Leopold Engel
Im Jenseits
Führungen einer Seele
Kundgabe eines
Jenseitigen durch Leopold Engel
Vorwort
Die Kundgabe eines
Jenseitigen an seinen Sohn entstand im Frühjahr 1921. Sie stellt dar die
jenseitigen Führungen und Erfahrungen eines Abgeschiedenen, der im irdischen
Leben schon die Neuoffenbarungen durch den deutschen Mystiker und Seher Jakob
Lorber (1800-1864 in Graz, Steiermark) kennen und schätzen durfte.
Der sich Kundgebende
ist der verstorbene Konzertmeister Karl E. Schon als Kind hatte derselbe eine
besondere Vorliebe für allerhand Künste gezeigt. Als Knabe reiste er mit seinem
Vater und seinem Bruder in Holland und gab Konzerte. Die beiden Brüder galten
als Wunderkinder. Karl wurde ein ganz hervorragender Violinspieler, der alle
technischen Schwierigkeiten leicht bewältigte; spielte er doch sämtliche
Kompositionen von Paganini — ähnlich wie Jakob Lorber — unverändert. Einen
Namen machte sich Karl E. in reiferen Jahren aber auch als Faustforscher. Er
war auf dem Gebiete dieser Literatur eine Autorität. Auch erstreckte sich sein
Interesse und Verständnis auf alle Gebiete der Seelenforschung und der
Erkenntnis der geistigen Welt.
Um so interessanter
dürfen für unsere Leser die jenseitigen Erfahrungen dieses bedeutenden Mannes
zu lesen sein. Bewahrheiten sich ihm drüben die im Diesseits durch Seher
Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber gewonnen Erkenntnisse?
Nach Jakob Lorber
gelangen alle Seelen, welche ohne die vollkommene geistige Reife aus dem
irdischen Leben scheiden, drüben, zunächst in der Luftatmosphäre unseres
Weltkörpers weilend, in eine Art Traumleben. Sie verlieren der Regel nach die
Sehe für die irdische Welt und entwickeln aus den im Leibesleben gehegten
Gedanken, Neigungen und Trieben eine, von den Schutzgeistern und Engeln Gottes
unvermerkt geleitete, innere Phantasiewelt — gleichsam wie einen überaus
lebendigen Traum. Dieses traumartige seelische Innenleben gestaltet sich, je
nach der guten oder schlechten Beschaffenheit der Seele, entweder paradiesisch
schön und gut — oder höllisch düster und arg. — Sowohl durch die paradiesischen
als auch durch die höllischen Innenerlebnisse soll die Seele zum Ziele der
Vollendung in Gott gereift, d.h. also zur Überwindung aller widergöttlichen
Selbstliebe und Selbstherrlichkeit durch die reine Gottes- und Nächstenliebe
angeeifert werden. — Sträubt sich eine hartnäckig gottfeindliche,
selbstsüchtige Seele gegen diese Schule Gottes, so gelangt sie in immer höllischere
und peinvollere Innenzustände voll Haß und Zorn gegen Gott und alle
Mitgeschöpfe — und das heißt man Hölle. — Folgt sie dagegen dem Engelsrufe zum
Licht und zur Liebe, dann erlangt sie, sich läuternd, Verbindung mit ihrem
inneren Gottesgeistfunken und durch diesen mit der ganzen geistigen und
materiellen Schöpfungswelt und darf dann als gereifter Himmelsbürger ihre
Seligkeit finden in der Mitarbeit am großen Liebewerke der Schöpfung und
Erlösung.
In dem vorliegenden
Büchlein erfahren wir von dem abgeschiedenen Erdenpilger seine seelischen
Innenerlebnisse im paradiesischen Traumleben, wodurch er vorbereitet wurde, um
durch höchste, tateifrige Liebe in die Herrlichkeit der Himmel einzugehen.
Es ward ihm von der
Gnade Gottes vergönnt, durch die Mitteilung seines mit der Gabe des geistigen
Hellhörens ausgerüsteten Sohnes, Leopold Engel, diese Botschaft an die noch im
Erdenkleide wandelnde Menschheit ergehen zu lassen.
Mögen die daraus
sprechenden Lehren vielen zum Heile sein!
Bietigheim, Herbst 1949
Die Herausgeber: Lorber-Gesellschaft, E.V. Bietigheim,
Württ.
* * *
Mein Lieber Sohn! Du
bist bereit zu schreiben, und das erfreut mich ungemein, da ich überzeugt bin,
daß meine Erfahrungen auch dir von Nutzen sein werden und andren. So höre bitte
genau zu!
Als ich, wie man
sagt, im Sterben lag und auch fühlte, daß es mit mir zu Ende ging, rief ich,
wie du weißt, den himmlischen Vater um Hilfe an; denn ich muß bekennen, daß mir
der Gedanke denn doch nicht so ganz sympathisch war, von der Erde scheiden zu
müssen. Ich wäre ganz gerne wieder gesund geworden und hatte damals keine
Ahnung, welche Gnade doch mir eigentlich zuteil wurde, daß ich die für euch so
trübe Zeit gar nicht mehr auf Erden zu durchleben brauchte. — Mein Rufen
verhallte auch nicht ungehört; denn mir erschien mein Vater, der dir über
seinen Hingang doch auch genaue Mitteilungen zukommen ließ, und tröstete mich,
wies mich auf den Herrn hin, — und ganz plötzlich fühlte ich, daß mein Körper
wie etwas schweres von mir abfiel und ich ganz frisch und munter dastand. Mein
Vater umfaßte mich; mich überfiel eine Müdigkeit, sodaß ich nicht mehr recht
wußte, was mit mir geschah, sondern empfand nur, daß ich emporgehoben und
fortgeführt wurde.
Als sich meine Sinne
wieder sammelten und ich meine Umgebung erkannte, befand ich mich in einem
schönen Garten. Mein Vater stand neben mir und begrüßte mich freundlichst. Ich
sei jetzt von der Welt abgeschieden, sagte er, und in seinem Heim, in dem ich
vorläufig bei ihm bleiben sollte. Natürlich war ich sehr erstaunt über diese
Worte, noch mehr aber darüber, daß mein Vater tatsächlich ein solches Haus
bewohnte, wie er es dir damals beschrieb, nur war es jetzt bedeutend größer als
die Beschreibung damals angab, schön eingerichtet und von einem großen Garten
umgeben, der blühende und Früchte tragende Bäume, Sträucher und allerhand Pflanzen
enthielt. Hier fand ich auch meine verstorbene Mutter vor, die erste Frau,
nicht deren Schwester, Vaters zweite Frau, sowie meine Schwester Wilhelmine.
Die anderen leben nicht bei ihm, auch Friedrich, mein Bruder, nicht.
Ich blieb längere
Zeit dort in herrlicher Ruhe und Harmonie, erkannte dann aber immer mehr, daß
dieser Zustand doch nicht immer so bleiben könne, und daß ich nicht untätig
bleiben solle. Die Schwächen des Alters waren ja von mir gewichen; ich fühlte
mich stark und regsamen Geistes, wußte aber noch nicht, wie es anzufangen sei,
selbständig zu werden. Das wundert dich. Ich hatte doch die neuen
Offenbarungsschriften gelesen und konnten mir eigentlich die verschiedenen
Zustände des Jenseits doch gar nicht unbekannt sein; aber das Ding hat einen
großen Haken.
Stelle dir vor, du
schreibst viele Geschichten, die auch alle mehr oder weniger gute Lehren
enthalten, du hast auch Schriften vorzüglichen Inhalts geschrieben voller
Lebensweisheit, lehrst Selbst- und Menschenkenntnis, und doch handelst du oft
recht verkehrt, weil Theorie und Praxis zweierlei ist. So erging es auch mir.
Du hast dich manchmal geärgert, wenn ich keine Neigung hatte, die Geschehnisse
des Evangeliums auch auf jetzige Dinge des Spiritismus zu übertragen, da doch
viel Gleiches auch heute geschieht. Du hattest damit nicht Unrecht.; denn diese
Erkenntnis mußte ich mir erst jetzt drüben erwerben. Ich sagte mir aber, wenn
ich den Herrn so recht von Herzen bitte, mir die rechte Erleuchtung und Hilfe
zu geben, so werde ich sie gewiß erhalten. Ich wandte mich daher auch voller
Hingabe an diese einzig richtige Quelle und hoffte, den Herrn Selbst bald sehen
zu können. Letzteres geschah aber nicht, trotz meines Bittens. Der Großvater
hatte doch damals den Herrn Selbst gesehen, wie er dir mittelte, warum ich
nicht? Das ging mir sehr durch den Kopf; ich fand jedoch keinen Aufschluß
darüber.
Als ich nun im Garten
mich zurückgezogen hatte und recht von Herzen um Erleuchtung bat, da hörte ich
meinen Namen rufen. Ich sah auf und bemerkte wenige Schritte von mir meinen
alten, dir bekannten Freund Thieme, mit dem ich schon in Petersburg eng
befreundet war. Er eilte auf mich zu; wir umarmten uns und freuten uns sehr,
daß wir uns wiederfanden.
Er erklärte mir, daß
er den Auftrag habe, mir Aufschlüsse zu geben über vieles, was mir not täte und
wolle mit mir eine kleine Reise antreten, in der er mir als Führer dienen
wolle.
Zuerst ging die Reise
nach seiner eigenen Behausung, die, wie er sagte, er durch seine Willenskraft
mit der Gnade des Herrn errichtet habe. Es war ein Gebäude ungefähr im Aussehen
der Greifenburg, nur architektonisch schöner gebaut, in dem er eine Art
Gasthaus für Durchreisende eröffnet hatte. Das wird dich wundern; denn ein Gasthaus
im Geisterlande erscheint ein Unding, — und doch ist es so.
Überlege dir,
wieviele Seelen hier ankommen voll innerer Unruhe und Unrast. Sie haben keinen
anderen Gedanken, als nur vorwärts zu stürmen, andere Menschen und Gegenden zu
sehen. Sie sind nicht schlechte Menschen, wurden auf der Erden wie Gefangene
gehalten mit der ewigen Sehnsucht im Herzen, aus ihrem engen Kreis herauszukommen.
Nun fühlen sie sich frei, wollen sich austoben, ja sie wissen auch meist, daß
sie von der Erde losgelöst sind. Solche Menschen gibt es viele, Weltenbummler,
reiche Leute, die es nirgends lange aushielten, weil sie eigentlich nichts zu
tun hatten, dann Gelehrte, die da glaubten, alles Heil liege im Erforschen
fremder Gegenden. Allen diesen muß Gelegenheit gegeben werden, sich selbst zu
beweisen, daß bei diesem Umherbummeln nichts herauskommt; sie müssen sich den
Kopf einrennen, damit sie nachdenken und müssen allmählich eines Besseren
belehrt werden.
DA sind nun die
Gasthäuser ein Werkzeug, um sie zur Einkehr in sich selbst einzuladen; denn
sind sie erst einmal äußerlich eingekehrt, so kommen sie ganz so schnell nicht
wieder los. Wohl oder übel müssen sich den Gebräuchen dieser Gasthäuser fügen.
Es werden dort Versammlungen, Vorträge und allerhand Vorführungen veranstaltet,
die auf das geistige Ich des Menschen hinweisen und zum Nachdenken zwingen,
wenn die Sucht etwas abgeflaut ist. Andere erhalten Weganweisungen, die wieder
ihrer Unrast ein Hindernis geben und sie manchmal in verzwickte Situationen
bringen, aus denen ihnen aber stets herausgeholfen wird.
Thieme nun war stets
ein Mensch, der gerne aus Menschenliebe anderen mit Rat und Tat (auf Erden fiel
ihm letzteres sehr schwer, da er doch nur ein armer Musikant war) zur Seite
stand; daher war er für diesen Posten sehr geeignet und zeigte er mir viel
Interessantes, wie er wirken durfte und Erfolge erzielte.
Du weißt, daß ich auf
Erden an einer mich oft hemmenden Schwerfälligkeit litt, wenn es darauf ankam,
andere zu belehren. Du bist darin von jeher fixer gewesen; ich aber konnte es
nicht, fand nicht die rechte Worte und sagte daher meist: "Das muß man
selbst lesen!"
