|
Robert H.
Kirven Deine Engel |
|
Im Herbst 1994 hat die Swedenborg-Foundation in den USA in der Reihe der „Chrysalis“-Bücher einen neuen „Kirven“
herausgebracht. Der Untertitel des Buches verrät schon einiges über den
Inhalt: „Was Swedenborg sah und hörte.“ Für Kenner enthält also das Buch
nichts grundsätzlich Neues. Wenn wir es dennoch ins Deutsche übersetzen und
drucken, so weil unser Freund und Weggefährte eine besonders ansprechende Art
hat, Swedenborgs Schau auch solchen Lesern nahezu
bringen, die damit noch nicht vertraut sind. Engel umgeben uns von allen Seiten.
Darüber kann es keinen Zweifel geben. Selbst wenn Sie, liebe Leser, an ihrer
Existenz zweifeln sollten, können Sie doch ihrer Gegenwart nicht entfliehen,
wie sich diese in populären Filmen, Bestsellern, zu den Hauptsendezeiten des
Fernsehens, in Wochenend-Magazinen und anderen Publikationen bemerkbar macht.
Also: Engel umgeben uns von allen Seiten. Aber warum dann noch ein Engel-Buch?
Gibt es überhaupt etwas, das noch nicht zu diesem Thema gesagt worden wäre? Einige Autoren haben in ihrer
Neugierde die ganze einschlägige Literatur durchforscht, haben sie zusammengefaßt und analysiert. Andere haben selber Engel
gesehen, auf andere Weise erfahren oder mit Menschen gesprochen, die das
behaupteten und darüber geschrieben haben. Aber ein Beobachter, Emanuel
Swedenborg, hatte während mehr als 27 Jahren beinahe täglich Umgang mit
Engeln oder anderen Geistwesen. Doch obgleich er viel über Engel geschrieben
hat — in allen dreißig Bänden der englischen Übersetzung seiner theologischen
Werke äußert er sich über sie —‚ keines seiner Bücher behandelt
ausschließlich die Engel und ihre Aktivitäten. Diese Lücke möchte ich mit
meinem Buch füllen. Um etwas persönlicher zu werden: In
meinem bald 70- jährigen Leben habe ich viel über Engel und Swedenborg
gelernt, und das hat mir sehr geholfen, mein Leben so erfolgreich bzw. nicht
erfolgloser zu leben als es der Fall war. Das Wissen um die Engel und wie sie
auf Menschen einwirken, war mir unschätzbar, und darum möchte ich diese
Einsichten mit meinen Lesern teilen. Über dreißig Jahre hinweg war ich als
Erzieher tätig und habe Menschen Swedenborgs Ideen
und christliches Denken vermittelt. So hatte ich die Gelegenheit und das
Glück, mich mit dem, was Swedenborg über die Engel schrieb, im einzelnen
vertraut zu machen. Doch erinnere ich mich noch sehr gut an die Zeit, als ich
viele Fragen hatte, die ich damals nicht zu beantworten wußte,
Fragen über Swedenborg und Fragen über Gott, so daß
ich mich eine Zeitlang von der Kirche distanzierte. Darum habe ich große
Sympathie für Menschen, die mich fragen: „Wer sagt denn das? und: „Woher
wissen Sie das?“ Leser dieser Zeilen, die an der
Bedeutung von Bibel, Kirche oder christlichen Begriffen und Anliegen für ihr
Leben zweifeln, möchte ich bitten, ihr Urteil solange zurückzustellen, bis
sie mehr darüber gelesen haben, was es mit den Engeln auf sich hat und was
sie im Leben von Gläubigen jeder Religion wie auch von Menschen ohne Religion
bewirken. Der Aufbau dieses Buches ist einfach.
Ich nehme an, daß es die meisten Leser begrüßen
werden, zuerst etwas über die Engel und ihre Tätigkeit zu hören. Darum
handeln die beiden ersten Kapitel davon. Leser, die erst etwas mehr über
meine wichtigste Quelle erfahren möchten, können mit Kapitel drei beginnen:
„Wer sagt das?“ Vieles von dem, was im ersten Kapitel
über die Engel gesagt wird, gilt ebenso für Geister. Doch Swedenborg machte
einen Unterschied zwischen diesen beiden Wesenheiten. Den Zusammenhang
zwischen ihnen beschreibt Kapitel zwei: „Engel und Geister“. Mein Swedenborgscher
Hintergrund wie auch mein eigenes Leben haben mich überzeugt, daß Kenntnisse hinsichtlich der Tätigkeit von Engeln in
unserem Leben für jeden Menschen nützlich sein können. Es ist daher meine
inständige Hoffnung, daß dieses Buch seinen Lesern
helfen wird, empfänglicher für die spirituelle Hilfe zu werden, die uns Engel
geben möchten. Manche Leser werden zweifellos Mühe mit der Vorstellung haben,
daß es tatsächlich Engel gibt und sie tätig sind.
Die Erörterung von Swedenborgs Einsichten soll hier
helfen. Zudem habe ich aufgrund einer langen Lebenserfahrung mit diesen
Einsichten herausgefunden, wie sehr sie innerlich zusammenhängen und mit all
dem harmonieren, was ich sonst vom Leben weiß — so daß
sie sich selbst beweisen. Aber ich will Ihrem Urteil nicht vorgreifen. Schließlich möchte ich meinen Dank zum
Ausdruck bringen für Bill, David, Don, George, John, Nancy und andere Engel —
die meisten von ihnen noch in der irdischen Welt, einige nicht mehr — die mir
bei der Abfassung dieses Buches geholfen haben. [Übersetzt aus dem
Amerikanischen von Friedemann und Hella Horn.] Man könnte einwenden: Ehe man die
Tätigkeit der Engel beschreibt, sollte erst einmal bewiesen werden, daß sie überhaupt existieren. Aber der überzeugendste
Beweis für ihre Existenz besteht gerade darin, daß
ein Ereignis, das einem Menschen in seinem eigenen Leben zustößt, das Werk
eines Engels war. Schließlich kann nur ein wirklich existierendes Wesen etwas
vollbringen; eine Beschreibung der Aktivitäten der Engel könnte eine Antwort
auslösen, sei es eine Erinnerung, sei es eine Intuition, welche die Existenz
der Engel mehr bekräftigt als logische Überlegungen. Engel sind normalerweise tätig. Sie
sitzen nicht auf Wolken, auf Thronen oder ähnlichem herum, wie sie oft auf
Gemälden oder Zeichnungen dargestellt werden. Außer in ihren Ruhezeiten — vergleichbar
unserem nächtlichen Schlaf — sind sie nie untätig, sondern sind im Gegenteil
eifrig mit dem beschäftigt, was sie gern tun: zum Beispiel mit geistlichen
Betrachtungen, Lehrtätigkeit bzw. Lernen, Gottesdienst, Erholung,
gegenseitigem Beistand, Hilfe für irdische Menschen. Die meisten wirklichen
Engel beschäftigen sich freilich nicht mit den Menschen und Umständen, die
sie in der physischen Welt zurückgelassen haben, und die Hilfe, die sie den
Menschen geben, ist eher geistig als materiell. Sie helfen Menschen wie dir
und mir, den rechten Weg zu finden, Stärke zu gewinnen, Geduld zu lernen oder
Mut zu fassen, das zu tun, was getan werden muß.
Sie sind auch nicht „freiwillige Helfer“, die sich die Menschen aussuchen,
denen sie helfen wollen. Vielmehr sind sie Botschafter bzw. Beauftragte
Gottes, die seinen Willen ausführen und seine Barmherzigkeit verkörpern. Will man sich ein klares Bild davon
machen, auf welche Weise uns die Engel beistehen, muß
man zunächst verstehen, wie sich unser Leben mit dem der Engel und anderen
Geistwesen verbindet. Darauf kommen wir noch zu sprechen. Als Einleitung
wollen wir zuerst einen Bereich des uns Menschen gewährten Beistands der
Engel betrachten, den wir leicht verstehen können. Wenn der Mensch stirbt — genauer: wenn
sein Körper stirbt — sind Engel mit einer besonderen Neigung und
entsprechenden Ausbildung sogleich bei ihm und helfen ihm bei seinem Übergang
vom körperlichen ins rein geistige Leben. Gewöhnlich bleibt diese Hilfe den
physischen Augen des Klinikpersonals und der Angehörigen am Bett des
Sterbenden unsichtbar. Doch manchmal reagieren Sterbende, die im besonderen
Maße für die Hilfe der Engel offen sind, solange sie noch im Leibe sind. In
solchen Fällen spricht oder tut die sterbende Person etwas, das für die
Anwesenden, denen die Gegenwart von Engeln nicht bewußt
ist, unverständlich bleibt. Einer meiner Freunde, der zwar um die
Engel wußte, aber nicht viel darüber sprach, geriet
anläßlich einer Herzattacke ins Koma. Während er bewußtlos auf dem Boden hingestreckt lag und seine Frau
auf den Krankenwagen wartete, sprach er die letzten Worte seiner physischen
Existenz: „ja, ich verstehe, was du tun möchtest.“ Er sprach zu den Engeln, die ihm bei
der Trennung seines Geistmenschen vom Körper halfen. Er wußte
bereits, was die meisten Menschen erfahren haben, die ein Nah-Todes- Erlebnis
oder irgendein anderes spirituelles Erlebnis hatten: Der Mensch lebt weiter,
nachdem sein Körper gestorben ist. Darum war mein Freund vermutlich gar nicht
überrascht, Engel um sich zu sehen, ähnlich wie medizinische Helfer, die
dabei sind, einen Patienten von der Herz-Lungen-Maschine zu trennen, nur daß die Engel bei den komplizierten Prozessen mit viel
mehr Wissen und Sorgfalt vorgehen. Die meisten Menschen brauchen Hilfe,
obgleich es einige wenige gibt, die ganz ohne eine relevante Erfahrung an
diesen Punkt gelangen. Der Loslösungsprozeß
bereitet vielen Menschen darum so große Schwierigkeiten, weil einerseits die
Bande, die den Geist mit seinem Körper und mit der Welt verbinden, komplex
und intim sind, andererseits aber Geist und (geistige) Sinne für eine ganze
Reihe von Einflüssen und Empfindungen geöffnet werden müssen, deren sich der
Mensch zuvor nicht bewußt war. Eine Dame, mit der ich vor manchen
Jahren eng befreundet war, obgleich sie älter als meine Eltern war, erfreute
sich einer so engen Gemeinschaft mit ihrem Manne, daß
die bei den einander immer ähnlicher wurden und
schließlich fast wie Zwillinge aussahen. Sie überlebte ihren Mann um mehrere
Jahre. Nach dessen Tode, so erzählte sie mir, sprach sie jede Nacht mit ihm.
Obgleich ich das Fortleben nach dem Tode nicht bezweifelte, beschlich mich
doch heimlich der Gedanke, ob sie nicht allmählich senil würde. Als sie dann einige Monate später
selber starb, änderte ich jedoch meine Meinung, als eine gemeinsame Freundin
mir folgendes erzählte: Sie saß am Bett der Sterbenden, die eingeschlafen
war. Plötzlich erwachte diese, schaute umher, und auf einmal leuchtete ihr
Gesicht, und ein glückliches Lächeln verklärte ihre Züge. Sie erkannte
jemanden, den unsere gemeinsame Freundin nicht sehen konnte, und sie rief den
Namen ihres verstorbenen Mannes: „Malcolm!“ Lebhafter als seit Tagen und
Wochen fuhr sie fort: „Ist es endlich Zeit?“ Ich nehme an, daß sie eine positive Antwort erhielt, denn nun schloß sie die Augen, lehnte sich lächelnd in die Kissen
zurück und starb. Sie war bereit, ja hoch erfreut, wieder mit ihrem Gatten
vereint zu sein und ihre Ehe fortzusetzen. Es erschien ihr wie selbstverständlich,
daß er sie willkommen heißen würde, noch ehe sie
völlig gestorben war — und als ich darüber nachdachte, erschien es auch mir
ganz natürlich. Andererseits brauchen Menschen
besondere Hilfe beim Prozeß des Übergangs, wenn sie
gänzlich unvorbereitet sind für das rein geistige Leben nach der Trennung vom
Körper — sei es, daß sie vom Tod überrascht werden,
sei es, weil sie nicht an ein Weiterleben glaubten, oder aus irgendeinem
anderen Grund. Manche Menschen, die ein Todesnahe Erlebnis hatten,
beschreiben eine Art von „Tunnel“, den sie durchqueren mußten,
um am Ende von liebevollen Wesen umsorgt zu werden. Emanuel Swedenborg, der
Naturforscher und Seher des 18. Jahrhunderts, der ausführlich über Engel
schreibt, erzählt, wie ihm einmal der Übergang von der körperlichen zur rein
geistigen Seinsweise zu erleben gegeben wurde.
Danach habe er zuerst die Gegenwart von einigen der liebevollsten Engel
wahrgenommen. Zwei waren nahe seinem Herzen, zwei bei seinem Haupt. Der
Bericht schildert auch, wie die Menschen nach dem Sterben allmählich
„erwachen“. Zuerst nehmen sie die Engel neben ihrem Haupt wahr. Diese sind verständnis- und liebevoller als irgendein Mensch, dem
sie auf Erden begegnet sind, auch wenn ihre Rede zunächst unverständlich
bleibt. Worte sind auch im Grunde überflüssig, denn die von den Engeln
ausstrahlende Liebe macht ihre Gegenwart so trostreich und ihre Gesichter so
ausdrucksvoll, daß sie dem gerade eben Verstorbenen
mühelos das Gefühl vermitteln können, in Sicherheit und willkommen zu sein.
Die anderen Engel, näher am Herzen, werden als nächstes wahrgenommen. Auch
sie sprechen auf eine Weise, die der Ankömmling zunächst nicht versteht; aber
sie passen ihre Sprache an, so daß er ihre
Antworten auf seine erstaunten und verwirrten Fragen nach und nach verstehen
kann, und sie erklären ihm seine Lage mit großer Sorgfalt und Liebe. Wenn Neuankömmlinge fähig sind, ihre
veränderte Situation einzusehen und zu akzeptieren — und das tun viele ohne
oder mit nur geringer Nachhilfe — begegnen sie immer mehr solchen
Engelgeistern, die ihnen selbst ähneln. Reagieren sie hingegen sehr verwirrt
auf ihre neue Lage, kann es sein, daß sie zunächst
einmal von Lehrern aufgesucht werden, die ihnen den Übergang besonders
geschickt erklären können. Häufig passiert es auch, daß
sie ihren früher gestorbenen Ehepartnern, Eltern, Verwandten oder Freunden
begegnen. Das bestärkt sie in der Einsicht, tatsächlich gestorben zu sein —
sie hatten es ja vor allem bezweifelt, weil sie sich nach Ablegen des Körpers
so unerwartet real und wesenhaft fühlten — beziehungsweise weil das Leben
nach dem Tode weitergeht (sofern sie das zuvor bezweifelt hatten). Aber der
größte Nutzen solcher Begegnungen besteht darin, diesen Engel-Freunden
Gelegenheit zu geben, den Neuankömmlingen bei der Anpassung an ihr neues
Leben beizustehen. Die Engel tun das auf höchst
natürliche Weise. Einfach dadurch, daß sie
aussehen, sich äußern und handeln wie Leute im irdischen Leben — schließlich
waren sie ja auch einmal irdische Menschen! — üben sie eine beruhigende
Wirkung auf Neuankömmlinge aus. Und indem sie über Erfahrungen sprechen, die
Engel und menschliche Geister gemeinsam haben, gründen sie Vertrauen. Je nach
Bedarf erklären sie den Neulingen mehr und mehr über ihr neues Leben. Und da gibt es in der Tat viel zu
lernen und zu verstehen. Neuankömmlinge müssen zunächst einmal begreifen, was
sie wirklich schätzen und am liebsten tun möchten — im Unterschied zu dem,
was sie in der Welt getan hatten, weil es von ihnen verlangt wurde oder weil
sie sich davon Profit oder Ansehen erhofft hatten. Wenn sie dann erkannt
haben, was für ein Geist sie wirklich sind, müssen sie eine geistige
Gemeinschaft finden, die ähnliche Ziele oder Vorlieben hat. Und schließlich
haben sie viel über den Unterschied zu lernen zwischen dem, was sie in der
Welt geglaubt und „gewußt“ hatten, und was die
Realitäten der geistigen Welt ausmacht. Engel helfen ihnen bei allem, was zu
diesem Prozeß gehört. Sterbende
nehmen die tiefe und tröstende Zuneigung der Engel so bereitwillig an, weil
deren strahlende liebevolle Gegenwart eine im Unterbewußtsein
verborgene Erinnerung an die früheste Kindheit erweckt. Alle Kinder stehen
vom Augenblick ihrer Geburt an während Monaten in enger Verbindung mit
Engeln; und die Begleitung von Engeln und Geistern dauert auch später noch
an, wenn auch auf andere Weise. Während der ersten Lebensmonate - ungefähr
bis zur Entwöhnung des Kindes - kann das Kind noch keine eigenen
Entscheidungen treffen und ist noch nicht verwickelt in den Konflikt zwischen
guten und bösen Einflüssen. In dieser Phase der Unschuld sind den Kindern
Engel nahe, die eine besondere Liebe zu Säuglingen haben, deren (angeborene)
Liebesneigung sie teilen, um ihnen den erforderlichen geistigen Schutz zu
gewähren und dafür zu sorgen, daß sie das Leben mit
einer inneren Erfahrung dessen beginnen können, was wahr und gut ist. Diese frühe Erfahrung der Liebe und
Weisheit seiner Engel ist von vitaler Bedeutung für das Leben eines jeden
Menschen. Wenn auch unbewußt, bleiben die Gefühle,
die durch Liebe und Belehrung der Engel in uns ausgelöst wurden, verborgen in
unserem inneren Gedächtnis erhalten. Nur aus diesem Grundgefühl können wir in
unserem späteren Leben Liebe, Güte, Wahrheit und Schönheit erkennen — ganz
unabhängig davon, wie entsetzlich oder bedrückend unser Leben auch geworden
sein mag. Die Unschuld kleiner Kinder, die sie
bereit macht für die Fürsorge und Gesellschaft der Engel, ist eine
unbezahlbare menschliche Eigenschaft. Sie geht freilich bei der unerläßlichen Entwicklung der Kinder nach und nach
verloren, weil diese ein Gefühl des Selbstvertrauens, des Eigentumsrechts und
der Verantwortlichkeit, des Selbstwerts und der Selbstdisziplin erfordert.
Doch Menschen, die im Alter weise werden, gewinnen wieder etwas, das der
kindlich Unschuld ähnelt: sie können nämlich sich selbst und ihren Platz in
der Welt in der richtigen Perspektive sehen — wir nennen das die Unschuld der
Weisheit. Die Unschuld der Kinder übt eine große
Anziehungskraft auf Engel aus, die gut und stark genug sind, ihr Inneres
gegen alle Arten des Bösen zu schützen und vor schädlichen geistigen
Einflüssen zu bewahren. Manche Engel, die sich auf diese Weise für Kinder
engagieren, haben selbst einen so hohen Grad weiser Unschuld erreicht, daß sie anderen Engeln wie Kinder erscheinen. Doch alle
im Himmel wissen, daß gerade jene, die wie Kinder
erscheinen, zu den weisesten, mächtigsten und seligsten Engeln gehören. Der geistige Schutz der Kinder vor
unguten Einflüssen gehört zu den typischen Aufgaben der Engel und ist ein
besonders wichtiger Dienst. Es gehört zu den Freuden des himmlischen Lebens, daß jeder Engel auf die Weise anderen Gutes tun kann, die
seinen besten Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Darum haben Engel mit
besonderer Liebe zu neugeborenen Kindern die Aufgabe, sich um sie zu kümmern. Andere Engel und Geister treten
anstelle dieser ersten Beschützer, wenn die Kinder heranwachsen. Sobald diese
die Unterschiede zwischen Dingen und Situationen wahrzunehmen beginnen und
zwischen ihnen wählen wollen, tritt an Stelle der anfänglichen Unschuld das
Selbstgefühl als unerläßliche Voraussetzung jeder
Wahl. Nun benötigen sie mehr geistige Führung und Unterstützung als Schutz,
wie am Anfang. Geistige Gesellschaft und Umgebung wechseln laufend während
der Entwicklung des Menschen und spiegeln immer seine Werte und
Zielsetzungen. Engel
helfen uns, den rechten Weg zu finden Engel und engelhafte Geister dienen
uns in unserem Leben vor dem Tod auf mannigfache Weise. Haben wir das Gefühl,
es fehle uns an der nötigen Stärke, an Mut oder klaren Zielen, rufen unsere
Bitten um Hilfe — stille oder gesprochene Gebete, wenn sie nur echt und wir
zur Annahme wirklich bereit sind — die Hilfe der Engel herbei. Sie werden uns
gesandt, wenn es nötig ist, uns von bösen Begierden und den damit
zusammenhängenden unguten Gedanken abzubringen. Gelingt ihnen das, versuchen
sie uns gute Neigungen einzuflößen, die uns Gedanken fassen und ausführen
lassen, wie wir unseren Mitmenschen helfen und die Gesellschaft, zu der wir
gehören, fördern können. Meist erreicht uns diese Hilfe auf dem
Wege über geistige Dimensionen, die tief in unserem Unbewußten
verborgen liegen. Werden wir ihrer gewahr, so meinen wir, die Kraft oder die
plötzliche Klarheit über die Richtung, die wir einschlagen sollten, kämen aus
unserem eigenen Innern, aus irgendeiner uns zuvor unbekannten Quelle.
Zuweilen erreicht uns diese Hilfe aber nicht, dann versuchen es die Engel mit
Träumen, die sie uns schicken, oder in hypnagogischen Zuständen, wie wir sie
in der Zeit zwischen Schlafen und Wachen oder auch bei der Meditation erleben
können. Zuweilen versuchen sie es sogar zu Zeiten, wenn wir voll bewußt sind. Wenn Engel zu uns sprechen, so nicht
in ihrer eigenen Sprache, die wir gar nicht hören oder verstehen könnten.
Vielmehr kommunizieren sie mit uns durch Elemente unseres Unterbewußtseins,
wo sich die Gedanken und Bilder formen, die sich dann erst zu Wörtern und
Begriffen gestalten. Erreicht dann eine Idee, die sie uns übermittelt haben,
unser Bewußtsein, denken wir sie in Wörtern unserer
Muttersprache oder auch in einer anderen uns vertrauten Sprache. Der Mensch kann eine solche geistige
Kommunikation zuweilen auch als Stimme vernehmen. Wenn das geschieht, kommt
der darin ausgedrückte Gedanke auf dem Wege über unser Unbewußtes,
wo er sich in Worte kleidet, die wir zu hören meinen. Dabei haben wir Mühe
festzustellen, ob der Ton von außen oder von innen kam. Engel sprechen aber zu uns viel
häufiger nicht in Worten, sondern übertragen uns
Wünsche, Werte oder andere Neigungen. Wenn wir irgend
etwas sehen oder uns vorstellen — ein Ding oder eine Handlung und
empfinden dabei einen starken Wunsch oder eine Abneigung bzw. eine Zustimmung
oder Ablehnung, dann ist es genau die Art von Gefühlen, die uns am häufigsten
von Engeln kommuniziert werden. Die warme Zustimmung, die man fast physisch
empfindet, wenn man etwa beim Gemeindegesang im Gottesdienst von einem Vers
besonders angesprochen wird, weil er eine Wahrheit zum Ausdruck bringt, die
man im eigenen Leben erfahren hat. Ähnliches gilt für Gefühle, wie sie
zuweilen in uns aufsteigen und uns ungewollt die Schamröte ins Gesicht
treiben, die uns als armselige Lügner entlarvt. Wie können wir wissen, ob ein solches
Gefühl in uns selbst entsteht oder von einem Engel eingegeben wird? Es gibt
keine einfache Methode, sicher zu unterscheiden, ob eine tief empfundene
Gemütsbewegung auf uns selbst oder den Einfluß
eines Engels zurückgeht. Doch wenn uns unsere Reaktion selbst überrascht,
weil sie für uns vielleicht nicht typisch ist, kann es sehr wohl sein, daß es sich dabei um eine Ermutigung aus der geistigen
Welt handelt, uns zu ändern. Wenn „Rippenstöße“ dieser Art nicht
ausreichen, uns den nötigen Anstoß zu geben, können Engel uns auch über
geistige Bilder Gedanken oder Gefühle übermitteln, die den gleichen Zweck
verfolgen. Gelegentlich können diese auch durchaus mit hörbaren Worten
einhergehen. Eine solche Gelegenheit — noch fünfzig
Jahre danach klar in meiner Erinnerung — ereignete sich in den letzten Jahren
des zweiten Weltkriegs. Im Nachhinein ist klar, daß
der Sieg der Alliierten nahe bevorstand. Aber ich war damals so deprimiert, daß mir eine amerikanische Niederlage als eine
entsetzlich reale Möglichkeit erschien. Diese Aussicht beherrschte mein Bewußtsein derart, daß sie zu
einem ernsthaften Hindernis für die Fortführung meiner Hochschulstudien
wurde. Heute weiß ich, daß diese Depression durch
böse Geister gefördert oder gar verursacht worden war. Da träumte ich eines
Nachts, ich stünde auf einem freien Feld. Außer mir selbst war weit und breit
niemand zu sehen, nicht einmal ein Gebäude; ich stand vor einem gewaltigen
Gewirr von zusammengerolltem Stacheldraht, der sich links und rechts bis zum
Horizont erstreckte und mich einsperrte. Wie ich so stand, kam mir über einen
Hügel ein Engel entgegen, wie in einem zu hellen Licht, um hineinzuschauen.
