BISCHOF MARTIN
Die Entwicklung
einer Seele im Jenseits.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 3.
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Des
alten Bischof Martin irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits.
[BM.01_001,01]
Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebensoviel auf seine
Satzungen, ward zum letzten Male krank.
[BM.01_001,02]
Er, der selbst noch als ein untergebener Priester des Himmels Freuden mit den
wunderlichsten Farben ausmalte – er, der sich gar oft völlig erschöpfte in der
Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reiche der Engel, daneben aber freilich
auch die Hölle und das leidige Fegefeuer nicht vergaß, hatte nun – als selbst
schon beinahe achtzigjähriger Greis – noch immer keinen Wunsch, von seinem oft
gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen; ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber
gewesen als ein zukünftiger Himmel mit allen seinen Wonnen und Seligkeiten.
[BM.01_001,03]
Daher denn unser erkrankter Bischof auch alles anwandte, um nur wieder irdisch
gesund zu werden. Die besten Ärzte mußten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner
Diözese mußten Kraftmessen gelesen werden; alle seine Schafe wurden
aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten und für ihn fromme Gelübde gegen
Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem
Krankengemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem vormittags drei Messen zur
Wiedergewinnung der Gesundheit mußten gelesen werden; nachmittags aber mußten
bei stets ausgesetztem Sanktissimum die drei frömmsten Mönche in einem fort das
Breviarium beten.
[BM.01_001,04]
Er selbst rief zu öfteren Malen aus: „O Herr, erbarme Dich meiner! Heilige
Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden
und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes! O verlasse
deinen getreuesten Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeder Not, du
einzige Stütze aller Leidenden!“
[BM.01_001,05]
Aber es half alles nichts; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus
dem er diesseits nicht mehr erwachte.
[BM.01_001,06]
Was auf Erden mit dem Leichnam eines Bischofs alles für ‚hochwichtige‘
Zeremonien geschehen, das wisset ihr, und wir brauchen uns dabei nicht länger
aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen, was
unser Mann dort beginnen wird!
[BM.01_001,07]
Seht, da sind wir schon – und seht, da liegt auch noch unser Mann auf seinem
Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele
nicht vom Leibe. Diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz
aufgenommen werden muß, bis die volle Löse vorgenommen werden kann.
[BM.01_001,08]
Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich
aufgenommen, und der Engel löst sie soeben vom Leibe mit den Worten: „Epheta“,
d.h. „Tue dich auf, du Seele; du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung zur
Löse durch das Reich der Würmer und des Moders. Amen.“
[BM.01_001,09]
Nun seht, schon erhebt sich unser Bischof, ganz wie er gelebt hatte, in seinem
vollen Bischofsornate und öffnet die Augen. Er schaut erstaunt um sich und
sieht außer sich niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die
Gegend ist nur in sehr mattem Lichte gleich einer ziemlich späten
Abenddämmerung, und der Boden gleicht dürrem Alpenmoose.
[BM.01_001,10]
Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Bescherung und spricht
nun zu sich: „Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch oder bin ich
gestorben? Denn ich war wohl sehr krank und es kann leicht möglich sein, daß
ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! – Ja, ja, um Gotteswillen,
es wird schon so sein! – O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr
meine drei mächtigsten Stützen: kommet und helft mir in das Reich der Himmel!“
[BM.01_001,11]
Er harrt eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die drei
kommen würden; aber sie kommen nicht.
[BM.01_001,12]
Er wiederholt den Ruf kräftiger und harrt; aber es kommt immer noch niemand!
[BM.01_001,13]
Noch kräftiger wird derselbe Ruf zum drittenmal wiederholt, – aber auch diesmal
vergeblich!
[BM.01_001,14]
Darob wird unserem Manne überaus bange. Er fängt an, etwas zu verzweifeln und
spricht in seiner stets verzweifelter werdenden Lage: „Oh, um Gotteswillen,
Herr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) – Was ist
denn das? Dreimal habe ich gerufen, – und umsonst!
[BM.01_001,15]
Bin ich denn verdammt? Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine
Gottstehunsbei!
[BM.01_001,16]
Hahahaaaaa (zitternd) – es ist wahrhaft schrecklich! – So allein! O Gott, wenn
jetzt so ein Gottstehunsbei herkäme, und ich – keinen Weihbrunn, dreimal
consekriert, kein Kruzifix, – was werde ich tun?!
[BM.01_001,17]
Und auf einen Bischof soll der Gottstehunsbei eine ganz besondere Passion
haben! – Oh, oh, oh (bebend vor Angst), das ist ja eine ganz verzweifelte
Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon Heulen und
Zähneklappern ein?
[BM.01_001,18]
Ich werde mein Bischofsgewand ablegen, da wird Gottstehunsbei mich nicht
erkennen! Aber damit hätte Gottstehunsbei vielleicht noch mehr Gewalt über
unsereinen?! – O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schreckliches Ding!
[BM.01_001,19]
Ja, wenn ich nur ganz tot wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben
dieses Lebendigsein nach dem Tode, das ist es! O Gott, steh mir bei!
[BM.01_001,20]
Was etwa geschähe, so ich mich weiterbegäbe? Nein, nein, ich bleibe! Denn was
hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung; welche Folgen aber nur ein
rätselhafter Tritt weiter vor- oder rückwärts hätte, das wird allein Gott
wissen! Daher will ich in Gottes Namen und im Namen der seligsten Jungfrau
Maria lieber bis auf den Jüngsten Tag hier verharren, als mich nur um ein
Haarbreit vor- oder rückwärts bewegen!“
2. Kapitel –
Bischof Martins Langeweile in seiner Vereinsamung und sein Sinnen auf
Abwechslung.
[BM.01_002,01]
Nachdem unser Mann die Zeit von einigen Stunden da mauerfest gestanden war und
sich dabei nichts ereignet und in seiner Nähe verändert hatte, ihm aber
entsprechend die Zeit (denn auch in der naturmäßigen Sphäre der Geisterwelt
gibt es eine Erscheinlichkeit gleich der irdischen Zeit) ganz verzweifelt lang
geworden war, fing er wieder an, mit sich zu phantasieren:
[BM.01_002,02]
„Sonderbar, nun stehe ich da wenigstens eine halbe Ewigkeit auf ein- und
demselben Fleck, und es bleibt alles völlig beim alten! Nichts rührt sich! kein
Moos, kein Haar auf meinem Haupte, auch mein Gewand nicht! Was wird da am Ende
herauskommen?
[BM.01_002,03]
Bin ich vielleicht gar dazu verdammt, ewig hier zu bleiben? – Ewig? Nein, nein,
das kann nicht sein, denn da wäre das schon eine Hölle! Und wäre das hier der
Fall, müßte ja auch schon die schreckliche Höllenuhr mit ihrem
allerschrecklichsten Pendel zu erschauen sein, der da bei jeder Schwingung den
Ruf tut: ,Immer!‘ – oh, erschrecklich! –, dann wieder: ,Nimmer!‘ – ooh, noch
erschrecklicher!
[BM.01_002,04]
Gott sei Dank, daß ich nur dies Schreckenszeichen der Ewigkeit nicht sehe! Oder
wird das erst nach dem Jüngsten Tage ersichtlich! Wird etwa schon bald das
Zeichen des Menschensohnes am Firmamente zum Vorscheine kommen? Wie viele
Millionen Jahre stehe ich denn schon hier? Wie lange werde ich etwa noch stehen
müssen, bis der erschrecklichste Jüngste Tag kommen wird?!
[BM.01_002,05]
Wahrlich kurios: Auf der Welt läßt sich nichts sehen, was da in Bälde auf den
Jüngsten Tag irgendeinen Bezug hätte; aber hier in der Geisterwelt sieht es
noch endlos stummer aus! Denn da werden tausend Jahre gleich einem völlig
stummen Augenblicke, und eine Million tut einen ebenso geringen Bescheid! Wenn
ich nicht so festen Glaubens wäre, möchte ich beinahe an dem einstigen
Eintreffen des Jüngsten Tages zu zweifeln anfangen, wie überhaupt an der
Echtheit des ganzen Evangeliums!
[BM.01_002,06]
Denn es ist doch kurios, alle die Propheten, die darin vorkommen, haben eine
frappante Einstimmigkeit mit den delphischen Orakelsprüchen! Man kann aus ihnen
machen, was man will: sie lassen sich mit einigen exegetischen Drehungen auf
alles anwenden und niemand kann dabei klar sagen: ,Auf dies alleinige Faktum
beziehen sie sich!‘ Kurz, sie passen im Grunde alle für den Steiß so gut wie
fürs Gesicht! – Und der Heilige Geist, der im Evangelium soll verborgen
stecken, muß gar ein seltenster Vogel sein, weil er sich seit den alten
Apostelzeiten nimmer irgendwo hat blicken lassen, außer im albernen Gehirn einiger
protestantisch-ketzerischer Schwärmer à la Tausendundeine Nacht!
[BM.01_002,07]
Ich habe zwar noch immer einen sehr festen Glauben, aber ob er unter diesen
Umständen noch länger fest bleiben wird, dafür könnte ich wahrlich nicht
gutstehen!
[BM.01_002,08]
Auch mit der in meiner Kirche überaus vielgepriesenen Maria, wie mit der ganzen
Heiligen Litanei scheint es seine sonderbaren Wege zu haben! Wäre irgend etwas
an der Maria, so hätte sie mich doch schon lange erhören müssen; denn von
meinem Absterben bis zum gegenwärtigen Augenblicke sind nach meinem peinlichen
Gefühl etwa ein paar Millionen Erdjahre verstrichen; von der Mutter Gottes, wie
von ihrem Sohne, noch von irgendeinem andern Heiligen ist aber auch nicht die
leiseste Spur zu entdecken. Das sind wahrlich Helfer in der Not, wie man sich
keine besseren wünschen könnte! – Sage zwei Millionen Jahre komplett – und von
allen keine Spur!
[BM.01_002,09]
Wenn ich nur keinen so festen Glauben hätte, da stünde ich schon lange nicht
mehr auf diesem überaus langweiligen Fleck; nur mein dümmster Glaube hält mich!
Aber lange wird er mich nicht mehr halten! Sollte ich etwa noch einige
Millionen Jahre länger hier hocken wie ein Buschklepper und nach Ablauf solch
einer schauderhaft langen Zeit ebensowenig erreichen wie bisher? Da wäre ich
ein Narr! Ist's denn nicht genug, daß ich auf der Erde einen Narren gespielt
habe für nichts und wieder nichts? Daher werde ich mit dieser fruchtlosen
Komödie hier bald ein Ende machen!
[BM.01_002,10]
Auf der Welt wurde ich für die Dummheit doch ehrlich bezahlt und es lohnte sich
dort, einen Narren zu machen; aber da an der Sache, wie nun meine
millionenjährige Erfahrung es zeigt, nichts ist, werde ich mich sehr bald von
all der Narrheit ganz gehorsamst empfehlen!“ –
[BM.01_002,11]
Seht, jetzt wird er bald diese Stelle verlassen, nachdem ihm der Engel die
etlichen Stunden seines Hierseins in ein Millionen Jahre dauerndes Gefühl
umgewandelt hatte. – Noch steht unser Mann mauerfest auf dem Punkte und schaut
etwas schüchtern umher, um sich gleichsam einen Weg auszusuchen, den er
fortwandeln möchte. Nun fixiert er gegen Abend einen Punkt, wo es ihm vorkommt,
als bewege sich dort etwas. Er wird darum auch sichtlich verlegen und spricht
wieder bei sich:
[BM.01_002,12]
„Was sehe ich denn dort in einiger Ferne nun zum erstenmal seit einigen
Millionen Jahren meines entsetzlich langweiligen Hierseins? Die Geschichte
verursacht mir eine große Bangigkeit, denn es kommt mir vor, als wäre das etwa
doch irgendeine leise Vorbereitung zu einem Gerichte!
[BM.01_002,13]
Soll ich's wagen, mich dahin zu begeben? Am Ende ist das mein Untergang für
ewig? Vielleicht aber doch auch eine endliche Erlösung?!
[BM.01_002,14]
Nun ist schon alles ein Gottstehunsbei; denn wer wie ich Millionen von
Erdenjahren auf einen Punkt gebannt zugebracht hat, dem ist es schon völlig
einerlei, was da noch weiter mit ihm geschehen dürfte! Was Ärgeres wohl kann
einem ehrlichen Menschen noch obendarauf geschehen, als über alle Bildsäulen
hinaus dauernd Millionen Jahre – im echten Sinne des Wortes auf einen Punkt
gebannt – so ganz eigentlich verdammt zu sein?!
[BM.01_002,15]
Daher, wie die Bergleute auf der Erde sagen, wenn sie in einen Stollen fahren,
sage ich nun auch: Glück auf! Hol's der Kuckuck; ich probier' es einmal! Mehr
als ewig tot werden kann ich nicht! Und wahrlich, das könnte mir nur höchst
erwünscht sein; denn so ein Leben fortleben, wie nun dies meinige – Millionen
Jahre auf einem Flecke! – kein Fixstern würde es aushalten! Da ist ein ewiges
Nichtsein ja ein endloser Gewinn dagegen!
[BM.01_002,16]
Daher keinen Augenblick mehr gezaudert! Geht's wohin's will! Es ist nun ein –
nein, das sag' ich doch noch nicht gerade heraus; denn hier ist noch eine
starke Terra incognita für mich! Daher nur bescheiden, solange man nicht weiß,
worauf so ganz eigentlich die Füße stehen!
[BM.01_002,17]
Die Geschichte dort rührt sich immer mehr; es ist wie ein Bäumchen, das vom
Winde beunruhigt wird! – Nur Mut, meine des Gehens freilich schon überlange
entwöhnten Füße! Wir wollen einmal sehen, ob es sich mit dem Gehen noch tun
wird!
[BM.01_002,18]
Zwar hab' ich auf der Welt einmal gehört – soviel ich mich entsinnen kann –,
ein Geist dürfte eigentlich nur denken, so wäre er auch schon dort, wo er sein
wollte. Aber eben mit der Geisterschaft meiner Person scheint es seine krummen
Wege zu haben! Denn ich besitze Füße, Hände, Kopf, Augen, Nase, Mund – kurz
alles, was ich auf der Erde gehabt habe, – Magen auch; aber der hat schon lange
einen wahren Kardinalfasttag! Denn gäbe es um mich her nicht ein reichliches
Moos mit viel Tau darauf, wäre ich wohl schon lange zu einem Atom
eingeschrumpft! Vielleicht gibt es dort auch für den Magen irgend etwas
Besseres?!
[BM.01_002,19]
Noch einmal: Glück auf! Eine Veränderung, wenn sonst nichts; diese kann auf
keinen Fall schlechter sein als mein jetziger Zustand. Denn wer Millionen Jahre
auf einem Flecke steht, der wird sich doch etwa mit einem wahren
Millionzustande rühmen können?! – Also, in Gott's Namen!“
3. Kapitel –
Bischof Martin in Gesellschaft eines scheinbaren Kollegen. Die guten Vorschläge
des Führers.
[BM.01_003,01]
Seht, nun setzt unser Mann seine Füße in Bewegung und geht behutsam und
prüfenden Schrittes seinem sich stets mehr bewegenden Gegenstande zu!
[BM.01_003,02]
Nach wenigen Schritten auch schon ganz wohlbehalten dort, staunt er nicht
wenig, unter dem Baume auch einen Mann seinesgleichen zu finden, nämlich auch
einen Bischof in optima forma, – freilich nur der Erscheinlichkeit nach; denn
in Wirklichkeit ist das der Engel, der stets unsichtbar unserem Manne zur Seite
war. Der Engel selbst aber ist der selige Geist Petri.
[BM.01_003,03]
Höret nun, wie unser Mann seinen vermeintlichen Kollegen anredet und sich
weiterhin mit ihm bespricht! So beginnt er:
[BM.01_003,04]
„Seh ich recht oder ist es bloß ein Augentrug? Ein Kollege, ein Mitarbeiter im
Weinberge des Herrn?! Welch eine endlose Freude, nach Millionen Jahren endlich
wieder einmal einen Menschen, und einen Kollegen noch dazu, in dieser Wüste
aller Wüsten zu finden!
[BM.01_003,05]
Ich grüße dich, lieber Bruder! Sage, wie bist denn du hierher gekommen? Hast du
etwa auch schon mein Alter in dieser schönen Geisterwelt erreicht? Weißt, so
zirka fünf Millionen Jahre auf einem und demselben Flecke, – fünf Millionen
Jahre!“
[BM.01_003,06]
Der Engel als vermeintlicher Bischofskollege spricht: „Ich bin fürs erste dir
ein Bruder im Herrn und natürlich auch ein alter Arbeiter in Seinem Weinberge.
Was aber mein Alter betrifft, da bin ich der Zeit und dem Wirken nach älter,
aber der Einbildung nach viel jünger als du.
[BM.01_003,07]
Denn siehe, fünf Millionen Jahre der Erde sind ein ganz respektabler Zeitraum
für einen geschaffenen Geist, – obschon vor Gott kaum etwas, indem Sein Sein
weder durch die Zeitenfolge noch durch Raumesausdehnungen bemessen wird,
sondern in allem ewig und unendlich ist!
[BM.01_003,08]
Du bist daher in einer großen Irre als Neuling in der endlosen Welt der
Geister. Denn wärest du fünf Millionen Jahre hier, dann hättest du schon lange
ein anderes Kleid, indem in dieser Zeit der Erde Berge schon lange werden
geebnet und ihre Täler ausgefüllt, ihre Meere, Seen, Flüsse und Moräste
ausgetrocknet sein. Und auf der Erde wird auch eine ganz neue Schöpfung
bestehen, von der nun noch nicht einmal der leiseste Keim in die Furchen gelegt
ist!
[BM.01_003,09]
Auf daß du, lieber Bruder, es aber selbst merkst, daß dein vermeintliches Alter
bloß eine in dir selbst hervorgelockte Phantasie ist, als Entwicklung
zugelassen aus dir selbst entstammte nach deinen eigenen Begriffen von Zeit und
Raum, die bei dir stark mit der Hölle eingesalzen sind – so siehe dich um und
du wirst noch deinen erst vor drei Stunden abgeschiedenen Leichnam entdecken!“
[BM.01_003,10]
Seht, unser Mann kehrt sich nun schnell nach rückwärts und entdeckt wirklich
seinen Leichnam noch auf dem dazu in der Domkirche eigens errichteten
Paradebette, darum eine zahllose Menge Kerzen und eine noch größere Menge
müßiger und neugieriger Menschen, die dasselbe umstehen. – Als er solchen
Schauspiels ansichtig ward, da wurde er sehr ärgerlich und sprach:
[BM.01_003,11]
(Der Bischof:) „Liebster Bruder, was soll ich da tun? Ach, welch ein gräßlicher
Unsinn! Mir werden vor der entsetzlichsten Langeweile Minuten zu Ewigkeiten,
und doch bin ich es ja, der diesen Leib bewohnt hat! Ich weiß mir vor Hunger
und Lichtmangel kaum zu helfen, und diese Narren vergöttern meinen Fleischrock!
Hätte ich nun als Geist denn nicht Kraft dazu, diesen Plunder klein zu
zerreißen und wie Spreu untereinander zu werfen? – O ihr dummen Gottstehunsbei!
Was wollt ihr denn hier dem stinkenden Dreck für eine Wohltat erweisen?!“
[BM.01_003,12]
Der Engel spricht: „Kehre dich wieder zu mir und ärgere dich nicht; tatest du
doch dasselbe, als du noch der äußeren Naturwelt angehörtest! Lassen wir das
Tote den Toten begraben; du aber wende dich von all dem ab und folge mir, so
wirst du zum Leben gelangen!“
[BM.01_003,13]
Der Bischof fragt: „Wohin aber soll ich dir folgen? Bist du etwa gar mein
Namenspatron, der hl. Bonifazius, daß du dich nun so sehr um mein Heil zu
kümmern scheinst?“
[BM.01_003,14]
Spricht der Engel: „Ich sage in des Herrn Jesu Namen: du sollst mir zu Jesus
folgen! Der ist der rechte Bonifazius aller Menschen; aber mit deinem
Bonifazius ist es nichts, und ich bin es schon ganz und gar nicht, wofür du
mich anzusehen scheinst, – sondern ein ganz anderer!
[BM.01_003,15]
Folge mir aber, d.h. tue, was ich dir nun sagen werde, so wirst du fürs erste
alles fassen, was dir bis jetzt begegnet ist, und wie, durch was und warum.
Fürs zweite wirst du dich sogleich auf einem besseren Grunde befinden; und
endlich fürs dritte wirst du eben daselbst den Herrn quo-ad personam
kennenlernen, durch Ihn den Weg in die Himmel, und danebenher auch mich, deinen
Bruder!“
[BM.01_003,16]
Spricht der Bischof: „Rede, rede, ich möchte schon lieber fliegen als gehen von
diesem langweiligsten Orte!“
[BM.01_003,17]
Spricht der Engel: „So höre! Lege sogleich dein lächerliches Gewand ab und
ziehe da diesen gemeinen Bauernrock an!“
[BM.01_003,18]
Spricht der Bischof: „Nur her damit; hier vertausche ich dies langweilige Kleid
gerne mit dem gemeinsten Fetzen!“
[BM.01_003,19]
Spricht weiter der Engel: „Gut – sieh, schon bist du im Bauernrocke; nun folge
mir!“
4. Kapitel –
Bischof Martins Ärgernis an dem lutherischen Tempel und des Engels Entgegnung.
Martins Bereitschaft zum Dienst als Schafhirte.
[BM.01_004,01]
Sie gehen nun weiter, mehr gegen Mittag gewendet, und kommen zu einem ganz
gewöhnlichen Bauernhof, vor dem ein leicht erkennbarer kleiner lutherischer
Tempel steht. Als der Bischof dieses größten Dornes in seinen Augen ansichtig
wird, bleibt er stehen, um ein Kreuz ums andere über seine stark kahle Stirne
zu schlagen und sich an die Brust mit geballter Faust unter steter Begleitung
des Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa zu schlagen.
[BM.01_004,02]
Der Engel aber fragt ihn: „Bruder, was hast du denn? Stört dich etwas hier?
Warum gehst du denn nicht weiter?“
[BM.01_004,03]
Der Bischof spricht: „Siehst du denn den lutherischen Tempel nicht, der des
leibhaftigen Gottstehunsbei ist? Wie kann da ein Christ sich einem so verfl...
– oh, will's nicht sagen – Orte nahen?
[BM.01_004,04]
Oder bist du etwa selbst der verkleidete Gottstehunsbei?! – – Oooooh – wenn du
das – bist, so ver – laß mich, o du abscheulichster – Gottstehunsbei!“
[BM.01_004,05]
Spricht der Engel: „Möchtest du noch einmal die Tour von deinen 5-10 Millionen
Jahren auf einem noch finstereren und magereren Orte des Geisterreichs
zubringen? So dir solches lieber ist, sage es nur rund heraus; sieh, hier ist
dein altes Bischofsgewand schon in Bereitschaft! Diesmal aber wirst du wohl
zehnmal so lange zu harren haben, bis dir jemand zu Hilfe kommen wird!
[BM.01_004,06]
Siehst du mich denn nicht noch in deinem Bischofsgewande einhergehen? Ihr aber
habt ja eine Meinung und sagt: der Teufel könne sich wohl bis zu einem Engel
des Lichtes verstellen, aber die vom Heiligen Geiste durchdrungene Gestalt
eines Bischofs wäre ihm unmöglich nachzuahmen! Willst du deine Meinung nicht
selbst verdammen, wie magst du mich denn für einen Teufel halten? (der Bischof
sinkt fast zusammen, schlägt ein großes Kreuz und spricht: ,Gott steh uns
bei!‘)
[BM.01_004,07]
Verdammst du aber deine dogmatische Meinung, die aus der Unüberwindbarkeit des
Felsen Petri durch die Pforten der Hölle herrührt, da hebst du damit ja ganz
Rom auf. Und ich begreife dann nicht, wie dich als einen offenbaren Gegner Roms
dies Häuschen genieren kann, das du für einen evangelischen Tempel hältst?!
Siehst du denn nicht ein, daß da in deinem ganzen nunmaligen Benehmen auch
nicht die leiseste Spur einer moralischen und noch weniger religiösen Konsequenz
vorhanden ist?“
[BM.01_004,08]
Spricht der Bischof: „Du hast freilich verzweifelt stark recht, wenn man die
Sache beim Lichte betrachtet. Aber so du wirklich ein Bischof bist, so wird dir
ja von Rom aus auch bekannt sein, daß da jeder Rechtgläubige allen seinen
Verstand unter den Gehorsam des blinden, unbedingten Glaubens gefangennehmen
muß! Wo aber der Verstand mit den schwersten Fesseln belegt ist, wo wohl sollte
da bei unsereinem eine Konsequenz im Denken und Handeln herauswachsen?!
[BM.01_004,09]
Bei uns heißt es: ,Der Mensch hüte sich vor allem, in den Geist der Religion
einzudringen; er wisse nichts, sondern glaube alles blind und fest! Es ist dem
Menschen heilsamer, als ein Dummkopf in den Himmel, denn als ein Aufgeklärter
in die Hölle zu kommen! Man fürchte Gott der Hölle und liebe Ihn des Himmels
wegen!‘ Wenn aber das der Grund unserer Lehre ist, wie willst du von mir denn
eine Konsequenz haben?“
[BM.01_004,10]
Spricht der Engel: „Leider ist mir nur zu bekannt, wie es mit der Lehre Babels
steht, und wie sie dem Evangelium schnurstracks entgegen ist, allda es
ausdrücklich heißt: ,Verdammet nicht, auf daß ihr nicht verdammet werdet; und
richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!‘ Ihr aber verdammet und
richtet allzeit jedermann, der sich nicht unter euer Babelszepter schmiegt!
[BM.01_004,11]
Sage: Seid ihr da wohl Christi, so ihr doch nicht im geringsten Seiner
allersanftesten Lehre seid? Ist in Christi Lehre nicht die größte,
allererhabenste Ordnung und Konsequenz wie in der ganzen Schöpfung? Weht nicht
die Fülle des Heiligen Geistes aus jeglichem Worte des Evangeliums? Seid ihr
aber im Wort und Werk nicht allzeit gegen den Heiligen Geist gewesen, da ihr
absichtlich allzeit der reinsten Lehre entgegengehandelt habt, die voll ist des
Heiligen Geistes, indem dieser erst die zuvor vom Herrn verkündigte Lehre für
ewig bleibend den Aposteln und Jüngern wiedergab?!
[BM.01_004,12]
Du siehst daraus, auf welch verdammlichem Grunde du stehst, wie ganz reif für
die Hölle! Aber der Herr will dir Gnade für Recht ergehen lassen; darum
beschickt Er mich zu dir, auf daß ich dich erretten solle aus deiner alten
babylonischen Gefangenschaft!
[BM.01_004,13]
Aus dem Grunde will es der Herr, daß du dich vor allem mit deinem stärksten
Augendorne vergleichen und aussöhnen sollst, so du je auf den Himmel einen
Gnadenanspruch nehmen willst. Möchtest du aber bei deiner Babelslehre
verharren, so wirst du dich selbst zur Hölle treiben, aus der dich schwerlich
je ein Freund Jesu des Herrn herausholen wird!“
[BM.01_004,14] Spricht
der Bischof: „Ja, ja, liebster Freund, es fängt an, zum erstenmal etwas von
einer Konsequenz in mir emporzutauchen! Daher habe nur Geduld mit mir; ich will
ja in Gottesnamen schon tun, was du willst! Aber nur von der schrecklichsten
Hölle rede mir nichts mehr – und führe mich nur weiter!“
[BM.01_004,15]
Spricht der Engel: „Wir sind vorderhand schon am Ziel. Siehe, eben hier bei
diesem lutherischen Landmann und Bischofe zugleich, der ich selbst es bin,
wirst du einen Dienst als Schafhirte bekommen; die treue Verwaltung dieses
Amtes wird dir Brot und ein allmähliches Emporkommen bewirken! Wirst du aber
dabei mürrisch und richterisch zu Werke gehen, so wirst du dir sehr schaden und
wirst dir schmälern Brot und Emporkommen! Willst du aber ein getreuer Diener
sein, so denke nicht mehr an dein irdisch Sein zurück, sondern vielmehr, daß du
hier wieder von unten an mußt zu dienen anfangen, so du es vorwärtsbringen
willst!
[BM.01_004,16]
Aber das merke dir übergut: Vorwärtsgehen heißt hier zurück treten und der
Letzte und Geringste sein wollen. Denn niemand kommt eher zum Herrn, als bis er
sich unter seine kleinste Zehe durch und durch in allem und jedem gedemütigt
hat. – Nun weißt du für diese deine Lage alles; darum folge mir in dies Haus
guten Herzens! Dein Wille!“
[BM.01_004,17]
Der Bischof folgt ihm nun ohne Einrede, denn er sieht, daß sein Führer es mit
ihm unmöglich übel meinen kann.
5. Kapitel – In
der Hütte des Engels Petrus. Ein Lichtwort des Engels über Luther. Martins
Anstellung als Schafhirte im Jenseits.
[BM.01_005,01]
Als beide in das Haus kamen, das sehr einfach und fürs Nötigste eingerichtet
war, erschaute unser Bischof auf einem kleinen dreieckigen Tisch die
lutherische Bibel des Alten und Neuen Testaments und ward darob sichtlich
verlegen.
[BM.01_005,02]
Solches aber merkte sogleich der Engel Petrus und sprach zu ihm: „Was wohl hat
je Luther dir getan, daß du ob der großen Verachtung dieses Mannes auch seine
möglichst getreue Bibelübersetzung, in der nichts als das reine Wort Gottes
enthalten ist, mit verachtest?
[BM.01_005,03]
Siehe, war Luther auch nicht in der Fülle ein Mann, von dem sich mit vollstem
Rechte sagen ließe: ,Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes!‘, so war er aber
dennoch um überaus vieles besser als gar überaus viele aus deiner Kirche, die
wollen die allein rechten und allervollkommensten sein, sind im Grunde aber
dennoch die unvollkommensten und allerletzten! Er aber allein hatte inmitten der
krassesten Babelsnacht den löblichen Mut, der Menschheit das reine Wort Gottes
wiederzubringen und diese dadurch auf den rechten Weg des Herrn zu führen!
[BM.01_005,04]
Waren auf diesem Wege wohl auch einige Dunkelheiten anzutreffen – was
natürliche Folgen des noch zu nahen Babels (Rom) waren –, so war dennoch seine
Lehre nach dem reinen Worte des Herrn gegenüber der alten Irrlehre Roms gleich
einer Mittagssonne gegen ein allermattestes Sumpflicht in stockfinsterer Nacht!
[BM.01_005,05]
Wenn Luther aber solches im Namen des Herrn gewirkt hat, sage, welchen Grund
hast du dann wohl, diesen würdigen Mann so zu verschmähen und zu verachten?“
[BM.01_005,06]
Spricht der Bischof: „Ich verachte ihn gerade nicht; aber du weißt es, so man
lange der Sklave einer Partei war, hat man mit der Zeit einen künstlichen Haß
gegen den in sich herangebildet, den seine Partei bei tausend Gelegenheiten
verflucht und verdammt hat! Das ist denn auch bei mir der Fall. Ich hoffe aber
zu Gott und erwarte von Ihm, daß Er mir helfen wird, alle meine von der Erde
hierher gebrachten Torheiten von A bis Z abzulegen. Daher stoße dich nicht an
mir, es wird mit mir hoffentlich schon noch besser werden!“
[BM.01_005,07]
Spricht der Engel Petrus: „O Bruder, ermahne nicht mich, sondern nur dich zur
Geduld! Denn du weißt es noch nicht, was dir alles begegnen wird; ich aber weiß
es und muß daher so mit dir handeln, daß du in der Wahrheit gestärkt werdest,
jenen Versuchungen kräftig zu begegnen, die dir tausendfach auf dem Wege zum
Herrn vorkommen werden.
[BM.01_005,08]
Da siehe zum Fenster hinaus! Siehst du dort die vielen tausend Schafe und
Lämmer, wie sie mutig durcheinanderrennen und springen?
[BM.01_005,09]
Hier aber ist ein Buch, in dem ihre Namen verzeichnet sind; nimm es zu dir und
rufe sie alle beim Namen daraus! So sie in deinem Rufe eines rechten Hirten
Stimme erkennen werden, werden sie eiligst zu dir kommen. Erkennen sie aber in
dir eines Mietlings Stimme, dann werden sie sich zerstreuen und werden dich
fliehen. Wenn aber solches geschieht, da murre nicht, sondern erkenne, daß du
ein Mietling bist; und es wird dann ein anderer Hirte zu dir kommen und wird
dich lehren, wie Schafe und Lämmer zu hüten und wie zu rufen sind!
[BM.01_005,10]
Nun aber nimm dies Verzeichnis; gehe hinaus und tue, wie ich dir's nun geraten
habe!“
6. Kapitel –
Bischof Martins angenehme, aber gefährliche Überraschung im neuen Dienst. Die
Schafherde – eine Menge schöner Mädchen!
[BM.01_006,01]
Unser Mann geht in seiner Bauernkleidung mit einem ziemlich dicken Buche unter
dem Arm hinaus, wo ihm die Herde gezeigt wurde, die sich in der (geistigen)
Entfernung der Erscheinlichkeit nach wirklich als Schafe und Lämmer ausnahm. In
der geistigen Nähe aber bestand sie aus lauter frommen und sanftmütigen
Menschen, zumeist aus weiblichen Seelen, die auf der Welt so recht kreuzfromm
gelebt hatten, aber dabei auf die römische Geistlichkeit doch bei weitem
größere Stücke hielten denn auf Mich, den Herrn, da sie Mich nicht kannten und
jetzt auch noch nicht erkennen – daher sie denn in einiger geistigen Ferne sich
noch jetzt als Tiere sanftester Art ausnehmen.
[BM.01_006,02]
Als nun unser Mann hinauskam, so recht wohlgemut wie einer, der nach langer
Praxis zum erstenmal in ein besoldetes Amt eingesetzt wird, ließ er sich auf
einen bemoosten Stein nieder und sah umher, wo die Schafe und die Lämmer wären.
Aber er entdeckte nun nichts mehr von diesen nützlichen Haustieren, sondern
eine große Menge allerschönster und zartester Mädchen, die auf einem
weitgedehnten Wiesenteppiche munter umherhüpfend Blumen sammelten und daraus
die schönsten Kränze und Kränzchen flochten.
[BM.01_006,03]
Als unser Mann solches merkte, da sagte er zu sich selbst: „Hm, das ist
sonderbar! Es ist doch derselbe Platz, dieselbe Wiese, auf der ich ehedem eine
beinahe zahllose Menge von Schafen und Lämmern entdeckte. Nun ist die Herde wie
weggeblasen und an ihrer Statt tausend der allerliebsten Mädchen, von denen die
eine schöner ist als die andere! Aufrichtig gesagt, wenn diese ganze Geschichte
nicht irgendeine verfängliche Lumperei ist, so wäre mir diese Herde freilich
wohl unglaublich lieber; aber man darf hier im Ernste seinen Sinnen nicht
trauen, denn – kehr' die Hand um, und es ist alles ganz anders!
[BM.01_006,04] O
weh, o weh, jetzt kommen sie alle auf mich zu, ohne daß ich sie verlesen habe!
Na, ist auch recht; da werde ich diese lieben Kinder doch in der Nähe so recht
nach Herzenslust betrachten können, und – oh, oh! – vielleicht kann ich hier
etwa gar eine oder die andere umarmen? Da wäre es wahrlich gar nicht so übel,
in alle Ewigkeit hier ein Hirte einer so herrlich verwandelten Schafherde zu
sein! Wirklich nicht übel, nicht übel! –
[BM.01_006,05]
Sie kommen näher; und je näher, desto herrlicher sehen sie aus! Die eine dort
in der Mitte voran – oh, oh, ist die aber schön! – O Kraft meiner Moral, jetzt
verlaß mich nicht, sonst bin ich verlesen! Es ist nur gut, daß hier das dumme
Zölibat keine Geltung mehr hat, sonst könnte unsereiner hier auf die leichteste
Art zu einem Todsünder werden!
[BM.01_006,06]
Ich soll sie wohl aus dem Buche beim Namen rufen, aber das werde ich nun fein
bleiben lassen; denn dann würden sie offenbar davonrennen und sich nimmer
blicken lassen! Daher nur schön ruhig, du mein dickes Namensbüchlein; vor
dieser Herde sollst du so hübsch verschlossen bleiben!
[BM.01_006,07]
Sie kommen näher und näher, und – nur stille jetzt, noch zehn Schritte und sie
sind da; ja, da ganz bei mir werden die lieben Engerln sein! – O ihr lieben,
lieblichen Engerln!“
[BM.01_006,08]
Seht, nun sind die „lieben Engerln“ schon bei unserem Mann, umringen ihn und
fragen ihn, was er hier zu machen habe?
7. Kapitel –
Bischof Martins Versuchung und seine Belehrung durch den Engel Petrus.
[BM.01_007,01]
Unser Mann, ganz weg vor lauter Anmut und Liebe, antwortet mit bebender Stimme:
„O ihr – himm–lischen Engerln, oh, oh, oh, ihr lieben, lieben Engerln! – Oh,
ohooooh, ihr allerliebsten Engerlein Gottes! – Ich – soll – euer – Hirte sein;
aber ihr aller-, allerliebsten Engerlein, ihr seht es ja, daß ich dazu viel zu
dumm bin!“
[BM.01_007,02]
Die Schönste dieser Herde setzt sich recht kindlich zutraulich knapp neben
unserem Mann zuerst nieder und die andern folgen ihrem Beispiele. Eben diese
Allerschönste sagt darauf zu unserm Hirten: „O du lieber Mann, du bist zu
bescheiden; denn ich finde dich sehr schön, und wärst du zu bewegen, so wäre
ich überglücklich, ewig die Deine zu sein! Sieh mich an; gefalle ich dir denn
nicht?“
[BM.01_007,03]
Unser Mann bringt aus lauter Verliebtheit nichts als sein nun stark zitterndes
und nimmer endenwollendes Ooooooooh heraus; denn der überschöne, goldblond
gelockte Kopf, die freundlichsten großen, blauen Augen, der Rosenmund, der
ätherisch wallende volle Busen, die schönsten, runden Hände, wie die noch
ätherischeren Füße bringen unsern Mann beinahe von Sinnen.
[BM.01_007,04]
Das Engerl sieht des Hirten große Liebesaufregung, beugt sich über ihn und gibt
ihm einen Kuß auf die Stirne.
[BM.01_007,05]
Bis dahin hatte sich unser Mann noch so ziemlich tapfer gehalten; nun aber war
es rein aus! Er wurde durch und durch erregt; umschlang diese Schönste nach
Kräften und brach endlich in einen Strom von Liebesbeteuerungen aus.
[BM.01_007,06]
Als er aber so in sein Dulcissimum kam, verwandelte sich plötzlich die ganze
Szene. Die lieben Engerln verschwanden und der Engel Petrus stand bei unserm
Manne und sprach:
[BM.01_007,07]
„Aber Bruder, wie weidest denn du deine Schafe? Habe ich dir solchen Rat
erteilt? Ja, wenn du so mit den dir anvertrauten Schafen und Lämmern umgehst,
dann wirst du wohl überlange nicht zum ewigen Lebensziele gelangen! Warum hast
du denn das Buch nicht gebraucht?“
[BM.01_007,08]
Spricht der Bischof: „Warum aber hast du mir auch nicht gesagt, daß diese von
deinem Hause aus gesehenen Schafe und Lämmer eigentlich nur die allerschönsten
und reizendsten Mädchen sind, bei denen nur ein Stein gleichgültig bleiben
könnte?! Du siehst, daß ich da eigentlich nur gefoppt war, und so wirst du aus
solcher Fopperei ja doch kein schrecklich Wesen machen?“
[BM.01_007,09]
Spricht der Engel: „Wie sieht es denn nun mit deinem Zölibat aus? Hast du nun
dieses nicht gebrochen und das Gelübde der ewigen Keuschheit?“
[BM.01_007,10]
Spricht der Bischof: „Ach, was Zölibat, was Gelübde! Bin ich doch jetzt ganz
mit Haut und Haar auf lutherischem Boden; der hebt beides auf! Und überhaupt:
einem solchen Engel, wie dies Mädchen da war, hätte ich auch auf der Welt mit
dem ganzen Zölibate ein Opfer gebracht und wäre ihr zuliebe augenblicklich ein
Lutheraner geworden! Aber wohin sind denn nun diese herrlichen Mädchen
verschwunden, besonders die eine? Oh, wenn ich nur diese noch einmal sehen
könnte!“
[BM.01_007,11]
Spricht der Engel: „Freund, du wirst sie nun recht bald wiedersehen, samt ihrer
Begleitung; aber dann darfst du sie nicht sprechen und noch weniger dich ihr
nahen! Wenn sie dir aber nachsetzen will, dann hebe deine Hand auf und sage:
,Kehre im Namen des Herrn zurück zur rechten Ordnung und versuche mich nicht,
sondern folge der Stimme der Ordnung!‘
[BM.01_007,12]
Sollte sich die Herde nicht daran kehren, da schlage das Buch auf und lies die
Namen, die darinnen stehen, so wird die Herde sich entweder plötzlich
zerstreuen oder – so sie in dir einen Ton gewahren wird, der aus des Herrn
Kraft in dir entstammt – so wird sie dir folgen. Du aber wirst sie dann führen
auf jenen Berg dort gegen Mittag, wo ich dir schon wieder entgegenkommen werde!
[BM.01_007,13]
Was aber jetzt geschah, das opfere in deinem Herzen dem Herrn Jesus auf; denn
Er ließ es zu, daß du fielst und im Falle dein hartnäckiges Zölibat von dir
warfst!