Nun durch das
Beispiel, daß mir bei Thieme wurde, der ja eine ganz vorzügliche Rednergabe
schon auf Erden besaß, wurde ich von meiner Schwerfälligkeit befreit. Mir wurde
das auch viel leichter, da ja körperliche Hindernisse nicht mehr vorlagen und
ich nur einige Übung im Hinaustretenlassen meiner Gedanken brauchte, um
ebenfalls ein guter Redner zu werden. Ich bin es also dort geworden und werde
es bleiben. — Aber noch andere Dinge lehrte ich dort. Auf Erden behagte mir die
Gesellschaft aller Menschen keineswegs. Das ist auch verständlich, denn die Menschen
sind ja nicht alle so, daß ein Umgang mit ihnen wünschenswert ist; aber man
soll doch stets im Menschen den Menschen sehen, seinen Nächsten, sich nicht
besser dünken als ein anderer und im pharisäerhaften Dünkel sagen: "Ich
danke dir mein Gott, daß ich nicht bin wie jener." — Wenn ich nun nicht
gerade von mir sagen kann, daß ich an Überhebung litt, aber so etwas wie das
Hochgefühl eines besseren Ichs war doch in mir. Dadurch wird man hart gegen
andere, die einem nicht passen, und ich muß bekennen, daß ich manchen armen
Teufel, der sich mir auf Erden näherte, schroff abwies, was ich nicht hätte tun
sollen. Worte wie "Arbeiterpack", "Bummler", "Landstreicher",
waren mir im Bewußtsein des wohlhabenden Pensionärs geläufig und bereue ich
heute aufrichtig und tief.
Bei Thieme kamen nun
die sonderbarsten Käuze, Landstreicher, Bummler, Gelehrte, Fürsten, seelisch
Gebrechliche (über diese später viel Aufklärendes) zusammen. Ich lernte mit
allen verkehren, sie unterrichten, liebevoll behandeln und auch sie
unterstützen, soweit es notwendig wurde. Kurz bei Thieme mache ich eine
Lehrzeit durch, die mir segensreich und freudvoll wurde.
Eines Tages sagte mir
Thieme: "Es ist Zeit, daß du jetzt etwas anderes kennenlernst, lieber
Karl; denn ohne weitere Kenntnisse bleibst du stehen und kommst zu keinem
eigenen Heim, das jeder Geistmensch aber erstreben und besitzen soll. Hier ist
es nicht wie auf Erden, wo das Geld allein die Möglichkeit gibt, sich ein Heim
zu schaffen; bei uns vertritt das Geld die geistige Kraft in der Liebe zum
Herrn. Wer diese entwickelt, besitzt alles; wem sie fehl, ist ein armer
Schlucker" — Also denke jetzt daran, daß du deine geistigen Kräfte
entwickelst, dann wirst du ein Schöpfer im Kleinen und bist auf dem Wege, Gott
ähnlich zu werden!"
Diese Worte erfaßte
ich natürlich voll und war gerne bereit die Wege zu gehen, die mir Thieme
zeigen würde. Ich muß dir aber vorher noch einige Mitteilungen machen über das,
was ich bei Lebzeiten nicht klar erkannte, und was auch dir noch unklar ist, —
da ist das Wesen der Sphäre.
Die Sphäre ist der
Einfluß, den jede Seele auf ihre Umgebung jederzeit ausübt; aber dieser Einfluß
ist bestimmten Gesetzen unterworfen. Das erste Gesetz in der Geisterwelt lautet
so, wie du es bereits erkannt hast: »Das Gleiche zum Gleichen!« Also kann auch
eine Seele nur Einfluß ausüben auf andere Seele, die einesteils ihr
gleichgesinnt und damit auch imstande sind, das zu verstehen, was dieser
Einfluß bezweckt. Nun besteht aber das zweite Gesetz: »Niemand kann der
Vollendung sich nähern, wenn er nicht stufenweise derartig aufsteigt, daß die
überwundene Stufe auch gänzlich durchdrungen und in allen Teilen sein geistiges
Eigentum geworden ist!«
Um nun in niedere und
auch höhere Stufen einzudringen, ist eine Leitung notwendig; denn aus sich
selbst heraus kann niemand ein Mathematiker werden, er braucht dazu einen
Lehrer. Diese Lehrer überwachen einzelne Gruppen, schließen sie in ihr
Machtbereich gewisserart ein und bilden so eine bestimmte Sphäre. In einer
solchen gibt es natürlich Zufluß und Abgang. Wer zum Lehrer berufen wird,
untersteht aber einem anderen, von dem er lernt, dem er aber auch entwickeltere
Seelen überweist, falls die ihm zugeführten ihn selbst überflügeln. Natürlich
will jeder fortschreiten und dadurch dann seine Sphäre erweitern. In dem
eigenen Fortschritt und der Erweiterung der eigenen Sphäre liegt die Gnade des
Herrn, Selbstschöpfer zu werden. Ohne Arbeit aber kein Preis! Ich bin nun im Besitze
einer selbstgeschaffenen Sphäre, in der gewisserart eingeschachtelt eine ganze
Anzahl kleinerer Sphären liegen, die ich meinen Schülern überwiesen habe,
überwiesen mußte, da ich selbst doch fortschritt und die Arbeit der
vorgeschritteneren Seelen so anzuleiten habe, wie ich selbst sie lernte. Dir
wird das noch klarer werden, wenn ich dir den weiteren Fortgang meiner Entwicklung
mitteilte. —
* * *
Als Thieme mich
aufforderte, doch nun mit ihm zu gehen, meinte er gleichzeitig, daß wir uns nun
längere Zeit nicht mehr sehen würden; denn er könnte, wenn er mich verlassen
haben würde, nicht sogleich wieder zu mir kommen und müßte sein Haus weiter
verwalten. Mich machten diese Worte stützen; denn ich erwartete doch, mit ihm zurückkommen
zu können, und nicht, daß er mich allein lassen wolle. Ich hatte ja keine
Ahnung, daß solches Reisen jetzt ein Eingehen in eine andere Sphäre bedeutet,
und daß demzufolge seine Worte diesen Sinn einschlossen. — Also, wir verließen
sein Haus und wanderten bei hellem Sonnenschein in eine wunderbar schöne Gegend
hinaus, wie ich bisher noch keine gesehen und an der ich eine herzliche Freude
hatte. Du bist in Norwegen gewesen und
hast dort die reine, unberührte Natur kennengelernt. Stelle dir nun ein Land
vor — noch viel schöner, großartiger und gewaltiger in seinem Aufbau mit geradezu
überwältigend schönen Fernsichten, und du hast dann eine Ahnung von der
Herrlichkeit, die ich zu sehen bekam. Ich war hingerissen und könnte nicht
weitergehen. Tränen traten mir in die Augen über die großartige Schöpfungskraft
Gottes, und ich mußte im stillen Gebet meine Empfindungen sammeln, die mich
sonst geradezu zu Boden geworfen hätten. — "Es ist recht so Karl",
sagte da Thieme, "daß der Anblick dieser herrlichen Gegend deine Gedanken
auf den Herrn richtet, daß du in diesen herrlichen Schöpfungen Seine Weisheit
und Liebe erkennst; aber weißt du auch, was du eigentlich in diesen Bergeszügen,
Tälern, Wäldern und eisgekrönten Gipfeln siehst?" — Ich sah ihn verwundert
und fragend an.
"Alle diese
Dinge stellen dir dar die Herrlichkeiten Seiner offenbarten Wahrheiten, deren
Hören allerdings den Menschen tief rührt, aber die an sich nur einer schönen,
wunderbaren Gegend gleichen wie diese, — wenn der Mensch nur durch das Anschauen
allein wohl die Schönheit, die wunderbare Schöpfung eines mächtigen
Gottesgeistes empfindet, nicht aber, wie derselbe in dieser waltet, wie er
sorgsam jedes Keimlein pflegt, ausbildet und mit dem wahren Lichtbalsam seines
innersten Wesens erfüllt. Ja, das ist dann wohl sehr überwältigend, — bringt
den Menschen aber nicht weiter; dieser gleicht dann einem Wandersmann, der
immer nach weiteren Schönheiten, nach neuen schönen Gegenden sucht und dabei
ganz vergißt, sich heimisch zu machen an einer schönen, selbstgewählten Stelle,
dort sein Haus zu errichten und von diesem aus nun die ihm zugängliche Gegend
gründlichst zu erforschen und zu beackern. Sieh einmal, Karl, hast nun die
herrliche Landschaft schon auf Erden gehabt, du hast in den Offenbarungen
gelesen, geschwelgt; aber was hast du denn eigentlich dadurch errungen? Bist du
nicht auch nur ein Wandersmann gewesen, der sich nie besonders um andere, die
des Weges kamen, kümmerte, dem es unangenehm war, in seinen Betrachtungen der
herrlichen Gegenden gestört zu werden und sich womöglich verbarg, wenn er die
Tritte eines Näherkommenden hörte, der sich der Gegend unkundig zeigte und
gerne den rechten Weg gewiesen haben wollte? Und dann, wie war es denn mit der
Nutzanwendung? Machte dich das Betrachten der schönen Gegend auch weicher,
mitteilsamer, geduldiger, nachsichtiger und vor allen Dingen liebevoller? Oder
bliebst du nur der egoistische Genießer, nicht aber der freudige Täter, Helfer
und Förderer, der da nie von sich sagt: 'Ich habe genug gearbeitet!'? Was meinst
du nun dazu?"
Mir vielen Thiemes
Worte wie Steine auf mein Herz. Mir schien es, als würde die erst so
sonnenklare, wunderbare Gegend immer dunkler, fiele in Dämmerung und würde ganz
finster werden. Eine unsägliche Lebensangst überfiel mich. Ich klammerte mich
an den mir so nahestehenden Thieme fest an und rief laut: "Freund, Bruder,
deine Worte lassen mich die Dunkelheit sehen, in der ich bisher gelebt habe! Du
bist der weit Fortgeschrittene, ich habe das längst erkannt; du kannst mich
auch zu der Tätigkeit einführen, deren ich so dringend bedarf. Verlasse mich
nicht, zeige mir vor allen Dingen den Weg, der am schnellsten zum Herrn führt,
damit ich nun jetzt nicht nur Hörer und Lehrer Seiner Wahrheiten bin, sondern
vor allen Dingen ein tätiger Vollbringer. Ich bitte dich um unseres Vaters Jesu
willen!"
Thieme schloß mich
fest in seine Arme, und ich hörte, während ich mein Gesicht an seiner Schulter
barg, ihn laut beten und den Herrn bitten, mir Kraft und Erleuchtung zu geben.
Da wurde es wieder um
mich hell und klar. Ich betete aus vollem Herzen mit ihm, und in noch
strahlenderer Pracht sah ich jetzt ringsum die Höhen und Täler erglänzen.
Wir standen auf der
Höhe eines mittleren Berges. Unter uns war lachendes Tal, durchzogen von einem
klaren Bach. Unendlicher Friede schien dort zu herrschen. Die Fülle der
Gewächse, Bäume und Sträucher, die teils voller Früchte hingen, rief uns
geradezu die Aufforderung entgegen, hinabzusteigen, zu essen und zu ruhen.
"Laß und dorthin
hinabgehen!" meinte Thieme. "Wir wollen uns dort über den weiteren
Weg beraten." — Ich war damit gerne zufrieden, und wir stiegen hinab.
Es war ein
überraschend schönes Tal, in das wir nun gelangten, dessen Schönheiten aus der
Höhe gar nicht so wahrgenommen werden konnten, wie nunmehr unten. Ich empfand
es als Wohltat, mich in dem hohen Gras niederzulegen und die wunderbare Stille
und Ruhe auf mich einwirken zu lassen. Ein merkwürdiges Heimatgefühl erfaßte
mich, als gehöre ich gerade hierhin, und als sei dieser Grund und Boden mein
Eigentum. Es war eine ganz merkwürdige Empfindung, die mich erfaßte und
schweigsam machte.
Thieme beobachtete
mich lächelnd und sagte endlich, mich leise berührend: "Nun sage mal,
Karl, wie gefällt es dir hier?" — "Wunderbar! Mir ist, als sollte ich
nie wieder von hier fortgehen!"
"Daran hindert
dich ja nichts. In dem jetzigen Zustand verjagt dich keine kalte, bittere
Jahreszeit, kein Sturm, kein Regen. So wie sie jetzt ist, bleibt die Gegend dir
erhalten; also zwingt dich auch nichts, sie zu verlassen. — Aber schließlich
würde das Verweilen dir doch entsetzlich langweilig werden; meinst du
nicht?"