Hinter sich ließ er eine gebahnte Straße zurück, die mir immer näher kam und
durch den Stacheldrahtverhau hindurchführte. Dieser löste sich beim
Herannahen der Straße in Luft auf. Die Straße erreichte mich und verschwand
hinter mir, bis ich sie nicht mehr sah. Als ich merkte, daß
ich frei war, schritt ich in der Richtung vorwärts, aus der der Engel
gekommen war. Ich erwachte. Meine Obsession mit dem Krieg und meine
umfassende Depression waren damit beendet. Der Engel hatte mich von den
irrationalen Ängsten befreit, die mich gefangen gehalten hatten. Wenn auch
kein Wort fiel, war doch die Botschaft klar. Und diese am eigenen Leib
erfahrene Gewißheit, daß
Engel so etwas tun können, hat mir dann geholfen, auch andere Ängste zu
überwinden. Ein andermal, einige Jahrzehnte
später, fühlte ich mich frustriert und unsicher hinsichtlich der zu
treffenden Berufswahl. Ich hatte eine erfolgversprechende Karriere auf einem
Gebiet abgebrochen und mich in einer Universität eingeschrieben, um mich auf
eine andere Laufbahn vorzubereiten. Aber ich war an einem Punkt angelangt, wo
ich in alledem keinen rechten Sinn und Zweck mehr sah. Wiederum geschah es
nachts, aber diesmal war ich gerade von einem Traum erwacht, in dem ich ganz
allein in den verlassenen Straßen einer Stadt umhergeirrt war, die mir New
York zu sein schien, wäre sie nicht so ohne jedes Lebenszeichen gewesen. Erwacht, sah ich noch immer die Straße
vor mir und bildete mir ein, ich ginge darauf weiter. Ohne einen bewußten Entschluß zu fassen,
drückte ich die Türklinke eines Hauses und fand, daß
die Tür offen war. Ich trat ein. Vor mir das Treppenhaus. Es führte abwärts,
also stieg ich die Treppe hinab. Nachdem ich mehrere Stockwerke tiefer
gelangt war, war ich einfach zu müde, noch weiter die Stufen hinabzusteigen
und ließ mich einfach im leeren Raum zwischen den Treppen fallen. Ich fiel
lange und landete schließlich unverletzt auf dem Boden. Dort erblickte ich
einen Lichtschein, der aus einem bogenförmigen steinernen Torweg zu kommen
schien und durch den ich einen erleuchteten Raum betrat. Es war ein kreisrunder Raum mit
steinernen Wänden wie in einem Turm und einem bogenförmigen Fenster, von dem
die Aussicht auf grüne Hügel ging, die mit Bäumen gesprenkelt waren, wie sie
Kinder zu malen pflegen — braune Stämme mit kugelförmigem Blattwerk und
Orangenfrüchten. Als ich mich im Zimmer umschaute, gewahrte ich einen Mönch
in Kutte und Kapuze. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schrieb mit einem
Gänsekiel an seinem Stehpult. Dieser Mönch war, wie mir bald klar wurde, ein
Engel, der alle meine Probleme und Fähigkeiten kannte. Anfangs nicht sicher,
was ich sagen sollte, fragte ich ihn schließlich, wer er sei. Die Gestalt
antwortete nicht und drehte sich auch nicht nach mir um, aber einen
Augenblick später sank die Kutte samt Kapuze leer zu Boden. Kurz darauf erhob
sie sich wieder und ich sah, daß ich nun selbst
darin stand und die Feder in der Hand hielt. Ich ergriff Bleistift und Papier neben
meinem Bett und schrieb im Dunkeln und ohne die Augen zu öffnen, so gut es
ging, die Worte: Was soll ich tun? Ohne irgendeine bewußte
Anstrengung oder Absicht schrieb ich weiter und merkte erst als ich absetzte,
was ich geschrieben hatte: Schreibe. Ich dachte bei mir: „Was soll ich
schreiben?“ Meine Hand schrieb, das wirst du dann erfahren. Ich wunderte mich
und schrieb: „Kann ich wieder zu Ihnen kommen?“ Es erschienen die Buchstaben
ja. Kutte und Kapuze sanken erneut zu Boden,
und ich befand mich im Torweg, als ich das beobachtete. Das Bild verschwand,
und obwohl es nochmals in mir auftauchte, geschah dabei nichts weiter, und
ich versuchte auch nicht bewußt, etwas geschehen zu
lassen. Die Visitation war vorbei. Die „offenbarten“ Worte, die ich
niedergeschrieben hatte, erscheinen, hier abgedruckt, fast sinnlos, wenn ich
sie nicht in den Zusammenhang des Geschehens und der Gefühle stelle, die ich
dabei empfand. Und wenn ich daran denke, habe ich das deutliche Gefühl, daß das Geschehen etwas mit der Gegenwart eines Engels zu
tun gehabt habe. Das Erlebnis hat mir meine inneren Reserven und meine
geistige Richtung bewußt gemacht, und tatsächlich
habe ich seither, was diese grundlegenden Dinge betrifft, nie wieder so
starke Zweifel gehabt, daß sie nicht bei der
Erinnerung an das Erlebnis mit dem Keller-Turm und dem Mönchs-Engel schwanden
und einer neuen Klarheit und Arbeitsfreude gewichen wären. Das Nachdenken über diese Erfahrungen
führt zu einer Reihe anderer Fragen: Woher weiß ich, daß
das Licht und der Mönch etwas mit einem Engel zu tun hatten und nicht nur ein
Phantasiegebilde waren? Und weiter, wenn es sich dabei tatsächlich um
geistige Einflüsse von außerhalb meiner selbst handelte, wie soll ich wissen,
ob es gute, engelhafte Einflüsse waren und nicht dämonische? Das kann man
weder wissenschaftlich noch mit den Mitteln der Logik entscheiden, obgleich
meine innere Gewißheit, daß
sie engelhaft waren, im Grunde unumstößlich ist. Wie dem auch sei, wir werden
diese Fragen bis zu einem gewissen Grad behandeln, wenn wir in unserer
Betrachtung fortfahren. Engel
helfen den Menschen zu feiern Haben wir gute Nachrichten bekommen,
ein Problem gelöst, einen Preis gewonnen oder irgendeinen anderen Grund zum
Feiern, möchten wir das gern rasch irgend jemandem
mitteilen. Das Wesen der Freude besteht ja darin, daß
sie größer wird, wenn wir sie mit anderen teilen; und feiern kann man auch
besser in Gemeinschaft. Da uns Geister und Engel immer nahe sind und Anteil
nehmen an unseren Wertvorstellungen, Zielen und unserer Geisteshaltung,
umgibt uns stets ein geistverwandtes Publikum, das sich mit uns freut. Das
gilt für schlechte Menschen ebenso, die böse Geister bei sich haben, wie für
gute, die sich in Gesellschaft guter Geister und Engel befinden. Manche Menschen sind an solche
Gedanken vielleicht schon im Zusammenhang mit ihrer Religiosität gewöhnt:
preisen sie mit Lob- und Dankliedern Gottes Barmherzigkeit, ist ihnen der
Gedanke keineswegs fremd, daß Engel daran
teilhaben, und sie fühlen auch, daß ihre feierliche
Stimmung dadurch noch erhöht wird. Und das geschieht tatsächlich wohl
viel öfter als wir meinen. Engel, die selber voll Freude Gott lobpreisen,
haben ihre Freude auch an unserem Gesang. Darum sind wir ihnen besonders
nahe, wenn wir Gott mit Freuden lobsingen, und zuweilen spüren wir das auch
ganz deutlich. Aber diese Art gemeinsamen Feierns mit
den Engeln und die sie begleitende große Freude, können wir oft auch
außerhalb eines formellen Gottesdienstes erleben, nämlich immer wenn wir
etwas Nützliches tun: eine Gefälligkeit für unseren Nachbarn, Beteiligung an
Gemeinschaftsaufgaben oder auch nur unsere berufliche Arbeit; freuen wir uns
darüber, stammt ein Teil dieser Freude von den Engeln um uns. Denn die Engel
freuen sich besonders, wenn sie Dinge tun können, die anderen zugutekommen;
und verrichten wir freudig unsere Arbeit und sonstigen Geschäfte, einfach
weil wir sie gerne gut tun und wissen, daß wir
damit anderen nützlich sein können, versetzen wir uns selbst in die
Gesellschaft von Engeln und haben an ihrer himmlischen Seligkeit teil. Wir Menschen empfinden die miteinander
geteilte Freude weniger deutlich als die Engel. Für sie ist ihre Freude, wenn
sie anderen nützlich sein können, ebenso fühlbar und köstlich wie für uns die
Sonne an einem herrlichen Frühlingstag. Wir Menschen erfahren diese Freude
vor allem in den inneren Bereichen unseres Gemüts, die uns meist unbewußt sind, wie später dargelegt werden soll: als eine
Art innerer Wärme und als Gefühl des Wohlbefindens. So vage solche Freude für
die körperlichen Sinne auch sein mag, ist sie doch ein bedeutender Teil
unserer Befriedigung, wenn wir uns im Leben nützlich machen, und sie ist ein
Geschenk des Himmels, das uns die Engel vermitteln, die um uns sind. Solche Feierstunden erleben wir auch
während der Erholung. Ein Teil der Freude, die Sportler, Musiker, Künstler
usw. empfinden, wenn sie bei ihren Übungen deutliche Fortschritte machen,
ohne die solche Übungen ja unerträglich stumpfsinnig wären, stammt von
Geistwesen, die sich mit- freuen, wenn ein Irdischer etwas gut macht.
Dasselbe gilt für Freuden, die wir im Konzert, bei Solo-Vorträgen oder
anderen musikalischen Ereignissen erleben. Auch sie stammen teilweise von den
Geistwesen, die uns umgeben und sich von Menschen angezogen fühlen, die eine
tiefe spirituelle Freude empfinden. Das trifft besonders für musikalische
Erlebnisse zu, weil Musik den Geist unmittelbarer berührt als andere Arten
der Kommunikation. Warum das wirklich so ist, zeigt uns
die Beziehung zwischen der spirituellen Welt der Engel und unserer physischen
Welt. Beide Wirklichkeiten sind durch ein durchgehendes System miteinander
verbunden, das als Entsprechung bezeichnet und weiter unten, vor allem im
dritten Kapitel, mehr im einzelnen behandelt wird. Ein Aspekt dieses Systems
besteht darin, daß alles in dieser Welt, was in
unsere physischen Sinne fällt, etwas in der geistigen Welt widerspiegelt, das
von Engeln und anderen Geistwesen gesehen, gehört, berührt und gerochen
werden kann. Vor allem, wenn wir etwas tun, das nahezu
ausschließlich seelisch oder gefühlsmäßig bestimmt ist, nehmen die Geistwesen
daran teil. Konzentrieren wir uns derart auf etwas, so daß
unsere körperliche Tätigkeit dadurch fast zum Stillstand kommt, sich selbst
unser Atem, Puls und Blutdruck vermindern, dann treten unsere spirituellen
Verbindungen deutlicher hervor. Obgleich wir den Geistern gewöhnlich ebenso
unsichtbar sind, wie sie unseren körperlichen Sinnen, macht uns Konzentration
— ist sie nur tief genug, so daß sie uns von uns
selbst abzieht — zuweilen für die uns umgebenden Geistwesen sichtbar.
Geschieht das, ist ihr Einfluß auf unsere Gedanken
und Gefühle viel stärker und wahrnehmbarer als die übliche unterbewußte Wechselwirkung zwischen ihnen und uns. Swedenborg zufolge erklärt diese
Verbindung die individuellen Verschiedenheiten physischer Erscheinungsformen,
wie etwa der musikalischen Töne. Der Gesang drückt Gefühle aus, und Laute
(ohne Wörter) übermitteln reine Gefühle lebhafter und verständlicher als die beschwörendste Poesie. Streichinstrumente, ursprünglich
entwickelt, um mit der menschlichen Stimme zu wetteifern, haben eine ähnliche
Wirkung. Die Gefühle selbst müssen unterschieden werden von dem, wodurch sie
ausgedrückt werden. Da ist vor allem der besondere Genius der Singstimme und
ihrer instrumentalen Nachahmung durch Blasinstrumente zu nennen, weil der sie
belebende Atem seinen Ursprung in den Lungen hat und diese im Körper die
geistige Fähigkeit widerspiegeln, zu erkennen und auszudrücken, was wahr ist.
Trompeten, Flöten oder Pfeifen rufen Gefühle leichter hervor als sie sie
ausdrücken. Dieser Unterschied ist bei den physikalischen Instrumenten
subtiler als der geistige Unterschied, den er darstellt. Engel hören Stimmen
und Streichinstrumente in Verbindung mit Gefühlen, die durch Ideen in ihnen
hervorgerufen werden, Trompeten und Chöre im Zusammenhang mit dem, was sie
lieben. Die Wechselwirkung zwischen Trompeten und Chören im großen
„Halleluja-Chor“ von Händels „Messias“ macht das deutlich. Zu jeder Zeit aber umgeben uns Geister
oder Engel, die an unseren Zielen und Wertvorstellungen teilnehmen, ob es
ihnen oder uns nun bewußt ist oder nicht. Ob wir
arbeiten oder spielen, uns grämen oder freuen, für unsere spirituellen
Gefährten ist es ganz normal, mit unseren Gedanken und Gefühlen in
Wechselwirkung zu stehen. Sobald wir lernen, ihren Einfluß
zu erkennen, werden wir merken, daß wir manches
intensiver und manches anders empfinden. Wir werden Anregungen empfangen, die
uns helfen, unsere Wahrnehmungen besser zu deuten, Impulse zu Handlungen, die
uns bisher nicht in den Sinn kamen und Ideen, an die wir nie gedacht hatten.
Solche Gefühle und Gedanken kommen jedoch stets auf eine Weise zu uns, die
uns erlaubt, sie entweder zu ignorieren oder sie für unsere eigenen zu
halten. Gewöhnen wir uns aber daran, ihre Quelle und ihr Wesen anzuerkennen,
so werden wir viel leichter fähig, mit den Problemen unseres Lebens fertig zu
werden. Im letzten Kapitel hieß es mehrmals
„Engel und Geister“ oder „Engel und andere Geister“; es setzt voraus, daß zwischen den beiden Bezeichnungen zu unterscheiden
ist. Geist oder Geister ohne nähere Bestimmung sind die allgemeine
Bezeichnung für alle Menschen, die einst auf Erden waren und durch ihren Tod
nur noch in der geistigen Welt leben. Engel sind gute Geister im Himmel. Böse
Geister wurden oben meist nur als „Geister“ bezeichnet, gelegentlich auch,
weil sie in der Hölle leben, als „höllische Geister“ oder als „Teufel“. Es gibt auch Geister, die weder im
Himmel noch in der Hölle, also weder Engel noch Teufel sind. Sie haben noch
mit dem Übergang aus dem Leben im physischen Körper in eine rein geistige
Daseinsform und Umgebung zu tun. Diese Geister leben in einer „Welt der
Geister“, die sich zwischen Himmel und Hölle erstreckt. In dieser Welt sind
die Geistwesen noch damit beschäftigt, sich selbst kennenzulernen und die
ihnen nur scheinbar angehörenden Eigenschaften auszusondern, die sie während
ihres Erdenlebens entwickelt hatten. An deren Stelle entfalten sie nun jene
absolut echten Eigenschaften, die für die Engel bereits offensichtlich sind,
weil diese sie durchschauen. Diese Geister haben sich noch etwas
von ihrer früheren Anhänglichkeit an physische und weltliche Dinge bewährt,
gleichen also mehr uns (den menschlichen Geistern, die noch ein physisches
Leben führen) als die Engel und können daher noch leichter und natürlicher
mit uns kommunizieren als diese. Wir Geister, die noch mit einem physischen
Leib bekleidet sind, befinden uns in der Tat ständig in der Gesellschaft
solcher Wesenheiten aus der Geisterwelt. Da deren Ziele und Wertvorstellungen
meist den unseren sehr ähnlich sind, haben wir mit ihnen den häufigsten und
alltäglichsten geistigen Kontakt. Das ist auch der Grund, weshalb uns die
meisten guten geistigen Einflüsse der Engel durch sie vermittelt werden. Die Verbindung mit den Geistern
erfolgt zumeist unbewußt bzw. unterbewußt.
Wir können oft tatsächlich nicht sagen, ob unsere guten Ideen oder leitenden
Grundsätze unserer eigenen Vorstellung und Urteilskraft entspringen oder der
spirituellen Inspiration bzw. Führung. Ein Beispiel: Vielleicht hatten Sie eine Tante —
nennen wir sie Josephine —‚ die Sie, ehe sie starb, oft mit den Worten
ermahnte, Ehrlichkeit sei die beste Politik. Geraten Sie nun in eine
Situation, wo es schwierig ist, nach diesem Grundsatz zu handeln, fällt Ihnen
das wieder ein. Beruht das nun bloß auf Ihrem Gedächtnis bzw. Gewissen, oder
hat Ihnen das der Geist von Tante Josephine eingegeben? Beides könnte
stimmen, und möglicherweise hat eins das andere verstärkt? Es gibt jedoch in unserem Leben
zuweilen Augenblicke höchster Dringlichkeit, mit unabsehbaren geistigen
Folgen für unser ganzes ferneres Leben. Da kann eine bewußte
Art besonderer Kommunikation ausschlaggebend sein. Sie kann die
verschiedensten Formen annehmen, etwa indem uns Träume einfallen, die uns
einst lebhaft beschäftigt haben, oder visionäre Bilder, die einmal in einem
hypnagogischen Zustand vor uns aufstiegen. Gelegentlich kann es auch ein
„Zeichen“ sein, das uns aufrüttelt und einen einst gedankenlos eingeschlagenen
und in die falsche Richtung führenden Weg abbrechen läßt.
Zuweilen geschieht es auch durch sogenannte Tagträume — manchmal auch einfach
dadurch, daß wir bei dem, was wir gerade tun oder
denken, unterbrochen werden. Es mag auch sein, daß
wir — auf eine Weise, die momentan am besten für uns ist — Geister sehen oder
hören, oder beides. Alle diese Kontakte kann man natürlich, wenn man das
will, leicht als bloße Einbildung abtun und wegerklären. Darum bin ich auch
überzeugt, daß ein halbwegs bewußter
spiritueller Kontakt häufiger und bei mehr Menschen vorkommt als wir
annehmen. Dennoch ist dieser Kontakt mit Geistern heutzutage in unserer
Zivilisation selten, wenigstens im Vergleich zu unterbewußten
geistigen Einflüssen. Unmittelbare Kommunikation von seiten
der Engel ist sogar noch seltener. Dazu kommt folgendes: Diese Geister
sind uns so ähnlich, daß sie uns ganz vertraut
vorkommen. Geister unserer Lieben, die uns unter bestimmten Umständen
gelegentlich kurz nach ihrem Tode erscheinen, sehen gerade so aus wie ehe sie
starben. Engel hingegen sind uns ganz und gar unvertraut. Wenn sie auch
einander als jene menschlichen Wesen sehen, die sie einst waren, so
erscheinen sie in der Geisterwelt doch oft unter Gestalten, die nur Geister
erkennen können — vielleicht als Lichtgestalt, so blendend hell, daß man sie nicht direkt anschauen kann, oder in
irgendeiner anderen Form, die sie darstellt. Engel haben zwar die Macht,
Geistern, ja sogar physischen Menschen als Person oder in irgendeiner
anderen, ihrer Absicht dienlichen Weise zu erscheinen, aber es geschieht
recht selten. Zumeist erscheinen die Engel, wenn sie vom Menschen
wahrgenommen werden, als ein Wesen oder ein Etwas, das dieser noch nie
gesehen hat. Die Engel oder Cherubim,
die als Wache vor den Garten Eden gestellt wurden, hatten ein Flammenschwert,
das sich hin und her bewegte (Gen 3, 24), und der Engel, der mit Jakob
kämpfte (Gen 32, 24), sah aus wie ein Mann, den Jakob noch nie gesehen hatte.
Der Engel, der 5000 Assyrer tötete (Jes 36, 36),
blieb unsichtbar, zumindest für die Lebenden, aber die Engel oder Seraphim, die Jesaja im Tempel
sah (Jes 6,2) und die „Lebewesen“, die Hesekiel am Flusse Chebar
schaute (Hes 1, 4-28), glichen keinem Menschen oder
Tier, das je ein irdisches Auge erblickte. Die Cherubim
Jesajas „hatten sechs Flügel; mit zweien bedeckten
sie ihr Angesicht, mit zweien ihre Füße, und mit zweien flogen sie“. Hesekiels Vision war womöglich noch surrealistischer:
Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter, das eines Menschen, eines Löwen,
eines Kalbs und eines Adlers, und sie fuhren auf einem Wagen mit Rädern
innerhalb von Rädern, die einen Thron von Saphir trugen mit einer von Flammen
umgebenen menschlichen Gestalt darauf. Als heutige Beispiele mögen die
Erscheinung eines Engels in dem von mir geschilderten Traum und mein
traumartiges Erlebnis im Keller-Turm dienen. Das Licht, das in meinen Augen
etwas Persönliches und Absichtsvolles hatte, paßt
zu meiner Vorstellung vom Aussehen der Engel, und es hatte die Macht, die ich
mit den Engeln verbinde. Der „Mönch in seiner Kutte scheint mir auch ein
Engel gewesen zu sein; unter anderem weil die Szene im Keller-Turm so
unwahrscheinlich war und mir die Gestalt des Mönches selbst nicht erschien,
ich vielmehr nur die Kutte sah. Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit
sagen, sie seien keine Geister gewesen und ich sie nur wegen ihres Aussehens
für Engel hielt; doch glaube ich, daß es sich um
Engel handelte. Die Frage, ob meine Analyse der
Erlebnisse richtig ist, erscheint freilich in diesem Zusammenhang nicht so
wichtig. In der geistigen Welt jedenfalls sind Engel und Geister deutlich
unterschieden, wie unsicher auch unsere Wahrnehmung von ihnen sein mag. Es gibt noch einen Grund, Engel und
Geister getrennt zu behandeln: nur gute Geister sind Engel, aber nicht alle
Geister zählen zu den guten. In manchen Fällen führt der Prozeß
der Selbsterkenntnis, den alle Geistwesen nach dem physischen Tod
durchmachen, dazu, daß ein solcher Geist sich unter
üblen Genossen am wohlsten fühlt. Mit anderen Worten: Wenn Geister zur vollen
Selbsterkenntnis gelangen, kann es sein, daß sie
sich in der Hölle zu Hause fühlen. Warum jemand dazu kommen kann, die
Hölle zu wählen, wird später erklärt werden. Solche Geistwesen — ob bereits
in der Hölle oder noch in der Geisterwelt, die aber zur Hölle neigen — sind
ebenso fähig, unser Leben zu beeinflussen, ja sogar in bewußten
Kontakt mit uns zu treten, wie gute Geister und Engel. Das mag ein beängstigender Gedanke
sein, er unterliegt jedoch einigen Einschränkungen. Vor allem ist folgendes
zu sagen: Nur jene Geistwesen sind zu irgendeinem Zeitpunkt am engsten mit
uns Menschen verbunden, deren Ziele und Motive den unseren am ähnlichsten
sind. Tun wir also etwas Gutes und für andere Nützliches und konzentrieren
uns völlig darauf, so hat das zwei gute Folgen: Böse Geister bleiben uns
fern, weil sie mit solchen Absichten und Ideen nichts zu tun haben wollen,
und gute Geister fühlen sich zu uns hingezogen, um uns bei solchem Tun zu
helfen; sie halten die bösen Geister fern. Zweitens: Gott und alle himmlischen
Engel beschützen uns vor bösen Einflüssen, solange wir das auch wirklich
wollen. Engel und Geister werden uns immer dann helfen, das Böse zu meiden
oder ihm zu widerstehen, wenn wir uns ihre Hilfe wirklich wünschen, aber niemals
werden sie uns ihre Hilfe aufdrängen. Jedoch schützt uns weder die eine noch
die andere Art der Hilfe vollständig vor bösen Einflüssen, wenn wir diese
anziehend finden und in Betracht ziehen. Erwägen wir auch nur in Gedanken,
etwas Selbstsüchtiges zu tun oder gar entsprechend aktiv zu werden, ziehen
wir die Gesellschaft selbstsüchtiger Geister an. Fassen wir einen Plan, um
uns auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, treten wir der Gemeinschaft
unredlicher und selbstsüchtiger Geister bei. So steht uns Hilfe aus der
geistigen Welt jederzeit zur Verfügung, wenn wir irgend
etwas wirklich wollen — Hilfe von Engeln für gute, von höllischen
Geistern für böse Zwecke. Dasselbe gilt auch, wenn wir uns
zwischen Alternativen entscheiden müssen. Solange wir zwischen ihnen hin und
her schwanken, sind gute und böse Geister in unserer Nähe. Die einen wie die
anderen versuchen unsere Entscheidung dadurch zu beeinflussen, daß sie uns Gründe zuspielen, die unsere Entscheidung
nach dieser oder jener Seite unterstützen oder rechtfertigen. Haben wir uns
dann entschieden, kommt uns die eine der beiden Seiten noch näher und drängt
zugleich die andere zurück. Wenn wir das Resultat einer Handlungsweise um
seiner selbst willen und ohne Rücksicht darauf wünschen, was andere von uns
denken, und die Tat auch wirklich ausführen, dann tritt die Seite, die uns
die Alternative zu unterstützen suchte, weit in den Hintergrund zurück.
