bereute und mehr als je zuvor zu einem Ausgleich bereit war, so ließ
sich dieses Hindernis zu einem besseren Einvernehmen leicht beseitigen. Denn
Ray war in jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch. Sein Verhalten gegenüber
Marie erregte durchwegs meine Bewunderung. Niemand hätte geahnt, daß er ein
früherer Liebhaber war; er zeigte sich weder fremd noch allzu respektvoll,
sondern einfach offen und frei, voll des feinsten Anstandes. Im Laufe unseres
Gesprächs stellte ich voll Freude fest, daß er eine recht vernünftige Ansicht
von seiner Stellung als Neuankömmling hatte und sich um manches außerhalb des
Alltäglichen kümmerte. Fräulein Isabella Grub hatte ich auf der Erde nicht weiter
gekannt, aber ich hatte durch meine Freunde viel von ihr gehört. Man konnte
sie wohl hübsch nennen, und sie sah wie eine liebenswürdige, gediegene Dame
aus. Wäre sie zehn Jahre jünger und eine reiche Partie gewesen, so hätte mein
Vetter, wie gewisse Klatschbasen herumboten, nie Fräulein Gordon geheiratet.
Meine Schwester hegte einen deutlichen Widerwillen gegen sie und hatte mir
einmal zu verstehen gegeben, Fräulein Grub hätte längst den Ruf einer bösen
Klatsche gehabt, wäre sie nicht so sehr schlau gewesen. Die Erfahrung hatte
mich aber belehrt, daß selbst die besten Damen manchmal schlimmer über eine
Geschlechtsgenossin urteilen, als die Umstände es verlangten. So hatte ich
meiner Schwester zwar zugehört, aber ohne daraus zu schließen, daß Fräulein
Grub nun jemand anders als eine wohlmeinende Dame sein müsse. Als ich sie
jetzt in meines Vetters Hause wieder traf, war ich offenherzig und ohne
Vorurteil gegen sie. Eine Unterhaltung von fünfzehn Minuten genügte jedoch, um
meine gute Meinung beträchtlich zu dämpfen. Sie begann nämlich mit einer
gezierten Gratulation zu meiner Erhebung ins „höhere Leben“ der geistigen
Welt. Sie berührte aber in der Folge nie in irgendeiner Weise dieses Leben
und seine Pflichten. Im Gegenteil, sie verbreitete sich sogleich über Persönlichkeiten,
ließ ihre Bemerkungen rechts und links mit größter Ungezwungenheit fallen und
vermittelte mir intime Einblicke in die Geschichte beinahe jeder Person im
Zimmer, und dies alles ohne jede Ermunterung meinerseits, ja trotz meines
Bestrebens, die Unterhaltung auf andere Gegenstände zu lenken. Sie widmete
Herrn Ray viel Aufmerksamkeit und deutete an, er sei ein durchtriebener
Heuchler, im Gegensatz zu seinem noblen Benehmen in Pauls Frau verliebt und
hege ernstliche Absichten auf sie. Diese Auskunft teilte sie mir weniger
durch dreiste Behauptungen als durch versteckte Anspielungen und verdeckte
Blicke, begleitet von vielsagenden Blicken und Achselzucken, mit. Sie gab mir
gleich anfangs mit ernsthafter Miene zu verstehen, sie fühle sich bewogen,
freier mit mir als mit anderen darüber zu reden, wegen meiner engen
Freundschaft mit Paul. Ich war also darauf vorbereitet, daß sie nun ihre
Batterie auf Marie richten werde, als zu meiner großen Erleichterung unsere Unterhaltung
unterbrochen wurde. Später, während ich mich mit anderen unterhielt und eine
Pause in unserem Gespräch eintrat, hörte ich, wie Fräulein Grub, der es nun
beliebte, sich mit Ray zu unterhalten, meinen Namen nannte. Unwillkürlich
spitzte ich die Ohren, ehe ich daran denken konnte, solcherart zu horchen sei
eigentlich nicht die Art des feinen Mannes, und ich hörte sie deutlich in
ihrer leisen, eindringlichen Weise sagen: „Der eingebildete Stutzer hatte immer eine gewisse Schwäche
für seines Vetters Frau – und nachdem er jetzt gekommen ist – wer weiß!“ Was war wohl dieses Weibes Ziel? Vorsätzlich zwei Männer
mit Haß gegeneinander zu erfüllen nur zu ihrem eigenen Vergnügen? Vorher, als
sie Ray die versteckten Absichten untergeschoben hatte, fühlte ich mich
beunruhigt, aber jetzt nicht mehr. Was aus solchem Munde kam, war keines
Gedankens wert. Marie setzte sich nun an das Klavier und sang für die
Gesellschaft. Sie hatte immer eine schöne Stimme gehabt, und diese schien
jetzt reiner und klarer als je zuvor; ich hörte ihr voll Entzücken zu, und je
länger Marie sang, desto stärker empfand ich den Klang als Ausdruck einer
durch und durch guten und unschuldigen Seele.“ „Es ist wunderbar, wie deine Stimme an Stärke gewonnen
hat“, lobte ich nach dem ersten Lied; gern hätte ich etwas von dem intensiven
Erlebnis hinzugefügt, aber unter diesen Leuten mochte ich um Maries willen
keine allzu persönliche Meinung äußern. „Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte Ray, da die
Unterhaltung jetzt im großen Kreis stattfand, „daß unser Gehörsinn hier
schärfer sein muß als in der Welt.“ „Zweifellos“ erwiderte ich, „und unser Gefallen an
wohllautenden Tönen ist deshalb inniger. Wenn wir das schon hier fühlen, so
kann man sich denken, wie überwältigend die Musik im Himmel sein muß. Sie
wird dort die innerste Seele anrühren.“ „Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich dort wohl auch ein
Klavier haben werde“, sagte Marie nach einer Pause, während der sie einige
Akkorde angeschlagen hatte. „Sie werden dort noch etwas weit Besseres als ein Klavier
vorfinden“, sagte Ray mit einem Lächeln und einem Aufblitzen seiner Augen. „Meinen Sie etwa eine Violine oder Harfe?“ fragte einer der
Gäste nur halb ernsthaft. „O nein, irgendein die Seele durchzitterndes, uns noch
unbekanntes himmlisches Instrument.“ Hier wurden wir durch Paul unterbrochen, der seine Frau
bat, eine gewisse Komposition zu spielen, die sein Lieblingsstück war.
Fräulein Grub stimmte eifrig mit ein, da es ihr offensichtlich darum zu tun
war, die allgemeine Unterredung zu verhindern und ihr Tete-a-tete mit Ray
wieder aufzunehmen. Als Marie schließlich das Instrument wieder verließ, hielt
ich sie auf und fragte: „Was hältst du von Fräulein Grub?“ „Was hältst du von ihr?“ erwiderte sie abwehrend, während
ihre Blicke unsicher umherirrten. „Um offen zu reden“, sagte ich, „ich glaube, sie ist eine
boshafte Verleumderin, eine Lügnerin.“ Marie schaute mir einige Augenblicke tief in die Augen, ehe
sie mir beipflichtete: „Mich freut, daß du ihren Charakter so schnell
erkennst.“ Dann fügte sie hinzu: „Oh, was ich nicht schon von dem Weibsbild
ausgestanden habe!“ „Mir tut sie leid, wenn sie in den Zustand kommt, in dem
ihr die Maske abgerissen wird“, sagte ich. „Ich weiß jemanden, dessen Fall noch elender sein wird,
wenn die Maske verschwindet.“ Marie murmelte das so vor sich hin, aber dann
zeigte sich ein Ausdruck tiefsten Widerwillens in ihrem Gesicht, und mit
ungewohnter Gereiztheit setzte sie hinzu: „Ich kenne einen Menschen, der
womöglich noch mehr Heuchler und Lügner ist als sie.“ Ich erschrak und sah sie nur einen Augenblick lang forschend
an. „Ach, Marie!“ entfuhr es mir unwillkürlich. Das Ende Sie sprach nicht weiter, und ich stellte auch keine Fragen.
Aber ich war nun vollkommen im klaren, daß Marie ihren Mann damit meine. Ich
war wie vom Donner gerührt. Was ging da vor? Ich bezweifelte keinen Moment
ihre Aufrichtigkeit. Sie war eine gute Frau und verabscheute jede Lüge. Aber
was konnte ihre Heftigkeit wider einen Mann erklären, der nie anders als der
tadellose Ehegatte erschienen war? Ich versuchte es mir dadurch zu erklären,
daß diese Unheilstifterin Grub dafür verantwortlich sein müsse. Aber nach
weiteren Überlegungen beschloß ich, vor der Hand gar kein Urteil zu fällen,
sondern die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Tagelang tat ich beinahe nichts weiter, als das Haus besuchen
und über die leidige Sachlage nachdenken. Alles Interesse an meiner eigenen
Lage war momentan in meiner Neigung zu Paul und in der Sorge für sein
Wohlergehen aufgegangen. Ich vergaß vollständig, daß sie sich ja in der Hut
der göttlichen Vorsehung befanden, und wollte die heikle Aufgabe, Mann und
Frau miteinander zu versöhnen, selbst übernehmen. Ich dachte, das Erste
dabei werde wohl sein, die wahrscheinliche Triebfeder dieses Unheils bloßzulegen,
und ich beobachtete mit größter Sorgfalt den Ein- und Ausgang von Fräulein
Grub. Diese Frau ergab ein überraschendes und lehrreiches Studienobjekt, und
ich lernte allmählich im Lichte der Gegenwart ihre Vergangenheit
herauszulesen. Ich fand heraus, daß sie sich schon früh zu einer Schmeichlerin,
einer kriechenden, sich anschmiegenden Schmarotzerin entwickelt haben müsse.
Allein für sich in der Welt, einer kalten Behandlung ausgesetzt, hatte sie
sich vom Neid genährt und hatte sich vorgenommen, auf die leichteste Weise
ein trauliches Plätzchen irgendwo in einem warmen Neste für sich zu gewinnen.
Da sie selber keine Stellung und keinen Einfluß hatte, so mußte sie sich in
dem Sonnenschein erwärmen, der von der Position anderer ausstrahlte.
Heuchelei war da das probateste Mittel. Wo sie innerlich haßte, da liebkoste
sie äußerlich, und obgleich ihr Herz vor Wut kochte, so brachte sie doch
ihre Schmeicheleien an und bezauberte durch ihr holdestes Lächeln. Der
Sykophant der Griechen und Römer ist also noch nicht ausgestorben. Man findet
diese Art professioneller Verleumder immer noch in honorablen Kreisen im
Umkreis der Reichen oder sonstwie Mächtigen. „Lächle uns nur an“, sagt ihre
kriecherische Gebärde, „und wir werden dir vor aller Welt Weihrauch opfern.
Sieh zu, ob du dieser Droge widerstehen kannst.“ Fräulein Grub hatte in dieser Weise meinem Vetter schon
lange das Weihrauchfaß geschwenkt und tat es immer noch. So hatte sie sich
tief in seine Neigungen eingenistet, während sie ihn vor allen Menschen – natürlich
in passender, jungfräulicher Weise – verehrte. Ob sie ihn wirklich gern
habe, war mir aber ungewiß, denn es ist im allgemeinen unmöglich, eines
solchen Weibes Beweggründe aus ihren Handlungen herauszulesen. Wie dies nun
auch sein mochte, so hielt ich fest an der Überzeugung, sie sei an dem
Zwiespalt zwischen Mann und Frau schuld, und wenn es mir nur gelänge, sie vor
den beiden zu entlarven, so ließe sich der Bruch wohl noch heilen. Ich wußte
nicht, daß dieser „Bruch“ eine Kluft, ein großer Abgrund war, der sich nicht
überbrücken ließ. Hätte ich’s gewußt, so hätte es mich auch nicht so
überrascht, daß der Handel zuletzt meinen schwachen Händen entwunden und in
einer Weise abgeschlossen wurde, die ich nie hatte voraussehen können. Eines Tages begab es sich, daß ich mich am Nachmittag in
Pauls Haus einfand; als mir der Bediente bestellte, sein Herr sei fort und
die Herrin habe sich niedergelegt, da wies ich ihn an, sie nicht zu stören,
ich wolle warten. Das eine Ende des Gesellschaftssaals bildete einen Erker
oder eine Nische, halb durch Vorhänge verborgen. Als ich hier auf einem
weichen, niederen Ruhebette ausruhte, schlief ich ein. Bald darauf aber wurde
ich durch den Laut aufgeregter, zorniger Stimmen im Zimmer aufgeweckt. „Ich habe dich nie geliebt“, sagte Paul heftig, „ich habe dich
doch bloß wegen deines Geldes geheiratet.“ „Ich weiß – ich habe es schon lange gewußt“, versetzte
seine Frau. Ich erhob mich hier geräuschvoll, damit sie meine Anwesenheit
gewahren sollten, aber sie waren zu sehr in ihre Auseinandersetzung vertieft,
als daß sie auf etwas hätten hören können, mochte es von noch so großer
Bedeutung sein. Zwischen den Vorhängen durchspähend, sah ich sie einander in
der Mitte des Zimmers gegenüberstehen, der Mann voller Wut mit grimmigem Haß
im Gesicht. Die Frau in Verteidigungsstellung, ein Bild der Entrüstung, aber
noch voller Besonnenheit. „Ich weiß alles,“ erwiderte sie leise, aber mit entschiedenem
Unterton. „Ich habe schon längst deine Maske durchschaut.“ „Und ich durchschaute die deinige. Du spieltest vor der
Welt die Rolle einer liebenden Frau, aber du hast mich nur genommen, weil es
dich kränkte, daß dein liebster und verliebter Ray nur nach deinem Geld und
nicht nach dir verlangte: Das war alles.“ „Das ist nicht wahr!“ „Warum hast du mich dann geheiratet?“ „Ich will es dir sagen“, erwiderte sie, ihre strahlenden
Augen voll auf ihn gerichtet. „Nachdem du in durchtriebener Weise den Mann,
den ich liebte, verleumdet hattest, mich gegen meinen Willen zwingend, deinen
‚Beweisen’ seines Treubruches zu glauben, war ich immer noch blind genug zu
glauben, daß du ein ehrenhafter und wahrhaftiger Mann seiest, und in meiner
großen Einsamkeit und meinem Elend fing ich an mir einzubilden, daß ich dich
liebe. Willst du das wegleugnen?“ Mein Vetter schritt plötzlich mit erhobener Hand auf sie
zu, und ehe ich mich rühren konnte, hörte ich einen Schlag und wußte, daß der
seiner Frau gegolten hatte. Mit einem leisen Schrei, der mehr Abscheu als
Schmerz ausdrückte, sank sie in einen Sessel nieder und blieb bewegungslos
sitzen. Zu gleicher Zeit vernahm ich das bittere Lachen eines Weibes, und als
ich zwischen den Gardinen hervortrat, sah ich Fräulein Grub bequem auf einem
Sofa sitzen, nur ein paar Schritte von mir. Meine erste Reaktion war, auf meinen Vetter loszustürzen
und ihn niederzuschlagen, bevor er sich noch einmal an Marie vergreifen
konnte. Aber ich zögerte, ich wußte selber nicht weshalb, und er kam nicht
mehr zu einem solchen Versuch; denn kaum hatte er seine Hand wieder sinken
lassen, so hörte man ein lautes Klopfen an der Haustüre, und einige Sekunden
später trat ein unerwarteter Besuch ins Zimmer ein hochgewachsener,
stattlicher Mann mit angenehmem Zügen, in einer hellblauen Uniform. Ich
erkannte in ihm sogleich einen Schutzmann, denn ich hatte schon einige von
ihnen gesehen. Von Maric und anderen hatte ich gehört, daß niemand recht
wisse, wie sie kommen und gehen. Sie stehen nicht auf Wache in den Straßen,
sondern halten sich außer Sicht und erscheinen nur, wo es eine Störung gibt.
Und noch sonderbarer ist: soweit man weiß, kommen sie, ohne daß man sie ruft.
Wie damals die drei weiß gekleideten Männer, die so plötzlich in der Kirche
erschienen waren und die Störenfriede beseitigt hatten. Jene aber schienen
einer besonderen Klasse anzugehören, deren Repräsentanten noch seltener in
Aktion traten. „Was wollen Sie hier?“ fragte mein Vetter verwundert und
verärgert zugleich, indem er den Besucher starr anblickte. „Ich komme, um diese Ruhestörung zu untersuchen“, lautete
die knappe Antwort, und der Schutzmann trat einige Schritte ins Zimmer. „Was für eine Ruhestörung?“ fragte Paul zornig. „Ich komme auf Befehl der Obrigkeit der Stadt“, antwortete
der Schutzmann unbeeindruckt. „Unterhält diese Obrigkeit einen Spion in meinem Hause, um
zu wissen, wann ich mich mit meiner Köchin zanke?“ „Die Obrigkeit hat es nicht nötig, Spione zu unterhalten,
sie wird auf sicherere Weise benachrichtigt. Sie handelt unter Leitung des
Himmels.“ Dann wandte er sich an Marie, deren Augen mit gespannter
Erwartung auf ihm ruhten, und fuhr fort: „Der Hilferuf dieser Frau, die einst
Ihre Gemahlin war, ist erhört worden, und der Befehl ist ergangen, daß sie
nun befreit werde, wenn sie es wünscht. Die Zeit für eure Trennung ist
gekommen. Sagen Sie mir, Frau, lieben Sie die Bande, die Sie an diesen Mann
knüpfen? Äußern Sie ohne Furcht Ihre wahre Meinung.“ Marie erhob sich langsam, die Augen unverwandt auf des
Schutzmanns Gesicht gerichtet. Sie zögerte, und es war ihr deutlich
anzusehen, wie schwer es ihr fiel, sich nun endgültig zu entscheiden. „Ich verabscheue diese Verbindung“, sagte sie zuletzt mit
leiser Stimme, aber verständlich für alle. „Dann ist sie von jetzt an gelöst, und Sie sind frei.“ „Frei!“ Ihre Augen leuchteten, und ihr Gesicht strahlte vor
stummem Glück. Doch bald erschien dahinter ein Ausdruck ungläubigen
Staunens, wie bei jemandem, der eine große, unerwartete Veränderung noch
nicht fassen kann. Ihr Blick schweifte langsam und bang von einem zum andern. „Darf ich dann wirklich dieses Haus verlassen?“ fragte sie
zuletzt. „Sogleich, wenn Sie es wünschen. Der Befehl ist ergangen,
und Sie haben nichts zu fürchten. Haben Sie einen Freund, unter dessen Schutz
Sie sich gern begeben würden, oder wollen Sie mir in den Palast des
Statthalters folgen, um dort zu warten, bis eine passende Wohnung für sie eingerichtet
ist?“ „Ich ginge gern“ – sie zitterte und zögerte wieder – „ich
ginge gern in das Haus meines Onkels Arthur.“ Also nur zu ihrem Onkel Arthur! Dieses Leuchten in den
Augen, das Flattern der Lider, das Stammeln und Stottern, all dies hatte
also nichts zu tun mit Edward Ray, wie ich voreilig geglaubt hatte. Das war
schon! Wie ich schon lange wußte, war ihr dieser Onkel lieb und teuer, noch
ehe jemand von uns die natürliche Welt verlassen hatte. Er war ein
rechtschaffener Mann, und sein Haus war der beste Platz für sie. „Sie können ihn dann herbeirufen“, hatte der Schutzmann
ihr gesagt. „Wieso, ihn rufen“, stammelte meine Cousine. „Er wohnt
nicht in unserer Nähe.“ „Wenn Sie an ihn denken mit dem starken Verlangen, er möge
herkommen, so verspreche ich Ihnen, daß er kommen wird.“ Diese Antwort, so
selbstverständlich gegeben und so unwahrscheinlich in ihrem Inhalt,
verbreitete sofort ein Gefühl von Sicherheit und Zuversicht. Eine erwartungsvolle Pause trat ein, während Marie für
einige Atemzüge die Augen schloß und ihre Gedanken sammelte. Ich beobachtete
inzwischen die anderen im Raum. Der Schutzmann hatte das überlegene Aussehen
eines Beamten, der weiß, daß er die Obrigkeit hinter sich hat, mag sich
zutragen was da will. Zugleich verriet sein Ausdruck, daß es ihm Freude
machte, andere glücklich zu sehen. Marie war vor Aufregung errötet, und ihre
Hände und Lippen zitterten. Aber am Ausdruck ihrer Augen erkannte ich, daß
eine innere Gewißheit sie erfüllte. Vielleicht nicht weniger glücklich – in
ihrer Weise – erschien Fräulein Grub. Sie vermochte kaum sitzen zu bleiben
und hatte Mühe, die Zeichen ihres Frohlockens nicht zu deutlich werden zu
lassen. Abwechselnd breitete sich verschmitztes, selbstzufriedenes Lächeln
über ihr Gesicht oder malten sich darin Triumph, Verachtung und Boshaftigkeit,
wenn ihr Blick auf meiner Cousine ruhte. Sogar Paul schien sich zu freuen,
aber seine Freude war sichtlich mit Zorn vermischt. Er hatte eine Weile zu
Boden gestarrt und sah jetzt den Schutzmann drohend an. In diesem Augenblick klopfte es an der Haustüre, und gleich
darauf erklang eine Stimme in der Vorhalle. Mit einem frohen Ausruf sprang
Marie auf und eilte ihrem Onkel in den Vorraum entgegen. „Ich ging die Straße entlang“, hörte ich ihn sagen, „und plötzlich
hatte ich das Gefühl, als ob du meiner bedürfest.“ „Ich soll mit dir nach Hause gehen.“ Es klang heiser, aber
in der lautlosen Stille war es deutlich zu verstehen; ich vernahm auch, daß
sie ihn küßte. Sie kam nicht in den Salon zurück. Der Schutzmann trat zu
ihnen in die Halle, und der Onkel verließ mit Marie das Haus. Mitzunehmen
brauchte sie nichts; es sei alles für sie vorbereitet, hatte ihr Befreier
versichert. – Ein paar Tage darauf besuchte ich die Cousine im Haus ihres
Onkels. Aber erst lange danach sah ich sie wieder in ihrer endgültigen
Heimat, und dort war ihr Gefährte nicht der Onkel, sondern Edward Ray. Und
sie waren unter den Glückseligen. „Wunderbar!“ rief Paul, noch ehe der Schutzmann hinausgegangen
war. „Ich bin Ihnen sehr verbunden“, setzte er höhnisch hinzu. „Sie haben
mich von einer Last befreit und mich erlöst.“ Er legte seinen Arm um Fräulein
Grub, die sich errötend erhoben hatte. „Sie wird nun meine Gattin sein“,
sagte er, ihr zärtlich über die Wangen streichend, „sie wird ab jetzt in
meinem Hause schalten, wie sie immer in meinem Herzen geschaltet hat.“ „Es steht Ihnen frei, sie zu sich zu nehmen, wenn sie
willens ist“, erwiderte der Schutzmann. „Aber Sie können mit ihr nicht hier
bleiben. Sie beide sind in einen neuen Zustand eingetreten und müssen sich
nun in der Richtung Ihres endgültigen Wohnsitzes weiterverfügen.“ Dann verbeugte er sich höflich, machte kehrt und verließ
das Zimmer. Ich war so von Erstaunen und Kummer übermannt, daß ich
bewegungslos stehenblieb. Zwar fühlte ich den Wunsch, zu meinem Vetter zu
eilen und ihn zu bitten, mir die sonderbare Begebenheit, die ich erlebt
hatte, näher zu erklären. Aber während ich noch gegen mein Zaudern kämpfte,
verließ er mit der Frau das Zimmer, ohne daß sie mich noch beachtet hätten.
Es schien mir, sie hätten im Gefühl ihrer jetzt offen zur Schau getragenen Zuneigung
die letzten Worte des Schutzmannes gar nicht mehr gehört. Wie in einem Traum
ging auch ich ins Freie und durcheilte mehrere Stunden lang die Straßen in
einem Zustande der größten Gemütsverwirrung. Ich fühlte einen tiefen Schmerz,
so oft ich an meines Vetters Handlungsweise dachte. Ich hatte Paul sosehr
bewundert, und nun hatte er sich nicht nur gemein, sondern regelrecht brutal
benommen. Welch eine Veränderung! Wie verschieden von seinem früheren
Auftreten! War es möglich, daß ich bis jetzt nur das Äußere gesehen hatte,
nur die schöne Maske eines innerlich bösen Herzens? Oh, nein, nein! Das war
unmöglich. Seine Leidenschaften waren entflammt, er war irregeleitet, von
einem bösen Weibe beeinflußt, aber er war sicher nicht innerlich böse! Zuletzt kehrte ich wieder um und trat in das Haus. Der
Diener führte mich in ein Zimmer, und ein paar Minuten darauf erschien mein
Vetter. Als er mich bei der Hand nahm und mich mit dem alten, so oft gesehenen
Lächeln anschaute, fühlte ich, daß noch Hoffnung sei. Aber schon seine
ersten Worte zerstörten sie wieder und ließen mich verstummen. „Was meinst du?“ fing er an, „meine Frau ist mit dem
Halunken Ray durchgegangen. Sie gab zwar vor, zu ihrem Onkel zu gehen, aber
ich durchschaue das natürlich. Bemitleide mich nicht“, fügte er schnell hinzu.
„Ich bin sie gerne los. Ich habe eine andere Frau gefunden, die besser zu mir
paßt, wie du sehen wirst.“ „Habe ich’s nicht schon lange gesagt?“ fragte eine triumphierende
Stimme hinter uns. Fräulein Grub war jetzt auch ins Zimmer getreten. Ich vermied, sie anzusehen, und wandte mich während der
darauffolgenden halben Stunde ausschließlich an Paul und versuchte, dem
Gespräch eine ernste Wendung zu geben. Ich sprach von Ehre, Wahrheit,
Gerechtigkeit und vom Himmel. Aber das interessierte ihn nicht mehr. Er
zeigte mir offen und deutlich, daß ich ihn langweile und gähnte mir zuletzt
ins Gesicht. Paul war offenbar verändert, war ganz und gar anders, als
ich geglaubt hatte. Seine Frau – sie, die einst seine Frau gewesen war –
hatte die Wahrheit gesagt. Sollte ich dann nicht auch meine Neigung für ihn
ersticken und mich von ihm fern halten? Hatte ich das nicht dem armen Maric
angeraten? Der Gedanke war mir vorerst unerträglich. Nein, noch nicht! Ich
konnte ihn noch nicht verlassen. Es könnte doch sein, daß in seinem innersten
Kern noch etwas Gutes wäre. Wer konnte das wissen! Er war durch das ihm jetzt
zur Seite stehende böse Weib zum Bösen verführt worden. Ich wollte noch
einmal zu ihm gehen und ernstlich mit ihm darüber reden. Am Ende konnte ich
ihn doch noch aus seiner unglückseligen Verwirrung befreien. Aber als ich am nächsten Tag sein Haus aufsuchte, fand ich
alle Türen und Fenster fest verschlossen und erhielt keine Antwort auf mein
Klopfen. Überhaupt sah das ganze Haus anders aus, und als ich später darüber
nachdachte, war ich nicht einmal ganz sicher, daß es der richtige Ort war.