"Selbstverständlich
will ich arbeiten, etwas tun, gemäß dem Willen des Herrn. Ich denke, du wirst
mir angeben, was ich am besten anfange!?" antwortete ich.
"Höre einmal, mein
lieber Freund, ich denke, das brauche ich dir gar nicht zu sagen; das muß du
selbst wissen! Violinspielen ganz allein, ohne Zuhörer, dürfte dich hier wenig
erfreuen; wenn wir ja auch Musik und Kunstfertigkeiten der freien Künste sehr
schätzen, sogar pflegen, so ist doch mit diesen allein auf die Dauer hier
nichts anzufangen. Bei uns heißt es: praktische Arbeit leisten, wie du bei mir
kennengelernt hast; also fange damit an!"
"Werden denn
nach dieser, wie mir scheint recht unbekannten Gegend auch andere Seelen
kommen?" fragte ich.
"Es kommen
überall Seelen dorthin, wo sie Aufklärung zu erhalten hoffen und der
magnetische Liebeseinfluß sie hinzieht. Namentlich auf den letzteren kommt es
an; denn ohne denselben kannst weder du dich ihnen, noch sie sich dir nähern.
Das Weitere wird dann von denen geleitet, unter deren Führung du selbst stehst.
Wenn du dieses geheimnisvolle Gesetz der Liebesbetätigung kennst und befolgst,
so hast du eigentlich so ziemlich alles, was Leben und Tätigkeit bedingt. Auch
Gott kannst du dich nicht anders nähern, und Er wird Sich dir nicht kundgeben,
wenn du Ihn nicht durch den Magnetismus deiner Liebe anziehst. Also handle
darnach, und du besitzest bald alles!"
Als Thieme so zu mir
sprach, war mein Entschluß auch sofort gefaßt. "Ich bleibe hier, mein
lieber Freund", sagte ich, "und werde mit aller Kraft versuchen, mir
hier das Heim zu schaffen, von dem du sprachst, und das ich von ganzem Herzen
mir und anderen zu erbauen wünsche. Ich merke sehr wohl, daß es im Geisterlande
denn doch etwas anders zugeht, als ich mir auf Erden gedacht habe, und daß man
zuerst an regsame eigene Arbeit denken muß, ehe einem das Weitere zufällt. Habe
ich auf Erden da manches versäumt, so werde ich aber jetzt um so regsamer sein.
Darüber viel zu reden, mit guten Absichten zu prahlen, hat keinen Sinn, Taten beweisen! So sage mir jetzt vor allen
Dingen, wie fange ich es an, mir zunächst ein Häuschen zu erbauen; denn Maurer
und Zimmermeister war ich nicht, ahne aber, daß man hier auch beides sein kann,
ohne diese Handwerke überhaupt gelernt zu haben."
"Da hast du sehr
recht, mein lieber Karl!" rief Thieme lachend. "Auch ich habe beides
nie gelernt und besitze nun doch ein wunderschönes Heim; also wirst du das auch
dir beschaffen können. Höre nun einmal aufmerksam zu und wundere dich nicht,
daß ich über diese Dinge bisher noch nie mit dir sprach!"
"Es ist auch ein
Gesetz des Geisterlandes — oder, besser gesagt, hier im wirklichen Lebensdasein
—, daß einer Seele erst dann die ihr nötige Belehrung gegeben wird, wenn sie
derselben bedarf, und wenn sie diese auch selbst wünscht. Wir drängen hier nie
einer Seele eine Erkenntnis oder Kenntnis auf, wenn sie nicht selbst Verlangen
danach hat. Dieses Gesetz, begründet durch die umfassende Wirkung des freien
Willens, verschuldet es ja, daß Geister so ungemein lange oft auf einer
niederen Stufe stehen bleiben, weil sie eben das Verlangen nach einer höheren Erkenntnis
noch nicht haben. Es muß erst erwachen; dann erst kann das Verlangte, womöglich
heiß Ersehnte, gegeben werden. So ist es jetzt auch mit dir. — Nun, mein lieber
Karl, frage ich dich, was ist die sichtbare Schöpfung Gottes in ihrem Urgrunde?"
"Zweifellos der
gefestete Wille unseres Herrn und Vaters, der sich in Jesus Christus offenbarte
als alleiniger Schöpfer Himmels und der Erde."
"Gut
geantwortet! Wenn nun aber der Herr allein aus Seinem Willen heraus das vermag
und uns die Verheißung gab, daß wir dasselbe, sogar Größeres würden leisten
können, als Er auf Erden tat, und auch Er Seine Wundertaten lediglich durch
Seinen Willen verrichtete, so ist doch klar, daß wir denselben Weg beschreiten
müssen, wenn wir etwas erzielen wollen. Die Tätigkeit des Willens allein ist
imstande, alles Material, dessen du bedarfst, zu schaffen. Benutze also deinen
Willen, so wirst du erhalten, was du brauchst!"
Ich war über diese
Worte sehr verwundert und antwortete: "Mein Wille allein ist doch zu
schwach; nur, wenn der Herr es will, werde ich erst etwas erreichen können,
sonst nicht? Wir beten doch: Herr, Dein Wille geschehe, der meine nicht!"
— Thieme sah mich mit einem unbeschreiblichen Blick an, der mir die Empfindung
verursachte, als habe ich etwas sehr Dummes gesagt, und ich glaubte doch, eine
fundamentale Wahrheit ausgesprochen zu haben.
"Mein lieber
Karl", redete mich nach einer Pause Thieme an, "es ist ganz
merkwürdig, was für total verkehrte Begriffe unter den Menschen und besonders
den Theosophen über die Grundursache des Aufgebens des eigenen Willens und
Eingehens in den Willen des Herrn herrschen, und ich weiß, daß du darüber auch
noch keine Klarheit hast; ohne diese wird aber hier gar nichts gelingen, und
ohne gewaltige Anstrengung deines eigenen, vom Herrn völlig unabhängigen
Willens wirst du noch nicht einmal imstande sein, dir nur eine Hundehütte zu
erbauen!
"Es ist eine
Selbstverständlichkeit, daß alles vom Willen des Herrn abhängt; aber es ist
auch eine Selbstverständlichkeit, daß der Herr dem Menschen nicht einen eigenen
Willen gegeben hat, nur damit er ihn aufgibt. Hat der Mensch einen freien
Willen erhalten, so hat er ihn auch auszubilden und anzuwenden gemäß den
Gesetzen, die der Herr uns deutlich vorgeschrieben hat, und die, was ebenso
selbstverständlich ist, dazu gegeben wurden, um den freien Willen von
vornherein in eine Richtung zu lenken, die nicht imstande ist, etwas dem Willen
des Herrn Entgegengesetztes zu tun. Ist letzteres erst einmal erkannt und die
Erfüllung der Gottesgesetze in Fleisch und Blut übergegangen, so sind die Worte
von der steten Aufgabe des eigenen Willens in den des Herrn nur eitle Phrase;
denn gerade das will der Herr nicht! Was Er aber will, ist: — 'Sei ein
Selbstschöpfer wie Ich Selbst es bin; denn nur dadurch kannst du, o Mensch, Mir
ähnlich werden! Strenge die dir verliehenen Kräfte, die in dem in dir
herrschenden persönlichen Willen liegen, gründlichst, unabhängig von Mir, aber
in Richtung der dir bekannten Gottesgesetze an; zeige Mir dann deine Schöpfung,
damit Ich eine wirkliche Freude an dir habe und dich einen getreuen Knecht
nennen kann, der mit dem ihm angetrauten Pfunde reichlich gewuchert hat!
Begräbst du aber dein Pfund des schaffenden eigenen Willens, so werde Ich dich
von Mir weisen', sagt der Herr; 'denn du bist nicht imstande, Mir auch nur den
kleinsten Beweis eigener Tätigkeit zu geben!' — Verstehst du das, Karl?"
"Gewiß, aber mir
scheint, als beweise doch die Aufgabe des eigenen Willens eine große
Demut." —
"Ja, eine große
Faulheit und Unwissenheit, die nur darauf hinausgeht, von sich selbst möglichst
jede Verantwortung für das zu Tuende abzuschütteln! Sage einmal, — wer wird dem
Herr angenehmer sein: der da stets mit der Phrase kommt 'Ich tue nichts, wenn
mir nicht der Herr sagt, tue das und das!' oder der da kräftig zugreift, wenn
es darauf ankommt, etwas zu leisten und sich nicht scheut, einmal auch ohne
jede Absicht etwas verkehrt zu machen!? Der eine ist ein Sklave, der andere ein
eifriger Arbeiter, dessen etwaiger Fehler leicht verbessert wird, sobald es
darauf aufmerksam gemacht wurde. Dem einen hilft der Herr nicht, weil Er ihm
sonst nur seine Trägheit und seinen Unverstand stärken würde, der andere
schreitet durch Erfahrung und gewordene Belehrung schnell vorwärts. — Bei uns
im wahren Lebensdasein ist es so und nicht anders."
"Nun gut,"
antwortete ich, "so werde ich auch nach diesem waltenden Gesetz handeln!
Verstehe ich dich recht, so muß ich meinen Willen auf die bereits bestehenden
Gesetze, die der Herr ja zum Wohle aller gegeben hat, richten und sie dadurch
nach meiner Willensrichtung hinlenken. Dadurch muß dann eine neue Arbeit
geleistet und vollendet werden, die nie und nimmer gegen den Willen des Herrn
gerichtet sein kann; denn Seine Gesetze, deren Wirkung wir benutzen können und
sollen, sind ja innerhalb Seines Willens, die zu gebrauchen wir lernen sollen
um dadurch Selbstschöpfer zu werden. Ist es so?"
"Du hast die Sachlage
vollständig begriffen, wende also diese Gesetze an! — Ich will dir ein Beispiel
davon geben:
"Siehe diese
sehr schöne Gegend! Wie bereits gesagt, ist sie in der Entsprechung nichts
anderes als die sich dir darstellende Schönheit der Offenbarungen des Herrn. Jeder
Gedanke stellt sich bei uns in irgendeiner plastischen Hülle dar, an deren
Äußerem wir erkennen, wes Geistes Kind er in sich selbst ist; daher erkennen
wir ja auch sofort die innere Beschaffenheit der sich uns nähernden Seelen, die
nichts mehr, nach Ablegung ihres als Maske dienenden Körpers, uns verbergen
können. Diese Gedanken sind an keine feste Form gebunden, sondern verändern
diese je nach dem Fortschritt, den der Gedankengebärer macht; sie sind auch
nichts Reales, sondern nur phantomhaft und damit auflösbar und zerstörbar.
Anders ist es mit den Gedanken Gottes, die stets sich in einer Realität, die
unzerstörbar ist, bewegen und auch durch und im Menschen wirken, sobald er sie
erkannt und angenommen hat als Wahrheiten, die aus dem Ewigkeitsborn fließen.
Daher wird auch diese Gegend, die deiner Erkenntnis vollkommen entspricht, für
dich eine vollkommene Realität, kurz sie ist deine höchst eigene Sphäre, die
dir dies merkwürdige Heimatgefühl erzeugte, das dich beim Erblicken überfiel.
Daß ich genau dasselbe sehe, also in deine Sphäre eintreten kann, liegt einfach
an unserer gleichen Erkenntnis, die im Allgemeinen sich völlig deckt, wenn sie
sich auch in Einzelheiten verschieden zeigt. Wäre das nicht der Fall und würden
unsere Charaktere nicht Verschiedenheiten zeigen, bei sonst ganz gleichem
Streben, so würden die einzelnen Sphären sich gleichen wie ein Ei dem andern. Ich
brauche die Verschiedenheit und deren Notwendigkeit nicht erst zu erörtern;
jeder denkende Mensch kennt ihre Grundursachen.
* * *
Also achte jetzt
einmal genau auf! Stelle dir lebhaft im Geiste ein Haus vor, wie du es dir
zunächst wünschen würdest, halte das Bild fest bis in alle seine Kleinigkeiten
und erfülle dich mit dem Wunsche, dieses Bild in Wirklichkeit entstehen zu
lassen! — Hast du das getan?"
Ich konnte diese
Frage bejahen; denn merkwürdigerweise stellte sich — wie man sagt, zum Greifen
deutlich — mir das kleine Häuschen in Oldenburg vor mein Erinnerungsvermögen,
in dem ich meine erste Jugendzeit verbrachte, und dessen Bild ja noch in deinem
Besitz ist. Ich sah es mit allen Einzelheiten, wie auch du es dir wirst
vorstellen können, da du es kennst und es betreten hast. — Thieme sagte nun
weiterhin:
"Jetzt wende
dich im innersten Herzen an den Herrn, bitte Ihn um Kraft und Segen für deine
Arbeit und namentlich um Stärkung deines eigenen Willens!"
