Gerhard Gollwitzer

Der Mensch

als Mann und Weib

 

 

 

Sexualität und eheliche Liebe –

in der Schau Emanuel Swedenborg

 

01,0 – Streifzug durch die heutige Diskussion der Sexualität und Ehe

Einstweilen

Erhält sie das Getriebe

Durch Hunger und durch Liebe,

die Natur nämlich. Auf diese einfache Formel hat Schiller die beiden Existenzkräfte und zugleich bewegendsten Probleme der Menschheit gebracht. Das zweite ist heute in Gärung geraten, und sein Wetterleuch­ten zwingt dazu, die alte Frage nach dem Sinn der Geschlechter und ihren Beziehungen in Liebe und Ehe neu aufzurollen. Im Abendland lag Jahrhunderte lang ein Schatten darauf, das Geschlechtliche war tabu, es gehörte zum Bereich des Gefährlichen, ja des Unreinen, Sündi­gen schlechthin, war leider aber nötig zur Fortpflanzung! Nur mühsam wurde es reguliert durch die Institution der Ehe, aber in der Öffentlichkeit ‑ und zu Kindern! ‑ sprach man möglichst wenig von dem, was doch alle taten.

Weit auseinander stehen die katholische Auffassung der Ehe als Sakra­ment ‑ Papst Paul VI. berief sich nach dem letzten Konzil mehrmals auf das von Gott gegebene Naturgesetz und die stets gleichbleibende Lehre der Kirche - und die schon in der Confessio Augustana säkularisierte protestantische Auffassung: „Die Ehe ist ein äußerlich weltlich Ding. Denn so der Ehestand allein darum sollt ein Sakrament heißen, daß Gott denselbigen eingesetzt und befohlen hat, so müßten die ande­ren Ämter und Stände auch Sakrament genannt werden, die auch in Gottes Wort und Befehl gehen, als Obrigkeit und Magistrat etc.“

Eine Bresche schlugen die Romantiker, insbesondere Schleiermacher und Novalis, als sie das hohe Lied des der Religion verschwisterten Eros sangen, und Franz von Baader mit seiner „Erotischen Philoso­phie“. Doch blieb die offizielle kirchliche Einstellung davon unberührt. Für sie galt die Maxime: Hauptzweck der Ehe ist die Fortpflanzung, Nebenzweck die gegenseitige Hilfeleistung. Die Lust bei der geschlecht­lichen Vereinigung aber wohnte nahe oder gar in der Lust am Bösen.

Das schlug sich noch im Entwurf eines westdeutschen Strafgesetzbu­ches aus dem Jahr l962 nieder, das den Tatbestand der Unzucht dann als gegeben ansieht, wenn es „dem Handelnden darauf ankommt, eige­ne oder fremde Geschlechtslust zu erregen oder zu befriedigen“. In den Leitsätzen eines evangelischen Arbeitskreises für Sexualethik von 1932 ist zu lesen: „Der Geschlechtstrieb ist kein unbezähmbarer Naturtrieb wie Hunger und Durst. Es ist eine der Großtaten des Christentums, die Menschheit von dem Überdruck dieses Triebes befreit zu haben“. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens, denn in Wahrheit sah man das „sexuelle Verhalten des Menschen mit Vergrößerungsgläsern“, das heißt, man nahm das Sexualleben gerade dadurch so wichtig, daß man darüber nur in einer Art „Geheimtuerei“ sprach (Kehl‑Zeller). „Die Christenheit ist in ihrem Bemühen, um des Himmelreichs willen der Geschlechtslust zu entsagen, immer lüsterner geworden. Und Nietzsche sagte, das Christentum habe dem Eros Gift zu trinken gege­ben: er sei aber daran nicht gestorben, aber entartet“ (Mächler).

Für den unvoreingenommenen Blick war es immer seltsam und erstaun­lich, wieviel Skrupel die Kirchen in bezug auf die Geschlechtlichkeit quälten, wieviel skrupelloser sie dagegen andere, weit unsittlichere Phä­nomene wie z.B. das Kriegführen und „Töten auf Staatsbefehl“ (Baa­de) behandelte. Noch heute gilt in der Militärseelsorge der Bereich des Sexuellen als „Gefahrenzone Nummer Eins“ und darauf konzen­trieren sich die Bemühungen um „Sittlichkeit“ in erster Linie, während man der für das Militär viel näherliegenden Frage des „Tötens auf Staatsbefehl“ ausweicht und darin recht großzügig war und ist. Bei der jüngst veranstalteten Tagung einer evangelischen Akademie über „Kunst, Moral und Kirche“ ging es ausschließlich um das Gebiet des Sexuellen, so als sei im Film und in den Illustrierten die Leinwand und das Papier durch Erzeugnisse, die den Krieg, das Morden, das Killen verherrlichen, nicht ebenso „schmutzig“ wie durch Sex und Nackedeis, so als seien die moralischen Gefährdungen durch geistige Lethargie, Wirtschafts­wundernarkose, Rennen nach Geld und Macht und Versklavung durch Massenmedien, um nur einiges zu nennen, den sexuellen nicht minde­stens ebenbürtig.

Robert Kehl‑Zeller ist dem Verhältnis des Christentums zur Geschlechtlichkeit nachgegangen und hat die bisherige negative Bewertung auf allerlei Fehldeutungen der Bibel zurückgeführt. Wenn man gewisse moraltheologische Werke konsultiert, könne man, so schreibt er, meinen, die Bibel sei voll von eindeutigen Verurteilungen der Sexualität und der geschlechtlichen Lust. "Das ist aber keineswegs der Fall. Die biblische Grundlage jener sexualfeindlichen und namentlich lustfeind­lichen Anschauungen liegt in gewissen Formulierungen einer späten Schichtung der Bibel, mit denen andere Stellen in Widerspruch zu ste­hen scheinen. Die Quelle des bisherigen christlichen Antisexualismus liegt bei Näherem Zusehen entgegen der allgemeinen Auffassung - überraschenderweise primär weder in der Bibel noch im urtümlich christlichen Gedankengut, sondern in einer vorchristlichen griechischen Philosophie" und in den Paulus Briefen.

Nachdem sich die Gesellschaft von der kirchlichen Aufsicht weitgehend freigemacht hatte, nachdem man offener über Sexus und Eros zu reden und das Selbstverständliche, allen wohl Bekannte, unvoreingenommen zu behandeln begann, ja nachdem schließlich das Pendel nach der anderen Seite hin ausschlug und der Zaun derart demoliert wurde, daß die Luft heute sexuell vibriert und die Eheschranken kaum mehr als nur formal der allgemeinen sexuellen Anarchie standhalten, beschäftigt man sich überall in neuer Weise mit dem Rätsel der Teilung des Men­schen in zwei Geschlechter, fragt nach neuen Regelungen ihrer Bezie­hungen und sucht tiefere Begründungen für die Ehe. Auch die beiden Großkirchen beginnen ihren einstigen Sexual‑Negativismus zu überwin­den; auf einem evangelischen Kirchentag vertrat ein Theologe sogar die Auffassung, die Menschen seien durch die heutige Offenheit in geschlechtlichen Fragen „anständiger“ geworden als zur Zeit der Prüderie und heuchlerisch doppelten Moral. Die Frau eines anglikanischen Geist­lichen brachte den Vorschlag ein, die Kirche solle endlich ein Lehrbuch über Liebe und Ehe herausgeben, da viele junge Leute keinen blassen Dunst davon hätten, wenn sie sich mit einem Partner einließen. Es sei doch lächerlich, daß „bloß der Teufel echten Sex haben“ solle. Neue Aspekte der katholischen Ehelehre brachte das II. Vatikanische Konzil: Die Ehe wird nicht mehr einseitig vom Dogma oder gar vom Kirchen­recht her gesehen, sondern in der ganz menschlichen Wirklichkeit. Das Leibliche in der Ehe wird ernst genommen. Der Schwerpunkt der Äußerungen liegt beim II. Vaticanum nicht auf Familie und Familien­mehrung, sondern auf der Ehe, dem ehelichen Leben, dem personalen Verhältnis von Mann und Frau. Zum ersten Mal ist in offiziellen kirch­lichen Texten in so ausführlicher Weise von Liebe die Rede, zum ersten Mal auch von der körperlichen Vereinigung von Mann und Frau so, daß sie nicht wie im Kirchenrecht als Zeugungsakt charakterisiert wird, son­dern als Liebesakt, als eine Bezeugung, Vertiefung und Bereicherung der ehelichen Liebe. Zwar ist auch von der Fruchtbarkeit die Rede, aber nicht davon, daß der einzelne eheliche Akt wesentlich mit der Zeugung verknüpft sei, sondern daß die Ehe und die eheliche Liebe insgesamt etwas mit der Zeugung zu tun habe.

Gerade die Verdächtigung des sexuellen Bereichs und die moralische Aberanstrengung bei seiner Unterdrückung im Abendland mußte zwangsläufig in Überbewertung umschlagen, wobei übrigens nicht zu vergessen ist, daß darin nur zutage tritt, was unter der Decke offizieller Sittlichkeit und Konvention unablässig beliebt war und getrieben wur­de. Die Feinde, die alte Sexfeindlichkeit und die heutige Hypersexuali­sierung - von der Fortpflanzung ohne Lustgewinn zum Lustgewinn ohne Fortpflanzung! - sind aber feindliche Brüder, sich darin gleich, daß sie nur verschiedene Vorzeichen vor dem gleichen Klammerinhalt sind in der Klammer steht im Grunde ein Fragezeichen, denn eine tiefere Sinndeutung der geschlechtlichen Differenzierung des Menschen fehlt nach wie vor. Karl Barth schrieb richtig: „Die Einheiligung des Geschlechtslebens steht in der katholischen und in der evangelischen Ethik noch aus. Sie muß ausstehen, solange man sie überhaupt in der Ethik sucht und sie nur ethisch und moralisch begründet, wie z.B. Barth: „Das in der Ehe sich vollendende Verhältnis von Mann und Frau ist gesegnet, hat eine Verheißung. Sie empfangen diesen Segen durch Gottes Gebot und sonst nicht“. Auch die Psychologie hilft nicht viel weiter, denn „die spezifische Eigenart von Mann und Frau liegt irgendwo über und hinter dem Bereich, in welchem solche (psychologi­sche) Typologien (des Männlichen und Weiblichen) relativ möglich sein mögen“

Will man sich aber nicht mit der Feststellung begenügen, daß „der Sinn der Trennung der Arten in zwei Geschlechter nicht klar ist: denn in der Natur ist nichts vollkommen klar, dann geht es eben um das „Irgendwo über und hinter“! Will man die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau nicht nur als „fundamentale Gegebenheit“ hinnehmen, dann muß man danach fragen, auf welchem „Fundament“ sie denn beruht.

Neuerdings wird dafür das Verhältnis der Partnerschaft angeboten. Für Barth ist das Entscheidende im Verhältnis von Mann und Frau „der Bereich der Mitmenschlichkeit“; Mann und Frau sind die „Urform alles Du, Mensch und Mitmensch“, darum ist dem Mann „ein Gefährte der um ihn sei“ gegeben worden. Doch wiederum bleibt die entschei­dende Frage offen, warum es ein Gefährte besonderer, anderer Art, eine Gefährtin, war! Nach Strasser heißt „Liebe: aktiv Güte bis zur Hingabe und Opferbereitschaft, heißt: Mensch unter Menschen seines der Gewinn „ist die freie Entfaltung jeder Persönlichkeit in freiwilliger Gebundenheit an alle“. Aber wiederum erhebt sich die Frage: brauchte und braucht es dazu zwei Geschlechter?

Dem Trend zur Soziologie folgend trat andererseits die gesellschaftliche Begründung der Ehe in den Vordergrund. Schelsky: „Die Ehe muß von der Familie her verstanden werden“; der Theologe Hausster: „Zuerst war die Familie da, die Sippe stiftete die Ehe, die Ehe entsteht für die Familie“, und darum ist „die wechselseitige Beistandsleistung Pflicht der Ehegatten“. Es sei ein Erbübel, zu glauben, daß Ehe und Familie überhaupt etwas mit Glück zu tun haben“, an Stelle von Glück sei „Opfer“ zu setzen und Dienst, nur als dienende Hingabe, als Opfer für den anderen könne die Ehe heute gerettet werden. Aber schon meldet sich eine andere soziologische Meinung zum Wort: Annemarie Weber schreibt: „Die soziale Nützlichkeit des Verheiratetseins ist heute stark in den Hintergrund getreten“ und es bleibt nur noch: „Ehe ist eine an­ständige Lebensform, in welcher die Entspannung und das Gleichmaß der Erotik zu dem Bewußtsein der Verantwortung und der Fürsorge für einen anderen Menschen tritt. Wesensmerkmale der Ehe sind: ur­kundliche Genehmigung der Verbindung, gemeinsame Wohnung, Vermögensregelung, Namensänderung. Hinzu kommt das Zeugen von Kin­dern, dann das gemeinsame Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit. Streifzug durch die heutige Diskussion und Wohlstand. Man sieht: metaphysische Wesenszüge hat die Ehe nicht. Heute ist es müßig, von der Ehe zu sprechen, als sei sie noch im­mer die einheitliche Form für das Zusammenleben eines Mannes mit und einer Frau“. Ja, nach Christoph Bartels widersprechen der Einseitigkeit, mit der Ehe und Familie als die lebendige Zelle der Gemein­schaft erscheine, viele Tendenzen unserer Zeit, für die die Ehe nur eines von vielen Modellen für das Zusammenleben ist: „Es scheint mir noch keineswegs ausgemacht, ob nicht neben der Ehe Freundschaft, Kommunitäten, kleine überschaubare und verpflichtende personale Gruppierungen in immer stärkerem Maße zu lebendigen Zellen der Gemeinschaft werden“. So wie sie es in anderen Kulturen lange Zeit waren und noch sind, könnte man hinzufügen.

Aber wieder stoßen wir auf den gravierenden Punkt: Was hat das zu innerst mit der Geschlechterfrage zu tun? Partnerschaft, Mitmenschlichkeit, menschliche Gruppierung und Zweckgemeinschaft kann es ebenso in gleichgeschlechtlichen Beziehungen geben, und die zitierten Forderungen treffen genauso auf diese zu. Während man sich in einem Bildungswerk kürzlich tagelang über Ehe, Einehe oder Gruppenehe un­terhielt, wurde die Frage „Worauf ist der Mensch überhaupt angelegt“ nur gestreift, obwohl man doch ohne intensives Daraufeingehen jene Probleme nicht zuständig behandeln kann. Wie rasch und oft wie pathe­tisch wird bei der Trauung gesagt: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ - aber was und wie hat er denn zu­sammengefügt?

Über Psychologie und Soziologie, über Ethik und Verhaltensanleitun­gen hinaus mußte man nach einer kosmologischen, ontologischen, theo­logischen Deutung der Geschlechterteilung suchen; nur hier wäre das „Irgendwo über und hinter“ zu finden, nur dies konnte zu einer „Ein­heiligung“ der ehelichen Liebe führen und eine neue Grundlage für die Ehe schaffen. Die meisten „neueren Theorien haben den kosmologi­schen Gesichtspunkt verloren und sind fast ausschließlich psychologisch geworden. Die verfeinerte Psychologie der Liebe hat, indem sie eine scharfsinnige Kasuistik ausbildete, unsere Aufmerksamkeit von der kos­mischen, elementaren Seite der Liebe abgelenkt. Überdies hieße es, den Gegenstand verkleinern, wollten wir die Betrachtung der Liebe darauf Streifzug durch die heutige Diskussion beschränken, was Männer und Frauen füreinander fühlen. Das Thema ist viel weiter, und Dante glaubte, die Liebe bewege die Sonne und die anderen Gestirne“ (Ortega y Gasset). Und ebenso oft hat man den natürlichsten, elementarsten Ausgangspunkt außer acht gelassen, näm­lich den der Frage nach dem Sinn des physischen Unterschieds der Geschlechter, nach dem Grund der jede andere Erregung übertreffenden Lust im Orgasmus und nach der Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Mann und Frau zur Erhaltung des Menschengeschlechts. Gerade dies elementarste, sich aufdrängendste Wort des Schöpfers aber gilt es einzusehen und zu verstehen, statt davon abzusehen.

„Der gewürdigte Seher unserer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels war, zu dem die Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten“, Emanuel Swedenborg, von dem Goethe so sprach, hat dies Unternomen. Er bleibt nicht dabei stehen, daß es so ist, wie es ist, daß es die zwei Geschlechter gibt, die nun einmal so und so geartet sind und die eben einigermaßen mitein­ander auskommen müssen, sondern geht weiter zum Warum und zu den sich daraus ergebenden Folgerungen. „Welch Schade, daß so viele Personen aus Vorurteil diese Perlen mißkennen“, klagte schon Oberlin.

 

02,0 - Emanuel Swedenborg und sein Werk über die "Eheliche Liebe"

02,1 - Leben und Wirkung

Emanuel Swedberg wurde 1688 in Stockholm geboren. 1719 wurde er geadelt und hieß nun Swedenborg. 1772 starb er in London. In der er­sten Hälfte seines Lebens war er Naturforscher, Physiologe, Anatom, Ingenieur ‑ eines der Universalgenies jener Zeit, Leibniz in manchem ähnlich. Zudem war er Mitglied des Aufsichtsrats der schwedischen Bergwerke, des schwedischen Reichsrats und der Stockholmer und Petersburger Akademie der Wissenschaften. Emerson schreibt von ihm in seinen "Repräsentanten des Menschengeschlechts": "Er schien durch die Mannigfaltigkeit und die ungeheure Größe seiner Kräfte die Zu­sammenballung mehrerer Personen zu sein. Ein Riese in der Literatur, läßt er sich durch ganze Fakultäten von gewöhnlichen Gelehrten nicht messen. Seine kühne Gegenwart würde die Amtstrachten in ängstliches Geflatter bringen. Sein eminenter Geist ragt hoch über alle Zeiten. Den Wahrheiten, die aus Swedenborgs Werk in allgemeinen Umlauf gelangten, begegnet man heute jeden Tag. Sie beeinflussen die Anschauungen und Glaubensbekenntnisse aller Kirchen, wie auch das Denken von Menschen, die keiner Kirche angehören."

Diese Wirkung betrifft zum Teil schon den anderen Swedenborg. 1744 - 45 wurde er durch mehrere, sein weiteres Leben entscheidende Chri­stusvisionen zum Seher berufen: "Ich kann heilig beteuern, daß mir der Herr selbst erschienen ist und mich gesandt hat, zu tun, was ich tue, und daß er zu diesem Zweck das Innere meines Geistes aufge­schlossen hat, damit ich die Dinge, die in der geistigen Welt sind, sehen und alle, die dort sind, hören könne". Auf der Schwelle zum europäi­schen Gelehrtenruhm und gerade als ihn das Bergwerkskollegium ein­stimmig zu seinem Präsidenten wählte, wandte er sich um: "Ich ent­sagte aller weltlichen Gelehrsamkeit und Ruhmsucht und arbeitete in geistigen Dingen, wie mir der Herr befahl, zu schreiben. Diese sind: die Öffnung der geistigen Welt und die Erklärung des inneren Sinnes der Bibel, durch den eine Verbindung des Menschen mit dem Herrn und eine Zusammengesellung mit den Engeln stattfindet."

Nun teilten sich die Meinungen über ihn. Die einen hielten ihn für ver­rückt, ja schizophren, wogegen freilich die Klarheit und konsequente Durchführung seiner späteren Werke spricht. Ihr Wortführer war Kant, doch werden leider über dessen einem, negativen Urteil seine vorausge­henden und nachfolgenden positiven Urteile in Deutschland verschwie­gen. In einer seiner letzten Vorlesungen sprach er vom "erhabenen Swedenborg" und übernahm, teils fast wörtlich, dessen Metaphysik und Darstellung des doppelten, geistig-natürlichen Wesens des Menschen. Für andere aber wurde gerade dieser Swedenborg zum entscheidenden Anreger, so für Goethe, dem in Deutschland wohl am meisten zu danken ist, daß "Swedenborgs Gedanken in allgemeinen Umlauf gelangten", für die Romantiker, für Balzac, der ihn den "Buddha des Nordens" nennt, Baudelaire und Strindberg, für Oberlin und Vater Werner, den Gründer des Reutlinger Bruderhauses, für Helen Keller, die in ihrem Buch "Licht in mein Dunkel" berichtet, was sie Swedenborg für ihre außerge­wöhnliche Entwicklung verdankte, und für Rudolf Steiner.

02,2 - De amore coniugali - de amore scortatorio

1768 erschien in Amsterdam Swedenborgs Werk über die eheliche Liebe: "Delitiae sapientiae de amore conjugali; post quas sequuntur voluptates insaniae de amore scortatorio. - Die Wonnen der Weisheit, betreffend die eheliche Liebe; dann die Wollüste der Torheit, betreffend die buhlerische Liebe“. Wie alle Werke des ehemaligen Gelehrten ist auch dieses systematisch, umständlich, mit vielen Wiederholungen geschrieben, und mehr als andere ist es durchsetzt mit "memorabilia" ‑ Denkwürdigkeiten, Visionsberichten. Im Folgenden wurde versucht, das Wesentliche seiner Schau herauszuschälen, ohne sie zu verändern.

Swedenborg beschäftigt sich in diesem Werk mit einem der schwierig­sten und heikelsten Themen der Psychologie und Anthropologie, der Ethik und der Religionsphilosophie: mit der Bedeutung der Sexualität und Ehe in der göttlichen Welt- und Heilsordnung. Seiner, die christliche Ethik revolutionierenden Auffassung nach gehört das Geschlechtli­che und die Liebe von Mann und Frau keineswegs nur dem niedrigeren, Swedenborg und sein Werk animalischen Bereich des Menschen an, sondern hat ihren Ursprung im großen Lebenszusammenhang der Schöpfung. "Die größte Bedeutung der visionären Theologie Swedenborgs kommt seiner Theologie der Geschlechter zu", sagt Ernst Benz:

"Swedenborg ist seiner Zeit weit vorausgeeilt, indem er seine theologi­sche Begründung der Ehe auf einer neuen Theologie des Geschlechts ausgebaut hat. Die wahre Ehe ist die Form der Gemeinschaft von Mann und Frau, in der sie sich in wahrer und vollkommener Liebe nicht nur zu einer äußeren Verbindung, sondern auch zu einer seelischen und geistigen, alle Stufen des persönlichen Lebens umfassenden Personen­einheit zusammenfinden. Dieser Trieb zur Ganzheit ist bereits für die eheliche Liebe auf Erden bestimmend, denn er ist im Wesen des Man­nes und der Frau selbst angelegt. Allerdings wird diese völlige Vereini­gung im Bereich der irdischen Leiblichkeit nur selten erreicht; erst im Himmel ist sie in ihrer Vollkommenheit möglich. Die Voraussetzung ist dabei und darin liegt die kühnste Folgerung seiner Metaphysik der Liebe, daß die geschlechtliche Differenzierung in Mann und Frau auch nach dem Tode in der gleichen Weise fortdauert. In der Differen­zierung und Wiedervereinigung der Geschlechter zu eitler Personen­einheit spiegelt sich ein Urgesetz der Verwirklichung des göttlichen Lebens überhaupt wieder.

Gerade an diesem Punkt kam Swedenborg mit der traditionellen Jen­seitsvorstellung in Konflikt. Die Engellehre stand seit Augustin im Zei­chen einer ins Metaphysische erhobenen Prüderie. In den kirchlichen Jenseitserwartungen, wie sie zuerst Augustin formuliert hatte, kommen zwei seiner religiösen Grundanschauungen unweigerlich in Konflikt: einerseits glaubt er an eine leibliche Auferstehung, andererseits ist für ihn das Geschlechtliche die Sphäre der Sünde schlechthin. Er beseitigt diesen Konflikt durch die seltsamsten Spekulationen, die sich in seinem Werk über den Gottesstaat finden: bei ihrer Aufnahme in die himmli­sche Welt werden die Leiber der auferstandenen Männer und Frauen in einen geschlechtslosen Zustand verwandelt, in dem aber die sekundären Geschlechtsmerkmale erhalten bleiben. Erst bei Swedenborg ist diese Auffassung überwunden.

Die Anschauungen vom Jenseits wurden von der reformatorischen Theologie als eine Art Anhängsel weiter mitgeschleppt: man hielt sich auch weiterhin an die herkömmlichen Vorstellungen des katho­lischen Mittelalters, in denen der Himmel tatsächlich als eine Art großes Kloster erschien, in dem geschlechtslose Engelwesen in ewigen Chören den Herrn priesen. Bei Swedenborg ist dieser Rest der monasti­schen Frömmigkeitshaltung des Mittelalters überwunden. Seine Lehre hat aufs stärkste die Anschauungen der Dichter der Romantik und der Philosophie des deutschen Idealismus beeinflußt. Wenn heute die kirch­liche Theologie in ihrer notgedrungenen Bemühung, zum Phänomen des Geschlechts eine neue Einstellung zu Sünden, sich im wesentlichen darauf beschränkt, die Frage der Erlaubtheit oder Nichterlaubtheit der Pille zu diskutieren, so könnte der Ketzer Swedenborg unsere Zeit ganz unabhängig von dem Inhalt seiner einzelnen Anschauungen wenigstens dieses lehren, daß es für die Kirche wichtiger wäre, mit einer neuen Theologie des Geschlechts, und das heißt mit einer neuen Theologie der Ehe, sich an die Spitze der geistigen und sittlichen Entwicklung zu stellen und auf die Bewältigung der unserer Generation gestellten Pro­bleme eine maßgebliche theologische Antwort zu geben und einer entsprechenden Lebensform den Weg zu ebnen, als mit wehenden Talaren hinter der Entwicklung der Pharmakologie oder anderen technischen Erfindungen herzulaufen".

02,3 - Wunschtraum oder tiefsinniger Entwurf?

Swedenborg war nicht verheiratet. Man hat daraus einerseits gefolgert, er bringe deshalb keine wirkliche Einsicht und keine eigene Erfahrung für sein Thema mit. Wir wissen aber, daß er sich in den Jahren vor sei­ner Berufung auch auf diesem Gebiet nicht von den Männern seines Standes unterschieden hat und den sexuellen Umgang aus Erfahrung kannte und ebenso, daß er die Ehen um ihn her genau beobachtet hat. Man hat andererseits gefolgert, der Sänger dieses hohen Liedes der ehe­lichen Liebe habe seine Saiten so hoch gestimmt, weil er sich damit einen Wunschtraum von der Seele sang, ja seinen Wunschtraum in den Kosmos, in die ganze Schöpfung, in den Schöpfer projizierte. Beide Auffassungen sind gleich oberflächlich‑billig, wie beim Studium seines Werkes bald erkennbar wird. "Es werden auch in Zukunft Platons 'Symposion', Franz von Baaders 'Erotische Philosophie' und Sweden­borgs Schrift über 'Die eheliche Liebe' für die Geschichte des mensch­lichen Geistes mehr bedeuten als bloße Phantasien enttäuschter Junggesellen“.

Man verstehe Swedenborg recht: Es hat keinen Sinn, Wunschträume zu träumen, um sich dem Jetzt und Hier, den irdischen Realitäten zu entziehen. Aber es hat wohl Sinn, Wunschträume zu träumen, um sich dadurch die höchste Qualität, das eigentlich Gemeinte und Anzustre­bende klar zu machen. Nur dann ahnen wir wenigstens, worauf es an­kommt und spannen uns zum Höchstmöglichen. Nur wenn wir auf ein großes Ziel blicken und unserem Leben einen großen Entwurf zugrundelegen, ersticken wir nicht im Detail des Alltags. Freilich: was Swe­denborg schaut und entwirft, oder besser gesagt nach-schaut und nach­entwirft, ist ja nicht sein Wunschtraum, sondern die einzig wirkliche, das Irdische wirkende und durchwirkende, es belebende, geistige Wirk­lichkeit. Deshalb kann er auch beide aufeinander beziehen, so nahtlos Gleichzeitig von beiden handeln und selbst im Allerirdischsten und Unmenschlichsten noch die Spuren des Geistigen und Göttlichen auf­zeigen.

In einem Gespräch in der geistigen Welt über den Ursprung der eheli­chen Liebe und ihre Kraft und Potenz meldet sich, nach dem Bericht Swedenborgs in einer seiner "Denkwürdigkeiten", ein "Afrikaner" zu Wort: "Ihr Europäer leitet den Ursprung der ehelichen Liebe von der Geschlechtsliebe ab, wir dagegen leiten ihn ab vom Schöpfer des Him­mels und der Erde. Ist die eheliche Liebe nicht eine reine, keusche, hei­lige Liebe? Sind nicht die Engel des Himmels in ihr? Ist nicht das ganze Menschengeschlecht und daher der ganze Himmel die Frucht dieser Liebe? Ihr leitet die eheliche Kraft aus mancherlei rationalen und phy­sischen Ursachen ab, wir aber leiten sie aus dem Zustand der Verbin­dung des Menschen mit dem Schöpfer des Weltalls ab. Die wahrhaft eheliche Liebe ist nur den wenigen bekannt, die ihm nahe sind. Darauf­hin bestätigten die Engel, daß er recht habe".

Swedenborg geht aus von der Erforschung der vollkommensten Art der Geschlechterbeziehung, ja von der sich darin darstellenden Schöpfungs­idee, weil erst und nur von hier aus ein erleuchtendes Licht auf das unübersehbare Gelände der mannigfaltigen Variationen des Themas in der Menschheit und im Leben des einzelnen Menschen und in das oft so verwickelte, undurchsichtige Gestrüpp der Liebesverhältnisse, Lieb­schaften und Liebeshändel fällt. Das Innerste der Schöpfung und des Schöpfers ist und bleibt Rätsel und Geheimnis, bestenfalls ahnbar, aber der Mensch muß aus eingeborenem Drang und Auftrag zumindest versuchen, den Schleier ein wenig zu lüften und das Geahnte zu formulieren. Zumal heute, werde Swedenborg sagen, in dieser Menschheitsperiode, für die er in der geistigen Welt das Losungswort „Nun licet = Nun ist es erlaubt, mit der Vernunft in die Geheimnisse des Glaubens einzu­dringen“ gelesen hatte, oder, um mit Bonhoeffer zu sprechen, heute, da der Mensch "mündig" wird.

02,4 - Hinweise des Herausgebers

1. Der Text des lateinischen Originals wurde teils wortgetreu, teils freier übertragen, Schachtelsätze wurden aufgelöst, adjektivbeladene Nebensätze in Hauptsätze verwandelt und Wiederholungen, oft kurz aufeinander folgend, vermindert oder zusammengezogen. Wie aus den Absatznummern hervorgeht, wurden die Absätze teils in ihrer Reihen­folge belassen, teils sinngemäß auf die Kapitel verteilt. Der Nachdruck einer wortgetreuen Ausgabe, "aus der lateinischen Urschritt übersetzt", erschien im Swedenborg Verlag Zürich unter dem Titel „Die eheliche Liebe“.

2. Die Übertragungen der Begriffe und Formulierungen Swedenborgs ins Deutsche bereiten einige Schwierigkeiten, einerseits weil sie eigen­willig sind, andererseits weil in den letzten zweihundert Jahren man­cher Begriff seine Bedeutung geändert hat, endlich weil die Begriffe in dem von ihm behandelten Bereich Überhaupt schwankend und mehr­deutig sind. Man schlage nur in den Lexika nach und wird bemerken, wie verschieden dort z.B. "Seele" oder "Geist" interpretiert wird! Wir geben deshalb am Schluß einige Hinweise.

3. Im Folgenden sind die Ausführungen Swedenborgs in Times New Roman, die Erläuterungen und Zusätze des Herausgebers in Kursiv gesetzt. Die in Klammern beigefügten Zahlen geben die Absatznummern im Werk "Die Eheliche Liebe" an, Zitate aus anderen Werken sind durch Anfüh­rungszeichen gekennzeichnet.

 

 

 

1. Teil

MAN  UND  WEIB

Geschlechtsliebe – eheliche Liebe – buhlerische Liebe

03,0 - Der große Lebenszusammenhang

03,1 - Visibilia et invisibilia

Swedenborg sieht alles Lebendige im großen Schöpfungszusammen­hang,

in dem alles sich zum Ganzen webt,

eins aus dem anderen wirkt und strebt.

Von dieser Einsicht aus betrachtet er auch den Menschen, seine geschlechtliche Differenzierung, die Sexualität und die eheliche Liebe. Er bleibt nicht stehen bei den Phänomenen, sondern sucht ihre Her­kunft, ihre Ursachen und das mit ihnen Gemeinte zu ergründen und von hier aus ihren Sinn einzusehen und ihre oft so rätselhaften Erschei­nungsformen zu verstehen.

Am Anfang steht die Einsicht, daß das Sichtbare, Hörbare, Greifbare, das mit den Sinnen Wahrnehmbare nicht die ganze Schöpfung ist sondern daß es unlösbar mit einer anderen, der geistigen Welt verbunden ist, von der her es eigentlich lebt, dessen letzte, äußerste Verwirklichung es ist. Darum ist umgekehrt das Geistige nicht hinter, sondern in den Erscheinungen zu suchen und zu finden, nicht indem wir von ihnen ab­sehen, sondern indem wir sie einsehen. Das Materielle ist nicht nur Materie, irgendwie aussehend und funktionierend und vom Menschen für seine Zwecke zu verbrauchen, das Unsichtbare, Geistige andererseits ist nicht etwas Abstraktes, Luftiges, das mit jenem nichts zu tun hat.

Ihr habt euch einen vom Materiellen abgezogenen, abstrahierten Begriff des Geistigen gemacht, und es erschien euch deshalb wie leer, während es doch die Fülle von allem ist (207). Beide existieren nicht isoliert nebeneinander und voneinander, sondern bilden einen innigen und bündigen Zusammenhang. Die Natur ist Darstellung des Geistigen und zuletzt Göttlichen. Auch in all ihrer Brechung ist sie, mit einem Wort des Malers Cezanne", das Schau‑Spiel, das der Pater omnipotens aeterne Deus vor unseren Augen ausbreitet". Ihr Aussehen bedeutet etwas, deutet auf etwas hin, ist ein Zeiger zu dem, aus dem sie gewirkt ist und lebt.

Zwischen beiden Welten besteht Entsprechung. Deshalb fragt Swedenborg die letzte, äußerste Schöpfungswirklichkeit nach ihrem inneren Sinn, nach der sie wirkenden Ursache, nach der eigentlichen Wirklich­keit, nach dem Urbild.

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis,

das „nur“ ist von Goethe nicht diminuitiv gemeint, sondern im Gegen­teil jede andere Auffassung ausschließend: nichts anderes als Gleichnis. Swedenborgs Begriff correspondentia = Entsprechung bezeichnet das Gemeinte genauer als die vieldeutigen Begriffe Gleichnis und Symbol. Er spricht damit die Art und Weise der Verbindung beider Welten an und den Hebel für die Belebung und Lenkung der materiellen Welt. Nach der Ordnung der Entsprechung fließt das Geistige in das Natürli­che ein und gestaltet es. Dies besteht, das heißt entsteht fortwährend nur aus jenem. "Es gibt kein Natürliches, das nicht seinen Ursprung im Geistigen hätte", deshalb ist es Repräsentation dieser Ursprünge. "Das Gesetz der Entsprechung ist das des Einfließens des Geistigen in das irdische und damit das der Schaffung und Erhaltung aller Kreatur. Seine Kenntnis führt aus der Welt der Wirkungen hinauf in die der Ursachen (und endlich in die der Causae finales). Alles, was je in der na­türlichen Welt erscheint, ist Abbild des Reiches des Herrn, so durchaus, daß nichts in der Sternenwelt und auf Erden existiert, das nicht in sei­ner Art Geistiges abbildete. Von daher stammt die Verschiedenheit der Formen, von daher die Ordnung der Dinge, von daher ihr Funktionie­ren im allgemeinen und im einzelnen. An keinem Tier findet sich ein Härchen, an keinem Vogel ein Federchen, an keinem Fisch ein Grät­chen, das nicht vom Geistigen herrührte. Alle Dinge in der Natur sind äußerste Bilder. Weil nun alles und jedes vom Geistigen und zuinnerst vom Göttlichen her besteht, das heißt fortwährend entsteht, und alles, was davon her ist, nichts anderes sein kann als Bild dessen, wodurch es entstanden ist. So folgt, daß das sichtbare Weltall nichts anderes ist als eine Schaubühne, die das Reich des Herrn vorbildet. Das irdische ist das Letzte, in das der göttliche Einfluß des Herrn sich endigt."

Dem heutigen Abendländer ist diese Art der Naturbetrachtung fremd geworden. Der schon zu Swedenborgs Zeit um sich greifende Naturalis­mus hat gesiegt und beherrscht heute die Hörsäle, Laboratorien, tech­nischen Betriebe und Zeitschriften. Und doch ist Swedenborgs Weltan­schauung aus Welt-Anschauung viel einleuchtender als die Vorstellung, die Natur sei nichts als Materie und Energie, Materiearsenal und Ener­giequelle, in sich rotierend, aus sich selbst lebend, ohne Zusammenhang mit dem Geistigen - das sich dann ins Abstrakte verflüchtigt. Sie ist zwar alles dies auch, ist auch ein in mathematischen Formeln dar­stellbares Beziehungssystem von Energiequanten, auch eine funktional zweckmäßige Apparatur, aber sie ist darüber hinaus und darinnen noch weit mehr: "Sie ist Kreatur, Offenbares Geheimnis" (Goethe).

Von seinem Einblick in die Entsprechungs‑Beziehungen leitete Swe­denborg auch seine Bibelinterpretation ab. Die in der Bibel genannten Dinge wie Sonne, Mond und Sterne, Erdreich, Tiere und Pflanzen, Ölbaum und Weinstock, Essen und Trinken wie auch Throne, Stecken und Stab, um nur einiges zu nennen, sind nicht bloße Veranschauli­chungen oder poetische Ausmalungen und schon gar nicht Allegorien, sondern exakt entsprechende Bilder, genaue Zeichen für Geistiges. In ihnen spricht der Schöpfer und Erhalter in der für die Erdenmenschen allein verständlichen Art und Weise von sich, von seinen Absichten mit der Schöpfung und dem Menschen. "Das Wort (die Bibel) ist in seinem inneren Sinn geistig. Vom Herrn niedersteigend geht es durch die Engelshimmel. Das Göttliche Selbst, das in sich unerkundbar ist, wird im Niedersteigen der Fassungskraft der Engel und zuletzt der Menschen angepaßt. Daher stammt der geistige Sinn des Wortes, der inwendig im natürlichen ist, wie der Gedanke in der Rede und das Wollen in der Tat."

03,2 - Die Schöpfung

"Ich war von einer inneren Freude erfüllt, die ich am ganzen Leibe verspürte. Alles dünkte mir auf eine überschwengliche Art hinaufzufüh­ren, gleichsam in die Höhe zu fliegen und in einem unendlichen Mittelpunkt zu enden. Hier war amor ipse, die Liebe selbst. Von hier aus breitete es sich in Kreisen wieder aus und stieg hernieder in einer unbe­greiflichen Kreisbewegung." So schreibt Swedenborg nach seiner ersten Schau in die geistige Welt. Was wir summarisch und oft ohne viel Nachdenken "Leben" nennen, ist „der HERR“. "Er ist das Leben selbst, das Leben in sich, entstehungs­los, ewig. Die göttliche Liebe, die das Urleben ist, kann in ihrem Grund­wesen vom Menschen nicht gedacht werden, denn sie ist unendlich und überschwenglich. Aber der Mensch kann im "sich Ausbreitenden, Niedersteigenden", in der Schöpfung etwas davon ahnen, spüren, ja erkennen. Als Kern der Schöpfung schaut der Seher die "Sonne der geistigen Welt (mundi spiritualis), aus der alles Geistige als aus seinem Urquell hervorquillt, hervorgehend aus Gott. Sie ist nicht Gott, sondern sie ist von Gott, die erste Sphäre um ihn von ihm. Mittels dieser Sonne wurde das Weltall geschaffen. Nichts darin lebt als allein der Herr. Alles wird durch das Leben aus ihm bewegt."

"Der Herr erscheint den Engeln als Sonne, aus der Wärme und Licht hervorgeht". Beide schaffen, zusammenwirkend, die Schöpfung. "Die Wärme ist die ausgehende göttliche Liebe, das Göttlich Gute, das Licht ist die ausgehende göttliche Weisheit, das Göttlich Wahre. Das All ist ein ineinandergreifendes Werk aus der Liebe durch die Wahrheit. Sie sind unterscheidbar Eines, so sehr Eines, daß man sie zwar im Denken unterscheiden, nicht aber in Wirklichkeit trennen kann. Die Liebe ist in der Weisheit, die Weisheit existiert aus der Liebe. Das Sein, die Liebe, tritt ins Dasein mittels der Weisheit und ihr gemäß. Das Sein muß da­sein und ausgehen, damit es schaffe."

Die Schöpfung trägt das Impressum des Schöpfers: "Da Gott alles in allem des Weltalls ist, besteht es — das heißt: entsteht fortwährend­ aus der geistigen Welt wie die Wirkung aus der wirkenden Ursache. Die natürliche Sonne hat aus der Sonne der geistigen Welten ihr Leben. Durch sie wird Gottes Leben der letzten Stufen der Schöpfung, den Weltkörpern, vermittelt. So ist es das Körperliche, in das der Himmel zuletzt endigt und auf dem er als auf seiner Grundlage ruht". Oettinger formulierte, Swedenborg folgend: "Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes". "In Dreieinheit ist aus der göttlichen Dreieinheit alles geschaffen. Sie ist im Höchstgroßen, der ganzen Schöpfung, und im Allerklein­sten, im Wurm, im Stein (und Atom), und sie ist auch im Menschen.

Die Vollkommenheit selbst ist im Herrn (und nur im Herrn). Aus ihm ist die Sonne der geistigen Welt, die das erste Hervorgehende Seiner Liebe und Seiner Weisheit ist, und von hier lebt alles der Reihe nach bis zum Untersten oder Äußersten."

03,3 - Amor ipse - amor humanus

Wir bemerken bereits, daß im Zentrum der Ausführungen Swedenborgs mit "Liebe" etwas Allgemeineres und Umfassenderes gemeint ist als im landläufigen Sinn. Wir sprechen von Geschlechtsliebe, Vaterlands­liebe, Naturliebe oder Gottesliebe, wir "lieben" den oder jenen, dies oder das, den Mann, die Frau, die Eltern, die Kinder, die Menschen, das Volk, eine Aufgabe, ein Buch, eine Landschaft, Gott. Um uns aber über jenes Zentrale klar zu werden, müssen wir von den Wirkungen zur Ursache zurückgehen und, von den geliebten Objekten absehend, unse­ren Blick auf das liebende Subjekt richten. Dann erkennen wir die Liebe als dessen aktivste Eigenschaft, aufgrund von deren Beschaffenheit jene Gegenstände ausgewählt werden, als Aus‑sich‑herausgehen, Hinwendung, selbstlose Hingabe, Streben nach Vereinigung. Die Neigungen und Begierden, Wünsche und Sehnsüchte sind nicht die Liebe, sondern gehen von ihr aus; Lust und Freude oder Trauer sind Folgen, sie stim­men das Subjekt je nach Erreichung oder Nichterreichung seines Ziels. Die Liebe vermählt sich mit dem geliebten Gegenstand, umfängt und umhüllt ihn. Sie ist Dauerzustand, Klima, nicht vorüberbehendes Auf­flammen, sie ist belebende Wärme, Lebenswärme.

Klima "und " Wärme " haben Grade, Wärme ist Feuer oder milde Glut, sie kann sich abkühlen, das Nachlassen der Liebe kann sich zur Lauheit vermindern und endlich in ihr Negativum, in Kälte umschlagen. Liebe und Haß sind feindliche Brüder aus einem und demselben Stamm, gleichen Wesens, doch entgegengesetzter Art; die Liebe schafft Eintracht, der Haß Zwietracht, die Liebe ist Bejahung und will Vereinigung, der Haß ist Verneinung und will Trennung, die Liebe drängt auf Vervoll­kommnung und Harmonie, der Haß auf Disharmonie. Auch der Haß ist Wärme, aber verzehrendes Feuer, das verbrennen und vernichten will, statt erwärmen und beleben. Swedenborg schildert mehrmals, wie das höllische Feuer, die Hitze des Hasses, die höllische Lebenswärme sich als Kälte offenbart, das heißt als das, was sie eigentlich ist, als Gegen­satz zur Liebe, wenn vom Himmel her die echte Wärme oder Liebe eindringt.

Die Liebe oder Lebenswärme in der Schöpfung, in den Geschöpfen rührt von der Liebeswärme des Schöpfers her, sie ist deren Ausfluß und Abbild. Liebe an sich und in sich, Liebe selbst, amor ipse, ist einzig und allein im Herrn als Sein göttlicher Wesenskern, ausstrahlend das Ewig‑Gute, vermählt in Einheit mit der von der göttlichen Liebe durchwärmten Wahrheit, der göttlichen Weisheit, mit ihr vereinigt zu leuch­tendem Feuer oder warmem Licht. Aus der göttlichen Liebe Weisheit oder dem Ewig‑Guten‑Wahren geht die Schöpfung hervor.

03,4 - Das trinitarische Prinzip

Dreieinheit und Dreigliederung bestimmen deshalb alles Erschaffene. Da sind drei Reiche - voneinandergetrennt, aber zusammengehörend! -: Die himmlische Welt, die Welt der Engel; die Geisterwelt, die Welt der Geister, in die der Mensch nach dem sterben zuerst eintritt, beide i Folgenden oft zusammengefaßt in "die geistige Welt", und die natürliche, materielle Welt, der Kosmos, die Erde, die Welt der Menschen. Da strahlt die Sonne Wärme und Licht aus und weckt und schafft als Wir­kung die Schöpfung, das Leben der Erde. Da ist auf der Erde das Tier­reich, das Pflanzenreich und das Mineralreich. Da sind die Elemente der sichtbaren Gestaltung: Kreis, Kugel und Gerade, und aus ihnen entstehend ihre Verbindungen wie Zylinder, Wellenlinie, Ellipse. Da ist im menschlichen Gemüt Wollen, Denken und Handeln, oder Trieb‑Neigung­-Gefühl, Denkfähigkeit‑ratio und Vewirklichung‑Tun. Ganz allgemein gesagt: Alles ist erschaffen in die und durchzogen von der Dreieinheit causa finalis, causa efficiens, usus, also erstens Endzweck, Endabsicht, Zielidee, Urimpuls; Zweitens "Ursache", das heißt das, was wir gemein­hin Ursache nennen, was aber besser Mittelsache heißen sollte; Drittens Wirkung, Verwirklichung, Nutzen, Nutzwirkung.

Swedenborg hat sich damals unermüdlich bemüht, den Blick auf das dreigradige Schöpfungs‑ oder Wirkungsprinzip zu lenken und ihm für die Welt‑ und Menschenanschauung Geltung zu verschaffen, ohne gro­ßen Erfolg, denn das flache, zweigradige Kausalitätsprinzip hatte seinen Siegeszug bereits begonnen. Die Zweigradigen Prinzipien Ursache‑Wir­kung und Theorie‑Praxis beherrschen bis heute die Wissenschaft und unser aller Erkenntnis und Urteil bis in den Alltag. Beide setzen seiner Meinung nach zu spät an und vergessen, Wasen der sogenannten Ursache und der Theorie vorausgeht und vorausgehen muß, causa finalis, die Ur‑Sache, die Zielidee, der Zielentwurf, die sich ihre causa efficiens, ihre "Ursache", besser Mittel‑Sache, und ihre Theorie suchen und sie finden, sie als geeignet auswählen und ausbilden, um sich im Dritten, im usus, in der Wirkung, in der Praxis, im Produkt zu verwirklichen: "In jeder vollendeten Sache ist ein Dreifaches. Der Ordnung nach fol­gen aufeinander causa finalis, causa efficiens, usus. Die erstere ist nichts, sie bleibt wirkungslos, wenn sie sich nicht nach einer wirkenden 'Ursa­che' umsieht, und beide zusammen sind nichts, wenn sie sich nicht in der Nutzwirkung vollendete Causa finalis bringt durch causa efficiens usus, Nutz‑Wirkung, hervor. Hat man dies gehörig erfaßt, dann kann man daraus ersehen, daß das Weltall ein vom Ersten bis zum Letzten zusammenhängendes Werk ist, das die göttliche Liebe (causa finalis), die göttliche Weisheit (causa efficiens) und die Nutzwirkung in sich schließt. Es besteht, das heißt entsteht fortwährend aus fortlaufenden Verwirklichungen", die vom Urleben, der göttlichen Liebe, ausgehen, von der göttlichen Weisheit in Form gebracht und als Erschaffenes her­vorgebracht werden.

Heute mehrt sich die Erkenntnis der Verflachung unserer Einsicht durch das zweigradige Prinzip. In der Naturwissenschaft beginnt man das unzulängliche Kausalitätsprinzip durch das dreigradige „Wirkungs­prinzip“ abzulösen. Max Planck schreibt: „Durch das Wirkungsprinzip wird in den Begriff der Ursächlichkeit ein ganz neuer Gedanke einge­führt: zu der causa effisiens, der Ursache, welche aus der Gegenwart in die Zukunft wirkt und die späteren Zustände als bedingt durch frühere erscheinen läßt, gesellt sich die causa finales, welche umgekehrt die Zu­kunft, nämlich ein bestimmt angestrebtes Ziel, zur Voraussetzung macht und daraus den Verlauf der Vorgänge ableitet, welche zu diesem Ziel hinführen“. Wir sind auf diesen Zentralgedanken Swedenborgs so ausführlich eingegangen, weil ohne ihn seine Schau der ehelichen Liebe und seine Erklärung der Teilung des Menschen in zwei Geschlech­ter nicht zu verstehen ist.

Auch im Nachdenken über die Bewältigung der Zukunft macht sich, um ein anderes Beispiel zu nennen, die Bemühung um eine tiefere Schau bemerkbar. „Jede Planung wird von der Absicht bestimmt, die Sachverhalte auf die sie sich richtet, selbst hervorzubringen. In diesem Sinn gehört Planung weder in den Bereich der reinen Theorie, noch in den Bereich der reinen Praxis; sie bewegt sich auch nicht in irgend­einem undurchsichtigen Zwischengelände, in dem sich Theorie und Praxis unkontrollierbar überschneiden. Planung gehört vielmehr in den noch viel zu wenig erforschten Bereich des dritten Grundvermögens der menschlichen Vernunft". Swedenborg würde sagen: „Die­ser viel zu wenig erforschte bereich“ ist der des bislang übersehenen ersten (causa finalis), „nicht dritten“ — großen Grundvermögens.

Am durchdachtesten und ausdrücklichsten hat Rudolf Steiner auf die Dreigliederung des Menschen und der Welt hingewiesen wovon leider die Offizielle Naturwissenschaft, Anthropologie und Psychologie, Ge­meinschaftskunde und Politik noch kaum Notiz nehmen zu müssen glaubten.

 

04,0 - Der Mensch

04,1 - Die Stellung des Menschen in der Schöpfung

Was ist der Mensch? Wie ist seine Stellung in der Schöpfung, und welche Rolle hat er in ihr zu spielen? "Das Wesen der Liebe besteht darin, andere außer sich zu lieben, eins mit ihnen zu sein und sie aus sich zu beglücken. Diese Eigenschaften der Liebe führten zur Erschaffung des Weltalls und sind der Grund seiner Erhaltung. Das Eigentliche der Liebe ist, andere lieben und mit ihnen durch Liebe verbunden werden, nicht aber sich selbst lieben. Die Verbindung der Liebe kommt vom Wechsel­seitigen, und Wechselseitiges gibt es nicht bei Einem allein. Wirkliche Liebe kann nur sein und dasein in anderen, die man liebt, und von de­nen man geliebt wird. Das ist bei aller Liebe so, im höchsten Grad aber, unendlich, in der Ur-Liebe. Was diese betrifft, so kann lieben und wieder geliebt werden nicht stattfinden in solchen, in denen sich etwas von dem Unendlichen oder von der Liebe in sich findet. Das Göttliche ist einzig, fände sich Gottgleiches in anderen, so wäre es Gott selbst, und Gott wäre die Selbstliebe. Von dieser aber kann sich in Gott nichts finden, denn sie ist völlig entgegengesetzt Seinem Wesen", dem Wesen der Liebe.

"Die universelle causa finalis, der universelle Endzweck der Schöpfung ist die Verbindung des Schöpfers mit dem erschaffenen Weltall. Diese ist nur möglich durch Subjekte, in denen Sein Göttliches wie in sich sein, in denen es wohnen und bleiben kann. Diese müssen, damit sie Seine Wohnungen und Bleibestätten seien, Seine Liebe und Seine Weis­heit wie aus sich (in eigener Verantwortung, Selbstbestimmung und freier Entscheidung) aufnehmen können. Sie müssen wie von selbst sich zu ihm erheben und sich mit ihm verbinden können. Diese Sub­jekte sind die Menschen, und durch diese Verbindung ist der Herr gegenwärtig in jedem erschaffenen Ding. Alles Erschaffene ist am Ende um des Menschen willen da. Gott hat das Weltall aus keinem anderen Grunde und zu keinem anderen Zweck geschaffen, als daß ein Men­schengeschlecht und aus diesem ein Himmel entstehe. Die Zielidee der Erschaffung des Weltalls ist, daß ein Engelshimmel existiere", das heißt ein Reich der echten Gegenüber-Wesen, der echten, gemeinten Menschen, „aus denen sich der Himmel bildet“. Das Menschengeschlecht ist die "Pflanzschule des Himmels". Diesen Gedanken zitierte Goethe in seinem letzten Gespräch mit Erkermann: "Gott hat den Plan gehabt, sich auf dieser Materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die niederen heranzuziehen."

Welche Glorifizierung, aber auch welche Verantwortungsbelastung des Menschen! Er ist Sinn, Sammel- und Angelpunkt, Schlüsselfigur der Schöpfung, nicht Gott gleich, aber „Ihm zum Bilde, in Seine Ähnlich­keit“ geschaffen. Diese berühmten Worte erklärt ein Engel nach Sweden­borgs Bericht folgendermaßen: „Bild Gottes meint Aufnahmegefäß Gottes, und weil Gott die Liebe selbst und die Weisheit selbst ist, so meint Bild Gottes: Aufnahmegefäß dieser Liebe und Weisheit im Men­schen. Die Ähnlichkeit Gottes aber ist die vollkommene Ähnlichkeit, der vollkommene Anschein, als ob Liebe und Weisheit im Menschen selbst wären und somit gänzlich sein eigen, denn der Mensch empfindet nicht anders, als daß er aus sich liebe und aus sich weise sei oder, daß er aus sich das Gute, das Sache der Liebe ist, wolle und das Wahre, das Sache der Weisheit ist, denke. In Wahrheit ist gar nichts sein eigen, sondern alles von Gott. Die Ärmlichkeit oder der Anschein, als sei die Liebe und die Weisheit oder das Gute und das Wahre im Menschen wie sein eigen, macht aber möglich, daß der Mensch Mensch ist und, daß er mit Gott verbunden werden und so in Ewigkeit leben kann. Der Mensch ist (oder besser: wird) dadurch Mensch, daß er das Gute wollen und das Wahre einsehen kann ganz wie aus sich selbst, dennoch soll er wis­sen, daß beides von Gott ist. Demgemäß legt Gott sein Bild im Men­schen an."

04,2 - Die Struktur des Menschen

Der Mensch ist Seele (anima) Geist (mens) und Leib oder seelisch- geistig‑leibliches Wesen. Das Leben des Schöpfers fließt belebend ein in sein Innerstes, seine innerste oder oberste oder erste Region die Seele (anima), es gestaltet sich aus in seinem Inneren, seiner inneren oder ­mittleren oder zweiten Region, im Gemüt (mens), und bewirkt Realisierung im Äußeren, in der äußeren oder unteren oder dritten, letzten Region, im Natürlichen, das ist im menschlichen Leib und in dessen Handlungen. Alle drei zusammen sind Der Mensch, er hat nicht Seele, Gemüt oder Leib, sondern ist Seele-Gemüt‑Leib als Untrennbare Einheit. "Da der Herr die göttliche Liebe and Weisheit ausströmt" und aus beiden vereint Leben schafft, "so ist, damit Er im Menschen wohne und ihm Leben geben könne, notwendig, daß in diesem Aufnahmegefäße sind: in der menschlichen Seele (anima) die Fähigkeit zur Aufnahme der ewigen Liebe und Weisheit, im menschlichen Gemüt (mens) die Fähigkeit des Wollens (voluntas) und die des Denkens (intellectus)". Deshalb ist die Seele die himmlische, das Gemüt die geistige, der Leib die natürliche Region im Menschen.

"Es gibt ein allgemeines Einfließen (vom Herrn her) in die Seelen der Menschen. Es ergießt sich in sie, weil die Seele das Innerste oder Höchste des Menschen ist. Von dort dringt es herab in das, was sich außerhalb und unterhalb befindet und belebt es je nach dem Grad der Auf­nahme. Die Wahrheiten gehen zwar gehört oder gelesen in den Menschen ein und werden auf diese Weise dem Gemüt unterhalb der Seele eingepflanzt, doch wird er durch sie nur zur Aufnahme jenes aus dem Herrn Einfließenden vorbereitet (und zur Öffnung für dessen Aufnah­me vorbereitet)."

Was in der Seele geschieht und sich aus ihr herabsenkt oder "aus dem Seelengrund aufsteigt", wirkt sich nach außen oder unten aus, zunächst im Gemüt, in dessen Wollen und Denken. Das Gemüt ist nicht der Fluß, sondern das Flußbett des Seelenstroms. Seine Art und Form ist die Nutzwirkung der Seele, ihre Liebeswärme ist der Ursprung des Wollens, ihr Trieb der Ursprung der Neigungen, Emotionen, Affekte, Reizungen, Wünsche, Sehnsüchte, Lüste. Ihre Erleuchtung ist der Ursprung des Denkens, Wissens, Einsehens, Ordnens und Planens, die jenem Ausrichtung geben und es „in Form bringen“. Wie das Gemüt geartet ist und was in ihm geschieht, wirkt sich nach außen oder unten aus in den Ver­wirklichungen des Gewollten und Gedachten, im Natürlichen, im Leib und in den Handlungen, Taten, Werken. „Das Wollen kann ohne Den­ken nicht handeln, sondern ist blind und tappt im dunklen; der Ver­stand ist das Licht, aus dem der Wille sieht“. Aus beiden gehen die Ta­ten, Handlungen, Verwirklichungen hervor, und erst diesen sind jene wirklich: „Das menschliche Gemüt ist wie ein Erdreich, das so beschaf­fen ist wie es angebaut wird; in den Taten und Werken stellt es sich dar. Des Menschen Wollen und Denken, das heißt sein inwendiges, ha­ben ihre Vollständigkeit erst im Auswendigen, in dem sie sich begren­zen. Ohne solche Begrenzung sind sie wie das Unbegrenzte, das noch nicht existiert und somit auch noch nicht im Menschen (seinem Wesen wirklich eingelebt und zugehörig) ist. Der geistige Leib des Menschen stammt nicht anderswoher.“

Die Liebe der Seele ist des Menschen Wesenskern, Grundklima, Grund­intention, Grundhaltung, wie auch immer die Gegenstände der Liebe und ihre Erregungszustand wechseln mögen. Sie wirkt sich bis ins Letzte aus, aber andererseits wirkt da Äußerste, Letzte auch  wiederum zurück in das Gemüt und in die Seele. Die Menschwerdung erfolgt hin und her auf beiden Wegen. Ihm sind charakteristische Veranlagungen oder Färbungen angeboren, aber er beginnt sein Dasein als unfertiges Wesen, als hilfloser und Unmündiger Säugling und entfaltet sich körper­lich und geistig zum ausgereiften, seelisch‑geistig‑körperlich "fertigen" Menschen, zum ausgeprägten Individuum, das durch sein Leben aus den Anlagen sein Eigenes gemacht hat und weiterhin macht. So wird er - soll er werden! -  aus einem anfänglich natürlichen ein geistiger Mensch, dessen Seele und Gemüt sich dem göttlichen Einfluß öffnen und Aufnahmegefäß des göttlichen Lebens sind. Ewig, das heißt auch nach dem irdischen Tod in der geistigen Welt weitergehend, vollzieht sich dieser wechselseitige Menschwerdungs‑ und Gestaltungsprozeß.

04,3 - Der Mensch als Bürger zweier Welten

Längst ist schon offensichtlich, daß der Mensch Bürger zweier Welten ist. Durch ihn „wird die natürliche Welt mit der geistigen verbunden. Er ist das Mittel dieser Verbindung, denn in ihm ist gleichzeitig die natürliche und die geistige Welt. Der innere Mensch weilt immerzu in der geistigen Welt, die nicht entfernt von ihm ist", also nicht ein späteres "Jenseits". Er lebt schon auf Erden "als Geistwesen in jener Welt und denkt aus dem Licht jener Welt. Ja, die Verknüpfung der Seelen der Menschen mit denen der Geister und Engel ist so innig, daß er, würden diese von ihm entfernt, wie ein Klotz tot niederfiele.“ Jeder von uns gehört deshalb schon auf Erden, je nach seinem inneren Zustand und seiner Lebenstendenz, zu Gemeinschaften von Geistwesen und lebt in einem unsichtbaren Gespinst von geistigen Beziehungen, so wie mit den Menschen dieser Erde, seiner Familie, seines Volkes, seiner Zeit. Im Sterben geht der Mensch in jene andere Welt hinüber, von der hiesigen Existenzart in jene andere, ihm innerlich längst vertraute. Freilich ist dieser Schritt ein so einschneidendes Erlebnis im Leben des Menschen - das ja viel länger währt als nur die kurze Spanne seines Erden­lebens! -, weil die geistige Welt totaliter ist als die irdische, ob­wohl beide im großen Lebenszusammenhang unlösbar zusammengehören. "Der Mensch stirbt nicht, sondern wird vom körperlichen getrennt, das ihm auf der Erde zum Gebrauch gedient hatte. Der Mensch selbst lebt, denn er ist Mensch, nicht durch den Körper, sondern durch den Geist. Er geht, wenn er stirbt, von der einen Welt in die andere über. Merkwürdigerweise hat dann kaum einer etwas über die andere Welt gewußt, obwohl er doch eine ganze Menge hatte wissen können, wenn er nur seine Vernunft hätte gebrauchen wollen. Er bekümmerte sich aber nicht um das Leben nach dem Tode, sondern nur um das auf der Erde. Da alles, was im Körper lebt und wirkt, einzig dem Geist und nichts davon dem Körper angehört, so folgt, daß der Geist der eigent­liche Mensch ist oder, daß der Mensch an sich betrachtet ein Geistwesen ist, das auch gleiche Gestalt hat, denn alles, was im Menschen lebt und empfindet, gehört seinem Geiste an und in ihm ist vom Haupt bis zu den Fußsohlen nichts, was nicht lebt und empfindet. Daraus folgt, wie schon gesagt, daß der Mensch auch Mensch bleibt und lebt, wenn der Körper im Sterben von seinem Geiste abgetrennt wird.“

Wenn die Dinge so liegen, dann ist es auch möglich, daß dann und wann ein Mensch schon während seines Erdenlebens in jene Welt schauen darf. Im Gegensatz zu Traum, Halluzination, Einbildung oder Folge von Schizophrenie sind die Visionen der Seher Einblicke in jenes „Land des Wesens und der Wahrheit“, in jene Welt von Geistwesen, in jenen großen Lebenszusammenhang. Die Seher sind nicht nur wie wir alle unbewußte Bürger der beiden Welten, sondern leben zu den Stunden der Schau bewußt in beiden gleichzeitig. Swedenborgs Werk über die ehe­liche Liebe beginnt mit den Sätzen: Ich sehe voraus, daß viele das Fol­gende für Erfindungen der Phantasie halten werden, allein ich versiche­re, daß es wirklich Geschehenes und Gesehenes ist, gesehen nicht in einem Betäubungszustand, sondern in völligem Wachsein. Denn es hat dem Herrn gefallen, sich mir zu offenbaren, und Er hat hiefür das In­wendige meines Gemütes aufgeschlossen, worauf mir gegeben wurde, gleichzeitig in der geistigen und in der natürlichen Welt zu sein. Und später heißt es: Mancher, der nur seinen Sinnen traut, wird sagen: ,Wenn die Menschen nach dem Tode weiterleben, würde ich sie sehen und hören' oder ,Wer ist jemals vom Himmel herab- oder von der Hölle heraufgestiegen und hat davon erzählt?' Das aber war und ist nicht möglich, denn die Engel des Himmels und die Geister der Höhe können nicht mit Menschen reden, außer mit solchen, deren innere Regionen vom Herrn aufgeschlossen und vom Herrn zubereitet wurden. Es hat dem Herrn gefallen, dies bei mir zu tun, auf daß der Zustand des Himmels und der Hölle und der Zustand des Menschen nach dem Tode nicht unbekannt bleibe.

Kürzer oder länger lebt der Mensch nach dem Tod in der „Geisterwelt“ (mundus spirituum), in der Zone der Sichtung seines Innwendigen und des allmählichen Zutagetretens seiner wahren Geistgestalt. "Dann liegt offen zutage, wie der Mensch innerlich während seines Erdenlebens beschaffen war. Alsdann wird entfernt und von ihm weggenommen, was mit seiner innersten Liebe nicht eins ausmacht"; dann "kann keiner mehr heucheln, denn seine Geistgestalt wird zum Ebenbild seiner Neigungen und Gedanken". Und je nach seinem Wesenskern und demzufolge seiner Zugehörigkeit zu Gemeinschaften von Geistern und Engeln während seines Erdenlebens strebt er dann zu diesen.

04,4 - Der Ursprung des Bösen

Oben tauchte das Wort "Hölle" auf. Davon muß nun die Rede sein, von jener Gegenwelt der Himmel, der Engel, vom Bereich des Bösen und Falschen, der Störung der Schöpfungsharmonie, von den Teufeln, Satanen, Dämonen, von denen wir unten grauenhafte Schilderungen lesen werden. Wie wir hörten, ist der Mensch aus allen Kreaturen durch seine Sonderstellung herausgehoben. Er wurde "zum Bild des Schöp­fers, in dessen Ähnlichkeit" geschaffen, das heißt er ist selbst Schöpfer, er hat die Gaben der Vernunft und der Selbstbestimmung, er ist mün­dig gegenüber allen anderen Geschöpfen. Aber das heißt auch: er trägt damit eine unvergleichbar größere Verantwortung für sich und für die ganze Schöpfung. Er allein kann, obzwar auch er in Wahrheit nur rea­giert und nicht aus sich selbst lebt, doch so agieren, als ob er aus sich selbst entscheide und schaffe. Ja, er muß, um seiner Stellung im Schöp­fungsganzen zu genügen und den Sinn und die Aufgabe seiner Stellung erfüllen zu können, fähig sein, wie aus sich selbst zu agieren. Richtig, im Sinn des Schöpfers agieren heißt für den Menschen warm und licht, liebevoll und weise sein zu wollen und das zu tun, wozu ihn die ewige Liebe und die ewige Weisheit immerfort beleben, erwärmen und erleuch­ten. Der Mensch kann aber auch unrichtig agieren, nämlich aus Selbst­liebe der irdischen Welt verfallen; im Dünkel, selbst Schöpfer und Le­bensquell zu sein, sich deshalb selbst liebend und in Verengung auf den irdischen Bezug seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt verges­send und verratend; von sich selbst erwärmt, das ist in Wahrheit kalt, und von sich selbst erleuchtet, das ist in Wahrheit Verdunkelt; sich selbst liebend, das ist in Wahrheit lieblos, und von seiner eigenen Urteilskraft überzeugt, das ist in Wahrheit töricht. Diese Kälte und Verfin­sterung sind nicht die gleichwertigen Gegenpole der Wärme und des Lichtes, sondern deren minus, deren Verminderungen bis zum fast-­nicht‑mehr‑warm‑ und ‑hell‑sein. Fast, denn ganz wäre Auslöschung des Lebens.

"Die geistige Wärme des Menschen ist seine Lebenswärme. Diese wird im Wort 'Feuer' genannt, die Liebe zum Herrn und die Liebe zum Menschen himmlisches Feuer, die Selbst‑ und Weltliebe höllisches Feuer. Das letztere entspringt aus der gleichen Quelle wie jenes, aus der einzi­gen Quelle des Lebens, nämlich aus der Sonne des Himmels und zuin­nerst aus dem Herrn. Es wird aber höllisch durch die Art derer, die es aufnehmen. Denn aller Einfluß aus der geistigen Welt wird verschieden bestimmt und gestaltet durch die Aufnahmeformen, in die er einfließt, nicht anders als die Wärme und das Licht aus der Sonne der irdischen Welt: die aus ihr in Wälder und Blumenbeete einfließende Wärme lockt angenehme und liebliche Düfte hervor, ebendieselbe Wärme aber, einfließend in Exkremente oder Aas, bewirkt Fäulnis und zieht üble Dufte und Gestank heraus."

Im Menschen selbst liegt also der Ursprung des Bösen. Nicht so freilich, als sei dieser Ursprung bei der Schöpfung in den Menschen gelegt wor­den, sondern so, daß er selbst ihn sich eingepflanzt hat, indem er unmenschlich agierte. So kam das Böse in die Welt und in seinem Gefolge das Falsche. Und diese Welt des selbstherrlichen und weltverengten Menschen setzte und setzt sich fort in die irdische und in die geistige Welt. Der sogenannte "Sündenfall" war ein langsam fortschreitender Abfall der Menschheit nach dem ersten, "paradiesischen" Äon, als sie Gefallen an sich selbst und am irdischen Dasein fand und dadurch ihren Sinn und ihr Ziel aus dem Auge verlor. Durch Generationen wiederholt und vermehrt und in der geistigen Welt fortgesetzt, hat das Böse und Falsche die ganze Schöpfung angesteckt. Daraus entstanden die Gegen­welten der Himmel, die Höllen, bevölkert mit Menschen, die nach ihrem Sterben dort Geister wurden.

Der Mensch entscheidet durch seine Innerste Haltung und seine spiri­tuale, soziale und personale Selbstverwir1elichung auf der irdischen Wegstrecke seines Lebens, wohin er im anderen Leben kommt, welche weitere Entwicklung er dort nimmt. Er bestimmt hier, wohin es ihn dort zieht: "Der Mensch bringt sich selbst in die Hölle, nicht der Herr. Alle Menschen werden für den Himmel geboren, keiner für die Hölle. Der Herr will das Heil aller, aber Seine Barmherzigkeit ist nicht ein un­vermitteltes Erbarmen, das darin bestünde, alle nach Willkür selig zu machen, wie auch immer sie gelebt haben. Weil derjenige, der ein böses Leben geführt hatte, auch nach seinem Tode in seiner innersten Neigung bleibt, kann er nicht lange bei den Engeln und guten Geistern, die ihn in Empfang nehmen, verweilen. Er trennt sich allmählich von ihnen, bis er schließlich zu Geistern kommt, deren Leben mit dem, das er auf Erden geführt hatte, übereinstimmt."

Es muß noch klar gestellt werden, was auch Swedenborg betont, daß nicht Gott und Teufel/Satan sich als gleichrangig gegenüberstehen, so als wäre ein Teufel oder Satan auch Gott, eine Gegengottheit. Wir dür­fen nicht sagen Gott und Teufel‑Satan, sondern können nur von Engeln und Teufeln/Satanen oder von Himmeln und Höllen als vergleichbaren Gegensätzen sprechen. Welche Verheerungen hat jenes falsche "und", jene falsche Gleichstellung von Gott und Teufel/Satan, das heißt von Schöpfer und Geschöpf, schon angerichtet! So anschaulich das bekann­te Wort "Der liebe Gott muß immer zieh'n, dem Teufel fällt's von selber zu!" auch klingt, so gefährlich falsch ist es doch formuliert. Es kann nur lauten: "Die Engel müssen immer zieh'n, den Teufeln fällt's von selber zu!" Und ebenso falsch ist es, vom Menschen als einem Wesen "zwischen Gott und Teufel“ zu sprechen, richtig ist nur: „zwischen Engel und Teufel“.

Das gleiche gilt für „gut“ und „böse“, „wahr“ und „falsch“. Sie sind nicht die zwei gleichwertigen Seiten derselben Sache. Nur Gutes und Wahres ist lebendig und Leben wirkend, nur die ewige Liebe und Weis­heit ist wirklich Leben. Wendet sich der Mensch ihnen nicht zu, sondern von ihnen ab, dann vermindern sie sich zum weniger Guten und Wah­ren und können umschlagen ins gar nicht mehr Gute und gar nicht mehr Wahre, ins Un‑Gute und Un-Wahre. Böses und Falsches dürfen also nie als gleichwertige Gegenpole, Haß, Rachsucht Besitzgier und Torheit nie als gegenpolige Lebensquellen verstanden werden. Im Bö­sen und Falschen lebende Menschen sind in Wahrheit, von dem aus gesehen was den lebendigen Menschen ausmacht, geistig tot.

 

05,0 - Der Ursprung der ehelichen Liebe

05,1 - Die Ehe des Guten und Wahren

Man hat mehrere innere und äußere Entstehungsgründe der ehelichen Liebe erörtert, allein der innerste oder allgemeinste Ursprung aller ist der aus der Ehe des Ewig‑Guten und Ewig‑Wahren. Bisher hat niemand den Ursprung dieser Liebe von da hergeleitet, weil man nicht wußte, daß es eine so entscheidende und innige Vermählung des Ewig‑Guten mit dem Ewig‑Wahren, der Liebe mit der Weisheit im Allwalten des Schöpfers gibt. Dies war auch deshalb unbekannt, weil das Gute nicht wie das Wahre im Lichte des Denkens erscheint und deshalb seine Er­kenntnis verborgen blieb und sich der Forschung entzog. Dem Blick der natürlichen Vernunft erscheint das Gute so entfernt vom Wahren, daß es keinerlei Verbindung zu geben scheint. Sagt man: Das ist gut! dann denkt man nicht im mindesten an Wahres; sagt man: Das ist wahr! dann denkt man ebensowenig an Gutes. Deshalb meinte man, das Wah­re habe nichts mit dem Guten zu tun und der Mensch sei verständig und weise, das heißt Mensch, je nach den Wahrheiten, die er denkt, spricht, schreibt und glaubt, nicht aber zugleich je nach dem Guten in ihm. In Wahrheit gibt es kein Gutes ohne Wahres und kein Wahres ohne Gutes, und zwischen beiden besteht jene ewige Ehe, die der Ursprung der ehelichen Liebe ist (83).

Alles im Weltall bezieht sich auf das Gute und Wahre. Beide sind die Universalien der Schöpfung, denn sie sind im Schöpfer, ja sie sind Er selbst. Da das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit angehört, da der Inhalt der Liebe das Gute ist und die Weisheit auf das Wahre hin ausgerichtet, da somit die Liebe aus Gutem und die Weisheit aus Wah­rem besteht, werden im Folgenden bald diese, bald jene genannt und kann man auch sagen: im Herrn ist die Liebe und die Weisheit und diese sind Er selbst. Ihnen entsprechen die Wärme und das Licht der Sonne, aus denen alles Leben auf Erden sein Sein hat und gemäß deren Verbindung alles hervorsproßt. Die natürliche Wärme entspricht der geistigen, der Liebe, und das natürliche Licht dem geistigen, der Wahr­heit (60, 84). Da also der Herr‑Gott‑Schöpfer die Liebe selbst und die Weisheit selbst ist und von Ihm das Weltall wie ein von Ihm hervorge­hendes Werk erschaffen wurde, findet sich in allem und jedem Erschaf­fenen etwas Gutes und etwas Wahres von Ihm (85).

Es gibt kein isoliertes Gutes und kein isoliertes Wahres, sondern überall sind beide miteinander verbunden. Es ist nicht möglich, sich vom Gu­ten eine Vorstellung zu machen, ohne ihm etwas hinzuzufügen, das es darstellt und offenbart. Das aber bezieht sich auf das Wahre. Ohne dies Hinzugefügte ist das Gute prädikatlos und daher ohne Bestimmtheit, ohne Zustand, ohne Beschaffenheit. Das gleiche gilt für das Wahre oh­ne jene Grundintention, die sich auf das Gute bezieht. Das Gute ist das Wesen oder das Sein; durch das Wahre existiert es und wird es geformt. Das Wahre ist das Dasein des Seins, des Guten. Und ebenso ist es im Menschen: die Aufnahmegefäße für das Gute, nämlich sein Wollen, seine Neigungen, und für das Wahre, nämlich sein Denken, sein ver­stand, gehören und wirken zusammen ebenso wie in seinem Körper de­ren Entsprechungen Herz und Lunge (87). „Es gibt kein Wesen ohne Form und keine Form ohne Wesen. Das Gute ist das Wesen, das durch das Wahre geformt wird. So ist es auch im Menschen: das bloße Wollen tut nichts außer in Verbindung mit dem Denken, das bloße Denken nichts außer in ehelicher Verbindung mit dem Wollen. Sprache und Handlung fließen nicht aus dem bloßen Denken, sondern aus dem Wol­len mittels des Denkens. Und so auch im menschlichen Körper:

das Herz kann kein Empfindungs‑ und Bewegungsleben hervorbringen ohne die atmende Lunge, die Lunge aber wird vom pulsierenden Herzen mit Blut erfüllt“. Die gleiche Zusammengehörigkeit und Wechselwirkung können wir in der Natur beobachten: Nur das mit der Wärme vereinigte Licht wirkt Leben. Auch im Winter sind die Gefilde und Gärten vom Licht erleuchtet, aber sie blühen und fruchten nicht. Erst wenn sich mit dem Licht die Wärme vermählt, im Frühling und Sommer, wach­sen, blühen und fruchten sie dank dieser Verbindung (72).