Als ich mich betrübt entfernte, kamen mir des Schutzmanns Worte wieder in
den Sinn. „Es steht Ihnen frei, sie zu sich zu nehmen, wenn sie willens ist,
aber Sie können nicht hier mit ihr wohnen. Sie beide sind jetzt in einen
neuen Zustand eingetreten, und Sie müssen sich in der Richtung ihres
endgültigen Wohnsitzes weiterverfügen.“ Abwärts Mein Vetter war also fortgeschickt worden, weil das Haus
mit seinem Zustand nicht mehr in Entsprechung stand. Oh, es war nur allzu
wahr – es ließ sich keine andere Erklärung finden: Sein Inneres lag offen da,
und der wahre Mensch gab sich zu erkennen. War er noch in der Stadt der
Neuangekommenen, oder war er in eine andere Gesellschaft weitergegangen? Mehrere
Tage wanderte ich in der Stadt umher in der Hoffnung, ihn in einem anderen
Hause zu finden. Es war aber alles umsonst. Hätte ich ihn aus meinen Gedanken ausgeschieden und wäre
meinen eigenen Angelegenheiten nachgegangen, so hätte ich mir viel Leiden,
Kummer und Beschämung erspart. Aber ich war immer noch von der Idee besessen,
ich könne ihn aus seinem Zustande retten, und es verlangte mich, ihn
wiederzusehen. Und tatsächlich, mein Wunsch wurde erfüllt. Während ich etwa
zwei Wochen später spazieren ging und unentwegt über meinen Vetter
nachdachte, führte mich eine unerklärliche, aber merkbare Anziehungskraft
weit über die Grenzen der Stadt hinaus und einen langen, flachen Abhang in
ein Tal hinunter. Hier in einer ganz und gar dürren und unfruchtbaren Gegend,
wo häßlich-kahle Sandplätze mit Niederungen von Sumpf und Moos abwechselten,
entdeckte ich eine Anzahl roher Baracken oder Hütten aus Holzabfällen und
Lehm gebaut. Sie waren in unregelmäßige Reihen geordnet, mit krummen Gassen
dazwischen. Was hatte mich wohl an diesen Platz gezogen – an einen Ort,
schlimmer als eine Wüste? War es möglich, daß er hier seine Wohnung aufgeschlagen
hatte? Endlich hielt ich an einem größeren Hause an, über dessen Eingang
„Sonntagsschule“ in großen Lettern geschrieben stand. Mein Vetter war immer
der Sonntagsschule ergeben gewesen, und dies war daher wohl der Platz, wo ich
ihn suchen mußte. Kaum eingetreten, sah ich ihn auch schon, denn er sprach
von der niederen Rednerbühne, genauso, wie ich es oft in der natürlichen Welt
beobachtet hatte. Aber sowohl die Art und Weise als auch der Inhalt seiner
Ansprache waren mir ganz neu. Auf einer Bank zu seiner Rechten saß Fräulein
Grub und vor ihm zwanzig oder dreißig Leute, die das kleine, schmutzige
Zimmer beinahe ausfüllten. Ich trat leise ein und setzte mich nahe bei der
Tür. „In den meisten Sonntagsschulen und Kirchen“, führte mein
Vetter gerade aus, „redet man viel über die angebliche Tatsache, daß Christus
von den Toten auferstanden sei. Aber niemand glaubt das, außer einigen
einfältigen, leichtgläubigen Personen. Es ist bloß Mode, viel auf diese mystische
Legende zu halten, weil unsere Vorväter sie für wahr gehalten haben und weil
man meint, sie halte das gemeine Volk im Zaum. Das ist alles. Wenn man
heutzutage sagt, Christus sei von den Toten auferstanden, so meint man nicht
mehr damit, als wenn man erzählt, Pallas Athene sei erwachsen und geharnischt
aus dem Haupt des Zeus gesprungen, der ebenso ihr Vater wie ihre Mutter war. In unserem kleinen Kreise aber sind wir über das Märchenalter
hinaus. Wir sind alle mehr oder weniger einer Meinung und brauchen nicht von
Dingen zu reden, von denen wir nicht auch überzeugt sind. Laßt uns alles beim
rechten Namen nennen. Beim Lichte betrachtet ist Christus nicht von den Toten
erstanden. Solch ein Vorfall widerspricht allen bekannten menschlichen
Erfahrungen. Er müßte von ungeheuer vielen Beweisgründen gestützt werden,
sonst ist er einfach unglaubhaft. Diese Gründe liegen aber nicht vor. Man
muß diese Tatsache ganz klar sehen. Wir stehen auf sicherem Boden, wenn wir
erklären: es gibt kein zukünftiges Leben. Haben wir irgendeinen Grund zur
Annahme, ein Mann könne denken, wenn er kein Gehirn hat? Der Tote aber hat
kein Gehirn, denn sein Leib ist zu Staub geworden. Ist es vorstellbar, daß
jemand leben und seine Funktionen ausüben könne ohne Augen, Nase, Mund, Ohren
und die anderen Sinnesorgane? Der Tote hat keine Sinnesorgane. Wie kann einer
denken und leben, wenn sein Gehirn und seine Organe zerstört sind? Es ist
ganz und gar unmöglich. Und was macht es uns überhaupt aus, ob Christus von
den Toten auferstanden ist oder nicht? Es ist ebenso schwer, seinen Lebensunterhalt
zu verdienen, und ebenso leicht, glücklich zu sein, ob er nun auferstanden
ist oder nicht. Nichts verändert sich dadurch. Die Männer arbeiten, die
Frauen weinen und Kinder sterben. Auf allen Seiten werden die schönsten
Blumen in ihrer Blüte weggerissen. Des Schicksals erbarmungslose und
unerklärliche Schläge erfüllen uns nach wie vor mit Kummer und Wut. Das
böswillige und grausame Ungeheuer, der Tod, wandert umher und verwandelt
täglich den Frohsinn in Verzweiflung. Selbst ohne Warnung werden wir
verhaftet, eingesperrt und in das namenlose Dunkel jenseits des Grabes
geworfen, innerhalb einiger weniger Stunden. Ein Gott, der nichts dagegen
tun kann, darf eben gar nicht existieren.“ Noch weit mehr in diesem Sinne breitete er vor seinen Zuhörern
aus, ehe er sich endlich niedersetzte. Nun erhoben sich die Leute und gingen
an mir vorüber. Sie gefielen mir nicht, und ich schauderte, als ich sie aus
der Nähe erblickte, lauter rohe, böse Gesichter. „Welch eine ausgezeichnete Rede!“ sagten einige von ihnen. „Schrecklich, schrecklich!“ murmelte ich vor mich hin, als
mein Blick wieder auf meinen Vetter fiel, der jetzt mit dem Frauenzimmer auf
der Bühne stand. Ach, was konnten ihm meine Worte nun noch helfen? Er war
über alle Grenzen hinweg. „Ich will nicht länger eine törichte und nutzlose
Hoffnung hegen“, dachte ich. „Ich will keinen Augenblick länger innerhalb der
teuflischen Einflüsse dieser Gemeinschaft verweilen.“ Ich wollte mich eben
erheben und still das Haus verlassen und verschwinden, als mich mein Vetter
erblickte, erkannte und lächelnd begrüßte. Dem konnte ich nicht widerstehen.
Die alte Bezauberung erfaßte mich, und ich ging hin, ihn zu begrüßen. Aber
ich fühlte mich immer noch sehr unglücklich, und nachdem ich ihm die Hand
gedrückt hatte, vermochte ich der Frau neben ihm nur kühl zuzunicken. „Was tust du an diesem schrecklichen Ort, Paul?“ fragte ich
ihn mit tiefem Kummer. „Wer hätte geglaubt, daß du so dastehen und solch
schreckliches Zeug reden würdest?“ Die Betrübnis in meinem Tonfall und meinem Verhalten
berührte ihn sichtlich und schien für den Augenblick seinen früheren Zustand
wieder zu beleben. Er sah mich betroffen an wie einer, den man über etwas
Schändlichem ertappt. „Du siehst doch“, stotterte er verlegen, „die Leute hören nicht
mehr auf die alte orthodoxe Predigerei, und ich muß sie doch irgendwie
packen. Es ist die einzige Art und Weise, Einfluß auf sie zu gewinnen.“ „Schlimmer und schlimmer“, klagte ich. Da wandelte sich plötzlich seine Miene. „Überhaupt habe ich
nur die Wahrheit gesagt“, stellte er trocken fest. „Es ist wirklich das, was
ich immer schon geglaubt hatte.“ „O Paul, Paul!“ klagte ich, „hast du denn vergessen, daß
wir in der geistigen Welt sind? Höre mich doch an: wir sind jetzt in der
geistigen Welt, und du stehst am Abgrund der Höllen.“ Er lachte laut auf und spottete: „Man hat dich zum Narren
gehalten, mein armer Vetter. Ich werde dich bald von solcher Torheit heilen.“ Es war alles umsonst, und ich sagte nichts mehr dazu. Sie führten
mich die elende Straße entlang in ihr Haus, eine armselige Baracke mit zwei
Zimmern, mit ärmlichem Hausrat. „Daß du dir solch ein Loch auswählst!“
tadelte ich, indem ich mich angewidert umschaute. „Hier kann doch niemand
leben!“ „Es könnte wohl besser sein“, sagte Paul mit leichtsinnigem
Achselzucken, „aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Ich wundere mich
über dich.“ Offenbar sah er sogar die äußeren Gegenstände in einem
anderen Lichte als ich – armer verlorener Paul! Das ärgerliche Frauenzimmer
rief ihn bald darauf in den Nebenraum, und ich hörte sie ihm bittere Vorwürfe
machen. Die Worte konnte ich nicht unterscheiden, verstand aber wohl, daß sie
über mich loszog. Ich starrte verloren in die Schäbigkeit dieser Behausung
und hatte plötzlich den Eindruck, die schmutzigen Wände fingen an, sich zu
bewegen; wie ein qualliges Ungeheuer drangen sie auf mich ein und drohten
mich einzuschließen. Ich floh ins Freie und versuchte, den ekelhaften
Eindruck zu verwischen. Als ich mich ein paar Schritte entfernt hatte, hörte
ich Pauls Stimme, und über die Schulter blickend sah ich ihn unter der Türe
stehen. „Das ist recht“, rief er, „spaziere nur an den See hinunter.
Ich komme sogleich nach.“ Der See! Diese stinkenden Sümpfe und trüben Pfützen ein See!
Ach! Er war verrückt – unheilbar – wie es das Böse unvermeidlich mit sich
brachte. Die Worte des Engels Uriel kamen mir in den Sinn, der mir erläutert
hatte, daß in der geistigen Welt alle Maßstäbe verliert, wer sich abwärts
zur Hölle wendet, und daß nur die Guten wirklich bei Sinnen sind. Ich folgte
nicht dem Weg zum „See“, sondern spazierte langsam bis ans Ende des Dorfes
und betrachtete mit einer Neugier, die ich vergeblich zu bezwingen suchte,
die abstoßenden Weiber und Männer mit den niedrigen Stirnen, die sich vor
ihren Häusern herumdrückten. Die Grenze der Hölle mußte hier ganz in der Nähe
verlaufen. Ich konnte mir nicht vorstellen daß diese Leute dort eine noch
schlimmere Physiognomie bei sich entwickelten, als sie ihnen jetzt schon
eigen war. Meines Vetters Gesichtszüge wirkten auf mich zwar weniger
unangenehm als die der übrigen, aber auch sie zeigten jetzt den verhärteten
Ausdruck, der an einen Verbrecher gemahnt, während seine Frau ganz und gar
niedrig erschien. Außerhalb des Dorfes setzte ich mich auf einen verwitterten
Baumstamm, unentschlossen, was ich tun sollte. Es war schon spät, und als ich
mich zur Rückkehr anschickte, wurde es dunkel. Über den stehenden Pfützen und
Sümpfen tauchten hier und dort, eines nach dem anderen, Irrlichter auf, die
sich flackernd hinundherbewegten. Sie brannten nicht gleichmäßig, sondern
tauchten unstet und unterbrochen hier und dort wieder auf. Welch treffende
Übereinstimmung zwischen diesen falschen, trügerischen Lichtern und den
falschen Glaubensansichten und verrückten Phantasien der Bewohner dieser
Region! Ich tastete mich zum Dorf zurück, denn jetzt bedeckte tiefe
Finsternis die ganze Gegend, und nur das matte Licht, das durch die Ritzen
der Hütten schimmerte, ließ mich deren Umrisse im Dunkel erkennen. Als ich eine Straße betrat, die ich für die Hauptstraße des
Dorfes hielt, erhob sich die finstere Gestalt eines Mannes vor mir. „Wer bist du?“ fragte er mich mit rauher Stimme. „Wer sind Sie?“ erwiderte ich so freundlich, wie mir das
hier möglich war. „Ich bin ein König“, antwortete er stolz. „Dann gute Nacht, Ihre Majestät. „ Und ich ging weiter. „Warte eine Minute“, rief er, indem er mir nacheilte. „Was
sind deine Ideen über Regierung? Welche Regierung ziehst du vor?“ „In der natürlichen Welt lebte ich in einer konstitutionellen
Monarchie“, sagte ich nach kurzem Überlegen. „Die hat mir immer gefallen.“ „Hier haben wir eine Demokratie, eine herrliche Demokratie.
Wir erlauben nichts anderes“, fügte er mit einem gewissen kriegerischen
Enthusiasmus hinzu. „Aber ich glaubte, Sie seien ein König?“ „Das bin ich auch. Wir alle sind Könige hier, lauter freie
und unabhängige Fürsten.“ „Das scheint mir eher ein billiges Königtum.“ „Ha, denkst du“, sagte er eifrig, „während wir alle Könige
sind, ist einer von uns König aller Könige. Ich spreche von mir selber. Ich
bin ein Kaiser!“ „Ach ich sehe, was wird dann aber aus jener herrlichen
Demokratie?“ Hier geriet er unerwarteterweise in Wut und fing an, mich
zu schmähen: „Ha, Kerl, du wagst zu spotten, dabei hast du überhaupt kein
Recht, mit mir zu sprechen; merke: ich stehe turmhoch über dir, ich bin -.“
Ich hatte mich schnell entfernt und hörte zum Glück den Rest nicht mehr. Aber
ein Stück weiter vorne tauchte eine andere dunkle Figur vor mir auf und
fragte, wer ich sei. „Oh, nur eine ganz gewöhnliche Person“, erwiderte ich. „Sie
aber sind wohl ein König?“ „Gewissermaßen ja.“ „Es gibt, scheint mir, eine gehörige Anzahl Könige hier
herum“, bemerkte ich und setzte etwas scherzend hinzu: „Eine schöne
Demokratie.“ „Aber es sind nur ganz gewöhnliche Könige“, gab er
hochmütig zur Antwort. „Ich bin ein geistiger König. Ich bin der Papst.“ Ich begrüßte ihn höflich und zog es vor, mich gleich zu
verabschieden. Da lief mir dieser „Papst“ mit weniger Würde als Hast nach.
„Warte doch, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen“, flüsterte er mir
geheimnisvoll zu: „Ich bin mehr als ein bloßer Papst. Ich bin der Oberpapst.
Ich bin der anerkannte Herr all der Päpste, die je gelebt haben, seit Petrus
ihnen die Schlüssel übergab.“ „Oho! Also gute Nacht, Ihre allerhöchste Heiligkeit.“ Ich
entschlüpfte in die Dunkelheit. Einige Augenblicke darauf merkte ich, daß ich den Weg
verloren hatte. Wo Pauls Haus stand, konnte ich nicht mehr sagen. Ich blieb
stehen und hielt Umschau. Da näherte sich mir ein dritter Schatten, diesmal
eine Frau. An der Stimme erkannte ich sogleich Fräulein Grub. Ohne nach
meinem Namen oder Anliegen zu fragen, fing sie an, über meinen Vetter
loszuziehen, beschuldigte ihn, er habe sie ohne allen Grund geschlagen und
schmähte ihn mit allen erdenklichen Schimpfwörtern. Es schien ihr nichts
auszumachen, ob sie die Person, mit der sie sprach, kannte oder nicht, wenn
sie nur ihrem Zorn den Lauf lassen konnte. Ich gab ihr keine Antwort und ging
bald davon. Als ich aber sah, daß auch sie mir folgte, begann ich zu rennen
und konnte ihr so glücklich entkommen. Jetzt wollte ich ein Haus aufsuchen, um nach dem Weg zu
fragen, aber als ich drinnen zanken und streiten hörte, versuchte ich’s beim
nächsten. Hier erschien auf wiederholtes Anklopfen niemand, obgleich Licht
durch große Spalten an der Seite der Hütte schimmerte. Ich fühlte mich daher
befugt, an die Spalte zu treten und das Innere zu inspizieren. Der einzige
Mensch im Hause war ein alter, graubärtiger Mann, der saß auf einer Bank, die
Ellbogen auf einen leeren Tisch gestemmt, auf dem eine rauchende Kerze stand.
In dem düsteren Lichte konnte man ein verschmitztes, einfältiges Lächeln auf
seinem Gesicht erkennen, während seine stieren glasigen Augen mit dem
Ausdruck eines fanatischen Entzückens starr auf einen Haufen gerichtet waren,
der zwischen ihm und dem Lichte lag. Was es war, konnte ich aus meinem
Blickwinkel nicht erkennen; da fuhr er mit der Hand darüber, und ich hörte
das Klingeln von Gold oder Silber. Das also war der Gegenstand, der ihn so
faszinierte, ein Haufen Geld, oder wenigstens etwas, das der Geizhals dafür
hielt. Reichtum mußte dieser arme Kerl während seines Erdenlebens wie einen
Gott angebetet haben. Ich klopfte hierauf an die Wand und rief ihm zugleich
mit lauter Stimme zu. Aber er war so in seine Bewunderung vertieft, daß er
für alles andere taube Ohren hatte. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mein Glück im
nächsten Haus zu versuchen. Es war größer und besaß mehrere Fenster, die sogar
noch mit Glas versehen waren, allerdings so wellig, daß es nicht möglich war,
einen Blick ins Innere zu werfen. Dort brannte aber ein Licht; es schien aus
einer Ecke zu kommen, denn es erhellte die Scheiben nur einseitig und
glitzerte auf eine beängstigende Weise grell auf dem Glas. Dieses unheimliche
Licht ließ mich zögern; brütete ein Unheil in diesem Gebäude? Ich bekämpfte
die aufkommende Angst, indem ich mich einen Fantasten schimpfte. Was sollte
mir schon passieren können! So klopfte ich schließlich ein paarmal recht
laut. Sogleich wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet, und zwei Männer und
eine Frau streckten nacheinander die Köpfe heraus. Ihre Gesichter, deren Umrisse
von dem entfernten Licht im Hause nur wenig erleuchtet wurden, wirkten so drohend
und boshaft, daß ich mich nun doch davongemacht hätte, ohne sie anzureden,
wenn sie mich nicht schon gesehen hätten. Jetzt aber mußte ich mich stellen;
ich fragte also nach meines Vetters Haus. „Was sagten Sie?“ fragte das Weib mit einem schmierigen
Lächeln. „Wir wollen ihn niederschlagen und plündern“, flüsterte es
hinter ihr. Während sie den Kopf drehte, fand ich’s aber doch geraten,
hier zu verschwinden. Ich machte kehrt und rannte weg, so schnell ich konnte;
über meine Schulter zurückblickend sah ich, wie sie mir folgten, aber
glücklicherweise war ich schneller ,und so mußten sie mich in der Finsternis
wohl bald aus den Augen verlieren. Ich lief also noch ein Stück, soweit, bis
ich stehenbleiben mußte, um Atem zu holen. Da entdeckte ich zu meiner
schwachen Befriedigung wieder die „Sonntagsschule“. Von hier aus waren wir zu
Pauls Haus gegangen, also konnte ich es sicher auch jetzt wieder finden. Da
ich aber sah, daß die Tür der Sonntagsschule offenstand und das Innere matt
beleuchtet war, trat ich erst einmal hinzu und sah hinein; ich wunderte mich,
daß ich statt eines einzelnen Sprechers ein Gemisch von mehreren Stimmen
hörte. Eine ganze Weile stand ich dort und starrte hinein, und nur langsam
begriff ich, was hier getrieben wurde; da aber wandte ich mich schaudernd ab.
Es gibt gewisse Grenzen, die man nicht überschreiten darf, und was ich bei
Nacht in der „Sonntagsschule“ gesehen habe, will ich hier nicht beschreiben. Nachdem ich wirklich bald darauf an dem Hause ankam, das,
wie ich glaubte, von meinem Vetter bewohnt wurde, wollte ich anklopfen. Aber
eine Anwandlung von Vorsicht ließ mich innehalten. War dies auch sicher der
rechte Platz? Meine letzte Erfahrung hatte mich vorsichtig gemacht. Also
beschloß ich, auch hier erst durch eine Spalte in der Tür zu spähen, und es
war gut, daß ich das tat. Zuerst sah ich nur den dunklen Umriß eines Mannes
und einer Frau, die am offenen Kamin saßen, in dem einige brennenden Kohlen
ein mattes Licht ausstrahlten. Das Gesicht des Weibes war mir unmittelbar zugewandt,
und trotz des Halbdunkels erkannte ich die starren und frechen Augen. Das war
tatsächlich Pauls Frau, die einen Mann liebkoste, der dicht neben ihr saß;
der aber war nicht mein Vetter. Ich verließ den Platz mit Abscheu. Sei es nun, daß die
Gegend besonders dunkel war, sei es, daß das Gesehene mich zu stark
beschäftigte, jedenfalls hatte ich kaum zehn Schritte getan, als ich
unversehens gegen jemanden stieß, der mir entgegenkam. Der Stoß war ihm
offenbar ebenso unangenehm wie mir, das ließ sich aus dem lauten Fluche
schließen, den er ausstieß. Ich erkannte aber sogleich Pauls Stimme. „Ich bitte um Verzeihung“, sagte ich höflich, „kennst du
mich denn nicht?“ „Oh, du bist es?“ antwortete er nach einer vollen Minute,
während der er seinen Zorn zu zügeln suchte. „Wo bist du denn gewesen, ich
konnte dich gar nicht mehr finden.“ Ich erzählte ihm, ich habe den Weg verloren und wisse auch
jetzt noch nicht genau, wo sein Haus zu finden sei. Dann redete ich
eindringlich auf ihn ein: „Mein lieber Paul, komm mit mir, fort aus diesem
schrecklichen Orte. Ich kann nicht glauben, daß du wirklich bist, was du zu
sein scheinst. Du bist das Opfer böser Einflüsse – jenes böse Weib hat dich
hinabgezogen. Aber es ist doch wohl noch Zeit. Warum willst du hier bleiben?
Das Weib, das dich betört hat, ist dir untreu. Höre auf mich, sie ist dir
nicht treu.“ Er wollte mehr wissen, und ich berichtete ihm, was ich dort
vor dem Kamin gesehen hatte. Ruckartig drehte er den Kopf und starrte einen
Augenblick bewegungslos auf das Haus, dann stürzte er mit einem schrecklichen
Fluch darauf zu. Statt ihm zu folgen, zog ich mich noch weiter zurück, blieb
aber stehen, als ich hörte, wie die Tür von außen eingeschlagen wurde. Auf
diesen Lärm folgte sogleich das Toben eines verzweifelten Kampfes, das Umfallen
eines Tisches, Flüche, dann der Schreckenschrei eines Weibes. Wie lange das
Ganze dauerte, weiß ich nicht. Entsetzt drückte ich mich an die Wand, als
das elende Weib krächzend und heulend an mir vorbei humpelte. Da ich Pauls
Zornesstimme hinter ihr vernahm und ich mich fürchtete, ihm jetzt näher zu
kommen, verbarg ich mich in einer finsteren Nische und ließ ihn vorbeilaufen. Kurz darauf – ich hatte mich bisher nicht zu rühren gewagt-
sah ich zwei dunkle Schatten an mir vorbeihuschen und hörte sie einem dritten
zurufen: „Hast du einen Mann gesehen, eben gerade, er muß hier durchgekommen
sein. Der Kerl erdreistet sich, unsere Regierungsform zu bekritteln!“ Noch
eine ganze Weile schrien sie wütend in der Straße herum. Ich erkannte dabei die
Stimmen der zwei „Könige“ oder vielmehr des „Kaisers“ und des „Herrn aller
Päpste.“ Natürlich hütete ich mich, ihnen meine Nähe zu verraten, und zog
mich sachte noch ein bißchen weiter ins Dunkel zurück, soweit es ging. Hier
fühlte ich mich vor einem Zusammentreffen sicher. Die Nacht war aber immer
noch voll von Gefahren. Ich wagte mich nicht einmal in meines Vetters Haus
und entschloß mich, im Freien zu bleiben, wo mich wenigstens die Dunkelheit
schützte. Ich schlich sachte und vorsichtig, um nur ja kein Geräusch zu
verursachen, um einige Ecken, bis ich eine geschützte Stelle fand, die
wenigstens soviel Platz bot, daß ich ab und zu meine Stellung verändern
konnte; und nun hieß es warten. Oh, diese Nacht des Schauderns, der fortdauernden
Bangigkeit! Einmal öffnete sich ganz in der Nähe eine Türe, und ich erkannte
ein Gesicht, das mein Herz vor Schrecken beinahe erstarren ließ. Downing! –
Downing, der böse Geist, der mich einige Wochen vorher in das Scheinparadies
verlockt hatte. Er war auch hier. War ich denn schon in der Hölle? Wohl eine
Stunde ging ich rastlos in meinem Winkel auf und ab und betete um Erlösung
aus meiner Lage. Aber es gab keine Besserung. Die Finsternis nahm eher noch
zu. Ich sah kaum noch die Hand vor den Augen. Und immer wieder ertönte hier
ein Fluch, dort ein Schlag, von einem Schmerzensschrei begleitet, dumpf oder
gellend, je nach dem Geschlecht des Opfers. Dann wieder erschütterte das
Toben eines wilden Kampfes eine morsche Baracke. Wenn das doch nur eine
schreckliche, schwarze Versuchung wäre, die bald zu einem Ende kommen mußte!
Oder war ich verloren? O Himmel, war ich verloren? Keine Rettung! Jetzt erhoben sich nämlich dunkle
Schattenbilder rund um mich in undeutlichen Umrissen. Sie umgaukelten mich
gleich Fledermäusen und schienen auf die mein Gehirn quälenden Gedanken zu
horchen. Sie tanzten von allen Seiten um mich herum und versperrten mir jeden
Weg. Dann drängten sie in Gruppen auf mich ein, zeigten auf mich, flüsterten
und lachten leise, spottend. In meiner Seelenangst betete ich, bis ich nicht
mehr beten konnte, um Befreiung von dieser teuflischen Rotte. „Wir kennen dich!“ schienen mir die Schattenbilder zuzuraunen.