Auch das tat ich.
"Nun errege deinen Willen so stark als du kannst, erfülle dich mit fester
Zuversicht, daß er imstande ist, die Materie zu meistern und wolle, daß das dir
in der Seele haftende Bild sich plastisch darstelle an dem Orte, wo du es
verwirklicht haben willst!" mahnte Thieme.
Ich folgte diesen
Worten. Ein starker Impuls durchflutete mich, ein Kraftbewußtsein entstand in
mir, wie es auch manchmal auf Erden den Menschen erfaßt, eine Zuversicht
erfüllte mich, wie ich sie bisher noch nie empfunden, eine felsenfeste
Überzeugung, daß mir mein Unternehmen glücken wird, — und siehe da, mitten auf
einem Wiesenplan, den ich bereits erwählte, entstand zuerst wie ein
Nebelgebilde in durchsichtigen Umrissen das Häuschen, wie ich meinen Willen
anstrengte, und stand schließlich fix und fertig, als hätten die besten
Handwerker es erbaut, greifbar und massiv an Ort und Stelle.
Als das Gebäude sich
vollständig gebildet hatte, sagte Thieme: "So, jetzt gehen wir hinein und
überzeugen uns von der Realität dieses Hauses!"
Wir taten das, und
ich kann nur sagen, daß auch alles bis auf das kleinste so vorhanden war, wie
ich es in der Erinnerung aus meiner früheren Jugendzeit hatte. Wir begaben uns
wieder ins Freie.
"Du bist jetzt,
wie man sagt, gut untergebracht, lieber Karl," meinte Thieme, "und
ich kann dich weiterhin deiner eigenen Erkenntnis und Tätigkeit überlassen. Das
Rezept, nach dem du zu handeln hast, kennst du genau, du weißt auch, wie du dir
teure, oder weniger angenehme Seele an dich heranziehen kannst. Fernerhin ist
dir genau bewußt, wie du dich dem Herrn nähern kannst; also fehlt dir gar
nichts mehr zum eigenen Fortschreiten, und ich kann mich ruhig nach meinem Wirkungskreis
zurückbegeben und dich allein lassen."
"Das letztere
bedauere ich sehr; denn ich bleibe doch immerhin dein Schüler, und mir wird der
treue Berater fehlen. — Wir sehen uns doch wieder, Thieme?"
"Selbstverständlich!
Jederzeit können wir uns sehen; du brauchst ja nur zu wollen. Der Wille ist
hier überall der Hebel und löst jede Tätigkeit, jedes Zusammentreffen, jede ins
Auge fallende Erscheinung aus, das weißt du jetzt. Also werde und bleibe
willenstark im Geiste des Herrn und Schöpfers aller Dinge, so gelingt dir auch
alles!"
"Dein Rat wird
mir aber dennoch fehlen!", meinte Ich.
"O nein; denn du
hast einen ganz anderen Berater, an den du dich wenden mußt, den du kennst, und
an den du dich noch nicht so recht herangetraut, trotzdem du Ihn sehr wohl
kennst. Bevor du nicht diese mir nicht ganz angenehme Scheu überwindest, bevor
du nicht im innersten Wesen dich Ihm tatsächlich ganz übergibst und Ihn mit
aller Sehnsucht anziehst, wird Er sichtbar Sich dir auch nicht zeigen. Gerade
weil du Seine Offenbarungen kennst, hast du es schwerer als andere, denen sie
fremd blieben. Wem viel gegeben, von dem wird auch viel gefordert. Seelen, die
guten Herzens sind, wenn auch noch in Unwissenheit stehen, kann sich der Herr
weit eher zeigen aus Gnade und Barmherzigkeit als solchen, die Sein Wesen
kennen, es trotzdem aber noch nicht fertig bringen, Ihn in wirklicher Sehnsucht
heranziehen.
"Es ist das ein
eigen Ding mit dem Wissen und voll Ausführen einer Seelenempfindung. Es gibt da
so viele feine Unterschiede, die zu Hemmungen führen können, daß du noch, bei
weiterer Erfahrung, aus der Verwunderung gar nicht herauskommst. Glaube mir, es
gibt auch hier eine große Anzahl Seelen, die die neuen Offenbarungen auf Erden
völlig kennenlernten, von ihren Angehörigen und Mitgläubigen als Borne der
Weisheit angestaunt wurden und sich nur zu sehr in dem Wahne eigener
Vortrefflichkeit wiegten, und die noch alle eine recht harte Schule der
Selbstverleugnung durchzumachen haben, noch weit davon entfernt sind, den Herrn
nur zu sehen, geschweige in Seiner Gemeinschaft zu leben, wie sie sicher
dachten. Warum aber? Weil sie im Grunde ihres Herzens den Herrn nur um ihrer
selbst willen lieben, nicht aber wahrhaft in der Entäußerung jeder Selbstliebe.
Sie wollten als Auserwählte des Herrn anerkannte Führer des Volkes, der einzelnen
Brüder sein, um reiche Ernte an Bewunderung einzuheimsen. Diese Seelen bezahlen
sich selbst durch ihre Sucht, lebten sich in eine Art Größenwahn hinein und
wollten, mehr oder weniger unbewußt, nicht Förderer der Gnade Gottes sein als
vielmehr Vertreter und Anbeter einer egoistischen Selbstherrlichkeit. Sie sind
Luzifers Kinder, nicht Gotteskinder; sie sind befleckten Herzens, leben in
Selbsttäuschung, Überhebung, sind fromm in Äußerlichkeiten und bedenken nicht,
daß ein frommes, wirklich Gott ergebenes Gemüt keinerlei äußere Anerkennung
erstrebt, daß ihm diese sogar höchst unangenehm ist und treue Pflichterfüllung
einer solchen Seele höher steht als alles Lob der Welt, der Glaubensgenossen.
Denke daher daran, nur dem Herrn allein zu gefallen, nicht mehr durch in diesem
Wunsche bedingten Taten, sondern durch vornherein auf jeden Dank und
Anerkennung verzichtest, gar nicht an diese Wirkung denkst!"
Thieme umarmte mich,
ich ihn, dann drückten wir uns stumm die Hände; er winkte mir ein Lebewohl zu,
wandte sich und war schnell verschwunden. Ich aber ging in mein
selbstgeschaffenes Häuschen, in mein neues Heim, um mich dort einzurichten.
Es gefiel mir in dem
Häuschen recht gut. Alle Erinnerungen meiner Kindheit tauchten wieder auf, und
ich kann sagen, daß ich in kurzer Zeit alle Jugendjahre durchlebte; denn, wie
bereits von Thieme erklärt, stellen sich hier alle Gedanken plastisch dar,
ungefähr wie im Traume, nur weit wesenhafter, was im Traume ja fehlt. Der Traum
ist auch ein Gebilde der Seele, wenn auch ohne Realität, d.h. ohne greifbare
Darstellung; der Gedanke im Jenseits hat aber Schöpferkraft, wenn auch das
Gebilde sich in seine Urelemente wieder auflöst. Wer nun kritiklos sich in
seinen Gedanken hingibt, lebt in einer Phantomwelt, die er für eine wirkliche
hält, und aus der er sich schwer herausfindet, namentlich wenn die betreffende
Seele ohne jeden Glauben an den Herrn weitervegetiert.
Also wie gesagt, ich
durchlebte in dieser Weise nochmals meine ganze Jugendzeit, ohne jedoch in den
Fehler zu verfallen, diese Erinnerungsbilder, die sich plastisch darstellten,
für jetzige Wirklichkeit zu halten. Sie dienten mir nur dazu, meinen Werdegang,
meine Fehler zu erkennen, und in dieser Hinsicht dienten sie mir lediglich zur
Läuterung meiner Seele.
Nun ist es ganz
richtig, daß, nachdem diese Periode vorüber ist, schließlich eine unbändige
Langeweile eine untätige Seele erfassen muß; aber dazu ließ ich es nicht
kommen. Ich versuchte auch gar nicht, mein weiteres Leben etwa plastisch an mir
vorübergehen zu lassen; denn Fehler späterer Zeit hatte ich bei Thieme bereits
voll erkannt, brauchte sie demnach nicht nochmals zu studieren, sondern dachte
allen Ernstes daran, wie ich denn nun meine weitere Arbeit einteilen wollte.
Ich war allein, ganz
allein. Meine Gedanken richteten sich daher naturgemäß auf jene Personen und
Verwandten, die bereits vor mir auf Erden gestorben waren, und deren Schicksal
mich selbstverständlich sehr interessierte. Daß ich da vor allen Dingen an
meine Frau, deine Mutter, dachte, ist leicht einzusehen; aber wo sollte ich sie
finden? — Mir schien es auch notwendig, meine Umgebung kennenzulernen, diese zu
durchsuchen, damit ich meine Sphäre selbst mal erst durchforschte.
Mir ging die Sache
auch nachträglich noch nicht so ganz in den Kopf. Diese ganze Umgebung sollte
meine Sphäre sein und gleichzeitig — in der Entsprechung allerdings, aber doch
damit auch wirklich — den Schönheiten der mir bekannten Offenbarungen gleichen,
also gewisserart ihre Entstehung doch nur wieder jenen verdanken. Wie geht es
so eigentlich zu, daß etwas von vornherein Gegebenes, von mir wohl Erkanntes,
aber doch nicht mein Eigentum, nunmehr den Grund und Boden meiner Sphäre, zu
deren Herstellung bisher etwas getan zu haben ich mir doch so gar nicht bewußt
war, abgeben könnte!?
Ich sagte mir:
"Da hilft kein Kopfzerbrechen; ich nehme das Vorhandene dankbar hin, so
wie es ist, und überlasse die gewünschte Aufklärung der Zukunft und warte, was
der Herr mir entweder Selbst, oder durch andere, über diese Tatsache offenbaren
will!" Also bin ich frisch an die Arbeit einer Entdeckungsreise gegangen.
Ich verließ mein Haus und durchwanderte die Gegend.
Sehr bald machte ich
eine sonderbare Entdeckung. Ich wollte eine der das Tal umgrenzenden Höhen
ersteigen — war ich doch mit Thieme eine solche herabgestiegen! — aber ich
konnte nicht den Fuß derselben erreichen. Immer war es, als irrte ich mich in
der Entfernung, oder als wichen die Höhen vor mir zurück. Ich mochte wandern
und wandern, — die Berge und Höhen konnte ich nicht betreten!
"Das Ding hat
seinen Haken!", überlegte ich. "Es muß nicht der Wille des Herrn
sein, mich diese Höhen erklettern zu lassen! Denn ich bin nun gegangen und
gegangen, aber ich komme nicht zum Ziel."
Als ich mich umsah
nach meinem Hause, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß es ganz nahe hinter
mir stand, als sei es mir nachgefolgt, oder als ob ich trotz meines
stundenlangen Wanderns höchstens etwa 200 Schritte zurückgelegt hätte. Das gab
zu denken. Der mir bedenkliche Haken hatte sich entschieden vergrößert.
Was aber tun? — Ich
dachte an Thieme, dachte, ihn zu mir heranzuziehen, wie er mir mitgeteilt; dann
verwarf ich den Gedanken und sagte mir: "Es ist ein Fehler schon auf
Erden, sich stets auf andere zu stützen, hier aber sicher ein weit größerer,
wenn man nicht auf sich selbst und auf die Hilfe des Herrn vertraut!" — Es
wurde mir mit einemal klar, daß ich doch mich noch gar nicht seit Thiemes
Fortgang mit dem Gedanken an den Herrn viel beschäftigt hatte, und das fiel mir
schwer auf mein Herz.
Ich merkte nun ganz
deutlich, daß es erstlich ein Fehler war, diese Wanderung ohne festes Vertrauen
auf den Herrn, ohne Ihn erst um Stärkung hierzu gebeten zu haben, unternehmen
zu wollen — und dann zweitens: was habe ich notwendig, immer darauf los zu marschieren,
wenn mir doch eine ganz andere Kraft in meinem Willen zu Gebote stand, so ich
sie nur richtig gebrauchte!?