Unsere langfristigen Absichten und grundlegenden Wertvorstellungen zählen bei
dieser geistigen Hilfe viel mehr als einmalige ad-hoc-Entscheidungen. Und wir
sollten wissen, daß selbst unsere besten Absichten
niemals völlig unvermischt mit Bösem sind — und umgekehrt. Uns scheint nur
so, als stünden unsere besseren Absichten im vollkommenen Gegensatz zu den schlechten,
so daß wir den Eindruck haben, uns zwischen schwarz
und weiß entscheiden zu müssen. Vor einigen Jahren wurde ein
Zeitschriften-Artikel kontrovers diskutiert, demzufolge der ehemalige
Präsident der USA, Jimmy Carter zugegeben habe, in seinem Herzen auch schon
Ehebruch begangen zu haben, wobei er sich auf Mat. 5, 28 bezog. Sein
Kommentar löste bei vielen, die vielleicht weniger über das Evangelium als
über den Ehebruch nachgedacht hatten, die Frage aus, ob man bereits von
Schuld oder Verdammnis sprechen könne, wenn eine Handlung nur in Betracht
gezogen, aber entweder zurückgewiesen oder nicht ausgeführt wurde. Im
Zusammenhang mit der hier besprochenen Wechselwirkung zwischen uns und den
Geistern wird diese Frage etwas klarer. Man kann Ehebruch weder akzeptieren
noch ablehnen, ohne sich bewußt zu überlegen, was
er bedeutet. Bis dahin ist also weder Tugend noch Schuld im Spiel. Doch genau
an diesem Punkt nähern sich uns gute wie böse Geister mit ihren
gegensätzlichen Einflüssen. Entscheidet sich ein Mann eine verheiratete Frau
nicht zu verführen, so dürfte das als Sieg der Engel erscheinen, und der
betreffende Mann mag es auch so empfinden. Aber in der Welt der Geister
könnte diese Entscheidung weniger wiegen als die Gründe, die hinter dieser
Entscheidung standen. Fällt ein verheirateter Mann diese Entscheidung, weil
er Ehebruch für Sünde hält, dann wäre das wirklich ein Sieg für die Engel,
aber auch ein anderer, weniger spezifischer Grund kann ein Triumph für die
Engel sein: Vielleicht hat er die Versuchung nur deshalb zurückgewiesen, weil
ihm ein Ehebruch „nicht recht schien“ oder weil er auf diese Weise sein
Ehegelöbnis brechen würde; vielleicht beruhte seine Entscheidung darauf,
welchen Schaden er der Ehe oder dem Gewissen der anderen Frau zufügen würde,
die er „anschaute“ und begehrte (Mat. 5, 28) oder weil diese es nicht
wünschte. Sich aus diesen oder ähnlichen Gründen gegen sexuelle Beziehungen
mit einem Menschen zu entscheiden — wenn sie nur ihren Ursprung im Respekt
für die Ehe, für persönliche Verpflichtungen oder für die Integrität einer
bestimmten Person haben — wäre immer noch ein größerer oder kleinerer Sieg
der Engel — je nachdem wie tief und umfassend der für die Entscheidung
ausschlaggebende Grundsatz war. Kommt jedoch ein verheirateter Mann
nur darum zu dem Entschluß, Ehebruch zu meiden,
weil er für seinen guten Ruf in der Öffentlichkeit fürchtet, sobald es
bekannt würde, hätten seine Engel keinen Grund zur Freude. Das gilt auch,
wenn er den Ehebruch nur unterläßt, weil er Angst
vor dem anderen Ehemann hat oder aus irgendeinem anderen Grund Schaden
fürchtet; oder ganz einfach, weil sich ihm keine Gelegenheit bietet. In
solchem Fall gehörte der Sieg den höllischen Geistern und wäre größer oder
kleiner, je nach den ausschlaggebenden Gründen. Beabsichtigt ein Mensch den
Ehebruch, führt ihn aber nur aus Furcht vor den möglichen Folgen für ihn
selbst nicht aus, öffnete er den ehebrecherischen Geistern einen stärkeren Einfluß auf ihn als zuvor, einen größeren als den
selbstsüchtigen Geistern, die mehr Wert auf Reputation, persönliche
Sicherheit und dergleichen legen als auf höhere Grundsätze. Zudem würde
dadurch den guten Geistern der Einfluß auf seine
zukünftigen Entscheidungen sehr erschwert. Die Fähigkeit böser Geister, sich
gewissermaßen an unsere Absichten anzuhängen, wenn diese schlecht — oder
einfach ungut — sind, sollte für alle ein Warnsignal sein, die offenen Umgang
mit Geistern suchen. Eine pauschale Ermutigung oder Verdammung solcher
Praktiken geht am Entscheidenden vorbei, das nämlich in unserer
grundsätzlichen Motivation liegt, weshalb wir einen derartigen Kontakt
suchen. Es kann sehr wohl sein, daß uns — völlig unbewußt — eine geistige Absicht leitet, die wir dann
rational erklären und rechtfertigen, und nur diese Absicht zählt für die uns
umgebenden Geistwesen. Die Wahl unserer geistigen Gefährten
ist nicht der einzige, aber ein ganz wichtiger Faktor, der unser Leben beeinflußt. Wenn wir aus echter Liebe zu Gott unseren
Mitmenschen gegenüber handeln, und himmlische Hilfe für die Aufgaben
erbitten, die damit zusammenhängen, dann ziehen wir Engel und andere
Geistwesen an, die uns wirklich helfen können. Sucht man aber nur aus
abenteuerlicher Neugier Kontakt mit der Geisterwelt, zieht man ähnliche
Geister an — vielleicht solche, die einst die Revolverblätter verfaßten, die man in den Supermärkten kauft! Oder wenn
es einem bei solchen Kontakten um Vorteile an der Börse oder um einen Blick
in die Zukunft zu tun ist, weil die Geister angeblich aus ihrer Perspektive
jenseits der Zeit besser darüber Bescheid wissen, wird man möglicherweise
ehemalige Börsenmakler anziehen, die „Insider-Geschäfte“ gemacht haben, oder
Geister, die einst ihr Geld damit verdienten, daß
sie den Menschen verrieten, auf welches Pferd sie setzen sollten. Einer
meiner Freunde sagte einst: „Wenn du keine Aktien gekauft hättest, die dir
von Onkel Louis empfohlen wurden, als er noch lebte, was bringt dich auf den
Gedanken, er sei jetzt, wo er tot ist, zuverlässiger?“ Natürlich bringt es Gefahren mit sich,
wenn wir uns vermehrt spirituellen Einflüssen öffnen. Diese Gefahren sind
keineswegs leicht zunehmen, wie hier nicht weiter ausgeführt werden muß. Geister und ihre Einwirkungen auf unser Leben sind
real und mächtig. Da unsere tiefsten und oft unbewußten
Beweggründe viel mit diesen uns umgebenden Geistwesen zu tun haben, ist die
Kontaktsuche weder ein Spiel noch darf sie auf die leichte Schulter genommen
werden. Jahweh‘s
Warnung an die Adresse des Propheten, alle zu meiden, die da sagen: „Befraget
die Totengeister und Wahrsagegeister, die da flüstern und murmeln...“ (Jes.
8, 19), mag den modernen, wohlerzogenen „Sensitiven“ belanglos erscheinen,
und doch ist die Möglichkeit, Kontakt mit Geistern aufzunehmen, eine wichtige
Entscheidung. Bei Jesaja heißt es an der
angeführten Stelle weiter: „Soll nicht ein Volk (vielmehr) seinen Gott
befragen?“ (8, 19). Das verweist uns wieder auf die Frage nach dem Motiv.
Wenn man sich an ein Medium oder eine sensitive Person wendet, statt Gott im
Gebet um Beistand anzugehen, handelt es sich möglicher weise um Abwendung von
Gott. Andererseits können wir die Kommunikation mit Geistwesen auch erfahren,
wenn wir uns im Gebet an ihn wenden. Ich kenne eine Frau, die, als sie Gott
um Trost über den Verlust ihres Sohnes gebeten hatte, von ihrem Pfarrer zu einem
bekannten Medium geschickt wurde, bei dem sie den Trost fand, um den sie
gebetet hatte. Die Vorstellung, daß
gute und böse Geister mit entgegengesetzten Einflüssen auf uns einwirken,
während wir zwischen ihnen wählen sollen — etwas, das wir ständig zu tun
haben — ruft ein anderes Bild hervor. Ein Klischee, sehr populär bei
politischen Kommentatoren und vielfach gebraucht, wenn es um Wahlen oder
Entscheidungen geht, lautet: der Präsident, der Kongreß
oder irgendeine politische Gruppierung habe „einen Kampf um die Herzen und
Seelen“ der Wähler geführt. Die beiden Arten von Geistern, die vom Himmel
geleiteten und die anderen, kämpfen in der Tat um die Herzen und Seelen der
Menschen. Als mit physischen Körpern bekleidete Geistwesen sind wir und unser
Leben das Schlachtfeld. Der Apostel Paulus schrieb, daß „unser Ringkampf nicht mit Feinden aus Fleisch und
Blut ist, sondern mit ... den Geisterwesen der Bosheit“ (Eph. 6, 12). Aus
dieser Sicht könnte man sagen, dieses Ringen ist der Sinn des Lebens
überhaupt. Unsere physischen Leiber zwingen uns von Anfang an zur
Selbstverteidigung; wir müssen uns um Nahrung, Kleidung und Unterkunft
bemühen — um alles, was uns am Leben erhält, uns gesund und komfortabel sein läßt, ohne Rücksicht auf andere. Körperliches Überleben
ist nun einmal ichbezogen, und das wird von bösen Geistern gern dazu benutzt,
um es in Selbstsucht, ja — wenn möglich — sogar in ein Streben nach
Gewaltherrschaft zu wandeln. Wenn wir heranreifen, entfaltet unser Geist
andere Werte, etwa die Liebe zu bestimmten Menschen oder Dingen, die nicht
direkt zu unserem physischen Überleben beitragen, also altruistische Werte.
Gute Geister ermutigen uns dabei und trachten danach, daraus himmlische
Tugenden in uns zu gestalten. Körperliche Existenz und geistiges
Leben bilden in uns, was man auch als unsere zwei menschlichen Naturen
bezeichnen könnte. Die körperliche Natur umfaßt
alles, was mit unserem Körper und seinen unzähligen und unentwirrbaren
Verbindungen zu anderen Menschen und Dingen in der materiellen Welt zu tun
hat. Dieses ganze verwickelte System ist jedoch seinerseits vernetzt mit
unserer geistigen Natur. Erst beim physischen Tode löst sich diese
Verbindung; aber solange unser Geist im Körper lebt, bleiben die beiden
Naturen folgerichtig voneinander abhängig, jedoch in Spannung oder Konflikt
miteinander. Dieser Widerspruch in uns, in Verbindung mit unserer Fähigkeit,
frei zu entscheiden, welche von beiden Naturen wir bei den unzähligen
Entscheidungen in unserem Leben vorziehen wollen, formt unsere Persönlichkeit
und unseren Charakter. Letztlich ist das Resultat all dieser Entscheidungen
unser wahres Selbst, das wir während unseres Aufenthalts in der Geisterwelt
entdecken. Wir Menschen, als mit einem physischen
Körper bekleidete Geistwesen, sind anders als Engel und Geister, die Leiber
geistiger Art haben. Die Fähigkeit unseres physischen Leibes, unsichtbare
Gedanken und Gefühle sichtbar auszudrücken, ermöglicht eine weitere
Unterscheidung zwischen uns und den Geistern: Wir Menschen sind fähig, unsere
wahren Gefühle und Absichten falsch darzustellen oder, wie Shakespeare seinen
Hamlet sprechen läßt: „Man kann lächeln und immer
wieder lächeln, und doch ein Schurke sein.“ Diese Fähigkeit ist nicht
unbedingt und in jedem Falle schlecht. Verstellung kann in manchen Fällen
lebenswichtig sein. Vieles von dem, was wir als zivilisiertes Verhalten
bezeichnen, beruht darauf, daß wir Konkurrenten,
Gegner, in gewissen Fällen sogar Feinde höflich anlächeln und scheinbar kühl
Dinge mit ihnen besprechen, an denen wir leidenschaftlich interessiert sind.
Ein Beispiel sind auch die „ernsten Gespräche“ von Eltern mit ihren Kindern.
Friedenskonferenzen sind ein anderes; sie würden gar nicht erst beginnen,
wenn die einzelnen Teilnehmer ihre persönlichen Gefühle nicht bis zu einem
gewissen Grad verbergen könnten. Täuschung ist eine jener Waffen, die auf dem
Schlachtfeld der physischen Welt, in der geistige Qualitäten erst
herangebildet werden, jederzeit benutzt werden können. In der geistigen Welt
gibt es weder Kriege noch Friedenskonferenzen, ebenso wenig körperliche
Gesichter, die die wahren Gefühle verbergen können. Dort treten alle Gefühle
offen zutage. Die Unfähigkeit der Verstellung macht es Geistern unmöglich,
sich unter Wesen mit anderen Wertvorstellungen und Absichten wohlzufühlen und verhindert jede Art von Täuschung. Ohne die Spannungen, die sich aus
unserer physisch-geistigen Beschaffenheit ergeben, und ohne unsere Fähigkeit
zur Täuschung finden sich Geister mit weit weniger Versuchungen konfrontiert.
Das bedeutet zugleich, daß sie weniger
Gelegenheiten haben, jene Entscheidungen zu treffen, die den Charakter
bilden. Die wichtigsten Gelegenheiten, geistig zu wachsen und sich zu
entfalten, liegen daher in unserem gegenwärtigen Leben. Entscheidungen, die
wir mit oder gegen die Engel und guten Geister um uns herum treffen,
bestimmen weitgehend, wo wir schließlich unseren Platz in der geistigen Welt
finden werden, im Himmel oder in der Hölle. Genau darin liegt der Wert für uns, um
Engel und Geister zu wissen. Wenn wir versucht werden, wenn uns die Einflüsse
böser Geister attraktiv oder gar zwingend erscheinen, kann ein gewisses
Verständnis, daß engelhafter oder dämonischer Einfluß im Spiel ist, in mehrfacher Hinsicht hilfreich
sein. Zum einen kann es uns helfen, zu
wissen, daß die Attraktivität von irgendetwas, bzw.
der scheinbare Zwang zu irgendeiner besonderen Handlung auf dem Einfluß böser Geister beruht, statt auf irgend einer
Anlage oder gar Unabänderlichem in uns selbst oder im Gegenstand unseres
Verlangens. Solches Wissen kann eine große Kraft sein, wenn wir es dazu
benutzen, unsere Gefühle und die sie begleitenden, begründenden Gedanken zu
objektivieren und als Eindringlinge zu entlarven, die es zurückzuweisen gilt.
Ebenso dient uns die Gewißheit, daß
Engel uns dabei zur Seite stehen, wenn wir ihre Hilfe mit ganzem Herzen
suchen. Das kann uns vom Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der betreffenden
Versuchung befreien. Das Wissen um Engel und Geister kann
uns aber ebenso wenig helfen wie die Engel selbst, wenn wir das, was wir
versucht sind zu tun, wirklich tun wollen. Die Engel können nur dann helfen,
wenn wir ihre Hilfe mehr als alles andere begehren. „Wer ewig strebend sich
bemüht, den können wir erlösen“, läßt Goethe die
Engel über Faust sagen. Wenn aber Beistand in der Versuchung das ist, was wir
wirklich wollen, so erlangen wir ihn auch. Und dieser Beistand ist
unbesiegbar. Unbesiegbarkeit ist eine der wichtigen
Charakteristiken der Engel. Da sie für das Wahre und Gute wirken oder
kämpfen, steht ihnen die Macht Gottes, also die einzige Macht, die es
wirklich gibt, zur Verfügung. Keine Macht der Hölle kommt der eines Engels
gleich, und durch unser Gebet können wir ganze Scharen von Engeln herbeirufen.
Gutes und Wahres triumphieren unter allen Umständen, wenn wir darum aus
tiefstem Herzen bitten. Freilich erleben wir die Versuchung
durch böse Geister niemals als etwas so Einfaches, wie sie wirklich ist.
Einmal weil die Wahrheit hinter dem Einzeiler —
„ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung!“ — darin besteht, daß wir uns bei ernsthaften Versuchungen keineswegs so
ohne weiteres wünschen, sie möchten vorübergehen. Zum anderen kann es sein, daß unser erdgebundenes Bewußtsein
all die Hilfen gar nicht wahrnimmt, die wir bekommen haben. In dem Fall mag
es sein, daß wir zwar um Hilfe gebetet, aber keine
sofortige und vollständige Erleichterung gespürt haben. Dann haben es böse
Geister leicht, uns zu überzeugen, daß unsere
Gebete überhaupt nicht gehört wurden. Wenn wir dann aufgeben, obgleich die
Engel schon beinahe gewonnen hatten, ist der Sieg der Teufel umso tragischer.
Auch wenn Engel uns nur helfen, sofern wir nur rückhaltlos darum bitten — so
werden sie die Versuchung besiegen. Nur wenige glauben wirklich an die
volkstümliche, aber törichte Ausrede für eine böse Tat: „Der Teufel hat mich
dazu angestiftet“ — schon weil wenige an den Teufel glauben. Aber auch die
Tatsache, daß es böse Geister, also Teufel gibt,
verleiht der alten Ausrede keine Glaubwürdigkeit, da trotz ihrer furchtbaren
Realität keine dämonische Macht auch nur vor einem einzigen Engel bestehen
kann. Was immer wir tun, kein Teufel kann uns dazu veranlassen, es sei denn,
wir selbst hätten es irgendwie gewollt. Ein Hilferuf aus ganzem Herzen, und
mit Hilfe des Himmels wären wir der Versuchung Herr geworden. Unsere Erfahrung beim Kampf gegen
Versuchungen scheint jedoch niemals so eindeutig zu sein. Viele Menschen sind
sich darüber klar geworden, daß ihre eigene
Achillesferse darin besteht, Entschuldigungen für ihre Handlungen zu finden.
Sobald wir überlegen, ob wir etwas Gutes oder Böses tun sollen bzw. uns für
gute oder böse Motive entscheiden, sehen wir die zahllosen Schattierungen von
Grau zwischen ihnen und fragen uns, was wir wirklich wollen, uns erhoffen
oder glauben. Selbst wenn wir uns selber diese Fragen nicht stellen, böse
Geister sind stets bereit, sie uns aufzuzeigen. Das Positive an diesem trüben
Bild besteht in der Möglichkeit der Hilfe von seiten
der Engel und guten Geister. Wenn wir damit aufhören, selbst herausfinden zu
wollen, was Recht oder Unrecht, gut oder böse ist und statt dessen aufrichtig
um Hilfe bitten und sie auch annehmen wollen, wenn sie gewährt wird, ist der
Weg vor uns klar — zumindest klar genug, um weiterzugehen. Die Finsternis hat
das Licht nicht besiegt (Joh. 1,5), und der Teufel kann uns nicht zu einer
Tat zwingen. Der „Teufel“, der Mat. 4 zufolge Jesus
in Versuchung führte, „Satan“ nach Luk. 10, 18, „der Teufel und seine Engel“,
wie es in Mat. 25, 41 heißt, beziehen sich entweder auf ein Beispiel oder auf
die Gesamtheit der dämonischen Mächte, nicht aber auf einen Fürsten des
Bösen, der in irgendeinem Sinne als Gottes Gegenspieler oder „Schöpfer des
Bösen“ gelten könnte. In den tönenden Worten des Propheten Jesaja ist es Gott allein, der für alles verantwortlich
ist: „Ich bin Jahwe, und keiner sonst, der ich das Licht bilde und die
Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin‘s, der all
dies wirkt“ (45, 6 f.). Gottes Macht, uns unmittelbar oder durch Engel
zugänglich, ist alle Macht, die es gibt. Aber ein Teil dieser Macht wurde uns
von Gott im Schöpfungsakt verliehen, als er uns „ein wenig niedriger als
Gott“ schuf (der Ü.: meist wird übersetzt: „wenig geringer als Engel“). Gott gab
uns die Macht der Entscheidung zwischen der Annahme oder Zurückweisung seiner
Hilfe. Berichte über dämonische Besessenheiten,
angefangen bei den Heilungsberichten der Evangelien, bis hin zur Arbeit von
Paul Tillich, Rollo May und M. Scott Peck, sind höchst lebendige
Beschreibungen einer schrecklichen Wirklichkeit. Aber ich habe keine
Schilderung der Macht des Bösen finden können, die mein Vertrauen in die
größere Macht Gottes und seiner Engel schwächen könnte. Wer das Bild vom Leben als einem
Schlachtfeld wirklich ernst nimmt, wird wünschen wollen, auf Seite der Engel
zu stehen! Weiter vorn in diesem Kapitel hieß es,
die Geister arbeiteten am Übergang von ihrem physischen zum rein geistigen
Leben. Um diesen Übergang zu schaffen, müssen sie zuerst einmal akzeptieren, daß sie „gestorben“ und trotzdem lebendig sind. Ebenso
müssen sie sich ihres geistigen Leibes bewußt
werden, sich mit den Eigenschaften ihrer geistigen Umgebung bekannt machen
und nach und nach ihren wahren Charakter erkennen. Letzteres — der Prozeß
der Selbsterkenntnis — ist für die meisten der schwierigste Aspekt des
Übergangs. Die typisch menschliche Fähigkeit, wahre Gefühle und Absichten zu
maskieren, ist so wirksam, daß es die meisten von
uns fertig bringen, sich selbst ebenso wie andere hinter‘s
Licht zu führen. Wenn wir uns vorzustellen versuchen, worin eigentlich unser
höchster Wert besteht und was wir tatsächlich tun würden, wenn uns alles
möglich wäre und uns niemand dabei auf die Schliche ungesetzlicher Handlungen
käme, mag uns die Antwort schwer fallen, vielleicht unmöglich sein. Ja, sie
könnte auch mehrfach wechseln, wenn wir nur lange genug darüber nachdächten. Geister haben nicht die Fähigkeit,
andere Geister zu täuschen, aber während der Übergangsperiode gibt man ihnen
etwas Zeit, das selbst herauszufinden. Den meisten Geistern erlaubt man, sich
durch ihre eigenen Selbst-Täuschungen hindurchzuarbeiten, um sich ihrer
wahren Natur bewußt zu werden, ehe sie merken, wie
andere sie sehen. Manche realisieren das rasch, da sie schon im irdischen
Leben sich selbst gegenüber um Aufrichtigkeit bemüht waren. Andere hingegen,
die selbst an die „Fassade“ glaubten, die sie ihren Mitmenschen
präsentierten, brauchen Zeit und Hilfe beim Prozeß
der Selbsterkenntnis. Ein Erfahrungsweg zur Selbsterkenntnis
der Geister ergibt sich aus der Freiheit und Offenheit des geistigen Lebens.
Geister brauchen ihre Aufmerksamkeit lediglich auf irgendetwas Bestimmtes zu
konzentrieren, das sie besonders schätzen, und schon finden sie sich in
Gesellschaft anderer, die es ebenfalls begehren. Kaum denken sie an
irgendeine besonders erfreuliche Handlung, so sehen sie sich schon in
Gesellschaft anderer, die etwas Ähnliches im Sinn haben. Auf diese Weise
können sich Neulinge in der Geisterwelt mit Gruppen von Geistern ähnlicher
Wertvorstellungen und Absichten zusammentun und dabei Erfahrungen machen, so daß sie rasch merken, ob sie sich unter ihnen wohl fühlen
oder nicht. Fühlt sich ein Geist unter anderen Geistern nicht wohl, obgleich
diese sich dasselbe vorgenommen haben, von dem er sich selbst und anderen
gegenüber immer gesagt hat, das sei sein Wunsch, so muß
er einsehen, daß er in Wirklichkeit doch wohl etwas
ganz anderes wollte. Nahm ein anderer Geist immer eine besondere Neigung zu
einem bestimmten Tun für sich in Anspruch, fühlt sich aber unter Geistern
fehl am Platz, die dasselbe behaupten, muß er
erkennen, daß seine vorgebliche Begeisterung nur
scheinbar war und er in Wirklichkeit etwas anderes viel höher schätzte. Da unsere Selbsttäuschung sehr
vielschichtig sein kann, müssen manche Geister viele geistige Gemeinschaften
durchlaufen, ehe sie sich in einer von ihnen wirklich zu Hause fühlen, was
zugleich bedeutet, daß sie endlich ihr wahres
Selbst gefunden haben. Geister, die sich am wohlsten unter denen fühlen, die
die Wahrheit lieben und das Gute beabsichtigen, befinden sich im Himmel, und
Geister, die sich im Himmel wohlfühlen, sind Engel. Es gibt zahllose
Gemeinschaften in allen Bereichen des Himmels, darum kann jeder Geist seine
wahre Heimat finden. Andere Geister wiederum können sich in
keiner einzigen himmlischen Gemeinschaft wohlfühlen, ebenso wenig wie ein
Fisch ohne Wasser leben kann. Sie fühlen sich am wohlsten unter höllischen
Geistern, die Lügen bevorzugen und gern anderen schaden. Ein von außen
auferlegtes Gericht ist nicht erforderlich, um sie zur Hölle zu „schicken“.
Das absolute Selbst-Bewußtsein, das in der
geistigen Welt herrscht, sortiert die Geister so genau, daß
alle ganz von selbst ihre Heimat finden. Weil die Selbst-Einschätzung bei
manchen Geistern sehr lange dauert, ist die Geisterwelt zwischen Himmel und
Hölle ein so belebter „Ort“, angefüllt mit Gemeinschaften, die noch an ihren
menschlichen Erinnerungen und Anliegen festhalten. Es handelt sich um die
Geister, die mit den Irdischen noch am meisten gemeinsam haben und am
leichtesten durch Medien, meditative Techniken oder mit anderen, auf direkten
Kontakt zielenden Mitteln erreicht werden können. Weil diese Geister sich
noch immer um Dinge kümmern, die für sie wichtig waren, als sie noch in ihren
physischen Leibern lebten, warnen wir nochmals davor, absichtlich Kontakt mit
ihnen zu suchen. Ihre Verwicklung in weltliche und körperliche Dinge läßt viele ihrer Durchsagen trivial und banal erscheinen;
und wenn wir ihren Rat darum ernst nehmen, weil wir meinen, er komme doch aus
einer geistigen Quelle, kann das zur Fixierung oder zumindest zu Torheit
führen. In den meisten Fällen suchen die Geister von sich aus keinen Kontakt
mit uns Menschen in dieser Welt, außer unter Leitung der Engel oder der
Teufel — falls wir geneigt sind, derartige Geister willkommen zu heißen. Das meiste von dem, was bis hierher
über die Engel gesagt wurde — ausgenommen meine eigenen Erfahrungen oder die
von Freunden — stammt von Emanuel Swedenborg. Er war ein Bergbau-Fachmann des
18. Jahrhunderts und ein theoretischer Physiker, der behauptet, die letzten
27 Jahre seines Lebens beinahe täglich Umgang mit Engeln und anderen Geistern
gehabt zu haben. In der Natur einer solchen Behauptung liegt, daß wir von diesen Erfahrungen nur wissen können, was er
uns berichtet. Darum ist wichtig, sich ein Bild davon zu machen, was für ein
Mensch Swedenborg war. Sowohl väterlicher- wie
mütterlicherseits waren Swedenborgs Vorfahren
Eigentümer von Minen und Schmelzöfen. Er selbst wurde 1688 als Sohn eines
Hofpredigers zu Stockholm geboren. Sein Vater wurde später Professor und
Dekan der Theologischen Fakultät in Uppsala und Bischof der
schwedisch-lutherischen Reichskirche in Skara. Die folgenden Abschnitte enthalten
biographische Informationen, die unmittelbar mit Swedenborgs
Glaubwürdigkeit zusammenhängen. Wer mehr Informationen wünscht, sei auf die
Arbeit von George F. Dole und Robert H. Kirven
verwiesen: „Ein Naturwissenschaftler erforscht geistige Welten“ (New York und
West Chester, Swedenborg-Foundation 1992; die
deutsche Übersetzung von F. Horn erscheint demnächst im Swedenborg Verlag
Zürich. Das Buch enthält zusätzliche Angaben über Swedenborgs
Leben, einen bibliographischen Führer zu anderen Biographien und Quellen,
sowie eine Zusammenfassung seiner wichtigsten theologischen Ideen. Eine
ausführliche Darstellung gibt Ernst Benz, ein international bekannter
evangelischer Theologe, in seinem Werk „Emanuel Swedenborg — Naturforscher
und Seher“, Swedenborg Verlag Zürich 1970. Der junge Emanuel hatte zu seinem
Vorteil einen ausgezeichneten Lehrer, konnte in Uppsala studieren,
anschließend in England, Holland und Frankreich bei hervorragenden
Mathematikern und Physikern seine Studien während vier Jahren abrunden. Als
er nach Schweden zurückkehrte, wurde er von König Karl XII. gefördert, der
ihn zunächst als Gehilfen von Christopher Polhem,
dem führenden schwedischen Erfinder und Hofmechanikus, einsetzte; später
betraute Karl ihn mit einem leitenden Amt in der schwedischen Bergbaubehörde.