„Wir haben gehört, wie du vorgibst, gut zu sein, aber wir lachen deiner, du
prahlst mit Erinnerungen deiner guten Taten, aber sie sind auch nicht besser
als die unsrigen, auch sie entsprangen immer nur der Liebe zu dir selber. Wir
sagen dir: hör endlich auf, dich selbst zu täuschen, denn tief in deinem Herzen
erkennen wir das Wahrzeichen der gespaltenen Klaue. Du gehörst zu uns! Du
kannst dich sträuben, dich wehren und dich loszuringen suchen, aber es ist
zu spät. Dies ist die Hölle, der kannst du nicht entrinnen!“ Ich hielt mir die Ohren zu. Ich krümmte mich zur Erde
nieder und versuchte wieder, meine Gedanken zum Himmel zu erheben. Aber ich
konnte nicht mehr beten. Eine kalte, unerbittliche Hand umklammerte mein
Gehirn. Der Schatten der Höllenmacht lastete auf mir. Die dichte, schwarze
Finsternis wurde ein Ungeheuer mit tausend Armen, die mich umschlangen. Zu
spät – zu spät. Alles war vorbei. Aber dennoch löste sich ein letzter Angstschrei aus meiner
gequälten Seele: „Oh, laß mich nicht aufgeben! Mein Herz ist tot, und zu
beten habe ich kein Recht, aber dies eine weiß ich noch: lüfte ein wenig nur
das Dunkel über meiner Seele! Laß nur einen Strahl deiner Himmelssonne zu
mir dringen, die ewig heiter über allen Wolken steht! Grimmige Geister,
stracks aus der untersten Hölle herauf, mögen mich mit Giftesworten schmähen,
sie mögen die Erde mit Todesschauern tränken, meine Seele mit Schreckensnacht
verdunkeln, wenn nur ein einziger Strahl … Aufgeben? Nimmermehr! Die
Teufelsrotten sollen ihre finsteren Schatten bis zum Himmel türmen – was sind
sie schon vor einem einzigen Strahl deiner Sonne!“ Und endlich graute der Morgen, das Dunkel begann sich zu
lichten. Umrisse von Gegenständen und Häusern zeigten sich. Das
Schreckensbild, das mich gemartert hatte, war verschwunden. Die schwarzen
Geister hatten meine Seele freigegeben. Die Trennung Aber der Tag brach doch nicht an. Statt der dichten
Finsternis erhob sich ein graues Zwielicht, wie man es auf der Erde während
einer Sonnenfinsternis beobachten kann. Doch selbst das bedeutete mir Erleichterung.
Ich schöpfte Hoffnung und bemerkte, daß ich körperlich nicht so ganz und gar
erschöpft war, wie ich es vorher empfunden hatte. Meine schlechte Verfassung
war hauptsächlich der geistigen Qual zuzuschreiben. Nach einigem Nachdenken
begab ich mich noch einmal zu meines Vetters Haus, fest entschlossen, ein
letztes Mal mit ihm die Sache zu besprechen und ihn dann auf ewig zu
verlassen. Ich fand ihn unter seiner Türe sitzen, eine schmutzige Tonpfeife
im Munde, während er über die toten Pfützen und Sümpfe hinwegschaute. Wie
seine Züge jetzt in hellerem Lichte deutlich hervortraten, drängte sich mir
der Kontrast auf zwischen seinem jetzigen rauhen Äußeren, dem bösartigen
Ausdruck seiner Augen und der freundlichen Miene, die er in der Welt zur
Schau getragen hatte. „Da ist nichts mehr zu machen, er ist für immer verloren!“
sagte ich zu mir, als ich ihn beobachtete, während ich näher zu ihm trat.
„Aber ich will doch dieses eine Mal noch mit ihm reden.“ – „Welch ein trüber
Morgen“, sagte ich. Er blickte mich an, in Gedanken vertieft – beinahe, als ob
er mich nicht kennte, und entgegnete endlich: „Ich habe noch nie einen
schöneren Morgen gesehen.“ „Wie befindet sich deine“ – ich brachte das Wort „Frau“
nicht über die Lippen. „Wie befindet sie sich heute morgen?“ Ich wollte wissen, ob sie vielleicht durch die Mißhandlung
verhindert sei, sich zu zeigen, und zugleich befürchtete ich, er werde in
Zorn ausbrechen, wenn ich sie erwähne. „Sie ist drinnen.“ Das klang recht gleichmütig. Gleich darauf sah ich sie, und wie es schien, hatten die
Schläge weiter keinen Eindruck auf sie gemacht. Sie kam an die Türe, streckte
den Kopf heraus und schaute sich nach beiden Seiten um. Nachdem sie mir dabei
einen grimmigen Blick zugeworfen hatte, zog sie sich wieder zurück. Ich wollte gerade ein Gespräch mit Paul anknüpfen, als ich
mir bewußt wurde, daß sich jemand hinter mir befand, dessen Gegenwart mir
einen furchtbaren, lähmenden Schmerz zufügte. Ein schneller Blick über die
Schultern zeigte mir, daß ein Mann nahe zu mir herangekommen war und
schweigend dastand, indem er beinahe meine Kleider berührte. Mit einem Schreckensschrei
sprang ich zur Seite und wandte mich ihm entgegen. Da erkannte ich ihn mit
Schaudern: Downing! Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen
betrachtete er mich. Er schien sich an meiner Furcht zu laben und mit einem
leisen Lachen, das in mir noch lange nachklang, ging er weiter und verschwand
in meines Vetters Hause. „Paul! Kennst du diesen Menschen?“ rief ich in größter
Aufregung, nachdem ich wieder freier atmen konnte. „Natürlich kenne ich ihn“, versetzte er, „er ist ein guter Freund
von mir.“ „Er ist ein böser Geist – ein Teufel“, schrie ich. Paul lachte laut auf. „Du amüsierst mich“, sagte er. Es wäre gut für mich gewesen, hätte ich mich jetzt von ihm
getrennt und mich selber in Sicherheit gebracht. Aber statt dessen blieb ich
noch stehen und bat Paul noch einmal inständig, sich zu retten und diese vor
der Hölle stehende Gemeinschaft zu verlassen. Da sprang er plötzlich auf. „Es ist endlich Zeit, diesem
Unsinn zu steuern“, rief er zornig. „Du bist unverbesserlich – Du bist verrückt.
Deinen Augen erscheint alles verkehrt – Du schwatzest wie ein Narr.“ „Paul, Paul!“ rief ich in Verzweiflung aus. „Ich erkenne diesen Namen nicht mehr als den meinigen“,
schrie er mit wild glühenden Augen. „Ich kenne keinen solchen Namen. Ich bin
unnennbar. Weißt du warum?“ „Nein, das weiß ich wirklich nicht.“ „Ich will’s dir sagen. Ich bin ein Gott.“ Ich fuhr zurück mit einem Ausruf des Schreckens. „Ja, ich bin ein Gott, und du weißt es gut genug. Knie
nieder und bete mich an, du elender Schuft.“ Da stand er in seiner widerlichen Schäbigkeit und versuchte,
mich durch seinen triumphierenden Stolz einzuschüchtern. Ich hatte meine
Ruhe sofort wieder gefunden. „ Ein Gott, wirklich!“ sagte ich voller Verachtung.
„Du ein Gott!“ „Was!“ schrie er mit der Wut des Wahnsinns, „siehst du
meine Feuerkrone nicht? Siehst du nicht, wie die Blitze zucken in meiner Hand
?“ „Ich sehe einen Verrückten, der Theater spielt“, sagte ich. „Ich mache, daß du es siehst!“ schrie er. Er sprang an die Türe der Hütte und rief: „Kommt heraus,
kommt heraus!“ Und als Downing und das Weib erschienen, brüllte er los: „Auf
ihn, alle beide! Er sagt, ich sei kein Gott – er wagt zu behaupten, ich sei
kein Gott! Habt kein Mitleid mit ihm.“ Ich wollte fliehen, aber sie waren mir zu schnell. Mein
Vetter und das Weib sprangen vor mich hin, Downing hinter mich. Was der
letztere tat, konnte ich nicht sehen, mein Vetter und das Weib hefteten nur
ihre Augen auf mich und konzentrierten ihre Gedanken. Dies verursachte mir
solche innerliche Qualen, daß ich hätte aufschreien mögen. Mit aller Kraft
kämpfte ich dagegen an, aber mein Widerstand verdoppelte nur meine Marter.
Ich glaubte zu ersticken, tot umzufallen. Dann auf einmal schien es, als sehe
ich, was mein Vetter haben wollte – eine Feuerkrone auf seinem Haupte und aus
seiner Rechten hervorzuckende Blitze. Hinter ihm, wo die Pfützen und Sümpfe
lagen, schimmerten, wie er es vorher geschildert hatte, klare Seen. „Aha! Jetzt bist du soweit!“ hörte ich ihn triumphieren. „Stimmt, ich sehe es, aber es ist nur eine Lügenphantasie“,
gab ich zurück, denn ich stritt noch immer dagegen. „Es ist nichts als
teuflische Gaukelei!“ Im Geiste weiterkämpfend warf ich mich auf die Knie nieder
und betete um Befreiung aus dieser höllischen Umstrickung. Da tanzten sie
ausgelassen um mich her und versuchten mit ihren Zauberkünsten, mich zu
fesseln und zu überwältigen. Aber jetzt endlich kam die Erlösung. Plötzlich
sah ich wieder mit meinen eigenen Augen. „Hört ihn beten!“ hatten sie höhnisch geschrien, aber als
ich mich nun erhob, fühlten sie, daß eine ihnen überlegene Macht ihre
Schlingen zerrissen hatte; und ihre Wut war entsetzlich. Mit lauten, sich überschlagenden
Flüchen stürzten sie auf mich zu, verdoppelten ihre Anstrengungen, umringten
mich wieder und musterten jeden Teil meines Körpers, jede Miene, jeden
Gedanken, um irgendwo eine Blöße zu entdecken, wo sie mich verwunden könnten.
Die Qual, die ich während des Gebetes weniger gespürt hatte, nahm wieder zu. „Erschlagt den Heiligen!“ schrie Paul mit wildem Lachen. „Nein, foltert ihn zuerst! „ forderte Downing und ballte
die Fäuste. Da hatte wie durch Zauberei jeder einen Dolch in der Hand,
und nun bedrohten sie mich damit. Im wilden Schrecken riß ich mich los und
entrann. Ich rannte blindlings und stand schließlich am Rand der Pfützen und
Sümpfe. Es gab keinen Ausweg, ich mußte hinein, denn dicht hinter mir
stürmten sie heran mit dämonischem Schrei. Ich sank ein bis an die Knie – bis
an den Leib, ich rang mich vorwärts mit der Kraft der Verzweiflung. Ich strampelte
und schlug um mich und kam irgendwie voran. Aber es half mir nichts. Auch sie
warfen sich hinter mir in den Schlamm und kamen mir näher und näher, sie
legten sich in den Kot und wälzten sich nach vorne, dann schwammen sie
wieder wie die Fische und glitschten über den Schlamm wie Schlangen.
Vermeinten sie in dem See zu schwimmen? Trotz verzweifeltem Ringen konnte ich
ihnen nicht entkommen, immer waren sie da. Zur Rechten, zur Linken, hinter
und vor mir, mit ihren drohenden Dolchen. War das nun Wirklichkeit oder ein höllischer Traum? Wohin
ich mich drehen und wenden mochte, eines dieser Gespenster kam mir immer
entgegen, fletschte die Zähne oder wand sich wie eine Schlange über meinen
Weg mit einem die Seele durchschneidenden Schrei. Ach – aufgeben, aufgeben! Es hatte keinen Sinn mehr, diesen
Marterkampf weiterzuführen… Oder doch? Ich war nicht eigentlich am Ende
meiner Kraft, nur müde, verzweifelt, verloren -. Aber endlich war der Sumpf
doch bezwungen; ich raste weiter durch den Schlamm eines seichten,
verlandenden Teichs. Jetzt stieg das Gelände an und wurde trocken. Ich quälte
mich eine sandige Anhöhe hinauf und floh jetzt durch die wüste Steppe, die
von einer ungeheuren, alles versengenden Sonne ausgedörrt schien und mit
scharfen Steinen und dornigen Sträuchern übersät war. Aber auch hier half mir
meine ganze Schnelligkeit nichts: ob ich diese Richtung wählte oder jene,
sofort sprang eine Gestalt hinter einem Strauch oder einem Felsen auf –
dunkel, drohend, Höllenangst verbreitend. Und ich rannte und rannte. Längst hatte ich alle Hoffnung auf Errettung verloren und
war überzeugt, sie würden mich doch endlich in die Abgründe der Hölle
treiben. Aber ich rannte weiter, bis der Himmel über mir sich schwarz und der
Boden sich blutrot färbte, bis die Luft mir heiß und mit giftigem Pesthauch
in die Lungen drang und ich verzweifelt nach Atem rang. So prallte ich an
einer senkrechten Felsenmauer auf, die mir jeden Weiterweg versperrte. Ich
hörte meine Verfolger in ein Triumphgebrüll ausbrechen und wußte, daß das
Ende nun gekommen war. Ich warf mich zur Erde nieder und schlug mit allen
Vieren auf den Stein. So kommt denn her! So kommt denn her! Und sie kamen. Mit satanischem Gebrüll, höhnischem
Gelächter – und mit gezückten Dolchen stürzten sie auf mich zu. Ich schloß
die Augen. – Aber da! Auf einmal fühlte ich mich vor ihnen sicher. Der Druck,
die Hitze verschwanden, das Geschrei verstummte, die stechenden Qualen waren
weg, alles ruhig in mir drin – Friede. Ich war gerettet. Ein Himmelswesen war zugegen. Als ich die Augen wieder
öffnete, sah ich einen Engel über mir stehen. Aus ihm strahlte ein mildes,
mächtiges Licht über mich hin, meinen Feinden entgegen, vor dem sie mit
Schrecken und Schaudern wichen. Ich umarmte des Engels Füße und umklammerte
sie fest. Ich fühlte mich wie einer, der einem wilden, rasenden Sturm
entrissen, aus dem Höllenrachen errettet, in eine unbezwingliche Felsenburg
emporgezogen wird. Aus der sicheren Festung blickte ich nun auf meine
heulenden Feinde, die vor Wut über ihre Ohnmacht rasten. Eine schreckliche
Veränderung war über sie gekommen. In dem Himmelslicht betrachtet, glichen
sie unmenschlichen Scheusalen, mit gespaltenen Klauen und Raubtierkrallen.
Meines Vetters Gesicht erschien dunkel, mißgestaltet, mit Haaren bedeckt. Das
des Weibes scheußlich von Warzen und Geschwüren verunstaltet. Downing war
leichenblaß, seine Augen dunkelrot wie Klumpen von Blut. Die Leiber aller
drei waren die von Ungeheuern. Und während ich hinschaute und die Schreckbilder betrachtete,
wurde die ungeheure Felsenmauer von einem Erdbeben zerrissen und tat sich
auf, und eine schwarze rußige Spalte zeigte sich, die sich schräg hinunter erstreckte,
„grundlos, als ging’s in der Hölle Raum.“ Daraus quoll nun ein dicker,
dunkler Qualm wie aus einem unterirdischen Feuer, der mir den Atem benahm
und mich mit Ekel und Abscheu erfüllte. Aber als diese Wolke die Ungeheuer
berührte, gerieten sie in Verzückung. Sie hüpften ihr mit vielfältigen
Freudenbezeugungen entgegen und hatten mich ganz und gar vergessen. Mit
gellendem Gebrüll, das einer offensichtlich tierischen Lust entsprang, liefen
sie einander nach zum Eingang der Spalte, stürzten sich kopfüber hinab und
entschwanden meinen Blicken. Ich schloß die Augen, um nichts weiter sehen zu müssen. Da
umfing mich die Dunkelheit, überflutete mein Gemüt und löschte mein
Bewußtsein völlig aus. Zu Füssen Uriels Als ich wieder zu mir selber kam und meine Augen aufschlug,
sah ich zuallererst das ruhige Antlitz des Engels Uriel. Dann stellte ich
fest, daß ich mich an einem anderen Ort befand: auf einem Ruhebett in einem
Haus, und daß meine Kleider keine Spur mehr von dem Schmutz und Schlamm des
Sumpfes an sich trugen. An Leib und Seele war ich genesen. Ich setzte mich
auf und hielt meine Augen unverwandt auf das Antlitz des Engels gerichtet.
Ich vergaß sogar, ihn zu begrüßen. „War alles ein Traum?“ fragte ich. „Nein, es war kein Traum, obgleich du bis jetzt geschlafen
hast.“ „Dann stürzten sie sich also in den schrecklichen Abgrund
und kamen um?“ „Ganz und gar nicht. Sie kamen sogar ohne Erschütterung
unten an. Sie stürzten sich nur aus freiem Entschluß durch eines der Tore in
die Hölle.“ „Aber der Rauch, das Feuer?“ „Es war kein wirkliches Feuer. In einiger Entfernung
erscheinen die Höllen wohl voll feuriger Flammen, aber das ist nur eine
Vorspiegelung, die auf einer Entsprechung gründet. Was man Höllenfeuer nennt,
ist das Feuer der Liebe zu sich selbst, der bösen Lüste, des Hasses. Die
Lust, Böses zu tun, das ist das Höllenfeuer, das nie erlischt und worin die
Bösen zu brennen scheinen.“ Ich hing an seinen Worten. Sein Gesicht und seine Augen,
mehr noch als die Worte selbst, deren ich mich jetzt nur undeutlich erinnere,
erleuchteten mein Gemüt. „Ah, jetzt verstehe ich’s“, sagte ich voll Freude,
daß mir dieser große, vorher verborgene Zusammenhang jetzt klar wurde. „Was
für Ungeheuer sie waren!“ fügte ich dann traurig hinzu. „So sieht es aus, wenn das Licht des Himmels auf sie fällt;
in ihrem eigenen Lichte zeigen sie sich anders. Es ist ein Werk der
göttlichen Barmherzigkeit, daß sie ihre eigene Mißgestalt nicht sehen,
sondern sich selbst und allen anderen um sie her als mehr oder weniger
vollkommene Menschen erscheinen. So sehen sie auch die Hölle nicht dunkel
und schaurig, denn in ihrem verkehrten Zustande halten sie alles, was
wirklich häßlich und widrig ist, für schön. Das kommt daher, daß sie nicht
das Gute, sondern das Böse und das Häßliche lieben. Sie wohnen in Gemeinschaften
wie jene, die du erst kürzlich am Rande der Hölle gesehen hast. Und sie sind
dort glücklicher als anderswo, weil sie die Gelegenheit haben, ihre bösen
Lüste in äußerlichen Handlungen zu betätigen.“ „Aber leiden sie dort keine Qualen?“ „Und wie! Bittere Qualen, die die Missetat immer mit sich
bringt. Wäre dem nicht so, so könnten die bösen Geister nicht in Schranken
gehalten werden. Gott will, daß selbst in den Höllen eine gewisse Ordnung
herrscht. Deshalb werden die Teufel gezwungen, für das tägliche Brot zu
arbeiten, und es wird nicht zugelassen, daß sie all die Bosheiten ausführen,
die sie in ihren verderbten Gehirnen aushecken. Das peinigt sie mehr, als du
dir vorstellen kannst. Aber da die Liebe die Essenz des Lebens ist, wird den
Höllengeistern eine beschränkte Befriedigung ihrer bösen Lüste gestattet. Denn
sonst würden sie ganz und gar ihres Daseins beraubt.“ „Paul! Jetzt ist er ganz und gar verloren“, seufzte ich,
und Tränen stiegen mir in die Augen. „Trauere nicht um ihn“, tröstete der Engel. „Er ist dorthin
gegangen, wo er mehr als sonstwo seinen Begierden frönen kann.“ „Es fällt mir schwer, an ihn als einen dort Versunkenen zu
denken.“ Ich schauderte. „Er schien immer so freundlich, so gut.“ „Und doch entsprang alles, was er in den letzten Jahren
getan hat, nur der Liebe zu sich selbst. Er war freundlich, um Einfluß zu
gewinnen. Er wollte seiner egoistischen Zwecke wegen über andere herrschen.
Eine gute Handlung um ihrer selbst willen, ohne Aussicht auf Belohnung, war
in seinen Augen die größte Torheit. Solch ein Mensch liebt weder die Kirche
noch sein Vaterland, weder das allgemeine Wohl noch den Nächsten noch sonst
irgend etwas außer sich selbst. So entwickelt er in sich keinen Engel, sondern
einen Teufel.“ „Er schien immer so gerecht“, fügte ich beharrlich hinzu.
„Ich erinnere mich genau, wie er öffentliche Ämter zu vergeben hatte; aus
Abscheu für die Vorliebe, die andere hochstehende Männer für ihre Verwandten
zeigten, stieß er alle Ansprüche seiner Verwandten zurück und erntete allgemeines
Lob dafür.“ „Das war keine Gerechtigkeit“, belehrte mich der Engel.
„Wir sollen den Nächsten lieben und ihm Dienste erweisen, soweit er gut ist.
Nach diesem Maß sind unsere Blutsverwandten nicht öfter und nicht seltener,
aber ebensogut wie andere, unsere Nächsten. In diesem Fall fragte es sich
nur, wer am fähigsten für diese Stellungen war, und dieser Mann sah
zweifellos unter seinen Verwandten Bewerber, die sich gut für diese
Stellungen geeignet hätten, aber um Ehre für sich zu ernten, war er ungerecht
gegen sie und wies sie ab.“ „Du sprichst sehr bestimmt –„ „Ja, denn ich war dabei, als er seiner inneren Beschaffenheit
nach untersucht wurde, und ich kenne den Mann.“ „Wie ‚untersucht’?“ „Wer einige Zeit in der Geisterwelt gewesen ist“, erklärte
mir Uriel, „muß sein Inneres nach außen kehren. Dann wird seine wahre
Beschaffenheit untersucht. Es heißt, sein Lebenslauf werde verlesen. Das geht
so vor sich, daß der Geist unter einen besonderen Einfluß gerät, durch den
sein natürliches Gedächtnis in Tätigkeit gesetzt wird und er sich alles
dessen erinnert, was er je bei Leibesleben getan hat. Dies wird, während es
wie ein Film vor ihm abläuft, von den Prüfungsengeln durchforscht. Er wird
dann beurteilt, nicht aufgrund des Bösen, das er begangen hat, sondern gemäß
seiner jetzigen Einstellung zu diesem Bösen. Die Unverbesserlichen ergötzen
sich an den Bildern ihrer bösen Taten, wogegen, wer selig werden kann, sich
dabei vor Scham und Reue verkriechen möchte. Dieser Mann, der dir dem Blute
nach verwandt ist, war weit entfernt davon, Reue zu fühlen, und zeigte ein unverkennbares
innerliches Frohlocken, als das Verzeichnis seiner Arglist, seiner Heuchelei
und seiner geheimen Schlechtigkeiten an ihm vorüberzog.“ Trotz allem, was ich eben vernommen, und allem, was ich
vorher gesehen und gehört hatte, stellte ich nun doch eine törichte Frage.
Ich wollte nämlich wissen, ob der Herr in seiner unendlichen Barmherzigkeit
einen bösen Menschen denn nicht trotzdem retten könne. „Der Herr bricht die ewigen Gesetze der Ordnung nicht, nie
verwandelt er den Habicht in eine Taube oder den Wolf in ein Lamm“,
antwortete Uriel in sehr bestimmtem Ton. „Es entspricht dem göttlichen Willen
und seiner Barmherzigkeit, daß der Mensch in die natürliche Welt gestellt
wird im Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Bösen, frei, das eine oder das
andere zu wählen. Würde man gezwungen, das Gute zu wählen, so würde man der
gottähnlichen Gabe der Freiheit beraubt, und man wäre nicht länger ein
Mensch, sondern ein bloßer Automat, ein willenloses Getriebe. Der ganze Zweck
der Schöpfung, ein Himmel, gebildet aus Menschen, aus allen Menschen guten
Willens, die je gelebt haben oder leben werden, würde vernichtet. Es ist
besser, daß ganze Heerscharen sich zu Teufeln entwickeln, als daß die
Menschheit aller Zeiten zu leblosen Maschinen verkommt. Ja, es ist sogar weit
besser, daß ein Mensch lebt und ein Teufel wird, als daß er gar nicht lebt.
Denn selbst die Teufel, trotz ihrer Qualen, finden einen Genuß im Leben und
haben ihre eigenen Befriedigungen und Vergnügungen. Um zu verstehen, wie unmöglich es ist, daß der Mensch durch
einen bloßen Akt der göttlichen Barmherzigkeit in den Himmel kommt, muß man
wissen, wie das Lieben und Tun des Guten oder des Bösen die eigentliche
Substanz der Seele beeinflußt, wie es diese aufbaut und formt, so daß sie
mindestens ihre charakteristische Anlage erhält, die später wohl noch
ausgestaltet, aber nie mehr geändert wird. Dann wird es klar, daß der Mensch
in freier Entscheidung seinem Geist eine Bahn bestimmt, auf der allein er den
ihm passenden Lebensraum erreichen kann. Nichts wird ihn jemals von dieser
selbstgewählten Richtung wieder lösen. Daher kommt es, daß die Bösen sich freuen,
wenn sie die unsauberen Ausdünstungen der Hölle wahrnehmen, und daß sie sich
mit Freuden darein stürzen, wenn ihnen der Weg dorthin geöffnet wird. Würde
der Geist, von dem wir sprechen, in den Himmel erhoben, so wäre es ihm so
unmöglich, dort zu atmen, wie einem Fisch auf dem Trockenen. Er könnte die
Himmelsluft, in der die Engel wohnen, nicht aushalten, sie würde ihm
unsägliche Qualen bereiten. Ich habe einige so leiden sehen, die sich selbst,
in Unkenntnis der genannten Gesetzmäßigkeit, des Himmels würdig erachteten.
Als sie mit Erlaubnis sich einer Himmelsgesellschaft näherten, wurden sie von
schrecklichen Schmerzen befallen und fielen wie tot zu Boden, aber sobald
ihnen die Himmelsluft entzogen wurde und sie wieder zu sich kamen, flohen sie
mit einem Schreckensschrei und stürzten glücklich an ihren dunklen Ort
zurück.“ Ehe der Engel mich verließ, befragte ich ihn über den
Herrn. Wohnt er, der Gott des Himmels und der Erde, wie ein König unter den
Engeln, oder thront er noch an einem Platz oder auf einer Stufe über ihnen?