05,2 - Die universelle eheliche Sphäre

Da aus der Ehe des Guten und Wahren alles Erschaffene und alle Arten der Liebe hervorgehen, ist sie die Grund‑ oder Fundamentalliebe aller himmlischen, geistigen und daher natürlichen Liebesarten und ihrer aller Ursprung. Aus ihr gehen auch alle Arten des liebenden Wollens im Menschen hervor, die den Himmel und das geistige Leben in ihm aus­machen, das Gute dieser Ehe seine Liebe und das Wahre dieser Ehe sei­ne Weisheit. Wenn die Liebe zur Wahrheit hinzukommt und sich mit ihr verbindet, dann erst wird die Liebe wirklich und wirksam Liebe, und wenn andererseits die Wahrheit zur Liebe hinzukommt und sich mit dieser verbindet, dann erst erwächst aus den aufgenommenen und erkannten Wahrheiten Weisheit (65).

Diese universelle eheliche Sphäre, die vom Herrn unaufhörlich ausgeht, durchdringt und bestimmt das Weltall vom Ersten bis zum Letzten, von den Engeln bis herab zu den Würmern und Atomen (92). Nur von da­her stammt die eheliche Liebe bei den Menschen; jene Sphäre fließt immerwährend in sie und in die Engel ein, in Ewigkeit fort (93). Sie ist auch die Sphäre der Erhaltung des Weltalls durch aufeinanderfolgende Zeugungen und somit auch die Sphäre der Fortpflanzung (92). Von daher stammt die Fortpflanzungs‑ und Bildekraft in den Samen der Tiere und Pflanzen (238). Die Erhaltung der Schöpfung ist nichts an­deres als ein fortwährendes und beständiges Einfließen des Göttlich‑Gu­ten und des Göttlich‑Wahren in die von beiden als Nutzwirkung ausge­gangenen und geschaffenen Formen, und so ist das Bestehen oder die Erhaltung des Weltalls ein immerwährendes Entstehen oder eine un­aufhörliche Schöpfung (86).

„Das Weltall ist ein vom Ersten bis zum Letzten zusammenhängendes Werk, das die Liebe, die Weisheit und die Nutzwirkung des Herrn als causa finalis, causa efficiens und usus in unlösbarer Verbindung in sich schließt. Aller Liebe wohnt eine Zielidee inne, aller Weisheit aber das Streben, diese Zielidee durch wirksame ,Ursachen, zur Verwirklichung in Nutzleistungen zu befördern“.

05,3 - Die Elemente der Schöpfung

Immer nur „Gutes und Wahres“, „Liebe und Weisheit“, „Wärme und Licht“, „Wollen und Denken“! Das klingt freilich simplifizierend, wenn man nicht Swedenborgs Weg von den unüberschaubar vielfältigen Er­scheinungen zurück zu den Ursprüngen, von den unzähligen Entfaltun­gen und Variationen zu den wenigen Elementen mitgeht. Er schält aus den Umhüllungen den Kern heraus. In allen seinen Werken treffen wir auf diese Tendenz, und er formuliert das Gefundene in vielerlei Be­griffen: „Das Ursprüngliche - das Abgeleitete; das Hervorbringende - das Hervorgebrachte; das Frühere - das Spätere; das Allgemeine - das Einzelne, Besondere; das Einfache - das Zusammengesetzte; das Ele­mentare - das die Elemente Verquickende und Variierende; die Urquel­len, Uranfänge, Urstände - die ausgespielten Möglichkeiten. Im Allge­meinen liegt der Keim für alles Spezielle; alles Einzelne zusammen ge­faßt ist das Allgemeine, Umfassende“. Alles Ursprüngliche ist unend­lich teilbar und unendlich vervielfältigbar, deshalb gibt es auch niemals ein Ende des Wissens, der Einsicht und der Weisheit und niemals ein Ende der Variationen in der Schöpfung und der Lebenszustände des Menschen von der Kindheit bis ans Ende des Erdenlebens und danach in Ewigkeit (185).

Wir lasen: „Das Gute und das Wahre, die Liebe und die Weisheit sind die Universalien der Schöpfung“. Irdisches sichtbare und greifbare Ent­sprechungen können das vor Augen führen, „sie sind die äußersten Bilder“ so läßt sich z.B. die vielfältige Welt der Formgebilde sortieren in zweierlei Gruppen, einerseits in das Gerundete, Weiche, Fließende, andererseits in das Gerade, Eckige, Kantige. Fragen wir nun weiter, wer in beiden Bezirken jeweils der „Herr“, welches Gebilde jeweils die Ele­mentarfigur ist, so kommen wir einerseits zu Kreis‑Kugel, andererseits zu Gerade ‑ Stab, senkrecht auf der Waagerechten. Das Gleichrund, Kreis ‑ Kugel, „rund und schön“, „rund und richtig“, ist Elementarzei­chen des Weichen, Warmen, Hüllenden, Bergenden, Heimat, Nest! -, wie auch des von einem Zentrum allseitig Ausgehenden, Hervordrän­genden. Tiefer geschaut ist Kreis‑Kugel Entsprechungsgestalt der Trie­be, Neigungen, Emotionen, zutiefst der Liebe, des Guten. Die statische Gerade, senkrecht auf der Waagerechten, dagegen sagt: Herrschaft, und die dynamische Gerade, in eine Richtung weisend und zielend: Eindeu­tigkeit, Zielgerichtetheit,

Entscheidung, Ordnung, Planung. Sie ist Ent­sprechungsfigur des Denkens, der ratio, zutiefst des Logos, der Weis­heit, des Ewig‑Wahren. Als beider Verbindung erscheinen die ersten ab­geleiteten Formen Zylinder, Schraubenlinie und Wellenlinie, beider in­nigste Vermählung ist die Ellipse, das Ellipsoid. Von diesen ersten Ver­bindungen aus entfaltet sich durch neue Verquickung und Variation die unausschaubare Gestaltenwelt der Natur und der Menschenwerke. Jene innigste Vermählung beider Elementarformen, Ellipse - Ellipsoid, bestimmt die Menschengestalt, ihr Zentrum, das Rumpfskelett, Brust­korb mit Becken, und das Menschengesicht. Das heißt: solchermaßen harmonisch vereinigt sollen Wollen und Denken ehelich zusammen­wirken!

Bekannter sind die Elemente der Farbenwelt, die Grundfarben. Alle die unzählbaren Farben und Töne in Natur und Kunst sind Mischungen und Variationen, Abtönungen und Schattierungen erstaunlich weniger Grundfarben: Gelb, Rot, Blau. Ja, wir könnten - mit Goethe - sogar noch zurückgehen auf Gelb und Blau.

Endlich treffen wir auf viele solche ehelichen Paare in der Bibel, z.B. Wärme und Licht, Essen und Trinken, Brot und Wein im Abendmahl. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser“, Psalm 23, 2, Öl und Wein, „Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein“, Psalm 23, 5, Herz und Lunge, die Steine Jaspis und Sarder, den roten und weißen Stein in der Vision des Johan­nes, Offenbarung 4, 3 - ganz zu schweigen davon, daß „uns im Wort oft zweierlei Ausdrücke begegnen, die als Wiederholungen ein und der­selben Sache erscheinen wie Freude und Fröhlichkeit, Gerechtigkeit und Gericht, Wüste und Öde, Stecken und Stab, von denen sich stets der eine auf das Gute - und im entgegengesetzten Sinn auf das Böse - der andere auf das Wahre - und im entgegengesetzten Sinn auf das Falsche - bezieht.“

Allüberall die beiden Universalien der Schöpfung und ihre ehelichen Verbindungen dank der universellen ehelichen Sphäre, die vom Schöp­fer ausgeht und alles im Weltall durchdringt und bestimmt!

 

06,0 - Mann und Weib

06,1 - Die Teilung des Menschen in zwei Geschlechter

„Der Mensch“ hieß es bisher. Diesen universalen oder neutralen Men­schen aber gibt es nicht. „Der Mensch“ tritt nur auf als Mann oder Weib, als geschlechtlich so oder so bestimmtes Wesen. Zwar gilt das vom Men­schen Gesagte für jeden Menschen, aber es wirkt sich in den Geschlech­tern verschieden aus und stellt jedem andere Aufgaben. Wo aber ist der Grund für die rätselhafte Teilung des Menschlichen zu finden?

Landläufig ist es üblich, die eine Seite des Menschen, die der Emotionen, des Wollens, der Liebe, als „das Weibliche“ zu bezeichnen, die andere Seite dagegen, die des Denkens, des Verstandes, der ratio, als „das Männ­liche“ und von daher die Unterschiede der Geschlechter zu erklären. Tiefere Einsicht lehrt, daß es so nicht geht, denn Mann und Weib stel­len diese beiden Pole ja nicht rein und isoliert dar. Beide enthalten so­genanntes Männliches und Weibliches, und beide sind, jeder für sich, ganze Menschen, jeder für sich wollend und denkend, Gutes und Wahres aufnehmend, jeder für sich handelnd. Man hat sich geholfen mit der Idee der Prävalenz: des Männlichen im Mann und des Weiblichen im Weib. Dem widerspricht die Erfahrung, daß der Mann durch und durch Mann ist ebenso wie das Weib durch und durch Weib, innerlich wie äußerlich und in ihren Geschlechtsfunktionen, daß beide nicht nur mehr so oder mehr so gefärbte Erscheinungsformen des einen Wesens Mensch, sondern durch und durch verschiedenartige Menschen sind, und endlich die Tatsache, daß die Fortpflanzung eben nur möglich ist durch das Zusammenwirken dieser beiden geschlechtlich verschiedenartigen Men­schen.

Offenbar ist also das geschlechtlich Weibliche und das geschlechtlich Männliche nicht direkte Verleiblichung und Personifizierung dessen, was man im allgemeinen Sprachgebrauch „das Weibliche“ und „das Männliche“ nennt, und auch nicht direkte Entsprechung des liebenden Weilens an sich oder des Ewig‑Guten, „Ewig‑Weiblichen“ und direkte Entsprechung der Weisheit an sich oder des Ewig‑Wahren, „Ewig‑Männ­lichen“. Zwischen beiden muß ein tiefgreifender Unterschied bestehen.

06,2 - Swedenborgs Deutung der geschlechtlichen Differenzierung des Menschen

Swedenborgs Idee wirkt auf den ersten Blick konstruiert, künstlich, kompliziert. Nun, alle Beteiligten - und das sind wir ja alle! - wissen, daß es sich hierbei um eine komplizierte, schwer einzusehende und zu durchschauende Sache handelt. Jede zu einfache Deutung wäre der Oberflächlichkeit verdächtig. Je länger man aber mit Swedenborgs Ein­sicht umgeht, sie nicht nur nachdenkt, sondern meditiert, desto mehr leuchtet sie ein und man bemerkt, daß sie die Tiefen dieses seltsamen Sachverhaltes aufleuchtet. Seiner Schau des großen Lebenszusammen­hanges zufolge kann es nicht anders sein, als daß sich für ihn in der Differenzierung und im Zusammenwirken der Geschlechter ein Urge­setz der Schöpfung, des Wesens des Schöpfers und der Verwirklichung der Schöpfung widerspiegelt.

Zum andern ist bei der Bemühung um dieses Phänomen wichtig, es zu­erst in seiner Reinheit, im Idealfall vor Augen zu haben und vor Augen zu behalten, was damit gemeint ist und wie es gemeint ist, bevor man sich seiner Problematik zuwendet. Weiß man nicht, wie die eheliche Liebe ihrem Wesen nach und in ihrer Reinheit beschaffen ist und wie sie beschaffen war, als sie zugleich mit dem Leben dem Menschen vom Schöpfer eingepflanzt wurde, kennt man also nicht diesen ihren voll­kommensten Zustand, so fehlt der feste Standpunkt, von dem aus man sie und ihre Verschiedenheiten bei den Menschen als von einem Anfang, auf den sie sich zurückbeziehen, ableiten kann (57).

„Der Mensch“ ist innerlich Wollen und Denken. Er entfaltet sich in der vom Schöpfer gemeinten Weise und erfüllt seine Aufgabe im Schöp­fungsganzen, wenn sein Wollen auf die ihm aufgetragenen Nutzleistun­gen zielt. Er schafft sie, indem er sein Wollen des Guten mit dem Den­ken des Wahren, mit der Erkenntnis der Wahrheit verbindet, indem er kennenlernt, versteht, einsieht, weise wird. Das heißt: Er ist Mensch, wenn ihn das Gute erwärmt und das Wahre erleuchtet und beides sich in der Handlung vereinigt und zu seinem eigenen Wohl und dem der Gemeinschaft auswirkt.

Der Mensch wird Mensch, das heißt geistig, oder die Weisheit entsteht im Menschen aus der Liebe, weise zu sein. Die Weisheit aus dieser Liebe, also die vom liebenden Wollen erregte und von der Wärme des Guten durchpulste Erkenntnis, nennen wir das Wahre des Guten oder das Wahre aus dem Guten. Wenn aber der Mensch sich aus innerster Nei­gung Weisheit erworben hat und diese in sich und sich um ihretwillen liebt, dann bildet er die Liebe zu dieser Weisheit. Wir nennen sie das Gute des Wahren oder das Gute aus diesem seinem Wahren. Also ist im Menschen eine doppelte Liebe: die frühere, erste, nämlich die Liebe, weise zu sein, und die spätere, zweite, nämlich die Liebe zur erworbe­nen Weisheit (oder: die erste, nämlich die Liebe zum Ewig‑Wahren, zur Weisheit des Herrn, und die zweite, nämlich die zur eigenen Weisheit). Bliebe diese letztere beim Menschen, dann würde sie eine böse Liebe, nämlich Selbstliebe, Eitelkeit, Hochmut, Einbildung. Damit sind wir bei dem Punkt angelangt, der zur Teilung des Menschen in zwei Ge­schlechter führte: Darum wurde diese Liebe vom Menschen weggenom­men, auf daß sie ihn nicht verderbe. Die beiden Tendenzen, die beiden Lieben wurden geteilt und den verschiedenartigen Menschenwesen zu­geordnet: das eine, der Mann, ist bestimmt durch die erste Liebe, das andere, die Frau, durch die auf sie übertragene Liebe (88). Um die Ent­artung der sekundären Liebe des Menschen‑Mannes in Selbstliebe zu verhindern, wird ihm im Weib ein Teil seines Wesens in einem anders gearteten Menschen beigesellt.

Swedenborg kommt mehrmals auf diesen Grundgedanken zurück: Da­mit der Mensch nicht durch Selbstliebe und Stolz auf die eigene Einsicht zugrunde gehe, wurde von der Schöpfung her vorgesehen, daß die zweite Liebe auf das Weib übertragen und diesem von Geburt an einge­pflanzt werde. Die Frau liebt die Einsicht und Weisheit ihres Mannes und so den Mann, sie zieht den Stolz ihres Mannes auf seine eigene Ein­sicht immerfort an sich, löscht ihn bei ihm aus und macht ihn in sich lebendig. Dies wurde vom Herrn vorgesehen, auf daß nicht der Stolz auf seine eigene Errungenschaft den Mann betören möge, zu glauben, er sei verständig und weise aus sich selbst und nicht vom Herrn (353).

Nochmals: Das Innerste im Männlichen, dessen Grundneigung ist die Liebe, weise zu werden; die Hülle derselben ist die erworbene Weisheit. Die männliche Verwirklichung geschieht in Auszeugungen seines Den­kens, er ist erkennend und forschend, schöpferisch und erfinderisch, konstruktiv und planend tätig, er formuliert und gestaltet sich in seinen Produktionen, in Kunst, Wissenschaft, Politik, Sozialordnung, Technik und Handwerk. Er ist also die mit Weisheit umhüllte Liebe. Das Inner­ste im Weibe aber ist jene Weisheit des Mannes und deren Hülle ist die Liebe zu ihr. Diese Liebe ist die weibliche Liebe, sie wird der Gattin durch die Weisheit des Gatten gegeben. Die weibliche Verwirklichung besteht in der Hingabe an den Mann und der Vereinigung mit ihm, im Empfangen und Austragen seines Zeugens, seines Samens und im Ge­bären seines Kindes. Die frühere, erste Liebe ist also die männliche Liebe, weise zu sein. Der Mann ist die Weisheit der Liebe. Das Weib da­gegen ist die Liebe zur Weisheit des Mannes (32).

Nochmals: Der Mann ist geschaffen, daß er Weisheit werde, aus der Liebe, weise zu sein. Das Weib ist geschaffen, daß es die Liebe des Man­nes zu seiner Weisheit und gemäß derselben werde. Auf diese Weise sind zwei Ehegatten die Formen und Bilder der Ehe der Liebe und Weisheit oder des Guten und Wahren (66). Da es eine Verbindung des Guten und Wahren (als Leitidee der Schöpfung) gibt und da diese wechselseitig ist, so folgt, daß es ein Wahres des Guten oder ein Wahres aus dem Guten und ein Gutes des Wahren oder ein Gutes aus diesem Wahren gibt. Das Wahre des Guten oder das Wahre aus dem Guten ist im Manne, es ist das menschlich Männliche. Das Gute des Wahren oder das Gute aus diesem Wahren ist im Weibe, es ist das menschlich Weibliche (61).

Anders gesagt: der Mensch‑Mann ist Gott‑unmittelbar, der Mensch-­Weib ist Gott‑mittelbar durch den Mann. Da der Mann dank seiner Gottunmittelbarkeit ständig in Gefahr ist, sich zu vergöttern, wird diese Gefahr durch das Weib gebannt: „Es ist nicht gut, daß der Mensch al­lein sei. Ich will ihm eine Gefährtin geben, die um ihn sei, eine Hilfe, die zu ihm paßt“ 1. Mose 2, 18.

06,3 - Der biblische Schöpfungsbericht

So also, von vorneherein als Mann und Weib, trat der Mensch in Er­scheinung: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde, in Seine Ähnlichkeit. Mann und Weib schuf er sie“, heißt es 1. Mose 1, 27, und gleich darauf: „und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid frucht­bar und mehret euch. Und Gott sah an alles, was Er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“, 28. 31. Und 1. Mose 5, 1 f.: „Da Gott den Men­schen schuf, machte Er ihn nach dem Bilde Gottes, und schuf sie einen Mann und ein Weib und segnete sie und nannte ihren Namen Mensch“. Denn beide zusammen sind erst „der Mensch“, und ihre Liebe zueinan­der mit allem, was irdisch dazugehört, mit Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung, ist nicht eine Folge des Sündenfalles, sondern von vorneherein in ihnen angelegt.

Gemäß seiner Bibelexegese aufgrund der Entsprechungen geht Sweden­borg dem Sinn der Schöpfungsberichte nach. Der zweite Schöpfungs­bericht im 2. Kapitel des 1. Buches Mose lüftet ein wenig den Schleier vor dem, was im Geheimen geschah. Dort heißt es, das Weib sei aus der Rippe des Mannes geschaffen worden und der Mann habe, als ihm das Weib zugeführt wurde, gesagt: „Dies ist Bein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch, und man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist“, 1. Mose 2, 22 f. Durch die Rippe der Brust wird im geistigen Sinn des Wortes das natürliche Wahre bezeich­net, durch die Brust des Mannes sein Wesentliches und Eigenes, nämlich seine Weisheit. In der Brust liegt alles dem Menschen Angehörige wie in einem Zentrum, die Rippe hält die Brust wie das Wahre die Weisheit. Das Weib wurde aus dem Manne geschaffen durch Übertragung der diesem eigenen Weisheit, die sich aus dem natürlichen Wahren bildet. Die Liebe zu seiner Weisheit aber wurde vom Mann auf das Weib über­tragen, auf daß im Menschen ohne tödliche Gefahr die schöpfungsge­mäße eheliche Liebe entstehen und wirken könne: im Menschen‑Mann braucht sich nun die Liebe zur Weisheit nicht mehr als Selbstliebe ver­derblich auszuwirken, sondern sie kann zur Liebe zu seiner Ehefrau werden. Diese wandelt gemäß der ihr angeborenen Anlage die Selbstlie­be des Mannes in Liebe zu ihr um. Nur ein Mann, der nicht dem Dünkel eigener Einsicht verfallen ist, kann demnach seine Frau wahrhaft ehe­lich lieben. Hat man dies Geheimnis der Erschaffung des Weibes recht verstanden, dann versteht man auch, daß eine Frau in und durch die Ehe fortwährend und mehr und mehr zur Ehefrau geschaffen und ge­bildet wird aus ihrem Mann. Dies geschieht letztlich vom Herrn, der den Frauen die Neigung, so zu tun, eingeflößt hat (193).

06,4 - Die verschiedene Wesensart von Mann und Weib

Die Frau nimmt das Ebenbild ihres Mannes in sich auf und nimmt in­folgedessen seine Gemütsbewegungen wahr, sieht und fühlt sie. Das Weib ist aus dem Mann geschaffen, infolgedessen liegt in ihr die Nei­gung, sich mit ihm zu vereinigen, gleichsam wieder-zuvereinigen. Zum Zweck dieser Vereinigung wurde das Weib als die Liebe zum Mann ge­boren und wird durch die Ehe mehr und mehr die Liebe zu ihm, denn dann richtet sie ihre Gedanken fortwährend darauf, den Mann mit sich zu verbinden. Dies geschieht dadurch, daß sie sich nach den Wünschen seines Lebens richtet. Beide Ehegatten werden verbunden durch die Sphären, die sie umgeben und sich im Allgemeinen und im Besonderen miteinander vereinigen, je nach der Beschaffenheit der ehelichen Liebe bei der Ehefrau und zugleich nach der Beschaffenheit der diese aufneh­menden Weisheit des Ehemannes. Und sie werden verbunden durch die Aneignung der Kräfte des Ehemannes durch die Ehefrau. Fortwährend wird vom Mann etwas in die Frau übertragen und ihr als das ihrige ein­verleibt, und so wird in der Frau das Ebenbild ihres Mannes gebildet, sodaß sie das, was in ihm ist, in sich und daher gleichsam sich in ihm innewird, sieht und fühlt. Sie wird inne durch das Gespräch, sie sieht durch das Anschauen, sie fühlt durch die Berührung (173).

Die Engel sagten mir, die Frau werde mit dem Mann durch die Aneig­nung der Kräfte seines Vermögens, je nach ihrer wechselseitigen Liebe, verbunden. Im Zeugungsstoff des Mannes sei seine Seele und mit ihr verbunden das Innerste seines Gemütes enthalten. Er werde von der Frau gänzlich aufgenommen, füge sich ihrem Leben hinzu und bewirke ein einmütiges und immer einmütigeres Leben der Frau mit dem Mann und die Vereinigung ihrer Seelen und Verbindung ihrer Gemüter. Dies sei von der Schöpfung her so geordnet, damit die Weisheit des Mannes der Frau angeeignet werde und auf diese Weise beide mehr und mehr „Ein Fleisch“ werden (172).

Wir fügen Sätze zweier Kenner ihres Geschlechtes ein, einer Frau und eines Mannes, die Swedenborgs Auffassung teilen, Simone de Beauvoir: „Der Mann denkt sich ohne die Frau. Sie denkt sich nicht ohne den Mann. Für die Frau ist die Liebe eine völlige Lebensaufgabe. Solange sie liebt, geliebt wird und dem Geliebten notwendig ist, fühlt sie sich völlig gerechtfertigt. Sie genießt Frieden und Glück. Im Mann und nicht in der Frau hat sich bis jetzt der Mensch ,an sich, verkörpern können. Keine Frau hat sich dazu für berechtigt gehalten“. Karl Scheffler: „Frauen handeln aus Instinkt und treffen oft schon das Richtige, wenn sie nur empfinden. Es ist mir in allen Jahrzehnten immer wieder erstaun­lich und neu gewesen, zu beobachten, wie viel lautere Natur im Wesen einer Frau sein kann und welche Kraft der Intuition, wie viel Klingen­des und Melodisches in diesem Naturlaut enthalten ist. Die Frau kennt nicht den unhemmbaren Erkenntnistrieb, ihr liegt gar nichts daran, ihre Gefühle formal zu realisieren.

06,5 - Die geschlechtsgebundene Eigenart und Form

Weil die universelle Sphäre der Ehe des Guten und Wahren in die Sub­jekte gemäß der Form eines jeden einfließt, nimmt sie der Mann gemäß seiner Form, mithin mit dem Denken auf, denn er ist die intellektuelle Form; das Weib dagegen nimmt sie gemäß seiner Form, mithin in das Wollen auf (192). Männlich ist, wahrzunehmen aus dem Denken, weib­lich ist, wahrzunehmen aus der Liebe. Der Verstand nimmt auch solches wahr, was über dem Körperlichen und außerhalb des Irdischen ist, denn der Vernunft‑ und Geistesblick dringt bis dahin. Die Liebe des Weibes dagegen dringt nicht über das hinaus, was sie fühlt; geht sie weiter, dann hat sie dies von der Verbindung mit dem Verstand des Mannes her, denn Verstehen ist Sache des Lichtes, Lieben aber Sache der Wärme. Was Sache des Lichtes ist, wird geschaut, was Sache der Wärme ist, wird gefühlt (168). Oder: „Die Frau ist nicht stark in der Logik, doch ist sie ein Stück Gedankenleserin und kann in gewissen Dingen wie durch feste Wände sehen. Ihr Instinkt setzt den Mann immer wieder in Erstau­nen, während sie die logisch konstruktiven Eigenschaften des Mannes bewundert. Durch diese gegenseitige Ergänzung wird das Verhältnis schließlich unlöslich“. Oder: „Die Frau versucht, mit seinen Augen zu sehen. Sie liest die Bücher, die er liest, sie interessiert sich für die Ideen, die von ihm stammen“ (de Beauvoir). Oder, wie Jean Paul sagte, wenn eine Frau liebt, dann füllt sie das ganz aus, der Mann hat daneben noch zu tun.

Der Mann nimmt das Wahre der Weisheit aus der Göttlichen Ehe der Liebe und Weisheit im Herrn auf und mit ihm das Gute der Liebe. Diese Aufnahme erfolgt im Denken mit Einsicht und Verständnis, er ist ge­boren, um verständig zu werden. Die Neigung des Mannes, zu wissen, zu verstehen und weise zu sein, kennzeichnet seine Lebensalter: die Neigung zu wissen das Knabenalter, die zu verstehen das Jünglings‑ und erste Mannesalter, die weise zu sein das Mannesalter bis zum Greisen­alter. Da er aber verständig nur werden kann aus Drang dazu, steigert der Herr diesen, das heißt die Liebe zur Wahrheit, in ihm gemäß seinem Streben, weise zu sein. Seine Grundtendenz zielt deshalb auf Dinge, die Sache des Denkens sind oder in denen es vorherrscht. Und endlich stammt von daher auch sein Zeugungsvermögen (90): Entsprechung seines Vermögens, durch Denken, Planen, Ordnen und Entscheiden Werke hervorzubringen. Das griechische Wort gignomai = erkennen = zeugen, das wir von der biblischen Sprechweise her kennen, deutet auf diesen Entsprechungszusammenhang hin.

Das Weib wird dazu geboren, das Wollende, Liebende, aber das Wollen aus dem Denken des Mannes oder die Liebe der männlichen Weisheit zu sein. Die Neigung des Weibes gilt dem Wissen, der Einsicht und der Weisheit, aber nicht der eigenen, sondern der des Mannes und deshalb dem Mann. Wahrhaft ehelich kann er nicht geliebt werden nur wegen seiner Gestalt, die ihn äußerlich als Mann erscheinen läßt, sondern we­gen der Gabe, die in ihm ist und die sein Menschsein ausmacht (91).

Da das Innere das Äußere oder das Geistige das Leibliche stets in seine Entsprechung gestaltet, hat der Mann eine andere Gestalt und eine an­dere Stimme als das Weib: Sein Körper ist härter und rauher in Fleisch und Haut, der weibliche dagegen weicher und zarter. Das männliche Gesicht ist strenger und herber; auch bärtig, das weibliche dagegen rosiger und lieblicher. Der männliche Ton der Stimme ist rauher, tie­fer und lauter, der weibliche dagegen sanfter und heller. Die Redeweise des Mannes ist ungestümer und heftiger, die der Frau dagegen beschei­dener und friedlicher. Seine Gebärden und Gesten sind entschiedener, stärker und markanter, die der Frau dagegen ausgeglichener und sanf­ter. Auch das Benehmen des Mannes ist oft roher und unmanierlicher als das der Frau. Beides ist schon bei Knaben und Mädchen auf der Straße und im Schulhof zu beobachten: ihrem angeborenen Naturell zufolge geht es bei den Buben lauter, lärmender und wilder zu, oft mit Geschrei und Schlägereien, die Mädchen dagegen sitzen schwätzend beieinander, spielen mit Kindern oder Puppen, nähen Kleidchen, fallen einander um den Hals und schauen manchmal bewundernd zu den Bu­ben hinüber (218). Auch geht von den Männern die Aktivität, die Erre­gung zum geschlechtlichen Verkehr aus, da sie fähig und willens zur Besamung sind, die Frauen dagegen befinden sich im Zustand der Vor­bereitung zur Aufnahme, zur Empfängnis (219). Mit einem Wort: nichts ist bei ihnen gleich, aber alles eignet sich zur Verbindung. Im Mann ist alles männlich bis in die kleinsten Körperteile sowie auch in seinem Charakter und in jedem Begriff seines Denkens und jeder Regung seines Gefühls. Desgleichen ist im Weib alles weiblich (33).

06,6 - Männliche und weibliche Menschengestalt

Erinnern wir uns an das oben über die Entsprechungen der Elementar­formen Kreis‑Kugel und Gerade Gesagte, dann ist nun zu ergänzen: Das bei Mann und Frau nur gering unterschiedene Knochengerüst zeigt beider gemeinsames allgemein Menschliches. Das darüber Gespannte, das Skelett umhüllende Äußere aber - Muskeln, Sehnen, Fleisch, Haut - also das, was ihr Aussehen kennzeichnet, weist die Unterschiede auf. Die Gestalt des Mannes ist straffer, strenger als die des Weibes, mehr von der Geraden bestimmt, die bildnerisch sagt: Herrschaft, Aktivität und ratio Denken, Ordnen, Planen. Die Gestalt des Weibes dagegen ist weicher, schmiegsamer, mehr vom Runden bestimmt, das bildnerisch sagt: Gefühl, Neigung, Wärme, Liebe. Besonders deutlich zeigen die Ge­schlechtsorgane die Entsprechung des Körperlichen mit dem Geistigen, mit der verschiedenartigen Wesensart der Geschlechter: das männliche Glied zeigt in Aktion, erigiert, den Stab, die zielgerichtete Gerade, dazu bestimmt, bei der innigsten körperlichen Vereinigung in die Frau ein­zudringen, um das männlich Eigenste auszuzeugen; die kreisrunde Öff­nung des Weibes nimmt den Eindringling liebeselig auf, umhüllt ihn warm und empfängt den Zeugesamen des Mannes. Bezeichnend ist auch, daß das männliche Organ immer zu sehen ist und sich nach außen darbietet gemäß dem männlichen Drang, nach außen, in die Welt zu wirken. Daß andererseits das weibliche Aufnahmeorgan ebenso verbor­gen ist, wie die der Frau angeborene Klugheit, ihre Liebe nicht auf­dringlich zu zeigen, und daß sie es nur in der geheimnisvollen Stille der Liebesbereitschaft dem Mann offen darbietet.

Eine indische Legende möge dieses Kapitel beschließen:

Zuletzt schuf der Schöpfer einen Mann. Und sofort wurde die Schöp­fung ein Gegenstand des Wunders und der Schönheit, indem sie wie ein Bild im Spiegel des menschlichen Geistes reflektiert wurde. Dann streifte der Mann allein in der Welt umher, bewunderte Blumen, Bäume und Tiere und kam schließlich zu einem Teich. Da rief er, sich im Spiegel der Wasserfiche erblickend, aus: „Dies ist das schönste von allen Ge­schöpfen“. Und er jagte unaufhörlich durch die ganze Welt, um es zu finden, nicht wissend, daß er sich selbst suche. Als er erkannte, daß er, trotz aller seiner Bemühungen, es immer nur auf der Oberfläche von Teichen zu sehen bekomme, wurde er traurig und verlor jedes Interesse an der Welt. Als der Schöpfer dies sah, sagte er zu sich selbst: „Ach, dies ist eine Schwierigkeit, die ich nicht voraussah. Sie geht natürlicher­weise auf die Schönheit meines Werkes zurück. Aber was ist nun zu tun? Denn der Mann, den ich zum Spiegel meiner Welt machte, hat sich im Spiegel seiner eigenen Schönheit gefangen. Ich muß dies Übel auf irgendeine Art heilen. Aber ich kann keinen anderen Mann schaf­fen, denn dann hätte der Kreis des Alls zwei Mittelpunkte, noch kann ich dem Umfang der Natur etwas hinzufügen, denn sie ist in sich selbst vollkommen. Irgendetwas Drittes ist daher nötig, nichts Wirkliches (aber auch nichts Unwirkliches), denn dann wäre es ja ein Nichts; Es muß an der Grenze von Sein und Nichtsein schweben“. So sammelte er die Spiegelungen auf den Oberflächen der Teiche und machte daraus ein Weib. Dieses aber begann, sobald es erschaffen war, zu schreien und sagte: „Ach! Ach! Ich bin und ich bin nicht“. Da erwiderte der Schöp­fer: „Du törichtes Zwischending! Du bist nur ein Nichtseiendes, wenn Du allein stehst, verbunden mit dem Mann aber bist Du real, indem Du an seiner Substanz teilhast.“

 

07,0 - Die Missionen der Geschlechter

07,1 - Die Rolle des Mannes

Der Mann bildet die Weisheit vor, das Weib die Liebe zu seiner Weisheit. Diese Liebe ist also nicht die frühere, primäre Liebe, sondern eine se­kundäre Liebe, die dem Weibe zuteil wird durch die Weisheit des Man­nes (21). Mann und Weib wurden erschaffen, um die eigentliche Form der Ehe des Guten und Wahren zu sein: Der Mann, um das Denken des Wahren, also die Form des Wahren zu sein, das Weib, um das Wollen des Guten, also Form des Guten zu sein. Beiden ist die Neigung zur Verbindung in Einheit eingepflanzt, sie machen dann Eine Form aus, die der Form des ehelich vereinigten Guten und Wahren nacheifert. Wir sagen nacheifert, weil sie diese Form nicht wirklich ist, denn das Gute, das sich mit dem Wahren im Mann verbindet, rührt unmittelbar vom Herrn her, das Gute des Weibes aber, das sich mit dem Wahren im Manne verbindet, ist in der Menschheit vom Herrn mittelbar durch das Weib. Es gibt also zweierlei Gutes, ein innerliches und ein äußerliches; beide verbinden sich mit dem Wahren im Ehemann und bewirken, daß er beständig im Denken des Wahren und von daher auch gleichzeitig in der Weisheit durch die wahrhaft eheliche Liebe ist (100).

Das klingt zunächst wie eine Zurücksetzung der Frau, wie ein Rückfall in jene Zeiten, in denen sich die Theologen darüber stritten, ob Weiber Menschen seien und in denen Thomas von Aquin schrieb: „Die Frau ist ein verfehlter Mann“. Modern gesagt: Die treibende Kraft bei der Frau ist (nach Freuds Theorie) ihr Neid auf den Penis. Das führt zu dem Wunsch nach dem Penis ihres Mannes, einem Wunsch, der niemals wirklich erfüllt wird, bis sie durch die Geburt eines Sohnes einen Penis erhält. Kurz, die Frau ist ein mißglückter Mann, dem etwas fehlt.

Nach der langen Zeit der Unterdrückung der Frau, zum mindesten der Behandlung als zweitrangiges Menschenwesen, hat sich heute das Blatt gewendet. Man spricht von Gleichberechtigung von Mann und Frau und der Gleichstellung beider im Berufsleben. Man verwischt beider Verschiedenartigkeit und versucht, den Unterschied zu neutralisieren. Das gilt freilich kaum von den gesellschaftlichen Riten und von der Teilnahme an wichtigen Gremien. Deshalb ist in den letzten Jahren in den USA eine revolutionäre Bewegung zur Befreiung der Frauen rasch angewachsen. Das alte Schema - der herrschende Mann, die dienende Frau - wird verworfen, die verhängnisvollen Folgen der Jahrtausende alten einseitigen Männerherrschaft mit ihrer ungehemmten Brutalität und ihrer Unterdrückung und Ausbeutung sowohl der untergebenen Männer und der Frauen wie der Natur wird angeprangert. Die „Femi­nistinnen“ weigern sich, weiterhin billig zu kaufende und schlecht be­zahlte Sexualobjekte, Haushälterinnen und Heimchen am Herd zu sein. Sie lehnen mit Betty Friedan den „Weiblichkeitswahn“ ab, der die Frauen zu sanften, gehorchenden, kinderproduzierenden Müttern und mit Trivialitäten kämpfenden Hausfrauen degradiert und sie ausschließ­lich als Sexualwesen definiert. Sie bekämpfen den „Sexismus“, der den Frauen aufgrund bestimmter Merkmale eine bestimmte Rolle zu­schreibt, aus der auszubrechen unmöglich ist und die den Erfindern dieser Rolle viele Vorteile bringt, ja die aufgrund der spezifischen Art dieser Unterdrückung die Frauen eng an ihre Unterdrücker fesselt. Sie können die männliche Aggressivität nur ein wenig mildern, indem sie ihre Unterwerfung deutlich zum Ausdruck bringen durch die „Institu­tion Liebe“. Diese beruht also auf Angst. „Liebe“ ist, so schrieb eine Feministin, „ein euphorischer Zustand der Phantasie, in dem das Opfer seinen Unterdrücker zum Erlöser macht“. Die üblichste Lage der Frau beim Geschlechtsakt, das unten Liegen, deuteten sie als Symbol für ihre Stellung in der Gesellschaft, das Unterliegen. Also: Wir Frauen wollen und werden uns aus den zwangsläufig repressiven heterosexuel­len Beziehungen befreien und schlagen vor: Errichtung von Frauen­kommunen und anderen Gegeninstitutionen bis hin zur institutionali­sierten lesbischen Liebe und der Forderung nach beschleunigter Bereit­stellung eines Systems zur extrauterinen Entwicklung des Embryos. Das heißt also: nach Jahrtausenden der Herrschaft des Mannes über die Frau nun ‑ da man sich heterosexuelle Beziehungen nur noch zwangs­läufig mit Repression des einen Teils vorstellen kann - das isolierte Nebeneinander, nicht aber das gemeinte gleichwertige Miteinander! Von Swedenborgs Schau her kann weder von Rivalität der Geschlech­ter noch vom Pochen des Mannes auf seinen Vorzug die Rede sein. Man kann ihn im oben genannten Sinn nur dann mißverstehen, wenn man nicht beachtet, daß ja erst und nur Mann und Weib zusammen der Mensch sind, und wenn man ihre spezifischen Anlagen und Aufgaben aus dem Auge verliert. Es gibt spezielle Aufgaben des Mannes und ebensol­che der Frau, beiden eigentümlich und nicht auszutauschen (174).

 Bailey betont zwar richtig, Gott habe den Menschen von vorneherein als sexuelle Polarität von Mann und Frau geschaffen, meint aber, die Auffassung der männlichen Priorität schließe „jede Idee einer echten Begegnung und Hingabe zwischen Mann und Frau aus und tendiere dahin, ihren Ausdruck nur im Narzißmus, in der Selbstliebe, zu fin­den“. Er trifft damit genau den Punkt, von dem aus Swedenborg die geschlechtliche Differenzierung des Menschen ableitet, nämlich von dessen Gefahrdung durch „die Selbstliebe, den Narzißmus“. Aber nicht die Auffassung der männlichen Priorität schließt jede Idee einer echten Begegnung und Hingabe zwischen Mann und Frau aus, sondern die falsche Schlußfolgerung aus dieser Priorität durch den wichtigtueri­schen Mann, der vergißt, warum es neben ihm eine andere Art Mensch gibt und geben muß. Die Frau hat ja sogar etwas vor dem Mann voraus: sie darf ungestraft dessen erworbene Weisheit lieben, sie rühmen, stolz auf sie und deshalb auf ihn sein, ja noch mehr: sie ist die eigentliche Konstante der ehelichen Liebe, dank der die beiden getrennten Men­schenarten wieder Ein Mensch werden.

Ehe wir darauf eingehen, sei hingewiesen auf eine von den Biologen entdeckte Bestätigung dieses „primär - sekundär“, „unmittelbar - mittelbar“ oder des Sachverhalts, daß der Mann primär der Mensch ist mit allen menschlichen Anlagen und Verwirklichungsmöglichkeiten. Fak­tisch freilich wurde von ihm im geheimen Schöpfungsgeschehen vor der Schöpfung, vor dem Zutagetreten des Menschen als Mann und Weib, etwas abgetrennt, mit dem er, um voller Mensch zu werden, wiederver­einigt werden soll. Zwar nicht mehr zu Einer Leibperson, aber zu Einer Geistperson, zu jenem Einen Engel der Swedenborg einmal erscheint (Denkwürdige Kunde: „Die Gestalt der ehelichen Liebe“). Dennoch verkörpert er über das Mannsein hinaus immer auch und noch die Idee „Mensch“, alle menschlichen Anlagen und Möglichkeiten in sich ent­haltend, die männlichen und weiblichen, biologisch formuliert die X- und die Y‑Chromosomen, während das Weib nur die eine, weibliche, Anlage, die X‑Chromosomen, in sich birgt: „Der Mensch besitzt 46 Chromosomen. Ordnet man sie nach ihrer Größe, so ergeben sich 23 Paare, die sich aus je einem Chromosom des Vaters und der Mutter zu­sammensetzen. Eines dieser Paare ist ungleich in seiner Form und wird gebildet von den beiden Geschlechtschromosomen X und Y eines männ­lichen Individuums. Verantwortlich für das Geschlecht des Kindes ist stets und nur der Vater, denn nur in seinem Erbgut ist das Y‑Chromo­som enthalten. Führt das Spermium im Augenblick der Befruchtung der weiblichen Eizelle ein Y‑Chromosom zu, so entsteht die Kombina­tion XY, das heißt das Erbbild eines Sohnes. Vererbt der Vater jedoch ein X‑Chromosom, so verbindet sich dieses X mit dem X‑Chromosom der Eizelle zum Erbbild eines Mädchens“.

07,2 - Die Rolle des Weibes

„Staub lieber als ein Weib sein, das nicht reizt!“, ruft Kleists Penthesi­lea. Weniger stürmisch gesagt: jedes weibliche Wesen, jedes Mädchen und jede Frau, will bezaubern, entzücken, reizen, und wir erfuhren schon, daß ihm dieser Drang zuinnerst eingepflanzt ist und daß ohne diese Reizungen des Weibes der Mann nicht bereit wäre, sich seiner „Liebe zum eigenen Denken“ und zu sich selbst zu begeben, um sie „los zu werden“. Die Sphäre der ehelichen Liebe wird vom weiblichen Geschlecht vom Herrn her direkt aufgenommen und nur durch die Frau vom Mann (223). Oberschwellig, von außen gesehen und schein­bar, geht die Aktivität zur geschlechtlichen und ehelichen Verbindung vom Mann aus, unterschwellig und innerlich aber von der Frau. Der Mann verführt, das Weib ist verführerisch. Und in ihm, dem Weib, ist deshalb das Sexuell‑Sinnliche enger gekoppelt mit dem Seelischen und Geistigen, die Liebkosung mit Herzlichkeit, Zärtlichkeit und geistiger Zuwen­dung zu einem bestimmten Partner, als im Mann. Wie oft ist zu beob­achten, daß dieser nur sexuell aufflammt neben und außerhalb seiner eigentlichen Existenz und oft unterhalb seines Niveaus, und daß so man­cher seine sexuellen Bedürfnisse rasch und ziemlich wahllos befriedigt, eben weil sie nicht innerste, sondern nur physische Bedürfnisse sind. Die Ausnahmen von der weiblichen Regel, die Prostituierte und die männische Frau, bestätigen sie nur. Das Innerste zeigt sich im Äußeren, Körperlichen: der weibliche Körper ist erogener, schon sein Anblick erregt sexuell stärker als der männliche. (Das machen sich heute die Illustrierten und Filmfabrikanten zunutze!)

Die Frau ist nicht nur Erweckerin, sondern auch Trägerin und Hüterin, Hegerin und Pflegerin der ehelichen Liebe, deren Konstante. Sie „hängt“ stärker am einmal gewählten Mann, sie ist treuer. „Die besondere Natur der weiblichen Erotik leitet die Frau zur Monogamie“, bemerkt Si­mone de Beauvoir. Denn zum Wesen der ehelichen Liebe gehört das Streben nach inniger Vereinigung mit dem Geliebten und zum Einswer­den der beiden getrennten Menschenteile, das sich nur allmählich, also bei lang dauernder Zweisamkeit entwickelt.

Die universelle eheliche Sphäre wird vom weiblichen Geschlecht auf­genommen und von ihm auf das männliche übertragen. Die männliche Form ist die Verstandes‑Form, die weibliche aber ist die Wollens‑Form. Die Verstandes‑Form kann nicht aus sich selbst in ehelicher Wärme er­glühen, sondern nur aus der verbindenden Wärme eines Subjektes, dem sie von der Schöpfung her eingepflanzt ist. sie kann jene Wärme nur aufnehmen durch die ihr beigefügte Wollens‑Form der Frau, die auch die Form des Liebens ist. Da das weibliche Geschlecht dem männlichen die eheliche Sphäre einflößt, wird das Gemüt des Mannes von dem blo­ßen Gedanken an die Frau entzündet und zur fortpflanzenden Gestal­tung erregt (223). Und da diese Sphäre auch die der Zeugung ist, stammt aus ihr auch die Geschlechtsliebe (92).

Daß diese Sphäre vom Ehemann allein von seiner Gattin her aufgenom­men wird, ist heutzutage ein Geheimnis, und doch weiß im Grunde jeder Bräutigam und angehende Ehemann davon. Regt ihn denn nicht alles, was von der Braut ausgeht, auf eheliche Weise an, wogegen ihn das, was von anderen weiblichen Wesen ausgeht, kalt läßt? Ebenso ist es auch bei denen, die in wahrhaft ehelicher Liebe zusammenleben: weil beide, Mann und Frau, eine Sphäre ihres Lebens umgibt, kehren sich die Männer, die ihre Frau innig lieben, dieser zu und blicken sie freundlich an; die dagegen, welche ihre Frau nicht wirklich lieben, wen­den sich von ihr ab und schauen nur scheu zu ihr hin. Daran, daß der Ehemann die eheliche Sphäre einzig und allein von seiner Ehefrau auf­nimmt, wird die wahrhaft eheliche Liebe erkannt und von der unech­ten, falschen und kalten ehelichen Liebe unterschieden (224). Die Liebe kann nichts anderes als lieben und sich vereinigen, damit sie wie­der geliebt werde. Das ist ihr Wesen und ihr Leben und als solches sind die Frauen geboren. Wie die Wärme, die Flamme und das Feuer sind sie beständig wirksam. Beim Mann dagegen ist keine solche Neigung, denn er ist Aufnehmer des liebenden Wollens der Frau, und der Zu­stand der Aufnahme ist bald größer, bald geringer, je nach den Sorgen um öffentliche Geschäfte oder der Hingabe an eine berufliche Aufgabe und je nach den Veränderungen der Wärme im Gemüt aus mancherlei Ursachen (160). Das Weib ist die Wollensform, der Mann die Verstan­desform, und diese kann nicht aus sich selbst in ehelicher Liebe erwär­men, sondern nur aus der Verbindung suchenden und verbindenden Sphäre eines Subjektes, dem sie von der Schöpfung her eingepflanzt ist (223).

Die Lust und das Vermögen zur ehelichen Vereinigung mit der Frau wechselt beim Mann sowohl nach den Zuständen des Gemüts wie nach denen des Körpers, denn das Denken ist nicht so beständig in seinen Neigungen. Jenes wird bald nach oben, bald nach unten getragen, ist bald in heiterem und klarem, bald in trübem und verdüstertem Zustand, ist bald mit angenehmen, bald mit unangenehmen Gegenständen be­schäftigt. Und weil das Gemüt während seiner Tätigkeit auch im Körper ist, entfernt sich der Ehemann bald von der ehelichen Liebe, bald nä­hert er sich ihr wieder. Je nachdem tritt die Lust und das Vermögen in dem einen Zustand zurück und erwacht wieder in dem anderen (221). Bei ihm ist die Neigung zur Verbindung mit der Frau unbeständig und wechselnd, die Frau dagegen denkt immerzu aus Liebe an die Neigung des Mannes zu ihr, in der Absicht, ihn mit sich zu verbinden. Ihr Den­ken an den Mann wird zwar durch die häuslichen Geschäfte unterbro­chen, allein sie bleibt doch fortwährend im Gefühl ihrer Liebe. Dies trennt sich bei den Frauen nicht wie bei den Männern von den Gedan­ken (169).

Simone de Beauvoir: „Männer haben zu gewissen Zeiten ihres Lebens leidenschaftliche Liebhaber sein können, es gibt aber keinen einzigen unter ihnen, den man als großen Liebenden ansprechen könnte“. Män­ner wurden berühmt als Großes Schaffende, als Herrscher und als Ge­stalter, Frauen dagegen als Liebende, „für die Frau ist die Liebe völlige Lebensaufgabe“. Und Ortega y Gasset: „Der Mann empfindet die Liebe vorzüglich als eine heftige, geliebt zu werden, während die Fran zuerst ihre eigene Liebe fühlt, den warmen Strom, der aus ihrem Wesen dem Geliebten entgegenbricht und sie zu ihm hintreibt. Es pflegt die liebende Frau in Verzweiflung zu bringen, daß, wie sie wohl fühlt, der Mann, den sie liebt, niemals ganz und gar bei ihr ist. Immer findet sie ihn ein wenig abwesend, als hätte er, als er zu ihr kam, Provinzen seiner Seele in der Welt zerstreut vergessen. Und umgekehrt hat es jeden feinfühligen Mann wohl mehr als einmal beschämt, daß er unfähig ist zu der unbedingten Hingabe, der restlosen Gegenwart, welche die Frau in die Liebe legt. Darum weiß der Mann sich immer täppisch in der Liebe und ungeschickt für die Vollkommenheit, welche die Frau diesem Ge­fühl zu geben versteht“.

07,3 - Die geheime Klugheit der Frau

Von seiten der Frau geschieht das Vereinigen der Seelen und Gemüter in geheimer Weise, weshalb es heißt, das Weib sei erschaffen worden, während der Mann schlief: „Gott der Herr ließ einen tiefen Schlaf auf Adam fallen, und er schlief ein. Dann nahm Er eine von seinen Rippen und baute sie zum Weib“, 1. Mose 2, 21 f. Das in den Schlaf versenkt­sein des Mannes meint im inneren Sinn seine völlige Unwissenheit da­von, daß das Weib aus ihm gebildet wurde und wird, die Frauen aber haben davon her die ihnen eingepflanzte Klugheit und Umsicht, nichts von ihrer Liebe aufdringlich verlauten zu lassen und ebenso wenig von der Annahme der Lebensneigungen des Mannes und der Übertragung seiner Weisheit in sie. Dies ist notwendig, auf daß eheliche Liebe, Freundschaft und Vertrauen und daraus die Seligkeit des Zusammenwohnens und das Lebensglück entstehe und befestigt werde. Wir lesen weiter, daß dem Manne aufgegeben wurde, Vater und Mutter zu verlassen und dem Weibe anzuhängen, 1. Mose 2, 24. Unter „Vater und Mutter“ wird im geistigen Sinn das Eigene des Wollens und des Denkens verstanden.

Dies ist todbringend für den Mann, wenn es bei ihm bleibt. Nun aber kann er der Gattin „anhangen“, das heißt sich der Liebe zu ihr hinge­ben und ihre Liebe zu ihm aufnehmen, woraus wechselseitig die eheli­che Liebe entsteht (194).

Heutzutage ist den Männern verborgen, daß die Liebe und daher die Neigung zur Verbindung mit der Frau von der Frau eingeflößt wird, ja es wird von ihnen bestritten. Die Frauen bestärken sogar die Meinung der Männer, daß nur sie wirklich liebten und die Frauen ihre Liebe auf­nähmen, oder daß die Männer Liebe seien, die Frauen aber Gehorsam. Sie freuen sich herzlich, wenn die Männer das glauben. Daß sie die Männer so irreführen, geschieht aus mehreren Gründen, die alle der Klugheit und Umsicht der Frauen angehören. In Wahrheit aber wird die Liebe den Männern von den Frauen eingeflößt und beigebracht, weil sie nur in ihnen ihren Sitz hat. Einst war in der geistigen Welt hie­von die Rede und um den Streit zu schlichten und das Geheimnis zu lüften, wurden von den Männern alle Frauen samt den Ehefrauen ent­fernt und zugleich mit ihnen auch die Sphäre der Geschlechtsliebe und der ehelichen Liebe weggenommen. Nun gerieten die Männer in einen ihnen ganz fremdartigen und vorher nie empfundenen Zustand, über den sie sich sehr beklagten. Dann wurden die Frauen und Ehefrauen zurückgeführt, und sie sprachen die Männer freundlich an, aber selbst auf Liebkosungen reagierten die Männer kalt, wandten sich ab und sagten untereinander: "Was soll das? Was will das Weibervolk?“ Und als diese und jene zu ihrem Gatten sagte, sie sei doch seine Ehefrau, ant­wortete er: „Was Ehefrau!? Ich kenne dich nicht!“ Nachdem nun aber die Frauen über diese Kälte und Gleichgültigkeit der Männer zu trau­ern und zu weinen begannen, wurde die Sphäre der weiblichen Ge­schlechtsliebe und der ehelichen Liebe, die den Männern entzogen war, wiederhergestellt. Nun kehrten sie sogleich wieder in ihren vorigen Zustand zurück, die Eheleute in den ihrigen, die Liebhaber des weibli­chen Geschlechts in den ihrigen. Auf diese Weise wurden die Männer davon überzeugt, daß in ihnen nichts von ehelicher Liebe, ja nicht ein­mal von Geschlechtsliebe wohne. Dessenungeachtet brachten nachher die klugen Ehefrauen ihre Männer wieder zur alten Meinung zu­rück (161).

Den Frauen ist die Wahrnehmung der Gemütsbewegungen ihrer Männer und die Mäßigung derselben durch ihre Klugheit angeboren wegen des Endziels der ehelichen Liebe, der Verbindung beider zur Einheit. Dies gehört zu den in den Frauen verborgenen Geheimnissen. Sie nehmen wahr durch die drei Sinne Gesicht, Gehör und Gefühl, und sie mäßigen, ohne daß die Ehemänner davon das Geringste wissen (166). Ja, sie ver­bergen ihre Wahrnehmung und halten sie vor ihren Männern geheim aus notwendigen Gründen, denn nur so wird die eheliche Liebe, die Freundschaft und das Vertrauen, die Seligkeit des Zusammenwohnens und das Glück des Lebens befestigt. Ohne dies Wirken im Geheimen würden sie die Männer dem Bett, der gemeinsamen Wohnung und dem Haus entfremden, denn den meisten Männern wohnt zutiefst eheliche Kälte inne aus Gründen, die unten erörtert werden. Diese Kälte bräche, wenn die Frauen ihr Geheimnis enthüllten, aus ihren Schlupfwinkeln hervor und kühlte zuerst das Innere des Gemüts, dann die Brust und von da aus das Letzte der Liebe, das der Zeugung gewidmet ist, ab, so­daß die Hoffnung auf das Lebensglück verschwände (167). Diese Weis­heit der Frau ist im Mann ebensowenig zu finden, wie die Weisheit des Mannes in der Frau: er nimmt aus dem Denken wahr, sie aus der Liebe; er nimmt wahr, was über Körper und Welt hinausgeht, weil der Blick der Vernunft bis dahin dringt, sie dagegen bleibt in das begrenzt, was sie fühlt. Denken ist Sache des Lichtes, Lieben Sache der Wärme; Was Sache des Lichtes ist, wird geschaut, was Sache der Wärme ist, wird gefühlt. Geht eine Frau über ihr Weibliches hinaus und tritt damit her­vor, so ist das eine Folge ihrer Verbindung mit der Verständigkeit des Mannes (168).

Jeder aufmerksame Beobachter hat bemerkt, wie unterschwellig, ver­halten, ohne Zwang und Gewalt eine Ehefrau auf ihren Mann einwirkt. Ihr Gestaltungsdrang gilt der Schaffung einer besonderen Atmosphäre, ihres „Klimas“, durch das sie indirekt den Mann beeinflußt, kaum merkbar, aber allgegenwärtig, unaufhörlich und unausweichlich. Man hat den „Schleier“ das Zeichen der Frau genannt und die Scham eine typisch weibliche Eigenschaft, denn sie verheimlicht und verhüllt gern ihr Wesen, und die scheinbar widersprechende Kehrseite der Medaille bestätigt das: den Erwählten, Geliebten überrascht sie oft mit Einfällen aus ihrer, ihm immer ein wenig Unheimlichen Heimlichkeit; ihm ent­hüllt sie sich, ihm gibt sie sich preis, für ihn öffnet sie ihre sonst dem Anblick verborgene Geschlechtsregion.

07,4 - Die dem Mann und der Frau eigentümlichen Aufgaben

Der Mann liebt sein Werk, seine Hingabe gilt der personalen Selbstver­wirklichung im Beruf, der Forschung und Entdeckung, der schöpferi­schen Arbeit und Gestaltung in Kunst, Wissenschaft, Politik, Technik, Wirtschaft, Handel, Organisation, er will veröffentlichen und in der Öffentlichkeit wirken. Die Frau liebt eine Person, ihre Hingabe gilt dem geliebten Menschen. Der Mann ist vielseitig und oft auf mehreren Ge­bieten gleichzeitig tätig, die Frau ist einseitig, auf ihren Mann und ihre Familie, ihr Hauswesen und häusliches Klima konzentriert. Der Mann ist anspruchsvoll in bezug auf sein oft vielfältiges Werk, die Frau ist an­spruchsvoll in bezug auf ihr ein‑fä1tiges Werk, die Vervollkommnung des Menschen, der ihr Mann und sie zusammen ist. Der Mann hat den Trieb, geistig und leiblich zu zeugen, sein Eigenstes aus sich hervorzubringen, sein Inneres zu äußern, die Frau hat den Trieb, geistig und leiblich zu empfangen und auszutragen, aufzunehmen und das vom Mann Aufge­nommene hervorzubringen. Dies, das Kind, übertrifft an Realität und Intensität unermeßlich alles vom Mann allein Hervorgebrachte und be­weist aufs neue, daß nur der zweisame Mensch, Mann und Frau zusam­men, der Mensch ist.

Es gibt spezielle Aufgaben des Mannes und ebensolche der Frau, beiden eigentümlich, nur dem einen oder dem anderen zugeordnet und nicht austauschbar, denn Mann und Frau unterscheiden sich wie die Weisheit und die Liebe zur Weisheit, wie der Gedanke und die Neigung zu ihm. Bei den Aufgaben des Mannes herrscht das Denken, das sich zur Weis­heit erheben soll, vor, bei denen der Frau das Wollen, das Gefühl, die Liebe. Beide verrichten ihre Geschäfte von ihrer Eigenart her, und diese sind ihrer Natur nach verschieden, obgleich dann in aufeinander folgen­der Ordnung miteinander Verbindbar. Viele glauben, auch die Frauen könnten die Geschäfte der Männer verrichten, wenn sie nur, wie die Knaben, von Jugend auf dazu angeleitet würden, doch das führt besten­falls zur ähnlichen Ausübung, nicht aber zum eigentlichen, durchschau­enden Verständnis, wovon aber die sinnbezogene Ausübung abhängt. Deshalb werden Frauen immer das Urteil der Männer zu Rate ziehen, worauf sie dann das erwählen, was ihrer Liebe gemäß ist. Manche mei­nen, auch die Frauen könnten den Scharfblick ihres Verstandes in die Sphäre des Lichtes, in die die Männer einzudringen vermögen, erheben und die Dinge von dieser Höhe aus durchschauen, zu dieser Meinung gebracht durch die Schriften gelehrter Frauen. Doch als diese in der geistigen Welt geprüft wurden, erfand man sie nicht als Ergebnisse pro­duktiver Genialität und Weisheit, sondern als geistreiche Resultate der Beredsamkeit. Sie erschienen zwar wegen der Eleganz und Abrundung des Stils erhaben und gelehrt, jedoch nur für die, welche geistreich für weise halten. Ebensowenig aber können Männer die der Frau eigentüm­lichen Aufgaben übernehmen und sie gehörig besorgen, weil ihre Nei­gungen von den weiblichen grundverschieden sind (174, 175).

Am eklatantesten offenbart sich der Unterschied der Geschlechter und ihr unaustauschbarer Auftrag in ihrer sexuellen Funktion. In der kör­perlichen Vereinigung „gibt sich die Frau dem Mann hin“, nimmt ihn, sein aktives Zeugungsglied, in sich auf, empfängt seinen Samen, die Quintessenz seines Wesens, bildet in ihrem Leib das Kind, trägt das Empfangene aus, gebiert es und pflegt es. Daher die biblische Rede­weise „und sie gebar ihm“. Deshalb wird das Mädchen durch eine Lie­besbeziehung viel tiefer getroffen und verändert als der Mann. Deshalb ist die erste intensive Begegnung mit ihm im ersten Geschlechtsakt für die Frau viel einschneidender und entscheidender als für den Mann, wie ja auch die daraus hervorgehende Folge, die Empfängnis des männlichen Samens, in ihr eine gravierende, neunmonatelange Veränderung einleitet.

07,5 - Echter und falscher Wettstreit der Geschlechter

Aus dem allen geht hervor, daß es sinnlos ist, aus der „Priorität des Mannes“ einen Vorrang des Männlichen und eine Zweitrangigkeit des Weiblichen abzuleiten. Sie stehen nicht unter‑, sondern nebeneinander, jedes für das andre notwendig zur echten Menschwerdung. Man konnte ebensogut sagen, jedes Geschlecht hat vor dem anderen etwas voraus. Ein Wettstreit ist nur fruchtbar und sinnvoll, wenn Mann und Frau ihre grundverschiedene Rolle so männlich und so weiblich wie nur möglich spielen. „Mit ihrer  Mission steht die Frau neben dem Mann, nicht unter ihm. Die rechte Frau findet ihr Genügen im Hervorbringen wirklichen Lebens; den Ruhm des symbolischen Gestaltens überläßt sie den Ge­schöpfen, die sie getragen, genährt und zur Tatenlust entflammt hat. Auch sie ist Bildnerin; ihr Material aber ist der lebendige Mensch. Wo Mütterlichkeit ist, da wird das Urgeheimnis unmittelbar gelebt und be­darf nicht des Symbols. Mißachtet die Frau die ihr von der Natur ge­setzten Grenzen und tritt sie mit dem männlichen Talent in Wettbewerb, so findet in vielen Fällen eine Vermännlichung statt: der seelischen Geschlechtsverkehrung entspricht eine physische. Wo Weiber aber män­nisch werden, da werden die Männer jederzeit weibisch. Auf den Höhen der Kultur, wo das echte Talent herrscht, unterscheiden sich die Ge­schlechter stark voneinander, wo jedoch Dekadenz herrscht, da haben die Geschlechter das Bestreben, sich einander anzunähern, im Geistigen, im Gesichtsausdruck, in den Gewohnheiten, in der Handschrift, kurz in allem“ (Scheffler).

Der verirrte Ehrgeiz der Frau, sich zu den speziellen Aufgaben des Man­nes zu drängen, ist im Grunde ein letzter Ausläufer, nämlich ein Aufbe­gehren gegen die Jahrhunderte alte, hergebrachte Prävalenz des Mannes und soziale Zurücksetzung der Frau. „Die freie Frau wird eben erst geboren, wenn sie sich selbst erobert haben wird“, sagt Simone de Beauvoir. Das wird aber nur geschehen, wenn sie echte Frau wird, nicht aber wenn sie sich aus Ärger über ihre bisherige Zurücksetzung, ja Unterdrückung in falsche Rivalität einläßt und mit dem Mann in des­sen scheinbar wichtigeren und imposanteren Gehegen in peinlichen Wettstreit gerät.

 

08,0 - Das Ewig‑Weibliche und -Männliche und das menschlich Weibliche und Männliche

08,1 - Verschiedenartige Bedeutungen von „männlich“ und „weiblich“

Wir sind schon darauf aufmerksam gemacht worden, daß mit „weib­lich“ und „männlich“ zweierlei gemeint sein kann. Erstens sind es psy­chologische und charakterologische Begriffe. „Weiblich“, das ist Ge­fühlsbetontheit, ja Gefühlsseligkeit, Hingabefähigkeit, Weichheit, Wär­me, Liebe, Aufnahme‑ und Hingabefähigkeit, kurz all das, was man land­läufig „typisch weiblich“ nennt; „männlich“, das ist ratio, Denk‑ und Urteilskraft, Klarheit, ordnender und planender Verstand, Scharfsinn, Feinsicht, Organisation und Herrschaft, kurz all das, was man landläufig „typisch männlich“ nennt. Negativ ausgedrückt: Gefühlsduselei‑ und ‑überschwang, Unlogik, sich selbst aufgebende Anschmiegsamkeit, und auf der anderen Seite kalter Rationalismus, Lieblosigkeit, Herrschsucht. Zweitens sind „männlich“ und „weiblich“ physiologische und anthro­pologische Begriffe. Sie meinen die beiden leiblichen Erscheinungsfor­men des Menschen, den Mann und das Weib.

Wir haben weiterhin bemerkt, daß beides nicht in Deckung zu bringen ist, weswegen man vorsichtiger mit beiden Begriffen umgehen sollte. Der Mensch Mann und der Mensch Weib enthält beides Erstgenannte, wenn auch das Weib seelisch‑geistig vom „Weiblichen“, der Mann see­lisch‑geistig vom „Männlichen“ stärker geprägt ist. Doch trifft die Idee der Prävalenz des einen oder anderen nicht den Kern, denn Mann und Frau sind nicht zu größeren oder kleineren Teilen, sondern durch und durch Mann oder Frau, männlich oder weiblich. In den Geschlechtsor­ganen ist die Zuordnung des Männlichen zum Mann, des Weiblichen zum Weib exklusiv und unvermißbar! „Ein Mann ist bis in seinen klein­sten Bestandteil, ja bis in die Bezirke des Geistigen ein Mann, wie eine Frau umfassend Frau ist“, sagt der Mediziner ebenso, wie Sweden­borg: Das Männliche im Mann ist im Ganzen und in allen Teilen männ­lich, und ebenso ist das Weibliche im Weibe im Ganzen und in allen Teilen weiblich (37), so ganz, daß das eine nicht in das andere verän­dert werden kann (31).

Wir wiederholen zusammenfassend: Das Innerste des Männlichen ist die Liebe - also das gemeinhin „Weibliches“ Genannte! ‑, die Hülle derselben ist die Weisheit - oder das gemeinhin „Männliches“ Genann­te! -, der Mann ist also die mit Weisheit umhüllte Liebe. Oder, anders gesagt, der Mann ist zuinnerst Wollen, das sich im Denken bewußt wird und formt, oder er ist Neigung zum Denken und das heißt zuhöchst zur Wahrheit, also Streben, weise zu werden (32). Benennen wir seine Struktur mit den psychologisch‑charakterologischen Begriffen, dann ist er zuinnerst „weiblich“, von außen gesehen aber, die „Umhüllung“ dieses Inneren zeigend, „männlich“. Dagegen ist das Innerste im Weibe jene Weisheit des Mannes ‑ also das gemeinhin „Männliches“ Genann­te! -, die Hülle derselben ist die Liebe zu dieser - also das gemeinhin  „Weibliches“ Genannte! Oder, wiederum andersgesagt, die Frau ist zu­innerst das männliche Denken, die männliche Verstandestätigkeit, Ein­sicht und Weisheit, die vom Manne in sie übertragen wurde und wird und die sie von ihm, sich ihr zuneigend, liebend aufnimmt. Benennen wir auch ihre Struktur psychologisch‑charakterologisch, dann ist sie zuinnerst „männlich“, von außen gesehen aber, die Umhüllung dieses Inneren zeigend, „weiblich“. Beide stellen also Liebe und Weisheit, Lieben und Weisesein, Wollen und Denken sozusagen „verschränkt“ dar, und somit ist doch der Mann „männlich“, die Frau „weiblich“ - von außen gesehen!

Aber nun kommt hinzu die andere entscheidende Einsicht: Die primäre Liebe ist die männliche Liebe, die Liebe weise zu sein, und sie wird dem Manne vom Herrn mitgeteilt als Auftrag und als Grundintention seines Denkens. Die Liebe des Weibes dagegen ist die sekundäre weibliche Lie­be, die der Frau vom Herrn durch die Weisheit des Mannes gegeben wird, in beider Vereinigung in wahrhafter Ehe von ihrem Gatten. Daher ist der Mann die Weisheit der Liebe, das Weib aber die Liebe zu dieser, das heißt zur männlichen Weisheit (32). Der Mann schließt also beides originär in sich, was, wie oben erwähnt, in der Chromosomenverteilung physisch ablesbar wird.

08,2 - Swedenborgs Schau in Goethes „Chorus mysticus“

Gehen wir noch einen Schritt weiter und tiefer, vom Geschöpf zum Schöpfer, dann können wir die Liebe an sich und in sich, die ewige Liebe im Schöpfer das Ewig‑Weibliche nennen und das Wahre an sich und in sich, die ewige Weisheit das Ewig‑Männliche. Wir wissen nun, daß dies nicht mit dem menschlich Weiblichen und menschlich Männli­chen verwechselt werden darf und daß beide nicht direkte Darstellun­gen des Ewig‑ oder Göttlich‑Weiblichen und ‑Männlichen sind. Goethe, der Swedenborgs Schau tief in sich aufgenommen hatte, kannte diesen entscheidenden, im allgemeinen Sprachgebrauch wie in der Psycholo­gie so oft verwischten Unterschied. Der „Chorus mysticus“ am Ende des Faust beginnt mit jenen Zeilen, die Swedenborgs Art der Welt‑An­schauung, der Schau der sichtbaren Welt als Entsprechung der sie un­aufhörlich wirkenden geistigen Welt, Prägnant und umfassend charak­terisiert:

Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichnis.

Und der Chorus schließt mit den Zeilen:

Das Ewig‑Weibliche

Zieht uns hinan.

Nicht das menschlich Weibliche (das uns „so anzieht!“),sondern - man beachte die Schreibweise! - das Ewig‑Weibliche, das Göttlich‑Weibli­che, die ewige Liebe, die „uns hinanzieht“, vorhergenannt die „Flam­men, die fröhlichen“ und „Heilige Gluten“ und „Ewiger Wonnebrand, glühendes Liebesband“ und „Höchste Herrscherin der Welt“. Es ist das Ur‑Wollen, das „Urleben“. Dementsprechend ist das Ewig‑Männliche die Göttliche Weisheit, das Wahre in sich oder das Ur‑Denken, der Lo­gos, in den letzten Faust‑Szenen genannt der „lichte Tag den ewigen Scharen“, die „reine Luft, die der Geist atmet“, die „Klarheit“, zu der sich die „liebenden Scharen wenden“ sollen. Aus ihrer beider ehelicher Verbindung, begründet im Wesen des Schöpfers, dargestellt in irdischer Entsprechung in der Sonne mit ihrer gleichzeitigen Wärme‑ und Licht­ausstrahlung, geht das Leben der Schöpfung hervor, die Verwirklichung, „alle Deine hohen Werke“.

Vorher hieß es: „Steigt hinan zu höherem Kreise, wachset immer un­vermerkt“, am Schluß heißt es: „. . . zieht uns hinan“. Das deutet auf die zweistimmige Art und Weise unserer Menschwerdung hin: Von außen, von uns Menschen aus gesehen ist das Erste unser eigenes „Uns­-strebend‑bemühen“, unser „Nichtleiden, was das Innere stört“, unser „Hinansteigen"“. Von innen, vom Schöpfer aus gesehen, aber ist das Erste, der wirkliche Impuls unserer geistigen Menschwerdung, jenes Ewig‑Weibliche, das Göttliche Lieben, das uns „hinanzieht“.

 

09,0 - Geschlechtsliebe und eheliche Liebe

09,1 - Die dreierlei Arten der Geschlechtsliebe

Als Geschlechtsliebe bezeichnet Swedenborg dreierlei: Erstens die allen Menschen eingeborene Liebe zum anderen Geschlecht, den Bereich der Sexualität mit dem Geschlechtstrieb, zweitens die zeitlich erste Stufe der späteren ehelichen Liebe, den Ausgangspunkt intensiver und dau­ernder Beziehungen von Mann und Frau, also die „Verliebtheit“, drit­tens die im Physischen stecken gebliebene Beziehung zum anderen Geschlecht, wahl‑ und regellos zu mehreren Partnern, neben‑ oder nacheinander. Die beiden ersten Arten betreffen den ganzen Menschen als seelisch‑geistig‑leibliche Einheit, die dritte dagegen, der Sex, die bloß sinnliche Erregung und Triebbefriedigung, betrifft nur das Leibliche und ist vom gemeinten Menschen aus gesehen tierisch. Die zweite Art, die Verliebtheit, ist meist heftiger, brennender, leidenschaftlicher als die spätere eheliche Liebe, diese aber ist tiefer, milder, wärmender. Jene fesselte einen Partner an den anderen, in diesem Stadium ist man von ihm „gefangen“, diese dagegen ist freies Zusammenspiel, und gera­de in ihm kommt der Mensch wirklich zur Freiheit. Die pure Ge­schlechtsliebe ist unersättlich, ungeläutert und selbstsüchtig und bleibt so, wenn der Mensch nicht wirklich Mensch wird; in der ehelichen Liebe ist sie gesättigt durch die Konzentration auf Einen Menschen und geläutert durch Vergeistigung, ohne etwas von ihrer Lust verloren zu haben; die Verbindung zweier Menschen, bei der jeder seine eigene Freude in der des anderen sucht und findet.

09,2 - Der Unterschied von Geschlechtsliebe und ehelicher Liebe

Was mit der Pubertät zu keimen, zu rumoren, uns zu beunruhigen beginnt, ist die unterste, äußerste Stufe der späteren ehelichen Liebe. Sie rührt unbewußt davon her, daß mit dem Beginn der zweiten Stufe der Menschwerdung, das ist mit dem erwachenden Streben, zu wissen, Kenntnisse zu erwerben, einzusehen, der zum Jüngling heranreifende Knabe spürt, daß er nun das andere Menschenwesen brauchen wird, um diese Stufe recht zu durchstehen und zur letzten zu gelangen. Sexualtrieb, sexuelle Erregung, Flirt ist die zeitlich erste Stufe der eigentlichen menschlichen Liebe, der ehelichen Liebe, denn noch ist der Partner auswechselbar, noch ist die Partnerwahl unverbindlich. Geschlechtsliebe und eheliche Liebe gehören zwar zusammen, daher das gleiche Wort „Liebe“, aber sie sind etwas Verschiedenes, daher die verschiedenen Prädikate.

Weder ist jede „Liebe“ von Jüngling und Mädchen und Mann und Frau von vorneherein und immer echte menschliche Liebe, noch ist jede „Ehe“ wirkliche Ehe. Oft ist diese nur die leidliche Regulierung der Geschlechtsliebe oder nur Interessen‑ und Gewohnheitsgemeinschaft. „Zuerst sind alle Ehemänner in ihre Frauen verliebt; eine Liebe jedoch, die in voller Kraft bei engstem Zusammenleben viele Jahrzehnte aus­halten, sich stetig verwandeln, erneuern und im Kern doch unwandel­bar bleiben soll, ist so selten wie das Talent. Gemeinhin geht Verliebt­heit in Vertrautheit und Gewohnheit über, und so entsteht die engste menschliche Interessengemeinschaft“ (Scheffler). Im Folgenden ist mit „Eheliche Liebe“ nur die wahrhaft eheliche Liebe gemeint, nicht das, was man heute gemeinhin auch so nennt. Dies ist im Grunde oft nur eine eingeschränkte Geschlechtsliebe (98).