Thieme hatte mir doch
klar auseinadergesetzt, daß man den eigenen Willen, innerhalb der erkannten
Gesetze des Herrn, gebrauchen soll, und da lief ich nun und lief, strengte wohl
meinen Willen zum Hinaustappeln an, aber nicht dazu, ihn zur Heranziehung jener
Höhen zu gebrauchen, oder besser gesagt, mich selbst dorthin zu versetzen! —
Ich sagte mir: "Gehe jetzt einmal in dein Haus zurück und vertiefe dich
vor allen Dingen in die Liebe zum Herrn! Wenn du das getan haben wirst, wird
sich wohl dein Vorhaben anders ergeben!"
Nun, weit zu meinem
Häuschen hatte ich ja nicht; ich ging zurück, besah mir nochmals alles darin
genau und festigte nochmals meinen Willen in der Erhaltung dieser Wohnstätte.
Ich fühlte, daß diese 4 Pfähle, wie man sagt, wirklich mein Eigentum seien.
Ich sah nun, unter
der Tür stehend, mir die herrliche Umgebung an, und plötzlich fiel mir wie ein
Blitz in meine Seele, daß diese herrlichen Berge, Täler, Aussichten ja die
Schönheiten der mir bekannten Offenbarungen darstellten, aber — daß diese wohl
noch lange nicht mein wirkliches geistiges Eigentum geworden waren, und daß ich
nicht eher nur den geringsten Hügel erreichen würde, bevor diejenige
Eigenschaft, die eben jenem Hügel entsprach, auch mir in Fleisch und Blut
übergangen, also damit mein Eigentum geworden sei! Unwillkürlich überfiel mich
da eine große Angst. Welche Riesenarbeit war notwendig, um auf diesem Wege nun
alles, was doch fehlerhaft demnach noch in mir stecken mußte (und ich hatte mir
doch schon eingebildet, alle Fehler überwunden zu haben), auszumerzen, bis alle
diese Berge und das, was auf diesen wuchs, gewisserart mein Eigentum geworden,
weil ich die durch diese wundervolle Gegend dargestellten Wahrheiten voll in
mir aufnahm! Da konnte ich doch Ewigkeiten brauchen, um zum Ziele zu gelangen!
Ich war ganz
zerknirscht bei dieser Erkenntnis. Bald aber schlug ich mich vor den Kopf, denn
ein zweiter Gedankenblitz durchzuckte mich hell und klar. Was sagte doch der
Herr? Was wäre das vornehmste Gebot? "Liebe Gott über alles und deinen
Nächsten wie dich selbst; an diesem Gebot hängt Moses und alle Propheten!"
Und dann: "Wer an Mich glaubt und bittet den Vater in Meinem Namen, dem
wird Er alles geben!" — Nun siehe einmal im Neuen Testamente nach, was
über diese Worte, die ich nur kurz erwähne, gesagt ist!"
Matth.7,7: Bittet, so
wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch
aufgetan!
Matth.21,22: Und
alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, so werdet ihr es empfangen.
Markus.11,24: Darum
sage Ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr es
empfangen werdet, so wird es euch werden.
Joh.16,23: Wahrlich,
wahrlich, Ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen,
so wird Er es euch geben.
Joh.16,24: Bisher
habt ihr nichts gebeten in Meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure
Freude vollkommen sei.
Du hast richtig und
genau die Worte gefunden. So wie du jetzt, fand ich sie auch unter den wenigen
Büchern in meinem Hause, und nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte.
Alles wird dem, der
gläubig vertraut, gegeben; und wenn ich Ewigkeiten brauchen wollte, um jeden
Berg einzeln zu erklimmen, könnte ich dann etwas anderes erreichen als die
Erreichung des höchsten Gebotes? Nein, — niemals.
Also wozu auf
Umwegen, mühsam und in Angst und Schweiß zu erreichen suchen, was nach der
Verheißung jedem gegeben wird, der gläubigen Herzens ist!?
* * *
Nachdem diese
Erkenntnis in mir aufgeblitzt war, handelte ich auch sofort darnach. Ich blieb
in meinem Haus, richtete stets meine Gedanken mit aller Willensstärke und mit
tiefer Sehnsucht auf unseren Herrn und Meister Jesus und erwartete das
Kommende.
Es rührte sich lange
Zeit nichts. Ich war in einem Zustande freudiger Erwartung, ohne etwas
Besonderes zu erwarten und richtete meine Gedanken konsequent auf den Herrn. Da
geschah ganz unerwartet etwas Sonderbares.
Meine wunderbare Umgebung
blieb sich bisher stets gleich; eine besondere Einteilung von Tag und Nacht
hatte sie nicht, konnte sie ja auch nicht haben, da die astronomischen Gesetze
und die physikalischen der Erde hier nicht mehr in Betracht kamen. Ich befand
mich doch nicht mehr auf einer sich drehenden Erdkugel, die infolge ihrer
Umdrehung Tag und Nacht hervorruft! Auch sah ich keine Sonne am Himmel glänzen.
Es war wohl stets hell, wie kurz vor aufgehender Sonne, aber eine Sonne stand
nicht am Himmel. Auch das fand ich natürlich, hatte jedoch über das Warum
bisher nicht tiefer nachgedacht, bis eben das erwähnte Sonderbare eintraf. Was
war nun dieses?
Ganz unerwartet sah
ich zwischen zwei Bergen hindurch, die ein Tal umfaßten, das sich weithin
erstreckte und wunderschön von meinem Standpunkte aus zu sehen war, ganz
langsam sich den oberen Rand einer Sonne erheben, leuchtend, strahlend und
erwärmend, wie die Mittagssonne im Juli bei euch. Ich staunte, konnte den Glanz
gar nicht ertragen und wollte das Höhersteigen erwarten; aber das geschah
nicht. Nicht um einen Millimeter rückte sie vor, sie blieb so weit mit dem
äußersten Rande über dem Horizont wie bisher.
Wie kam das? Was war
das für eine Sonne, die sich mir zeigte, aber deren Glanz nichts der irdischen
nachgab?
Als ich so dastand,
ganz in dem Anschauen dieses Sonnenrandes vertieft, sah ich plötzlich, wie aus
weiter Ferne eine Gestalt auftauchte und sich schnell mir näherte. Ich konnte
sie nicht erkennen; denn die Strahlen der Sonne blendeten mich, so daß ich nur
die Umrisse der Gestalt wie eine Silhouette erblickte. Meine Augen hingen wie gebannt
an der sich nähernden Gestalt, und plötzlich wußte ich, — es ist der Herr, der
Sich dort dir nähert!
Mich faßte es wie mit
magnetischer Gewalt, alle meine Seelenkräfte zogen sich dem Kommenden entgegen,
und mit aller Eile stürzte ich dem Herrn entgegen, der mir jetzt so nahe
gekommen war, daß ich Sein Antlitz erkennen konnte. Er streckte mir die Hände
entgegen, und ich eilte in aller Hast auf Ihn zu, ergriff die Hände, die mir
entgegengebracht wurden, und stürzte zu des Herrn Füßen anbetend nieder. Ich
kann es nicht beschreiben, was ich empfand; nur wer den Herrn wahrhaft liebt,
kann es begreifen und nachempfinden.
Der Herr zog mich
empor und sah mir in die Augen. Oh, was für Augen, so durchdringend klar, und
doch so unendlich liebevoll! So kann kein Menschenauge blicken! Keines Menschen
Auge kann so tief in das Herz schauen; nur Sein Auge hat diese unendliche
Gewalt, diese ausstrahlende Liebe und hoheitsvolle Macht!
Ich konnte kein Wort
hervorbringen, sondern mußte nur immer in dieses Auge schauen, und mit diesem
Schauen kam mir die Rückerinnerung an ferne Zeiten, wurde mir klar, was ich
bereits einst gewesen, und welches Vorleben ich bereits überstanden.
Mit unendlich gütigem
Klange sagte mir der Herr: Hast du es nun selbst erfahren, wie schwer es auf
Erden ist, in Meinem Dienst zu leben und zu bleiben? Ist es nun dir klar
geworden, daß es auch den Geistern, die Mir dienen und stets bereit sind, Meine
Worte zu erfüllen — solange sie nicht die schwere Erdenlast tragen —, unendlich
schwer wird, sich durchzuringen auf der Stätte Meiner einstigen Tätigkeit du
Leidens?
"Siehe, du
meintest einst, Ich solle dich aussenden, um nicht nur die Kindschaft zu
erringen durch die Nachfolge in Meinen Spuren, sondern du wolltest auch dann
auf Erden Zeugnis ablegen von Mir und Meinem Wesen! Aber ist es dir geglückt?
Hat dich nicht doch die schwere Materie so gefangengenommen, daß es dir nicht
gelang, so, wie du hofftest, die Materie zu durchbrechen und das Ziel zu erreichen,
das du dir stecktest. Jetzt blicke zurück in alle Zeiten, die du durchlebtest,
erkenne die Kette deines Lebens, die dich zu dem gebildet, was du geworden, und
sei glücklich in der Erinnerung des wenigen, das du erreichtest. Ich mache dir
keine Vorwürfe, daß du so ziemlich scheitertest mit deinen Plänen, denn viel
kannst du noch nachholen mit Meiner Kraft; aber gib ein Beispiel allen, die da
vermeinen, viel und leicht für Mich zu leisten und schließlich doch nicht
erringen, was sie ohne Leibesschwere erhofften und sicher sich zu erfüllen
glaubten.
"Ich verlasse
dich nicht mehr, denn deine Liebe und Wahrhaftigkeit zu Mir hat es zustande
gebracht, daß du den Sitz Meines Geistes im Rande der geistigen Sonne schauen
kannst; an dir wird es liegen, daß sie höher steigt und ihre Strahlen dich dann
ganz durchdringen. Der Anblick dieses äußersten Randes erhebt sich schon über
viele Schwierigkeiten, und an ihrem Fallen oder Steigen wirst du erkennen, ob
du fortschreitest oder zurückgehst. Rufe Mich aber an in der Not, so werde Ich
dich erretten, und ziehe Mich an in deiner Liebe, so wirst du Mich jederzeit
sehen und sprechen, wie du Mich jetzt siehst, und wie Ich jetzt zu dir
rede!"
Der Herr zog mich
wieder an Seine Brust, mich durchströmte ein unendlich süßes Gefühl der
Geborgenheit und Liebe, und dann drückte Er mich sanft von Sich und — war
verschwunden.
Den Sonnenrand aber
sah ich weiterhin glänzen, strahlen und erwärmen.
* * *
Ich war wieder allein
und überdachte das Geschehene, und da wurde mir folgendes klar, stand deutlich,
greifbar mir vor der Seele:
Mir wurde vor allen
Dingen klar, daß ich alles Heil nicht durch sogenanntes Vertiefen, nicht durch
Hinstarren und Denken an den Herrn, nicht durch lange phrasenhafte Lippengebete,
Suchen nach Worten und schönen Reden, sondern einzig allein durch festes
Zufassen, durch freudige, eifrige Arbeit zu erwarten habe. Arbeiten im Dienste
des Herrn ist bereits Gebet, — nur Reden, um zu glänzen vor anderen, ist Zeit-
und gänzlich nutzlose Kraftvergeudung. Die höheren Geister liegen nicht im
Staube auf ihrem Angesicht zu den Füßen des Herrn und beten Ihn an, — das wäre
Götzendienst. Der Herr will fröhliche, Ihm fest vertrauende Arbeiter, die die
Menschheit und sich selbst der Vollendung näherbringen, aber keine frömmelnde,
Litaneien singende, in langen Gebeten sich ergehende Faulpelze, die da glauben,
durch ihr verkehrtes Tun dem Herr zu dienen, Ihm wohlgefällig zu sein und sich
einen Schatz im Himmel zu erwerben. Alle diese sind faule Knechte, die ihr
anvertrautes Pfund vergraben, anstatt damit zu wuchern. Aus diesem Grunde sind
auch Klöster, Betgesellschaften und allerlei Kreise, die etwa durch träges
Abwarten, der Herr solle ihnen geben was sie verlangen, Irrwege, die nicht zum
Herrn, sondern von Ihm weg führen.
Gewiß ist es nötig,
daß sich die Seele erhebt und in dem Bewußtsein, dem Herrn zu dienen, nicht nur
Stimmung, sondern heiße Liebe empfindet, aber gerade diese Empfindung wird nur
durch festes Wollen zur Pflichterfüllung, durch innige Freude an dem zu schaffenden
Werke errungen, nicht aber durch Hinbrüten und Lauern auf die Gnade des Herrn.