All das geschah, als er noch keine 30 Jahre alt war. Mit 36 fiel ihm eine
nicht unbedeutende Erbschaft zu, die ihm zusammen mit seinem Gehalt bis zum
Tode im Jahre 1772 eine gewisse Unabhängigkeit sicherte. Als Vertreter seiner
in den Adelsstand erhobenen Sippe war er ein angesehenes Mitglied des
Adelshauses des schwedischen Reichstags und befreundet mit der Elite des
Landes. Regelmäßig sah man ihn als Gast des Königs bei Hofe. Seine
Berufspflichten und wissenschaftlichen Interessen führten ihn zunächst zur
theoretischen Mineralogie. Im Alter von 46 veröffentlichte er zu Leipzig
seine dreibändigen, in lateinischer Sprache verfaßten
„Philosophischen und Mineralogischen Werke“. Namentlich der erste Band, „Principia Rerum Naturalium“, gibt den Wissenschaftshistorikern Anlaß zur Bewunderung, enthält er doch neben
grundlegenden kosmologischen Erkenntnissen, die bis heute fälschlicherweise
Kant und Laplace zugeschrieben werden, und fortschrittlichen Gedanken über
Magnetismus und Atomtheorie zahlreiche Anregungen, die für einen Forscher
seiner Zeit erstaunlich sind. Anschließend konzentrierte er sich auf
die Erforschung der Seele und ihres Zusammenhangs mit dem Körper. Das war,
als die europäische Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht hatte, ein zentrales
Thema. Zahlreiche große Geister — Descartes, Leibniz, Newton, Rousseau und
viele andere hatten sich damit befaßt. Die Art, wie
Swedenborg das Problem anging, war typisch dafür, wie er Fragen des Lebens
wissenschaftlich und zugleich praktisch anpackte: Da er die Seele als Ursache und
wirkende Kraft und den physischen Körper als ihr Wirkungsfeld betrachtete, entschloß er sich, auf dem Wege über die Zergliederung
des menschlichen Körpers nach der Seele zu fahnden. Er verließ sich dabei vor
allem auf die Sektions-Technik, die sich gerade damals stürmisch entwickelte.
Bei seinen Reisen hatte er einigen der führenden europäischen Anatomen bei
ihrer Arbeit zugesehen und selbst einige Erfahrungen auf dem Gebiet der
Sektion erworben. Aber er gab die eigene Betätigung auf diesem Gebiet auf und
stützte sich stattdessen auf die von hervorragenden Spezialisten
veröffentlichten Werke. Ausdrücklich erklärte er den Grund für diese
Selbstbeschränkung: Es sei ihm nämlich aufgefallen, daß
es schwerer sei, gegenüber eigenen Entdeckungen objektiv zu bleiben, als
gegenüber denen anderer, und er wolle doch bei seiner Suche nach dem Sitz der
Seele unbedingt die wissenschaftliche Objektivität wahren. Als er dann die
Korrekturfahnen zum dritten Band eines auf acht Bände angelegten Werkes über
die Seele las, wurde seine Arbeit plötzlich durch eine Serie bemerkenswerter
psychischer Ereignisse unterbrochen. Doch bevor näher darauf eingegangen
wird, soll noch auf die ausgesprochen praktische Ader Swedenborgs
verwiesen werden: In seinen frühen Zwanziger Jahren
hatte er nebst vielem anderen eine „Flugmaschine“ entworfen, für die er
genaue Berechnungen anstellte, um das Verhältnis zwischen fester Tragfläche
und Auftriebskraft festzustellen. Die Maschine sollte mit einem Fahrgestell,
einem Cockpit für den Piloten und einer Vorrichtung zur Erhaltung des
Gleichgewichts ausgerüstet sein. In der detaillierten Beschreibung heißt es,
der Pilot müsse, sollte der Entwurf je ausgeführt werden, wohl anfänglich mit
ein paar Knochenbrüchen rechnen. Tatsächlich wurde 1897 in den USA ein
maßstabgetreues Modell der Maschine gebaut und nach Anweisung des Erfinders
von einem halben Dutzend kräftiger Männer zum Start gezogen. Es erhob sich
etwa 15 m hoch in die Luft, um dann — unbemannt und ungesteuert — am Boden zu
zerschellen. Aber es war, dokumentarisch einwandfrei belegt, geflogen! Die
Eigenschaften, die Swedenborg seiner Flugmaschine zu geben gedachte, hätten
die Geschichte der Luftfahrt wesentlich beschleunigen können. Aber wichtiger
noch ist der darin liegende Beweis für Swedenborgs
realistischen und praktischen Geist. Als Bergbaufachmann hat er zahlreiche
technische Neuerungen ersonnen, die Bergbau und Schmelzerei ökonomischer und
weniger gefährlich machten. Seine mineralogischen Werke wurden zu
Meilensteinen dieser Wissenschaft. Darüber hinaus haben einige seiner
physiologischen Analysen, die er bei seiner Suche nach der Seele ausführte,
eine Reihe von Entdeckungen auf dem Gebiet der Fortpflanzungsorgane um ein
halbes Jahrhundert vorweggenommen. Ebenso identifizierte er als Erster die
Funktion der Hirnrinde und ihrer Pyramidenzellen — mehr als hundert Jahre,
ehe sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft erkannt wurde. Eine 1910
veröffentlichte Studie von Martin Ramström, Professor
in Uppsala, wies nach, daß Swedenborg seine
analytischen Spekulationen auf eine richtige Interpretation der schon damals
vorliegenden Sektionsbefunde gegründet hatte, ohne diese nach irgendwelchen vorgefaßten Meinungen zurechtzubiegen. Er habe, so Ramström, aus dem ihm vorliegenden Material wahrhaft
originelle, von keinem anderen „geborgte“ Schlußfolgerungen
gezogen. Alle Beweise sprechen dafür, daß
Swedenborg ein gründlicher Wissenschaftler war, ebenso wie ein treues und in
Finanzsachen konservatives Mitglied des schwedischen Parlaments. Dennoch war Swedenborg gegen
nicht-wissenschaftliche Einflüsse nicht immun. Während er an seiner
physiologischen Suche nach der Seele arbeitete, beobachtete er genau die
mentalen und emotionellen Vorgänge in sich selbst. Er fand heraus, daß seine Konzentration zu besseren Resultaten führte,
wenn er nur minimal atmete, d.h. wenn er „hypoventilierte“.
Als er das praktizierte, bemerkte er etwas wie ein „heiteres Licht“, ein
„blaues Flämmchen“ vor seinem geistigen Auge, das immer dann erschien, wenn
er einer Sache auf der richtigen Spur oder ihrer Lösung nahe war. Ebenso machte er, als er die ersten
Bände seines Werkes über die Seele herausgab, die Erfahrung ungewöhnlicher
Stimmungs-Schwankungen und seltsamer Träume. Charakteristisch für ihn war, daß er das alles seinem Tagebuch anvertraute, und wie er
seine Träume gleich beim Erwachen deutete. Damit war er der erste moderne
Wissenschaftler, der ein Traumtagebuch hinterließ. Es scheint, er war sich
völlig klar über die psychischen Vorgänge, die er in sich erlebte und daß er sie ebenso rational behandelte wie die
Entdeckungen der Anatomie oder irgendwelcher anderen Wissensgebiete, mit
denen er vertraut war. Die Behauptung dürfte also nicht
übertrieben sein, daß Swedenborg ein erfahrener und
praktischer Empiriker war — der psychischen Abläufe in ihm selbst bewußt, ohne jedoch im geringsten die Kontrolle darüber
zu verlieren. Zu der Zeit näherte er sich dem Ereignis, das man als den
dramatischen Höhepunkt seines Lebens bezeichnen kann. An einem Tag der Osterwoche des Jahres
1744 nahm Swedenborg die Korrekturfahnen seines Druckers in Den Hag zur Hand.
Seiner Gewohnheit gemäß fuhr er, während er sie las, durch die nahegelegenen
holländischen Städte. Nach dem er am Ostergottesdienst in Amsterdam
teilgenommen hatte, reiste er am nächsten Tag nach Delft. Wieder hatte er
ungewöhnliche Träume. In der Nacht vom Sonntag auf Montag notierte er, daß er sich der liebenden Gnade Gottes ganz besonders
unwert fühle, doch am Montagnachmittag bemächtigte sich seiner ein Gefühl der
Seligkeit. Dann erwachte er mitten in der Nacht mit heftigem Zittern, das ihn
zu Boden warf; und schließlich fand er sich in den Armen des Herrn Jesus
Christus wieder. Diese Heimsuchung hinterließ in ihm
das Bewußtsein, einen Auftrag erhalten zu haben;
denn die letzten Worte, die Jesus zu ihm sprach, lauteten „Nä s giör“, was soviel heißt wie „tue es also!“ Er selbst verstand es,
wie man seiner Tagebuch-Notiz entnehmen kann, als „tue, was du versprochen
hast.“ Stundenlang hatte er mit Zweifeln zu kämpfen, meinte er doch, es sei
Hochmuts-Sünde anzunehmen, Christus habe ihn persönlich besucht, wenn es in
Wirklichkeit vielleicht nur eine Illusion gewesen sei. Aber — fragte er sich
— wäre es nicht eine noch größere Sünde, die Gegenwart des Herrn zu leugnen,
wenn sie doch Wirklichkeit gewesen wäre? Gegen Morgen fühlte er etwas wie
Trost und fiel dann in Schlaf; er träumte, sein Vater, der etliche Jahre
zuvor gestorben war, gebe ihm ein Zeichen der Zustimmung. Am Dienstagmorgen trug er nach seiner
Gewohnheit das ganze Erleben in sein Tagebuch ein, im Unterschied zu den
darin geschilderten Träumen aber merkte er eigens an, daß
es sich hier um einen ganz besonders wichtigen Eintrag handle. Er macht
keinerlei Andeutung, daß ihm irgendwelche
Parallelen zwischen seinem Erlebnis und den Berufungserlebnissen anderer
Gestalten der christlichen Heilsgeschichte, etwa Zinzendorf und Wesley, bewußt gewesen wären. Ungefähr ein Jahr nach dieser
ersten Heimsuchung und nachdem er die ersten tastenden Versuche unternommen
hatte, zu tun, was seiner Meinung nach der Herr von ihm erwartete, empfing er
einen viel präziseren Auftrag. Der Herr erschien in seiner Glorie ein zweites
Mal und sagte ihm, er werde ihm den inneren Sinn der Bibel — d.h. den
geistigen Sinn innerhalb des Wortlauts der Bibel — finden helfen, und er
sollte ihn durch den Druck bekannt machen. Von dieser Nacht im Jahre 1745 an bis
zu seinem Tod im Jahre 1772 erfuhr er in der Schau fast täglich Himmel und
Hölle sowie den dazwischen liegenden „Zustand“, den er als „Geisterwelt“
bezeichnete. Bei diesen Jenseitsreisen sprach er mit Engeln und guten wie
bösen Geistern, die er in den verschiedenen Bereichen antraf. So durfte er
mit Geist und Leib lebendige Demonstrationen der verschiedenen Einflüsse der
Engel und Geister aufnehmen. Diese lange Reihe von geistigen
Begegnungen versorgte ihn während jener 27 Jahre mit grundlegenden Fakten für
seine theologischen Schriften, die in der Standard-Ausgabe 30 Bände umfassen.
In allen Bänden findet man Informationen über Engel und andere Geistwesen,
aber in einigen konzentriert sich dieses Material besonders. So zuerst in
einer Reihe von Abhandlungen, die er zwischen viele einzelne Kapitel seines
ersten und umfangreichsten theologischen Werkes, „Himmlische Geheimnisse im
Worte Gottes“, einstreute. Diese „Zwischen-Kapitel“ finden sich als Einschübe
in seine Bibelauslegungen von Nr. 67 bis 2893 (Swedenborg numerierte
alle Abschnitte, so daß sie auch in den
verschiedensten Ausgaben und Übersetzungen immer leicht zu finden sind). Eine
zweite Quelle dieses Materials ist der ganze Inhalt seines zu allen Zeiten
populärsten Buches „Himmel und Hölle“, das er 1758 herausgab. Die dritte
Quelle sind die sogenannten „Denkwürdigkeiten“, die er zwischen die einzelnen
Kapitel dreier weiterer Werke einschob, die „Enthüllte Offenbarung“ von 1766,
die „Eheliche Liebe“ von 1768 und die „Wahre christliche Religion“ von 1771. Aus Swedenborgs
Berichten über die Engel ragen mehrere Themen heraus. Man sollte jedoch im
Auge behalten, daß sich — aufs Ganze gesehen —
seine Botschaft nicht in erster Linie auf die Engel bezog. Viel wichtiger war
es ihm, die Bedeutung der Liebe zu Gott und des Dienstes an unseren
Mitmenschen sowie des persönlichen geistigen Wachstums herauszuarbeiten. So
schrieb er einmal, wenn es etwas wie einen Swedenborgianismus
gäbe, dann wäre es die Verehrung des Herrn Jesus Christus. Ernst Benz, einer
seiner Biographen, betont, Swedenborgs grundlegende
Lehre sei „dieselbe gewesen wie die älteste Botschaft der Evangelien: ‚Tut
Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbei gekommen‘.“ Wie immer man es ausdrücken will, der
Schwerpunkt der religiösen Schriften Swedenborgs
besteht in dem Bemühen, die ihm zuteil gewordene Offenbarung mitzuteilen, um
Glauben und Leben seiner Leser zu fördern, damit sie das Heil finden möchten.
Vieles, was die Substanz dieser Botschaft ausmacht, hat er in seinen
Berichten über Engel und Geister mitgeteilt, denen er begegnet war und über
die er eine Menge zu berichten wußte. Wohl das Wichtigste an seiner
Engellehre ist, daß Engel und Geister nicht
besondere Schöpfungen — getrennt vom menschlichen Leben — seien, vielmehr
einst ebenfalls menschliche Wesen waren und dieselbe Art von Leben lebten,
das wir alle von dieser Erde her kennen, und das auf zahllosen anderen
Erdkörpern im Universum zwar nicht gleich, aber doch ähnlich ist. Die Engel
oder Geister, denen wir am ehesten begegnen könnten, haben vor kurzem — zu
unseren Lebzeiten — auf unserer Erde und in unserem eigenen, uns vertrauten
Kulturkreis gelebt. Die meisten, wenn nicht alle Stellen in der Bibel, die
von Engeln berichten, zeigen sie als Boten Gottes. Die Ansicht, sie seien
besondere Schöpfungen Gottes, beruht nur auf Tradition und kann sich nicht
auf die Bibel berufen. Eng verbundenen mit Swedenborgs Beteuerung, alle Engel seien einst Menschen
gewesen, ist sein Grundsatz, daß wir selber in
Wirklichkeit Geister sind, auch schon während unseres irdischen Lebens. In
„Himmel und Hölle“ (Nr. 433) stellt er fest: „Wenn nun alles, was im Körper lebt
und aus dem Leben wirkt und fühlt, einzig dem Geist und nicht dem Körper
angehört, so muß folglich der Geist der Mensch
selber oder — was auf dasselbe hinausläuft — der Mensch an sich betrachtet
ein Geist sein und dieser auch die gleiche Form aufweisen.“ Seine Erfahrungen in der geistigen
Welt lehrten Swedenborg, daß wir aufgrund dieser
unserer wesentlich geistigen Natur die theoretische Möglichkeit haben, mit
den Engeln und Geistern um uns zu kommunizieren und ihre Erfahrungen zu
teilen. Tatsächlich, sagt er, sei das in den frühen Tagen der Menschheit auch
üblich gewesen. Heutzutage aber geschehe es normalerweise nicht mehr, weil
die Menschheit von der Tendenz beherrscht werde, sich mehr um körperliche und
weltliche als um geistige Dinge zu kümmern. Würde jedoch diese Tendenz
umgekehrt, könnten Menschen die Gegenwart von Engeln und Geistern wieder
ebenso bewußt wahrnehmen wie die ihrer irdischen
Gefährten. Doch Geister und Engel waren nicht nur
einst menschliche Wesen wie wir, sondern sie sehen auch weiterhin so aus und
empfinden sich selbst und untereinander als menschliche Wesen. Zumindest zur
Zeit Swedenborgs — und es besteht wenig Grund zu
der Annahme, daß sich heute etwas daran geändert
haben sollte — staunten Geister, die vor kurzem erst gestorben waren, daß ihre äußere Erscheinung, ihre Umgebung und ihre
Gefühle weitgehend dieselben waren wie vor ihrem Tode. Manche wunderten sich
natürlich, daß sie überhaupt noch existierten,
hatten sie doch geglaubt, mit dem Tod sei alles zu Ende. Von ihnen abgesehen
aber waren die meisten, die an irgendeine Weiterexistenz nach dem Tode
geglaubt hatten, sehr erstaunt, nach wie vor ein menschliches Aussehen zu
haben — vor allem darüber, daß sie selbst und alle
anderen, auch Gärten, Häuser und ihre ganze Umgebung so real waren,
unerwartet solid und substantiell. Einige hatten geglaubt, nach dem Tode
würden sie nur wie ein Hauch, etwas Unbestimmtes oder Ätherisches, sein.
Viele sind überrascht, daß sie keine Flügel, keinen
Heiligenschein, keine weißen Gewänder oder Harfen haben, wie sie unter dem Einfluß mittelalterlicher oder auch moderner Bilder
geglaubt hatten. Ebenso überrascht sie die Tatsache, daß
anstelle des allgemein erwarteten Gerichts jeder selbst seinen Platz im
Himmel oder in der Hölle bestimmt! Swedenborg berichtet, daß Engel und Geister über alle menschlichen Sinne
verfügen, jedoch in höherer Vollkommenheit, völlig real und substantiell. In
der Tat kommt es vor, daß Geister, die plötzlich
und ohne Vorbereitung gestorben sind, sich zuerst in Umständen vorfinden, die
ihrem irdischen Leben so ähnlich sind, daß es
einige Zeit dauert — wir würden je nach ihrer Anpassungsfähigkeit vielleicht
von Tagen oder gar Monaten sprechen —‚ bis sie sich überzeugt haben oder sich
von anderen Geistern überzeugen ließen, daß sie
tatsächlich gestorben sind. Menschen, die nicht an ein Leben nach dem Tode
glaubten, haben ähnliche Schwierigkeiten, sich mit ihrem Ableben abzufinden. Swedenborg traf einst einen solchen
Geist. Er war erstaunt und offenbar auch ein wenig belustigt über die
ungewöhnliche Sicherheit, mit der dieser Geist behauptete, er sei noch immer
ein Mensch in seinem physischen Leib und könne sich keinerlei Vorstellung von
der Seele machen. Um ihn von seiner wirklichen Lage zu überzeugen, wies ihn
Swedenborg darauf hin, daß er gar nicht auf einem
festen Boden stehe, sondern in der Luft, ein wenig oberhalb von Swedenborgs Haupt. Diese Diskrepanz überzeugte den
Skeptiker offenbar, erzählt uns doch Swedenborg, daß
er Hals über Kopf mit dem Ruf davonstürzte: „Ich
bin ein Geist! Ich bin ein Geist!“ Engel tragen Kleider wie irdische
Menschen und können wählen zwischen Gewändern für verschiedene Tage und
Gelegenheiten. Ihre Kleider aber dienen weder dem Schutz vor Kälte noch
anderen Einwirkungen, wie sie in unserer irdischen Atmosphäre vorkommen,
vielmehr ist in sie etwas projiziert von den Wahrheiten, die die Engel
verkörpern, und von ihrem Verständnis oder Anteil an denselben. Engel leben in Häusern, die sich so zu
Siedlungen gruppieren, daß jeweils die Häuser benachbart
sind, deren Bewohner Werte und Absichten ähnlicher Art vertreten. Das Haus
eines jeden Engels entspricht, was Größe und Schönheit der Anlage,
Innenausstattung und Garten betrifft, der Art des Guten, das er verkörpert. Alle Engel haben Zeiten der Tätigkeit
und der Ruhe und Erholung. In ihrer himmlischen Welt setzt sich alles fort,
was sich in unserer physischen Welt auf das Wahre und Ewige bezieht. Die
Beziehung von Kleidern, Häusern usw. auf das Wahre und Ewige besteht darin, daß die sichtbaren Dinge die unsichtbaren auf eine so
vollkommene und wesenhafte Weise repräsentieren, daß
die Heimstatt eines Engels, seine Kleider, sein Besitz und Beruf die tiefsten
und wichtigsten Seiten seines Charakters nach außen projizieren. Die innere Beziehung zwischen uns
Menschen und den Geistern macht unsere geistigen Gefährten für Gott zu einem
natürlichen Medium, uns auf vielerlei Weise zu leiten, zu unterstützen und zu
helfen. Die Fähigkeit dieser Geistwesen, uns zu helfen, ist innerhalb des von
Gott gesetzten Rahmens beinahe unbegrenzt. Beschränkungen ergeben sich allein
aus der Notwendigkeit, unsere Wahlfreiheit zu schützen. Innerhalb dieser
Schranken steht uns jede nur denkbare geistige Hilfe, um die wir bitten, zur
Verfügung. Die Hilfe der Engel wird uns nie aufgedrängt, ist aber immer da,
wenn wir sie benötigen und erbitten. So sicher Swedenborg hinsichtlich der
Macht und Zugänglichkeit der geistigen Hilfe für uns war, so wenig
unterschätzte er die Schwierigkeiten, mit denen wir es trotzdem auf dem
Schlachtfeld des Lebens zu tun haben. Denn der Ruf nach Hilfe der Engel ist
in der Praxis nicht so leicht, wie es scheinen mag, da die Feinde der Engel
über große Möglichkeiten verfügen, uns daran zu hindern, solche Hilfe auch
wirklich zu suchen. Zum einen ist unser Selbsterhaltungs-Instinkt nicht
allein ein Sprungbrett für unsere Selbstsucht, wie bereits erwähnt; er wird
auch leicht zu einem Abschreckungsmittel für unseren Glauben an die
Möglichkeit von Hilfe in einer schwierigen Lage, in der wir uns gerade
befinden. Seit den Schulhof-Zwisten unserer
Kindheit, seit wir gelernt haben, unser Auto „defensiv“ zu steuern, mit
unseren Mitteln hauszuhalten und unzähligen anderen, ähnlichen
Lebenserfahrungen sind wir daran gewöhnt, uns auf unsere eigene Intelligenz
und Stärke zu verlassen, wenn es darum geht, Schwierigkeiten zu meistern.
Daher machen wir noch lange, nachdem wir im Prinzip erkannt haben, daß uns Gott und das Heer der Engel zur Seite stehen,
immer wieder den Fehler, auf unser instinktives Selbstvertrauen zu bauen. Und
je erfolgreicher im Leben wir waren, desto stärker wird der Zug zu diesem
Selbstvertrauen, damit aber auch das Gefühl, letztlich allein und verwundbar
zu sein. Schlimmer noch, „Zusicherungen“ geistiger Hilfe machen uns in
solchen Situationen für Schuldgefühle und Selbst-Verurteilung empfänglich,
weil wir uns noch immer in einer Lage befinden, aus der uns das Gebet
vermutlich gerettet hätte. Wir sollten in einer schwierigen Lage
in erster Linie den Kurs verfolgen, die Schwierigkeit (zuweilen sogar die
Gefahr) anzuerkennen und in zweiter Linie eine Haltung anzunehmen, die
Swedenborg mit den Worten „als ob“ umschreibt. Diese Haltung, die wir im
nächsten Kapitel näher beschreiben wollen, besteht darin, zu wirken oder zu kämpfen
— was immer die Lage verlangen mag —‚ als ob wir ganz allein für die Lösung
des vor uns liegenden Problems verantwortlich wären, gleichzeitig jedoch
wissen, daß uns Gott allein, direkt oder durch die
Engel, befähigen kann, mit der Situation fertig zu werden — und um seine
Hilfe bitten. Die Frage kann man beantworten, indem
man Beweise für das beibringt, was Swedenborg über die Tätigkeit der Engel
sagt. Wir haben ihn weiter oben als einen gebildeten, fähigen und verantwortungsbewußten Wissenschaftler beschrieben, einen
Berichterstatter also, dem man vertrauen kann — vertrauen zumindest innerhalb
vernünftiger Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Seine Behauptung, während 27
Jahren täglich mit den Engeln gesprochen zu haben, mag in den Augen der
meisten diese Grenzen sprengen. Jedoch ist über Swedenborgs
Glaubwürdigkeit noch mehr zu sagen. Zum Beispiel gehört hierher das
Problem der Verleumdung: Einige leitende Persönlichkeiten der Kirche waren
außer sich über die Schriften Swedenborgs. Einige
Schweden — so ein gewisser Bischof Lamberg und ein
Dekan Ekeborn — hatten davon reden hören, daß seine Bücher gegen die orthodoxe kirchliche Lehre
verstießen. Mit derselben Logik, die bis heute ein Kennzeichen politischer
und religiöser Hexenjagd ist, wollten sie seine Bücher mit dem Bann belegen,
obwohl sie sie gar nicht gelesen hatten. Der schwedische lutherische Pastor
Aron Mathesius in London setzte eine Geschichte in
die Welt, die Swedenborg die geistige Gesundheit abstritt. Er behauptete, auf
dem Höhepunkt einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere sei Swedenborg mit
hohem Fieber schwer erkrankt, und man habe ihn sich in diesem Zustand auf der
Straße nackend im Rinnstein wälzen sehen. Kurz darauf habe er begonnen, über
Geister und häretische Lehren zu schreiben. Die Geschichte wurde so
weitverbreitet, daß auch John Wesley, der Begründer
des Methodismus, sie hörte und in seiner Zeitschrift als Faktum erwähnte. Diese Verleumdung empörte seine
Freunde, die sehr genau wußten, daß
sich Swedenborg stets einer außerordentlichen geistigen Gesundheit erfreut
und bis zu seinem Tod nichts von seiner Vernunft eingebüßt hatte. Solange
Augenzeugen seines Benehmens noch am Leben und ihre Erinnerungen frisch
waren, sammelten und veröffentlichten sie daher deren Zeugnisse. Dienstboten,
die ihm aufgewartet, Gelehrte, mit denen er über Theologie diskutiert hatte,
Freunde, die ihn zu Tisch geladen hatten — alle ohne Ausnahme bezeugten seine
völlig normale und charmante Art der Unterhaltung und des Benehmens. Nach diesen
zahlreichen zeitgenössischen Berichten war Swedenborg daher, als er über
Engel schrieb, ebenso fähig und logisch wie zur Zeit, als er genauestens die
Auftriebskraft eines brauchbaren Flugzeugs berechnete. Ein anderes Argument für Swedenborgs Glaubwürdigkeit sind seine Schriften selbst.