Jedem Menschen ist von der Schöpfung und infolgedessen von der Ge­burt her ein inneres und ein äußeres Eheliches eingepflanzt, ein geistiges und ein natürliches. Er kommt zuerst in dieses und mit dem Geistigwer­den in jenes. Das innere Eheliche ist zuerst verhüllt; bleibt der Mensch im natürlichen, äußeren Ehelichen stecken, dann verschließt er sich, bis er zuletzt nichts mehr davon weiß, ja es ein Hirngespinst nennt. Wird er aber geistig, dann beginnt er, etwas davon zu ahnen, zu wissen, wahr­zunehmen und nach und nach dessen Lieblichkeit und Wonne zu füh­len. Die Verhüllung des Inneren verdünnt sich, zerfließt, löst sich auf und wird zerstreut. Dann bleibt zwar das äußere Eheliche erhalten, aber es wird fort und fort von innen her von seinen Hefen geläutert und ge­reinigt, so lange, bis es zum Angesicht des inneren wird und zugleich dessen Leben und Freuden und Kräfte in sich zieht. Man könnte glau­ben, das zurückbleibende sei dem vorigen äußeren Ehelichen ähnlich, doch die Engel sagten mir, sie seien einander völlig unähnlich. Sie ver­glichen das vom inneren durchzogene äußere Eheliche einer edlen Frucht, deren lieblicher Geschmack und Geruch sich über deren Ober­fläche verbreitet und diese zu seiner Entsprechung bildet. Sie verglichen es auch mit einer Scheune, deren Vorrat niemals abnimmt, sondern fortwährend ergänzt wird. Das vom inneren getrennte äußere Eheliche dagegen verglichen sie mit dem Weizen auf der Wurfschaufel: wird sie hin und her gerüttelt, so bleibt nur die Spreu zurück, die der Wind zerstreut (148).

Die eheliche Liebe ist in der Geschlechtsliebe wie der Edelstein in sei­ner Mutter (97). Die Geschlechtsliebe ist allgemein und jedem eigen, von der Schöpfung her der Seele des Menschen eingepflanzt wegen der Fortpflanzung des Menschengeschlechts (46). Sie ist die Liebe zu meh­reren und mit mehreren des anderen Geschlechts; die eheliche Liebe dagegen ist die Liebe zu Einer oder Einem. Die Geschlechtsliebe hat der Mensch gemeinsam mit den Tieren; die eheliche Liebe dagegen ist, als geistige Liebe, nur dem Menschen angehörig und eigentümlich, denn der Mensch ist geschaffen und geboren, um geistig zu werden. Soweit er geistig wird, legt er die Geschlechtsliebe ab und zieht die eheliche Liebe an (48). Die Geschlechtsliebe ist dem natürlichen Menschen eigen, die eheliche Liebe aber dem geistigen, jener begehrt nur natürliche Verbindungen und deren körperliche Lust, dieser aber eine innere Ver­bindung und aus dieser geistige Wonnen. Er erkennt, daß dies nur mit Einem Partner möglich ist, mit dem er fortwährend mehr und mehr eins werden kann und empfindet auch, daß sich diese Wonnen mit den Graden der innigen Verbindung erhöhen, fortwährend in Ewigkeit (38).

Schon zu jeder Beziehung zum anderen Geschlecht, soweit sie nicht reine Promiskuität oder bloße sexuelle Befriedigung durch irgend ein Objekt ist, dessen man durch Geld oder Gewalt habhaft werden kann, gehört etwas von dieser Ausschließlichkeit. Auch der Casanova will im Augenblick des Entflammtseins und für die Tage oder Wochen der Ver­liebtheit genau und nur diese eine Frau und konzentriert auf sie seine Intensität. An dieser Verengung auf eine bestimmte Person des anderen Geschlechts flackert etwas von dem auf, was die eigentlich menschliche, die wahrhaft eheliche Liebe kennzeichnet und auszeichnet, und auch dieses Aufblitzen, hat seinen Ursprung in der schöpfungsmäßig begrün­deten ehelichen Liebe, wenn es auch nur ein kurzlebiger und rasch vor­übergehender Splitter davon ist.

09,3 - Der Zusammenhang von ehelicher Liebe und Menschwerdung

Die Geschlechtsliebe gehört dem äußeren oder natürlichen Menschen (94), die eheliche Liebe aber dem inneren oder geistigen Menschen an. Je mehr der Mensch verständig und dann weise wird, desto mehr wird er innerlich und geistig und desto vollkommener wird die Form seines Gemütes. Diese Form nimmt die Sphäre der ehelichen Liebe auf, denn sie empfindet und fühlt in ihr den geistigen Lustreiz, der inwendig be­seligt, und von da aus wird auch der natürliche Lustreiz beseligt (95). Jeder wird als ein körperlicher Mensch geboren, dann wird er innerlicher natürlich oder sinnlich. Danach, je nachdem er die Verständigkeit liebt, vernünftig und endlich, wenn er nicht stehen bleibt, sondern die Weis­heit liebt, geistig. Bei diesem Fortschreiten vom Wissen über die Ver­ständigkeit zur Weisheit verändert das Gemüt seine Form: es wird mehr und mehr aufgeschlossen und verbindet sich näher mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Herrn. Daher wächst seine Liebe zum Wahren und sein Streben nach dem Guten des Lebens. Bleibt der Mensch auf der ersten Strecke des Weges zur Weisheit stehen, so bleibt die Form seines Gemütes natürlich und nimmt den Einfluß der univer­sellen Sphäre der Ehe des Guten und Wahren nicht anders auf, als es die Subjekte des Tierreichs tun. Ihnen, die ganz natürlich sind, wird ein solcher Mensch ähnlich; er liebt in gleicher Weise das andere Ge­schlecht (94). Bleibt er aber nicht stehen, dann ist die Liebe zum ande­ren Geschlecht zwar zuerst körperlich und beginnt vom Körperlichen her, dann sinnlich, denn alle Sinne ergötzen sich an ihrem allgemeinen Wesen, und natürlich, ähnlich wie bei den Tieren, als eine noch wahllose Liebe zum anderen Geschlecht, dann aber, weil der Mensch geboren wurde um geistig zu werden, wird sie vernünftig und endlich geistig, das heißt wahrhaft ehelich. Diese geistig gewordene Liebe fließt und wirkt ein in die vernünftige, in die sinnliche und zuletzt in die körper­liche, weil diese ihre letzte Unterlage ist, und durchwirkt sie. Aus der natürlichen wächst die geistige, eheliche Liebe, wenn der Mann die unbestimmte, wahllose Lust aufgibt und sich einer Einzigen weiht, mit deren Seele er seine Seele vereinigt (447). Sobald er sein Augenmerk auf sie richtet und sein Leben mit ihrem Leben verbinden will, wird die Begierde zur keuschen Neigung und die Lüsternheit zur menschli­chen Liebe (448).

Nur der Mensch kann geistig werden, deshalb ist die eheliche Liebe nur ihm eigen. Nur er kann sein Denken über die natürlichen Triebe erhe­ben und von da aus auf sie herab sehen, ihre Beschaffenheit beurteilen, sie tadeln, bessern oder entfernen. Dies ist dem Tier nicht möglich, denn seine Triebe sind völlig mit seinem angeborenen Wissen vereinigt, weshalb es sich nicht zur Einsicht und noch weniger zur Weisheit erhe­ben kann. Das Tier wird vom eingepflanzten Trieb seines Wissens ge­führt wie ein Blinder von einem Hund, dem Menschen dagegen ist das vermögen, weise zu sein, das Eins ausmacht mit der ehelichen Liebe, angeboren (96).

„Die letzte Grundlage, das Äußerste und Irdischste kann einem Erd­reich verglichen werden, das so ist, wie es angebaut wird, dem, wenn es vorbereitet ist, ein edler Same eingepflanzt wird“. Der Mensch gleicht auch einem Baum, der aus einem Samen aufwächst, dazu aber der Pflege, der Rodung und Kräftigung des Bodens und der Beobachtung durch den Gärtner - der er selbst gleichzeitig ist! - bedarf. Was die Geschlechtsliebe betrifft, so ist auch sie zuerst eine körperliche Regung vom sich entwickelnden Körper aus, dann wird sie zur sinnlichen Erre­gung, zur allgemeinen Beunruhigung, danach natürlich, das heißt ähn­lich wie in den Tieren als unbestimmte Anziehung durch das andere Geschlecht. Weil aber der Mensch dazu geboren ist, geistig zu werden, wandelt sie sich ins Vernünftige, zuerst ins Natürlich‑Vernünftige, dann ins Geistig‑Vernünftige und schließlich ins Geistige. Die nun geistige Liebe wirkt zurück in den Vernunftbereich und von diesem in die sinn­liche Liebe und endet wieder im Körperlichen als ihrer letzten Unter­lage. Dort ist, im seligsten Akt, alles Geistige, Vernünftige, Sinnliche und Körperliche beisammen. Die bloße Geschlechtsliebe oder die un­stete Befriedigung des Geschlechtstriebes gehört dem natürlichen Men­schen an, und sie kann sogar ins Natürlich‑Vernünftige aufsteigen, von geistiger und das heißt menschlicher Liebe zum anderen Geschlecht kann aber erst die Rede sein, wenn diese ehelich wird. Die Geschlechts­liebe wird somit aus einer natürlichen zu einer geistigen oder aus einer tierischen zu einer menschlichen, wenn der Mensch die unbestimmte Lust aufgibt und sich einer oder einem Einzigen weiht und beider Seelen sich vereinigen (447).

09,4 - Der Weg der ehelichen Liebe

Mit der Geschlechtsliebe nimmt die eheliche Liebe zwar ihren Anfang, aber sie entsteht nicht aus ihr, sondern aus dem allmählichen Fort­schreiten zur Weisheit, die dann in der ehelichen Liebe ans Licht tritt, weil die Weisheit und diese Liebe unzertrennliche Gefährten sind. Zu­erst wird das andere Geschlecht summarisch geliebt und mit liebevollen Augen betrachtet. Der Jüngling schaut sich um, prüft und wählt, und aus eingepflanzter, im Inneren seines Gemüts verborgener Neigung zur Ehe mit Einer wird sein Äußeres sanft erwärmt. Die Geschlechtsliebe ist nur das zeitlich Erste der ehelichen Liebe, nicht deren Ursprung. Sie ist nicht deren Erstes, wenn man das in Wahrheit Erste, Vorzügliche im Gemüt und in dessen innerstem Streben ins Auge faßt: die causa fi­nalis, die Zielidee, den Endzweck. Hiezu gelangt der Mensch erst nach und nach durch Mittel, die nicht dies Erste, sondern nur Wege zu ihm sind (98). Dann sieht die eheliche Liebe jene zeitlich erste Geschlechts­liebe nicht vor, sondern hinter sich, nicht über, sondern unter sich wie etwas im Weiterschreiten Überholtes. So blickt einer, der von seiner ersten Stelle aus durch mehrere Ämter zu hoher Würde emporsteigt, auf die durchlaufenen Stationen zurück und sieht sie hinter und unter sich, so wendet einer am Ende einer Reise den Blick zurück auf das, was er gesehen und erlebt hat (99).

„Der Weg der ehelichen Liebe geht vom Herzen zu den Sinnen, und nur wenn der weg von dort zurück wieder zum Herzen führt, kann sich die Liebe der Gatten durch die leibliche Vereinigung mehren. Diese Weg­richtung umkehren zu wollen, heißt die eheliche Liebe gefährden“ (Saller).

Am Anfang einer Ehe scheint die Geschlechtsliebe gleichsam verbun­den mit der ehelichen Liebe, im Fortgang der Ehe aber werden sie ge­trennt: bei denen, die geistig sind, wird die wahrhaft eheliche Liebe eingeflößt und der Geschlechtsliebe übergeordnet, bei denen, die natür­lich sind, geschieht das Gegenteil (48). Die anfängliche Liebe in der Ehe ahmt die wahrhaft eheliche Liebe nach und stellt sie andeutend im Bilde dar. Dann aber wird die an sich unkeusche Geschlechtsliebe aus­gestoßen und an ihrer Stelle die Liebe zu Einer aus dem anderen Ge­schlecht, das heißt die wahrhaft eheliche und darum keusche Liebe ein­gepflanzt. Sie kann immerhin erkannt werden aus dem ersten Zustand, wenn sie sich in die Herzen der Jünglinge oder Jungfrauen einschleicht und eindringt, sodaß sie ein bestimmtes Wesen des anderen Geschlechts zu lieben beginnen und schließlich zur Braut oder zum Bräutigam be­gehren, und noch mehr, wenn sich die Zeit ausdehnt bis endlich die Hochzeit naht, und weiterhin bei der Hochzeit selbst und in den Flit­terwochen. Da spürt jeder, daß diese Liebe die Fundamentalliebe aller Liebe ist und daß in ihr alle Genüsse und Wonnen bis zu den letzten zusammengefaßt sind (58).

10,0 - Die Ehe des Herrn mit der Ecclesia

10,1 - Was heisst „geistig“?

Der Mensch ist nicht von Geburt an Mensch im vollen Sinne des Wortes. Er ist zwar von vorneherein „fertig“, was seine Anlagen betrifft, aber nicht fertig, was die Verwirklichung betrifft. Er soll werden, wozu er geschaffen ist. Mensch werden aber heißt geistig werden, „von dem sich‑Geistigen (sich Vergeistigen) des Lebens Jahre zählen“ (Hölderlin). was meint Swedenborg mit „geistig“? Nicht das, was wir heutigen Europäer da­mit bezeichnen, nämlich gescheit, wissenschaftlich gebildet. Das ist für ihn nur die erste, unterste, äußerste Stufe, Sache des Knaben‑ und Jünglingsalters, noch dem Natürlichen zugehörig. „Geistig“ oder „wei­se“ kennzeichnet aber die letzte, höchste, innerste Stufe der Mensch­werdung, die auf Erden begonnen und in Ewigkeit fortgesetzt wird. Geistig sein heißt, die Wahrheit denken, den Sinnzusammenhang der Schöpfung einsehen und zum Herrn aufsehen, in der dem Menschen aufgegebenen Verantwortung leben, sich dessen bewußt, daß der Mensch als entscheidendes Geschöpf eine Aufgabe für die ganze Schöpfung zu erfüllen hat.

10,2 - Die drei Regionen im Menschen

Der Mensch ist im Unterschied von den Tieren Mensch, weil sein Inne­res drei Regionen enthält. Er kann von der unteren in die mittlere und von da in die obere erhoben und so ein Engel des Himmels, das heißt wirklich Mensch werden. Dies ist ihm möglich dank seiner Fähigkeit zu denken, denn zuerst erhebt er nur seinen verstand bis zu dieser Höhe. Dies ist der erste Schritt, bleibt er dabei stehen, geht die Einsicht nicht in die Liebe seines Wollens ein und wird nicht auch dieses zu­gleich mit jenem erhoben, dann wird er nicht geistig, sondern bleibt dennoch natürlich. Die Fähigkeit zur Erhebung des Verstandes weicht nie von ihm, er behält sie immerfort, denn nur so kann er durch immer neue Einsichten in das Gute und Wahre wachsen, reifen und erhöht werden. Aber stets gilt: nur durch vernünftige Vertiefung des Wissens und der Erkenntnisse und zugleich durch Verwirklichung der Einsich­ten im Leben reift auch der Wesenskern, die Liebe des innersten Wol­lens, und nähert sich das Menschliche seiner Vollkommenheit, wird der Mensch mehr und mehr Mensch. Im anderen Fall bleibt die Liebe seines Wollens natürlich, nur sein Verstand schwingt sich von Zeit zu Zeit empor und abwechselnd geht es so auf und ab (495). Ohne die Fähigkeit, sein Denken über sein Wollen, seinen Verstand über seine Liebe zu erheben, wäre der Mensch nicht Mensch, sondern Tier. Diesem fehlt diese Fähigkeit. Er könnte dann nicht sichten, auswählen, ent­scheiden und demgemäß gut, sinnvoll und zweckmäßig handeln, nicht ins eigentlich Menschliche erhoben und endlich zum Himmel geführt werden (498).

10,3 - Der Gang der  Menschwerdung

Wenn das Denken beginnt, aus sich selbst vernünftig zu werden und aus eigener Vernunft einzusehen und das vorzusehen, was einem echten Leben zu Vorteil und Nutzen gereicht, wenn der junge Mensch also beginnt, sein Leben selbst „in die Hand zu nehmen“, dann dient das zur Grundlage, was durch die Eltern und Lehrer dem Gedächtnis ein­geprägt wurde. Bis dahin dachte er nur aus den in das Gedächtnis nie­dergelegten Dingen und befolgte sie, nun aber tritt eine Wendung ein: er denkt aus eigener Vernunft darüber nach, bringt die in seinem Ge­dächtnis befindlichen Dinge, je nachdem ihn seine Triebe und Neigun­gen führen, in eine neue Ordnung und beginnt damit sein eigenes Le­ben. Zugleich mit der beginnenden eigenen Denktätigkeit wird seine Stimme männlich, denn das Denken macht den Mann und seine Männ­lichkeit (447). Und je weiter der Mensch vom Wissen zum Einsehen und Verstehen und endlich zur Weisheit fortschreitet, verändert auch sein Gemüt seine Form: es wird mehr und mehr aufgeschlossen und verbindet sich näher mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Schöpfer. Damit wächst seine Liebe zum Wahren und sein Streben nach dem Guten des Lebens (94).

Der Mensch hat die Fähigkeit, zu wissen, einzusehen und weise zu sein. Das Wissen ist Sache der Erkenntnisse, das Einsehen Sache der Ver­nunft, das Weisesein Sache des Lebens. In ihrer Fülle umfaßt und ent­hält die Weisheit alle drei: Erkenntnis, Vernunft und lebendige Verwirk­lichung. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage, aus ihnen wird die Vernunft gebildet und aus beiden erwächst die Weisheit, nämlich das vernünftige Leben nach den Wahrheiten, die man erkannt hat. Die Weisheit ist also gleichermaßen Sache der Vernunft wie des Lebens: sie wird Weisheit, indem sie von der Einsicht her das Leben vernünftig bestimmt, sie ist Weisheit, wenn die Einsicht von der Verwirklichung im Leben her immer vernünftiger wird (130). Jeder wird im Heran­wachsen zuerst in das Natürlich‑Menschsein eingeführte was durch Wis­senschaft, Kenntnisse und Vernunftbegriffe geschieht. In das Geistig­-Menschliche wird er eingeführt durch die Liebe zu nützlichem Wirken, zur Liebtätigkeit. Je nachdem er in dieser lebt, ist er geistig, im anderen Fall ist er natürlich, auch wenn er noch so scharfsinnig denkt und weise urteilt (426). Die Urältesten auf Erden erkannten nur die Lebensweis­heit als Weisheit an, bei den späteren Philosophen galt die Vernunft­weisheit als Weisheit, heutzutage gar halten viele schon die Wissenschaft für Weisheit und die wissenschaftlich Gebildeten für weise: so ist die Weisheit vom Gipfel ins Tal gesunken (130).

10,4 - Weisheit und Intelligenz

Das Weisesein übersteigt also weit das „Gescheitsein“. Erst die Verwirklichung des Gedachten erhebt die Erkenntnis zur Weisheit und macht aus dem denkenden Menschen den weisen Menschen. In Indien ist der bei uns weithin zerrissene Zusammenhang noch selbstverständlich, wie Medard Boss berichtet. Ein indischer Gelehrter sagte ihm, das übliche wache Denken erreiche eine Grenze, über die hinaus die wesentliche Wahrheit über den Menschen und seine Welt nicht mehr begrifflich in Besitz zu nehmen sei:  „Vielleicht hängt mit dem bloßen Erdenkenwol­len der Wahrheit die in Indien unvorstellbare Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Bücher und dem faktischen Leben vieler westlicher Philoso­phen zusammen. Der Denker, der nicht auch seinen Einsichten gemäß im Alltag handelt, der nicht das Opfer zu bringen bereit ist, sich ihnen mit seinem ganzen Wesen zu unterstellen, der nimmt nach indischer Ansicht seine Philosophie selbst nicht ernst genug, als daß er hoffen dürfte, mit seinen Schriften und Worten auch nur einen Hund von sei­nem Schattenplatz weglocken zu können. Wer von der Wahrheit, der Liebe und Fürsorge, von der Askese schreibt und den Mut predigt, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen, in seinem täglichen Um­gang mit seinen Mitmenschen jedoch der Lüge fähig ist, Freunde sitzen läßt und sie quält, genießerisch lebt und vor den Schwierigkeiten seiner Umweltsituation auskneift, der würde in Indien seinen schönen und gescheiten Reden zum Trotz zu den leichtfertigen Taschenspielern ge­rechnet werden, über die man auf Jahrmärkten zu lachen pflegt“.

10,5 - Der Mensch als Ecclesia

Wo aber ist der Richtweiser und der Maßstab für das, was gut und wahr ist, zu finden? Der Mensch wird geistig durch das Geistige der ecclesia, der „Kirche“ (130),lesen wir, und stoßen damit auf ein Wort, das bei Swedenborg einen anderen als den landläufigen Sinn hat. Er meint mit Kirche nicht in erster Linie Institutionen und Organisationen, nicht theologische Lehrgebäude, nicht Kult, sondern gebraucht das Wort vor allem im Sinne von ecclesia = Haus des Herrn. Jeder Mensch, der geistig, also Mensch wird, ist solch eine Kirche: "Kirche ist im einzelnen Men­schen, und im weiteren Sinn bilden mehrere Mensch‑Kirchen eine Kir­che. Der Mensch als Gemeinschaft von Menschen ist die Kirche von vielen, der Mensch als einzelner ist die Kirche in jedem einzelnen dieser vielen. Die Kirche als Gesamtheit setzt sich aus vielen ähnlichen Einzel­nen zusammen“.

Wie wird der Mensch ecclesia? Die zwei Elemente der Kirche im Men­schen sind das Wahre, das der Mensch vom Herrn her inne wird, und das Gute des Lebens. Das erstere bewirkt die Gegenwart des Herrn im Menschen, das andere die Verbindung mit Ihm. Jenes ist Sache des Lichtes, dieses Sache der Wärme (72). „Freilich ist der Herr bei jedem Menschen fortwährend gegenwärtig, denn ohne Seine Gegenwart würde der Mensch nicht leben, doch Er dringt und besteht darauf, daß der Mensch Ihn bewußt aufnimmt. Dies ist dann Seine Ankunft im Men­schen, dessen „Morgendämmerung“, von der an sein Denken geistig er­leuchtet wird und er zur Weisheit fortschreitet, indem er die aufgenom­menen Wahrheiten mit seinem Wollen verbindet, danach lebt und das Gute tut. Die beständige Gegenwart des Herrn bewirkt, daß der Mensch vernünftig wird und geistig werden kann. Dies geschieht durch das vom Herrn als Sonne in der geistigen Welt ausgehende Licht, das der Mensch in sein Denken aufnimmt. Es ist die Wahrheit, dank der er vernünftig wird. Die Ankunft des Herrn hingegen findet nur bei denen statt, die mit diesem Licht die Wärme, das heißt mit der Wahrheit die Liebe ver­binden. Die aus jener Sonne hervorgehende Wärme ist die Liebe zum Herrn und die Liebe zum Mitmenschen.“

Was Sache des geistig Menschwerdens oder der Kirche ist, hat seinen Sitz im Innersten des Menschen. Was die Gesellschaft, die soziale Für­sorge und die Mitmenschlichkeit angeht, hat seine Stelle unter diesem. Was zur individuellen Verwirklichung im Beruf, in Kunst, Wissenschaft oder Technik, gehört, bildet beider Fußbank. Jenes Erste hat seinen Sitz im Innersten des Menschen, weil er sich dadurch mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Herrn verbindet und umgekehrt der Herr dabei in ihn eingeht. Das Zweite liegt unter jenem Geistigen, weil es der Auswirkung in die Welt zugehört und dazu beiträgt, die Gemein­schaft von Menschen zu einer menschlichen zu machen. Das Dritte endlich wurde die Fußbank genannt, weil es die Grundlage ist, in die alles ausläuft und auf der es ruht. Dort wird ins Sinnlich‑Faßbare aus­gestaltet, was sich darüber im Gemüt und zuhöchst oder zuinnerst in der Seele entfaltet hatte. Man kann diese Ordnung auch dem mensch­lichen Körperbau vergleichen: Das Erste ist das Haupt, das Zweite der Rumpf, das Dritte die Glieder, Arme und Hände, Beine und Füße. Wenn alle drei, das Geistige, das Mitmenschliche und das Natürliche, oder das Spirituale, das Soziale und das Personale ihrer Ordnung nach zusammenwirken, ist der Mensch ein vollkommener Mensch. Das Gei­stige erleuchtet dann mit seinem Licht aus dem Himmel, der Wahrheit, und belebt mit seiner Wärme aus dem Himmels der Liebe, den inneren Menschen und in ihm wächst Lebensweisheit; er tut das Gute zum Be­sten seiner Seele, seiner Mitmenschen und seiner eigenen Verwirkli­chung ( 130).

Die den Menschen geistig, weise, zum echten Menschen machende Be­ziehung zum Schöpfer stellt die Bibel im Bild von Bräutigam und Braut dar, so z.B. Joh. 3, 29, Matth. 9, 15, Offenbarung 19, 7. 9, Matth. 25, 1‑10. Der Herr wird im Worte Bräutigam und Mann genannt, die Kirche Braut und Weib, und die Verbindung des Herrn mit der Kirche und andererseits der Kirche mit dem Herrn heißt eine Ehe (117). Die eheliche Liebe steht in Entsprechung mit der Ehe des Herrn und der Kirche; so wie der Herr die Kirche liebt, will Er, daß die Kirche Ihn liebe, und ebenso sollen Mann und Frau sich gegenseitig lieben (62).

10,6 - Mann und Weib zusammen sind Ecclesia

Aus dieser Verbindung und Liebe von Schöpfer und Geschöpf, von Herr und Kirche, von Christus und Gemeinde als Bräutigam und Braut leiteten die beiden Konfessionen ihre Eheethik ab und begründeten von daher die Heiligkeit der Ehe. In der katholischen Kirche wurde die Ehe zum Sakrament erklärt, weil sich in der natürlichen Ordnung eine übernatürliche Ordnung spiegle, im Verhältnis Mann‑Frau das Verhält­nis Bräutigam‑Christus zu Braut‑Gemeinde.

Und auf der evangelischen Seite schrieb Karl Barth: Gott schuf „den Menschen als Mann und Frau und so zu seinem Ebenbild“, nämlich „zum Gleichnis des Gnadenbundes, des Verhältnisses zwischen Ihm und seinem Volk, zwischen Christus und der Gemeinde“. Genau besehet sagt dieses Gleichnis aber nichts aus über den Grund und Sinn der Teilung des Menschen in zwei verschiedene Geschlechter, nichts über ihre Beziehung zueinander und nichts für die rechte Führung einer Ehe. „Gemeinde“ können auch nur Männer oder nur Frauen, Verhei­ratete oder Ehelose sein. Freilich hat dieses Verhältnis etwas mit der Menschwerdung zu tun und also auch mit der Ehe, aber wo und wie ist der Zusammenhang?

Die Begründung der Heiligkeit der Ehe im Verhältnis von Bräutigam­-Christus und Braut‑Gemeinde muß darüber hinaus angefochten werden, weil sie zur Herrschaft des Mannes und Zurückstellung, ja Unter­drückung der Frau im Abendland führte. Wenn man sagt: Die Ehe  - also die Gemeinschaft von Mann und Frau - ist „Sinnbild, Abbild, Veranschaulichung, Zeichen der Gemeinschaft von Gott und Mensch“ (Barth) oder „Gott und Mensch sind und bleiben im Verhältnis der Partnerschaft und sind durch die Liebe verbunden. Die Ehe ist das Bild, das Symbol, ja der aktive Nachvollzug dieser Partnerschaft. Wie Gott sein Volk und wie Christus seine Kirche liebt, so sollen die Ehe­gatten einander lieben“ (Bovet). Wenn man so sagt, dann muß also jeweils der eine Ehepartner die Stelle Gottes, der andere die Stelle des Menschen einnehmen. Ist dafür Mann und Frau austauschbar? Geschieht es abwechselnd durch Mann und Frau? Oder kommt jeweils nur eine r­eine von ihnen in Frage, nämlich für die Stelle Gottes‑Christi der Mann, für die Stelle des Menschen, der ecclesia die Frau? In diesem Sinne schrieb Paulus: „Der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie Christus ist das Haupt der Gemeinde“ und „Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde“, Eph. 5, 23. 25. Die Anschauung hat Jahrhunderte lang die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau im Abendland bestimmt. Heute spüren wir mit Unbe­hagen, daß da etwas nicht stimmt, nicht stimmen kann! Der Schöpfer und das Geschöpf, Gott und Mensch sind nicht gleichwertige Partner, wie es Menschen untereinander, wie es die menschlichen Ehepartner sind. Das hat Swedenborg erkannt und richtig gestellt: Es besteht keine Entsprechung des Mannes mit dem Herrn und des Weibes mit der Kir­che, weder in den Ehen der Engel im Himmel noch in denen der Men­schen auf Erden (126). Wenn man sagt, so wie der Herr das Haupt der Kirche, so sei der Mann das Haupt des Weibes, das heißt, der Mann stelle den Herrn und das Weib die Kirche dar, dann vergißt man, daß allein der Herr das Haupt der Kirche ist, der Mensch aber, Mann und Frau und mehr noch Ehemann und Ehefrau zusammengenommen, die Kirche (125).

Nach dieser Erkenntnis wird man einsehen müssen, daß die menschli­che Ehe, die Vereinigung von Mann und Frau, nicht „Nachvollzug“ der ‑ gar nicht möglichen - „Partnerschaft von Gott und Mensch“ sein kann in dem Sinne, wie die Bibel von Herr ‑ Kirche, Christus ‑ Ge­meinde spricht. Diese Beziehung gilt nur für den Vollzug der Mensch­werdung.

10,7 - Ursprung und Analogie der ehelichen Liebe

Die eheliche Liebe hat ihren Ursprung in der Ehe des Guten und Wah­ren und steht in Analogie mit der Liebe des Herrn und der Kirche. Sie ist deshalb himmlisch, geistig und heilig, rein und lauter vor jeder ande­ren Liebe. Aus diesen beiden Ehen stammt die eheliche Liebe wie ein Absenker ab, sie sind die Heiligkeiten selbst. Wenn sie aus ihrem Urhe­ber aufgenommen werden, werden sie beständig geläutert und gerei­nigt ( 64).

Vom Ursprung wurde schon gehandelt, die Analogie meint die Aufgabe des Menschen, Mann und Frau zusammen, Mensch zu werden und zeigt den Weg, wie er, Mann und Frau für sich und Mann und Frau zusam­men, geistig, Kirche, Mensch werden kann: zuerst muß hierfür der Mann in der Haltung der ,Braut, des liebenden Weibes stehen, näm­lich in der Liebe zur Wahrheit des Herrn, zum Ewig‑Männlichen, auf­nahmebereit für den „Bräutigam“, um solchermaßen "Kirche“ zu wer­den und sich zum wahren Menschsein hin in Gang zu setzen. Dann kann das Weib seine Funktion erfüllen, nämlich die zweite Liebe des Spannes, die zu seiner Weisheitserrungenschaft, von ihm abziehen und auf sich Überleiten, um ihn dadurch davor zu bewahren, sich selbst zu bewundern, in Stolz und Eitelkeit, in Männischkeit zu verfallen, sodaß er dann unbelastet von seiner zweiten Liebe, einzig für seine erste frei ist. Dann führen beide zusammen ein rundes Leben, sind beide einan­der gleich nötig und gleichrangig für das Menschwerden des Menschen.

Die Kirche wird vom Herrn im Manne und durch den Mann im Weibe gebildet, und wenn sie in beiden gebildet ist, dann ist sie in ihrem Voll­bestand (63). In der Ehe in wahrhaft ehelicher Liebe werden beide Ein innerlicher und immer innerlicherer Mensch, denn diese Liebe schließt das Inwendige der Gemüter auf, und wenn und wieweit es aufgeschlos­sen ist, wird der Mensch mehr und mehr Mensch. Menschwerden heißt beim Ehemann mehr Ehemann, bei der Ehefrau mehr Ehefrau werden (200). Eheliche Liebe kann nicht entstehen, wenn ein Mann im Dünkel eigener Einsicht aus Liebe zu sich, zu seiner Weisheit bleibt (193), strebt er danach, ein völligerer Mensch zu werden, dann sucht er, sich mit einer Genossin zu verbinden, um mit ihr Ein Mensch zu werden (59). Die eheliche Liebe mehrt die Vollkommenheit der beiden Ehegatten, und dadurch werden beide mehr und mehr wahrer Mensch. Durch die eheliche Verbindung erfüllen sie sich mit dem eigentlich Menschlichen, nämlich dem Verlangen, die Weisheit zu lieben und weise zu sein (52). Die eheliche Liebe verhält sich gemäß dem Zustand der Kirche im Menschen, weil sie sich gemäß dem Zustand der Weisheit in ihm ver­hält (130).

Die heilige Liebe strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf, Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. (Goethe)

10,8 - Die Ehe als Heimstätte der Menschwerdung

Da die eheliche Liebe ihrem Ursprung und ihrer Entsprechung gemäß himmlisch, geistig, heilig, rein und lauter vor jeder anderen Liebe der Engel und der Menschen, ja die Grundliebe aller himmlischen und gei­stigen Liebe ist, kann sie nur in denen wohnen, die sie vom Herrn in sich aufnehmen und mit Ihm ein Leben als Kirche leben. Das sind Men­schen, die sich mit dem Herrn verbinden und von Ihm den Engeln zu­gesellt werden. Sie fliehen alle außerehelichen Liebesarten, die die Seelen verderben, und soweit ein Ehepartner sich von solchen Gelüsten seines Wollens und solchen Absichten seines Denkens befreit, wird in ihm die eheliche Liebe gereinigt und nach und nach geistig, zuerst wäh­rend seines Erdenlebens, hernach im Himmel. Freilich kann weder bei Engeln noch bei Menschen eine Liebe je ganz rein sein, aber der Herr sieht auf die Grundtendenz und der Mensch wird, wenn er diese reinigt und darin verharrt, zur Reinheit geführt und schreitet darin fort. In solchen Menschen keimt das Himmlische der ehelichen Liebe. Die da­gegen im nur natürlichen Menschsein stecken bleiben, das heißt, in de­nen diese Liebe nur vom Körper her ihre Wollust zeitigt, können sich weder dem Himmel noch einem Engel nahen, ja nicht einmal mit einem Menschen, den die eheliche Liebe belebt, echte Gemeinschaft haben. Ich sah Geister, die zur Hölle tendierten, sich einem Engel nähern, der sich mit seiner Gattin ergötzte: beim Zuschauen verwandelten sie sich in Furien und suchten dann in Höhlen und Gruben Unterschlupf. Der Widerwille gegen das ihnen ungleichartige Reine des Himmels trieb sie dorthin, und erst bei ihren Spießgesellen war ihnen wieder wohl (71).

Die Ehe ist die Heimstätte der Menschwerdung, aber nur die können in ihr sein, die in ehelicher Liebe sich zum Herrn wenden, die Wahrheiten lieben und das Gute tun (458). Sie ist abhängig vom Zustand der Weis­heit im Menschen, ist verbunden mit ihm und verhält sich ihm ge­mäß (447).

„Erkennt man, daß eine wahrhaft in Gemüt und Geist organische Ge­schlechtsverbindung als reine Ehe nicht ohne die Vermittlung eines beiden Gliedern höheren Prinzips oder Agens entstehen und bestehen kann, so erkennt man dieses höhere regierende Prinzip als ein religiöses, welch immer eine Vorstellung man auch damit verbinden mag. So wie man anerkennen wird, daß nur durch eine solche Vermittlung Mann und Weib an Gemüt und Geist sich wechselseitig zum wahrhaften Men­schenbild (welches Gottes Bild ist) zu ergänzen vermögen. Wo es nun aber an der Wirksamkeit eines höheren bildenden Prinzips mangelt, da fällt die Ehe entweder zur Gemeinheit und Nullität herab oder noch tiefer in positive Schlechtigkeit. Im ersteren Falle nämlich sind oder werden sich Mann und Weib an Gemüt und Geist indifferent und trei­ben nur unter der Firma „Hans Stein & Comp.“ ihre Wirtschaft fort. Im zweiten Falle aber gehen sie in Gemüt und Geist zwar ineinander ein, aber im schlimmen Sinne, indem der Mann seine Hochfahrt mit der niederträchtigen Schlangenlist des Weibes, das Weib letztere mit der Hochfahrt des Mannes ergänzt, womit beide zum dämonischen Bilde sich ergänzen. Man soll aber nicht glauben, daß in dieser gemischten Welt es irgend eine Ehe gebe, in der nicht jede dieser drei Formen sich abwechselnd wirklich zeigten oder jede sich nickt wenigstens bestrebte und versuchte, sich als die Ehe dominierend zu machen. Man soll nicht glauben, sage ich, daß es in dieser gemischten Welt andere als gemischte Ehen gebe, ja daß die wahrhafte Ehe selber den Menschen gegeben und nicht durch ihr ganzes Leben hindurch ihnen nur aufgegeben sein kann“   (Franz von Baader).

10,9 - Auftrag und Verantwortung der Christenheit

Schon in seinem Werk „Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes“ berichtet Swedenborg, wie wenige aus der „christlichen Welt“ in den Himmel eingeführt werden können, weil sie zwar „das Wort“ haben und vom Herrn wissen, aber nicht danach leben. Nun erweitert er diese Beobachtung in bezug auf die Beziehung der Geschlechter und deren Gestaltung in der Ehe: Nirgends sonstwo auf Erden ist der Herr so bekannt und kann Er so angegangen werden, als wo Sein Wort ist, und von der Anerkennung des Herrn und dem Leben nach Seinen Geboten nimmt die wahrhaft eheliche Liebe ihren Anfang und Ausgang, ihre Einführung und Befestigung. Es ist freilich offensichtlich, daß trotzdem die wahrhaft eheliche Liebe in der Christenheit recht selten ist, denn nur wenige wenden sich wirklich an den Herrn und verbinden ihr Leben mit Ihm. Viele „glauben“ nur, wie man so sagt, „glauben“ an das von der Kirche Gelehrte, leben aber nicht danach (337).

Die wahrhaft eheliche Liebe hält im Menschen gleichen Schritt mit dem Zustand der Kirche in ihm, das heißt wieweit er Haus des Herrn ist. In den biblischen Wahrheiten ist der Herr gegenwärtig und nur dort, wo die Wahrheit bekannt ist, kann es das wahrhafte und keusche Eheliche geben, nur dort kann es sich verwirklichen - kann, muß nicht, aber freilich kann. Und dort kann es sich auch auf die Kinder weiterverer­ben mit dem Vermögen und der Neigung, weise zu werden (142). Ehe­liche Wonne, Wohlgefühl und Freude wird einzig und allein vom Herrn geschenkt, aber nur denen, die sich allein an Ihn wenden und nach Sei­nen Geboten leben, und an wen sonst sollte man sich wenden, da doch durch Ihn allein alles gemacht ist, was gemacht ist, da Er auf Erden er­schienen ist und die Worte gegeben hat, die „Geist sind und Leben“, Joh. 5, 63, und da allein von ihm alles Leben ausgeht. Mit denen, die sich an Ihn wenden und auf Seine Stimme hören und nach Seinen Ge­boten leben, ist Er durch die Liebe verbunden: „Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist einer der Mich liebt, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren und Wohnung bei ihm machen“, Joh. 14, 21-23 (336).

Den Gemütern der Christen könnte das echte Eheliche tiefer einge­pflanzt sein als denen, die den Herrn und das Wort nicht kennen und die in Vielweiberei leben, und sie könnten für jene Liebe empfänglicher sein (33). Der Mensch, der das Wort des Herrn kennt und dadurch ecclesia werden kann, hat vor anderen die Fähigkeit voraus, wiederge­boren und somit geistig zu werden wie auch zur wahrhaft ehelichen Liebe aufzusteigen, denn beides hängt untrennbar zusammen. Aber deshalb ist auch seine Abirrung folgenschwerer als die jener Menschen, die in Unkenntnis des Herrn nur natürlichen Ehebruch begehen. In der Christenheit wird die Ehe des Guten und Wahren und die Ehe des Herrn mit der Kirche durch Polygamie und Hurerei doppelt entweiht und doppelter Ehebruch begangen: natürlicher und geistiger zugleich. Nicht nur die natürliche, sondern auch die geistige Ehe wird dadurch ge­spalten (339).

Anders gesagt: Wenn der Mensch sich seiner selbst bewußter wird, wenn er aus einem dumpferen zu einem lichteren Ichbewußtsein auf­steigt - und dies geschah menschheits-geschichtlich mit der „Zeitwen­de“, mit der Offenbarung des Schöpfers in Jesus -, dann wandelt und vermehrt sich auch seine Persönliche Verantwortung. Jean Gebser resü­miert nach der Betrachtung der Ehen in außereuropäischen Kultur­kreisen: „Was bei dieser Eheform erschrecken mag, das ist die Bezie­hungslosigkeit, die sich in diesen Ehen zu manifestieren scheint. Für uns ist die Grundlage menschlicher Beziehung die des Ich zum Du, jene Persönliche Beziehung zwischen den Geschlechtern, die in den ange­führten japanischen Beispielen sowie in den indischen, russischen und peruanischen fehlt oder doch zumindest für uns zu fehlen scheint. Da­bei sei nicht übersehen, daß viele eheliche Beziehungen auch heute noch, nicht nur in Süd‑, Mittel- und auch Nordamerika, von Afri­ka ganz zu schweigen, sondern selbst in Europa) das in seiner Mehrheit erst vor knapp zweihundert Jahren zu einem Ichbewußtsein erwacht ist, nichts anderes sind als vornehmlich vegetative Bindungen - ein Grund für das weitgehende Versagen in der Ehe, weil die Partner nicht den mitmenschlichen Forderungen unserer inzwischen erreichten Be­wußtseinsstruktur zu genügen vermögen, nachdem sie die Herzensein­falt des steinzeitlichen Menschen verloren haben, und somit die rein vegetative und ichlose Bindung allein nicht mehr tragfähig ist“.

 

11,0 - Die Keuschheit

11,1 - Was ist keusch?

Was ist „keusch“? Da schon von keuscher ehelicher Liebe“ die Rede war, offenbar nicht die Enthaltsamkeit von sexuellen Beziehungen, die Ehelosigkeit, die Askese ‑ und damit die Erniedrigung des Sexuellen als unrein, Befleckend, zu meiden -, sondern die schöpfungsgemeinte Beziehung von Mann und Frau in der Ehe, die alles zu ihrer Vereini­gung Gehörende in sich schlieft, erhöht und heiligt!

Keusch oder nicht‑keusch kann nur von dem, was zur Ehe gehört, aus­gesagt werden, denn beiden Geschlechtern ist das Eheliche vom Inner­sten bis herab zum Letzten, Äußersten eingepflanzt und ihm gemäß verhält sich der Mensch in bezug auf seine Gedanken und Neigungen und daher Äußerungen und Handlungen. Das erhellt noch deutlicher aus dem Gegensatz: das einem Menschen innewohnende Unkeusche hört man schon der Stimme an und kann es weiterhin jedem gespro­chenen Wort entnehmen. Der Ton der Rede stammt aus der Neigung des Wollens, ihr Inhalt aus dem Denken, beide offenbaren, daß das Wollen mit allem ihm Zugehörigen und das Denken mit allem ihm Zuge­hörigen und mit dem Gemüt auch alles Körperlichen, daß also vom In­nerlichsten bis zum Letzten alles voll von Unkeuschem ist wie einer ihm entströmenden Sphäre. Das gleiche gilt vom Keuschen: bei diesem ist vom Innersten bis zum Äußersten alles keusch, bewirkt von der Keuschheit der ehelichen Liebe. Daher sagt man, dem Reinen sei alles rein, dem Unreinen aber alles unrein (140).

11,2 - Nur die wahrhaft eheliche Liebe ist keusch

Die wahrhaft eheliche Liebe ist die Keuschheit selbst, ihre Reinheit ist die Keuschheit (139), weil sie vom Herrn her  stammt und in Analogie zur Ehe des Herrn mit der Kirche steht, weil sie der Ehe des Guten und Wahren entspricht, weil sie geistig ist, weil sie die Grundliebe und das Haupt aller Arten der himmlischen und geistigen Liebe ist, weil sie die Pflanzschule des Menschengeschlechts und aus diesem des Himmels ist, weil sie deshalb auch bei den Engeln ist und weil ihre nutzbringende Wirkung vortrefflicher als alle übrigen ist. Somit ist sie in Ursprung und Wesen rein und heilig und keusch und kann die Reinheit und Heiligkeit und folglich die Keuschheit selbst genannt werden (143). Deshalb sind auch alle ihre Freuden und Wonnen keusch. Sie steigen in den Himmel auf, gehen in ihn ein und verbinden sich mit den Wonnen der ehelichen Liebe der Engel (144).

Keusch kann nur die Ehe Eines Mannes mit Einer Frau sein, da nur in diesem Fall die eheliche Liebe nicht im natürlichen Menschen wohnt und bleibt, sondern sich ins Geistige erhebt, in den geistigen Menschen eindringt und sich nach und nach den Weg zur geistigen Ehe öffnet und sich mit ihr verbindet. Dies geschieht gemäß dem Wachstum der Weis­heit und dies wiederum gemäß der Einpflanzung und Ausbreitung der Kirche vom Herrn (141).

Der ersten Liebe vor und nach der Hochzeit haftet noch Geschlechts­liebe an. In wie weit der Mensch nach und nach aus einem natürlichen ein geistiger wird, das heißt das Vernünftige, das zwischen Himmel und Welt mitten inne steht, aus dem Einfluß des Himmels zu atmen beginnt und von der Weisheit angeregt und erfreut wird, wird sein Gemüt in eine höhere Atmosphäre erhoben, in das himmlische Licht und in die himmlische Wärme, worin die Engel sind. und in wie weit damit die Weisheit und die Liebe zu ihr in den Ehegatten wachsen, so weit wird in ihnen die eheliche Liebe nach und nach gereinigt und sublimiert und mehr und mehr keusch (145). Allerdings gibt es weder bei den Menschen noch bei den Engeln eine völlig keusche oder reine eheliche Liebe; immer ist etwas Nichtkeusches, Nichtreines da, gesellt sich bei und hängt sich an. Der Herr sieht aber den Endzweck, den Vorsatz oder die Absicht des Wollens, und soweit der Mensch sich auf ihn hin aus­richtet und darin beharrt, wird er in die Reinheit eingeweiht und nähert sich ihr mehr und mehr (146).

Die eheliche Keuschheit entsteht nur, wenn der Mensch geistig wird. Bleibt er natürlich und enthält sich der Hurerei, so enthält sich doch nicht sein Geist derselben, und so liegt, obwohl es ihm scheint, er sei durch Enthaltsamkeit keusch, doch immer die Unkeuschheit inwendig verborgen wie der Eiter in einer nur äußerlich geheilten Wunde (149).

Es gibt auch eine nicht‑keusche eheliche Liebe, die dennoch nicht Un­keuschheit ist, nämlich die von zwei Ehegatten, die sich aus äußerlichen Ursachen der Wirkungen der Geilheit enthalten. Doch ist hier nur die Form keusch, nicht aber ist das keusche Wesen in ihr (139).

Keuschheit kann nicht von Kindern, Knaben und Mädchen, Jünglingen und Jungfrauen ausgesagt werden, bevor sie in sich Geschlechtsliebe empfinden. Sie wissen ja noch nichts vom Ehelichen, deshalb kann auch von Keuschheit keine Rede sein. Diese ist bei ihnen wie Nichts, und ein Nichts kann man weder wollen noch denken. Nach diesem Nichts steigt freilich etwas auf, wenn sie das Erste der ehelichen Liebe, das der Geschlechtsliebe angehört, spüren. Nur in Unkunde dessen, was Keuschheit wirklich ist, nennt man oft Kinder und Jugendliche keusch (150). Auch Eunuchen kann Keuschheit nicht zugesprochen werden (151), und ebensowenig denen, die sich nur äußerlicher Gründe wegen der Ehebrüche enthalten, z.B. aus Furcht vor dem Gesetz und seinen Strafen oder vor Verlust des guten Rufes und der Ehre, aus Furcht vor den Vorwürfen der Frau und daher unruhiger Häuslichkeit oder vor der Rache des Ehemannes, aus Armut, Geiz oder Impotenz, oder endlich aus bloßer Feigheit, körperlich das zu tun, was man im Geiste doch begeht (153).

 

12,0 - Ehe und Ehelosigkeit

12,1 - Vorrang der Ehelosigkeit?

Heute schlagen die Wellen des Sex hoch empor, nachdem man Jahrhunderte lang die Oberflache des Meeres der geschlechtlichen Beziehungen mühsam geglättet hatte, obwohl es darunter immer mächtig rumorte. Um den Wasserspiegel ruhig zu erhalten, goß man darauf auch noch das Öl der als reiner, keuscher, geistiger empfohlenen Ehelosigkeit. Da die Kirchen die Heiligkeit der Ehe allein vom Verhältnis Christus‑Kirche ableiteten, kann, wie schon gesagt, auch eine nur männliche oder nur weibliche Menschengruppe Braut‑Gemeinde sein, ja, der Ehelose kann in einem reineren, ungestörteren, nicht durch Sexuelles befleckten Ver­hältnis zum Bräutigam Christus stehen. Die kirchliche Lehre gab des­halb dem Eheverzicht, der Enthaltsamkeit vom Geschlechtsverkehr, der Askese den Vorrang vor der Ehe oder legte zum mindesten diesen Weg als Gott ebenso wohlgefällig nahe.

Man berief sich auf Jesus. Nach seinen Worten über Ehe und Eheschei­dung sagen die Jünger: „Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist's nicht ratsam, ehelich zu werden“, und Jesus antwortet: „Dies Wort fassen nicht alle, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind, und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben. Wer es fassen kann, der fasse es!“, Matth. l9, 10 -12. Das bedeutet: die einen enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an dazu unfähig sind, die anderen, weil sie von Menschen für die Ehe untauglich gemacht wurden, die dritten, weil sie um des Himmels willen auf die Ehe ver­zichten. Das wird meist dahin interpretiert, daß Jesus den beiden vom Menschen unverschuldeten und körperlichen Gründen für Ehelosigkeit einen dritten selbstgewählten, berechtigten, ja höchst empfehlenswer­ten geistigen gegenübergestellt habe. Wie aber sollte der Herr seine Schöpfung so verraten und das, was Er doch selbst geschaffen und in den Menschen gelegt hat, derart erniedrigen, daß Er selbst empfiehlt, es zu meiden? Nein, Jesus zählt hier die drei Gründe der Ehelosigkeit nacheinander auf und stellt sie der Ehelichkeit gegenüber: „Es gibt . . . Oder es gibt . . . oder es gibt . . . „; auf den letzteren werden wir unten zu sprechen kommen. „Das Wort“ von der wahren Ehelichkeit - „Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer sie (den Menschen) von Anfang an als Mann und Weib geschaffen hat und gesagt: Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden Ein Leib sein. Somit sind sie nicht mehr zwei, sondern Ein Leib. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht schei­den“, Matth. 19, 4-6,  dies Wort von der vom Schöpfer gemeinten Zusammenfügung der beiden Geschlechter in der ehelichen Liebe „faßt nicht jedermann, sondern nur der, dem es gegeben ist“, der den Grund und den Sinn dieser Zerteilung und Wiederzusammenfügung versteht.

Man berief sich auch auf Paulus: „Was aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt, so ist es für den Menschen gut, kein Weib zu berüh­ren. Aber um der Verhütung von Unzuchtssünden willen soll jeder seine Frau und jede ihren Mann haben“, 1. Kor. 7, 1-2. Ein wahrhaft dürf­tiger Grund, der von wenig Einsicht in die von Jesus angesprochene Schöpfungsordnung zeugt! „Ich wünschte freilich, daß alle Menschen wären wie ich“, nämlich ehelos. „Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich jedoch nicht enthalten können, so mögen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. Bist du frei von einer Frau, so suche keine Frau!“ 1. Kor. 7, 7-9 und 27. Aber das sind Worte des Paulus, aus den ihn umgebenden chaotischen sexuellen Zuständen wohl zu verstehen, nicht aber Worte des Herrn! Er schreibt ja selbst: „Dies sage ich als Zugeständnis, nicht als Befehl und: so ist es „nach meiner Meinung“, wenn er auch hinzufügt: „Ich glaube aber, den Geist Gottes zu haben“, 1. Kor. 7, 6. 40. Er fürchtet, die Ehe ziehe „von des Herrn Sache“ ab: „Wer ledig ist, der sorgt für des Herrn Sa­che, wie er dem Herrn gefallen möge; der Verheiratete aber sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er seiner Frau gefallen möge. Die Unver­heiratete sorgt sich um die Dinge des Herrn, damit sie heilig sei an Leib und Geist, die Verheiratete dagegen sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie ihrem Mann gefallen möge“,     1. Kor. 7, 32-34. Seltsam und unbegreiflich ist dabei nur, warum der Schöpfer, dem es doch darum gegangen sein muß, im Menschen ein Geschöpf zu schaffen, das sich „um Seine Dinge sorge, wie er Ihm gefalle“ und das „heilig an Leib und Geist“ sein solle, diesen Menschen in zwei verschiedenartige Geschlech­ter geteilt und ihm damit eine so peinliche und so drückende Bürde auferlegt hat, der man am besten entgeht, indem man sie ignorierte. Deutlich spricht der Wunschtraum aus dem Satz eines modernen Theo­logen: Im Himmel sind die Menschen „bewußt denkende Persönlich­keiten, mit himmlischer Leiblichkeit versehen, die frei ist von irdischer Geschlechtlichkeit.“

Eine recht sonderbare Begründung der Ehelosigkeit lesen wir endlich bei Karl Barth: „Die Folge der Ehe, nämlich die Zeugung des Kindes, war nur im Judentum so wichtig, weil der Messias gezeugt werden mußte  seit Er da war, ist auch der Eheverzicht rechtens“. Die Folge so vertrackter Gedankengänge ist also auch noch die Verständ­nislosigkeit für die ewige Dynamik der Schöpfung, „deren Erhaltung eine fortlaufende Kette von Zeugungen ist.“

12,2 - Gleichstellung von Ehe und Ehelosigkeit?

Heute bemühen sich Psychologen, der Ehe wenigstens den gleichen Rang wie der Ehelosigkeit zu verschaffen: „Der Christ weiß, daß auch die Askese ein Weg zu Gott ist, aber es sollte klarer und nachdrückli­cher betont werden, daß eine vollkommen gelebte menschliche Liebe gleichfalls von Gott Zeugnis ablegt“. Oder man  begründet die Auf­wertung der Ehe aus der in ihr möglichen intensiven Wechselbeziehung und Partnerschaft: Als Ebenbild Gottes ist der Mensch ein „Wesen in der Beziehung“, ist die menschliche Existenz essentiell „Existenz in der Gemeinschaft“. Diese Gemeinschaft ist Primär Gemeinschaft zwi­schen Mann und Frau, sexuelle Gemeinschaft, denn nirgendwo sonst erfährt und verwirklicht der Mensch so umfassend seine Bestimmung, in gegenseitiger Ergänzung, in persönlicher Kommunikation Mensch zu werden. Aber dann tönt es wieder von der anderen Seite: Viele Tendenzen unserer Zeit widersprechen dieser Einseitigkeit, mit der hier Ehe und Familie als „die lebendige Zelle der Gemeinschaft“ erschei­nen.

Nochmals zusammengefaßt beide Wege als gleich möglich und empfeh­lenswert: „Das Ebenbild Gottes wird nicht von vollkommenen Einzel­menschen dargestellt wie etwa in der Antiken sondern von partner­schaftlichen Paaren. Diese können aber grundsätzlich zwei verschiede­ne Formen haben, zwei verschiedenen Typen angehören: Die Ehe ist die Form von Partnerschaft, in der Mann und Frau zwar nicht ver­schmelzen, aber dennoch „ein Fleisch“ werden, was wir am besten über­setzen mit „ein neues Geschöpf“ oder „eine neue Person“. Daneben gib es eine andere Form von Partnerschaft, in der Mann und Frau ledig, d.h. Kreis bleiben. Sie bilden miteinander keine neue Person, sondern sie bleiben zwei freie Personen, wenn auch partnerschaftlich verbunden. Man kann nicht sagen, die partnerschaftliche Ordnung gelte für die Ledigen „weniger“ als für die Verheirateten, aber sie ist bei ihnen anders. Es gelten bei beiden verschiedene „Spielregeln“ der Partnerschaft. Auch eine solche Beziehung kann die wesentlichen Kennzeichen echter Part­nerschaft besitzen, insbesondere die Liebe, Treue, gegenseitige Verant­wortung und das gemeinsame Vor‑Gott‑Stehen“(Bovet).

So schwankt man hin und her und kommt bestenfalls zur Gleichrangigkeit von Ehe und vielartiger nichtehelicher Partnerschaft. Das ist nur möglich, wenn man „nicht die Geschlechtlichkeit in den Mittel­punkt stellt, sondern die Partnerschaft“, aber das muß man doch, wenn man sein Thema „Sexualethik und sexuelle Partnerschaft“ nicht ver­fehlen und das Spezificum der mannweiblichen Beziehungen nicht ignorieren will. Man vermischt zweierlei grundverschiedene Problem­kreise, den der Beziehungen der Geschlechter und den der allgemein mitmenschlichen Beziehungen, miteinander. Beim ersteren steht eben gerade und unabdingbar die Geschlechtlichkeit im Mittelpunkt, der andere gehört zur Lebensaufgabe jedes Menschen, sei er Mann oder Frau. Und man vermischt die eheliche „Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung und das gemeinsame Vor‑Gott‑Stehen“ von Mann und Frau, unlösbar verbunden mit ihrer verschiedenartigen Form des Menschseins, mit der mitmenschlichen, karitativen und sozialen und Menschenge­meinschaft gestaltenden „Liebe, Treue, gegenseitigen Verantwortung“ und dem „gemeinsamen Vor‑Gott‑Stehen“ aller Menschen.

12,3 - Der Vorrang der Ehe

In Swedenborgs Schau hat beides seinen ihm eigenen, grundverschiede­nen und nicht austauschbaren Platz. Der Eheverzicht kann zur Se1bst­erziehung und Läuterung und zur „Sorge um die Dinge des Herrn“ von Nutzen sein, aber immer kommt es darauf an, daß der Mensch dennoch und dabei die Idee des Schöpfers nicht aus den Augen verliert, deren Sinn und Ziel eben nicht die Isolierung der Geschlechter, sondern ihre „Zusammenfügung“ ist. “Wer es fassen kann, der fasse es!“ Die leibli­che Enthaltsamkeit vom Abgleiten in Hurerei ist nicht schon Keusch­heit, wie viele meinen. Sie ist es nur, wenn sie geistig ist. Der Geist des Menschen, sein Gemüt mit seinen Neigungen und Gedanken bewirkt das Keusche oder Unkeusche bis zum Körperlichen (153). Der Stand der Ehe ist dem der Ehelosigkeit aber vorzuziehen, weil sein Ursprung von der Schöpfung her die Ehe des Guten und Wahren, der Liebe und Weisheit, des Wollens und Denkens ist und weil eine Entsprechung des­selben mit der Ehe des Herrn und der Kirche besteht. Da die Kirche und die eheliche Liebe einander beständig begleiten, ist die Nutzwir­kung der wahrhaft ehelichen Verbindung von Mann und Weib ausge­zeichnet vor allen übrigen Nutzwirkungen der Schöpfung. Auf ihm be­ruht der Ordnung gemäß die Fortpflanzung des menschlichen Ge­schlechts und des Engelshimmels. Die Ehe ist die Vervollständigung des Menschen, durch sie wird er vollständiger Mensch. Stellt man dagegen den Satz auf, der Stand der Ehelosigkeit sei besser als der Stand der Ehe, so folgt daraus, daß die Ehen nicht so heilig sind, ja daß besonders im weiblichen Geschlecht die Keuschheit nur denen zukomme, die sich der Ehe enthalten und beständige Jungfrauschaft geloben, außer noch anderem, was aus diesem unwahren Satz hervorgeht (l56).

Keuschheit kann auch nicht generell denen zugeschrieben werden, die der Ehe entsagt und beständige Ehelosigkeit gelobt haben, denn sie ver­stoßen infolge ihres Gelübdes die eheliche Liebe, die allein keusch ist. Da ihnen dennoch von der Schöpfung und von der Geburt her die Nei­gung zum anderen Geschlecht innewohnt, geht sie, eingeschränkt und unterdrückt, allzuleicht in eine Glut über, die vom Körper in den Geist aufsteigt, diesen anfällt und ihn befleckt. Wirklich keusch sind von de­nen, die diesen Stand gewählt haben, um sich von der Welt zurückzu­ziehen und sich dem Dienste Gottes zu weihen, nur die, in denen die Liebe zum wahrhaft ehelichen Leben entweder vor ihrem Entschluß vorhanden war oder nachher entsteht und bleibt, denn nur in Bezie­hung auf die Liebe zu diesem Leben kann, wie gesagt, von Keuschheit und Reinheit gesprochen werden (155). Somit hat der Stand der Ehe wegen seines Ursprungs, seines Wesens und seiner Funktion für die Schöpfung Vorrang vor dem der Ehelosigkeit.

12,4 - Das Lebenspensum der Ehelichen und der Ehelosen

Wir wissen, daß nicht jeder Mensch während seines Lebens auf Erden den rechten Partner findet oder nicht jeder mit dem Partner, dem er wahrhaft ehelich verbunden sein könnte, verheiratet ist. Entscheidend ist nach Swedenborg, daß der Mensch vom rechten Ziel weiß und es er­sehnt und sein Gemüt nicht dem Wunsch nach ehelicher Verbindung entfremdet, daß man spürt, daß er als Nur‑Mann, sie als Nur‑Weib nicht ganzer Mensch sein kann. Im Erdenleben haben beide Stände, der ehe­lose und der eheliche, ihre Probleme: Der unverheiratete Mann hat es schwerer, „geistig“ zu werden, denn er muß selbst besorgen was Sache seiner Partnerin wäre, und die Gefahr der Eitelkeit lauert desto mehr, je höher er steht. Die unverheiratete Frau sehnt sich im allgemeinen mehr nach einer Ehe als der Mann, weil sie spürt, daß ihre besten Kräfte brach liegen und auch in einer Ersatzaufgabe nicht völlig zum Zuge kommen. Sie kann die Liebesfähigkeit, ihr Lebenselement, nicht „an den Mann bringen“. Ist der Mann verheiratet, aber nicht mit der richti­gen Partnerin, dann hilft ihm auch die Ehe wenig, ja sie kann ihm Fes­seln anlegen, sodaß er, wie Paulus sagt, „sich sorgt um die Dinge der Welt, nämlich wie er der Frau gefalle“. Ist die Frau mit dem falschen Partner verheiratet, dann hat sie es leichter, trotzdem ihre Hingabefähigkeit in der Ehe oder in einem sozialen Dienst wachsen und reifen zu lassen. Für beide Teile aber gilt, daß manche Ehelose innerlich ehelicher gesonnen sind als äußerlich Verheiratete.

Das Lebenspensum ist immer gleich schwer. Viele vergessen bei der Heirat, daß zur Führung und Gestaltung einer rechten Ehe Phantasie, Rücksichtnahme, ständiges Aufeinander‑Eingehen, stündlich neuer Ein­satz und täglich neue Hochzeit nötig sind. Es ist nicht so leicht, wie es besonders jungen Menschen scheint, „eine Ehe so zu leben, daß sie die ihr eigene tiefe Idee verkörpert, daß sie wie ein Kunstwerk erscheint. Die auf höherem Niveau geführte Ehe setzt ein gehobenes Menschen­tum bei der Frau wie beim Mann voraus. Beide dürfen nicht müde wer­den, an ihrer Gemeinschaft zu bauen, unablässig müssen sie die Verant­wortung fühlen, nie dürfen sie bequem werden. Die Aufgabe, die das Größte und Kleinste Umfaßt, ist für beide Geschlechter dieselbe, muß jedoch verschiedenartig gelöst werden“.

 

13,0 - Die innige Verbindung der Seelen und Gemüter

13,1 - Das Streben nach Verbindung zur Einheit

Vom Herrn gehen viele Sphären aus, so z.B. die Sphäre der Erhaltung des geschaffenen Weltalls, die Sphäre der Beschützung des Guten und Wahren gegen das Böse und Falsche, die Sphäre der Besserung und Wie­dergeburt, die Sphäre der Unschuld und des Friedens, die Sphäre der Barmherzigkeit. Die universelle Sphäre aller Sphären aber ist die eheli­che Sphäre, weil diese auch die Sphäre der Fortpflanzung und so die altüberragende Sphäre der Erhaltung des geschaffenen Weltalls durch einander folgende Zeugungen ist. Deshalb sind Ehen auch in den Him­meln, und zwar die vollkommensten im dritten oder obersten Himmel, und deshalb gibt es dergleichen außer in den Menschen auch in allen Tierwesen bis zu den Würmern hinab und auch in allen Pflanzen von den Ölbäumen und Palmen bis zu den geringsten Gräsern. Daß diese Sphäre noch universeller ist als die Sphäre der Wärme und des Lichtes, die aus der Sonne unserer Welt hervorgehen, kann die Vernunft daraus erkennen, daß sie auch bei Abwesenheit der Sonnenwärme wirkt, im Winter, und bei Abwesenheit des Sonnenlichtes, in der Nacht. Das rührt daher, daß sie aus der Sonne des engelischen Himmels herstammt, deren Wärme und Licht, das heißt Gutes und Wahres, immer ausgegli­chen verbunden und darum in fortwährendem Frühling sind (222).

Die universelle Sphäre der ehelichen Liebe oder die dem Guten und Wahren von der Schöpfung her eingepflanzte Neigung sich in Eins zu verbinden, stammt daher, daß das Eine aus dem Anderen gebildet ist: die Weisheit aus der Liebe, weise zu sein, oder das Wahre aus dem Gu­ten und die Liebe zur Weisheit aus dieser Weisheit oder das Gute des Wahren aus diesem Wahren. Wechselseitig streben sie danach, sich wie­der zu vereinigen und sich in Eines zu verbinden. Dies geschieht bei den Männern, die in der echten Weisheit sind, und bei den Frauen, in denen die Liebe zu dieser Weisheit im Manne wohnt, also bei denen, die in der wahrhaft ehelichen Liebe sind (89).

Da die Fähigkeit zur Verbindung des Männlichen mit dem Weiblichen schon von der Schöpfung her eingepflanzt ist und ihnen deshalb fort­während innewohnt, verlangt und strebt das eine nach der Vereinigung mit dem anderen. Die Liebe, an sich betrachtet, ist nichts anderes als der Wunsch und aus diesem das Streben nach Verbindung, die eheliche Liebe ein Streben nach Verbindung zur Einheit. Mann und Frau sind so geschaffen, daß aus zweien gleichsam Ein Mensch werden kann oder Ein Fleisch. Dann sind sie miteinander Ein Mensch in seinem Vollbe­stand; ohne diese Vereinigung sind sie zwei und jedes für sich wie ein geteilter oder halber Mensch (37). Jeder Mensch besteht aus Seele, Ge­müt und Körper; die Seele ist sein Innerstes, das Gemüt sein Mittleres, der Körper sein Äußerstes und Letztes. Die Seele ist ihrem Ursprung nach himmlisch, das Gemüt geistig, der Körper natürlich, irdisch. Das, was dem Ursprung und Ziel nach himmlisch und geistig ist, ist nicht im Raum und erscheint nicht im Raum, so die Seelen und Gemüter der Menschen. Eben darum aber können sie, im Gegensatz zu den Körpern, wie in Eins verbunden werden, und dies geschieht bei Ehegatten, die sich gegenseitig innig lieben. Es wurde gesagt „wie in eins“, denn da das Weib aus dem Mann erschaffen wurde und jene Verbindung eine Art von Wiedervereinigung ist, so ist sie nicht eine Verbindung in Eins, sondern eine Anschließung, eng und nahe je nach der ehelichen Liebe bis zum verzückten Aneinanderschmiegen bei denen, die in der wahr­haft ehelichen Liebe sind. Diese Anschließung kann man auch ein gei­stiges Zusammenwohnen nennen; es findet statt bei den Ehegatten, die sich zärtlich lieben, so weit sie auch räumlich voneinander entfernt sein mögen (158). „Eheleute sollen so leben, daß sie abwesend mit heiterer Rührung aneinander denken. Und sie sollen in Großmut miteinander wetteifern. Die Gleichheit der Interessen muß bis zur Identität gehen, denn sie sollen ,eine einzige moralische Person' ausmachen“ .

Das Wollen der Frau verbindet sich mit dem Denken des Mannes und infolgedessen das Denken des Mannes mit dem Wollen der Frau. Wie schon gesagt, wird der Mann geboren, daß er Denken sei, die Frau aber daß sie liebendes Wollen jenes Denkens des Mannes werde. Deshalb gibt es eine eheliche Verbindung des Wollens der Frau mit dem Denken des Mannes und eine rückwirkende Verbindung des Denkens des Mannes mit dem Wollen der Frau. Da zwischen beiden die engste Verbindung besteht, kann das eine Vermögen in das andere eingehen und durch diese und in dieser Vereinigung Freude empfinden (159). Die Frauen sind als Liebe geboren, die Männer aber, mit denen sie sich ver­einigen sollen, damit sie wieder geliebt werden, sind Aufnehmer dieser Liebe. Die Liebe kann nichts anderes als lieben und sich vereinigen, um wieder geliebt zu werden; das ist ihr Leben. Deshalb ist die Liebe und das Streben nach Vereinigung in den Frauen fortwährend wirksam und beständig und fortdauernd. Beim Mann dagegen ist die Bereitschaft zur Aufnahme bald vorhanden, bald nicht vorhanden und die Neigung zu jener Verbindung unbeständig und wechselnd je nach den Sorgen, die eine Unterbrechung bewirken, oder nach den Veränderungen der Wär­me in seinem Gemüt aus mancherlei Gründen (160).

13,2 - Die allmähliche Verbindung

Die Verbindung der Ehegatten geschieht nach und nach, von den ersten Tagen der Ehe an, und sie wird bei denen, die in der wahrhaft ehelichen Liebe sind, in Ewigkeit immer inniger und inniger. Die erste Wärme der Ehe verbindet nicht, denn sie hat noch etwas von Geschlechtsliebe in sich, die Sache des Körpers, nicht des Geistes ist. Was aus dem Kör­per ist, währt nicht lange; die Liebe aber, die aus dem Geist im Körper ist, dauert fort. Sie dringt in die Seelen und Gemüter der Ehegatten zugleich mit Freundschaft und Vertrauen ein, und so entsteht die ehe­liche Liebe, die die Herzen öffnet und ihnen die Seligkeiten der Liebe einhaucht (162).

Von jedem Menschen geht eine geistige Sphäre aus den Regungen sei­ner Liebe hervor. Sie umgibt ihn und strömt in die natürliche Sphäre, in die des Leiblichen ein, und beide verbinden sich miteinander. Nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren und ebenso den Bäumen, Früchten und Blumen, ja sogar den Metallen entströmt fortwährend eine natürliche Sphäre. So ist es auch in der geistigen Welt: die den Subjekten dort entströmenden Sphären sind geistig, ganz besonders die aus den Geistern und Engeln, denn sie haben inwendigere Regungen der Liebe und daraus Wahrnehmungen und Gedanken. Alles Sympathi­sche und Antipathische hat hier seinen Ursprung, auch alle Verbindung und Trennung, Gegenwart und Abwesenheit, denn das Gleichartige oder Zusammenstimmende bewirkt Verbindung und Gegenwart, das Ungleichartige oder Widerstrebende dagegen Trennung und Abwesen­heit. In der geistigen Welt wird die Entfernung der Subjekte durch die Sphären bestimmt. Den Einsichtigen ist bekannt, was solche geistigen Sphären auch in der natürlichen Welt bewirken; die Zuneigungen der Ehegatten zueinander haben hierin ihren Ursprung: einmütige und zu­sammenstimmende Sphären vereinigen sie, widrige und mißhellige da­gegen trennen sie, denn die ersteren sind angenehm und erfreulich, die letzteren dagegen unangenehm und unerfreulich. Die Engel, denen ein klares Innewerden der Sphären gegeben ist, sagten mir: Jeder Teil des Menschen, inwendig in ihm und auswendig an ihm, erneuert sich fort­während durch Auflösung und Neubildung, und von daher stammt die fortwährend ausströmende Sphäre. Diese umgibt ihn rundum, freilich dichter vorne, von der Brust her, dünner hinten vom Rücken her, und die vordere verbindet sich mit dem Atem. Deshalb liegen Ehegatten, deren Gesinnungen und Neigungen voneinander abweichen, im Ehebett voneinander abgewandt, Rücken gegen Rücken, die dagegen, deren Ge­sinnungen und Neigungen harmonieren, einander zugekehrt. Die Sphä­ren, die aus jedem Teil des Menschen hervorgehen, verbreiten sich weit um ihn her; sie verbinden oder trennen Eheleute nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, und daraus entstehen alle Unterschiede und Mannigfaltigkeiten der ehelichen Liebe. Endlich sagten sie, die von einer zärtlichen Frau ausströmende Sphäre der Liebe werde im Himmel wie Wohlgeruch empfunden, noch weit lieblicher, als auf Erden vom jungen Ehemann in den ersten Tagen nach der Hochzeit (171). Die Ehe­gatten werden, sich verbindend, mehr und mehr Ein Mensch (177), denn die wahrhaft eheliche Liebe ist eine Vereinigung der Seelen, eine Verbindung der Gemüter und ein Streben nach Verbindung in der Brust und von da aus im Körper (179).

13,3 - Die Idee des Ewigen in der Ehe

Die in der wahrhaft ehelichen Liebe sind, schauen auf das Ewige, denn in dieser Liebe ist Ewigkeit. Im Ehemann wächst die Weisheit, in der Ehefrau die Liebe in Ewigkeit fort, und in diesem Wachsen und Fort­schreiten gehen beide völliger und völliger in die Seligkeiten des Him­mels ein. Würde die Idee des Ewigen ausgerissen oder durch ein Ereig­nis den Gemütern entfallen, dann wäre es, als würden sie aus dem Him­mel geworfen. In welcherlei Zustand Ehegatten im Himmel geraten, wenn in sie die Idee des zeitlich Begrenzten anstelle des Ewigen ein­dringt, durfte ich einmal miterleben: Als ein himmlisches Ehepaar bei mir war, wurde, um mir den Unterschied zu zeigen, einem redegewand­ten Gaukler erlaubt, von ihnen die Idee des Ewigen zu entfernen. Da begannen sie laut zu klagen, sie könnten nicht mehr leben, und fühlten einen nie gekannten Jammer. Als ihre Gesellen dies wahrnahmen, wur­de der Gaukler hinausgeworfen, und augenblicklich kehrten sie erlöst zur Idee des Ewigen zurück und umarmten sich zärtlich. Ein andermal beobachtete ich in der geistigen Welt ein Ehepaar, das zwischen der Idee des Ewigen und der des Zeitlichen in der Ehe schwankte, da sie beide innerlich unähnlich waren. Mit der Idee des Ewigen erfüllte sie zugleich herzliche Freude, trat aber an deren Stelle die des zeitlichen Begrenzten, dann sprachen sie: „Was heißt Ehe?“, und sie sagte: „Ich bin nicht Ehefrau, sondern Bettgenossin“, und er: „Ich bin nicht Ehe­mann, sondern Beischläfer!“ Schließlich trennten sie sich, aber später, als beide die Idee des Ewigen in ihre Auffassung von der Ehe aufnah­men wurden sie innerlich Ähnlichen als Gatten beigesellt. Auch die sich zärtlich liebenden irdischen Ehepaare denken ihre Ehe ewig und durchaus nicht trennbar durch den Tod. Denken sie an diesen, dann schmerzt sie das, aber der Gedanke der Fortdauer nach dem Hinschei­den richtet sie wieder auf (216).

„Der Verheiratete scheint mir dies als eigen zu haben: es gibt für ihn kein für sich sein mehr. Zwei Existenzen sind verwoben, eine ist für die andere ganz unausweichlich ihr Schicksal und lernt, in Beobachtung dieser zarten Gefahr, sich täglich mehr auf das Wachsen, Atmen, Rei­fen, Antworten, den geheimen Schmerz des anderen ein; selbst das in schweigender Brust Verschlossene würde doch durch eine unbewachte Gebärde für den anderen ein Licht oder ein Schatten werden; und es ist, als ob sie beide im Schlafe sprächen und jedes im Geheimnis des anderen tief eingelassen lebte. Dies steigert sich mit den Jahren und ist ganz unabhängig von allem leidenschaftlichen Wesen. Kinder geben die­sem Zustand noch eine so reiche und schwere Folge, daß sie gar nicht auszusprechen ist. Nun sind freilich in unserer Zeit die heiligen Ringe des irdischen Gemeinschaftslebens auseinandergeborsten; aber das hin­dert nicht, daß ins Geblüt des Verheirateten fragmentarisch und unvoll­endbar, aber doch deutlich und bis zur Herzensbitte gestaltet alle die Erfahrungen der Daseinsringe treten, in die er durch diesen Zustand aufgenommen ist“   (Max Kommerell).