Diese Frage hatte mich schon lange bewegt, aber nie hatte ich den Mut besessen,
sie zu stellen. „Selbst die höchsten der Engel lassen sich nicht mit dem
Herrn vergleichen“, erklärte Uriel. „Er wohnt in unendlicher Entfernung über
ihnen, und die höheren Engel nehmen ihn als eine herrliche Sonne wahr, und
die unter ihnen stehenden Engel als einen hellglänzenden Mond. Käme er in all
seiner Herrlichkeit zu ihnen herab, um unter ihnen zu wohnen, so würden sie
geblendet, ja, sie würden vergehen. Deshalb ist der Herr selbst für die
Himmelsbewohner unerreichbar, und die Engel beten ihn nicht von Angesicht zu
Angesicht an, sondern in Tempeln, ähnlich wie auf Erden. Aber es gibt Zeiten,
da der Herr sich wie mit einem Schleier umhüllt und herabsteigt und so den
Engeln als ein herrlicher göttlicher Mensch erscheint, ihrem Zustand
angepaßt, daß er sie weder blendet noch sonstwie schädigt. Zu solchen Zeiten
sind die ganzen Himmel von einem Ende bis zum anderen verklärt. Ein
prächtiges Licht von wunderbar schönem und mannigfaltigem Farbenglanz ruht
auf allem, und die Engel werden von unbeschreiblicher Glückseligkeit erfüllt.“ „Und hast du ihn schon so geschaut?“ fragte ich mit bangem
Ehrfurchtschauer. „Ja, ich habe ihn gesehen, und mein ganzes Herz schlug ihm
entgegen in Liebe und Anbetung. Ich habe Freudentränen vergossen und habe es
nicht verhindern können. Mit Stimmen, die heiser klangen vor innerem Glück,
sangen wir eine Dankeshymne. Und als er sich uns näherte, fielen wir vor ihm
nieder. Er blickte auf uns alle. Alle und jeden schaute er an, als er
vorüberging, also auch mich. Als ich mit einer mir unbekannten Zuversicht
seinem Blick begegnete, da fühlte ich das Licht seiner göttlichen Weisheit
mein Gemüt durchdringen und erleuchten und seine Liebe meine Seele beleben.
Ich fühlte mich auf unbeschreibbare Weise gestärkt und bestätigt, denn ich
hatte den Quell des Lebens gesehen und hatte die Empfindung, daß ich nun erst
begonnen hatte zu leben.“ Des Engels Stimme klang leise, aber begeistert, voll der
innigsten Ehrfurcht. „Erzähle mir doch, wie er aussah.“ Ich wagte nur noch zu
flüstern. „Das Bild in meinem Inneren ist ganz undeutlich und verschwommen.
Beschreibe ihn mir – sage mir alles, was ein so Unwürdiger wie ich wissen
darf.“ „Er war angetan mit einem bis auf die Füße herabfließenden
Purpurgewand, das prächtig wie von einer Flamme erglänzte und auf seinem
Haupt trug er eine Krone wie von lebendigen Sternen. Und sein Antlitz – wie
kann ich das von göttlicher Majestät und Herrlichkeit strahlende Antlitz
beschreiben? Ich sah es, und wiederum sah ich es nicht. Es war, als ob all
das Licht und die Schönheit des ganzen Himmels dort ihren Ausgang nähmen. Und
doch war ein menschliches Wohlwollen darin ausgedrückt, das ich dir nicht
schildern kann; sein Anblick blendete nicht und erschreckte nicht. Er war
wahrhaftig Gott und zugleich Mensch, - der große Schöpfer in dem
verherrlichten Menschlichen des Herrn, unseres Heilandes. Ich habe mit Engeln
gesprochen, die als Menschen auf der Erde gelebt haben, als er dort im
Fleisch wandelte, und sie sagten, als sie ihn nun erblickten, es sei
derselbe, ganz und gar derselbe.“ Als ich dies hörte, kamen mir Worte aus dem heiligen Buch,
der irdischen Bibel, in den Sinn: „Und sein Angesicht leuchtete wie die
Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ So heißt es von der Verklärung
auf dem Berge. Und dann die Worte in der Offenbarung, wo Johannes
beschreibt, wie der Herr ihm auf der Insel Patmos erschien: „Und ich sah einen, der dem Menschensohne glich, mit einem
Talar angetan, und um die Brust mit einem goldenen Gürtel umgürtet. Sein
Haupt und die Haare weiß, wie weiße Wolle, wie Schnee, und Seine Augen wie
eine Feuerflamme. Und Seine Füße wie Erz, im Ofen geglüht, und Seine Stimme
wie die Stimme vieler Wasser … Und Sein Angesicht, wie die Sonne leuchtet in
ihrer Kraft. Und da ich Ihn sah, fiel ich wie tot zu Seinen Füßen. Und er
legte Seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht. Ich bin der
Erste und der Letzte, und der Lebendige. Und ich ward tot, und siehe, Ich
bin lebendig in die Zeitläufe der Zeitläufe, Amen. Und Ich habe die Schlüssel
der Hölle und des Todes.“ Nach Osten Bald darauf erhob sich Uriel, um mich zu verlassen, nachdem
er mir mitgeteilt hatte, er sei zurückgerufen worden. Mit einem warmen
Händedruck verließ er mich und war alsbald verschwunden. „Oh, wenn auch ich eines Tages den Herrn der Herrlichkeit
sehen dürfte, wenn er unter die Engel herabsteigt!“ Der Gedanke durchdrang
mich vom Kopf bis zu den Füßen und bis hin in die letzte Faser meines
Körpers, als ich still dasaß und das Gehörte überdachte. Ich tadelte mich
selber ob meiner Vermessenheit, aber der Wunsch kehrte immer wieder zurück:
„Daß es diesen Augen vergönnt wäre, ihn zu schauen!“ Innerlich aufgewühlt
verließ ich das Haus, in dem ich geruht hatte. Ich kehrte dem Ort den Rücken
zu und wandte mich nach Osten. Längere Zeit führte ich ein Wanderleben, ging von einem Ort
zum andern, forschte nach dem, was ich wünschte und verlangte, und kämpfte –
nicht immer mit der notwendigen vollen Entschlossenheit – gegen die bösen
Begierden meines Herzens. Eingedenk der Mahnung, daß der Gute nie müßig sein
solle, suchte ich überall, wo ich verweilte, nach Beschäftigung und fand
Zufriedenheit in dem Bestreben, die mir übertragenen kleinen Pflichten treu
zu erfüllen, aber ich betrachtete alle diese Stellen als vorübergehend und
blickte stets vorwärts zu der auserwählten Arbeit, auf die mein Sinn
gerichtet war. Mein Zustand war jetzt im allgemeinen friedlich, weil ich
willens war, im Strom der göttlichen Vorsehung zu bleiben und mich von ihr
leiten zu lassen. Aber hier und da verfiel ich in tiefste Traurigkeit. Die
Hoffnung, Geistesverwandte zu finden, bei denen ich ewig verweilen könnte,
wollte und wollte sich nicht erfüllen, und ich hatte mich bis jetzt umsonst
nach einer Schule, einer besonderen Unterrichtsstätte umgesehen, in der das
Licht der Engelsweisheit Verstand und Gemüt von Zöglingen gleich mir
erleuchten konnte. Meine jetzige Situation war schwerer zu ertragen, als ich
mir vorgestellt hatte. Ich war offensichtlich nicht würdig, himmlischen
Lehrern zu Füßen zu sitzen. Das Böse war in mir zu stark. Es war eingewurzelt
in meinem tiefsten Inneren. Nur lange Versuchungen und Kämpfe konnten es
überwinden und soweit entfernen, daß ich imstande war, genügend Weisheit zu
erwerben, um mein Ziel zu finden. Aber wie lange mochte das dauern? Endlich kam der Übergang, den ich so lange erwartet hatte,
der Übergang vom äußerlichen zum innerlichen Zustand. Die Veränderung kam so
allmählich, daß ich sie zunächst kaum bemerkte. Doch weiß ich noch, wie ich
auf meinen früheren Zustand zurückblickte, ähnlich wie beim Erwachen aus
einem Traum. Auf der einen Seite war es wie der auf die Nacht folgende Tag,
auf der anderen wie Freiheit nach Gefangenschaft. Aller Zwang war nun zu
Ende, und ich fühlte nicht den leisesten Wunsch, allerdings auch nicht die
Kraft, irgend etwas zu verbergen. Der Mann-Engel oder Mann-Teufel lag nun vor
aller Augen offen da. Das Gemüt war nicht länger geteilt. Ich sprach jetzt
nur noch aus, was ich früher meine geheimsten Gedanken genannt hätte; alles
Äußerliche, Gemachte, Zweckgebundene spielte keine Rolle, ja existierte nicht
einmal mehr. Meine Beschaffenheit und mein Wesen waren von nun an auf mein
Gesicht gezeichnet, und wenn ich auch gewollt hätte, ich hätte doch nicht
mehr heucheln können. Allen anderen um mich her erging es genauso, und
mancher Schlechte wurde nun vor seinen gutdenkenden und arglosen Begleitern
entlarvt. Der innere Unterschied zwischen mir und jenen, mit denen ich
zusammengelebt hatte, lag bald am Tag. Alles um mich her verschob und
veränderte sich. Ein jeder ging zu denen hin, die jetzt als Freunde in Frage
kamen, weil sie an Geschmack, Gewohnheiten, Neigungen und Liebe mit ihm
übereinstimmten. Die Geschichte dieser Periode ist zwar voll von nützlichen
Erinnerungen, aber ich will doch nur erwähnen, was für mein Geschick von
größter Wichtigkeit war: Eines Tages, als ich gerade wieder eine Gesellschaft
verließ, in die ich erst kurz zuvor gekommen war, erhielt ich eine Nachricht,
die den ganzen Verlauf meines Lebens änderte und meine Wanderungen zu Ende brachte.
Ich hatte die Stadt weit hinter mir gelassen und gelangte in eine hübsche
Gegend mit sanft aufsteigenden Hügeln, zwischen denen sich klare Bäche durch
sonnige Wiesenmulden wanden, die Ufer von blühenden Sträuchern und hell
aufragenden Birken bestanden. Plötzlich erblickte ich vor mir einen Mann,
dessen lichtglänzendes offenes Gesicht mir freundlich entgegenblickte und
sogleich mein Zutrauen gewann und dessen weißes herabwallendes Gewand von glänzender
Leinwand ihn als einen von oben gesandten Boten kennzeichnete. „Wir haben gesehen“, sagte er nach herzlicher Begrüßung,
„daß du nach einem Ort suchst, wo die Geister durch Belehrung für den Himmel
vorbereitet werden, und es ist dir jetzt gewährt, dort einzutreten. Geh
zwischen jenen beiden Hügeln hindurch“, und er zeigte nach Nordosten, „dort
wirst du finden, was du wünschst. Ich denke, sie werden dich dort aufnehmen.“ „Der Himmel segne den, der mir diese frohe Botschaft
bringt!“ sagte ich voll Freude. Der Bote lächelte gutmütig zu meinen Worten, aber er bat
mich, den menschlichen Vermittler zu vergessen und mein Herz zum Quell aller
Segnungen zu erheben. Ich war tief beeindruckt von der vornehmen Form, in der
dieser Abgesandte mir die entscheidende Nachricht überbrachte, und hätte mich
gerne länger mit ihm unterhalten. Er verweilte jedoch nur kurze Zeit und
verschwand nach einem freundlichen Abschiedsgruß. Da machte ich mich ungesäumt
auf die Füße und eilte in die von ihm gewiesene Richtung. Gras und Blätter
wiegten sich in einem milden Lüftchen, und Blumen leuchteten in der Sonne. Es
kam mir vor, als ob sie mich willkommen heißen wollten oder sich von meiner
Freude anstecken ließen. Ich ließ meinen Blick geruhsam über die mir
unbekannte Gegend wandern und fühlte mich darin über die Maßen glücklich. Mein
Herz war voll von Dankbarkeit. Endlich stand ich zwischen den zwei Hügeln und sah die
Schule vor mir: ein hohes und weitgestrecktes Gebäude von gediegenen
Proportionen, mit Anklängen an die griechische Antike, auf einem Hügel gelegen,
dessen Abhänge von einigen lockeren Hainen bedeckt waren, zwischen denen
weite blumige Auen leuchteten. Beim Näherkommen stellte ich zu meiner
Verwunderung fest, daß sowohl Grundmauern wie Wände aus unbehauenen Steinen
von einem ungewöhnlichen Dunkelrot ausgeführt waren. Auch die Türen waren aus
Stein, jedoch von einer sanft durchscheinenden blauweißen Farbe, die fernhin
über Wiesen und Hügel glänzte. Und nun erkannte ich auch die Bäume in den
Hainen, nämlich Lorbeer, Tannen, Zedern und Myrten; nur vereinzelt ragten
stattliche Palmen hervor. „Es ist ja nicht der Himmel selbst, aber so Gott will, soll
dieses Portal mir den Eingang dazu bedeuten“, frohlockte ich, als ich die
weite Vorhalle betrat und vor den mächtigen Flügeltoren der Halle stand, auf
deren jedem ein Adler mit ausgebreiteten Fittichen ausgehauen war. Ich betätigte nun einen kunstvoll geschmiedeten Klopfer,
worauf ein Pförtner öffnete und mich zum Eintreten einlud. Er begrüßte mich
mit größter Höflichkeit: „Es freut mich, daß Sie gekommen sind“, und er
lächelte überaus nett dazu. „Ich freue mich immer, einen neuen Ankömmling zu
sehen.“ „Wie sonderbar!“ dachte ich. „Hier ist ein Diener, dem sein
Dienst Freude macht.“ Ich fühlte mich in starkem Maße angesprochen und
angezogen von ihm. Er stammte anscheinend aus einer unteren Schicht in der
Welt, war aber ein hübscher Jüngling von einnehmendem Äußeren. „Sie sind sehr freundlich“, antwortete ich. „Einer unserer jungen Leute verließ uns gestern“, fuhr er
fort, „und ich war gewiß, daß ein anderer heute kommen werde.“ „Er verließ Sie! – Wohin?“ „In den Himmel!“ „Den Himmel!“ „Den Himmel!“ Ich hätte jauchzen mögen, als ich dem Führer
durch die Halle folgte. Er führte mich in ein Empfangszimmer zur Rechten und
verließ mich mit den Worten: „Ich gehe, um Sie dem Direktor anzumelden.“ Ich
setzte mich nieder mit einem Friedens- und Sicherheitsgefühl, wie ich es nie
vorher empfunden hatte, und es verstärkte sich noch, als ich auf der Wand
gegenüber in Goldbuchstaben die Worte las: „Siehe, wie gut und wie lieblich ist’s, daß Bruder zusammen
wohnen.“ Noch während ich dieses himmlische Motto anschaute und
überdachte, trat der Direktor herein, ein hoher, stattlicher Mann von
aristokratischem Aussehen. Sein Leibrock bestand aus feinem glänzendem
Leinen, umgürtet mit einer Tressenschnur als Leibgurt, und sein Oberkleid war
blau und erglänzte hell, wo das Licht darauf fiel. Ich erhob mich ehrerbietig
und wartete mit Spannung auf seine Worte. Er trat auf mich zu und maß mich
mit einem durchdringenden Blick, aber es strahlte reine Freundschaft aus
seinen Augen. „Die Schule heißt dich willkommen“, sagte er schlicht,
indem er mir die Hand reichte. „Ich bin dankbarer, als ich es ausdrücken kann.“ Er setzte sich in einen großen, reich mit Schnitzarbeit
verzierten Sessel aus rotem Holz, und auf seinen Wink setzte auch ich mich
wieder, und zwar auf einen kleineren Stuhl, der vor ihm stand. Einen
Augenblick sah er mich wieder stillschweigend an, und ich fühlte mit etwas
Unbehagen, wie er meinen Charakter prüfte, ohne daß ich dazu irgend etwas zu
sagen oder zu tun gehabt hätte. Endlich fragte er: „Vor allem muß ich wissen, wen du anbetest.“ „Ich bete zum Herrn.“ „Und wer ist das?“ „Der Gott des Himmels und der Erde“, erwiderte ich erstaunt
– „der Schöpfer aller Dinge.“ „Und Jesus Christus, wie er in Gottes Wort auf der Erde
genannt wird, wer ist das?“ „Er ist derselbe.“ „Und was bedeutet Vater, Sohn und Heiliger Geist?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich mit einigem Zögern, aber
ohne Furcht, „der Ausdruck ist mir dunkel und unklar. Vieles im Worte ist
mir unverständlich geblieben. Aber das weiß ich, daß Jesus Christus der einzige
Gott ist, das habe ich nie anders aufgefaßt. Denn er sagt doch selbst: ‚Ich
und der Vater sind eins.’ – und erst neulich hörte ich auch, wie Engel, die
ihn während seines Erdenlebens dort gesehen hatten, ihn als den alleinigen
Gott des Himmels wiedererkannten.“ Nach einem Augenblick gespannten Schweigens erwiderte der
Direktor: „Du hast gut gesprochen. Ich wußte, ehe du antwortetest,
daß du das sagen werdest. Aber es war besser für dich, daß du dich selber
klar ausdrücken mußtest. Nur wer den Herrn Jesus Christus anbetet, wird hier
angenommen. Denn andere, die nicht zu ihm allein beten, denken bei sich mehr
als einen Gott, und das strebt schon der ganzen Himmelsluft zuwider und
zerstört das uns vom Himmel geschenkte Wohlbefinden, dessen wir uns täglich
erfreuen. – Du bist also aufgenommen, schloß er nach einer nochmaligen Pause. „Ich danke dem Herrn dafür“, war meine Antwort. „Du hast recht“, fuhr er dann fort, „daß in dem natürlichen
Sinn des göttlichen Wortes manches dunkel und schwer verständlich ist. Das
natürliche oder buchstäbliche Wort, so wie es auf der Erde bekannt ist, wurde
in Scheinbarkeiten gekleidet, das heißt, zum großen Teil in Geschichten, die
so hätten passiert sein können. Damit ist es dem Verständnis einfacher
Menschen angepaßt. Aber im Geist des göttlichen Wortes, der in Form von
Entsprechungen innerhalb des Buchstabens lebt wie die Seele im Leib, ist
nichts dunkel oder undeutlich. Dieses geistige Wort, das hier und im Himmel
existiert, lehrt uns, daß der Herr, der Gott des Himmels, selbst auf die
natürliche Stufe des Lebens hinabstieg, sich äußerlich mit den Substanzen
der materiellen Welt umkleidete, damit er die bösen Mächte, die den Menschen
auf dieser Stufe anfechten, überwinden und es dadurch dem Menschen möglich
machen konnte, wiedergeboren und selig zu werden. Dieses Wort lehrt uns, daß
unter dem Vater das Innerste oder die Seele des menschgewordenen Herrn zu
verstehen ist, unter dem Sohn das ganze menschliche Wesen, das er von seiner
Mutter Maria angenommen hatte, und unter dem Heiligen Geist jene göttliche
Ausstrahlung, die in jedem Ding und Vorgang hier und auf der Erde wirksam ist.
Später wirst du genauer in diesen Sachen unterrichtet werden.“ Ein großes Licht war plötzlich durch die trüben Wolken,
unter denen ich auf meiner Wanderschaft sooft gelitten hatte, gebrochen, und
ich sah klar die ewige Wahrheit, die bis dahin vor meinen Augen verschleiert
gewesen war. Ich saß, wie durch einen Zauberspruch gebannt, stumm vor Glück. „Dieses geistige Wort“, führte der Direktor in seiner
Einleitung weiter aus, „ist, wie du dir denken kannst, in der allgemeinen
geistigen Sprache geschrieben, die wir jetzt miteinander sprechen und die
überall in der geistigen Welt und im Himmel verstanden wird. Es ist das Buch
der Bücher, und jedes Exemplar davon und jeder Teil unterscheidet sich von
anderen Büchern durch einen wohltuenden Glanz, der aus seinen geöffneten
Blättern hervorleuchtet. Du wirst bald sehen, daß das Exemplar, das uns hier
gegeben ist und immer im Chor unserer Versammlungshalle aufgeschlagen liegt,
wie ein großer Stern glänzt, indem es so die Herrlichkeit und die geistige
Ausstrahlung der göttlichen Wahrheit darstellt.“ Was könnte man sich Vernünftigeres, Passenderes und
Angenehmeres vorstellen? Selbst wenn ich zum Zweifeln aufgelegt gewesen wäre,
so hätte ich nichts anderes denken können als: dies sei wohl eine träumerische
Einbildung, aber so überaus schön, daß sie unbedingt wahr sein sollte. „Dies göttliche Wort“, fuhr der Meister jetzt fort, „ist
der Leitstern unseres Lebens und der Quell aller Engelsweisheit. Daraus
erhalten wir alle Kenntnisse, die wir den Studenten mitteilen, die sich unter
unserer Aufsicht für den Himmel vorbereiten – so gilt das ab heute natürlich
auch für dich. Du wirst also daraus lernen, daß Gott der Herr in die
natürliche Welt hinabstieg, um die Höllen vom Menschen zu trennen und seine
Seligkeit zu sichern. Da dies nur durch Versuchungen geschehen konnte, worin
er sich von den Höllenmächten direkt angreifen ließ, und zwar bis zum Leiden
am Kreuz, so mußte er auch diese erleiden. So wurde die den Himmel und die
Erde bedrohende Verdammnis besiegt, und nachdem der Herr sein göttliches
Werk vollendet hatte, kehrte er in seinem dadurch verherrlichten
Menschlichen in sein göttliches Wesen zurück. Du wirst weiter daraus lernen,
daß der Herr das Weltall nicht aus Nichts erschaffen hat, sondern aus sich
selbst, aus seiner göttlichen Liebe durch seine göttliche Weisheit, und daß
das Bild des Schöpfers jedem erschaffenen Ding eingeprägt ist. Auch wird dir
klar werden, daß der Mensch, um mit diesem gnädigen Gotte verbunden zu
werden, sein Böses, das anererbte wie auch das durch das Leben angeeignete,
überwinden muß, was ihm dann ermöglicht, den Herrn und den Nächsten zu
lieben. Und außerdem, daß der Geist, der in der Heiligen Schrift verborgen
liegt, wie wir es vorhin schon besprochen haben, daß dieser ein Ganzes bildet
mit dem göttlichen Wort im Himmel, wodurch Himmel und Erde verbunden sind.
Unser göttliches Wort lehrt dich alle diese allgemeinen Wahrheiten und unter
diesen noch zehntausende besonderer Wahrheiten, die sich auf das ganze
Weltall und alle seine Teile beziehen und alle Mysterien im Himmel und auf
Erden lösen.“ „Ich danke dem Herrn für sein göttliches Wort und für seine
gütigen Diener, die mich darin unterrichten werden“, sagte ich tief bewegt.
Und während ich dies aussprach, wurde mir der Glanz der herrlichen Aussicht,
die man durch die großen Fenster genoß, ganz plötzlich bewußt. Alles zusammen
war fast zu schön, zuviel für meine Fassungskraft. Aber während ich als
Erdenmensch in einer ähnlichen Situation richtige Schmerzen gefühlt hätte,
empfand ich hier nur ein mich völlig überwältigendes, beseligendes Glück. Der Direktor erhob sich nun und deutete damit an, unsere
Unterredung sei zu Ende. „Geh mit ihm“, sagte er noch zu mir, als der junge
Diener sich an der Türe zeigte, „er wird dir zeigen, was nun zu tun ist.“ Der Jüngling geleitete mich in die große Halle zurück und
aus dieser in eine andere, die sich rechtwinklig an die erste schloß, und
endlich in ein Schlafzimmer von normaler Größe, passend und einladend
hergerichtet. „Dies ist Ihr Refugium“, sagte er mit einer bescheidenen
Handbewegung, „ich hoffe, es gefällt Ihnen.“ „Und ob, wirklich!“ Er öffnete einen großen Kleiderschrank in der Wand, ein
richtiges kleines Zimmer, und zeigte mir mehrere weiße Gewänder von feinem
seidenem Gewebe. „Man erwartet, daß Sie eines dieser Gewänder auswählen und
nach dem Bad anziehen“, fuhr er fort, „und hier werden Sie die Unterkleider
finden.“ Dabei zog er eine Schublade heraus und legte mehrere Stücke – alle
weiß bereit. Nachdem er dies getan und auch das von mir gewählte Gewand
herausgenommen hatte, kam er heraus und machte die Tür zu. Dann öffnete er
einen zweiten Kleiderschrank und zeigte mir ähnliche, ebenfalls weiße
Gewänder, die mit einer schönen goldenen Tresse um die Taille verziert waren. „Die sind für die Gastmahle an Feiertagen. Wissen Sie“, und
er blickte dabei zu mir auf, „ich habe gehört, daß sich im Himmel – man zieht
dort Gewänder natürlich auch nach Gefallen an – diese Stoffe von selbst in
Aussehen und Farbe verändern, je nach dem Zustand der Engel. Ist das nicht
schön? Unsere Studenten arbeiten am Vormittag, das heißt sie
studieren und erhalten ihren Unterricht“, erzählte der junge Mann. „Dann
essen sie ihr Mittagsmahl und vergnügen sich anschließend entweder im Haus
oder draußen, sie spielen, spazieren oder reiten aus, wie es ihnen gefällt.
An Festtagen speisen sie mit den Lehrern in der großen Festhalle. Dazu
ziehen sie ihre verzierten Festgewänder an. Das Gastmahl ist dann reichlich
und voller Abwechslung. Aber selbst bei diesen Gelegenheiten ist die
Leibesnahrung der Nahrung der Seele und des Gemüts untergeordnet. Es gibt dabei
immer Unterhaltungen, unter Leitung der Meister manchmal auch Ansprachen –
voller Belehrung. Meine Pflichten führen mich oft hin, wo ich zuhören kann,
und ich bin immer dankbar, daß ich soviel dabei höre, was ich verstehen
kann.“ Er öffnete nun eine Zimmertür und zeigte mir mein Badezimmer,
ein kleines mit Marmor eingelegtes Gemach und in dessen Mitte eine große
Wanne mit klarem Wasser. Sodann verließ er mich, und ich dachte über das
gnädige Geschick nach, das mich an diesen überaus schönen Ort gebracht
hatte. Wie glücklich mußte mein Leben hier werden, und wie wenig verdiente
ich es! Ich stieg aus dem Bade heraus, erfrischt und gekräftigt,
und als ich meine neuen Kleider anzog, überlegte ich mir: „Dieses Bad im
lauteren Wasser hat mir den Schmutz der Wanderschaft weggewaschen; und nun
lasse ich auch meine alten Kleider liegen. Jetzt ist alles neu um mich herum,
und ich selber fühle mich wie neu geboren. Es scheint fast so, als ob ich
meinen alten, schuldbeladenen Zustand hinter mir gelassen hätte. Aber ich
fürchte, es scheint tatsächlich nur so. Ich traue mir nicht; ich bin doch
eigentlich immer noch derselbe. Der Herr helfe mir, mit meinen Fehlern wirklich
fertig zu werden.“ Als ich in mein Schlafzimmer zurückkehrte, half mir der
Aufwärter auch noch, das seidene Gewand anzuziehen; ich bemerkte, daß es nur
das Untergewand war ohne das Oberkleid. „Dieses erhalten Sie später“, erklärte er auf meinen fragenden
Blick. Etwas verwundert folgte ich ihm in den Empfangsraum zurück,
und kurz darauf trat der Direktor wieder ein. „Komm jetzt“, sagte er, und als ich mich aufmachte, ihm zu
folgen, erklang ein tiefer melodischer Glockenschlag durch das Gebäude. Wir gingen wieder durch die große Halle in einen langen,
hohen Saal, in dem ich sogleich den für den Gottesdienst bestimmten Raum
erkannte, denn am anderen Ende in einer Lade lag ein offenes Buch in einem
Strahlenkranz als ob ein wirklicher Stern vom Himmel dorthin gefallen wäre.