Die Zeit ist vorüber,
wo das Aufgehen der Saat abgewartet wurde und das Blühen des Kornes lediglich
Aufmerksamkeit, getreues Pflegen und Bewahren vor Wildschaden erforderte; jetzt
stehen wir am Beginn der Ernte, müssen das Korn schneiden, sammeln, in die
Scheunen bringen und dann, erst dann wird es gedroschen, die Spreu vom Weizen
gesondert und köstliches Brot aus dem feinen Mehl gebacken. Wer dieses Bild
versteht, wird wissen, welche Stunde jetzt schlägt, und wie sich die Welt in
der zukünftigen Zeit gestalten wird.
Alles das wurde mir
jetzt klar, und deutlich stand mir vor Augen, was ich zu tun hatte.
Ja, es war einst eine
Zeit, in der ich bereits ein Vorleben durchmachte. Es war nicht auf Erden,
sondern auf einem Planeten, dessen Bewohner noch nicht so weit in der
Willensfreiheit stehen wie die der Erde, die aber den Herrn erkennen und
lieben, weit mehr als auf Erden die auserwählten Kinder. In dieser Liebe
stehend, wissen sie, daß der Herr nur diejenigen um Sich versammeln kann, die
Seinen Spuren nachfolgen, die die härteste Willensfreiheitsprobe bestehen durch
eigenes zielbewußtes Wollen.
Wer die Liebe in sich
fühlt, glaubt alles überwinden zu können im Dienste dieser seiner Liebe, und so
schien auch mir es leicht, ein Nachfolger des Herrn zu sein. "Denn was
kann einem fehlen, wenn man sich allein von dieser Liebe leiten läßt?", —
so dachte ich und ahnte doch nicht, wie unendlich schwer diese Willensfreiheitsprobe
ist, weil man dann alles neu erringen muß, nur aus sich selbst heraus schaffen
und arbeiten, ja sogar die erst so glühende Liebe zum Herrn neu zu erwecken und
zu pflegen hat. Es gibt Engelsgeister, die auf Eden diese Probe nicht bestanden
— wenn sie auch nicht imstande waren, ihre übernommene Aufgabe zu erfüllen,
weil sie die Fesseln der eingebildeten Weltfreuden, die ihnen vordem so fremd
geblieben, als vermeintliche Süßigkeit kosteten und viel Geschmack daran fanden.
Andererseits verfielen wieder andere in vollständiger Verkennung ihrer Aufgabe
in Abscheu gegen jene Weltfreuden, schlossen sich peinlich von ihnen aus,
glaubten, daß Flucht vor diesem Treiben — Überwindung sei und erreichten
dadurch erst recht nicht ihr Ziel. Dann gibt es diejenigen Seelen, von denen
Goethe sagt:
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Duft
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
Hier kommt es nun
ganz darauf an, welche Seele die Oberhand gewinnt. Je nachdem wird sich das
Schicksal des Menschen gestalten, wird er emporgehoben zu den Gefilden hoher
Ahnen oder — untergehen.
Ich teile das alles
mit, damit jeder sich prüfe, ob er sich auf verkehrter Bahn befindet, oder
Hoffnung hat, die übernommene Aufgabe auszuführen, die sein Tun und Lassen wie
ein kleines Lichtlein erleuchtet, das wie ein Ahnen einer schönen Aufgabe in
ihm ruht. Ja, dies Ahnen macht sich wohl oft bemerkbar, aber die eigentliche
Aufgabe wird verkannt. Selbsttäuschung erfaßt den Menschen nur zu oft über das
eigentliche Ziel. Er glaubt, eine richtige Idee, eine klare Vorstellung von der
in ihm eingelegten Aufgabe zu haben, verwechselt dann sein eigenes Wünschen,
das sich zum Wollen ausbildet, mit dem ursprünglichen Sollen, jagt dann
Phantomen nach und verfehlt seinen Erdengang, der alles andere, nur keine
Nachfolge Christi ist.
Seht, so ist auch
mein irdisches Leben für die Wahrheit dieser Worte ein klares Beispiel.
Was sollte ich auf
Erden? Nächst meiner eigenen Ausbildung und dem Streben nach Vollendung sollte
ich ein Lehrer werden im Dienste des Herrn; ich hatte gebeten, auf Erden
Zeugnis abgeben zu können von der Lehre des Herrn, Liebe zu Ihm zu erwecken und
alle Mitmenschen zu ergreifen im innersten Herzen, daß sie sich zum Herrn und
Meister des Weltalls bekennen. Das wollte und sollte ich.
Eingeboren in kleine
Verhältnisse, stand mir dennoch bald die Welt offen. Nicht ohne Grund wurde ich
nach Rußland geführt und lernte dort die niedrige, weltfreudige Gesinnung der
Menschen kennen. Ich glaubte, durch meine Kunst auf die Gemüter einzuwirken, und
es ist mir auch in vielen Dingen gelungen, die technischen Schwierigkeiten zu
überwinden, deren Bewältigung stets viel Bewunderung hervorruft, als durch ein
Spiel, in dem sich die Seele zeigt, auf die Gemüter einzuwirken. In Petersburg
erhielt ich erst die rechte Richtlinie, durch die Bekanntschaft mit den Büchern
Swedenborgs und andere. Namentlich durch meine Freundschaft mit meinem Kollegen
Thieme wurde ich auf vieles aufmerksam gemacht, was ich ohne ihn nicht erfahren
hätte; aber dennoch überwog mein eigenes Wollen das Sollen.
Schon als Knabe
geneigt, Aufmerksamkeit durch besonderes Können zu erwecken, zweifellos als
Folge des in mir ruhenden, noch nicht zum Bewußtsein gelangten Sollens, schlug
diese Neigung einen falschen Weg ein. Ich hatte große Vorliebe für die
Taschenspielerei, für Magie. Da, wie auch deine Erfahrung lehrt, nun der
Gegenpol stets bemüht ist, das Wollen über dem Sollen zu verwirren und
abzulenken, so fand ich denn auch in Petersburg ganz außerordentliche Gelegenheit,
meiner Sucht nachzugehen.
Der Kauf der vielen
Zauberapparate, die Freundschaft mit Schreinzer diente nur dazu, meine Neigung
zu stärken und das Ahnen von dem Einwirkensollen auf die Menschen auf falsche
Bahn zu lenken.
Ich ahnte, ich solle
sammeln! Was? — Jedenfalls doch nur die Menschen guten Herzens, die ich
belehren sollte, — ich aber sammelte Faustbücher, wurde wohl eine Autorität in
der Literatur, schrieb eine Menge Schriften und Bücher über dieses Thema und
Verwandtes, — aber sammelte nur die Bücher über die Faustliteratur, nicht
Menschenseelen.
Versteht ihr den
Zusammenhang zwischen Sollen und falscher Ausführung dieses Sollens? Sucht in
euch, ob ihr nicht Ähnliches getan habt und noch tut, kehrt um, solange es noch
Zeit ist, ergründet, ob euer Sollen mit dem Wollen eurer Tagesarbeit auch im
Einklang steht und scheut euch nicht, falsche Wege zu vermeiden, nötigenfalls
umzukehren, neu zu beginnen; denn die Kraft des Herrn wird euch stets
beistehen, erkannte Fehler zu verbessern, euer Wollen in die Bahn des Sollens
zu lenken.
* * *
Nachdem ich nun
völlig klar geworden war, daß auch für mich vor allen Dingen die Arbeit, die
Tätigkeit vonnöten war, ging ich nun daran, diese auch auszuführen. Ich wollte
vor allen Dingen meine Freunde aufsuchen, wollte meine Frau und meinen Bruder
sehen, kurz alle, die ich im irdischen Leben kannte, und die vielleicht meiner
Hilfe bedurften. Da ich nun wußte, daß es im jetzigen Zustande hauptsächlich
auf das Wollen ankommt, so konzentrierte ich meinen Willen ganz besonders
darauf, zunächst meine Frau, deine Mutter, zu erblicken.
Ich rief den Herrn an
und wollte mit aller Kraft. Da fühlte ich mich emporgehoben und fortgeführt.
Ich verließ mein Tal und wurde versetzt in eine ganz andere Gegend, die mir
nicht sonderlich gefiel. Es war dort nicht hell wie in meinem schönen Tal, mehr
dämmerig wie nach Sonnenuntergang.
Ich ließ mich tragen
von meinem fest im Herzen begründeten Wollen und gelangte zu einem Hause, das
etwa einem Bauernhaus glich, wie du es aus dem Norden kennst. Auch die Umgebung
ähnelte dieser nordischen Landschaft. Ich sah niemand, keinen Menschen, kein
Lebewesen und trat wie vom inneren Drag gezwungen in das Haus. Ein Korridor,
eng und kurz, zeigte sich mir, der nach einer Tür führte. Ich öffnete. Ein
kleines, unbedeutendes Zimmer zeigte sich, in dem eine Gestalt auf einem
Ruhebett saß und vor sich hinstarrte. Mich erfaßte ein grenzenloser Schmerz;
denn ich erkannte meine Frau, deine Mutter, die genau so apathisch
dreinschaute, wie du sie in der letzen Lebenszeit gesehen. Du weißt, daß es ihr
stets an Willensstärke gebrach, daß es schwer war, sie zu einem ernstlichen Entschluß
zu bringen, daß sie wenig selbständig und zur Schwärmerei, d.h. zum kritiklosen
Eingehen auf die einwirkenden Gedanken neigte. Sie war in einem Zustande
getrübter Seelenkraft hinübergegangen, und aus dieser Trübung hatte sie sich
noch nicht herausgefunden, trotz ihres doch so guten und reinen Herzens.
Mit einem Blick
erfaßte ich, was hier zu tun sei. Diese Seele brauchte dringend den Führer, der
sie zum ernstlichen Wollen aufrüttelte, der ihr zeigte, was der Herr von jedem
Menschen verlangt, ohne das die Seele auf Irrwege gerät.
Ich sprach sie an.
Sie erkannte mich nicht, fragte aber, wer ich sei, und was ich wolle.
"Ich bin
gekommen, um dich aus diesem Hause in eine bessere Umgebung zu führen, wenn du
mir vertraust!", antwortete ich und ergriff ihre Hand.
Sie sah mich mit dem
blöden, geistlosen Blick ihrer letzten Tage an und meinte: "Wohin soll ich
gehen? Ich bin hier schon so lange und weiß kein anderen Weg. Ich muß doch hier
bleiben bei den guten Menschen?"
"Ich weiß es
nicht; sie kommen und gehen, geben mir Speise und Trank und überlassen mich
sonst der Ruhe hier!"
"Hast du nie den
Herrn gebeten, daß Er dich aus dieser Einsamkeit errette und fortführe?"
"Der Herr, — ja
— der Herr —, davon hörte ich doch schon früher. Du meinst Gott? — Ja, den habe
ich gebeten, aber es hilft nichts. Ich warte schon so lange!"
Wie diese Worte auf
mich wirkten, kannst du dir leicht denken. So also ergeht es den Seelen, die
sich nicht in ihrem Wollen aufraffen, die nicht die Kraft haben, in Liebe stark
zu werden, trotzdem sie besten Willens sind. Ja, der Geist ist willig, aber das
Fleisch ist schwach! Das Sollen ist allen bekannt, aber an dem Wollen — da
fehlt es. "Wer da hat, dem wird gegeben, und wer da nicht hat, dem wird
auch noch das wenige genommen, was er hat!" Wer nach dieser Lebens- und
Geistesregel handelt, ist gesichert im Diesseits und Jenseits, das mögen sich
alle gesagt sein lassen, welcher Geistesrichtung sie auch angehören.
Diene Mutter kannte
den Herrn auf Erden recht wohl; sie hatte also an dem Glauben und dem Willen
von Seiner Güte einen Schatz, und selbst der — war ihr wieder genommen worden,
weil es ihr an der wahrhaft tätigen Liebe und am festen Wollen fehlte. Es mußte
ihr also wieder zurückgegeben werden, was sie verloren hatte. Das Ergreifende
ist hierbei, daß sie verlor ohne Schuld! Nichts hatte sie begangen, was
irgendwie als Schuld angesehen werden konnte, und dennoch mußte sie die Strenge
des Gesetzes fühlen, bis ich durch die Gnade des Herrn und durch mein
errungenes Wollen den Weg zu ihr fand. So konnte ich ihr helfen, ihr geben von
dem, was ich besaß. Und höret alle, ihr Lieben, das ist das ewige Gesetz des
Herrn: "Erringet viel mit eiserner Kraft, mit ernstestem Willen, damit ihr
anderen Bedürftigen viel geben könnt! Wohlzutun und mitzuteilen vergesset
nicht; denn solcher ist das Himmelreich!" Versteht diese Worte recht, im
lichten Sinne der verklärten Erleuchtung!