 

14,0 - Die Fülle der ehelichen Liebe

14,1 - Die Seligkeiten der ehelichen Liebe

Die jede andere Lust übertreffende, hinreißende Erregung aller Sinne, der Reiz aller Reize und Genuß aller Genüsse, die Seligkeit aller Selig­keiten auch noch im nur sinnlich-körperlichen Vollzug ist letzter Ab­senker der himmlischen Fundamental‑ und Universalliebe. Ist der Or­gasmus und seine Wirkung auch von noch so kurzer Dauer, wird er auch von noch so untauglichen Subjekten erlebt, so ist seine Erregung und Lust dennoch nur von jener himmlischen Abkunft her zu erklären. In ihm sind alle Lustreize, alle Freuden und Wonnegenüsse von den ersten bis zu den letzten zusammengefaßt, alle Glückseligkeiten, Ent­zückungen und Vergnügungen, die irgend vom Herrn, dem Schöpfer, in den Menschen gelegt werden können. Freilich gilt das in seiner ganzen Fülle nur von einem sich ehelich liebenden Paar, in dem dadurch das Innerste der Körper und das Innerste der Gemüter so erweitert wird, wie die Wasserader ihre Quelle aufbricht und durchfließt (68). Da die wahrhaft eheliche Liebe heutzutage auf Erden selten ist, sodaß man kaum weiß, daß es sie wirklich gibt und wie sie beschaffen ist, seien ihre Freuden mit Worten von Engeln beschrieben: Die innigsten Freu­den der ehelichen Liebe, die den Seelen angehören, in die zuerst das Eheliche der Liebe und Weisheit oder des Guten und Wahren vom Herrn einfließt, sind nicht wahrnehmbar und deshalb unaussprechlich. Sie sind Freuden des Friedens und der Unschuld. Aber sie werden im Nie­dersteigen mehr und mehr wahrnehmbar: in den oberen Regionen des Gemütes als Seligkeiten, in den unteren Regionen als Glücksgefühle, in der Brust als Lustreize aus diesen, und aus der Brust ergießen sie sich in alles und jedes im Körper und vereinigen sich endlich im Letzten, im Geschlechtsakt, zur Wonne der Wonnen (69). Die Brust ist der Sammelplatz, das Zentrum, gleichsam ein königlicher Hof, und der Körper eine volkreiche Stadt um ihn her. Alles, was von der Seele und vom Gemüt aus in den Körper ausläuft, fließt zuerst in die Brust ein. Hier ist der Sitz der Herrschaft über alle Teile des Körpers, denn hier ist das Herz und die Lunge: das Herz herrscht durch den Blutkreislauf, die Fülle der ehelichen Liebe die Lunge durch den Atem überall. Wenn die Seelen und Gemüter der Ehegatten in wahrhaft ehelicher Liebe vereint sind, dann fließt diese liebesselige Vereinigung in die Brust und durch diese in den Leib ein und bewirkt das Verlangen nach leiblicher Verbindung. Die eheliche Liebe treibt dies Verlangen zu ihrem Letzten hin, um ihre Lust und Wonne in Fülle zu erleben und zu genießen (179).

14,2 - Die eheliche Vereinigung als Zusammenfassung aller Wonnen

Swedenborg wird nicht müde, die Seligkeiten der ehelichen Liebe in den Menschen und in den Engeln zu schildern: Die eheliche Liebe ist ein Streben nach Verbindung zur Einheit. Mann und Frau sind so ge­schaffen, daß aus ihnen beiden gleichsam Ein Mensch werden kann. Werden sie Eins, dann sind sie zusammen Ein Mensch im Vollbestand, ohne diese Verbindung sind sie zwei und jeder - jede wie ein geteilter oder halber Mensch (37).

Der Stand der wahrhaften Ehe eines Mannes und einer Frau ist das Kleinod des menschlichen Lebens und die Heimstätte der Menschwer­dung im Menschen. Das geht aus allem darüber schon Gesagten hervor: Des Menschen Leben ist so beschaffen wie die eheliche Liebe in ihm, denn sie bildet das Innerste seines Lebens. Das Leben der Weisheit, die mit ihrer Liebe zusammen wohnt, und das Leben der Liebe, die mit ihrer Weisheit zusammenwohnt, ist das Leben der gemeinsamen Selig­keit beider Partner. Der Mensch ist eine durch diese Liebe lebende Seele. Es sei auch wiederholt: Nur mit Einer Frau oder Einem Mann ist wahrhaft eheliche Freundschaft, Vertraulichkeit und höchstes Glück der geschlechtlichen Vereinigung möglich, weil nur dann eine eheliche Vereinigung auch der Gemüter stattfindet. In der ehelichen Liebe liegen alle himmlischen Seligkeiten, geistigen Wohlgefühle und daher natürli­chen Wonnen beisammen und gehen aus ihr hervor, von Urbeginn an für die vorgesehen, in denen der Sinn der wahrhaft ehelichen Liebe wohnt (457 ).

In der ehelichen Liebe sind alle Freuden und Wonnegenüsse von den ersten bis zu den letzten zusammengefaßt, weil ihr Ursprung in der Ehe des Guten und Wahren, die vom Herrn herrührt, zu finden ist, und weil diese Liebe so beschaffen ist, daß sie mit dem anderen, den man von Herzen liebt, alle Freuden teilen, ja sie in ihn übertragen und daraus selbst die seinigen schöpfen will. Und dies will unendlich mehr die Göttliche Liebe im Herrn. Sie will sich in den Menschen übertragen, den Er zum Aufnahmegefäß der Liebe und der Weisheit, die aus Ihm hervorgehen, geschaffen hat. Und weil Er ihn als dieses Aufnahmegefäß geschaffen hat - den Mann zur Aufnahme der Weisheit, die Frau zur Aufnahme der Liebe zur Weisheit des Mannes ‑, hat Er auch vom In­nersten her den Menschen die eheliche Liebe eingegossen, um alles Seli­ge, Beglückende, Angenehme und Erfreuliche, das einzig aus Seiner Liebe durch Seine Weisheit hervorgeht, in sie übertragen zu können. Die in der wahrhaften ehelichen Liebe leben, sind die rechten Aufneh­menden. Ihre Zustände sind Unschuld, Friede, Gemütsruhe, innigste Freundschaft, volles Vertrauen und gegenseitiges Verlangen, einander alles Gute zu erweisen (180).

14,3 - Einheiligung des Sexuellen

In der wahrhaft ehelichen Liebe wird der Sex, die Sinnenfreude in der geschlechtlichen Vereinigung, nicht überwunden oder ausgelaugt, son­dern erst in ihr wird die Lust im Geschlechtsakt zur wahren, dauernden Seligkeit, ohne Gier, ohne Geilheit und ohne nachfolgenden Überdruß und Ekel. In diesem Sinn „reichen Mann und Weib und Weib und Mann an die Gottheit an“, sind „Mann und Weib den Göttern gleich“, wie wir es in der „Zauberflöte“ mit Mozarts Klängen hören. Nur in diesem Sinn, denn daß auch die Menschen Geschöpfe sind und nicht Götter und schon gar nicht Gott, das wird gerade von Swedenborg immer wie­der betont. Karl Barth hat gegen die auch von Swedenborg beeinflußte Auffassung Schleiermachers und der Romantiker von der Ehe und der Verbindung von Religion und Erotik eingewandt, dies sei ein „übergriff in Apotheose“, die das Menschliche „der Kreatursphäre entrückt. Der Mensch wird zum Subjekt der Heilsgeschichte, zum Spender der Gnade. Aus der Analogie (Gott‑Mensch = Christus‑Braut) wird Identität. Den Ort der Kreatur - wo Gott als Gott erkennbar ist und wo Gott Men­schen sucht und findet und wo Gott Gebote aufrichtet - hat man mut­willig verlassen“, indem man „die Liebenden zu Göttern“ erhoben hat. Wohl sind die Romantiker zuweilen über das Ziel hinausge­schossen, aber sie haben etwas zutiefst Wahres gespürt. Barth bemerkt nicht, daß er, weil er die Analogie der Seligkeit bei der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau mit der ehelichen Vereinigung des Ewig‑Weiblichen mit dem Ewig‑Männlichen im Schöpfer sowie die Ana­logie des Zeugens, Empfangens und Gebärens des Kindes mit der Gött­lichen Schöpferlust in der Schöpfung Seiner Schöpfung nicht sieht, den Geschlechtsverkehr der bloßen Triebbefriedigung und Fortpflan­zungstechnik anheim gibt. Vor lauter Eifer für den Hinweis auf die prinzipielle Andersartigkeit des Kreators entwürdigt er die „Kreatur­sphäre“ zur vom Schöpfer getrennten Materie, ihre Lust zur bloßen Sinnenlust und verläßt „mutwillig“ den Ort, von dem aus uns ganz be­sonders intensiv und transparent eine Ahnung von dem tiefen Zusam­menhang zwischen Kreator und Kreatur geschenkt werden kann. Er vereitelt damit selbst die einzige Möglichkeit der Erfüllung seiner For­derung nach „Einheiligung des Geschlechtslebens“.

Swedenborg blutet die eheliche Verbindung von Mann und Frau nicht aus zur Partnerschaft, Mitmenschlichkeit, agape ‑ wozu ja nicht zwei­erlei Menschen nötig wären! -, sondern er führt gerade das Allerirdisch­ste darin, die Lust bei der körperlichen Vereinigung, zurück und hinauf in die letzten und höchsten Zusammenhänge und heiligt sie damit. Horst Bannach berichtet, er sei bei der Planung eines Zeitschriftenhef­tes über die Liebe gefragt worden: „Welche Liebe ‑ die Agape oder die andere?“ und fährt fort: „So ist das bei uns. Wir haben mehrere Sorten Liebe, und die Philosophen unter uns pflegen zu bedauern, daß wir für diese verschiedenen Sorten - Agape, Eros, Sexus - nur das eine Wort Liebe zur Verfügung haben. Man sollte sie sorgfältig auseinander­halten können, mindestens doch die himmlische und die irdische Liebe, damit kein heftiger Drang und kein ungezügelter trieb die reine Land­schaft trübt. Die Folgen dieser Zertrennung sind verheerend. In unserer himmlischen Liebe brennt kein Feuer mehr, und die irdische Land­schaft ist verwildert. Wer weiß, ob die Liebe zwischen Mann und Frau das Muster abgegeben hat für alles, was den Namen Liebe ver­dient. Und zu vermuten ist, daß alle, die sich dessen schämen, die die Liebe geläuterter und sauberer machen wollen, an ihrer Zerstörung arbeiten.

14,4 - Das hohe Lied der ehelichen Liebe

Hören wir noch einmal Swedenborg: Da die eheliche Liebe die Funda­mental‑Liebe aller guten Liebesarten ist und dem Allereinzelnsten des Menschen eingepflanzt, übertrifft ihr Angenehmes das Angenehme aller anderen Liebesarten. In dieser Liebe ist alle Lust von der ersten bis zur letzten, von der innersten bis zur äußersten versammelt (68). Der Mann nimmt vom Weibe die schöne Röte ihrer Liebe an, die Frau vom Manne den glänzenden Schimmer seiner Weisheit, denn die beiden Ehegatten sind den Seelen nach vereinigt, und in beiden gemeinsam erscheint die Fülle des Menschlichen (192).

Ich habe von Engeln gehört, daß sie wahrnahmen, wie die Wonnen der ehelichen Liebe bei ihnen erhöht und erfüllt werden, wenn sie von keuschen irdischen Ehegatten zu ihnen heraufsteigen. Auf die Frage, ob es sich so auch mit den letzten Freuden verhalte, antworteten sie leise: „Wie denn anders? Sind diese nicht jene in ihrer Fülle?“ (144) Ein Engel sagte: „Wir zwei sind Eins, ihr Leben ist in mir, mein Leben ist in ihr. Wir sind zwei Gestalten, aber Eine Seele. Unsere Vereinigung ist wie die der zwei Kammern in der Brust, dem Herzen und der Lunge: sie ist mein Herz, und ich bin ihre Lunge. Und weil wir hier unter Herz die Liebe und unter Lunge die Weisheit verstehen, so ist sie die Liebe meiner Weisheit, und ich bin die Weisheit ihrer Liebe, ihre Liebe um­hüllt von außen her meine Weisheit, und meine Weisheit ist von innen her in ihrer Liebe“. Da ward unsere Umgebung wie mit Gold überzogen, und ich fragte: „Woher kommt dies?“ Er antwortete: „Vom flammen­den Licht, das wie Gold glänzt und alles bestrahlt und durchdringt, während wir über die eheliche Liebe sprechen. Die Wärme aus unserer Sonne die in ihrem Wesen Liebe ist, entbindet sich dabei und färbt das Licht, das in seinem Wesen Wahrheit ist, mit ihrem Gold, und dies ge­schehe weil die eheliche Liebe in ihrem Ursprung das Spiel der Weis­heit und der Liebe ist. Von daher stammt auch das Ergötzliche dieses Spiels in der ehelichen Liebe und aus ihr das in unserer Liebe (75).

14,5 - Blick nach Indien

Swedenborg steht mit seiner Schau der ehelichen Liebe vom Sexuellen bis zum Himmlischen im Abendland einsam da, nicht so einsam aber, wenn wir uns weiter umschauen. Mit seinem Hymnus auf die eheliche Liebe, die Fundamental‑ und Universalliebe aller himmlischen und irdi­schen Liebesarten, trifft er sich mit der uralten indischen Schau. Ein indischer Hymnus auf die Trinität, die hinter der für den ersten Blick verwirrenden vielfältigen Götterwelt steht, lautet:

Vischnu ist Schiwa

Schiwa ist Brahma

Eins ist die Gestalt

Sie sind die drei:

Wischnu, Schiwa, Brahma.

Edel sind sie

Schöpfer der Welt

Beschützer der Welt

Seiend aus sich selbst.

Sie sind der Herr

Mann und Weib zugleich.

Die Zweigeschlechtlichkeit ist urangelegt im Schöpfer. In Ihm ist das Ur‑Sein und das Ur‑Dasein, die ewige Liebe und die ewige Wahrheit, seiend aus sich selbst, aus denen die Schöpfung als Wirkung hervorgeht. Und da die Inder alles anschaulich darstellen, sind ihre Tempel erfüllt mit Plastiken von göttlichen Liebespaaren: der Gott hat stets seine Schakti bei sich und wird in Umarmung und Liebesspiel mit ihr gezeigt. Androgyne Götterbilder endlich, zur hälfte männlich, zur Hälfte weib­lich, wollen sagen: dieses Männliche und Weibliche gehören innig zu­sammen, und aus dieser innigsten Vereinigung entsteht fortwährend alle Schöpfung. „Diese Anerkennung der Liebe und Sinnenlust als eines essentiellen Teiles alles wahren Lebens und die daraus erwachsene Kul­tivierung der Liebe haben sich auf das ganze indische Leben ausge­wirkt und schon frühzeitig in den Künsten, in der Poesie, in den Mär­chen, Sagen und Liedern des Volkes ihren Niederschlaggefunden. Erst im Gleichklang der männlichen und weiblichen Kräfte ersteht der ganze Mensch. ‑ Was wir heute an Heuchelei auf der einen und an bestialisch­liebeloser Nur‑Sexualität auf der anderen Seite in der weißen Welt erle­ben, ist dem Inder gleichermaßen fremd. Wie sehr die Problematik des Geschlechtlichen geradezu erst geschaffen wird, läßt sich an der inneren Revolution Asiens heute ständig beobachten“    (Hans Hasso von Velt­heim ‑ Ostrau).

 

15,0 - Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts

15,1 - Mann – Weib - Kind; das Trinitarische Prinzip

Die ganze Schöpfung ist, wie wir oben gesehen haben, vom trinitari­schen Schöpfer her, durch das trinitarische Prinzip gekennzeichnet. Auch aus der ehelichen Verbindung von Mann und Frau entsteht ein Drittes als Verwirklichung, als Nutzwirkung: das Kind. Es ist die wirk­lichste menschliche Verwirklichung, und nur der ganze Mensch, das heißt Mann und Frau gemeinsam, kann sie vollbringen. Gegen ein Kind sind alle Dinge, die dem Menschen sonst gelingen können, sei es die Kathedrale von Reims oder die Fahrt auf den Mond, nur gering.

Alle Tätigkeiten im Weltall schreiten vom Endzweck aus durch die Mittel‑Ursachen zu Wirkungen fort. Diese drei sind unteilbar Eines; nur zur klärenden Vorstellung kann man sie teilen. Die Zielidee ist nichts Wirkliches, wenn sie nicht auf die beabsichtigte Verwirklichung hinzielt, und beide können nichts ausrichten, wenn nicht eine Mittel‑Ursache sie stützte, klärt und verbindet. Dies trinitarische Prinzip hat seinen Ur­sprung im Schöpfer und Erhalter des Weltalls, von dem immerfort Liebe, Weisheit und nutzbringende Wirkung als Eines ausgehen (400). Die Erhaltung des Weltalls ist nichts als ein fortwährendes Einfließen des ehelich vermählten Göttlich Guten und Göttlich Wahren in die von Ihm erschaffenen Formen. Das Bestehen oder die Erhaltung der Schöp­fung ist ein unaufhörliches Entstehen, eine immerwährende Schöpfung (86) oder eine nie abreißende Kette von Zeugungen (92). Die Lust des nutzbringenden Wirkens nimmt ihr Wesen aus der Liebe und ihre Exi­stenz aus der Weisheit. Sie ist die Seele und das Leben aller himmli­schen Freuden (5).

15,2 - Die Sphäre der Fortpflanzung

Die vom Herrn ausgehende universelle eheliche Sphäre ist auch die Sphäre der Fortpflanzung, das ist der Zeugung und Befruchtung und der Erhaltung des Weltalls durch aufeinanderfolgende Zeugungen (92). Alles im Weltall aber ist letztlich um des menschlichen Geschlechts willen da, damit sich aus ihm der Engelshimmel bilde, durch den die Schöpfung zum Schöpfer, von dem sie ausging, zurückkehrt (85). Die wahrhaft eheliche Liebe ist die rechte Pflanzschule des menschlichen Geschlechts und aus diesem des Engelshimmels (143). Diese Idee Swe­denborgs zitierte Goethe in seinem letzten Gespräch mit Eckermann: „Gott hat sich nach den bekannten, imaginierten sechs Schöpfungsta­gen keineswegs zur Ruhe begeben können, vielmehr ist er noch fort­während wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Ele­menten zusammenzusetzen und sie jahraus, jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hatte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen.“

Das die ganze Schöpfung durchziehende Fortschreiten von der Zielidee über die Mittel‑Ursache zur Wirkung finden wir auch in der Sphäre des Erzeugens und des Schutzes des Erzeugten: Zielidee oder Endzweck ist hier das Wollen oder die Liebe, zu erzeugen, Mittel‑Ursache ist die Liebkosung, die Empfängnis und das Tragen des Embryo, Wirkung ist die hervorgebrachte Leibesfrucht, das Kind. Diese drei sind Eines, ob­wohl sie in der Natur zeitlich nacheinander erfolgen (401). Die göttli­che Liebe, die göttliche Weisheit und die göttliche Nutzwirkung, die zusammen das Eine Göttliche Wesen ausmachen und als Eines vom Herrn ausgehen, fließen in die Seelen der Menschen ein, in ihre Neigun­gen und Gedanken, in ihre leiblichen Triebe und endlich in ihre Zeu­gungs‑ und Empfängnisregion, in der alles, was vom Ursprung her­kommt, beisammen ist. Das Göttlich Dreieinige wird beim Herabstei­gen in den Leib des Menschen in Entsprechendes verwandelt. Die Schöpfung ist Göttliche Nutzwirkung aus der Göttlichen Liebe durch die Göttliche Weisheit, und alle Befruchtungen, Fortpflanzungen und Zeugungen sind Fortsetzungen der Schöpfung. Die vornehmste aller Nutzwirkungen, ihrer aller Inbegriffe, ist die der ehelichen Liebe von Mann und Frau, denn von ihr kommt die Fortpflanzung des Menschen­geschlechts und aus diesem der Engelshimmel (183). Weil diese Nutz­wirkung alle anderen übertrifft, wurden in die eheliche Liebe alle Selig­keiten, Glücksgefühle und Genüsse, alles Angenehme und Liebliche, das vom Herrn, dem Schöpfer, in den Menschen gelegt werden konnte, zusammengefaßt (68).

15,3 - Die Anteile des Vaters und der Mutter am Kind

„Wahre Liebe weist über sich hinaus. Die Liebe der Gatten bildet auf geheimnisvolle Weise im Kinde, der Frucht der Liebe, ein bleibendes Ebenbild ihres liebenden Einsseins. Kein Band knüpft die eheliche Liebe stärker zusammen. Denn das Kind ist die Selbstdarstellung der eheli­chen Partner in leiblicher und seelischer Hinsicht. In jedem Kinde wird diese Selbstdarstellung ehelicher Gemeinschaft aufs neue sichtbar“ (Walter H. Schmitz) .

Die Seele des Kindes stammt vom Vater, ihre Umkleidung von der Mutter. Der Vater kehrt, wo nicht in den Söhnen und Töchtern, so doch in den Enkeln und Urenkeln wie im Bilde wieder, denn die Seele ist das Innerste des Menschen und dieses kann zwar in den nächsten Nachkommen verhüllt sein, kommt aber in der weiteren Nachkommen­schaft wieder zum Vorschein. Analoges ist aus der Botanik bekannt: die Erde ist die gemeinsame Mutter der Pflanzen, sie nimmt die Samen wie im Mutterleib in sich auf, empfängt sie, umkleidet sie, trägt und gebiert sie und erzieht sie gleichsam wie die Mutter ihre vom Vater empfangenen Kinder (206).

Aus uralter, heute weithin verloren gegangener Einsicht in das Geheim­nis des Lebens wußte man einst, daß alles und jedes, was im Körper ge­schieht, einen geistigen Ursprung hat, so z.B. daß aus dem Wollen, das geistig ist, die leiblichen Handlungen, und aus dem Denken, das geistig ist, die Reden hervorgehen, ferner, daß das natürliche Sehen aus dem geistigen, das heißt aus dem Denken herstammt wie auch das natürliche Hören aus dem geistigen, das heißt aus der Aufmerksamkeit des Ver­standes und zugleich aus der Willfährigkeit des Wollens, und das natür­liche Riechen aus dem geistigen, das heißt aus der Wahrnehmung, und so weiter. In gleicher Weise sind auch die männlichen Samen geistigen Ursprungs. Die Alten wußten, daß sie aus den Wahrheiten herstammen, die das Denken erfaßt, und daß von den Männern aus der geistigen Ehe des Guten mit dem Wahren, die in das Weltall einfließt, nichts anderes aufgenommen wird, als das Wahre und Dinge, die sich auf das Wahre beziehen. Im Übergang zum Körper werden diese zu Samen gestaltet; diese sind also, geistig verstanden, Wahrheiten in bezug auf die Gestal­tung. Wenn die männliche Seele niedersteigt, dann steigt auch das Wah­re nieder. Dies geschehe, so sagten jene Weisen, dadurch, daß die Seele, die das Innerste des Mannes und in ihrem Wesen geistig ist, dem einge­pflanzten Trieb zur Fortpflanzung ihrer selbst folgend sich bildet, klei­det und zum Samen wird. Das könne tausend und abertausend Mal ge­schehen, weil die Seele eine geistige Substanz ist, die nicht Ausdehnung und materielles Volumen, sondern Fülle hat. Bei der Samenbildung wird nicht ein Teil herausgenommen, sondern ein Ganzes hervorge­bracht ohne Verlust des hervorbringenden Ganzen. Deshalb ist die Seele in den kleinsten Behältern, den Samen, ebenso wie im größten, im Körper. Die männliche Seele ist Ursprung des Samens, weil die Männer das Vermögen haben, die Wahrheiten ihrer Weisheit fortzu­pflanzen wie auch Nutzen zu schaffen, das heißt Gutes als Nutzwir­kung der Wahrheiten. Ich fragte im Himmel: „Und wie wird aus der männlichen Seele das Weibliche fortgepflanzt?“ und erhielt die Ant­wort: „Es ist eben jenes Gute, das die Wahrheiten hervorbringen, oder das verständige Gute, das in seinem Wesen das Wahre ist“ (220).

Ebenso wie die Frage „Wohin?“ - wohin geht es mit dem Menschen nach dem Tod? - hat die Frage „Woher?“ -  woher stammen unaufhörlich die neuen Menschen? ‑ die Menschheit seit eh und je beschäftigt. Leiblich entstammen sie einem Menschenpaar, aber die Seelen? Auch diese? Ist jede körperliche auch zugleich eine seelisch‑geistige Neu­schöpfung, oder inkarniert sich im neuen Körper eine früher auf Erden dagewesene Seele? Die letztere Auffassung scheidet für Swedenborg aus. Er spricht einmal davon, daß nach dem „silbernen Zeitalter“ die in Bildern, in Entsprechungen sich darstellende innere Lebensgeschichte eines Menschen, sein Werden in Stufen, seine immerwahrende Wand­lung, sein oftmaliges „Sterben“ und „Neugeborenwerden“ allmählich buchstäblich‑materiell und irdisch‑wörtlich als Folge von Wieder‑Ver­körperungen mißverstanden wurde. „Das Leben ist eine Folge von To­den und Auferstehungen“ (Rolland), wir sind unser Leben lang, also in Ewigkeit, auf dem Weg, wirklich Menschen zu werden, das heißt im anderen Leben Engel. Nach Swedenborgs Schau entsteht im Augen­blick der Befruchtung eines Eies ein neuer seelisch‑geistig‑körperlicher Mensch, und das ist möglich, weil die ewige Weisheit Samen, das ist Wahrheiten, als ewig unversiegbare Quelle in unendlicher Fülle in sich birgt.

15,4 - Die Vererbung von Anlagen auf die Kinder

Es ist bekannt, daß die Eltern den Kindern ihre Anlagen weiterverer­ben, daß den Kindern somit eine den Eltern ähnliche Liebe und Ein­stellung zum Leben angeboren wird. Das betrifft aber nur die Grundan­lagen, nicht die besonderen Neigungen und die Lebensweise. Auch in diese können die Kinder hineingeraten, doch sorgt die göttliche Vorse­hung auch immer dafür, daß schlimme Erbschaften gebessert werden können (202).

In der Ehe eines Mannes und einer Frau, die wahrhaft eheliche Liebe vereint, wird die Frau mehr und mehr Ehefrau und der Mann mehr und mehr Ehemann. Beider Formen werden von innen her nach und nach vervollkommnet und veredelt und die von ihnen abstammenden Kinder ziehen das Eheliche des Guten und Wahren von den Eltern her an sich (200-202). Sie erben die guten Anlagen und Fähigkeiten ihrer Eltern; die Söhne: inne zu werden, was zur Weisheit gehört, die Töchter: zu lieben, was die Weisheit lehrt. Jedem Menschen ist von der Schöpfung her das Eheliche des Guten und Wahren eingepflanzt, denn es erfüllt das ganze Weltall vom Ersten bis zum Letzten, vom Menschen bis zum Wurm, und ebenso das Vermögen, die unteren Regionen des Gemüts aufzuschließen bis zur Verbindung mit den oberen, die im Licht und in der Wärme des Himmels sind. Doch ist Kindern aus echten Ehen eine besondere Fertigkeit und Leichtigkeit vererbt, das Gute mit dem Wahren und das Wahre mit dem Guten zu verbinden, mithin weise zu werden, und auch die Fähigkeit, das in sich aufzunehmen, was Kirche ausmacht und zum Himmel gehört. Sie können durch die elterliche Er­ziehung tiefer und tiefer darin eingeleitet und hernach, eigenen Urteils mächtig, vom Herrn eingeführt werden (204 f).

Alle Kinder haben von Geburt her das Eheliche des Guten und Wahren als Anlage in sich, weil dies von der Schöpfung her in die Menschen­seele eingepflanzt ist. Es fließt vom Herrn in den Menschen ein und macht sein menschliches Leben aus. Doch geht dieses Eheliche oder jene Fundamentalliebe, die eheliche Liebe, von der Seele aus in das Gemüt und in den Körper und wird in jedem Menschen verschieden variiert oder aber sogar in sein Entgegengesetztes verändert, nämlich in die Begattung des Bösen mit dem Falschen. Dann wird das Gemüt von unten zugeschlossen oder völlig in die entgegengesetzte Richtung ver­dreht. So also - nach oben offen, nur halb offen, verschlossen oder ganz nach unten ausgerichtet - wird es als Veranlagung von den Eltern den Kindern vererbt (203). Man kennt das aus vielen Beobachtungen, weiß auch, daß Kinder aus geschiedenen Ehen mehr als andere für Ehe­scheidung anfällig sind.

15,5 - Sinn und Zweck der Ehe

Auch von der Einsicht in die für das Leben der Schöpfung entscheiden­de Wirkung der ehelichen Liebe her ist zu verstehen, daß für Sweden­borg Ehelosigkeit nicht gottgewollt sein und niemals als gleichrangige Möglichkeit neben der Ehe stehen kann. Wurde die Liebe der Ge­schlechter bisher in den christlichen Kirchen als leider zur Fortpflan­zung des Menschengeschlechts notwendiges Übel geduldet und in ge­setzlich geregelte Bahnen kanalisiert, so sucht man heute, beunruhigt durch die moderne Entwicklung, neue Maximen. Im letzten römischen Konzil stand der alten Auffassung - allem anderen übergeordneter Sinn und Zweck der Ehe ist die Fortpflanzung - die moderne Auffas­sung gegenüber: „Die intime Vereinigung der Gatten ist legitim, auch wenn sie nicht der Zeugung dient“. Swedenborg ist es völlig fremd, die beiden Wesenszüge der Ehe gegeneinander auszuspielen oder den einen dem anderen über ‑ oder unterzuordnen. Sie gehören für ihn innig als Dreieinheit von Mann‑Frau‑Kind zusammen. Gerade deshalb konnte er, wie wir unten sehen werden, recht reale Ratschläge und Erlaubnisse geben, wenn nur die echte eheliche Grundtendenz im Menschen erhalten bleibt.

15,6 - Das heutige Problem der Übervölkerung der Erde

Ein uns heute auf den Nägeln brennendes Problem kannte Swedenborg freilich nur in der Theorie: das der Übervölkerung der Erde, der „Be­völkerungsexplosion“ und der demzufolge notwendigen Einschränkung der Fortpflanzung. Doch es darf nicht, wie allermeist, in erster Linie aus dem Blickwinkel der Liebe und Ehe betrachtet werden, isoliert von anderen Zeiterscheinungen. Die Störung der Schöpfungsordnung - nicht nur durch die Verhinderung einer rechten, erst im Kind sich vollendenden Ehe, sondern auch durch die Verhinderung des oftmali­gen Einfließens des männlichen Samens in die Frau, wodurch beider eheliche Verbindung empfindlich erschwert wird - diese Störung ist eine Folge der durch Wissenschaft und Technik möglich gewordenen Manipulation der Natur und des Naturhaushalts. Seltsamerweise unter­scheidet sich die Haltung der Kirchen zur Frage der Geburtenregelung völlig von der zu anderen, sie offenbar weit weniger beunruhigenden Errungenschaften und Eingriffen der modernen Medizin. Und doch haben erst diese, so die erfolgreiche Minderung der Säuglings- und Kin­dersterblichkeit und die künstliche Lebensverlängerung alter Menschen, jenes Problem aufgeworfen. Macht man das eine vorbehaltlos mit, sieht man es als „selbstverständlich“, als nichtfragwürdig, ja als gottgewollt an und sagt hier Ja, dann muß man auch zur Geburtenkontrolle und zur Pille Ja sagen. Mit diesen Bemerkungen wollen wir weder einem Rückzug der Medizin noch einer Verhinderung der Geburtenregelung das Wort reden, sondern nur das Problem aus dem sexuellen und ehe­lichen Bereich in denjenigen transponieren, in den es eigentlich gehört: in den medizinischen und in den politischen. Man wird unglaubwürdig, wenn man sich einerseits auf die Bibel beruft, den Satz „Wachset und mehret euch!“ zitierend, und andererseits das andere Wort „Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit!“ aus der panischen Angst vor dem Sterben, die die westliche Welt gekennzeichnet, ignoriert. Und man wird unglaubwürdig, wenn man einerseits den alten Satz „Schickt Gott das „Häsle“, so gibt er auch das „Gräsle“ zitiert, andererseits aber tatenlos zusieht, wie die Mittel zur Hervorbringung der für die Ernährung einer unbehindert wachsenden Menschheit nötigen „Gräsle“ durch eine irrsinnige, Billiarden verschlingende Rüstung sinnlos vergeudet oder diese Mittel verseucht werden.

 

16,0 - Eheliche Liebe und Kinderliebe

16,1 - Die Sphäre des Hervorbringens und die Sphäre der Erhaltung

Aus Beobachtungen kann man ebenso schließen, daß die eheliche Liebe und die Liebe der Eltern zu ihren Kindern miteinander verbunden ist, wie daß sie nichts miteinander zu tun haben. Auch Ehegatten, die im Herzen uneins sind, lieben ihre Kinder, ja zuweilen zärtlicher als die einmütigen. Im tiefsten Grund aber gehören beide Liebesarten zusam­men, so wie das Erste im Letzten oder der Uranfang in der Wirkung enthalten ist. Das Erste ist die Hervorbringung der Nachkommenschaft, das Letzte die Sorge um diese. Da viele bei ihren Überlegungen vom Letzten, von den Wirkungen ausgehen, von da aus Folgerungen ziehend, nicht aber von den Ursachen, verirren sie sich allzuleicht in dunkles Gewölk und geraten zu Scheinbarkeiten und Täuschungen. Um dem zu entgehen, sei nun die innerliche Verbindung der ehelichen Liebe mit der Kinderliebe ins Licht gestellt (385).

Zur Erhaltung des Weltalls gehen vom Herrn zwei universelle oder all­gemein waltende Sphären aus, die des Erzeugens und die des Schutzes des Erzeugten, die des Hervorbringens und die der Erhaltung des Her­vorgebrachten. Sie erfüllen die geistige und die natürliche Welt und schaffen die Endwirkungen der finalen Ursachen, die Er bei der Schöp­fung vorherbestimmt hat und in ihr vorsieht. Wir nennen alles, was aus einem Subjekt hervorgeht und es umgibt und umwallt, Sphären so z.B. gibt es die Sphäre der Wärme und des Lichts aus der Sonne um sie her, die Sphäre des Lebens aus einem Menschen um diesen her, die Sphäre des Geruchs aus einem Gewächs um dieses her, die Sphäre der Anzie­hung aus einem Magneten um diesen her. Die allgemein waltenden Sphären, von denen nun die Rede ist, sind aus dem Herrn um Ihn her und gehen von der Sonne der geistigen Welt aus. Durch diese Sonne geht vom Herrn die Sphäre der Wärme und die des Lichtes oder die der Liebe und die der Weisheit aus, um die nutzbringenden Wirkungen zu schaffen. Diese Sphäre der Wirkungen hat aber verschiedenartige As­pekte und deshalb Namen: die göttliche Sphäre, die für die Erhaltung des Weltalls durch aufeinanderfolgende Zeugungen sorgt, heißt die Sphäre des Erzeugens; die göttliche Sphäre, die für die Erhaltung des Erzeugten, für die Generationen von ihren Anfängen bis in ihre Fort­entwicklungen sorgt, heißt die Sphäre des Schutzes des Erzeug­ten (386).

Diese beiden allgemein waltenden Sphären machen eins aus mit der Sphäre der ehelichen Liebe und mit der Sphäre der Kinderliebe (387). Die Liebe zum Erzeugen setzt sich fort in die Liebe zum Erzeugten. Beide Sphären fließen in alles Himmlische, Geistige und Irdische ein, weil alles, was vom Herrn ausgeht, das geschaffene Weltall bis in die allerletzten Teile durchdringt und augenblicklich vom Ersten ausge­hend auch im Letzten vorhanden ist. Wie die Sphäre der ehelichen Liebe allüberall waltet, so auch die der Kinderliebe, die die ganze Schöpfung und die Erde durchzieht von den Menschen und Tieren bis zu den Pflanzen, deren Samen in den Hülsen wie in Wickelkissen und in der Frucht wie in einem Haus verwahrt und mit Saft gleich der Milch ernährt werden, ja bis zu den Mineralien, bei denen Edelsteine und edle Metalle in Matrizen und Kapseln verborgen und verwahrt sind (389).

16,2 - Die Sphäre der Kinderliebe

Von der Schöpfung her ist geordnet, daß die schutzlosen und hilfebe­dürftigen Neugeborenen und Jungen erhalten, bewahrt, beschützt und versorgt werden, sonst würde das Weltall zugrunde gehen. Die Sphäre der Kinderliebe ist die Sphäre des Schutzes derer, die sich nicht selbst schützen und versorgen können. Da dies bei dem Geschöpf, dem Selbst­bestimmung eignet, nicht unmittelbar vom Herrn geschehen kann, hat Er dem Menschen - Vater, Mutter, Pfleger - die Kinderliebe einge­pflanzt. Diese wissen freilich nicht, daß eine solche Sphäre vom Herrn her in ihnen wohnt, denn sie nehmen das Einfließen nicht wahr und noch weniger Seine Allgegenwart. Der Einsichtige aber sieht, daß dies nicht Sache der Natur, sondern des Altwaltens der göttlichen Vorse­hung ist, die in der Natur durch die Natur wirkt. Daß Väter und Mütter ihre Kinder schützen und versorgen, weil diese sich nicht selbst schützen und versorgen können, ist nicht­ der Grund der Kinderliebe, son­dern nur ihre der Vernunft faßbare Ursache.

Jede vom Herrn ausgehende und einfließende Sphäre verwandelt sich im Subjekt oder Träger in die besondere Sphäre seines Lebens. Jedes beseelte Subjekt hat das Gefühl, es liebe aus sich selbst, denn es emp­findet jenen Einfluß nicht, und indem es also aus sich selbst liebt, macht es auch die Liebe zu den Kindern zu seiner eigenen. Es sieht sich in ihnen und sie in sich und vereinigt sich so mit ihnen. Aus Fügung der göttlichen Vorsehung regt die vom Schöpfer ausgehende Sphäre der Erhaltung des Erzeugten alle Geschöpfe an, wandelt sich in jedem in seine eigene und bestimmt jedes, den guten wie den bösen Menschen, die zahmen wie die wilden Tiere, scheinbar aus Eigenliebe und aus Lie­be zu seiner Art, seine Nachkommen zu lieben, zu schützen und zu ver­sorgen, sonst würden nur wenige überleben (392).

Da die Sphäre der ehelichen Liebe von den Frauen aufgenommen und durch sie auf die Männer übertragen wird, verhält es sich ebenso mit der Kinderliebe, die ursprünglich aus der ehelichen Liebe stammt. Des­halb übertrifft die Kinderliebe der Mütter die der Väter an Zärtlichkeit. Schon bei den Mädchen ist, im Gegensatz zu den Knaben, die liebrei­che und zutunliche Neigung zu Kindern zu beobachten: sie tragen sie oder deren Abbilder, die Puppen, herum, kleiden sie gerne an, küssen sie und drücken sie an ihr Herz. Nur scheinbar rührt die Liebe der Frauen zu den Kindern davon her, daß sie diese im Mutterleib mit ihrem Blut ernähren, ihnen ihr eigenes Leben zueignen und deshalb von vorneherein sympathisch mit ihnen vereinigt sind. In Wahrheit liegt nicht hierin der Ursprung der Kinderliebe, ja sie würden ein unter­geschobenes Kind ebenso zärtlich lieben wie ihr echtes, auch werden Kinder oft von Ammen, Kindermädchen und Pflegerinnen mehr geliebt als von den eigenen Müttern. Auch daraus geht hervor, daß die Kinder­liebe allein von der jedem Weibe eingepflanzten ehelichen Liebe her­rührt (393).

16,3 - Die Unschuld des Kleinkindes

In die Kinder und durch sie in die Eltern fließt auch die Sphäre der Unschuld ein und regt an. Man nennt die Kinder unschuldig und Engel, weiß aber nicht, daß ihre Unschuld vom Herrn einfließt, der die Un­schuld selbst und ihr Urgrund ist (395). Unschuld und Friede sind die zwei inwendigsten Zustände des Himmels, unmittelbar vom Herrn aus­gehend. Er ist die Unschuld selbst und der Friede selbst. Er wird wegen der Unschuld das Lamm genannt und der Fürst des Friedens, Jes. 9, 5, und kraft Seines Friedens spricht Er: „Den Frieden lasse ich euch, Mei­nen Frieden gebe ich euch“, Joh. 14, 27. Die Unschuld ist das Grund­sein alles Guten und der Friede das Beseligende in seiner Lust (394). Die Unschuld der Kindheit regt die Eltern an, wenn sie aus den Äuglein strahlt und sich in Gebärden und Lallen und erstem Gepappel aus­drückt. Die Kinder haben Unschuld, weil sie noch nicht von sich aus denken und noch nicht wissen, was gut oder böse, wahr oder falsch ist. Sie haben noch keine Klugheit aus Eigenem und kein durch Selbst‑ und Weltliebe erworbenes Eigenes. Sie schreiben nichts sich selber zu, son­dern nehmen alles dankbar von den Eltern an, zufrieden mit dem klein­sten Geschenk. Sie sorgen sich nicht um Nahrung und Kleidung und nicht um die Zukunft und richten ihren Blick nicht begehrlich auf Ge­winn und Besitz. Sie lieben ihre Eltern, Pflegerinnen und Spielkamera­den und lassen sich führen, merken auf und gehorchen (395).

Die Unschuld des Herrn fließt in die Engel des dritten, obersten oder innersten Himmels ein und geht von hier durch die unteren Himmel und in die Kinder ein, die sich wie plastische Formen, empfänglich für das Leben des Herrn, verhalten. Doch wurden die Eltern davon nicht an­geregt, wenn nicht auch sie diesen Einfluß in ihren Seelen und in den inwendigsten Regionen ihrer Gemüter aufnähmen. Im anderen muß etwas Gleichartiges und Angemessenes sein, das Zuneigung, Aufnahme und Verbindung bewirken und eine Gemeinschaft entstehen lassen kann. Mit der in die Seelen der Eltern einfließenden Unschuld verbin­det sich die der Kinder, und zwar zuerst mittels der leiblichen Sinne: das Auge ergötzt sich aufs Innigste am Anblick des Kindleins, das Ohr an dessen Reden, die Nase an dessen Geruch. Mehr aber als sie alle be­wirkt der Tastsinn die Verbindung: mit Vergnügen werden Kinder auf dem Arm getragen, umarmt und geküßt, besonders von den Müttern; wie gern stillen sie es und wie freuen sie sich, wenn das Kind ihr Gesicht mit den Händchen berührt und wenn sie das nackte Körperchen strei­cheln, ja es mit unermüdlicher Sorgfalt reinigen und wickeln. Durch den Tastsinn teilen sich ja auch die Liebesgefühle der Ehegatten am innigsten mit, denn die Hände sind das Letzte und Äußerste des Men­schen und in ihnen ist sein Erstes, Innerstes konzentriert anwesend. Deshalb rührte Jesus die Kindlein an, heilte Kranke durch Berührung und wirkte Heilung den Ihn Berührenden; deshalb geschehen auch Ein­weihungen durch Handauflegung (396). Auch bei den Tieren bewirkt die Unschuld innige Verbindung durch Berührung, denn alles vom Herrn Ausgehende durchdringt das ganze Weltall bis zu den Pflanzen und Mineralien und geht in die Erde selbst ein, die aller Mutter ist. Sie steht im Frühling im Zustand der Bereitschaft zur Aufnahme der Sa­men wie ein Mutterleib, sie empfängt sie, hegt sie, trägt sie, brütet sie aus, säugt, kleidet, erzieht und behütet sie und liebt das ihr Ent­sprossene (397).

16,4 - Kinderliebe und Erziehung geistiger und natürlicher Eltern

Die Verbindung der Seelen und Gemüter setzt sich in den häuslichen Geschäften fort. Die des Mannes vereinen sich in vieler Hinsicht mit denen der Frau und die der Frau schließen sich denen des Mannes an, woraus gegenseitige Hilfeleistung erwächst. Hauptsächlich verbindet beide die gemeinschaftliche Sorge für die Erziehung der Kinder, gesellt sie zusammen und verknüpft sie. Freilich unterscheiden sich beider Anteile auch hierin: zu den besonderen Pflichten der Frau gehört das Stillen des Säuglings, die Erziehung des Kleinkindes und die Unterwei­sung der Mädchen bis zu deren Hochzeit, dem Manne dagegen obliegt der Unterricht der Knaben nach der Kindheit bis zum Jünglingsalter und zur Selbständigkeit. Aber beide Teile vereint wiederum gemeinsa­me Beratung und die gemeinsame Fürsorge für die Kinder. Beide Auf­gaben, die verschiedenartigen und die gemeinsamen, verbinden die Ge­müter der Ehegatten zur Einheit (176).

Die Kinderliebe ist bei geistigen und natürlichen Ehepaaren scheinbar die gleiche, doch von innen besehen zeigt sich der Unterschied. Nach­dem geistige Eltern die Süßigkeit der Unschuld bei ihren Kleinen geko­stet haben, lieben sie die heranwachsenden Kinder wegen deren Ver­ständigkeit, Lebensfrömmigkeit und Neigung und Anstelligkeit zum Dienst in der Gesellschaft. Deshalb sorgen sie für ihre Bedürfnisse und stehen ihnen bei, auf daß sie, zuerst umhegt von der Harmonie der El­tern, später in gleicher Art geistig, beruflich und ehelich leben. Ent­wickeln sich die Kinder aber nicht den elterlichen geistigen Maßstäben gemäß, dann tritt Entfremdung ein, und es bleibt den Eltern nur zu tun, was sie schuldig sind. Auch bei den natürlichen Eltern stammt die Kinderliebe aus der Sphäre der Unschuld, doch wird sie bald von Eigen­liebe verhüllt. Wie sich selbst, so lieben solche Eltern auch ihre Kinder als Teil ihrer selbst. Anfänglich küssen und umarmen sie die Kleinen, drücken sie an die Brust, liebkosen sie und fühlen sich wie Ein Herz und Eine Seele mit ihnen, nachher aber, wenn die Sphäre der Unschuld zurücktritt, lieben sie ihren Nachwuchs nicht wegen dessen etwaiger Lebensfrömmigkeit und vernünftigen und sittlichen Verständigkeit und nehmen auch wenig Rücksicht auf innere Neigungen, sondern begünsti­gen Äußerlichkeiten. An diese hängen sie ihren Stolz und verschließen die Augen vor den Fehlern, entschuldigen diese oder treiben sie sogar hoch. Ihre Liebe zur Nachkommenschaft ist zugleich Selbstliebe, sie hängen äußerlich an den Kindern, gehen aber nicht auf sie ein, wie sie ja auch nicht in sich gehen (405).

Der Unterschied der Liebe zu den kleinen und großen Kindern bei den Geistigen und bei Natürlichen stellt sich deutlich nach dem Tod heraus. Dann erinnern sich die meisten Väter ihrer Kinder, die vor ihnen von der Erde geschieden sind, und sie stellen sich beiderseits gegenwärtig dar und erkennen einander. Die geistigen Väter betrachten die Kinder genau und fragen nach ihrem Zustand, freuen sich, wenn es ihnen wohl ergeht, bedauern, wenn es ihnen übel geht, unterhalten sich mit ihnen und weisen sie auf das himmlische Leben hin. Dann trennen sie sich von ihnen, nachdem sie sie ermuntert haben, nun ihr eigenes Leben zu führen und nicht mehr auf den leiblichen Vater, sondern auf den einzi­gen Vater aller, den Herrn, zu schauen. Anders die natürlichen Väter: sie ziehen ihre Kinder an sich und kleben an ihnen und ergötzen sich immerfort an ihrem Anblick und am Gespräch mit ihnen. Wird solch einem Vater gesagt, das eine oder andere Kind sei ein Satan, dann igno­riert er das und entläßt es nicht aus seinem Kreis, selbst wenn er sieht, daß es Schaden zufügt und Böses tut. Damit eine solche Rotte nicht weiteres Unheil stifte, wird sie in die Hölle verwiesen und zerstreut (406). Ich sah in der geistigen Welt Väter, die mit Haß und Ingrimm auf kleine Kinder blickten und sie am liebsten umgebracht hätten. So­bald ihnen aber, obgleich fälschlich, eingeflüstert wurde, das seien ihre eigenen Kinder, verflog der Abscheu, und sie liebten sie leidenschaft­lich (407).

Auch in nur äußerlich ehelichen Verhältnissen ohne wirkliche eheliche Liebe liebt die Frau ihre Kinder, und dadurch entsteht auch eine engere Verbindung mit dem Mann. Das hat seinen Grund darin, daß jedem Weib von der Schöpfung her die eheliche Liebe eingepflanzt ist und zugleich mit dieser die Liebe zum Hervorbringen und zum Hervorge­brachten, die sich in das Kind ergießt und dem Mann übermittelt wird. Aus dem gleichen Grund lieben auch unzüchtige Frauen ihre Kinder, denn das von der Schöpfung her den Seelen Eingepflanzte ist unvertilg­bar und unausrottbar (409).

16,5 - Die Kinder in der geistigen Welt

Wenn kleine Kinder sterben, werden sie sogleich nach ihrem Hinschei­den auferweckt, in den Himmel erhoben und weiblichen Engeln über­geben, die während ihres Erdenlebens Kinder lieb gehabt hatten. Weil diese aus mütterlicher Zärtlichkeit allen Kindern, nicht nur ihren eige­nen, zugetan waren, nehmen sie die Neulinge herzlich auf und umhegen sie wie deren leibliche Mutter. Sie haben soviele Kinder um sich, wie sie aus geistiger Mutterliebe wünschen. Im Himmel werden die Kleinen dann unter der unmittelbaren Obhut des Herrn gepflegt und erzogen, denn Er ist dort der Vater aller, der sie leitet und dem sie alles, was sie empfangen, dankbar zuschreiben. Der Himmel der Unschuld erfüllt und beseligt sie, bis sie, herangewachsen, in einen anderen Himmel ver­setzt werden zur Belehrung in Verständigkeit und Weisheit (410).

Von der ersten Engelmutter lernen sie sprechen. Zuerst modulieren sie nur Gefühlsregungen in Tönen, in denen sich Gedachtes ankündigt, dann artikuliert sich ihre Sprache, da Vorstellungen aus der Neigung ins Denken eingehen. Der Unterricht ist ganz anschaulich, das benüt­zend, was sie sehen und was ihre Augen entzückt. Weil es geistigen Ur­sprungs ist, fließt dabei Himmlisches in sie ein und öffnet das Inwendi­ge ihrer Gemüter. So wachsen sie heran, Einsicht und Weisheit bilden ihre Nahrung, und was die Gemüter nährt, speist auch die Leiber. Ha­ben sie die Volljährigkeit erreicht, dann bleiben sie in alle Ewigkeit in diesem Alter, in Kraft und Schönheit, und werden mit einem Engel ehelich verbunden (411).

In den Schlußszenen des „Faust“ sagt der Pater Seraphinus zu den seligen Knaben:

Steigt hinan zu höherm Kreise

Wachset immer unvermerkt,

Wie, nach ewig reiner Weise,

Gottes Gegenwart verstärkt.

Denn das ist der Geister Nahrung,

Die im freisten Äther waltet,

Ewigen Liebens Offenbarung,

Die zur Seligkeit entfaltet.

Viele meinen, die Kinder blieben im Himmel Kinder und würden so­gleich nach dem Tode Engel. Da aber die Einsicht und Weisheit den Engel macht, sind die Kinder nicht Engel, sondern bei den Engeln; erst wenn sie verständig und weise geworden sind, werden sie Engel. Sie werden von der Unschuld der Kindheit zur Unschuld der Weisheit ge­leitet, von der äußeren zur inneren Unschuld, und dahin entfaltet ent­hält ihre Unschuld der Weisheit die der Kindheit, die bis dahin als Un­terlage diente. Je weiser die Engel sind, desto unschuldiger sind sie; deshalb erscheinen die Engel des obersten oder innersten Himmels vor den Augen der Geister von ferne gesehen wie nackte Kinder. Sowohl die Kindheit wie die Nacktheit entspricht der Unschuld. Auch von Adam und Eva wird berichtet, sie seien, als sie im Stand der Unschuld waren, nackt gewesen und hätten sich nicht geschämt (413).

 

17,0 - Von den Veränderungen der Lebenszustände von Mann und Weib

17,1 - Die Zustandsveränderungen der Ehe

Die Lebenszustände der Menschen werden genannt Kindheit, Knaben­alter, Jünglingsalter, Mannesalter, Greisenalter. Sie schreiten von Augen­blick zu Augenblick stetig fort, und jeder Mensch, der lange genug auf Erden lebt, geht nach und nach vom einen zum anderen bis zum letz­ten über. Der Mensch kann einem Baum verglichen werden, der in je­dem Zeitteilchen, auch im allerkleinsten, aus dem in die Erde gefallenen Samenkorn wächst und sich ausbreitet. Diese Fortschreitungen sind auch Veränderungen der Zustände; jedes Folgende fügt dem Vorherge­gangenen etwas Neues hinzu. Die Veränderungen, die im Innern des Menschen vor sich gehen, sind noch stetiger zusammenhängend als die in seinem Äußeren, denn das Innere des Menschen gehört einer höheren Stufe an und ist erhaben über das Äußere. Auf der höheren Stufe ge­schieht im selben Augenblick Tausenderlei, während im Äußeren nur ein Einziges vor sich geht. Die Zustandsveränderungen im Innern sind solche des Wollens und seiner Neigungen und des Denkens und seiner Gedanken. Die Zustandsveränderungen jener beiden Lebensvermögen des Menschen erfolgen von der Kindheit an bis zum Ende seines Erden­lebens und nachher in Ewigkeit, weil es kein Ende des Wissens, noch weniger der Einsicht und noch viel weniger der Weisheit gibt. In ihrem Umfang ist Unendlichkeit und Ewigkeit wegen ihrer Herkunft aus dem Unendlichen und Ewigen. Daher sagten die alten Philosophen, alles sei unendlich teilbar, und wir fügen hinzu: alles ist unendlich vervielfäl­tigbar (185).

Jeder Zustand hat seine Form und jeder neue bringt eine neue Form hervor. Kein Lebenszustand des Menschen ist einem vorherigen gleich und fortwährend verändert sich die Form seines Inneren (186), doch gehen diese Veränderungen bei Mann und Frau verschieden vor sich. Die Zustandsveränderungen von der Kindheit bis zur Pubertät haben das Ziel, beider Formen heranzubilden: beim Mann die Form des Den­kens, bei der Frau die des Wollens. In der nächsten Epoche kommt die eheliche Neigung hinzu, die des Jünglings zum Mädchen und die des Mädchens zum Jüngling. Und weil die Mädchen - in den Himmeln ebenso wie auf Erden - aus angeborener Klugheit diese Neigungen ver­bergen, so wissen hier wie dort die Jünglinge nichts anderes, als daß sie in den Mädchen die Liebe erregen, und so muß es ihnen ja auch schei­nen, weil vom Mann der Anreiz und die Aktivität ausgeht. In Wahrheit aber haben sie diese aus dem Einfluß der Liebe vom schönen Ge­schlecht (187).

Bei den Männern findet eine Erhebung des Gemüts in höheres Licht, bei den Frauen eine Erhebung des Gemüts in höhere Wärme statt, und die Frau fühlt die Wonnen ihrer Wärme im Licht ihres Mannes. Unter dem Licht bei den Männern wird die Einsicht und Weisheit verstanden, unter der Wärme bei den Frauen die eheliche Liebe; die aus der Sonne der geistigen Welt hervorgehende Wärme wird in den Frauen zu der sich mit der Einsicht und Weisheit der Männer verbindenden ehelichen Lie­be. Die beiderseitigen Erhebungen gleichen denen vom Nebel in die reine Luft und von dieser in den Äther; die des Mannes ist eine Erhe­bung in höhere Einsicht und von dieser in die Weisheit, die der Frau ist eine Erhebung in eine keuschere und reinere eheliche Liebe bis zum Ehelichen, das von der Schöpfung her in ihrem Innersten verborgen liegt. Das beginnt jeweils mit der Aufschließung bei den Männern durch die Weisheit, bei den Frauen durch die eheliche Liebe, und entfaltet sich als fortschreitende Erhebung von Region zu Region (188).

17,2 - Mann und Weib vor und in der Ehe

Die Lebenszustände beider Geschlechter sind vor der Ehe andere als in der Ehe. Die ersten sind die einer Neigung zur Ehe, wechselnd und ver­schieden in den Individuen, vom Gemüt her mehr und mehr fühlbar im Körper. Die Zustände nach der Heirat sind die der Verbindung und der Zeugung und Empfängnis. Beide unterscheiden sich wie Absicht und Verwirklichung (190). Die Lebenszustände der Ehegatten verändern sich aufeinander folgend je nach der Verbindung ihrer Gemüter durch die eheliche Liebe. Je nachdem diese Verbindung inniger wird oder aber Veränderungen der Lebenszustände von Mann und Frau sich lockert, ist die eheliche Liebe bei den Gatten wechselnd oder ver­schiedenartig: wechselnd bei den ersteren, denn auch bei ihnen tritt sie zuweilen zurück, während sie dennoch innerlich in ihrer Wärme bleibt; verschiedenartig, bald Wärme bald Kälte bei den anderen, die einander nur äußerlich lieben. Bei ihnen spielt der Körper die erste Rolle und er­gießt seine Brunst rings umher und reißt die unteren Regionen des Ge­mütes in die Gemeinschaft mit sich fort. Bei denen, die einander inner­lich lieben, spielt das Gemüt die erste Rolle und zieht den Körper in die Gemeinschaft mit sich empor. Es scheint zwar, als steige die Liebe immer vom Körper in die Seele, von den Sinnen in den Geist, weil sie, sobald der Körper Reize auffängt, durch die Augen wie durch Türen in das Gemüt oder durch das Sehen als dem Vorhof in die Gedanken ein­dringt. In Wahrheit aber steigt sie aus dem Gemüt herab und wirkt auf die unteren Regionen deren Verfassung gemäß ein. Deshalb handelt das geile Gemüt geil, das keusche aber keusch: dieses ordnet sich den Kör­per unter, jenes aber wird vom Körper befehligt (191).

Was der Mensch körperlich ausführt, beginnt in seinem Geist: der Mund spricht nicht von sich aus, sondern das Denken des Gemüts äußert sich durch ihn, die Hände handeln nicht und die Füße gehen nicht ohne einen Impuls des Wollens im Gemüt. So spricht und handelt also das Gemüt durch seine leiblichen Organe und prägt und färbt die Reden und Handlungen. Durch fortwährenden Einfluß bestimmt das Gemüt den Körper zu mit ihm übereinstimmenden gleichzeitigen Handlungen, und die Körper sind deshalb, innerlich betrachtet, Formen der Gemüter, organisiert zur Ausführung der Befehle der Seelen. Dies wurde voraus­geschickt, um zu erläutern, warum auch im ehelichen Leben zuerst die Gemüter miteinander geistig vereinigt werden müssen, bevor sich die Körper vereinigen. Nur so wird die Ehe nach der Hochzeit, wenn sie auch körperlich vollzogen wird, zugleich eine Geistehe, nur dann lieben die Gatten einander geistig und von da aus auch leiblich (310).

Wenn eheliche Liebe die Gemüter zweier Menschen verbindet und sie zur Ehe bildet, dann verbindet und bildet sie dazu auch ihre Körper. Das Gemüt ist nicht nur innerlich im ganzen Körper, sondern insbeson­dere in den Geschlechtsorganen, die eine eigene Region unterhalb der anderen Regionen bilden. In sie wirken die Gemüter der in ehelicher Liebe Vereinigten ein, in sie laufen deren Formen aus, dorthin richten sich ihre Neigungen und Gedanken. Die Auswirkungen des durch ande­re Liebesarten angeregten Gemüts dringen nicht dorthin, sie wirken auf andere Regionen ein und bringen andere Tätigkeiten hervor. Daraus ergibt sich: wie die eheliche Liebe in den Gemütern zweier Menschen beschaffen ist, so auch in ihren Geschlechtsorganen. Die Ehe der Gei­ster soll nach der Hochzeit auch eine Ehe der Körper und damit erst eine vollständige Ehe werden; ihre Art aber wird davon bestimmt, wie sie im Gemüt ist: ist sie geistig‑keusch und von Heiligkeit durchdrungen, dann bleibt sie so auch in den Körpern und dort in ihrer Fülle (310).

17,3 - Abhängigkeit des letzten Zustands vom ersten

Immer ist der letzte Zustand so beschaffen wie er aus der aufeinander folgenden Ordnung entstehen mußte. Ihr gemäß wurde er gebildet und hat sein Dasein. Das Erste gestaltet durch seinen Einfluß das der Ord­nung nach Folgende und von da aus das Letzte, so die innersten Impulse im Menschen seine Weisheit, im Staatsmann seine Klugheit, im Gelehr­ten seine Gelehrsamkeit. So macht auch alles, was er in der Kindheit erlebt und erfährt, den Menschen zum Mann oder zur Frau, so wird aus dem Samen ein Trieb, ein Bäumchen, ein Baum, und so macht alles, was sich vor der Hochzeit in Bräutigam und Braut entfaltet und fort­schreitet, die Ehe. Alles Vorhergehende wirkt sich in solchen Reihen­folgen aus, und alle zusammen bilden das Letzte. Seine Beschaffenheit wird vom Ausgangspunkt der Reihen aus durch die Reihenfolgen be­stimmt, der erste Einfluß wirkt sich im Endresultat aus. Auf die Ehe bezogen: Die Gemütszustände der Ehepartner haben, der Reihenfolge nach fortschreitend, Einfluß auf den Zustand ihrer Ehe, obwohl beide wenig von dem aufeinander Folgenden, das sich in ihre Gemüter aus dem Vorhergehenden eingepflanzt hat und nun darinnen wohnt, wissen. Und doch gibt gerade dies ihrer ehelichen Liebe und damit ihrer Ehe die Form, bildet den Zustand ihrer Gemüter und bestimmt ihre künftigen gemeinsamen Umgangsformen. Die Geistigen schreiten in richtiger Ordnung fort, denn die eheliche Liebe steigt aus den Gemü­tern in die Herzen nieder und verbreitet sich von da aus in die Körper, sodaß sie als ganze Menschen die Wonnen der Ehe vorempfinden und in festlicher Stimmung sind, ihre festlichen Gefühle einander mitteilen und so in die Freuden der ehelichen Liebe eingeführt werden. Sie sehen dabei auf zum Herrn, und der Herr besorgt und leitet die Ordnung in ihnen; deshalb ist ihr Vorbereitungszustand und wird ihr Ehestand in­nerlich keusch und warm. Bei den Natürlichen dagegen bildet sich ein anderer Zustand aus der unrichtigen Ordnung der Reihenfolgen: sie schreiten in verkehrter Richtung fort und sehen auf sich, nicht aber auf zum Herrn. Ihr Ehezustand ist infolgedessen innerlich voll Unkeuschheit und Kälte, und mit deren Zunahme nehmen auch die Ver­schließungen des Gemüts zu. Die Ader wird verstopft, und die Quelle trocknet aus (313).

17,4 - Die Ordnung der Entwicklungsstufen der Ehe

Der wahrhaft ehelichen Liebe ist die Ordnung eingestaltet, daß sie auf­steigt und niedersteigt: von ihrer ersten Wärme an steigt sie allmählich aufwärts zu den Seelen der Gatten mit dem Streben, in ihnen durch immer inwendigeres Aufschließen der Gemüter Verbindungen zu be­wirken. Es gibt nichts anderes, das so kräftig aufschließt und das Innere der Gemüter stärker und geschickter öffnet. Aber im gleichen Maß, wie sich diese Liebe zu den Seelen hin erhebt, steigt sie auch abwärts in die Körper und bekleidet sich auf diese Weise. Doch ist wohl zu be­achten, daß die eheliche Liebe im Niedersteigen ebenso beschaffen ist wie in der Höhe: ist sie wirklich in der Höhe, so steigt sie keusch nie­der, ist sie aber nicht wirklich in der Höhe, so wird und bleibt sie un­keusch, den unteren Regionen des Gemüts verhaftet (302). Die Seelen der ersteren sagen sich los von der unbeschränkten Geschlechtsliebe und weihen sich Einem Partner, mit dem sie als Ziel eine immerwährende und ewige Vereinigung und deren zunehmende Seligkeiten vor Augen haben. Dies nährt ihre Hoffnung auf immerwährende Erquickung ihrer Gemüter. Anders bei den Unkeuschen: bei ihnen ist nur eine Ehe des Leibes, nicht aber eine des Geistes. Steigt etwas von Geistehe in ihren Seelen auf, so fällt es doch bald in die nur körperlichen Begier­den zurück, senkt sich infolge der unkeuschen Triebe jählings in den Leib und befleckt das Letzte, Äußere der ehelichen Liebe mit ungei­stig‑sinnlicher Glut. Und so wie ihre Liebe im Anfang durch diese ent­brannte, erlischt sie auch schnell und geht in Kälte über (304).

Von der ersten Wärme bis zur ersten Flamme, das ist die Ordnung der Entwicklungsstufen der ehelichen Liebe von ihrem Ausgangspunkt bis zu ihrem ersten Ziel. Die „erste Wärme“ der ehelichen Liebe nimmt nach und nach zu, bis sie zur „ersten Flamme“ wird, nämlich mit und nach der Hochzeit. Jede Ordnung schreitet von ihrem Ersten zu ihrem Späteren und von diesem aus zu ihrem Letzten fort, immerzu geht ein Erstes, eine causa finalis, in ein Späteres, eine causa efficiens oder Ur­sache, und endlich in ein Letztes, in die Verwirklichung über, ein Schritt folgt dem nächsten und übernächsten. Deshalb bleibt, wie so oft zu beobachten, die eheliche Liebe in ihrem späteren Fortschreiten so, wie sie von ihrer ersten Liebe über die Erwärmung der Gemüter bis zu ihrer ersten Flamme geartet war. Sie entfaltet sich so, wie sie in ihrer ersten Wärme war: wenn keusch, dann wird ihre Keuschheit und Gei­stigkeit im Fortschreiten befestigt und bereichert, wenn unkeusch, dann nimmt ihre Unkeuschheit noch zu, bis alle Keuschheit und Geistigkeit, wovon während der Zeit vor der Ehe äußerlich etwas vorhanden war, verschwindet und die Ehe unkeusch und ungeistig wird (311).

Heiratet ein Mann oder eine Frau übereilt, ohne Vorbereitungszeit, oh­ne allmähliche Entfaltung der ersten Wärme, überrumpelt von körper­licher Brunst, dann verbrennt das Mark des Lebens und verzehrt sich selbst. Mit Mark ist das Innere des Gemüts und des Körpers gemeint, dies wird von der übereilten Liebe verbrannt, weil diese sofort mit der Flamme beginnt, die die geheimen Stätten, in denen die eheliche Liebe als in ihren Ausgangspunkten ihren Sitz hat und von denen aus sie ihren Anfang nehmen soll, aussaugt und verdirbt. Kurz: beginnt die Ehe mit der Sinnenglut des Körpers, dann wird sie keine innere, wahrhaft ehe­liche, sondern eine äußere, kernlose, schalige, ihres echten Wesens be­raubt (312).

17,5 - Die Partnerwahl

Dem Mann steht die Wahl der Ehegattin aus verschiedenen Gründen zu:

Erstens: Er ist geboren, Verstand zu sein, und nur das Denken vermag Übereinstimmendes und Nichtübereinstimmendes zu  durchschauen. Die Frau dagegen ist geboren, Liebe zu sein, sie hat nicht den Scharf­blick jenes Lichtes und würde sich durch Weisungen ihrer Liebe zur Ehe bestimmen lassen; obwohl sie Männer von Männern zu unterschei­den weiß, wird ihre Liebe doch leicht durch Scheinbarkeiten und durch Wünsche der Sinne verleitet.

Zweitens: Im Mann wohnt gemeinhin die Geschlechtsliebe, das heißt ein allgemeiner Drang zum anderen Ge­schlecht, darum haben die Männer einen freieren Überblick und mehr Fähigkeit zur Auswahl.

Drittens: Für die Männer ist es nicht unschick­lich, über die Liebe zu reden und sie zu offenbaren, wohl aber für die Frauen; darum steht dem Mann die Wahl und die Werbung zu. Den Frauen bleibt freilich die Wahl unter den Freiern, aber diese Wahl ist eine beschränkte, die der Männer dagegen eine unbeschränkte (296).

Doch darf ein Mädchen nie zur Verbindung mit einem Mann, den es nicht liebt, gezwungen werden, denn die Einwilligung ist nötig für eine Ehe, sie führt den Geist in die Liebe ein. Eine wider Willen gegebene, abgenötigte Einwilligung kann nicht geistige, sondern nur leibliche Ver­bindung bewirken. Dann verwandelt sich die Keuschheit, die im Geist ihren Sitz hat, in Wollust, wodurch die eheliche Liebe in ihrer ersten Wärme verdorben wird (299).

Nach der Einwilligung oder Verlobung sollen sich beider Seelen zuein­ander hinneigen, die allgemeine Liebe zum anderen Geschlecht soll sich auf nur Eine oder Einen richten. Sie erkennen dann gegenseitig die in­neren Neigungen und werden, weil sie sich aneinander anschließen, zu innerster Liebesfreudigkeit verbunden. Schon vor der Hochzeit finden sich ihre Gemüter in immer innigerer Zusammengesellung, und so wächst die eheliche Liebe von ihrer ersten Wärme bis zur hochzeitlichen Flamme (301). Die Hochzeit ist dann die Einführung in einen neuen Zustand: die Jungfrau wird zur Ehegattin, der Jüngling zum Ehemann, und beide Ein Fleisch. Die Ehe vereinigt die beiden zu Einer menschli­chen Form (306).

 

18,0 - Die Eifersucht

Man muß zwischen berechtigter und unberechtigter Eifersucht unter­scheiden. Die erstere findet sich bei Ehegatten, die einander zärtlich lieben, und ist ein gerechter und kluger Eifer, daß ihre Liebe nicht ge­kränkt werden möge, in Kummer übergehend, wenn sie verletzt wird. Die andere tritt bei denen auf, die von Natur mißtrauisch sind oder, oft infolge von Gallenleiden, eine krankhafte Gemütsverfassung haben. Es gibt Leute, die jede Art von Eifersucht für einen moralischen Fehler halten, besonders Männer mit lockeren Sitten. Das lateinische Wort ze­lotypia kommt von zelus = Eifer und typus = Bild, doch gibt es einen Ty­pus oder ein Bild sowohl der berechtigten wie der unberechtigten Eifersucht (357).

18,1 - Eifer und Eifersucht

Der Eifer oder die eifernde Liebe ist wie loderndes Liebesfeuer, denn er ist flammende Liebe und diese ist geistige Wärme und in ihrem Ur­sprung wie Feuer. Eifern und aus Eifer handeln heißt in der Kraft der Liebe handeln; freilich erscheint diese, wenn sie aufgebracht ist, fast wie überanstrengt und erbittert, weil sie gegen den kämpft, der die Liebe kränkt. Die Eifersucht kann also auch die Verteidigerin und Be­schützerin der Liebe genannt werden. Jede Liebe entbrennt, wenn Ge­fahr heraufzieht, daß sie aus ihren Freuden vertrieben werden soll, in Unwillen und Zorn, wird aber gar eine alles beherrschende Liebe ange­tastet, dann entstehen innere Aufwallung und Erhitzung, die brennen­des Leid im Gefolge haben. Eifersucht ist demnach nicht der höchste Grad der Liebe, sondern die aufflammende Liebe. Die Liebe und die Gegenliebe sind wie zwei Verbündete; wenn aber die Liebe des einen der des anderen Leid zufügt, dann werden sie gleichsam Feinde, denn die Liebe ist das Sein des Lebens eines Menschen, und wer die Liebe angreift, der greift das Leben selbst an, und die Folge ist ein Zustand von Erbitterung gegen den Angreifer, der das Leben bedroht. Kurz: die Liebe ist wie die Wärme des Feuers und sie erwärmt auch die Leiber; je brennender sie ist desto mehr erhitzen sich die Menschen. Die Eifer­sucht aber ist wie loderndes Liebesfeuer (358).

18,2 - Der Sinn des Eifers

Das Flammen oder Lodern der eifernden Liebe ist ein geistiges Flam­men und Lodern. Wird die Liebe des Lebens angefochten, dann ent­zündet sich die Wärme des Lebens zum hellen Brand und wehrt sich gegen den Angreifer wie gegen einen Feind, und zwar mit einer Macht und Kraft, die der Flamme gleicht, die aus einem Feuer emporschlägt, wenn es angefacht wird. Dann funkeln die Augen, dann glüht das Ant­litz, dann zittert die Stimme, dann zuckt die Gebärde. Das geschieht, auf daß die Liebe oder Lebenswärme nicht ausgelöscht werde mit all ihrer Munterkeit, ihrer Lebensfreude und ihrem Glücksgefühl (359).

Die menschliche Form ist in ihrem Innersten von der Schöpfung her die Form des liebenden Wollens und des weisen Denkens; in jedem Menschen sind Neigungen der ewigen Liebe und Wahrnehmungen der ewigen Weisheit in vollkommener Ordnung zur jeweiligen Einheit zu­sammengesellt. Es leuchtet ein, daß, wenn die Liebe angefochten oder gekränkt wird, auch jene ganze Form mit allem, was sie enthält, im sel­ben Augenblick bedroht wird. Weil aber alle Subjekte in ihrer Form beharren sollen und wollen, verteidigt sich die angegriffene Liebe, be­gehrt auf, leistet Widerstand, und zwar durch ihr Denken, durch Ver­nunftgründe und Vorstellungen, von denen sie sich Erfolg erhofft. Diese sind gleichsam die Holzscheite, die die Glut speisen und die Erhitzung in Flammen verwandeln. Geschähe das nicht, dann bestünde Gefahr, daß die Form zerfiel. Man kann auch sagen, die Liebe verhärtet durch Gedanken ihre Form zu Stacheln, die sie ausspreizt. Ist Widerstand nicht möglich, dann verfällt sie in Angst und Schmerz, weil sie das Verlöschen des inneren Lebens befürchten muß. Geht die Gefahr vorüber, ist sie nicht mehr zur Selbstverteidigung gezwungen, dann mildert sich ihre Form, sie erweicht und erblüht und zeigt sich gelinde, lieblich, sanft und anlockend (360 f).

18,3 - Der Unterschied des Eifers für das Gute vom Eifer für das Böse

Weil der Eifer Sache der Liebe ist, unentbehrlich, aber auch gefährlich, gibt es wie zweierlei Liebesarten so auch zweierlei Eifer: den für das Gute und das damit zusammenhängende Wahre und den für das Böse und das damit zusammenhängende Falsche, und beide sind ebenso un­absehbar mannigfaltig wie die Engel des Himmels und die Geister der Hölle. Diese und jene sind Gestalten ihrer Liebe, und es gibt keinen einzigen, der einem anderen vollkommen gleich ist, auch wenn sie sich ins Unendliche vermehren (362). Im Äußeren erscheinen beide Eifer gleich, nämlich als Aufwallung, Aufbegehren, Zorn und Erhitzung, denn in beiden lodert die Liebe. Wir können das z.B. bei einem Redner beobachten, wenn er sich ereifert und dann die Stimme bebt, das Ge­sicht glüht und der Körper in Schweiß gerät. Im Innern aber sind beide Eifer grundverschieden (363). Das Verhältnis des Inneren zum Äußeren des Menschen kann anschaulich gezeigt werden an einer Nuß oder Man­del: das Innere des guten Menschen ist gleich einem guten, würzigen und fruchtbaren Kern, außen umgeben von einer unauffälligen natürli­chen Schale, das Innere des Bösen dagegen ist wie ein bitterer, fauler, wurmiger, unfruchtbarer Kern, von außen mit einer ähnlichen natürli­chen Schale umgeben (364).

Der Eifer der guten Liebe birgt in seinem Inneren Liebe und Freund­schaft, der Eifer der bösen Liebe dagegen Haß und Rachsucht. Der Eifer der guten Liebe ist wie eine himmlische Flamme, die nie verhee­rend losbricht, sondern sich nur verteidigt; er brennt alsbald ab und läßt nach, wenn die Anfechtung vorüber ist. Der Eifer der bösen Liebe dagegen ist wie eine höllische Flamme, die hervorstürzt und den ande­ren verzehren will; er dauert auch nach dem Ausbruch fort und ver­löscht nicht. Das kommt daher, daß das Innere des in der Liebe zum Guten Lebenden an sich zutunlich, milde, überlegen, freundlich und wohlwollend ist und das Äußere mäßigt, das, um sich zu schützen, auf­fährt und hart reagiert. Anders bei den Bösen: ihr Inneres ist roh, von vorneherein feindselig, haßerfüllt und rachgierig, und selbst nach einer Versöhnung glimmt der Eifer noch unter der Asche fort. Wo nicht auf Erden so doch nach dem Tod bricht das Feuer wieder aus (365).