Als mein Blick darauf fiel, wurde ich von tiefer Demut und Ehrfurcht erfüllt,
denn ich spürte, daß ich in der Gegenwart Gottes stand. Zur selben Zeit gewahrte ich elf Männer in ähnlicher
Aufmachung wie der Direktor, die uns vorausgegangen waren und auf beiden
Seiten standen, als ich hereingeführt wurde. Wir schritten zwischen ihnen
hindurch, und jetzt knieten alle mit dem Gesicht gegen das im Osten aufgebaute
Repositorium nieder und sprachen miteinander die Worte: „O Herr, Allerhöchster,
wir bitten dich, erleuchte unsere Gemüter immerdar mit dem Lichte deiner
göttlichen Wahrheit!“ Dann, nachdem wir uns erhoben hatten, trat einer der elf
herbei mit dem zu meinem Gewand gehörenden Oberkleid. Der Direktor nahm es
in Empfang, legte es mir feierlich um, indem er sprach: „In der Gegenwart des Herrn lege ich dir das deinem Stand
entsprechende Oberkleid um und nehme dich in unsere Gemeinschaft auf.“ Glücklich und ehrfurchtsvoll kniete ich vor ihm nieder und
hörte zuinnerst ergriffen, wie der Direktor den göttlichen Segen für mich
erflehte und betete, daß ich mit der Zeit für ein Leben des Dienens im
himmlischen Reiche des Herrn vorbereitet werden möge. Wahre Freundschaft Nach dem Gebet schritten der Direktor und die elf Lehrer in
einer Reihe aus der Halle, und ich folgte als letzter. Im Vorzimmer wurde ich
den Männern vorgestellt, die mit dem Direktor zusammen den Lehrkörper der Anstalt
bildeten. Ein jeder hieß mich mit einem gütigen Lächeln und mit weisen Worten
willkommen. „Jetzt mußt du bei den Studenten eingeführt werden, und ich
lasse dich vorderhand bei ihnen“, sagte der Direktor. „Viele von ihnen sind
schon auf einem Spaziergang, aber wir werden jedenfalls einige auf der
südlichen Terrasse finden.“ Er führte mich hierauf durch die große Halle zu einem hohen
Tor gegen Süden, und unterhalb lag eine breite Terrasse, die ein anmutiges
Tal überragte. Straßen durchzogen es und wanden sich an den Abhängen hinauf,
und ich sah in der Ferne mehrere Leute auf Pferden, andere spazierten zu Fuß,
während noch andere auf Gartenstühlen unter den Myrten und Lorbeerbäumen der
umgebenden Haine saßen. Auf der gepflasterten, mit Blumenbeeten eingefaßten
Terrasse hielten sich ungefähr ein Dutzend Studenten auf, alle ähnlich
gewandet wie ich, sie bummelten, in Gruppen von zwei bis drei sich
unterhaltend, auf und ab. Sobald die nächsten den Direktor bemerkten, kamen
sie uns entgegen. „Ich bringe euch einen neuen Kameraden“, sagte er. „Nehmt
ihn gut auf.“ Hierbei blickte er mit dem Ausdruck vollkommener Freundschaft
von einem zum anderen. „Sie bereiten uns Freude, wir danken Ihnen, gütiger
Vater“, antwortete der erste, und alle blickten mich voll Liebe an. „Sie freuen sich“, dachte ich, verwundert und erleichtert,
denn ich war nicht ohne eine gewisse Befangenheit herzugetreten, „sie
vermuten in mir also nicht einen möglichen Nebenbuhler und betrachten mich
nicht mit der kalten unfreundlichen Kritik, die der Eifersucht entspringt.“ Sie freuten sich in der Tat. Sie umringten mich, und als
der Direktor sich entfernt hatte, grüßten sie mich mit dem herzlichsten
Wohlwollen. Dies rührte mich so, daß ich stotternd und mit Tränen in den
Augen unter ihnen stand. „Sie kümmern sich wirklich um mein Wohlergehen
ebenso wie um das ihrige“, dachte ich. „Gott helfe mir, ihre Liebe zu erwidern.“ Ich konnte kaum alle Gesichter schön nennen bei dem Ideal,
das ich im Gemüte trug, aber jeder einzelne hatte etwas Gütiges und
Anziehendes an sich. „Wir haben eben über Freundschaft gesprochen“, erzählte
einer von ihnen, nachdem sie mir alle die Hand gedrückt hatten, „und wir
kommen alle, bei einigen Verschiedenheiten in der Formulierung, zu dem
Schlusse, daß der wahrhaft Gute nur für den Guten eine echte Freundschaft
fühlen kann. Denn einem Bösen als Freund zu dienen, würde nur seinen Drang
zum Bösestun vermehren.“ „Das ist mir ganz neu“, sagte ich, „aber ich akzeptiere es
als wahr.“ „Wir haben außerdem festgestellt“, fügte ein anderer hinzu,
„daß wahre Freundschaft oder Liebe von uns verlangt, daß wir mehr um das Wohl
unserer Freunde oder derer, bei denen wir wohnen, besorgt seien, als um unser
eigenes Wohlergehen. Vor allem aber ist der Herr unser Freund, und wir
sollten deshalb besonders darauf achten zu tun, was ihm wohlgefällig ist. In
zweiter Linie sind alle Engel und alle guten Menschen unsere Freunde, also
müssen wir auch ihr Wohl stärker berücksichtigen als das unsrige.“ „Das“, setzte ein Dritter hinzu, „ist Freundschaft unter
den Engeln, und es ist unser ernstes Bestreben, dem Worte hier unter uns
dieselbe Bedeutung zu geben. In der natürlichen Welt bedeutet Freundschaft
allzu oft nur eine selbstsüchtige Zuwendung gegenüber solchen, die uns von
Nutzen gewesen sind oder sich uns durch Schmeicheleien oder andere Kunstgriffe
angenehm gemacht haben. Der gewöhnliche Erdenmensch sagt bei sich, das Gebot
‚Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst’ sei eine bloß dichterische
Sentimentalität und man könne andere gar nicht mehr lieben als sich selbst.
Und wenn solch eine Liebe möglich wäre, so würde sie die Menschen aller Freiheit
und Freude am Leben berauben. Wieder andere leiten daraus ab, das sei doch
eine deutliche Aufforderung, sich erst einmal selber zu lieben; der Nächste
komme dann in zweiter Linie. In derart grobe Gedanken versunken, kann der
Erdenmensch das Glücksempfinden einer solchen Liebe absolut nicht ermessen.
Er könnte sich’s nicht einmal im Traum vorstellen, wie schön es ist, im
Himmel zu leben, wo jeder den Nächsten mehr als sich selber liebt und wo
daher niemandem, weder in Gedanken noch in der Tat, je etwas zu Leide getan
wird.“ „Und liebt auch ihr euch untereinander mehr als euch
selbst?“ fragte ich. „Nein, nur die Engel sind dazu imstande. Aber wenn unser
innerer Zustand gut ist, lieben wir einander wie uns selbst.“ „Und ist euer Zustand nicht immer gut?“ „Oh nein! – Noch nicht hier. Unsere bösen Neigungen sind
noch nicht so richtig bezwungen; zuweilen erlangen sie wieder Gewalt über
uns, und es gibt sogar Zeiten, wo wir in unser früheres Selbst zurückversetzt
werden, um Versuchungen begegnen zu müssen und die Gefahr der
Selbstüberschätzung erkennen zu lernen.“ „Des weiteren stimmen wir überein“, fuhr nun ein anderer
fort, der bis jetzt geschwiegen hatte, „daß nach dem Herrn und der Kirche,
der Landesfürst im höchsten Sinne unser Nächster ist.“ „Der Fürst?“ wiederholte ich erstaunt. „Ja, der Fürst der Himmelsgesellschaft, mit der unsere
Schule in Verbindung steht.“ „Gibt es denn auch Fürsten im Himmel?“ fragte ich
neugierig. „Ja, wir wurden unterrichtet, daß jede Gesellschaft oder
Provinz dort einen hat.“ „Und leben sie dort in großem Staat, in Palästen, wie die
Fürsten auf der Erde?“ „Warum nicht? Würde und Ehre kommen denen zu, die höhere
Liebe und Weisheit besitzen als andere. Unsere Lehrer haben uns erklärt, daß
es im Himmel Regierungen gibt und daher verschiedene Rang- und Ordnungsstufen
mit Unterschieden an Würde, Erhabenheit, Macht und Autorität. Die höchsten
Ränge wohnen in Palästen und erhalten ihre Stelle aus keinem anderen Grund,
als weil sie die weisesten und am besten geeignet sind. Ihre größte Befriedigung
besteht darin, das allgemeine Wohl zu fördern. Daß ihre gehobene Stellung
ihnen Auszeichnungen bringt, freut sie natürlich, aber diese Freude hat
nichts mit Machtgefühlen oder Dünkel zu tun; sie entspringt ganz allein dem Auftrag,
sich um die Einhaltung der Ordnung zu kümmern, die ja von Gott geschaffen
ist. Die Wohnungen aller Engel sind schön, aber die der Fürsten sind die
schönsten. Sie leuchten und strahlen von Gold und Edelsteinen und sind von
solchem Reichtum, daß ihnen kein Palast auf der Erde gleicht.“ Das erschien mir alles ganz natürlich. Das prächtige Bild
des himmlischen Königtums erweckte in mir nur Gefühle der Zufriedenheit. Ich
war nie im Inneren demokratisch gesinnt gewesen, und wenn der Fürst oder
König zugleich ein Engel sein kann, dann rufe ich von Herzen: „Hoch lebe der
König!“ Während sie sich so mit mir unterhielten, fiel mir auf, daß
ein Student vom anderen Ende der Terrasse herbeikam, der mir bekannt schien.
Es war Mortimer. „Du hier!“ rief ich, von neuem überrascht. Ich bemerkte sofort die Veränderung in ihm. Er war wohl
derselbe stattliche Mann, mit seinem einnehmenden Äußeren, aber der Ausdruck
seines Gesichtes und seiner Augen verriet deutlich den Einfluß vom Himmel. „Ich wußte, daß du kommst, lieber Freund“, sagte er, als
ich ihm entgegeneilte und wir uns die Hand drückten. Ehrliche Freude strahlte
aus seinen Augen, als er seinen linken Arm um meine Schulter legte, ganz wie
in früheren Tagen. „So bist du also vor mir hierher gekommen? Bist du schon
lange hier?“ fragte ich verwundert. „Ja, mir kommt es manchmal vor, als sei ich immer hier
gewesen.“ Als die anderen sahen, wie es mit uns stehe, zogen sie sich
etwas zurück. „Und deine zwei Freunde in der ‚Hochschule der Weisen’?“
fragte ich und sah einen Ausdruck des Schmerzes schnell über sein Antlitz
fliegen. „Das war meine letzte und schwerste Versuchung dort unten“,
antwortete er. „Bald darauf wurde ich an diesen Platz geleitet.“ Seine Worte berührten einen wunden Punkt in mir, denn ich
rief mir lebhaft unser Scheiden in jener denkwürdigen Nacht zurück, seine
scheinbare Schwäche, und wie ich mir viel weiter fortgeschritten vorgekommen
war. Wir zogen uns auf einen nahen Sitz zurück und unterhielten
uns lange miteinander, wobei wir wohl hie und da einen Blick auf die im Tale
sich tummelnden Jünglinge warfen, aber häufiger noch einander in die Augen
schauten. Maric erzählte mir die ganze Geschichte seiner Kämpfe nach unserer
Trennung, seine Bemühungen, seine zwei Freunde zu retten, ihre entschiedene
Entwicklung abwärts, ihr endliches Scheiden und seinen Weg hierher bis zu dem
freudigen Leben an diesem Ort. „Du hattest schneller begriffen, was für mich auf dem Spiel
stand“, meinte er und schaute mich nachdenklich an. Ich schüttelte den Kopf. „Denk das ja nicht!“ versetzte ich
entschieden. „Gelernt war das, gewußt vielleicht, aber nicht begriffen. In
deiner Situation war das so leicht zu erkennen – aber in meiner eigenen!
Wohl deshalb mußte ich es bald darauf selber erfahren. Es war furchtbar.“ Und nun erzählte auch ich meine Erlebnisse. „Ich fühle mich für meine Anmaßung bestraft“, sagte ich
demütig. „Sie hat so tief gesessen. Kein Wunder, daß ich dich hier lange vor
mir finde, während ich mich für stärker und weiser gehalten hatte.“ Aber Maric schüttelte nur den Kopf dazu. „Ich wußte immer,
daß du kommen werdest. Ich fühlte, daß wir zu stark aneinanderhingen, um
lange getrennt zu bleiben.“ So unterhielten wir uns weiter, bis Zwielicht und
Abendkühle uns vertrieben. Dann kam Maric mit mir in mein Zimmer, und wir
redeten weiter und weiter, wie das so bei wahren Freunden möglich ist. Als er
sich schließlich erhob und mir gute Nacht wünschte, öffnete ich mein Fenster
und blickte hinaus und machte ihn darauf aufmerksam, daß es nicht Nacht,
sondern immer noch ein bloßes Zwielicht sei. „Eine wirkliche Nacht gibt es nicht, so nahe an der Grenze
des Himmels“ sagte er. M nächsten Morgen hatte ich mich kaum erhoben und
angekleidet, als es an meine Türe klopfte und Maric hereintrat. „Ich möchte noch, so viel ich kann, von dir sehen“, sagte
er als Erklärung seines frühen Besuches, „ein Gefühl oder eine Ahnung, daß
ich bald von hier genommen werde, hat mich in der letzten Zeit oft erfüllt.“ „Meinst du, daß wir schon wieder getrennt werden?“ fragte ich
bestürzt. „Du wirst mir auch diesmal nachkommen“, beruhigte er mich. Ein plötzliches Licht erhellte mein Gemüt. „Du wirst in den
Himmel erhoben!“ Ich konnte das nur mit einer gewissen Ehrfurcht sagen. „Es mag wohl so sein. Seit einigen Tagen bin ich mir über
eine neue Empfindung klar geworden; sie deutet darauf hin.“ „Wie sollte ich dann dies bedauern? Es macht mich doch
glücklich, daran zu denken“, sagte ich – „oder es müßte wenigstens so sein“,
fügte ich für mich selber hinzu. Aber es geschah mit etwas gemischten Gefühlen,
daß ich mich mit ihm niedersetzte, um seine herrliche Zukunft zu besprechen. Bald darauf erhob sich Maric. Er habe noch einiges zu
besorgen, ehe die Studenten sich zum Unterricht versammelten. Als er an der
Türe noch einmal hielt, fiel mein Blick auf eine goldene Inschrift auf der
südlichen Wand meines Zimmers: „Wer nicht pünktlich ist, raubt seines Nächsten Zeit.“ „Schau doch“, sagte ich erstaunt, „das stand gestern noch
nicht hier.“ „Nein, und es wird wohl morgen auch nicht mehr zu lesen
sein. Jeden Tag gibt es ein neues Motto, das deinem Bedürfnis entspricht.
Heute wird es gut für dich sein, wenn du dein Werk mit dem Gedanken anfängst,
daß es deine Pflicht ist, pünktlich zu sein.“ „Wer schreibt diese Inschriften – der Direktor?“ „Nein, selbst er weiß nicht, was jeden Tag erscheinen wird.
Im Zimmer jedes Studenten kommen und gehen die Schriften wie durch Zauber.
Wir brauchen wohl kaum zu fragen, welcher Einfluß sie bestimmt.“ „Oh, dies ist der Himmel“, flüsterte ich, von Furcht und
Freude erfüllt. „Nicht der Himmel, wohl aber eine Vorbereitungsschule, wo
das allessehende Auge immer über uns wacht und uns zum Guten führt.“ Das Hochzeitliche
Kleid Eine halbe Stunde später, mit dem ersten schlag der großen
Glocke, öffnete ich meine Tür und begab mich mit den Studenten in die
Kapelle. Hier versammelten wir uns mit den Lehrern und knieten nieder mit dem
Gesicht gegen das im Osten geöffnete Wort. Das zarte Licht der
Morgendämmerung herrschte noch in der Halle, als der Direktor zum Herrn
betete, daß das Licht seiner göttlichen Wahrheit alle Gemüter erleuchten
möge, daß die Lehrer aufgrund der Wahrheit recht denken und gemäß der
Vernunft richtig ihre Schlüsse ziehen und daß die Gemüter der Studenten mehr
und mehr für die Aufnahme der himmlischen Unterweisung geöffnet werden mögen.
Er trat dann zu dem aufgeschlagenen Wort, und während dessen Strahlenglanz
ihn voll umgab, las er ein Kapitel daraus vor. Dann stieg er auf eine Kanzel zur Linken und hielt eine
kurze Ansprache. Anschließend verließ er die Kapelle, während die anderen
warteten. Nachher zogen die Lehrer und zuletzt die Studenten, etwa zweihundert
an der Zahl, in Zweierreihen ab, und so war die Eröffnungsfeier des Tages
beendet. Ich werde hier nicht versuchen, eine Beschreibung des
Unterrichts zu geben, der an diesem und all den anderen Vormittagen in den
Hörsälen der Hochschule stattfand. Das würde hundert Bände füllen. Es soll
genügen, festzustellen, daß außer den Gesetzen der göttlichen Ordnung, der
Liebe zu Gott und den Menschen, des rechten Denkens und rechten Handelns alle
Geheimnisse des Himmels und der Erde dort behandelt wurden. Das Weltall glich
einem offenen Buch, in dem alle geistigen und natürlichen Erscheinungen
erklärt und im Lichte des göttlichen Wortes, der Quelle untrüglicher
Wahrheit, beleuchtet wurden. In diesem Licht erschien es klar und deutlich,
daß der Mensch an und für sich ganz und gar tot ist und daß sein Leben
täglich, stündlich, ja jeden Augenblick von Gott neu geschaffen wird. Und
ebenso, daß das natürliche Weltall nur eine Analogie oder Hülle der geistigen
Welt ist, von der es sein ganzes Leben empfängt. In diesem Lichte wurde auch
offenbar, daß in jedem Samen der natürlichen Welt, sei er von einer Pflanze
oder einem Tier, etwas wie eine Seele oder ein geistiger Keim enthalten ist,
und daß dieser Keim, während er sich so mit Gewebe umhüllt, jeden Augenblick
sein Leben durch den Himmel vom Schöpfer und Erhalter neu bezieht. So wirkt
der Herr im Innersten von allem, was in der Natur existiert, und verleiht
Existenz und fortwährenden Bestand. Und würde er auch nur einen Augenblick
diesen belebenden Kraftstrom anhalten, so würde sich das ganze natürliche
Weltall in ein Chaos auflösen und vergehen. Wir müssen noch hinzufügen, daß die Unterweisung sich von derjenigen
auf der Erde darin unterschied, daß die Lehren nicht dem Gedächtnis, sondern
dem Leben eingeprägt wurden. Sie wurden zwar auch gelernt und wiederholt,
aber nicht, um sie auf Abruf vorrätig zu haben, sondern nur um sie
anzuwenden. Das ganze Wissen, so vielschichtig und erhaben es war, hatte ja
nur den einen Zweck: dem Herrn und dem Nächsten zu dienen. Auch die Freude an
den Wahrheiten wurde immer zwecks Erzielung eines Nutzens eingeflößt. Um Mittag des ersten Tages wurden die Studenten wie gewöhnlich
entlassen, legten ihre Studentengewänder ab, und eine Stunde später
versammelten sie sich im großen Saal, denn es war ein Festtag. Die Tafel
bildete drei Seiten eines langen Vierecks, wovon das Innere unbesetzt war,
damit alle einander von Angesicht zu Angesicht sehen konnten. Der Direktor
nahm den Ehrenplatz im Zentrum der kurzen Seite ein, seine Kollegen links
und rechts von ihm, und den langen Seiten entlang saßen die Studenten. Die
Sitze der Lehrer waren dem Osten zugewandt, und am Ostende der Halle waren
eine Rednerbühne und ein Pult aufgestellt, die von allen Plätzen aus gesehen
werden konnten. Die Studenten trugen ihre schon beschriebenen weißen
Festgewänder. Die Lehrer hatten sich in Leibröcke gekleidet, die wie Gold
oder Silber glitzerten, mit himmelblauen Obergewändern darüber. Der Direktor
hatte außerdem eine tiefrote Tiara auf, an der vorn, aus den edelsten
Steinen gebildet, ein Adler mit ausgebreiteten Fittichen glänzte. Ich
erkannte darin den oberen Teil des Schulwappens, der vielerorts zu sehen
war, zum Beispiel an den Türen aus dem Vollen geschnitzt oder in den
verschiedenen Wandverzierungen aus Stuck oder gemalt, in letzterem Fall mit
der Unterschrift: „Deine Jugend erneuert sich gleich dem Adler.“ Die Worte erschienen besonders schön und treffend in bezug
auf die Besonderheit, daß die Himmelsbewohner ewig ihre Jugend bewahren. Es
erschien mir auch überaus passend, daß der Adler über dem Wappen einer Hochschule
schwebte, wo junge Leute in der Wahrheit unterrichtet wurden, denn ich
erinnerte mich, daß Uriel mir gesagt hatte, Vögel, die sich in die Lüfte
erheben, bezeichneten das Reich des Verstandes. Die Festtafel war mit frischen Blumen in Silber- und
Goldgefäßen geschmückt. Neben den köstlichen Broten und edlen Weinen standen goldene
Körbchen mit Trauben, Oliven, Feigen, Granatäpfeln usw. Ehe sich irgend
jemand niedersetzte, und während alle noch still um die Tafel herumstanden,
betete der Direktor feierlich, daß Essen und Trinken bei diesem Feste dazu
dienen möge, alle in gegenseitiger Liebe miteinander zu verbinden und sie so
dem Herrn näher zu bringen, weil das Essen und Trinken ein Sinnbild ist für
die Aufnahme des Guten und Wahren, das der Herr den Menschen jederzeit
spendet. Während des Festes lauschten die Studenten aufmerksam auf
die Unterhaltung der Lehrer, die sich um ein besonders gewähltes Thema
drehte: „Die Kirche des Herrn im Himmel und auf Erden.“ Es war mir bis dahin
nie so deutlich geworden, wie klein und unbedeutend der einzelne ist. Und
dennoch ist jeder eine kleine Welt für sich und verkündet so die Herrlichkeit
seines Schöpfers. „Auf Erden“ bedeutet, auf all den unzähligen Planeten, die
viele Millionen von Sonnen oder Fixsternen im natürlichen Weltall umkreisen,
und „im Himmel“ all die Himmel, die während unmeßbaren Zeiten aus den
Geschöpfen auf diesen Erden gebildet worden waren. Ich erfuhr auch, wie
klein der Anteil der Menschen außerhalb der Kirche ist im Verhältnis zu
denen, die dazugehören, oder anders: der Anteil der Bösen im Verhältnis zu
den Guten. Ein volles Drittel der Menschheit stirbt nämlich schon im
Säuglings- und Kindesalter, und diese werden alle selig. Zu diesen kommt dann
noch hinzu, wer im vorgerückteren Alter wiedergeboren wird durch die Lehren
aus dem Wort, und die Heiden, die durch die Lehren ihrer Religion und ein
Leben im Sinne dieser Lehren vorbereitet werden. Alle diese zusammen machen
die Anzahl der Glieder der Gemeinde des Herrn so riesengroß, daß die bösen
Geister in den Höllen und die bösen Menschen auf den Erden nur eine unbedeutende
Minorität bilden. Viel war hierüber und auch über anderes gesprochen worden,
und wir hatten lange so dagesessen; jetzt aber sollten wir einem der älteren
Studenten zuhören, der den Wunsch geäußert hatte, etwas vorzutragen. Zu
meinem angenehmen Erstaunen sah ich Maric sich erheben, vortreten und die
Bühne am östlichen Ende besteigen. Er wandte sich zu uns, verbeugte sich
ehrerbietig vor den Lehrern, begrüßte die Studenten und begann seine Rede.