[BM.01_007,14]
Nun aber falle nicht mehr; denn ein wiederholter ähnlicher Fall würde dich in
einen solchen Schaden versetzen, daran du im Ernste Hunderte von Erdenjahren zu
nagen hättest, bis du ihn von dir brächtest! Daher sei nun vorsichtig und klug!
Denn wirst du einmal lauter sein, dann werden zahllose und noch endlos größere
Schönheiten im Reiche Gottes dir entgegenkommen; aber vorher mußt du alle deine
irdischen Torheiten ablegen aus der Wurzel!
[BM.01_007,15]
Nun verharre hier und tue nach diesem meinem Rate, so wirst du für die Folge
einen angenehmen Weg haben im Namen des Herrn!“
[BM.01_007,16]
Nach diesen Worten verschwindet der Engel Petrus plötzlich, damit der Bischof
nun keine Gelegenheit haben solle, noch irgend einige burleske Bemerkungen zu
machen und in manchem dem Engel zu widersprechen!
8. Kapitel –
Bischof Martins kritisches Selbstgespräch und Sündenbekenntnis.
[BM.01_008,01]
Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst
folgenden Monolog zu führen an:
[BM.01_008,02]
(Bischof Martin:) „Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer
das; wenn man ihn am nötigsten brauchte, verschwindet er und ist nun Gott weiß
wo! – Nur wenn man irgend gefehlt hätte, da ist er im Nu da – eine Eigenschaft,
die ich am allerwenigsten leiden kann! Entweder bei einem bleiben und ihn
führen auf solch unsicheren Wegen, wie diese geisterweltischen da sind, oder – er
soll sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon
irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!
[BM.01_008,03]
Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er sichtbar bei mir, sonst ist
seine Führerschaft überhaupt nichts wert! Na warte, du lutherischer
Versteckpatron von einem Führer, – du sollst an mir einen Knochen zu nagen
bekommen, daß dir alle deine Geduld vergeht! Was kann mir denn noch mehr
geschehen? Lutheraner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle reif –
vielleicht, ohne daß ich's merke, schon darinnen?!
[BM.01_008,04]
Daher laß die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen! Ich werde ihnen
zwar kein Wolf im Schafskleide sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es
keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! – Meine Hand werde ich nimmer gegen
sie erheben und sie auch aus diesem Buche nicht verlesen, auf daß sie nicht
mehr fliehen sollen von mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit
vergessen mit einer oder der andern; aber von der Handaufhebung und vom
Verlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein! Und kommt er dann etwa wie
aus einem Schlupfwinkel zum Vorscheine, da soll er sehen, wie ein Bischof von
der Erde reden kann, so er es will! –
[BM.01_008,05]
Wo etwa nur die lieben Engerln so lange bleiben? Bis jetzt ist noch keine Spur
von ihnen irgendwo zu entdecken. Ich merke aber nun auch an mir, daß ich nun
viel mutiger und kecker geworden bin! Daher nur her mit euch, ihr lieben
Engerln, ihr sollet an mir nun schon den rechten Mann finden – keinen Feigling
mehr, sondern einen Helden, und was für einen Helden!
[BM.01_008,06]
Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit
mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgendwo zu entdecken! Was
soll denn das sein? Hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt
für alle ewige Zeiten? Die Geschichte riecht hübsch stark darnach! Mir kommt
schon wieder vor, als wenn so einige Dutzend Jahre verstrichen wären, seit er
mich verließ. Es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?
[BM.01_008,07]
Es ist dies Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben! Man steht da wirklich
wie ein Ochse am Berge: Alles ist so dunstig; kein rechtes Licht! Alles ist das
nicht, als was es sich zeigt! Der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume
Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als er zu
sein scheint! Auch die lieben Engerln: Gott weiß, wo und was sie so ganz
eigentlich sind? Wahrscheinlich – nichts! Denn wären sie etwas, so müßten sie
schon da sein! Ja, ja, es ist alles nichts, was da ist! Mein Führer auch; sonst
könnte er doch unmöglich so schnell ins reinste Nichts verschwinden!
[BM.01_008,08]
Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich. Da hat es mir auch
oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Verwandlungen. Was waren
sie aber? Nichts als Bilder, ausgeprägt von der phantastischen Einbildungskraft
der Seele! Ebenso ist nun auch dieses Leben nichts als ein eitler, leerer,
höchstwahrscheinlich ewiger Traum! Bloß diese meine Erwägungen scheinen
wirklich von Gehalt zu sein; alles andere aber ist nichts als ein elendes
Phantasiestück der Seele! Nun warte ich schon sicher bei 200 Jahre hier auf die
Lämmer und Schafe, aber es ist keine Spur von ihnen zu entdecken!
[BM.01_008,09]
Was mich aber dennoch wundert: daß in dieser Phantasiewelt dies Buch, diese
meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel
so ganz unverändert ihre Gestalt behalten? Diese Geschichte ist allerdings
etwas spaßig. Etwas scheint an der Sache doch zu sein, aber wieviel, das ist
eine andere Frage!
[BM.01_008,10]
Oder sollte etwa doch nicht recht sein, daß ich gleich anfangs nicht gewillt
war, seiner Lehre fest Folge zu leisten?! So er aber ein rechter Führer ist,
hätte er mir's denn nicht gleich verweisen können, anstatt sich sogleich mir
und dir nichts aus dem Staube zu machen! Hat er denn nicht gesagt, daß ich, so
ich noch einmal fiele, dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernste
mehrere Hunderte von Erdenjahren werde zu lecken haben? Bin ich denn aber
wirklich schon gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber
im Werke unmöglich, weil die gewissen Engerln gar nicht zum Vorschein gekommen
sind!
[BM.01_008,11]
Vielleicht aber sind diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken und
solchen Willen hatte? Das könnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche
Gedanken loswerden könnte! Warum mußten sie auch gar so entsetzlich schön und
reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt! Jetzt heißt's denn
warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden – und der Wille mit ihnen!
[BM.01_008,12]
Das seh ich aber schon ein nun: Wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist,
so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkte
war ich auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma! Ja, wenn ich da so
eine recht üppige Dirne sah, so ging's mir – – – taceas! Wie viele habe ich – –
taceas de rebus praeteritis! – schöne junge Nonnen! Oh, das waren selige
Zeiten, – aber nun taceas!
[BM.01_008,13]
Wie strenge war ich im Beichtstuhle gegen die Beichtkinder, und wie lau gegen
mich! Leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott hat Kraft, der
Macht der Natur zu widerstehen?
[BM.01_008,14]
Wenn das saudumme Zölibat nicht wäre und ein Bischof der Mann eines
ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich
verlangte, da hätte man mit dem Fleische doch sicher einen leichteren Kampf.
Aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor der Segnung des
Erkenntnisbaumes mit der verführerischen Eva in einem gewissen – Paradiese und
kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!
[BM.01_008,15] O
große Lumperei! Es ist nun einmal so, wer kann's ändern? Der Schöpfer allein,
so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch – besonders aus meinem
Gelichter! – schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes
Vieh!
[BM.01_008,16]
Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine
Hand legen wirst, wird's mit mir schwer weitergehen; denn ich bin ein Vieh –
und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist! Da wird
es nicht gehen! Geduld, verlaß mich nicht; schon wieder tausend Jahre auf einem
Fleck!“
[BM.01_008,17]
Nun verstummt er endlich und harrt der Schafe und Lämmer.
9. Kapitel –
Weitere Geduldsprobe Bischof Martins und sein Galgenhumor.
[BM.01_009,01]
Er sieht sich nach allen Seiten um und wartet und wartet; aber noch immer keine
Spur von Schafen und Lämmern. Er steht nun von seinem Steine auf, besteigt ihn
und schaut von diesem erhöhten Punkte nach den Schafen; aber auch von da ist
nichts zu erschauen.
[BM.01_009,02] Er
fängt nun zu rufen an, doch meldet sich nichts und kommt auch nichts zum
Vorschein. Er setzt sich abermals nieder und harrt. Aber vergeblich, denn es
läßt sich von keiner Seite her etwas erschauen. Er wartet noch eine Weile, und
da durchaus nichts mehr kommen will, steht er nun ganz ungeduldig auf, nimmt
sein Buch und begibt sich mit folgenden Worten weiter:
[BM.01_009,03]
(Bischof Martin:) „Jetzt habe ich aber diese Geschichte satt! Es werden jetzt
schon wieder bei einer Million Jahre verflossen sein, wenigstens nach meinem
Gefühle, und noch keine Änderung meines Zustandes! Jetzt aber werde ich dir, du
mein sauberer Führer, keinen Narren mehr machen; als ein ehrlicher Kerl werde
ich dir dein dummes Buch in dein lutherisches Haus stellen und mich dann auf den
Weg machen – geh's, wohin es wolle! Es wird diese Welt ja doch auch irgendwo
einmal so ganz echt mit Brettern vernagelt sein, wo man dann wird sagen können:
Huc usque et non plus ultra!
[BM.01_009,04]
Und wenn ich dann in Gottes Namen auf einem solchen Punkte werde etwa eine
Trillion oder gar Dezillion Jahre hocken müssen, bis etwa die
Geisterweltbretter dann auch morsch werden, so werde ich doch wissen, warum!
Aber hier für nichts und wieder nichts einen Narren machen, das werde ich
fortan bleiben lassen. Denn was man sich selber zufügt, erträgt man leichter,
als was einem so ein bornierter Gimpel von einem Führer zufügt! Ich bin schon
so toll auf diesen lutherischen Lumpen, daß ich mich an ihm gerade vergreifen
könnte, so er mir jetzt unterkäme!
[BM.01_009,05]
Kann es denn wohl etwas Langweiligeres und auch Peinlicheres geben, als etwas
bestimmt Verheißenes erwarten, und dieses kommt nimmer zum Vorscheine? Nein,
das ist zu arg! Welch eine schaudervoll lange Zeit harre ich nun schon hier; ob
der Wirklichkeit, oder bloß dem Gefühle nach, das ist nun schon ein – Gott
steh' uns bei! – und ganz ohne Grund und mir begreiflichen Zweck! Denn wegen
der gewissen Schafe und Lämmer, – das ist nun schon lange nicht mehr wahr, wie
es auch nie wahr gewesen ist!
[BM.01_009,06]
Träfe ich aber hier nur einen mit mir gleichgesinnten Menschen, o wie herrlich
wäre das! Wie schön würden wir über diese schundigste Geisterwelt losziehen,
daß es eine helle Freude wäre; so aber muß ich diese Freude schon mit mir
selbst teilen! Aber nun auf! Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, will ich auf
diesem Steine nicht selbst zu Stein werden!
[BM.01_009,07]
Wo ist denn nun das verzweifelte Buch? Hat es sich vielleicht selbst nach Hause
getragen, um mir den Weg zu ersparen? Ist auch recht! Aber es geniert mich
heimlich doch ein wenig; es ist doch gerade noch dagelegen und ich wollte es in
die Hand nehmen – und sieh, es verschwand!
[BM.01_009,08]
Nein, wie diese Geisterwelt dumm bestellt ist, das liegt über dem Horizont
aller menschlichen Vorstellung! Ein Buch empfiehlt sich von selbst, so man es
verdientermaßen ein wenig kritisiert hat! Die Sache ist nicht übel!
[BM.01_009,09]
Ich werde schon noch müssen diesen Stein auch um Vergebung bitten, daß ich so
lange mein unwürdiges Wesen habe auf ihm ruhen lassen – sonst empfiehlt er sich
auch noch! Und so ich mich nun auf einen Marsch durch diese herrlichen
Nebelgefilde und Moosfluren bei doppelter Sonnenwendkäferbeleuchtung machen
werde, da werde ich wohl etwa auch das Moos vorher um die Erlaubnis bitten
müssen, mir gnädigst zu gestatten, meinen Fuß zwecks meiner Weiterbeförderung
darauf setzen zu dürfen!
[BM.01_009,10] O
das ist schon ganz ver-, halt, nur nicht fluchen! Das ist schon überaus
saudumm! Da seht: auch – Gott sei Dank! – das lutherische Haus samt dem Tempel
ist Gott weiß wohin spazierengegangen! Nur zu, zuletzt geht schon alles zum
Plunder! Nur der Stein ist noch da, wenn's wahr ist?! Das Aussehen hätte es
wohl, als wäre der Stein noch da; aber ich muß schon genauer sondieren! –
Richtig, richtig, auch der Herr von Stein hat sich empfohlen!
[BM.01_009,11]
Na, jetzt wird es vielleicht auch für mich an der Zeit sein, sich zu empfehlen?
Aber wohin? Da ist hier wahrlich nicht viel zu wählen! Nur schnurgerade der
Nase nach – vorausgesetzt, daß ich noch eine Nase habe; denn wer wie ich nun
schon zum zweiten Male einige Millionen Jahre bloß bei der Nase herumgeführt
wurde, der müßte sich doch im Ernste fragen, wie es noch mit dem Besitze dieses
Gliedes steht? Aber Gott sei Dank, ich habe es noch; daher nun nur vorwärts
diesem einzigen Wegweiser nach in dieser wirklich schönen Geisterwelt!“
[BM.01_009,12]
Seht, nun fängt er an zu gehen, und der Engel Petrus folgt ihm unsichtbar.
,Gehen‘ in der Geisterwelt aber heißt ,andern Sinnes werden‘, und wie sich
dieser ändert, so ändert sich auch scheinbar der Ort. – Wir werden nun bald
sehen, wohin sich unser Mann wenden wird. –
10. Kapitel –
Bischof Martin auf Abwegen. Winke des Herrn über geistige Zustände und deren
Entsprechungen.
[BM.01_010,01]
Wer von euch am Kompaß des Geistes sich auskennt, wird bald merken, daß unser
Mann nun statt gegen Mittag schnurgerade gegen Abend seine Richtung
eingeschlagen hat. Er geht nun ganz mutig und behende vorwärts; aber er
entdeckt nichts außer sich als einen mit spärlichem Moose bewachsenen ebenen
Boden und eine sehr matte, graulichte Beleuchtung des scheinbaren Firmaments,
das, je mehr und je tiefer gen Abend, stets dunkler wird.
[BM.01_010,02]
Diese sichtlich zunehmende Dunkelheit macht ihn etwas stutzen; aber es hält ihn
nicht ab, seinen Gang einzuhalten, wovon der Grund ist, weil seine Erkenntnis
und sein Glaube so gut wie gar nichts sind. Was aber noch da, das ist falsche
Begründung wider das reine Wort des Evangeliums, somit barstes Antichristentum
und ein im verborgenen Hintergrunde in humoreske Maske verhüllter Sektenhaß.
[BM.01_010,03]
Daher dieses Bischofs Gang gegen den stets dunkler werdenden Abend; daher der
mit spärlichem Moose bewachsene Boden, welcher die Trockenheit und die magerste
Geringheit Meines Wortes in dieses Mannes Gemüte bezeichnet. Daher auch das
stets zunehmende Dunkel, weil das zu gering und gar nicht geachtete und noch
weniger beachtete Wort Gottes (vor dem sich derlei Bischöfe nur pro forma in
roten und goldenen Gewändern beugen) in ihm nie zu jener Lebenswärme gedieh,
aus der dann das herrliche Licht des ewigen Morgens für den Geist hätte
hervorgehen können.
[BM.01_010,04]
Solche Menschen müssen in der Geisterwelt in die größte scheinbare
Verlassenheit kommen und in die vollste Nacht; dann erst ist es möglich, sie
umzukehren. Wie schwer es aber hier auf der Welt ginge, einen solchen Bischof
auf den wahren Apostelweg zu bringen, ebenso und noch bei weitem schwerer geht
es dort, weil er dort von außen her als Geist natürlich rein unzugänglich ist,
in ihm aber nichts ist als Irrtümliches, falsch Begründetes und im Grunde
Herrschsüchtiges.
[BM.01_010,05]
Meiner Gnade aber sind freilich wohl viele Dinge möglich, die dem gewöhnlichen
Ordnungsgange unmöglich wären! Daher wollet ihr eben bei diesem Manne praktisch
beschauen, wohin er kommen kann mit dem, was da in ihm ist, und was am Ende,
wenn sozusagen alle Stricke reißen, noch Meine Gnade bewirken kann, ohne in die
Freiheit des Geistes einzugreifen. Solche Gnade wird diesem Manne auch zuteil,
weil er einmal gebeten hatte, daß Ich ihn mit Meiner Hand ergreifen möchte!
Aber eher kann ihn die ausschließliche Kraft Meiner Gnade dennoch nicht
ergreifen, als bis er all den eigenen Plunder von allerlei Falschem und
verborgen Bösem aus sich hinausgeschafft hat, was sich durch den Zustand der
dichtesten Finsternis, die ihn umgeben wird, kundtun wird.
[BM.01_010,06]
Nun aber richten wir unsere Augen wieder auf unsern Wanderer! – Langsam und
behutsamen Schrittes schreitet er wieder vorwärts, bei jedem Schritte den Boden
prüfend, ob er wohl fest genug wäre, ihn zu tragen. Denn der Boden wird nun hie
und da sumpfig und moorig, was ein entsprechendes Zeichen ist, daß alle seine
falsch begründeten Erkenntnisse bald in ein unergründliches Geheimnismeer
münden werden. Daher stoßen sie schon jetzt auf unterschiedliche kleine
Geheimnissümpfe in stets dichter werdender Dunkelheit – ein Zustand, der sich
schon auf der Welt bei vielen Menschen dadurch kundgibt, daß sie, so ein
Weiserer mit ihnen etwas vom Geistes- und Seelenleben nach dem Tode zu reden
beginnt, sogleich mit dem Bedeuten davon abzulenken suchen: so etwas mache sie
ganz verwirrt, verstimmt und traurig, und der Mensch würde, so er viel über
derlei nachgrübeln möchte, am ersten zu einem Narren.
[BM.01_010,07]
Diese Scheu ist nichts anderes als ein Auftritt des Geistes auf einen solchen
Boden, der schon sehr sumpfig ist, und wo niemand mehr den Mut hat, die
unbestimmten Tiefen solcher Sümpfe mit seinem überaus kurzen Erkenntnismaßstabe
zu bemessen aus Furcht, dabei etwa ins Grundlose hinabzusinken.
[BM.01_010,08]
Seht, der Boden, der unsern Mann trägt, fängt an, stets gedehntere förmliche
kleine Seen zu entwickeln, zwischen denen sich nur noch kleine und schmale,
scheinbare Erdzungen durchschlängeln. Dies entspricht den hirngespinstischen
Faseleien eines solchen erkenntnislosen Gottbekenners mit dem Munde, dessen
Herz aber dennoch der purste Atheist ist.
[BM.01_010,09]
Auf solchem Boden also wandert nun unser Mann den Weg, den viele Millionen
wandeln! Immer schmäler werden diese Erdzungen zwischen den stets bodenloser
werdenden Seen, voll verzweifelter Unergründlichkeit für seine Erkenntnis. Er
wankt schon stark, wie jemand, der über einen schmalen Steg geht, unter dem ein
reißender Bach dahinstürzt. Aber dennoch bleibt er nicht stehen, sondern wankt
aus einer Art falscher Wißbegierde fort, um irgendein vermeintliches Ende der
Geisterwelt zu finden; zum Teil aber auch, um heimlich die schönen Schafe und
Lämmer zu suchen, denn diese gehen ihm noch nicht aus dem Sinn!
[BM.01_010,10]
Wohl ist ihm alles genommen worden, was ihn daran erinnern könnte: das Buch,
die Wiese, der Stein (des Anstoßes) samt den Schafen und Lämmern, die ihm
einmal auf der Welt sehr viel bezaubernd Reizendes und überaus erheiternd
Angenehmes bedeuteten. Darum führte sie ihm der Engel Petrus auch hauptsächlich
vor, um seine Schwächen in ihm zu enthüllen und ihn auch dadurch mehr abzuöden.
[BM.01_010,11]
Nun sehen wir auch, was unseren Mann also treibt, bis er ans grenzenlose Meer
kommen wird, wo es dann heißen wird: „Bis hierher und nicht weiter reicht alle
deine Blindheit, Dummheit und übergroße Narrheit!“
[BM.01_010,12]
Lassen wir ihn daher nur fortwanken bis an die äußerste Erdzungenspitze seiner
Faseleien, der er nun nicht mehr ferne ist. Dort wollen wir ihn dann nach Muße
behorchen, was alles für Narrheiten er in das Meer seiner Geistesnacht
hinausspeien wird!
[BM.01_010,13]
Ein jeder von euch aber erforsche seine geheimen dummen Weltneigungen genau,
auf daß er über kurz oder lang nicht auf den sehr traurigen Weg dieses
Wanderers kommen wird!
11. Kapitel –
Die bedrängte Lage unseres Wanderers; sein weiteres Selbstgespräch und
ärgerliches Schimpfen.
[BM.01_011,01]
Nun sehet hin: unser Mann hat bereits das Meer erreicht; kein Zünglein teilt
irgend mehr das endlose Gewässer dieses Meeres, was eben aus dem grenzenlosen
Unverstande dieses Mannes entspringt und selben in entsprechender Form darstellt.
Auch bezeichnet es jenen Zustand des Menschen, in dem er fast zu gar keiner
Vorstellung von was immer gelangen kann und förmlich begrifflos wird gleich
einem kompletten Narren, bei dem alle seine Begriffe chaotisch in ein Meer von
Unsinn zusammenfließen.
[BM.01_011,02]
Mürrisch und voll Unwillen steht er nun am letzten Rande, das ist: am letzten
Begriffe, nämlich bei sich selbst! Sich allein noch erkennt er; alles andere
ist zu einem finsteren Meere geworden, in dem nichts als allerlei unförmliche,
finstere Ungeheuer dumpf und blind und stumm herumschwimmen und unseren Mann
umreihen, als wollten sie ihn verschlingen. Groß ist die Dunkelheit und feucht
und kalt der Ort; unser Mann erkennt nur aus der Wellen mattestem Schimmer und
dem grauenerregenden dumpfen Geplätscher der Wogen, daß er sich nun am Rande
eines unermeßlichen Meeres befindet.
[BM.01_011,03]
Höret nun aber wieder ihn selbst, was er nun für sonderliches Zeug
zusammenfaselt, damit ihr erkennen möget, wie es nicht nur diesem Manne, sondern
noch einer zahllosen Menge von Menschen ergeht, die alles im Kopfe, in ihrer
dümmsten Einbildung, aber wenig oder nichts in ihrem Herzen besaßen und noch
besitzen! Horchet nun, er beginnt zu sprechen:
[BM.01_011,04]
(Bischof Martin:) „So, so, so, – jetzt ist es recht! O du verfluchtes Sauleben!
Wenigstens zehn Millionen Erdenjahre mußte ich als arme Seele in dieser Nacht
und barsten Finsternis herumirren, um statt eines erwünschten guten Zieles an
ein Meer zu gelangen, das mich ohne weiteres für die gesamte Ewigkeit
verschlingen wird!
[BM.01_011,05]
Das wär' mir ein schönes „Requiescant in pace, et lux perpetua luceat eis!“!
Auf der Welt werden sie diese herrliche Hymne mir sicher oft genug nachgesungen
haben. Ich ruhe nun wohl für die Welt ewig, und meine Asche wird noch irgend
von einer Sonne beschienen oder von einem phosphorischen Moderschimmer einer
Totengruft; aber ich, ich, der eigentliche Ich – was ist aus mir geworden?
[BM.01_011,06]
Ich bin wohl noch ganz derselbe, der ich war; aber wo, wo bin ich, wo bin ich
hingekommen? Hier steh' ich an der lockeren Spitze einer schmalsten Erdzunge,
wenn man diesen Boden auch Erde nennen kann, und rings um mich her ist die
dickste Nacht und ein ewiges, unergründliches Meer!
[BM.01_011,07] O
Menschen, die ihr auf der Erde noch die große Gnade habt, das Leben des Leibes
zu besitzen – vorausgesetzt, daß die Erde noch besteht –, wie endlos glücklich
seid ihr und wie enorm reich gegen mir alle, die ihr dort in den dürftigsten
Lumpen gute Menschen um einen Zehrpfennig anflehet! Leider erwartet euch hier
mein oder vielleicht noch ein viel ärgeres Los!
[BM.01_011,08]
Daher rette sich dort, wer sich nur immer retten kann: entweder durch feste
Haltung der Gesetze Gottes, oder er werde mit Leib und Seele ein Stoiker, was
vorzuziehen ist; alles andere taugt für nichts! Hätte ich das eine oder das
andere getan, so wäre ich nun glücklicher; so aber stehe ich als ein ewiger
Ochse und Esel zugleich – nicht vor einem Berge, sondern vor einem Meere, das
da sicher ewig fortdauert, mich wahrscheinlich für ewig verschlingen wird, aber
unmöglich töten kann, weil ich schon einmal unsterblich sein muß!
[BM.01_011,09]
Denn könnte hier in dieser endlos dümmsten Geisterwelt mir etwas den Tod geben,
so wäre es doch unfehlbar am ersten der furchtbare Hunger, der mich nun schon
so viele Millionen von Erdenjahren auf das entsetzlichste plagt! Wäre ich nicht
selbst eine höchstwahrscheinlich sehr luftige Seele, so hätte ich mich schon
lange gleich einem Werwolf bis aufs letzte Zehenspitzel aufgefressen; aber so
ist auch das nichts und wieder nichts!
[BM.01_011,10]
Wenn mich aber dies Meer nun höchstwahrscheinlich ehestens verschlingen wird,
wie wird es mir dann in dieser endlosen Fischwelt ergehen? Wie viele Haifische
werden mich darin verschlingen, und wie viele andere Ungeheuer werden sich an
mir mit ihren Zähnen versuchen und werden mich fressen und mir dadurch die
größten Schmerzen verursachen, dabei mich aber dennoch ewig nicht zu töten
imstande sein?! – O der herrlichsten Aussicht für die ewige Zukunft!
[BM.01_011,11]
Vielleicht waren jene Schafe und Lämmer so eine Art geistiger Sirenen und haben
mich unsichtbar hierher gezogen, um mich hier zu zerreißen und aufzufressen? Es
ist schon freilich beinahe endlos nicht mehr wahr, daß ich sie einmal vor
Millionen Jahren der Erde gesehen habe; aber dennoch wäre so etwas gerade
nichts Unmögliches in dieser unbegreiflich dümmsten Geisterwelt, wo man die
Jahrtausende verlebt, ohne außer sich etwas zu erschauen, zu beurteilen und zu
erkennen, ohne etwas zu tun, außer dann und wann mit sich einige tausend Jahre
lang wert- und fruchtlose Gespräche zu führen gleich einem barsten Narren auf
der Welt der Leibesmenschen!
[BM.01_011,12]
Ich begreife nur das einzige nicht, daß ich nun keine größere Furcht habe in
dieser meiner sicher verzweifeltsten Lage? Ich bin im Grunde mehr zornig als
furchtsam; aber da ich niemanden habe, an dem ich meinen gerechten Zorn
auslassen könnte, so muß ich ihn wie einen abgestandenen Essig verbeißen.
[BM.01_011,13]
Dennoch aber kommt es mir vor, daß wenn selbst Gott nun, so Er irgend Einer
ist, zu mir käme, so würde mein abgestandener Essig von einem Zorne wieder ganz
frisch. Ich könnte mich weidlich vergreifen an einem solchen Scheingott, so er
irgend Einer ist, weil Er die vergängliche Welt mit zahllosen Herrlichkeiten
ausschmückte, diese unvergängliche aber schlechter bedachte als der
barbarischste Tyrann von einem Stiefvater seine ihm verhaßtesten Stiefkinder,
die ohne ihr Verschulden das Dasein erhielten und leider, leider seine Stiefkinder
geworden sind!
[BM.01_011,14] O
wie herrlich wäre es, an einem solchen Gott seinen Zorn auszulassen, wenn Er
irgend Einer wäre! Aber leider, es gibt keinen Gott und kann nie einen gegeben
haben! Denn wäre irgendein gottartiges höheres Wesen, so müßte es doch
notwendig weiser sein als wir, seine Geschöpfe; so aber ist von einer Weisheit
aber auch nirgends nur eine leiseste Spur zu entdecken!
[BM.01_011,15]
Denn das muß doch ein Blinder einsehen, daß jedes Sein und Geschehen
irgendeinen Zweck haben muß; ich aber bin doch auch ein Sein und ein
unverschuldetes Geschehen! Ich lebe, ich denke, ich fühle, ich empfinde, ich
rieche, ich schmecke, ich sehe, ich höre, ich habe Hände zur Arbeit und Füße
zum Gehen, einen Mund, mit Zunge und Zähnen versehen, und – einen leersten
Magen; aber dieser Gott sage mir: wozu? Wozu Millionen von Erdenjahren solche
Besitztümer, die man doch nie gebraucht?
[BM.01_011,16]
Also heraus mit einem so höchst unweisen Gott! Er stehe mir zur Rede – wenn Er
irgend Einer ist –, auf daß Er von mir Weisheit lerne! Aber ich könnte Ihn
Ewigkeiten lang herausfordern, so wird Er dennoch nicht erscheinen! Warum? Weil
Er nicht und keiner ist!“
12. Kapitel –
Bischof Martin auf dem toten Punkte. Aufnahme durch das ersehnte Schiff.
Martins Dankrede an den Schiffsmann, der der Herr selbst ist.
[BM.01_012,01]
Nach einer langen Pause, in der er doch etwas furchtsam die so kühn beschimpfte
und sogar herausgeforderte Gottheit erwartete, beginnt er wieder folgendes,
etwas dumpfere Gespräch mit sich selbst:
[BM.01_012,02]
(Bischof Martin:) „Nichts, nichts und abermals nichts! Ich kann herausfordern,
wen ich will; schmähen, wen ich will; gröblichst beschimpfen, wen ich nur immer
will; hier gibt es niemanden, hier hört mich niemand, ich bin wie ein alleiniges,
sich selbst bewußtes Leben in der ganzen Unendlichkeit!
[BM.01_012,03]
Aber ich kann ja doch nicht allein sein! Die vielen tausendmal tausend
Millionen von Menschen auf der Erde, die so wie ich geboren wurden, gelebt
haben und wieder gestorben sind, wo sollen denn diese hingekommen sein? Haben
sie etwa gänzlich aufgehört zu sein, oder haben sie in all den zahllosen
Punkten der ganzen Unendlichkeit, voneinander endlos weit entfernt, etwa mit
mir ein gleiches Eselslos? – Das scheint mir wohl das Allerwahrscheinlichste zu
sein! Denn mein einstiger Führer und darauf die schönen Schäflein und
Lämmerlein waren doch ein sicherer Beweis, daß es in dieser rein endlosen Welt
wohl noch irgend Menschen gibt! Aber wo, wo, wo? Das ist eine andere Frage!
[BM.01_012,04]
Da hinaus über dies endlose Meer wird es wohl sehr wenig Lebendiges mehr geben
– aber höchstwahrscheinlich endlos weit hinter meinem Rücken! Wenn ich nur
zurück könnte, so möchte ich auch diesen Versuch machen und würde sie
aufsuchen! Aber leider bin ich hier mit Wasser ringsum so sehr verrammelt, daß
eine Umkehr beinahe unausführbar erscheint.
[BM.01_012,05]
Hier unter meinen Füßen ist's zwar noch trocken, und ich stehe noch auf einem,
wennschon sehr lockeren, aber mich dennoch mit genauer Not tragenden Boden. So
ich aber den Fuß weitersetzen würde, entweder rück- oder vorwärts, wie würde es
mir dann ergehen? Sicher würde ich in den bodenlosesten Abgrund hinabsinken, in
dies endlos große Wassergrab! Darum muß ich hier schon hocken bleiben in alle
Ewigkeit, was auf jeden Fall eine herrliche Unterhaltung für mich abgeben wird!
[BM.01_012,06]
Ach, wenn es hier doch so ein kleines, aber sicheres Schiff gäbe, in das ich so
ganz frei einsteigen könnte, und das ich lenken könnte, wohin ich's wollte:
welch eine Seligkeit wäre das doch für mich nun wahrhaftig allerärmsten Teu – –
oho, nicht heraus; dieser Name soll nie über meine Lippen kommen! Es wird zwar
an dem Teu –, nein „Gottstehunsbei“ ebensowenig daran sein wie an der Gottheit
selbst; aber der Begriff an sich ist so häßlich, daß man ihn ehrlichermaßen
nicht leicht ohne gewissen heimlichen Schauder aussprechen kann!
[BM.01_012,07]
Was sehe ich aber dort auf dem Wasserspiegel, nicht ferne von hier? Ist es etwa
ein Ungeheuer – oder etwa gar ein Schiff? Siehe, du mein dürstend Auge, es
kommt näher und näher! Bei Gott, es ist im Ernste ein Schiff, ein recht nettes
Schiff mit Segel und Ruder! Nein, wenn das herkäme, so müßte ich von neuem an
einen Gott zu glauben anfangen; denn so was wäre ein zu auffallender Beweis
gegen alles, was ich bisher geplaudert habe! Richtig, es kommt stets näher und
näher! Vielleicht hat es gar jemanden an Bord? Ich werde um Hilfe schreien:
vielleicht hört mich jemand?!
[BM.01_012,08]
(laut:) He da! He da! Zu Hilfe! Hier harrt schon eine endlose Zeitendauer ein
unglücklicher Bischof, der einst auf der Welt einen sehr großen Herrn gespielt
hat, nun aber in dieser Geisterwelt in größte Armseligkeit versunken ist und
sich nimmer zu helfen und zu raten weiß! O Gott, o Du mein großer, allmächtiger
Gott, so Du irgend Einer bist, hilf mir, hilf mir!“
[BM.01_012,09]
Nun seht, das Schiff nähert sich behende dem Ufer, wo unser Mann sich befindet!
An Bord ersehet ihr auch einen gewandten Schiffer, der Ich Selbst bin, und
hinter unserem Mann den Engel Petrus, der nun, da das Schiff ans Ufer stößt,
samt unserem Bischof behende das Schiff besteigt.
[BM.01_012,10]
Der Bischof aber ersieht bloß Mich als den Schiffsmann, den Engel Petrus
erblickt er noch immer nicht, weil dieser stets hinter ihm wandelt. Er geht nun
überaus freundlichen Angesichts schnurgerade auf Mich zu und spricht:
[BM.01_012,11]
„Welch ein Gott oder sonst ein anderer guter Geist machte es denn, daß du mit
deinem Schifflein auf diesem endlos großen Meere dich gerade in diese Gegend
verirrtest oder gar geflissentlich hieher lenktest, wo ich eine undenklich
lange Zeit der Erlösung harrte? Bist du etwa gar ein Lotse in dieser
Geisterwelt oder sonst ein Rettungsmann? Menschen deinesgleichen müssen hier
unglaublich selten sein, indem ich jetzt seit einer undenklichen Zeitdauer aber
auch nicht die allerleiseste Spur von irgendeinem Menschen entdeckt habe!
[BM.01_012,12] O
du holdseligster, liebster Freund! Du scheinst mir viel besserer Natur zu sein
als einer, der vor undenklich langer Zeit sich mir als ein Führer in dieser
Welt von selbst aufdrang, um mich auf einen rechten Weg zu bringen! Aber das
war dir ein Führer non plus ultra! Gott der Herr mag es ihm verzeihen; denn er
führte mich nur eine kurze Zeit hindurch, und da zu lauter Schlechtem!
[BM.01_012,13]
Einmal mußte ich mein Bischofskleid, das ich Gott weiß wie von der Welt mit
herübernahm, ablegen und dafür diese gegenwärtige Bauernkleidung anziehen, die
muß wohl aus einem allerbesten Stoffe verfertigt sein, ansonst sie selbst bei
meinem ruhigsten Verhalten unmöglich Millionen von Erdenjahren gedauert hätte!
[BM.01_012,14]
Mit dieser Bescherung aber wäre ich noch so leidlich zufrieden gewesen,
natürlich mit der Hoffnung auf ein besseres Schicksal. Allein, was tat da
dieser Held von einem Führer? Er selbst dingte unter manchen moralischen
Sentenzen mich zu einem Hirten seiner Schafe und Lämmer!
[BM.01_012,15]
Ich nahm den Dienst bereitwilligst an – obschon auf einem lutherischen Boden –,
ging mit einem dicken Namenbuche seiner Herde hinaus und wollte tun, wie er mir
angezeigt hatte; allein siehe da, aus der Herde der Schafe und Lämmer wurden
lauter bildschöne Mädchen! Von Schafen und Lämmern war keine Spur mehr!
[BM.01_012,16]
Ich hätte ihre Namen aus dem Buch verlesen sollen, aber es kamen keine solchen
Tiere in der ganzen Gegend vor, die ich vorher deutlich aus dem Hause dieses
lutherischen Führers gesehen hatte!
[BM.01_012,17]
Wohl aber kamen, ohne sich aus dem Buche rufen zu lassen, diese schönsten
Mädchen haufenweise zu mir und scherzten um mich her und küßten mich sogar. Und
eine, die allerschönste, hat sich gar über mich mit beiden Armen ausgebreitet
und mich mit einer so bezaubernden Anmut an ihre überzarte Brust gedrückt, daß
ich darob in einen solchen Gefühlsdusel kam, wie ich etwas Ähnliches auf der
Welt wohl nie empfunden habe.
[BM.01_012,18]
Die ganze Geschichte war im Grunde sicher nicht schlecht, besonders für einen
Neuling in dieser Welt; denn wußte ich vorher, daß ich statt der Schafe und
Lämmer solche Mädchen würde in meine Obhut bekommen?
[BM.01_012,19]
Aber da war, wie von einem Blitze herbeigeführt, auch schon mein schöner Führer
bei der Hand und machte mir darob eine Predigt, die dem Martin Luther keine
Schande gemacht hätte. Er gab mir unter manchen Androhungen neue, aber noch
dümmere und luftigere Vorschriften, die ich auf das strengste hätte befolgen
sollen und die sämtlichen Schafe und Lämmer am Ende auf einen angezeigten Berg
bringen!
[BM.01_012,20]
Allein ich, mit diesem etwas sonderlichen Auftrag eben nicht sehr zufrieden,
bekam darauf weder den Führer noch die Herde zu Gesichte, wartete Gott weiß wie
viele Millionen Jahre, – allein umsonst; wollte endlich das Buch meinem saubern
Dienstgeber ins Haus zurückstellen. Allein das Buch, wahrscheinlich eine Art
geistiger Automat, empfahl sich von selbst, nebst der ganzen Gegend; und ich
empfahl mich endlich auch und ging. Ich kam hierher und konnte nicht mehr
weiter, schimpfte eine Zeitlang, was ich nur konnte und verzweifelte endlich
völlig, da sich durch eine so lange Dauer von keiner Seite her eine Spur
irgendeiner Rettung zeigte.
[BM.01_012,21]
Endlich kamst du als ein wahrhaftiger göttlicher Rettungsengel hierher und hast
mich in dein sicheres Fahrzeug aufgenommen! Nimm meinen möglichst größten Dank
dafür hin! Hätte ich etwas, womit ich es dir vergelten könnte, wie süß wäre das
meinem dir ewig dankbarsten Herzen! Aber du siehst, daß ich hier ärmer bin als
alles, das der Mensch nur immer als arm bezeichnen kann, und außer mir nichts
besitze. Daher begnüge dich für deine große Freundschaft mit meinem Danke und
mit mir selbst, so du mich zu irgendeinem Dienste gebrauchen kannst!
[BM.01_012,22] O
Gott, o Gott, wie ruhig und wie sicher und wie schnell schwimmt dein Fahrzeug
über den brausenden Wogen dieses endlosen Meeres, und welch ein angenehmes
Gefühl! O du lieber, göttlicher Freund, jetzt sollte mein einstiger sehr
bornierter Führer da sein! Da möchte es sich denn doch der Mühe lohnen, dich
ihm vorzustellen und zu zeigen, was ein rechter Führer und Rettet für ein
Gefühl haben müsse, so er ein Führer sein will! Ich war wohl auf der Welt
selbst einmal ein Führer, aber – da schweige ich! – O Dank dir! Dank! Wie
herrlich geht das Schifflein!“
13. Kapitel –
Des göttlichen Schiffsmannes Worte über den Segen der Einsamkeit. Ein
Beichtspiegel zur Förderung der Selbsterkenntnis.
[BM.01_013,01]
Darauf spreche Ich als der freundliche Schiffsmann: „Es mag wohl recht mißlich
sein, sich lange dauernd allein zu befinden; aber ein solch länger andauerndes
Alleinsein hat doch wieder sehr viel Gutes! Denn man gewinnt da Zeit, über so
manche Torheiten nachzudenken, sie zu verabscheuen und ganz abzulegen und aus
sich hinauszubannen. Und siehe, das ist mehr wert als die zahlreichste und
glänzendste Gesellschaft, in der allzeit mehr Dummes und Schlechtes vorkommt
als Weises und Gutes!
[BM.01_013,02]
Noch mißlicher aber ist die Lage, wenn das Alleinsein mit einer Lebensgefahr
bedroht ist, wenn auch oft nur zum Schein; aber dessenungeachtet ist ein
solches Alleinsein auch noch um tausendmal besser als die anmutigste und
schönste Gesellschaft! Denn in solchem Alleinsein bedroht einen nur ein
scheinbarer Untergang, für den es noch eine Rettung gäbe, so er auch wirklich
erfolgt wäre. In der bezeichneten anmutigen und schönen Gesellschaft aber
bedrohen einen Menschen nicht selten tausend wirkliche Gefahren, jede
vollkommen tauglich, Seele und Geist ganz zu verderben und in die Hölle zu
bringen, von der es nahezu keinen Ausweg mehr gibt! Daher war dein
gegenwärtiger Zustand für dein Gefühl wohl ein sehr mißlicher, aber für dein
Wesen keineswegs ein unglücklicher.