Weil der Eifer bei beiden im Äußeren gleich erscheint, wird er in der Bibel auch von Gott ausgesagt. Er wird ein „eifernder Gott“ genannt, der „zürnt, entbrennt, sich rächt, straft, in die Hölle wirft“. Das muß mißverstanden werden, wenn man nichts vom Unterschied beider Ar­ten des Eifers weiß und wenn man nicht den Entsprechungsbezug des Irdischen zum Geistigen und Göttlichen kennt. Weiß man aber davon, dann versteht man, daß sich darin in Wahrheit die Barmherzigkeit, Huld und Liebe des Herrn oder das Gute selbst, freilich erregt durch das Böse und Falsche im Menschen, irdischen Vorstellungen entspre­chend darstellt (366).

18,4 - Die verschiedene Arten der Eifersucht

Der Eifer für die wahrhaft eheliche Liebe ist der stärkste Eifer, weil diese die höchste Liebe, das Haupt aller Liebesarten ist. Sie gestaltet in der Ehefrau die Form der Liebe und im Ehemann die Form der Weisheit, sie vereinigt beide zu Einer Form und läßt von ihnen nur aus­gehen, was die Art der Weisheit und zugleich der Liebe in sich trägt. Dieser Eifer ist die Eifersucht, zelotypia, das Urbild oder der Typus des Eifers (367). Wir unterscheiden:

Erstens: Die Eifersucht bei Ehepaaren, die in wahr­haft ehelicher Liebe verbunden sind. Bei ihnen ist die Eifersucht be­gründet in der Furcht vor dem Verlust ewiger Seligkeit, nicht nur der eigenen, sondern auch der des Partners und im Schutz gegen diesen Verlust. Sie lodert daher wie ein Feuer gegen eine Gefahr für die Ehe auf und schützt sie (371), wenn der eine der sich zärtlich Liebenden fürchtet und schmerzlich besorgt ist, die Gemeinsamkeit könnte zer­stört werden (372).

Zweitens: Die Eifersucht bei Ehepaaren, bei denen die Gemüter noch nicht aber die Seelen vereinigt sind. Sie finden in der Verbindung ihrer Gemüter geistige Ruhe und liebliche Früchte und können sich keine Entzweiung vorstellen. Droht eine solche, dann wird Eifersucht erregt und bricht hervor gegen den, der die Verbindung anficht und stören will. Da ihre Liebe dahin zielt, daß sie Eins seien, schaudern sie vor der Gefahr einer Trennung, ja schon, wenn sich auch nur scheinbare Anzei­chen dafür ankündigen, daß sie auseinandergerissen werden könn­ten (368).

Drittens: Die Eifersucht in nur natürlichen Ehen. Bei nur natürlichen Männern, die mit Einer Frau leben, lodert die Eifersucht rasch auf. Sie entbrennen vor Zorn gegen den Einbrecher in ihre Ehe, erkalten dann aber oft gegenüber ihrer Frau. Leben solche Männer in Polygamie, wie z.B. im Orient, dann verwahren sie ihre Frauen wie Gefangene gegen andere Männer, auf daß ja keiner diese lüstern anblicke, und schnauben vor Wut, wenn sie entdecken, daß eine der Frauen listig einen heimli­chen Liebhaber einläßt. Diese Eifersucht lodert von der Glut der Rach­gier (369).

Viertens: Die Eifersucht bei Ehegatten, die sich nicht lieben. Auch hier ist Eifersucht möglich, hauptsächlich wegen Verletzung der Ehre, aus Furcht vor Schädigung des Rufes oder aus Besorgnis um den Zerfall des Hauswesens. Viele Männer wollen wegen ihrer Kraft oder Tapfer­keit oder Leistung hochgeachtet werden und sind dann in gehobener Gemütsstimmung. In einem Fehltritt ihrer Frau sehen sie eine Verlet­zung ihrer Ehre und Mißachtung ihrer Vortrefflichkeit und sind daher rasch eifersüchtig. Die Eifersucht aus Furcht vor Schädigung des Rufes hängt mit der vorigen zusammen, wobei noch der Ärger über das Zu­sammenwohnen mit der untreuen Frau hinzukommt. Die Eifersucht aus Besorgnis um den Zerfall des Hauswesens erklärt sich aus der Furcht, die Gattin werde den Mann schließlich verachten und die häus­lichen Pflichten vernachlässigen (373).

Fünftens: Krankhafte Eifersucht. Es gibt Männer, die immerfort arg­wöhnen, ihre Frau sei ihnen untreu, und sie schon für eine Ehebreche­rin halten, wenn sie nur hören oder sehen, daß sie mit oder von anderen Männern freundlich spricht. Wird die krankhafte Phantasie lange ge­nährt, dann gerät das Gemüt in die Fänge ähnlicher Geister und kann nicht leicht wieder daraus gerettet werden. Auch setzt sich diese Eifer­sucht im Körper fest, verunreinigt das Blut und führt oft zur Abnahme der Kräfte, die wiederum Erschlaffung des Gemüts und Sichgehenlassen in Scheltworten verursacht und schimpfliche Behandlung der Frau, ja Irrsinn zur Folge hat (374). Es gibt da und dort Sippen, die an dieser Eifersuchtskrankheit leiden. Die Frauen müssen dabei viel Ungemach von ihren eifersüchtigen Männern erdulden, sie werden mit Argusaugen überwacht, jede Unterhaltung mit anderen Männern wird ihnen verbo­ten, sie werden eingesperrt und mit Todesdrohungen erschreckt, wenn ein Verdacht auf sie fällt. Der Grund für derartig ungebändigtes Eifer­suchtsfeuer ist oft darin zu finden, daß man sich allem Geistigen wider­setzt oder feindlich gegen alle Kirchen oder aber fanatisch für eine Kirche ist. Auch die Rachsucht ist zuweilen der Grund dafür; sie hemmt jeden Einfluß echter ehelicher Liebe, saugt ihn auf, verschlingt ihn und verwandelt ihre Freudenreize, die himmlisch sind, in höllische Rachgier, die man an der Gattin als dem nächstliegenden Objekt ausläßt (375).

18,5 - Gründe für fehlende Eifersucht

Der Ursachen für mangelnde oder überhaupt nicht vorhandene Eifersucht gibt es mehrere: sie fehlt Eheleuten, welche die eheliche Liebe nicht höher achten als nichtehelichen Geschlechtsverkehr und sich um ihren guten Ruf nicht kümmern, also eigentlich verheiratete Buhler sind. Andere meiden die Eifersucht, weil diese ihre Gemütsruhe stört und weil sie es aufgegeben haben, die Frau zu hüten. Sie meinen, sie werde gerade dadurch zur Untreue gereizt und es sei daher besser, die Augen zu verschließen. Wieder andere verwerfen die Eifersucht als eine schlechte Eigenschaft, andere als Zeichen von Schwächlichkeit, andere um das Hauswesen nicht zu gefährden und nicht öffentlichen Schimpf wegen weiblicher Untreue heraufzubeschwören. Von selbst verliert sich die Eifersucht, wenn impotente Männer ihren Frauen jede Freiheit ge­statten, manchmal um dadurch doch noch zu Erben zu kommen. End­lich gibt es buhlerische Ehen, in denen beide Teile sich mit gegenseiti­gem Einverständnis volle Freiheit zur Lustbefriedigung einräumen und dabei ohne Eifersucht freundlich zusammenwohnen (376).

18,6 - Der Unterschied der männlichen und weiblichen Eifersucht

Ich fragte einmal Engel nach dem Sitz der Eifersucht und sie sagten, dieser sei im Denken des Mannes, der die eheliche Liebe von der Gattin aufnimmt und erwidert. Ihre Beschaffenheit verhalte sich gemäß dem Weisheitsgrad des Mannes. Durch den männlichen Verstand schütze sich die eheliche Liebe wie das Gute durch das Wahre und somit schüt­ze die Frau das, was mit dem Mann zur Gemeinschaft verbindet, durch den Mann. Vom Mann werde die Eifersucht auch auf die Frau übertra­gen, ebenso wie die eheliche Liebe von der Frau auf den Mann. Deshalb tritt sie bei geistigen Menschen, die in wahrhaft ehelicher Liebe vereint sind, gleichermaßen hervor und schützt beide gegen verletzende Absichten. Wegen ihres verschiedenen Ursprungs unterscheide sich männ­liche und weibliche Eifersucht: die männliche entspringt dem Denken, die weibliche dem Wollen, das sich der Verständigkeit des Mannes angebildet hat; die männliche könne einer Flamme der Hitze oder des Erzürntseins verglichen werden, die weibliche aber einem verborgen glimmenden Feuer, das niedergehalten wird aus allerlei Ursachen, wie z.B. aus Furcht oder aus Rücksicht auf den Mann, aus Rücksicht auf beider Liebe oder aus geheimer Klugheit, den Mann von Aufdringlich­keit zu verschonen, aber dennoch sein Gewissen zu erregen (372. 379).

19,0 - Freundschaft und scheinbare Liebe in der Ehe

19,1 - Die scheinbar eheliche Liebe

Es ist bekannt, daß viele Ehepaare zusammenleben, obwohl ihnen die Wärme der echten ehelichen Liebe fehlt. Das wäre nicht möglich, wenn es nicht Arten von scheinbarer Liebe gäbe, die der echten ehelichen Liebe ähnlich sind und deren Wärme nachahmen. Sie sind notwendig und nützlich, und ohne sie könnte die menschliche Gesell­schaft nicht bestehen (271).

Es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe nicht erscheint und doch da ist, und es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe erscheint und doch nicht da ist. Das Äußere ist oft Scheinbarkeit und läßt nicht immer auf das Innere schließen. Entscheidend ist, ob der eheliche Sinn im Wollen eines Menschen wohnt und bewahrt wird, in welchem Zustand der Ehe oder Ehelosigkeit auch immer er sich befinden möge. Der Ehesinn ist gleichsam die Waage, womit die wahrhaft eheliche Liebe gewogen wird (531).

Gemeinhin werden die Ehen aufgrund von äußeren Neigungen geschlos­sen, denn man weiß heute kaum etwas vom inneren Menschen und den inneren Neigungen. Auch treten diese bei den Frauen nicht hervor, ja sie ziehen sie ihrem Naturell gemäß in die geheimen Stätten ihres Ge­müts zurück. Den einen Mann veranlaßt die Neigung zur Erweiterung seines Besitzes, den anderen die zur Erwerbung des Lebensunterhalts, den dritten das Trachten nach Auffallen in der Gesellschaft zur Heirat. Den einen lockt die Schönheit eines Mädchens, den anderen die Über­einstimmung der Gesinnungen und Gedanken, einer „fällt herein“ aus rasch aufflammender Sympathie, ein anderer aber legalisiert einen Ge­wohnheitsbund, nur selten aber werden die Übereinstimmungen oder Kontraste der innersten Neigungen erforscht (274). Wenn nicht diese die Gemüter vereinigen, lösen sich die Ehen im Hause auf. „Im Hause“, damit meinen wir im Stillen, privatem, und das geschieht oft schon bald, wenn die vor der Hochzeit immerhin lodernde Flamme allmählich ver­löscht und am Ende in Kälte übergeht (275). Trotzdem sollen die Ehen Freundschaft und scheinbare Liebe in der Ehe fortgesetzt werden bis ans Ende des irdischen Lebens, um das sonst un­vermeidliche gesellschaftliche Chaos zu verhüten, und das ist möglich dank den allmählich entstehenden äußeren Neigungen, als da sind die Zuneigungen in der unteren Region des Gemüts, die zwar denen in der oberen Region nicht gleich sind, aber gleich erscheinen, oder die oft hilfreichen Konventionen oder die Gemeinschaft des Besitzes oder Ge­schäftes oder gemeinsame Arbeit. Ferner verbindet der geschlechtliche Verkehr und die Liebe zu den Kindern. Auch die wachsende Vertrau­lichkeit und gemeinsame Geheimnisse sind der Zuneigung förderlich(276 f.).

Alles, was Ehepaare einander an Freundschaft und Gunst erweisen, ist eine Folge des auf Lebenszeit geschlossenen Bundes und der ehelichen Gemeinschaft. Die Liebe ist oft nur eine scheinbar eheliche Liebe, die Neigungen sind nur äußere, die die inneren nachahmen, dennoch er­scheint die äußere Liebe oft wie die innere und die äußere Freundschaft wie die innere (278), und das ist nützlich und für das gesellschaftliche Leben notwendig. Wir können dies eheliche Verstellungen nennen, müssen sie aber ihres Nutzens für das Zusammenleben wegen wohl un­terscheiden von heuchlerischer Verstellung (279).

19,2 - Die eheliche Verstellung

Die ehelichen Scheinbarkeiten oder Verstellungen zielen auf die Erhal­tung der Ordnung im Hauswesen und die gegenseitige Hilfeleistung. Ist die hierfür eigentlich nötige Übereinstimmung der Gemüter nicht vor­handen, dann kann sie auch durch eine sich äußerlich als solche darstel­lende Freundschaft bewirkt werden (283). Sie zielen weiterhin auf die einmütige Sorge für die kleineren und größeren Kinder (284). Auch ist ihnen der besonders für den Mann nötige häusliche Friede zu verdan­ken. Mancherlei beschäftigt sein Denken, mancherlei beunruhigt oder gar verdüstert sein Gemüt. Er braucht zuhause eine Zufluchtsstätte, um die oft stürmischen Gedanken zu beruhigen und sein Gemüt aufzuhei­tern. Dankbar nimmt er die ihm von seiner Frau entgegengebrachte Freundlichkeit auf und diese gibt sich alle Mühe, die Gemütswolken zu zerstreuen, die sie mit Scharfblick bei ihm wahrnimmt (285). Solche, wenn auch nur äußeren, Freundschaftsbezeugungen überbrücken auch manchen Zwist und manche Entfremdung und tragen zur Wiederver­söhnung bei (289). Und endlich bannt eine Freundschaft, die, weil sie unter Ehelichen stattfindet, der ehelichen Liebe ähnlich ist die Gefahr des Auseinanderbrechens der häuslichen Gemeinschaft, wenn der ge­schlechtliche Verkehr aufhört. Verharrt dann die Frau in keuscher Gunst gegenüber dem Mann, so leben sie auch im Alter liebevoll und freundlich zusammen, und der gegenseitig hilfreiche Umgang bleibt er­halten (290).

Eheliche Verstellungen, das heißt scheinbar eheliche Bemühungen um Liebe und Freundschaft trotz widerstreitender Wesenstendenzen kön­nen sogar Besserung und Entwicklung zum Geistigen bewirken, weil der mit einem natürlichen Partner durch die Ehe verknüpfte geistige Mensch ja nichts mehr beabsichtigt, als die Besserung und Vergeistigung des an­deren und des gemeinsamen Lebens. Dies geschieht von der männlichen Seite her durch kluge und anmutige Gespräche und durch Gefälligkei­ten, die sich der Sinnesart der Frau anschmiegen. Zeigt sich bei ihr in Gesinnung und Benehmen keine Wirkung, dann bemüht er sich wenig­stens um Anbequemung wegen der Erhaltung der häuslichen Ordnung und der gegenseitigen Hilfeleistung sowie wegen der Kinder. Auch bei Ehegatten, die beide nur natürlich sind, kann das gleiche geschehen, freilich aus anderen Endabsichten, so z.B. auf daß auch der andere sich gleichermaßen sittlich betrage oder sich seinen Wünschen füge, auch wegen des häuslichen Friedens oder des guten Rufes oder um Begünsti­gungen durch Verwandte zu erlangen. Solche Absichten gehen bei den einen aus der Klugheit ihrer Vernunft, bei anderen aus natürlicher Höflichkeit, bei wieder anderen aus Angewohnheiten hervor. Es kommt auch vor, daß solche scheinbar ehelichen Gunstbezeugungen nur außer­halb des Hauses gewährt werden, um sich den Ruf guter Ehe zu ver­schaffen, nicht aber zuhause. Dann freilich sind sie nur täuschendes Spiel (282).

19,3 - Der Kampf um die Herrschaft in der Ehe

Nur mühsam kann durch scheinbare Liebe und Freundschaft verdeckt werden, was oft nach den ersten Ehejahren an Eifersüchteleien wegen der Herrschaft im Haus und in der Ehe verborgen glimmt oder offen ausbricht: „Wer ist Herr im Haus? Wer hat die Pantoffeln an?“ Kennt man die wahrhaft eheliche Liebe nicht und hat für ihre Seligkeiten keinen Sinn, dann stellt sich an ihrer Stelle eine Begierde ein, die den trügerischen Schein dieser Liebe annimmt, und daraus entspringt das Streben nach Herrschaft. Von den Männern wird nun höhere Macht in Anspruch genommen, weil sie eben Männer sind, und den Frauen ein geringerer Einfluß eingeräumt, weil diese eben nur Frauen sind. Schließ­lich bringt es der Mann so weit, daß die Frau völlig abhängig von ihm ist, seinen Launen dient und zur Sklavin wird. Ist aber die Frau von dieser Herrschsucht besessen und erreicht nach wechselnden Erfolgen ihr Ziel, dann muß der Mann ihr gehorchen und wird ihr Sklave. Hat sie das Heft in die Hand bekommen, dann wird sie allerdings durch die Furcht vor berechtigter Trennung im Zaum gehalten und hütet sich, ihre Macht übermäßig auszuweiten. Unter dem Schein ehelicher Liebe führt sie ein freundlich‑geselliges Leben mit ihrem Mann. Was aber ist das für eine Freundschaft oder gar Liebe zwischen einer Frau als Herrin und einem Mann als Knecht oder zwischen einem Mann als Tyrann und einer Frau als Sklavin? (291)

In der anderen Welt gestanden mir Männer, sie hätten, ohne sich des­sen auf Erden recht bewußt zu sein, in schrecklicher Angst vor ihren Frauen gelebt, gehorsam deren Launen, untertänig deren Winke befol­gend, wie die niedrigsten Knechte. So feige Kerle habe es nicht nur un­ter Männern „niedriger“ Stände, sondern auch unter hohen Würden­trägern, ja tapferen und berühmten Feldherrn gegeben. Nie hätten sie es gewagt, mit ihren Frauen anders als freundlich zu reden und sich ih­ren Wünschen zu widersetzen, obwohl sie diese tödlich gehaßt hätten, und auch die Frauen seien in Rede und Benehmen freundlich gegen sie gewesen und hätten manchem Wunsch ein geneigtes Ohr geschenkt. Sie könnten, so sagten sie, bis heute nicht begreifen, wie eine solche Antipathie im Innern bei gleichzeitiger Sympathie im Äußeren möglich gewesen sei. Von den Frauen erfuhr ich, daß die Unterjochung der Männer in ungebildeten Kreisen durch Schelten und dann wieder Freundlichsein geschehe, in den Kreisen der Gebildeten durch beharr­liches Bitten und durch hartnäckigen Widerstand mit Berufung auf das Recht der Gleichheit in der Ehe. Alle aber wissen, daß die Männer hart­näckigen Vorstellungen ihrer Frauen nicht widerstehen können und, einmal nachgebend, ihnen ausgeliefert sind, wobei es für die Frauen ratsam ist, sich dann und wann wieder freundlich und einschmeichelnd zu benehmen. Die schlimmsten dieser Sorte bringen es freilich fertig, bis zum letzten Atemzug auf ihren eigensinnigen Forderungen zu beste­hen. Ich hörte aber auch Entschuldigungen von Frauen für solches Be­tragen: sie sagten, sie würden nicht so gehandelt haben, wenn sie nicht vorausgesehen hätten, welche Verachtung, ja Verstoßung sie hätten er­leiden müssen, wenn es den Männern gelungen wäre, sie zu unterjochen. Sie hätten also aus Notwehr zu diesen Waffen gegriffen. Und sie fügten noch die Mahnung an die Männer hinzu, diese sollten doch den Frauen ihre Rechte lassen und, wenn sie hin und wieder Kälte gegen sie emp­fänden, sie doch nicht geringer als Dienstmägde behandeln (292).

 

20,0 - Von den Ursachen der Kälte, Trennung und Scheidung

20,1 - Innere Ursachen der Erkaltung der ehelichen Liebe

Allzu oft verändert sich die zärtliche voreheliche Zuneigung in Gleich­gültigkeit. Der Mensch ist nach der Geburt zunächst nur körperlich da ‑ obwohl von vorneherein alle Anlagen für alles Weitere in ihm latent vorhanden sind -, dann wird er natürlich, dann vernünftig und endlich geistig. So sollte es sein, so sollte er stufenweise fortschreiten, wobei das Körperliche die Grundlage für das Folgende, darein Eingesäte ist. Nur so wird er mehr und mehr Mensch. Ähnliches geschieht in der Ehe: der Mensch wird vollständiger Mensch, wenn er sich mit einer Partnerin verbindet, mit der er Einen Menschen ausmachen soll. Dies geschieht im ersten Zustand des gemeinsamen Lebens einigermaßen im Bild, und es sollte nun vom Sinnlich‑Körperlichen fortschreiten bis zur innigsten Verbindung beider zur Einheit. Oft aber bleibt nur eine schwache Rückerinnerung an die ersten Ehetage und Jahre übrig, denn diejenigen, die nur das Sinnlich‑Körperliche und bestenfalls noch das Vernünftige lieben, können mit ihrer Gattin nicht wie in Eins verbunden werden, und schließlich erkaltet auch die untere, äußere Liebe (59).

Wie geistige Wärme so gibt es auch geistige Kälte, wie Liebe so auch Lieblosigkeit. Geistige Kälte ist nicht etwas Eigenes, sondern eine Min­derung oder endlich Abwesenheit von geistiger Wärme, oder in den Subjekten ein Beraubtsein von geistiger Wärme. Die geistige Wärme kommt aus der Sonne der geistigen Welt, in ihr ist die himmlische Sonne, die vom Herrn ausgeht. In deren Mitte ist Er selbst, die reine Liebe. Von jener Sonne geht Wärme und Licht aus, die Wärme ist in ihrem Wesen Liebe, das Licht in seinem Wesen Weisheit. Die Sonne der irdischen Welt ist dazu geschaffen, die geistige Wärme und das geistige Licht aufzunehmen in ihre Wärme und in ihr Licht und diese mittels der Atmosphären bis zu den letzten Dingen auf Erden zu tragen, um die Endzwecke zu verwirklichen, die der Herr in Seiner Sonne vorgesehen hat, wie auch die geistigen Dinge mit entsprechenden Hüllen zu beklei­den mit materiellen Stoffen, zur Auswirkung der letzten Zwecke in der Natur. Dies geschieht, wenn die geistige Wärme in der natürlichen wirkt, das Gegenteil aber, wenn beide getrennt sind, und also auch bei denen, die das Geistige vom Materiellen trennen, nur die Natur und das Irdische lieben und das Geistige verwerfen. Bei ihnen schwindet die geistige Wärme bis zur Kälte und die beiden Wärmen oder Liebes­arten, die von der Schöpfung her übereinstimmen, werden zu entgegen­gesetzten. Die Wärme, die herrschen soll, wird zur dienenden und um­gekehrt, und mit dem Zurücktreten der geistigen Wärme, der die Herr­schaft gebührt, verliert sie sich in den Subjekten und erkaltet. Ich habe in der geistigen Welt vernommen, daß Geister, die lediglich natürlich sind, in der Nähe von Engeln von heftiger Kälte ergriffen werden (235).

Geistige Kälte in den Ehen ist der Grund für die Entzweiung der Gemü­ter, und ihr folgt Gleichgültigkeit, Uneinigkeit, Verachtung, Widerwille, Abscheu und endlich meist auch Trennung von Tisch und Bett. Dies geschieht, wenn die erste Liebe verflogen ist und zur Kälte wird (236). Die eigentlichen Ursachen für das Erkalten sind nicht äußere, sondern innere, von denen jene herrühren (237). Es wurde bereits dargelegt, daß das den Menschenseelen innewohnende Streben des Guten und Wahren, sich in Eins zu verbinden, der eigentliche Ursprung der eheli­chen Liebe ist. Ebenso wurde gesagt, daß sich die eheliche Liebe im Menschen gemäß dem verhält, wieweit er „Kirche“, das heißt durch die „Hochzeit“ mit dem „Herrn ‑ Bräutigam“ geistig wird. Er ist dazu geschaffen, daß er immer inwendiger werden und immer näher einge­führt oder erhoben werden kann zu jener Ehe des Guten und Wahren und so in die wahrhaft eheliche Liebe, soweit, daß er den Zustand ihrer Glückseligkeit inne wird. Der Ursprung der Kirche und der Ursprung der ehelichen Liebe befinden sich in Einem Wohnsitz und sie umschlin­gen einander fortwährend in gegenseitiger Umarmung (238).Wo aber eines von beiden fehlt, gibt es auch keine wirkliche eheliche Liebe, ja tritt an ihre Stelle Kälte (239). Dann verspottet man die Wahrheit, daß die eheliche Liebe sich dem Zustand des Kirche-Seins gemäß verhalte, ja damit überhaupt etwas zu tun habe, und das ist eigentlich zu verzei­hen, denn für solche Menschen ist Umarmung Umarmung, ohne Unter­schied. Ihr Inwendiges wird allmählich mehr und mehr verschlossen und gleichsam im Leibe verstopft und auch die Geschlechtsliebe sinkt ab zu einer gemeinen und wird in der untersten Region zu Brunst und Geilheit (240).

Wird nur der eine Ehepartner geistig, der andere aber nicht, dann müs­sen die Seelen notwendig uneins sein. Wirkliches eheliches Zusammen­leben wird unmöglich, bei dem ungeistigen Gatten dringt Kälte ein, und schließlich ist er nicht mehr imstande, den anderen offen anzublicken, mit ihm ein Gespräch zu führen, ihn liebevoll zu berühren, gar nicht zu reden von den nicht offenbaren Gedanken, die sich aus jener Kälte einschleichen (241). Wenn diese Ursachen der Kälte im Innern die gleiche Kälte im Äußeren bewirken würden, gäbe es ebenso viele Tren­nungen, doch ist bekannt, daß viele dennoch wie Liebende und Freun­de zusammenleben. Gleichwohl lauert die Kälte inwendig verborgen und wird manchmal auch wahrgenommen und empfunden. Die Nei­gungen entfernen sich voneinander, wenn auch nicht die in Reden und im Benehmen geäußerten Gedanken wegen der scheinbaren Freund­schaft und Gunst (244).

20,2 - Äußere Ursachen der Erkaltung

Von den äußeren Ursachen der Erkaltung führen wir an:

Erstens: die Ungleichheit der Gesinnungen, das heißt der äußeren Triebe und daher stammenden Neigungen, die hauptsächlich durch Erziehung, Umgang und daraus sich bildende Gewohnheiten eingepflanzt werden, und auch der Ansichten, die man mit der Zeit über die und jene Lebensart gefaßt hat. Auch die Ungleichheit der Sitten oder der Bildung gehört hierher (246).

Zweitens: die Meinung, die eheliche Liebe sei eins mit deren Gegensatz, der buhlerischen Liebe. Wenn man beide gleichsetzt und ihren Unterschied nicht kennt oder leugnet, dann wird die Gattin als Weibchen und die Ehe als „Verhältnis“ angesehen. Der Mann ist in die­sem Fall ein Ehebrecher, wenn auch nicht in körperlicher, so doch in geistiger Beziehung. Die unvermeidliche Folge ist, daß sich schließlich Verachtung, Abneigung, ja Abscheu einstellt (247).

Drittens: der Streit der Ehegatten um die Herrschaft. Die Herrsch‑ und Vorrangssucht ver­drängt die Vereinigung des Wollens und die Freiheit der Meinung, auf die die eheliche Liebe abzielt, sie zerschneidet und zerteilt das beider­seitige Wollen und verwandelt die Freiheit der Meinung in Knechtschaft.

Würden solche Gemüter geöffnet und mit geistigem Blick betrachtet, so würden sie als Kämpfer mit Dolchen erscheinen, die einander bald zornig, bald freundlich ansehen; zornig, wenn sie in heftiger Erregung ihrer Herrschbegierde sind, freundlich, solang sie Hoffnung auf den Sieg haben oder wenn die sexuelle Lust sie überwältigt. Nach dem Sieg des. einen über den anderen zieht sich die Kampfeslust in das Inwendige des Gemüts zurück, doch verbleibt daselbst eine verborgene Unruhe (248). Viertens Müßiggang und daher rührende Ausschweifung. Der Mensch ist zu nützlichem Wirken geschaffen, denn dieses enthält, sam­melt und vollendet das vereinigte Gute und Wahre, aus deren Ehe jede Schöpfung sowie auch die wahrhaft eheliche Ehe hervorgeht. Durch die Beteiligung an nützlichen Werken in Studium oder Beruf oder Gesell­schaft wird das Gemüt eingeschränkt und begrenzt wie in einen Kreis, innerhalb dessen es nach und nach in menschliche Form gebildet wird (249).

Dreierlei fließt als Eines vom Herrn in die Seelen ein: Liebe, Weisheit und nützliches Wirken. Liebe und Weisheit existieren nur in ideeller Weise, nur in der Neigung und im Denken des Gemüts; in der nützli­chen Wirkung aber existieren sie in reeller Weise, weil zugleich im Han­deln und Wirken des Körpers, und da haben sie auch Bestand. Die Liebe zum nützlichen Wirken hält das Gemüt zusammen, daß es nicht zerfließt und umherschweift (16). Das Gegenteil widerfährt denen, die sich dem Nichtstun, dem Müßiggang, der Trägheit ergeben. Ihr Gemüt ist nicht eingeschränkt und wohltätig umgrenzt; ein solcher Mensch läßt infolge­dessen alles Eitle und Tolle und „Interessante“ aus der Umwelt und von seinem Körper her in sein Gemüt eindringen, es ganz davon erfüllen und sich zu Ab‑ und Ausschweifungen fortreißen. Die eheliche Liebe wird dadurch ausgetrieben, das Gemüt wird stumpf und der Körper er­lahmt und der ganze Mensch wird schließlich unempfänglich für jede lebenskräftige Liebe und insbesondere für die eheliche Liebe, aus der wie aus einer Quelle Rührigkeit und Munterkeit des Lebens einströ­men (249).

Endlich weisen wir noch hin auf andere Ursachen der Kälte, wie zu großen Altersunterschied oder ungleiche gesellschaftliche Stellung, wo­fern die Gleichheit der Gesinnungen und Gesittung und die Anbeque­mung des einen Gatten an die Wünsche des anderen die Unterschiede nicht überbrücken und sie sich trotzdem zusammengesellen. Doch be­wirkt selbst der beste Wille oft nur eine sklavische Verbindung, und diese ist im Grunde eine kalte, bestenfalls lauwarme. Der gesellschaft­lich niedriger gestellte Partner ist in Gefahr, groß zu tun, worüber der höher gestellte dann schamhaft erröten muß. In den Himmeln gibt es solche Unterschiede nicht, dort befinden sich alle in der Blüte der Ju­gend und bleiben darin, dort achten alle das nützliche Tun der anderen gemäß den erzielten Leistungen, dort betrachten alle einander als Brü­der und ziehen nicht die Würde des Standes der Vortrefflichkeit der Nutzwirkung vor, sondern diese jener, dort gibt auch das eingebrachte Vermögen keinen Ausschlag, denn dieses besteht in den Fähigkeiten, weise zu sein, demgemäß jeder besitzt, was er braucht (250).

Geringfügigere, wenn auch oft irreparable Ursachen von ehelicher Kälte sind z.B. die aus der fortwährenden Berechtigung zum Geschlechtsver­kehr entstehende Gleichgültigkeit, sodaß die Freude daran schwindet, ja zum Überdruß wird. Dies ist oft bei solchen zu beobachten, die leichtfertig von der Ehe und der Frau denken oder die aus ihrer Liebe die unkeusche Geschlechtsliebe nicht entfernt haben. Um die daraus entstehende Erkaltung zu verhindern, machen kluge Gattinnen zuwei­len das Erlaubte zum Nichterlaubten und widersetzen und entziehen sich dem Gatten (256). Wir erwähnen als Erkaltungsursache auch noch die Zudringlichkeit der Gattin und ihr zu vieles Reden von Liebe, gleich falsch wie das Gegenteil, das Schweigen (258). Oder jene häufige Er­scheinung, daß der Mann bei Tag und Nacht von seiner Gattin denkt, sie wünsche und verlange geschlechtlichen Umgang, und daß anderer­seits die Gattin vom Ehemann annimmt, er wolle ihn nicht (259).

Auch erkaltet die eheliche Liebe, wenn die Ehe als Fessel und als ge­setzlich geschützter Zwang empfunden wird, aber im Grunde ist dies meist nicht die Ursache, sondern bereits die Folge vorherigen Wärme­schwundes. Diese Empfindung wird noch gesteigert, wenn der eine Ehepartner auf sein Recht pocht und die gesetzliche Rechtskraft dieser unzerreißbaren Fessel noch unterstreicht. Welcher Gegensatz zu denen, die von der ehelichen Liebe himmlisch denken und dies innerlichst fühlen! Bei ihnen ist das Bündnis mit seinen Verpflichtungen in die Herzen geschrieben und die gegenseitige Liebe, nicht das Gesetz, ver­knüpft sie. Sie empfinden daher alles, was zu dieser Liebe gehört, als etwas Freies, Freiwilliges. Wirkliche Freiheit ist nur dort, wo man liebt; ich habe von den Engeln vernommen, die Freiheit der wahrhaft eheli­chen Liebe sei die allerfreieste Freiheit, weil sie die Liebe aller Liebe sei (257).

20,3 - Berechtigte Trennungsgründe

Ist auch daran festzuhalten, daß eine Ehe nicht auf Zeit, sondern auf ewig geschlossen werden soll, so gibt es doch berechtigte Ursachen von Trennungen. Erstens fehlerhafte Beschaffenheiten des Gemüts, denn wenn die Gemüter allzu verschieden sind, das eine gesund, das andere krank, löst sich die anfängliche Verbindung und schwindet die eheliche Liebe. Wir zählen auf: Wahnsinn, Irrsinn, Stupidität, schwere hysteri­sche Erkrankung, Störrigkeit, die sich dem, was der andere verlangen kann, nicht fügt, übergroße Schwatzlust und Unfähigkeit, etwas anderes als Unsinn zu reden, nicht zu zügelnder Drang, die häuslichen Geheim­nisse auszuplaudern oder zu zanken, zu schlagen, zu stehlen und zu be­trügen, endlich Vernachlässigung der Kinder, Unsauberkeit, Üppigkeit, Verschwendungssucht, Trunkenheit, Schamlosigkeit (252). Zweitens fehlerhafte Beschaffenheit des Körpers, womit nicht vorübergehende, sondern unheilbare Krankheiten gemeint sind, solche, die durch An­steckung den Tod verursachen, sodann solche, die wegen schädlicher Ausflüsse, Ausdünstungen, Ausschläge eine Zusammengesellung unmög­lich machen (253). Drittens verheimlichte Impotenz (254).

20,4 - Grund für Ehescheidung

Grund für Ehescheidung, also nicht Trennung, ist allein der Ehebruch. Jesus sagte: „Wer sein Weib entläßt, es sei denn wegen deren Hurerei, und eine andere freit, der begeht Ehebruch“, Matth. 19, 9. Wenn ein verheirateter Mensch, Mann oder Frau, aus Vorsatz und bewußter Ver­achtung der Ehe Ehebruch begeht, dann setzt er sich in völligen Gegen­satz zur Ehe, und wenn Gegensatz auf Gegensatz wirkt, dann wird der eine, nämlich die so empfindliche Ehe, zerstört bis auf den letzten Le­bensfunken. Sogleich weicht der Himmel zurück und die Hölle stellt sich ein und die Gemüter werden völlig getrennt (255).

 

21,0 - Abirrungen und Verirrungen Sex, Lüsternheit, Hurerei

21,1 - Der Mensch zwischen Gut und Böse

Der Mensch kann dank der ihm gegebenen Fähigkeit zur Selbstbestim­mung und Freiheit der Entscheidung in echter Re‑Aktion auf die Ak­tion des Schöpfers, Ihm zugewandt leben, als sein Mitarbeiter auf der Erde, oder aber seine Begabungen pervertieren in Ichsucht, Selbst­liebe, Eitelkeit und in Befangenheit der Sicht auf die sinnlich wahr­nehmbare Welt und der Geltung in ihr. Ebenso kann er die Begabung der ehelichen Liebe in ihren Gegensatz verkehren, nämlich in der Ge­schlechtsliebe stecken bleiben, sodaß sie in tierhafte Sexualität und Triebbefriedigung entartet. Seit einer frühesten Periode der Menschheit, in der sich Menschen von der gemeinten Reaktion weg zur selbstherrli­chen, weltzugewandten Aktion entschieden - in der Bibel als „Sünden­fall beschrieben - ist die Menschheit anfällig für das Böse und Falsche. Infolge dieser nicht rückgängig zu machenden Tatsache muß sich jeder einzelne und jede Menschengruppe stündlich verantwortungsbewußt prüfen, wohin der Weg geht, denn seither lauert stets die Gefahr des Irrens und Sichverirrens.

„Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden, was euch das Innere stört, dürft ihr nicht leiden“, wie von selbst, so als müsse er es von sich aus schaffen, muß sich der Mensch stemmen gegen das selbstische Eigene, und der erste Schritt zur wahren Menschwerdung ist, das „nicht zu leiden, was das Innere stört“. Dazu muß es in sein Bewußtsein treten, muß gesehen, erkannt werden, um gemieden werden zu können. Doch er ist nicht allein, sondern stets umgeben von helfenden Engel­wesen, die ihm zur Seite kämpfen, die wissen: „Drängt es sich gewaltig ein, müssen wir tätig sein“, „Liebe nur Liebende führet herein“, nur sie können nach dem Tod in die Gemeinschaft der wahren Menschen, der Engel, kommen.

Hiermit steht Swedenborg im Gegensatz zu vielen Theologen der Groß­kirchen, die den „Sündenfall“ als historisch einmaliges, plötzliches und von da an alle Menschen unentrinnbar bestimmendes Ereignis auffas­sen, aus dem nur für die wenigen Menschen der Christenheit nach Christi Tod ein Ausweg durch den Glauben an die Wirkung seines To­des in Aussicht steht. Für Swedenborg ist eine „Erb‑Sünde“, das heißt eine Verdammung aller Menschen nach jenem Ereignis, nicht denkbar, wohl aber eine seitherige Erbveranlagung und Erbgefahr. Zwar ist seit­her das Böse in der Welt, zwar vererben seither die Eltern ihren Kindern die Anlage dafür, aber jeder Mensch ist zugleich auch ein neuer Mensch, ein Mensch für sich, mit allen Chancen. Jene Auffassung führte zu der Äußerung: „Das Neue Testament ist der Meinung, der Wille des Men­schen - und damit der ganze Mensch - ist dem Bösen und somit der Unfreiheit verfallen“. Swedenborg würde antworten: Auch bei mir könnt ihr lesen: „Das Eigene des Menschen ist böse“, aber ihr müßt es im Zusammenhang lesen: Wenn der Mensch sein Eigenes verabsolutiert und sich damit selbst vergottet, sich auf sich selbst zurückkrümmt und aus dem groben Lebenszusammenhang absondert, „sündigt“ - und das ist ihm dank der für seine Aufgabe nötigen Entscheidungsfreiheit immer möglich!-, dann wird er böse und irrt, dann ist er dem Bösen verfallen und dann gerät er in die Fange der ihm gleichgesinnten Geister, der Teufel und Satane. Aber der Mensch ist anders gemeint, und auch heute noch ist jeder Mensch so gemeint, auch heute noch ist niemand der Unfreiheit verfallen, sondern hat Selbstbestimmung, und wenn ihr nicht auf gewisse theologische Auffassungen hört, sondern auf die er­schienene Wahrheit, dann hört ihr: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Das ist das Leitbild, zu dem ihr euch entscheiden sollt, auf das ihr hin leben sollt und auf das hin ihr euch in der geistigen Welt weiter entwickeln dürft, wenn ihr auf Erden den Grund dafür gelegt habt.

21,2 - Eheliche und buhlerische Liebe

Im zweiten Teil seines Werkes kommt Swedenborg auf den Gegensatz zur Ehelichen Liebe zu sprechen, auf die wahllos schweifende und die nur sinnlich‑körperliche Vereinigung der Geschlechter, den bloßen Sex, die „buhlerische“ Liebe. Die Wärme der ehelichen Liebe schwindet bis zu ihrem Gegenpol, der Kälte; die Ehe des Guten und Wahren geht über in die Verkoppelung des Bösen und Falschen, das Geistigwerden bleibt im Natürlichen stecken, die Keuschheit und Reinheit schlägt um in Lüsternheit, der Himmel in Hölle. Der Partner ist dann nicht Gegen­stand der wechselseitigen Neigung, Förderung und Lust, sondern des selbst-süchtigen Genusses zur Steigerung der eigenen Wollust. Wir soll­ten von der ehelichen Liebe besser nicht als „Ideal“ sprechen, das im realen Leben doch nur Phantom bleibe, irrealer Idealball, Utopie, fernes Wunschbild, so fern und unerreichbar, daß es eigentlich sinnlos sei, es allzu ernst zu nehmen und sich ihm zu nähern zu versuchen, sondern als Normalfall, als der einzig wirklich menschlichen, für den Menschen gemeinten Erfüllung seiner Anlagen und Möglichkeiten, von der es freilich in der Realität so oft abwärts geht in untermenschliche Abirrun­gen, Abnormitäten. Wie es in der geistigen Welt im entgegengesetzten Lager, in dem nicht die echten, sondern die pervertierten Menschen hausen, in unmenschlichen Gestalten, sich gegenseitig hassend, statt sich liebend, sich quälend, statt einander Gutes zu tun, sich nun gegenseitig so behandelnd, wie sie auf Erden ihre Umwelt behandelt haben oder am liebsten behandelt hätten, ihrer Wollust dröhnend und gleichzeitig vom Überdruß und Ekel angewidert, wie es also dort in den Höllen zu­geht, das schildert Swedenborg so Grauenhaft, daß man an Dantes „Inferno“ erinnert wird. Die Hölle strotzt von Unreinigkeit, deren Ur­sprung die schamlose, häßliche buhlerische Liebe ist. Jeder Lustreiz einer Liebe stellt sich in der geistigen Welt in entsprechender Gestalt dar und ist entsprechend riechbar. Die Gestalten, in denen sich die gei­len Lustreize der buhlerischen Liebe zeigen, sind Bestien, Schweine und Schlangen zwischen Exkrementen und Kot, die Gerüche sind fau­lige und brandige Ausdünstungen (430).

21,3 - Der Ursprung der buhlerischen Liebe

Die in das Weltall einfließende eheliche Sphäre ist in ihrem Ursprung göttlich, in ihrem Fortgang bei den Engeln im Himmel himmlisch und geistig, bei den Menschen natürlich, bei den Tieren animalisch. Da diese Sphäre von den Subjekten aufgenommen wird und da die Aufnahme ge­mäß den Formen der aufnehmenden Subjekte erfolgt, konnte und kann diese Sphäre, die in ihrem Ursprung heilig ist, in den Subjekten in eine nicht heilige, ja sogar in eine entgegengesetzte verkehrt wer­den (225).

Die Sphäre der ehelichen Liebe senkt sich vom Himmel herab, die Sphäre der ihr entgegengesetzten buhlerischen Liebe steigt von der Hölle herauf (435). Beide Sphären begegnen einander in der geistigen Welt in der Geisterwelt, in der natürlichen Welt aber im Vernunftgebiet des Menschen. Von oben her fließt die Ehe des Guten und Wahren, von unten her die des Bösen und Falschen ein, und die menschliche Vernunft kann sich beiden Seiten zuwenden und den jeweiligen Einfluß aufneh­men (436). Dank seiner Selbstbestimmung und Freiheit kann und muß sich der Mensch entscheiden (437), und er kann und muß dies wie aus sich selbst tun. Ohne Vernunft und Freiheit wäre er nicht Mensch, son­dern Tier, könnte sich nichts als sein Eigenes aneignen und sich als ihm angehörend einprägen. Nur dank seiner Entscheidungsfreiheit kann er abwägen und die Waagschalen nach der oder jener Seite heben oder senken (438).

21,4 - Der Kontrast der Lustreize

Beide Sphären führen ihre erregenden Lustreize mit sich, und laufen auf das eine Fundament aus, in dem sie sich sammeln, erfüllen und be­friedigen. Deshalb werden eheliche und buhlerische Liebkosungen im Liebesspiel und im Orgasmus als gleich empfunden. Nur vom Innern her kann der Unterschied wahrgenommen werden, so wie das Böse nur aus dem Guten, nicht aber das Gute aus dem Bösen erkannt werden kann (439). Und gerade die unheimliche Dynamik des von aller mensch­lichen Ausrichtung entbundenen sexuellen Triebs ist ein Beweis für die zentrale Bedeutung der geschlechtlichen Beziehungen. Ihre unterste Stufe, abgelöst vom Geistig‑Menschlichen, fällt den Menschen mit Na­turgewalt an, „Treibt ihn um“, „macht ihn fertig“, fähig zu untertieri­schen Exzessen.

Die Geschlechtsliebe ist die Quelle, aus der sowohl die eheliche Liebe wie die buhlerische abgeleitet werden kann; Unzucht und Hurerei sind nicht gleich Geschlechtsliebe, sondern sie kommen von dieser her. Sie wohnt in jedem Menschen (445), hat man aber keine genaue Kenntnis von ihren Unterschieden und Graden, dann vermengt man das Böse mit dem Guten und macht aus allem einen Brei (444). Die Geschlechts­liebe folgt der beginnenden Tätigkeit des Denkens, Verstehens und Ur­teilens, und wie diese sich hebt oder senkt, so auch jene. Weisheit ist, den Geschlechtstrieb in Schranken zu halten und auf Einen Partner zu konzentrieren, Torheit, ihr freien Lauf zu lassen. Droht sie im Anfang ihrer Betätigung in Unzucht abzugleiten, dann muß sie durch sittliche und geistige Anspannung zur Ordnung gerufen werden (446). Sie wird aus einer natürlichen zu einer geistigen, wenn der Mensch die vage, wahllose, unfixierte Lust aufgibt und sich einem Einzigen weiht und dessen Seele mit der seinen vereinigt (447).

Wie die eheliche Liebe das Innere des Gemüts nach oben öffnet und es über das körperlich, sinnlich und natürlich Leibgebundene erhebt und in das Licht und die Wärme des Himmels erhebt, so verschließt umge­kehrt die uneheliche Liebe zum anderen Geschlecht das innere des Ge­müts und drängt sein Wollen in den Leib und seine nur körperlich‑sinn­lichen Lüste hinab und entfremdet es je tiefer desto weiter dem Him­mel (497). Die Kirche bei allen Menschen und bei jedem einzelnen auf Erden entspricht dem Reich des Herrn in den Himmeln. Der Herr ver­bindet beide in Eins. Er unterscheidet die auf Erden Lebenden nach ihren innersten Liebesarten, wie Er in der geistigen Welt Himmel und Höllen auseinander hält. Schon während ihres Erdenlebens ziehen die Menschen gleichgesinnte Geister an sich, diejenigen, welche in den keu­schen Lustreizen der ehelichen Liebe sind, werden vom Herrn gleichen Engeln der Himmel beigesellt, die anderen, die in den schamlosen und häßlichen Lustreizen der buhlerischen Liebe sind, ziehen Gleichgesinnte aus den Höllen an sich. In deren Nähe empfinden die Engel die übelrie­chenden Ausdünstungen der Hölle und ziehen sich zurück. Es sind die Entsprechungen der unsauberen Liebesarten, die aber den Höllengei­stern so angenehm sind wie der Kot den Schweinen (431).

21,5 - Die Ambivalenz des Geschlechtlichen

Alles in der Welt ist ambivalent, alles hat seinen Gegenpol: der des Lichtes ist die Abwesenheit des Lichtes, die Finsternis, der der Wärme ist die Abwesenheit der Wärme, die Kälte, der des Glücks, der Seligkeit, der Freude ist deren Abwesenheit in Unglück, Unseligkeit und Traurig­keit, der des Guten ist die Abwesenheit jeglichen Guten, das Böse, der des Wahren ist die Abwesenheit jeder Wahrheit, das Falsche. So hat auch die eheliche Liebe ihren Gegensatz, die Hurerei, die buhlerische Liebe. Allerdings werden nun diejenigen, die ihr verfallen sind, einwen­den, da sei kein Gegensatz, denn diese beiden Lieben unterscheiden sich in ihrer Aktion im Geschlechtsakt in keiner sinnlich wahrnehmba­ren Weise voneinander. Daraus geht aber nur hervor, daß man allein von der Kenntnis des Wahren her das Falsche, allein von der Erfahrung des Guten her das Böse, und allein vom Wissen um die Beschaffenheit der ehelichen Liebe her die der buhlerischen Liebe erkennen kann. Nicht aus der Finsternis erkennt man das Licht, sondern nur aus dem Licht die Finsternis (425).

Wird einer, der sich von der ehelichen Liebe abgewandt hat, aufgefor­dert, vernünftig darüber nachzudenken, daß seine lüsterne Liebe zu Abwechslungen und sexuellen Triebhandlungen der keuschen ehelichen Liebe entgegengesetzt ist, so tut er dies doch nur in Verbindung mit seinen Lustreizen und kommt zum Resultat, daß seine Vernunft in seinem Verhalten nichts sehen könne, was seinen innersten Neigungen, nämlich den süßen sinnlichen Erregungen seines Leibes zuwiderlaufe. Darin bestärkt, vernimmt er mit ungläubiger Miene alles, was über die Wonnen der ehelichen Liebe gesagt wird, bestreitet es und siegt und zerstört als Sieger vom Äußeren zum Inneren hin alles Eheliche in sich (426). Der erste Schritt ist, die buhlerische Liebe der ehelichen gleichzustellen. Ihm folgt bald der zweite, die eheliche Liebe in sich zu verderben und zu zerstören, bis schließlich nur noch Abneigung und Ekel bleibt (423).

Die buhlerische Liebe ist der ehelichen Liebe entgegengesetzt wie die Verkoppelung des Bösen und Falschen der Vermählung des Guten und Wahren, und somit ist auch beider Ursprung diametral entgegengesetzt (427). Das Böse liebt das Falsche und will es mit sich verbinden; wer im Bösen ist, vermählt sich mit dem Falschen, wer im Falschen ist, nimmt das Böse in sein Bett zum Beischlaf. Er begründet die Hurerei des Bundes aus dem Bösen durch das Falsche und begeht sie aus dem Falschen durch das Böse (428). Freilich erscheint im menschlichen Vollzug der Gegensatz der Lustreize beider entgegengesetzten Liebes­arten nicht, denn der Lustreiz der bösen Liebe ist im Äußeren dem der guten gleich: jener äfft diesen nach. Im Innern aber sind sie grundver­schieden, denn der Lustreiz der bösen Liebe ist lauter Begierde zum Bösen, das Böse ist ein Knäuel solcher Begierden, der Lustreiz der guten Liebe dagegen besteht aus unzähligen Neigungen zum Guten, das Gute selbst ist gleichsam ein Bündel dieser vereinigten Neigungen. Die­ses Bündel und jener Knäuel wird aber vom Menschen ohne Unterschied empfunden, er wird nicht inne, ob das Äußere allein oder aber das In­nere im Äußeren wirkt. Erst im anderen Leben, nach Ablegung des Äußeren, wird das Innere bloßgelegt und nun wird deutlich wahrnehm­bar, wieweit der Mensch nur natürlich‑äußerlich oder geistig‑inner­lich war (427).

Die buhlerische Liebe ist der ehelichen entgegengesetzt wie der nur na­türliche dem geistigen Menschen. Natürlicher Mensch ist jeder, wenn er geboren wird und heranwächst und dann in Kenntnisse und Wissen­schaften eingeführt wird. Er wächst seinen Anlagen und den ihm ange­borenen Fähigkeiten nach in das Verständige und in das vernünftige - das heißt: er sollte so wachsen!— und endlich in das Geistige und wird, wie oben dargelegt, Kirche. Er wird dahin geführt durch die Lie­be, für das Gemeinwohl zu wirken, in Liebtätigkeit das mit dem Wah­ren vermählte Gute zu verwirklichen. Je nachdem jemand so lebt, wird und ist er geistig, je nachdem er es nicht tut, bleibt er natürlich, auch wenn er noch so scharfsinnig denkt und noch so vernünftig urteilt. Beides kann sich im Äußeren verwechselbar gleichen. Im Inneren aber Abirrungen und Verirrungen ist es grundverschieden. Erhebt sich der vom Geistigen abgetrennte natürliche Mensch auch noch so hoch in das Licht der Vernunft, so fällt er doch, seinem Inneren nach besehen, in Lüsternheit anstelle echter Liebe. Seine Selbstliebe ist der Liebe zum Herrn stracks entge­gengesetzt wie seine lüsterne Liebe der keuschen ehelichen Liebe (426).

21,6 - Mensch und Unmensch

So macht die buhlerische Liebe den Menschen mehr und mehr zum Nichtmenschen, den Mann zum Nichtmann, das Weib zum Nichtweib. Dies wird deutlich an ihrem Gegensatz: wer in der wahrhaft ehelichen Liebe ist, wird mehr und mehr geistig und mehr und mehr weise und demgemäß mehr Mensch. Bei ihm wird das Inwendige des Gemütes mehr und mehr geöffnet, bis er den Herrn sieht und anerkennt, und je mehr er dahin strebt, desto mehr wird er Mensch, freundlich und auf­merksam im Umgang mit den Mitmenschen, und nach dem Tod ein Engel des Himmels, denn der Engel ist dem Wesen und der Form nach der echte Mensch. Das Gegenteil erlebt der von der buhlerischen Liebe Besessene: er bleibt im Natürlichen stecken und ist Mensch nur, was sein Denken und dessen Höhenflüge betrifft, nicht aber seinem Wollen nach, denn dieses ist an den Körper und dessen Lüste gefesselt. So ist er also nur halb oder scheinbar Mensch. Er wirkt nur in seinen Reden und seinem Gehaben mit Kollegen und bei akademischen Veranstaltungen weise, in sich selbst aber sieht er auf das wirklich Geistige herab und neigt zu Schamlosigkeit und Lüsternheit. Nur der äußeren Gestalt nach ist dieser Gaukler Mensch, der inneren Form nach aber Nicht‑Mensch. Im Lichte des Himmels erscheinen solche Menschen wie sie innerlich sind: die Gesichter voll Eiterbeulen, die Leiber mit Höckern, die Stim­men heiser und krächzend, die Gebärden possenhaft (432).

Der Mensch ist Mensch, vom Tier dadurch unterschieden, daß sein Gemüt in Regionen eingeteilt ist und die höheren Regionen enthält. Er hat die Fähigkeit, sein Denken bis in die oberste, die des Himmels und der Engel, zu erheben. Wird aber nicht auch sein Wollen, sein Trieb und seine Neigung, gleichzeitig und gleichförmig dorthin erhoben, so bleibt er dennoch natürlich und wird nicht geistig. Zwar behält er immer die Fähigkeit der Erhebung des Denkens, sonst könnte er nicht geändert oder gebessert werden durch Gedanken des Guten und Wahren und Anschauungen der Vernunft, aber nur wenn er nach diesen lebt, wird auch sein Wollen erhoben und das Menschliche vervollkommnet. An­ders, wenn er das Gedachte, Erkannte und Eingesehene nicht im Leben verwirklicht: dann wird er nur zeitweise geistig, schwingt sich nur dann und wann empor, läßt sich aber bald wieder in die Lüste des Natürlichen und des Körpers herab. So geht es abwechselnd nach oben und nach unten, nach oben oft nur um für weise gehalten zu werden und einen guten Namen zu haben (495), und mit der Zeit nimmt doch das Natür­liche mit seiner Liebe zu Besitz, zu nur sinnlichen Vergnügungen, zu Ehrsucht und Eigenliebe, zur Verblendung durch das Materielle und Sinnliche überhand (496).

21,7 - Grade der Unzucht und Hurerei

Es gibt Grade der Qualitäten des Bösen wie es auch Grade der Quali­täten des Guten gibt. Die Unzucht ist eine leichte, wenn und soweit sie auf die eheliche Liebe abzielt und diese vorzieht. Sie ist Sache des na­türlichen, noch nicht gereinigten Menschen, und je nachdem dieser sich dem gereinigten Zustand nähert, wird sie als leichteres Böses abgestreift. In den Augen des Herrn wie in denen der Engel und der Weisen gilt die Absicht und das Ziel als die Seele der Handlungen und begründet Be- oder Entschuldigung, Schuld oder Unschuld. Hält man dagegen Ehe und Hurerei für das gleiche und unterscheidet sie nur als gesetzlich und gesellschaftlich Erlaubtes oder Unerlaubtes, dann vermengt man sie wie Wein und Schmutz in Einem Becher, mischt sie auch in der Ehe und entweiht sie dadurch. Solche Menschen können nur schwer oder gar nicht gereinigt werden (453).

Unzucht ist die lüsterne Begehrlichkeit, die aus dem natürlichen Men­schen hervorgeht, denn dieser ist der Sitz der Begierden und Lüste. Der Unzüchtige blickt umherschweifend und ohne zu unterscheiden auf das andere Geschlecht hin. Erst wenn er sein Augenmerk auf Eine oder Einen richtet und beginnt, sein Leben mit dem Leben des anderen zu verbinden, wird die Begierde zur keuschen Neigung und die Lüsternheit zur menschlichen Liebe (448). In der Unzucht kann inwendig die ehe­liche Liebe verborgen sein wie im Natürlichen das Geistige. Entfaltet es sich aus dem Natürlichen und im Natürlichen, dann umgibt es dieses wie die Rinde das Holz, wie die Scheide den Degen und dient ihm auch zum Schutz vor Verletzung. Die Unzucht kann jederzeit so verwandelt werden, wenn nur die eheliche Liebe gewünscht und gesucht wird; sinkt sie aber ab, dann verfällt sie der unflätigen und nur sinnlich‑wollüstigen Liebe, dem Gegenteil der ehelichen Liebe. Auch in der geschlechtlichen Vereinigung in einer Ehe ist beides möglich, und oft ist das eigentlich Geile nur mit dem Schein des Geistig‑Ehelichen ummantelt (449).

Ebenso muß man Hurerei aus Grundsatz und Vorsatz von der aus Über­eilung und Überrumpelung des Verstandes durch die Sinne unterschei­den (432). Eine „leichtere“ Buhlerei während der Ehe oder, anders ge­sagt, ein geringfügiger, „einfacher“ Ehebruch ist oft nur aufwallende Unzucht und hinterläßt wenig Spuren; sie tut der ehelichen Liebe nur geringen Abbruch, wenn nur im Grunde diese bleibt. Anders der vor­sätzliche und vom entscheidenden Unterschied nichts wissende oder ignorierende Ehebruch: die Neigung dazu zerstiebt nicht und wird nach der Aufwallung nicht zunichte, sondern wurzelt ein, tut der Liebe zum Ehepartner Abbruch und führt schließlich zur Erkaltung der ehelichen Wärme. Wie oft findet dann ein Mann die Konkubine liebenswerter als die Gattin, denn der Umgang mit ihr ist vom Zwang der lebenslängli­chen Ehepflicht entbunden und deshalb oft verlockender, zudem ist hierbei Abwechslung möglich! Anfänglich meint er noch, er könne sich ja dank seiner Freiheit wieder in den Hafen der Ehe zurückbegeben und solche Anwandlungen aus sich entfernen, allmählich aber wurzelt die buhlerische Liebe in ihm ein, verschließt das Inwendige seines Gemüts für die eheliche Liebe, und er wird der Fähigkeit und Neigung zum ehe­lichen Leben beraubt (468). Dies gilt selbstverständlich auch für die Frau. Trotzdem wird oft der Schein der Ehe aufrechterhalten und das gemeinsame häusliche Leben fortgesetzt, sei es um eine Ehebruchsklage zu vermeiden, sei es wegen der Vorteile des häuslichen Lebens, sei es aus finanziellen Gründen, sei es wegen der Kinder (469).

21,8 - Zügellose Ausschweifung

Die zügellose Sucht zur Ausschweifung führt am Ende oft zum Wider­willen gegen das andere Geschlecht und vernichtet schließlich jede Möglichkeit der ehelichen Liebe. Sie steigert das durch die Ehe erzwun­gene Zusammenleben bis zum Ekel und die anfängliche Erkaltung zur völligen Kälte. Da doch immer wieder die Begierde aufflammt, Neues und neue Reize bei neuen Partnern zu erleben und sich mit ihnen auf neue Weisen zu ergötzen, verfallen manche, wenn sie des gewöhnlichen Ehebruchs überdrüssig geworden sind, darauf, jungfräuliche Mädchen zu verführen oder Unwillige zu vergewaltigen. So steigert man sich von Erregung zu Erregung, von Abirrung bis zur perversen Verirrung und mißbraucht das andere Geschlecht als Leckerbissen und bloßen Gegen­stand der Triebbefriedigung und des Genusses (501-514).

21,9 - Vorsichtige Ratschläge für unverheiratete junge Männer

Wie klar sich Swedenborg über die sexuelle Dynamik war, geht daraus hervor, daß er jungen Männern, die der Geschlechtstrieb „Umtreibt“ bevor sie heiraten können - und das ist heute in gewissen Berufen erst spät, zuspät, möglich - einen sehr realistischen Vorschlag macht. Man­che seiner Zeitgenossen haben an dieser seiner Offenherzigkeit Anstoß genommen, und doch hatte er auch hierbei die entscheidende Bedeu­tung der Ehe für den Einzelnen und für die Gesellschaft im Auge. Rund­um sah er sie bedroht und ließ sich, nur um sie zu retten, zu Zugeständ­nissen bewegen: Heutzutage ist es vielen oft erst spät möglich, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen, und doch kann bei wenigen bis dahin der Drang der männlichen Kraft verschlossen gehalten und für eine Ehegattin aufbewahrt oder das Bedürfnis einer menschlichen und geschlechtlichen Verbindung eingedämmt werden. So müssen also Mittel und Wege gesucht werden, um zu verhüten daß die eheliche Liebe mittlerweile verdirbt, und um unterschiedslose Ausschweifungen zu zügeln und einzuschränken und den Drang in einen begrenzteren Zustand, der dem ehelichen Leben nähersteht, abzuleiten. Dadurch würden auch Ehebrüche und Entehrungen von Mädchen vermieden. Leichter haben es die mit so geringer Geschlechtsliebe, daß sie ihren Trieben widerstehen können, schwerer die, bei denen eine zu große Einschränkung des Triebes und allzu heftige Erregung Nachteile verur­sachen kann. Um ihre unmäßige und unordentliche Leidenschaft zu zügeln und zu einigem Maß und einiger Ordnung zu bringen, zeigt sich oft kein anderer Ausweg als die Zuflucht zu einer Geliebten. Aber auch dieser Umgang muß einem einzigen Partner vorbehalten sein und darf nicht mit mehreren erfolgen, weil sonst der junge Mensch der ehe­lichen Liebe entfremdet wird und im natürlichen Zustand verhaftet bleibt oder gar in den sinnlichen hinabfällt (450, 459, 460).

Entscheidend ist, ob man den Unterschied zwischen einem solchen Verhältnis und der Ehe verwischt und ignoriert oder aber ihn im Auge behält und immer das Verlangen nach wirklicher ehelicher Einigung im Herzen behält. Die Liebe bleibt in einem bloßen Verhältnis eine natür­liche, äußerliche und unkeusche und darf nicht mit der geistigen, inner­lichen und keuschen Liebe der Ehe verwechselt werden. Beide können dadurch auseinandergehalten werden, daß man der vorehelichen Part­nerin nicht die Ehe verspricht und ihr auch keine Hoffnung darauf macht. Läßt man daraus eine Liebe zur Ehe entstehen, so kann man mit keinem Recht ohne Verletzung der ehelichen Verbindung zurück­treten, tritt man dennoch zurück und ehelicht eine andere, so wird in beiden Teilen der ehelichen Liebe Schaden zugefügt. Beginnt der junge Mann ein solches Verhältnis mit einem unberührten Mädchen, führt er es in eine solche Liebesfreundschaft ein und lebt mit ihr zusammen, nimmt er also ein eheliches Bündnis vorweg, so muß er doch die bestän­dige Absicht haben, sie zu seiner Gattin zu machen, wenn es ihm end­lich möglich ist (460).

 

22,0 - Der Zustand der Geschlechter nach dem Tod

22,1 - Die erste Phase des Lebens in der geistigen Welt

Aus der Diffamierung des Sexuellen und der Ahnungslosigkeit vor sei­nem Zusammenhang mit dem Geistigen und Himmlischen entstand die Vorstellung, daß die Seligen im Himmel endlich ledig der Sünde, und das hieß eben ledig des so peinlichen Sexuellen, seien, also geschlechts­lose Neutren. Aber auch bei positiverer Einstellung zum Sexuellen herrscht doch weiterhin die Meinung, der Tod beende auch die Ehe: „Die Ehe ist zwar von Gott gewollte und geheiligte Ordnung unter den Menschen; aber sie ist eine Beziehung, die nur für das irdische Leben gilt. Jenseits der Todesgrenze gleicht das Leben der Menschen vor Gott dem der Engel, der Gottesboten in den himmlischen Räumen“, das man sich eben nur geschlechtslos vorstellen kann. Im Gegensatz zu der in einem modernen christlichen Ehebuch geäußerten Auffassung: „Die Ehe ist eine Hypotheke, die mit dem Tod gelöscht wird“ und auch zu der Trauformel: „. . . bis daß der Tod euch scheidet“, erreicht nach Swedenborg die Ehe ihre höchste Entfaltung und Fülle überhaupt erst nach dem Tode im anderen Leben. Freilich nur die wahrhaft eheliche Liebe, nicht jede irdische Liebe!

Wie schon oben dargelegt, geht der Mensch mit dem irdischen Sterben in die andere, geistige Welt über. Dort wird jeder zuerst in jene geistige Welt eingeführt, welche die Geisterwelt genannt wird. Hier wird er zu­bereitet, bis sein Äußeres und sein Inneres übereinstimmen und Eins ausmachen. In der irdischen Welt machen sie oft zweierlei aus, in der geistigen Welt aber ist es nicht möglich, ein derart zerteiltes Gemüt zu haben. Nach dem Tod wird jeder, wie er innerlich war (48). Entschei­dend dafür ist sein innerstes Wollen, seine Liebe: Die Liebe ist das Sein oder Wesen des Lebens im Menschen, das Denken ist das Dasein oder die Existenz seines Lebens. Sein Denken bildet zuinnerst mit seiner Liebe eine Einheit, ein Ganzes, und nur soweit seine Gedanken innigst mit seiner Liebe verbunden sind, gehören sie ihm wirklich an. Der Mensch denkt aus seiner Liebe, von ihr erhält sein Denken Tendenz und Ausrichtung, und wenn er in Freiheit ist, spricht und handelt er gemäß seinem Wollen (36). Die Liebe, die Grundneigung seines Wollens, sein Wesenskern, ist des Menschen ureigenstes Leben, das gemeinsame Leben seines Körpers und seiner Gedanken. Sie ist die Wärme des Le­bens in ihm, seine Lebenswärme. Daher stammt auch die Röte seines Blutes (34). Jeder Mensch ist die Gestalt seiner Liebe (35), deshalb ist der Mensch nach dem Tod nicht sein Denken, sondern sein innerstes Wollen, und er legt dann alles ab, was nicht damit übereinstimmt. Nur seine Liebe bleibt über den irdischen Tod hinaus, denn sie ist sein Le­ben, ja er selbst (36).

Was du innig liebst, das bleibt.

Was du innig liebst, wird nicht hinweggerafft.

Was du innig liebst, ist dein wahres Erbe.

Der Rest ist Schlacke.

Allmählich nimmt der Mensch dann das Angesicht und die Gestalt, die Stimme und die Gebärden der Liebe seines Lebens an. Daher ist der Himmel allen unendlichen Mannigfaltigkeiten der Neigungen der Liebe zum Guten, die Hölle dagegen den Mannigfaltigkeiten der Neigungen der Liebe zum Bösen gemäß, geordnet (36).

Der Mensch ist, was seine Neigungen und Gedanken betrifft, schon während seines Erdenlebens mitten unter Engeln und Geistern. Er ist ihnen so beigesellt, daß er nicht von ihnen getrennt werden kann, ohne sein Leben zu verlieren (28). Ist das Gemüt in einer Gesellschaft des Himmels, so hat es die gleichen Absichten und Gedanken wie die zu dieser Gehörenden, ist es in einer Gesellschaft der Hölle, so gleicht es deren Mitgliedern. Solang der Mensch auf Erden lebt, wandert er von einer Gruppe zur anderen, je nach den Veränderungen seines Wollens und Denkens, nach dem Tode aber werden seine Wandlungen zusam­mengefaßt und je nach dem Ergebnis wird ihm sein Ausgangsort be­stimmt (530).

22,2 - Das Fortleben des Menschen als Mann oder Weib

Der Mensch ist nach dem Tod nicht jener bloße „Geist“, von dem man meist keine oder nur eine vage Vorstellung hat (29). Er ist auch dann Mensch, freilich nicht mehr ein Erdenmensch, sondern ein geistiger Mensch, ein Geistwesen (31). Und weil der Mensch Mann oder Weib ist und das Männliche und das Weibliche von Grund auf verschieden sind, so ganz, daß das eine nicht in das andere verändert werden kann, folgt, daß der Mensch nach dem Tod als Mann oder als Frau fortlebt (32). Beide sind so geschaffen, daß sie nach Verbindung streben, ja nach einer so innigen Verbindung, daß sie Eins werden, und da dieser Vereini­gungstrieb allem im Mann und allem im Weib eingeprägt ist, kann er mit dem Körper nicht verlöschen und vergehen (46).

Im ersten Zustand nach dem Tod, dem äußeren, kommen die Ehegatten zusammen, sie erkennen sich, gesellen sich zueinander und leben eine Zeitlang miteinander. In diesem Zustand kennt keiner des anderen in­nerste Neigung, weil diese noch verborgen liegt. Im darauffolgenden, inneren Zustand dagegen offenbart sie sich. Sind beider Neigungen übereinstimmend, so setzen sie ihr eheliches Leben fort, sind sie es nicht, so lösen sie es auf. Wenn ein Mann mehrere Gattinnen hatte, dann ver­bindet er sich im ersten äußeren Zustand der Reihe nach mit ihnen, tritt er aber in den inneren Zustand ein, dann nimmt er eine an oder verläßt alle. Dasselbe geschieht mit einer Frau, die mehrere Männer hatte, nur verbindet sie sich nicht mit ihnen, sondern stellt sich ihnen nur dar. Übrigens erkennen die Männer seltener ihre Frauen als diese ihre Männer, denn die Frauen haben ein innerlicheres Wahrnehmen der ehelichen Liebe als die Männer (47).

Auf Erden können beinahe alle ehelich verbunden werden, weil dies hier nach den äußeren Neigungen geschieht, während die inneren, die oft voneinander abweichen, nicht zur Erscheinung kommen und bei vielen kaum durchschimmern. Der Körper verschlingt sie, verhüllt sie mit seinen Unreinigkeiten oder verbirgt sie. Dank der von Kind auf erlernten Verstellungskunst kann sich jeder in jede Neigung versetzen, die er bei einem anderen wahrnimmt, und sie an sich locken und sich mit ihr verbinden. Dies wäre nicht möglich, wenn, wie in der geistigen Welt, die inwendigen Neigungen ebenso wie die äußeren in Gesicht und Gebärden sichtbar, in der Stimme hörbar und mit der Nase gerochen und empfunden würden. Dann würden sich die sich abstoßenden Gemü­ter rasch voneinander trennen (272). Wenn aber der materielle Körper abgelegt wird, kommen die Gleichartigkeiten oder Ungleichartigkeiten zur Erscheinung und nun werden die Ähnlichen verbunden und die Un­ähnlichen geschieden (273).

Trennungen nach dem Tode finden auch statt, weil die irdischen Ver­bindungen selten aus innerer Empfindung der Liebe geschlossen wer­den, sondern oft nur aus äußeren Gründen, so z.B. aus der Liebe zu Reichtum und Besitz oder zur Würden und Ehrenstellen. Auch verlocken mannigfache Reize dazu, wie Schönheit oder sexuelle Begierde. Auch werden viele Ehen innerhalb der Wohngemeinschaften, Städte und Dörfer, geschlossen, wo die Auswahl beschränkt ist, und meist nur mit gesellschaftlich Gleichrangigen. Da aber die innere, nicht die äußere Verbindung die eigentliche Ehe ausmacht, wird ihre wahre Art erst offenbar, wenn der Mensch das Äußere ablegt und das Innere enthüllt wird (49).

22,3 - Zwei Ehegatten im Himmel  =  ein Engel

Zuweilen bleiben frühere Verbindungen erhalten, zuweilen werden neue mit Gleichgesinnten geknüpft. Dies geschieht denen, die schon auf Erden eine liebevolle eheliche Verbindung ersehnt und vom Herrn er­fleht hatten. Dann wird dem Mann eine für ihn passende Gattin, der Frau ein ebensolcher Gatte gegeben, denn in den Himmel können nur solche aufgenommen werden, die innerlich vereinigt sind oder wie in Eins vereinigt werden können. Dort werden zwei Ehegatten nicht zwei, sondern Ein Engel genannt (507).

Zwei echte Ehegatten werden durch den Tod des einen nicht wirklich getrennt, weil der Geist des Verstorbenen immerfort mit dem Geist des noch nicht Verstorbenen zusammenlebt bis zum Tod des anderen. Dann kommen sie wieder ganz zusammen und vereinigen sich wieder völlig und lieben sich noch zärtlicher als vorher, weil sie in der geistigen Welt sind (321).

Die in wahrhaft ehelicher Liebe leben, fühlen sich schon im irdischen Dasein wie Ein vereinter Mensch oder wie „Ein Fleisch“. Da es heutzu­tage auf Erden nur wenig wahrhaft eheliche Liebe gibt, und da hier die Ehegatten zudem mit einem so groben Körper umhüllt sind, daß das Gefühl dafür, Ein vereinigter Mensch oder Ein Fleisch zu sein, absor­biert wird und abstumpft, endlich da die, welche ihre Ehepartner nur äußerlich und nicht innerlich lieben nichts davon hören wollen, kann dies leichter als aus dem Munde eines Erdenbewohners aus dem eines Himmelsbewohners bestätigt werden: Solche, die schon Äonen hin­durch mit ihren Ehegatten gelebt haben, versicherten, daß sie sich in dieser Weise, als Ein Mensch, vereinigt fühlen, der Mann mit seiner Frau, die Frau mit ihrem Mann, gegenseitig und wechselseitig (178). Sie wurden Ein Mensch gemäß dem Wachstum der ehelichen Liebe und werden als Ehegatten Zwei, nämlich Ehemann und Ehefrau, genannt, Einer aber, wenn man vom Engel spricht (177).

Auf Erden kann kaum wahrgenommen werden, daß die Ehe in den Seelen und Gemütern andere, neue Formen schafft, denn hier sind die­se mit einem materiellen Körper umkleidet, durch den das Innere nur selten durchscheint. Zumal in unseren Tagen lernen die Menschen schon früh, sich zu verstellen und ihre Neigungen zu verstecken. In der geistigen Welt dagegen zeigt sich die Veränderung durch die Ehe deut­lich, da die Menschen nun Engel und Geister sind, zwar auch in mensch­licher Gestalt, aber entblößt von den Hüllen, die aus der Materie gebil­det wurden. Nun zeigt die Gestalt des Gemütes deutliche Unterschiede zwischen denen, die wahrhaft ehelich leben und den im Grunde Ehelo­sen. Die ersteren haben eine inwendigere Schönheit, der Mann nimmt von der Frau die schöne Röte ihrer Liebe an und die Frau vom Mann den glänzenden Schimmer seiner Weisheit, und in beiden erscheint das Menschliche in seiner Fülle (192).

22,4 - Geistige Fortpflanzung im Himmel

Da die Verbindungsfähigkeit und -Sehnsucht von Mann und Frau inwen­dig in allem einzelnen des Mannes und allem einzelnen der Frau liegt, bleibt die gegenseitige und wechselseitige Liebe der Geschlechter im Menschen auch nach seinem Tod (37). Und da auch im anderen Leben der Mann Mann und das Weib Weib ist und bleibt und beiden die Nei­gung zur Vereinigung eingeboren ist und bleibt, suchen sie auch hier einen ähnlichen Umgang wie auf Erden. Im Himmel ist die eheliche Liebe nun rein, keusch und heilig, und daher ist die Vereinigung inniger und vollkommener, erfreulicher und beglückender (51).