Du kannst dir leicht
denken, was ich nunmehr tat. Ich erweckte das Bewußtsein deiner Mutter an der
Existenz und Wirksamkeit des Herrn, belehrte sie, wie lieb der Herr alle Seine
Geschöpfe habe, mache ihr klar, daß sie längst im Jenseits sei — denn auch
dieses Bewußtsein fehlte ihr —, und wie ich Schritt für Schritt ihren Geist
erweckte, ihr Wollen kräftigen, aufrütteln konnte, wich auch ihre unnatürliche
Starrheit, und schließlich — erkannte sie mich.
Seht, das war eine große
Freude nun für uns beide. Die Zuneigung, die Liebe, die und jetzt erfaßte, wie
ist sie doch so unendlich fern von dem, was auf Erden Liebe heißt! Wie so ganz
anders erfassen sich da die Seelen, die zu einander gehören, wenn sie sich als
einander zugehörig erkennen, und welche Seligkeit verkosten beide in dem gemeinsamen
Streben nach Vollendung!
Doch ich greife vor
und will genauer berichten.
In kürzerer Zeit, als
ich anfangs hoffte, konnte ich die gestörte und verwirrte Seele zurechtrücken,
und selbstverständlich regte sich mit dem Erwachen von der Unzulänglichkeit
ihres jetzigen Zustandes der Wunsch, aus dieser ungemütlichen Umgegend zu
entfliehen. Aber das ging doch nicht so ganz schnell. Ich war ja in eine andere
Sphäre eingedrungen! Das empfand ich; aber wem gehörte sie an? Waren noch
andere Seelen hier, die meiner bedurften? — Meine Frau hatte von guten Menschen
gesprochen, die sich ihr genähert hatten, denen sie dankbar sein mußte, und
keinesfalls wollte und durfte ich sie ohne Dank, ohne Wissen einem Kreise
entführen, dem sie bisher angehörte. Also galt es, diesen Kreis, diese Sphäre
zu untersuchen, in der sie bisher gelebt hatte.
Da gab es eine neue,
mir wunderbare Überraschung. Ich verband mich mit dem Herrn im innigen Gebet um
Klärung, und da wurde ich hinausgeführt vor das Haus.
In leuchtender
Klarheit stand da eine Gestalt vor mir, die mich anlächelte, die ich aber nicht
kannte. Sie sprach mich an und sagte: "Du kennst mich nicht, und doch bin
ich dir wohlbekannt. Ich zeige mich dir jetzt in einer Form, durch die du mich
erkennen kannst; denn siehe, ich bin bereits eng verbunden mit dem Geiste, der
zu mir gehört, lebe in himmlischer Ehe mit dem mir von Gott zugeteilten
männlichen Prinzip und kann mich daher zeigen, sowohl als Mann wie als Weib. —
Erkenne mich ganz!"
Im Augenblick
erkannte ich die Sprecherin; denn ein Weib war es, das nun vor mir stand und
aufs Haar dem Bilde glich — nur in unvergleichlich erhöhter Reinheit und
Schönheit —, das du in Ehren hälst von der früh verstorbenen Schwester deiner
Mutter, die weder ich noch du auf Erden gekannt hast. Es war Julie, dein
Schutzgeist, dessen Wirken und Führung du so oft empfunden hast.
Sei klärte mich nun
auf, daß dieser Ring, in dem ich meine Frau gefunden, der unterste ihrer Sphäre
sei, in dem sie wirke und die bisher so teilnahmslose Seele bis jetzt in dem
Zustand der Ruhe gelassen habe, weil es meiner Arbeit bestimmt gewesen sei, sie
zu erwecken und mir für den Himmel zu gewinnen. Sie freute sich unendlich, zu
sehen, daß mir es gelungen sei, ihre einst irdische Schwester zu finden, und
sie jetzt mir zu übergeben zur Weiterführung.
Ich dankte von
Herzen. Es ist wohl selbstverständlich, daß ich nach dieser Erklärung an
Emiliens Eltern, meine Schwiegereltern, dachte, und fragte, wo diese seien, wie
alle jene Verwandten, die doch wahrscheinlich zu ihrem Kreise gehörten. Sie
sagte mir: "Komm und siehe selbst; erst aber höre, was ich dir noch zu
erklären habe!
"Du sollst über
die Wechselbeziehungen der einzelnen Seelen, die als Verwandte auf Erden
lebten, unterrichtet werden, damit du auch in dieser Hinsicht richtig
einzugreifen lernst und keine Fehlergebnisse hast.
* * *
Schon auf Erden nimmt
der Mensch im allgemeinen an, daß Verwandte — selbst dann, wenn es keine
Blutverwandte, sondern angeheiratete sind —, von einem bestimmten, mehr oder
weniger deutlich empfundenen Freundschaftsband umschlungen werden, das sich als
gegenseitiges Zugehörigkeitsgefühl kundgibt. Es ist nicht immer leicht, gegen
diese Empfindung anzukämpfen, wenn sie erst erwacht ist, ja sie kommt oft stark
zum Ausdruck, wenn es manchmal auf Hilfeleistungen ankommt, die selbst
widerwillig, aber doch tatsächlich gegeben werden. Andererseits macht sich aber
auch bei Verwandten oft ein gegenseitiges Empfinden bemerkbar, namentlich
sobald schlechte Erfahrungen untereinander gemacht wurden, sodaß ein oder der
andere Teil sagt, lieber mit Fremden als
mit Verwandten zu tun haben wollen. Beiden ist es aber trotz alledem nicht
möglich, dieses eigenartige Zusammengehörigkeitsgefühl gänzlich auszuschalten,
es taucht immer wieder auf und sei es nur in der manchmal nur neugierigen
Frage: "Was mag wohl der und der machen, was ist aus ihm geworden?"
Wer gut zu unterscheiden versteht und scharf beobachtet, wird finden, daß
dieses Zugehörigkeitsgefühl aus einer Quelle entspringt, die weniger als Liebe
und mehr als bloße Freundschaft umfaßt, und die nicht nur ein fades Interesse
in sich birgt, sondern ein merkwürdiges Gemisch von Seelenempfindungen ist,
dessen Ursprung tiefer liegt, als es dem Menschen zum Bewußtsein kommt. Alle
schlechten und guten Erfahrungen unter Verwandten, die ebenfalls seelische
Empfindungen hervorrufen, kommen bei dieser Untersuchung nicht in Frage, und es
muß von diesen abgesehen werden.
"Wer nun tiefer
zu sehen vermag, wird mindestens ahnen, daß dieses Zugehörigkeitsgefühl, das
doch nun einmal besteht, und sich nie ganz auslöschen läßt, einem jenseitigen
Einfluß unterliegt, der auf Erden unbekannt bleibt. Wo sind diese Seelen, die
sich nun als Verwandte kennenlernen, hergekommen? Glaubt man, daß es so
gänzlich gleichgültig ist, ob bei Menschen, die sich als Verwandte
zusammenfinden, die Quelle ihres Ursprunges gänzlich voneinander verschieden
oder mehr gemeinsam ist? Das heißt: ist nicht weit eher anzunehmen, daß schon
vor dem Erdenlauf eine Seelenverwandtschaft stattfindet, die sich auf Erden nur
sichtbar macht?
"Wenn zwei
Menschen verschiedenen Geschlechts sich heiraten, so tun sie es nur, weil sie
mindestens glauben, harmonisch miteinander leben zu können. Man heiratet sich
doch nicht in der Hoffnung und Wollen, sich gegenseitig zu befeinden!? Wenn
allerdings letzteres nach einiger Zeit eintritt, so war das erste Hoffen und
Glauben — ein Irrtum, ein Vergreifen und Verkennen, entstanden durch Blendwerke
des irdischen Materieweges, die überwunden werden sollen. — Diese gewünschte
und auch vorhandene Harmonie, die zu einem Ehebunde führt, ist bereits ein
Seelenband früherer Verwandtschaft, d.h. die Folge eines jenseitigen und
diesseitigen Lebensgesetzes, daß sich das Gleiche zum Gleichen finden soll.
Dieses Gesetz ist derart beschaffen, daß es dabei das eigenartige Individuelle
nicht erstickt, sondern daß sich dasselbe recht wohl entwickeln kann, wie die
Blätter eines großen Baumes, die sich auch alle gleichen, ohne deswegen, wie
der Mathematiker sagt, kongruent zu sein, also genau mechanisch wie durch einen
Stempel angefaßt.
"Ist nun die
erwähnte Harmonie vorhanden, so werden auch sich ähnelnde Seelenpartikel
angezogen, die eine Menschenseele bilden. Eine Mutter wird stets Kinder
gebären, die diesem Gesetz entsprechen; wenn dann diese Kinder trotzdem später
sich als sehr verschieden in moralischer und sittlicher Beziehung zeigen, so
ist wieder daran zu erinnern, daß ein Baum auch sehr verschieden geformte
Blätter hervorbringt, die dennoch von derselben Art sind. Beim Menschen hängt
aber seine spätere Form, entsprechend dem Charakter, von Einflüssen der
Erziehung, Umgebung, Auffassung, von seinem Fleiß, Wollen, seinem körperlichen
Befinden, von seinen Erfolgen und Mißerfolgen im Leben ab, sodaß das, worauf
ich hinweisen will, mit diesen Verschiedenheiten der späteren individuellen
Person zunächst nichts zu tun hat. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß
das Zugehörigkeitsgefühl dadurch entsteht, daß harmonische tiefere Seelenprinzipien
bereits aus dem Vorleben in Kraft treten. Wo es gänzlich fehlt oder wieder
erlischt, ist diese frühere Verwandtschaftsquelle nicht vorhanden."
Julie setzte mir
weiterhin auseinander, daß die Entfernung auf Erden keine Rolle spielt, um die
miteinander verwandten Seelen zusammenzubringen. Es treten dann irdische
Verhältnisse, sogenannte Zufälligkeiten ein, um sich doch einander zu nähern.
Das Grundgesetz aller
Seelenharmonie ist Anziehung, Abstoßung die Ursache der Disharmonie. Anziehung
und Abstoßung braucht aber nicht gleich in das Tagesbewußtsein zu treten, dies
entwickelt sich mit den Erfahrungen und mit der Zeit, je nachdem das
verwandtschaftliche Gefühl erwacht, oder auch als Irrtum sich erweist.
Ich sollte nun
praktisch erproben, wo die mir seelisch Verwandten stecken und diese sammeln,
d.h. in meiner Sphäre vereinigen.
Daß meine Frau mir am
nächsten stand, empfand ich deutlich. Es wurde mir klar, daß wir uns bereits
auf jenem Planeten, den ich zur Erreichung der Gotteskindschaft verließ,
gekannt hatten und dadurch eine Seelenverwandtschaft entstanden war, die aus
dem Vorleben stammte. Schon dort war ich ihr Führer gewesen, sollte es umsomehr
auf Erden sein. Daß sie in Petersburg geboren und der Zufall (?) mich dahin
führte, war nur eine Bestätigung des genannten Grundgesetzes, und daß es meinem
Bruder Friedrich genauso erging, wirst du leicht verstehen.
Julie übergab mir
nunmehr meine Frau, die sich überraschend schnell, nachdem erst die Kraft des
Wollens in Wirksamkeit trat, entwickelte, und wir wollten nun gemeinsam weiter
auf die Suche nach den Verwandten der irdischen Laufbahn gehen.
Da ich meine Eltern
bereits gefunden hatte, war der Wunsch meiner Frau, auch die ihren
wiederzusehen. Dieser Wunsch wurde ihr schnell erfüllt; denn jenes Haus, in dem
sie sich bisher aufgehalten, gehörte ja ihren Eltern, die zeitweilig abwesend
waren, jedoch stets wiederkehrten. Abwesend waren sie, da diese Region der
Sphäre nicht mehr ihre Wohnstätte war; aber ihre Tochter hatten sie noch nicht
befreien können.