Trotz gewisser Schwierigkeiten, die Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert
ihren heutigen Lesern bereiten, waren sie in einem gepflegten, schlichten
Latein geschrieben. Auch das vermittelt den Eindruck eines Mannes, der sich
um Klarheit bemüht und seine Leser nicht überreden möchte. (In seinen
früheren Werken hatte Swedenborg seine Meisterschaft bei der Beherrschung
eines reichen lateinischen Stils unter Beweis gestellt.) Jetzt aber sollten
seine Werke den Leser nur noch durch die Aufzählung zusammenhängender Fakten
überzeugen. Ein anderes Merkmal seines Werkes hat
mehrere Kommentatoren stark beeindruckt, nämlich die vielen Querverweise.
Seine theologischen Grundsätze sind so formuliert, daß
sie ständig durch zahlreiche Zitate aus der Bibel — die wahre Autorität für
einen gläubigen schwedischen Lutheraner! — sowie Bezüge auf ähnliche
Feststellungen in seinen früheren Werken bestätigt werden. Die Anzahl und
Häufigkeit dieser Bezüge und ihr innerer Zusammenhang sind für viele ein
zwingendes Argument. R. L. Tafel hat in seinen „Documents concerning
Swedenborg“ (2 bzw. 3 Bände, London, 1875-1892) auf über 200 Seiten diese
Zeugnisse abgedruckt. Diese Beweise für Swedenborgs
Glaubwürdigkeit, denen weitere hinzugefügt werden könnten, überzeugen manche,
andere nicht. Die Menschen, die sie zuerst sammelten oder beobachteten,
glaubten, was Swedenborg geschrieben hatte und suchten darum nach objektiven
Argumenten, um ihren Glauben zu stützen. Skeptische Leser mögen ja zugeben, daß solche Beweise Swedenborg glaubwürdig erscheinen
lassen, aber nicht beweisen, daß seine Berichte
wahr sind. Bedenkt man die unterschiedliche Natur
von Wissen und Glauben, so ist das nicht überraschend. Häufig wurde darauf
hingewiesen, daß die Beweise des Thomas von Aquin
für die Existenz Gottes logisch nie widerlegt wurden, aber nicht einen
einzigen Menschen zum Glauben an Gott geführt haben. Beobachtet man den Prozeß, wie Menschen zum Glauben kommen, genauer, kann
man sagen, daß sie stets Gründe finden werden, um
zu glauben, was sie glauben wollen, aber durch logische Gründe durchaus nicht
gezwungen werden können zu glauben, was sie nicht glauben wollen. Dennoch wissen wir, daß Menschen (vielleicht mit Hilfe der Engel) ihre
Ansichten ändern und zum Glauben an Dinge gelangen können, die sie früher
bezweifelt oder geleugnet hatten. Das geschieht, weil die Menschen häufig ein
tiefes Verlangen nach etwas haben, von dem sie meinen, daß
es ohne Widerspruch in sich zusammenhängt, und dieses Verlangen kann
gelegentlich ihr Zögern überwinden, an etwas Neues zu glauben, wenn es durch
Beweise gerechtfertigt ist. Solches Zögern kann auch überwunden werden durch
eine neue Idee, die eine Lücke ausfüllt, die sich im Weltbild der
betreffenden Person aufgetan hat. Das gilt ebenso für die wissenschaftliche
Praxis wie für die Theologie. Ungezählte Menschen haben die eine
oder gar beide Arten dieses „Zwanges“ zu glauben erfahren, wenn sie
Swedenborg lasen. Eine ältere Dame, die ich in meiner Jugend kennenlernte,
erzählte von einer komprimierten Form dieser Erfahrung. Um 1900 herum hatte
sie Osteopathie studiert (später erwarb sie darin
den Doktorgrad). Ihr Mann bereitete sich auf das geistliche Amt in der
Episkopalkirche vor. Einige Zeit danach wurde er ein swedenborgianischer
Pfarrer. Als er seiner Frau zum erstenmal sagte, er
wolle die Episkopalkirche verlassen und Swedenborgs
Theologie studieren, gerieten sie so heftig aneinander, daß
sie schließlich nicht mehr miteinander sprachen. Eines Abends, nachdem sie
schweigend das Nachtmahl eingenommen hatten und am aufgeräumten Eßtisch noch zusammensaßen und lasen, beendete er seine
Lektüre und ging schweigend zu Bett. Sein aufgeschlagenes Buch blieb auf dem
Tisch zurück. Die Frau las zunächst das Kapitel in
ihrem Buch zuende und langte dann über den Tisch,
um das Licht zu löschen. Dabei fiel ihr Blick auf eine Stelle in dem Buch
ihres Mannes, die sie veranlaßte, ein wenig mehr zu
lesen. Das Buch war Swedenborgs „Himmel und Hölle“.
Sie las bis zum Ende, blätterte dann zum Anfang zurück und kam gerade
rechtzeitig zum Schluß, um das Frühstück zu
bereiten und ihrem Manne zu verkünden, daß das
Schweigen und Argumentieren zwischen ihnen beendet sei, denn sie sei jetzt
bereit, auch eine Swedenborgianerin zu werden. Sie erzählte gern, wie alles, was sie
in jener wichtigen Nacht las, sie als etwas beeindruckte, was sie geahnt oder
gehofft hatte, es möge wahr sein, was sie aber nie zuvor gehört oder gelesen
habe. Sie wollte gern in der Sicherheit und Vertrautheit des Glaubens
bleiben, in dem sie aufgewachsen war, doch ihr Verlangen zu glauben, was sie
las, war stärker. Beides, das An-sich-Ziehen eines
aufgeschlagenen Buches und die Wirkung des Wunsches, glauben zu können, haben
Menschen ebenso für Swedenborg bereit gemacht wie gegen ihn eingenommen. Bei
mir war einst Letzteres der Fall. Wenn ich jedoch von meinem heutigen
Standpunkt darauf zurückblicke, scheint mir, es habe mich nicht so sehr vom
rechten Wege abgebracht, wie vielmehr auf einem Umweg zu besserem Verständnis
geleitet, das ich möglicherweise sonst nicht erreicht hätte. Theorie und
Praxis haben mich überzeugt, daß die Engel den
Wunsch, glauben zu können, anfachen, und zwar zu einer Zeit, die in Gottes
Augen, nicht in unseren eigenen, richtig ist. Menschen, die gerne glauben möchten,
was Swedenborg über das Wirken der Engel berichtet, werden das auch können
und genügend einleuchtende Gründe für diesen Glauben finden. In den vorausgegangenen Kapiteln wurde
mehrfach auf Swedenborgs Menschenbild verwiesen.
Eine Voraussetzung dafür ist die Idee, daß Leben,
Denken, Fühlen, Lieben und Handeln des Menschen geistiger Natur sind. Und
weil sie das sind, ist jeder denkende und handelnde Mensch unsterblich. Diese Idee bleibt freilich
unvollständig, wenn man sie nicht damit ergänzt, daß
jedes menschliche Wesen in der natürlichen Welt auch mit einem natürlichen
Leib bekleidet ist und davon endgültig nur durch den Tod getrennt werden
kann. Paranormale Erlebnisse, wie Austritt aus dem Körper, Astralwanderung
und dergleichen, beruhen auf außersinnlicher Wahrnehmung, Projektion und
anderen bemerkenswerten Eigenschaften des Geistes, nicht aber auf einer
tatsächlichen Trennung von Geist und Körper. Ein körperloser Geist ist eben
kein Mensch, sondern ein Geist; und ebenso wenig ist ein Körper ohne Geist
ein Mensch, sondern eine Leiche. Mit anderen Worten: der Mensch ist ein
Geist, umkleidet von einem Körper, mit dem er in Wechselwirkung steht. Dieses komplizierte Wesen — ein Geist,
der in einem Körper lebt und durch ihn handelt — ist zudem gekennzeichnet
durch die Spannung zwischen guten und bösen Impulsen, aber ebenso durch die
Fähigkeit, sich zu ändern und zu wachsen, wie es im 2. Kapitel beschrieben
wurde. Die Beziehung zwischen Geist und Körper geht über die Körper-Sinne vor
sich, und doch werden diese durch den Geist verdunkelt oder geschärft und
geleitet. Solange er in seinem Körper lebt, hängt die Fähigkeit des Geistes,
seine Ziele zu verwirklichen, vollständig vom Körper ab. Der Geist ist sich
seiner natürlichen Umgebung allein durch den Körper bewußt,
und das Gehirn des Körpers kann ein Bewußtsein
geistiger Dinge nur durch den Geist erlangen. Die komplizierte Beziehung zwischen
beiden wird durch das Diagramm teilweise veranschaulicht. Wegen seiner
statischen Natur hat es natürlich nur begrenzten Wert, weil die Dynamik der
Wechselwirkung zwischen Körper und Geist nicht dargestellt werden kann.
Dennoch mag das Diagramm bei der Definition der Beziehungen zwischen den Komponenten
des Bewußtseins hilfreich sein. Erscheinungsformen des menschlichen
Geistes Alle drei der einander
überschneidenden Kreise repräsentieren Bereiche des menschlichen Geistes.
Zeichnete man den Körper in das Diagramm ein, würde er den untersten Kreis unter
einem gewissen Gesichtspunkt überlappen, unter einem anderen würde er die
beiden unteren Kreise umschließen und in den dritten Kreis eingreifen. Die
Überschneidungs-Bereiche bezeichnen die Wechselbeziehungen zwischen dem, was
man die Stufen oder Grade der geistigen Natur des Menschen nennen könnte. Das
ist zwar nicht ganz der richtige Ausdruck, aber: da jeder der drei Kreise
einen unerläßlichen Bestandteil des menschlichen
Wesens darstellt, kann man keine Rangordnung bezüglich ihrer Priorität oder
Bedeutung aufstellen. Die Äußerung des Paulus über die Körperteile gilt auch
für die Teile der geistigen Natur des Menschen: „Der Leib ist einer und hat
viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, bilden
einen Leib“ (1 Kor. 12, 12). Der unterste Kreis repräsentiert, was
man das Nerven Bewußtsein nennen könnte: die
geistige Wechselwirkung mit den Nervensystemen des Körpers. Es ist die Stufe unbewußten Wissens von dem, was der Körper dem Geist
durch die Sinne zuführt, zugleich die ebenfalls unbewußte
Kontrolle und Koordination der Muskeln, durch die der Geist seine Absichten
verwirklicht. Es bezeichnet den Bereich des geistigen Gemüts, in dem alle
sinnlichen Eindrücke registriert werden, die weit zahlreicher sind als das,
was normalerweise davon ausgewählt wird, um in den bewußten
Geist aufzusteigen, der durch den zweiten Kreis dargestellt wird. Der oberste Kreis bedeutet das
spirituelle Bewußtsein, zu dem auch die Wahrnehmung
unserer geistigen Umwelt und Gefährten sowie alle Arten von geistigen
Einflüssen gehören. Ebenso wie der unterste Kreis kennzeichnet auch dieser
einen unbewußten Bereich unseres geistigen Wesens.
Dieser Bereich nimmt ebenfalls weit mehr Daten aus seiner Umwelt auf, als in
den mittleren Kreis, das Bewußtsein, zugelassen
werden. Der zentrale Kreis ist also das Bewußtsein, das bewußte Gemüt,
das geistig ist, weil es denkt, fühlt und Absichten hat. Das Bewußtsein überschneidet sowohl den oberen wie den
unteren Kreis, weil wir, wann immer wir bewußt
sind, eine gewisse Wahrnehmung sowohl physischer als auch geistiger Einflüsse
haben. Wäre das Diagramm ebenso dynamisch wie die Wirklichkeit, die es
darstellt, würden sich die Bereiche, in denen sich die Kreise überschneiden,
bald vergrößern, bald verkleinern, da wir mal mehr, mal weniger von den
physischen und geistigen Einflüssen ins Bewußtsein
zulassen, die uns von unseren beiden Umwelten erreichen. Meditieren wir beispielsweise, dehnt
sich der überlappende Teil des oberen Kreises so weit aus, daß er beinahe den ganzen mittleren Kreis einnimmt. Mit
anderen Worten, erfolgreiche Meditation drängt fast die ganze natürliche
Wahrnehmung zurück — Temperatur, Raumbeleuchtung, vielleicht sogar das Läuten
des Telephons dringt nicht ins Bewußtsein
(das heißt: der Bereich der unteren Überschneidung schrumpft), wobei wir mehr
als gewöhnlich die geistigen Einflüsse wahrnehmen. Ein extremes Beispiel für
das Gegenteil: Spielen wir ein Video-Spiel — bei dem es auf möglichst rasche
Antworten ankommt — beherrschen, was uns Augen und Ohren zutragen und die
Bereitschaft unseres Fingers, im rechten Augenblick die Kontroll-Taste zu
drücken, unser Gemüt, und unsere geistigen Ziele, Werte und anderen Einflüsse
sind vergessen. Ebenso werden die Einflüsse unserer Nerven, die uns etwas
über die Raumtemperatur sagen wollen, nicht wahrgenommen oder der Ruf, zu
Tisch zu kommen und alles andere, was uns von unserer Konzentration aufs
Spiel ablenken könnte. Die meiste Zeit aber kontrolliert
unser bewußtes Gemüt sowohl die Einflüsse aus
unserem körperlichen wie auch aus unserem geistigen Bereich. Zuweilen bricht
jedoch das eine oder andere ein und macht uns etwas bewußt,
ob wir es wollen oder nicht: z.B. kann unsere Aufmerksamkeit ganz und gar von
einem spannenden Buch gefangen genommen sein; wenn das Nachmittagslicht
allmählich immer schwächer wird, erzwingt das aber an einem bestimmten Punkt
unsere Aufmerksamkeit, und wir dre hen das Licht an. Oder wir konzentrieren uns mit allem
Fleiß auf eine Handarbeit, wie etwa den Hausputz oder die Arbeit im Geschäft,
doch plötzlich erinnert uns irgendein Ereignis an eine wichtige
Verpflichtung, und wir erkennen, daß wir die Arbeit
unterbrechen und unsere Aufmerksam keit jemandem
zuwenden müssen, der unsere Hilfe braucht. Gelegentlich, in dramatischeren
Situationen, können auch geistige Einflüsse in unser Bewußtsein
drin gen, die zuweilen die Form einer inneren Stimme oder Erscheinung
annehmen, die wir regelrecht zu hören oder zu sehen glauben, gerade als ob
sie von außen gekommen wären. Obgleich solche Einbrüche in unser Bewußtsein relativ selten sind, geschehen sie doch häufig
genug, um die Akten der amerikanischen und britischen Gesellschaft für
Parapsychologie mit vielen hundert gut dokumentier ten
Berichten zu füllen. Bei jedem Menschen arbeiten Körper und
Geist in dieser Weise zusammen, und unter der Spannung, die ihren
verschiedenen Naturen innewohnt, entfalten die Menschen während des Lebens
allmählich einen geistigen Charakter mit mehr oder weniger dominanten Werten
und Absichten. Dieser Charakter — und nicht unser erklärtes Ziel oder
scheinbares Ideal — bestimmt darüber, welche Art von Geistwesen wir nach dem
Tode im völlig vom Geist beherrschten Leben sein werden. Das bedeutet:
Wachstum und Entwicklung werden dann ohne die Spannung und Fähigkeit zur
Veränderung, die unser jetziges Leben der dualen Existenz kennzeichnen,
langsamer und schwieriger sein. Wenn wir uns nicht sogar einen so
festgefahrenen Charakter gebildet haben, daß wir
uns jeder zukünftigen Wandlung verschließen. Diese Begrenzung der
Wandlungsmöglichkeiten des grundlegenden menschlichen Charakters oder
genauer: seiner „herrschenden Liebe‘ (wie sich Swedenborg ausdrückt) sollte
nicht in der Weise mißverstanden werden, als ob
Wachstum und Entwicklung des in der Welt gebildeten Charakters in der
Ewigkeit ausgeschlossen wären. Vielmehr ist fortgesetzte Entfaltung des
Persönlichkeitskerns in Richtung auf unendliche Vollkommenheit ein
wesentlicher Teil von Swedenborgs Engel-Schau. Das beschriebene Modell der
menschlichen Persönlichkeit mit seinen drei geistigen Komponenten innerhalb
eines physischen Körpers kann hilfreich sein, uns ein Bild von unserem Wesen
zu machen, das gleichzeitig in der physischen und in der geistigen Welt lebt.
Wir Menschen sind etwas wie eine Brücke zwischen beiden Welten und haben
darum in gewissem Sinn an beiden teil und sind in beiden zuhause — freilich
selten zur gleichen Zeit. Ein möglicherweise abgedroschen
wirkendes Beispiel: Der „geistes-abwesende
Professor“ ist von seinen geistig mentalen Aktivitäten derart absorbiert, daß der Bereich, in dem sich sein Bewußtsein
mit den von seinen Nerven herkommenden Einflüssen überschneidet, praktisch zu
einem Nichts zusammenschrumpft. So nehmen seine Augen den Randstein nicht
wahr, über den er dann natürlich stolpert, und er tut vielleicht noch ganz
andere Dinge, die einem Beobachter töricht erscheinen müssen, sofern er die
totale Konzentration des Professors auf unsichtbare Dinge nicht bedenkt.
Derselbe Beobachter, der mit seinen Füßen vermeintlich fest auf dem Boden der
Tatsachen steht, kann unter Umständen selbst so von dem Problem absorbiert
sein, den gerade gereinigten Vergaser seines Autos
wieder zusammenzusetzen, daß er die Hitze auf
seinem Nacken ignoriert und sich einen scheußlichen Sonnenbrand zuzieht.
Beispiele eines Jogi in tiefer Meditation oder des Baseball-Spielers, der in
einem Spiel-entscheidenden Augenblick am Schlag-Mal steht, würden noch
stärkere Extreme beleuchten. Die Variabilität der Wechselwirkung
zwischen dem Bewußtsein und den beiden unbewußten Komponenten der Menschen zwingt uns zu allzu
großer Vereinfachung, wenn wir von „dem“ Menschen sprechen. Und doch kann man
sagen, daß zu den Grundzügen der menschlichen Natur
die Fähigkeit gehört, geistige Einflüsse wahrzunehmen und darauf zu
reagieren, und daß sie ebenso wichtig ist wie die
parallel dazu bestehende Fähigkeit, physische Einflüsse aufzunehmen und
darauf zu reagieren. Sind wir mit Freunden zusammen in einem Raum, ist die
Wechselwirkung zwischen uns zunächst einmal körperlicher Art — wir atmen mit
einander dieselbe Luft, trinken von demselben Wein, usw. —‚ zugleich ist die
Wechselwirkung aber auch geistiger Natur, wenn wir dabei in geistigem
Austausch stehen. Daß uns meist die körperliche
Wechselwirkung mehr zu Bewußtsein kommt, schmälert
nicht die Bedeutung des geistigen Kontakts und seiner Wirkung auf uns. Es gibt Gelegenheiten, bei denen der
geistige Aspekt eines Zusammenseins größere Bedeutung hat als der physische.
In einer wenig interessanten Gesellschaft kann es vor kommen, daß man die geistige Gegenwart eines Menschen, der
räumlich vielleicht tausende von Meilen entfernt, einem aber geistig näher
steht als irgend jemand, mit dem man zufällig im
selben Raum zusammensitzt, so vollständig gefangen nimmt, daß
man sich die letzte Frage, die einem gestellt wurde, wiederholen lassen muß, obwohl das physische Ohr sie genau gehört hat. Diese Beispiele zeigen die bedeutsamen
Möglichkeiten unseres „Doppellebens“, die von den wenigsten Menschen
realisiert werden, weil unsere Erziehung, das Beispiel unserer Lehrer und
unsere angenommenen Gewohnheiten uns dazu bringen, meistens die
Überschneidung zwischen unserem Bewußtsein und der
spirituellen Wahrnehmung zu leugnen. Wie bereits bemerkt, behauptet
Swedenborg aufgrund dessen, was er von den Engeln erfuhr, daß
sich unsere frühesten Vorfahren noch mit Geistern und Engeln wie mit den
Mitmenschen verständigen konnten. Im Verlauf längst vergangener Zeiten, als
die Menschen ihre Sprache entwickelten, abstrakt zu denken begannen und
andere Fähigkeiten erwarben, die sie für nötig hielten, um miteinander und
der Umwelt fertigzuwerden, verleugneten sie ihre geistigen Fähigkeiten so
weit, daß viele diese Fähigkeiten in der Praxis
verloren. Sie gaben ihre hart erworbenen Fertigkeiten und die Verminderung
ihrer Geistigkeit an die nachfolgenden Generation weiter, bis hin zu unserer
eigenen. Gleichwohl gehört eine wache
Geistigkeit noch immer zu den wesentlichen Grundzügen unseres Wesens. Wir
können sie uns auch mit der erforderlichen Disziplin wieder erwerben, wenn
wir danach verlangen. Ein erster Schritt zu einem vertieften
geistigen Bewußt sein bestünde darin, sich über die
Bedeutung geistiger Einflüsse klar zu werden und sie anzuerkennen, die sich
hier und jetzt in unserem Leben bemerkbar machen. Das nächste Kapitel wird
zeigen, wovon die menschliche Freiheit abhängt und wie weit wir fähig sind,
uns ein persönliches Verdienst (oder in manchen Fällen auch eine Schuld) für
die Eingebungen, Inspirationen, Fähigkeiten und Anregungen zuzuschreiben, die
in Wirklichkeit aus geistigen Quellen in unser Gemüt fallen. Unsere
menschliche Fähigkeit, geistige Kräfte zu verhehlen und falsch zu
interpretieren, läßt uns die Freiheit, an eine
geistige Realität zu glauben oder nicht. Wenn jedoch die geistige Hilfe und
Führung von uns angenommen, anerkannt und ohne Vorbehalt erbeten wird (d.h.:
ohne heimliche Hoffnung, vielleicht mit Hilfe der Engel etwas für sich selbst
zu erreichen, was gar nichts mit himmlischen Absichten zu tun hat), dann wird
die geistige Hilfe, bzw. Hilfe der Engel auch Wirklichkeit. Gott um Hilfe, Führung, Kraft oder
irgendetwas anderes zu bitten, heißt beten. Zu Gott beten ist die beste Art,
geistigen Beistand zu suchen. Die Engel handeln, um Gottes Absichten und
nicht unbedingt die unseren, auszuführen. Swedenborg war ein großer Beter und
besaß ein außerordentliches Wissen von den geistigen Vorgängen. Er hat
folgendes über das Gebet und seine Beantwortung zu sagen: „Das Gebet an sich betrachtet ist ein
Reden mit Gott und gleichzeitig eine Betrachtung dessen, was Gegenstand des
Gebets ist, unter geistigen Gesichtspunkten. Es wird beantwortet mit einer
Art von Einfluß ins Innewerden oder in die Gedanken
des Gemüts, die eine gewisse Öffnung des Inneren des Menschen zu Gott hin
bewirkt. Das geschieht mit Unterschieden, je nach dem Zustand des Betenden
und in Übereinstimmung mit dem Wesen dessen, um das gebetet wird. Betet ein
Mensch aus Liebe und Glauben und nur um himmlische und geistige Dinge, dann
kommt im Gebet etwas zum Vorschein, das wie eine Offenbarung ist (die in der
Neigung des Betenden empfunden wird) und sich als Hoffnung, Trost oder eine
Art von innerer Freude zeigt“ (HG 2535). Wenn das eigentliche Gebet unser Gemüt
auf die geistigen Aspekte dessen lenkt, um das wir beten, haben wir den
notwendigen ersten Schritt getan, damit unser Gebet beantwortet wird. Und
wenn wir dann nicht auf eine verbale Antwort hoffen, sondern offen bleiben
für neue Gefühle, die zu einer anderen Betrachtung unseres Anliegens an Gott
führen können, dann erfahren wir etwas von dem normalen Einfluß,
den Engel auf unser Leben nehmen können. Gewöhnlich ist es nichts
Augenfälliges, das gar nicht übersehen werden kann, aber auch nichts so
Verborgenes, daß wir keine Chance hätten, es zu
bemerken, sondern ein subtiles inneres Gefühl, das womöglich eine neue Idee,
Fähigkeit oder Lösung entwickelt, die zuvor undenkbar schien. Engel, die uns im Traum oder in der
Meditation begegnen, wie die Beispiele in 1. Kapitel berichten, mögen eine andere Art Antwort
auf unsere Gebete, auch eine Erweiterung der eben beschriebenen sein. Solche
Erscheinungen, die zuweilen in unsere bewußten
Handlungen einbrechen, können auch mit zeitlicher Verzögerung auf unser Gebet
eingehen, und ich glaube, auch auf unsere nicht voll bewußt
gesprochenen Gebete antworten. Wie weiter oben in diesem Kapitel erklärt
wurde, brechen Engel zuweilen auch ungebeten in unserer Bewußtsein
ein, wenn die geistige Notwendigkeit dazu dringend ist. Die Feststellung, Engel und Geister
hielten Gemeinschaft mit uns Menschen, bedeutet nicht, daß
sie uns heimlich auf den Schultern sitzen oder unsichtbar in einer Ecke
unseres Zimmers stehen. Engel und Geister sind mit ihren eigenen
Angelegenheiten beschäftigt und wenden sich uns nur dann absichtlich zu, wenn
besondere Umstände vorliegen und es Gottes Absichten entspricht. Der Einfluß der Engel, wie z.B. die normalen Antworten auf
unsere Gebete, beruht oft darauf, daß der Geist des
Menschen sich in der Gegenwart von Engeln befindet, die ähnliche Absichten
und Ziele haben und durch die er — indirekt — von Gott Weisung und Kraft
aufnimmt oder was immer die Antwort auf ein Gebet erfordert. Engel leben in Häusern, ganz wie zur
Zeit ihres physischen Lebens, nur mit dem Unterschied, daß
ihre Häuser vollkommener sind. Bei ihnen gibt es keine losen Dachrinnen oder
abblätternden Fassaden und ungemähte Rasenflächen.