In den himmlischen Ehen findet auch Fortpflanzung statt, aber nicht von Kindern, sondern geistige Fortpflanzung, nämlich von Neigungen und Gedanken (52). Die beiden Ehegatten werden durch die letzten ehelichen Freuden und Genüsse mehr und mehr zur Ehe des Guten und Wahren vereinigt, und Neigungen und Weisheiten sind die Kinder, die daraus hervorgehen. Zudem werden die Gatten infolge des fortwähren­den Einfließens neuer Kräfte verjüngt und erleuchtet. Im Greisenalter gestorbene Menschen kehren in den Frühling ihres Lebens und in die Kräfte jenes Alters zurück und bleiben so in Ewigkeit (44).

22,5 - Der Ehesinn als Waage der ehelichen Liebe

Es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe nicht erscheint und doch da ist, und Ehen, die wahrhaft ehelich scheinen und es doch nicht sind. Dafür gibt es mancherlei Ursachen, aber sie sind nur zum Teil auf Er­den erkennbar. Das einzig Entscheidende ist der im Wollen eines Men­schen wohnende und dort bewahrte eheliche Sinn, in was für einem Ehezustand er sich auch befinden möge. Dieser Ehesinn ist gleichsam die Waage, mit der die eheliche Liebe gewogen wird. Jeder Mensch wird im anderen Leben nach seinem Zustand als vernünftiger und gei­stiger Mensch danach beurteilt und daraufhin erforscht, wie es um sei­nen ehelichen Sinn, das heißt um die Sehnsucht nach dem Ehestand als dem Kleinod und der inneren Heimstätte des menschlichen Lebens, Zustand der Geschlechter nach dem Tod bestellt war. War er auf dem Weg zur wirklichen Menschwerdung, dann wird für ihn eine Ehe im Himmel vorgesehen, wie auch immer seine Ehe auf Erden gewesen sein mag. Deshalb soll man nie aus den Scheinbar­keiten einer Ehe und auch nicht aus der Scheinbarkeit eines buhleri­schen Lebens darauf schließen, ob einer zuinnerst jenen Ehesinn hat oder nicht: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ (531).

22,6 - Das Los der Irdisch Ehelosen

Alle wahrhaft ehelichen Ehen werden vom Herrn eingeleitet und ge­schlossen. Die göttliche Vorsehung geht bis ins Allereinzelnste und ist allumfassend in bezug auf die Ehen und in den Ehen. Alles Angenehme des Himmels quillt aus dem Angenehmen der ehelichen Liebe wie er­frischendes Wasser aus der Quelle. Immerzu wird dafür gesorgt, daß eheliche Paare geboren werden, und sie werden unter der Leitung des Herrn beständig für die Ehe erzogen, ohne daß der Knabe oder das Mädchen davon weiß. Herangewachsen finden sich Jüngling und Mäd­chen wie durch geheime Führung irgendwo zusammen und erkennen sogleich, wie aus Instinkt, daß sie einander innerlich gleichen. Sie den­ken, als wenn es ihnen eine innere Stimme sagte: „Dies ist die meinige! Dies ist der meinige!“ Und wenn sie in ihren Gemütern einige Zeit da­mit umgegangen sind, gestehen sie es einander und gehen auf die Ehe zu. Man sagt, dies geschehe schicksalhaft oder durch Instinkt oder Ein­gebung und meint damit eine geheime Führung, und so ist es auch: der Herr schließt die inneren Ähnlichkeiten auf, sodaß sie einander sehen und erkennen. Doch Er sieht solches auch für irdisch Ehelose, die nach der wahrhaft ehelichen Liebe und einem wahrhaft ehelichen Partner verlangen vor, und sorgt dafür daß sie in der anderen Welt einen ihnen innerlich ähnlichen Menschen finden (229). Glückliche Ehen werden für sie vorgesehen, in die sie aber erst, wenn sie im Himmel sind, eintreten.

Die auf Erden in Klöstern waren, werden nach überstandenem Kloster­leben, das nach dem Tod noch eine Weile fortdauert, freigesprochen und daraus entlassen und erhalten Freiheit für ihre Wahl, ob sie nun ehelich leben wollen oder nicht. Wollen sie ehelich leben, so werden sie in eine Ehe eingeführt, wollen sie es nicht, so werden sie zu den Ehelosen neben dem Himmel geführt, entbrennen sie aber nun in sexu­eller Lust, so werden sie hinabgeworfen. Die Ehelosen sind abgesondert zu Seiten des Himmels, weil die Sphäre der beständigen Ehelosigkeit die der ehelichen Liebe, die eigentliche himmlische Sphäre ist, an­feindet (54).

Ich fragte Engel, ob die, welche sich der Frömmigkeit beflissen, dem Gottesdienst ganz ergeben und so den Ablenkungen der Welt und den sexuellen Lüsten entzogen und ewige Jungfrauschaft gelobt hatten, in den Himmel aufgenommen werden und dort, ihrem Glauben gemäß, unter den Seligen hervorragen. Sie gaben zur Antwort: Sie werden zwar aufgenommen, doch werden sie traurig und ängstlich, gehen aus freien Stücken fort und werden entlassen. Außerhalb des Engelhimmels werde ihnen dann der Weg zu gleichgearteten Genossinnen geöffnet, bei denen sie sich erholen und erheitern und einander erfreuen (155).

22,7 - Jesu Gespräch mit den Sadduzäern

Man hat die Geschlechtslosigkeit der Engel oft vom Wort Jesu „in der Auferstehung freien sie nicht und werden nicht gefreit, sondern sind den Engeln gleich“, abgeleitet. Eine genaue Interpretation könnte klar­stellen, daß diese Worte überhaupt nicht von der Geschlechter ehe han­deln, sondern vom Verhältnis Schöpfer ‑ Geschöpf oder Herr ‑ Kirche. Die Frage der Sadduzäer, welchem Mann eine siebenmal verheiratete Frau „in der Auferstehung“ angehören werde, war eine jüdisch‑kon­fessionelle Fangfrage. Den Sadduzäern, die nicht an ein Fortleben des Menschen nach dem Tode glaubten, ging es dabei gar nicht um die Frage der Geschlechter und der Ehe und das Schicksal der Eheleute, sondern um die Frage des Lebens nach dem Tode, der Auferstehung von den toten. Deshalb verliert Jesus, der sie durchschaut, in seiner Antwort kein Wort über die Ehe, sondern geht sofort zum eigentlich gemeinten Problem über: „In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, weder heiraten noch sich heiraten lassen, son­dern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel“, Matth. 22, 30., und noch deutlicher bei Lukas: „Denn sie können hinfort nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind“, 20, 36. Er führt vom irdischen Sichverheiraten hinüber zur eigentlich gemeinten Frage, ob der Mensch nach dem Tod weiterlebe und welche Folgen das irdische Leben für das andere Leben habe. Die erste Frage beantwortet er mit den Worten: "Habt ihr nicht gelesen von der Toten Auferstehung, was euch von Gott gesagt ist, der da spricht: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Gott ist aber nicht ein Gott der Toten, sondern der Le­bendigen“, Matth. 22, 31 f., und wieder noch deutlicher bei Lukas: „Daß aber die Toten auferstehen hat ja auch Moses gezeigt bei dem Dornbusch, wenn er den Herrn nennt den ,Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs'. Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn sie leben Ihm alle“, 20, 37f.

Die zweite Frage führt er ebenso rasch auf das eigentlich gemeinte Problem über. Niemand denkt wohl bei dem Wort „Himmel“ an den blauen Himmel über der Erde, bei dem Wort freien aber klebt man am irdisch‑äußeren Sinn. Es geht aber um das Geschick des Menschen in der geistigen Welt. Dafür ist, wie wir oben gelesen haben, entschei­dend, als welcher er hinübergeht, welchen Wesenskern er mit hinüber­nimmt, das heißt, was für eine Ehe des Guten und Wahren er auf Erden, dank seiner geistigen Verbindung mit dem Herrn als Kirche oder mit dem Bräutigam als Braut, verwirklicht hat. Um diese Ehe geht es hier, um dieses „freien und sich freien lassen“, um dieses „verheiraten und verheiratet werden“. Diese ehelichen Verbindungen, diese das Erden­leben andauernden Hochzeiten geschehen aber entscheidend während der irdischen Lebensphase des Menschen. Sie formen sein Wesen, in ihnen wird die Art seiner nachtödlichen Existenz grundlegend festge­legt, sie sind nur hier auf Erden zu vollführen, nicht mehr nach dem Tod, dafür ist das Erdenleben da. Später ist es zu spät dazu, „denn sie können hinfort nicht sterben“, sind nicht mehr in der irdisch‑sterbli­chen Lebensphase, sondern bereits in der, in der sich alles schon end­gültig entschieden hat. Dann sind sie „wie die Engel im Himmel“, das heißt dieser Ehe nach Entschiedene, und wenn die Entscheidung für das Hinauf in den Engelshimmel gefallen ist, dann sind sie „Kinder Gottes, Söhne Gottes, Söhne der Auferstehung“ oder „Söhne des Brautgemachs“, Matth. 9, 15.

Der Herr lehrt in diesem Gespräch (Matth. 22, 2-31, Mark. 12, 18-27, Luk. 20, 27-38) zweierlei: erstens, daß der Mensch nach dem Tod auf­ersteht und lebt, wie auch im Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus, Luk. 26, zweitens, daß man im Himmel nicht heiratet. Daß hiermit geistige Heiraten gemeint sind, ergibt sich aus den Worten: ´denn sie können hinfort nicht sterben`, das heißt jetzt ist alles grund­sätzlich entschieden, jetzt sind sie ´Söhne Gottes`. Unter ´Geistiger Hochzeit` wird die Verbindung mit dem Herrn verstanden, die auf Er­den geschieht, und wie sie auf Erden geschehen ist, so ist sie auch in der geistigen Welt geschehen (41).

Und damit beantwortet sich die andere Frage von selbst, welche Ehe jener Frau nach dem Tode erhalten bleiben wird. Welche - oder viel­leicht keine? „In der Auferstehung“ wird auch aufgedeckt werden, wie es sich zuinnerst in diesen Ehen verhalten hat.

 

 

2. Teil

MEMORABILIA - DENKWÜRDIGE KUNDE AUS DER GEISTIGEN WELT

23,0 - Des Sehers Blick in die geistige Welt

Ich sehe voraus, daß viele Leser das Folgende für Erfindung und Phan­tasterei halten werden, allein ich versichere, daß es wirklich Geschehe­nes und Gesehenes ist, gesehen nicht in einem Betäubungszustand, son­dern in völligem Wachsein. Denn es hat dem Herrn gefallen, sich mir zu offenbaren; und Er hat hierfür das Inwendige meines Gemüts aufge­schlossen, worauf mir gegeben wurde, gleichzeitig in der geistigen und in der irdischen Welt zu sein (1).

Weil die Menschen von Kindheit an dahingehend unterrichtet werden, daß der Mensch erst nach dem Jüngsten Gericht auferstehen und leben werde und dies als ein vom Verstand nicht zu fassender Glaubenssatz hinzunehmen sei, war notwendig, vom Gegenteil aus eigener Anschau­ung zu berichten. Mancher, der nur seinen Sinnen traut, wird sagen: „Wenn die Menschen nach dem Tod weiterlebten, würde ich sie sehen und hören“ oder: „Wer ist jemals vom Himmel herab- oder von der Hölle heraufgestiegen und hat davon erzählt?“ Das war und ist aber nicht möglich, denn die Engel des Himmels und die Geister der Hölle können nur mit solchen reden, deren innere Regionen vom Herrn auf­geschlossen und die von Ihm zur Aufnahme der Wahrheit zubereitet wurden. Es hat dem Herrn gefallen, dies bei mir zu tun, auf daß der Zustand des Himmels und der Hölle und der Zustand des Menschen nach dem Tode nicht unbekannt bleibe und schließlich geleugnet werde (39).

Swedenborg spricht oft von der Schwierigkeit, in den Möglichkeiten unseres irdisch ‑menschlichen Denkens und Sprechens, in unseren Denk­begriffen und Kategorien von den geistigen Wirklichkeiten zu berich­ten. Unsere heutigen begrifflichen Formulierungen sind zudem für eine Denkwelt zugeschliffen, die sich weit von andersartigen Erkenntnis­möglichkeiten, von urtümlichen Schaukräften entfernt hat. Ein Engel sagt einmal zu ihm: Willst du, daß wir näher kommen? Dann aber nimm dich in acht, daß der flammende Glanz des Himmels, aus dem wir her­kommen, nicht zu tief in dich eindringe. Aus seinem Einfluß werden zwar die höheren Ideen eures Denkens erleuchtet, allein in der Welt, in der du lebst, sind sie nicht in Worte zu fassen. Nimm deshalb das, was du sehen und hören wirst, deiner Vernunft gemäß auf und stelle es für euer Denken faßbar dar. Das hat er so klar und verständlich wie nur möglich versucht, dennoch wird man seine Schauungen nur verstehen, wenn man sie nicht nur begrifflich nachvollzieht, sondern sie - was uns Kindern des Rationalismus und Naturalismus schwer fällt! - nach­schaut und meditiert.

„In geistiger Weise denken ist Denken ohne Zeit und Raum, in irdisch­naturgemäßer Weise denken ist Denken mit Zeit und Raum, darum können sich die Geister Gottes Wesen von Ewigkeit und Seine Allge­genwart ohne Raum vorstellen und auf diese Weise etwas erfassen, was die Ideen des irdischen Menschen weit überfliegt. Die menschlichen Begriffe, mit denen man die inwendigen Dinge erfassen und formulie­ren kann, sind dafür ungeeignet, weil sie Naturhaftes in sich schließen. In den Himmeln wird derlei dargestellt und ausgedrückt mittels eines Wechselspiels von himmlischem Licht und himmlischer Flamme, und dies in so völliger Genüge, daß die tausend und abertausend Innewer­dungen sich kaum niederbegeben können in etwas Innewerdendes im Menschen. Doch bietet sich, was sich im Himmel begibt, in der Geister­welt in Vorbildungen von Gebilden dar, die sich in Ähnlichkeiten dem nähern, was in der irdischen Welt in Erscheinung tritt und hierzu in Entsprechung steht.“

Ein Engel spricht von einer weiteren Schwierigkeit: „Schon in einer kleinsten, scheinbar einfachen Substanz findet sich Zahlloses. Der Mensch kann das kaum glauben, weil er immer nur das Einfache und den einfachen Gegenstand wahrnimmt und nur aus dem Sinnlich-Faß­baren urteilt. Schon zu einer einfachen Handlung aber wirken Myriaden von bewegenden Fasern zusammen und ebenso zur Aussprache eines Wortes unzählige Bildungen der Lippen, Bewegungen der Zunge und der Kehle, der Stimmritze und der Luftröhre, der Lunge und des Zwerchfells mit all ihren Muskeln und Fasern. Da also schon die Wahr­nehmung von Irdischem so grob ist, wie grob erst werden die Wahrneh­mungen von Geistigem sein, das einer reineren Welt angehört, weit entfernt vom Sinnlichen und anders geartet. Paulus nennt das, was er aus dem dritten Himmel vernahm, ´Unaussprechliches` und sagt: ´Wir reden von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes. Gott hat es uns offenbart durch seinen Geist`. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist, es ist ihm Torheit, und er kann es nicht erkennen, denn es muß geistig aufgefaßt sein.“

Man hat gerügt, daß „in Swedenborgs Himmel soviel gesprochen wird“. Nun, schon von einer Reise nach Paris berichtet jeder etwas anderes, je nach Beruf oder Interesse; ein Maler anderes als ein Verkehrsfach­mann, ein Musiker anderes als einer, der auf amourose Abenteuer aus ist. Swedenborgs Visionsberichte beginnen oft damit, daß er sagt, über welches Problem er nachgedacht habe, und er schließt dann an, was ihm hierzu in der geistigen Welt eröffnet wurde. Er war sein Leben lang Wissenschaftler und als solcher insbesondere an der verbalen Klärung der ihn beschäftigenden Sachverhalte interessiert. Daß er aber in der geistigen Welt nicht nur zuhört und spricht, sondern auch schaut und Ereignisse miterlebt, wird der Leser auf Schritt und Tritt bemerken.

Sein Freund Graf Höpken ermahnte ihn einmal, nicht zu viele Visions­berichte in seine Werke aufzunehmen: „Ich stellte diesem verehrungs­würdigen Mann in ziemlich ernster Weise vor, daß er am besten tun würde, seinen schönen Schriften nicht so viele Offenbarungen beizu­mischen, aus welchen die Unwissenheit nur einen Gegenstand des Scher­zes und des Spottes mache. Allein er antwortete mir, daß dies nicht von ihm abhänge und daß er zu alt sei, um mit geistigen Dingen zu spielen, und zu sehr bekümmert um seine ewige Seligkeit, um sich mit solchen närrischen Einwänden zu befassen, wobei er mir bei seiner Hoffnung auf die Seligkeit versicherte, daß keine Einbildungskraft in ihm diese Offenbarungen hervorgebracht habe, welche wahr seien und gegründet auf das, was er gehört und gesehen habe.“

23,1 - Der Mensch im anderen Leben

„In der geistigen Welt wurde mir mitgeteilt: Wer da meint, der Mensch sei nach dem Tod nur Seele und Geist und davon eine Vorstellung wie von dünnem Äther oder Lufthauch hat, wer da meint, der Mensch wer­de erst nach dem Tag des Jüngsten Gerichts fortleben, wer nichts weiß von der geistigen Welt, in der die Engel und Geister, die Himmel und Höllen sind, der kann auch nicht glauben, daß es im Himmel Ehen gibt.“

„Der Mensch lebt auch nach dem irdischen Tod als Mensch. Dies war verwunderlicherweise auch bei den Christen unbekannt oder wurde angezweifelt, obwohl diese doch das Wort des Herrn und daraus Er­leuchtung über das ewige Leben haben könnten. Der Herr selbst lehrt: ´Habt ihr nicht gelesen von der Auferstehung der Toten? Gott ist nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott, denn Ihm leben sie alle - ­Matth. 22, 30-31 und Lukas 20, 37-38. Mit den Neigungen und Ge­danken seines Gemüts ist der Mensch immerzu inmitten von Engeln und Geistern und ihnen so eng beigesellt, daß er von ihnen nicht ge­trennt werden kann, ohne aufzuhören zu sein. vom Urbeginn der Schöpfung an kam und kommt jeder Mensch nach dem Tod zu den Seinigen, das heißt zu den ihm Gleichgesinnten, er wurde und wird zu ihnen ´versammelt`, wie es in der Bibel heißt. Zudem hat jeder Mensch ein allgemeines Innewerden, das ist ein Einfließen der himmlischen Wahrheiten in das Innere seines Gemüts, dank dem er diese inwendig aufnimmt und gleichsam schaut, also auch die Wahrheit, daß der Mensch nach dem Tod weiterlebt. Daher sagt man, wenn ein naher Mensch ge­storben ist und man sein Denken über das Materiell‑Körperliche erhebt: ´Er ist in Gottes Hand` oder ´Ich werde ihn nach meinem eigenen Tod wiedersehen und aufs neue ein Leben mit ihm anknüpfen`.“

„Wer könnte nicht schon mit der Vernunft einsehen, daß der Mensch nach dem Tode nicht jener bloße Geist ist, den sich manche als Luft­hauch oder Äther vorstellen, sehnsüchtig auf die Wiedervereinigung mit seinem Körper harrend? Wer vermöchte nicht zu sehen, daß sein Zu­stand in diesem Fall niedriger wäre als der der Tiere, deren Seelen nicht fortleben und die deshalb nicht in solcher Angst, Sehnsucht und Erwar­tung bangen? Wäre der Mensch nach dem irdischen Tod solch ein Geist, dann müßte er ja im Weltall umherirren oder irgendwo bis zum Jüngsten Gericht aufbewahrt werden, und alle seit Jahrtausenden wären noch immer in diesem angstvollen zustand, denn jede Erwartung erzeugt und steigert Angst. Nichts wäre dann beklagenswerter denn als Mensch geboren zu werden.“

„Der Mensch ist auch im anderen Leben Mensch, freilich nicht ein kör­perlicher, sondern ein geistiger. Dennoch erscheint er sich völlig als der gleiche, sodaß es ihm zuerst vorkommt, als lebe er noch in der irdischen Welt: er ist weiterhin die Form seiner Neigungen und Gedanken, seines Wollens und Denkens, und bleibt deshalb in Gestalt, Stimme und Beneh­men der gleiche. Er ist nun ein Geistwesen, doch bemerkt er diesen Un­terschied nicht, weil er seinen jetzigen Zustand nicht mit dem vorigen vergleichen kann. Ich habe Geister oft sagen hören, sie wüßten nichts anderes, als noch im vorigen Leben zu sein, nur sähen sie die nicht mehr, mit denen sie dort beisammen waren, dagegen andere, die von dort ab­geschieden. Das rührt eben daher, daß sie nun in der geistigen Welt sind und hier nur ihresgleichen sehen können. Der Unterschied zwischen dem Geisti­gen und Materiellen ist wie der zwischen dem Vorherigen und Nachhe­rigen. Das erstere kann, weil es reiner ist, dem anderen, Gröberen nicht erscheinen, ebensowenig wie das Gröbere dem Reineren, und also auch nicht der Engel dem Erdenmenschen, und umgekehrt.“

„Während seines Erdenlebens liegt der geistige Mensch im materiellen wie in einer Hülle verborgen. Entscheidend ist nach dem Tod seine innerste Liebe, seine Grundtendenz, sein Wesenskern. Von der Liebe kann man sich keinen bestimmten Begriff bilden oder sie im Licht des Verstandes darstellen, denn sie entspricht der Wärme, nicht dem Licht. Man sagt deshalb, sie sei etwas Unbestimmtes, nicht Faßbares. Aber gerade sie ist das eigentliche Leben des Menschen, nicht nur das Leben seines Körpers als Ganzes und all seiner Neigungen und Gedanken, son­dern auch das Leben aller einzelnen Teile. Man kann davon etwas er­kennen, indem man sich fragt: Wenn ich die Anregungen der Liebe wegnehme, vermag ich dann noch etwas zu denken und zu tun? Erkal­tet nicht mit Trieb und Neigung der Liebe auch mein Denken, Reden und Handeln, erwarmen sie aber nicht, wenn jene erwarmt? Von des Menschen Liebe, als seiner Lebenswärme, bewirkt vom Feuer der Himmelssonne, die lauter Liebe ist, stammt auch die Wärme des Blutes und dessen Röte.“

„Die Liebe ist das Sein oder das Wesen des Lebens im Menschen, das Denken ist das Dasein oder die Existenz seines Lebens. Er denkt aus seiner Liebe und gemäß derselben und spricht und handelt ihr wenn er in Freiheit ist. Das Sprechen und das Handeln fließt nicht aus dem Denken, sondern aus der Liebe mittels des Denkens. Nach dem Tod ist der Mensch also nicht sein Denken, sondern seine Neigung und deren Denken oder seine Liebe und deren Einsicht. Er legt dann alles mit seiner Liebe nicht Übereinstimmende ab und nimmt allmählich Gesicht und Gestalt, Stimme und Gebärde, Benehmen und Sitte seiner Lebensliebe an. Der ganze Himmel ist gemäß den Mannigfaltigkeiten der Neigungen zum Guten geordnet, die Hölle dagegen gemäß allen Neigungen zum Bösen.“

„Die unendlichen Verschiedenartigkeiten der Gesichter lassen erkennen, daß jeder Mensch seine eigene Liebe hat, verschieden von der jedes anderen. Das Angesicht ist ein Entsprechungsbild der Liebe, und die Gesichtszüge wechseln je nach deren Neigungen. Die von der Liebe aus­gehenden Wünsche sowie alle Freuden und Leiden sind von ihnen abzu­lesen. Allerdings ist der innere, geistige Mensch weit mehr Gestalt seiner Liebe als der äußere, irdische, denn dieser hat von Kindheit an gelernt, sich zu verstellen und andere Neigungen und Wünsche zur Schau zu stel­len als seine ureigenen. Der nach dem Tod fortlebende Geistmensch aber ist die offenbarende Darstellung seiner Liebe.“

„Weil der Mensch nach dem Tode als Mensch weiterlebt, der Mensch aber männlich oder weiblich und beides grundverschieden, nicht aus­tauschbar oder vom einen ins andere veränderbar ist, lebt der Mann im anderen Leben als Mann, das Weib als Weib. Im Mann ist alles männlich, im Weib alles weiblich, bis in die kleinsten Körperteile und in jede Re­gung des Gefühls und jeden Begriff des Denkens; infolgedessen bleibt in ihnen auch der von der Schöpfung her in sie eingepflanzte Drang zur Verbindung und alles dieser Verbindung Dienliche. Beide streben und verlangen nach Vereinigung zur Einheit. Beide sind so geschaffen, daß aus zweien Ein Mensch werden kann und will, und ohne dies Einswer­den sind sie nicht in ihrem Vollbestand. Daher gibt es auch im Himmel, wo der Mensch vollkommener Mensch in vollkommener Form ist, Ehen“ (aus „Himmlische Geheimnisse“).

23,2 - Die Enthüllung des inneren Menschen nach dem Tod

Jeder Mensch wird nach seinem Tod in der geistigen Welt von Engeln auferweckt. Nach dieser seiner „Auferstehung“ folgt in der Geisterwelt die Sichtung seines Inneren: „Löset die Flocken los, die ihn umge­ben“, auf daß das Äußerlich‑Irdische, der „Erdensohn abgestreift“ werde (Goethe, Faust II). Dann wird sein Inneres, sein Wesenskern offenbar, und er gesellt sich aus eigenstem Antrieb denen bei, mit denen er schon während seines Erdenlebens verbunden war.

Die Engel des Himmels sowohl wie die Geister der Hölle sind Menschen, erstere in vollkommener Gestalt, letztere in unvollkommener und oft kaum mehr menschlicher Gestalt (27). Sie sind Geistwesen mit Spra­che und Sinnen (31). in ihren Gestalten sowie in den Gegenständen ihrer Umgebung stellt sich ihr Inwendiges dar und tritt in „ Vorbildun­gen“ - Tages‑ und Nachtzeiten, Landschaften, Bäumen und Pflanzen, Tieren und Vögeln, Häusern und Wohnungen - hervor, die Entspre­chungen seelischgeistiger Zustände sind.

„In der geistigen Welt offenbart sich das wahre Wesen des Menschen; das dortige Äußere ist Ebenbild des Inneren. Das Auswendige macht mit dem Inwendigen Eins aus, das Inwendige stellt sich im Auswendi­gen gestalthaft dar. So wird also mit einem Blick erkannt, wie jeder innerlich beschaffen ist. Die einen sind Abbilder ihres Himmels, die an­deren Abbilder ihrer Hölle. An jedem wird in der geistigen Welt aus seiner menschlichen oder unmenschlichen Form erkannt, wieviel er vom Herrn aufnimmt oder nicht aufnimmt, und das heißt wieweit er wirklich Mensch ist. Ist er vom Herrn im Guten und Wahren und hier­aus in der Weisheit und Einsicht, dann hat er auch vollkommene Men­schengestalt. Umgekehrt ist es in der Hölle: die dort erscheinen im Lichtschein des Himmels nicht als Menschen, sondern als Ungeheuer, denn sie sind im Bösen und Falschen, also im Gegenteil des Guten und Wahren. Die Bösen erscheinen in der Entsprechungsgestalt ihres Bösen und Falschen, also, weil sie im Gegenteil der tätigen, himmlischen Lie­be sind, als schreckliche Ungeheuer. Unter sich sehen sich die Hölli­schen als Menschen, doch das ist Täuschung: sobald ein wenig Licht aus dem Himmel eingelassen wird, verwandeln sie sich in jene Mißge­stalten, die sie an sich sind. Weil das Licht des Himmels die göttliche Weisheit ist, werden in diesem Licht alle so erkannt, wie sie wirklich beschaffen sind. Wenn die Höllen geöffnet werden, erscheint etwas Feuriges mit Rauch wie bei Feuersbrünsten: etwas dicht Feuriges aus den Höllen, in denen die Liebe zu sich, und etwas Flammiges in denen, in welchen die Liebe zu Besitz und Einfluß in der Welt herrscht.“

„Wie in der geistigen Welt das Inwendige eines jeden offen zutage liegt in seinem Gesicht und in seiner Gestalt und nicht das Geringste verbor­gen bleibt, erscheint auch der Erdenmensch, wenn er seinem Geiste nach von den Engeln gesehen wird: ist er gut, dann als schöner Mensch je nach der Art seines Guten, ist er böse, dann als Mißgestalt, häßlich je nach der Art seines Bösen.“

23,3 - Engel und Teufel in Goethes "Faust"

Goethe hat sich bei der Abrundung seines Faust mit den in der geisti­gen Welt spielenden letzten Szenen des II. Teils der Tragödie an das bei Swedenborg Gelesene erinnert. Er läßt die „Engel“ und die „seli­gen Knaben“ und anderseits die „Teufel“ und „Satane“ in den Gestal­ten auftreten, die der nordische Seher in den Himmeln und Höllenge­schaut hat: die Engel als „himmlische Heerscharen“ in der „Glorie von oben“, als „edlen Geisterchor“ und „junge Geisterschar“ in schönster menschlicher Gestalt, „lieblich“ mit „holden Gliedern“, als „liebende Flammen“, aus Liebe tätig, „tüchtig“, den Menschen beizustehen, „freundliche Spuren zu wirken“ und die Teufel zu „treffen“, daß sie „fliehen“, endlich „die Liebenden in den Himmel“ hereinzufahren und ihnen „mit herzlichem Willkommen zu begegnen“. Die Teufel und Sa­tane dagegen erscheinen als „Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne, von altem Teufelsschrot und Korne“. „Der greuliche Höllenra­chen tut sich auf; Eckzähne klaffen, dem Gewölb des Schlundes ent­quillt der Feuerstrom in Wut und in dem Siedequalm des Hintergrun­des seh` ich die Flammenstadt in ewiger Glut. Nun wanstige Schuften mit den Feuerbacken! Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken! Ihr Firlefanze, flügelmännische Riesen, greift in die Luft, versucht euch ohne Rast, die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen. Hiobsartig, Beul' an Beule, der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut“, der die Gesänge der Engel als „Mißtöne, garstiges Geklimper“ hört, „von oben kommt`s mit unwillkommnem Tag“, dem sich die von den Engeln ge­streuten Rosen in „giftig klare Flammen“ und in „eklen Gallertquark“ verwandeln: „Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken. Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt, ist dies das Liebeselement? Der ganze Körper steht im Feuer“. So werden wir den himmlischen und höllischen Geistern in den folgenden Berichten begegnen.

23,4 - Von den Entsprechungen des menschlichen Körpers mit dem „Größten Menschen“

„Wunderbares darf ich berichten und beschreiben: Der ganze Himmel ist gebildet als Entsprechung des Herrn, der ganze Mensch als Entspre­chung des Himmels und durch den Himmel des Herrn. Dies ist in der geistigen Welt nicht nur den Engeln, sondern auch den Geistern, ja so­gar den bösen bekannt. Die Engel entnehmen daraus die tiefsten Ge­heimnisse, die im Menschen, im Kosmos und in der irdischen Natur verborgen sind. Wenn ich auf einen Teil des menschlichen Körpers zu sprechen kam, kannten sie nicht nur dessen Bau und Organe, ihre Funktionen und Wirkungen, sondern noch unzählig mehr von seiner Ordnung und Aufgabe, und zwar aus dem Einblick in die himmlische Ordnung, der die Ordnung und Aufgabe der Glieder oder Organe im menschlichen Körper entspricht.“

„So wurde ich darüber belehrt, daß nicht nur das, was dem menschli­chen Gemüt, das heißt seinen Neigungen und seinem Denken, angehört, in Entsprechung steht zum Geistigen und Himmlischen, sondern ebenso alles in seinem Körper. Ferner, daß der Mensch nur von daher entsteht und fortwährend besteht, und endlich, daß er ohne diese seine Entspre­chung mit dem Himmel und durch diesen mit dem Herrn, also des Früheren und Ersten mit dem Späteren, nicht einen Augenblick leben könnte, sondern ins Nichts zerfallen würde.“

„Ich durfte weiterhin erfahren, daß nicht nur der Himmel im allgemei­nen den Menschen belebt, sondern daß dies die himmlischen Gemein­schaften bewirken, die ja nach ihrer besonderen Art diesem oder je­nem Glied oder Organ des Körpers zugeordnet sind. Diesen Gemein­schaften entsprechen die einzelnen Eingeweide, Bewegungs‑ und Emp­findungsorgane und Glieder, und aus ihnen fließt Himmlisches und Geistiges der Ordnung gemäß in den Menschen ein und bringt die Wir­kungen hervor, die der Mensch wahrnimmt. Die göttliche und daher die himmlische Ordnung endigt im Irdischen und im Körperlichen des Menschen als im Äußersten ihrer Ordnung und ihres Einflusses. Zusam­men bilden diese Gemeinschatten den Größten Menschen (homo maxi­mus) als dessen Glieder und Organe. Je mehr Menschenwesen zu ihm stoßen, desto mehr nehmen seine Kräfte und Wirkungen zu.“

„Alle Geister und Engel erscheinen als Menschen, mit menschlichem Antlitz und in menschlicher Gestalt, mit menschlichen Organen und Gliedern, weil ihr Innerstes zu dieser Gestalt hinstrebt. Der Herr allein weiß, wie der erste Keim im Ei und dann im Mutterleib und wie ebenso das Innerste des Menschen zur Bildung der menschlichen Form hin­strebt und hintreibt. Die Form des Himmels geht in jeden Menschen ein und will ihn sich gleich machen, also zu einem Menschen, und wer eine Entsprechung des Himmels ist, nämlich in und aus der Liebe zum Herrn und in Liebtätigkeit für seine Mitmenschen lebt, gehört seinem Geist nach zum Himmel, wenn auch seinem Leib nach noch zur Erden­welt. Er ist ein kleiner Himmel in menschlicher Gestalt.“

"Eines Morgens war ich im Umgang mit Engelgeistern und bemerkte, daß deren gewohntes Zusammenwirken von Wollen, Denken und Re­den bis in die Hölle drang und sich dort fortsetzte, sodaß es schien, als wirkten sie mit den Höllischen zusammen. Das rührte daher, daß das Gute und Wahre, das in den Engeln ist, sich bei den Höllischen wie durch einen unerklärlichen Wechsel in Böses und Falsches verwandelt, und zwar stufenweise in den Graden seines Hinabfließens bis es sich in der Hölle in das Zusammenwirken der Begierden des Bösen mit den Überredungen zum Falschen verkehrt. Auf diese Weise werden die Höllen, obwohl sie nicht im Größten Menschen sind, auch zu einer Ganzheit gemacht, in der Ordnung erhalten und vom Herrn regiert und bilden so auch Gemeinschaften, nämlich die den himmlischen diametral entgegengesetzten. So heiter und hell die Lichtsphäre und so sommer­lich die Wärme in den Himmeln ist, so dicht vernebelt und finster ist die Atmosphäre in den Höllen und so eisig die dortige Kälte, entspre­chend den Falschheiten und dem Haß der Höllischen.“

„Der Herr allein ist der Mensch, und nur soweit der Engel, der Geist oder der Erdenmensch sein Wesen von Ihm hat, ist er wahrer Mensch. Nie­mand glaube, ein Mensch sei schon Mensch, weil er einen menschlichen Körper mit Gehirn, Eingeweiden und Gliedern hat - dies alles ist nur materiell‑irdisch, und er hat es mit den Tieren gemein. Der Mensch ist Mensch, weil er wie ein Mensch wollen und denken und sich dadurch auf das einzig und eigentlich Menschliche, nämlich auf den Herrn hin ausrichten, Ihn aufnehmen und sich mit Ihm verbinden kann. Im ande­ren Leben wird offenbar, wieweit er wirklich Mensch ist, das heißt sich jenes Menschliche durch die Aufnahme angeeignet hat. Die es angenom­men haben, werden mit Einsicht und Weisheit und daher mit unaus­sprechlicher Seligkeit begabt und Engel, das ist: wahre Menschen. Die dagegen, die es nicht angenommen haben, die sich selbst geliebt, ja ver­ehrt und folglich das als alleiniges Ziel verfolgt haben, was ihnen selbst und der Erdenwelt angehört, werden nach dem kurzen Erdenlauf im anderen Leben aller scheinbaren Einsicht entkleidet und stumpfsinnig. Da ihr inneres Leben dem wirklichen Leben völlig entgegengesetzt ist, stehen sie nicht in Entsprechung mit den Organen und Gliedern des Körpers, sondern mit deren Entartungen und Krankheiten, mit Krank­heitsstoffen in den feineren Teilen des Blutes, die Kälte und Erstar­rung und tödliche Erkrankungen bewirken, und mit dem Urin, der eine unreine, unbrauchbare und also auszustoßende Körperflüssigkeit ist“ (Aus „Himmlische Geheimnisse“).

23,5 - Von der  himmlischen Harmonie

„Viele bringen nach ihrem Abscheiden von der Erde die Meinung ins andere Leben, Hölle sei für jeden das gleiche und Himmel sei für jeden das gleiche. In Wahrheit gibt es, wie ich in der geistigen Welt erfahren durfte, in beiden unausdenkliche Unterschiede und Mannigfaltigkeiten. Nie hat einer den gleichen Himmel wie ein anderer; ebensowenig wie zwei völlig gleiche Menschen gibt es gleiche Engel oder Geister. Als ich dies nur als Möglichkeit dachte, entsetzten sich die Geister und Engel und klärten mich auf: Alle Einheit bildet sich aus dem Zusammenklang vieler Verschiedener und ist so beschaffen wie deren Grundstimmung. Nie kann es Einheit schlechthin als Uniformität geben, sondern nur einheitlich zusammenstimmende Symphonie von vielen verschiedenar­tigen Einzelnen. Sie nimmt qualitativ mit der Quantität zu. Ähnliche Einzelne bilden in der geistigen Welt eine Gemeinschaft und alle die vielartigen Gemeinschaften zusammen den Himmel und andererseits die Hölle.“

„Die himmlische Einheit wirkt allein der Herr durch die ewige Liebe. Einmal zählte ein Engel nur die allerallgemeinsten Gattungen der Freu­den der Geister und des untersten Himmels auf, und schon diese erga­ben Hunderte. Daraus kann man darauf schließen, wie unzählbar viele Sondergattungen und gar wieviel Arten dieser Gattungen es gibt, und sind ihrer schon hier so viele, wieviel mehr müssen die höheren Himmel umfassen!“

„Gleichwie im menschlichen Körper alles und jedes zu allgemeinen und speziellen Zwecken zusammenwirkt, so ist es auch im Reich des Herrn, das gleichsam Ein Mensch ist und deshalb der Größte Mensch, homo maximus, genannt wird. Dort trägt jeder auf seine Weise das Seinige zu den Seligkeiten aller bei, nach einer allein vom Herrn stammenden und fortwährend erhaltenen Ordnung. Sie hat ihren Ursprung darin, daß sich der Himmel als Ganzes auf den Herrn bezieht, wie auch im Beson­deren jede Gemeinschaft und jeder Einzelne“ (Aus „Himmlische Ge­heimnisse“).

 

24,0 - Von der Seele

Ich sah in der geistigen Welt eine Wolke, in Wölkchen zerteilt. Einige waren blau, andere dunkel. Sie kämpften gleichsam miteinander, und da und dort brachen aus ihnen Strahlen, bald scharf wie Dolche, bald stumpf wie alte Degen. Doch war dieser scheinbare Kampf der verschie­denfarbigen Wölkchen nur Sinnspiel und geschah über einem Haus, in dem sich Knaben und junge und alte Männer versammelt hatten. „Was gibt es dort?“ fragte ich. „Da werden Jünglinge in die Weisheit einge­führt!“ Ich ging auch hinein und sah ein Podium und darum Sitzreihen und über dem Podium eine Tribüne, auf der ein weiser Mann saß und die Themen angab. Das erste war: „Was ist die Seele? Wie ist sie be­schaffen?“ Da entstand eine Unruhe, und Stimmen wurden laut, wie: „Welcher Mensch konnte jemals erkennen und erfassen, was die Seele und wie beschaffen sie ist? Das übersteigt doch den menschlichen Ho­rizont!“ Aber von der Tribüne her hörte man: „Nein, nein, das geht nicht über euren Verstand, sondern liegt in und vor ihm. Denkt nur darüber nach!“

Da standen fünf für diesen Tag ausgewählte Jünglinge auf und bestiegen nacheinander das Podium. Jeder legte dabei ein opalfarbenes Unterge­wand und ein mit Blumen durchwirktes Obergewand an und setzte einen Hut auf, den ein mit Saphiren durchsetzter Rosenkranz zierte. Der Erste begann: „Von der Schöpfung an wurde noch nie einem Men­schen offenbart, was die Seele ist und wie beschaffen sie ist. Das ruht als Geheimnis im Herrn! Nur das wissen wir, daß sie im Menschen wie eine Königin residiert, und viele Forscher versuchten herauszufinden, wo ihr Sitz im Menschen sei. Einige vermuteten ihn in der Zirbeldrüse zwischen dem Groß- und Kleinhirn, weil der Mensch von diesen beiden Gehirnen aus regiert wird und jene Drüse beide anregt. Von den Gehir­nen gehen Wirkungen aus, die den Menschen vom Kopf bis zum Fuß bestimmen. Das erschien vielen als wahr oder zumindest wahrschein­lich, aber es wurde später verworfen“. Er legte Gewand und Hut ab und ging hinweg, und sein Nachfolger bekleidete sich und sagte:

„Man ahnt zwar, was die Seele ist und wie beschaffen sie zu sein scheint, aber um ihren Sitz wird nur herumgeraten. Sicherlich befindet er sich im Kopf, denn hier denkt der Verstand und strebt das Wollen, und hier sind auch, im Gesicht, die Sinnesorgane des Menschen. Wo sich ihr Sitz aber genau befindet, wage ich nicht zu behaupten. Einmal stimme ich denen zu, die ihn den drei Kammern des Großhirns zuweisen, dann wie­der denen, die sich für die Gehirnnerven, oder denen, die sich für die Hirnhaut entschieden haben. Für alles sprach etwas, für jeden etwas an­deres. Entscheidet aber ihr und wählt das Richtigere!“ Er stieg herab und übergab das Gewand dem Dritten.

Dieser entwickelte Folgendes: „Wie soll ich junger Mensch eine so erha­bene Frage beantworten? Auch ich kann nur Mutmaßungen äußern über den Sitz der Seele. Ich vermute ihn im Herzen und von daher im Blut, und ich begründe dies damit, daß das Herz mit seinem Blut so­wohl den Leib wie den Kopf regiert. Es sendet das Blut aus in die Adern und erhält, nährt und belebt das ganze organische System des menschlichen Körpers. Auch las ich in der Heiligen Schrift: ´Du sollst Gott lieben von ganzer Seele und von ganzem Herzen`, und: ´Gott schaf­fe im Menschen eine neue Seele und ein neues Herz, oder: ´Das Blut ist die Seele des Fleisches`!“

Nun kam der Vierte an die Reihe: „Auch ich bin der Ansicht, daß sich der Scharfsinn erfolglos mit dieser Frage abmüht, denn niemand wird sie je beantworten können. Doch blieb ich für mein Teil bei der über­lieferten Auffassung, die Seele sei im Ganzen des Menschen und darum auch in allen seinen Einzelteilen. Ich halte es für Unsinn, ihr irgendwo in einem Körperteil einen besonderen Sitz zuzuweisen. Auch ist die Seele eine geistige Substanz, von der nicht Ausdehnung und Ort auszu­sagen ist, sondern nur Einwohnen und Erfüllen. Wer meint nicht das Leben, wenn er die Seele nennt, und das Leben ist doch nicht nur in einem Einzelteil, sondern im Ganzen.“

Der Letzte schloß die Antworten ab: „Ich will mich nicht dabei aufhal­ten, den Sitz der Seele zu bestimmen, sondern mich darüber äußern, was sie ist und wie beschaffen sie ist. Jeder stellt sich die Seele als etwas Reines vor, dem Äther, der Luft oder dem Wind vergleichbar. Aus ihr kommt dem Menschen Lebenskraft infolge seiner Vernünftigkeit, die er dem Tier voraus hat. Ich wurde in dieser Auffassung bestärkt dadurch, daß man sagt, der Mensch hauche seine Seele aus oder gebe seinen Geist auf, wenn er stirbt. Man hält also auch die nach dem Tod fortlebende Seele für einen solchen Hauch, in dem denkendes Leben enthalten ist. Ihr habt gesagt, die Antwort auf eure Frage übersteige nicht unseren Verstand - so ersuche ich euch also, uns dieses Geheimnis zu offenba­ren!“ Dann legte er die Gewänder ab und setzte sich wieder.

Nun richteten sich aller Augen auf den weisen Mann, der die Frage vor­gelegt hatte, und da er merkte, daß man von ihm Auskunft erwarte, ging er zum Podium und sprach, die Hand ausstreckend: „Merktwohl auf! Wer glaubt nicht, daß die Seele das innerste und feinste Wesen des Menschen sei? Was aber ist ein Wesen ohne Form? Ja, die Seele ist eine Form, sie ist die Form alles dessen, was zur Liebe, und alles dessen, was zur Weisheit gehört. Alles zur Liebe Gehörige und von ihr Ausgehende nennt man Triebe, Neigungen, Emotionen, Affekte, und alles zur Weis­heit Gehörige und von ihr Ausgehende Denken, Wahrnehmen, Einsehen, Verstehen. Dieses aus jenem und daher mit ihm bildet Eine Form, in der sich Unzähliges so in Ordnung, Reihenfolge und Zusammenhang findet, daß man es Eines nennen kann. Das ist auch richtig, weil man nichts davon wegnehmen und nichts hinzufügen kann, ohne die Form zu verändern. Eine solche Form ist, wie gesagt, die menschliche Seele. Alles, was zur Liebe, und alles, was zur Weisheit gehört, alles im Gemüt Gewollte und Gedachte sind ihre Wesensbestandteile, und von der Seele her sind sie auch im Kopf und im Leib des Menschen. Ihr heißt Geister und Engel und habt während eures Erdenlebens geglaubt, die Geister und Engel seien so etwas wie Winde oder ätherische Wesen und ihnen gleich auch die Seelen - jetzt aber seht ihr, daß ihr wahrhaftig, wirklich und tatsächlich Menschen seid, die Menschen, als die ihr auf der Erde gelebt und in eurem materiellen Körper gedacht habt. Ihr wußtet, daß dieser Körper nicht lebt und denkt, sondern eine geistige Substanz in ihm, und diese nanntet ihr Seele. Ihre Form kanntet ihr nicht, aber jetzt seht ihr sie. Ihr alle seid jene Seelen, über deren Unsterblichkeit ihr so viel gehört, nachgedacht und geschrieben habt, und weil ihr Formen der Liebe und Weisheit von Gott seid, könnt ihr in Ewigkeit nicht sterben. Die Seele ist also die menschliche Form, von welcher nichts weggenommen und der nichts hinzugefügt werden kann. Sie ist die innerste Form aller Formen des Gemütes und des Leibes. Und weil die äußeren Formen von den innersten sowohl Wesen wie Form emp­fangen, darum seid ihr so, wie ihr vor euch und uns erscheint, Seelen. Kurz: die Seele ist der Mensch selbst, weil sie der innerste Mensch ist und deshalb ist ihre Form vollständig und vollkommen menschliche Form. Sie ist aber nicht selbst Leben, sondern das nächste und innerste Aufnahmegefäß des Lebens aus dem Schöpfer und so eine Wohnung des Herrn.“

Einige zollten Beifall, andere sagten: „Wir wollen es überdenken!“ Als ich wegging, sah ich über dem Haus an Stelle jener Lufterscheinung mit dem Wolkenkampf eine weiße Wolke ohne gegeneinander kämpfende Strahlen. Ihre Helligkeit drang durch das Dach ein und erleuchtete das Innere, und ich hörte, daß vorgelesen wurde: „Der Herr blies in die Nü­stern des Menschen die Seele der (beiden) Leben, und der Mensch ward zur lebendigen Seele“ (315).

 

25,0 - Die Ehe des Guten und Wahren

Als ich um Mitternacht erwachte, sah ich gen Osten einen Engel, der in seiner Rechten ein licht glänzendes Blatt hielt. Darauf stand mit golde­nen Buchstaben geschrieben: Ehe des Guten und Wahren. Aus der Schrift schimmerte ein breiter Lichtkreis hervor, glänzend wie die Mor­genröte im Frühling. Der Engel stieg hernieder, und dabei verwandelte sich die Schrift aus Gold in Silber‑ Kupfer‑, Eisen‑ und endlich in Rost­farbe. Zuletzt schien es, als trete der Engel in ein dunkles, dichtes Ge­wölkein und durchschreite es, bis er in der Geisterwelt, in die alle Men­schen nach ihrem Tod zuerst kommen, anlangte. Hier war das Blatt nicht mehr zu sehen, und der Engel sagte zu mir: „Frage die, welche hierher kommen, ob sie mich oder etwas in meiner Hand sehen!“ Es kamen Scharen von allen Himmelsrichtungen, und ich fragte die aus Morgen und Mittag, die in der Welt Gelehrte gewesen waren, aber sie sagten, sie sähen nichts. Da fragte ich die aus Abend und Mitternacht, die den Worten der Gelehrten geglaubt hatten, aber auch sie sahen nichts. Schließlich, als die meisten anderen schon weggegangen waren, meldeten sich einige Einfältige, die dank ihrem Gutsein auf Erden etwas Wahres geahnt hatten, und sagten, sie sähen einen Mann in schöner Kleidung, der ein Blatt in der Hand halte, und sie entzifferten dann auch die Schrift. Ja, sie sprachen den Engel an und baten ihn, er möge sagen, was das bedeute, und er sagte:

„Im ganzen Himmel und in der ganzen Welt gibt es nichts, das nicht Gutes und Wahres ehelich verbunden in sich birgt, denn alles Belebte und Beseelte und Unbelebte und Unbeseelte ist aus der Ehe des Guten und Wahren und wiederum zu dieser erschaffen. Nichts ist nur zum Guten oder nur zum Wahren erschaffen, ja beide sind isoliert nichts Wirkliches und Wirksames, sondern werden es erst durch ihr eheliches Zusammenwirken und sind dann von gleicher Beschaffenheit wie dieses. Im Herrn, dem Schöpfer, aber ist das göttlich Gute und das göttlich Wahre in seiner ewigen Fülle. Des Schöpfers Sein ist das Göttlich Gute, Sein Existieren das Göttlich Wahre, und Er ist auch beider Vereinigung selbst, in Ihm machen sie in unendlicher Weise Eins aus. Weil also diese zwei in Ihm Eins sind, so sind sie auch in allem und jedem von Ihm Geschaffenen Eins, und dadurch ist der Schöpfer mit allen Geschöpfen durch einen ewigen Bund gleich dem der Ehe vereinigt.“

Einige von denen, die vorher die Schrift nicht gesehen hatten, waren noch in der Nähe geblieben und sagten jetzt: „Ja, ja, wir fassen es!“ Da forderte sie der Engel auf, sich ein wenig von ihm abzuwenden, und dann das Gleiche zu sagen. Sie gehorchten ihm und sagten nun: „Dem ist nicht so!“

Nun fuhr der Engel fort und sprach von der Ehe des Guten und Wahren bei Ehegatten: „Wenn die Gemüter zweier Ehegatten ehelich verbunden sind, der Mann als das Wahre und die Frau als sein Gutes, dann haben beide teil an den seligen Wonnen der Unschuld und am Glücklichsein der Engel des Himmels. Die Zeugungskraft des Ehemannes ist im Zu­stand beständigen Frühlings, im Streben und in der Kraft, sein Wahres fortzupflanzen, und die Frau ist im Zustand immerwährender Empfäng­nis seiner Wahrheiten aus ehelicher Liebe. Die Weisheit, die dem Mann alsdann vom Herrn geschenkt wird, empfindet nichts freudiger, als sich fortzupflanzen, und die Liebe zur Weisheit des Mannes, die der Frau eigen ist, empfindet nichts köstlicher, als sie gleichsam im Mutterschoß zu empfangen, auszutragen und zu gebären. In diesen geistigen Fort­pflanzungen haben auch die irdischen ihren Ursprung.“

Der Engel verabschiedete sich nun mit dem Friedensgruß und erhob sich wieder und stieg, nachdem er das dichte Gewölk hinter sich hatte, zum Himmel empor. Dabei erglänzte das Blatt wieder wie zuvor, gemäß den Graden seiner Auffahrt. Und siehe, der Lichtkreis senkte sich her­ab und zerstreute das Gewölk, und der Himmel wurde heiter vom Sonnenschein (115).

 

26,0 - Was bedeutet „rechts“ und „links“?

In Seelenruhe und süßem Frieden lustwandelte ich in der geistigen Welt, als ich auf einmal in der Ferne einen Hain sah mit einem Laubengang, der auf ein prächtiges Gebäude zuführte. Jungfrauen und Jünglinge und Frauen und Männer gingen hinein. Ich näherte mich dem Park und frag­te einen Wächter, ob ich auch eintreten dürfe. Er maß mich mit den Augen, und als ich nach dem Grund fragte, sagte er: „Ich blicke dich an, um zu erforschen, ob das Friedvolle in deinem Gesicht vom Liebli­chen der ehelichen Liebe herrührt! Hinter diesem Laubengang ist näm­lich ein kleiner Garten und mitten darin das Haus zweier Neuvermählter, denen ihre Freundinnen und Freunde gratulieren. Da ich nicht weiß, wer kommen wird, wurde mir gesagt, ich würde an den Gesichtern er­kennen, wen ich einlassen dürfe“. Alle Engel können aus den Gesichts­zügen die Herzenslust der Geister ablesen, und so leuchtete für ihn mein heiteres Nachdenken über die eheliche Liebe aus meinen Augen hervor und erhellte mein Gesicht. Er gestattete mir, einzutreten. Ich ging durch den Laubengang in den Garten, dessen Büsche und Blumen lieblich dufteten. Sie standen paarweise beieinander, und ich hörte, daß solche Gärten um die Häuser erscheinen, in denen Hochzeiten gefeiert werden, und daß sie deshalb Hochzeitsgärten genannt werden. Dann betrat ich das Haus und erblickte die Brautleute, die sich bei den Händen hielten und miteinander sprachen. Ihre Gesichter waren Ebenbilder der eheli­chen Liebe und ihre Unterhaltung offenbarte deren Lebenskraft. Auch ich wünschte ihnen Glück und Segen und ging dann wieder hinaus in den Garten und mit anderen nach rechts auf eine Gruppe von Jünglin­gen zu. Sie sprachen über die eheliche Liebe, und dies Thema übte auf alle eine geheime Anziehungskraft aus.

Ich gebe wieder, was ich hörte, und insbesondere, was ein Weiser sagte: „Die göttliche Vorsehung waltet in allem und in jedem einzelnen und daher auch allumfassend in den Ehen und im besonderen in den himm­lischen Ehen. Alle Seligkeiten des Himmels entspringen den Lustgefühlen der ehelichen Liebe wie süße Wasser einer lieblichen Quelle. Darum wird vom Herrn allezeit vorgesehen, daß Knaben und Mädchen als künf­tige Ehepaare geboren werden. Ohne davon zu wissen, wachsen sie her­an und werden dafür im Geheimen erzogen. Ist es an der Zeit, dann treffen sich beide wie zufällig irgendwo, fallen sich in die Augen, spüren instinktiv ihre innere Gleichartigkeit, und eine innere Stimme sagt dem Jüngling: Das ist die meinige! und dem Mädchen: Das ist der meine! Nachdem sie beide dasselbe eine Zeitlang in ihren Herzen bewegt ha­ben, sprechen sie es aus und bekennen sich zueinander. ´Wie zufällig´ und ´instinktiv` sagten wir: so erscheint das vom Herrn Vorgesehene, bevor es erkannt wird!"

Nach dieser Einleitung fuhr man fort: „In jedem auch noch so unschein­barsten Teil des Menschen, sei er Mann oder Weib, ist etwas Eheliches, freilich ein anderes beim Mann als beim Weib. In jeder Einzelheit des Männlich-Ehelichen liegt die Fähigkeit, sich mit dem Weiblich‑Ehelichen zu verbinden, und umgekehrt. Denkt zum Beispiel nur an die Ehe des Wollens und Denkens in jedem Menschen, die sich vereint auf alles im Gemüt und im Leib auswirkt. Und denkt weiter an die aus einfachen Elementen zusammengefügten Komplexe: da sind zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenöffnungen, zwei Wangen, zwei Lippen, zwei Arme mit Händen, zwei Lenden, zwei Füße und zwei Gehirnhälften, zwei Herzkammern, zwei Lungenflügel, zwei Nieren, zwei Hoden, und wo nicht zwei sind, da ist doch innen Zweiteilung. Das alles hat seinen Grund darin, daß überall und immer das eine dem Wollen, das andere dem Denken angehört und beide auf wunderbare Weise aufeinander einwirken und zusammen eine Einheit bilden: die zwei Augen Ein Se­hen, die zwei Ohren Ein Hören, die zwei Nasenöffnungen Ein Riechen, die zwei Lippen Ein Reden, die zwei Hände Eine Handlung, die zwei Füße Einen Gang, die zwei Gehirnhälften Eine Wohnung des Gemüts, die zwei Herzkammern Eine lebendige Durchblutung des Leibes, die zwei Lungenflügel Einen Atem, und so fort.“

Da erschien zur Rechten ein roter Blitz und zur Linken ein weißer, beide waren mild und gingen durch die Augen in die Gemüter ein und erleuchteten auch diese. Dem folgte ein Donner, und auch dieser war wie ein sanftes Rollen aus dem Engelshimmel. „Dies ist Zeichen und Erinnerung, daß ich dem Gesagten noch etwas beifügen soll!“, sagte der weise. „Das Rechtsseitige jener Paare bedeutet ihr Gutes, das Linkssei­tige ihr Wahres. Jenes bezieht sich auf das Wollen, dieses auf das Den­ken, und beide sind ehelich in Eins verbunden. So zum Beispiel ist die rechte Hand des Menschen Entsprechung des Guten, die linke Entspre­chung des Wahren seiner Macht, weshalb der Herr sagte: ´Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, dann reiße es aus, und wenn dich deine rechte Hand ärgert, dann haue sie ab!` Er meinte damit: wenn das Gute böse wird, dann stoße es ab! Oder erinnert euch daran, daß Er den Fischern gebot, das Netz auf der rechten Seite des Schiffes auszuwerfen, und als sie ihm gehorchten, fingen sie viele Fische. Damit meinte er, sie sollten das Gute der Liebtätigkeit lehren und dadurch viele Menschen zur ech­ten Gemeinschaft anregen und vereinigen“

Abermals erschienen zwei Blitze, noch milder als die vorigen, aber nun hatte der linke Blitz seinen Glanz vom roten Feuer des rechten. Der Weise schloß: „Das ist das Zeichen der Bestätigung meiner Worte aus dem Himmel! Das Feurige des Himmels ist Sinnzeichen des Guten, das Weiße Sinnbild des Wahren, der vom Feuer des rechten Blitzes herrüh­rende Glanz des linken zeigt, daß Licht nichts anderes ist als der Glanz jenes Feuers“. Ergriffen von den Worten und den Blitzen gingen nun alle heim (316).

 

27,0 - Von den Auswirkungen der Liebe und Weisheit

In der östlichen Gegend der geistigen Welt erschien mir ein Hain von Palmen und Lorbeerbäumen und in seiner Mitte ein Garten. Ich ging auf dessen Türe zu, und sie wurde von einem Wächter geöffnet. Auf meine Frage nach dem Namen des Gartens antwortet er: „Adraman­doni, die Wonne der ehelichen Liebe!“ Ich ging hinein und hindurch zwischen blühenden Sträuchern und Ölbäumen, unter denen Weinstöcke wuchsen, die jene mit ihren Zweigen verbanden und umrankten. Auf einem runden Rasenplatz saßen Paare um einen Springbrunnen. Mit ihnen führten zwei Engel ein Gespräch, und als ich dem Rondell nahe war, hörte ich, daß es um den Ursprung der ehelichen Liebe und deren Freuden ging. Man sprach zuerst von der schwierigen Erforschung und Wahrnehmung dieses Ursprungs, weil er göttlich‑himmlisch sei, nämlich verborgen liege in der göttlichen Liebe und Weisheit und beider Nutz­wirkung, die als Eines vom Herrn ausgehen und daher als Eines in die Menschenseelen einfließen. Von daher, so erfuhr ich, dringen sie in die Neigungen und Gedanken der Menschen ein und von diesen in die Brust und endlich in die Region der Geschlechtsorgane, in der alles vom Ur­sprung Ausgehende und Einfließende beisammen ist und mit allem Auf­einanderfolgenden die eheliche Liebe vollendet.

Nach dieser allgemeinen Einleitung gaben einige dem Gespräch seine besondere Richtung. „Wir haben vernommen, daß der Ursprung der ehelichen Liebe göttlich‑himmlischer Art ist, daß sie deshalb als Einheit der drei Wesenteile, die zusammen das Eine göttliche Wesen ausmachen, vom Herrn ausgeht und in das Innerste des Menschen einfließt, sich im Herabsteigen in Analoges und Entsprechendes verwandelnd. Könnten wir uns diesmal mit dem dritten, dem ausgehenden göttlichen Wesenteil, der Nutzwirkung. beschäftigen?“ Die Engel gingen darauf ein: „Liebe und Weisheit sind ohne fruchtbringende Wirkung bloße Begriffe des abstrakten Denkens, die nach einigem Verweilen im Gemüt wie Winde verfliegen. Vereinigen sie sich aber zu einer Handlung und wir­ken zu ihr und in ihr als Einheit zusammen, dann erst verwirklichen sie sich. Von der Liebe geht die Initiative zum Tätigsein aus und sie hat nur Bestand, wenn sie wirkt; die Weisheit kann nur entstehen und bestehen aus der Liebe und in gemeinsamer Wirksamkeit mit ihr. Wir definieren also die Nutzwirkung als Tun des Guten aus Liebe durch Weisheit. Jede Tat, die aus Liebe durch Weisheit vollbracht wird, heißt gut. Liebe ohne Weisheit wäre etwas Abgeschmacktes, Liebe mit Weisheit ohne Nutz­wirkung nichts als bloße Gemütsaufblähung. Alle drei einander wech­selseitig anregend und vereinigt machen nicht nur den Menschen aus, sondern sind der Mensch, ja, sie pflanzen die Menschheit fort: Im Samen des Mannes ist seine Seele in vollkommen menschlicher Form; im Mut­terleib wird er mit Substanzen aus den reinsten Naturteilchen umhüllt und materiell‑körperlich ausgebildet. Diese Nutzwirkung ist die höchste und letzte der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit.“

Zum Schluß faßten die Engel zusammen: „Alle Zeugungen, Befruch­tungen und Fortpflanzungen sind Fortsetzungen der Schöpfung, und dies kann nirgendwo anders herrühren als aus der Vermählung der gött­lichen Liebe mit der göttlichen Weisheit in der göttlichen Nutzwirkung. Von daher ist das ganze Weltall entstanden und wird von daher erhal­ten.“

Hierauf fragten die Versammelten weiter: „Stammen daher auch die unzähligen und unaussprechlichen Wonnen der ehelichen Liebe?“, und die Engel antworteten: „Ja! Auch sie gehören zu den Nutzwirkungen der ewigen Liebe und Weisheit: die Liebe ergötzt sich mit der Weisheit, die Weisheit spielt mit der Liebe wie die Kinder. Und wie diese heran­wachsen, so verbinden auch sie sich immer inniger bis zu den Wonnen der Hochzeiten, Ehen und Fortpflanzungen, mannigfaltig in alle Ewig­keit. Dies geschieht inwendig in den Nutzwirkungen. Die himmlischen Anfänge sind nicht wahrzunehmen, sondern erst, wenn sie im Menschen niedersteigen und in den Körper eingehen. Jene himmlischen Hoch­zeitsspiele senken sich in die Seele als Frieden und Unschuld und in das Gemüt als Glück und Freude, äußern sich in der Brusthöhle als Verlan­gen nach inniger Freundschaft und enden, beständig von der Seele her ernährt, in der Region der Geschlechtsorgane als seligste Lust, die jede andere weit übertrifft. Und daraus folgt auch die vor allen anderen aus­gezeichnete Nutzwirkung: die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes und aus diesem des Engelshimmels!“

Nun erschienen auf den Köpfen einiger Teilnehmer Blumenkränze: Zeichen dafür, daß sie mit ihrem Denken tiefer in die ewigen Wahrheiten eingedrungen waren.

 

28,0 - Vom Ursprung der menschlichen Geschlechter

Einst unterhielten sich Engel über die menschliche Einsicht und Weis­heit, und ich fasse zusammen, was ich hörte: Für die Aufgabe des Men­schen mußte ihm die Fähigkeit gegeben werden, wie aus sich selbst zu wollen und zu denken, in Selbstverantwortung und freier Selbstbestim­mung. Daher hält er gemeinhin seine Einsicht und Weisheit für sein eigen und glaubt, alles was er aus dem Wollen erstrebt und aus dem Denken versteht, stamme aus ihm selbst, während er in Wahrheit gebo­ren ist mit der Fähigkeit, vom Herrn aufzunehmen und sich anzueignen, was dann zu seinem – scheinbar - Eigenen wird. Er neigt immer dazu, sich selbst zuzuschreiben, was Begabung ist, und sich dessentwegen selbst zu lieben, und steht ständig in Gefahr, durch Selbstliebe und Eitelkeit zugrunde zu gehen. Deshalb wurde in der Schöpfung vorgese­hen: Die Liebe des Menschen-Mannes zu seiner Verständigkeit, Einsicht und Weisheit wird auf das Menschen‑Weib übertragen und ihm einge­pflanzt, auf daß nur das Weib die Errungenschaften des Mannes und damit ihn liebe. Immerfort zieht die Frau den männlichen Stolz auf seine Einsicht und Weisheit an sich, löscht ihn im Mann aus und macht ihn in sich lebendig. Sie umhüllt ihren Mann mit ehelicher Liebe, erregt diese Liebe in ihm und erfüllt sie über alles Maß mit Köstlichkeiten. Nur so war zu verhindern, daß die Selbstbewunderung den ungeteilten Menschen so betört, daß er dem Glauben verfällt, er sei aus sich selbst verständig, einsichtig und weise, nicht aber vom Herrn her, bis zu dem Wahn, er sei Gott gleich, sei selbst ein Schöpfer und der Quell seiner Erkenntnis und Weisheit“ (353).

 

29,0 - Die Regionen der ehelichen Liebe

Eines Morgens beschäftigte mich die Frage: in welcher Region des menschlichen Gemüts hat die wahrhaft eheliche Liebe ihren Wohnsitz und in welcher die eheliche Kälte? Ins Nachdenken vertieft, sah ich zwei Schwäne gen Norden fliegen und bald darauf zwei Paradiesvögel gen Süden und zwei Tauben gen Osten. Dann lenkten auch die Schwäne und Paradiesvögel ihren Flug gen Osten, und alle flogen vereint auf einen hochragenden Palast zu, den Ölbäume, Palmen und Buchen umgaben. Der Palast hatte drei Stockwerke, also drei Reihen von Fenstern. Durch die unteren flogen die Schwäne, durch die mittleren die Paradiesvögel und durch die oberen die Tauben hinein.

„Verstehst du, was du siehst?“, fragte ein Engel, der zu mir gekommen war. „Ein wenig!“, antwortete ich, und er erklärte mir: „Der Palast ist ein Sinnbild der ehelichen Liebe und ihrer Wohnsitze im menschlichen Gemüt, über die du nachgedacht hast. Im obersten Geschoß, in das die Tauben einflogen, wohnt sie als Liebe zum Guten mit ihrer Weisheit, im mittleren, in das die Paradiesvögel einflogen, als Liebe zum Wahren mit ihrer Einsicht, im unteren, in das die Schwäne einflogen, als Liebe zum Tun in Gerechtigkeit und Redlichkeit mit ihrem Wissen. Dasselbe bedeuten die dreierlei Vögel, ebenso wie die dreierlei Bäume um den Palast. Wir im Himmel nennen die oberste Region die himmlische, die mittlere die geistige, die untere die natürliche und stellen sie uns wie drei Wohnungen eines Hauses vor, eine über der anderen, mit Aufstiegs­möglichkeiten von einer zur anderen, von einer niedrigeren zu einer höheren, und jede Wohnung mit zwei Zimmern, eines für die jeweilige Liebe und das andere für ihre Weisheit, ihre Einsicht oder ihr Wissen, oder eines für das jeweilige Wollen und das andere für das zum Wollen gehörige Denken und mit einem dritten Zimmer gegen Osten, in dem sich jeweils beide wie auf ihrem Ehebett zusammengesellen. So ist dieser Palast also ein Bild der Geheimnisse der ehelichen Liebe.“

Nun regte sich in mir der Wunsch, das Innere zu sehen, und ich bat, eintreten zu dürfen. Er antwortete: „Nur die dürfen ihn betreten, die im dritten Himmel sind, weil in ihnen alles zur vollstimmigen Wirklich­keit wird. Von ihnen habe ich gehört, was ich dir berichtet habe. Der Gemahl wohnt im Zimmer des Denkens, seine Gemahlin in dem des Wollens“. Ich fragte weiter, wie es denn aber mit der ehelichen Kälte stehe, und er erwiderte: „Auch sie kann bis in der obersten Region wohnen, aber nur im Gemach des Denkens, während das Gemach des Wollens verschlossen ist. Der Verstand nämlich mit seiner Erkenntnis der Wahrheiten kann so oft er will in dies Gemach hinaufsteigen, wenn ihn aber nicht der Wille zum Guten begleitet und gleichzeitig in sein Gemach eingeht, dann wird dies verschlossen und im anderen greift Kälte um sich, eben die eheliche Kälte.“

Er zögerte, noch mehr über dies Sinnbild der ehelichen Liebe mitzutei­len, und schloß: „Genug für diesmal! Untersuche nun, ob du es ver­stehst: wenn nein, wozu dann mehr? Wenn ja, dann ein andermal mehr!" (270)

 

30,0 - Gibt es im Himmel eine Liebe der Geschlechter?

Einstmals erblickte ich in der geistigen Welt drei neu angekommene Geister, die umherstreiften, sich alles betrachteten und sich danach er­kundigten. Sie wunderten sich darüber, daß sie auch jetzt lebendige Men­schen waren, ganz wie zuvor, und auch ähnliche Dinge sahen wie frü­her, denn sie wußten, daß sie von der Erde abgeschieden waren, hatten dort aber geglaubt, sie würden erst nach dem Tag des „Jüngsten Ge­richts“ wieder Menschen sein. Um allen Zweifels ledig zu werden, be­trachteten und berührten sie sich und die anderen und die Dinge um sich her und vergewisserten sich so auf tausenderlei Weise, daß sie Men­schen seien wie einst, außer daß sie nun alles in klarerem Licht, höhe­rem Glanz und vollkommener Gestalt sahen. Da begegneten ihnen zwei Engelgeister, hielten sie an und fragten: „Woher seid ihr?“, worauf sie antworteten: „Wir sind von der Erde abgeschieden und leben nun weiter in einer Welt. Wir sind also von einer Welt in eine andere gewan­dert. Darüber wundern wir uns!“

Zwei von ihnen waren Jünglinge, und aus ihren Augen blitzte ein Flämm­chen von Geschlechtsliebe hervor, deshalb fragten die Engelgeister: „Ihr habt wohl Frauen gesehen?“, und sie bejahten es. Da sie gern mehr über den Himmel erfahren wollten, berichteten die Engel: „Im Himmel ist alles herrlich und licht. Auch dort gibt es Männer und Frauen, so schöne Frauen, daß man sie die personifizierte Schönheit, und so weise Männer, daß man sie die personifizierte Weisheit nennen könnte. Beide gehören zusammen, wie sich wechselseitig aufeinander beziehende und zueinander passende Formen“. Und als die Neulinge fragten, ob dort auch die Gestalten denen auf der Erde gleich seien, erhielten sie zur Antwort: „Ganz gleichartig! Nichts ist vom Mann weggenommen und nichts vom Weib. Auch in der geistigen Welt ist der Mann ein Mann und das Weib ein Weib, im Himmel in himmlischer Vollkommenheit. Geh abseits und untersuche bei dir, ob dir etwas zum Mannsein fehlt!“

Aber sie wollten das Gespräch fortsetzen und fragten: „In der Welt, aus der wir abgeschieden sind, haben wir gehört, daß es im Himmel keine Ehe gebe, weil man Engel sei. Kann es denn dann eine Liebe von Mann und Frau geben?“ Die Engelgeister antworteten: „Ja! Freilich findet sich dort nicht eure Geschlechtsliebe, sondern eine engelische Ge­schlechtsliebe, die keusch ist und nicht erregt von sinnlicher Lust!“ Da fuhren die Neulinge auf: „Eine Geschlechtsliebe ohne sinnliche Erre­gung - was ist denn das für eine Sache?“ Und sie seufzten: „Oh, wie trocken sind die himmlischen Freuden! Welcher Jüngling kann sich da den Himmel wünschen? Eine solche Liebe ist doch tot!“ Da lächelten die Engelgeister und erwiderten: „Die engelische Geschlechtsliebe ist dennoch voller Wonnen! Sie ist die lieblichste Schwellung aller Kräfte der Seele und von da aus aller Teile der Brust. Es ist, als spiele das Herz mit der Lunge, woraus Atem und Laut und Sprache hervorgehen, und daher ist der Verkehr der beiden Geschlechter das reine, himmlische Entzücken selbst.“

Sie machten nun aber auf die Voraussetzungen aufmerksam: „Alle Neu­ankommenden, die zum Himmel aufsteigen wollen, werden geprüft. wie es mit ihrer Keuschheit steht. Sie werden zum Umgang mit schönen Frauen des Himmels zugelassen, und diese erkennen an der Stimme und Rede, am Gesicht, an den Augen, an den Mienen und an der ausströ­menden Sphäre, welcher Art die Neigung zum anderen Geschlecht ist. Vor der unkeuschen fliehen sie und melden den ihrigen, sie hätten Sa­tyrn oder Faune gesehen. Und wirklich verwandeln sich jene Neulinge nun und erscheinen vor den Augen der Engel ihrem Inwendigen gemäß: zottig und mit Füßen wie von Kälbern oder Leoparden. Sie werden rasch entfernt, um nicht mit ihrer tierischen Begierde die Himmelsluft zu verpesten.“

„Also gibt es doch keine Geschlechtsliebe im Himmel“, folgerten die Neuen, „denn eine keusche Geschlechtsliebe ist ihres Lebenselements beraubt! Der Umgang der jungen Männer mit den Mädchen ist dann ein trockenes Vergnügen - wir aber sind nicht Steine oder Klötze, son­dern haben lebendige Augen und Sinne!“ Jetzt wurden die Engelgeister unwillig: „Ihr habt keine Ahnung, was keusche Liebe zwischen den Geschlechtern ist, weil ihr noch nicht keusch seid! Diese Liebe ist die eigentliche Wonne des Gemüts und von da aus des Herzens, und ihre Freuden sind inniger und reicher als mit Worten zu schildern ist. Sie wohnt in den Engeln, weil nur sie die wahrhaft eheliche Liebe haben. Nichts hat sie gemein mit der unkeuschen Geschlechtsliebe, denn sie gilt ausschließlich Einer Frau und ist eine Liebe des Geistes und von ihm aus des Leibes, nicht aber umgekehrt“. Da freuten sich die neuen Geister nun doch: „So gibt es also auch im Himmel Liebe zwischen Mann und Frau, denn was ist die eheliche Liebe anderes?“ Aber die Engelgeister forderten sie auf, tiefer nachzudenken: „Erwägt, was wir gesagt haben, dann werdet ihr inne werden, daß eure Liebe zum anderen Geschlecht eine außereheliche Liebe ist, von der ehelichen unterschie­den wie die Spreu vom Weizen, wie das Tierische vom Menschlichem. Würdet ihr im Himmel Frauen fragen, was außereheliche Liebe ist, so bekämt ihr zur Antwort: Was soll das sein? Von was redet ihr? Fragt ihr aber, was die wahrhaft eheliche Liebe ist, dann kenne ich ihre Ant­wort: Sie ist nicht wahllose Liebe zum anderen Geschlecht, sondern die zu einem bestimmten Partner. Erblickt der Jüngling das ihm vom Herrn vorgesehene Mädchen und dieses ihren Jüngling, dann entbrennt in ihrer beider Herzen das Eheliche, und sie werden inne, daß sie die Seinige und er der Ihrige ist. Liebe begegnet Liebe und verbindet sogleich die Seelen und die Gemüter und dringt von da aus in die Brust und nach der Hochzeit in die Körper und wächst von Tag zu Tag, bis sie nicht mehr zwei, sondern wie Ein Mensch sind. Kann es denn eine Liebe der Geschlechter geben, die nicht so wechselseitig und einander entge­genkommend ist, nach ewiger Vereinigung strebend? So würden sie sprechen, und wir fügen hinzu: im Himmel weiß man nichts von nur leiblich‑sinnlicher Liebe, weder daß es sie gibt noch daß sie möglich ist.“

Nun erkundigten sich die Neulinge danach, ob es dann im Himmel auch den letzten Genuß zwischen Mann und Frau gebe, dem irdischen ähn­lich, und sie bekamen zur Antwort: „Denselben, nur ist er weit seliger, denn das Wahrnehmen und Empfinden der Engel übertrifft das der Er­denmenschen weit an Schärfe und Feinheit! Was wäre denn Liebe ohne Kraft? Und ist nicht diese Kraft das Maß, der Gradmesser und die Grundlage jeder Liebe, ihre Grundfeste und Vollendung? Es ist ein all­gemeines Gesetz, daß immer und überall Dasein, Fortdauer und Beste­hen des Ersten im Letzten gründet und sich sammelt. Gäbe es nicht auch im Himmel letzte Freuden, so gäbe es dort auch keine eheliche Liebe!“. „Entstehen aus diesen letzten Freuden auch Kinder - wenn keine, wozu dienen sie dann?“. „Keine natürlichen Kinder, wohl aber geistige! Die beiden Ehegatten werden mittels der letzten Freuden mehr und mehr zur Ehe des Guten und Wahren vereinigt, und diese ist die Ehe der Liebe und Weisheit: Liebesneigungen und Weisheitsgedanken sind die aus ihrer Ehe geborenen Kinder. Weil der Mann daselbst Weis­heit ist und die Frau die Liebe zu seiner Weisheit und beide geistig sind, können hier nur geistige Nachkommen gezeugt, empfangen und gebo­ren werden. Und weil dies unaufhörlich geschieht, werden die Engel nach dem Liebesgenuß nicht traurig wie manche auf Erden, sondern heiter. Fortwährend fließen in sie neue Kräfte ein, die verjüngen, erwär­men und erleuchten. Alle kehren im Himmel in den Frühling ihrer Ju­gend und in die Kräfte dieses Lebensalters zurück oder wachsen dorthin heran und bleiben so in Ewigkeit.“

Nach all diesen Auskünften klärten sich die Mienen der neu Angekom­menen auf und wurden heiter; Sehnsucht nach dem Himmel erfüllte sie und Hoffnung auf dortige Hochzeiten, und sie schlossen: „Wir wollen uns um ein reines Leben bemühen, auf daß unsere Wünsche erfüllt werden“ (44).