Nie vorher war er mir so schön erschienen, und sein Gesicht hatte einen
Ausdruck von Glückseligkeit und Frieden. Könnte ich doch seine eindrückliche
Ansprache wörtlich wiedergeben! Aber ich muß mich mit einem Abriß begnügen,
wie er in meinem Gedächtnis jetzt noch lebt. „Geliebter Vater, verehrte Lehrer und teure Brüder“, fing
er an, indem er sich an den Direktor, dessen Kollegen und die Studenten
wandte. „Ihr alle wißt, daß unser gütiger Herr, während er einstmals auf der
Erde unten wandelte, für die Ohren der Einfältigen eine einfache Geschichte
erzählte. Es war einst, sagte er, ein König, der seinem Sohn das Hochzeitsfest
ausrichtete; und als er unter seine Gäste in die Festhalle trat, sah er einen
Mann, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, und er sprach zu ihm: ‚Freund,
wie kannst du hier hereinkommen und hast kein hochzeitliches Kleid an?’ Der
aber verstummte. Und der König sprach zu seinen Dienern: ‚Bindet ihm Hände
und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis.’ Solcher Art war die Geschichte, die der Herr vortrug,
einfach zwar in der buchstäblichen Form, aber voll der wunderbarsten
Geheimnisse der Weisheit. Aus dem inneren Sinn des göttlichen Wortes lernen
wir, daß der Herr mit dem Hochzeitsfest den Himmel meinte, wo in jedem Engel
eine Ehe von Liebe und Weisheit geschlossen ist, und daß unter dem Mann ohne
das hochzeitliche Kleid diejenigen verstanden werden, die in die geistige
Welt ohne die für den Himmel notwendige geistige Bekleidung übertreten. Laßt
uns denn forschen und sehen, was es eigentlich bedeutet, ohne hochzeitliches
Kleid zu sein. Heutzutage wird der Mensch mit allen bösen Anlagen seiner
Eltern und Voreltern geboren; durch diese Erblast und weiteres, selbst
angeeignetes Böses besteht er nur noch aus Verderbnis. Sowohl sein Verstand
als auch sein Wille sind verkehrt. Er versteht nichts von der wirklichen Wahrheit
und will nichts echt Gutes. Denn was er von sich aus wahr und gut nennt, ist
falsch und böse. In seinem Herzen nennt er gut, sich selber mehr als andere
zu lieben, zu begehren, was andere besitzen, sich um sich selber und nicht
um andere zu kümmern, es sei denn, es diene dem eigenen Vorteil, und jede nur
erdenkliche Sünde zu begehen, die ihm Vergnügen bereitet. Und wenn jemand
versucht, ihn in solchem Bösen, das er bei sich gut nennt, zu hindern oder
zurückzuhalten, so haßt er ihn, entbrennt in Rache gegen ihn und sinnt auf
sein Verderben. Solcher Art ist des Menschen Zustand, ehe er umgebildet
wird. Geschieht dies nie, behält er ein taubes Ohr, wenn der Herr an die Türe
seines Herzens und Gemütes klopft, und bestärkt er sich so in seinen
schlechten Trieben und nennt sie weiterhin gut, dann verdreht er noch
vollends seine verkehrte Natur und versinkt gänzlich in die Liebe zur Hölle,
möge er äußerlich noch so moralisch und bürgerlich gut erscheinen. Tritt ein solcher Mensch in das geistige Leben ein, so besitzt
er noch dieselben bösen Begierden, dasselbe egoistische Wesen, das er sich
durch sein Leben in der Welt angeeignet hat. Denn was der Mensch liebt, ist
sein Leben. Diese bösen Begierden beherrschen ihn dann ganz und gar, sie kennzeichnen
in allen Einzelheiten den Aufbau seines Gemüts, schon bei seinem Anblick
erkennt man die höllische Natur. Es gibt zwar wohl einige, die aus langer
Gewohnheit im Erdenleben zu Virtuosen der Verstellung geworden sind indem
sie ihr Inneres verbergen und ihr Äußeres den Erwartungen ihres Gegenübers
anpassen – so daß sie sich als Engel des Lichtes geben und selbst in die unteren
Himmelsgesellschaften eindringen können. Aber sie können dort nicht lange
verweilen, denn sie werden nicht nur bald erkannt, sondern sie spüren
selbst, daß sie sich hier nicht in einer ihnen bekömmlichen Atmosphäre
befinden; sie fangen an, innerlich bedrückt und gequält zu werden, und leiden
schlimme Pein in der auf sie einfließenden und einwirkenden fremden
Himmelsluft. In einer Himmelsgesellschaft will ein jeder dem anderen wohl,
und zwar mehr als sich selber. Der Schlechte ist daher unter den Engeln wie
ein Wolf unter Lämmern. Er hat kein hochzeitliches Kleid an. Er ist des Guten
und Wahren bar, das er sich auf der Erde hätte aneignen oder wie ein Kleid
anziehen können, und so muß er notwendigerweise in die äußerste Finsternis
oder die Hölle hinausgeworfen werden, wo seinesgleichen sind. Unser himmlischer Vater hat in seiner Barmherzigkeit
vorgesorgt, daß die belastenden Erbanlagen des Menschen während des
Erdenlebens beseitigt werden können und daß auch alles zusätzlich angeeignete
Böse überwunden werden kann, wenn der Mensch sein Leben Hand in Hand mit dem
Herrn gestaltet. Und weil der Herr gar nicht anders kann, als die Menschen zu
lieben, hält er diesen Weg für jeden offen, gleichgültig, wie seine
Lebensumstände beschaffen sind. Allerdings verlangt er dabei einen
Willensentscheid mit ebensoviel Einsatz, wie der Mensch sich sonst für seine
eigenen Interessen kosten ließe. Diese Umgestaltung, ein wahres Wunderwerk
des Herrn, nennen wir Wiedergeburt; es begabt den Menschen mit einem neuen
Willen und einem neuen Verstand. Das kann aber nicht in einem Augenblick
geschehen. Es ist ein Kampf. Lebenslang ab dem Zeitpunkt, an dem der Mensch
aus der göttlichen Offenbarung begonnen hat, zu lernen, was falsch und böse
und was wahr und gut ist. Denn ohne diese Kenntnis kann er keinen Fortschritt
machen, hält er doch sonst nur das Böse für gut. So erlernt er zuerst Scheinwahrheiten, z.B. daß die Liebe
bei den Eigenen anfängt. Daß man den Armen, Witwen und Waisen Gutes erweisen
soll, wie sie auch geartet sein mögen. Durch solche Dinge flößt der Herr die
Anfänge eines neuen, wiedergeborenen Willens ein. Dies ist der Zustand der
Kindheit des neuen Lebens. Der Zustand der Jugend und des reiferen Alters
ist eingetreten, wenn man den Nächsten nicht mehr als Person ansieht, das
heißt so, wie er äußerlich erscheint, sondern seine inneren Eigenschaften
beachtet, also wieviel Gutes er zuerst in gesellschaftlichen, dann in moralischen
und zuletzt in geistigen Belangen wirkt. Auf dieser Stufe der Wiedergeburt
fängt der Mensch an, dem Guten den ersten Platz einzuräumen. Jetzt sieht er,
was es eigentlich bedeutet, den Herrn und den Nächsten zu lieben und darin
sein Glück zu finden. Er sieht, daß den Herrn wirklich lieben so viel ist wie
willens zu sein, die göttlichen Gebote zu befolgen; und dabei hat als Ziel
seiner Liebe nicht einfach jeder Mitmensch zu gelten, sondern vor allem, wer
selber nach diesen Geboten lebt und dadurch Gutes erwirbt. Denn kein anderer
ist im wahren Sinne der Nächste. So geht er vorwärts, indem er das Falsche verwirft und das
Wahre erlernt, das Böse meidet und das Gute tut, während er den Herrn um
Beistand bittet, bis er – wenn er seinen natürlichen Leib ablegt und in die
geistige Welt übertritt – der Substanz und dem Bau seines Gemütes nach ein
neues Geschöpf ist. Er ist geistig umkleidet. Er hat sein hochzeitliches
Kleid angetan. Er kommt vorbereitet zum ewigen Hochzeitsfest, das der Herr
bereitet, weil das Gute und Wahre in ihm in ewiger Ehe zusammengefügt ist.“ Dies ist der Inhalt der von Maric an jenem denkwürdigen
Tage gehaltenen Ansprache. Am Schluß, als er einen Augenblick innehielt, bei
vollem Beifall seiner Lehrer, die ihm zunickten, und der deutlich bezeigten
Bewunderung aller Studenten – in dem Augenblick, noch ehe er sich umwenden
konnte, um sich von der Rednerbühne an seinen Platz zu begeben, überstrahlte
ein helles Licht plötzlich den Ort, wo er stand, und ein Engel in glänzendem
Gewand erschien neben ihm und setzte ihm einen Lorbeerkranz auf. Ich hätte vor Freude laut jubeln mögen. Aber als der Engel
ihn an der Hand nahm und von der Rednerbühne hinweg durch die Tür im Osten
hinausführte, wurde mir das Herz schwer, und ich blickte mit stummer Bitte
auf den Direktor, ohne zu merken, daß ich wieder an meine eigene Empfindung,
nicht an die meines Freundes dachte. Als ich ihn anblickte, war der Direktor im Begriff
aufzustehen, und aus seinem Gesichtsausdruck schloß ich, daß die Ankunft des
Engels ihn überrascht hatte. „Es kam früher, als ich erwartet hatte“, schien
sein Blick zu sagen. Auch die anderen Lehrer erhoben sich und folgten ihrem
Oberhaupt in das geheimnisvolle Zimmer, östlich vom Saal, das ich nicht
kannte und worin mein Freund und Bruder verschwunden war. Was sollte jetzt
vor sich gehen? Die Studenten sahen einander bedeutungsvoll an, aber niemand
fragte. Es war offenbar, daß Maric in den Himmel erhoben werden sollte.
Inzwischen hatte ich einen rechten Kampf gegen meine selbstsüchtigen
Anwandlungen geführt; und ich war doppelt glücklich, weil es mir gelungen
war, sie zurückzudrängen, und weil ich mich nun aufrichtig für Maric freuen
konnte. Nur hatte meine Freude noch einen bangen Unterton: Würde ich wirklich
soweit vorwärtskommen, daß ich ihm folgen durfte? Die Studenten blieben in ehrfurchtsvollem Schweigen sitzen;
es war ungewohnt still im Saal. Gleich darauf aber öffnete sich die Tür im
Osten, und Maric trat heraus in Begleitung von mehreren Lehrern. Seine Augen
glänzten wie Sterne, und sein Antlitz war von einer unbeschreiblichen Freude
verklärt. Er stand auf der Bühne und richtete einige Abschiedsworte an uns,
die ich in meiner Aufregung kaum beachtete. Am Schluß, auf ein Zeichen der Lehrer, erhoben sich die
Studenten und defilierten langsam an ihm vorbei, indem sie ihm zum Abschied
die Hand drückten. Ich hielt mich zurück und trat zuletzt zu ihm. Lächelnd
zog er mich auf die Bühne und hielt meine Hand lange umschlossen. Mein Herz
drängte sich ihm entgegen in Freundschaft und Liebe. „Du kommst mir nach in dieselbe Himmelsgesellschaft“,
sagte er. „Ich fühle es.“ „Gott gebe es“, antwortete ich. Dann legte er seinen linken Arm um meinen Nacken und küßte
mich schweigend auf die Stirn. Einen Augenblick darauf war er fort. Nach der Entlassung verließen die Studenten die Halle und
begaben sich auf die Terrasse und besprachen in Gruppen das große Ereignis.
Ich aber verweilte noch lange in dem stillen Saal, bis die Lehrer zuletzt aus
dem mysteriösen Ostzimmer zurückkehrten. Ich rannte ihnen entgegen mit der
Frage: „Ist er mit dem Engel in den Himmel gegangen?“ „Er ist fort!“ Das Mädchen Tags darauf verweilten meine Gedanken bei Maric, meinem
Engelfreund, als bei meinen Lehrern und dem, was sie mir vermitteln wollten.
Aber wiederum einen Tag später hatte sich das schon fast gegeben, und ich
ruhte in zufriedener Stille aus. Was sollte ich mich grämen über eine
zeitweilige Trennung – Ich hatte doch eine derart ungewisse Zeit hinter mir!
Der Herr leitete alles, und jedes Ereignis meines Lebens war so angeordnet
worden, daß es meinem ewigen Wohlergehen diente. Deshalb mußte ich schon
meinen Gleichmut bewahren, dachte ich bei mir, und mich frohen Muts von dem
Strome der göttlichen Vorsehung dahintragen lassen; und in der Zwischenzeit,
bis zu dem Moment, da auch mir die Himmelstüre geöffnet wurde, wollte ich
treu meine Arbeit tun. Daher ging ich jetzt wieder mit vollem Eifer meinen Studien
nach, ruhiger und bald ziemlich glücklich. Aber vollkommener Friede wohnt nur
in den Himmelsräumen. Schon nach wenigen Tagen zog eine neue Sturmwolke an
meinem Horizont herauf. So schien es mir wenigstens, mir, dem Unwürdigen,
dessen Zuversicht und Vertrauen immer noch nicht so gefestigt waren, daß sie nicht
mehr erschüttert werden konnten. Es kam so: Eines Tages, nach einem frohen
Fest, an dem die Studien der vorhergehenden Tage bildlich dargestellt und auf
diese Weise gekrönt worden waren, spazierte ich allein hinaus. Eigentlich
suchte ich nur noch selten die Einsamkeit, denn die Gesellschaft meiner
Studienkameraden war mir in jeder Weise zu einem angenehmen Bedürfnis
geworden, ich zog ihr nur noch die Gegenwart der Lehrer vor. Das Beisammensein
mit den Mitschülern könnte man vielleicht mit dem Vergnügen vergleichen, das
man in einem Hain von verschiedenartigen Bäumen findet, mit den Lehrern aber
war es wie die Freude an einem blühenden, gepflegten Garten. Denn bei den Studenten
fand ich Einsicht, bei den Lehrern aber Weisheit. An diesem Tag aber, während die einen in Gruppen
ausgeritten waren oder eine Wanderung unternahmen, fühlte ich mich bewogen,
allein hinauszuziehen. Über einen möglichen Beweggrund dieses, wie gesagt,
eher ungewöhnlichen Wunsches machte ich mir keine Gedanken. Ich wählte ohne
besonderes Ziel den nächstbesten Pfad; er führte mich südwärts durch ein Tal
und endlich einen Abhang im Südosten hinauf. Die Stille der Haine zur
Rechten und zur Linken, die erhabene Größe der vielen friedlich nebeneinander
wachsenden Bäume lenkten meine Gedanken in ernsthafte, aber immerhin heitere
Bahnen und erfüllten mich mit einer Empfindung ruhiger Glückseligkeit. Als ich den Hügel erstiegen hatte, blickte ich voll Behagen
über eine sanfte Mulde hinweg und bewunderte ein Gebäude auf einer Erhebung
darin, ähnlich dem unserer Schule, aber mit ganz besonderen Eigenheiten, denn
seine Türmchen und Türme zeigten eine Zierlichkeit und Eleganz, die deutlich
von der massiveren Bauart des unsrigen abstach. Einer starken Anziehung
folgend, wählte ich den Pfad, der die waldige Lehne hinab auf den Buckel
zulief. Ich wurde aber durch einen Zwischenfall abgehalten, das schöne
Gebäude selbst zu besuchen und zu besichtigen. Ich hatte die Fichten, Tannen und Zedern hinter mir gelassen
und stand jetzt zwischen Gruppen von säuselnden Myrten – ein angenehmes
Lüftchen wehte durch ihre dunkelgrünen eiförmigen Blättchen – und
stattlichen Palmen, die hier und dort auf blühende Mandelbäume herabschauten,
und eine auf der Erde unbekannte, scharlachrote Blume, in kleinen dichtstehenden
Gruppen, flammte hier und dort wie eine feurige Lohe. An diesem verwunschenen Ort wurden meine Schritte plötzlich
gehemmt durch den Blick auf eine wahrlich zauberhafte Erscheinung: Inmitten
dieser Blumen, auf einer Bank, eingerahmt von Myrten zur Linken, Mandelbäumen
zur Rechten und hohen Palmen dahinter, saß ein wunderschönes Mädchen über
eine Stickerei gebeugt, deren kunstvolle Muster aus karmesinroten und
schneeweißen Seidenfäden wohl eher zufällig das Rot und Weiß der Wangen
wiedergaben. Daneben auf der Armlehne der Bank saß eine Taube, deren Weiß nur
durch einen violetten Ring um den Hals unterbrochen war. Weder das Mädchen
noch die Taube hatten den nahenden Eindringling bemerkt, der von Neugier und
einem plötzlichen Bangen befallen, den Schritt und selbst den Atem verhielt. Das Bild war aufreizend schön. Ich fragte mich, ob ich
träume. Ein Reis knackte unter meinem Fuß, und sogleich gab es Bewegung. Die
Taube flog mit einem Warnruf empor, das Mädchen sprang auf und blickte mich
einen Augenblick forschend und mit angstvoller Spannung an; aber zu meiner
Verwunderung beruhigte es sich sogleich wieder. Die Zeitalter mögen kommen
und gehen – nie werde ich jenen Blick vergessen, der mir geradezu in die
Tiefe der Seele drang. Es waren große liebliche Augen von dunklem Blau. Und
das Gesicht! Mir schlug das Herz, als ich es anschaute, und ich zitterte vor
Freude. Mir schien, daß alle Schönheit, alle denkbare Anmut und Güte, ein unbeschreiblicher
Ausdruck von liebevoller Weiblichkeit zugleich in diesem Antlitz wohne. „Erschrick doch bitte nicht“, bat ich mit etwas rauher
Stimme. Beim Nähertreten bemerkte ich erst, daß sie ein Kleid von hellblauer
Seide trug, das bei jeder Bewegung einen Rosaschimmer zurückstrahlte. „Erschrick nicht“, wiederholte ich mit nur mühsam
unterdrückter Erregung. Dann, plötzlich alle Hemmungen fallenlassend, setzte
ich hinzu: „Dir würde ich für Millionen von Welten nichts zuleide tun.“ „Es würde dir gar nicht erlaubt, mir etwas anzutun“,
erwiderte sie, und der Wohllaut ihrer Stimme ward mir zum neuen Wunder. – Sie
hatte also keine Veranlassung zur Furcht. Ich konnte ihr, selbst wenn ich es
wollte, kein Leid zufügen. Als sie mir das verkündete, konnte ich volles Vertrauen
in einen unbekannten Schutz aus ihrem Gesichte lesen. Aber aus ihrem Lächeln
sprach keine Abweisung. „Das einzige, was mich beunruhigt“, setzte sie offen hinzu,
„ist, daß ich nicht sicher bin, ob ich hier mit dir sprechen soll oder
nicht.“ Als sie das sagte, blickte sie auf ihre Taube, die nach
kurzem Fluge sich auf die Rücklehne der Bank niedergelßen hatte. Indem sie
sich mir wieder zuwandte, fragte sie: „Wie kamst du an unseren Hütern vorbei?“ „Hüter? Ich sah gar keine.“ „Sie müssen dich gesehen haben.“ „Vielleicht“, erwiderte ich nach kurzem Bedenken,
„vielleicht befürchteten sie in diesem Fall kein Unheil und ließen den
Eindringling unbefragt passieren.“ Ihr Blick ruhte wieder auf der Taube, als ob sie ihr eine
Frage stellte. Dann, sich an mich wendend, setzte sie halb nachdenklich
hinzu: „Ich habe gehört, daß es manchmal so verfügt wird. Die Wachen an der
Grenze wissen dann durch eine innere Eingebung oder ein Zeichen, daß sie den
Wanderer nicht zurückzuweisen brauchen.“ Die Taube kehrte jetzt zu ihrem früheren Ruheplatz zurück,
und das Mädchen setzte sich etwas zögernd wieder auf die Bank. „Du bist ein Student aus der benachbarten Hochschule,
nicht wahr?“ Ich bejahte und nahm mir dabei die Freiheit, näher zu
treten, worauf sie mich höflich einlud, mich neben sie auf die Bank zu
setzen. „Und willst du mir sagen, wer du bist?“ Ich fragte vielleicht
etwas leidenschaftlich, aber sicher voll der tiefsten Ehrerbietung. „Ich bin in der hohen Mädchenschule“, antwortete sie
einfach, indem sie ihre schönen Augen von der Stickerei erhob und mich voll
anschaute. „Und du bereitest dich dort für den Himmel vor“, sagte ich,
und das war nicht als Frage gemeint, denn es konnte ja gar nicht anders sein,
und ich war so froh, daß es auch eine ähnliche Hochschule für Mädchen gab. „Ja“, sagte sie, „man lehrt uns dort, unsere Gedanken auf
den Himmel zu richten, und dieser erscheint uns umso näher, je mehr unserer
Gefährtinnen nach erfüllter Zeit dorthin erhoben werden.“ „Und bist du schon lange hier?“ fragte ich weiter, begierig,
auch das Nähere zu erfahren. „Ungefähr drei Jahre“, erwiderte sie ohne Zögern. „Vorher
war ich fünf Jahre lang in einer anderen Schule.“ „Dann bist du weit länger in der geistigen Welt als ich.“ „Ich kann mich kaum an die natürliche Welt erinnern“,
erwiderte sie. „Ich war ein kleines zehnjähriges Mädchen, als ich sie
verließ. Bei meiner hiesigen Ankunft nahm mich eine Engelmutter auf und
brachte mich mit anderen Mädchen von meinem Alter in eine Schule. Sie war
dort eine der Lehrerinnen und war so schön und gut, daß ich sie von Anfang an
aufs innigste liebte, obgleich ich oft ein sehr böses Mädchen war.“ „Bitte erzähle weiter“, bat ich, als sie innehielt. „Du wunderst dich, ob ich auch bestraft worden sei“ dabei
lachte sie leise vor sich hin. „Das geschah mir oft, und zwar verdientermaßen.
Ich trug immer einfache, weiße Kleidchen, außer an den Festtagen. Wenn ich
nun irgendwie böse gewesen war, zeigten sich wüste dunkle Flecken daran, und
meine Engelmutter strafte mich dann durch den betrübten Blick aus ihren
gütigen Augen. Dann sprang ich fort und weinte, und wenn ich meinen Fehler
wirklich bereute, so verschwanden die Flecken, und meine liebe Mutter lächelte
wieder. Manchmal“, fuhr sie fort, „bestand meine Strafe im Verlust des
Festkleides, das mir am liebsten war, das dann nämlich, ich wußte nicht wie,
verschwand oder weggenommen wurde. Zu anderen Zeiten wurde ich erfreut, indem
ich ein neues Kleid in meinem Zimmer fand, weil ich dann wußte, daß ich brav
gewesen war.“ Sie sprach oft stockend, als sie von sich selber erzählte,
und unterbrach sich zuweilen, indem sie auf die Taube blickte, ob sie wohl
fortfahren dürfe. Aber mit Fragen, einer nach der anderen, drängte ich sie,
weiterzuerzählen. So berichtete sie mir, daß sie in späteren Jahren selten in
äußerlich böse Handlungen verfiel, aber manchmal ihre Gefährtinnen beneidete
und sie in ihrem Herzen des Bösen beschuldigte. In solchen Fällen
wiederholten sich jene Strafen, oder die Rosen in ihrem Gärtchen ließen die
Köpfe hängen und welkten hin. Denn eine ihrer Pflichten bestand darin, die
Blumen im Gärtchen unter ihrem Fenster zu pflegen. Wenn sie durch dieses
Zeichen auf ihren bösen Zustand aufmerksam geworden war, so wurde sie stets
tief betrübt, aber nach wahrer, ehrlicher Reue erhoben die Rosen wieder ihre
Köpfchen und ihre Frische kehrte zurück. Manchmal, wenn sie in ihr Gärtchen trat, fand sie es ganz
und gar im Aussehen verändert, nicht nur am Verwelken, sondern auch von
Unkraut überwuchert. Dann wußte sie, daß sie Böses getan hatte, und erst nach
Selbstprüfung und Reue kehrte die frühere Schönheit zurück. Aber auch das
Gegenteil konnte eintreten: neue Blumen waren erblüht und dufteten herrlich,
und Freude erfüllte sie. Dann war sie auf dem richtigen Weg. „Die Zeichen, die der Herr euch schickt“ stellte ich fest, „wenden
sich an eure Neigungen; wir werden eher an der Vernunft gepackt.“ Ich
erzählte ihr dann von der Schrift an meiner Wand am ersten Tag, und auch, was
später dort erschienen war. „Der Herr leitet uns in mannigfaltiger Weise“, sagte sie.
„Ich habe schon früher von solch wunderbaren Aufschriften an der Wand
gehört.“ Nachdem sie herangewachsen und schon fünfzehn Jahre alt
war, wurde sie in ihre jetzige Schule gebracht, wo manches anders war. Sie
hatte zwar immer noch ihre Blumen, aber jetzt erhielt sie ein weiteres
Zeichen, eine weiße Taube. Aus deren Verhalten erfuhr sie, ob sie etwas Unfreundliches
oder Unkluges getan hatte. Es war ihr auch zu Ohren gekommen, daß in manchen
Hochschulen die Mädchen Schwäne erhielten, in anderen Paradiesvögel, in wieder
anderen Lämmer. Wir hatten uns bis zu dieser Stunde nie gesehen. Wie
sonderbar war da diese Traulichkeit, diese offene Selbstverständlichkeit!
Wie sonderbar das Gefühl, das mich beschlich, als hätten wir uns seit jeher
gekannt. „Gesegnet sei der Tag, der mich hierher brachte“, sagte ich
und sah sie lange an, nachdem sie schon eine Weile geschwiegen hatte. Nach einiger Zeit der Stille hörte ich ein Flügelschwirren,
und das Mädchen sprang auf. „Meine Taube ist fort“, sagte sie, und ein Schatten der
Bangigkeit flog über ihr Gesicht. „Ich bin zu lange hier geblieben“, und sie
eilte davon. Ich machte Anstalten, ihr zu folgen, aber ein Blick von ihr
ließ mich innehalten. Meine Hände erhoben sich und winkten ihr nach, aber
meine Füße blieben wie festgebannt. „Jeden Tag werde ich beten, daß ich dich wiedersehe“, sagte
ich, voll Glück und voll Schmerz. Sie blieb nicht stehen, aber sie schaute lächelnd zurück,
und ein ganzer Himmel lag in ihren Blicken. „Denk dran“, wollte ich ihr nachrufen, „denk dran, was mein
tägliches Gebet sein wird!“ aber es kam nur ganz leise heraus, als würde eine
fremde Stimme von weither sprechen. Doch tatsächlich schaute sie sich noch einmal um, ohne
innezuhalten, immer noch mit jenem Himmel in ihrem Lächeln. Und dann
verdeckten sie die Myrten und die Mandelbäume und entzogen sie meinen Blicken
– und ich, allein gelassen, sah mich um mit unbestimmtem Schmerz und Sehnen
wie einer, der plötzlich aus einem Wundertraum erwacht. Ich ging zurück auf die Straße, blind im Sturm meiner
Gefühle, sah keine Bäume mehr, dachte auch an keine Hüter, die mich nach
woher? – wohin? Hätten fragen können, kümmerte mich um kein Ziel, setzte nur
die Füße einen vor den anderen und überließ mich den aufgewühlten Gedanken
eines jungen Mannes, der sich zum ersten Male seiner Liebe zu einem Mädchen
bewußt wird. Bald laufend, bald zögernd, bald mit dem Wunsche kämpfend
umzukehren, gelangte ich schließlich in unser Tal und irrte nun darin umher,
bis das Zwielicht den Tag vertrieb. Dann erst riß ich mich zusammen und
suchte mein Zimmer auf, mied aber jede Gesellschaft. Meine Seele war betrübt. Neue, unerwartete Gefühle waren in
mir wach geworden. Was konnte dieses Fremdartige nur bedeuten? Hier war ich,
ein Geist, der, wie ich hoffte, sich für den Himmel vorbereitete, jetzt die
ganze Seele in Aufruhr mit Gedanken der Liebe und der Ehe mit einer Jungfrau!