Die Kleider, die sie tragen, passen vollkommen zu ihrer Stimmung oder ihrem
Gemütszustand. Sie arbeiten in Berufen, die dem entsprechen, was sie am
liebsten tun, erfreuen sich an vielfältigen Freizeitbeschäftigungen und
halten ihre Ruhezeiten. Die Ähnlichkeit von Umgebung und
Tätigkeit der Engel mit ihren einstigen irdischen Lebensumständen hat einen
bedeutsamen Grund und spiegelt einen der Grundsätze, die Swedenborg während
all der Jahre seines Umgangs mit den Engeln erkannt hatte. Alles, was wir in dieser physischen
Welt sehen und wissen, bezieht sich — nicht nur im allgemeinen, sondern bis
in die letzte Einzelheit — auf etwas in der geistigen Welt. In dieser
Beziehung leiten die physischen Dinge Wesen und Erscheinung von ihrem
geistigen Gegenstück ab — nicht umgekehrt. Pferde, Bäume, Regenbögen — alles,
was zur natürlichen oder geschaffenen Ordnung gehört — spiegelt den
ursprünglichen Wesenskern von Ideen und Gefühlen. Sportwagen, Waschmaschinen,
TV-Werbespots und alles, was der Mensch herstellt, projiziert den geistigen
Zustand und die Absicht seiner Erzeuger. Die Engel sind keine geistigen
Projektionen der Menschen; vielmehr sind Menschen wie die Engel und haben
auch deren Gestalt. Jedes natürlich geschaffene Ding leitet seine
physikalischen Eigenschaften von den Qualitäten der geistigen Wirklichkeit
ab, denen es entspricht. Swedenborgs
Ausdruck für diese ganze, allumfassende geistig-physische Beziehung, in der
jeder physikalische Gegenstand einen geistigen darstellt, lautet
„Entsprechung“. Er betrachtete die Entsprechung als den wichtigsten Schlüssel
zum Verständnis der physischen wie der geistigen Welt. Bei der Erklärung
dieses Prinzips und wie es sich auf unser Verständnis der Engel auswirkt,
werde ich mich an seinen Sprachgebrauch halten, indem ich dasselbe Wort noch
in zwei anderen Sinnzusammenhängen benutze, die zwar in enger Verbindung mit
dem allgemeinen Gebrauch des Wortes stehen, aber doch davon zu unterscheiden
sind. Entsprechung oder entsprechend wird also gesagt, wenn man irgendeinen
Gegenstand in der physikalischen Welt beschreibt, der einen Gegenstand in der
geistigen Welt genau darstellt. Eine Unterscheidung ist notwendig, denn
während alles in dieser Welt — natürlich oder künstlich geschaffen —
irgendetwas Geistiges darstellt, scheinen dagegen manche menschlichen
Produkte etwas darzustellen, aber deren Darstellung ist gewissermaßen
trügerisch. Ein dritter Wortgebrauch ist in unserem gegenwärtigen Buch nicht
so wichtig wie in Swedenborgs Werken: alles in der
Bibel ist eine vollkommene Repräsentation von etwas Geistigem; darum kreist Swedenborgs Bibelauslegung um die Definition biblischer
Entsprechungen. Diese Beziehung der Entsprechungen
zwischen Geistigem und Physischem ist ein grundlegendes Element aller
Beziehungen, die wir kennen — so durchgehend, daß
es einer gewissen Aufmerksamkeit bedarf, um sie uns bewußt
zu machen. Wann immer wir anderen Menschen begegnen, interessiert uns ihr
Gesichtsausdruck. Zusammen mit einer Reihe anderer, weniger offensichtlicher
„Schlüssel“, die wir als „Körpersprache“ bezeichnen, erkennen wir im
Gesichtsausdruck eine Darstellung der Eigenschaften unseres Gegenüber. So
vermittelt uns der Ausdruck der Menschen etwas über ihren Gemütszustand, ihre
Einstellung uns gegenüber und manches andere — vorausgesetzt, ihr Ausdruck
stellt ihre Haltung und Gefühle auch wirklich dar. Wir haben ja erfahren, daß der Gesichtsausdruck der Menschen nicht immer ihren
wahren Gefühlen entspricht, wissen aber auch, daß
er darstellt, was die Betreffenden über ihre Gefühle uns gegenüber glauben
machen möchten. Und wir sind daran gewöhnt, auf dieser Basis mit unseren
Mitmenschen zu verkehren. Wir benutzen dieses Denken in
Entsprechungen auch auf vielen anderen Gebieten. Wollen wir z.B. einen neuen
Wagen anschaffen, vergleichen wir, ob der Preis dem Wert entspricht, den er
für uns darstellt. Eine Versicherungspolice betrachten wir unter dem
Gesichtspunkt, welche Sicherheit sie für unsere Lieben darstellt; eine Reihe
von zubereiteten Bodenfurchen (bezeichnet mit aufgesteckten leeren
Samen-Säckchen an den Enden) stellt für uns das frische Gemüse dar, das wir
in ein paar Wochen auf dem Tisch haben werden. Wir sind vollkommen daran
gewöhnt, Dinge nach der ihnen beigemessenen Bedeutung oder
Entwicklungsmöglichkeit zu werten. „Entsprechung“ ist einfach ein Ausdruck
für diese Denkweise, angewandt auf die Beziehung zwischen physischen und
geistigen Dingen. Wasser z.B. ist erfrischend, säubernd,
lebenswichtig, es läßt sich praktisch nicht
zusammenpressen und ähnelt auch in mancher anderen Hinsicht den Wahrheiten;
in der Tat entspricht Wasser der geistigen Wahrheit. Die Festigkeit der
Steine eines Fundaments beruht auf derselben Eigenschaft, die wir im Glauben
finden, dem sie entsprechen. Verschiedene Tiere spiegeln unsere Gefühle von
Dingen und Menschen. Die uns nützlichen, etwa Pferde, repräsentieren eine
Vorliebe, anderen zu helfen, während Löwen und andere Raubtiere Zorn und Haß entsprechen. Abstraktere Beispiele bieten die
Entsprechungen von Raum und Zeit zu ihren geistigen Gegenstücken.
Entfernungen zwischen Dingen oder Menschen sind wie die Unterschiede zwischen
ihnen, darum sagen wir z.B., gewisse Dinge seien „nahezu“ oder „beinahe“
dasselbe, oder wir fühlen uns einem anderen Menschen „nahe“, unabhängig
davon, ob wir ihm räumlich nahe sind. Die Parallelen fallen uns auf, weil der
physische Raum einem geistigen „Zustand“ (wie „Gemüts-Zustand“) und die
Entfernung einer Verschiedenheit entspricht. Ähnlich entspricht irdische Zeit
den Zustands-Veränderungen in der geistigen Welt, in der es weder Zeit noch
Raum in unserem Sinne gibt. Wasser und Felsen, Pferde und Löwen, Raum und
Zeit — von ihnen allen kann man sagen, daß sie
geistigen Dingen entsprechen, weil sie wahre Repräsentationen sind.
Besitztümer andererseits stellen gute und hilfreiche Handlungen dar, die
Menschen für andere oder für die Gesamtheit getan haben, aber sie entsprechen
nicht unbedingt, weil sich unrechtmäßig Erworbenes in seinem Aussehen auf
Erden nicht vom rechtmäßig Erworbenen unterscheiden läßt. In der geistigen Welt gibt es jedoch
keine betrügerischen Repräsentationen, sondern nur Entsprechungen. Daher
spiegelt das Haus eines Engels mit seiner Innenausstattung wirklich die Güte
seiner Taten und Beweggründe. Die Kleider eines Engels entsprechen seiner
Einsicht; und da die Einsicht der Engel zu- oder abnimmt im gleichen
Verhältnis wie ihre Liebe zu anderen wächst oder schwindet, ändert sich die
Farbe ihrer Kleider entsprechend diesem Wechsel, wobei leuchtendere
Farben höhere Einsicht bezeichnen. Alle Einzelheiten der Umgebung der
Engel beruhen auf Entsprechungen, handle es sich dabei um die Position ihrer
Heimstätte im Verhältnis zu denen der anderen Engel oder um ihre
Tischdekoration, die Farbe der Blumen in ihrem Garten. So wie irdische
Menschen Häuser, Besitztümer und Berufe haben, die zusammen ihren Beitrag an
das Gemeinwesen darstellen, haben Engel Wohnungen und Lebensstile, die dem
Nutzen entsprechen, den sie in der geistigen Welt bewirken. Und diese
Beiträge stellen gewissermaßen die Folge der Grundhaltung dar, die sie
während ihrer irdischen Lebenszeit angenommen hatten. Viele Christen lehnen die Vorstellung
ab, daß Engel eine Ehe führen. Sie verstehen die
Worte Jesu bei Mat. 22, 30 (ebenso Mark. 12, 25 und Luk. 20, 34 f) so, daß Engel in ewigem Zölibat leben. Swedenborg erfuhr
jedoch, daß Engel in ehelicher Liebe miteinander
verbunden sind und Jesu Worte nur besagen wollen, daß
man im Himmel keine Hochzeiten auf irdische Art kennt, die fleischliche wie
geistige Bande voraussetzen — und oft aus politischen, finanziellen oder
anderen äußerlichen Gründen arrangiert werden, um Nachwuchs sicherzustellen.
Swedenborg verweist auf Jesu andere Lehren über die Ehe, wie sie in Mat. 19
und Mark. 10 angedeutet werden, und in denen der Herr die Aussage der
Schöpfungsgeschichte bestätigt, wonach ein Paar „nicht länger zwei, sondern
ein Fleisch“ ist. Menschen, die schon während ihres irdischen Lebens wahrhaft
eins werden, leben auch nach ihrem körperlichen Tod als eins zusammen. Engel
leben mit ihrem Ehepartner als eine Person, und Engel der höheren Himmel,
deren Ehen eine größere Vollkommenheit aufweisen, erscheinen auch von weitem
als ein einziger Engel. Gleichberechtigung ist ein wichtiges
Kennzeichen dieser himmlischen Ehe, die zwei Engel wie einen einzigen
erscheinen läßt. Jedes Streben eines der beiden
Partner, den anderen in irgendeiner Weise zu kontrollieren oder zu
beherrschen, würde die wahre eheliche Liebe zwischen ihnen zerstören. Geister
mit dem Wunsch, Herrschaft über andere auszuüben, sind natürlich keine Engel
und würden auch keine Ehe mit einem Engel eingehen. Engel verbinden sich
ehelich nur mit Engeln ihrer eigenen Gesellschaft, die aus Wesen ähnlicher
Zielsetzungen und Wertvorstellungen besteht. Beide Engel-Gatten haben nur ein
Ziel und eine Freude, nämlich einander gegenseitig anzugehören. Das Wesen der himmlischen Ehe besteht
in der Vereinigung wahrer Einsicht und guter Absicht, so daß
beide eins werden. Wie Swedenborg erkannte, sind männliche Geister vorwiegend
auf Gedanken oder Einsichten konzentriert, weibliche mehr auf Neigungen oder
Absichten. Auch physische Männer und Frauen entsprechen dieser
Unterscheidung, wenngleich Männer wie Frauen beide Fähigkeiten besitzen. In
der physischen Welt verbinden daher die menschlichen Ehen sowohl die
geistigen wie die körperlichen Eigenschaften von Mann und Frau. Entwickelt
sich das Paar noch während seines irdischen Lebens hin zum Geistigen, setzen
sie ihre Ehe im Himmel fort. Unverheiratete Männer und Frauen oder solche,
die geistig von ihrem Partner getrennt werden, finden — falls sie wirklich
danach verlangen — den passenden Partner in ihren himmlischen Gesellschaften. Von allen Beziehungen, die auf
Entsprechung beruhen, ist die himmlische Ehe die erhabenste. Entspricht die
Hochzeit eines irdischen Paares der Verbindung von Einsicht und Absicht im
Himmel, so entspricht die himmlische Ehe ihrerseits der Vereinigung der
göttlichen Weisheit und Liebe in Gott. Zu einer Zeit, da in Europa die Ehe allgemein
nur als eine bürgerliche Angelegenheit betrachtet wurde, brachten seine
Erfahrungen mit den Engeln Swedenborg dazu, auch den weltlichen Ehestand
seinem Wesen nach als etwas zu betrachten, dessen Heiligkeit auf seiner
himmlischen und göttlichen Entsprechung beruht. Er erfuhr von einem Engel, daß zwei Menschen, deren Gemüter eins geworden sind, die
Entsprechung oder das Bild zweier in himmlischer Ehe verbundener Engel
darstellen. Und da zudem die himmlische Ehe ein Bild Gottes ist, bietet die
menschliche Ehe — wenn gleich weniger deutlich — ebenfalls ein Bild des
Gottes von Himmel und Erde. Männer und Frauen, die sich jedoch in
falschen Vorstellungen verbinden, besonders wenn dahinter böse Absichten
stehen, mögen zwar eine leidenschaftliche sexuelle Anziehung aufeinander
ausüben und zivilisiert miteinander sprechen und umgehen; ihre Beziehung ist
dennoch eher von Haß als von Liebe diktiert. Solche
Paare entsprechen eher der Verbindung zweier höllischer Geister als der
zweier himmlischer Engel. Eins der späteren Werke Swedenborgs, wie alle seine Werke in lateinischer Sprache
veröffentlicht (1768), bekannt unter dem deutschen Titel „Eheliche Liebe“,
schildert viele Variationen der himmlischen Liebe und Ehe und gibt eben so
einen detaillierten Bericht über die vielstufige Entsprechung der idealen
ehelichen Beziehung. Swedenborg erklärt, alle Engel im Himmel lebten im
Zustand der wahren ehelichen Liebe. Das eheliche Leben der Engel ist ein
wichtiger Bestandteil der ewigen Seligkeit. Kapitel 4 behandelte das menschliche
Leben unter dem Bilde eines Schlachtfelds, auf dem gute und böse Geister um
die Vorherrschaft über unser Leben kämpfen. Bereiten Militärmächte einen
Krieg vor, wenden sie riesige Summen an Geld und Energie auf, um soviel als möglich über die Stärken und Schwächen ihrer
Alliierten und Gegner in Erfahrung zu bringen und studieren die
geographischen Einzelheiten des Schlachtfelds. In ähnlicher Weise kann eine bewußtere Wahrnehmung der guten und bösen Kräfte und der
Art des „Schlachtfelds“ unseren persönlichen Kampf unterstützen. Zunächst einmal muß
ich einen grammatischen Punkt klären: Die Worte Gut und Böse können als
Hauptwörter gelesen werden, aber in diesem Buch werden sie gewöhnlich als
Eigenschaftswörter gebraucht. Im letzten Paragraphen benutzte ich sie, um
Geister zu beschreiben; an anderen Stellen bezeichnen sie Gefühle, Absichten
oder Handlungen. Immer wenn sie allein erscheinen, wie in „das Gute“ oder
„was gut ist“, handelt es sich um den Bezug auf das Gesamte, was als gut bezeichnet
werden kann. Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sich die
Diskussion hier auf bestimmte Dinge konzentriert, die wir wünschen, wollen
oder tun. Große globale Abstraktionen sind nicht unser Gegenstand. Zweitens ist eine Frage der Wortbedeutung
zu bedenken: alle „guten“, ebenso wie alle „schlechten“ oder „bösen“ Dinge,
die hier diskutiert werden, sind gut oder böse in einem relativen Sinn. Ohne
Zweifel gibt es Begierden und Taten, die im absoluten Sinn gut oder böse
sind, aber wenn überhaupt, so werden doch die wenigsten von uns darein
verwickelt. Die Kämpfe, in die wir verstrickt werden, bestehen meistens
darin, daß wir zwischen einer besseren oder
schlechteren Möglichkeit wählen müssen. Diese Relativität hat bedeutende
Auswirkungen auf unser Schlachtfeld. Man stelle sich den Kampf als eine Art
Tauziehen vor, bei dem wir das Mittelstück des Taues festhalten, das von
gegensätzlichen Geistern nach entgegengesetzten Richtungen gezogen wird. Es
gibt keine Mittellinie, die, falls überschritten, den Sieg einer der beiden
Seiten markiert, auch nicht die Wahrscheinlichkeit, daß
wir bei der Auseinandersetzung über die Grenzlinien des Feldes gezogen
werden. Vielmehr ziehen genau gleich starke Gegner an dem Tau. Die Kräfte
sind so ausgewogen, daß schon unsere
Gewichtsverlagerung oder der Einsatz unserer eigenen Kraft genügt, um das
Kräfteverhältnis zu verschieben, so daß sich das
Ringen je nach unserem eigenen Einsatz hin und her über das ganze Feld
bewegt. Jede unserer Entscheidungen in Richtung auf das Gute bedeutet einen
Sieg für die Engel — selbst wenn die beiden Alternativen weit am anderen Ende
des Feldes lagen. Die Tat eines Menschen, ausgeführt, weil sie das kleinere
von zwei Übeln ist, könnte schon eine gute Wahl sein, während dieselbe Tat,
von einem anderen anstelle einer besseren Handlungsweise ausgeführt, schlecht
sein könnte. Die Absicht solcher Wahl im
Zusammenhang eines individuellen Lebens läßt eine
Tat gut oder schlecht sein. Steht hinter einer getroffenen Entscheidung die
Neigung zu Gott, ist sie gut, steht dahinter eine Abneigung gegen Gott, ist
sie schlecht. Die Neigung zu Gott zeigt sich, wenn jemand das Vertrauen auf
göttliche Führung höher einschätzt als das Vertrauen auf eigene Kraft und
Einsicht, was mehr im Einklang mit moralischen Grundsätzen steht. Auch die
Zurückweisung eines Impulses, der im Gegensatz zu Gottes Willen steht, gehört
dazu. An gute und böse Einflüsse schließen
sich eng wahre und falsche an. Die beiden sich so ergebenden Paare sind genau
zu unterscheiden, da bei beiden der eine Teil alles in sich schließt, was zu
unserem Willen, unseren Wünschen, Wertvorstellungen, Absichten und Taten
gehört, der andere, was unsere intellektuelle Fähigkeit, unsere Überlegungen,
unser Verständnis, Unterscheidungs- und unser analytisches Vermögen ausmacht.
Obgleich es für Philosophen faszinierende Ausnahmen gibt, basieren doch gute
Absichten meist auf richtigen Wahrnehmungen, und umgekehrt. Auf jeden Fall
haben gute Absichten ein Verlangen nach wahren Begriffen, hingegen finden
böswillige Absichten an Verzerrungen der Wahrheit Geschmack. Einflüsse
des Falschen und Bösen Beim irdischen Krieg — um zu diesem
Vergleich zurückzukehren — sucht jede Seite totale Kontrolle über die andere
zu gewinnen. Kriege werden jedoch selten unter Einsatz aller Kräfte beider
Seiten zugleich ausgefochten; meist handelt es sich nur um Gefechte zwischen
einzelnen militärischen Verbänden in bestimmten und gewöhnlich unbedeutenden
Geländeabschnitten. Ähnlich geht es auch bei unseren geistigen Kämpfen zu.
Während Engel auf der einen und Teufel (oder böse Geister) auf der anderen
Seite darum streiten, einen beherrschenden Einfluß
auf unsere Entscheidungen zu gewinnen, spiegelt sich in unserem Erleben ihr
Konflikt jeweils nur in unseren besonderen Entscheidungen und Handlungen, die
uns oft viel zu trivial erscheinen, um viel darüber nachzudenken — nur formen
eben alle diese nebensächlichen Entscheidungen und Handlungen zusammen
unseren Charakter und bewirken, daß wir gute oder
böse Menschen werden. Dieser Anschein, der oft die Wahl, vor die wir uns
gestellt sehen und die Entscheidung, die wir treffen, unwichtig erscheinen läßt, so daß wir meinen, es
komme gar nicht so genau darauf an, wozu wir uns entschließen, ist falsch. Er
wird von bösen Geistern dazu benutzt, uns zu täuschen. Sie möchten uns auf
diese Weise Versuchungen gegenüber nachgiebig machen, ohne daß wir viel darüber nachdenken, was wir sonst vielleicht
tun würden. Aber die Illusion, gewisse Entscheidungen
und Taten seien unwichtig, ist nicht die einzige Falschheit, durch die böse
Geister unsere Selbsttäuschung unterstützen. Die meisten Menschen sind auch
aufnahmebereit für ihre Suggestion, daß geistige
Kräfte nichts mit unseren Entscheidungen zu tun hätten. Viele Menschen geben
dieser Suggestion nach, weil sie überzeugt sind, unsere Sinne — zusammen mit
unserem aus Sinneseindrücken gespeisten Gedächtnis — lieferten sämtliche
Einflüsse, denen unser Gemüt ausgesetzt ist. Natürlich stimmt es, daß unsere Sinne und unser Gedächtnis die
elektrochemischen Vorgänge beeinflussen, die sich in unserem Gehirn abspielen
und die wir als Denken bezeichnen. Doch wer sich dieser weitverbreiteten,
allzu großen Vereinfachung anschließt, kommt schließlich zu der Ansicht, die
Wörter gut und böse seien nichts als Etiketten, die wir Dingen anheften, die
uns als nützlich oder schädlich erscheinen, ja daß
wir von geistigen Kräften unabhängig seien und es überhaupt keine bösen oder
anderen Geistwesen gibt, die aktiv auf unsere Gedanken und Taten einwirken
könnten. Die meisten Menschen, wenigstens unter
denen, die die Vorstellung von geistigen Einflüssen teilen, halten es für
leichter, daran zu glauben, daß irgendeine böse
Macht uns drängt, Dinge zu tun, die als schlecht gelten. Wir schreiben uns
gerne selbst ein Verdienst dafür zu, wenn wir etwas Gutes tun, haben aber
eine natürliche Anlage, wenn immer möglich, Schuld auf andere abzuwälzen.
Denken wir an den Kommentar des Paulus in seinem Brief an die Christen von
Rom: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, das Böse aber, das ich nicht
will, das tue ich“ (Rö. 7, 19). Die beharrlichen
und raffinierten Rationalisierungen, die uns immer dann in den Sinn kommen,
wenn wir uns gegen eine Handlung entschieden haben, zu der es uns drängt,
erscheinen so spontan, daß wir meinen, sie kämen
aus einer anderen Quelle. Die unredlichen Ausnahmen von unseren Grundsätzen,
die wir uns herausnehmen und die uns vom Kurs abbringen, fühlen sich ebenso
an. Und dasselbe gilt für die subtilen Übertreibungen, die für uns diese
„Ausnahmen“ zunehmend attraktiv werden lassen, während wir „mit uns selbst
argumentieren“. Sobald wir — wenn auch nur
versuchsweise — die Idee erwägen, daß böse Kräfte
uns zu bösen Handlungen antreiben, werden wir den Schlüssel zur Erhaltung
unserer ursprünglich guten Absicht im Gebet um geistige Hilfe finden, und
nicht mehr in immer neuen Bemühungen, unsere ständig schwindende
Entschlossenheit aus eigener Kraft zu stärken. Wenn bei diesem — zugegeben
unkontrollierbaren — Experiment das Gebet hilft, so ist das wenigstens ein
Indiz dafür, daß um uns oder in uns wirklich ein
geistiger Kampf tobt — ein Kampf, für dessen Ausgang unsere dringende Bitte
um Beistand guter Geister und Engel einen entscheidenden Faktor darstellt.
Hilft uns dann das nächste Mal wiederum unser Gebet, wird unser Glaube an den
geistigen Einfluß bestärkt. Das Resultat, das sich
in dieser allgemeinen menschlichen Situation immer wieder einstellt, ist eine
kräftige Stütze für Swedenborgs Bericht über das in
der geistigen Schau Beobachtete: Unser Bewußtsein
ist ein Schlachtfeld, auf dem gute und böse Geister miteinander ringen, und
eine geistig wache Entscheidung unsererseits kann das Ergebnis bestimmen. Aber was sind eigentlich böse Geister?
Einfach gesagt: menschliche Seelen, die in ihrem irdischen Leben falsche
Ziele wahren Zielen und böse Taten guten Taten vorgezogen hatten. Durch ein
solches Verhaltensmuster, bewußt immer wiederholt,
werden diese Ziele und Taten zu ihrer Vorliebe. In der geistigen Welt, wo
sich ihr wahres Wesen offenbart, fahren sie fort, die gleichen Ziele zu
verfolgen und dieselben Taten zu tun. Nähert sich unser eigenes Denken dem
ihren genügend an, benutzen sie ihre Wahrnehmungen und Überzeugungen, die bei
ihnen selbst gewirkt haben, um uns in ihre Richtung zu drängen. Sie bedienen
sich dabei unserer Verstandeskräfte und sind ebenso gescheit wie wir,
Argumente gegen unsere guten Absichten zu ersinnen. Tatsächlich werden wir in
diesem Kampf unterliegen, wenn wir nicht oder bis wir Gott um Hilfe angehen.