 

31,0 - Von den Ehen im Himmel

Von der Erde neu angekommene Geister sprachen über den Himmel, und einer, der schon mehr von ihm wußte, erzählte: „Dort gibt es wun­dervolle Dinge, kaum vorstellbar prächtig: paradiesische Gärten und kunstreiche Paläste aus Gold, Silber und Edelsteinen, majestätisch ge­wölbte Gänge und köstlich ausgestattete Räume. Die Bewohner dieser Welt, die Engel, sind von beiderlei Geschlecht und alle im blühenden Lebensalter. Beide Geschlechter verbindet allein die eheliche Liebe und, worüber ihr euch wundern werdet, die Männer stehen immerzu in voller Potenz“. Da lachten die Neuen, besonders darüber, daß es da keine andere Liebe zwischen den Geschlechtern geben und die Fähigkeit der Männer zum Geschlechtsgenuß unaufhörlich andauern soll, und riefen: „Du erzählst Märchen: Wer soll das glauben?“

Plötzlich stand ein Engel in ihrer Mitte und sagte: „Hört mich an! ich bin ein Engel des Himmels und lebe mit meiner Gattin schon lange - ihr würdet sagen tausend Jahre - immer in der Jugendblüte, in der ihr mich vor euch seht. Das habe ich unserer gegenseitigen ehelichen Lie­be zu verdanken. Und ich kann euch versichern, daß ich jene Fähigkeit immerzu hatte und habe. Ihr haltet das für unmöglich, deshalb will ich euch einiges darüber mitteilen, soviel eben eurem Fassungsvermögen angemessen ist:

Offenbar ist euch der Urzustand der Menschheit unbekannt. Es war der Zustand der Unschuld: das Inwendige des Gemüts war bis zum Herrn hin geöffnet, und darum waren in ihm Liebe und Weisheit oder Gutes und Wahres ehelich vermählt. Weil das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit einander fortwährend lieben, wünschen sie auch fortwäh­rend vereinigt zu werden, und wenn das Inwendige des Gemüts geöffnet ist, fließt die geistige eheliche Sphäre immerzu ein mit ihrem nie nach­lassenden Streben und bringt jene Fähigkeit mit sich. Des Menschen Seele, angelegt zur Ehe des Guten und Wahren, der Liebe und Weisheit, des echten Wollens und Denkens, strebt fortwährend dazu, diese Ehe zu vollziehen, Frucht zu bringen und ihr Ebenbild darzustellen. Von der Seele aus wirkt das Streben nach außen weiter in den Körper; und in den Körpern zweier Ehegatten läuft es in die letzten Wonnen der Liebe aus. Könnt ihr nun verstehen, woher jene fortwährende Potenz stammt und daß sie im Zustand der innigsten Vereinigung zweier Seelen ihren Ursprung hat?

Das Gleiche gilt von der immerwährenden Fruchtbarkeit: die überall waltende Sphäre der Hervorbringung und Einpflanzung des Himmli­schen, der Liebe angehörig, des Geistigen, der Weisheit angehörig, und des Natürlichen der Auszeugung angehörig, geht unaufhörlich vom Herrn aus und erfüllt den ganzen Himmel, die ganze geistige Welt und das ganze Weltall, somit auch Seele und Leib des Menschen. Dort erregt sie den Wunsch und verleiht die Kraft, zu zeugen und zu empfangen. Dies geschieht freilich nur bei denen, die sich vom Herrn in den Urstand der Schöpfung zurück‑ und einführen lassen, sodaß der Übergang von der Seele durch die oberen und unteren Regionen des Gemüts bis zum Letzten des Leibes offensteht, so bei uns Engeln. Durch den Einfluß aus jener allumfassenden Sphäre werden unsere Kräfte immer wieder erneu­ert, und das erhält uns in immer froher Stimmung. Die wahrhaft eheli­che Liebe ist unsere Frühlingswärme, die alles zum Treiben, Wachsen, Blühen und Fruchten bringt; in den himmlischen Ehepaaren ist sie das immerwährende Frühlingselement.

Die himmlischen Befruchtungen sind allerdings andere als die irdischen, nämlich geistige Befruchtungen, die dem Guten und Wahren angehören. Die Frau nimmt die Liebe zur Weisheit des Mannes in sich auf, und durch die Aufnahme der Fortpflanzungen seiner Seele wird sie zur Lie­be der Weisheit ihres Mannes gebildet. Das erfüllt sie mit Seligster Wonne. Unaufhörlich nimmt in der Gattin die Liebe mit ihrer innigsten Freund­schaft und beim Mann die Weisheit mit ihrer Beseligung in alle Ewigkeit zu. Das ist der Zustand der Engel des Himmels!“

Nun sah der Engel jene ungläubigen Geister an und sagte noch: „Ihr wißt, daß ihr eure Gattinnen geliebt habt, wenn in euch Liebeskraft war, aber nach dem Genuß habt ihr euch oft von ihnen abgewandt. Wir im Himmel lieben unsere Frauen nicht infolge jener Kraft, sondern ha­ben sie infolge unserer Liebe, und wir haben sie fortwährend, weil uns mit ihnen fortwährend eheliche Liebe verbindet. Ihr müßt Ursache und Wirkung umkehren, um dies zu begreifen! Ich könnte euch noch vieles mitteilen von der ehelichen Liebe, die vom Urbeginn der Schöpfung an beiden Geschlechtern eingepflanzt ist, oder von der Zeugungsfähigkeit der Männer, das heißt ihrer Fähigkeit, die Weisheit aus Liebe zum Wah­ren unendlich zu vervielfältigen, oder von den Leistungen und Schöp­fungen der ehelichen Liebe.“

Der Engel schwieg, die Anwesenden aber waren durch seine Worte fröh­lich gestimmt und riefen: „0, wie glücklich ist der Zustand der Engel! Sage uns, wie auch wir uns ihm nähern können!“ Da antwortete der Engel: „Liebt Einen Menschen des anderen Geschlechts ausschließlich, ohne euch je von ihm an andere zu verlieren, und wendet euch an den Herrn, so wird euch gegeben werden, was ihr wünscht! Merkt euch aber: ihr könnt das ehelich Böse nicht fliehen, wenn ihr nicht auch alles an­dere Böse flieht, denn jenes Böse umgreift alles andere. Und wenn ihr es nicht flieht, könnt ihr euch auch nicht wirklich an den Herrn wen­den, und der Herr kann euch nicht als die Seinen annehmen!“ Die Engel entfernten sich und die Geister gingen nachdenklich von dan­nen (355, 356).

 

32,0 - Von den Freuden der Weisheit

Einst sah ich in der geistigen Welt sieben Frauen in einem Rosengarten an einer Quelle sitzen und daraus Wasser schöpfen. Mein aufmerksames zuschauen fiel ihnen auf und eine winkte mir, näher zu kommen. Als ich bei ihnen war, fragte ich, wer und woher sie seien. Sie antworteten: „Wir sind Ehefrauen und unterhalten uns über die seligen Gefühle der ehelichen Liebe. Aus Vielerlei schließen wir, daß sie eng mit denen der Weisheit zusammenhängen“. Diese Antwort erfreute mich dermaßen, daß ich dadurch geistig innerlicher und heller wurde als sonst, und ich bat sie, einige Fragen stellen zu dürfen. Auf ihre Einwilligung hin be­gann ich: „Wie könnt ihr Frauen denn etwas von diesem Zusammen­hang wissen?“ Sie erwiderten: „Davon wissen wir aus der Entsprechung der Weisheit bei den Männern mit den seligen Gefühlen der ehelichen Liebe bei uns. Diese erhöhen oder vermindern und gestalten sich ganz gemäß der Weisheit bei unseren Männern!“ Ich fuhr fort: „Wohl weiß ich, daß die Schmeicheleien der Männer und die Heiterkeiten ihres Ge­müts euch anregen und heiter stimmen und daß ihr euch von Herzen darüber freut, aber ich wundere mich über eure Meinung, dies habe et­was mit ihrer Weisheit zu tun! Wißt ihr denn, was und von welcher Art diese Weisheit ist?“ Da wurden sie unwillig und fragten dagegen:

„Meinst du wirklich, wir wüßten nicht, was Weisheit ist, während wir doch bei unseren Männern immerzu auf sie merken und sie täglich aus ihrem Munde aufnehmen? Weißt du nicht, daß wir unaufhörlich, vom Morgen bis in die Nacht, an den Zustand unserer Männer denken? Kaum ein Stündchen entfernt sich unser anschauendes Denken ganz von ihnen, kaum eine Weile ist es von ihnen abwesend, während die Männer freilich tagsüber, abgelenkt durch ihre Geschäfte, weniger an uns denken. So wissen wir, welcher Art ihre Einsicht und Weisheit ist, die sich in uns wonniglich zu fühlen gibt. Die Männer nennen ihre Weis­heit geistig-vernünftig und geistig‑sittlich; von der ersteren sagen sie, sie sei Sache des Verstandes und der Erkenntnisse, von der anderen, sie sei Sache des Wollens und des Lebens. Sie verbinden beide zu Einer und behaupten, die Gefühle dieser Einen Weisheit verwandeln sich zu seligen Gefühlen in unserer Brust und von da aus auch in der ihrigen, sie kehrten also dorthin zurück, von wo sie ausgegangen waren.“

Ich bat sie, mir noch mehr zu eröffnen, und sie fuhren fort: „Es gibt geistige und von ihr ausgehend vernünftige und sittliche Weisheit. Gei­stige Weisheit ist, den Herrn anzuerkennen als den Schöpfer der Himmel und des Weltalls und von Ihm Wahrheit aufzunehmen; daher kommt die geistige Vernünftigkeit. Leben die Männer ihr gemäß, dann entsteht die geistige Sittlichkeit. Beide zusammen nennen unsere Männer die Weis­heit, und sie lassen uns ahnen, daß sie durch die wahrhaft eheliche Liebe bewirkt wird. Sie erklären uns auch den Grund dieser Wirkung: Durch jene Weisheit wird das Inwendigere ihrer Gemüter und daher auch ihrer Leiber geöffnet und durchlässig für den ungehinderten Übergang der ehelichen Liebe vom Ersten zum Letzten, vom Innersten zum Äußer­sten, und davon hängt ihr Zufluß, ihre Fülle und ihre Kraft ab. Die gei­stig‑vernünftige und die geistig‑sittliche Weisheit bestärkt die Männer darin, ausschließlich uns, ihre Gattinnen, zu lieben und alle Gelüste nach anderen Frauen abzulegen. In dem Maß, als dies geschieht, wird unsere Liebesverbindung dem Grad nach erhöht und der Beschaffen­heit nach vervollkommnet. Und im gleichen Maß verfeinern und ver­deutlichen sich in uns die süßen Genüsse, die in uns den Lustreizen der Neigungen und den Klarheiten der Gedanken unserer Männer ent­sprechen.“

Nun fragte ich nach der Weise der Übermittlung, und sie erklärten mir: „Bei jeder Verbindung durch Liebe muß Aktion, Aufnahme und Reak­tion oder Wirken, Aufnahme und Rückwirkung stattfinden. Der selige Zustand unserer weiblichen ehelichen Liebe ist der des Tätigseins, des Wirkens, der Zustand der männlichen Weisheit dagegen ist der des Auf­nehmens. Er ist zugleich rückwirkend, und die Rückwirkung hängt vom Innewerden ab und wird von uns in unserer Brust mit wonnigen Ge­fühlen empfunden. Von dem, was daraus als letzter, körperlicher Genuß folgt, laß uns schweigen! Vielleicht verstehst du nun, daß die Seligkei­ten in unserer Brust in Entsprechung stehen mit dem Zustand der Weis­heit in unseren Männern.“

Da erschien von ferne etwas wie eine fliegende Taube mit einem Baum­blatt im Schnabel; näher kommend war es ein Knabe mit einem be­schriebenen Blatt in der Hand. Er reichte es mir mit den Worten: „Lies das vor den Ohren dieser Jungfrauen der Quelle!“ Und ich las: „Sage den Erdenbewohnern: Es gibt eine bei euch kaum bekannte, wahrhaft eheliche Liebe mit tausend Wonnen und Genüssen. Nur der wird sie kennen lernen, der sich als Kirche mit dem Herrn vermählt!“ Ich fragte noch warum er die Frauen „Jungfrauen der Quelle“ genannt habe, und sie klärten mich auf: „Wir heißen jetzt so, weil wir an dieser Quelle Sitzen und Neigungen zu den Wahrheiten der Weisheit unserer Männer sind. Die Neigung zum Wahren wird Jungfrau genannt. Die Quelle bedeu­tet das Wahre der Weisheit, der Rosengarten um uns her die Köstlich­keit des Trinkens von dieser Quelle!“ Hierauf flocht eine von ihnen einen Rosenkranz, besprengte ihn mit Wasser aus der Quelle und setzte ihn auf den Hut des Knaben mit den Worten: „Empfange die Seligkei­ten der Einsicht! Dein Hut ist Entsprechung der Einsicht, dieser Rosen­kranz Entsprechung ihrer Wonnen!“ Der Knabe ging hinweg und er­schien von weitem wieder als eine fliegende Taube, mit Rosen be­kränzt (293).

 

33,0 - Von den seligen Gefühlen der ehelichen Liebe

Wieder sah ich die sieben Frauen zwischen Rosen sitzen, aber diesmal war es ein prächtiger Rosenhain. Verschiedenfarbige Rosen standen in Kreisen: den äußersten bildeten purpurfarbige, den nächsten goldgelbe, den nächst inneren blaue, den innersten glänzend saftgrüne Rosen. In­mitten dieses regenbogenfarbenen Rosenrondells war ein kleiner See mit klarem Wasser. Und wieder riefen mich die Frauen zu sich und fragten: „Hast du jemals etwas Schöneres gesehen?“ "Nein!“ „Solches wird vom Herrn von einem Augenblick zum anderen geschaffen und hat, wie alles, was Er macht, vorbildende oder hinweisende Bedeutung. Errate, was es meint - wir vermuten, es bedeute die Fülle der ehelichen Seligkeit!“

Ich aber berichtete, wie es mir ergangen war, als ich das an der Quelle im Rosengarten Gehörte den mir bekannten Frauen auf der Erde wei­tererzählte: „Ich sagte zu ihnen: ich wurde belehrt, daß ihr in eurer Brust selige Gefühle hegt, die eurer ehelichen Liebe entspringen und die ihr euren Männern je nach deren Weisesein mitteilen könnt; ebendarum seht ihr sie von Morgen bis Abend immerzu an und lenkt im Geheimen ihre Gemüter zum Weisesein, um daraus selbst glücklich zu werden. Ich erwähnte auch, was ihr unter Weisheit versteht, nämlich geistig‑vernünf­tige und geistig‑sittliche Weisheit, und was ihr mir inbezug auf das Glück der Ehe sagtet, nämlich daß ein Mann einzig seine Frau lieben und alles Gelüsten nach anderen Frauen ablegen solle. Und ich vergaß auch nicht das, was ihr mir von den Seligkeiten in eurer Brust und von da aus im Körper mitgeteilt habt. Aber auf alles hin lachten jene Frauen lauthals und winkten ab: „Was soll das heißen, wir wissen nichts von dieser ehe­lichen Liebe, vielleicht haben unsere Männer etwas davon - woher sol­len wir denn solche wonnigen Gefühle haben? Ja, gegen die sogenann­ten letzten Genüsse sträuben wir uns sogar zuweilen, denn sie sind uns unangenehm wie Vergewaltigungen. Schau uns doch an: Du wirst in unseren Gesichtern keine Spur jener ´Liebe` entdecken! Was dir diese sieben Weiber gesagt haben von ihrem Achtgeben auf der Männer Ge­fallen und Vorliebe in der Absicht, daraus Seligkeit und Genuß zu Schöpfen, ist Geschwätz und Gaukelei!“ Ich hinterbringe euch ihren Wi­derspruch. Was sagt ihr dazu?“

Darauf erwiderten die Frauen im Rosengarten: „Freund, du kennst die Weisheit und Klugheit der Frauen noch lange nicht. Weißt du denn nicht, daß sie diese vor den Männern völlig verstecken, und zwar aus keinem anderen Grund, als um ja geliebt zu werden? Jeder Mann, der nicht geistig, sondern nur natürlich‑vernünftig ist - und das sind doch bei euch viele! - ist immer in Gefahr, gegenüber seiner Gattin zu erkal­ten, doch ist ihm das innerlich verborgen. Eine weise und kluge Frau aber bemerkt es wohl und genau und verheimlicht ihm deshalb viel von ihrer ehelichen Liebe, zieht sie in ihre Brust zurück und verbirgt sie hier so, daß davon kaum etwas in ihrem Gesicht, im Ton ihrer Rede und in ihrem Benehmen erscheint. Sie weiß, daß in dem Maß, wie sie heraus­dringt, der Mann dies allzuleicht und oft als Aufdringlichkeit empfindet und diese ihn so abstößt, daß die daraus folgende Erkaltung sich bis in sein Letztes hin auswirkt und ihn der häuslichen Gemeinschaft und der ehelichen Verbindung entfremdet.“

Ich fragte weiter: „Woher stammt aber denn diese in den Männern lau­ernde Erkaltung, ja eheliche Kälte?“ Sie antworteten: „Aus dem Unver­stand so vieler Männer in geistigen Dingen! Darum neigen sie im Innern zur Kälte ihrer Gattin gegenüber, wogegen sie bei Buhlerinnen erwar­men. Da die eheliche Liebe und die buhlerische Liebe einander entge­gengesetzt sind, wird die eheliche Liebe zur Kälte, wenn die buhlerische erwarmt, und wenn beim Mann diese Kälte herrscht, dann erträgt er kein Zeichen der Liebe von Seiten seiner Frau. Eben darum verheimlicht diese in solchen Fällen weislich und klug ihre Liebesgefühle und hält nur eine freundliche Atmosphäre im Haus aufrecht, denn nur so kann der Mann von der einfließenden buhlerischen Sphäre befreit und geheilt werden. Allerdings haben Frauen solcher Männer oft auch nicht wie wir selige Gefühle in der Brust, sondern nur Wollustgefühle im Körper, solche also, die auf Seiten des Mannes seinen Wollustgefühlen der buhle­rischen Liebe entsprechen. Aber jede wahrhaft ehelich liebende, keu­sche Frau bemüht sich auch um einen unkeuschen Gatten, und weil allein Weisheit ihre Liebe aufnehmen kann, versucht sie, seine Torheit in Weisheit zu verwandeln und ihn dahin zu bringen, keine andere außer ihr zu begehren. Hierfür greift sie zu tausenderlei Mitteln, alles vermei­dend, was ihren Mann aus ihre Absicht aufmerksam machen könnte, denn sie weiß wohl, daß sich Liebe nicht erzwingen läßt, sondern nur in Freiheit erblühen kann. Um ihr Ziel zu erreichen, kann sie ihren Mann sogar unfreundlich ansehen, ihn barsch anfahren, ja ihm zürnen und mit ihm zanken, und dabei hegt sie im Herzen doch innige und zarte Liebe zu ihm. Deshalb ist sie auch in jedem Augenblick zur Wiederver­söhnung bereit.“

Nun kamen die Männer der sieben Frauen und brachten uns Trauben, doch schmeckten die einen köstlich süß, die anderen dagegen widerlich sauer. „Warum habt ihr denn auch schlechte Trauben mitgebracht?“ fragten die Frauen erstaunt, und die Männer erklärten: „Weil wir in unseren mit den eurigen vereinigten Seelen inne wurden, daß ihr mit diesem Mann von der wahren ehelichen Liebe gesprochen habt. Und wie diese Trauben alle äußerlich gleich sind, innerlich aber, dem Geschmack nach, grundverschieden, so unterscheiden sich innerlich auch die Won­negenüsse der Weisheit von den ihnen Äußerlich ähnlichen Wollüsten der Torheit“. Wieder kam nun ein Knabe herein mit einem beschriebenen Blatt in der Hand und forderte mich auf, es vorzulesen. Ich las: „Wisset, daß die Seligkeiten der ehelichen Liebe bis zum obersten Himmel auf­steigen und sich unterwegs und dort mit den Seligkeiten aller himmli­schen Liebesarten verbinden und in ewig währende Wonne eingehen, denn die Wonnegefühle der ehelichen Liebe sind mit denen der Weisheit unlösbar verbunden!  Wisset aber auch, daß die Wollüste der buhlerischen Liebe bis zur untersten Hölle hinabsinken und sich unterwegs und dort mit den Lüsten aller höllischen Liebesarten verbinden und so in ihre Unseligkeit eingehen, das heißt in völlige Verarmung an echter Freude. Unlösbar ist auch hier der Zusammenhang, nämlich der Wollust der buhlerischen Liebe mit der Lust der Torheit“. Und die Frauen und Männer begleiteten den Knaben bis zu seinem Aufsteigen in den Him­mel (294).

 

34,0 - Die Keuschheit der ehelichen Liebe

Ich hörte aus dem Himmel liebliche Musik: Frauen sangen gemeinsam ein Lied. Die himmlischen Gesänge sind tönende Gefühle; wie die Ge­danken durch Worte, so werden dort die Gefühle durch Töne ausge­drückt. Die Engel entnehmen dem Ebenmaß und dem Fluß der Melo­die das Motiv der Gefühle. Viele Geister waren diesmal bei mir und einige rätselten, um welches Thema es bei diesem Gesang gehe. Sie rie­ten auf mancherlei; einige meinten, er drücke die Verlobungsgefühle eines Bräutigams und einer Braut, andere, die Hochzeitsgefühle eines Ehepaares aus, wieder andere entschieden sich für die erste Liebe nach der Vermählung. Dann aber erschien ein Engel unter uns und klärte uns auf: „Sie besingen die keusche Liebe der Geschlechter! Da fragten die Umstehenden: „Was ist denn das: keusche Liebe der Geschlechter?“, und der Engel antwortete: „Sie ist die von aller Vorstellung unreiner Lust freie Liebe eines Mannes zu einem Mädchen oder einer Frau, und umgekehrt!“. Darauf verschwand er. Der Gesang währte fort, und da nun bekannt war, was besungen wurde, hörte ihn jeder gemäß dem Zu­stand seiner Liebe: er klang dem einen symphonisch, dem anderen un­harmonisch und trist, ja, manchen mißtönig und heiser.

Plötzlich verwandelte sich der Platz der Zuhörer in einen Tagungsraum, und man hörte den Ruf: „Untersucht diese Liebe!“ Nun kamen noch mehr Geister, dazu auch Engel in weißen Gewändern. Zuerst meldeten sich diejenigen, die sich Ehe und Keuschheit nicht zusammenreinem konnten: „Wer vermag es, sich beim Anblick eines schönen Weibes oder eines liebreizenden Mädchens seine Begierden zu zügeln und sich so rein zu erhalten, daß er nur die Schönheit liebt, ohne das geringste Verlan­gen, sie zu besitzen und zu genießen? Was kann die jedem Mann ange­borene Begierde in Keuschheit verwandeln, sodaß sie gar nicht mehr vorhanden ist? Kann die Geschlechtsliebe, wenn sie von den Augen aus eindringt, bei dem Gesicht des Weibes stehen bleiben? Es ist eitles Ge­schwätz, wenn die Engel sagen, es gebe eine ´keusche Liebe` und diese sei gar noch die allersüßeste, und sie sei nur möglich bei Ehemännern, die in der wahrhaft ehelichen Liebe sind: können denn die, wenn sie schöne Weiber sehen, mehr als wir die Vorstellungen ihres Denkens in der Höhe halten und gleichsam schweben lassen, sodaß sie nicht herab­sinken und zu dem hinneigen, was die Liebe wirklich ausmacht?“

Danach kamen die zu Wort, in denen zugleich Kälte und Wärme war, Kälte gegenüber ihren Frauen, Wärme gegenüber dem weiblichen Ge­schlecht: „Was soll ´keusche Liebe der Geschlechter` sein? Das ist eine contradictio in adjecto, ein Ding, dem man ein unpassendes Prädikat hinzufügt! Wie kann denn diese ´keusche` Liebe die allersüßeste sein, wenn die Keuschheit sie ihrer Süßigkeit beraubt? Ihr wißt doch alle, wo diese ihren Sitz hat; wird sie also daraus verbannt, wo bleibt denn dann ihre süße Lust?“

Nun aber wandten einige ein: „Wir waren mit den Schönsten der Schö­nen beisammen und haben doch kein Verlangen nach ihrem Besitz ge­fühlt. Wir wissen daher, was keusche Liebe der Geschlechter ist!“ Doch darüber mokierten sich ihre Nebenmänner: „Damals wart ihr eben aus Überdruß impotent! Das ist aber nicht diese keusche Liebe, von der hier offenbar die Rede ist, sondern das Letzte der unkeuschen Liebe.“ Schließlich wurden die Engel unwillig und forderten einige zur Rechten auf, ihre Meinung zu äußern, was nun auch geschah: „Es gibt eine Liebe des Mannes zum Mann oder des Weibes zum Weib, eine Liebe des Man­nes zum Weib und eine Liebe des Weibes zum Mann. Diese drei Liebes­arten sind völlig verschieden voneinander. Die Liebe des Mannes zum Mann ist gleichsam die Liebe des Verstandes zum Verstand, denn der Mann ist geschaffen und wird geboren, um Verständigkeit und endlich Weisheit zu werden. Die Liebe des Weibes zum Weib ist gleichsam die Liebe des Gefühls zum Gefühl für die Verständigkeit des Mannes, denn das Weib ist geschaffen und wird geboren, um Liebe zur Verständigkeit und Weisheit des Mannes zu werden. Diese beiden Liebesarten dringen nicht bis in die Brust vor, sondern bleiben draußen stehen und berüh­ren sich nur. Sie verbinden zwei Menschen nicht innigst. Trotz Freund­schaft bekämpfen sich daher Männer oft mit Vernunftgründen wie Wettkämpfer und Frauen mit ihren Gefühlen und Begierden wie Boxe­rinnen. Um etwas völlig anderes handelt es sich bei der Liebe von Mann und Frau. Die Liebe des Mannes zum Weib ist die Liebe des Denkens zur dieses liebenden Neigung oder die Liebe der Verständigkeit zum Gefühl für diese. Sie dringt zutiefst ein und verbindet. Das Streben nach dieser Verbindung ist die geistige und daher keusche eheliche Liebe. Nur bei denen ist sie zu finden, die wahrhaft ehelich vereinigt sind Sie lassen den Einfluß der sie aus dem Körper einer fremden Frau anfallenden Liebe nicht herein, sondern nur den aus dem Körper ihrer Gattin. So lieben sie das weibliche Geschlecht und verabscheuen doch alles Unkeusche. Ihre keusche Liebe des anderen Geschlechts ist innige geistige Freundschaft mit deren Süßigkeit und Kraft“. Die Engel fügten hinzu: „Auch wir haben Untersuchungen über diese Arten der Liebe angestellt und haben dafür viele Geistergesellschaften durchwandert. Nur bei den Engeln des höchsten Himmels, die aus wahrhaft ehelicher Liebe in immerwährender Kraft sind, haben wir die Ausstrahlung dieser Liebe in unsere Herzen empfunden und dabei tief gefühlt, daß sie an Süße jede andere Liebe übertrifft.“

Da hielten sich viele der Umstehenden die Ohren zu und riefen: „Euer Geschwätz belästigt unsere Ohren! Was ihr sagt, ist für uns wertlos!“ Nun schwoll jener Gesang wieder an, noch lieblicher als zuvor, aber vielen Unkeuschen klang er so dissonant, daß sie davonstürzten und flohen (55).

 

35,0 - Vom Ursprung der Schönheit

In der Geisterwelt sah ich von ferne einen Palast, der von vielen Leuten umringt war. Ich fragte einen, der auch hinging, was es dort gebe. Er teilte mir mit, drei Neue seien von der Erde angekommen und in den Himmel erhoben worden und hätten dort mit Staunen wundervolle Dinge gesehen, auch so schöne Frauen wie bisher nirgends. Sie seien auf Erden, in Frankreich, Redner gewesen, Meister der Beredsamkeit, und von jenem Anblick ergriffen, wollten sie nun erfahren, wo der Ur­sprung dieser himmlischen Schönheit zu finden sei. Als dies bekannt geworden war, seien von allen Seiten Neugierige herbeigeströmt. Nun trat ich mit den anderen ein und sah darin drei Männer in der Mitte stehen, angetan mit saphirfarbigen Gewändern, in welche Goldfäden eingewirkt waren, sodaß sie je nach ihren Bewegungen aufglänzten. Einer von ihnen begann über das von den Neuen gewünschte Thema zu sprechen:

„Den Ursprung der Schönheit findet ihr in der Liebe; beide sind ein und dasselbe: die Liebe durchschimmert vom Innersten her das Gesicht eines Mädchens wie mit Flammenschein, sodaß es leuchtet wie das Mor­genrot und der Purpur ihres Lebens. Die Flamme des Inneren sendet Strahlen in ihre Augen, ergießt sich von diesem Zentrum aus ringsum in ihr Angesicht und senkt sich in ihre Brust hinab, wo sie das Herz ent­zündet. Und ebenso erregt dieses innere, nach außen strahlende Feuer die Betrachter durch seine Wärme und sein Licht. Die Wärme ist die Liebe von innen, das Licht ist ihre Schönheit. Alle Welt stimmt darin überein, daß jeder liebenswert und schön ist gemäß dem, was und wie er liebt; doch ist die männliche Schönheit eine andere als die weibliche. Die männliche Liebe gilt dem Weisewerden und Weisesein, die weibli­che dagegen ist die Liebe zur Weisheit im Mann. In dem Maß, wie ein junger Mann zuinnerst Liebe zum Weisesein ist, ist er liebenswert und schön für ein Mädchen, das Mädchen aber ist für ihn liebenswert und schön je nach ihrem liebenden Verlangen zur Aufnahme seiner Einsicht und Weisheit. Beider Liebe geht sich entgegen und küßt einander, bei­der Schönheit wächst bei dieser Begegnung, und solcherart gestaltet die Liebe die Schönheit zu ihrem Ebenbild.“

Seiner Rede folgte die des Zweiten: „Es wurde gesagt, die Liebe sei der Ursprung der Schönheit. Dem kann ich nicht beipflichten. Welcher Mensch weiß denn, was Liebe ist? Wer hat sie mit den Augen gesehen, wer sie mit einem Gedanken erfaßt? Wo ist sie denn? Ich behaupte deshalb: In der Weisheit ist der Ursprung der Schönheit zu finden, und zwar bei den Frauen in der in ihrem Innersten verborgenen Weisheit, bei den Männern in der sich offenbarenden, zutage tretenden Weisheit! Der Mensch ist Mensch nur dank seinem Vermögen, zu denken, einzu­sehen und weise zu sein, dies belebt ihn. Deshalb achtet das Mädchen bei einem jungen Mann darauf, wie klug und weise er ist, und der jun­ge Mann beurteilt ein Mädchen nach der Neigung ihrer geheimen Weis­heit. Freilich verstehe ich unter Weisheit die echte Weisheit, die Lebens­weisheit, nicht bloße Intelligenz. Wenn beide Weisheiten, die männli­che und die weibliche, die offen hervortretende und die verborgene, einander innerlich im Geiste zweier Menschen nahen und sich umarmen und küssen, dann verbinden sich beide, und allein dies ist die wahre Liebe, und sie erscheint als Schönheit. Mit einem Wort: die Weisheit ist gleichsam das Licht oder der Glanz des inneren Feuers, der die Augen erregt und daraus die Schönheit bildet.“

Zum Schluß sprach der Dritte: „Nicht in der Liebe allein und nicht in der Weisheit allein findet ihr den Ursprung der Schönheit, sondern in beider Vereinigung! Die Liebe zum Weisesein im jungen Mann und die Liebe zur Weisheit im Mädchen wollen Eins werden. Das Mädchen liebt nicht die Weisheit an sich, sondern liebt sie im jungen Mann, und ihret­wegen ist er schön für sie. Wenn er das im Mädchen sieht, dann sieht er sie als Schönheit. Die Liebe bildet die Schönheit durch die Weisheit, und die Weisheit aus der Liebe nimmt sie auf. Das zeigt sich offenbar im Himmel; ich sah dort die Mädchen und die Frauen an und merkte auf ihre Schönheit, und dabei fiel mir ein Unterschied auf: bei den Mädchen war sie nur wie ein Schimmer, bei den Frauen aber ein lichter Glanz, bei den einen gleich Diamanten, die von Licht strahlten, bei den anderen aber wie Rubine, die zugleich feurig blitzen.

Die Schönheit ist ein entzückender Genuß des Gesichtssinns, entsprun­gen aus dem Spiel der Liebe mit der Weisheit. Ihr Wechselspiel läßt die Augen funkeln, und seine Blitze zucken von Auge zu Auge und ver­schönen die Gesichter: Das Rote der Liebe und das Weiße der Weisheit und beider liebliche Mischung läßt die Gesichter hold erglühen und aufstrahlen in Schönheit. In den Angesichtern der Ehepaare im Himmel sah ich die Röte des Weißen bei der Frau und das Weiße des Roten beim Mann und nahm wahr, daß sich beider Glanz beim gegenseitigen Anblick erhöhte.“

Die Versammelten applaudierten dem Dritten und riefen: „Er hat ge­siegt!“ Und alsbald erfüllte rotflammendes Licht den Palast mit Glanz und die Herzen mit Wonne: es war das Licht der ehelichen Liebe! (381 bis 384)

 

36,0 - Von der Schönheit des Weibes

Einst hatte ich in der geistigen Welt den Wunsch, den Tempel der Weis­heit zu sehen und befragte Engel nach dem Weg. Da sagten sie: „Folge dem Licht, so wirst du ihn finden!“ Ich fragte: „Was heißt das: Folge dem Licht?“ Sie erwiderten: „Unser Licht erglänzt mehr und mehr, je näher wir diesem Tempel kommen, folge du deshalb der Zunahme sei­nes Glanzes! Dies Licht geht vom Herrn als Sonne aus und ist an sich betrachtet Weisheit“. So schritt ich also in Begleitung zweier Engel voran, der Zunahme ihres Lichtglanzes nach, erstieg den Gipfel eines Hügels im Süden und gelangte vor ein prachtvolles Tor. Als der Wäch­ter die Engel bei mir erblickte, öffnete er, und wir betraten einen kreis­runden Platz, den Palmen und Lorbeerbäume wie Säulen umstanden. In seiner Mitte war der Tempel der Weisheit, umgeben von kleineren Nachbildungen. In ihnen saßen die Weisen. Wir gingen zu einem hin, begrüßten ihn, nannten den Grund unseres Besuches und erzählten auch, wie wir hergekommen waren. Er hieß uns willkommen und bat uns, einzutreten. Ich sah, daß das Innere zugleich zweigeteilt und doch ein Raum war. Er war geteilt durch eine durchsichtige Wand wie aus reinstem Kristall, erschien aber deren Durchsichtigkeit wegen wie ein einziger Raum. Ich fragte, was das bedeute, und er antwortete: „Ich bin nicht allein, meine Gattin ist bei mir. wir sind zwei und doch nicht zwei, sondern ´Ein Fleisch`.“ „Aber mir ist bekannt, daß du ein Weiser bist“, wand ich ein, „was hat denn der Weise oder die Weisheit mit einem Weib zu schaffen?“ Leicht unwillig verzog er die Miene und streckte die Hand aus, und sogleich waren andere Weise aus den be­nachbarten Gebäuden da, zu denen er scherzend sagte: „Dieser Besu­cher hat mich gefragt, was der Weise oder die Weisheit mit einem Weib zu schaffen habe!“ Darüber lachten alle und riefen aus: „Was ist denn der Weise oder die Weisheit ohne Weib, das heißt ohne Liebe? Die Gattin ist doch die Liebe zur Weisheit des Weisen! Laßt uns über die Weisheit sprechen, und zwar über ihre Ursache und insbesondere über die Ursache der weiblichen Schönheit!“

Sie sagten der Reihe nach: „Die Frauen sind vom Herrn erschaffen als Neigungen zur Weisheit der Männer, und diese Neigung ist die Schön­heit selbst“ und „das Weib ist vom Herrn mittels der Weisheit des Man­nes geschaffen, denn es ist vom Mann genommen. Daher ist es die vom Gefühl der Liebe beseelte Gestalt der Weisheit. Weil aber das Gefühl der Liebe das Leben selbst ist, darum ist das Weib das Leben der Weis­heit oder die Schönheit selbst“ und „den Frauen ist das Innewerden der Wonnegefühle der ehelichen Liebe verliehen, und ihr ganzer Leib ist das Organ dieses Innewerdens. So ist es doch nicht anders möglich, als daß die Wohnung dieses Innewerdens die Schönheit ist!“ und „der Herr hat die Schönheit und die Anmut vom Mann auf das Weib über­tragen; darum ist der Mann ohne Wiedervereinigung mit seiner Schön­heit und Anmut finster, herb, trocken und unliebenswürdig. Er ist dann nur für sich selbst weise, und das heißt töricht. Wird aber ein Mann mit seiner Schönheit und Anmut im Weibe vereinigt, dann ist auch er lebendig, anmutig und liebenswert“ und „die Frauen sind nicht um ihrer selbst willen als Schönheiten geschaffen, sondern um der Männer willen, damit sie diese weicher, milder, umgänglicher machen und ihre von sich aus kalten Herzen erwärmen“ und „das Weltall ist vom Herrn als das vollkommenste Werk erschaffen, nichts darin aber ist vollkommener als ein Weib, schön von Angesicht und Gestalt und anmutig von Wesensart. Dies auf daß der Mann dem Herrn für seine Freundlichkeit danke durch Aufnahme der Weisheit von Ihm.“

Nun erschien die Frau unseres ersten Freundes jenseits der kristallenen Wand und sagte zu ihrem Gatten: "Rede auch du, wenn es dir gefällt!" Und als er sprach, nahm ich in seiner Redeweise die aus seiner Gattin stammende Lebendigkeit der Weisheit, im Ton seiner Stimme ihre Liebe wahr. von Freude erfüllt, verabschiedete ich mich und ging denselben Weg zurück (56).

 

37,0 - Warum das Weib nicht ihre Schönheit, der Mann nicht seine Verständigkeit lieben darf

Einst erörterten in der geistigen Welt einige Männer die Frage, ob eine Frau, die nur ihre Schönheit und also sich wegen ihrer Schönheit liebt, auch ihren Mann lieben könne. Zuerst kamen sie dahin überein, daß die Frau eine doppelte Schönheit habe, eine natürliche, äußere, körperliche und eine innere, geistige. Auch darin waren alle einer Meinung, daß diese beiden auf Erden oftmals verschieden, in der geistigen Welt dage­gen immer vereinigt sind, denn dort ist die Schönheit die Form der Liebe und der inneren Haltung. Deshalb werden nach dem Tode oft­mals unschöne Frauen zu Schönheiten und schöne irdische Frauen zu Häßlichkeiten. Nun traten einige Frauen herzu und baten: „Laßt uns zugegen sein, weil ihr eure Meinungen aus dem Wissen schöpft, uns aber die Erfahrung belehrt. Auch kennt ihr ja allzu wenig die Liebe der Frauen!“

Die Männer fuhren in ihren Überlegungen fort und kamen zu dem ersten Schluß: „Jede Frau will schön von Angesicht, Gestalt und von Sitten erscheinen, weil sie als Neigung der Liebe geboren wurde und die Form dieser Neigung eben die Schönheit ist. Ein Weib, das nicht schön sein will, ist kein Wesen, das lieben und geliebt werden will, und also kein Weib!“ Die Frauen fügten hinzu: „Die weibliche Schönheit hat ihren Ursprung in weichem Zartgefühl und daher in feiner Empfindung. Dar­um liebt die Frau den Mann und dieser die Frau. Doch das versteht ihr wahrscheinlich nicht“. Der zweite Schluß der Männer hieß: „Eine Frau will vor der Hochzeit schön sein für die Männer und nach der Hochzeit, wenn sie keusch ist, allein für ihren Mann“. Hierzu bemerkten die Frauen: „Nachdem der Ehemann die natürliche Schönheit der Gattin gekostet hat, sieht er nicht mehr auf diese, sondern auf ihre geistige Schönheit, und um dieser willen liebt er auch ihre natürliche wieder und erfreut sich an ihr, aber auf andere, neue Weise“. Die Männer ende­ten mit ihrem dritten Schluß: „Eine Frau, die nach ihrer Verheiratung in der gleichen Art schön sein will wie vorher, das heißt für alle Männer, und auch dann noch alle Männer liebt und nicht nur ihren Mann, die also sich selbst um ihrer Schönheit willen liebt und wünscht, daß diese von allen genossen werde, zumal es ihrem Mann, nach euren Worten, mehr auf die andere Schönheit ankommt: eine solche Frau hat die Liebe zum anderen Geschlecht, nicht aber zu Einem daraus. Das ist offenbar!“ Daraufhin schwiegen die Frauen zuerst, dann ließen sie sich leise vernehmen: „Gibt es ein Weib, das so von aller Eitelkeit frei wäre, daß es nicht auch anderen Männern schön erscheinen will, während sie zugleich ihrem Manne so erscheint?“ Das hörten Frauen im Himmel, die schön waren, weil sie himmlische Neigungen darstellten. Sie bestä­tigten die Schlüsse der Männer, setzten aber hinzu: „Nur sollen die Frauen ihre Schönheit und Kleider und Schmuck um ihrer Ehemänner willen lieben und sich von diesen her sehen!“

Angeregt durch die himmlische Bestätigung der Schlüsse der Männer sagten jetzt die Frauen: „Ihr habt untersucht, ob eine Frau, die sich selbst ihrer Schönheit wegen liebt, wohl auch ihren Mann wahrhaft lieben könne. Nun wollen wir umgekehrt darüber sprechen, ob ein Mann, der sich seiner Verständigkeit wegen liebt, seine Frau lieben könne! Bleibt da und hört zu!“ Auch sie kamen zu einem ersten Schluß: „Eine Frau liebt ihren Mann nicht wegen dessen Aussehen, sondern wegen seiner Einsicht im Beruf und wegen seiner Sitten und seinem Benehmen, und sie vereinigt sich mit der Verständigkeit des Mannes und so mit ihm selbst. Wenn aber der Mann sich selbst wegen seiner Verständigkeit liebt, dann zieht er diese von seiner Frau ab und in sich selbst zurück, und daraus folgt Entzweiung statt Vereinigung. Zudem heißt seine eigene Verständigkeit lieben soviel wie aus sich selbst weise sein wollen, und das ist in Wahrheit Torheit. Er liebt dann seine Torheit!“ Da warfen die Männer ein: „Vielleicht vereinigt sich die Frau auch mit der Kraft des Mannes?“ Darüber lachten die Frauen und sagten: „Die Kraft mangelt ihm nicht, wenn er seine Frau aus Ver­ständigkeit liebt, sie mangelt ihm aber, wenn er seine Torheit liebt. Verständigkeit ist es, allein seine Frau zu lieben, Torheit aber, das weib­liche Geschlecht zu lieben. Begreift ihr das?“ Der zweite Schluß lautete: „Wir Frauen werden als Liebe zur Verständigkeit der Männer geboren. Wenn die Männer selbst ihre Verständigkeit lieben, dann kann sie nicht mit ihrer echten Liebe, nämlich der weiblichen, vereinigt werden. Infol­ge dessen wird die Verständigkeit zur Torheit aus Stolz und Eitelkeit, und die Wärme der ehelichen Liebe erkaltet. Welche Frau aber könnte ihre Liebe mit Kälte vereinigen und welcher Mann die Torheit seines stolzes mit jener Liebe zur Verständigkeit!“ Die Männer entgegneten: „Wie soll denn aber der Mann von seiner Frau geehrt werden, wenn er nicht selbst seine Verständigkeit hoch achtet?“ Die Frauen antworte­ten: „Aus Liebe, weil die Liebe ehrt! Die Ehre kann nicht von der Liebe, wohl aber die Liebe von der Ehre getrennt werden!“ Die Frauen beendeten nun ihre Überlegungen mit dem dritten Schluß: „Ihr glaubt, eure Frauen zu lieben, seht aber nicht, daß ihr zuerst von ihnen geliebt werdet und sie darum wieder liebt. Eure Verständigkeit ist das Aufnah­megefäß dieser ihrer Liebe. Wenn ihr eure Verständigkeit in euch selber liebt, wird diese zum Aufnahmegefäß eurer Selbstliebe, und diese schließt die eheliche Liebe aus, weil sie keine Konkurrenz verträgt. Solang ihr sexuell erregt seid, bleibt in euch dann nur buhlerische Liebe“. Darauf schwiegen die Männer, dann murmelten sie: „Was mei­nen sie denn mit ´eheliche Liebe`?“ Einige himmlische Ehemänner hat­ten zugehört und bestätigten die Schlüsse der Frauen (330 - 331).

 

38,0 - Vom Mädchen zur Gattin

In der geistigen Welt offenbarten mir Frauen, die als Kinder gestorben und im Himmel aufgezogen worden waren, den Unterschied einer Jungfrau von einer Ehefrau. Sie sagten: „Herangewachsen und mannbar geworden, begannen wir, durch den Anblick von Ehepaaren angeregt, über das eheliche Leben nachzudenken und es zu lieben. Wir sehnten uns danach, auch Ehefrauen und mit einem Mann freundschaftlich und vertraulich verbunden zu sein, zudem wir dann aus dem Haus des Ge­horsams, dem wir allmählich entwachsen waren, entlassen und selb­ständig wurden. Es ging uns damals nur um das Glück der Freundschaft und des gegenseitigen vertraulichen Umgangs mit einem Mann, nicht aber um die Befriedigung eines Triebes. Als es soweit war, verwandelte sich unser jungfräulicher Zustand in einen neuen, von dem wir vor der Hochzeit nichts ahnten. Es war ein Zustand der Ausdehnung aller Le­benskräfte unseres Leibes zur Aufnahme der Gaben unserer Männer und zu deren Vereinigung mit unserem Leben, um so seine Liebe und seine Gattin zu werden. Er begann im Augenblick unserer Entjungfe­rung. Nun entzündete sich die Flamme der Liebe zum Ehemann, und wir empfanden die Gefühle jener Ausdehnung unseres Lebens als himm­lische Seligkeit“. Zum Schluß sagte eine: „Weil ich wie jede von uns durch meinen Ehemann in diesen Zustand eingeführt wurde, er also von ihm allein herrührt und also der seinige in mir ist, kann ich nur ihn allein lieben!“ (502)

 

39,0 - Der goldene Regen

Eines Morgens weckte mich lieblicher Gesang, und im ersten Wachsein, das innerlicher, friedevoller und süßer ist als das des Tages, wurde mein Geist eine Weile außer dem Leibe gehalten. So konnte ich genau auf das merken, was besungen wurde. Beim himmlischen Gesang geht das innerste Fühlen als Melodie aus dem Mund hervor, der Klang belebt den Inhalt der Rede. Ich nahm wahr, daß diesmal himmlische Frauen die Wonnen der ehelichen Liebe in wunderbaren Variationen besangen. Nun verband ich dem Hören das Sehen und sah, wie im Osten etwas wie ein goldener Regen erschien: es war der herabsinkende Morgentau, durch die Strahlenbrechungen des Sonnenlichtes in diese Gestalt ver­zaubert. Jetzt völlig erwacht, ging ich hinaus und fragte einen mir be­gegnenden Engel, was dieser Regen bedeute. Er antwortete:

„Ich sehe ihn immer, wenn ich im Nachdenken über die eheliche Liebe bin. Er fällt von der Sonne auf einen Hof, in dem drei Männer mit ihren Frauen wohnen. Ich will dich dorthin führen!“ So kam ich zu Häusern aus Ölbaumholz, mit Zedernholzsäulen vor den Türen, und dort eingeführt bat ich um die Erlaubnis, in Gegenwart der Männer mit den Frauen zu sprechen. Es wurde bewilligt, und als die Frauen herbeikamen, sahen sie mir scharf in die Augen. „Warum dies?“, fragte ich, worauf sie antworteten: „So können wir sehen, welcher Art deine Neigungen und somit deine Gefühle und Gedanken in bezug auf die Geschlechtsliebe sind. wir erkennen, daß du eifrig, aber keusch über sie nachsinnst. Was sollen wir dir über sie sagen?“ Ich bat: „O, sagt mir doch etwas von den Wonnen eurer ehelichen Liebe!“ Ihre Männer winkten ihnen zu, und sie begannen mit der Frage: „Wer riet dir, dar­über die Frauen und nicht die Männer zu befragen?“ Ich gestand ihnen: „Der Engel, der mich zu euch geführt hat, flüsterte mir ins Ohr, ich solle die Frauen befragen, denn sie seien Aufnahmegefäße und Empfin­dungsorgane der ehelichen Liebe und als jene Lieben geboren, deren Angehör jene Wonnen seien!“ Da lächelten sie und rieten mir: „Sei aber klug und sage es nur durch die Blume weiter, das ist eine in den weiblichen Herzen tief verborgene Weisheit, die nur einem in der wahr­haft ehelichen Liebe lebenden Ehemann entdeckt wird.“

Nun gaben mir zuerst die Männer Auskunft: „Unsere Frauen kennen alle Zustände unserer Gemüter. Nichts ist ihnen verborgen, sie sehen, nehmen wahr und fühlen alles, was in unserem Wollen vor sich geht. Dagegen ist es nicht auch umgekehrt so. Dies ist nur ihnen gegeben, weil sie zärtlichste Liebe sind, beseelt von brennendem Eifer für die Erhaltung der ehelichen Freundschaft, des ehelichen Vertrauens und so des beiderseitigen Lebensglücks. Sie verschaffen es ihren Männern und sich selbst dank der ihnen eingeborenen Weisheit, deren Klugheit ihnen eingibt, nicht zu sagen, sie selbst liebten, sondern nur, sie würden ge­liebt“. Auf meine Frage nach dem Grund dieses Verhaltens antworte­ten die Frauen: „Wenn nur das Geringste von jener geheimen Wirklich­keit unseren Lippen entschlüpft, laufen wir Gefahr, daß die Männer Kälte anwandelt und sie unserem Bett, Haus und Anblick entfremdet. Freilich erfolgt das endgültig nur bei denen, die ihre Ehe nicht heilig halten und daher ihre Frauen nicht aus geistiger Liebe lieben. Wir hier dürfen einander unsere Geheimnisse anvertrauen.“

Jetzt wandten die Frauen den Blick auf ein gen Süden liegendes Fen­ster, und siehe, es erschien eine weiße Taube mit silbern glänzenden Flügeln, auf dem Kopf ein goldenes Krönlein. Sie saß auf einem Oliven­zweig, und als sie die Flügel auszubreiten begann, sagten die Frauen: „Das Erscheinen dieser Taube ist für uns ein Zeichen der Erlaubnis, dir weiteres zu eröffnen! Jeder Mann hat die fünf Sinne, wir Frauen aber haben noch einen sechsten: den aller Wonnen der ehelichen Liebe des Mannes. Dieser Sinn hat seinen Sitz in unseren Händen, wenn wir die Brust und die Arme und Hände unseres Mannes berühren, und in unserer Haut, wenn wir von ihm gestreichelt werden. Alle Fröhlichkeit und Lust seines Denkens, alle Freude seiner Seele und alle Heiterkeit seiner Brust geht von ihm auf seine Frau über und wird wahrnehmbar, empfindbar und Berührbar. Wir unterscheiden darin alles Einzelne, geradeso wie das Ohr die Melodien oder die Zunge den Geschmack von Leckerbissen; mit einem Wort: die geistigen Lustgefühle der Männer ziehen in uns gleichsam eine natürliche Körperlichkeit an, deshalb nen­nen uns unsere Männer auch die Sinnesorgane der keuschen ehelichen Liebe und ihrer Wonnen. Dieser Sinn unseres Geschlechts entsteht, be­steht, dauert und wird erhöht in dem Grad, wie die Männer uns aus Weisheit und Verständigkeit und wir sie eben wegen dieser Eigenschaf­ten in ihnen lieben. Er wird in den Himmeln das Spiel der Weisheit mit ihrer Liebe und der Liebe mit ihrer Weisheit genannt.“

Ich wollte noch mehr von der Mannigfaltigkeit ihrer wonnigen Freuden erfahren, aber sie sagten nur: „Sie sind unendlich; mehr dürfen wir nicht ausplaudern, denn die Taube ist weggeflogen!“ Ich wartete noch auf ihre Rückkehr, aber vergebens. Da fragte ich die Männer: „Habt ihr einen ähnlichen Sinn der ehelichen Liebe?“ Sie antworteten: „Wir ha­ben ihn nur im Allgemeinen, nicht im Besonderen. Unser allgemeines Seliges, Angenehmes, Liebliches entstammt jenem Besonderen unserer Frauen. Es ist wie das Heitere des Friedens“. Nun aber erschien vor dem Fenster ein Schwan auf einem Feigenbaumzweig, breitete die Flügel aus und flog davon, und die Männer brachen unser Gespräch ab: „Dies ist das Zeichen für uns, daß wir für diesmal nicht weiter über die eheli­che Liebe sprechen sollen!“ Und wir verabschiedeten uns (155).

 

40,0 - Von der geheimen Klugheit des Weibes

Abermals erschien der goldene Regen, und ich erinnerte mich daran worauf er sich herabsenkte, sowie an meinen Besuch bei den drei sich zärtlich liebenden Ehepaaren. Ich wurde von ihm angezogen, aber dies­mal bemerkte ich beim Hineilen, daß er sich aus einem goldenen in einen purpurnen, dann in einen scharlachroten und, als ich ganz nahe war, in einen opalisierenden verwandelte. Ich traf die Paare unter frei­em Himmel sitzend an, und fragte die Frauen, ob jene weiße Taube später wieder erschienen sei: „Ja!“ sagten sie, „und eben heute ist sie auch wieder da, und wir haben daraus geschlossen, daß du wieder kom­men werdest mit einer neuen Frage nach einem Geheimnis der ehelichen Liebe“. „Warum sagt ihr: nach einem, da mich doch nach der Eröff­nung mehrerer Geheimnisse verlangt?“ Aber sie entgegneten begüti­gend: „Es sind und bleiben Geheimnisse, und einige übersteigen eure Weisheit und das Fassungsvermögen eures Verstandes! Unsere Weisheit ist eurer männlichen überlegen, weil sie in eure Neigungen und Triebe eindringt, sie empfindet, fühlt und sieht. Ihr seid euch ihrer kaum be­wußt, und doch sind sie es, aus denen und denen gemäß ihr denkt und weise seid. Wir kennen sie wohl, erspüren sie aus euren Gesichtern und dem Ton eurer Rede, ja erfühlen sie aus Brust, Atem und Wangen. Aus Liebeseifer für eure und zugleich unsere Glückseligkeit verstellen wir uns, als wüßten wir nichts davon, doch lenken wir euch klug, lassen zu und dulden, erzwingen aber nichts“. Ich fragte: „Woher kommt euch solche Klugheit?“ Sie antworteten:

„Sie ist uns von der Schöpfung und Geburt her eingepflanzt. Unsere Männer nennen sie Instinkt, wir aber meinen, sie stamme aus der gött­lichen Vorsehung, auf daß die Männer durch ihre Frauen glücklich gemacht würden. Wir haben von unseren Männern gehört, der Herr wolle, daß der männliche Mensch in Freiheit gemäß seiner Vernunft handle, und Er selbst leite dessen Freiheit in bezug auf seine Neigungen und Triebe von innen her, durch die Frau aber von außen her, und so bilde Er Mann und Frau gemeinsam zu Einem Engel des Himmels. Bei­des geschieht im geheimen, denn äußerlich erzwungene Liebe ist keine echte Liebe. Heute dürfen wir noch offener sprechen: Wir werden zu unserer Klugheit, die Neigungen und Triebe unserer Männer vorsichtig zu beeinflussen und zu lenken, sodaß ihnen doch dünkt, sie handelten ganz aus eigener Vernunft, auch aus dem Grunde bewogen, daß wir an ihrer Liebe unsere Freude haben und nichts mehr wünschen, als daß sie ihre Freude an unseren Freuden haben. Denn wenn diese bei ihnen an Wert verlieren, verebben sie auch in uns und stumpfen ab.“

Eine der Frauen schaute hinaus und berichtete: „Meine Taube schwingt ihre Flügel, also dürfen wir noch mehr entdecken! Wir haben allerlei Veränderungen in den Gemütsbewegungen der Männer beobachtet, zum Beispiel, daß sie gegen ihre Frauen kalt sind, wenn sie oberfläch­lich über den Schöpfer und die Verbindung mit Ihm denken, auch wenn sie in überheblichem Dünkel eigener Einsicht sind, wenn sie mit Begierde auf andere Frauen schielen oder wenn sie von den Frauen Vorwürfe wegen mangelnder Liebe zu hören bekommen. Je nach all diesem wech­selt ihre Wärme und Kälte nach Grad und Art. Wir nahmen dies wahr aus der Zurückziehung der Empfindung aus ihren Augen, aus dem Klang ihrer Stimme und ihren körperlichen Reaktionen. Schon aus die­sem Wenigen kannst du ersehen, daß wir besser als die Männer selbst wissen, ob ihnen im Grunde wohl oder übel ist, und weil sie sich nur wohl befinden, wenn sie ihren Frauen gegenüber warm empfinden, sin­nen wir in unserer Seele unaufhörlich und mit einem für die Männer unergründlichen Scharfsinn auf Mittel und Wege, die Männer warm zu stimmen.“

Da ließ sich etwas wie ein Klagelaut hören, und die Frauen riefen: „Das ist unsere Taube: sie warnt uns, dem Verlangen nachzugeben, noch Geheimeres zu entdecken, und meldet uns, daß dies nicht erlaubt ist! Du kannst ja den Männern auf Erden offenbaren, was du gehört hast!“ Ich antwortete: „Ja, ich will es tun; was sollte es schaden?“ Sie bespra­chen sich untereinander und teilten mir dann mit: „Offenbare es, wenn du willst. Wir wissen wohl, welche Macht der Überredung die Frauen haben; denn wisse, sie werden ihren Männern sagen: Dieser Mann treibt sein Spiel mit euch! Es sind Possen, er scherzt, fällt auf Scheinbarkeiten herein und nimmt männliche Witzeleien ernst; glaubt nicht ihm, son­dern uns, denn wir wissen, daß ihr Männer Liebe seid; wir aber sind Gehorsam! Ja, offenbare es nur; die Ehemänner werden doch nicht auf deinen Mund hören, sondern auf den ihrer Frauen, den sie küssen!“ (208)

 

41,0 - Vom ewigen Frühling im Himmel

Als ich über die eheliche Liebe nachdachte, erschienen von ferne zwei nackte Kinder mit Körbchen in den Händen. Tauben flogen um sie her. Als sie näher kamen, sah ich, daß sie mit Blumengewinden geschmückt waren: Kränzchen zierten ihre Haare, Girlanden aus Lilien und Rosen hingen von ihren Schultern herab über die Brust, die eine Laubranke mit Oliven umschlang. Noch näher besehen, erschienen sie nicht mehr als Kinder und nicht mehr nackt, sondern als zwei Menschen in der er­sten Blüte ihrer Volljährigkeit, bekleidet mit Gewändern aus schim­mernder Seide, in die wunderbare Blumen eingewoben waren, und als sie endlich bei mir standen, wehte mich ein Duft wie aus Frühlings­gärten an.

Es waren zwei Ehegatten aus dem Himmel. Sie fragten mich: „Was hast du gesehen?“, und als ich von allem berichtet hatte, lächelten sie und sagten, sie hätten sich selbst nicht so, sondern immer in der gleichen Erscheinung wie jetzt gesehen. Sie erklärten mir, in den mir bei ihrem Nahen erschienenen Gestalten habe sich die eheliche Liebe dargestellt: deren Unschuld in der kindlichen Nacktheit, deren Wonnen in den Blumengewinden, wie auch jetzt noch in den eingewobenen Blumen, deren Frühlingswärme in dem lieblichen Duft. „Wir sind schon Jahrhun­derte lang Ehegatten und fortwährend in der Blüte unseres Lebens. Unser erster Zustand war ähnlich dem der ersten Zeit der Ehe, und wir glaubten, er sei die höchste Seligkeit. Da hörten wir aber von anderen in unserem Himmel, es sei erst der Zustand der noch nicht durch das Licht gemäßigten Wärme, der sich nach und nach harmonisiert, wenn der Mann an Weisheit wächst und die Frau diese in ihrem Manne liebt. Die Zustandsveränderung erfolge gemäß dem nützlichen Wirken beider in der Gesellschaft und ihrem gegenseitigen Beistand in ihren Bemü­hungen. Daß es dich bei unserem Herannahen wie Frühlingswärme und ‑duft anwehte, rührte daher, daß in unserem Himmel die eheliche Liebe eben diese Wärme ist. Unsere Wärme ist diese Liebe, unser Licht, mit dem sich die Wärme vereinigt, die Weisheit, und das nützliche Wirken für die Gemeinschaft enthält beide in sich wie in seinem Schoß. Dieser Frühling ist nur da, wo Wärme und Licht gleich sind. Die Wärme ergötzt sich am Licht, und das Licht spielt mit der Wärme, die Liebe mit den Weisheit und die Weisheit mit der Liebe. Das Licht unseres Himmels ist beständig; es gibt nicht abendliche Dämmerung oder gar nächtliche Finsternis, denn unsere Sonne geht nicht auf und unter, sondern steht immer nahe dem Zenit. So geht aus ihrer Wärme und ihrem Licht un­aufhörlicher Frühling hervor, und Frühlingsluft entströmt denen, in welchen Liebe und Weisheit gleichmäßig vereinigt sind. Unser Herr haucht dank deren ewiger Vermählung nichts als Schöpferwirkung aus, die auch auf eurer Erde die Pflanzen aus dem Boden hervorlockt und die Tiere zur Begattung treibt. Die irdische Frühlingswärme schließt ihr Inneres auf bis in das Innerste, flößt ihnen das Eheliche ein und stei­gert durch ihr beständiges Streben nach Fortpflanzung der Gattungen ihre Zeugungskraft zum Vollgenuß. Beim Menschen aber ist diese nicht an bestimmte Jahreszeiten gebunden, sondern er steht immerzu unter diesem Einfluß, kann also zu jeder Zeit auch die Freuden der ehelichen Vereinigung genießen. Die Männer sind vom Herrn geschaffen zur un­unterbrochenen Aufnahme des Lichtes, das ist der Weisheit vom Herrn, und die Frauen zur immerwährenden Aufnahme der Wärme, das ist der Liebe zur Weisheit ihrer Männer.“

Nach diesen Worten reichte mir der Mann seine Hand und führte mich hin zu Wohnungen solcher Ehepaare. „Diese Frauen, die jetzt blühend schön sind, verließen die Erde als alte Mütterchen, und die Männer waren abgelebte Greise, doch weil sie sich gegenseitig geliebt und die Unreinheit geflohen hatten, wurden sie vom Herrn in ihr jetziges Alter mit seiner Vollkraft zurückverwandelt“ (136).

 

42,0 - Hervortritt erster Jugendkraft

„Die in gegenseitiger Liebe leben, nähern sich im Himmel mehr und mehr dem Lenz ihres Lebens. Im Himmel heißt alt werden jung werden. Immer blühender und seliger entfaltet sich dieser Frühling, fortschrei­tend mit den unaufhörlich wachsenden Graden der gegenseitigen Liebe und mit fortwährender Reinigung und Neuschöpfung. Alte Frauen, nach einem Leben im Aufschauen zum Herrn, in Liebtätigkeit für ihre Mitmenschen und in glücklicher ehelicher Liebe mit ihrem Mann an Altersschwäche gestorben, verjüngen sich im Himmel zur Blüte voll­kommener Weiblichkeit und einer Schönheit, die alle irdischen Vorstel­lungen hinter sich läßt. Güte und Liebtätigkeit stellen in ihnen ihr Ebenbild dar und bewirken, daß das Anmutige und Liebliche der täti­gen Liebe alle Teile ihres Angesichts und ihrer Gestalt durchstrahlt, sodaß sie durch und durch Gestalten der ewigen Liebe sind. Mit einigen Geistern durfte ich sie sehen, und wir staunten. Die Gestalt der Liebe, von der man im Engel eine so lebendige Anschauung hat, zeigt, wie sie selbst es ist, die bildet und sich abbildet. Die unbeschreibbare Schön­heit dieser Gestalt offenbart anschaubar die ewige Weisheit und regt in dem, der sie schaut, das innerste Leben seines Gemüts an. Alle Menschen, die im Vertrauen zum Herrn, in der Erkenntnis des Wahren und in täti­ger Liebe gelebt haben, werden im anderen Leben zu solchen Gestalten, solchen Schönheiten, und alle Engel bilden zusammen in unüberschau­barer Mannigfaltigkeit den Himmel“ (aus: „Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes“).

 

43,0 - Die Gestalt der ehelichen Liebe

Eines Morgens blickte ich zum Himmel auf und sah eine Himmelswöl­bung über der anderen und sah, wie sich die erste auftat, dann die zweite, und endlich die höchste, dritte. Zuerst wunderte ich mich dar­über, aber bald ließ sich eine Stimme hören wie mit Trompetenton, die rief: „Wir haben vernommen und sehen jetzt, daß du über die eheliche Liebe nachsinnst, und da auf Erden niemand weiß, was sie ihrem Ur­sprung und ihrem Wesen nach ist, es aber wichtig ist, davon zu wissen hat es dem Herrn gefallen, dir die Himmel aufzutun. Nun kann in das Innere deines Gemüts erleuchtendes Licht einfließen und du kannst die eheliche Liebe innewerden. Wir werden ein Ehepaar aus dem höchsten Himmel zu dir hinabsenden“. Und siehe, es erschien ein Wagen, der vom dritten Himmel herabfuhr, darin sah ich einen Engel. Als der Wa­gen näher kam, sah ich jedoch zwei Engel in ihm. Der Wagen glänzte aus der Ferne wie ein Diamant, und zwei Pferde waren ihm vorgespannt, weiß wie der Schnee, und die im Wagen Sitzenden hielten in den Hän­den zwei Tauben. Sie riefen mir zu: „Willst du, daß wir näher kom­men? Dann aber nimm dich in acht, daß der flammende Glanz des Himmels, aus dem wir herkommen, nicht zu tief in dich eindringe. Aus seinem Einfluß werden zwar die höheren Ideen eures Denkens erleuch­tet, allein in der Welt in der du lebst, sind sie nicht in Worte zu fassen. Nimm deshalb das, was du sehen und hören wirst, deiner Vernunft gemäß auf und stelle es faßbar für euer Denken dar!“ Ich antwortete: „Ich will mich vorsehen. Kommt näher!“

Sie kamen, und siehe, es war ein Ehemann mit seiner Gattin. Sie sag­ten: „Wir sind Gatten, wir haben selig gelebt im Himmel vom ersten Weltzeitalter an, und leben fortwährend in dem blühenden Alter, in dem du uns siehst“. Ich betrachtete beide und wurde inne, daß sie die eheliche Liebe in ihrem Leben und in ihrer Umkleidung darstellten, in ihrem Leben durch ihre Gestalten und Gesichter, in ihrer Umkleidung durch ihre Gewänder und ihren Schmuck. Denn alle Engel sind Gefühle der Liebe in menschlicher Gestalt, das herrschende Gefühl leuchtet hervor aus ihrem Gesicht und ihm gemäß empfangen sie Kleider. Des­halb sagt man im Himmel: Jeden kleidet sein Gefühl. Der Mann erschien etwa in der Mitte zwischen Jugend und Mannesalter. Aus seinen Augen schimmerte ein Lichtglanz der Weisheit seiner Liebe, und davon war sein Gesicht strahlend wie von innen her, und dank dieser Ausstrahlung war seine Haut gleißend und sein Gesicht blendend schön. Er trug einen Umhang und darunter ein hyazinthfarbenes Gewand, umschlossen von einem goldenen Gürtel, den drei Edelsteine zierten, zwei Saphire zu Seiten eines Karfunkels, rot zwischen blau. Seine Hosen waren aus schimmernder Leinwand mit eingewobenen Silberfäden, die Schuhe aus Seide. Dies war die Darstellungsform der ehelichen Liebe im Manne. Bei der Frau war es so: sie erschien mir und erschien mir auch nicht, sie erschien mir als die Schönheit selbst, und sie blendete mich, weil diese unfaßbar ist. Auf ihrem Gesicht lag der Glanz des flammenden Lichtes des dritten Himmels, und dies blendete meine Augen. Ich staunte, und sie fragte mich: „Was siehst du?“ Ich antwortete: „Ich sehe nichts als die Gestalt der ehelichen Liebe, aber ich sehe sie und sehe sie auch wieder nicht!“ Hierauf wandte sie sich seitwärts, etwas von ihrem Manne weg, und nun konnte ich sie ruhiger betrachten: Ihre Augen strahlten vom Licht ihres Himmels, das flammend ist, weil es aus der Liebe zur Wahrheit stammt. In jenem Himmel lieben die Frauen ihre Männer aus deren Weisheit und in ihr und die Männer ihre Frauen aus deren Liebe zu ihnen und in ihr, und so werden beide vereinigt. Kein Maler könnte ihre Gestalt abbilden, denn er hat nichts so Glanz­volles auf seiner Palette, und solche Schönheit ist seiner Kunst uner­reichbar. Ihre Haare waren zur Schönheit ihrer Gestalt passend anmu­tig geordnet und Juwelenrosetten waren in sie eingeflochten. Sie trug eine Kette aus Karfunkeln, und daran hing eine Rosette aus Chrysolithen. Ihre Armbänder waren aus Perlen. Bekleidet war sie mit einem scharlachroten Umhang über einem purpurnen Kleid, das Rubine vorn zusammenhielten. Doch wechselten die Farben je nach ihrem Hin­blicken auf ihren Gatten, demgemäß schimmerten sie bald mehr, bald minder, beim direkten Anschauen mehr, beim leichten Abwenden weniger.

Nun sprachen sie miteinander, und wenn der Mann sprach, sprach er zugleich wie aus seiner Frau, und wenn die Frau sprach, sprach sie zu­ wie aus ihrem Mann, so innig war die Vereinigung ihrer Seelen, aus denen ihre Reden flossen. Dabei hörte ich auch den Ton der Spra­che der ehelichen Liebe, der aus den Freuden im Stande des Friedens und der Unschuld hervorgeht. Schließlich sagten sie: „Wir werden abberufen, wir wollen gehen!“ Und nun erschienen sie wieder auf dem Wagen fahrend und fuhren zwischen Blumengefilden dahin, auf denen Öl und Orangenbäume standen. Als sie ihrem Himmel nahe waren, kamen ihnen junge Frauen entgegen und führten sie hinein (42).

 

44,0 - Von der Entstehung des Bösen

Bei meinen Betrachtungen über die eheliche Liebe und ihren Gegensatz besuchten mich zwei Engel und sagten: „Wir sind zu dir aus dem Him­mel der Unschuld gekommen und staunen über das, was du denkst. Wie kann es denn eine andere Liebe zweier Menschen geben als die eheliche, die von der Schöpfung herstammt? Wir kamen als kleine Kinder in den Himmel und sind dort, unter der Leitung des Herrn erzo­gen, aufgewachsen, und als wir erwachsen waren, wurden wir hochzeit­lich verbunden. Weil wir von keiner anderen als der wahrhaft bräutli­chen und ehelichen Liebe wissen, haben wir, als uns deine Denkvorstel­lungen einer anderen, uns fremden Liebe mitgeteilt wurden, nichts da­von begriffen. Sage uns also, wie diese sogenannte Liebe, die nicht von der Schöpfung her besteht, sondern sogar ihr entgegengesetzt ist, mög­lich sein kann!“

Da freute ich mich darüber, daß ich mit solchen Engeln sprechen durfte, und versuchte, ihnen mein Problem zu erklären: „Wißt ihr denn wirk­lich nicht, daß es Gutes und Böses gibt?“ Aber die Engel fragten nun: „Wie konnte das Böse entstehen, da doch im Urstand der Schöpfung nur das Gute da war? Wenn etwas ist, muß es auch einen Ursprung haben, aber im Schöpfer kann doch nicht der Ursprung des Bösen sein, weil es ja die Beraubung und Zerstörung des Guten ist. Du sagst, es sei dennoch da und werde empfunden und es sei nicht ein Nichts. Eröffne uns doch, woher dies ´Etwas` ist!“ Ich antwortete: „Das Gute ist von der Schöpfung her in ihr, das Böse aber nicht, und doch ist es nicht ein Nichts, obgleich es nicht Gutes ist. Jenes Urgute kann nämlich im Menschen vom höchsten in niedrigere Grade absinken und demgemäß wird es zum Nicht‑Guten, das wir Böses nennen. Dies Geheimnis kann nur aufgeschlossen werden, wenn man weiß, daß niemand gut ist als allein der Schöpfer und daß es nichts an sich Gutes gibt außer in Ihm. Sieht der Mensch auf Ihn und will von Ihm geführt werden, dann ist er im Guten, wendet er sich aber von Ihm ab und will nicht von Ihm geführt werden, dann ist er nicht im Guten, denn das Gute, das er scheinbar tut, vollbringt er entweder aus Egoismus oder um sein Anse­hen in der Welt zu mehren. Es ist ein aus Ehrgeiz und Bemühung um Anerkennung und Verdienst oder aus Verstellung und Heuchelei ent­standenes ´Gutes`. Im Menschen selbst liegt also der Ursprung des Bösen, nicht, als sei dieser Ursprung von der Schöpfung her in den Menschen gelegt worden, sondern er entstand und entsteht in ihm durch seine Abkehr vom Schöpfer und seine Hinwendung zu sich selbst. Er war noch nicht in den ersten Menschen, sondern entstand erst, als Adam und Eva, um mit der Schrift zu reden, der Schlange folgten, die sagte: ´An dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen eßt, werdet ihr sein wie Gott!` Das ´Essen` von jenem ´Baum` bedeutet, sich ernähren von der Erkenntnis dessen, was gut und böse, und damit zusammenhängend, wahr und falsch ist, und demzufolge zu glauben, man könne dies aus sich selbst entscheiden, könne aus sich selbst ver­stehen und weise sein.“

Aber jetzt fragten die Engel: „Wie konnte sich dann der Mensch vom Herrn, dem Schöpfer, ab‑ und sich selbst zuwenden, da er doch nur vom Herrn her begabt, wollen, denken und folglich handeln kann? Wie konnte der Herr dies zulassen?“ Ich erklärte ihnen: „Der Mensch ist so geschaffen, daß alles, was er will und denkt und tut, ihm wie in ihm selbst liegend und aus ihm selbst hervorgehend erscheint. Ohne diesen Schein wäre der Mensch nicht Mensch, denn er könnte dann nicht Gutes und Wahres, das heißt nichts aus der ewigen Liebe und der ewigen Liebe und der ewigen Weisheit aufnehmen, behalten und sich zu eigen machen. Ohne diesen ihn belebenden Anschein der Freiheit und Selbst­bestimmung, des Selbstwollend Selbstdenkens und Selbsttuns könnte er sich nicht in eigener Verantwortung und Entscheidung wie von sich aus mit dem Herrn verbinden. Wenn er aber, dank jener Scheinbarkeit, darauf verfällt zu glauben, er wolle, denke und handle aus sich selbst, dann verkehrt er das Gute in sein Gegenteil und schafft so in sich den Ursprung des Bösen. Dieses Böse, also die Selbstliebe, lenkt dann sein Denken und verkehrt das Wahre ins Falsche, bis er schließlich nicht den Herrn, sondern sich selbst für den Schöpfer und Maßstab hält, ja er be­gründet diese Auffassung eben dank dem in ihn gelegten Vermögen, zu verstehen und wiese zu sein wie aus sich. Bei seinem Herabsinken vom gemeinten Menschlichen verkehrt sich das in ihn einströmende und ihn belebende Leben des Herrn und Sein Gutes und Wahres allmäh­lich ins Entgegengesetzte und wandelt sich um: das Gute in das Böse, das Wahre in das Falsche.“ Die Engel dankten mir, bereiteten mich aber zugleich auf ihren Ab­schied vor: „Weil du jetzt über eine Liebe nachsinnst, die unserer ehe­lichen Liebe entgegengesetzt ist und dieses Gegenteil unsere Gemüter traurig stimmt, wollen wir gehen. Friede sei mit dir!“ (444)

 

45,0 - Der richtige Aufbau des Menschen und seine Umkehrung

Als ich einmal mit zwei Engeln von einem Besuch bei Geistern, die zwischen Begierde und Einsicht schwankten, zurückkehrte, faßten die Engel unsere Erlebnisse in die folgenden Aufschlüsse zusammen: „Der Mensch kann sich in seinem Umgang mit anderen Menschen und mit irdischen Gütern dreierlei Liebesarten hingeben: der Liebe zum Mit­menschen, das ist der Liebe, nutzbringende Dienste zu leisten, der Lie­be zum Besitz von Gütern und der Selbstliebe, die über andere herr­schen will. Die erste ist eine geistige Liebe, die zweite eine weltlich-materielle Liebe, die dritte eine körperlich‑sinnliche Liebe. Er ist wahr­haft Mensch, wenn die erste, die geistige Liebe sein Haupt, die zweite, die materielle Liebe seinen Rumpf und die Selbstliebe seine Beine und Füße bildet. Dann erscheint er vom Himmel aus gesehen in Menschen­gestalt mit Engelsangesicht und einem Farbenkreis um sein Haupt. Wenn aber die Weltliebe sein Haupt bildet, gleicht er einem Buckligen und erscheint vom Himmel aus mit fahlem Totengesicht. Bildet gar die Selbstliebe sein Haupt, dann ist er nicht ein Mensch, der auf den Füßen steht, sondern dessen Gegenteil: auf den Händen gehend, den Kopf nach unten, die Hinterbacken nach oben gerichtet. Vom Himmel aus gesehen, erscheint sein Gesicht schwarz. Beim echten Menschen ist das Haupt zuoberst, zunächst dem Himmel, das Mittlere, der Rumpf mit den Armen und Händen ist nach außen, zur Welt hin gerichtet, auf dem Untersten, den Füßen, ruht er als Ich auf der Erde. Jene anderen Menschen verdrehen diesen menschlichen Aufbau oder kehren ihn gar in sein Gegenteil um“ (269).