[BM.01_013,03]
Denn siehe, der Herr aller Wesen sorgte dennoch für dich, sättigte dich nach
Maß und Ziel und hatte mit dir eine große Geduld! Denn du warst auf der Welt
ein römischer Bischof, was ich wohl weiß, und verrichtetest dein heidnisches
Götzenamt zwar dem Buchstaben nach wohl sehr strenge, obschon du innerlich
nichts darauf hieltest; aber so etwas kann doch deiner eigenen Beurteilung nach
bei Gott, der allein auf das Herz und dessen Werke sieht, unmöglich einen Wert
haben! Zudem warst du sehr stolz und herrschsüchtig und liebtest trotz deines
geschworenen Zölibates das Fleisch der Weiber über die Maßen! Meinst du wohl,
dies könnten gottwohlgefällige Werke sein?
[BM.01_013,04]
Du machtest dir auch mit den Klöstern viel zu schaffen und besuchtest am
liebsten die weiblichen, in denen es recht viele und schöne Novizinnen gab. Du
hattest dann ein großes Wohlgefallen, so sie sich vor dir wie vor einem Gott
niederwarfen und dir deine Füße umklammerten und du sie dann auf allerlei
moralische Proben stelltest, von denen einige um nichts besser sind als eine
komplette Hurerei! Meinst du wohl, daß solch ein moralischer Eifer von deiner
Seite Gott dem Herrn wohlgefällig war?
[BM.01_013,05]
Was hast du auf der Welt gegen das Gebot Christi, der den Aposteln gebot, keine
Säcke, somit kein Geld, keinen Rock, keine Schuhe – außer im Winter – und nie
zwei Röcke zu haben und zu tragen, für große Reichtümer besessen! Welch
ausgesuchte Speisen trug dein Tisch, welch glänzendes Fuhrwerk, welche
reichsten Bischofsinsignien zierten deine Herrschsucht!
[BM.01_013,06]
Wie oft hast du als sein wollender Verkünder des Wortes Gottes auf der
Rednertribüne falsch geschworen und hast dich selber verflucht, so dies oder
jenes nicht wahr wäre, was du bei dir selbst doch in deinem ganzen Leben nie
geglaubt hast!
[BM.01_013,07]
Wie oftmals hast du dich selbst befleckt – und warst im Beichtstuhle, solange
du dich noch im selben herumtriebst, unerbittlich strenge gegen die armen
Kleinen und ließest die Großen so leicht durch, als wie leicht da springt ein
Floh durch ein Stadttor!
[BM.01_013,08]
Meinst du wohl, daß der Herr daran ein Wohlgefallen haben konnte, dem doch das
ganze römische Babylon ein Greuel ist in seiner besten Art?
[BM.01_013,09]
Hast du je gesagt in deinem Herzen: ,Lasset die Kleinen zu mir kommen!‘? – O
siehe, nur die Großen hatten bei dir einen Wert!
[BM.01_013,10]
Oder hast du je ein armes Kind in Meinem Namen aufgenommen und hast es
bekleidet, gespeist und getränkt? Wieviel Nackte hast du wohl bekleidet,
wieviel Hungrige gesättigt, wieviel Gefangene frei gemacht? – O sieh, Ich kenne
niemanden davon; wohl aber hast du Tausende in ihrem Geiste zu harten
Gefangenen gemacht und hast der Armut nicht selten durch dein Verfluchen und
Verdammen die tiefsten Wunden geschlagen, während du den Großen und Reichen
Dispense über Dispense erteiltest – natürlich für Geld, nur manchmal bei sehr
großen Weltherren aus einer Art großimponierender Weltfreundschaft umsonst!
Meinst du wohl im Ernste, daß Gott derlei Werke angenehm und wohlgefällig sein
könnten und du darum sogleich nach deines Leibes Tode hättest sollen von Mund
auf in den Himmel aufgenommen werden?
[BM.01_013,11]
Ich, dein Rettmann, sage dir das aber nicht, um dich zu richten, sondern darum
nur, um dir zu zeigen, daß der Herr an dir kein Unrecht tat, so Er dich hier
scheinbar ein wenig im Stiche ließ; und daß Er dir sehr gnädig war, darum Er
nicht zuließ, daß du sogleich nach deinem Absterben vor Gott
wohlverdientermaßen zur Hölle hinabgefahren wärest!
[BM.01_013,12]
Bedenke das und schmähe nicht mehr deinen Führer, sondern denke in aller Demut,
daß du von Gott aus nicht der geringsten Gnade wert bist, so kannst du sie
wieder finden! Denn so sich die getreuesten Knechte als schlecht und unnütz
betrachten sollen, um wieviel mehr du, der du noch nie etwas dem Willen Gottes
Gemäßes getan hast!“
14. Kapitel –
Bischof Martins aufrichtiges Reuebekenntnis und sein guter Wille zur Buße und
Umkehr.
[BM.01_014,01]
Spricht darauf der Bischof: „O du mein hochgeehrtester und alles Dankes
würdigster Retter! Ich kann dir auf diese deine Enthüllung leider nichts
anderes sagen als: Das ist alles Mea culpa, mea quam maxima culpa! Denn es ist
alles buchstäblich wahr. Aber was läßt sich nun tun?
[BM.01_014,02]
Ich fühle nun sicher die tiefste Reue über all das Begangene; aber mit aller
meiner Reue läßt sich das Geschehene nimmer ungeschehen machen, und somit
bleibt auch die Schuld und die Sünde unverrückbar, die da ist der Same und die
Wurzel des Todes. Wie aber läßt sich in der Sünde des Herrn Gnade finden? –
Siehe, das scheint mir ein völlig unmöglich Ding zu sein.
[BM.01_014,03]
Darum meine ich also, indem ich nun vollkommen einsehe, daß ich sogestaltig
ganz für die Hölle reif bin: die Sache läßt sich auf keine andere Weise ändern,
außer ich würde durch eine allmächtige Zulassung Gottes mit meinem
gegenwärtigen Gefühl nun noch einmal auf die Erde gesetzt, um daselbst so viel
als möglich meine Fehler wieder gutzumachen. Oder – da ich vor der Hölle denn
doch eine zu entsetzliche Furcht habe – der Herr möchte mich für die ganze
Ewigkeit als ein allergeringstes Wesen in irgendeinen Winkel stecken, wo ich
als ein allergeringster Landmann mir auf einem mageren Boden den nötigsten
Unterhalt mit meiner Hände Arbeit erwerben könnte. Dabei leistete ich ja von
ganzem Herzen gerne Verzicht auf irgendeine höhere Beseligung, indem ich mich
selbst für den allergeringsten Grad des Himmels bei weitem zu unwert halte.
[BM.01_014,04]
Das ist so mein Gefühl; denn meine Meinung kann ich's darum nicht nennen, weil
ich's empfinde, daß das nun der innerste Anspruch meines Lebens ist. Es ist auf
der über Hals und Kopf vernagelten Welt wohl auch nichts mehr zu machen; denn
der allgemeine Zug des Stromes ist nun durch und durch schlecht, so daß es beinahe
zur Unmöglichkeit wird, gut zu sein als ein Schwimmer wider den Strom.
[BM.01_014,05]
Die Regierungen tun, was sie wollen, und die Religion gebraucht man nur noch
als ein politisches Opium fürs gemeine Volk, um es leichter im Zaume und zu
allem Möglichen dienstbar zu erhalten! Da sollte der Papst selbst versuchen,
der Religion eine andere, bloß geistige Bedeutung zu geben, so wird man gegen
seine deklarierte Unfehlbarkeit sogleich von allen Seiten her mit Waffen und
klingendem Spiel zu Felde ziehen. Aus dem aber geht klar hervor, wie schwer es
nun ist, besonders als ein Bischof die rechten Wege des Wortes Gottes zu gehen,
indem er auf allen seinen Wegen und Stegen von einer Legion geheimer Aufseher
beschnüffelt wird.
[BM.01_014,06]
Alles das benimmt zwar weder einem Bischof noch irgendeinem andern Menschen den
freien Willen; aber wie sehr wird dadurch das Handeln erschwert, ja in tausend
Fällen sogar unmöglich gemacht – was dem Herrn sicher auch nicht unbekannt sein
wird.
[BM.01_014,07]
Es wäre freilich recht und billig und in dieser Zeit beinahe notwendig, des
Wortes Gottes wegen ein Märtyrer zu sein; aber was würde damit geholfen sein?
Nur ein Wort losgelassen, was mit der heiligsten Religion nun für ein barster
Mißbrauch getrieben wird, und man steckt im Loch mit dem Auftrage des ewigen
Schweigens, oder man wird so ganz heimlich aus der Welt geschafft.
[BM.01_014,08]
Frage: was würde da jemand nützen können, so er strikte gegen den Strom
schwimmen wollte, so er die reinste Wahrheit verkünden und sich opfern wollte
für die geblendete arme Menschheit?
[BM.01_014,09]
So man aber das aus der Erfahrung ersieht, daß sich da rein nichts tun läßt in
einer Welt, die vom Fuß bis zum Kopf im dicksten Ärger steckt, und ihr nicht zu
helfen ist, da wird es am Ende sogar wie verzeihlich, so man bei sich selbst
ausruft: ,Mundus vult decipi, – ergo decipiatur!‘
[BM.01_014,10]
Ich meine aber nun auch: der Herr sucht sicher jeden Menschen zu beseligen;
aber so der Mensch schon durchaus die Hölle dem Himmel vorzieht, so vermag Er,
der Allmächtige, ihn am Ende selbst nicht zu behindern, daß er nicht hinabfahre
in den ewigen Pfuhl – bei welcher Gelegenheit dann sicher auch der Allweiseste
nichts anderes als ,Si vis decipi, ergo fiat!‘ sagen würde.
[BM.01_014,11]
Damit will ich auch nicht im geringsten mich vor dir etwa beschönigen und meine
Schuld geringer machen, als sie ist, sondern dir nur sagen, daß man nun auf der
Welt mehr ein genötigter als ein freiwilliger Sünder ist, worauf der Herr doch
sicher auch eine gnädige Rücksicht nehmen wird.
[BM.01_014,12]
Ich meine nicht, als sollte Er mir meine große Schuld darum für geringer
ansetzen, als sie in Wirklichkeit ist, sondern eine Berücksichtigung möchte ich
darum, weil die Welt wirklich Welt ist, mit der selbst beim besten Willen nichts
zu machen ist; und weil man am Ende auch den guten Willen verlieren muß, ihr zu
helfen, da man zu klar einsieht, daß man ihr gar nicht helfen kann.
[BM.01_014,13]
Mein geliebtester Retter, sei mir darob nicht gram; denn ich redete nun, wie
ich's bisher verstand und einsah. Du wirst es sicher besser verstehen und wirst
mich darüber belehren; denn ich habe aus deinen Worten entnommen, daß du voll
wahrer, göttlicher Weisheit bist und mir eine rechte Auskunft geben wirst, was
ich zu machen habe, um wenigstens nur der Hölle zu entgehen.
[BM.01_014,14]
Dazu gebe ich dir auch noch die Versicherung, daß ich deinem Wunsche nach
meinem früheren Führer von ganzem Herzen vergebe! Denn ich war ja auch nur
darum ärgerlich auf ihn, da ich bis jetzt noch nicht innewerden kann, was er
mit mir für einen eigentlichen Plan hatte! Er ließ es zwar wohl sehr unbestimmt
durchleuchten, was er mit mir vorhaben könnte; aber dieses überlange Verlassen
meiner Person von seiner Seite mußte mich am Ende über ihn doch ärgerlich machen!
Aber nun ist alles vorbei, und so er jetzt herkäme, würde ich ihm deinetwegen
augenblicklich um den Hals fallen und ihn abküssen wie ein Sohn seinen lange
nicht gesehenen Vater!“
15. Kapitel –
Des göttlichen Schiffsmannes Bußpredigt an Bischof Martin.
[BM.01_015,01]
Nun rede wieder Ich als der Schiffsmann: „Höre mich nun an und merke genau, was
Ich dir sagen werde!
[BM.01_015,02]
Siehe, wohl weiß Ich, wie die Welt beschaffen ist, weil Ich es auch weiß, wie
sie zu allen Zeiten beschaffen war. Denn wäre die Welt nicht arg oder
wenigstens nur manchmal besser als ein anderes Mal, so hätte sie den Herrn der
Herrlichkeit nicht gekreuzigt! Da ihr großböser Mutwille aber schon solches tat
am grünen Holze, um wieviel weniger wird er des dürren Reisigs schonen! Daher
gilt für die Welt ein für alle Male das, was aus dem Munde des Herrn im
Evangelium geschrieben steht und lautet:
[BM.01_015,03]
In diesen Tagen – d.h. in der Zeit der Welt – braucht das Himmelreich Gewalt;
nur die werden es besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! Eine solche
moralische Gewalt aber, Freund, hast du dem Himmelreiche wohl nie angetan.
Darum darfst du die Welt eben auch nicht zu sehr anklagen, indem Meines höchst
klaren Wissens du es zu allen Zeiten bei weitem lieber mit der Welt als irgend
mit dem Geiste gehalten hast! Denn in diesem Punkte warst du eben einer der
Hauptgegner aller geistigen Aufklärung, ein Feind der Protestanten und
verfolgtest sie ob der vermeintlichen Ketzerei mit Haß und bitterstem Ingrimm!
[BM.01_015,04]
Bei dir hieß es wirklich nie: Si mundus vult decipi!, sondern ohne Gnade und
Pardon: Mundus decipi debet! – und das sine exceptione! Ich aber sage dir, daß
die Welt nirgends schlechter ist als gerade in deiner und zumeist in
deinesgleichen Sphäre! Ihr seid zu allen Zeiten die größten Feinde des Lichtes
gewesen, und es gab Zeiten, wo ihr jedem nur um ein Haar heller Denkenden und
Sehenden Scheiterhaufen errichtet habt!
[BM.01_015,05]
Nicht die Fürsten der Welt suchten die Finsternis bei ihren Völkern
auszubreiten, sondern ihr waret es, die ihr die Fürsten selbst in den Bannfluch
legtet, so sie es wagten, etwas heller zu denken, als es eurer finstersten,
hierarchischen, tyrannischesten Despotie genehm war! Wenn nun Fürsten selber
finster sind hie und da, so sind sie sogestaltig euer Werk; aber ihr waret nie
ein Werk der Fürsten, sondern jetzt wie zu allen Zeiten euer eigenes!
[BM.01_015,06]
Daß es nun etwas schwerer ginge in manchem Lande, das vom Lichte von A bis Z
keine Ahnung mehr hat, das reine Licht Gottes einzuführen, das weiß Ich; aber
wer trägt daran die Schuld? Siehe, niemand sonst als ihr selbst!
[BM.01_015,07]
Wer hieß euch je Götzentempel und barste Götzenaltäre errichten? Wer hat euren
lateinischen sogenannten Gottesdienst angeordnet? Wer hat die Ablässe erfunden,
wer die Schrift Gottes verbannt und an deren Statt die absurdesten und
lügenhaften Legenden der sogenannten Heiligen eingeführt, wer die Reliquien,
wer die Millionen von allerlei heiligen Bildern und Schnitzwerken? – Siehe,
niemand anderer, kein Kaiser und kein Fürst, sondern ihr! Ihr allein waret zu
allen Zeiten die Werkmeister der allerdicksten Finsternis, um darinnen
allerlei, groß und klein, zu fangen für euer Zepter!
[BM.01_015,08]
Die Fürsten sind zumeist voll frommen Glaubens und gehorsam eurer Lehre; sage
mir, was hattest aber du, der du doch in der Schrift bewandert warst, für einen
Glauben? Und wem gehorchtest du wohl? Wieviel hast du wohl gebetet, ohne dafür
bezahlt zu sein?
[BM.01_015,09]
Sage, kannst du wohl bei Gott nach all dem irgendeine Berücksichtigung
erwarten, indem die Welt nicht dich, sondern nur du die Welt in deinem Bezirke
um vieles schlechter gemacht hast, als sie ehedem war?
[BM.01_015,10]
Ich sage dir aber: Was das Märtyrertum betrifft, das du angeführt hast, so
hättest du dich tausendmal eher aus herrschsüchtiger Liebe zur Nacht ans Kreuz
schlagen lassen, als nur einmal fürs reine Gotteslicht! So hättest du auch von
den Fürsten wenig zu besorgen gehabt, wenn du das Licht hättest verkündigen
lassen, und noch weniger von ihren Aufsehern. Denn Ich weiß es nur zu gut, wie
du den Fürsten widerstandest, so sie sich gegen deine unsinnigsten, allen
Menschen- und Bruderwert verachtenden und verdammenden Forderungen sträubten!
[BM.01_015,11]
Siehe, so sind Mir auch wenig Beispiele bekannt, daß Fürsten wahrhaft helle
Priester, die der Gotteslehre rein oblagen, ins Loch steckten oder gar – was
von dir eine grobe Anschuldigung ist – in die Geisterwelt expedierten. Wohl
aber sind mir eine ungeheure Zahl Beispiele bekannt, daß nur ihr das an jenen
tatet, die es gewagt haben, reiner nach dem Worte Gottes zu leben!
[BM.01_015,12]
Wer da klug ist wie eine Schlange und dabei sanft wie eine Taube und wandelt
also des Herrn Wege: meinst du wohl, daß der alte Gott schwächer geworden ist,
als Er zu den Zeiten der Apostel war, und somit jenem nicht mehr zu helfen
vermöchte, wenn er von der Welt bedräut wird?
[BM.01_015,13] O
sieh, Ich könnte dir nebst Luther noch eine große Menge Brüder anführen, die in
einer allerfinstersten Zeit es dennoch gewagt haben, das reine Gotteswort vor
aller Welt zu bekennen. Und siehe, die Fürsten der Welt haben keinem den Kopf
vom Leibe getrennt; wohl aber ging's nur dem schlecht, der reineren Geistes in
eure Hände geriet!
[BM.01_015,14]
Du wirst nun hoffentlich einsehen, daß hier, wo nichts als die reinste
Wahrheit, mit der ewigen Liebe geeint, nur gilt, mit all deinen
Entschuldigungen nichts erreicht wird – außer mit der alleinigen Mea quam
maxima culpa! Das ist allein recht, alles andere gilt vor dem Herrn nichts!
Denn das wirst du wohl zugeben, daß Gott die Welt in ihren kleinsten Fibern
besser kennt von Ewigkeit her, als du sie je erkennen wirst. Darum wäre es auch
der größte Unsinn, so du Gott dem Herrn zu deiner Entschuldigung beschreiben
wolltest, wie sie ist; obschon du sagst, daß du das nicht zu deiner
Entschuldigung sagst, sondern nur, daß der Herr mit dir eine Rücksicht nehmen
solle – ohne dabei im geringsten zu bedenken, daß du selbst ein Hauptweltschlechtermacher
warst!
[BM.01_015,15]
Inwieweit du als ein Weltgefangener Rücksicht verdienst, wird sie dir nicht um
ein Haar entzogen werden; aber in allem dem, was du ihr nun anwirfst, nicht die
allergeringste! Was die Welt dir schuldet vor Gott, das wird mit einer kleinen
Rechnung abgetan sein. Aber deine Schuld wird so kurz nicht ablaufen, außer du
bekennst sie selbst reumütigst und bekennst auch, daß nie du – der du allzeit
schlecht bist und warst –, sondern allein nur der Herr alles wieder gutmachen
und dir vergeben kann deine Schuld.
[BM.01_015,16]
Du hast wohl eine große Furcht vor der Hölle, weil du dich in deinem Gewissen
ihrer wert fühlst und meinst, Gott werde dich da hineinwerfen wie einen Stein
in einen Abgrund. Du bedenkst aber nicht, daß du nur deine eingebildete Hölle
fürchtest, aber an der wirklichen ein großes Wohlgefallen hast und nicht heraus
willst in der Fülle!
[BM.01_015,17]
Siehe, alles, was du bisher noch gedacht hast, war mehr oder weniger Hölle im
eigentlichsten Sinn! Denn wo nur noch ein Fünklein Selbstsucht herausschaut und
Eigendünkel und Beschuldigung anderer, da ist Hölle; wo der fleischliche Sinn
noch nicht freiwillig verbannt wurde, da ist noch Hölle! Bei dir aber haftet
das alles noch; somit bist du noch sehr stark in der Hölle! – Siehe, wie eitel
da deine Furcht ist!
[BM.01_015,18]
Der Herr aber, der Sich aller Wesen erbarmt, will dich daraus erretten – und
nicht nach deiner römischen Maxime noch tiefer hineinverdammen! Daher sage
fürder auch nicht vom Herrn, daß Er den durchaus in die Hölle Fahrenwollenden
sage: ,So du denn durchaus zur Hölle willst, so sei's!‘
[BM.01_015,19]
Siehe, das ist eine sehr frevelnde Behauptung von dir! Du bist eben einer, der
schon gar lange der Hölle nicht entsagen will; wann aber hast du von seiten des
Herrn ein solches Gericht über dich vernommen?
[BM.01_015,20]
Bedenke diese Meine Worte wohl und kehre dich danach in dir, so will Ich dies
Schifflein also lenken, daß es dich aus deiner Hölle in das Reich des Lebens
bringen soll. Es sei!“
16. Kapitel –
Bischof Martins Schuldbekenntnis. Martins Entschluß, bei dem Lotsen, seinem
Retter, zu bleiben. Der Engel Petrus als Dritter im Bunde.
[BM.01_016,01]
Spricht nun unser Mann: „O lieber Freund, ich muß es dir leider offen gestehen,
daß es mit mir gerade so steht, wie du es mir nun ohne Vorenthalt meiner Sünden
kundgetan hast. Und ich sehe es ein, daß ich dagegen auch nicht die geringste
Entschuldigung vorbringen kann; denn alles trifft mich rein ganz allein! Aber
nur das möchte ich noch von dir erfahren, wohin du mich nun bringen wirst, und
was wird mein ewiges Los sein?“
[BM.01_016,02]
Spricht der Schiffsmann: „Frage dein Herz, deine Liebe! Was sagt diese? Was ist
ihre Sehnsucht? Hat dir diese aus deinem Leben heraus ganz bestimmt
geantwortet, so hast du dann schon in dir selbst dein Los entschieden: denn
jeder wird von seiner eigenen Liebe gerichtet!“
[BM.01_016,03]
Spricht der Bischof: „O Freund, so ich nach meiner Liebe gerichtet würde, da
käme ich Gott weiß wohin! Denn in mir geht es noch gerade so zu wie im Gemüte
eines modesüchtigen Weibes, das da in einem irdischen Modeverkaufsgewölbe vor
sich hundert Modestoffe hin und her mustert und am Ende nicht weiß, was es
nehmen soll!
[BM.01_016,04]
Meinem innersten Gefühle nach möchte ich bei Gott, meinem Schöpfer sein. Aber
da treten mir meine vielen und großen Sünden in den Weg, und ich sehe dann die
Realisierung solches meines Wunsches für rein unmöglich an!
[BM.01_016,05]
Darauf denke ich wieder an jene schon diesweltlichen abenteuerlichen Schafe und
Lämmer; mit einem solchen Schafe wäre es gerade auch nicht unangenehm in
Ewigkeit zu leben! Aber da sagt mir wieder ein innerer Mensch: ,So etwas wird
dich Gott ewig nie näherbringen, sondern dich stets mehr nur von Ihm
entfernen!‘, – und damit sinkt auch dieser mein Lieblingsgedanke ins Grundlose
dieses Meeres!
[BM.01_016,06]
Wieder kommt mir der Gedanke, irgendwo in einem Winkel dieser ewigen
Geisterwelt als ein schlichtester Landmann zu leben und nur wenigstens einmal
die Gnade zu besitzen, Jesus zu sehen, wenn auch nur auf einige wenige
Augenblicke! Aber da ermahnt mich wieder mein loses Gewissen und spricht:
,Dessen bist du ewig nicht wert!‘, – und ich sinke wieder zurück in mein mit
allen Sünden behaftetes Nichts vor Ihm, dem Allerheiligsten!
[BM.01_016,07]
Nur ein Gedanke kommt mir am wenigsten schwer und unmöglich zu realisieren vor,
und ich muß gestehen, daß das nun meine Lieblingsidee ist: nämlich bei dir, wo
du auch sein magst, die ganze Ewigkeit zu sein und zuzubringen! Obschon ich auf
der Welt diejenigen am wenigsten leiden konnte, die es wagten, mir die Wahrheit
ins Gesicht zu sagen, so habe ich aber dich eben dadurch nun über alles
liebgewonnen, weil du mir die Wahrheit wie ein allerweisester, aber auch wie
ein allersanftester Richter offen ins Gesicht gesagt hast. Bei dieser
Lieblingsidee aber werde ich auch verbleiben in Ewigkeit!“
[BM.01_016,08]
Spreche Ich: „Nun gut, wenn das deine Hauptliebe ist, von der du dich in der
Folge aber noch tiefer überzeugen mußt, so kann sie sogleich ausgeführt werden!
Siehe, wir sind nun nicht mehr fern von einem Ufer und ebensowenig ferne von
Meiner Wohnhütte. Mein Geschäft kennst du nun schon, daß ich ein Lotse bin im
vollsten Sinne des Worts?! Du wirst nun dies Geschäft mit Mir teilen; den Lohn
für unsere Bemühungen wird uns unser Grundstückchen bringen, das wir in
geschäftsfreien Augenblicken nach Möglichkeit emsig bearbeiten wollen. Und sieh
dich um, neben dir wirst du noch jemanden finden, der da getreu mit uns halten
wird!“
[BM.01_016,09]
Der Bischof sieht sich auf dieser Seefahrt zum erstenmal um und erkennt
sogleich den Engel Petrus; er fällt ihm um den Hals und bittet ihn um Vergebung
ob der angetanen Schmähungen.
[BM.01_016,10]
Petrus erwidert die gleiche Liebe und preist den Bischof glücklich, daß sein
Herz diese Wahl getroffen hat aus seinem innersten Herzengrunde.
[BM.01_016,11]
Das Schiffchen stößt nun ans Ufer, wo es an einem Stock befestigt wird, und wir
alle drei gehen in die Hütte.
17. Kapitel – In
der Hätte des Lotsen. Das gesegnete Morgenmahl und Martins Dank. Die neue
Arbeit Martins mit den Fischern.
[BM.01_017,01]
Bisher aber war es gleich stets mehr dunkel als hell. In der Hütte fing die
Dunkelheit jedoch mehr und mehr an sich zu verlieren, und eine wohltuende
Dämmerung verscheuchte nach und nach stets mehr die frühere Nacht – natürlich
vor den Augen des Bischofs nur, denn vor Meinen (des Herrn) und des Engels
Petrus Augen war es stets der allerhellste, ewige, unvergängliche und
unveränderliche Tag!
[BM.01_017,02]
Daß es aber nun auch vor den Augen des Bischofs zu dämmern anfing, geschah aus
dem Grunde, weil in seinem Innersten die Liebe aufzutauchen begann, nachdem
durch Meine Gnade der Bischof eine große Menge irdischen Unflates freiwillig
aus sich hinausgeschafft hatte und noch fortschafft.
[BM.01_017,03]
„Was geschieht aber nun in der Hütte?“, werdet ihr fragen. – Nur Geduld,
sogleich wird nun von Mir die Dienstordnung vorgetragen werden, die der Bischof
von nun an zu befolgen haben wird, nachdem er zuvor sich ein wenig mit Meinem
Lebensbrote wird gestärkt haben. Denn ihr sehet leicht ein, daß der Mann sicher
sehr hungrig sein muß, indem er durch sein ganzes Leben auf der Welt, wie auch
in der sehr kurzen Periode von sieben natürlichen Tagen (wennschon anscheinend
eine undenklich lange Dauer) noch nie an diesem wahrsten Nährtische gegessen
hat und nie verkostet das Brot des Lebens. Daher müssen wir ihn nun schon, wie
ihr zu sagen pflegt, ein bißchen dreinhauen lassen, d.h. so recht den ersten
Heißhunger stillen lassen.
[BM.01_017,04]
Seht, wie er ein Stück Brot ums andere verzehrt, und wie er dabei ganz zu
Tränen gerührt ist und nun spricht:
[BM.01_017,05]
(Bischof Martin:) „O du mein allerbester Freund und nunmaliger Dienstherr für
ewig, wie überaus gut ist es bei dir sein! Nimm vorerst meinen inbrünstigen
Dank hin, und trage selben in deinem reinen Herzen auch Gott dem Herrn vor.
Denn meine Zunge ist ewig nicht wert, dem Herrn ein Dankgebet vorzutragen,
indem ich doch ein viel zu großer und zu grober Sünder vor Ihm bin!
[BM.01_017,06]
So, so; ach, das war gut! O der undenklichen Zeit meines Hungers, meines
Durstes und meiner ununterbrochenen Nacht! O Dank, Dank dir, größter Dank Gott,
dem Herrn, da Er es zugelassen hat, daß du mich rettetest und nun auch
sättigtest, daß mir nun so wohl ist, als wäre ich frisch geboren! – Und siehe,
siehe, es wird auch ganz hell wie an einem Frühlingsmorgen, so sich die Sonne
dem Aufgange naht! O wie herrlich ist es nun hier!
[BM.01_017,07] O
liebster Freund und auch du, mein alter und erster Führer, da ich nun gesättigt
bin zur Übergenüge, so lasset mich nun an irgendeine Arbeit, auf daß ich euch –
wennschon in einem höchst verjüngten Maße gegen eure übergroße Wohltat an mir –
durch meiner Hände Fleiß meine große Liebe zu euch an den Tag legen kann!“
[BM.01_017,08]
Nun rede Ich: „Komme nur mit uns aus der Hütte, und wir werden sogleich Arbeit
in schwerer Menge bekommen! Sieh, wir sind nun schon wieder im Freien und am
Ufer des Meeres! Dort sind die Fischernetze: gehe mit dem Bruder hin, und
bringe sie hierher in das Schiff; denn das Meer ist heute ruhig, und wir werden
einen guten Fang tun!“
[BM.01_017,09]
Die beiden bringen eiligst drei gute Tauchbären herbei und ein Schleppnetz,
schaffen es sogleich ins Schiff, worauf der Bischof voll Freuden spricht: „Ach,
das ist wohl eine lustige Arbeit! So gefällt mir das Meer; aber als ich dabei
an dessen lockerstem Ufer meines Untergangs harrte, da sah es ganz schrecklich
anders aus!
[BM.01_017,10]
Aber gibt es denn hier im Geisterreiche auch Fische? – Wahrlich, davon hatte
mir auf der Welt nie etwas geträumt!“
[BM.01_017,11]
Spreche Ich: „Und was für Fische! Es wird dir bei der Arbeit noch ganz
sonderlich zumute werden, besonders da es hier unsere Aufgabe ist, dieses Meer
voll auszufischen. Doch darum darfst du deinen Mut nicht sinken lassen, es wird
alles gehen. Aber, wie gesagt, es gehört Geduld und Mut und große männliche
Festigkeit dazu!
[BM.01_017,12]
Es werden dabei recht viele Gefahren vorkommen, und du wirst dich nicht selten
für verloren halten. Dann aber sieh auf Mich, und tue, was Ich tue, so wird
alles gut und zu unserm großen Vorteil ablaufen! – Denn jedes gute Ding braucht
Mühe, Geduld und feste Arbeit! – Löset nun das Schiff vom Stock, und wir wollen
sogleich in die hohe See hinausstoßen!“
[BM.01_017,13]
Die beiden lösen das Schiff ab und ein von Morgen her wehender Wind treibt es
pfeilschnell in die hohe See hinaus.
[BM.01_017,14]
Im Verlaufe der Fahrt spricht wieder der Bischof: „O tausend, tausend! Aber
Freunde, da muß es schon ganz entsetzlich tief sein, denn das Wasser sieht ja
vor lauter Tiefe nahezu kohlschwarz aus! Wenn da das Schiff scheitern möchte,
wie erginge es uns dann?!“
18. Kapitel –
Auf der Fischjagd.
[BM.01_018,01]
Spreche Ich: „Freund, nur keine Furcht, denn wir sind guter Dinge wegen auf dem
Wasser, und da mag es tief sein, wie es wolle, so haben wir nichts zu
befürchten! Nun, aufgepaßt, das Schleppnetz hinausgeworfen! Dort, wo das Wasser
stark wogt, ist ein ungeheurer Fisch! Nur behende, daß er uns nicht entgeht!“
[BM.01_018,02]
Die beiden werfen das Netz hinaus, und kaum hat es sich im Wasser ausgebreitet,
fährt auch schon ein sichtliches Ungeheuer von einem Fisch hinein. Und da es
das starke Netz nicht durchbrechen kann, so reißt es das Schiff pfeilschnell
mit sich fort auf der Oberfläche und macht keine Rast, sondern wütender und
wütender schleppt es das Schiff mit sich fort.
[BM.01_018,03]
Der Bischof, darob voll Entsetzen, ruft: „O um Gottes willen, was jetzt?! Nun
sind wir offenbar verloren! Das Ungeheuer füllt das Netz gerade kaum mit seinem
halben Kopfe aus! Der Leib reicht Gott weiß wie weit noch ins Wasser hinein; es
ist sicher dreimal so groß als unser Schiff! Wenn wir's auch erlegen könnten,
wohin möchten wir dann damit?! – Oh, oh, immer wütender und schneller rennt es
mit unserm Fahrzeuge zum ... O-Gott-steh-uns-bei!“
[BM.01_018,04]
Nun redet Petrus: „Sei nur nicht kindisch! Laß rennen den Fisch, wohin und wie
lange es ihn freut! Solange er den Kopf im Netze hat, geht er nicht unter, daß
weiß ich als ein alter Fischer. Und wenn er sich wird zur Genüge ausgerannt
haben, da wird er schon ruhiger werden, und wir werden dann ein leichtes haben,
uns seiner zu bemächtigen und ihn ans Ufer schleppen! Denn siehe dorthin – der
Fisch rennt gerade einem Ufer zu; da wird es dann schon wohlfeiler gehen mit
seinem Davonrennen!
[BM.01_018,05]
Und hast du denn vergessen, was da unser aller hochgeliebter Meister geredet
hat? – Siehe, Er ist ruhig, daher seien es auch wir! Wenn es aber heißen wird:
,Nun Mir nach, die Hände ans Werk!‘, dann erst heißt es sich rühren, wie Er es
anordnet. Denn über Ihn gibt es keinen Meister in der Fischerkunst! Jetzt aber
heißt es: Aufgepaßt, der Moment unserer Tätigkeit wird sogleich eintreten!“
[BM.01_018,06]
Nun rede Ich: „Petrus, nimm du den großen Haken und stoße ihn kräftig hinter
die Kiefer! Und du, Freund Martin, springe nun behende ans Ufer, ergreife
kräftigst das Schiffstau und ziehe es ans Ufer! Befestige es schnell an den
vorhandenen Stock, springe dann wieder ins Schiff herein, nimm den zweiten
Haken und tue, was Petrus tat! Denn siehe, das Ungeheuer hat die rechte
Mattigkeit erlangt, und wir werden seiner nun leicht Meister! Also nur
behende!“
[BM.01_018,07]
Der Bischof Martin tut eiligst, wie ihm geboten wurde. Das Schiff ist
befestigt, und unser Martin ist schnell wieder im Schiff. Er ergreift den Haken
und stößt ihn scharf und stark hinter die andere Kieferlappe, und so ist das
Ungeheuer nun wohl befestigt.
[BM.01_018,08]
Und nun befiehlt der Herr: „Gehet hinaus ans Ufer, bringt das große Tau, an dem
ein schwerer und scharfer Wurfhaken befestigt ist; dort nahe an der Hütte ist
es schon in Bereitschaft! Ich werde unterdessen mit den beiden Hakenstangen den
Fisch näher ans Ufer hin bringen, wo ihr dann äußerst schnell den Wurfhaken auf
den Kopf des Tieres schleudern müßt. Und du, Freund Martin, darfst nicht
erschrecken, so der Fisch dabei einige mächtige Bewegungen machen wird, die dir
freilich ganz grauenerregend vorkommen werden. Aber nur Mut und Beharrlichkeit
– dann geht alles! Also nun Mir die beiden Stangen in die Hände gegeben und ihr
eilet an euer Werk!“
[BM.01_018,09]
Alles geschieht pünktlich. Aber als dem Fisch der schwere und scharfe Wurfhaken
ins Lebendige dringt, fängt er an, ganz schrecklich (für den Bischof Martin)
sich zu winden und zu bäumen. Er treibt dadurch mächtige Fluten ans Ufer, so
daß manchmal unser neuer Fischer Martin ganz vom Wasser zugedeckt wird, was ihn
um so mehr geniert, weil manchmal der tausendzähnige Rachen des Fisches ihm
beim Halten des Taues sehr nahe kommt und zugleich stark nach ihm schnappt. Er
ist in großer Angst, aber nun mehr um Mich als um sich, indem er sieht, wie der
Fisch mit seinem mächtigen Schwanze das Schiff schon einige Male ganz übers
Wasser emporhob und dann wieder niederschleuderte.
[BM.01_018,10]
Petrus aber spricht zu ihm: „Halte nur fest, Bruder! Nimm alle deine Kräfte
zusammen, sonst reißt uns das furchtbare Ungeheuer in die Meerestiefe hinein,
wo es uns eben nicht am besten erginge!“
[BM.01_018,11]
Spricht der Bischof Martin: „O Bruder, wenn ich nur hinter dir wäre! Die Bestie
schnappt fortwährend nach mir, und unser Meister schiebt es noch dazu völlig mir
unter die Nase, wo dies schrecklichste Untier gerade vor meinem Kopfe in einem
fort seinen schrecklichen Rachen drei gute Klafter weit aufreißt und dann
wieder so gewaltig zusperrt, daß es mir dadurch wenigstens hundert Eimer Wasser
ins Gesicht speit!
[BM.01_018,12]
Ah, das ist eine verzweifelt schwere und sehr gefahrvolle Arbeit! Diese Arbeit
wäre ja für Galeerensklaven zu schlecht! – Oh oh, m-m-m – brrr, brrr, – ah –
ah, – schon wieder eine volle Ladung Wasser im Gesicht! Ich werde noch
ersaufen, so mich die Bestie noch einige Male anspeien wird! Eh – eh, der
Rachen geht schon wieder auf! Nein, ich halte es nimmer aus! Das Wasser ist so
entsetzlich kalt, daß mich nun schon so friert, als wenn ich mutternackt auf
dem Eise läge! Jetzt wird er gleich wieder zuschnappen!“
[BM.01_018,13]
Spricht Petrus: „Da nimm die Spreize und spreize ihm den Rachen auf, so wird er
nimmer zuschnappen können!“
[BM.01_018,14]
Spricht Bischof Martin: „Nur her damit! – Ist schon gehörig darinnen! – Oho, du
gewaltiges Vieh, jetzt wird dein Schnappen wohl einmal ein Ende haben? Das war
wirklich ein guter Gedanke von dir; nur hättest du ihn um ein paar Dutzend
Schnapper früher fassen sollen, da wäre ich nicht so jämmerlich durchnäßt
worden! Aber so ist es nun auch gut.“
[BM.01_018,15]
Nun rede Ich vom Schiffe: „Gut so; befestigt nun auch das Hakentau an einem
Stock und kommt dann schnell wieder ins Schiff! Das ist schon unser Fisch, der
geht uns nimmer durch! Wir aber wollen unser Schiff sogleich wieder flott
machen und in die hohe See hinausstoßen, vielleicht machen wir in kurzer
Fristung noch einen ansehnlicheren Fang?“
[BM.01_018,16]
Die beiden tun schnell, was ihnen befohlen wird. Bischof Martin kratzt sich
hinter den Ohren zwar – denn er hätte gewisserart für einmal schon genug; dessenungeachtet
aber tut er dennoch schnell, was von Mir geboten wurde.
[BM.01_018,17]
Nun sind schon wieder beide im Schiffe, das jetzt wieder pfeilschnell
davoneilt.
[BM.01_018,18]
Ich aber mache zu Bischof Martin unterwegs die Bemerkung: „Freund, du mußt dir
hier schon angewöhnen, stets unverdrossen zu sein. Denn wer etwas mürrisch an
die Arbeit geht, dem glückt selten ein Werk! Daher Geduld, Mut und Ausharrung;
die Freude kommt erst nach vollbrachter Arbeit!
[BM.01_018,19]
Ja, mein lieber Freund, hier im Geisterreiche ist es nichts mit deinem oft auf
der Welt herabgeplärrten: Requiescant in pace!, sondern: Arbeitet, dieweil es
noch Tag ist! Genug, so man in der Nacht ruht, in der niemand arbeiten kann!
Als du Nacht hattest, warst du auch arbeitslos; da aber nun auch dir der Tag
angebrochen ist, so mußt du auch arbeiten – denn das Gottesreich ist ein
Arbeitsreich und kein Faulenzer- und Brevierbeterreich! Daher nur frischen
Mutes!