Es ist nicht meine
Absicht, hier alle Verwandte zu nennen, die wir aufsuchten, und deren Zustände
zu beschreiben; jeder, der unsere Schriften kennt, weiß, daß genau der inneren
Entwicklung auch die Umgebung entspricht, und etwas Außerordentliches, was
notwendig wäre zu beschreiben, habe ich dort nicht gefunden.
Es genügt also, wenn
ich erkläre, daß nach dieser gemeinsamen Wanderung und namentlich Auferweckung
des getrübten Geistes meiner Frau wir in mein kleines Reich zurückkehrten und
von meinem Häuschen zunächst Besitz nahmen. Die Gegend war immer noch dieselbe,
der Sonnenbrand glänzte wie vordem über dem Horizont. Ich erklärte alles, und
Emilie nahm alles so auf in ihr Gemüt und Herz, wie es nur zu wünschen war.
* * *
Jetzt aber begann
meine Arbeit; denn ich begriff sehr wohl, daß doch mein Aufenthaltsort nicht
der aller Geister sein könnte, die noch nicht im Anblick der Wahrheiten Gottes
standen, daß jedenfalls — wollte ich arbeiten nach dem Willen des Herrn — mir,
ähnlich der niederen Region, aus der ich Emilie entführt hatte, auch andere zugänglich
sein müßten. Ich dachte daher daran, ob es nicht angemessen sei, mich in den
Wirkungskreis der Erde zu begeben, um von dort aus das Aufsteigen der
abgeschiedenen Seelen zu beobachten und lernen, was mit ihnen geschieht.
Ich tat es,
ausgerüstet mit dem Willen und der Kraft des Herrn, und da sah ich sehr viel
Merkwürdiges, daß ich euch darstellen will.
Eine ganze Anzahl
vorgeschrittener Geister ist stets bereit, die Seelen Verstorbener in Empfang
zu nehmen. Ungefähr in jeder Sekunde stirbt irgendwo ein Mensch, d.i. also in
der Minute nicht 60, sondern 50 im Durchschnitt bei sonst normalen Zuständen,
wie sie annähernd vor dem Kriege herrschten, das macht also zirka 72'000 pro
Tag und über 26 Millionen im Jahr. Es ist daher eine ziemliche Arbeit zu
leisten, die sich jedoch sehr verteilt, wenn das große Gesamtheer beachtet
wird, das gesetzmäßig eingreift und je nach seinem Fortschritt die ihm
zugehörige Arbeit übernimmt. Es sterben ja auch nicht nur auf der Erde
Menschen, auch auf vielen, vielen anderen Planeten der verschiedensten Sonnensysteme.
Dann entwickeln sich wiederum Seelen aus den Wesen der Erde und müssen
eingekleidet werden, ebenso diejenigen Seelen, die bereits ein Vorleben
besitzen. Es gibt also zu tun für den, der Erkenntnis und Arbeitsfreudigkeit
besitzt.
Ich greife jedoch
zurück auf das, was ich lerne. Zunächst behagte es mir gar nicht, in die
Erdsphären wieder einzutreten. Stelle dir vor, daß ein Kork im Wasser
untertauchen soll; er schwimmt immer oben und drängt mit Allgewalt zur
Oberfläche. Soll er doch untertauchen, so muß er sich mit beschwerenden Stoffen
anfüllen, sonst gelingt es überhaupt nicht. So geht es einem ätherischen
Geiste, der in reinen Zonen lebt. Er muß sich mit Erdstoffen beschweren oder
besser, sich ein Taucherkleid beschaffen, das es ihm erst ermöglicht, in die
verlassenen Tiefen hinabzusteigen. Das will nicht nur gelernt sein, sondern es
gehört auch große Überwindung dazu. Es steigt doch niemand gerne in eine
Kloake, und eine solche ist die Erdsphäre im Vergleich mit den reinen,
geistigen Sphären. Wer also direkte Arbeit zu leisten hat, muß sich überwinden,
das schwere Erdenkleid wieder anzuziehen und hinabzusteigen in eine stickige
Luft, die er sogar zur Lebenszeit noch gar nicht einmal kannte. Jeder Mensch
verbreitet eine sogenannte Aura, also einen Lebensdunstkreis um sich, der immer
widerlicher ist, je niedriger derselbe in seinem Inneren steht; diese Aura wird
den Lebenden wenig bewußt, aber sehr stark den arbeitenden Geistern. Es ist
daher letzteren wirklich keine Kleinigkeit, sich derartigen Menschen zu nähern,
teils um sie günstig zu beeinflussen, oder sie nach ihrem Ableben in Empfang zu
nehmen. Auch ihre Aura wird durch die Umwandlung des Todes keine Spur
gebessert. Wie notwendig es daher ist, daß ihr eure Aura möglichst verbessert,
rein erhaltet, wenn ihr wünschet, daß sich höhere Geister euch nähern, das ist
klar ersichtlich aus dem Gesagten.
Stirbt also ein
Mensch, so nimmt ihn stets ein Vorgeschrittener — das sind alle, die bereits
eine eigene Sphäre besitzen — in Empfang und nimmt sich seiner an. Da nun jede
hinübergegangene Seele sehr schnell ein Äußeres erhält, das seinem Inneren
entspricht, so weiß auch der in Empfang nehmende Geist ganz genau, wie weit die
Seele vorgeschritten ist, und in welche Region seiner Sphäre er diese einführen
kann, oder ob er sie überhaupt nicht aufnehmen und den vielfachen
Besserungsanstalten überwiesen muß, damit sie geläutert wird. Diese
Besserungsanstalten sind nun höchst weise eingerichtet und darf ich darüber
noch einiges mitteilen.
Vieles ist euch
bereits bekannt; so wißt ihr zum Beispiel, daß gemäß den inneren Wünschen einer
abgeschiedenen Seele sich ihre äußere Umgebung tatsächlich gestalten kann, daß
aber dann ihre Wünsche sich gegen sie kehren und sie keine Befriedigung,
sondern im Gegenteil großes Leid, oder doch mindestens öde Langeweile empfinden
muß, um das Törichte ihrer Wünsche einzusehen und auf die rechte Bahn geleitet
zu werden. Ihr wißt aber — weniger aus direkten Kundgebungen, als aus
dichterischen Ergüssen, Phantasien, denen aber ein gutes Teil Offenbarung
innewohnt —, daß die verhärtesten Seelen auch gegeneinander wüten können, sich
zu verderben suchen — und es doch nicht können, weil ihre jetzigen astralen
Leiber nicht so getötet werden können, wie die irdischen. Hier habt ihr die
Hölle im wahren Sinne, indem es Schrecknisse genug gibt, nicht durch quälende
Dämone und Teufel, sondern durch sich selbst und gegenseitig quälende Seelen,
die sich durch Zulassung austoben und nun am eigenen Leibe erfahren, wie das
tut, was sie anderen angetan haben.
Namentlich der Krieg
hat durch die vielen verübten Scheußlichkeiten die Hölle stark bevölkert, und
es bedarf aller Aufmerksamkeit, oft schroffen Eingreifens der höheren Geister,
die sozusagen als Gefangenenaufseher fungieren, um solche besonders rabiate
Seelen zur Vernunft zu bringen.
Es ist auch nicht jeder
Geist auf höherer Stufe für solche Arbeit geeignet, ebenso wie man auf Erden
nicht jeden gebildeten Menschen auf einen derartigen Posten würde stellen
können. Es gehören besondere Eigenschaften, eine große Energie, ein ganz
besonderes festes Vertrauen und wenn es sein muß eine bestimmte Härte dazu, um
dauernd, d.h. längere Zeit, einen derartigen Posten zu bekleiden. Es eignet
sich nicht jeder Mensch zum Kriminalbeamten, dazu gehört außer den
Charaktereigenschaften auch Liebe zu diesem Beruf, die nicht jeder empfindet,
gar nicht empfinden kann, weil seine Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.
Ich z.B. kann es nicht, wenn ich mich auch nicht scheue, ausgerüstet mit der
Kraft des Herrn in die tiefste Hölle zu steigen, um irgendeine Seele zu retten,
— aber dauernd diese Regionen zu beaufsichtigen wäre mir doch unmöglich. Meine
Fähigkeiten, Ziele und Arbeiten sind eben andere.
Aus diesen Angaben
erkennt ihr, daß in vielen Dingen das Jenseits gar nicht so verschieden von dem
Diesseits ist, es gar nicht sein kann, weil die Verbesserung der Seelen, ihre
Vollendung sich von dem Boden ihrer einst irdischen Tätigkeit gar nicht trennen
läßt. Letztere ist immer der Grundstein, auf dem sich die Weiterentwicklung
aufbaut; daher kann auch nach der Umwandlung, d.i. der Tod eines Menschen, sein
Ich sich nur so fortsetzen, wie es in dem Augenblick seines Ablebens sich
gestaltet.
Das Drohende durch
die Umwandlung ist aber, daß jede Maske fällt, der Vogel an seinen Federn
erkannt wird und jede Heuchelei, Selbstbetrug, Beschönigung und Eigenlob in
nichts zerfällt, die Seele nacht und bloß in ihrer wahren, inneren Gestalt sich
darstellt. Darum heißt es auch: eure Taten folgen euch nach! —
* * *
Meine Lieben, ich
habe euch nicht mehr viel zu sagen, denn um euch im weiteren Kreise
mitzuteilen, wie und in welchen Zuständen ich nun meine Verwandten antraf, ist
nicht der Zweck meiner Kundgebung, es soll euch nur gezeigt werden, wie man auf
Erden sein Ziel verfehlen, es aber doch im Jenseits erreichen kann, wenn man
seinem Gott und Herrn nur treu anhängt. Nur Nachfolgendes habe ich noch zu
sagen.
Ich fand mein Haus
bald als zu klein und mußte daran denken, es zu vergrößern. Nun, wie das
geschieht, wußte ich ja und folgte auch dem bekanntgegebenen Rezept.
Der Bau erweiterte
sich, und bald besaß ich ein Haus, das dem Thiemes nichts nachgab. Auch Thieme
fand sich wieder bei mir ein, freute sich über mein Fortschreiten und zeigte
mir einige Fehler, die mir doch untergelaufen waren und darin bestanden, daß
mein Wollen sich nicht immer ein bis in das kleinste klares Bild gemacht hatte,
so daß dadurch der Aufbau nicht durchgängig solide war. Da ihr nun wißt, daß
das Äußere nur ein Abbild des Inneren ist, so wurde es mir auch nicht
allzuschwer, das Innere meines Wesens entsprechend zu verbessern, und damit die
äußerlich sichtbaren Fehler ebenfalls. Es entsprechen diese Schäden auch dem
Innern und werden dann erkannt als Fehler eigenen Wollens.
Es ist nicht nötig
darauf hinzuweisen, daß ich meine Absichten auch durchführte; denn der Wille
des Herrn lebt in mir, und mein Wollen will nichts anderes als seine Erfüllung.
Ich bin glücklich in der Ausführung meiner übernommenen Pflichten, sehe jetzt
diejenigen um mich, die mir lieb und wert waren auf Erden und in meinem
früheren Dasein, bereit, dem Herrn allein zu dienen. Ihm zu folgen und Seine
Gebote restlos zu erfüllen.
So habe ich jetzt
erreicht, was zu erreichen unsere Lebensbestimmung ist, und diese soll jeder
Mensch, der von der Erde abscheidet, auch erstreben.
Mehr zu sagen, ist
mir jetzt nicht vergönnt; denn wüßtet ihr genau unser Leben, könntet ihr nur
eine Sekunde lang die Freude und Wonne des Jenseits verspüren, es wäre euch
unmöglich, länger im Diesseits zu verweilen.
Keiner fürchte sich
vor dem Übergang, keiner aber sehne sich eher nach diesem, bevor in ihm nicht
die volle Überzeugung erwacht ist, daß er restlos alle seine Pflichten erfüllt
hat und wahrhaft die Zeit seiner Abberufung genaht ist.
Überlaßt die rechte Stunde dem Herrn allein, dann könnt ihr auch eines
freudigen Wiedersehens, eines frohen, arbeitsreichen, aber in jeder Beziehung
herrlichen Zusammenlebens mit euren Lieben gewiß seien. Dazu verhelfe jedem die
Liebe unseres heiligen Vaters in Ewigkeit, den wir erkennen als Jesus Christus,
den Heiland aller Seelen, den Tröster aller Leidenden, den Führer aller Gerechten
und den Schöpfer aller Dinge. Amen