War dies die letzte und martervollste Versuchung aus der Hölle? Hatte nicht
der Herr selbst, als er auf der Erde weilte, gesagt: „In der Auferstehung
freien sie nicht, noch lassen sie sich freien.“ Wie voll des Bösen mußte ich
sein, wenn ich solche Absichten, solche Gefühle hegte! Aber wenn dies Sünde
ist, wie angenehm ist dann die Sünde! Und wenn der Himmel ohne diese Liebe
ist, wie kann er dann so unvollkommen sein! Vom Wesen der Ehe Die ganze Nacht hindurch kämpfte ich gegen meine Gefühle,
den ganzen Tag, während ich in völliger Geistesabwesenheit meinen Lehrern
zuhörte, und so auch den nächsten Tag und wieder den darauffolgenden. Aber
den Sieg behielt nicht ich, sondern die Liebe. Zuletzt, in meiner
Verzweiflung, ersuchte ich den Direktor um eine Unterredung, und er
gestattete sie mir und bat mich in sein Empfangszimmer. „Was ist es, mein Sohn?“ fragte er, als ich mit meinem
Anliegen zögerte. „Ich habe die letzten drei Tage gesehen, daß du etwas außer
Fassung bist, und ich habe gewartet, bis du mit der Sprache herausrücken
würdest.“ Dabei nickte er mir ermunternd zu. „Ich komme zu dir, mein Vater, um Hilfe. Ich bin in tiefer
Drangsal. Ich bin von seltsamem Verlangen getrieben und habe mir Gedanken
gemacht, die ich selber nicht verstehe. Jetzt muß ich fürchten, nie in den
Himmel eingelassen zu werden. Manchmal, ja oft, habe ich auch gar nicht mehr
den Wunsch dazu. Ich bin so hilflos. Was soll ich denken – was soll ich
tun?“ „Kein Wunsch mehr, in den Himmel zu kommen?“ wiederholte
der Direktor und schaute mich forschend an. „So ist es, mein Vater“, erwiderte ich, indem ich die Augen
niederschlug. „Weißt du denn auch, was du sagst? Eins ist mir klar: du
steckst in einer schweren Versuchung, aber das ist nicht genug, um solche –
Tollheit zu erklären.“ Ich ließ den Kopf hängen und gab keine Antwort. Er fuhr
darauf mit einer Strenge fort, wie er sie nie vorher gezeigt hatte: „Ist es
denn möglich, daß du jetzt, nachdem du soweit fortgeschritten bist, dich noch
zurückwenden willst?“ „Höre mich, mein Vater! Könnte ich nicht immer in dieser
Zwischenwelt bleiben und doch dem Herrn dienen, gewiß von ganzem Herzen und
ganzer Seele, zum Beispiel dadurch, daß ich die von der Erde neu Angekommenen
unterweise?“ fragte ich angstvoll, einen Gedanken äußernd, den ich nun schon
Tage und Stunden bei mir erwogen hatte. „Und warum das? Willst du an der Schwelle stehenbleiben
und dich damit begnügen, der Musik und dem Reigen drinnen zuzuhören? Willst
du am Tore sitzen, nachdem der Bräutigam mit seinen Freunden hineingegangen
ist? Und warum jetzt das? Warum?“ „Weil Männer und Frauen hier, wie ich sehe, in der Ehe
leben.“ „Sprich deutlicher und erkläre mir dies Rätsel.“ „Ich habe“ – stammelte ich, und wagte nicht, meine Augen zu
erheben – „ich habe, mein Vater, ein Mädchen, eine Jungfrau gesehen und habe
sie liebgewonnen. Ich habe diese drei Tage schwer mit mir gekämpft, aber
dennoch liebe ich sie.“ „Ja, und warum denn nicht?“ Dies kam so unerwartet, klang so gar nicht nach Anklage
oder Strafe, daß ich zuerst erschrak, obwohl die Worte sogleich anfingen, in
meiner durcheinandergewühlten Seele Ordnung zu schaffen. Dann aber, zutiefst erstaunt und ohne zu verstehen, hob ich
meine Augen und sah tatsächlich keine Spur von Betrübnis im Gesicht des
Mannes, keine Zurechtweisung, sondern nur eine sichtbare Erleichterung. Da
antwortete ich, wie in Trance: „Der Herr sagt: ‚Im Himmel freien sie nicht, noch lassen
sie sich freien’.“ Eine ganze Weile blieb es still. „Hast du denn noch nicht gehört“, fragte endlich der
Direktor verwundert, „daß die Engel Ehen schließen, daß die zärtliche Liebe
der Ehegatten das eigentliche Leben des Himmels bildet und die innerste Wonne
derer ist, die droben wohnen?“ Wie – die Engel schließen Ehen? Männer und Frauen lieben
sich? – Ich darf also -? Mir fiel ein ungeheurer Stein vom Herzen ob diesen Worten.
Voll Überraschung, aber auch mit Beschämung, empfand ich nun wieder, daß bei
allem die Sonne schien. Dennoch – eine Wolke war noch da. „Aber jene Worte des Herrn, mein Vater?“ „Die will ich dir erklären.“ Dabei lächelte er mich an, und
zwar mit soviel Liebe, daß mein Innerstes davon angerührt wurde und ich kaum
die Tränen zurückhalten konnte. „Du hast aus dem göttlichen Wort gesehen, daß
der Herr auf der Erde vor den Ohren der Einfältigen, die nichts wirklich
verstehen konnten, und vor denen, die jede Wahrheit entweiht hätten, in Bildern
und Gleichnissen sprach, die den Kern des Wesentlichen, also die wirkliche
Wahrheit, verdeckten oder umhüllten. In diesem eigentlichen Sinne bedeuten
jene Worte, daß die Ehe des Guten und Wahren bei keinem Menschen nach seinem
Eintreten in die geistige Welt stattfinden kann, wenn sie nicht schon auf der
Erde geschlossen oder wenigstens vorbereitet worden ist. Mit anderen Worten,
er kann nicht in den Himmel aufgenommen werden, wenn er das Werk der
Wiedergeburt nicht vorher angefangen hat. Denn die Ehe des Guten und Wahren
kann unmöglich bei einem Geist geschlossen werden, der sich bei Leibesleben
im Bösen bestärkt hatte.“ „Und die Engel leben als Mann und Frau?“ fragte ich voller
Spannung und halb in der Angst, ich müßte aufwachen, und die Worte, auf die
ich mit soviel Erleichterung lauschte, wären Mißverständnisse, Traumgespinste,
die in der traurigen Wirklichkeit verhallten. „Und stammen“ –fragte ich
schnell weiter- „stammen auch Kinder aus solcher Liebe?“ „Erstens ja, zweitens nein. Aus den Ehen im Himmel gibt es
keine natürlichen Sprößlinge. Nach der göttlichen Ordnung sind alle Engel
einmal Menschen gewesen und demnach in der natürlichen Welt geboren worden;
deshalb gibt es im Himmel keine Geburten. Die Sprößlinge aus der himmlischen
Ehe sind eine zunehmende Liebe zum Herrn und zum Nächsten. Diese Liebe des
Mannes zur Frau und der Frau zum Mann ist allen Menschen von der Schöpfung
her eingepflanzt und ist ihre tiefste und stärkste Neigung. Nach dem Tode
wird sie nicht abgetötet, das ist nicht der Wille dessen, der sich Bräutigam
und Ehemann und die Kirche Braut und Weib nennt, sondern diese Neigung bleibt
in alle Ewigkeit, unrein und ehebrecherisch bei den Teufeln, die sie so bei
sich verkehrt haben, aber rein, keusch und himmlisch bei den Engeln.“ Da atmete ich auf. Das also war die Wahrheit. So galt die
Ordnung zwischen Mann und Frau – und die Liebe auch ich durfte lieben! Vor
meinem inneren Auge erschienen Bäume, eine Bank, ein Mädchen … Bevor ich noch eine weitere Frage stellen konnte, merkte
ich, wie mein Lehrer mich betrachtete. Ich meinte einen Anflug von Belustigung
in seinem Blick zu sehen. „Du bist schon nicht mehr ganz hier bei mir“. Sagte
er. „Deine Angst ist dann wohl besiegt?“ „Ganz, absolut, völlig!“ Ich konnte nicht anders, ich
jubelte diese Worte hinaus. „Und ich darf eines Tages dieses Mädchen heiraten
und mit ihm im Himmel wohnen?“ „Du darfst, aber denke daran, daß sich Bedingungen daran
knüpfen.“ „Bitte nenne sie mir!“ „Eine echte und glückliche Ehe wird auf der Erde vom Herrn
für diejenigen vorgesehen, die sich von Jugend auf nach einem gesetzmäßigen
und liebevollen Zusammenleben mit einer einzigen Frau gesehnt, dieses vom
Herrn erfleht und wandernde Lüste und Begierden verachtet und verabscheut
hatten. Hier sind die Bedingungen ähnlich, und wenn du sie einhältst, so wird
dir diese größte aller Segnungen einst zuteil. Um dich für die himmlische Ehe
vorzubereiten, mußt du alle unlauteren Triebe als höllisches Böses meiden.
Denk dran, daß dir dies nur gelingt, wenn du auch alles andere Böse meidest.
Denn Unkeuschheit und Ehebruch schließen alles andere Böse in sich ein. Bedenke
auch, daß Liebe, die nur der Schönheit allein gilt, keine Liebe sondern bloße
Unkeuschheit ist. Denn die echte Ehe ist eine Verbindung der Gemüter und der
Seelen. Sie entsteht aus der Ehe des Guten und Wahren, und damit du daran teilhaben
kannst, mußt du so leben, daß in deinem Gemüt und Herzen die Wahrheit sich
mit dem Guten verbindet. Das hat bei dir schon begonnen, und wenn du nur
willst, so wird es sich bei uns vollenden. Forsche emsig im göttlichen Wort.
Laß dieses deine Gedanken bilden und deine Neigungen lenken. So wirst du dich
zur Verbindung mit einer Engel-Frau vorbereiten, deren Gedanken und Wünsche
mit den deinigen übereinstimmen werden, weil beide den Gesetzen des Himmels
entsprechen werden. Eine solche Verbindung“ schloß der Direktor feierlich, „ist
die Krönung jedes Glücks, das Schönste vom Schönen, die gesegnetste aller
Segnungen. Jeden Tag, mein Sohn, solltest du ehrfurchtsvoll zum Herrn beten,
daß er dich vorwärts geleiten möge, bis du würdig bist, diese höchste Gabe
seiner Liebe zu empfangen.“ Bei diesen abschließenden Worten kam mir das Gelübde in den
Sinn, das ich vor dem geliebten Mädchen abgelegt hatte: „Jeden Tag werde ich
beten, daß ich dich wieder sehe“, und nachdem ich entlassen worden war und
das Haus verließ, wiederholte ich diese Worte wieder und wieder. Die ganze Welt war verwandelt. Sogar die Formen unseres
Tales, der Hügel, Bäume und Felder waren vor meinen Augen verklärt, meine
Blicke wanderten von Hügel zu Hügel und nahmen doch alles wahr, obwohl Glückstränen
mir die Augen verdunkelten. „Jeden Tag, ja, jede Stunde“, flüsterte ich, „bis ich würdig
bin, sie wiederzusehen, und dann wieder und für immer! – bis zum großen Tag,
da sie mein sein wird und da ich ihr gehören darf – bis wir zusammen unsere Heimat
finden, wo wir in der Blüte ewiger Jugend ein Leben der Liebe führen werden!“ Während ich so über die Verbindung der Ehegatten im Himmel
nachdachte, wurde in mir plötzlich die Erinnerung an meine Mutter wach, die
dahingeschwunden war und uns verlassen hatte, als ich erst zehn Jahre alt
war. Ich dachte daran, wie mein Vater sich nicht wieder verehelichen wollte,
sondern meine Tante ins Haus nahm, damit sie für uns Sorge trug – jene Frau,
die noch während meines Ablebens bei meiner Schwester wohnte – und daß mein
Vater dann sechs Jahre später der Mutter auch nachgefolgt war. Da die Engel
verehelicht leben, so mußten wohl meine geliebten Eltern nun wieder
beieinander wohnen. Oh, daß ich sie sehen könnte! Wo waren sie, und warum
hatte ich nicht früher nach ihnen geforscht? Hatte mich die göttliche
Vorsehung, wohl aus triftigen Gründen, davon zurückgehalten? Oder hatte nur
die lange Trennung ihr Andenken solange aus meinem Gemüt verwischt? Jetzt aber dachte ich voll Sehnsucht hauptsächlich an meine
Mutter; wie gern würde ich sie sehen, mit ihr sprechen, ihr berichten. Als
ich meine Augen aufschlug, sah ich sie plötzlich am Wege, nur wenige Schritte
von mir entfernt, vor mir stehen. Es war unverkennbar meine Mutter, und doch
so verändert – so viel jünger, so schön! Aber es war sie selbst – sie, deren
liebes Angesicht unvergeßlich meinem Herzen eingeprägt war. „Mutter!“ rief ich, während sie mich zärtlich anlächelte. „Du bist verwandelt“, sagte ich, „und die Verwandlung ist
so schön!“ „Und du bist Oswald, mein kleiner Oswald.“ Sie sprach in
den leisen sanften Tönen, deren ich mich noch so gut erinnerte und die jetzt
sogar noch melodischer klangen als früher. „Auch du“, sagte sie, „bist
verwandelt“, und sie trat einen Schritt zurück und betrachtete mich. „Aber ich bin immer noch dein Sohn, und du bist meine
Mutter.“ Ich gewahrte eine Veränderung in ihrer Miene. „Das war das
Band zwischen uns auf der Erde“, antwortete sie sanft, „aber unser Verhältnis
ist jetzt ein anderes. Hier sind wir eher Bruder und Schwester, oder Freund
und Nachbar.“ Das gefiel mir nicht. Meine alten natürlichen Gefühle waren
noch zu stark. Die Zärtlichkeit meiner Kindheitsliebe erwachte wieder, und
ich verstand die Mutter nicht. „Wie meinst du das? Du bist doch meine Mutter?“ fragte ich
bestürzt. „Ich glaubte, du wüßtest das, Oswald“, antwortete sie
freundlich, aber mit einem Ausdruck von Bedauern. „Haben deine Lehrer dir noch nicht gesagt, daß die
natürlichen Verwandtschaften in der geistigen Welt nicht mehr gelten?“ „O Mutter!“ „Ich bin nicht mehr deine Mutter im alten Sinne, Oswald.
Wir alle haben hier eine gemeinsame Mutter, die Kirche, und einen Vater, den
Herrn. Es ist eine geistige Verwandtschaft, nicht die des Blutes, die alle
vereint, die hier beieinander wohnen. „So wohnen wir dann nicht beieinander?“ „Das weiß der Herr allein. Es könnte schon sein, daß du
einst in die Stadt geleitet wirst, in der ich zuhause bin. Und wenn, so wird
es mich freuen. Aber du wirst dann doch in deinem eigenen Haus bei deiner
eigenen Gattin leben.“ „Aber mein Vater – wohnt er nicht mit dir zusammen? „ Sie gab mir keine Antwort auf diese Frage, sondern wandte
sich abrupt um und schaute in einen Hain zu meiner Rechten. Da sah ich einen
Engel, eine stattliche, vornehme Erscheinung, auf uns zukommen. Er trat zu
ihr, legte seinen Arm um sie und grüßte mich freundlich. Meine Mutter legte
das Haupt an seine Schulter, und ein unbeschreiblicher Glanz ergoß sich über
ihr Angesicht. Ich bemerkte nun, daß sie ein schimmerndes Kleid anhatte, das
von Hellblau ins Rosa spielte, und als sie sich zu ihrem Gefährten wandte,
schoß ein flammendes Rot darüber hin. Ihr Gefährte war wohl schön und
zweifellos gut, aber er war nicht mein Vater! Ich brachte es nicht über mich,
ihn freundlich anzusehen. „Mutter, was soll das bedeuten?“ fragte ich erstaunt und
unwillig. Während sie sich noch an ihren Gefährten schmiegte, sagte
sie: „Derjenige, der dein Vater war, ist auch unter den Seligen, aber er
wohnt nicht bei mir. Dies ist mein geliebter Gatte.“ Ich konnte nicht mehr sprechen, so aufgewühlt waren meine
Gefühle. Sie aber fuhr fort: „In deinem jetzigen Zustand können wir nicht
länger bei dir verweilen. Deine Lehrer werden dich darüber aufklären.“ Dann
schaute sie mir nochmals in die Augen – ich werde die Kraft und die Klarheit
der Liebe in diesem Blick nie mehr vergessen – und fügte noch hinzu: „Möge es dir wohl ergehen, Oswald. Später
einmal, wenn du weiser geworden bist, dürfen wir einander wiedersehen.“ Und ehe ich reagieren konnte, waren sie fort; wie wenn sie
hinter einen Schleier getreten wären, verschwamm ihr Bild, und gleich darauf
waren sie mir ganz aus den Augen verschwunden. Ich folgte ihnen einige
Schritte nach und rief. Aber es kam keine Antwort. Eine halbe Stunde darauf
trat ich wieder in die Hochschule, suchte den Direktor auf und erzählte ihm
mein Erlebnis. „Und warum solltest du dich grämen, daß jene zwei Engel,
die dir auf Erden Vater und Mutter gewesen sind, nun im Himmel nicht
miteinander leben?“ fragte er, als ich still neben ihm saß. „Weißt du nicht,
daß sie Mann und Frau geblieben wären, wenn das für sie das Beste wäre?
Glaubst du, daß unser barmherziger Herr zwei Engel ewig in einer Ehe
aneinander ketten würde, die innerlich nicht zueinander paßten? In diesem
Zeitalter gibt es wenig Ehen auf Erden, die wahre Ehen sind, und durch des
Herrn Barmherzigkeit werden alle anderen hier aufgelöst und neue, passende
Verbindungen geschlossen. Obgleich dein Vater und deine Mutter friedlich
miteinander gelebt haben, stimmten sie doch in zu wenigen Bereichen ihrer Persönlichkeit
überein; daher gingen sie im Himmel auseinander. Sie fanden aber beide einen
neuen – richtig ausgedrückt: den – Partner, mit dem sie eine ideale
Verbindung eingehen konnten, die nun für ewige Zeiten all ihre Wünsche erfüllen
wird. „Bist du immer noch im Zweifel“, fuhr der Direktor fort,
„so ziehe dich zurück und bitte den Herrn, er möchte dich mit deinem
irdischen Vater zusammenführen. Wenn es gut für dich ist, wird dir deine
Bitte gewährt, und du wirst alles, was ich gesagt habe, bestätigt finden.“ „Ich bedarf dessen nicht, mein Vater“, antwortete ich,
demütig und beschämt und von dem Gesagten schon vollkommen überzeugt. „Es
wird mir immer klarer, wie voll des Bösen ich bin, wie wenig ich wirklich dem
Herrn vertraue.“ „Es steht bei dir“, belehrte er mich ohne jede Strenge,
„durch diese Erfahrung weiser zu werden und deine Ansichten zu korrigieren.“ Ich sah und verstand jetzt alles. Wie hatte doch meine
unglückliche Cousine Marie gelitten! Was wäre aus ihr geworden, wenn das
unheilige Band, daß sie an Paul fesselte, nie gelöst worden wäre? Dennoch, wenige Tage darauf verlangte mich danach, meinen
Vater zu sehen, und es wurde mir gewährt. So sah ich auch die Mutter zum
zweiten Mal. Als ich nicht weit von der Hochschule unter einem Olivenbaum
ausruhte und intensiv über meine Eltern nachdachte, wuchs in mir der Wunsch,
sie zu sehen. Da erschienen mir beide, von ihren himmlischen Gefährten
begleitet. Es ergab sich daraus eine Stunde liebevoller und gründlicher
Unterweisung. Es ging ausschließlich um die himmlische Ehe, und da ich nun
vorbereitet war, so hörte ich mit Verständnis und Sympathie zu, eingedenk der
Ehre, die sie mir durch ihre Anwesenheit erwiesen, und tief dankbar für die
erhaltenen Erklärungen. Sie schenkten mir soviel ungezwungene Freundschaft
und verfuhren so traulich mit mir, daß ich ihnen zuletzt ohne Bangen mein ganzes
Herz aufschloß und ihnen von dem Mädchen erzählte, das ich unter dem
Mandelbaum gefunden hatte und seither nie vergessen konnte. Diese Erzählung
freute sie offensichtlich, und sie ermunterten mich, dem Himmel zu vertrauen.
Ich würde sie mit der Zeit bestimmt gewinnen. „Gib ihr das, mein lieber Oswald“, sagte meine Mutter und
lächelte mich strahlend an, indem sie einen Ring mit Edelsteinen vom Finger
zog, die wie Feuer flammten. Und als meine himmlischen Gäste sich erhoben, um sich zu
verabschieden (sie hatten sich rund um ein Tischchen niedergelassen, auf dem
Obst und Wein serviert worden waren), küßte mich der zärtliche schöne Engel,
der auf Erden meine Mutter gewesen war, feierlich auf die Stirn und sagte:
„Zweifle nicht, lieber Oswald, daß wir uns wiedersehen werden, wenn du dein
geliebtes Mädchen gewonnen hast.“ Im Regenbogental Die Abschiedsworte meiner Mutter begleiteten mich noch
tagelang, beruhigten meine Gedanken und verliehen mir ein Wohlbefinden wie
durch einen himmlischen Segen. Mein geistiger Gesichtskreis war jetzt klar,
das tiefste Geheimnis des menschlichen Lebens gelöst: ein wunderbares
Zusammenspiel zweier menschlicher Seelen, erhalten, belebt und in Ewigkeit
fortentwickelt durch die Urkraft vom Himmel, die Liebe. Dankbar und
ehrfürchtig erkannte ich von Tag zu Tag deutlicher die göttliche Güte und
Barmherzigkeit. Ich fühlte kein Bangen mehr vor der Zukunft, sondern wartete
in Frieden auf den Tag, da die göttliche Vorsehung uns zusammenführen werde
und ich mein Mädchen ewig die Meine nennen könne. Denn sie, und sie allein,
war für mich bestimmt; das war mir zur Gewißheit geworden. Niemand kann sich meine Freude vorstellen, als angekündigt
wurde, die zwei Hochschulen würden an einem Ort, der den Namen Regenbogental
trug, einen gemeinsamen Gottesdienst abhalten. Ich fieberte diesem Tag entgegen
und fühlte mich wie einer, der zu seiner Hochzeit geht. Die Studenten
marschierten die kurze Strecke hinüber, mit ihren Festgewändern angetan. Die
Lehrer aber ritten auf Rossen, alle außer dem Direktor; der fuhr daher in
einer schönen Karosse, die einem alten Streitwagen ähnelte, aber eine Bank
mit purpurnem Polster besaß. Das Regenbogental stieß an die Anlagen um die Schule der
Mädchen, nicht weit von dem Ort, wo ich zuerst meine Geliebte unter
Mandelbäumen und Myrten angetroffen hatte. Der Platz war ein Paradies von
solcher Anmut, daß ich es in Worten nicht schildern kann. So viel aber kann
ich sagen, daß dort eine unendliche Blumenpracht sich entfaltete, vieles
davon auf der Erde ganz unbekannt. Sie wuchsen von selber in Kreisbogen, die
nach Farben geordnet waren, und so einem Regenbogen glichen. Auch gab es
Auen, wo Rosen von allen Farben, selbst hellblaue und lichtgrüne, in solchen
Mustern schimmerten. Sogar die Bäume standen in Kreissegmenten; mit ihrem Hell-
und Dunkelgrün ahmten sie die Regenbogenschattierungen nach. Den Mittelpunkt
des Tales bildete ein großer Hain, wo auch wieder eine Baumsorte auf die andere
folgte, den Regeln der Entsprechungen gemäß. Das begann am Rande mit Eichen,
auf die dann gegen das Innere hin, in Spiralen fortschreitend, Platanen,
Kastanien, Lorbeerbäume, Buchen, Tannen, Fichten, Zedern, Myrten, Feigenbäume,
Mandelbäume, Eiben, Orangenbäume, Palmen, wohlriechende Sträucher,
Weinstöcke und Olivenbäume folgten. Das Zentrum aber bezeichneten, wunderbar
ineinander verschlungen, Paradiesbäume mit Früchten aus glänzendem Gold und
mit silbernen Blättern, deren Ränder von Smaragden glitzerten. Diese Bäume bildeten zusammen eine Art Tempel, und hier
durften wir den Gottesdienst abhalten. Beim Nähertreten sahen wir drei
Engel-Priester aus dem Himmel vor der Tür stehen in glänzenden Gewändern: der
erste in Purpur, der zweite in Blau und der dritte in Weiß gekleidet. Als
sie in den Tempel eintraten, erschien darüber ein Regenbogen von großer
Pracht. Nachher erklärte uns der Direktor, er bedeute die Wiedergeburt, und
nur Wiedergeborene dürften dieses Tal betreten. Als ich als einer der letzten
zum Tempel kam, sah ich die drei Engel-Priester schon am Altar. Der in Purpur
Gekleidete stand vor einem Tisch, unter einem von Edelsteinen funkelnden
hohen Baldachin. Auf dem Altartisch aus massivem Gold lag das Wort, und als
es aufgeschlagen wurde, begann es von innen zu strahlen, und sein Glanz
umleuchtete die drei amtierenden Priester – hauptsächlich den in Purpur
Gekleideten, der aus dem Worte vorlas – und sie erschienen, selbst an Leib
und Gewändern, als Engel des Lichts. Ich hatte meine Geliebte von Angesicht noch nicht gesehen,
aber während des Lesens, der Responsorien, der Gebete, dem anrührenden Gesang
und den Worten weiser Belehrung ruhte ich in einem glücklichen Frieden: hier
regierte der Herr! Was er tut, das ist wohlgetan! Dann und wann allerdings
wollte eine leichte Ungeduld aufkommen. Diese war aber vergessen, als die
Stunde des Festmahls herankam, denn jetzt entdeckte ich sie. Während der
zwei Stunden, die wir beim Mahle verbrachten, durfte ich stets ihr Antlitz
betrachten. Nachdem nämlich der Tempeldienst vorüber war, später am
Tag, speisten die zwei Hochschulen miteinander. Der dafür ausgewählte Platz
lag auch innerhalb des Haines, aber nicht in der Mitte. Die Festtafel glich
derjenigen unserer Schule. Die Jünglinge waren zur Rechten, die Mädchen zur
Linken plaziert, während die Lehrer der beiden Schulen paarweise an der
oberen Tafel saßen. Jetzt erfuhr ich, daß unsere Lehrer wirklich Engel des
Himmels und mit den Lehrerinnen der anderen Schule verheiratet waren. Es gab
einen nur den Lehrern bekannten Weg zwischen den Schulbereichen, so kurz,
daß er die beiden – für sie – zu einem einzigen verband. So waren die Lehrer
und ihre Frauen immer beieinander, außer wenn sie ihren Unterrichtspflichten
nachgingen. Diese Frauen, die so als Mütter über die ihnen Anbefohlenen
wachten, schienen beinahe so jung wie diese und waren wirklich schöner als
irgendeine ihrer Pfleglinge – außer der einen natürlich, die wie ein
glänzender Stern inmitten der anderen saß. Früher war mir ein Festmahl in
unserer Halle als höchster der Genüsse erschienen. Jetzt aber wußte ich, daß
es den Vergleich mit diesem nicht aushalten konnte. Es kam mir vor wie Licht
ohne Wärme oder wie ein Regenbogen ohne Rot. Während wir noch dasaßen, hielt uns der Direktor eine
Ansprache über die Ehe und über das Glück und die Freuden einer wahren
Seelen-Vereinigung. Er beschrieb diese als die Krone der Seligkeit der Engel,
nach der man sich von ganzem Herzen sehnen sollte. Er erinnerte daran, daß
diese köstliche Liebe der Ehe des Guten und Wahren entspringt und deshalb nur
in den Herzen der Wiedergeborenen eine wirklich bleibende Wohnung finden
kann. Er sprach auch von der vorbildenden Bedeutung des Mannes und des Weibes
in dieser himmlischen Ehe: der Ehemann, der seinem Inneren nach die Liebe zum
Guten und die Weisheit daraus darstellt, steht für das Gute. Das Weib aber,
das seinem Inneren nach der Liebe zum Wahren des Mannes entspricht, bildet
das Wahre vor. So sind das Gute und Wahre in jeder himmlischen Ehe ewig verbunden,
so wie es auch bei jedem einzelnen Ehegatten im Gemüt und Herzen der Fall
ist, weil sie sich im Denken und Handeln nach den Geboten des Herrn richten. Der Direktor sprach auch von der Schönheit und leitete
ihren Ursprung von der Vereinigung des Guten mit dem Wahren oder der Liebe
mit der Weisheit ab. Beim Jüngling aus der Vereinigung von Liebe mit
Weisheit, bei der Jungfrau aus der Vereinigung seiner Weisheit mit ihrer
Liebe. Die Jungfrau liebt die Weisheit nicht in sich selber, sondern im
Jüngling, und sieht ihn daher als Schönheit an, und wenn das der Jüngling in
einer Jungfrau erkennt, dann sieht er sie als Schönheit. Die äußere Schönheit
entspricht der inneren. Die Hauptbestandteile der Schönheit des Angesichts sind
das Rot und Weiß und ihre Mischungen und Übergänge. Rot gehört der Liebe oder
dem Guten, Weiß aber der Weisheit oder Wahrheit an, denn Liebe strahlt rot
von ihrem Feuer, und Weisheit leuchtet weiß von ihrem Lichte. So malt sich
die Ehe des Guten und Wahren selbst in den Gesichtern der Engel ab. Während sie zuhörten, blickten die Jünglinge zu den Mädchen
hinüber, ein jeder zu seiner Auserwählten. Und die Mädchen blickten wieder
herüber, zwar nicht mit soviel Spannung und Intensität wie die Burschen, aber
immerhin mit feinen Zeichen erwiderter Freundschaft. Und so war die Feier
bei einem jeden ein Fest der Liebe, Liebe zum Herrn und Liebe des Wiedergeborenen
oder des in der Wiedergeburt begriffenen Mannes zur Frau. Solcherart, das
fühlten wir alle, mußten die Freuden des Himmels sein. Später gab es Spiele und Tänze und andere Unterhaltungen.