[BM.01_018,20]
Seht dorthin gegen Mitternacht, wo noch eine starke Dämmerung auf dem Gewässer
rastet! Dort wogt das Meer stark, doch ist kein Wind weder hier noch dort;
sonach kann der Grund solch einer wogenden Bewegung kein anderer sein als irgendein
mächtig großer Fisch! Daher hurtig hingesteuert und alle Hände ans Werk gelegt;
dieser Fisch soll hauptsächlich unsere Mühe lohnen!“
[BM.01_018,21]
Bischof Martin spricht: „O Freund, der wird uns wohl etwa mit der Hilfe des
Gott-steh-uns-bei den Garaus machen. Aber wozu braucht man denn hier im
Geisterreiche so viele und so närrisch große Fische? Gibt es denn auch hier
Fasten, wo man nur Fischfleisch essen darf? Oder wird das Fleisch und das Fett
solcher Fische etwa auch hier weiterhin versendet und verhandelt?“
[BM.01_018,22]
Rede Ich: „Jetzt nur schnell jeder von euch ein Schwert in die Hand; denn das
ist eine zehnköpfige Hydra! Das Ungeheuer hat uns gesehen und schießt
schnurstracks auf uns zu. Du, Petrus, weißt schon, wie derlei Fische gefangen werden;
du, Bischof Martin, aber tue, was der Bruder tun wird! Wie diese zehnköpfige
Hydra ihre Schlangenköpfe über Bord hereinbeugen wird, dann nur hurtig gemäht,
bis alle zehn Köpfe von dem langen Schlangenleibe getrennt sind; das andere
werde dann schon Ich machen! Das Untier ist hier, also nun nur zugehauen!“
[BM.01_018,23]
Seht, Petrus putzt mit seinem scharfen Schwerte der dem Bischof Martin
entsetzliches Grauen erregenden Hydra einen Kopf um den andern von ihrem
schwarzen, panzerartigen Schuppenleibe, oder vielmehr vom Halse, da vom Leibe
auch zehn Hälse ausgehen, auf deren jedem ein Kopf gewachsen ist. Aber unser
Bischof Martin weiß nicht recht, wo er hinhauen soll, um einen Kopf zu treffen,
da er vor lauter Angst beinahe nichts sieht und die Augen mehr zu als offen
hält.
[BM.01_018,24]
Nun aber hat Petrus gerade den zehnten Kopf von eben auch dem zehnten Halse
getrennt! Ströme von Blut entstürzen dem Ungeheuer. Das Meer ist weit herum mit
Blut gefärbt und wogt für den Bischof überaus stark ob des gewaltigen Wütens
des nun völlig enthaupteten Untieres, das fürs Auge unseres Bischof Martin eine
Länge von 111 Klaftern mißt und ebensoviel im Umfange.
[BM.01_018,25]
Nun rede Ich wieder zu den zweien: „Petrus, lege nun das Schwert wieder an
seinen Ort und reiche Mir den großen Stanghaken, damit Ich ihn in den Bauch des
Ungeheuers stoße und dasselbe herziehe! Du, Martin, aber ergreife das
Steuerruder und stecke es in den siebenten Grad des Aufgangs, und wir werden
mit diesem ausgezeichneten Fange bald wieder am Ufer sein!“
[BM.01_018,26]
Alles geschieht nach der größten Ordnung, und das Schiff, die Beute mit sich
herziehend, eilt auch schon wieder mit Wurfschnelle dem bekannten Ufer zu.
[BM.01_018,27]
Da aber nun das Schiff dem Ufer schon sehr nahe ist, späht Bischof Martin
sorglichst, was etwa der frühere große Fisch noch macht. Aber er erstaunt nicht
wenig, als er vom ganzen Fische keine Spur mehr findet, und spricht sogleich:
[BM.01_018,28]
„Aber, aber, aber, – was ist denn das?! Da haben wir's – jetzt hat uns dieses
zweite Ungeheuer beinahe alle Lebenskräfte entrissen, bis wir's erlegt und
gefangengenommen haben und hierher geschleppt; während solcher wahren
Millionmühe aber ist der erste Fang zum Plunder gegangen! Mir ist es wohl
vorgekommen, als hätten wir es ein wenig zu locker befestigt!
[BM.01_018,29]
Ei, ei, das ist doch fatal! Soviel Mühe hat uns die Bestie gemacht, und jetzt
haben wir erst nichts für alle unsere Gefahr und Mühe! Liebe Freunde, diese
Beute müssen wir schon etwas mehr befestigen, sonst geht sie uns auch zum
Plunder, so wir etwa wieder auf einen neuen Fang ausgehen werden!“
[BM.01_018,30]
Spricht Petrus: „Sorge dich um nichts – der erste Fisch ist schon versorgt!
Denn hier gibt es noch mehr Arbeiter, die schon wissen, was sie zu tun haben,
so wir ihnen einen Fang ans Ufer stellen! Nun aber, da wir uns bereits am Ufer
befinden, springe schnell hinaus und mache das Schiff fest. Ich und der Herr
Meister aber werden die große Beute ans Ufer ziehen!“
[BM.01_018,31]
Bischof Martin, etwas verblüfft, tut sogleich, was ihm Petrus sagt; wir aber
tun vor seinen Augen, was ihm Petrus sagte.
[BM.01_018,32]
Die zweite Beute ist nun auch befestigt, und Ich spreche: „Da dieser Fang so
gelungen ist, so haben wir damit eine Hauptarbeit beendet; daher laßt uns nun
hier am Ufer mit den Tauchbären die kleineren Fische aus dem Wasser heben und
ans Ufer werfen! Denn die zwei größten Ungeheuer haben wir erlegt, und es wird
dergleichen nicht mehr geben in diesem Gewässer; darum gehen wir nun
unverdrossen an diese leichtere Arbeit! Treten wir nur wieder ins Schiff und
versuchen, wie es mit dem Kleinfischfang gehen wird!“
[BM.01_018,33]
So geschieht, wie Ich angeordnet habe. Die beiden stoßen die Tauchbären ins
Wasser und Ich leite das Schiff. Die Arbeit geht gut vonstatten: jeder Zug
füllt die Tauchbären mit allerlei Fischen, die die beiden behende ans Ufer
hinausschleudern; die Fische aber, so sie das Ufer berühren, werden alsbald
zunichte. –
19. Kapitel –
Bischof Martins Bedenken über die vergebliche Arbeit – Petrus' gute Erwiderung
unter Hinweis auf die leeren, geistlosen Verrichtungen eines römischen
Bischofs.
[BM.01_019,01]
Dieses Zunichtewerden der Fische fängt, je länger es dauert, desto mehr den
Bischof Martin zu genieren an, so daß er nun schon ärgerlich wird und bei sich
zu murmeln anfängt: „Ist aber das eine blitzdumme närrische Arbeit! Ich bin
schon beinahe ganz hin vor lauter Fischeherausheben und
Hin-ans-Ufer-Schleudern, und das alles für nichts und wieder nichts! Denn es
bleibt ja keiner: ein jeder vergeht wie die Butter an der Sonne! Das wird etwa
doch merkwürdig dumm sein? Nein, ist aber das eine extraordinär blitzdumme
Arbeit!
[BM.01_019,02]
Ich muß doch einmal genauer nachsehen, wohin denn diese Fische so schnell
kommen! – Hm, hm, kann nichts bemerken! – Wieder ein Wurf von meinem Kollegen,
und nichts bleibt in diesem Reiche der Unvergänglichkeit! Eine schöne
Unvergänglichkeit – das! Auf der Erde bleibt von dem Dagewesenen wenigstens
nicht viel übrig; aber von gar nichts ist da keine Rede so wie hier, denn hier
bleibt von dem einmal Daseienden gar nichts zurück!
[BM.01_019,03]
Ich habe mich schon so etwa auf einen heißen abgesottenen Lachs, Stör oder
sonst einen Fisch gefreut. Aber bei der alles verzehrenden Schärfe dieser
Geisterweltluft, die für die Fische sehr eingenommen zu sein scheint, wird
damit enorm wenig herausschauen! Ich habe zwar freilich noch eigentlich keinen
Hunger; aber ein ziemlich fühlbares Appetitchen wandelt mich dennoch an, und
der Gedanke an einen heiß abgesottenen Lachs macht mir den ganzen Mund wässrig!
[BM.01_019,04]
Es ist zwar hier um eine ganze Million besser, als da war mein früherer Stand;
aber diese luftige Fischerarbeit wird sich für die ganze Ewigkeit auch nicht
übel machen! Es ist auch merkwürdig, wie es hier schon lange morgendämmert;
aber von einer Sonne, die da aufgehen soll, kommt nichts zum Vorschein!
[BM.01_019,05]
Sonderbare Welt, sonderbares Sein! Man kann's nehmen und betrachten, wie man's
will, so ist's und bleibt's dumm! Diese meine einzigen Freunde sind zwar sehr
weise in ihren Worten, aber dafür desto dümmer im Handeln! Man nehme nur diese
ganz zwecklose Fischerei an! Was ist das doch für eine läppisch-tolle Arbeit,
und doch betreiben sie diese zwei, als wenn das Heil der Ewigkeit davon
abhinge! Aber was will ich machen? Was Besseres habe ich nicht zu erwarten, und
so muß es in Gott's Namen gut sein! Daher nur lustig diese Luftfische
herausgefischt; vielleicht wird nachher doch wieder etwas anderes zum
Vorscheine kommen!
[BM.01_019,06]
Petrus fragt den Bischof Martin: „Was murmelst du denn so in dich hinein? Bist
etwa schon müde?“
[BM.01_019,07]
Spricht Bischof Martin: „Müde, Freund, bin ich gerade nicht. Aber ich muß dir
offen gestehen, daß mir diese Arbeit denn doch ein bißchen spaßig vorkommt,
trotzdem ich mehr als überzeugt bin, daß du und besonders unser Meister sehr
weise Männer seid!
[BM.01_019,08]
Schau, schau, – nun arbeiten wir schon eine ziemlich geraume Zeit bloß für die
Luft, oder noch besser für nichts! Der erste große Fisch ist beim Plunder, und
der zweite zehnköpfige? Ich seh' nichts mehr von ihm! Diese Kleinfische werden
von der Luft schon eher verzehrt, als sie noch den Boden berühren! Frage: wozu
ist solch eine leere Arbeit wohl gut?
[BM.01_019,09]
Ich erkenne euch wohl als sehr weise Männer, und es wird diese Arbeit wohl auch
einen sehr weisen Zweck haben. Aber laßt mich doch auch ein bißchen erfahren,
warum wir diese anscheinend höchst leere Arbeit verrichten, wozu das eigentlich
gut ist oder sein wird!“
[BM.01_019,10]
Spricht Petrus: „Schau, schau, lieber Freund und Bruder! Als du auf der Welt
ein Bischof warst, sage: wie viel noch leerere Arbeiten hast du verrichtet?
Hätte dich aber wohl jemand fragen dürfen, wozu sie in Wahrheit gut wären und
ob an ihnen wohl in Wirklichkeit etwas gelegen wäre – z.B. an der Glockentaufe,
Orgelweihe, an den verschiedenartigen sogenannten priesterlichen Gewändern?
[BM.01_019,11]
Welche Bedeutung und Kraft hätte die Impfel, der Mantel, der Chorrock, die
Stole, das Meßgewand, das Predigerhemd, das Quadratel und tausend derlei Dinge
mehr? Welche Kraft liegt etwa in den verschiedenartigsten Mönchskutten? Warum
ist ein und derselben Mariä Bild wundertätiger als das andere? Warum ist der
Florian fürs Feuer und warum Johann Nepomuk fürs Wasser, da doch beide ins
Wasser geworfen wurden: der eine in Oberösterreich bei Linz in die Donau, der
andere in Böhmen zu Prag in die Moldau?
[BM.01_019,12]
Warum ist unter den vierzehn Nothelfern Jesus nicht auch vorfindlich? Und warum
wird in der heiligen Bitt-für-uns-Litanei von den Menschen zuerst Gottes
Barmherzigkeit angerufen, da sich nachher die Betenden dennoch an die Heiligen
um Fürbitte wenden? Warum wenden sie sich zuerst an Gott und nachher erst an
die Heiligen? Wollen sie etwa Gott bewegen, die Heiligen anzuhören? Können sie
aber gleich anfangs Gott bewegen, wozu rufen sie dann die Heiligen an?
[BM.01_019,13]
Warum wird im sogenannten Rosenkranze Maria zehnmal und Gott nur einmal mit des
Herrn Gebet angerufen? Warum sind in einer Kirche große, kleine, hölzerne und
metallene Kruzifixe im Überfluß vorhanden, und warum wenigstens noch einmal
soviel Marias in allen möglichen Formen?
[BM.01_019,14]
Was ist zwischen einem feierlichen Amte und zwischen einer gemeinen stillen
Messe für den Geist für ein Unterschied? Wann hat Christus, Petrus oder Paulus
dieses, im Geldpreise verschieden hochstehende sogenannte unblutige Opfer
eingesetzt? Wie muß das Herz Gottes beschaffen sein, daß es ein höchstes
Wohlgefallen haben kann, Seinen Sohn täglich millionenmal abschlachten zu
sehen?
[BM.01_019,15]
Schau, schau, du mein lieber Freund, eine Unzahl so ganz leerer und vollkommen
geistloser Verrichtungen vollführtest du in der Welt, ohne selbst nur im
geringsten daran zu glauben! Und doch ist dir bei solch leerer Fischerei nie
eingefallen, wenigstens dich selbst zu fragen: ,Wozu solch leere Arbeit?‘ Sie
ist dir bezahlt worden, wirst du sagen! Gut, auch hier brauchst du nicht
umsonst arbeiten! Was willst du denn da noch mehr?
[BM.01_019,16]
Ich aber sage dir, diese Arbeit ist bei weitem nicht so gehaltlos, wie da war
deine irdische! Darum murmle künftig nicht mehr in dich hinein, sondern rede
offen, was dich drückt, da werden wir mit unserer Leerfischerei bald zu Ende
sein! Aber so du noch lange so einen römischen Geheimniskrämer machen wirst,
werden wir auch noch lange zu fischen haben; und der Fang wird noch lange so
zunichte werden gleich unserer Belehrung in deinem Herzen! – Verstehe das! Nun
nimm wieder deinen Tauchbären zur Hand und arbeite fortan unverdrossen!“
20. Kapitel –
Die geistige Entsprechung der Fischjagd. Die Zusammensetzung der Seele. Martins
Entschuldigungen und des Herrn zurechtweisende Worte.
[BM.01_020,01]
Der Bischof tut, wie ihm geraten ward, und spricht: „So, jetzt ist mir schon
wieder leichter, wenn ich nun ein bißchen weiß, warum ich etwas tue und wozu so
ein leerscheinendes Tun am Ende doch noch gut ist!
[BM.01_020,02]
Soviel ich aus deinen Worten habe entziffern können, stellen diese Fische meine
Dummheiten vor: die großen meine Kardinal- und die kleineren die Unzahl meiner
geringeren Torheiten. Aber wie diese meine verschiedenartigsten Lumpereien zu
großen und kleinen Fischen dieses Meeres geworden sind, das bringe ich nicht
heraus!
[BM.01_020,03]
Dieses Meer wird sicher von der Sündflut herstammen, deren Gewässer auch die
schwere Menge der menschlichen Todsünden in sich aufgenommen hat, worunter sich
auch die meinigen anticipando befunden haben? Auf diese Art kann ich mir die
Sache wohl ein wenig versinnlichen, aber anders geht es durchaus nicht!
[BM.01_020,04]
Warum sich die Sünden aber hier in diesem barsten Sündflutwasser gerade als
allerlei Fische reproduzieren, das natürlich geht über den äußerst beschränkten
Horizont meiner Erkenntnisse! Der Allmächtige aber, der dieses alte
Sündflutgewässer in diesem ewig endlosen Becken für die Geisterwelt aufbewahrt
hat, wird davon den Grund sicher klarst einsehen!
[BM.01_020,05]
Daher will ich nun nicht mehr weiter forschen, sondern bloß fleißig fischen,
auf daß mein Sündenanteil ehest möglich aus diesem Gewässer möchte gehoben
werden!“
[BM.01_020,06]
Nun rede Ich: „Recht also, sei nur fleißig, Freund! Siehe, auf einen Hieb fällt
kein Baum, aber mit Geduld läßt sich am Ende alles überwinden! Es ist zwar hier
nicht Noahs Gewässer, und noch weniger sind die Fische, die wir hier
herausheben, als deine Anticipationssünden in der Noachischen Sündflut zu
betrachten. Aber eine Sündflut ist dies Gewässer wohl, doch nicht aus deinen
anticipierten, sondern aus all deinen wirklich auf der Welt begangenen Sünden
hervorgehend!
[BM.01_020,07]
Daß sich aber deine Sünden in allerlei Fischgestalten ausnehmen und in Gestalt
anderer seeischer Ungeheuer großer und kleiner Art, hat darin seinen Grund,
weil jede Sünde eine Untüchtigkeit der Seele hervorruft. Und diese zerteilt in
ihr die endlos vielen zerrissenen Vorbestände, die im Wasser den Anfang nehmen
und im Feuer der Liebe Gottes im Menschenherzen vollendet werden zu einem
vollkommen gottähnlichen Ebenmaße.
[BM.01_020,08]
Es war aber physisch deine Seele wohl komplett in deinem Leibe zur
Menschengestaltung dir gegeben auf der Welt in deinen Kinderjahren. Da du aber
nicht nach der Ordnung Gottes lebtest, sondern nach der tierischen nur, aus der
die Seele ursprünglich zusammengesetzt ist, so verlorst du denn auch sehr viel
von und an deiner Seele. Und siehe, dieses Verlorene müssen wir nun wieder aus
den Fluten deiner Sünden herausheben und damit deine Seele einmal plastisch
ganz machen! Ist dies geschehen, dann erst werden wir können für deinen Geist
und für dessen Einung mit dir Sorge tragen! Darum sei nun fleißig und geduldig,
so wirst du bald einsehen, was hier ein rechter Lotse zu tun hat!
[BM.01_020,09]
Da diese Seetiere aber hier deine Taten vorstellen, die pur Sünden waren, so
vergehen sie auch, so sie heraus ans Gotteslicht gehoben werden. Und es kommt
zur Erscheinung, wie geschrieben steht:
[BM.01_020,10]
,Das Reich Gottes ist zu vergleichen einem Fischer, der viele Fische in sein
Netz fing. Da er aber das Netz aus der Flut zog, da behielt er die guten; die
schlechten aber ließ er wieder ins Meer zurückwerfen zum Verderben.‘
[BM.01_020,11]
Wir aber haben nun schon sehr viele deiner Taten als Fische aller Art
hervorgehoben, und siehe, sie haben keinen Bestand im Gotteslichte! Was ist das
aber? – Weil du sie verzehrst ob deiner zerstörten Seele, auf daß diese wieder
zu ihrer Vollgestalt gelange!
[BM.01_020,12]
Wann aber wird es in deinem Gewässer wohl auch bleibende Taten geben? Suche,
daß dein Herz voll werde, und erwache in der Liebe! Solange du nicht Liebe zu
Gott in dir verspüren wirst, wird es noch sehr viel leere Arbeit geben für
deine Hände!
[BM.01_020,13]
Dies merke dir nun und wisse, wo es am Ende hinaus muß. So wirst du in rechter
Reue und Demut und Geduld arbeiten, um zu einem wirklichen Ziele zu gelangen
und dadurch zum klaren Schauen und zum eigenen wahren Gerichte – und aus dem
zur Gnade. Es sei!“
[BM.01_020,14]
Bischof Martin denkt über diese Worte nach und arbeitet dabei fort. Nach einer
Weile aber wendet er sich wieder an Mich und spricht: „Höre, du lieber Meister,
der du mein irdisch Leben zu durchblicken vermagst wie der Goldschmied einen
Diamanten, du kommst mir zwar deinem Charakter nach sehr liebreich vor; aber in
der gerechten Rüge bist du schonungsloser als die nackteste Wahrheit selbst!
[BM.01_020,15]
Freilich ist nur zu wahr, daß all mein Tun und Lassen vor Gott dem Herrn schon
darum ein Greuel sein muß, weil ich durch mein ganzes irdisches Leben mich nur
in lauter Falschem bewegt habe und zum Teil auch bewegen habe müssen. Somit
konnten auch alle meine Handlungen unmöglich anders als schlecht sein, was ich
nun klar einsehe! Aber das – und so du selbst ein Engel wärest – mußt du mir denn
doch zugeben: daß der Mensch, als durchaus nicht sein eigenes Werk mit den
seltensten Neigungen begabt, doch unmöglich an all seinen Mängeln und Gebrechen
die Schuld tragen kann; man sollte ihm sonach auch nicht absolut alles zur Last
legen!
[BM.01_020,16]
Hätte ich mich selbst erschaffen und darauf selbst erzogen, da wäre ich der
eigentliche Grund jeder von mir verübten Handlung und könnte dafür zur vollsten
Genugtuung angehalten und mit allem Rechte verurteilt werden. Aber so geradeweg
jede meiner Taten darum verdammen und ihnen den Todsündenstempel aufdrücken,
weil ich sie beging – das kommt mir, wennschon gerade nicht ungerecht, aber
doch etwas zu hart vor!
[BM.01_020,17]
Wenn der Sohn eines Räubers wieder ein Räuber wird, weil er nie etwas anderes
gesehen, gehört und gelernt hat als rauben und morden – Frage: Kann ihm allein,
streng genommen, seine an sich freilich greuelhafteste Handlungsweise zur Sünde
gerechnet werden?
[BM.01_020,18]
Oder kann der Tiger verdammt werden, weil er so grausam und blutdürstig ist?
Wer gab der Viper und der Ringelnatter das tötende Gift?
[BM.01_020,19]
Was kann der Buschklepper des heißen Afrika dafür, daß er Menschen ißt, so er
welche erjagen kann? Warum steigt kein Engel, auch kein anderer guter Geist,
aus den Himmeln und belehrt ihn eines Besseren? Oder soll Gott im Ernste einige
Billionen Menschen lediglich für die Verdammnis erschaffen haben – was doch
sicher die endloseste Tyrannei wäre?
[BM.01_020,20]
Ich meine daher: Jedem das Seinige, aber nicht auch das Fremde, an dem er
unmöglich je die Schuld tragen kann!“
[BM.01_020,21]
Rede wieder Ich: „Freund, du tust mit deiner Gegenrede Mir groß Unrecht! Siehst
du denn nicht, daß wir diese Arbeit dich eben darum nicht allein verrichten
lassen, weil Ich in dir schon lange deine stoischen Rechtsgrundsätze kenne?
[BM.01_020,22]
Siehe, was deiner vermeintlich vernachlässigten Erziehung zur Last fällt, das
hat nun Bruder Petrus auf sich genommen. Und was dem Schöpfer du zur Last
legst, das habe Ich auf Meine Schulter genommen!
[BM.01_020,23]
Glaubst du aber für deinen Teil wirklich ganz schuldlos zu sein? Kannst du
solches behaupten? Hast du nicht Gottes Gebote kennengelernt, wie auch ganz
bestimmt die irdischen Gesetze für bürgerliche Ordnung? Warst du nicht da und
da und wußtest, daß du eine Sünde vorhast?!
[BM.01_020,24]
Als dich das Gewissen mahnte, so ließest du aber dennoch nicht ab, sondern
tatest wider dein lautes Gewissen Böses! Frage: War daran auch die Erziehung
und der Schöpfer schuld?
[BM.01_020,25]
So du hartherzig gegen Arme warst, da doch deine irdischen Eltern wahre Muster
der Freigebigkeit waren, sage: war daran die Erziehung der Schuldträger?
[BM.01_020,26]
So du über einen Aar herrschsüchtig geworden bist, während deine Eltern von
ganzem Herzen demütig waren, wie es das Wort Gottes verlangt, sage: war auch
daran die Erziehung oder gar der Schöpfer schuld?
[BM.01_020,27]
Siehe, wie unrecht du dem Schöpfer tust! Erkenne das, und sei demütig; denn mit
aller deiner Entschuldigung wirst du bei Gott ewig nicht auslangen, da alle
Haare gewogen sind! Liebe Gott über alles und deine Brüder, so wirst du die
rechte Gerechtigkeit finden! Es sei!“
21. Kapitel –
Philosophisch dumme Ausrede Bischof Martins. Ein liebfreundlicher und
göttlichernster Gewissensspiegel.
[BM.01_021,01]
Spricht Bischof Martin: „Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich
selbst, wäre schon recht, wenn man nur wüßte, wie man das anstellen soll! Denn
Gott sollte man mit der reinsten Liebe lieben, desgleichen womöglich auch den
Nächsten; aber woher sollte unsereiner eine solche Liebe nehmen, wodurch sie in
sich erwecken?
[BM.01_021,02]
Ich kenne wohl das Gefühl der Freundschaft und kenne auch die Liebe zum
weiblichen Geschlechte; auch kenne ich die interessierte Kinderliebe zu ihren
Eltern; nur die Liebe der Eltern zu ihren Kindern kenne ich nicht! Kann aber
die Gottliebe einer von diesen erwähnten Liebesarten gleichen, die alle auf den
unlautersten Füßen basiert sind, indem sie nur auf Geschöpfe gerichtet sind?
[BM.01_021,03]
Ich behaupte sogar: der Mensch als ein Geschöpf kann Gott als seinen Schöpfer
ebensowenig lieben wie ein Uhrwerk seinen Urheber! Denn dazu gehörte die
vollkommenste göttliche Freiheit, der sich höchstens die freiesten Erzengel
rühmen können, um Gott Seiner Heiligkeit wegen würdig lieben zu können! Wo aber
ist der auf der untersten, unheiligsten Stufe stehende Mensch und wo die
vollste göttliche Freiheit?
[BM.01_021,04]
Es müßte nur Gott gefallen, Sich von Seinen Geschöpfen so lieben zu lassen, wie
sie sich untereinander lieben: wie die Kinder ihre Eltern, oder wie ein
Jüngling seine schöne Maid, oder wie ein rechter Bruder den anderen, oder auch
wie ein armer Mensch seinen höchst uninteressierten Wohltäter, oder wie ein
Regent seinen Thron, oder wie ein jeder Mensch sich selbst!
[BM.01_021,05]
Dazu aber fehlt das sichtbare Objekt, ja sogar die Fähigkeit, sich dies
erhabenste Objekt auf irgendeine Art vorstellen zu können! – Wie sieht Gott
aus? Wer von den Menschen hat Gott je gesehen? Wer Ihn gesprochen? Wie aber
kann man ein Wesen lieben, von dem man sich aber auch nicht den allerleisesten
Begriff machen kann! Ein Wesen, das da nicht einmal historisch, sondern
lediglich nur mythisch existiert unter allerlei mystisch poetischen
Ausschmückungen, welche mit einer altjüdischen scharfen Moral allenthalben
unterspickt sind!“
[BM.01_021,06]
Nun rede Ich: „Freund, Ich sage dir, mit diesem unsinnigen Gewäsch könntest du
wohl nie auch nur einen Faden deines schmutzigsten Gewandes reinwaschen! Du
hattest auf der Welt Objekte genug! Da waren Arme die Menge, Witwen, Waisen,
eine Menge anderer Notleidender! Warum liebtest du sie nicht – und hattest doch
Liebe genug, dich selbst über alles zu lieben?!
[BM.01_021,07]
Deine eigenen Eltern liebtest du nur der Gaben wegen; gaben sie dir aber zu
wenig, so wünschtest du ihnen nichts sehnlicher als den Tod, um sie dann zu
beerben!
[BM.01_021,08]
Deine untergeordneten Pfarrer liebtest du, so sie dir fleißig reichliche Opfer
einsandten; blieben diese aus, da warst du bald ihr unerbittlichster Tyrann!
[BM.01_021,09]
Die reichen und viel opfernden Schafe segnetest du; die armen aber, die daher
nur wenig oder nichts opfern konnten, wurden von dir mit der Hölle abgespeist!
[BM.01_021,10]
Die Witwen liebtest du wohl, so sie noch jung, schön und reich waren und sich
zu allem herbeiließen, was dir angenehm war, ebenso üppige, honette weibliche
Waisen von 16 bis 20 Jahren!
[BM.01_021,11]
Siehe, bei der Liebe so gestalteter Objekte ist es freilich unmöglich, sich zur
geistigen Anschauung und Liebe des allerhöchsten und aller Liebe würdigsten
Objektes zu erheben!
[BM.01_021,12]
Hattest du doch das Evangelium, die erhabenste Lehre Jesu, des Christus, als
die Hauptlebensschule – warum versuchtest du nicht wenigstens einmal in deinem
Leben, nur einen Text praktisch anzuwenden, auf daß du dann erfahren hättest,
von wem diese Lehre ist?
[BM.01_021,13]
Heißt es nicht darinnen: ,Wer Mein Wort hört und danach lebt, der ist es, der
Mich liebt; zu dem werde Ich kommen und werde Mich Ihm Selbst offenbaren!‘
[BM.01_021,14]
Siehe, hättest du je nur einen Text an dir praktisch versucht, so würdest du
dich wohl überzeugt haben, daß fürs erste die Lehre von Gott ist. Und fürs
zweite wäre dir auch dadurch die Objektivität Gottes beschaulich geworden wie
vielen Tausenden, die viel geringere Menschen waren als du!
[BM.01_021,15]
So steht auch geschrieben: ,Suchet, so werdet ihr's finden; bittet, so wird
euch's gegeben, und klopfet an, so wird's euch aufgetan!‘ – Tatest du je etwas
davon?
[BM.01_021,16]
Siehe, weil du von alledem nie etwas getan hast, so konntest du über Gott auch
nie zu einer geistigen Anschauung gelangen. Es ist daher höchst widersinnig von
dir, so du darum für Gott keine Liebe findest, weil Er dir nie zu einem Objekte
geworden ist – da Er dir doch zum Objekte hätte werden müssen, so du nur im
geringsten für diesen Zweck etwas getan hättest!
[BM.01_021,17]
Ich frage dich aber auch, unter welchem Bilde hättest du Gott wohl mit deiner
schmutzigsten Liebe ergreifen können, das deinem steinernen Herzen einige
Funken hätte zu entlocken vermögen zur Belebung eben solchen Gottesbildes in
dir? Siehe, du schweigst; Ich aber will es dir zeigen!
[BM.01_021,18]
Höre: Gott müßte entweder des schönsten weiblichen Geschlechtes sein, dir die
größte Macht und den größten Glanz verleihen und daneben dir noch gestatten,
die schönsten Mädchen mit nie schwächer werdender Manneskraft zu beschlafen;
und dir überhaupt alles gönnen, was dir deine Einbildungskraft als angenehm
darstellete, ja womöglich dir am Ende sogar die Gottwesenheit rein abtreten, auf
daß du dann mit der ganzen unendlichen Schöpfung nach deinem Belieben sozusagen
,Schindluder treiben‘ könntest!
[BM.01_021,19]
Siehe, nur unter solcher Objektivität wäre dir die Gottheit liebenswert. Aber
unter dem Bilde des armen gekreuzigten Jesus war dir der Begriff ,Gottheit‘
unerträglich, widerlich, ja verächtlich sogar!
[BM.01_021,20]
Unter solchen Umständen mußt du nun freilich fragen, wie man Gott lieben solle,
und zwar mit reinster Gottes würdiger Liebe! Der Grund davon ist – wie gezeigt
– kein anderer denn der: du wolltest Gott nie erkennen und also auch nie
lieben! Darum tatest du auch nichts, aus Furcht, es möchte ein besserer Geist
in dich fahren, der dich zur Demut, zur Nächstenliebe und daraus zur wahren
Erkenntnis und Liebe Gottes geleitet hätte!
[BM.01_021,21]
Siehe, das ist der eigentliche Grund, demzufolge du nun fragst, wie man Gott
lieben solle und könne! So du aber schon deine Brüder nicht liebst, die du
siehst und trotzdem nicht lieben magst, wie solltest du Gott lieben, den du
noch nicht siehst, weil du Ihn nicht sehen willst!
[BM.01_021,22]
Siehe, wir beide sind dir nun die größten Freunde und Brüder, und du verachtest
uns fortwährend in deinem Herzen, obgleich wir dir helfen wollen und dich
durchschauen auf ein Haar! Darum wende dein Herz! Fange an, uns als deine
Wohltäter zu lieben, so wirst du auch ohne deine dümmste Philosophie den Weg
zum Herzen Gottes finden, wie es recht ist und sich geziemt! Es sei!“
[BM.01_021,23]
Spricht wieder Bischof Martin: „Ja, ja, mein Gott ja, du hast schon recht, ich
liebe euch und schätze euch überaus ob eurer Weisheit und ob der damit
vereinten Kraft, Liebe, Geduld und Ausharrung! Möchtest du, mein liebster
Freund, mit mir aber dennoch nur so reden, daß ich aus deiner Rede nicht
allzeit meine Fluchwürdigkeit in aller Fülle und Schwere erschauete, so wäre
ich ohnehin schon lange förmlich verliebt in dich! Aber eben deine
durchdringlichste Wortschärfe erfüllt mich eher mit einer Art geheimer Furcht
als mit Liebe zu dir und deinem Freunde Petrus! Rede sonach schonender mit mir,
und ich werde dich dann aus allen meinen Kräften lieben!“
[BM.01_021,24]
Rede Ich: „Freund, was verlangst du von Mir, daß ich dir's nicht angedeihen
ließe im höchsten Vollmaße, ohne von dir dazu aufgefordert zu werden?! Meinst
du denn, daß nur ein Schmeichelredner ein wahrer Freund ist oder einer, der
sich aus lauter Ehrfurcht nicht getraut, die Wahrheit jemandem unters Gesicht
zu bringen? Oh, da bist du in großer Irre!
[BM.01_021,25]
Du bist einer, an dem kein gutes Härchen irgendwo steht! Kein edles Werk der
Liebe ziert dich! Hast du je etwas getan, das vor der Welt wie liebedel schien,
so war es aber dennoch eitel Böses. Denn all dein Tun war nichts als eine arge
Politik, hinter der irgendein geheimer herrschsüchtiger Plan verborgen lag!
[BM.01_021,26]
Gabst du irgend jemandem ein karges Almosen, so mußte davon nahezu der ganze
Erdkreis Notiz nehmen. Sage, war das evangelisch, wo die Rechte nicht wissen soll,
was die Linke tut?
[BM.01_021,27]
Gabst du jemandem einen sogenannten kirchlichen guten Rat, so war auch der
allzeit so gestellt, daß am Ende dessen Wasser dennoch auf deine Mühle laufen
mußte!
[BM.01_021,28]
Zeigtest du dich herablassend, so geschah es nur, um den unten Stehenden so
recht anschaulich deine Höhe einzuprägen!
[BM.01_021,29]
War sanft der Ton deiner Rede, so wolltest du damit das erreichen, was da zu
erreichen suchen die Sirenen mit ihrem Gesang und die Hyänen mit ihrer Weinerei
hinter einem Busche! Du warst fortwährend ein gierigstes Raubtier!
[BM.01_021,30]
Kurz und gut, wie schon gesagt, an dir war auch nicht ein gutes Haar, und du
befandest dich schon Hals über Kopf vollkommen in der Hölle! Gott der Herr aber
erbarmte sich deiner, ergriff dich und will dich frei machen von all den
Höllenbanden! Meinst du wohl, daß solches möglich sein könne, ohne dir zu
zeigen, wie du beschaffen bist?!
[BM.01_021,31]
Oder hast du auf der Erde nie gesehen, was die Uhrmacher mit einer verdorbenen
Uhr machen, wenn diese wieder gut und brauchbar werden soll? Siehe, sie
zerlegen sie in die kleinsten Teile, aus denen sie zusammengesetzt ist,
untersuchen da jedes Stückchen sorgfältigst und reinigen es, machen das Krumme
gerade, feilen das Rauhe hinweg und ergänzen, wo irgend etwas fehlt, und setzen
am Ende das Werk wieder zusammen, auf daß es wieder wirkend entspräche seiner
Bestimmung! Meinst du wohl, daß solch eine ganz verdorbene Uhr zum Gehen käme,
so der Uhrmacher bloß ihr Äußeres recht blank putzte, das Innere aber beließe,
wie es ist?
[BM.01_021,32]
Ebenso aber bist auch du ein Uhrwerk, in dem auch nicht eines Rades Zahn in der
Ordnung ist! Sollst du gebessert werden, so mußt du auch zerlegt werden in
allem deinem verdorbenen Wesen! Es muß alles heraus ans Licht der ewigen
unbestechlichsten Wahrheit, auf daß du dich selbst beschauen kannst und sehen,
was alles in und an dir völlig verdorben ist!
[BM.01_021,33]
Hast du erst alle deine Gebrechen erkannt, dann erst kann die Raspel, die
Feile, die Zange und endlich auch eine Putz- und Polierbürste angelegt werden,
um aus dir wieder einen Menschen in der Ordnung Gottes zu gestalten. Und zwar
einen ganz neuen Menschen; denn dein jetziger Mensch, wie du selbst es nun
bist, ist dazu völlig unbrauchbar!
[BM.01_021,34]
So Ich nun aber all das an dir tue, sage: verdiene Ich da nicht deine Liebe?“
22. Kapitel –
Bischof Martins demütige Selbsterkenntnis und seiner Liebe Erwachen. Die
verwandelte Gegend. Der Palast und sein schmutziges Inneres.
[BM.01_022,01]
Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, du hast völlig recht, teuerster Freund! Nun
gehen mir erst die Augen so ganz eigentlich ein wenig auf. Auch empfinde ich
nun rechte Liebe in mir, – ja ich liebe dich nun von ganzem Herzen! O laß dich
an mein Herz drücken, denn ich sehe nun, wie arg und dumm ich war und noch bin,
und wie wahrhaft gut du es mit mir meinst! O du herrlichster Freund, und du
auch, mein erster Führer, vergib mir meine große, roheste Blindheit! –
[BM.01_022,02]
Aber, aber, was ist denn das?! Wo ist denn nun das Meer hingekommen, wohin
unser Schiff? Es ist hier ja alles trocken, das schönste Land! Ach, diese
herrlichen Fluren, dieser wunderschöne Garten, und dort, wo ehedem die Hütte
stand, steht nun ein Palast von mir nie geschauter Pracht! – Ja wie, wie ist denn
das geschehen?“
[BM.01_022,03]
Rede Ich: „Siehe, Bruder, das gebar schon ein kleinster Funke rechter Liebe zu
uns, deinen Brüdern und Freunden! Das Meer deiner Sünden trocknete er aus samt
all den bösen Wirkungen, und den Schlamm deines Herzens verwandelte er in ein
fruchtbares Land. Die ärmliche Hütte deiner Erkenntnis verwandelte dieser
Liebesfunke in einen Palast.
[BM.01_022,04]
Aber, wie herrlich dies auch alles schon aussieht, so ist dennoch nirgends noch
von einer reifen, genießbaren Frucht etwas zu entdecken. Alles gleicht noch
stark dem Feigenbaume, der keine Frucht hatte zur Zeit, da es den Herrn
hungerte nach des Feigenbaumes Frucht.
[BM.01_022,05]
Darum heißt es nun vollauf tätig sein und die einmal erwachte Liebe frei walten
lassen, wodurch dann diese Bäume ehestens Frucht tragen werden. Denn siehe, wie
auf der Welt alles im Lichte und in der Wärme der Sonne wächst und reift,
ebenso wächst und reift hier alles im Lichte und in der Liebe des Herzens des
Menschen! Des Menschen Herz ist die Sonne dieser Welt für ewig!
[BM.01_022,06]
Bald werden sich dir nun in dieser neuen, besseren Periode eine Menge
Gelegenheiten zeigen, dein Herz zu beschäftigen, seine Kraft zu erweitern und
zu stärken. Je mehr du es in der Liebe wirst walten lassen, desto mehr des
Segens wirst du in dieser Gegend auftauchen sehen!
[BM.01_022,07]
Komm aber nun mit uns in diesen Palast, darinnen werden wir erst das Nähere
deines neuen Zustandes besprechen. Du wirst von da aus auch bald eine Menge
Gelegenheiten entdecken, die alle dein Herz in vollsten Anspruch nehmen werden.
Komm also, Bruder, und folge uns beiden! Es sei!“
[BM.01_022,08]
Wir sind nun schon im Palaste, dessen Inneres bei weitem nicht so herrlich
aussieht wie sein Äußeres. Bischof Martin ist auch etwas frappiert, daß er sich
darob nicht enthalten kann, folgende satirische Bemerkung zu machen:
[BM.01_022,09]
„Nein, aber das heißt mir doch etwas fürs Gesicht herstellen! Von außen
Königspracht, und von innen Bettlertracht! Wer dies gemacht, hat schlecht
gedacht! Da sieht es ja gerade so aus, als so das Gebäude von innen noch gar
nicht ausgebaut wäre, sondern bloß nur von außen fürs Auge verputzt!
[BM.01_022,10]
Liebe Freunde, da muß ich euch offen gestehen: die frühere Hütte wäre mir um
eine ganze Million lieber! Ah, was es da noch Mist darinnen gibt! Hört, in
diesem Miste kann ich's, der ich die größte Reinlichkeit liebe, ja beinahe gar
nicht aushalten!
[BM.01_022,11]
Freunde, liebe Freunde, ich bitte euch, gehen wir sogleich wieder in das
herrliche Freie! Denn in diesen Mistgemächern wäre ich auch nicht eines guten
Gedankens fähig und könnte eher schlechter als besser werden; denn vor dem
Zimmermiste habe ich einen ganz absonderlichen Widerwillen!“
[BM.01_022,12]
Nun rede wieder Ich: „Höre, du lieber Bruder und Freund, wohl sehe Ich, daß dir
das Innere dieses Palastes nicht gefallen kann. Aber du wirst auch einsehen,
daß das Innere deines Herzens, das genau diesem Palaste entspricht, Gott dem
Herrn ebensowenig gefallen kann, wie deinen Augen diese unreinsten Gemächer!
[BM.01_022,13]
Du hast sicher auf der Welt unter den heidnischen Fabeln auch von des Herkules
zwölf schweren Arbeiten gehört, welche dieser Held verrichten mußte, um in die
Zahl der fabelhaften Götter aufgenommen zu werden? Unter diesen Arbeiten befand
sich auch die bekannte Stallreinigung!
[BM.01_022,14]
Was tat der fabelhafte Held Herkules? Siehe, er leitete einen ganzen Fluß durch
den großen Stall, und dieser hob alsbald allen Mist in wunderkürzester Zeit aus
dem Stalle!