 

46,0 - Wie man verschieden das gleiche sehen kann

Einen vor kurzem von der Erde abgeschiedenen jungen Mann hörte ich in der Geisterwelt mit frechen Prahlereien um sich werfen und sich seiner amourösen Heldentaten rühmen. Zum Schluß sagte er: „Was ist trauriger als seine Liebe einzukerkern und mit einer einzigen Frau zu leben, was ist angenehmer als seiner Liebe freien Lauf zu lassen? Immer dieselbe, das ermüdet, nur die Abwechslung regt an! Was ist süßer als Mädchen zu verführen, Ehemänner zu hintergehen und galante Intrigen auszuhecken? Solche lustigen Streiche ergötzen das Innerste Gemüt!“ Aber da warnten ihn die Umstehenden: „Rede nicht so! Du weißt nicht, wo du bist, denn du bist hier neu, nämlich in der Welt, in der alle von der Erde Abgeschiedenen erforscht werden, die Guten zube­reitet für den Himmel, die Bösen für die Hölle“. „Was Himmel, was Hölle!“, rief der Neue lachend. „Ist nicht der Himmel da, wo man frei ist, und ist nicht der frei, der lieben darf, wen er will? Hölle aber ist da, wo man Sklave ist, und der ist ein Sklave, der an eine einzige Frau gefesselt ist!“

Da unterbrach ein Engel aus dem Himmel das Gespräch und rief „Komm herauf zu uns, so will ich dir deutlich zeigen, was Himmel und Hölle ist, und wie die innerlich aussehen, die wie du Hurerei treiben!“ Er zeigte den Weg, und jener stieg hinauf. Er wurde zuerst in einen paradiesischen Garten geführt, in dem Bäume und Blumen blühten und durch ihre Schönheit und ihren Duft die Seelen mit Lebenswonne er­füllten. Er staunte, denn er befand sich jetzt in seiner äußerlichen An­schauung, das heißt, er sah so wie auf Erden, wenn er sich vernünftig gab. In seiner innerlichen Anschauung freilich, in der sexuelle Trieb­haftigkeit die Hauptrolle spielte, war er nicht wirklich vernünftig gewe­sen. Um ihm seinen wahren Zustand zu zeigen, wurde nun sein äußerer Gesichtssinn verschlossen und der innere geöffnet. Da riet er: „Was sehe ich jetzt? Lauter stinkendes Zeug! Wo ist denn das Paradiesische hingekommen? „Es ist um dich“, sagte der Enge], „aber es erscheint nicht als solches vor deinem inneren Sehen, weil es von deinen innersten Neigungen ausgerichtet wird, die beherrscht sind vom sexuellen Sich­ausleben. Dies verwandelt alles Himmlische in Höllisches und sieht nur das dem Himmlisch-Paradiesischen Entgegengesetzte! Jeder Mensch hat wie du ein inneres und ein äußeres Gemüt, somit ein inneres und ein äußeres Sehen. Bei den Bösen ist das innere Gemüt verdorben und denkt Unsinn, während sich das äußere vernünftig und weise gibt. Bei den Guten dagegen ist das innere Gemüt von Gutem und Weisem erfüllt und von daher auch das äußere. Und wie das Gemüt wirklich, das heißt innerlich ist, sieht man in der geistigen Welt die Dinge.“

Nun verschloß der Engel wieder seinen inneren Gesichtssinn und ließ ihn in den äußeren zurückkehren, und führte ihn in eine himmlische Stadt. Da sah er prächtige Bauwerke aus Marmor und Edelsteinen und Bogengänge mit reich und kostbar geschmückten Säulen, und wieder staunte er und rief: „Was sehe ich! Pracht, nichts als wahre Pracht und höchste Kunst!“ Aber der Engel verschloß wieder sein äußeres Sehver­mögen und öffnete sein inneres, und da fuhr er zurück: „Was sehe ich denn jetzt? Wo bin ich? Wo sind die Paläste, und wo ist all die Kunst. Ich sehe Schutthaufen, Ruinen und Höhlen!“ Nochmals in sein Äuße­res zurückversetzt, wurde er in einen der Paläste geführt und bewun­derte die Tore, die Hallen, die Räume, die kostbar verkleideten Wände und die Möbel und Geräte, himmlische Formen aus Gold und Edel­steinen, so kunstvoll gefertigt, daß sie alle irdischen Kunstwerke un­vorstellbar übertrafen. „Das sind wahre Wunderwerke! So etwas hat noch nie ein Auge gesehen!“, brach er staunend aus. Aber wieder rief er nach der Öffnung seines inneren Sehens: „Nichts als verrottetes Gemäuer, hier aus Binsen, dort aus Stroh und morschem Holz!“

Der Engel führte ihn weiter und machte zum letzten Mal die Probe. Jetzt sah er schönste, liebreizende junge Frauen, so schön, weil sie Ebenbilder ihrer himmlischen Neigungen waren, und sie sprachen ihn mit lieblichen Stimmen an, aber diesmal riß die Erregung seinen Ge­sichtssinn sofort von selbst in sein unkeusches Inneres zurück, und weil ein solches nichts von himmlischem Liebreiz erträgt und umge­kehrt von himmlischer Liebe nicht ertragen werden kann, verschwan­den die jungen Frauen aus seinem Auge, und auch sie sahen ihn nicht mehr.

Nach diesen Experimenten erklärte ihm der Engel die Ursache der Um­kehrungen seiner Anschauungen: „Ich merke, daß du in der Welt aus der du herkamst ein doppelter Mensch gewesen bist: im Äußeren artig höflich und vernünftig, im Inneren aber brutal, sittenlos und unver­nünftig wegen deiner Hurerei und Ehebrecherei. Solche Menschen kön­nen, wenn ihnen der Himmel geöffnet wird und solange sie dort in ihrem Äußeren gehalten werden, Himmlisches sehen, wird aber ihr Inneres entlarvt, dann verkehrt sich alles in sein Gegenteil, das heißt in Höllisches! Wisse aber, daß in der geistigen Welt bei jedem nach und nach das Äußere verschlossen und das Innere aufgetan und er dadurch zum Himmel oder zur Hölle zubereitet wird. Weil aber das Böse des nur Geschlechtlichen mit seinen Trieben und Exzessen das Innere des Gemüts mehr schändet als anderes Böses, wird es notwendig zu solchen Abscheulichkeiten wie denen deines Inneren hinabgezogen, das ist zu Höllen, die von Unrat stinken. Das Unkeusche und Unzüchtige offen­bart sich in der geistigen Welt als das, was es ist, nämlich als Unsauber­keit und Unreinheit, und prägt seinen Trägern den höllischen Charak­ter auf. Hüte dich davor, dich weiterhin deiner sexuellen Heldentaten und deiner männlichen Leistungen zu rühmend. Ich sage dir voraus, daß du so schwach werden wirst, daß du kaum noch weißt, wo deine Männ­lichkeit geblieben ist, denn dies Los erwartet solche Prahler wie dich!“ Nachdenklich geworden stieg der Geist herab und kehrte zu seinen Genossen zurück und redete eine Weile bescheiden und keusch, aber nicht lange (477).

 

47,0 - In  den Höllen der sexuellen Ausschweifungen

    1.

Die Qualität eines Menschen wird entscheidend von seinem Verhältnis zum anderen Geschlecht bestimmt. Ist die eheliche Liebe äußerlich und innerlich ausgetilgt, dann erwartet ihn in der anderen Welt ein jammer­volles Los. Nach dem ersten Zustand, in dem er seinem Äußeren ent­sprechend noch vernünftig spricht und sich einigermaßen anständig benimmt, wird sein Inneres aufgedeckt, und nun führt er sein eigent­liches eigenes Leben und gibt sich ungehemmt seinen wahren Lüsten hin. In liederlichen Bordellen zu Seiten der Höllen kann er der Lust zur Abwechslung frönen, allerdings nur mit einer an einem Tag, nicht mit mehreren zugleich. Dabei wird sein Inneres erforscht, und wenn sich ergibt, daß ihm jene Lüste so zur zweiten Natur geworden sind, daß er nicht davon lassen kann, wird er an einen Ort genau über der für ihn bestimmten Hölle geführt. Dabei scheint es ihm, als falle er in Ohn­macht, anderen aber, als sinke er mit aufwärts gerichtetem Gesicht nach unten. Und wirklich öffnet sich unter ihm der Boden, und er wird von dem Abgrund verschlungen, in dem er, vom wahren Menschsein her gesehen, schon während seines Erdenlebens gehaust hatte. Ich durfte mit dort Versammelten sprechen. Ihresgleichen erscheinen sie wie Menschen, um sich nicht vom gemeinsamen Umgang abzuschrecken, aus einiger Entfernung gesehen dagegen als Mißgestalten, wie erstarrt und mit fahlem Gesicht wie aus vergilbter Haut, weil in ihnen kein geistiges Leben ist. Ihre Rede ist trocken, mager und traurig; sind sie hungrig, dann jammern sie und brummen sonderbar; ihre Kleider sind zerrissen, und ihre Hosen ziehen sie über den Bauch bis zur Brust hoch, weil sie keine Lenden haben, sodaß die Füße da sitzen, wo man die Oberschenkel vermutet. Das weibliche Geschlecht meiden sie, weil sie impotent sind. Dennoch können sie miteinander scheinbar vernünftig reden, aber das geschieht aus Sinnestäuschungen, weil sie nur ein Haut­leben haben (510).

    2.

Mein geistiges Sehen wurde geöffnet, und ich sah einen düsteren Wald, darin eine Horde von satyrähnlichen Kerlen, mit struppiger Brust und Füßen wie Kälber, Panther oder Wölfe oder mit Krallen statt Händen und Füßen. Sie rannten umher wie wilde Tiere und riefen: „Wo sind Weiber?“ Darauf erschienen ebenso mißgestaltete Huren. Die Satyrn packten sie und zerrten sie in eine Höhle. Eine große, spiralig gewun­dene Schlange umlagerte die Höhle und hauchte Gift in sie hinein, und auf den Ästen des Waldes krächzten und heulten wilde Nachtvögel. Nach einer Weile krochen die Unholde aus der Höhle heraus und wech­selten in eine niedrige Hütte, ein Bordell, über. Dann zogen sich die Huren zurück, die Satyrmänner aber unterhielten sich, und ich konnte dabei von ferne zuhören. Sie sprachen zuerst über die Ehe und die mit Füßen wie Kälber sagten: „Was sind Ehen anderes als erlaubte Hurerei­en, und was ist lustiger als Ehemänner zu betrügen?“ Sie ernteten dafür klatschenden Beifall. Über die Natur ließen sich die mit Füßen wie Panther aus: „Was gibt es denn anderes als die Natur? Menschen und Tiere unterscheiden sich doch nur dadurch voneinander, daß die Men­schen artikuliert reden, die Tiere aber nur laute Töne ausstoßen kön­nen. Beide haben ihr Leben von der Wärme und ihren Verstand vom Licht der Natur!“ Da riefen die anderen: „Bravo! Ganz richtig!“ Schließlich kamen die mit den Füßen wie Wölfe auf die Religion zu sprechen: „Was ist denn das, was man ´Gott` nennt oder das ´Göttli­che´, anderes als das Innerste der Natur? Was ist also die sogenannte Religion anderes als eine Erfindung, um das Volk zu fangen und in Banden zu halten?“ Und wieder schrien die Zuhörer: „Bravo!“

Dann brachen sie auf, und dabei bemerkten sie, daß ich sie von ferne aufmerksam beobachtete. Erbost liefen sie aus dem Wald heraus und bedrängten mich: „Was stehst du da und belauschst unser Gespräch?“ Ich entgegnete: „Warum denn nicht? Was hindert mich daran?“ und berichtete freimütig, was ich gehört hatte. Das beschwichtigte sie und nahm ihnen die Furcht, verraten zu werden. Sie sprachen nun etwas bescheidener und legten ein besseres Benehmen an den Tag, woraus ich schloß, daß sie einst vornehmen Ständen angehört hatten. Als ich ihnen erzählte, in welcher Gestalt sie mir erschienen waren, verwunderten sie sich, weil sie selbst sich untereinander wie Menschen sahen, so wie sie jetzt in meiner Nähe auch als Menschen erschienen. Ich belehrte sie darüber, daß sie mir von ferne nicht als menschliche Personen, sondern als Gestalten ihres Inwendigen erschienen waren, also als Formen ihrer Hurerei: „Jede böse Begierde stellt sich in der geistigen Welt als ihr Ebenbild dar, das aber nicht von ihren Trägern selbst, sondern von den weiter weg Stehenden gesehen wird. Wenn ihr das nicht glauben wollt, dann sollen doch einige von euch in jenen Wald gehen. Ihr anderen aber bleibt hier und seht ihnen nach!“ Sie schickten zwei zu jener Hütte und wirklich, dort sahen diese so aus, wie ich beschrieben hatte. Sie begrüßten die Zurückkehrenden als Satyrn und machten sich über sie lustig.

Nun aber lenkte ich das Gespräch wieder auf ernsthafte Dinge und fragte, ob sie je daran gedacht hätten, daß Ehebruch und Hurerei Sünde sei. „Ach was, Sünde!“, riefen sie. „Wir wissen nicht, was das ist!“ Ich erinnerte sie an die Zehn Gebote, aber sie lachten nur: „Was Zehn Ge­bote! Stehen die nicht im Katechismus? Was geht uns Männer dieses Kinderbüchlein an?“ Auf die Frage, ob sie jemals an die Hölle gedacht hätten, antworteten sie: „Wer ist aus ihr herausgekommen und hat davon berichtet?“ „Und das Leben nach dem Tod? Habt ihr auf Erden nie daran gedacht?“ „Das gleiche wie über das der Tiere! Zuweilen auch an Gespenster, die aus Gräbern aufsteigen!“ Nun forderte ich sie auf, zum Wald und zu jener Höhle hinüber zu sehen, und sie sahen dort die große Schlange sich ringeln und Gift aushauchen und die unheim­lichen Vögel über ihr. ich fragte: „Was seht ihr?“ Erschreckt schwiegen sie. ich fragte weiter: „Habt ihr dieses Schauderhafte denn nicht gese­hen? Es ist das Abbild eures Tuns in der Schande seiner Lüste!“ Da stand auf einmal ein Engel bei uns und öffnete eine Hölle gegen Westen, in der sich ihnen Ähnliche befanden, und befahl: „Seht dorthin!“ Wir sahen einen feurigen Pfuhl, und sie erkannten darin einige Freunde aus der Erdenzeit, die sie zu sich einluden. Daraufhin wandten sie sich rasch ab und entfernten sich von dem Wald; aber ich beobachtete ihren Weg und bemerkte, daß sie sich nur verstellten, denn auf Umwegen kehrten sie doch dahin zurück (521).

    3.

In der geistigen Welt hörte ich einmal einem Gespräch über allerlei Arten sexueller Befriedigung zu. Es war da die Rede vom besonderen Genuß des Beischlafs mit unverdorbenen Mädchen oder Jünglingen, von dem mit verheirateten Frauen, vom Geschlechtsverkehr mit Ade­ligen oder aber mit Männern oder Weibern aus niedrigem Stand. Als ich über diese Mannigfaltigkeit nachdachte, interessierte es mich, solche kennen zu lernen, die, selbst verheiratet, den Verkehr mit Verheirate­ten allem anderen vorgezogen hatten. Ich durfte zu ihnen gehen, und sie wurden gehalten, mit mir ihrem Lustgefühl gemäß zu reden. Sie sagten, ihr einziges Vergnügen sei gewesen und sei es noch, die Frauen anderer Männer zu beschlafen, und sie suchten sich immer besonders schöne aus und verschafften sich diese auch mit viel Geld, jedenfalls gelinge ihnen das bei den meisten. Auf die Frage, warum es denn nicht auch ledige Frauen sein könnten, antworteten sie, das sei für sie reizlos. Auf die weitere Frage, ob diese Frauen dann zu ihren Gatten zurückkehren, erwiderten sie: „Entweder nicht oder aber frigid, weil sie Huren gewor­den sind!“ „Habt ihr denn gar nicht daran gedacht, daß ihr zweifachen Ehebruch betreibt und euch damit alles geistig Guten beraubt?“ Darü­ber lachten sie und fragten: „Was ist denn das: geistig gut?“ Ich aber bestand darauf: „Nichts ist abscheulicher, als seine Seele mit der eines Ehemannes zu vermischen! Wißt ihr denn nicht, daß im Samen die Seele des Mannes ist?“ Da wandten sie sich weg und murmelten: „Was schadet denn das?“ Zuletzt sagte ich: „Wenn ihr schon die göttlichen Gesetze nicht fürchtet, habt ihr dann nicht wenigstens Angst vor den bürgerlichen?“ Sie erwiderten: „Nein! Nur manchen Priestern gehen wir aus dem weg und verhehlen vor ihnen, was wir treiben. Kommt es doch heraus, dann machen wir es in Güte mit ihnen ab!“ (483)

    4.

Ich wurde auch mit dem Los derer, die am liebsten Unschuldige ver­führen, bekannt gemacht. Arglistig ersinnen sie allerlei Kunstgriffe und wenden sie bei denen an, die sie als Leckerbissen und erwünschte Opfer ihrer Lust ins Auge fassen. Sie heucheln Liebe, Keuschheit, Frömmig­keit und erschleichen sich Vertrauen und Freundschaft, schmeicheln sich ein und wecken Liebe. Dann erregen sie die Sinnlichkeit und er­greifen am Schluß von der Ahnungslosen Besitz.

Nachdem solche Menschen die erste Periode nach dem Sterben, in der sie sich noch in ihrem Äußeren befinden, also feine Manieren und ein­nehmende Redensarten an den Tag legen, durchgemacht haben, beginnt die Periode der Entlarvung, in der sie ihrem Inneren gemäß denken und handeln. Ihrer Lust wird nun freier Lauf zum gewohnten Spiel gelassen, denn sie sollen nicht gerichtet werden, bevor sie überführt sind. Zuerst bringt man sie zu Frauen, die das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt haben, wobei sich offen zeigt, wie beschaffen ihre Begierde ist Angesichts der unberührten Frauen betätigt sich sogleich ihre Arg­list und Schlauheit, aber ohne Erfolg. Danach werden sie zu unschul­digen Mädchen geleitet, die sie in gleicher Weise zu berücken versuchen, aber diesmal werden sie durch die solchen Wesen verliehene Macht schwer bestraft: diese bewirken Erstarrung der Arme, Beine und Nacken und lassen sie in Ohnmacht fallen. Wenn sie sich von ihrem Schrecken erholt haben, fliehen sie schleunigst. Jetzt ist es soweit, daß ihnen der Weg zu feilen Dirnen eröffnet wird. Die heucheln Unschuld, weisen sie zuerst ab und verspotten sie, werden aber nach allerlei Versprechungen nachgiebig und geben sich preis.

Nach einigen solchen Proben ist die Periode des Gerichts gekommen: sie sinken, ihrer wahren Gesinnung überführt, in die Tiefe zu Ihresglei­chen. Dort in ihrer Hölle erscheinen sie von ferne wie Wiesel. Die schlimmsten von ihnen werden noch weiter hinten in die Hölle der Betrüger ausgesetzt, in der sie von weitem Schlangen aller Art gleichen. Als ich diese Hölle von nahe sehen durfte, erschienen sie mir leichen­blaß mit kalkartigem Gesicht, und weil sie nichts als Begierde sind, reden sie gar nicht, sondern zucken nur und murmeln allerlei nur ihren Genossen Verständliches. Zuweilen fliegen sie wie gespenstische Larven umher, denn in ihrer Phantasie glauben sie zu fliegen. Nach solchen Flügen kennt keiner den anderen mehr, weil ein Betrüger dem anderen nicht traut und sich deshalb seinem Anblick entzieht. Zudem ist alles Interesse am anderen Geschlecht aus ihnen geschwunden, und damit auch alle Potenz (513, 514).

    5.

Männer, die nur darauf aus sind, unberührte Mädchen zu verführen werden nach ihrem ersten Zustand in der geistigen Welt, in dem der Umgang mit Engeln sie zu einiger Zurückhaltung und Sittsamkeit mä­ßigt, von ihrem Äußeren in ihr Inneres versetzt und also in die Begier­den, von denen sie auf Erden beherrscht waren. Dies geschieht, um zur Erscheinung zu bringen, bis zu welchem Grad sie so geartet waren, und damit sie, falls der Grad geringer war, gebessert und zur Besinnung ge­bracht würden. Diejenigen aber, die von ihrer Genußsucht völlig beses­sen waren und sich ihrer ´Diebstähle` und herrlichen ´Beuten` rühmten, sind nicht davon abzubringen. Wenn sie in den Höllen nur gemeine Dirnen treffen, suchen sie andernorts nach frischer Kost und geraten dann an Huren, die sich schön aufputzen und Blumen ins Haar stecken und sich für Jungfrauen ausgeben. Da entbrennen diese gierigen Männer vor Lust und verabreden ein Stelldichein, aber wenn es an den Vollzug geht, wird vom Himmel her das wahre Wesen ihrer Opfer enthüllt, so­daß sie erscheinen wie sie innerlich sind: häßlich, widerlich und wie verrußt. Wenn die Männer auch nach solchen Erfahrungen nicht zur Vernunft kommen, werden sie in eine Hölle geworfen, die noch unter der jener Huren liegt, und dort ihren Genossen beigesellt. Es wurde mir gesagt, dort befänden sich viele Vornehme und Reiche, doch ist ihnen jede Erinnerung an ihre einstigen Würden und Reichtümer genommnen, sodaß sie sich, aller Ehren beraubt, für geringe Sklaven halten. Unter einander erscheinen sie sich zwar als Menschen, aber vom Licht der Wahrheit her betrachtet, sind sie Ebenbilder ihres Inneren: ihre Gesich­ter sind nicht mehr hübsch und anziehend wie einst, sondern widerlich und ihr Gehaben ist nicht mehr freundlich und einnehmend, sondern abschreckend. Sie torkeln wie lendenlahm und deshalb gekrümmt ein­her, ihr Oberkörper hängt vornüber, als kippten sie im nächsten Augen­blick nach vorne um, und sie verbreiten einen abscheulichen Gestank. Ihre Gier ist in Widerwillen umgeschlagen, und sie wenden sich voll Abscheu ab von jedem Weib. So erscheinen sie in der Nähe gesehen, aus der Feme eher wie bellende Hunde (505).

    6.

Die von der brennenden Gier besessen waren Frauen zu vergewaltigen, und deren Brunst sich noch steigerte, wenn ihre Opfer sich weigerten und sträubten, gleichen Straßenräubern, die sich an Raub und Beute mehr als an rechtmäßig Erworbenem ergötzen. Der Widerstand erhitzt sie, wenn sie aber spüren, daß er nicht ernst gemeint ist, wird ihre Hitze wie durch hineingegossenes Wasser gelöscht.

Es ist bekannt, daß sich zuweilen auch Ehefrauen ihren Gatten versa­gen. Sie tun das, wie man sagt, aus Instinkt, besser gesagt, aus jener ihnen eingeborenen weiblichen Klugheit. Durch zeitweilige Verweige­rung der Hingabe und durch Widerstand wie gegen Nötigung, bewahren sie jene Ehemänner vor der Gefahr des Erkaltens der ehelichen Liebe, die oft droht, wenn der fortwährend erlaubte Verkehr zur Gewohnheit wird, oder auch wenn die Frau ihren Mann durch Aufdringlichkeit verärgert.

Bei den oben Genannten liegt der Fall freilich anders: die eheliche Liebe wie auch die buhlerische Liebe ist in ihnen abgenützt und zur Wiedererregung der sexuellen Lust wollen sie durch den zwang zur Überwindung des Widerstands neu entzündet werden. Nach dem Über­druß am ehelichen Umgang und dann auch am außerehelichen Verkehr zerreißt diese schnöde Lust alle Schranken.

Im anderen Leben trennen sie sich aus eigenem Antrieb von denen, die noch in begrenzter Geschlechtsliebe sind, und erst recht von denen, die in wahrhaft ehelicher Liebe leben. Sie werden listigen Weibern zuge­wiesen, die nicht nur durch ihr Gerede, sondern auch durch Verstellung den Glauben an ihre Keuschheit erwecken können. Sie ergehen sich im Lob der Keuschheit und ihres hohen Wertes. Wenn nun der Vergewalti­ger loslegt, gerät die Komödiantin in Zorn, wehrt sich, flieht in ihr Zimmer, schließt die Tür ab und setzt sich wie erschöpft nieder. So er­regt sie im Verfolger die zügellose Gier, die Tür einzuschlagen, herein­zustürzen und anzugreifen. Aber sie fährt auf ihn los, zerkratzt ihm das Gesicht, zerreißt seinen Anzug und ruft wütend um Hilfe: „Räuber! Mörder!“ Geht er dann zur Tat über, klagt sie und bricht in Tränen aus, heult nach der Vergewaltigung, erhebt ein Zetergeschrei und droht, Verderben über ihn zu bringen. Während dieser Hurenkomödie erschei­nen die Beteiligten von ferne wie kämpfende und heulende Katzen. Nach einigen solchen Schlachten werden die Männer weggeführt in eine Höhle, wo sie zu irgendeiner Arbeit angehalten werden. Weil sie aber wegen völliger Zerstörung des ehelichen Sinns, des Kleinods des menschlichen Lebens, üblen Gestank verbreiten, verweist man sie end­lich an die Grenzen der Hölle. Da erscheinen sie in der Nähe wie mit Haut überzogene Skelette, aus größerer Entfernung wie Panther. Als ich mich ihnen einmal näherte, überraschte mich, daß sie Bücher lasen: Ich wurde belehrt, dies rühre daher, daß sie auf Erden mancherlei über Geistiges geredet, dies aber durch ihre verderbliche Lust verunreinigt hatten. Ihr Trieb zum Vergewaltigen sei eben die Entsprechung der gewaltsamen Verletzung des Geistigen der Ehe (511, 512).

 

48,0 - Die eheliche Liebe von einst bis heute

Beim Nachdenken über die eheliche Liebe wandelte mich ein Verlan­gen an, zu wissen, wie sie bei den Menschen beschaffen war, die in jenen Zeitaltern gelebt hatten, die man das „goldene“, das „silberne“, das „kupferne“ und das „eiserne“ nennt. Ich bat den Herrn, darin unterrichtet zu werden, und siehe, es stand ein Engel bei mir.

    1.

Der Engel sprach: „Ich bin gesandt, dein Führer und Gefährte zu sein. Ich will dich zuerst zu denen geleiten, die im ersten Weltzeitalter gelebt haben, das ´Goldenes Zeitalter` genannt wird. Der weg zu ihnen ist schwierig, niemand kann ihn ohne einen vom Herrn gegebenen Begleiter gehen!“ Ich rüstete mich, und wir wandten das Gesicht gen Osten und sahen in der Ferne einen hohen Berg. Zuerst durchwanderten wir eine große Wüste, dann einen dichten, dunklen Wald mit mehreren Fußpfa­den, die der Engel aber als Irrwege bezeichnete. Wenn der Herr nicht die Augen öffnet, sodaß man die von Weinreben umrankten Ölbäume sieht und die Schritte vom einen zum anderen lenkt, irrt der Wanderer ab zu den Höllen. Wir aber sahen jene Ölbäume und die Weinranken mit ihren hyazinthfarbenen Trauben, folgten ihrer bogig gewundenen Anordnung und kamen endlich zu einem Zedernhain. „Jetzt sind wir schon auf dem Berg und nicht weit von seinem Gipfel“, sagte der Engel. Wir gingen weiter und gelangten zu einem runden Feld, auf dem Schafe und Lämmer weideten, und dann zu Zelten an Zelten, soweit das Auge reichte. „Jetzt sind wir am Lager der Heerscharen des Herrn“, erklärte mein Begleiter, „doch wir wollen den Weg gen Süden einschla­gen, wo die Weisen sind, um mit einem von ihnen zu sprechen.“

Unterwegs sah ich von ferne drei Knaben und Mädchen vor einer Tür sitzen, als wir uns aber näherten, erschienen sie wie Männer und Frauen, und der Engel sagte: „Alle Bewohner dieses Berges erscheinen von fern wie Kinder, weil sie im Stand der Unschuld sind“. Sie liefen auf uns zu und fragten: „Woher seid ihr? Wie seid ihr hierhergekommen? Ihr seht anders aus als die unsrigen!“ Der Engel gab ihnen Auskunft, und nun lud uns einer der Männer ein, sein Zelt zu betreten. Er war angetan mit einem hyazinthfarbenen Obergewand und einem Untergewand aus wei­ßer Wolle; sein Weib trug ein Purpurkleid und darunter eine Bluse aus gesticktem Byssus. Weil in mir das Verlangen war, ihre Ehe kennen zu lernen, sah ich bald den Mann und bald die Frau an und bemerkte in ihren Gesichtern die Einheit ihrer Seelen und sagte: „Ihr zwei seid ja Eins!“ Der Mann bestätigte: „Ja! Wir sind Eins, ihr Leben ist in mir, und das meinige in ihr. Wir sind zwei Körper, aber eine Seele, unsere Vereinigung ist wie die von Herz und Lunge in der Brust. Sie ist mein Herz, und ich bin ihre Lunge, doch weil wir hier unter dem Herzen die Liebe und unter der Lunge die Weisheit verstehen, so ist sie die Liebe meiner Weisheit, und ich bin die Weisheit ihrer Liebe. Ihre Liebe um­hüllt meine Weisheit, und meiner Weisheit gilt ihre Liebe. Das bewirkt, wie du richtig bemerkt hast, die Erscheinung der Einheit der Seelen in den Gesichtern.“

Ich fragte: „Wenn ihr so vereinigt seid, kannst du denn dann auch auf andere Frauen hinblicken?“ Er antwortete: „Ich kann es, doch weil wir so vereinigt sind, sehen wir beide zugleich hin, so kann kein Verlangen nach anderen Frauen in mich eindringen. Ich sehe sie durch meine Gattin, die ich einzig liebe; sie nimmt alle meine Neigungen wahr und läßt kein Mißheiliges aufkommen. Uns hier ist es ebenso unmöglich, die Frau eines anderen mit Lustbegier anzuschauen, wie es unmöglich ist, aus den höllischen Schatten den Himmel zu sehen, und wir haben kein Wort für das, was du offenbar meinst“. Ich merkte, daß er das Wort „Hurerei“ nicht aussprechen konnte, weil die Keuschheit seines Himmels es nicht zuließ. Und mein Begleiter sagte: „Du hörst jetzt, wie die Engel des Himmels reden; es ist die Sprache der Weisheit!“

Ich sah mich um und staunte über das wie mit Gold überzogene Zelt. Der Engel belehrte mich: „Das kommt von dem flammenden Licht, das wie Gold glänzt und die Zeltplanen bestrahlt und durchdringt, während wir im Gespräch über die eheliche Liebe sind. Dann entbindet sich die Wärme aus unserer Sonne, deren Wesen Liebe ist, und färbt das Licht, dessen Wesen Weisheit ist, mit ihrem Gold, denn die eheliche Liebe ist in ihrem Ursprung das Wechselspiel der Liebe mit der Weisheit: Der Mann ist geboren, weise zu werden und Weisheit zu sein, das Weib aber als Liebe zur Weisheit des Mannes. An diesem Spiel der ehelichen Liebe und aus ihr ergötzen wir uns mit unseren Gattinnen seit wir hier sind; seine Freuden sind nach Menge, Grad und Kraft herrlich und übertref­fen alle anderen. Sie werden uns geschenkt je nach unserer Verehrung des Herrn, denn von Ihm fließt jene himmlische Vermählung der Liebe und Weisheit in uns ein.“

Nun erschien ein helles Licht auf dem Gipfel inmitten der Zelte, und ich fragte: „Woher kommt dieses Licht?“ Der Ehemann sagte: „Aus dem Heiligtum unserer Gottesverehrung!“ „Ist es erlaubt, sich ihm zu nähern?“ „Ja!“ Ich ging hin: es glich der Stiftshütte, und ich fragte: „Was ist darin?“ Er sagte nur: „Eine Tafel mit der Aufschrift: Bund des Herrn mit den Himmeln“, nicht mehr. Beim Weggehen fragte ich noch: „Hat keiner von euch auf Erden mit mehr als einem Weibe gelebt?“ „Ich weiß hier unter uns keinen“, antwortete er, „denn wir konnten nicht an mehrere denken. Doch es gab auf der Erde solche, und sie sagten, alsbald seien dann die himmlischen Seligkeiten ihrer Seelen zurückgewichen vom Innersten zum Äußersten des Körpers, und zugleich sei auch ihre Potenz geschwunden. Sie mußten uns, so­bald man das wahrnahm, verlassen“. Er holte für mich zum Abschied einen Granatapfel mit goldenen Samenkörnern aus dem Zelt, gab mir den Friedensgruß, und wir gingen hinweg.

    2.

Tags darauf kam der Engel, der mich geführt hatte, wieder und fragte: „Soll ich dich zu denen führen, die in dem Weltalter gelebt haben, das man das ´silberne` nennt? Auch zu ihnen kann man nicht ohne Geleit gehen“. Ich bejahte, und wir gingen zuerst zu einem Hügel zwischen Osten und Süden. Auf seinem Gipfel zeigte er mir ein ausgedehntes Land, aus dem im Hintergrund etwas wie ein Gebirge hervorragte. Vor uns lag ein Tal, dahinter eine Ebene und hinter ihr eine ansteigende Anhöhe. Wir stiegen von unserem Hügel herab, durchschritten das Tal und sahen da und dort Statuen aus Holz oder Stein: Menschenfiguren, Tiere, Vögel und Fische. Ich fragte den Engel: „Was ist das? Sind das Götzenbilder?“ Er antwortete: „Ganz und gar nicht! Es sind Sinnbilder von allerlei Tugenden und geistigen Wahrheiten. Die Menschen dieses Zeitalters kannten die Wissenschaft der Entsprechungen, und weil jeder Mensch, jedes Tier, jeder Vogel und Fisch einer menschlichen Eigen­schaft entspricht, stellt jedes Bildwerk derartiges dar. In Ägypten nann­te man dies die geheime Bilderschrift.“

Wir gingen durch das Tal in die Ebene und sahen hier Pferde mit allerlei seltsam geformten Wagen, die einen wie Adler, die anderen wie große Fische, andere wie Hirsche oder wie Einhörner. Auch Lastwagen gab es und Ställe. Als wir näher kamen, verwandelten sie sich in Menschen­paare, ins Gespräch vertieft. Der Engel sagte: „Die vernünftige Einsicht der Menschen des ´silbernen` Weltalters stellte sich von weitem als Pferd, Wagen und Stall dar, das heißt als Entsprechungsgestalt des Ver­ständnisses des Wahren, dessen Lehre und der Unterweisungen. Du weißt ja, daß in unserer Welt alles gemäß den Entsprechungen er­scheint“. Wir setzten unseren Gang fort, stiegen langsam bergan und gelangten zu einer Stadt mit Marmorpalästen mit Alabasterstufen und Jaspissäulen und zu Tempeln aus kostbaren saphir‑ und lasurblauen Steinen: „Sie haben Steinhäuser“, erklärte der Engel, „weil Steine die natürlichen und kostbare Steine die geistigen Wahrheiten bezeichnen, denn diese Menschen hatten Einsicht aus den geistigen und infolge­dessen aus den natürlichen Wahrheiten. Ähnliches bedeutet auch das Silber.“

Auch hier erblickten wir Paare, und da wir gern eingeladen werden wollten, führten uns zwei Eheleute in ihr Haus. Der Engel sprach für mich mit ihnen: „Wir sind hierhergekommen, um von eurer Ehe zu erfahrene. Sie gaben uns bereitwillig Auskunft: „Wir stammen aus asiatischen Völkern. Unser Streben gehörte den Wahrheiten, durch die wir Einsicht erlangten. Es war das Streben unserer Seelen und Gemüter, das unserer Sinne aber galt den Darstellungen der Wahrheiten in Ge­stalten. Die Kenntnis der Entsprechungen verband das Sinnliche unse­rer Körper mit den Wahrnehmungen unserer Gemüter und vermehrte unsere Einsicht“. Der Engel bat sie, auch etwas von ihren Ehen zu erzählen­ und der Mann sagte: „Es besteht Entsprechung der geistigen Ehe, der Ehe des Wahren mit dem Guten, mit der natürlichen Ehe, der von Mann und Weib, und weil wir uns mit der Entsprechungskunde be­schäftigten, erkannten wir, daß ´Kirche` mit ihrem Guten und Wahren nur bei denen sein kann, die in der wahrhaft ehelichen Liebe mit Einer Frau leben. Die Ehe des Guten und Wahren ist die Kirche im Menschen, der Ehemann ist das Wahre, die Ehefrau das Gute, und jedes Gute kann kein anderes Wahres lieben als das seinige, so wie andererseits jedem Wahren sein Gutes zugehört. Wäre es anders, so würde die innere Ehe, die eben die Kirche ausmacht, zugrunde gehen und zu einer nur äußerlichen absinken. Mit dieser steht aber nicht die Kirche, sondern der Götzendienst in Entsprechung. Wir nennen deshalb die Ehe Eines Mannes mit Einem Weib und Eines Weibes mit Einem Mann ein Heilig­tum, die mit mehreren wäre für uns Schändung des Heiligtums.“

Nun führten sie uns in ihr Haus: An den Wänden sahen wir Gemälde und Silberstatuetten und fragten nach deren Bedeutung. „Es sind sinn­bildliche Darstellungen der Eigenschaften und Freuden der ehelichen Liebe, diese der Einheit der Seelen, jene der Verbindung der Gemüter, diese der Eintracht der Herzen, jene der daraus entquellenden Wonne.“ Während der Betrachtung sahen wir eine Art Regenbogen aus dreierlei Farben, Purpur, Hyazinth und glänzend Weiß, und der Purpur ging in Hyazinth über, das glänzende Weiß vermischte sich mit Cyanenblau und floß über Hyazinth zurück in Purpur, der sich am Schluß zu flam­mendem Strahlenglanz entfaltete. Der Ehemann fragte: „Verstehst du dies?“, und als ich verneinte, erklärte er: „Der Purpur bedeutet die ehe­liche Liebe des Weibes, das glänzende Weiß die Einsicht des Mannes, die Hyazinthfarbe den Anfang der ehelichen Liebe vom Weibe her in der Wahrnehmung des Mannes und die Mischung von Cyanenblau mit Weiß dessen nun sich bildende eheliche Liebe. Das folgende zurück­fließen zum Purpur und die Entfaltung zum Strahlenglanz zeigte die zum Weib zurückkehrende eheliche Liebe des Mannes. Jene Bildwerke an unseren Wänden entstehen, während wir, über die eheliche Liebe und die von ihr gewirkte wechselseitige, successive und gleichzeitige Vereinigung nachdenkend, den Farbenbogen unverwandt betrachten.“

Ich sagte nachdenklich: „Das klingt für einen heutigen Erdenmenschen recht mystisch und geheimnisvoll!“ Er erwiderte: „Für uns ist es das keineswegs!“ Jetzt erschien in der Ferne ein von weißen Pferden gezo­gener Wagen, und mein Begleiter sagte zu mir: „Dies ist für uns das Zeichen zum Aufbruch!“ Unser Freund gab uns zum Abschied eine Rebe mit weißen Trauben und Blättern, und siehe, die Blätter wurden silbern.

    3.

Wieder kam der Engel, mein Führer und Begleiter, und forderte mich auf, mit ihm zu gehen, diesmal zu den Himmelsbewohnern in der Abendgegend, die als Menschen des ´kupfernen` Weltalters gelebt hat­ten. Ihre Wohnungen erstrecken sich vom Süden über den Westen und ein wenig nördlich. Wir näherten uns vom Süden her, durchwandelten einen Palmen‑ und Lorbeerbaumpark und trafen auf Riesen, die uns fragten: „Wer hat euch durch den Park hereingelassen?“ Der Engel ant­wortete: „Der Herr des Himmels!“ Daraufhin erlaubten uns die Wäch­ter, unseren weg fortzusetzen. Als wir den Park verließen, sahen wir einen Berg, der sich bis in die Wolken erhob, und vor uns Landhäuser an Landhäusern mit Gärten und Hainen und Wiesen dazwischen. Wir gingen an ihnen vorbei und bestiegen den Berg und bemerkten oben, daß wir eine große Hochebene betraten, auf der sich eine Stadt mit Holzhäusern ausbreitete. „Warum sind hier die Häuser aus Holz?“ fragte ich den Engel. „Weil Holz das natürliche Gute bedeutet und diese Menschen damals in diesem Guten gewesen waren. Auch das Kupfer bedeutet dasselbe, deshalb wurde jenes Zeitalter in der alten Überlieferung nach dem Kupfer benannt. Die Heiligtümer sind hier aus Ölbaumholz erbaut, im zentralen liegt das Wort, das den Bewohnern Asiens vor dem israelitischen Wort gegeben war. Seine historischen Bücher werden dort als ´Kriege des Herrn`, seine prophetischen Bücher als ´Lied` zitiert, 4. Mose 21, 14 und 27. Dies uralte Wort ist heute in Asien nicht mehr bekannt, wird aber in der großen Tatarei noch aufbe­wahrt“. Er führte mich zu einem Tempel, und wir sahen in seiner Mitte jenes Heiligtum, im hellsten Licht strahlend, und er sagte: „Dies Licht entstrahlt jenem uralten Wort, denn in den Himmeln leuchtet das Göttlich‑Wahre.“

Als wir weiter gingen, bemerkten wir, daß sich unsere Ankunft in der Stadt herumgesprochen hatte. Man forderte Auskunft, woher wir seien und was wir wollten, und wir erklärten: „Wir haben den Palmenwald durchquert, und die Wächter ließen uns passieren, woraus ihr schließen könnt, daß wir nicht eigenmächtig, sondern mit Erlaubnis hierher ge­langten. Wir möchten über eure Ehen unterrichtet werden. Lebt ihr mit Einer Gattin oder mit mehreren Frauen?“ Sie antworteten: „Was? Mit mehreren? Das wäre doch Hurerei!“ Sie beauftragten einen, uns von ihren Ehen zu berichten. Er geleitete uns in sein Haus zu seiner Gattin und begann: „Von den ersten Zeiten, von den Menschen der Urzeit auf Erden her, die in der wahrhaft ehelichen Liebe und in deren Kraft lebten und jetzt im östlichen Himmel in seligstem Zustand wei­len, haben wir Ehegebote, die bei uns aufbewahrt werden. Wir sind ihre Nachkommen, und sie haben uns Lebensregeln hinterlassen. Die über die Ehe heißen: „Söhne, wenn ihr den Herrn und eure Mitmen­schen lieben und in Ewigkeit weise und glücklich werden wollt, dann raten wir euch: Lebt nur mit Einem Weibe! Weicht ihr von diesem Rat ab, dann wird alle himmlische Liebe von euch fliehen und mit ihr die innere Weisheit!“ Diesem Gebot haben wir gehorcht und als seine Weis­heit erfahren, daß der Mensch in dem Grad himmlisch und innerlich wird, als er allein seine Gattin liebt, dagegen soweit natürlich und äußerlich, als er sich davon entfernt. Ein solcher liebt im Grunde nur sich selbst und die Vorstellungen seiner Phantasie, er ist in Wahrheit ein Narr und Tor. Wir hier leben mit Einer Frau, und unsere Grenzen werden gegen Fremdlinge bewacht. Versuchen sie einzudringen, dann werden sie ausgestoßen und stürzen hinweg; die in Vielweiberei leben, in die mitternächtlichen Finsternisse, die Ehebrecher in die westlichen Feuerbrünste, die Hurer zu den südlichen Irrlichtern. Die mitternächt­lichen Finsternisse sind die Stumpfsinnigkeiten des Geistes und die Unkenntnis der Wahrheiten, die westlichen Feuerbrünste sind die Lüste des Bösen, die südlichen Irrlichter die Verfälschungen des Wahren; alle sind geistige Hurereien. Folgt mir nun in unsere Schatzkammer!“

Hier zeigte er uns Urkunden der Urzeit, auf Stein‑ und Holztafeln ge­schrieben, dann solche des nächsten Zeitalters, auf Pergament überlie­fert, darunter auch jene Ehegebote. Nach deren Besichtigung sagte mein Begleiter: „Jetzt ist es an der Zeit, zu gehen!“ Der Mann brachte aus dem Garten Zweige mit Früchten und Blättern und übergab sie uns mit den Worten: „Die Zweige sind von einem Baum, der nur hier wächst und unserem Himmel eigentümlich ist. Sein Saft verbreitet balsamischen Duft“. Wir verabschiedeten uns und gingen auf einem unbewachten weg nach Osten, dabei verwandelte sich der Strauß in glänzendes Erz, die obersten Spitzen aber in Gold.

    4.

Zum vierten Mal lud mich der Engel ein: „Wir wollen nun die besuchen, die im ´Eisernen` Zeitalter gelebt hatten: Asiaten aus der Zeit vor der Ankunft des Herrn auf der Erde. Sie wohnen im Norden gegen Westen hin. Diese Weltalter sind mit der dem Nebukadnezar erschienenen Bildsäule gemeint, deren Haupt aus Gold, deren Brust und Arme aus Silber, deren Bauch und Füße aus Eisen mit Ton vermischt bestanden, Daniel 2, 31-33“. Die Gegend, die wir durchschritten, war verschie­denartig, je nach den Zustandsänderungen, welche die Sinnesarten der Menschen, an denen wir vorbeikamen, bewirkten, denn in der geistigen Welt sind die Räume und die Entfernungen Scheinbarkeiten gemäß den Zuständen der Gemüter. Wir kamen in einen Wald von Buchen, Eichen und Kastanien, zur Linken erschienen Bären, zur Rechten Leo­parden, und als ich mich darüber wunderte, sagte der Engel: „Es sind nicht Bären und Leoparden, sondern Menschen, die den Bewohnern zur Wache dienen. Sie wittern mit der Nase die Lebenssphäre der Vor­übergehenden und überfallen die, welche geistig sind, denn die hiesigen Menschen sind natürlich. Jene, die das Wort nur lesen, aber keine Lehre daraus schöpfen, erscheinen von ferne wie Bären, die anderen, die das Falsche daraus begründen, wie Leoparden.“

Als sie uns kommen sahen, wandten sie sich ab, und wir konnten wei­tergehen. Nach dem Wald erschienen Gebüsche, dann Felder, mit Bux­baum eingefaßt, und danach senkte sich das Land in ein Tal hinab, in dem viele Städte lagen. Wir durchwanderten einige, bis wir dann eine größere betraten. Ihre Gassen folgten keinem übersichtlichen Plan, die Gebäude waren übertünchte Fachwerkhäuser, an den größeren Plätzen standen Tempel aus behauenem Kalkstein, mit unterirdischem und oberirdischem Geschoß. Wir stiegen in eines hinunter und sahen rings an den Wänden Götzenbilder in mancherlei Gestalt, vor denen Leute knieten. Aus deren Mitte ragte der Kopf des Schutzgottes dieser Stadt hervor. Beim Verlassen des Tempels erklärte mir der Engel, die Götzen­bilder seien einst bei den Vorfahren dieser Leute jene Sinnbilder der geistigen Wahrheiten gewesen, die wir kennen gelernt hatten. Nachdem aber die Kenntnis der Entsprechungen erloschen war, seien sie zuerst verehrt und dann als Gottheiten angebetet worden, und so sei dieser Götzendienst entstanden.

Draußen betrachteten wir die Menschen und ihre Kleidung. Ihre Ge­sichtsfarbe erschien bläulich wie Stahl, und sie waren wie Komödian­ten gekleidet, mit Schärpen um die Lenden und einer an der Brust an­liegenden Tunika. Auf den Köpfen hatten sie schiffartige Hüte. „Jetzt wollen wir uns über die Ehen der Völker dieses Zeitalters unterrichten lassen“, unterbrach der Engel meine Umschau, und wir gingen zu dem Haus eines Vornehmen, der einen turmartigen Hut trug. Er nahm uns freundlich auf und bat uns einzutreten. In der Vorhalle setzten wir uns nieder, und ich befragte ihn über die Ehen in dieser Gegend. Er führte folgendes aus:

„Wir leben mit zwei oder drei, manche mit noch mehr Frauen, weil Abwechslung, Gehorsam und Ehrerbietung uns ergötzen. Mit einer einzigen Frau gäbe es nicht das Erfreuliche der Abwechslung, sondern nur Überdruß aus dem Einerlei, nicht verschiedenartig anschmiegenden Gehorsam, sondern nur lästiges Immergleiches, und auch nicht das Beglückende der Herrschaft und andererseits der Ehrerbietung, sondern widrigen Streit von Mann und Frau um den Vorrang. Was ist denn das Weib? Es wird dazu geboren, dem Willen des Mannes untertan zu sein und ihm zu dienen, nicht aber um zu herrschen. Daher gebührt dem Mann im Haus königliche Majestät, und weil wir diese lieben, ist sie unsere Lebensfreude“. Da warf ich ein: „Wo ist alsdann die eheliche Liebe, die aus zwei Seelen Eine macht, zwei Menschen vereinigt und sie beseligt? Diese Liebe kann doch nicht verteilt werden, denn dann erkaltet sie und wird zur vorübergehenden Brunst“. Aber er verstand nicht, was ich meinte, und erwiderte: „Was anders beseligt den Mann als gerade der Wetteifer der Frauen um die Gunst des Vorzugs beim Mann?“

Er öffnete nun zwei Turen zum Frauengemach: übelriechendes Lüster­nes drang heraus, herrührend von der Polygamie, die zugleich ehelich und buhlerisch ist. Ich schloß die Turen und fragte: „Wie kann euer Land bestehen, da ihr keine eheliche Liebe kennt und Götzen anbetet?“ Er entgegnete: „Was die eheliche Liebe betrifft, so wachen wir über unsere Weiber mit Eifersucht und lassen niemand weiter ins Haus als nur bis zur Vorhalle, und weil Eifersucht, muß doch auch eheliche Liebe da sein! Was die Götzenbilder angeht, so beten wir sie ja nicht an, sondern versuchen mit ihrer Hilfe den Gott des Weltalls zu denken; das ist uns nur möglich mittels sichtbarer Gestalten, da wir unsere Ge­danken nicht über das Körpersinnliche und also unsere Vorstellungen von Gott nicht über das Sichtbare erheben können“. Ich wand ein: „Aber eure Götzenbilder haben doch verschiedene Gestalten - wie kann denn aus ihnen die Anschauung Eines Gottes hervorgehen?“ Hierauf antwortete er: „Das ist für uns etwas Mystisches; in jeder der Gestalten liegt etwas von der Verehrung Gottes verborgen!“ Ich sagte abschlie­ßend: „Ihr seid recht sinnlich‑körperlich und habt keine echte Gottes­liebe und keine geistige eheliche Liebe. Nur diese doppelte Liebe aber bildet zugleich den Menschen und macht ihn aus einem sinnlichen zu einem himmlischen!“

Da erschien draußen ein Blitz, und ich fragte: „Was soll dies?“ „Es ist für uns das Zeichen, daß der Alte aus dem Osten kommen wird. Er be­lehrt uns über Gott, den Einen und Allmächtigen, Ersten und Letzten. Er ermahnt uns auch, die Götzenbilder nicht zu verehren, sondern nur als Sinnbilder der Tugenden zu betrachten. Dieser Alte ist ein Engel, den wir verehren, und auf den wir hören. Er richtet uns auf, wenn un­ser Gottesdienst verdunkelt und wir den Bildern verfallen“. Wir verab­schiedeten uns und verließen Haus und Stadt.

    5.

Wieder war der Engel da und sagte: „Willst du das jetzige Zeitalter sehen, dann folge mir! Es ist jenes, von dem ihr beim Propheten Daniel lest: ´Du hast gesehen die Füße und Zehen von Eisen, vermischt mit Ton; das wird ein zerteiltes Reich sein. Sie werden sie durch Menschen­samen vermengen, aber das eine wird mit dem anderen nicht zusam­menhängen, gleichwie sich Eisen und Ton nicht vermengen lassen`, 2, 41. 43. Unter dem ´Menschensamen`, durch den Eisen und Ton vermengt werden, ohne zusammenzuhalten, wird das verfälschte Wahre des Wor­tes verstanden“. Unterwegs erzählte er mir von den Menschen, zu denen wir gingen: „Sie wohnen auf der Grenze zwischen Süden und Westen, aber weit entfernt von denen, die in den ersten Weltaltern gelebt hat­ten, und auch tiefer“. Wir durchwanderten einen furchtbaren Wald mit Sümpfen, aus denen Krokodile ihre Köpfe herausstreckten und die Zähne zeigend ihre Rachen gegen uns aufsperrten, und zwischen den Sümpfen liefen schreckliche Hunde herum, drei‑ und zweiköpfige, mit entsetzlichen Kröpfen, und schauten uns mißtrauisch an. Als wir sie glücklich hinter uns hatten, sahen wir Drachen und Parder, wie in der Offenbarung Johannis beschrieben, und der Engel belehrte mich: „Alle diese wilden Tiere sind keine Tiere, sondern Entsprechungen der Begier­den und Torheiten der Bewohner dieses Landes: die Hunde ihrer Be­gierden, die Krokodile ihrer Betrügereien und Schlauheiten, die Dra­chen und Parder ihrer Falschheiten und schlechten Neigungen. Die Bewohner selbst leben erst weiter weg hinter einer großen Wüste, um so von den Menschen aus den vorhergehenden Zeitaltern ganz getrennt zu sein. Sie sind von jenen völlig verschieden, obwohl auch sie Köpfe über den Brüsten und Brüste über den Lenden und Lenden über den Füßen haben. Aber in ihren Köpfen ist nichts vom Gold, in ihren Brüsten nichts vom Silber, an den Lenden nichts vom Erz, ja auch in den Füßen nichts vom reinen Eisen, sondern in ihren Köpfen ist Eisen, vermischt mit Ton, in der Brust beides vermischt mit Silber und in den Füßen alles vermischt mit Gold. Durch diese Verkehrung haben sie sich aus Menschen in menschenähnliche Statuen verwandelt, in denen innerlich nichts richtig geordnet ist! Das Oberste ist Unterstes, und was zum Haupt gehört, sitzt in der Ferse; deshalb erscheinen sie wie Gaukler, die auf den Ellenbogen kriechen, oder wie Tiere, die auf dem Rücken liegen, die Füße hochstrecken und mit ihrem in die Erde vergrabenen Kopf den Himmel anstarren.“

Nun durchquerten wir die nicht minder schreckliche Wüste. Steinhau­fen waren da und Gruben, aus denen Wasserschlangen hervorkrochen und Drachen herausflogen. Es ging fortwährend bergab bis in ein Tal mit Hütten, die zusammen eine Art Stadt bildeten. Die Häuser bestan­den aus Stangen und Lehm und waren mit Blech gedeckt, die zuerst winkeligen Gassen erweiterten sich und führten zu Plätzen. Es war fin­ster, weil der Himmel bedeckt war, und erst als wir empor blickten, ward uns Licht gegeben, sodaß wir Menschen sahen. Ich fragte diese: „Könnt ihr denn hier sehen?“ Sie antworteten: „Was fragst du da? Freilich sehen wir und wandeln im Licht!“ Und der Engel erklärte: „Ihre Finsternis ist für sie Licht, unser Licht aber Finsternis. Sie glei­chen Nachtvögeln, sie sehen niederwärts, nicht aufwärts!“

Wir schauten da und dort in die Hütten hinein und fragten, ob sie mit einem einzigen Weibe lebten. Da riefen sie zischend: „Was? Bloß mit Einem Weib? Oder mit Einer Dirne? Denn was sind die Weiber ande­res? Nach unseren Gesetzen dürfen wir allerdings nur mit Einer schla­fen, aber außer Haus kann man sich andere nehmen. Das gilt nicht als unanständig und unziemlich, ja wir erzählen uns davon. So genießen wir in unserer Ungebundenheit mehr Wollust als andere in ihrer Viel­weiberei. Wir verstehen freilich nicht, warum man bei uns das Leben mit mehreren Weibern offiziell verbietet, da es doch überall anderswo gestattet war und noch heute ist. Das Leben mit nur einem Weib ist Gefangenschaft, aber wir sprengen die Riegel, reißen uns aus dieser Sklaverei los und machen uns frei! Wer verdenkt es einem Gefangenen, daß er sich befreit, wenn es möglich ist?“ Hierauf erwiderten wir: „Freund, du sprichst wie einer, dem tiefere Einsicht fehlt! Jeder mit nur einiger Vernunft Begabte sieht ein, daß die Ehe heilig und himm­lisch ist, die Hurerei aber unheilig und höllisch. Jene ist bei den Engeln im Himmel, diese aber bei den Teufeln in der Hölle!“ Da lachte er aus voller Brust und hielt uns für einfältig oder verrückt.

Jetzt lief ein Amtsbote herbei und rief: „Führt die beiden auf den Ge­sichtsplatz, und wenn sie sich sträuben, dann schleppt sie mit Gewalt dahin. Sie sehen aus wie Schatten, sie haben sich hereingeschlichen, sie sind Spione!“ Der Engel raunte mir zu: „Sie sahen uns als Schatten, denn das Licht des Himmels, in dem wir gehen, ist für sie Schatten, und der Schatten der Hölle ist für sie Licht. Da sie nichts für Sünde und daher das Falsche für wahr halten, leuchtet ihnen das Falsche wie den Satanen in der Hölle, und das Wahre verdunkelt sich ihnen zu Schatten der Nacht“. Wir beruhigten den Boten: „Gewalt ist nicht nötig, denn wir folgen dir freiwillig!“ Auf dem Platz war schon eine große Menge zusammengeströmt, und einige Richter traten auf uns zu. Einer flüsterte uns ins Ohr: „Gebt acht, daß ihr nicht gegen die Religion, die Verfassung und die Sitten redet!“ Wir versicherten ihm, nicht dagegen, sondern dafür sprechen zu wollen. Unsere erste Frage lautete: „Was gelten bei euch die Ehen?“ Da murrte die Menge und rief: „Was wollt ihr hier mit Ehen? Ehe ist Ehe!“ Wir fuhren fort: „Was sagt eure Religion über die Hurerei?“ Murrend erwiderte man: „Was soll jetzt die Hurerei? Hurerei ist Hurerei! Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein!“ Wir fragten zum dritten Mal: „Lehrt eure Religion, daß die Ehe heilig und himmlisch, Ehebruch aber unheilig und höllisch ist?“ Das war für viele der Anlaß zu Gelächter, Spott und Hohn: „Fragt über religiöse Dinge die Priester, nicht uns! Sie sind dafür zuständig, weil nichts, was zur Religion gehört, unter das Verstandesurteil fällt. Wißt ihr nicht, daß der Verstand faselt, wenn er sich mit religiösen Geheimnissen beschäf­tigt? Und überhaupt: was hat denn Ehe mit Religion zu tun? Das an­dächtige Seufzen und der Glaube an Versöhnung, Genugtuung und Rechtfertigung macht die Seelen selig, nicht die Werke!“ Einige soge­nannte Weise warnten uns nun und riefen: „Macht euch von hier weg! Das Volk wird ungehalten, wir befürchten Aufruhr, kommt mit uns in den Garten hinter dem Rathaus, da können wir diese Fragen unter uns besprechen!“

Wir folgten. Dort fragten sie uns, woher wir seien und was wir hier vor­hätten, und nun entspann sich folgendes Gespräch: „Wir möchten un­terrichtet werden über eure Auffassung von der Ehe. Ist sie für euch etwas Heiliges?“ „Was heißt heilig? Eher Werke des Fleisches und der Nacht!“ „Ist die Ehe dem nicht auch ein Werk des Geistes? Und was das Fleisch vom Geist her tut, ist das nicht geistig? Und tut der Geist nicht alles, was er tut, aus der Vermählung des Guten und Wahren? Und ist es nicht die geistige Ehe, die eingeht in die natürliche Ehe, in die von Mann und Frau?“ „Ihr nehmt diese Sache zu ernst und packt sie zu tiefsinnig an. Ihr versteigt euch über das Vernünftige hinaus ins Geistige. Wer kann da oben anfangen und dann herabsteigen und urtei­len? Vielleicht habt ihr Adlerflügel und könnt euch in die höchsten Regionen des Himmels erheben und alles durchschauen - wir können es leider nicht!“ „Aber auch ihr sprecht ja vom ´Geistesflug`! Versucht doch einmal, die Idee der ehelichen Liebe Eines Mannes mit Einem Weibe mitzudenken, in der alle himmlischen Seligkeiten, Wonnen, Freu­den, Reize und Genüsse versammelt sind und die vom Herrn gemäß der Aufnahme Seines Guten und Wahren geschenkt wird!“ Da aber wand­ten sie sich brüsk ab: „Diese Männer rasen! Sie dringen mit ihrem Denken in den Äther ein und streuen Nüsse umher, indem sie Leeres weissagen!“

Dann drehten sie sich wieder uns zu und riefen: „Wir wollen geradezu auf eure windigen Orakelsprüche und Träume antworten: Was hat die eheliche Liebe mit der Religion und mit Gott zu tun? Ist sie nicht in jedem je nach dem Zustand seiner Potenz? Ist sie nicht ebenso bei denen außerhalb der Kirche wie bei denen innerhalb, ebenso bei den Heiden wie bei den Christen, ebenso bei den Gottlosen wie bei den Frommen? Hat nicht jeder die Kraft dieser Liebe entweder durch Ver­erbung oder infolge seiner Gesundheit, weil er mäßig lebt, oder dank dem Klima? Kann sie nicht durch Medizin gestärkt und aufgestachelt werden? Gibt es nicht Ähnliches bei den Tieren? Ist diese Liebe nicht Sache des Fleisches, was aber hat das Fleisch mit dem Geist zu tun? Ist der Orgasmus einer Ehefrau im Geringsten verschieden von dem einer Dirne? Empfinden nicht beide die gleiche Lust mit dem gleichen ver­gnügen? Also ist es Unsinn, den Ursprung der ehelichen Liebe von Heiligkeiten abzuleiten!“ Wir entgegneten: „Ihr urteilt aus der Brunst der Geilheit und nicht aus der ehelichen Liebe. Ihr wißt überhaupt nicht, was sie ist, weil sie bei euch erkaltet ist! Eure Reden haben uns verstehen gelehrt, warum euer Zeitalter genannt wird Eisen mit Ton vermischt. Beide können sich nicht verbinden und haften nicht zusam­men. Ihr macht die eheliche Liebe und die buhlerische Liebe zu Einer, doch sie sind ebenso unverbindbar wie Eisen und Ton. Man nennt euch Weise, aber ihr seid nichts weniger als das!“ Jetzt schrieen auch sie von Zorn entbrannt und holten Volkshaufen, um uns hinauszuwerfen, aber wir streckten aus der Macht des Herrn die Hände aus, und siehe, alsbald kamen fliegende Schlangen, Hydren und Drachen über die Stadt und fielen die Menge an, die erschrocken die Flucht ergriff. Beim Weggehen sagte der Engel zu mir: „Täglich kommen hier neue Menschen von der Erde an. Die früher Gekommenen werden von Zeit zu Zeit in Schlünde des Westens geworfen, die von ferne wie Feuer‑ und Schwefelseen erscheinen!“

Auf dem Rückweg unterhielten wir uns über die Abwandlungen der ehelichen Liebe in den Menschheitszeitaltern und ihr allmähliches Ab­sinken, das Schritt hielt mit der jeweiligen Liebe zum Herrn und seiner Anerkennung als Schöpfer und Erhalter. Zum Schluß sagte der Engel, mein Führer und Begleiter: „Ich nähre trotzdem die Hoffnung, daß die eheliche Liebe vom Herrn wieder auferweckt werden wird, denn ihre Wiedererweckung bei den Menschen ist immer möglich!“ (74-79)

*   *   *

 

       Inhalt

1.  Sexualität und eheliche Liebe – in der Schau Emanuel Swedenborg

2.  01,0 – Streifzug durch die heutige Diskussion der Sexualität und Ehe

3.  02,0 - Emanuel Swedenborg und sein Werk über die "Eheliche Liebe"

4.  02,1 - Leben und Wirkung

5.  02,2 - De amore coniugali - de amore scortatorio

6.  02,3 - Wunschtraum oder tiefsinniger Entwurf?

7.  02,4 - Hinweise des Herausgebers

8.   

9.  1. Teil _ MAN  UND  WEIB

10.              Geschlechtsliebe – eheliche Liebe – buhlerische Liebe

11.              03,0 - Der große Lebenszusammenhang

12.              03,1 - Visibilia et invisibilia

13.              03,2 - Die Schöpfung

14.              03,3 - Amor ipse - amor humanus

15.              03,4 - Das trinitarische Prinzip

16.              04,0 - Der Mensch

17.              04,1 - Die Stellung des Menschen in der Schöpfung

18.              04,2 - Die Struktur des Menschen

19.              04,3 - Der Mensch als Bürger zweier Welten

20.              04,4 - Der Ursprung des Bösen

21.              05,0 - Der Ursprung der ehelichen Liebe

22.              05,1 - Die Ehe des Guten und Wahren

23.              05,2 - Die universelle eheliche Sphäre

24.              05,3 - Die Elemente der Schöpfung

25.              06,0 - Mann und Weib

26.              06,1 - Die Teilung des Menschen in zwei Geschlechter

27.              06,2 - Swedenborgs Deutung der geschlechtlichen Differenzierung des Menschen

28.              06,3 - Der biblische Schöpfungsbericht

29.              06,4 - Die verschiedene Wesensart von Mann und Weib

30.              06,5 - Die geschlechtsgebundene Eigenart und Form

31.              06,6 - Männliche und weibliche Menschengestalt

32.              07,0 - Die Missionen der Geschlechter

33.              07,1 - Die Rolle des Mannes

34.              07,2 - Die Rolle des Weibes

35.              07,3 - Die geheime Klugheit der Frau

36.              07,4 - Die dem Mann und der Frau eigentümlichen Aufgaben

37.              07,5 - Echter und falscher Wettstreit der Geschlechter

38.              08,0 - Das Ewig‑Weibliche und -Männliche und das menschlich Weibliche und Männliche

39.              08,1 - Verschiedenartige Bedeutungen von „männlich“ und „weiblich“

40.              08,2 - Swedenborgs Schau in Goethes „Chorus mysticus“

41.              09,0 - Geschlechtsliebe und eheliche Liebe

42.              09,1 - Die dreierlei Arten der Geschlechtsliebe

43.              09,2 - Der Unterschied von Geschlechtsliebe und ehelicher Liebe

44.              09,3 - Der Zusammenhang von ehelicher Liebe und Menschwerdung

45.              09,4 - Der Weg der ehelichen Liebe

46.              10,0 - Die Ehe des Herrn mit der Ecclesia

47.              10,1 - Was heisst „geistig“?

48.              10,2 - Die drei Regionen im Menschen

49.              10,3 - Der Gang der  Menschwerdung

50.              10,4 - Weisheit und Intelligenz

51.              10,5 - Der Mensch als Ecclesia

52.              10,6 - Mann und Weib zusammen sind Ecclesia

53.              10,7 - Ursprung und Analogie der ehelichen Liebe

54.              10,8 - Die Ehe als Heimstätte der Menschwerdung

55.              10,9 - Auftrag und Verantwortung der Christenheit

56.              11,0 - Die Keuschheit

57.              11,1 - Was ist keusch?

58.              11,2 - Nur die wahrhaft eheliche Liebe ist keusch

59.              12,0 - Ehe und Ehelosigkeit

60.              12,1 - Vorrang der Ehelosigkeit?

61.              12,2 - Gleichstellung von Ehe und Ehelosigkeit?

62.              12,3 - Der Vorrang der Ehe

63.              12,4 - Das Lebenspensum der Ehelichen und der Ehelosen

64.              13,0 - Die innige Verbindung der Seelen und Gemüter

65.              13,1 - Das Streben nach Verbindung zur Einheit

66.              13,2 - Die allmähliche Verbindung

67.              13,3 - Die Idee des Ewigen in der Ehe

68.              14,0 - Die Fülle der ehelichen Liebe

69.              14,1 - Die Seligkeiten der ehelichen Liebe

70.              14,2 - Die eheliche Vereinigung als Zusammenfassung aller Wonnen

71.              14,3 - Einheiligung des Sexuellen

72.              14,4 - Das hohe Lied der ehelichen Liebe

73.              14,5 - Blick nach Indien

74.              15,0 - Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts

75.              15,1 - Mann – Weib - Kind; das Trinitarische Prinzip

76.              15,2 - Die Sphäre der Fortpflanzung

77.              15,3 - Die Anteile des Vaters und der Mutter am Kind

78.              15,4 - Die Vererbung von Anlagen auf die Kinder

79.              15,5 - Sinn und Zweck der Ehe

80.              15,6 - Das heutige Problem der Übervölkerung der Erde

81.              16,0 - Eheliche Liebe und Kinderliebe

82.              16,1 - Die Sphäre des Hervorbringens und die Sphäre der Erhaltung

83.              16,2 - Die Sphäre der Kinderliebe

84.              16,3 - Die Unschuld des Kleinkindes

85.              16,4 - Kinderliebe und Erziehung geistiger und natürlicher Eltern

86.              16,5 - Die Kinder in der geistigen Welt

87.              17,0 - Von den Veränderungen der Lebenszustände von Mann und Weib

88.              17,1 - Die Zustandsveränderungen der Ehe

89.              17,2 - Mann und Weib vor und in der Ehe

90.              17,3 - Abhängigkeit des letzten Zustands vom ersten

91.              17,4 - Die Ordnung der Entwicklungsstufen der Ehe

92.              17,5 - Die Partnerwahl

93.              18,0 - Die Eifersucht

94.              18,1 - Eifer und Eifersucht

95.              18,2 - Der Sinn des Eifers

96.              18,3 - Der Unterschied des Eifers für das Gute vom Eifer für das Böse

97.              18,4 - Die verschiedene Arten der Eifersucht

98.              18,5 - Gründe für fehlende Eifersucht

99.              18,6 - Der Unterschied der männlichen und weiblichen Eifersucht

100.          19,0 - Freundschaft und scheinbare Liebe in der Ehe

101.          19,1 - Die scheinbar eheliche Liebe

102.          19,2 - Die eheliche Verstellung

103.          19,3 - Der Kampf um die Herrschaft in der Ehe

104.          20,0 - Von den Ursachen der Kälte, Trennung und Scheidung

105.          20,1 - Innere Ursachen der Erkaltung der ehelichen Liebe

106.          20,2 - Äußere Ursachen der Erkaltung

107.          20,3 - Berechtigte Trennungsgründe

108.          20,4 - Grund für Ehescheidung

109.          21,0 - Abirrungen und Verirrungen Sex, Lüsternheit, Hurerei

110.          21,1 - Der Mensch zwischen Gut und Böse

111.          21,2 - Eheliche und buhlerische Liebe

112.          21,3 - Der Ursprung der buhlerischen Liebe

113.          21,4 - Der Kontrast der Lustreize

114.          21,5 - Die Ambivalenz des Geschlechtlichen

115.          21,6 - Mensch und Unmensch

116.          21,7 - Grade der Unzucht und Hurerei

117.          21,8 - Zügellose Ausschweifung

118.          21,9 - Vorsichtige Ratschläge für unverheiratete junge Männer

119.          22,0 - Der Zustand der Geschlechter nach dem Tod

120.          22,1 - Die erste Phase des Lebens in der geistigen Welt

121.          22,2 - Das Fortleben des Menschen als Mann oder Weib

122.          22,3 - Zwei Ehegatten im Himmel  =  ein Engel

123.          22,4 - Geistige Fortpflanzung im Himmel

124.          22,5 - Der Ehesinn als Waage der ehelichen Liebe

125.          22,6 - Das Los der Irdisch Ehelosen

126.          22,7 - Jesu Gespräch mit den Sadduzäern

127.           

128.          2. Teil _ MEMORABILIA - DENKWÜRDIGE KUNDE AUS DER GEISTIGEN WELT

129.          23,0 - Des Sehers Blick in die geistige Welt

130.          23,1 - Der Mensch im anderen Leben

131.          23,2 - Die Enthüllung des inneren Menschen nach dem Tod

132.          23,3 - Engel und Teufel in Goethes "Faust"

133.          23,4 - Von den Entsprechungen des menschlichen Körpers mit dem „Größten Menschen“

134.          23,5 - Von der  himmlischen Harmonie

135.          24,0 - Von der Seele

136.          25,0 - Die Ehe des Guten und Wahren

137.          26,0 - Was bedeutet „rechts“ und „links“?

138.          27,0 - Von den Auswirkungen der Liebe und Weisheit

139.          28,0 - Vom Ursprung der menschlichen Geschlechter

140.          29,0 - Die Regionen der ehelichen Liebe

141.          30,0 - Gibt es im Himmel eine Liebe der Geschlechter?

142.          31,0 - Von den Ehen im Himmel

143.          32,0 - Von den Freuden der Weisheit

144.          33,0 - Von den seligen Gefühlen der ehelichen Liebe

145.          34,0 - Die Keuschheit der ehelichen Liebe

146.          35,0 - Vom Ursprung der Schönheit

147.          36,0 - Von der Schönheit des Weibes

148.          37,0 - Warum das Weib nicht ihre Schönheit, der Mann nicht seine Verständigkeit lieben darf

149.          38,0 - Vom Mädchen zur Gattin

150.          39,0 - Der goldene Regen

151.          40,0 - Von der geheimen Klugheit des Weibes

152.          41,0 - Vom ewigen Frühling im Himmel

153.          42,0 - Hervortritt erster Jugendkraft

154.          43,0 - Die Gestalt der ehelichen Liebe

155.          44,0 - Von der Entstehung des Bösen

156.          45,0 - Der richtige Aufbau des Menschen und seine Umkehrung

157.          46,0 - Wie man verschieden das gleiche sehen kann

158.          47,0 - In  den Höllen der sexuellen Ausschweifungen

48,0 - Die eheliche Liebe von einst bis heute

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