Tun wir das aufrichtig und von ganzem Herzen, wird die Übermacht der bösen
Geister durch die uns von Gott gesandten Engel ins Gegenteil verkehrt. Die
Teufel können, wie bereits gezeigt wurde, den Kampf nicht mehr gewinnen;
suchen wir aber keine Hilfe, dann messen wir unsere eigene moralische Kraft
mit einem Gegner, den wir nicht sehen und dessen Macht wir nicht abschätzen
können. Unter diesen Umständen gewinnt oft das Böse die Überhand. Ich muß
etwas weiter ausholen, um die Rolle zu beschreiben, die die Engel bei der
Aufrechterhaltung jenes geistigen Gleichgewichts spielen, das uns unsere
Freiheit bewahrt. Zwei der Scheinbarkeiten, die zur
populären Illusion beitragen, eine geistige Natur sei unwichtig oder
existiere gar nicht, sind bereits erwähnt worden: die scheinbare Trivialität
von Entscheidungen, die aber in Wirklichkeit wichtig sind, und der Verdacht,
geistige Einflüsse seien unwirksam. Wir müssen uns aber noch mit einem
anderen Trugschluß befassen, der unter den größten
Geistern der westlichen Kultur wie auch unter Philosophiestudenten kursiert
und noch immer den gesunden Menschenverstand behindert. Theologen sprechen
gewöhnlich vom „Problem des Bösen“ (als ob das Böse nicht schon an sich
problematisch genug wäre!), und in philosophischen Seminaren taucht es in
Gestalt solcher Tiefsinnigkeiten auf, wie: „Wenn
Gott gut ist, kann er nicht Gott sein; und wenn Gott Gott
ist, kann er nicht gut sein“. Kurz gesagt: warum läßt
ein liebender Gott Kriege zu, Hungersnöte, Haß,
Völkermord und dergleichen mehr? Das Problem mit diesem „Problem des
Bösen“ scheint überwältigend, und wie sich manche zu behaupten anmaßen,
völlig unlösbar. Aber es gibt mehr als einen Weg, sich der Frage anzunähern.
Swedenborg geht dabei vom Gedanken der Wahlfreiheit aus, die Gott in der
geschaffenen Natur menschlicher Wesen anlegte. Wie wir noch deutlicher sehen
werden, ist Wahlfreiheit die Grundlage unserer Fähigkeit, mit den geistigen
Kräften, die um uns sind, umzugehen, und Gott erhält uns diese Freiheit
unverletzt. Der göttliche „Mechanismus“, der das ermöglicht, besteht im
Gleichgewicht, das zwischen einander entgegengesetzten Kräften
aufrechterhalten wird — Einflüsse der Wahrheit gegen solche der Falschheit,
Kräfte, die uns zu guten Motiven und Handlungen anspornen gegen Kräfte, die
uns aufstacheln, Böses und Schädliches zu tun. Unter diesen Bedingungen setzt sich
der geistige Kampf zwischen Gut und Böse bei jedem Menschen bis an sein
Lebensende fort. Das ist die „schlechte Nachricht“. Die „gute Nachricht“ aber
ist, daß jede Schlacht in diesem Krieg gewonnen
werden kann, wenn wir uns nur bei unseren Entscheidungen jeweils auf die
geistigen Hilfsquellen, die Engel um uns, verlassen. Es gibt tatsächlich
einige wenige Menschen, die die Führung und Unterstützung der Engel so
konsequent suchen, daß es ihnen zur Gewohnheit
wurde und zum Merkmal ihrer Reaktion in jeder Lage. Für sie ist es, als ob
die Schlacht bereits gewonnen sei. Swedenborg beobachtete, wie Engel Menschen
auf diese Weise beschützten und beschrieb das in den „Himmlischen
Geheimnissen“ wie folgt: „Dann herrschen die Engel und
inspirieren sie mit allem Guten und Wahren und mit der Furcht vor allem Bösen
und Falschen. Die Engel führen zwar, aber nur als Diener, denn es ist der
Herr allein, der Menschen durch Engel und Geister regiert“ (# 50). Die meisten von uns kennen Menschen,
die als Beispiel für diesen Zustand gelten können. Gewöhnlich handelt es sich
um ältere Leute, Männer oder Frauen, die genügend Herausforderungen im Leben
bestanden und selbst viele Fragen gelöst haben, ob sie nun über ihre
Erfahrungen reden oder nicht. Es sind Menschen, mit denen man gern zusammen
ist. Sie legen einem den Gedanken nahe: „Hoffentlich kann ich das eines Tages
auch...“. Mutter Theresa ist ein Beispiel, aber die lebendigste Illustration
bieten die eigenen Erfahrungen jedes einzelnen. Engel sind bei uns bis zum Ende
unseres Lebens. Ihre Gegenwart bei Kindern wurde bereits beschrieben. Im Lauf
ihres Heranwachsens werden diese frühen Wächter durch Engel ersetzt, die
durch ihre eigene Erfahrung als Menschen am besten geeignet sind, bei den
Problemen zu helfen, mit denen sich der junge Mensch in den verschiedenen
Stadien seiner Entwicklung auseinandersetzen muß.
Sie handeln jetzt eher als Helfer denn als Schutzengel, solange die Kinder
noch nicht über die Fähigkeit zu vernünftigem Handeln und die daraus
resultierende Freiheit verfügten. Diese Engel tun ihr Möglichstes, um ihren
Schutzbefohlenen die richtige Wahl nahezulegen und ihre guten Absichten zu
ermutigen; sie nehmen so viel Einfluß auf ihre
Wahrnehmungen und Gefühle, wie freiwillig von ihnen akzeptiert wird. Doch wie
weit wir Menschen auch bösen Geistern auf selbstzerstörerischen Wegen schon
gefolgt sein mögen, die Engel lassen nicht nach in ihrem Bemühen um uns! Ihr
Werk ist — parallel zu Gottes unmittelbarem Einfluß
— die himmlische Verwirklichung der unendlichen göttlichen Barmherzigkeit. Lassen sich Menschen bei ihren
Absichten und Handlungen so weit von physischen Wünschen leiten, bis das zu
ihrem normalen Verhaltensmuster wird, suggerieren ihnen Engel irgendetwas
Gutes, das sie als Reaktion auf diesen inneren Drang tun könnten. Menschen
z.B., die ihre Meinung gewohnheitsmäßig durch falsche Werte bilden und sich
allein nach dem richten, was ihnen persönlich Spaß macht, werden durch Engel
angeleitet, an höhere Werte zu denken, die ebenfalls Freude bereiten. Um
unsere individuelle Freiheit zu wahren, werden uns diese Anregungen niemals
in Form klarer Erkenntnisse oder absoluter Gewißheit
bewußt. Sie fallen ins Bewußtsein
als Möglichkeiten oder Fragen, z.B. wenn wir uns fragen: „Ich möchte wissen,
ob...“ Wir können die Anregungen der Engel zurückweisen, das Gegenteil davon
tun, ihre und die Gegenwart von Geistern leugnen, ja sogar ihre Existenz
verneinen. Um der Freiheit willen zwingen uns Engel niemals ihre Führung auf. Sanftheit und Subtilität der Engel
sowie ihr Respekt vor unserer Wahlfreiheit sollte nicht dazu verleiten, die
Macht jener Engel zu unterschätzen, die uns beschützen oder leiten, noch die
Rolle zu unterschätzen, die sie in unserem Leben spielen. Ihre lebenswichtige
Bedeutung wurde von Swedenborg klar erkannt, als er beobachtete, was Engel
und Geister für uns Menschen tun. In „Himmlische Geheimnisse“ heißt es: „Durch Geister haben die Menschen
Verbindung mit der Geisterwelt und durch Engel mit dem Himmel. Ohne
Verbindung mit der Geisterwelt durch Geister und mit dem Himmel durch Engel
und so durch den Himmel mit Gott, könnten die Menschen nicht leben. Unser
Leben hängt von dieser Verbindung so sehr ab, daß
wir augenblicklich sterben würden, falls sich Geister und Engel zurückzögen“
(# 50). Das bedeutet nichts anderes, als daß Gott uns in jedem Augenblick unseres Lebens erhält
und stützt. Engel sind das Medium, das die unendliche Macht der göttlichen
Liebe so für uns moduliert, daß daraus eine
Lebenskraft wird, die unserer menschlichen Größenordnung entspricht. Doch
nicht allein die allgemeine Kraft zu existieren wird uns von den Engeln
vermittelt. In „Himmel und Hölle‘ sagt uns Swedenborg: „Engeln wurde gestattet, meine
Schritte, meine Handlungen, meine Zunge und Sprache nach ihrem Willen zu
lenken, und zwar durch einen Einfluß in mein Wollen
und Denken. So machte ich die Erfahrung, daß ich
aus mir selbst nichts vermag. Nachher sagten die Engel, jeder Mensch werde so
regiert und könne dies aus der Lehre der Kirche und aus dem Wort wissen. Er
bete ja, Gott möge seine Engel senden, daß sie ihn
führen, seine Schritte lenken, ihn lehren und ihm eingeben, was er denken und
reden soll usw., obwohl er sich anders ausdrücke und auch anders glaube, wenn
er außerhalb der Lehre aus sich selbst denkt. Diese Dinge wurden erwähnt,
damit man wisse, welche Macht die Engel beim Menschen haben“ (# 228). Zuweilen unterbrechen weltliche oder
körperliche Rückschläge, selbst Katastrophen, die Führung, Belehrung und
Inspiration der Engel. Unser Instinkt mag uns in solchen Fällen dazu drängen,
uns ganz auf unsere eigene Erfahrung und unseren eigenen Mut zu verlassen, um
wieder zur Normalität zurückzufinden. Swedenborg zufolge aber raten uns die
Engel, während solcher Rückschläge noch inständiger zu beten und noch mehr
auf die Hilfe der Engel zu bauen. Swedenborg lernte durch Erfahrung, daß Engel über eine Macht verfügen, die wir Menschen uns
bei einem kreatürlichen Wesen kaum vorstellen können. Die Bibel beschreibt
diese Macht der Engel, etwa wenn sie von dem Cherub
spricht, der mit seinem flammenden Schwert Adam und Eva daran hinderte, ins
Paradies zurückzukehren, oder von dem feurigen Wagen, der mit seinen Rossen
den Propheten Elijah gen Himmel entführte (2 Kö. 2,
11) — von anderen furchterregenden Beispielen zu schweigen. Doch trotz ihrer
gewaltigen Macht und ihrer engen Verbindung mit unserem Dasein halten die
Engel ihren Einfluß auf uns zurück, so daß wir dadurch niemals beherrscht werden. Als Beispiel
für die vielen Wege, auf denen die Engel zu unseren Gunsten intervenieren,
kann ich ein eigenes kürzliches Erlebnis schildern: Als ich eines Nachts einschlief,
verdrängten unerwünschte Phantasien und Vorstellungen das, was ich gerade
gedacht hatte. Zu müde und nicht wachsam genug, um ihnen zu widerstehen, gab
ich ihnen nach, als ich einschlief. Im Traum kletterte ich eine steile Treppe
oder Leiter in ein dämmeriges Dachgeschoß empor. Ich bemerkte Bewegung in der
Ecke des Raumes und ging näher heran, um zu sehen, was es war. Da sah ich, daß eine Kreatur von ihrem Sitz auf einer Art Regal
herunterstieg, bis es auf meiner Höhe stand. Die Gestalt erschreckte mich
nicht so sehr, wie sie mich empörte. Sie schien eine rauhe,
lederige Haut zu haben; ihre Arme und Beine (bzw. Vorder- und Hinterläufe —
das Wesen schien menschenähnlich und auch wieder unmenschlich) waren ungefähr
gleich lang, eher zu lang für ihren Körper. Das Gesicht, ebenfalls von
zweifelhafter menschlicher Form, zeigte knopfähnliche Augen und große Zähne
in einem Mund, der sich zu einem Grinsen oder einer Grimasse verzog — all das
dicht beieinander in einem großflächigen Gesicht. Das Wesen war nicht aggressiv oder
bedrohlich, es hatte auch vor mir keine Angst, bewegte sich langsam, schien
aber sehr stark zu sein. Ich dachte, ich sollte versuchen, es zu töten, wußte aber, daß ich dazu nicht
annähernd stark genug wäre. Wir starrten einander an, ich mit Ekel, und es,
wie ich empfand, mit Verachtung. Nichts passierte, aber ich erwachte gleich
darauf, erschöpft und mit wild schlagendem Herzen. Vor diesem Traum hatte ich noch nicht
lang geschlafen, und gleich darauf fiel ich wieder in Schlaf, aber in einen
gesünderen. Doch beim Eindösen erfüllte mich der Schrecken vor dieser Kreatur
so total, daß er die unerwünschten Phantasien, die
zuvor so hartnäckig gewesen waren, völlig verdrängte. Am nächsten Morgen
brachte mich die lebhafte Erinnerung an den Traum zur Erkenntnis, daß die Kreatur etwas wie eine Repräsentation jener bösen
Geister war, die mich so hartnäckig mit jenen Phantasien bedrängten und mir
Freude daran beibringen wollten. Mit der Zeit war diese Kreatur für mich zu
stark geworden, um sie aus eigener Kraft zu besiegen, und sie schien für den Fall
eines Kampfes so siegesgewiß, daß
sie es sich leisten konnte, Geduld zu üben. Bei diesem Gedanken hatte ich das
Gefühl, Engel wollten mich auf die Gefährlichkeit meines Gegners dadurch
aufmerksam machen, daß sie mich ihn sehen ließen.
So schützten sie mich davor, den Gegner zu unterschätzen. Und die Warnung
diente außerdem dazu, mich für eine Weile vor diesem Einfluß
zu schützen. Die Botschaft des Traumes aber war, daß
der Kampf noch lange nicht beendet sei. Ich hätte das auf jeden Fall wissen
können, denn dieser besondere Kampf hielt mich schon seit Jahren in Atem.
Weiter unten in diesem Kapitel folgt die Beschreibung einer meiner (besser
gesagt: der Engel und meiner) größten Siege — und trotzdem geht der Kampf
weiter. Ich habe in diesem geistigen Konflikt geistige Hilfe gesucht und auch
empfangen, aber offenbar die Hilfe der Engel noch nicht vollständig genug
akzeptiert. Ich bezweifle keinen Augenblick, daß der Einfluß der Engel stets
genügend stark ist, um ein perfektes Gleichgewicht zur Macht des Bösen zu
sichern, daß aber ihr Einfluß
niemals so stark ist, daß ich ihm nicht auch
widerstehen oder ihn ignorieren bzw. seine Existenz bei mir leugnen könnte.
Darin aber, daß ich einen Kampf kämpfe, den ich nie
allein gewinnen kann, bin ich, wie ich glaube, ein Jedermann. Solange ich
meinem Beschützer vertraue, entgehe ich einer endgültigen Niederlage, und
doch bin ich noch nicht bereit, mich ihm völlig unterzuordnen, obgleich dann
der Sieg vollkommen sein würde. Es ist also eine schwierige, aber nicht
hoffnungslose Situation, die den Ausgang offen läßt,
weil für das Gleichgewicht gesorgt ist. Die Zurückhaltung, die sich Engel bei
ihrem Einfluß auf uns auferlegen, ist eine unerläßliche Bedingung für die Bewahrung unserer
Freiheit, eigenständig zwischen dem zu wählen, was richtig und was falsch,
ebenso wie zwischen dem, was gut und was böse ist. Diese Zurückhaltung
erklärt uns auch, warum die Meinungen über die Existenz der Engel
auseinandergehen. Manche bejahen Gegenwart und Beistand der Engel und haben
ihre Einstellung oft genug belohnt gefunden, so daß
sie die Tatsache ihres geistigen Beistands nicht länger bezweifeln. Solche
Menschen machen die Erfahrung, daß sich ihre
instinktiven Deutungen von Ereignissen und ihre Absichten allmählich verändern.
In dem Maße, wie sie sich wandeln, werden sie mehr und mehr wie die Engel, so
daß sie sich gelegentlich auch eines bewußten Kontakts mit ihrer geistigen Gemeinschaft
erfreuen können — d.h. in ihren Träumen oder in Zeiten der Meditation Engel
hören oder sehen—, ohne daß dadurch ihre Freiheit
bedroht würde. Andererseits könnten sich Menschen, die die Existenz geistiger
Wesen oder deren Einfluß auf ihr Leben leugnen, zum
Glauben gezwungen sehen, wenn ihnen ein Engel erschiene. Aus diesem Grund
erleben sie kaum je solche Erscheinungen. Erzählt einem jemand, er habe einen
Engel gesehen bzw. ein Engel habe dies oder das für ihn getan, so macht einen
die Erfahrung, die man mit einem solchen Menschen hatte, entweder geneigt,
ihm zu glauben oder auch nicht: menschliche Erfahrung ist hier nicht
einheitlich. Derselbe Umstand kann uns geneigt machen, die Meinungen von
Leuten, die überzeugt sind, Engel hätten außerhalb einer hyperaktiven
Einbildung keine Existenz, anzunehmen oder abzulehnen. Dieses Buch — oder auch eins der
Bücher, die das genaue Gegenteil behaupten — mag die Erfahrungen der Leser
bestätigen oder ihnen widersprechen. Höchstwahrscheinlich werden die meisten
Bücher, die sich mit geistigen Fragen auseinandersetzen, mit einigen
Erfahrungen ihrer Leser übereinstimmen und mit anderen nicht. Es wird niemals
einen strikten Beweis für die eine oder andere Meinung geben, der die
Existenz oder Nicht-Existenz über jeden vernünftigen Zweifel hinaus
demonstriert. Um das zu verhindern, wirken Gott und der ganze Engelhimmel
fortgesetzt zusammen, das Gleichgewicht zu erhalten. Man ist also stets frei,
an Engel zu glauben und ihnen zuzutrauen, daß sie
einem helfen, wenn man darum bittet, und man ist ebenso frei, ihre Existenz
zu leugnen und sich allein auf eigene Kraft und Einsicht zu verlassen. Die Verantwortung jedes Menschen in
Glaubensdingen, wie in allen anderen Angelegenheiten, seine eigene
Entscheidung zu treffen, gehört zur Wahlfreiheit, die für die menschliche
Natur grundlegend ist. Die Entscheidung, sein Urteil aufzuschieben, ist auch
eine Entscheidung, doch kann auf die Dauer niemand seiner Verantwortung
entgehen. Jeder muß sich also selbst entscheiden,
was er glauben und wem er vertrauen will. Das geistige Gleichgewicht behindert
jedoch Engel und Geister nicht dabei, Hilfe zu leisten, um die sie ersucht
werden, und das schließt die Hilfe bei der Entscheidung ein, ob man an sie
glauben und ihnen vertrauen will. Auch wenn sie nie unwiderlegliche Beweise
liefern, bieten uns die Engel doch Erfahrungen, die für jeden überzeugend
sind, der glauben möchte. Eine Bekannte von mir, die nicht an
Engel glaubte und starke Zweifel an der Existenz Gottes hatte, geriet in eine
tiefe Depression und einen Zustand äußerst angstvoller Verunsicherung. Sie wußte nicht, was sie tun sollte und zweifelte an ihrer
Fähigkeit, irgendeinen Plan auszuführen, zu dem sie sich entschließen würde.
Ein Freund schlug ihr vor, sie solle versuchen, Hilfe zu erbitten, ob sie nun
daran glaube oder nicht, daß es jemand gebe, der
ihr helfen könne. Höchst skeptisch, aber mit dem Willen, den ihr die
Verzweiflung eingab, legte sie sich abends zu Bett und „bat den leeren Raum“
um Hilfe. Beinahe augenblicklich schien sich ein Gefühl des Friedens „wie
eine warme Decke“ über sie zu breiten, und sie konnte einschlafen. Als sie am
nächsten Morgen erwachte, sah sie deutlich den nächsten Schritt, den sie tun mußte, und war zuversichtlich, daß
sie ihn tatsächlich ausführen könne. Heute — Jahre später — ist ihr das
Vertrauen in Gott und in die geistige Macht eine so selbstverständliche
Voraussetzung, wie ihre Zuversicht, daß die nächste
Stufe sie tragen wird, wenn sie eine Treppe hinuntersteigt. Ein anderes Beispiel aus meinem
eigenen Erleben betrifft eine Nacht tiefster Verzweiflung. Ich lag wach
zwischen Mitternacht und Morgendämmerung, und für mein geistiges Auge war es
ebenso dunkel wie vor meinen weit offenen physischen Augen. Endlos
wiederholten sich unerwünschte Phantasien, die ich nicht aus meinem Bewußtsein vertreiben konnte. Es kam mir der Gedanke, daß ich beten sollte, und so begann ich still das Gebet
des Herrn zu wiederholen. Nach einem oder zwei Sätzen waren die Phantasien
wieder da, und ich gab den Gedanken ans Gebet auf. Später erinnerte ich mich
wieder an meine Absicht und begann erneut zu beten — mit demselben
niederschmetternden Ergebnis. Nachdem ich es ein drittes Mal
vergeblich versucht hatte, überkam mich das entsetzliche Gefühl, in die Tiefe
zu sinken. Ich spürte, als mir klar wurde, daß mich
die Phantasien beherrschten und ich nicht beten konnte, einen schmerzhaften
„Knoten“ in meinem Magen! In fürchterlicher Panik schrie ich
innerlich — und hätte meine Frau nicht neben mir gelegen, so wäre es laut
gewesen: „O Herr, hilf mir! Hilf mir beten!“ Kaum hatte ich diese Worte bei
mir gesprochen, entspannte sich mein Körper, und ich hatte dabei ein Gefühl,
das mir das Erlebnis meiner Bekannten mit der warmen Decke verständlich
machte. Neben meinem Bett, nahe genug, daß ich ihn
hätte berühren können, stand mein Vater, darauf wartend, mit mir zu beten. Er
war seit über einem Jahrzehnt verstorben, aber das war mir in diesem
Augenblick nicht bewußt oder schien, wenn
überhaupt, keine Rolle zu spielen. Ebenso wurde mir auch erst im Nachhinein
klar, daß er und ich nie zusammen gebetet hatten,
außer wenn wir nebeneinander auf derselben Kirchenbank saßen oder am
sonntäglichen Mittagstisch. Obgleich ich meine Augen nicht öffnete, wußte ich, daß er da war: Ich wußte sogar, welche Haltung er einnahm und was er
anhatte. Ich wiederholte langsam und mit voller
Konzentration das Vaterunser und fand in den einzelnen Worten reiche, bis
dahin nicht geahnte Bedeutung. Dann bat ich um die besondere Hilfe, die ich
in meinem Zustand brauchte und fiel schließlich in Schlaf. Die Einstellung,
mit der ich am Morgen erwachte, brachte einen neuen Ausblick auf meine
Probleme und den Entschluß, in Zukunft anders zu
handeln; es war eine direkte Antwort auf mein Gebet. Der Entschluß
hielt während Monaten stand, lange genug, damit die neue Haltung zur
Gewohnheit werden konnte. Aber um das Erlebnis war nichts Gewalttätiges. Ich
vermute, es wäre mir möglich gewesen, die Gegenwart meines Vaters als bloße
Einbildung zu deuten, einfach indem ich die Augen öffnete (das war mir in dem
Augenblick auch halbwegs bewußt). Ich entschloß mich jedoch, seine geistige Gegenwart zu
akzeptieren, und so empfing ich die nötige Unterstützung. Anders ausgedrückt, ich vertraute
Gott, zu dem ich gebetet hatte, mehr als meiner eigenen Einsicht, die mich in
diese Lage gebracht hatte. Ich vertraute dem Geist, der mir in Beantwortung
meines Stoßgebets geschickt wurde, mehr als meinem physischen
Wahrnehmungsvermögen. Ich verstehe dieses Erlebnis so, daß
es mein Vertrauen war, das es mir ermöglichte, den Segen dieser geistigen
Erfahrung zu machen. Eine wichtige Frage ist bisher noch
nicht ausführlich behandelt worden, obgleich es scheinen könnte, als sei sie
in den verschiedenen Zusammenhängen der bisherigen Ausführungen bereits unter
zwei oder drei Aspekten implizit enthalten. Es ist die Frage: wer ist eigentlich
verantwortlich dafür, wie wir unser Leben gestalten, wie wir unsere
Entscheidungen treffen, ob spontan oder mit voller Überlegung? Ich habe
gezeigt, daß wir selbst es sind, indem wir bei
unserer Wahl unsere von Gott behütete Freiheit gebrauchen. Aufgrund der
vorigen Erörterungen könnte man schließen, es seien die Engel und Geister,
weil sie uns ja Hilfe gewähren oder scheinbar versagen. Und zudem sollte klar
sein, daß Gott Engel, Geister und Menschen leitet,
da er unausgesetzt für ihr persönliches und kollektives Wachstum und
Wohlergehen sorgt. Wer ist also wirklich verantwortlich? In gewisser Hinsicht enthält jede der
drei Ansichten etwas Wahrheit; aber um unsere immerwährende Beziehung zu den
Engeln wirklich zu verstehen und daraus Nutzen zu ziehen, ist eine genaue
Kenntnis der Relation zwischen diesen Wahrheiten erforderlich. Die wichtigste
Wahrheit, in deren Licht die anderen ebenfalls richtig sein können und ohne
die sie auf jeden Fall falsch und gefährlich irreführend sind, besteht darin:
Gott stellt die gesamte Kraft bereit, die Engel, Geister und Menschen
überhaupt erst zu irgendwelchen Handlungen, ja zu leben befähigt. In diesem
fundamentalen wie übergreifenden Sinn hat also Gott allein die Verantwortung;
er allein ist der Autor der Geschichte. Der Anschein von Autonomie, den wir
bei unseren eigenen Entscheidungen empfinden und den wir auch bei anderen zu
sehen meinen, ist eine Funktion jener Wahlfreiheit, mit der Gott alle
menschlichen Geschöpfe ausgestattet hat. Engel erkennen die Beziehung zwischen
der göttlichen Macht und der individuellen Freiheit unmittelbarer als wir
Menschen. Im Licht des Himmels gibt es viel weniger Illusionen als im
physischen Licht. Darum ist den Engeln voll bewußt,
daß jeder Atemzug oder Gedanke, jede Handlung allein
durch Gott ermöglicht wird. Aber selbst in diesem Bewußtsein
müssen die Engel Entscheidungen treffen, als ob sie dabei allein von ihrer
eigenen Befähigung abhingen. Wir Menschen, deren Wahrnehmungen durch die
Zweideutigkeit unserer physischen Existenz umwölkt sind, sehen uns mit der
Notwendigkeit konfrontiert, so zu handeln als hätten wir einen vollständig
freien Willen und unsere totale Abhängigkeit von Gott sei nur Theorie — für
einige von uns eine Theorie, die durch ihren Glauben gestützt wird. Wenn wir
dabei versagen, das Dilemma Freiheit/Abhängigkeit auf persönlicher Basis zu
lösen, kann die Kapitulation gegenüber der einen oder der anderen Seite
katastrophal sein. Wir gleichen dem Odysseus, der zwischen Skylla und
Charybdis hindurchsteuern muß.