[BM.01_022,15]
Ich aber sage dir: leite du auf gleiche Weise einen ganzen Strom der Liebe
durch den alten Sündenstall deines Herzens, so wird solch ein Strom auch am
geschwindesten mit diesem deinem Herzensmiste fertig werden!
[BM.01_022,16]
Als wir uns noch auf dem Meere befanden, das da aus deiner eigenen Sündflut
entstanden ist, da genügte ein Fünklein oder ein Tropfen der echten Liebe und
das Meer vertrocknete, und der Schlamm wurde in fruchtbares Erdreich verkehrt!
[BM.01_022,17]
Dies Fünklein, da es bei dir nur durch Meine Rede erzeugt wurde, also wie durch
ein äußeres Mittel, konnte daher auch nur das Äußere deines Herzens berühren
und es dadurch rein machen. Aber das Innere deines Herzens blieb noch, wie es
war: ein wahrer Augiasstall, der nur durch dich selbst gereinigt werden kann.
Und das, wie oben gesagt, durch einen ganzen Strom von rechter Liebe zu uns,
deinen Brüdern und größten Freunden, und auch zu denen, die dir bald hie und da
vors Gesicht treten werden und in Anspruch nehmen dein Herz!
[BM.01_022,18]
Da siehe zu diesem Fenster hinaus! Was siehst du dort in einiger Ferne von hier
gegen Mitternacht hin?“
23. Kapitel –
Bischof Martins erstes gutes Werk der Barmherzigkeit an den armen
Neuhinübergekommenen.
[BM.01_023,01]
Spricht Bischof Martin: „Ich sehe mehrere überaus zerlumpte Menschen
entsetzlich langsamen, hinkenden Schrittes wandeln. Sie scheinen kein Obdach zu
haben. Wahrscheinlich werden sie auch im Magen eine sehr bedeutende Leere haben
und ihr Herz dürfte gerade auch nicht von der heitersten Stimmung sein.
[BM.01_023,02]
Freund, mich erbarmen diese armseligsten Wanderer. Laß es mir zu, daß ich
hingehe und sie hierher führe, sie hier aufnehme und soviel als möglich gut
versorge! Sind diese Zimmer auch schmutzig, so werden sie ihnen dennoch sicher
dienlicher sein als jene frostigen und trüb aussehenden holprigen Pfade nach
jener mir wohlbekannten Richtung, bei deren Verfolg es immer schlechter wird!“
[BM.01_023,03]
Rede Ich: „Gut, recht gut, gehe und tue, was dir dein Herz gebietet. Aber das
muß dich nicht abschrecken, so du finden wirst, daß jene Wandler nicht deiner,
sondern lutherischer Konfession sind!“
[BM.01_023,04]
Spricht Bischof Martin: „Das ist mir freilich wohl ein wenig zuwider. Aber nun
ist schon alles eins, ob Luther, Mohammed, Jude oder Chinese! Kurz, was Mensch
ist, dem soll Hilfe werden!“
[BM.01_023,05]
Bischof Martin, noch in der gemeinen Landmannskleidung, empfiehlt sich nun und
eilt den Wandlern nach und ruft und schreit, daß sie seiner doch harren sollen.
Worauf die Wandler stehenbleiben und auf unsern Bischof Martin warten, um zu
erfahren, was er mit ihnen wolle. Denn diese sind auch erst von der Erde in der
Geisterwelt angelangt und wissen nun auch nicht, wo aus, wo ein.
[BM.01_023,06]
Nun hat unser Bischof Martin eben diese traurige Gesellschaft erreicht und
spricht zu ihr in einem sehr freundlichen Tone: „Liebe Freunde, wohin wollet
ihr euch denn da begeben? Ich bitte euch um Gottes willen, kehret um und folget
mir nach, sonst geht ihr alle zugrunde! Denn die Richtung, die ihr verfolget,
führt schnurgerade zu einem Abgrunde, der euch alle für ewig verschlingen wird!
[BM.01_023,07]
Ich aber bin hier mit noch zwei gar lieben Freunden ansässig, eine geraume Zeit
schon, und weiß, wie diese Gegend hier beschaffen ist, daher ich euch warnen
kann.
[BM.01_023,08]
Sehet aber dorthin gegen Mittag! Daselbst werdet ihr einen Palast erschauen,
der freilich von außen schöner als von innen aussieht, aber das macht
vorderhand nichts! Ein Obdach und auch ein Stückchen Brot werden wir darinnen
dennoch finden, was doch auf jeden Fall besser sein wird, als diesen ins
sichere Verderben führenden Weg fortwandeln! Besinnet euch daher nicht lange,
sondern kehret sogleich um und folget mir; bei Gott, es soll das euer Schade
nicht sein!“
[BM.01_023,09]
Einer von den Wandlern spricht: „Gut, wir wollen dir folgen. Aber das merke dir
im voraus, daß du uns in kein katholisches Haus bringst! Denn da wäre für uns
keines Bleibens, indem wir gegen nichts einen so starken Widerwillen haben als
gegen den über alle Pest stinkenden römischen Katholizismus, namentlich gegen
den Papst, gegen seine Bischöfe und gegen das über alles schlechte Mönchstum
der römischen Hure!“
[BM.01_023,10]
Spricht der Bischof Martin: „Was Papst, was Bischof, was Mönch, was Luther, was
Calvin, was Mohammed, was Moses, was Brahma, was Zoroaster?! Das gilt nur auf
der dummen Welt etwas; hier im Reiche der Seelen und Geister hören alle diese
irdischen dummen Unterschiede so gut wie ganz auf! Hier gibt es nur eine
Losung, und diese heißt Liebe! Mit dieser allein kommt man hier weiter; alles
andere zählt soviel wie nichts!
[BM.01_023,11]
Als ich auf der Welt war, war ich ein römischer Bischof und bildete mir was
Ungeheures darauf ein. Aber hier angelangt, lernte ich bald kennen, wie ganz
und gar nichts daran gelegen ist, was man auf der Welt war, sondern alles liegt
daran, was man auf der Welt getan hat und wie und unter welchen Bedingungen!
[BM.01_023,12]
Daher laßt auch ihr euch weder durch Luther, noch durch Calvin beirren, sondern
folget mir! Wahrlich, ihr sollet es nicht bereuen! Wird es euch bei mir aber
nicht behagen, so steht euch dieser Weg noch immer offen!“
[BM.01_023,13]
Spricht der Anführer dieser Gesellschaft: „Nun gut, du scheinst mir ein
ziemlich gescheiter Mann zu sein; daher wollen wir dir denn folgen in deine
Behausung! Aber das bitten wir uns schon im voraus aus, daß da unter uns ja nie
von der Religion etwas gesprochen wird; denn uns ekelt alles, was Religion
heißt, auf das allerwidrigste an!“
[BM.01_023,14]
Spricht der Bischof Martin: „Na, ist ja auch gut! Redet, wovon ihr reden wollt.
Nach und nach werden wir uns wohl hoffentlich noch besser kennenlernen, und ihr
werdet an mir durchaus nie etwas entdecken, was euch nur irgend im allergeringsten
beleidigen soll. Daher nur muntern und heitern Geistes aufgebrochen, und in
meiner und besonders meiner Freunde und Brüder Behausung Platz genommen!“
[BM.01_023,15]
Nun geht Bischof Martin voraus, und die ganze Karawane von 30 Köpfen folgt ihm,
und er führt sie geraden Weges dem Palaste zu und nun in denselben und da
sogleich zu Mir und Petrus. Als er da anlangt, spricht er voll Freude zu Mir:
[BM.01_023,16]
(Bischof Martin:) „Siehe, mein geliebter Freund und Bruder in Gott dem Herrn,
hier habe ich sie glücklich sämtlich hierher gebracht. Nun sei du von der Güte
und zeige mir an, in welchen Gemächern wir sie unterbringen werden. Dann werde
ich dich auch bitten um ein wenig Brot, auf daß sie sich stärken, denn sie
werden sicher schon sehr hungrig sein.“
[BM.01_023,17]
Rede Ich: „Dort, die Tür gegen Abend, da ist ein großes Zimmer gut
eingerichtet! Da werden sie schon alles finden, was ihnen irgend gebricht. Du
aber komme dann zurück, auf daß wir schnell an eine wichtige Arbeit gehen, die
keinen Aufschub leidet!“
[BM.01_023,18]
Bischof Martin tut, wie Ich es ihm anzeigte, und die Gesellschaft freut sich
sehr, als sie in das wohleingerichtete Zimmer tritt, das ihr Bischof Martin
anweist. Nach der Einlogierung aber kommt er schnell wieder und fragt, wo die
neue Arbeit wäre.
24. Kapitel –
Neue Arbeit Bischof Martins: Brandlöschen und Lebenretten! Aufnahme und
Einkleidung der Abgebrannten.
[BM.01_024,01]
Und Ich sage: „Siehst du dort gen Norden einen Brand? Dorthin müssen wir eilen
und dem Feuer Einhalt tun, sonst leidet diese ganze Gegend. Denn das geistig
böse Feuer ist viel um sich greifender denn das naturmäßig irdische. Darum nur
schnell auf die Füße!“
[BM.01_024,02]
Wir eilen nun dem Brande zu und haben ihn auch schon erreicht. Man sieht hier
ein höchst ärmliches Dorf, das ganz in Flammen steht, sowie eine Menge
ärmlichster, ganz nackter Menschen, die sich aus ihren brennenden Hütten auf
die Flucht machten. Aber inmitten des Dorfes steht ein etwas besseres Häuschen
mit einem Söller, auf dem sich fünf Menschen befinden und jämmerlich um Hilfe
rufen, indem die Flammen schon zu ihnen emporschlagen und sie im nächsten
Augenblick zu verschlingen drohen.
[BM.01_024,03]
Unser Bischof Martin ersieht das und schreit: „Freunde, um Gottes willen, wo
ist denn hier etwas wie eine Leiter, daß ich hinansteige zu diesen Ärmsten und
sie möglicherweise mit euerm Beistande noch rette?“
[BM.01_024,04]
Rede Ich: „Siehe, hier gerade zu unseren Füßen liegt so etwas! Nimm es und
mache damit deinem Herzen Luft!“
[BM.01_024,05]
Bischof Martin packt schnell die Leiter und läuft damit an das Häuschen mit dem
Söller, das schon ganz von Flammen umringt ist. Er lehnt sie an den Söller,
steigt mutig durch die Flammen hinauf und ladet da zwei schon zusammengesunkene
Menschen auf seine Schultern und trägt sie eilends hinab, während die drei
kräftigeren ihm jählings folgen. In einer Minute hat er wirklich fünf das
Seelenleben gerettet.
[BM.01_024,06]
Als er nun mit dieser Arbeit fertig ist, kommt er schnellstens wieder zu Mir
und spricht (Bischof Martin:) „O Gott sei Dank, daß mir diese Rettung gelungen
ist! Schon glaubte ich, daß mir diesmal mein Eifer ganz übel bekommen wird;
aber dennoch – Gott sei's gedankt! – hat es sich noch mit genauester Not getan.
[BM.01_024,07]
Ah, Freunde! Das war aber eine Hitze, Tausend, Tausend! Meine Haare müssen so
hübsch verkürzt worden sein? Aber das macht nichts, wenn nur diese Armen
gerettet sind! Die zwei haben freilich schon nahezu den Tod bekommen, und es
war wirklich die höchste Zeit, sie den Flammen zu entreißen. Aber sie leben nun
wieder frisch auf, und das, meine liebsten Freunde und Brüder, ist mir lieber,
als so ich jetzt wirklich in die Seligkeiten aller drei oder sieben Himmel
eingegangen wäre.
[BM.01_024,08]
Gelt, Brüder und Freunde! Diese armen von mir Geretteten und die vielen nun
Obdachlosen, die hier draußen an den Zäunen nackt herumkauern und wehklagen,
nehmen wir alle in unsern Palast auf! O liebe Brüder, wohl, wohl; gönnet mir
diese Freude!“
[BM.01_024,09]
Rede Ich: „Ja, freilich wohl, darum sind wir ja hauptsächlich hierher gekommen.
Aber nun müssen wir auch das Feuer ersticken. Ist dies geschehen, dann wollen
wir ganz fröhlich mit diesen Armen nach Hause ziehen. Darum legen wir nur
gleich die Hände ans Werk, daß das Feuer nicht noch mehr um sich greift!“
[BM.01_024,10]
Spricht Bischof Martin: „Wäre schon alles recht, wenn wir nun nur gleich so
einen kleinen Ozean bei der Hand hätten! Aber ich entdecke hier auch nicht
einen Tropfen Wasser. Ich meine, diese Geschichte wird etwas hart gehen ohne
Wasser?“
[BM.01_024,11]
Rede Ich: „Siehe, dort am Boden liegt ein Stab, ähnlich dem, den einst Moses
trug. Hebe ihn auf und stoße ihn gläubig in den Boden, und wir werden sogleich
Wasser in schwerer Menge haben; denn diese Gegend ist sehr sumpfig! Also tue!“
[BM.01_024,12]
Bischof Martin tut sogleich das Geratene und sofort springt ein starker Quell
aus dem Boden. Bischof Martin spricht: „So, so, wohl so – jetzt ist es schon
recht! Nun nur Gefäße her!“
[BM.01_024,13]
Rede Ich: „Freund, es ist genug! Das Wasser wird nun schon von selbst das
Rechte tun; denn dieser mächtige Quell wird dem Feuer bald über den Kopf
wachsen und es gehörig versorgen. Daher können wir uns mit unseren armen
Geretteten schon nach Hause begeben und dort ein wenig ausruhen und uns stärken
zu einem andern Geschäfte. Gehe nun und bringe sie alle zu Mir!“
[BM.01_024,14]
Bischof Martin geht heitersten Mutes und bringt alle die Armen herbei. Wir
begeben uns nach unserm Palaste, wo angelangt die Armen sogleich in ein anderes,
geräumiges Gemach untergebracht werden.
[BM.01_024,15]
Als sie nun im Zimmer sind, noch ganz nackt, zieht Bischof Martin gleich seinen
Bauernrock aus und hängt ihn um die Schultern desjenigen, der ihm am ärmsten
und schwächsten vorkommt. Und sein Leibchen gibt er einem andern, der ihn auch
sehr dauert, darob loben ihn alle.
[BM.01_024,16]
Er aber macht nun einen rechten Mann und spricht: „Meine lieben armen Freunde
und Brüder, nicht mich, sondern Gott und diese beiden Freunde preiset! Denn ich
bin selbst erst vor kurzem von ihnen hier aufgenommen worden und habe von ihnen
die größten Wohltaten empfangen. Ich selbst bin nur ein schlechtester Knecht
dieser Freunde der unglücklichen Menschen. Ich aber habe die größte Freude an
eurer Rettung, und diese Freude ist nun mein größter Lohn in mir selbst!“
[BM.01_024,17]
Rede Ich: „So ist es recht, Mein geliebter Bruder! So bist du aus einem Saulus
ein Paulus geworden. Fahre so fort, so wirst du Mir und Meinem Freunde und
Bruder bald würdig zur Seite stehen! Nun aber gehen wir in unser Gemach!“
25. Kapitel –
Unterschied des Denkens dies- und jenseits. Einführung in die lebendige
Entsprechungswissenschaft. Martins Tathunger und Erkenntnismüdigkeit.
[BM.01_025,01]
Wir kommen nun in unser Gemach, das zwar nicht im reichsten Glanze prunkt,
dessenungeachtet aber überaus geschmackvoll eingerichtet ist.
[BM.01_025,02]
Als Bischof Martin dieses Gemach betritt, erstaunt er sehr über die unerwartete
einfache Pracht desselben und spricht: „Aber liebste Freunde und Brüder, wer
hat denn während der kurzen Zeit unseres Ausbleibens dieses Gemach gereinigt
und so überaus zierlich hergestellt? Denn es war früher ja ordinärer als die
gemeinste Bauernstube. Auch die Fenster kommen mir viel größer vor und Tische
und Stühle so rein und geschmackvoll! O sagt mir doch, wie das zugegangen ist!“
[BM.01_025,03]
Rede Ich: „Lieber Bruder, das ging ganz einfach und natürlich vor. Siehe, so
jemand auf der Welt seine Wohnung ausschmücken will, faßt er einen Plan aus
seinem Verstande und läßt allerlei Handwerker und Künstler kommen, die nach
seinem Plane die Wohnung schmücken müssen.
[BM.01_025,04]
Diese Ausschmückung geht auf der Erde aber darum länger her, weil dort die
Trägheit der Materie, die erst bearbeitet werden muß, ein überaus hemmendes Medium
ist. Hier aber fällt dieses Hemmnis weg, und so wird der Plan des Verstandes
auch sogleich als ein vollbrachtes Werk dargestellt. Denn was hier ein
vollkommener Geist denkt und das Gedachte zugleich will, ist auch schon
vollendet so da, wie es gedacht wurde.
[BM.01_025,05]
Freilich ist hier in der ewigen Geisterwelt das Denken ein ganz anderes als auf
der Welt. Auf der Welt besteht das Denken aus Ideen und Bildern, welche den
Dingen der Welt und ihren Bewegungen und Veränderungen entnommen sind. Hier aber
besteht das Denken aus den Fähigkeiten des Geistes, die aus Gott in ihn gelegt
sind, so sie durch die Werktätigkeit der Liebe zu Gott und zum Nächsten geweckt
und mit dem Lichte aus Gott erleuchtet werden.
[BM.01_025,06]
Siehe, dieses Gemach besteht nun lediglich aus deiner nun schon frei
werktätigen Liebe zum Nächsten. Aber es ist noch ganz einfach zierlich, weil in
dir das Gotteslicht noch nicht Wurzel gefaßt und tief in dein Leben getrieben
hat. Wird bei dir auch das der Fall sein, dann wirst du dir dessen voll bewußt
sein und dir über alles selbst die genügendste Rechenschaft geben können. Aber
dazu gehört die rechte Erkenntnis Gottes, die dir noch mangelt, die du aber
bald erreichen wirst, so du in der Liebe stets mehr wachsen wirst. Nun aber
setzen wir uns an den Tisch, an dem schon eine gemessene Stärkung unser harrt.
Es sei!“
[BM.01_025,07]
Bischof Martin spricht: „Ja, ja, so ist es! Es ist zwar hier alles wunderbar,
ein wahres zauberisches ,Tischlein-deck-dich‘. Aber man muß sich hier an die
Wunder ebenso gewöhnen wie auf der Erde an die Naturwunder, die zwar auch noch
heute kein Mensch völlig begreift und einsieht, aber man macht sich daraus
nichts, weil man sich an all solches unbegreifliche Zeug gewöhnt hat. Also wird
es auch hier gehen.
[BM.01_025,08]
Ich bin überhaupt aufs volle Einsehen der Wunder Gottes eben nicht allzu
versessen. Und so ist es schon zum Aushalten, wenn man auch nicht alles, was da
zum Vorscheine kommt, auf den Grund des Grundes einsieht. Wenn ich nur
fortwährend etwas zu tun bekomme und dazu manchmal so ein kleine Rast und
Stärkung, wie sie eben jetzt vor uns auf dem schönen Tische in Bereitschaft
liegt, und habe euch um mich, dann verlange ich mir für die ganze Ewigkeit
nichts Besseres!
[BM.01_025,09]
Gott erkenne ich nun so weit, daß Er richtig Einer ist in irgendeinem ewig
unzugänglichen Lichte, darin Er ist heilig, überheilig, allmächtig und endlos
weise. Mehr von Ihm, dem Unendlichen, zu wissen und zu kennen, würde ich sogar
für eine Todsünde halten. Daher lassen wir das, was für uns endlos unerreichbar
ist und begnügen uns dankbarst mit dem, was uns Seine Güte allergnädigst
zukommen läßt!“
[BM.01_025,10]
Rede Ich: „Gut, gut, mein lieber Bruder, setzen wir uns zum Brote, und du,
Petrus, hole dort aus der Kammer auch den mit Wein gefüllten Becher!“
26. Kapitel –
Martins Bescheidenheit und Demut. Das gesegnete Liebesmahl am Tische des Herrn.
[BM.01_026,01]
Wir setzen uns nun zum Tische, und Petrus bringt den Wein nebst einer Toga für
Bischof Martin und sagt: „Da, Bruder, weil du deinen Rock und dein Hemd den
Armen gabst, so ziehe dafür diesen etwas bessern Rock an, und verzehre in
diesem Kleide das vorgesetzte Mahl!“
[BM.01_026,02]
Bischof Martin betrachtet den schönen lichtblauen Rock mit purpurner Verbrämung
und spricht: „Ah, ah, das ist für unsereinen ja viel zu schön und herrlich! Was
fällt dir denn da ein? Ich – ein armer Sünder vom Kopfe bis zum Zehenspitzel –
und so ein Rock, wie ihn der Heiland Jesus auf der Welt getragen, der Würdigste
der Menschen! Das wäre ja eine Verspottung ohnegleichen!
[BM.01_026,03]
Nein, nein, das tue ich nicht! War Jesus auch gerade kein Gott, wozu ihn die
dummen Menschen machten, so war er dennoch der weiseste und beste aller Menschen,
die je die Erde bewohnt haben. Er war ein vollkommenster Mensch ohne Sünde, an
dem Gott sicher Sein höchstes Wohlgefallen haben konnte. Ich aber bin und war
der unvollkommenste Mensch voller Sünden. Daher kann ich seinen Rock nimmer
anziehen!
[BM.01_026,04]
Wahrlich, Freunde, da wollte ich lieber keinen Bissen Brot und keinen Tropfen
dieses Weines verkosten, als so unwürdigster Weise diesen wahrhaftigen
Jesusrock anziehen. Gebt mir sonst irgendeinen für mich taugenden Fetzen her!
Es ist genug, daß ich auf der Welt Melchisedeks Kleider trug und hier diese
Torheit teuer genug habe büßen müssen: für die ewige Zukunft werde ich mit
Gottes Hilfe wohl klüger sein!“
[BM.01_026,05]
Rede Ich: „Auch gut; wie du's willst! Hier gibt es durchaus keinen Zwang. Daher
iß und trink nun ohne Rock. Es sei!“
[BM.01_026,06]
Spricht wieder Bischof Martin: „Das freut mich, nur keinen Luxus für
unsereinen! Aber, liebe Brüder, nun komme ich euch mit einer andern Bitte;
höret! Ich bin zwar schon recht hungrig und durstig, aber unsere armen
Schützlinge werden sicher noch hungriger und durstiger sein. Gönnt mir daher
die Freude, daß ich den mir beschiedenen Teil diesen Armen überlasse und ihn
selbst hintrage. Die Freude, diese Armen gesättigt zu haben, soll diesmal eine
Hauptsättigung meines Herzens sein!“
[BM.01_026,07]
Rede Ich: „Liebster Bruder, solch ein Wunsch aus deinem Herzen macht auch Mir
die größte Freude! Aber diesmal soll's bei deinem Wunsche verbleiben, denn für
deine Armen ist schon bestens gesorgt. Daher setze dich nur zu Mir her und iß
und trink nach Herzenslust! Nach der Mahlzeit werden wir dann die Armen
besuchen und sehen, ihnen irgendeine angemessene Beschäftigung zu geben. Also
sei es!“
[BM.01_026,08]
Petrus spricht: „Herr und Meister, teile Du das Brot und auch den Wein aus;
denn mir schmeckt alles besser, so Du es austeilst, als wenn ich mir's selbst
nehme! Ich bitte Dich darum, liebster Herr und Meister!“
[BM.01_026,09]
Rede Ich: „Ja, ja, mein geliebter Bruder, das tue Ich dir von ganzem Herzen
gerne, wenn es nur unsern lieben Freund und Bruder nicht geniert!“
[BM.01_026,10]
Spricht Bischof Martin: „Oh, nicht im geringsten, liebste Freunde und Brüder!
Ich kenne wohl die Sekte der sogenannten Brotbrecher – ihr werdet weltlich
wahrscheinlich ihr angehört haben? Allein das ist hier in der Geisterwelt
ohnehin gehauen wie gestochen. Wem hier derlei menschliche fromme
Rückerinnerungen aufheiternd dünken, der tue, was ihm gut dünkt. Mir aber ist
nun alles, was da irgend nach einer Zeremonie riecht, sehr leicht entbehrlich.
Denn ich habe mir auf der Welt an aller Zeremonie einen allerbarsten Ekel
angefressen.
[BM.01_026,11]
Daher möget ihr hier das Brot auseinanderbrechen, -schneiden oder -sägen, das
ist mir eines; wenn's zur rechten Zeit nur was zum Beißen gibt! Mit dem aber
bin ich einverstanden, daß da der Herr des Hauses das Brot an seine zwei
Knechte austeilen soll: man ißt ein gegebenes Stück Brot ungenierter als eines,
das man selbst genommen hat!“
[BM.01_026,12]
Rede Ich: „Nun gut, gut, so es dich nicht geniert, so will Ich das Brot brechen
und segnen und es euch dann austeilen!“
[BM.01_026,13]
Ich breche nun das Brot und segne es und gebe es dann den zweien.
[BM.01_026,14]
Petrus weint beinahe vor Freude, Bischof Martin aber lächelt freundlichst,
umarmt Petrus und spricht: „Bist aber du auch ein seelenguter Mensch! Die
Brotbrechung hat dich gewiß an die sehr erhabene, entweder wirkliche, oder
wahrscheinlich fromm erdichtete Szene der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger
erinnert? Ich muß es auch aufrichtig gestehen, daß sie mich selbst schon oft zu
Tränen gerührt hat.
[BM.01_026,15]
Denn es liegt darinnen fürs erste wirklich eine schöne, hohe Bedeutung
zugrunde. Und fürs zweite fühlt man die Sehnsucht und den Wunsch, daß sich
diese Szene wirklich hätte ereignen mögen. Der schwache, kurzsichtige Mensch
hört und träumt nichts lieber als von Wundern, besonders wenn seine Phantasie
das allerhöchste Gottwesen so inkognito persönlich mitwirkend darstellen kann
bei irgendeiner urzeitlichen Gelegenheit. Bei einer gleichzeitigen würde die
Sache freilich ein bei weitem unglaublicheres Gesicht bekommen.
[BM.01_026,16]
Also brich du, liebster Herr, Meister und Freund, nur allzeit das Brot; denn
auch mir gefällt diese fromme Art!
[BM.01_026,17]
Hörst du, lieber Freund, ist aber das ein herrliches Brot! Und der Wein – non
plus ultra! Hab' wahrlich auf der Erde wohl nie etwas Vorzüglicheres verkostet!
Ist das etwa auch so ein Gedankenwein, also überaus geistiger Natur? Das macht
aber nichts! Mag er wachsen, wo er will, wenn er nur gut schmeckt. Gott sei
gelobt und gepriesen für ewig für dies herrlichste Mahl! Jetzt wird sich's
schon wieder tun bei der möglich kommenden schwersten Arbeit!“
[BM.01_026,18]
Rede Ich: „Nun, Mich freut es auch, so es euch beiden wohlgeschmeckt hat; es
sei euch gesegnet! Nun aber gehen wir schnell zu unseren Armen und wollen
sehen, wie sie sich befinden!“
27. Kapitel –
Martins merkwürdige Erfahrungen an den Aufgenommenen. Martin will belehren und
wird belehrt.
[BM.01_027,01]
Wir gehen nun zu den dreißig ersten, die Bischof Martin allein hierher gebracht
hat. Als wir eintreten, liegen sie auf den Gesichtern und rufen: „O Herr, o
Herr, Du großer, erhabener Gott in Jesu Christo, komme nicht zu uns! Denn wir
sind zu große Sünder und sind nicht der geringsten Gnade wert! Zu überaus
heilig und für uns zu unerträglich ist Deine Nähe!“
[BM.01_027,02]
Bischof Martin schaut um sich her nach allen Seiten, um zu sehen, wo denn die
dreißig Jesus erschauten. Aber er sieht noch immer nichts und fragt Mich:
„Lieber Freund, was haben denn diese Armen? Sind sie von Sinnen, oder sind sie
etwa eingeschlafen ob des sicher auch genossenen Weines und haben nun entweder
ein lutherisches oder römisches Traumgesicht?“
[BM.01_027,03]
Rede Ich: „Nein, nein, sicher nichts dergleichen; sie halten in ihrem Sinne
Mich dafür und darum schreien sie so.“
[BM.01_027,04]
Spricht Bischof Martin: „Na, also doch eine Art Geistesschwäche, nur ein wenig
anders motiviert, als ich's mir gedacht habe. Übrigens haben sie nach meiner
Ansicht recht, dich als nun ihren größten Wohltäter unter dem Begriffe des
höchsten Wesens anzupreisen. Denn ich meine, ein jeder Wohltäter deiner Art
trägt eine große Portion der echten Gottheit in sich, und so er geehrt wird, so
wird auch die Gottheit in ihm geehrt. – Was wird aber nun mit diesen Armen zu
machen sein?“
[BM.01_027,05]
Rede Ich: „Diese werden wir gerade bei ihrer Meinung ihrem Wunsche nach
belassen und werden uns zu den andern begeben. Denn wenn sie vorderhand Meine
Nähe nicht zu ertragen der Meinung sind, wollen wir sie auch nicht weiter
quälen; mit der Zeit wird sich's schon machen!“
[BM.01_027,06]
Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, so ist's recht! Übers Knie läßt sich nichts
Starkes brechen; daher gehen wir nur geschwind zu den andern, aus dem Feuer
Geretteten. Ich freue mich schon sehr auf sie!“
[BM.01_027,07]
Wir gehen nun schnell zu den andern. Als wir an die Tür kommen, sage Ich zu
Bischof Martin: „Bruder, gehe du zuerst hinein und melde Mich und den Petrus
an! So sie es wünschen werden, werde Ich zu ihnen hineingehen. Wünschen sie
Mich aber nicht – was du aus ihren Worten leicht entnehmen wirst –, da komme
nur schnell wieder, daß wir uns dann an ein anderes Geschäft wenden können!“
[BM.01_027,08]
Bischof Martin tut gleich, was Ich ihn geheißen habe. Als er zu diesen aus den
Flammen Geretteten kommt, macht er ein ganz pathetisches Gesicht gleich einer
Amtsmiene und spricht: „Liebe Freunde, der Herr und der Meister dieses Hauses
will euch besuchen, so es euch genehm ist. Ist euch aber für diesmal sein
Besuch nicht willkommen, so äußert euch darüber und ihr sollt von seinem
Besuche verschont bleiben. Meine, eures Freundes Meinung aber wäre diese: Da
der Herr und Meister dieses Hauses ein gar überaus guter und sanfter Herr ist,
so soll euer aller Wunsch dahin gehen, daß er zu euch käme! Aber ihr seid frei
und könnt tun, was ihr wollt. Also äußert euch!“
[BM.01_027,09]
Die Geretteten aber fragen den Bischof Martin: „Weißt du wohl, wer dieses
Hauses Herr und Meister ist?“
[BM.01_027,10]
Bischof Martin spricht: „Das gerade weiß ich genau selbst nicht, was aber hier
in der Geisterwelt gar nicht so sehr vonnöten ist. Es ist genug, daß ich aus
der Erfahrung weiß, daß er ein überaus guter und weiser Mann ist. Mehr wissen
zu wollen, wäre sogar aberwitzig. Daher begnüget vorderhand auch ihr euch mit
dem, was ich euch auf ein gutes Gewissen von ihm ausgesagt habe. Und gebt mir
Bescheid, was ihr laut meinem Auftrage an euch wollt.“
[BM.01_027,11]
Spricht einer aus der Gesellschaft der Geretteten: „Aber Freund, warum bist du
gegen uns so hinterhältig und willst uns das Heiligste und Allerhöchste
vorenthalten?
[BM.01_027,12]
Siehe, der Herr und Meister dieses Hauses ist ja auch der alleinige Herr,
Schöpfer und ewige Meister des Himmels und aller Sonnen und Erden in der ganzen
Unendlichkeit, wie aller Menschen und Engel in Jesus Christus!
[BM.01_027,13]
Wie kannst du da sagen, du kennst Ihn nicht näher! Bist du denn blind und hast
noch nie beschaut Seine durchbohrten Hände und Füße, die wir doch alle auf den
ersten Blick entdeckt haben?
[BM.01_027,14]
Betrachte nur Seinen mildesten Ernst, Seine große Liebe und Weisheit, und lege
deine Hände auf Seine durchbohrte Seite gleich einem Thomas; du wirst dann
sicher noch klarer als wir ärmsten Teufel ersehen, was da hinter diesem deinem
Herrn und Meister alles steckt!
[BM.01_027,15]
Siehe, nicht als ob wir nicht wünschten in unserm Herzen, daß Er, der
Allererhabenste, der ewig Allerheiligste zu uns käme in dies Gemach Seiner
Erbarmung. Aber wir alle sind zu große und grobe Sünder und sind solch eines
Besuches nicht im geringsten wert, wo Gott käme zu Seinen allerletzten und
niedrigsten Geschöpfen, die Seine Liebe und Geduld auf der Erde so oft gar
schmählichst mißbraucht haben!
[BM.01_027,16]
Daher vermelde du glücklichster Freund deines Gottes und Herrn, den du nicht
kennst oder nicht kennen willst: Unser Herz sehnt und sehnte sich allzeit nach
Ihm; aber unsere Sünden haben uns zu häßlich, schmutzig, nackt und stinkend
gemacht, als daß wir wünschen könnten, daß Er zu uns käme!
[BM.01_027,17]
Wir vergehen beinahe vor Schande und Schmach, hier in diesem Hause uns zu
befinden, wo Er nun hauptsächlich der Sünder wegen zu wohnen pflegt, um ihnen
Seine Erbarmung angedeihen zu lassen. Was erst würde mit uns geschehen, wohin
würden wir uns verkriechen, so Er nun vollends zu uns käme?
[BM.01_027,18]
Daher bitte Ihn, du Glücklichster, daß Er uns Nichtswürdigste verschonen
möchte; jedoch nicht unser, sondern Sein heiligster Wille geschehe!“
28. Kapitel –
Martin als blinder Rationalist in der Klemme.
[BM.01_028,01]
Bischof Martin spricht: „Oh, oh, oho, was fällt euch ein! Gott, das allerhöchste,
unendliche Wesen, das im ewig unzugänglichen Lichte wohnt und mit Seiner
Allkraft die ganze ewige Unendlichkeit erfüllt, wird Sich je in der Gestalt
eines Menschen zeigen und mit Händen arbeiten gleich uns?!
[BM.01_028,02]
Gott erfüllt wohl solche Menschen und Geister mit Seinem Gnadenlichte – manche
mehr, manche weniger. Aber darum bleibt zwischen Gott und Mensch noch immer
eine unendliche Kluft.
[BM.01_028,03]
Jesus war wohl unter allen Menschen ein von Gottes Kraft am meisten erfüllter
Mensch, aber darum doch ebensowenig wie wir ein Gott. – Kein denkender Mensch
und Geist kann das annehmen, indem man da auch glauben müßte, der kleine Planet
Erde wäre das Hauptzentrum aller Schöpfung, über welche Annahme die Sonnen doch
sicher ein wenig protestieren möchten!
[BM.01_028,04]
Daher nur hübsch gescheit hier im ewigen Reiche der Geister! Es ist genug, daß
wir auf der Welt so dumm durcheinandergelebt haben und hielten Brot, Wein und
nicht selten geschnitzte Bilder für Gottheiten, während wir an der Sonne das
herrlichste Abbild der Gottheit hatten.
[BM.01_028,05]
Betrachtet mich und meine beiden liebsten und besten Freunde als das, was wir
sind, so werdet ihr nie von einer so dummen Furcht heimgesucht sein!
[BM.01_028,06]
Ich weiß wohl, daß dieses Hauses Herr und Meister mächtiger ist und weiser als
wir alle zusammen. Und er kann auch vielleicht recht wohl jener Jesus sein, der
uns die weiseste Lehre gab. Aber für Gott müßt ihr ihn nicht halten, sondern
als das nur, was er ist, nämlich – wie ich schon früher bemerkt habe – der
beste, weiseste und somit mit Gotteskraft erfüllteste Mensch der Erde!
[BM.01_028,07]
Ihr wisset doch, wie er auf der Welt ist getötet worden von den elendsten
Menschen! Könnet ihr es annehmen, daß sich Gott als Urgrund alles Seins und
Lebens im Ernste von den elenden Menschen könnte töten lassen?
[BM.01_028,08]
Was geschähe wohl mit einem Hause, so man dessen Grundfesten zerstörte? Seht,
es würde bald zusammenstürzen!
[BM.01_028,09]
Was wohl wäre mit der ganzen Schöpfung, die da ist das eigentliche Gotteshaus,
im Moment geschehen, so man eben Gott Selbst vernichtet hätte? Wer wohl hätte
ohne Gott leben können? Hätte ein Gottestod nicht schon lange zuvor alles Leben
und Sein vernichtet?! Daher, meine liebsten Freunde, nur schön gescheit hier in
der Geisterwelt!“
[BM.01_028,10]
Spricht wieder einer aus der Gesellschaft: „Freund, du hast zwar sehr weise
scheinend gesprochen, um uns zu trösten. Allein, du bist vom Ziele ferner als
wir, obschon du dich im fortwährenden Umgange mit dem Herrn befindest, während
wir armen Sünder uns vor Ihm gebührend tief scheuen und fürchten müssen!
[BM.01_028,11]
Ich aber sage dir als ein Sünder: du hast in der wahren Weisheit noch nicht das
Einmaleins begonnen – und willst über Gottes innere Weisheit urteilen? So du
Gott nur nach dem Volumen schätzest, wird dir Jesus freilich noch lange zu
klein-winzig vorkommen. Willst du aber bedenken, daß Gott nicht nur pur Sonnen
und Erden, sondern auch die Mücken gemacht hat, da wird es dir vielleicht doch
einleuchten, daß sich Gott auch mit kleinsten Dingen ebensogut abgibt wie mit
dem größten. Und daß es Ihm auch möglich sein kann, sich den Menschen als
Mensch zu zeigen, sie zu lehren und zu führen die rechten Wege! Die Sonnen aber
wird Er sicher auch als Sonne aller Sonnen leiten!
[BM.01_028,12]
Wir Menschen aber verstehen nur wieder einen Menschen und so auch Gott nur im
Menschen Jesus. Die Sonnen aber verstehen wir nicht, sonach wären sie für uns
ohne Jesus auch eine vergebliche Gottheit!
[BM.01_028,13]
Siehe, das ist mein Verstand! Geh und lerne deinen und unseren Hausherrn besser
erkennen, dann komme wieder und sage uns allen, ob ich unrecht hatte!“
[BM.01_028,14]
Bischof Martin verläßt nun die Gesellschaft und kehrt ganz verblüfft zu uns
zurück.
29. Kapitel –
Der Herr gibt sich dem blinden Martin als Jesus zu erkennen.
[BM.01_029,01]
Als Bischof Martin nun zu Mir kommt, spricht er sogleich: „Aber, du mein
allerliebster Herr, Meister, Freund und Bruder, das war eine schöne
Geschäftsbescherung von deiner Seite an meine angeborene Dummheit! Nun weiß ich
wirklich nicht: bin ich ein Narr – oder sind es die da drinnen, die nun die
Türe von uns scheidet.
[BM.01_029,02]
Die haben im Grunde eine noch größere Furcht vor dir als die früheren und
halten dich im Ernste nicht nur für den einstigen Religionsstifter Jesus,
sondern auch für das allerhöchste Gottwesen selbst, und das mit einer Art
philosophischer Konsequenz, der man gerade keine Berge von Gegenbeweisen
entgegenstellen kann.
[BM.01_029,03]
Sage mir auch du, liebster Freund, was an der Sache so ganz eigentlich gelegen
ist? Woher mag es doch kommen, daß diese armen Seelen oder Geister von dir
einen so sonderlichen Begriff haben? Ich sehe nun auch wirklich die bekannten
Wundmale an deinen Händen und Füßen und bin beinahe außer Zweifel, daß du der
einstige Heiland Jesus bist; aber Gott? Jesus und Gott zugleich? Das – erlaube
mir – ist etwas zu viel!
[BM.01_029,04]
Und doch behaupten die da drinnen das keck weg! Woher also haben denn diese
einen solchen Begriff von dir eingesogen? Sollten sie etwa am Ende doch noch
recht haben? Das wäre mehr als zuviel für eine arme Seele, wie da die meinige
ist! Freund, wenn das im Ernste, mir freilich wohl unbegreiflichst der Fall
wäre, da wüßte ich selbst vor Angst und Schrecken mir nicht zu helfen! O
Freund, nun noch immer Freund – gib mir doch darüber einen beruhigenden
Aufschluß!
[BM.01_029,05]
Rede Ich: „Freund und Bruder, du warst doch selbst Bischof auf der Welt und
hast Jesus, den Gekreuzigten, gepredigt und seine Gottheit sogar in den
kleinsten Hostienpartikeln bewiesen! Siehe, alle diese hier nun in unserm
Gewahrsam Befindlichen, die wir aus den Flammen gerettet haben, sind Schafe
deines Sprengels und Jünger deiner Lehre!
[BM.01_029,06]
Warum hast du sie auf der Welt denn so gelehrt, wenn dir nun das als Unsinn
vorkommt, was sie als Schüler deiner Schule behaupten? Reden sie Unsinn –
Frage: ,Wessen ist er?‘ Reden sie aber weise – Frage: ,Was bleibt dann ihrem
einstigen Lehrer für Ruhm, so er nun seine eigene Lehre in seinen Schülern
bekämpfen will und auch wirklich bekämpft?‘ Ich meine, bei dieser Gelegenheit
würde für ihn auch der Unsinn offenbar!