Die Lehrerpaare waren immer zugegen – ja, sie nahmen teil an dem fröhlichen
Betrieb – und es gab keine Gelegenheit zu Privatgesprächen, es reichte
höchstens zu ein paar Worten. Aber was schadete das? Das gehörte zur Ordnung
und war daher gut. Und wenn die Zunge schwieg, so hatte doch das Gesicht
seine eigene Sprache. Deren Kenntnis, auf der Erde zwar verloren, ist im
Himmel allbekannt. Das Auge teilt dort des Herzens Geheimnisse mit. Was
fehlte uns da noch? – Alles war wunderschön! Ich konnte bei meiner Geliebten
stehen, im Tanze berührte ich hier und da ihre Hand. Und einmal hob der Wind
sogar einige Locken ihres weichen, dunklen Haares und ließ sie über mein
Gesicht hingleiten. Die ganze Welt war verzaubert, solange sie in meiner Nähe
war. Die Liebe ist fürwahr vom Himmel, denn der wahre Liebende
erhebt die Person seiner Liebe so hoch über sich selbst, wie die Sterne über
der Erde thronen. Im Regenbogental tanzten wir an diesem Tag einen Tanz, an
dem alle teilnahmen, ein Wunder von ineinander verschlungenen Figuren, in
denen ich mein Liebchen immer wieder verlor, aber auch immer wieder fand, und
es fügte sich darin so, daß, sooft sie eines Partners Hand berühren mußte,
jedesmal ich selber an diesem Platze war, so daß sie immer die meinige faßte. Das konnte nun kein Zufall sein; zu deutlich erkannte ich
die Fügung, und: „Sie ist mein – mein ganz allein!“ jubelte es immer
fröhlicher in mir. Die Berufung Monate des Studiums und des Kampfes hatte ich aber noch
durchzustehen, bis mein hochzeitliches Kleid vollendet war. Wenn ich an
Festtagen beim Mahle saß und zuhörte, wie der ausgewählte Student seine Rede
vortrug, und dann das packende Schauspiel miterlebte, wie ein Engel des
Himmels ihm den Kranz aufsetzte, oder auch, wie der Student – was immerhin
selten geschah – als noch zu wenig vorbereitet seinen Sitz wieder einnahm, so
fragte ich mich zuweilen, wann wohl meine Zeit kommen werde. Ich fühlte aber,
daß es vorwärts ging, und verlor daher nicht die Geduld. Und was mir die Zeit
noch besonders verkürzte, war, daß ich hin und wieder an goldenen Tagen
meine Geliebte sehen durfte. An Vertrauen zum Herrn und Zuversicht hatte ich
zwar gewonnen, aber ich verfiel immer noch in Versuchungen. Ich war noch
nicht imstande, jede Spur von Bösem aus meinem Sinnen und Trachten auszuschließen.
Bei meiner täglichen gründlichen Selbstprüfung konnte ich immer noch
Tendenzen zu Eifersucht und Ungerechtigkeit aufspüren. Es gab Zeiten, da ich
meinen Kameraden gegenüber nicht nur Liebe fühlte. Und schlimmer noch: immer
wieder schrieb ich mir selber zu, was mir doch allein vom Herrn zum Gelingen
verliehen worden war. Um diesen Fehler zurechtzurücken, ließ mich die
göttliche Vorsehung manch unangenehme Situation erleben. Als Beispiel möge
das folgende Ereignis dienen: Als ich mich eines Tages allein aus der Hochschule entfernte,
überkam mich allmählich ein Gefühl der Eifersucht und des Neides gegen einige
meiner Gefährten, die nach meinem Empfinden viel zu schnell dem Himmel
entgegeneilten und mir deshalb von den Lehrern vorgezogen wurden; dieses
Gefühl nahm nun zu. Ich hätte es erkennen und ihm sogleich den Kampf ansagen
müssen. Aber eben, ich liebte es ja im Geheimen, und so wuchs und wucherte es
in mir, und ich verbohrte mich so sehr darin, daß ich nicht einmal die
drohende Veränderung in der mich umgebenden Pflanzenwelt bemerkte, die schon
einen ganz dürren und freudlosen Eindruck machte. Ich ging also weiter und
weiter, bis ich mich in einer wilden unwegsamen Einöde verlor, wo keine
Spur von menschlichem, ja nicht einmal von tierischem Leben zu sehen war.
Hier irrte ich stundenlang kreuz und quer durch Disteln, Dornsträucher und
Nesseln, zwischen denen hier und dort der schwarze Nachtschatten seine
tödlichen Beeren hervorstreckte. Diese Anzeichen zeigten mir deutlich, daß ich mich der
Hölle näherte, woher ja meine Gefühle und Gedanken gekommen waren und wo
auch ihr Ziel zu finden war. Jetzt endlich erkannte ich meine Lage, und von
Reue übermannt, warf ich mich zu Boden und bekannte laut meine eigene
Bosheit und bat den Herrn, mich vor dem grausigen Ende barmherzig zurückzuhalten
und wieder mit seiner Liebe zu erfüllen. Erst als diese Reue mein Innerstes
ganz erfüllte und aller Neid erloschen war, konnte ich den Ausweg aus der
Wüste finden. Das also war alles, was ich aus mir selbst zu bieten hatte, und
nichts von dem Guten, das ich je vollbracht hatte, durfte ich meiner eigenen
Kraft zuschreiben. So und ähnlich wurde mir gegeben, diese Wahrheit zu
erlernen. Aber ich gelangte doch endlich ans Ziel dieser Entwicklungsstufe.
Das Böse in mir wurde gestoppt und unter Kontrolle gebracht. Ich erkannte in
allen Dingen das Wirken des Herrn, ich mochte meinen Brüdern mehr Gutes gönnen
als mir selber, und jetzt keimte auch in mir die Ahnung, von der Maric
gesprochen hatte, daß nämlich meine Heimfahrt nahe sei. Und so kam es
zuletzt, daß eines Tages im Festsaal, als ich vor meinen Lehrern und Brüdern
stand und vom Himmel eingegebene Worte der Wahrheit sprach, ein helles Licht
den Saal erfüllte und ein Engel erschien, der mir einen Lorbeerkranz
aufsetzte. Nichts kam mir jedoch unerwartet. Denn ich dachte nur an
die Wahrheit und war ganz in sie vertieft. Als ich das letzte Wort gesprochen
hatte und noch einen Augenblick verweilte, ehe ich mich an meinen Platz
begeben wollte, da also erstrahlte das Licht, und der Engel trat herein. Die
Berührung seiner Hände erschien mir wie ein Segen des Allerhöchsten, und ich
wäre gern auf mein Angesicht niedergefallen, um anzubeten. Aber der Engel
nahm mich bei der Hand und führte mich durch die geheimnisvolle Tür in das Gemach,
worin Maric seinerzeit verschwunden war. Ein einziger Blick zeigte mir die
weit größere Pracht, als sie irgendwo sonst in den Schulgebäuden zu finden
war, denn die Wände waren mit erhabenen Figuren von Silber auf Gold
geschmückt, während der Fußboden aus einem einzigen Stein von dunklem,
glitzerndem Rot bestand. Hierher folgten uns alle Lehrer und ihr Leiter und
Oberhaupt. Aus der Hand des Engels, in dem ich nun tief beglückt Uriel
erkannte, nahm der Direktor ein schönes Gewand in Empfang und redete mich
folgendermaßen an: „Mein teurer Freund und Bruder, du bist nun endlich so weit
vorbereitet, um in die Himmelsgesellschaft einzutreten, für die du deinem
Wesen nach am besten geeignet bist und wo du dich am nützlichsten erweisen
und das höchste Glück erleben kannst. Du bist inzwischen geistig vom Herrn
bekleidet worden und kannst so mit dem hochzeitlichen Gewande zum ewigen
Hochzeitsmahl gehen. Als äußeres Zeichen dafür erhältst du dieses dir vom
Herrn geschenkte hochzeitliche Kleid, das dir von einem Himmelsboten“,
hierbei blickte er auf Uriel, „gebracht worden ist.“ Die übergroße Freude ließ mich zuinnerst erbeben; ich suchte
nach passenden Worten, fand aber nichts als ein armseliges „Dank sei dem
Herrn – von ganzem Herzen.“ Aus zusammengeschnürter Kehle versuchte ich sie
herauszupressen. Wie staunte ich aber, als meine Stimme voll und warm
erklang, so als hätte ein anderer für mich gesprochen. Uriel und der Direktor zogen mir nun das Festgewand aus und
streiften mir ein Himmelskleid über, das von einem verborgenen Licht in
mildem Glanze leuchtete. So angekleidet, spürte ich alsbald eine deutliche
Zustandsveränderung und wußte, daß der Himmel nahe war. Der Engel Uriel trat
nun an das andere Ende des Zimmers und öffnete mir gegenüber eine Tür. „Tritt hindurch“, sagte der Direktor, „und du wirst das
Kleinod deines Lebens finden. Wir sagen dir noch nicht Lebewohl, denn wir werden
dich sehr bald wiedersehen.“ Dankbar verwundert blickte ich von meinem teuren Lehrer zu
dem geliebten Uriel und schritt vorwärts. Die Türe führte nach draußen, und einige Stufen tiefer fand
ich mich in einem Garten von solch zauberhafter Schönheit, daß ich
stehenbleiben und mich erst einmal umschauen mußte, mich fragend, wie es
möglich sei, daß ich nicht schon früher von diesem Paradiese vernommen hatte,
da es doch zu unserer Hochschule gehörte. Das Regenbogental bei den Mädchen
und ihren Schutzengeln war lieblich gewesen, aber dieser Garten übertraf es
weit: hier trugen die Bäume zur selben Zeit Blüten und Früchte; Rot und
Weiß, Blau und Gold, Grün und Purpur – alle Farben spielten dort in Blüten
und Blättern. Und die Düfte, die ich im leichten Wind einatmete, erheiterten
das ganze Gemüt und erwärmten das Herz. Mit allen Sinnen diese ewige Schönheit
aufnehmend, folgte ich einem sich dahinschlängelnden Pfad, durch sachte rauschende
Wäldchen, an kristallhellen Wassern vorbei und über muntere, mit Blumen eingefaßte
Bächlein, hinaus in das Land, und überlegte mir, wo ich denn nun „das Kleinod
meines Lebens“ finden werde. Endlich, hinter einer neuen Wendung des Pfades,
wo all die Schönheiten des Gartens wie in ihrem Mittelpunkte sich drängten,
fand ich meine Liebe. „Sie ist’s!“ schrie ich laut vor Freude und rannte ihr entgegen. Sie floh mich nicht, sie lächelte; und wieder fand ich
Gewißheit in diesem Lächeln. Ich ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Meine Liebe!“ sagte ich, „als wir uns zuerst unter den
Myrten und Mandelbäumen trafen, durfte ich nicht laut werden lassen, was mir
über die Lippen wollte, aber nun – nun weiß ich, daß niemand es mir verbieten
wird, wenn es nur dir nicht mißfällt.“ „Sprich zu“, flüsterte sie. Und dann – dann öffnete sich der Himmel für uns. Sie
bekannte voll Anmut, daß sie am ersten Tag, als ich kam und sie mit ihrer
Taube sah, wußte und fühlte, was uns die Zukunft bringen werde bis zu diesem
Tage. Bei aller Freude war ich doch recht verblüfft und beschämt: Ich hatte
nur gehofft, sie aber hatte es gewußt. „Man sagte mir, ich werde ein köstliches Kleinod im Garten
finden“, erzählte ich ihr dann. „Ich habe das Kleinod gefunden. Das Kleinod
bist du.“ Sie lächelte zuerst als Antwort, aber ich sah keine volle Zustimmung
in diesem Lächeln. „Man sagte mir dasselbe, als man mir die Tür in diesen
Paradiesgarten öffnete“, sagte sie. „Und wir haben das Kleinod auch gefunden,
aber weder du noch ich sind das Kleinod.“ „Dann ist es unsere Liebe!“ Plötzlich wurde mir die Bedeutung
klar: Es ist nie die Person, nicht einmal der Engel, es ist stets die Liebe,
die zärtliche Liebe der Ehegatten im Himmel und auf Erden – das ist das
Kleinod des menschlichen Lebens. Jetzt nahm ich auch wahr, daß sie genau wie ich, als für
den Himmel vorbereitet, aus der Hochschule entlassen worden war und ein
ihrem Zustande angemessenes hochzeitliches Kleid empfangen hatte. Als ich
davon sprach, blickte sie auf ihr schönes Gewand hinab, Seide mit Blättern
von Gold und Blüten aus Diamanten verziert. Es hatte die Farbe des
Feuer-Opals, und als sie mich wieder anschaute, leuchteten die Farben an
ihrem Kleid auf, wie der Gischt der Meereswogen im Winde glitzert, wenn die
Sonne darauf scheint. Auch ihr Antlitz leuchtete, aber es war eher ein Ausdruck
der himmlischen Anmut als bloß von körperlicher Schönheit. Als ich dies
gewahrte, gedachte ich des schönen Ringes, den mir meine Engel-Mutter in
Verwahrung gegeben hatte, und ich steckte ihn meiner Geliebten an den Finger
zur Erinnerung an diese Feierstunde, in der wir uns gegenseitig verschenkt
hatten, zum Zeichen des Bundes zwischen uns, der in Ewigkeit nicht mehr
gelöst werden sollte. Jetzt erst kam uns unsere Stellung richtig zum Bewußtsein:
es war unser Verlobungstag. Diese Gewänder gehörten in Wahrheit jedem
einzelnen von uns, denn sie entsprachen dem Guten und Wahren, das wir uns
angeeignet hatten. Aber sie gehörten auch uns beiden zusammen, da wir sie an
unserem Hochzeitstage tragen sollten. In einem doppelten Sinne waren sie
unsere hochzeitlichen Kleider, da es uns offensichtlich bestimmt war,
miteinander als ein Ehepaar in den Himmel einzugehen. Wie soll ich unsere
Gefühle schildern, als wir dies begriffen? Wie den rückhaltlosen Austausch
unserer Gedanken, als wir uns in einer Laube, von duftenden Büschen und Blumen
umrankt, niedersetzten? Wie unsere Worte und Zeichen, als wir eins dem
anderen Liebe in Ewigkeit gelobten? Besser nicht beschreiben wollen, was man nicht beschreiben
kann. Aber so viel möchte ich noch hinzusetzen: bald wandten sich unsere
Gedanken ehrfurchtsvoll dem Ursprung zu, dem all unsere Glückseligkeit, ja
unser ganzes Leben entströmt. Hand in Hand knieten wir zwischen die Blumen
und wandten uns innerlich zur Himmelssonne. Und in inbrünstigen Worten in
der Himmelssprache, deren Klang in der Sprache von Menschen kaum
wiedergegeben werden kann, gab ich den Gedanken, die unsere Seelen bewegten,
Ausdruck: O liebender Vater von Ewigkeit, göttlicher Spender von Licht und
Liebe, Fürst des Friedens und der Freude, barmherziger Herr und Heiland, vor
deinen Augen öffnen wir unsere Herzen und erheben unsere Seelen zu dir!
Blicke auf uns herab vom hohen Throne deiner Majestät. Nimm uns gnädig auf in
deinen Dienst, als dankbare Glieder deines himmlischen Reiches. Laß uns, o
Herr, ewig rechtschaffen vor dir wandeln, deinen Namen preisend in Reinheit
des Denkens und des Tuns. Wir wissen, o liebender Vater, daß dein Segen über
all deine Geschöpfe sich ergießt, wie die Sonnenstrahlen ohne Unterlaß über
die Erde hin gehen. Doch bitten wir jetzt um deinen besonderen Segen für
unseren Hochzeitstag. Laß uns eine wahre Ehe schließen, wie das Wahre und das
Gute. Gib, daß die nie erlöschende Fackel der Liebe, die allein aus dir ihre
Nahrung hat, ewig in unserem Herzen brennen und immer unser Tun veredeln
möge. Liebender Vater, du weißt, wessen wir bedürfen und was uns bewegt, ehe
wir zu dir kommen. Aber dennoch möchten wir dir danken für all die Freuden,
die du uns bescherst.“ Wir überschreiten
die Grenze Als wir uns wieder erhoben, füllten Tränen der Freude
unsere Augen, und Hand in Hand wanderten wir weiter. Da flogen zwei Tauben
von den Zweigen auf und grüßten uns mit ihrem leisen, liebkosenden Gurren.
Dies schien das Signal, auf das hin Tausende von Vögeln in den Bäumen
ringsumher ihre Freudentöne erschallen ließen. Und während diese liebliche
Harmonie noch unsere Ohren erfüllte, kamen junge Lämmer und Rehe aus den
Wäldchen auf beiden Seiten und sahen uns aus furchtlosen, treuherzigen Augen
an. Als das Loblied der Vögel verstummte, hörten wir von ferne einen Chor
klarer Menschenstimmen, und bald darauf kamen wir an zwei Gruppen junger
Mädchen vorbei, die, auf beiden Seiten des Pfades aufgestellt, uns lächelnd
betrachteten und ein Minnelied erklingen ließen. Und dann – o Wunder –
schien es, als ob ein Regen aus Gold auf uns herunterströme. „Vielleicht ist dies ein Bild des göttlichen Segens, worum
wir gebeten haben“, flüsterte ich, als er versiegte. Wir näherten uns jetzt der Grenze des Gartens. Vor uns
stand ein Haus aus perlenartigen Steinen aufgebaut, das wie ein Pavillon, nur
weit größer, in die Gartenmauer eingebaut war. Als wir zwischen den letzten
Gartenbeeten hervortraten, erhob sich ein Mann von einer Bank in der Nähe und
öffnete die Tür, mit einer höflichen Verneigung, indem er uns bedeutete einzutreten.
Wir stiegen die Stufen hinan und standen am Eingang einer weiten Halle, einem
Empfangsraum, in dem wir zu unserer Verwunderung und Freude rechts und links
die wohlbekannten Gesichter von Freunden erblickten. Alle Lehrer meiner
Schule und ihre Gattinnen aus der Mädchenschule waren versammelt, auch Uriel
und mein lieber Freund Maric. Auf den zweiten Blick gewahrte ich noch einen
anderen, einen Fremden – einen Mann von großer Vornehmheit und Würde – in
reich- faltigem Gewande von flammendem Purpur. Als wir etwas zögernd miteinander eintraten und uns
umblickten, heftete er seine strahlenden Augen auf uns und sprach in
feierlichem Ton: „Des Herrn Segen ruhe auf euch!“ Dann wiederholte mein verehrter Meister langsam und
ausdrucksvoll diese Worte und nach ihm die Direktorin der Mädchenschule,
dann Uriel und Maric, einer nach dem anderen. Dann alle miteinander wie mit
einer Stimme: „Des Herrn Segen ruhe auf euch!“ Wir aber standen da mit klopfenden Herzen, zutiefst
gerührt. Dies war gewiß der Segen des Herrn, durch seine Engel ausgesprochen. „Wir danken euch von Herzen, liebe Freunde“, erwiderte ich
zuletzt. Meine Geliebte fügte kein Wort hinzu, aber aus ihrem strahlenden
Auge sprach ihr tiefer Dank. Der Direktor, jetzt im Prunkgewande eines Himmelspriesters,
stand nun auf, hob seine Hände auf, und als wir vor ihm knieten, betete er,
daß der Segen des Allerhöchsten in unserem neuen Stande auf uns ruhen möge. „Wir sind hier versammelt“, fuhr er dann fort, nach dem
wir uns wieder erhoben hatten, „um eure Zustimmung zu eurem ewigen Bunde zu
bezeugen, diesen zu bestätigen und einzusegnen. Der Zustand der Verlobten
ist wie der des Frühlings vor dem Sommer, wie das Blühen der Bäume, ehe sie
Früchte tragen. Denn obgleich die Verlobung die innere Vereinigung ist mit
der Verheißung dessen, was kommen wird, so ist sie doch noch nicht die
völlige Ehe. Verlobungen und die darauf folgende innige Nähe des liebenden
Paares bewirken die Verbindung des inneren Menschen. Dadurch wird das Gemüt
des einen mit dem des anderen verbunden und so findet eine Ehe des Geistes
vor der Verehelichung des Leibes statt. Ich sehe, daß ihr diesen Tag als euren Hochzeitstag anseht,
und er ist auch, was das Höchste und Wesentlichste anlangt, euer
Hochzeitstag. Denn heute gebt ihr euch einander. Es ist der Tag der
Seelenehe, die die wahre Ehe ist. Der Tag eurer äußeren Heirat kommt nach,
und zwar nach kurzer Frist, denn ich sehe, daß ihr schon miteinander verbunden
seid. Sobald ihr die Stätte in der himmlischen Gesellschaft gefunden habt,
die eure ewige Heimat sein wird, dann werdet ihr auch leiblich vereint
werden.“ Nach Beendigung der Verlobungsfeier führte der Direktor
uns zu dem würdevollen Engel, der uns zuerst gesegnet hatte und der nun auf
einem erhöhten goldenen Thronsitz unter einem prachtvollen, gewölbten
Baldachin saß. „Du mußt“, erklärte der Meister, „deinem Fürsten vorgestellt
werden, der hierher gekommen ist, um den Tag deiner Verlobung zu ehren – der
höchste Regent der Himmelsgesellschaft, zu der du jetzt gehörst.“ Vom ersten Augenblick an liebte ich ihn, und mit wahrhafter
Ergebenheit und Ehrerbietung verbeugte ich mich vor ihm und küßte seine Hand
und hörte freudig auf seine weisen und guten Worte, mit denen er seine Glückwünsche
begleitete. „Ihr werdet im Palast das Mittagsmahl mit mir nehmen“,
sagte er zum Schluß, „und sobald eure Vorbereitung vollendet ist, wird die
Hochzeit dort gefeiert werden. Dann werden die Jünglinge und Mädchen des
Hofes euch in eurem Wagen mit himmlischen Lobgesängen durch die Straßen in
die ewige Heimat geleiten, die euch der Herr bereitet hat.“ Und nachdem ich ihm in passender Weise erwidert hatte,
sagte er zu mir persönlich: „Dann wirst du in einigen Tagen eine Anstellung
zu dem von dir gewählten Dienst erhalten.“ Nach ihm kam eins nach dem anderen, die ganze Gesellschaft
an uns vorbei, drückte uns die Hände und beglückwünschte uns in herzlichen
Worten. Der letzte war Maric. „Es war lieb von dir, daß du uns so zu begrüßen kamst, mein
Freund“, sagte ich gerührt. Und nachdem er uns gratuliert hatte, fragte ich:
„Auch du hast wohl deine himmlische Genossin?“ und umfaßte mit einem Blick
meine Geliebte. „Sie ist nicht weit von hier, und ihr werdet sie bald
sehen“, erwiderte er mit freudig blitzenden Augen. Jetzt war aber Wein in die goldenen Kelche eingeschenkt und
herumgereicht worden, und, vom Fürsten aufgefordert, tranken alle auf das
geistige Wohl und Gedeihen der beiden Neuverlobten. „Und wir“, sagte ich, als uns der Wein gereicht wurde,
„trinken auf das Wohl unseres geliebten Fürsten und unserer Brüder und
Schwestern!“ Nach der Feier öffnete sich ein breites Portal der Seite
gegenüber, auf der wir eingetreten waren, und gestattete die Aussicht auf
eine herrliche, weit sich erstreckende Landschaft. Der Fürst verabschiedete
sich nun von den Repräsentanten der beiden Schulen und begab sich zu seiner
Karosse hinab, uns im Vorbeigehen auffordernd: „Ihr beide sollt mir nun folgen.“ So endete unsere frohe Feier, denn jetzt sagten uns unsere
Lehrmeister Adieu und zwar eher mit dem Ausdruck von Freude als von Leid, da
sie weniger an den Abschied als an unser Wohlergehen und unser Glück dachten.
So gingen dann auch wir, von Uriel und Maric begleitet, zu unserem Wagen
hinab. Die Karosse des Fürsten aus gediegenem Gold mit Rädern aus rotem Holz
mit Erz bereift, von zwölf Schimmeln gezogen, rollte hinweg, und unsere
Kutsche, auch aus Gold und mit vier Schimmeln, fuhr vor. „Was?“ fragte ich erstaunt, als meine Braut und ich eingestiegen
waren, Uriel und Maric aber rechts und links draußen stehen blieben, „sollen
wir fahren und ihr zu Fuß gehen?“ „So ist es“, erwiderte Uriel lächelnd“, so wünschen wir
euch am Tage eurer Freude zu ehren.“ So fuhren wir denn los. Bald ging es einen Hügel hinan auf einer Fahrstraße, die
mit Lorbeerbäumen eingefaßt war, an denen sich Weinreben emporrankten. Der
Wagen des Fürsten fuhr voraus. Voll Verwunderung bemerkte ich, wie das ganze
Land mir auf einen Schlag fremd wurde, und auf dem Kamm der Hügelkette
angekommen, blieb mir vor Staunen bald der Atem stehen, als ich ein Tal,
schöner als alles, was ich je gesehen hatte, vor mir ausgebreitet liegen
sah, und in der blauen Ferne die glitzernden Dome und Türme einer großen
Stadt. Ich schaute mich um und um, in der Meinung, vielleicht doch noch ein
Zipfelchen von etwas Bekanntem zu erblicken, aber alles war mir neu. „Wie kommt das?“ fragte ich meine zwei neben mir wandernden
Freunde. „Ich kann die Schule nirgends sehen. Wir sind doch noch gar nicht so
weit gekommen!“ „Darauf kommt es jetzt nicht mehr an“, erwiderte Uriel –
und sowohl er als auch Maric lächelten mich freundlich an – „Du kannst sie
nicht sehen, weil ihr jetzt den Vorhang hinter euch gelassen habt.“ „Den Vorhang? Wann sind wir daran vorbeigekommen? Ich
wüßte nicht …“ „Niemand weiß es je.“ „Und wir sind jetzt – „, ich blickte in das freudestrahlende
Antlitz meiner Geliebten, und wieder zurück zu Uriel – „und wir sind also
jetzt in –„ „In des Herrn Himmelreich.“ _______ *
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