Erkennen wir unsere Abhängigkeit von Gott an, leugnen aber gleichzeitig
unsere Freiheit, sind wir der Unbeweglichkeit und Richtungslosigkeit
überlassen. Vermeiden wir diese Falle und machen einen großen Bogen darum
herum, verfangen wir uns im Gegenteil, der Hyperaktivität, ausgerichtet
allein nach unserem eigenen, wild nach allen Seiten ausschlagenden Kompaß. Es ist ein Gesetz des Lebens, wenn
nicht der Logik, daß die einzige wirkliche Lösung
eines echten Dilemmas ein echtes Paradox ist. Ein Paradox ist eine Aussage
über Gegensätze, die beide wahr sind. Das Paradox der Freiheit — nämlich daß Freiheit eine notwendige Illusion ist, unser einziger
Zugang zu jener Stärke, die in unserer vollständigen Abhängigkeit von Gott
liegt — mag, wie alle Paradoxa, für unsere Vernunft unannehmbar sein. Denken
und Handeln, als ob es wahr sei, kann uns den praktischen Beweis für die
Gültigkeit dieses Paradoxons liefern. In äußerster Vereinfachung gesagt: Wenn
wir handeln, als gäbe es keine himmlische Hilfe, aber beten, als ob wir auf
Erden keine andere Hilfe fänden, funktioniert unser Leben besser als wenn wir
uns allzu sehr auf eine der beiden Alternativen verlassen. Was unterscheidet einen Menschen, der
um Engel und Geister weiß, von einem, der keine Kenntnis von ihnen hat? Das
ist eine wichtige Frage, hängt doch das, was wir über die Engel wirklich
wissen (im Unterschied zu dem, was wir nur gelesen und theoretisch bedacht
haben) wesentlich von unserer Motivation ab, ob wir etwas über sie wissen
wollen. Und schließlich sind die Engel selbst gewiß
die besten Lehrer über Wesen und Aufgaben der Engel; sie beantworten unsere
an sie gerichteten Bitten auf eine Weise, die ihren Werten und Absichten
entspricht. Wenn man nur etwas über die Engel
wissen möchte, um seine Neugierde zu befriedigen (und zu diesem Zweck
Spiritismus betreibt, d.Ü.), werden die wirklichen
Engel einen solchen Wunsch gar nicht wahrnehmen. Statt ihrer werden viel eher
Geister darauf antworten, die während ihrer physischen Existenz von bloßen „Fakten“
und materiellen Trivialitäten gefesselt waren. Sie werden einen Dinge
„wissen“ lassen, die vielleicht die Neugier befriedigen, gleichgültig ob
wichtig oder unwichtig, ja ob sie überhaupt der Wirklichkeit entsprechen.
Männer, die sich vor allem deshalb für Engel interessieren, weil Bilder von
hübschen weiblichen Engeln in gazeartigen Gewändern sie neugierig gemacht
haben, werden ihre „Antworten“ vielleicht von männlichen Geistern bekommen,
die sich in ihrem Erdenleben damit vergnügten, erotische Bilder in einem
Versteck zu sammeln; möglicherweise bekommen sie ihre Informationen auch von
weiblichen Geistern, denen es in ihrem Erdenleben Spaß gemacht hatte, sich
auffällig zu kleiden, um Männer herauszufordern. Möchte man aber erfahren, woher man
Willenskraft oder auch das nötige Wissen nehmen soll, um jemandem zu helfen,
der wirklich Hilfe braucht, dann erregt das viel wahrscheinlicher die
Aufmerksamkeit der Engel, vor allem natürlich der Engel, die selber bereits
nach Wegen suchen, dem Betreffenden beizustehen. Engel suchen nach
Möglichkeiten zu helfen, ohne durch allzu offensichtliche Hilfe die Freiheit
eines Menschen, an Engel zu glauben oder nicht, zu beeinträchtigen — wir
sollten ja auch unsere Hilfe niemand aufdrängen. Was wir mit unserem Wissen tun
möchten, und mehr noch, was wir damit getan haben, bestimmt darüber, ob wir
zu einem wirklichen Wissen über Engel gelangen. Wenn wir etwas tun, das gut
für andere ist, und es wirklich mehr für sie als für uns tun (wie die treuen
Knechte des Königs in Jesu Gleichnis Mat.25, 14-30) und unser erworbenes
Wissen, wie anderen zu helfen ist, anwenden, dann sind wir geistig in der
Lage, mehr über Engel zu lernen. Verallgemeinerungen wie diese lassen
die Mannigfaltigkeit, die starke persönliche Färbung unserer Entscheidungen
und Handlungen außer acht. Doch ein wirkliches
Verständnis unserer inneren Beweggründe erfordert große Erfahrung bei der
Selbstprüfung und wahrscheinlich auch psychologische oder geistliche Leitung.
Ein Buch wie dieses kann nur die allgemeine Richtung aufzeigen. Unter
Berücksichtigung dieser Begrenzungen läßt sich
jedoch einiges darüber sagen, wie man das Wissen um die Engel nutzen kann. Wir
können den Menschen helfen Wohl der einfachste Weg, persönlich
Bekanntschaft mit Engeln zu machen, besteht darin, sie einzuladen, uns in
unserem Handeln zu unterstützen, im Gebet um ihren Beistand bei unserer Hilfe
für andere zu bitten. Dazu muß man jedoch besonders
gut die Rolle verstehen, die unsere Beweggründe in unseren geistigen
Beziehungen spielen. Sorge um uns selbst bringt uns in Verbindung mit
selbstsüchtigen Geistern. Wollten wir daher einem Freunde zu dem Zweck
helfen, damit wir für uns selbst die Hilfe von Engeln erfahren, würde uns das
eher von den Engeln trennen, als uns ihnen näher bringen. Anderseits führte
uns die Bitte um Gesundheit, Kraft oder größere gefühlsmäßige
Ausgeglichenheit, um einem Freunde besser helfen zu können, näher an
Engel-Gesellschaften heran. Der Unterschied zwischen beiden
Beispielen liegt eher in den Ursachen, die jeweils unsere Absicht leiten, als
in deren Art oder Inhalt. Dieser Gedanke mag auf der Hand liegen, ist aber
wichtig genug, um ihn noch etwas weiter zu entfalten. Hinter jeder Absicht,
die wir ausführen möchten, stehen mehrere Schichten von Motivationen. Es kann
sein, daß wir einem Menschen helfen wollen, weil
uns echte Sorge für sein Wohlbefinden bewegt — aber auch weil wir möchten, daß er uns nett findet. Wir können uns um ein bestimmtes
Amt bewerben, weil es uns ein höheres Prestige verspricht und es uns Spaß
macht, wenn Menschen zu uns aufblicken, aber auch weil wir als Inhaber eines
solchen Amtes anderen nützlicher sein können als es sonst der Fall wäre. Aus
der Sicht der Engel ist das Grund-Motiv entscheidend, das in den verschiedenen
Schichten letztlich verborgen liegt. Sie fühlen sich zu uns hingezogen oder
von uns abgestoßen aufgrund unserer tiefsten Absicht — die wir möglicherweise
nicht zugeben wollen, vielleicht nicht einmal vor uns selbst. Voraussetzung, in die Gesellschaft von
Engeln zugelangen, ist das Interesse, einem anderen Menschen um seiner selbst
willen zu helfen, oder zumindest sich dann an seinem Glück mitzufreuen. Und
nur wenn wir unser Bestes gegeben haben, ohne ans Ziel zu kommen, werden uns
unsere himmlischen Gefährten neue Wege aufzeigen oder neue Kraft zukommen
lassen. Denn ist unser innerstes Motiv wirklich das Wohl der anderen und
scheinen die Hindernisse unüberwindlich, kommen Engel uns ganz gewiß zu Hilfe. Auch unter vielen anderen Umständen
stärken sie uns — unter Umständen, die wir teils verstehen, teils nicht
verstehen können — aber ihr Verlangen zu helfen ist so groß, daß wir in diesem Zusammenhang ihre Gegenwart am ehesten
erfahren. Der Wunsch, einem anderen Menschen zu
helfen, kann in der Sicht eines Engels viel bestimmter sein als in unserer.
So erzählte beispielsweise ein mir befreundeter Pfarrer folgende Geschichte:
Als er eines Sonntags seine Familie im Auto verstaute, um zur Kirche zu
fahren, hatte er, wie üblich, das Gefühl, spät dran zu sein. Während er das
Auto rückwärts aus der Garage fuhr, hörte er eine Stimme, so klar, als komme
sie von einem seiner Kinder: „Deine Predigt liegt auf dem Schreibtisch“. Er
selbst war sicher, daß er die Predigt in seine
Aktentasche gesteckt hatte, wunderte sich zwar einen Augenblick lang über die
Stimme, entschloß sich aber zur Weiterfahrt; doch
bevor er das ausführen konnte, wiederholte sich die Stimme. Ärgerlich und
sich dumm vorkommend, stoppte er und stürzte ins Haus zurück, schaute auf den
Schreibtisch — und da lag sie, die Predigt! Als er über das merkwürdige Ereignis
nachdachte, kam ihm sein Bruder in den Sinn, der schon als Kind gestorben war
und ihn, wie er glaubte, bereits bei anderen Gelegenheiten vor Gefahren
gewarnt hatte. Doch konnte er die gehörte Stimme nicht klar identifizieren
und war überrascht, daß mit seinem
Predigt-Manuskript eine so große geistige Bedeutung verbunden sein sollte.
Dann kam ihm in den Sinn: Jemand in der Gemeinde würde vielleicht an diesem
Morgen ganz besonders durch etwas angeregt werden, das er ohne Manuskript
nicht sagen würde. Vielleicht gab es auch einen anderen Grund, den nur die
Engel kannten. Aber das leuchtete ihm ein: Die Absicht, die ihn bei der
Arbeit an seiner Predigt bewegt hatte, wäre ohne diese geistige Intervention
kaum so klar zum Ausdruck gekommen, und etwas an dieser Absicht war
wahrscheinlich wichtig für irgend jemanden unter
seinen Zuhörern — das war offenbar Grund genug für einen Engel oder Geist
einzugreifen. Meinen Freund vor der Unannehmlichkeit zu bewahren, die Kanzel
ohne Predigt-Manuskript betreten zu müssen, war gewiß
nur ein erwünschtes Nebenprodukt, aber sicher nicht Grund genug, um die
Stimme zu veranlassen, sich zweimal so deutlich hören zu lassen. Ein anderer Freund, ebenfalls ein
Pfarrer, berichtete mir von einem Ereignis, bei dem die Teilnahme der Engel
so subtil war, daß sie von niemandem bemerkt wurde.
Er hatte gerade seine Ausbildung beendet und traf am Ort seines ersten
Pfarramts ein. Kurz zuvor war ein prominentes Mitglied der Gemeinde
gestorben. Er besuchte die Familie des Verstorbenen, eher beseelt von dem
Wunsch, sich hilfreich zu erweisen als zu wissen, wie das geschehen könnte.
Eine Menge von Freunden und Verwandten hatte sich eingefunden, ihre Teilnahme
zu bekunden. Er selber fühlte sich der Situation in keiner Weise gewachsen,
und so beschränkte er sich darauf, jedem einzelnen, dem er vorgestellt wurde,
die Hand zu drücken und möglichst wenig Worte zu machen. Dann setzte er sich
auf einen Stuhl, betrachtete still jeden einzelnen, bis er fand, er habe sich
lange genug aufgehalten. Beim Verlassen des Hauses war er sicher, seine erste
Probe als Pfarrer nicht bestanden zu haben. Zu gegebener Zeit leitete er die
Bestattungsfeier und bekam nachher dafür viel Anerkennung, und doch hatte er
das Gefühl, Kirche und Familie in gewisser Weise im Stich gelassen zu haben.
Einige Jahre später jedoch erzähl ten ihm Freunde
der betreffenden Familie, sie hätten gehört, wie weise und tröstlich er sich
bei dieser Gelegenheit, so kurz nach seinem Amtsantritt, verhalten habe. Man
sagte ihm, wie dankbar ihm die Familie sei für das, was er damals gesagt habe
und wie diese Leute anderen gegenüber dafür eingetreten seien, dem jungen
Geistlichen ihr Vertrauen zu schenken, der in schwerer Zeit solch ein Fels für
sie gewesen sei. Er hat mir und vermutlich auch anderen
jungen Pfarrern diese Geschichte erzählt, um ein Beispiel dafür zugeben, wie
wichtig es ist, „einfach da zu sein“, um dadurch Trauernde zu trösten, selbst
wenn man nichts zu sagen wisse. Was er nicht erzählte, weil er es nicht mit Gewißheit sagen konnte: Wer hat den Familien-Mitgliedern
und Freunden des Verstorbenen die tröstenden Worte eingegeben, die sie aus
seinem Mund gehört haben wollten? Menschen, die vielleicht nicht willens oder
auch bei aller Freiheit dazu nicht fähig waren, die Stimme eines Engels zu
hören, konnten sich doch an himmlische Worte und Gefühle des Trostes erinnern
und schrieben sie ihrem Pfarrer zu, dessen Gegenwart und guter Wille von
Engeln für ihren Dienst gebraucht werden konnten. Die Erfahrung der letzten Jahre hat
mich eine Menge gelehrt über die stille Art des Wirkens der Engel in meinem
Leben, eine Art, die zwar keine dramatischen Geschichten liefert, aber
wirkliche Hilfe bedeutet und keine andere Quelle oder Erklärung zuläßt. Meine Frau leidet unter einer fortschreitenden
Kondition, die als Alzheimer oder Alzheimer ähnliche Krankheit gilt. Sie kann
sich kaum noch durch Wort oder Schrift mitteilen, auch der meisten manuellen
Fähigkeiten ist sie beraubt. Obgleich ich mich immer für einen Menschen
gehalten habe, der sich um andere kümmert und womöglich zu helfen versucht,
war ich — wie vermutlich die meisten Menschen — völlig unvorbereitet für die
Rolle eines Krankenpflegers. Diese Rolle als „Beruf‘ zu erfüllen, zu der ständig
Neues und Unerwartetes hinzukommt, hat mich mit mentalen, emotionalen und
geistigen Herausforderungen konfrontiert, die rasch die Hilfsquellen meiner
Erziehung und Lebenserfahrung erschöpften. Die Erkenntnis, daß
ich um Hilfe beten mußte, um mit meiner Lage fertig
zu werden, kam nur langsam. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Probleme zu
lösen, meine Emotionen zu besänftigen und darüber nachzudenken, was hier
geschah. Als ich dann um dieser Dinge willen betete, stieg die Erinnerung auf
an die Tiefen der Verzweiflung, aus denen heraus ich früher gebetet hatte,
und wie damals die Antwort in Form wirklicher Hilfe kam. Ich begann zu
versuchen, meine Probleme weniger aus eigener Kraft als durch Gebet zu lösen,
obgleich meine Aufmerksamkeit fortgesetzt von kleineren, aber dringenden
Krisen abgelenkt wurde. Allmählich, aber nicht etwa regelmäßig, traten
Veränderungen ein. Jetzt bin ich soweit, daß ich mich meistens gar nicht mehr darüber wundere,
welche Wärter-Qualitäten und -Einstellungen ich zu entwickeln fähig bin, ohne
sichtbare Lehrer, an die ich mich wenden könnte, und nur selten frage ich
mich, wie ich mit der zunehmenden Verschlimmerung des Zustands meiner Frau
fertig werden soll. Nicht, daß ich wüßte, was ich dann tun werde, ich weiß aber, irgendwie
werde ich es schaffen. Die Aufgaben, die ich nicht bewältigen konnte, wurden
schließlich doch getan und haben mir sogar noch Zeitfetzen gelassen, dieses
Buch zu schreiben, mit dem vielleicht jemandem geholfen ist. Noch etwas anderes kann unser Wissen
um die Engel bewirken: daß wir im Kontakt mit ihnen
bleiben. Das bedeutet, uns in Gebet und Meditation am Himmel und an den
Engeln zu orientieren, eine Gewohnheit, die bei allen unseren täglichen
Aktivitäten oberste Priorität haben sollte. Ich hoffe, ich habe mich
sorgfältig genug ausgedrückt, doch muß ich noch
mehr über eine fundamentale Zweideutigkeit sagen, die mit jeder Empfehlung,
zu beten, verbunden ist. Für mich und viele Leser heißt das,
zum auferstandenen und verherrlichten Herrn Jesus Christus beten. Aber diese
Worte bedeuten den verschiedenen Christen Verschiedenes; und für viele
Nicht-Christen muß ein Rat, der im selben Geist
gegeben wird, in anderen Worten ausgedrückt werden. Etwas besonders Wichtiges
entnahm Swedenborg seiner Beobachtung der Engel bei ihren himmlischen
Tätigkeiten: alle irdischen Menschen können lernen,
was gut und wahr ist, von dem Einen, den sie Gott nennen — selbst wenn sie
diesem Gott verschiedene Namen geben und ihm verschiedene Eigenschaften
zuschreiben. Jeder einzelne Mensch, gleichgültig
welcher Religion, wenn er sie nur regelmäßig und nach bestem Wissen ausübt,
kann nach seinem physischen Tod ein Engel des universalen Himmels werden.
Alle, die Christen eingeschlossen, haben die Pflicht, durch ihre Handlungen
Zeugnis abzulegen für den Gott, den sie verehren. Wenn diese Verpflichtung
frei gehalten würde von allen Unterscheidungen und Konflikten, die allein von
Menschen erfunden wurden, so würde sie zur friedlichen Zusammenarbeit der
Menschen verschiedenen Glaubens führen und nicht zu jener Feindseligkeit, die
man gewöhnlich beobachtet. Die Christen, wie alle anderen, könnten ein
glücklicheres und fruchtbareres Leben führen, wenn sie in dieser Weise zu
ihrem Gott beteten, die Hilfe der Engel akzeptierten und zur Anwendung
brächten, denn damit würde ihr Leben zu einem lebendigen Ausdruck ihres
Glaubens oder ihrer Religion. Einer der Gründe, weshalb nur eine
solche Haltung tatsächlich wirkt, besteht darin, daß
die Ausübung unserer Religion schwieriger ist als die bloße Anerkennung ihrer
Glaubenssätze. Nur Menschen, die die Anweisungen ihrer Religion befolgen,
haben ihre Religion wirklich angenommen, haben sie verinnerlicht. Ein anderer
Grund, den uns Swedenborg aufgrund seiner Beobachtungen in der Welt der Geister
berichtet, besteht darin, daß die Geister, die im
irdischen Leben ihre Religion wirklich praktiziert hatten, leicht und willig
— zuweilen sogar mit Freude — alle möglicherweise nötigen intellektuellen
Korrekturen an ihrem bisherigen Glaubensverständnis annehmen. Absichten und
Handlungsweisen sind in der geistigen Welt viel schwerer zu ändern als in der
uns bekannten physischen Welt, das Denken hingegen kann in der geistigen
Umgebung viel leichter berichtigt werden. Die meisten Geister-Novizen verbringen
im Zuge des Prozesses der nötigen Entfaltung ihrer Selbsterkenntnis einige
Zeit (oder was in jenem Bereich, in dem Zeit als Maßeinheit nicht existiert,
wie Zeit erscheint) in Schulungsgemeinschaften, in denen sie ihr Verständnis
der geistigen Wirklichkeiten, insbesondere Gottes, klären und berichtigen. Auch
wir können den Engeln helfen Es gibt eine Geschichte aus der Zeit
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die wert ist, hier erzählt zu werden. Ich
habe ihre Genauigkeit nicht nachgeprüft, aber sie hat eine mystische Seite,
die eine Wahrheit enthält, gleichgültig ob die Einzelheiten stimmen oder
nicht. Beim Wiederaufbau von Dresden, nach den fürchterlichen Bombenangriffen
gegen Ende des Krieges, fanden Arbeiter im Schutt eine Jesus-Statue. Die
Figur war mehr oder weniger intakt, nur die Hände an den ausgebreiteten Armen
waren abgebrochen. Nach langer Diskussion entschieden die Bürger, die Statue
wieder aufzustellen, wie sie war, obgleich der Ersatz der Hände eine
durchführbare Option gewesen wäre. Die achtbaren Argumente der Mehrheit
lauteten: Christus braucht Hände, um sein Werk auf Erden tun zu können. Die
Statue mit den Handgelenk-Stumpen würde allen Betrachtern eine Mahnung sein, daß Christus ihre Hände brauche. Im Geist dieser Geschichte stelle man
sich das Bild eines sanft tröstenden Engels vor sein geistiges Auge oder auch
das Bild eines ehrfurchtgebietenden Engels, der die Wahrheit verteidigt, aber
die Gestalt hätte selber keine Hände, sondern sie warte auf die Hände eines
Menschen, um ihre himmlische Absicht auszuführen! Das Bild ist nicht weit
hergeholt. Ein Mensch, der die Erinnerung an einen Engel abtun würde, der ihm
im Traum erschien, der sich jedoch überwältigt fühlen würde, wenn ihm ein
Engel in Fleisch und Blut erschiene, so daß er die
Freiheit verlöre, zu glauben oder nicht — so ein Mensch kann durch einen
gewöhnlichen Menschen, der auf Anregung eines Engels handelt, nach Bedarf
herausgefordert, geführt oder getröstet werden. Darin mag ein anderer Weg als in den
Worten liegen „helft einander“, wie oben anregt, oder „bleibt in Verbindung“
mit dem Hinweis: „... und seid vorsichtig!“ Es ist beides zusammen, aber auch
etwas mehr. Wie dargelegt, bringt es uns den Engeln näher, wenn man einem
anderen Menschen um seinetwillen beisteht, als wenn man es mit dem Blick auf
sich selbst tut. Doch gibt es eine noch höhere Motivation, die einen in die
Gesellschaft von Engeln versetzt und Gott sogar noch näher steht: Man kann
einem anderen Menschen um Gottes willen Hilfe leisten — indem man die Kraft
ausstrahlt, um die man Gott gebeten hat, nämlich daß
er uns zu einem wirkungsvolleren Helfer machen möge; dann wird die Hilfe zu
einem Akt des Gottesdienstes. So zu handeln, spannt uns zusammen mit hohen
und mächtigen Engeln. In einem denkwürdigen Kapitel seines Buches „Himmel und
Hölle“ führt Swedenborg aus: „Nahezu alle Menschen praktizieren
äußerlich Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit ... Der geistige Mensch muß notwendigerweise ebenso leben ... Der einzige
Unterschied besteht darin, daß der geistige Mensch
nicht nur deshalb aufrichtig und gerecht handelt, weil es den bürgerlichen
und moralischen, sondern weil es auch den göttlichen Gesetzen gemäß ist. Denn
da er beim Handeln an das Göttliche denkt, stellt er die Gemeinschaft mit den
Engeln des Himmels her ... und wird mit ihnen verbunden“ (#530). Man kann weder eine bessere
Gesellschaft finden noch ein lohnenderes und befriedigenderes Leben.
Letztlich ist das ein Grund, möglichst viel über die Engel zu lernen. Wer
sich bereits in dieser Welt soweit wie möglich der Lebensart der Engel im
Himmel annähert, empfängt von ihnen einen unbezahlbaren Anteil an himmlischer
Freude. Diese Freude bietet uns alle Segnungen von Glück, Trost, Gewißheit und gehobener Stimmung, die wir auf Erden
empfinden können. Swedenborg kannte die himmlische
Freude aus Erfahrung, fand aber, sie sei unmöglich zu beschreiben. In „Himmel
und Hölle“ lesen wir: „Um mich zu befähigen, das Wesen und
die Beschaffenheit des Himmels und der himmlischen Freude zu erkennen, wurde
mir vom Herrn verliehen, oft und lange die Wonnen der himmlischen Freuden zu
empfinden, so daß ich sie aus lebendiger Erfahrung
wohl kennen, gleichwohl aber durchaus nicht beschreiben kann ... Ich durfte
empfinden, daß Freude und Wonne aus dem Herzen
kamen und sich ganz sanft durch alle innersten Fasern und von da aus in die
Muskeln verbreiteten, mit einem solch innigen Wonnegefühl, daß jede Fiber gleichsam nichts als Freude und Wonne war,
und jede davon abgeleitete Wahrnehmung und Empfindung ebenfalls in Wonne
lebte. Im Vergleich zu diesen Freuden verhalten sich die der körperlichen
Wollust wie ein grober, verletzender Klumpen Erde zu dem reinsten und
sanftesten Lüftchen“ (#413). Das ist eine Gabe, die Gott allein
gewähren kann, und er gewährt sie seinen Engeln. Menschen aber, deren Leben
dem der Engel ähnlich ist, weil sie aus engelhaften Motiven handeln, leben
zwar noch in materiellen Leibern, aber ihr Geist ist bereits im Himmel. Sie
sind die sichtbaren Engel unter uns. Obgleich sie sich äußerlich nicht von
anderen unterscheiden, fühlt man sich schon nach kurzer Zeit in ihrer
Gegenwart heiterer und von frischem Mut beseelt. Es gibt solche Menschen, und
auch wir können sein oder werden wie sie. Wir können als Engel handeln, wie
Menschen, von denen Swedenborg sagt, daß „sie vor
den Engeln im Himmel als schöne menschliche Wesen und als ihre Partner und
Gefährten erscheinen.“ Lesen Sie als Ergänzung zu diesem
Buch: Emanuel Swedenborg - HIMMEL UND HÖLLE, Auditionen und Visionen.
Deutsch von Dr. E Horn. Engel helfen uns, den rechten Weg zu finden Engel helfen den Menschen zu feiern Erscheinungsformen des menschlichen Geistes Einflüsse des Falschen und Bösen Wir können den Menschen helfen Auch wir können den Engeln helfen ——— *
——— |