[BM.01_029,07]
Siehe, Ich bin wirklich Jesus, der Gekreuzigte! Und in diesem Bruder habe Ich
die Ehre, dir den wirklichen alten Petrus vorzustellen, auf dessen angenommenem
Stuhle die Bischöfe Roms sitzen und herrschen: freilich nicht in der Ordnung
dieses wirklichen Petrus, sondern in der Ordnung jenes Petrus, den sie sich
selbst erdichtet haben, wie sie ihn zu ihren materiellsten Zwecken am besten
brauchen konnten. Nun weißt du, wer Ich und dein erster Führer sind; das
Weitere werden dir deine eigenen Jünger zeigen!
[BM.01_029,08]
Ich sagte aber einst, daß die Kinder der Welt klüger sind denn die des Lichts.
So du dich aber schon für einen Sohn des Lichtes gleich einem Herrscher Chinas
hältst, so gehe hin zu deinen Schülern, die da reine Weltkinder sind, und lerne
von ihnen Klugheit wenigstens, so dir ihre Weisheit schon durchaus nicht munden
will und mag!“
[BM.01_029,09]
Spricht Bischof Martin : „O Freund, du bist wohl der Jesus, der sich als Sohn
des Allerhöchsten verkündete und verkünden ließ – wo aber ist der Allerhöchste?
Wo ist der allmächtige, ewige Vater? Wo dann der aus beiden hervorgehende
Heilige Geist, so wir schon auf das Dogmatische zurückgehen wollen und
beseitigen das Licht der reinen Vernunft?“
[BM.01_029,10]
Rede Ich: „Was steht im Evangelium geschrieben? Siehe, da heißt es: ,Ich und
der Vater sind eins; wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ Wenn du
glaubst, was fragst du da weiter, so du Mich siehst? Glaubst du aber nicht, was
fragst du? Bleibe, wie du bist, und Ich auch, wie Ich bin, und Ich meine, wir
werden einander doch nicht in die Augen fahren?
[BM.01_029,11]
Da drinnen aber sind deine Schüler. Gehe hinein zu ihnen und lerne von ihnen
Meine Lehre von neuem. Dann komme wieder, auf daß Ich sie dir hernach erkläre!
[BM.01_029,12]
Denn Ich, der wirkliche Heiland Jesus, sage dir hier in Meinem ewigen Reiche,
daß du ein unsinniger Geist bist und erkennst nicht Meine übergroße Liebe, die
Ich zu dir habe. Ich trage dich auf den Händen, und du bist noch immer taub und
blind! Ich gebe dir das Brot des Lebens, und du verzehrst es wie ein Polyp,
ohne auf die innere Wirkung zu achten, die es doch bei diesen Sündern plötzlich
hervorgebracht hat!
[BM.01_029,13]
Du bist wohl einer, der mit offenen Augen und Ohren nichts sieht und hört.
Welche wunderbarsten Begebnisse habe Ich um dich her geschehen lassen, und du
fragtest nicht: ,Wer ist Der, dem Meere und Winde gehorchen?‘
[BM.01_029,14]
Darum gehe noch einmal zu diesen deinen Jüngern und lerne von ihnen Den
erkennen, den du bis jetzt noch stets dir gleich gehalten hast! Es sei!“
30. Kapitel –
Zwiegespräch zwischen dem Rationalisten Martin und dem weisen Lichtmanne über
die Gottheit Jesu.
[BM.01_030,01]
Bischof Martin macht ein noch verblüffteres Gesicht, tut aber dennoch sogleich,
was Ich ihm nun notwendig etwas ernster angeraten habe.
[BM.01_030,02]
Als er wieder zu den Geretteten kommt, erstaunt er, daß er sie nun schon ganz
verändert antrifft. Ihre Züge sind verjüngt und veredelt, und ihre früher
beinahe nackten Leiber sind mit blauen Kleidern angetan, die um die Lenden mit
einem purpurroten Gürtel an den Leib in vielen reichen Falten angeschmiegt
sind. Unter der Gesellschaft entdeckt er eine erhabenere Mannsgestalt mit einem
glänzend weißen Hut auf dem Haupte, unter dem reiche, goldblonde Locken
herumwallen bis über den halben Rücken.
[BM.01_030,03]
Dieser schöne Mann geht sogleich auf unseren Bischof Martin los und fragt ihn:
„Freund, du bist schnell wieder zu uns zurückgekehrt! Hast du an dem
allererhabensten Meister und Herrn dieses Hauses das gefunden, auf das wir alle
dich aufmerksam gemacht haben? Ist Er das? Ist Er Jesus, der Herr Himmels und
der Erde natürlich und geistlich, zeitlich und ewig?“
[BM.01_030,04]
Spricht Bischof Martin: „Jesus, – ja, ja, das ist er wohl. Aber mit der
Gottheit – da scheint die Sache noch nicht ganz im Reinen zu sein. Ich meine,
mit der Annahme, daß Jesus auch wirklich Gott ist, sollte man doch etwas
behutsamer zu Werke gehen. Denn wenn er es am Ende doch nicht wäre und dem
allerhöchsten Wesen mißfiele solch eine Annahme? – könnte sein, daß Es uns dann
verdamme, zu seiner Zeit, wie Es dies schon mit vielen Völkern der Urzeit getan
hat, die gewagt haben, neben Ihm an mehrere Götter zu glauben. Was täten wir
dann samt unserm guten Herrn Jesus?!
[BM.01_030,05]
Denn bei Moses heißt es ein für allemal: ,Du sollst nur an einen Gott glauben
und sollst dir weder ein geschnitztes Bild machen und es anbeten, noch sollst
du wem andern als allein Mir die Ehre geben. Denn Ich bin der alleinige Herr
und Gott, der Himmel und Erde gegründet hat und alles, was darauf und darinnen
ist, lebt und atmet!‘
[BM.01_030,06]
Moses spricht wohl sehr dunkel von einem Erlöser, der die Völker vom harten
Joch der alten Knechtschaft befreien würde. Aber daß Jehova selbst in diesem
Erlöser zur Erde herabsteigen würde, davon steht im ganzen Moses keine Silbe.
Daher ist diese eure Annahme etwas zu schnell; da heißt's alles genau prüfen
und wohl erwägen, was man tut.
[BM.01_030,07]
Haltet Moses und Jesus gegeneinander, so werdet ihr es selbst finden, wie
schwer, ja wie beinahe ganz unmöglich sich die Gottheit Mosis mit der Gottheit
in Jesus vereinigen läßt. Dieses schärfsten mosaischen Gottesgesetzes wegen hat
ja schon Moses selbst auf Gottes Geheiß die Todesstrafe gesetzt: so jemand
dadurch Gott lästern möchte, daß er entweder einem Götzen opferte, oder einen
Zauberer, einen Propheten oder irgendeinen andern Helden für die Gottheit
hielte! Ein Grund, der auch Jesus an das Kreuz brachte, obschon er über seine
vorgeblich göttliche Sendung im Angesichte der Schriftgelehrten sich stets nur
in dunklen Bildern auszudrücken pflegte.
[BM.01_030,08]
Es ist auch sehr schwer einzusehen, warum die Gottheit durch Moses mit solchem
Himmelspompe eine Kirche gegründet hätte für oft ausgesprochene ewige Zeiten –
wenn diese Kirche dann mit Jesus als derselben Gottheit gegen ihre oftmalige
Verheißung einen vollen Garaus bekäme!
[BM.01_030,09]
Darum, liebe Freunde, ist eure vorschnelle Annahme der Jesusgottheit etwas sehr
Kitzliges und Delikates hier in der Geisterwelt.
[BM.01_030,10]
Ich sehe wohl, daß euch wahrscheinlich diese eure Annahme in diesem Jesushause
schnell in einen bessern Zustand versetzt hat durch ein kleines Hauswunderchen.
Aber daß ich euch darob bis jetzt noch nicht im geringsten beneide, dessen
könnet ihr völlig versichert sein. Denn ich bleibe immer bei dem Grundsatze:
,Wer zuletzt lacht, der lacht am besten!‘“
[BM.01_030,11]
Spricht der große Mann mit dem strahlenden Hute: „Freund, alles, was du hier
geredet hast, kenne ich so gut wie du. Und dennoch bedaure ich dich ob deiner
Blindheit und befürchte sehr, daß du nach deiner Meinung je zuletzt lachen
wirst. Ich und diese ganze Gesellschaft aber denken also:
[BM.01_030,12]
Jesus, dessen Ankunft alle Propheten gleich vorausgesagt haben, von dem David
singt: ,Also spricht der Herr zu meinem Herrn!‘ oder: ,Also spricht Gott der
Herr zu Sich Selbst: Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle Feinde lege zum
Schemel deiner Füße!‘, und: ,Machet die Tore weit und die Pforten hoch, auf daß
der Herr der Herrlichkeit, auf daß Jehova einziehe in unsere Stadt, in die
heilige Stadt Gottes, in Seine Stadt!‘; –
[BM.01_030,13]
Jesus, dessen Geburt nach der einstimmigen Erzählung der Evangelisten voll
Wunder war, ja dessen ganzes Leben eigentlich sich als ein ununterbrochenes
Wunder darstellte; –
[BM.01_030,14]
Jesus, der in Seiner Lehre nur zu oft klar zeigte, wer Er war in Seinem
innersten Wesen, und der einen der zehn Gereinigten fragte, als dieser
zurückkam und Ihm die Ehre gab: ,Wo sind denn die andern neun, daß sie auch
herkämen und Gott die Ehre gäben?‘; –
[BM.01_030,15]
Jesus, der aus eigener Macht am dritten Tage aus dem Grabe erstand und hernach
noch bei 40 Tage auf der Erde umherging und sie, Seine Schüler, unterrichtete,
darauf vor tausend gläubigen Augen in die Himmel aufstieg und bald darauf den
Geist der ewigen Kraft, Macht, Liebe und Weisheit aus den Himmeln auf die
Seinen niederwehen ließ; –
[BM.01_030,16]
Jesus, von dem Johannes das erhabenste Zeugnis gibt, sowohl in seinem
Evangelium wie auch in seiner hohen Offenbarung:
[BM.01_030,17]
Sage, Freund, ist es dir wohl noch möglich, diesen Menschen aller Menschen für
nicht mehr als bloß nur für einen ganz gewöhnlichen Weltweisen zu betrachten? –
[BM.01_030,18]
Schau, Freund, ich will dir etwas recht Dummes sagen. Aber es scheint mir doch
weiser zu sein, als was du sagst: Ich meine, wenn Gott der Herr nicht das
Menschliche angenommen hätte, um auch von uns Menschen, Seinen Geschöpfen,
gesehen zu werden, wozu wohl hätte Er uns erschaffen? Für sich nicht! Denn was
hätte Er davon, so wir Ihn nie zu Gesicht bekämen und vollauf liebten? Und wozu
wäre uns ein Leben ohne einen erschaulichen Gott? Denke darüber nach,
vielleicht wird's dir dann doch etwas heller in deinem Verstande werden!“
[BM.01_030,19]
Bischof Martin spricht: „Laßt mich nun ein wenig in Ruhe; ich werde deine
ziemlich hellen Worte ein wenig tiefer beherzigen!“
[BM.01_030,20]
Nach einer ziemlich langen Pause fängt Bischof Martin wieder zu reden an und
spricht: „Freund, ich habe nun deine Worte nach allen mir denklichen Seiten
erwogen und sehe nur stets mehr das Gegenteil von dem, was du ehedem behauptet
hast. Dessenungeachtet aber bin ich nicht hartnäckig und will aus ganzem Herzen
gerne deiner Meinung beipflichten, so du mir einige meiner Fragen zu meiner
Zufriedenheit beantwortest.“
31. Kapitel –
Kritische Fragen Martins und die Antworten des Weisen.
[BM.01_031,01]
Spricht der Weise aus der Gesellschaft: „Frage, und ich will dir antworten; ob
zu deiner dich selbst überzeugenden Zufriedenheit oder nicht, wird wenigstens
mir ganz einerlei sein.“
[BM.01_031,02]
Bischof Martin fragt: „Warum hat die Erde nur einen höchsten Berg? Und liegt
darum die Gottheit in ihm oder über ihm ganz in ihrer Fülle, weil er der
einzige höchste Berg der Erde ist?“
[BM.01_031,03]
Spricht der Weise: „Wohl hat die Erde einen Berg, der da höher ist als jeder
andere bekannte Berg, der die Erde mit seinem mächtigen Fuße drückt. Allein,
darum ist er nicht der Berge Gott, sondern Gott wußte und weiß es, warum Er auf
diesen Planeten einen höchsten Berg gesetzt hat. Wahrscheinlich, um damit den
Winden einen allgemeinen Teilungs- und Abteilungspunkt zu geben. Darum auch
zumeist zunächst dem Äquator in den tropischen Ländern die höchsten Berge
vorkommen, weil eben in diesen nahe dem Hauptgürtel gelegenen Ländern die Winde
zufolge der Erdrotation am heftigsten sein müßten. Und weil da die
Zentrifugalkraft am heftigsten wirken muß, weshalb die Umschwungkreise vom
Mittelpunkt oder der Achse am weitesten abstehen.
[BM.01_031,04]
Wären demnach in diesen Gegenden nicht solche höchsten Windregulatoren vom
Herrn aufgerichtet, da wären sie wohl für ewig unbewohnbar. In der Richtung –
und zwar in den größten Kontinenten, besonders in Asien –, wo die Luft in einem
Hauptstrome sich eint, sind demnach auch die höchsten Berge. Und in Asien, als
dem größten Kontinent, ist auch ein allerhöchster Berg der Erde notwendig. –
Bist du mit dieser Antwort zufrieden?“
[BM.01_031,05]
Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art! – Aber nun eine Frage
weiter: Warum ist in Amerika der Amazonenstrom sicher der größte auf der ganzen
Erde? Ist etwa darum die Fülle der Gottheit in ihm?“
[BM.01_031,06]
Spricht der Weise: „Freund, ich weiß wohl, wo du am Ende hinauswillst. Aber
dessenungeachtet will ich auch diese sehr alberne Frage so gründlich als
tunlich beantworten.
[BM.01_031,07]
Siehe, Amerika ist ein viel jüngerer Kontinent und hat in den Kordilleren ein
höchst ausgedehntes Gebirge, sowie auch in den Anden.
[BM.01_031,08]
Die Gebirge stehen einerseits sehr nahe an dem größten Weltmeere und haben
daher in ihren unterirdischen Fundamenten eine übergroße Menge Wasser, das da
fortwährend aufsteigt durch die zahllosen Poren und durch die vielen größeren
Adern und Kanäle. Andererseits aber hat besonders Südamerika, als ein jüngstes,
erst kaum einige 1000 Jahre über den Meeresspiegel erhobenes Land, überaus
große und sehr wenig über den Meeresspiegel emporgehobene Flächen und Ebenen
von meistens sehr lockerem Sandgehalte.
[BM.01_031,09]
Wo aber ausgedehnte Gebirge viel Wasser ausbeuten und sich diese dann in den
größten ebenen Flächen ansammeln, ohne Widerstand ausbreiten können und nur
sehr langsam dem Meere zuströmen, da muß es auch notwendig und leicht den größten
und breitesten Strom geben. Ohne daß darob mehr von der Gottheit darinnen
enthalten zu sein braucht als in einem Regentropfen! – Sage, bist du mit dieser
Antwort zufrieden?“
[BM.01_031,10]
Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art. Die Antwort läßt nichts zu
wünschen übrig. Aber darum nur weiter!
[BM.01_031,11]
Sage mir: Warum ist der Diamant der härteste und durchsichtigste Edelstein und
warum Gold das edelste Metall?“
[BM.01_031,12]
Spricht der Weise: „Weil es die Menschen dazu gemacht haben nach ihrem eitlen
Gutachten. Und das taten sie, weil diese Mineralien seltener vorkommen als
andere. Lassen wir aber die Diamanten so häufig vorkommen wie Kiesel, und Gold
so wie das Eisen – und man wird mit Diamanten die Straßen beschottern und die
Wagenräder mit Gold beschlagen.
[BM.01_031,13]
Warum aber gerade diese zwei Mineralien seltener vorkommen als andere, das wird
der Herr am besten wissen. Wahrscheinlich, weil sie für den Geist des Menschen
einen zu großen Giftgehalt aus der Hölle beigemischt haben, woraus sich mit
großer Konsequenz schließen läßt, daß in diesen für die Weltmenschen edelsten
Mineralien eben nicht eine zu große Portion von der Gottheit stecken wird. Bist
du auch mit dieser Antwort zufrieden?“
[BM.01_031,14]
Spricht Bischof Martin: „Ich kann dir nichts einwenden – daher muß ich mich
zufriedenstellen in seiner Art. Aber das, was ich von dir erwartete, fand ich
in keiner dieser deiner Antworten: nämlich einen natürlichen Beweis für die
Gottheit Jesu!
[BM.01_031,15]
Siehe, auf der Erde, wie sicher auf jedem Planeten, gibt es in jeder Art der
Dinge, der Wesen und so auch der Menschen gewisse höchste Punkte, so einzig und
alleinig in ihrer Art, daß sie nie übertroffen werden können. So gibt es sicher
irgendeine größte Sonne, einen größten Planeten, auf dem Planeten selbst wieder
allererste Vorzüglichkeiten, die unübertrefflich sind in ihrer Art. Kann ein
Weiser aber darum von solchen Vorzüglichkeiten behaupten, sie seien darum
Gottheiten, weil sie in ihrer Art alles in einem beispiellos höchsten Grade
übertreffen? – Also taten es wohl die Heiden, die alles nach ihrer Einsicht
unübertrefflich Vollkommenste vergötterten, aber auf diesem Wege am Ende in die
schändlichste Vielgötterei kamen.
[BM.01_031,16]
Es gab sicher irgend einmal einen gelehrigsten Affen, Hund, Esel gleich dem des
Bileam, ein schönstes und mutigstes Pferd, wie der Buzephalus des Cäsar, sicher
ein schönstes Weib gleich der Mediceischen Venus, also auch einen Apollo, eine
weise Heldin Minerva, eine eifersüchtigste Juno.
[BM.01_031,17]
Die Heiden haben diese Eminenzen samt und sämtlich vergöttert, was kein Mensch
leugnen kann. So aber die Bewohner eines Planeten schon mit außerordentlichen
Vorzüglichkeiten aus allen Reichen der Natur das taten, was Wunder, so die
gleichen Menschen den weisesten Lehrer und größten Magier zur ersten Gottheit
erhoben, ihm Altäre errichteten und ihn bis zur Stunde noch anbeten; ein Teil
aus wirklicher, freilich stockblinder Frömmigkeit, der größte Teil aber aus
Politik wegen der Erhaltung der Blindheit der andern.
[BM.01_031,18]
Weil aber nur die Menschen aus ihrem weisesten Mitmenschen das machten – Frage:
Ist das wohl ein hinreichender Grund zu seiner vollsten Vergötterung?! Oder
sind je von uns gesehene und gesprochene höhere Wesen zur Erde gekommen und
haben die Gottheit Jesu vollends gezeigt und bestätigt?
[BM.01_031,19]
Man erzählt sich wohl Wunderdinge von seiner Geburt, auch, wie da höhere
Geister zur Erde sichtbar niedergestiegen sind und hätten die Menschheit von
seiner Göttlichkeit unterrichtet. Ich frage aber mit gleichem Menschenrechte:
Haben auch wir davon je etwas gesehen? Ich wenigstens nie! Vielleicht du?
[BM.01_031,20]
Ja, in einem langweiligen und eigennützigen Mönchs- oder Nonnentraum haben sich
wohl ähnliche Lügen lassen zusammendichten können. Fragen wir aber nach der
Wahrheit, so kommt nichts als Mensch und wieder Mensch zum Vorschein, von denen
jeder mehr und wunderbar mehr wissen will als sein Nächster, aber jeder bei
sich selbst sagen muß: ,Herr, ich bin blind; mein ganzes Wissen ist bloß ein
angewohnter, stumpfer Glaube und sonst nichts!‘
[BM.01_031,21]
Von einer Überzeugung kann da nie die Rede sein, wo ein Mensch auf die
Autorität des andern baut und sonst nichts als eben diese Autorität als
höchstes Beweismittel annimmt. Und annehmen muß, weil er sich unmöglich von
irgendwoher lebendigere Beweise verschaffen kann als eben nur von Menschen, wo
man dann freilich wohl sagen muß: ,Vox populi, vox dei‘, weil man vom
eigentlichen Deus außer auf rein menschlichem Wege noch nie etwas vernommen
hat.
[BM.01_031,22]
Eine Offenbarung ist demnach auch nur ein Menschenwerk und kann nichts anderes
sein, indem wir bei unsern Lebzeiten nie eine andere zu Gesichte bekommen haben
als eine solche nur, an der Menschenhände und menschliche Phantasien nur zu
sehr erkennbar sind.
[BM.01_031,23]
Also, mein liebster Freund, prüfe ich nun wohl alles, bevor ich es annehme, und
bin nicht unüberzeugbar. Aber deine Beweise sind mir wahrlich nicht genügend.
Ein Mensch kann wohl für Gotteserkenntnis den größten Trieb haben; diesen aber
kann kein Mensch, sondern nur Gott selbst befriedigen. Ich meine aber: Bevor
wir zu dieser Befriedigung gelangen werden, werden wir noch ungeheuer viel in
allen Seinen Schöpfungsräumen durchmachen müssen, bevor wir für eine wahre göttliche
Offenbarung werden fähig sein!
[BM.01_031,24]
Alles aber, was uns bis jetzt begegnet ist, ist nichts als nur eine erste
Elementarschule für den einstigen großen, heiligen Unterricht. – Kannst du mir
aber auf diese meine klaren Argumente etwas Besseres, Reineres, Wahreres und
somit Göttlicheres erwidern, so bin ich in aller Geduld bereit, dich mit
aufmerksamstem Gemüte anzuhören.“
32. Kapitel –
Fortsetzung des Gespräches über die Gottheit Jesu.
[BM.01_032,01]
Spricht der Weise: „Freund, fürwahr, ich muß offen gestehen, daß ich dir nicht
gewachsen bin, obschon du mit allen deinen triftigsten Beweisen von der
einzigen Gottheit Jesu, des Herrn, auch nicht ein Atom weggenommen hast. Im
Gegenteil nur vielfach mehr bestärkt, weil ich daraus noch klarer ersah, daß
Gott auch ein Mensch, aber freilich der allerhöchste und allervollkommenste
Mensch ist und sein muß. Sonst wären wir unmöglich das, was wir sind, nämlich
Menschen, und könnten Gott auch nicht lieben, so Er nicht ein Mensch aller
Menschen wäre.
[BM.01_032,02]
Die Liebe aber ist unser höchstes Gut, unser Leben, unsere Seligkeit! Wozu wohl
wäre sie, so wir Gott nicht lieben könnten, da Er kein Mensch wäre?
[BM.01_032,03]
Tue nun, was du willst – aber von mir erwarte ja keine höhere Weisheit; ich gab
dir hiermit alles, was ich hatte!“
[BM.01_032,04]
Der Bischof Martin denkt über das vom Weisen der Gesellschaft Gesagte nach und
spricht nach einer Weile, mehr zu sich als zum Weisen: „Du hast im Grunde recht;
denn wenn der Pentateuch des Moses die Wahrheit spricht, mußte Gott freilich
wohl ein Mensch sein, ansonst Er den Adam nicht nach Seinem Ebenmaße erschaffen
hätte, so Er selbst nicht die gleiche Gestalt hätte! Dieselbe Gestalt aber
setzt freilich auch dieselbe Wesenheit voraus!
[BM.01_032,05]
Ein Uhrmacher braucht freilich wohl selbst keine Uhr zu sein, um eine Uhr zu
machen; aber die Idee der Uhr muß er doch aus sich nehmen, ansonst er keine Uhr
zuwege brächte!
[BM.01_032,06]
Aber da ist schon wieder ein Haken: So ein Mensch eine Idee fassen kann, die
ihm nicht gleicht, also ein ganz anderes Bild ist, sollte das Gott nicht
vermögen? O sicher, das wird Er gar wohl vermögen!
[BM.01_032,07]
Demnach könnte der Text aus dem Pentateuch etwa so zu verstehen sein: ,Gott
schuf den Menschen nach Seinem Ebenmaße‘ heißt: ,Gott schuf den Menschen nach
dem Maße Seiner Idee, d.h. Seiner Idee vollkommen entsprechend!‘
[BM.01_032,08]
Wenn der Text so zu verstehen ist – was sehr viel Wahrscheinliches hat –, wäre
dann freilich noch lange keine Folge, daß Gott den Menschen gerade nach Seiner
Gestalt geschaffen hätte. Oder daß Gott überhaupt eine begrenzte Gestalt haben
müßte, um einen Menschen gestalten zu können. Ist ja doch jede Idee als Begriff
an sich gestaltlos, so kann auch Gott an und für sich als die Totalgrundidee
aller Ideen auch gestaltlos sein.
[BM.01_032,09]
Müßte man annehmen, daß Gott, um Menschen zu gestalten, auch notwendig eine
Menschengestalt haben müsse, so müßte Er, um einen Bären oder einen Haifisch und
so fort alle zahllosen Dinge zu gestalten, entweder Sich in alle diese
Gestalten verwandeln können, oder Er müßte gewisserart geteilt in allen diesen
Gestalten für ewig unveränderlich vorhanden sein, damit an Ihm alle Dinge und
Wesen ein sie allzeit richtendes und nach Ihm formendes Muster hätten.
[BM.01_032,10]
Das anzunehmen wäre doch wohl die barste alte scholastische Faselei! Daher
braucht Gott auch keine Gestalt, um Menschen als Menschen zu gestalten. Und am
allerwenigsten braucht Er darum selbst ein Mensch zu sein – welche Annahme auch
dem Begriffe der vollkommensten göttlichen Freiheit schnurgerade in die Quere
springt. Denn wie ist eine vollste Freiheit unter dem Begriffe einer
gestaltlichen Einschränkung denkbar?
[BM.01_032,11]
Daher muß auch die vollste Freiheit gestaltlos sein, was auch mit dem Texte des
Pentateuch zusammengeht, wo Jehova dem Moses streng verbietet, Ihn sich irgend
unter einem Bilde vorzustellen.
[BM.01_032,12]
Ja, ja, du mein geliebter Freund, nach der reinen Vernunft werde wohl ich recht
haben, du aber wirst nach Paulus ,deines Glaubens leben‘! Ist freilich auch ein
Leben, aber ein Leben ohne Einsicht und ohne Rechnung. Ich will es dir nicht
nehmen und will aus dir auch keinen Proselyten machen. Aber zeigen muß ich dir
doch, daß ein einstiger Bischof auf der Erde nicht um ein leichtes Geld gleich
einem Hasenbalge umzuwenden ist, besonders von jenen schon gar nicht, die auf
der Erde seine Schafe waren!“
[BM.01_032,13]
Spricht der Weise „Ah – ja so, nun weiß ich freilich, von welcher Seite her der
Wind weht! Ja, so du derjenige Bischof bist, der erst vor einigen Wochen dies
ewige Sein mit dem zeitlichen vertauschte, dann ist es wohl begreiflich, warum
dir die Gottheit Jesu nicht eingeht! Ex trunco non fit Mercurius!
[BM.01_032,14] Ich
aber bin der Buchhändler in derselben Stadt, wo du Bischof warst. Ich weiß es
nur zu gut, wie du beschaffen warst! Äußerlich ein Zelot ohnegleichen, bei dir
selbst aber ein barster Atheist! Wer las fleißiger den Kant, den Hegel und
vollends mit dem größten Enthusiasmus den Strauß? Voltaire, Rousseau und
Helvetius lagen statt der Vulgata stets auf deinem Lesepulte, – lauter Geister,
die du auf der Kanzel und in deinen Hirtenbriefen tausendmal zur Hölle
sandtest, aber bei dir im Herzen bei weitem über Jesus erhobst!
[BM.01_032,15]
Siehe, das weiß ich am besten, weil ich dir alle diese Werke liefern mußte und
dein Vertrauter war. Aber ich folgte dir dennoch nicht, sondern ging meinen
geheimen Weg fort, den ich in Swedenborg fand, von dem du aber nie etwas wissen
wolltest, weil er nicht für deine römische Zwickmühle taugte! Gut, daß ich das
nun weiß! Wir werden darum schon einige Wörtlein miteinander zu wechseln
bekommen!“
[BM.01_032,16]
Spricht der Bischof Martin ganz verblüfft: „Nun, jetzt geht es gut! Zu allen
Übeln auch noch das! Muß aber dich der – Gottstehunsbei auch gerade hierher
gebracht haben!
[BM.01_032,17]
(Bei sich:) Der Kerl von einem Buchhändler weiß auch noch eine Menge anderer
Stückeln von mir! Na, das wird eine schöne Wäsche hier in der Geisterwelt
absetzen!
[BM.01_032,18]
Wenn nur der Hausherr Jesus, der es ganz sicher ist, nicht etwa hereinkäme! Das
wäre ja eine verzweifelte Geschichte! Denn ich habe von ihm schon so einige
Leviten bekommen, und er hat mir schon einige meiner irdischen Lumpereien
aufgedeckt!
[BM.01_032,19]
Aber wenn dieser Glanzhütler anfängt, über mich loszuziehen und aufzudecken
meine geheimen Hauptlumpereien, da wird es mir sicher nicht am besten ergehen.
Vielleicht komme ich wieder so auf irgendein angenehmes Wasser oder auf sonst
ein Uferl hin – sicher auf einige Millionen von kurzweiligen Jahren! Oh, oh,
ohoh! Das wird wieder löblich sein! –
[BM.01_032,20]
Was tue ich denn nun, um dieser Kalamität auszuweichen, wenn hier überhaupt ein
Ausweichen möglich ist? Hm – aha, ja, da hab ich's schon, so geht's! Und geht
es nicht, so gehe ich denn wieder an irgendein Meeresuferchen, die Ewigkeit auf
selbem fischen! In Gott's Nam', ist mir nun schon alles eins! Nein, gerade mit
diesem Kerl mußte ich hier zusammenkommen! Aber die Sache läßt sich nicht mehr
ändern; daher nur einen rechten Entschluß gefaßt und ausgeführt! Was tue ich
also nun?“
[BM.01_032,21]
Fällt ihm unaufgefordert der Buchhändler ins Wort und sagt: „Glaube, was ich
wohlbegründet glaube, so wirst du aller deiner vermeintlichen Kalamität
entgehen. Halte mich aber weiter für keinen Verratspitzel mehr, sondern für
deinen Freund, dem du aus dem Feuer seines blinden Eifers halfst und hast ihn
bekleidet, da er nackt war!
[BM.01_032,22]
Glaube mir: Jesus, der Herr, wird an uns ewig keine Spione und Verräter
brauchen. Denn Ihm sind unsere innersten Gedanken schon eher bekannt, als wir
sie noch in unserer Seele empfunden haben – daher wir uns füglich die Mühe,
einander anzuschwärzen, völlig ersparen können!
[BM.01_032,23]
Schau, schau, Bruder, warum sollte denn Jesus nicht der Herr Himmels und aller
Welten sein können, warum nicht Gott der Ewige, der endlos Mächtige? Sollte
denn Ihm gerade das Leichteste meines Erachtens – wenn für Gott überhaupt
Schwereres oder Leichteres denkbar ist – weniger möglich sein als etwas, das
ich für viel schwerer erachten möchte?
[BM.01_032,24]
Sollte es Dem, von dem jedes durch Zeit und Raum begrenzte Wesen hervorging,
wohl unmöglich sein, ohne Verlust Seiner göttlichen Allmacht, aus Liebe zu uns,
Seinen Geschöpfen, Seinen Kindern, Sich selbst in Zeit und Raum einzuschränken,
da doch Zeit wie Raum aus Ihm hervorgehen?
[BM.01_032,25]
Oder: Sollte ein Maler oder Bildner, der tausend Gestalten in Farben oder in
geformter Materie wiedergab, nicht auch sich selbst zu malen oder zu meißeln
imstande sein? Wenn das schon einem Menschen möglich ist – wennschon in
unvollkommenstem Sinn –, wie sollen wir uns von Gott da etwas Unmögliches
denken können?
[BM.01_032,26]
Oder: Wäre Gott wohl das höchst freieste Wesen, so Er irgend etwas aus Sich
selbst nicht zu bewirken imstande wäre? Du beschränkst Ihn ja durch deine
Hegelianischen Grundsätze völlig, und machst aus Ihm einen
Unendlichkeitsarrestanten, der höchstens Zentralsonnen erschaffen kann mit
Erden, Menschen, Tieren. Aber mit Infusorien vollends – die doch auch Leben
haben und einen kunstvoll konstruierten Organismus, durch den sich eben das
Leben kundgibt –, als endlos großes Allwesen unmöglich etwas zu tun haben
könnte, und sich daher um uns Menschen auch nicht kümmern möchte und könnte
eher, als bis wir etwa die Zentralsonnengröße möchten erreicht haben? Wie aber
das? Darüber werden auch Hegel und Strauß geschwiegen haben! –
[BM.01_032,27]
Ich, dein Freund, meine nun, du wirst zur Einsicht kommen und wirst keinen
Anstand mehr finden, Jesus die Ehre zu gönnen und zu geben, die Ihm für alle
Ewigkeiten der Ewigkeiten gebührt, um so mehr, da Er dir schon so große Gnaden
von neuem erzeigt hat!“
[BM.01_032,28]
Spricht der Bischof Martin: „Bruder, Freund! Ich habe dich aus der Flamme
gezogen. Du aber hast mir dafür nun eine andere Flamme mächtigsten Lichtes
gegeben! Ich danke Ihm, ich danke dir! Aber nun laß mich sammeln, laß mich
fassen! Zu groß, zu unendlich ist der Gedanke, den ich jetzt denken muß! Daher
gönne mir einige Ruhe! – Ich erwache, ich erwache!! –“
33. Kapitel –
Bischof Martin erkennt in Jesus den Herrn. Die Furcht des Sünders. Martins
Belehrung.
[BM.01_033,01]
Nach einiger Zeit begann Bischof Martin wieder zu reden: „Ja, ja, liebster
Bruder, ich kann nun denken, wie ich will, so halten deine jetzigen Grundsätze
allenthalben Stich. Unser Hausherr und Meister ist und bleibt auch der Hausherr
und der Meister der Unendlichkeit und aller Ewigkeit! Er ist unstreitbar der
,Sohn‘ des allerhöchsten Wesens, das da sicher ist der schon gar oft
bezeichnete ,Vater‘! Aber wo ist nun der ,Heilige Geist‘ als gewisserart die
dritte göttliche Person?
[BM.01_033,02]
Spricht der weise Buchhändler: „Freund, da mußt du ganz dem Evangelium folgen!
Siehe, hier ist eine Bibel, und darin das Neue Testament. Da lies den Johannes,
den ich dir schon einmal angezogen habe! Sieh, dieser spricht: ,Im Anfange war
das Wort, das Wort war bei Gott, Gott war das Wort; dies Wort ist zu Fleische
geworden und hat in (Jesus Christus) unter uns gewohnt!‘ usf.
[BM.01_033,03]
Wieder heißt es in einer andern Stelle: ,In Jesus Christus wohnt die Fülle der
Gottheit körperlich!‘ Und wieder: ,Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn
Ich und der Vater sind Eins, – der Vater ist in Mir, und Ich im Vater!‘ – und
dergleichen Stellen noch eine schwere Menge!
[BM.01_033,04]
Siehe, so man derlei Stellen, wie überhaupt das ganze Alte und das Neue
Testament wohl überdenkt, so stellt sich immer mehr heraus, daß Jesus der
alleinige Herr und Schöpfer Himmels und aller Erde ist!
[BM.01_033,05]
Als die Apostel Ihn angingen, daß Er ihnen denn doch auch einmal so à la
Verklärung auf dem Berge Tabor den Vater zeigen solle, indem Er ihnen schon so viel
von Ihm erzählt hatte, da verwunderte Sich Jesus förmlich über die Blindheit
Seiner Schüler und sprach: ,Was sagt ihr (Blinden): ,Zeige uns den Vater!‘, und
doch bin Ich schon so eine geraume Zeit unter euch?! Wisset ihr denn noch
nicht, daß, wer da Mich sieht, auch den Vater sieht? Denn Ich und der Vater
sind ein und dasselbe!‘ usw. – wie ich die Stelle schon gezeigt habe!
[BM.01_033,06]
Ich aber meine, du fragst hier gerade so, wie dereinst die Apostel und Jünger
ihren Herrn und Meister gefragt haben, als ihnen auch noch die dreifache
Mosisdecke vor den Augen hing!“
[BM.01_033,07]
Spricht wieder Bischof Martin: „Ja, du hast recht, ein vollstes Recht hast du –
ich bin nun vollkommen im klaren! Er ist es, Er ist es! Er ist der einige Herr,
Gott, Schöpfer und Vater Himmels und aller zahllosen Myriaden von Engeln,
Sonnen, Erden und Menschen. Daß Er aber gerade die Erde so ausgezeichnet hat,
wird wohl auch seinen allertriftigsten Grund haben, der mir mit der Zeit wohl
auch noch hoffentlich klarer wird!
[BM.01_033,08]
Nun aber kommt ein anderer Artikel! Siehe, Bruder, je mehr ich nun diese
unaussprechliche, allerheiligste Sache betrachte, je ungezweifelter dieser
unser Hausherr Jesus als das allerhöchste Gottwesen heraustritt, desto mehr
konzentriert sich die Furcht in meinem Herzen. Es wäre schrecklichst, nun vor
Ihm erscheinen zu müssen!
[BM.01_033,09]
Denn daß ich als ein Sünder nun dastehe, der seinesgleichen sucht, wie du es
weißt – und der allmächtige Gott daneben! Oh, das wird bald die respektabelste
ewige Verdammnis absetzen! Bisher konnte diese vielleicht darum nicht in der
Fülle erfolgen, weil ich den so nahen allergerechtesten Richter nicht erkannt
habe. Nun aber, da ich Ihn, den Erschrecklichen, unwiderlegbar erkannt habe,
wird der höllische Tanz mit mir schon sicher bald angehen!
[BM.01_033,10]
Denn schau, Bruder, wir haben Ihn nun wohl erkannt und müssen nun zu Ihm ,Herr!
Herr!‘ sagen! Er aber hat es Selbst auf der Erde gelehrt und gesagt: ,Es werden
nicht, die zu Mir Herr! Herr! sagen, in das Reich der Himmel eingehen, sondern
jene nur, die des Vaters Willen tun!‘ Sage, Freund, haben wir je diesen Willen
beachtet und danach getan? Vom Himmel kann daher für uns nie eine Rede sein!
[BM.01_033,11]
Was gibt es aber außer dem Himmel? – Siehe, nichts als die Hölle! Ohoho, nichts
als die nackte Hölle! Ich sehe nun schon ordentlich die Flammen über meinem
Kopfe zusammenschlagen. Auch kommt's mir schon vor, als wenn die Teufel –
ohohoh – Gottstehunsbei – –! Bruder, lieber Bruder, ich kann es dir gar nicht sagen,
was für eine unendliche Angst sich nun meiner bemächtigt hat!
[BM.01_033,12]
Was werden wir sagen, so Er nun als der allmächtige Gott und als der
gerechteste, gestrengste, ja unerbittlichste Richter zu uns kommen wird, und
wird uns so mir und dir nichts in die Hölle hinein zu verdammen anfangen und
wird sagen: ,Hin–weg – von Mir – ihr – Ver–fluch–ten! – – In – das e–wige –
Feuer, das allen Teu –Gottstehunsbei bereitet ist!‘?
[BM.01_033,13]
Ohohohoh! Erschrecklich, erschrecklich! Ich hör' schon ordentlich den Donner
dieses erschrecklichsten Richtspruchs. – Ohohoh, das wird ein Leben sein, ein
erschrecklichstes Leben, und eine Empfindung, wenn ich vielleicht ganz hinab zu
allen Teufeln fahren werde – Gottstehunsbei, hätte ich beinahe schon zu sagen
vergessen vor lauter Angst, Furcht und Schrecken! Ich begreife nur nicht, wie
du dabei so gleichgültig sein kannst, wo ich vor Furcht vergehe und schon
beinahe ganz verschmachte!“
[BM.01_033,14]
Spricht der weise Buchhändler: „Fasse dich nur, Bruder, und sei versichert, der
Herr ist besser, als Roms Päpste und Mönche Ihn darstellen! Solange wir Ihn
aber so närrisch fürchten, wird Er wohl verziehen und wird erst kommen, so wir
unsere Furcht werden in Liebe umgestaltet haben!
[BM.01_033,15]
Schau, schau, was wohl hättest du denn für ein Vergnügen, so du dich an einer
Milbe, die dich beleidigt hätte, rächtest? Wäre eine solche Rache nicht der
barste Unsinn eines verrückten Narren? Wie kannst du demnach so etwas der
allerhöchsten göttlichen Weisheit unterbreiten! Was sind wir gegen Gott? Sind
wir gegen Ihn wohl das, was eine Milbe gegen uns?!
[BM.01_033,16]
Siehe, wir sind ja ganz und gar nichts gegen Ihn, und Er sollte an uns solche
Rache nehmen? – Wohin, Freundchen, wohin? Fasse dich; ich bin der besten
Hoffnung, daß da am Ende noch alles um ein Haar besser ablaufen wird, als wir
es uns vorstellen! – – Stille! Mir scheint, Er kommt herein! Richtig, Er
kommt!“
34. Kapitel –
Eine heilige Erlösungsszene: Martin an der Brust des Herrn.
[BM.01_034,01]
Als Ich mit Petrus eintrete, sinkt Bischof Martin wie in eine Ohnmacht
zusammen, und die ganze Gesellschaft mit Ausnahme des Buchhändlers ruft: „Wehe
uns!“
[BM.01_034,02]
Nur der Buchhändler fällt bei klarer Besinnung auf die Knie nieder und spricht:
„Herr, Vater – geheiligt werde Dein allerheiligster Name, Dein Wille geschehe!
Siehe, wir sind alle große und grobe Sünder und sind wohl nicht der geringsten
Deiner Gnaden wert. Aber wir alle lieben Dich in aller Fülle unseres Gemütes!
Daher, so es Dein Wille ist, laß Deine Erbarmung statt Deiner Gerechtigkeit
über uns ergehen! Was sollen wir ohne Deine Gnade, ohne Deine Liebe, ohne Deine
Barmherzigkeit!
[BM.01_034,03]
Du bist ewig, Du bist endlos weise, und Deine Allmacht hat keine Grenzen!
Nimmer könnten wir uns vor Dir entschuldigen! Oder könnte sich wohl irgend
jemand in der ganzen Unendlichkeit auflehnen gegen Deine Macht? Denn noch ehe
er diesen Gedanken faßte, könntest Du ihn schon vernichten so, als wäre er nie
im Dasein vorhanden gewesen.
[BM.01_034,04]
Ich und wir alle erkennen und bekennen, daß du der alleinige Herr Himmels und
aller Welten bist. Wir alle aber sind nichts gegen Dich und Deine endlose
Macht. Tue daher mit uns allen, was Dein heiliger Wille ist; aber sei eingedenk
unserer Schwäche, und Deine Erbarmung bleibe uns nicht ferne!“
[BM.01_034,05]
Rede Ich: „Stehet auf, und jammert hier nicht wie Delinquenten auf der Welt!
Denn so Ich zu euch komme, seid ihr ja schon selig. Denn die unseligen Geister
fliehen Mich und wollen ewig nicht, daß Ich zu ihnen käme und sie erlöste und
selig machte. Daher ist eure Furcht vor Mir eitel und schwach das Licht eures
Verstandes.
[BM.01_034,06]
Leget ab all das, was da nicht taugt in Meinem Hause, in Meinem Reiche. Denn wo
Ich bin, da ist auch Mein Reich, und dieses Reich ist der Himmel innerster und
höchster! Dieser Himmel aber ist nicht ein Himmel des Müßiggangs und der ewigen
Trägheit, sondern ein Himmel der vollsten Tätigkeit, in die ihr alle von nun an
stets tiefer und tiefer werdet eingeführt werden: jeder von euch in dem, wozu
er schon auf der Erde talentierte Vorübungen machte. Also sei es!
[BM.01_034,07]
Alle erheben sich in der freudigsten Stimmung und danken Mir laut für solche
endlose Gnade und Erbarmung. Nur der Bischof Martin liegt noch in seiner
Ohnmacht und hört und sieht vor lauter Angst nichts, was da vorgeht.
[BM.01_034,08]
Da geht Petrus auf Meinen Wink hin zu ihm, rüttelt ihn auf und spricht: „Aber
Martin, was tust du denn hier? Wir haben schon die längste Zeit draußen auf
dich gewartet und du kamst nicht wieder zum Vorscheine! Was plaudertest du denn
hier so lange und ließest uns warten wie eine zimperliche Braut ihren
Bräutigam, die sich gar zu eitel zum Hochzeitsfeste schmückt! Weißt du denn
nicht, daß wir wichtige und diesmal sehr dringende Geschäfte vorhaben?“
[BM.01_034,09]
Spricht endlich nach einer Pause wieder Bischof Martin: „O, ja – gut – ja, ja!
Richtig, du bist es! Ja sieh, ich ging diesmal wie auf große und überwichtige
Entdeckungsreisen aus, und von großen Reisen kommt man nicht so bald zurück.
Hab' freilich wohl Allerhöchstes entdeckt, aber nicht zu meiner Freude, sondern
zu meinem größten Schrecken nur!
[BM.01_034,10]
Ach, Freund, ich habe nun unwiderlegbar die Entdeckung gemacht, daß unser
Hausherr und Meister Gott, der Herr der Unendlichkeit ist! Das ist nun klarer
als auf der Erde die Mittagssonne am reinsten Tag. Nun aber denke dir mich als
einen Sünder non plus ultra – und Gott, den Allmächtigen, den Allerweisesten,
den Gerechtesten, den Allwissendsten, den Heiligsten, der einen verdammen muß
wegen Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit! – Ohohoh, Freund, das ist eine ganz
entsetzliche Entdeckung!
[BM.01_034,11]
Mein Freund da mit dem Glanzhute hat mich zwar wohl trösten und beruhigen
wollen. Aber solange man nicht von Dem die Beruhigung hat, der unsereinen
plötzlich in die Hölle hinein auf ewig verstoßen kann, so lange nützt kein
fremder Trost etwas!“
[BM.01_034,12]
Spricht Petrus: „Stehe nur auf, und sei nicht dumm! Siehe, der Herr Jesus, den
du so unbändig fürchtest, harrt mit offenen Armen deiner! Sieht Er wohl so aus,
als säße Ihm schon dein Verdammungsurteil auf der Zunge?“
[BM.01_034,13]
Bischof Martin wirft einen flüchtigen Blick nach Mir und ersieht Meine große
Freundlichkeit. Dies macht ihm Mut, daß er sich sogleich vom Boden etwas mehr
erhebt und mit Tränen in den Augen spricht: „Nein, nein, aus dieser Milde sieht
ewig kein Verdammungsurteil heraus! O Herr, o Vater, wie gut mußt Du sein, daß
Du einen Sünder, wie ich es bin, so endlos mild und gnädig ansehen kannst!
[BM.01_034,14] O
Jesus, jetzt aber halte ich es nimmer aus! Mein Herz brennt wie eine
Zentralsonne vor plötzlich erwachter Liebe zu Dir – Sünde hin, Sünde her: ich
muß wenigstens Deine Füße umklammern und an ihnen meiner zu großen Liebe Luft
machen! Herr, tue mit mir, was Du willst; aber nur diesmal laß meiner Liebe
ihren Lauf!“
[BM.01_034,15]
Rede Ich: „Komm her; du Mein hartnäckiger Bruder; deine Sünden sind dir
vergeben! Und nicht da zu Meinen Füßen, sondern hier an Meiner Brust mache
deiner Liebe Luft!“
[BM.01_034,16]
Auf diese Anrede stürzt der Martin hin zum Herrn und verdrückt und vergräbt
sich völlig in Den, den er so lange nicht erkennen wollte.
[BM.01_034,17]
Als er sich so recht an Meiner Brust vor Liebe ausgeweint hat, da frage Ich
ihn: „Nun, Mein liebster Bruder und Mein Sohn, sage Mir: Wie gefällt dir diese
Höllenfahrt? Bin Ich wohl der ewige Tyrann, wie Ihr Mich ausgeschrien habt?“
[BM.01_034,18]
Spricht der Bischof Martin: „O Herr, ich bin jetzt stumm und zu wortarm, um Dir
vor allen diesen lieben Brüdern zu bekennen, wie klar ich nun alle meine Fehler
und größten Irrtümer einsehe. Aber laß mich in dieser neuen Größe des
endlosesten Glückes erst so ein wenig zurechtfinden, dann erst will ich Dir, o
Du mein süßester, gütigster, barmherzigster Herr Jesus, ein rechtes Bekenntnis
ablegen!
[BM.01_034,19] O
Herr, o Jesus, o Du heiligster aller Heiligkeit, Du Liebe aller Liebe, Du
endlose Geduld aller Geduld, ich kann jetzt nichts anderes als Dich lieben,
lieben, lieben, Dich über alles lieben!“
[BM.01_034,20]
Rede Ich: „Nun gut, gut; dieser deiner Liebe wegen, die Ich in dir sah, hatte
Ich aber auch diese große Geduld mit dir und habe Selbst Hand an dich gelegt!
Nun bist du seligst, da du nun fortan da sein wirst, wo Ich Selbst bin. Aber in
der Müßigkeit suche du ja nicht den Grund der Seligkeit, sondern in der größten
Tätigkeit, die sich hier in größter Fülle ewig vorfinden wird!
[BM.01_034,21]
Nun aber gehen wir zu den dreißig im andern Gemache, die du gebracht hast. Gehe
du zuerst hinein, und versuche sie zu Mir zu bringen! Ist dir diese erste
Arbeit deines seligen Zustands gelungen, dann werden wir auch sie gleich ihrer
ewigen Bestimmung zuführen! Also gehen wir dahin, und du allein zu ihnen ins
Gemach. Es sei!“
35. Kapitel –
Martins erster Missionsgang und seine Erfahrungen. Eine scheinbare Menagerie –
„Ohne Mich vermöget ihr nichts!“
[BM.01_035,01]
Bischof Martin begibt sich sogleich freudigst dahin in Meiner, des Petrus und
des weisen Buchhändlers Gesellschaft, welch letzterer mit unendlicher Ehrfurcht
hinter uns einhergeht. Zur Türe des Gemaches kommend, verläßt uns Bischof
Martin und begibt sich nach Meinem Geheiße sogleich zu den dreißig im
obbezeichneten Gemach.
[BM.01_035,02]
Nun aber ist zu bemerken, daß sich unser Bischof Martin nicht mehr in seinem
eigenen, sondern in Meinem reinsten Himmelslichte befindet, das er aber
freilich aus weisen Gründen noch nicht so ganz in der Fülle seines
wahrnehmenden Bewußtseins empfindet. In diesem Lichte aber erscheinen alle
Dinge anders als im eigenen Naturlichte, also auch die Seelen, d.h. die
abgeschiedenen Menschen.
[BM.01_035,03]
NB. ,Abgeschieden‘ darf hier nicht mit ,Sterben‘ verwechselt werden, was
natürlich ein Unsinn wäre. ,Abgeschieden‘ bezeichnet hier den aus sich selbst
durch allerlei Sünden (Seelengebrechen) gerichteten Zustand nach der Ablegung
des Fleisches.
[BM.01_035,04]
Dieser Ordnung zufolge fand denn auch Bischof Martin, als er ins Gemach trat,
statt Menschen meistens Tiergestalten, freilich wohl keine bösartigen, sondern
mehr furchtsame und dumme. Nur wenige darunter hatten ein kretinartiges,
schrolles und mit allerlei Auswüchsen behaftetes Aussehen. Die meisten andern
sahen aus wie gehetzte Hasen, verhungerte Esel und Ochsen, auch ein paar sehr
verkümmerte, räudige Schafe waren darunter.
[BM.01_035,05]
Als nun unser Bischof Martin anstatt der vermeintlichen dreißig von ihm
hierhergebrachten Protestanten diese für ihn höchst sonderbare Gesellschaft im
Gemache traf, die sich vor ihm schnell in die Winkel verkroch, eins übers
andere kauernd, da blieb er eine Weile wie versteinert stehen. Endlich sprach
er nach einem tiefen Atemholen zu sich: „Ja, was ist denn das schon wieder für
ein echter Höllenspuk im ersten Himmelreiche, im Hause des Herrn? Nicht übel!
Vielleicht gibt es hier auch Ratten und Mäuse und noch eine Menge kleineres
Ungeziefer?!
[BM.01_035,06]
Nicht übel, nicht übel! Das ginge auch so hübsch mit der Schrift zusammen, wo
es steht: ,Nichts Unreines kann in das Reich Gottes eingehen!‘ Und dies Paar
räudige Schafe, da fünf Stück Kretins, voll der abscheulichsten Auswüchse, auch
magere, schmutzige Ochsen, dergleichen Esel und mehrere ganz schäbig aussehende
Hasen – wahrlich, eine rare Gesellschaft für den ersten oder obersten Himmel!
In solcher Gesellschaft die himmlischen Freuden genießen? Das wird sich machen!
[BM.01_035,07]
Nein, heißt das aber doch einen armen Kerl, wie ich einer zu sein das Vergnügen
habe, gehörig als ersten Aprilsboten gebrauchen – vorausgesetzt, daß man hier
im Himmel auch etwas von einem Monat April weiß!
[BM.01_035,08]
Ah, das ist denn doch ein wenig zu toll! Was soll ich denn nun mit dieser ganz
gutmütigen Menagerie anfangen? Wo sind denn meine dreißig hierher gebrachten
Protestanten hin? Sind sie etwa hier in diese Tiere so allerliebst verwandelt
worden, – was wirklich sehr spaßig wäre; man muß nur denken, daß hier das
Zentrum des obersten, höchsten Himmels ist!
[BM.01_035,09]
Der Herr ist einmal der Herr; davon bin ich nun aus dem innersten Grunde meines
Herzens überzeugt. Das sagt mir ja meine Liebe zu Ihm. Aufrichtig gesagt, ich
möchte Ihn – wie man auf der Welt sagt – geradezu fressen vor Liebe! Aber was
Er nun wieder mit diesem mir neu angebundenen Schabernack will, das wird auch
Er sicher am besten wissen! Will Er etwa die Tiere gar in die Mast tun?
Fürwahr, da wird sich wenig Speck ziehen lassen!
[BM.01_035,10]
Was plausche ich aber auch wie etwa ein Esel Nr. 31 dieser Gesellschaft?! Halb
rechts kehr' dich um, und gehe dahin zurück, von wannen du gekommen bist! Lebt
wohl, ihr Guten all, es wird mich sehr freuen, euch bald wiederzusehen!“
[BM.01_035,11]
Nach dieser lakonischen Anrede öffnet Bischof Martin wieder die Tür und kommt
zu uns mit ganz lakonisch-verblüfftem Gesichte. Ich aber frage ihn sogleich, wo
denn die dreißig seien.
[BM.01_035,12]
Und Bischof Martin erwidert: „O Herr, das weißt Du sicher besser als ich! Die
da drinnen werden es sicher nicht sein. Und wären sie es, so wäre das im Ernste
eine Metamorphose, die in diesen ersten und höchsten Himmel ebensowenig taugte
als die Faust aufs Auge.
[BM.01_035,13]
Ohne die Viehsprache zu kennen, falls das Vieh auch irgendeine geheime Sprache
hat, wird sich meines Erachtens mit der Einwohnerschaft dieses Gemaches nicht
viel machen lassen. Du verstehst freilich auch die Steine und kannst mit den
Elementen reden und durch Deine Allmacht ihnen gebieten; aber woher soll
unsereiner so was nehmen?
[BM.01_035,14]
Daher, so Du, o Herr, doch sicher gewußt hast, was dies Gemach enthält, war das
doch ohne weiteres eine Ansetzerei meiner Blödheit von Deiner Seite?“
[BM.01_035,15]
Rede Ich: „O Freund, nicht im geringsten, sondern du selbst hast dich
angesetzt! Weißt du denn nicht, daß ein jeder neue Diener seines Herrn sich
vorher in allem muß genau unterweisen lassen, bevor er irgendein ihm
zukommendes Geschäft antritt?
[BM.01_035,16]
Siehe, es ist nicht genug, so Ich zu dir sage: ,Gehe dahin!‘, und du gehst, und
so Ich wieder sage: ,Komme her!‘, und du kommst, – sondern da kommt es
hauptsächlich aufs Warum und aufs Wie und aufs Wodurch an!
[BM.01_035,17]
Steht es nicht geschrieben: ,Ohne Mich vermöget ihr nichts!‘? Daher hättest du
auch sogleich, als Ich dich in dies Gemach beschied, vor Mir bekennen sollen:
,Herr, ohne Dich vermag ich auch nicht das Geringste!‘, so hätte Ich dann schon
diese Sache anders gewendet. Du aber gingst sogleich in einer Art von
Selbstvertrauen da hinein. Darum mußtest du denn auch bei dir selbst erfahren,
wieviel jedermann ohne Mich vermag.
[BM.01_035,18]
Auf der Welt wohl gibt es leider so viel selbständige Tatenverrichter, als es
Menschen gibt, und so viel verschiedenartige Sinne und Erkenntnisse als Köpfe.
Hier aber ist es anders, da gibt es nur eine Selbständigkeit, nämlich in Mir –
und einen Sinn und eine Erkenntnis, nämlich auch in Mir und durch Mich! Wo das
nicht ist, da ist nichts als Selbsttrug und Selbsttäuschung.
[BM.01_035,19]
Dies also zu deiner künftigen Belehrung und Richtschnur! – Nun aber gehen wir
alle in dies Gemach und wollen da sehen, was sich mit dieser deiner
vermeintlichen himmlischen Menagerie alles wird machen lassen, und ob diese
Tiere Meine Sprache verstehen werden. Es sei!“
36. Kapitel –
Martins zweiter Besuch in der Menagerie unter Leitung des himmlischen Meisters.
Seine Bekehrungsrede. Die Rettung der Verirrten.
[BM.01_036,01]
Wir treten nun schnell wieder in dasselbe Gemach und finden die Gesellschaft
der dreißig noch in den Winkeln zusammenkauernd, und zwar in gleicher
tierischer Gestaltung.
[BM.01_036,02]
Petrus ruft sie folgendermaßen an, sagend: „Calvins Bekenner, kehret euch um;
denn der Herr harrt euer! Nicht Luther, nicht Calvin, nicht die Bibel, auch
nicht Petrus und Paulus oder Johannes, sondern allein Jesus, den Gekreuzigten,
bekennet! Denn Er allein ist der Herr Himmels und aller Erde; außer Ihm gibt es
keinen Herrn, keinen Gott und kein Leben mehr!
[BM.01_036,03]
Dieser Herr Jesus, der da ist der allein wahre Christ ewig, ist hier und will
euch annehmen – so ihr wollet –, auf daß ihr alle selig würdet in Seinem
allerheiligsten Namen!“
[BM.01_036,04]
Spricht einer aus der Gesellschaft, der das Aussehen eines Esels hat: „Wer bist
du, der du wagst, mit der alten Jesusmäre mir in diesem aufgeklärten Zeitalter
zu kommen? Siehst du meine Schätze denn nicht, mit denen ich für die ganze
Ewigkeit auszukommen hoffe, und bin mit meinem Zustande vollkommen zufrieden?
Was soll ich dabei dann noch mit dem mythischen Jesus tun, der nie war, nicht
ist und nie sein wird? Wann wird man denn einmal anfangen, die alten mythischen
Weisen auszumerzen und an ihre Stelle die wirklichen weisen Männer der
Gegenwart zu setzen?
[BM.01_036,05]
Muß denn Homer immer der größte Dichter sein, Orpheus ein förmlicher Gott der
Töne, Apelles der erste Maler, Apollodorus der erste Bildner, der
Dschingis-Chan der größte Held und Eroberer, Sokrates, Plato und Aristoteles
die größten Philosophen, die Pharaonen Ramses und Sesostris und Möris die
größten Baukönige, Ptolomäus der erste Astronom, Moses der größte und weiseste
Gesetzgeber, David und Salomo die weisesten Könige und endlich Jesus der größte
und weiseste Moralist!
[BM.01_036,06]
Haben wir Deutsche nicht Männer genug, gegen die sich alle diese Alten rein
verkriechen müßten? Und dennoch baut man diesen Alten Opferaltäre, während man
nicht selten die Weisen der Gegenwart verhungern läßt! Wann, wann wird denn
dieser Unsinn einmal ein Ende nehmen?“
[BM.01_036,07]
Redet Petrus: „Ich bin, der ich bin, – manchmal Simon Jona, manchmal wieder nur
Petrus! Was deine aufgeklärten Zeiten betrifft, so sind sie wahrlich eben nicht
gar zu weit her. Die alte Jesusmäre ist offenbar mehr wert als die Schätze deiner
Eselshaut. Die alten Weisen sind darum auch mehr wert als die jungen Laffen,
weil sie wußten, was sie taten. Darum wurden sie Lehrer der Völker aller
Zeiten, während alle sich hochweise dünkenden Gelehrten dieser Zeit nicht
wissen, was sie tun, sich selbst nicht kennen, daher noch weniger jemand andern
und schon am allerwenigsten die rein göttliche Natur und Wesenheit des Herrn
Jesu Christi. Aus welchem Grunde sie sich dann hier im Angesichte des Herrn
aber auch ausnehmen wie ihr, nämlich in der Gestalt der Esel, Ochsen, gehetzter
Hasen (die auf der Welt, so sie ob ihrer manchmal zu sonderbaren Weisheit vor
Gericht verlangt wurden, aus lauter Mut für ihre gut sein sollende Sache lieber
das sogenannte Fersengeld nahmen, als sich vor demselben mutigst zu
verteidigen, und erst dann ein Gegengebelle ertönen ließen, so sie ihren Balg
in irgendeinem Schlupfwinkel sicher wußten), auch in der Gestalt von räudigen
Schafen!
[BM.01_036,08]
Kehrt euch nur um und betrachtet euch, und ihr werdet die Wahrheit meiner Worte
an euch erschauen! Warum hattet ihr denn ehedem eine so große Furcht vor Jesus
und batet, daß Er nicht zu euch käme, und betrachtet Ihn nun, da Er wirklich zu
euch kam, als ein bloß mythisches Wesen?“
[BM.01_036,09]
Der Eselhafte aus der Gesellschaft ist nun stumm und redet nichts. Aber Bischof
Martin machte diese Bemerkung: „O Herr, wahrlich, Deine Geduld ist groß und
endlos Deine Liebe! Aber so ich diesem wirklichen Esel so einige wohlgenährte
Prügel über seinen Balg so recht kräftig ziehen könnte, tät's mir völlig wohl.
Nein, ist aber das ein wirklicher Esel! Da ist wirklich gar nichts zu reden.
Die Katholiken sind wohl auch dumm; aber so ein dummer Kerl ist mir noch nicht
vorgekommen wie dieser calvinische Esel.“
[BM.01_036,10]
Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder Martin, weißt du nicht, was Ich einst
eben zu diesem unserm Bruder Petrus sagte, als er einem Knechte des
Hohenpriesters, Malchus nämlich, mit einem Schwerte ein Ohr abhieb? Siehe,
dasselbe gilt auch hier! Wo die Liebe, gepaart mit aller Sanftmut und Geduld,
nichts vermag, da vermag auch kein Schwert und keine sonstige Macht etwas!“
[BM.01_036,11]
Die Allmacht kann wohl alles richten und töten und vernichten durchs Gericht.
Aber helfen, aufrichten, das Leben erhalten, das Verlorene wiedergeben, den
gefangensten Geist wieder frei machen, siehe, das kann allein nur die Liebe,
gepaart mit aller Sanftmut und Geduld. Wo diese mangelt, da ist nichts als Tod
und Verderben.
[BM.01_036,12]
Wir aber wollen, daß da niemand zugrunde gehen soll, sondern daß alle, die an
Mich glauben, das ewige Leben haben sollen! Daher ist es an uns, für alle nur
jene Mittel zu gebrauchen, durch die es allein möglich ist, jedermann in seiner
Art zu helfen.
[BM.01_036,13]
Versuche dich an diesen unbändigen gelehrten Calvinern, und siehe, was du als
ein einstiger Bischof mit ihnen ausrichten wirst!“
[BM.01_036,14]
Spricht Bischof Martin: „O Du liebster Herr, Du mein allerliebster Gott und
Vater Jesus, es wäre schon alles recht. Aber so der würdigste Petrus mit ihnen,
wie es scheint, ohne Wunder nicht viel richten mag, da weiß ich wirklich nicht,
wie weit dann ich mit ihnen kommen werde.
[BM.01_036,15]
Ich meine nun aber, da Du, o Herr, da bist in Deiner vollsten göttlichen
Wesenheit persönlich, dem alle Mittel ewig zu Gebote stehen, so wäre es wohl
höchst unverzeihlich von mir, wenn ich als ein reinstes Nichts vor Dir da
wirken wollte, wo Du alles in allem bist und ein leisester Gedanke aus Dir
schon mehr vermag, als so ich eine Ewigkeit so weise als möglich fortreden möchte.
Daher bitte ich Dich, nimm diesen Antrag, den Du mir machtest, wieder gnädigst
zurück.“
[BM.01_036,16]
Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Bruder Martin! Siehe, auch du gehörst nun zu
Meinen Mitteln! Würde Ich nun gleich persönlich in diese halb tote Gesellschaft
einwirken, da würden sie gerichtet. Sie wissen nun schon, daß Ich hier bin, und
einige von ihnen haben auch einen halben Glauben, daß Ich doch der wahre Herr
sein könnte.
[BM.01_036,17]
Daher übertrage Ich dir dieses Geschäft, zu dem dir der Bruder Petrus nun schon
den Weg gebahnt hat. Er selbst ist nun auch noch zu stark für diese Schwachen.
Daher muß ihnen nun zuerst einer unter die Arme greifen, der nicht zu stark
ist, auf daß er diese Ohnmächtigen nicht erdrücke. Denn Mücken können und
müssen zuerst wieder nur von Mücken gesäugt werden, auf daß sie nicht
verderben. Und Kindlein können vorerst nicht der Männer Kost verdauen, sondern
nur eine leichte und zarte Milch. Daher gehe nur hin und erfülle Meinen Auftrag
an diesen dreißig Ohnmächtigen. Es sei!“
[BM.01_036,18]
Ich, Petrus, und der nun überaus demütige Buchhändler gehen nun wieder aus dem
Gemach und lassen unsern Martin allein bei den dreißig.
[BM.01_036,19]
Bischof Martin aber betrachtet diese Herde eine Zeitlang und richtet sich dann
mit folgenden Worten nach seinem eigenen und dieser Herde Zustande eben an
diese, sagend: „Ihr armen, ohnmächtigen Brüder, die ihr da im reinsten Lichte
des allmächtigen, ewigen Gottes als förmliche dumme Tiere erscheinet, höret
mich geduldig an und vernehmet den Sinn meiner Rede!
[BM.01_036,20]
Ich war auf der Welt ein römischer Bischof und war ein wütender Gegner alles
Protestantentums, obschon ich auf Rom bei mir noch weniger hielt als auf
Mohammeds Lehre. Und wie ich war auf der Welt, so kam ich auch hierher als ein
gegen alles Gute und Heilig-Wahre widerspenstiges Vieh. An mir war aber auch
nicht ein gutes Haar und mein Herz war ein wahrster Augias-Stall. Ich sage
euch, von irgend etwas, das man nur mit dem kleinsten Scheingrunde als
irgendein christliches Verdienst hätte bezeichnen können, war bei mir gar keine
Rede!
[BM.01_036,21]
Das einzige, das aber an und für sich gar nichts ist, war zu Zeiten bei mir,
daß ich mir in einer Art luftigen Phantasie Jesus den Herrn so vorstellte, wie
Er beschrieben war, und dabei dachte: ,Ja, wenn ich Ihn so haben könnte und mit
Ihm gemeinschaftlich wirken unter dem überzeugenden Bewußtsein, daß Er
möglicherweise wirklich das allerhöchste Gottwesen wäre, da wäre ich freilich
das glücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit. Denn fürs erste wäre das
doch die höchste Ehre aller Ehren, fürs zweite die sicherste Versorgung und
Lebensversicherung für die ganze Ewigkeit, fürs dritte der höchste und
mächtigste Schutz, und endlich könnte ich in solcher Gesellschaft doch
Wunderdinge zu Gesicht bekommen, die bisher noch kein menschlicher Gedanke
gedacht hat.‘
[BM.01_036,22]
Sehet, dieser Gedanke, meine Phantasie, ja diese meine in der Welt
allerluftigst aussehenden Luftschlösser waren hier meine einzigen Retter vom
ewigen Verderben. Sie waren eine verborgene Liebe zu Gott in mir, die ich
selbst nicht kannte. Und seht, liebe Brüder, wie schwer es mir auch ging, so
bin ich aber durch diese Liebe so weit gekommen, daß eben diese irdischen
Phantasien sich in mir – für euch freilich noch schwer glaublich – zur
evidentesten Wirklichkeit gestaltet haben. Ich bin nun wirklich bei Jesus, dem
alleinigen Herrn der Geister- und Körperwelt, und bin auf diese Art und Weise
seligst für die ganze Ewigkeit versorgt.
[BM.01_036,23]
Brüder, Freunde, so ihr nicht eure eigenen größten Feinde sein wollt, folget
meinem Beispiel, und ich will euch alles sein, so ihr es ewig je bereuen
solltet! Glaubt mir, der Herr ist hier in diesem herrlichen Hause und ist
endlos gut, besser als die besten Engel und Menschen aller Welten und aller
Himmel zusammengenommen! Daher kehret um und fasset Vertrauen, und es wird um
euch augenblicklich anders aussehen als jetzt! Ziehet meine Erfahrungslehre
eurer falschen Mutmaßung vor und werdet lebendige Werkzeuge des Herrn!“
[BM.01_036,24]
Auf diese wirklich salbungsvolle Rede unseres Martin kehrten sich nun alle
dreißig zu ihm und erwiderten ihm fast einstimmig: „Freund, diese Rede gefällt
uns besser als deine früheren Worte, die du an uns gerichtet hast; obschon wir
gerade nicht umhin können, dir nebstbei anzuzeigen, daß uns deine Tieransichten
an unserer Persönlichkeit eben nicht am besten gefallen. Man kann wohl einen
dummen Kerl einen Esel und Ochsen schelten; aber ihm gewissermaßen begreiflich
machen wollen, daß er zugleich ein wirklich gestaltlicher Ochse und Esel ist –
sieh, Bruder, das ist denn doch etwas zu stark!
[BM.01_036,25]
Aber sei dem nun, wie es wolle! Du hast durch deine Rede bewiesen, daß du ein
gescheiter und guter Kerl bist, und wirst auch mit deinem Jesus so ziemlich
rechthaben. Nur das einzige ist etwas sonderbar, daß man hier keine Engel
sieht. Auch mit der himmlischen Schönheit dieser Gegend scheint es uns einen
bedeutenden Faden zu haben, sowie mit den himmlischen Kleidern. Denn du bist
noch immer ein irdischer Bauer, ohne Rock auch noch dazu. Ebenso hat auch dein
Herr Jesus einen nichts weniger als himmlischen Rock an, und der Petrus ist
eher schundig als himmlisch zu nennen. Nur der mir wohlbekannte Buchhändler aus
N. hat einen etwas bessern Rock, der aber für den Himmel sicher auch nicht den
rechten Schnitt hat.
[BM.01_036,26]
Siehe Freund, da hat es einen sehr bedeutenden Faden. Kannst du diese Scharten
auswetzen, da wollen wir dir alles aufs Wort glauben, was du uns immer sagen
magst und wollen dir auf den leisesten Wink folgen.“
[BM.01_036,27]
Hier stutzt Martin ein wenig, denn an diese Dinge hat er selbst noch nicht
gedacht im Laufe seines geistigen Fortschritts. Aber er ermannt sich bald
sichtlich und spricht weiter zu dieser nun schon halb bekehrten Herde:
„Freunde, glaubt mir, da kommt es hauptsächlich darauf an, wie es jemand haben
will! Ich wollte es bis jetzt also und darum ist es auch so; werde ich es aber
anders wollen, wird es auch gleich anders aussehen!
[BM.01_036,28]
Engel habe ich freilich wohl noch nicht gesehen. Aber was liegt da an allen
Engeln und an aller himmlischen Pracht, wenn man nur den Herrn aller Engel und
himmlischen Herrlichkeiten hat! Der kann alles, was hier noch abgeht, in einem
Augenblicke – wie man zu sagen pflegt – herzaubern. Überhaupt habe ich wirklich
noch kein Bedürfnis nach all dem in mir verspürt, nicht einmal nach einem
bessern Rock; denn mir ist nun der Herr alles in allem, ja alles über alles!
[BM.01_036,29]
Werdet ihr auf meiner Stufe stehen, so werdet auch ihr so denken und fühlen wie
ich. Die Ewigkeit ist noch so lang, und da wird an der Seite des Herrn, des
ewigen Meisters der Unendlichkeit, sich noch so manches erschauen und erfahren
lassen. Dessen bin ich schon im voraus voll überzeugt.
[BM.01_036,30]
Ich aber sage hier auch, wie ich's in mir lebendig fühle: Herr, so ich nur Dich
habe, da frage ich nicht nach allen andern Herrlichkeiten ohne Maß und Namen.
Denn das Herrlichste aller Herrlichkeit ist und bleibt ewig allein nur der
Herr, ja unser Herr Jesus! Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und alle meine
Liebe ewig! Amen.“
[BM.01_036,31]
Auf diese Rede erhebt sich die ganze Herde wie aus einer Staubwolke in schon
voller Menschengestalt und spricht ebenfalls laut: „Amen! Bruder, du hast
recht, wir glauben dir nun allesamt. Du hast nun wirklich mehr als weise
geredet und dadurch in unsern Herzen ein Licht angezündet, das sicher nimmer
erlöschen wird! Dank sei darum dem Herrn Jesus, deinem und nun auch für ewig
unserem Gott!“
[BM.01_036,32]
In diesem Augenblicke trete Ich mit Meinen beiden Begleitern wieder ins Gemach
und alle stürzen Mir zu Füßen und schreien: „O Herr Jesus, Du heiligster Vater,
Du dreieiniger Gott, sei uns armen Sündern gnädig und barmherzig! Dir allein
sei alle Ehre ewig!“
[BM.01_036,33]
Ich aber sage: „Stehet auf, Meine Kindlein! Sehet, nicht mit dem Gericht,
sondern mit der größten Liebe kommt euch euer Vater entgegen. Und da ihr Ihn
aufgenommen habt in eure Herzen, so nimmt Er euch tausendfach auf in Sein ewiges
Vaterherz. Kommet daher nun alle zu Mir, die ihr schwer beladen und mühselig
waret, Ich will euch für ewig vollauf erquicken!“
[BM.01_036,34]
Hier erheben sich alle und fallen Mir, wo nur einer kann, an die Brust. Sie
weinen zum ersten Male Tränen endlosester Freude und folgen Mir, nachdem sie
sich an Meiner Brust ausgeweint haben, freudigst in den großen Speisesaal,
wohin auch die frühere Gesellschaft durch Petrus beschieden ward.
37. Kapitel –
Das himmlische Mahl. Segnung der Neuerlösten und ihr himmlisches Heim.
[BM.01_037,01]
Wir kommen nun in einen am meisten gegen Morgen gelegenen Saal, der überaus
groß und mit wahrer himmlischer Pracht ausgeschmückt ist.
[BM.01_037,02]
In der Mitte dieses Saales steht ein großer runder Tisch aus reinstem durchsichtigem
Golde, der auf zwölf verschiedenartigen Edelstein-Füßen ruht. Um den Tisch sind
ebensoviele Stühle aus reinstem Gold gestellt, als es nun Gäste in diesem Saale
gibt. Der Boden des Saales ist so blendend weiß wie frischgefallener Schnee;
und des Saales Decke, auf welcher die schönsten Sterne glänzen, ist hellblau.
Der Fenster Zahl dieses Saales ist 24, und jedes Fenster ist 12 Fuß hoch und 7
Fuß breit. Durch sie dringt ein herrliches Licht in den Saal, und durch jedes
Fenster zeigen sich Gegenden von nie geahnter Pracht und Anmut. Auf dem Tische
liegen sieben Brote nebst einem großen Prachtbecher voll des köstlichsten
Weines.
[BM.01_037,03]
Alle hier Eintretenden sind nun ganz weg ob der zu großen Herrlichkeit, die
ihnen hier auf einmal so unerwartet entgegenkommt. Die Gesellschaft, die den
Buchhändler zu ihrem Vormann hat, ist samt ihm vor lauter Hochachtung bis zum
Boden gebeugt. Die dreißig, die kurz vorher nach der ihnen abgängigen
Himmelspracht fragten, reißen nun Mund und Augen auf und finden keine Worte,
mit denen sie diese Pracht genügend bezeichnen könnten.
[BM.01_037,04]
Nur unser Martin bleibt sich gleich und spricht, auf Mich hindeutend: „Liebe
Brüder, was staunet ihr gar so gewaltig über dieses Saales enorme Pracht? Seht,
mir ist sie ganz gleichgültig; denn wenn unser Herr und Vater nicht mit uns in
diesem Saale wäre, so gäbe ich für den ganzen Saal nicht eine faule Orange. Nur
Er ist mir alles; alles andere aber ist mir nun ohne Ihn nichts!
[BM.01_037,05]
So Er mit mir sich in der gemeinsten Strohhütte befände, wäre ich dort endlos
seliger als allein in diesem herrlichsten Saale. Daher besticht mich dieses
Saales Pracht auch gar nicht, sondern allein Er, Er, unser aller Vater, Herr
und Gott! Ihm allein gebührt alle unsre höchste Achtung, Liebe, Bewunderung,
Verehrung und Anbetung! Denn alle diese übergroße Herrlichkeit ist ja Sein
Werk, ein Hauch Seines Mundes! Tue zwar jeder von euch, was er will – ich denke
und tue einmal so!“
[BM.01_037,06]
Rede Ich: „Martin, du machst deine Sache gut und bist nun ein wahrer Paulus.
Aber siehe zu, daß du selbst nicht noch einmal irgendwo schwach wirst und
sagst: ,Aber wenn der Herr nur nicht gar so in einem fort bei mir wäre!‘ Ich
werde dich aber darum dennoch nicht verlassen! – Nun aber setzet euch alle zu Tisch
und esset und trinket! Dann harren schon gar mächtige Arbeiten unserer Hände.
Es sei!“
[BM.01_037,07]
Sie tun nun alle nach Meinem Geheiß, und Ich breche das Brot und teile es unter
sie. Und alle essen mit großer Liebe und dankbarster Regung ihrer Herzen dies
wahre Brot des ewigen Lebens und trinken darauf alle den Lebenswein der
Erkenntnis aus einem und demselben Becher und sind dabei munter und wohlauf.
Denn nach dem Genusse des Weines bemächtigt sich aller ein so erhaben
himmlisch-tiefweiser Sinn, daß alle darob vor Freude sich kaum zu helfen wissen
und aus lauter Liebe kaum Worte finden, Mir zu sagen, wie über alle Maßen sie
sich nun glücklich fühlen.
[BM.01_037,08]
Ich aber segne sie nun alle und erwähle sie zu Dienern und wahren Knechten
Meines ewigen Reiches.
[BM.01_037,09]
Nachdem dies beendet ist, erhebt sich unser Bischof Martin und spricht: „Herr,
ich habe etwas bemerkt, nämlich, als sollte auch ich mich von Dir trennen, um
irgendeinem wichtigen Geschäfte zu obliegen. Tue Du, was Du willst, aber ich
lasse nimmer ab von Dir! Herr, wo Du nicht mit mir bist, da ist rein nichts mit
mir! Ich gehe ein für allemal nicht mehr von Dir; denn ich habe Dich nun zu
überaus mächtig lieb! Also, ich bleibe einmal bei Dir!“
[BM.01_037,10]
Rede Ich: „Nicht so, Mein liebster Bruder Martin! Ich sage dir: nicht einen
Augenblick lang sollst du von Mir entfernt sein, sowie auch kein anderer aus
dieser Gesellschaft und keiner von all den Zahllosen, die Mich in ihren Herzen
erkannt und aufgenommen haben! Andererseits ist es dennoch nötig, daß sich
jeder scheinbar wie ohne Mich dahin verfügt, wohin Ich ihn bescheide, ansonsten
seine Freude unvollkommen wäre und zwecklos sein Leben!
[BM.01_037,11]
Daher muß hier jeder sich der größten Tätigkeit befleißen und soviel als möglich
Gutes wirken. Je tätiger da einer wird, desto größere Seligkeit wird ihm
zuteil. Denn die Seligkeit besteht lediglich nur im Handeln nach Meiner
festgestellten ewigen Himmelsordnung.
[BM.01_037,12]
Siehe da zum Fenster hinaus! Dort gegen Morgen in einem schönen großen Garten –
nicht ferne von diesem Meinem Hause von Ewigkeit – ersiehst du ein gar
niedliches Häuschen, das innerlich viel geräumiger ist, als es von außen her
aussieht. Dorthin gehe und nimm es in deinen Vollbesitz!
[BM.01_037,13]
In einem Zimmer wirst du eine glänzend-weiße, runde Tafel finden. Diese Tafel
besiehe du allzeit, so du von einem Geschäfte nach Hause kommen wirst. Denn von
nun an wirst du dort stets Meinen Willen aufgezeichnet finden, nach dem du dich
dann allzeit in deinem Handeln wirst zu richten haben. Wirst du das allzeit
pünktlich erfüllen, was dir Meine Willenstafel in deinem Hause anzeigen wird,
so wirst du bald über Größeres gesetzt werden; im Gegenteile aber nur über ein
Kleineres, je nach deiner Willenskraft.
[BM.01_037,14]
Solltest du dich aber in irgend etwas nicht völlig auskennen, da komm hierher,
und es soll dir in allem Bescheid gegeben werden. Wenn du Mich aber rufen wirst
in deinem Hause, so werde Ich bei dir sein. Nun weißt du vorderhand alles, was
dir zu wissen nottut. Gehe daher nun in dein Häuschen, dort wirst du das Nähere
erfahren, danach du dich aber genau zu halten hast.
[BM.01_037,15]
Was Ich aber nun dir eröffnet habe, das eröffne Ich zugleich jedermann aus
dieser Gesellschaft. Sehet alle hinaus, und das Haus, das ihr ersehet, ist
dessen, der es ersieht! Dahin gehet und wirket, wie Ich soeben dem Bruder
Martin, angezeigt habe, denn es wird ein jeder von euch in seinem Hause die
gleiche Einrichtung antreffen. Es sei!“
[BM.01_037,16]
Bischof Martin kratzt sich zwar ein wenig hinter den Ohren, geht aber doch, wie
Ich ihn beschieden, denn er meint, daß er Mich dort nicht haben und nicht sehen
werde. Die andern der Gesellschaft, denen Meine Nähe noch zu überheilig vorkommt,
gehen leichter, um sich gewisserart von dieser zu großen Aufregung ihres
Gemütes zu erholen.
38. Kapitel –
Bischof Martin in seinem himmlischen Heim. Die erste Überraschung. Einrichtung
des Heimes.
[BM.01_038,01]
Als nun Bischof Martin bald sein Häuschen erreicht und in dasselbe tritt, ist
er über alle Maßen überrascht, als Ich Selbst ihn schon an der Schwelle erwarte
und ihn nun in sein Haus einführe: ein Dienst, den bei den andern die Engel
versehen, weil die andern der Gesellschaft vor Mir noch bei weitem mehr
Ehrfurcht haben als Liebe zu Mir. Aber bei Bischof Martin ist es gerade der
umgekehrte Fall, daher es ihm eigentlich gar nicht recht war, daß er sich von
Mir gewisserart hätte trennen sollen.
[BM.01_038,02]
Als er Mich aber nun auch in seinem Häuschen ersieht und Ich ihn da schon an
der Schwelle erwarte, schlägt er die Hände vor lauter Freude über dem Kopf
zusammen und spricht:
[BM.01_038,03]
(Bischof Martin:) „Ja, so, – so gefällt's mir da freilich noch viel besser als
dort in Deinem Hause, besonders in dem letzten Prachtsaale! Mein
allergeliebtester Herr Jesus, wenn nur Du bei mir bist, dann ist mir die
gemeinste Hütte schon der herrlichste Himmel für ewig!
[BM.01_038,04]
Aber wie bist denn Du so schnell, mir ganz unersichtlich, dahergekommen? Das
ist wirklich schon wieder ein Non-plus-ultra-Wunder! Ja, ja, Du mein
geliebtester Herr Jesus, bei Dir ist doch alles Wunder über Wunder, und ich bin
dabei noch so hübsch ein Stockfisch, der noch nichts einsieht und begreift!
Nein, aber sonderbar ist es doch, daß Du eher da warst als ich, und ich habe
Dich doch ganz richtig in Deinem großen Prachtsaale verlassen!“
[BM.01_038,05]
Rede Ich: „Mache dir darob keine Skrupel, Mein geliebter Bruder Martin. Siehe,
so Ich nicht allenthalben der Erste und der Letzte und nicht überall alles in
allem wäre, sähe es traurig aus mit der ganzen Unendlichkeit. So aber magst du
dich nun hinwenden und hingehen, wohin du nur immer willst, so wirst du Mich
schon dort antreffen, wohin du dich wenden und begeben wirst.
[BM.01_038,06]
Gehe aber nun in dies Häuschen mit Mir, auf daß Ich Selbst dir alle Einrichtung
werde zeigen und diese auch richtig gebrauchen lehren. Komme, komme, komme
darum nun mit Mir in dieses nun dein Häuschen. Es ist zwar klein, enthält aber
dennoch mehr als alle Welt, ja mehr als ein ganzes Sonnengebiet in der
naturmäßigen Weltensphäre, wovon du dich alsbald klarst überzeugen wirst. Daher
komme, gehe und wandle mit Mir in dieses dein Haus! Es sei!“
[BM.01_038,07]
Bischof Martin folgt Mir sogleich und erstaunt über die Maßen, als er anstatt
in ein vermeintliches kleines Kabinettchen in eine ungeheuer große Halle
eintritt. Je länger er sie stets aufmerksamer betrachtet, desto mehr erweitert
sie sich und bietet alles zur Beschaulichkeit dar, was unser Bischof Martin
sich nur immer vorzustellen vermag.
[BM.01_038,08]
In der Mitte dieser großen Halle steht auf einem goldenen Postament eine große,
weißglänzende runde Scheibe. Hinter ihr auf einem ehernen Gestell ein
vollkommenster, himmlisch-künstlicher Erdglobus, der vom Größten bis zum
Kleinsten alles enthält, was die wirkliche Erde vom Zentrum bis zur Oberfläche
und darauf enthält, natürlich auch alles, was da geschieht.
[BM.01_038,09]
Hinter diesem Globus ist das ganze Planetensystem dieser Erdsonne auf eine
gleiche himmlisch-künstliche Weise aufgestellt und zeigt genau auch auf
dieselbe Art jede Kleinigkeit und jede Eigentümlichkeit jedes einzelnen
Planeten wie auch der Sonne.
[BM.01_038,10]
Der Boden dieser Halle ist wie aus reinstem Saphir, die hohen Wände wie aus
Smaragd, die Decke wie aus Azur mit vielen Sternen. Durch die großen Fenster
fällt ein herrliches, violettrotes Licht in diese große Halle, die in der
halben Höhe noch mit einer herrlichen Galerie wie aus feinstem Jaspis geziert
ist, wobei aus der Halle noch zwölf Türen in nebenanstoßende Gemächer führen.
Die smaragdenen Wände aber produzieren noch obendarauf in den schönst
kolorierten Schattenrissen, was sich Bischof Martin nur immer denkt.
[BM.01_038,11]
Nach längerem übermäßigem Staunen öffnet endlich Bischof Martin wieder seinen
Mund und spricht: „O Herr, Herr, Herr! Ja, was ist denn das schon wieder für
ein neues Gaukelspiel? Ah, das ist aber doch, was man sagen kann, über alles!
Nein, nein, nein! Ah, ahahah! Von außen klein wie beinahe ein Fliegenhäuschen –
und von innen wie eine ganze Welt! Ja, wie geht denn das wieder zusammen? Nein,
das ist mir bisher noch das Unbegreiflichste, wie eine Sache von innen größer
sein kann als von außen! Das begreife, wer es will und mag; für mich aber ist
diese Sache ein für allemal rein zu rund!“
[BM.01_038,12]
Rede Ich: „Mein geliebter Bruder Martin, Ich sage dir, du wirst dich in all dem
bald zurecht finden! Siehe, in der eigentlichen wahren Welt der Geister ist
alles völlig umgekehrt von dem, wie es in der Welt ist. Was in der Welt groß
ist, das ist hier klein; was aber in der Welt klein ist, das ist hier groß. Wer
auf der Welt der Erste ist, der ist hier der Letzte; wer aber auf der Welt der
Letzte ist, der ist hier der Erste!
[BM.01_038,13]
Wie groß aber ist ein Mensch auf der Welt? Er mißt sechs Spannen Höhe und 2
Spannen Breite. So er aber ist ein Weiser, sage, welche endlosen Größen und
Tiefen liegen in seinem Herzen! Ich sage dir, alle Ewigkeiten werden nicht
hinreichen, die Fülle seiner Wunder zu enthüllen und zu erfassen!
[BM.01_038,14]
Du hast wohl öfter auf der Welt ein Weizenkorn betrachtet. Das ist doch sicher
klein seinem äußern Umfange nach, und dennoch enthält es soviel seinesgleichen
in sich, daß es die ganze Ewigkeit nimmer ermessen könnte. Ebenso liegt auch
hier der gleiche Grund vor dir aufgedeckt:
[BM.01_038,15]
Das Äußere dieses Hauses ist gleich deinem nun völlig demütigen äußern Wesen:
es ist – wie du – klein. Das Innere dieses Hauses aber kommt nun deiner inneren
Weisheit gleich, die Größeres umfaßt als das äußere Maß deiner Wesenheit. Darum
ist es auch als größer ersichtlich als das Äußere dieses Hauses, das da gleich
ist deinem Außenwesen. Das Innere aber wird noch stets größer, je mehr du in
der wahren Weisheit aus Meiner Liebe wachsen wirst. Denn hier lebt ein jeder
seiner Weisheit aus seiner Liebe zu Mir, welche aber die eigentliche Schöpferin
alles dessen ist, was dir hier so wunderbar vorkommt.
[BM.01_038,16]
Siehe aber dort jene weißglänzende aufrechtstehende Tafel; sie stellt dein
durch Mich gereinigtes Gewissen dar. Auf dieser Tafel wirst du allzeit nunmehr
Meinen alleinigen Willen entdecken, darnach du dich dann allemal sogleich
richten wirst!
[BM.01_038,17]
Es hat zwar wohl schon auf der Welt ein jeder Mensch eine gleiche Gewissenstafel
in seines Herzens Kämmerlein aufgerichtet, auf der allzeitlich Mein Wille
aufgezeichnet wird zur getreuen Darnachrichtung für jedermann. Aber nur wenige
merken darauf, und gar viele streichen am Ende diese Tafel mit allen Sünden
ganz schwarz an, auf daß sie ja nimmer erschauen mögen Meinen Willen.
[BM.01_038,18]
Siehst du nun, wie ganz naturgetreu hier die Errichtung dieses nun deines
Hauses ist? Also nicht so sehr ein Gaukelwunderspiel, wie du ehedem meintest.
[BM.01_038,19]
Hinter der Tafel ist ein getreuestes Abbild der Erde, wie sie ist in allem
ihrem Wesen, und hinter diesem Abbilde die Sonne mit den andern Planeten. Wirst
du dich in irgend etwas dabei nicht auskennen, da siehe nur auf die hintere
Fläche dieser Tafel, die der Welt zugewendet ist; dort wirst du allemal die
Erklärung finden. Willst du aber dann auch wissen, was du dabei tun sollest, da
beschaue die vordere Fläche dieser Tafel; da wirst du allzeit Meinen Willen
erschauen.
[BM.01_038,20]
Noch ersiehst du zwölf Türen, die aus dieser großen Halle in kleinere
Seitengemächer führen. In diesen
Gemächern aber wirst du allerlei noch etwas verdeckte Speisen treffen. Diese
genieße aber erst dann, so Ich sie dir alle werde zuvor vollends gesegnet
haben, ansonst sie dich blöde machen würden und du dann nach längerer Dauer
nicht fähig wärest, die Schrift Meines Willens auf dieser Tafel zu lesen.
Daher, so du zu einer solchen verdeckten Speisekammer kommen wirst, verlasse
sie alsbald und komme zu Mir, und Ich werde dann hingehen und dir die Speisen
enthüllen und vollends segnen.
[BM.01_038,21] Nun weißt du, wie diese Dinge
hier stehen; tue darnach, so wirst du stets mehr und mehr in der Seligkeit
wachsen! Es sei!“
39. Kapitel – Bischof Martin allein im Saale
seines Hauses. Die Betrachtung des Erdglobus und der übrigen Himmelskörper.
Martins Langeweile.
[BM.01_039,01] Ich verlasse nun erscheinlich
den Bischof Martin und er fängt, sich allein befindend, folgendermaßen mit sich
zu debattieren an: „So, so, nun bin ich endlich wieder einmal allein! Zwar hier
überaus wahrhaft himmlisch, erhaben glänzend, gesättigt, gesegnet und somit
sicher auch nun schon selig, überselig. Aber allein, und das mutterseelen
allein bin ich nun doch! Bloß meine Ideen gaukeln an diesen Wänden, ähnlich den
Bildern, die auf der Welt auf dem Wege der Hohlspiegel erzeugt werden, auf und
ab und hin und her. Sonst aber gibt es auch nicht einmal eine Mücke, die mir
etwas vorsumsen möchte.
[BM.01_039,02] Will einmal doch zu dem
großherrlichen Erdglobus gehen und mich ein wenig mit ihm beschäftigen.
Wahrlich, ein endlos kostbares Kunstwerk! Da, sieh, gerade da ist ja der Ort,
wo ich als Bischof fungiert habe; da die Kirche, da meine Residenz! Und siehe,
da ist auch der Friedhof, da mein Grab, und was für ein köstlich Monument! Aber
sind das doch übergroße Narren, die Menschen, welche dem Kote Monumente setzen
und den Geist vergessen! Wenn ich so könnte dieses Monument mit einem
wohlgenährten Blitze zerstören, es wäre mir ordentlich leichter ums Herz. Aber,
der Herr allein tue was des Rechtens ist!
[BM.01_039,03] Daher etwas umgedreht, mein
lieber Globus! Werde einmal sehen, wie's etwa in Australien aussieht! Aha, da
ist es schon, das Land der Wildheit! O Tausend, Tausend, da sieht es sehr
schief, sehr arg aus: nichts als die derbste Finsternis, die schnödeste
Sklaverei, Verfolgung, Mordung der Menschen leiblich und geistig! Behüte dich
der Herr, mein lieber Globus, auf die Art werden wir sehr wenig miteinander zu
tun bekommen! Da müßt' ich ein großer Esel sein, so ich mich über deinen
Anblick bis zum Verzweifeln ärgern sollte, hier im Reiche des ewigen Friedens!
Nein, jetzt möchte ich aber gerade vor Ärger zerbersten, wie da diese
mächtigeren Erdenmenschen ihre schwachen Brüder gerade zur Unterhaltung auf
alle mögliche Art martern und grausam töten! Weg, weg daher mit dir, du elende
Repräsentiermaschine irdischer Greuel, wir zwei werden uns sehr selten sehen!
[BM.01_039,04] Siehe, da ist ja auch das
gesamte Planetensystem mit der Sonne! Werde einmal gleich den nächsten besten
in Augenschein nehmen. Da ist ja gleich die Venus!
[BM.01_039,05] Wie schaust du also aus, du
meine liebe Venus, die du mich auf der finstern Erde gar oft mit deinem
herrlichen Lichte als Abend- oder Morgenstern ergötzt und erfreut hast? Laß
dich nun endlich einmal in der Nähe betrachten! – Aha, hmm, hab' mir die Sache
auch ganz anders vorgestellt! Ist auch eine Erde, fast wie die, die ich bewohnte,
– nur gibt es keine so großen und zusammenhängenden Meere, dafür aber recht
viele und für diesen Planeten sehr hohe Berge!
[BM.01_039,06] Wie sieht es aber etwa mit der
Vegetation aus und wie mit einer allfälligen Bevölkerung von aller Art lebenden
Wesen? Ich bitte um ein bißchen mehr Vergrößerung des Planeten selbst oder um
ein geistiges Mikroskop, sonst werde ich bei dieser Miniaturdarstellung dieses
Planeten nicht viel mehr entdecken, als ich bisher entdeckt habe! Ist ja der
ganze Planet nicht größer als ein mäßiges Hühnerei auf der Welt, – was sollte
sich da wohl ausnehmen lassen? Wahrlich, bei diesem Maßstab müßten die
Infusionstierchen hübsch klein ausfallen!
[BM.01_039,07] Muß aber doch auch einmal auf
die weiße Tafel sehen, vielleicht steht schon etwas oben? Schau, auf dieser
Seite sehe ich nichts! Das ist gut, denn ich muß offen gestehen, daß ich vor
dieser Tafel einen sonderlichen Respekt habe! Muß sie aber doch auch von vorne
besehen, vielleicht steht dort etwas? Ah, das ist vorderhand noch besser; denn
da steht auch noch nichts darauf! Daher nun nur wieder zu meinem
Planetensystem!
[BM.01_039,08] Da ist ja schon die Venus
wieder, aber noch um kein Haar größer. Also habe ich auch bei dir, du mein
schönster Stern, nichts mehr zu tun, so du dich nicht vergrößern willst!
Schiebe dich daher nur weiter!
[BM.01_039,09] Aha, da kommt der kleine
Merkur, ein ganz possierliches Weltchen von der Größe einer Nuß! Scheint auch
kein Meer zu haben, dafür aber desto mehr Berge – vorausgesetzt, daß man diese
einen halben Stecknadelkopf großen Unebenheiten auch mit dem Ehrentitel ,Berge‘
bezeichnen kann! Mein lieber Merkur, auch wir sind miteinander schon fertig;
nur fort mit dir!
[BM.01_039,10] Was ist denn das für ein
kupfriger Kerl von einem Planeten? Das wird doch etwa nicht zum zweiten Male
die Erde sein? Nein, nein, die ist es nicht! Oh, wir haben dich schon, du
feuriger Held; du bist ja der Mars! Na, hab' mir auf der Erde von dir auch eine
ganz andere Vorstellung gemacht! Ich habe mir immer gedacht, daß du ein sehr
unruhiger und stürmischer Patron sein wirst. Aber wie ich's nun aus deiner sehr
flachen, mit wenigen Bergen besetzten Oberfläche erschaue, so scheinst du
gerade das Gegenteil von dem zu sein, was ich von dir gedacht habe. Näheres
kann ich auch auf dir nicht entdecken, daher schiebe auch du dich weiter!
[BM.01_039,11] Da sehe ich bei sieben kleine
Kügelchen von – sicher auch Planeten? Nur weiter mit euch, ihr habt schon gar
nichts für mich!
[BM.01_039,12] Da dreht sich schon der
Planeten Großmogul Jupiter vor mein Gesicht her! Wahrlich, ein schöner Brocken!
Vier Trabanten auch noch um ihn, das gibt aus! – Wie sieht es denn auf dir aus?
Sapprament, da gibt es ja ganz entsetzlich viel Wasser! Bloß am Äquator herum
bedeutende Inseln, sonst aber pur Wasser! Berge gibt es auch hier und da; aber
hoch sind sie gerade nicht! Wie sieht es denn aber mit der Vegetation aus, wie
mit lebenden Wesen? Dieser Planet ist zwar sichtlich um einige tausend Male
größer als die vorigen, aber von einer Vegetation kann ich auch da nichts
ausnehmen. Ich merke es wohl, daß die Flächen so gewisserart etwas rauhlich
aussehen; aber was das ist, – dazu gehören ganz andere Augen.
[BM.01_039,13] Dort sehe ich auch den Saturn,
den Uran und noch einen sehr großen Planeten ganz im Hintergrunde mit – ja, ja,
richtig, mit 10 Monden, darunter drei bedeutend groß, und neben ihnen einige
kleinere! Das werden etwa doch nicht Monde von Monden sein? – Kometen sehe ich
im Hintergrunde nun auch eine schwere Menge!
[BM.01_039,14] Es ist wirklich schön, ja
erhaben schön ist es. Aber wenn man auf diesen guten Planeten nichts anderes
entdecken kann als nur höchstens Meere und größere Gebirge, da gewähren sie
sage für die ganze Ewigkeit verzweifelt wenig Vergnügen. Ich bin nun schon
fertig; in diesem Maßstabe werden wir für die Zukunft sehr wenig miteinander zu
tun bekommen!
[BM.01_039,15] Dort in der Mitte ist wohl
noch die Sonne! Freilich ein ganz unbändig großer Klumpen. Aber was nützt das,
so ihr Maßstab zu ihrem wirklichen Größenverhältnisse sich gerade so verhält
wie ein Sandkörnchen zur ganzen Erde, wo sich dann auch nichts ausnehmen läßt?
Also ist auch mit dir, du liebe Sonne, nichts für mich; daher lebe auch du
recht wohl und gesund!
[BM.01_039,16] Jetzt wäre ich aber auch schon
fertig mit der Betrachtung der außerordentlichen himmlischen Kunstraritäten,
die hier diesen nun meinigen Saal zieren. Was nun? Auf der Tafel steht nichts;
von den Planeten ist auch nichts Weiteres abzulesen und zu besichtigen. Den
saubern Erdglobus möchte ich lieber draußen als drinnen haben. Also Frage: Was
nun? Zum Herrn hinübergehen? Würde sich nun geschwinde auch nicht schicken!
[BM.01_039,17] Hm, hm, hm – ist doch recht
fatal, wenn man sich als seligster Geist im Himmel knapp neben dem Herrn aller
Herrlichkeit ein bißchen langweilen muß! Hat sicher auch sein Gutes; aber
Langeweile bleibt Langeweile, ob im Himmel oder auf der Erde.
[BM.01_039,18] Auf der Erde vertröstet man
sich am Ende, wenn sozusagen alle Stricke reißen, mit dem lieben Tode, der
jedem Liede – ob lustigen oder traurigen Inhaltes – ein Ende macht, wenigstens
für die Erde. Aber hier, wo freilich – dem Herrn ewig Dank darum! – dem Leben
kein Tod mehr folgt, nimmt alles sogleich einen ewigen Charakter an. Und man
kommt da gar so leicht in die Versuchung zu glauben, daß so ein Zustand ewig
gleichfort andauern wird. Dieser Umstand macht dann jede stark einförmige
Erscheinung wenigstens um tausendmal langweiliger als auf der Erde, wo jedem
Ding ein Ende gesetzt ist.
[BM.01_039,19] Was also soll ich nun tun? Ist
auf der Tafel noch nichts zu ersehen? Nein, noch immer nichts! Gar zu nötig
wird es dem Herrn sicher nicht sein, sich meiner zu bedienen, sonst müßte ich
ja doch schon etwas zu tun bekommen haben!
[BM.01_039,20] Hm, hmmmm! Es wird einem schön
langweilig hier im Himmel! Werde ich mich so ewig in diesem himmlischen
Kunstmuseum aufhalten müssen? O sapprament, das wird eine schöne, ganz
unvergleichliche Langweile abgeben!“
40. Kapitel – Die zwölf kleinen Kabinette mit
den verdeckten, noch ungesegneten geistigen Speisen. Die Herde der schönen
Mädchen. Die schöne Merkurianerin. Die formvollendeten nackten Venusmenschen.
Wichtigkeit des Segens des Herrn.
[BM.01_040,01] (Bischof Martin:) „Aber jetzt
fällt mir was ein! Neben diesem Saale gibt es ja noch 12 Nebengemächer, in die
man durch diese 12 Türen gelangen kann. Richtig, die hätte ich bald vergessen
und auch die etwas verhängnisvollen verdeckten Speisen in denselben. Oh, die
muß ich nun sogleich durchpatrouillieren! Also, in des Herrn Namen ,Glück auf!‘
wie auf der Erde die Bergleute sagen. Gibt es hier auch keine Stollen und
Schächte, so gibt es doch gewisse 12 geheime Gemächer, wo man noch nicht weiß,
was sie enthalten; daher auch hier im Himmel: Glück auf! –
[BM.01_040,02] Da wär' einmal die Türe Nr. 1!
Also nur aufgemacht und eingetreten! Oh, oh, oh! Oh, Tausend, Tausend, Tausend!
Da ersehe ich ja in aller Form meine schöne Herde! Ah, das laß ich mir
gefallen! Bei solcher Bescherung wird einem die liebe Ewigkeit freilich nicht
zu lang! Aber jetzt heißt es halbrechts – umgekehrt! Das ist schon eine
verdeckte Speise Nr. 1! Daher nur zur Türe Nr. 2!
[BM.01_040,03] Da ist sie schon! Also im
Namen des Herrn nur hübsch fein und sachte aufgemacht; denn man kann nicht
wissen, was alles sich darinnen befindet! Schau', diese Tür geht etwas schwerer
auf als die frühere; aber es geht doch! Gott sei's gedankt, offen ist sie! Aber
es ist etwas dunkler in diesem Gemache als in dem früheren, daher muß ich schon
etwas tiefer hinein meine Schritte setzen!
[BM.01_040,04] Oh, oh, oh! Ja, was ist denn
das schon wieder? Dies Gemach ist ja größer als die ganze große Vorhalle! Und
im Hintergrunde entdecke ich eine große Menge ganz nackter Menschen beiden
Geschlechtes; ihre Anzahl ist unübersehbar! O jemine, was das für schöne Menschen
sind, besonders die weiblichen!
[BM.01_040,05] O sapprament, sapprament – da
kommt gerade eine auf mich zu! Soll ich sie abwarten? Ja, ganz ja, ich muß sie
abwarten; denn diese Speise ist wahrlich nicht verdeckt, – nein, nein, nein,
diese ist nicht verdeckt!
[BM.01_040,06] O Tausend, Tausend – ist aber
das eine Schönheit non plus ultra! Diese Weiße, diese üppigste Fülle, diese
Brust! Nein, das ist nicht auszuhalten! Dieser rundeste, weichste Arm, diese
göttlichen Füße und dieses – man könnte sagen – selbst für den Himmel zu
freundlich-schönste, allersüßeste Gesicht mit einer so himmlisch zart
lächelnden Miene!
[BM.01_040,07] Ahahahah! Nein, nein, nein –
ich halte es nicht aus! Ich muß gehen, – kann doch nicht, nein ich – es ist
rein unmöglich! Vielleicht will sie mir was sagen? Sie ist schon – da –, ist
da, da! Stille nun, sie will ja reden mit mir; darum still nun, meine lose
Zunge!“
[BM.01_040,08] Das Weib spricht: „Du bist
sicher der Eigentümer dieses Hauses, auf den wir schon lange warten?“
[BM.01_040,09] Spricht Bischof Martin: „Ja –
o ja, doch nein, und doch wieder halbwegs ja! Bin nur erst einlogiert worden.
Der eigentliche Eigentümer alles dessen ist so ganz eigentlich dennoch der Herr
Jesus, Gott von Ewigkeit! Womit kann ich euch dienen und besonders dir, du
überhimmlische Schönheit über alle Schönheiten der ganzen Unendlichkeit?“
[BM.01_040,10] Spricht das Weib: „Preise mich
nicht so sehr! Denn siehe, dort rückwärts gibt es noch eine zahllose Menge
meines Geschlechts, die alle ums unvergleichliche schöner sind als ich, darum
ich als die Häßlichste auch zu dir hergesandt wurde, damit du im Anfang nicht
allzusehr geblendet würdest.
[BM.01_040,11] Unser Anliegen aber besteht
darin: Siehe, wir sind alle Menschen aus der Erde, die ihr Kinder des
Allmächtigen ,Merkur‘ nennet, wie wir es nun hier erfahren haben. Dies Haus ist
dein; es kommt nun auf dich an, uns zu behalten zu deinem Dienste oder auch zu
verstoßen. Wir bitten dich aber alle, daß du uns gnädig sein möchtest!“
[BM.01_040,12] Spricht Bischof Martin: „Oh,
ich bitte dich, du himmlische, du erhabenste, allersüßeste Schönheit: oh, wenn
eurer noch tausendmal soviel wären, so ließe ich euch nimmer von der Stelle!
Denn ich bin ja aus lauter Liebe zu dir ganz weg! Komm nur her, du
allerschönste Merkurianerin, und lasse dich umarmen! Ohohoh – nein, nein; ach,
du wirst ja immer schöner, je freundlicher du mich anlächelst! So komme, komme
und lasse dich umarmen!“
[BM.01_040,13] Spricht das Weib: „Du bist ein
Herr; ich aber bin ewig nur deine Sklavin! So du gebietest, muß ich ja wohl tun
deinen Willen, der uns allen heilig sein muß!“
[BM.01_040,14] Spricht Bischof Martin: „Oh,
bitte, du meine Allerhimmlischste! Was Sklavin – das kenne ich nicht! Du bist
von nun an eine Gebieterin meines Herzens! Komme nur, komme, du
allerreizendste, ja namenloseste Schönheit! – O Gott, o Gott, das ist aber eine
Schönheit! Nein, nein; mir bleibt schon ordentlich der Atem aus vor lauter
Entzückung!“
[BM.01_040,15] Bischof Martin will dieser
schönsten Merkurianerin gerade an die Brust fallen, als Ich Selbst ihn auf die
Achsel klopfe und sage: „Halt, Mein lieber Sohn Martin, das ist auch schon eine
verdeckte Speise. Erst wenn Ich sie für dich werde gesegnet haben, dann kannst
du ihr an die Brust fallen, so es dich noch gelüsten wird! Mache daher auch
hier dein Halbrechts!“
[BM.01_040,16] Spricht Bischof Martin: „Oohoh
– oh, Du mein allergeliebtester Herr Jesus! Ich liebe Dich sicher, wie einer
nur immer Dich lieben kann; aber ich muß Dir nun offenherzig bekennen! Ja – was
wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja, ja, ich muß Dir offenherzig
bekennen: so lieb ich Dich habe, aber diesmal wäre es mir beinahe lieber
gewesen, so Du um ein paar Augenblicke später gekommen wärest!“
[BM.01_040,17] Rede Ich: „Das weiß Ich wohl
und habe es dir auch schon vorhergesagt, daß du so zu Mir reden wirst in Kürze,
obschon du dich damals von Mir durchaus nicht trennen wolltest. Aber Ich
verlasse den nimmer, der Mich einmal ergriffen hat, also auch dich nicht! Darum
komme nun schnell aus diesem Gemache! Warum? Das wird dir zur rechten Weile
bekanntgegeben werden! – Du, Weib, aber ziehe dich wieder zurück!“
[BM.01_040,18] Das Weib tut sogleich, wie ihr
geboten, und Bischof Martin folgt Mir mit einem etwas verlängerten Gesicht,
aber dennoch willigst, zur Türe Nr. 3.
[BM.01_040,19] Wir kommen nun zur
vorbezeichneten Türe, und siehe, sie tut sich von selbst auf!
[BM.01_040,20] Der Bischof Martin sieht sehr
neugierig hinein und fährt völlig zusammen, als er hier wie in eine neue Welt
schaut und in selber nebst den wunderbarsten Herrlichkeiten eine Menge seliger
Wesen in vollkommenster Menschengestalt erblickt, die so schön sind, daß darob unserem
Bischof Martin förmlich die Sinne vergehen.
[BM.01_040,21] Nach einer Weile erst ruft
Bischof Martin aus: „O Herr, Du herrlichster Schöpfer und Meister aller Dinge,
aller Wesen, Menschen und Engel, das ist ja unendlich! Das ist zu hoch über
alle menschlichen Begriffe!
[BM.01_040,22] Ja was ist denn das schon
wieder? Was sind das für Wesen? Sind das schon Engel oder wohl noch seligste
Menschengeister? Sie sind zwar auch nackt, – aber ihre sonnenweiße Haut, der
vollkommenste, üppigste Wuchs, die höchste, vollkommenste Harmonie in ihren
Gliedmaßen, ein eigener Glanz, der sie umgibt, das alles ersetzt millionenfach
die herrlichsten Kleider. Ich kann mir unmöglich eine herrlichere, schönere und
erhabenere Form denken!
[BM.01_040,23] Ja, Herr, kein Lob, kein Preis
und keine Ehre kann gedacht werden, um Dich gebührend zu loben, zu preisen und
zu ehren damit! Wahrlich, wahrlich, Du bist heilig, heilig, heilig: Himmel und
Erden sind voll Deiner Herrlichkeiten! Dir sei darum Ehre von Ewigkeit zu
Ewigkeit!
[BM.01_040,24] O Herr, ich bitte Dich, gehen
wir da weiter, denn diesen zu herrlichen Anblick kann ich nicht länger
ertragen! Nur das sage mir gnädigst, was das für Wesen sind?“
[BM.01_040,25] Rede Ich: „Das sind
Menschengeister aus dem Planeten, den ihr ,Venus‘ benannt habt. Ihre Bestimmung
ist, euch, Meinen Kindern, zu dienen, wo und wann immer ihr ihrer Dienste
benötigen mögt. Dieser Dienst ist ihre höchste Seligkeit. Daher wirst du sie
auch allzeit um so seliger machen, je öfter und weiser du sie benützen wirst!
[BM.01_040,26] Das sind jedoch nicht die
einzigen, die auf deine Winke harren, sondern es gibt noch eine zahllose Menge
anderer aus andern Planeten, die du in der Zukunft weise zu benutzen erst
lernen mußt. Nun weißt du vorderhand, was dir zu wissen not tut; alles andere
wird folgen!
[BM.01_040,27] Daraus kannst du aber nun
schon entnehmen, was Paulus mit den Worten andeutete, da er sagte: ,Kein Auge
sah es und kein Ohr hat es je gehört, und in keines Menschen Sinn ist es je
gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben!‘
[BM.01_040,28] Als du auf der Welt warst, da
ahntest du freilich nicht, warum dich manchmal die Sterne so mächtig angezogen
haben. Nun aber siehst du den Magnet vor dir, der dich auf der Welt oft so
magisch anzog und dir manchen Seufzer und manches ,Ach, wie herrlich!‘ aus
deiner damals sehr verknöcherten Seele entlockte.
[BM.01_040,29] Siehe, das ist schon eine Art
Dienstes dieser Wesen, daß sie durch ihr festes, unerschütterliches Wollen
nicht selten empfängliche Gemüter der Erdenmenschen beschleichen und sie hinauf
zu den Sternen lenken. Das taten sie auch dir, als du sie noch nicht kanntest.
Und sie werden es nun um so mehr tun, da sie dich sichtlich kennen, wie du nun
auch sie, wenn auch noch etwas unvollkommen.
[BM.01_040,30] Nun aber komme wieder weiter,
und zwar zur Türe Nr. 4! Dort wirst du wieder etwas anderes und noch
Herrlicheres erschauen. Es sei!“
[BM.01_040,31] Spricht Bischof Martin: „Herr,
aber warum dürfen uns denn nun diese herrlichsten Wesen nicht näherkommen, und
warum müssen sie von Dir zuvor erst gesegnet sein?“
[BM.01_040,32] Rede Ich: „Mein lieber Sohn
Martin, hast du auf der Erde nie gesehen, so du an einem Strome lustwandeltest,
daß zu gleicher Zeit auch auf der andern Uferseite Menschen lustwandelten oder
andere Geschäftswege machten? Konntest du wohl, so dich die Lust angewandelt
hätte, sogleich ohne Brücke oder ohne Schiff zu ihnen gelangen? Du sprichst:
Nein! – Siehe nun aber: Wozu auf der Welt die Brücke oder ein Schiff dient,
eben dazu dient hier Mein Segen!
[BM.01_040,33] Ohne Mich kannst du weder auf
der Erde noch hier im Himmel etwas tun. Mein Segen aber ist Mein allmächtiger
Wille, Mein ewiges Wort ,Es werde!‘, durch das alles, was da ist, gemacht ward.
Also muß durch dasselbe auch zuvor die Brücke zu all diesen Wesen gemacht
werden, damit du zu ihnen und sie zu dir ohne Schaden gelangen können. Alles
aber hat seine Zeit und seine Weile, deren richtige Dauer nur Ich allein
bestimmen kann – und der, dem Ich es offenbare.“
[BM.01_040,34] Spricht eiligst Bischof
Martin: „Aber wie konnte denn hernach die schöne Merkurianerin so nahe zu mir
kommen, daß sie mir auch in die Arme gesunken wäre, so Du mich nicht davon
abgehalten hättest – und doch war sie als eine verdeckte Speise noch nicht
gesegnet von Dir? Was hatte ihr denn dann zur Brücke gedient? Oder war das auch
noch eine leere Erscheinlichkeit?“
[BM.01_040,35] Rede Ich: „Mein lieber Sohn
Martin, wolle nicht mehr wissen, als was Ich dir offenbare; denn Aberwitz
stürzte einst Adam und vor ihm den erstgestalteten größten Engelsgeist! Daher:
Willst du vollkommen selig sein, so mußt du auch in allem vollkommen Meinen
Weisungen folgen und nie über ein Ziel hinaustreten wollen, das Meine höchste
Liebe und Weisheit dir stellt!
[BM.01_040,36] Zur rechten Zeit wird dir
alles klar werden. Diese untrügliche Verheißung genüge dir, sonst kommst du
noch einmal auf ein Wasser, das dir noch mehr zu schaffen machen würde als das
frühere! Denn solange du noch kein himmlisches Hochzeitsgewand um deine Lenden
gegürtet hast, bist du noch kein eigentlicher fester Himmelsbürger, sondern nur
ein aus puren Gnaden angenommener Sünder, der hier durch mancherlei Wege erst
zu einem wahren Himmelsbürger werden kann. Darum frage nun nach nichts weiter,
sondern folge Mir zur vierten Türe; es sei!“
[BM.01_040,37] Bischof Martin gibt sich nun
selbst eine Maulschelle und folgt Mir ohne alles weitere Bedenken. Es reut ihn
auch, daß er Mich so aberwitzig gefragt hatte.
[BM.01_040,38] Ich aber vertröste ihn,
sagend: „Sei nur ruhig und angstlosen Gemütes! Denn siehe, ein jedes Wort, das
aus Meinem Munde an dich ergeht, gereicht dir nicht zum Gerichte, sondern
allein nur zum ewigen Leben, dessen sei versichert! Hier aber ist auch schon
die Türe Nr. 4. Sie öffne sich!“
41. Kapitel – Die Herrlichkeiten des Mars.
Martins geistige Ermattung und törichter Wunsch. Des Herrn Rüge.
[BM.01_041,01] Ich rede weiter und sage: „Wir
sind nun schon am offenen Eingang. Was siehst du hier und wie gefällt es dir?“
[BM.01_041,02] Spricht Bischof Martin etwas
kleinlaut: „Herr, ich habe weder Mut noch Zunge genug, diese erhöhte Pracht in
ihrer Größe, Tiefe und anmutigsten Majestät gebührend zu schildern. Was ich
dabei jedoch nach meinem Gefühle zu bemerken habe, ist: daß hier in allem Ernste
für mich nun des Guten zu viel ist! Ich werde nun schon förmlich stumpf ob des
steten Wachstums dieser mehr als himmlischen Schönheiten – besonders jener, die
hier in sichtbar weibmenschlich-himmlischer Gestalt in einer wahren Unzahl
vorkommen!
[BM.01_041,03] Wie viele Millionen sind denn
wohl in einem solchen Seitenkabinett, das eigentlich eine ganze Welt ist,
beisammen? Es wimmelt ja alles von diesen Wesen, wohin und wieweit das Auge nur
immer reichen kann. Dazu kommen noch die tausend und abertausend der
allerzierlichsten Hütten und Tempel und Gärten und Haine und eine Menge von
kleinen Berglein, die wie mit den schönsten grünen Samtteppichen bedeckt zu
sein scheinen.
[BM.01_041,04] Siehe, Herr, es ist zu viel;
ich fasse es nimmer und werde es auch ewig nimmer vollends erfassen können!
Daher laß ab, o Herr, mir die weiteren, noch größeren Herrlichkeiten zu zeigen.
Wahrlich, mir sind schon die bisher geschauten für die Ewigkeit zu viel!
[BM.01_041,05] Was brauche ich auch alles
das? So ich Dich habe und noch einen sonstigen Freund, der bei mir unter einem
Dache wohnt und bleibt, so Du manchmal verziehst, da habe ich für die ganze
Ewigkeit genug. Es mögen jene an solchen Erhabenheiten Freude haben, denen ihr
Gewissen sagt, daß sie rein sind und darum würdig und auch fähig, solche
Himmelsgüter zu besitzen. Ich aber, der ich nur zu gut weiß, was mir gebührt,
bin zufrieden mit der einfachsten Strohhütte und mit der Erlaubnis, Dich, o
Herr, in Deinem Hause besuchen zu dürfen und manchmal auch ein Stückchen Brot und
ein Schlückchen Wein von Dir, Du bester Vater, zu bekommen!
[BM.01_041,06] Dieses Prachthaus aber gib
ohne weiteres wem andern, der fähiger und würdiger ist, es zu besitzen, als
ich; denn mit mir ist da nichts. Tue, Herr, was Du willst! Ich gehe, wenn ich
frei wollen darf, zu keiner Tür mehr weiter.
[BM.01_041,07] Oh, wenn ich mich erst aller
dieser Wesen bedienen solle, wo käme ich da hin mit meiner Dummheit! Daher
bitte ich Dich, o Herr, laß ab, mich hierin weiter zu führen! Gib mir einen
Schweinestall, wie er auf Erden besteht, und ich werde mich glücklicher
fühlen!“
[BM.01_041,08] Rede Ich: „Höre, Mein lieber
Martin, so du es besser verstehst, wie jemand zu gehen hat, um ein vollkommener
Himmelsbürger zu werden, so kannst du es ja haben, wie du es wünschest. Aber da
sei auch versichert, daß du ewig nimmer weiterkommen wirst. Setzest du aber auf
Mich mehr Vertrauen als auf deine Blindheit, da tue, was Ich will – und nicht,
was du willst!
[BM.01_041,09] Meinst du denn, Ich habe Meine
Kinder bloß nur fürs Hüttenhocken und fürs Brotessen und Weintrinken
erschaffen? O sieh, da irrst du dich gewaltigst! Hast du denn nicht gelesen,
wie geschrieben steht: ,Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen
ist!‘ Meinst du wohl, daß sich die erforderliche Vollkommenheit Meiner Kinder
in einem Schweinestall erreichen läßt?
[BM.01_041,10] Oder hast du auf Erden nie
erlebt, wie die Kinder irdischer Eltern auch lieber müßig wären und sich mit
ihren losen Spielereien beschäftigten, als daß sie sich an das Erlernen ihrer
einstigen Berufskenntnisse wenden müssen? Oder hast du auf der Welt nicht stets
eine Menge solcher Menschen gesehen, denen der Müßiggang über alles ist?
[BM.01_041,11] Siehe, zu dieser Gattung
gehörst auch du. Nun hast du eine Scheu vor dem vielen, was deiner hier harrt;
zum Teile aber möchtest du Mir auch so ganz höflich ein wenig trotzen, darum
Ich dir vorher den Aberwitz deiner eitlen Frage verwies!
[BM.01_041,12] Allein das alles taugt nicht
für den, dem Ich schon so viel Gnade, Liebe und Erbarmung erwies und noch fort
erweise. Siehe, was vielen Millionen nicht geschieht, das geschieht dir!
Millionen sind glücklich bloß in der Anwartschaft, Mich einmal zu erschauen und
werden geführt von ganz geringen Schutzgeistern zu dem seligsten Behufe. Dich aber
führe Ich Selbst, – Ich, der ewige Gott und Vater aller Unendlichkeit, als das
ewige, seligste Ziel aller Engel und Geister der Unendlichkeit! Und dir wäre
ein freigewählter Schweinestall lieber, als was Ich dir geben will und dich
befähigen für die größte Seligkeit! Sage Mir, wie gefällt dir nun solch
löblicher Wunsch?“
[BM.01_041,13] Spricht der Bischof Martin
ganz verdutzt: „O Herr, o Du ewig heiligster, bester Vater, habe Geduld mit
mir! Ich bin ja ein reines Vieh, ein wahrer dümmster Saukerl, der nicht des
kleinsten Strahles Deiner Gnade wert ist! Oh, nun führe mich Du allein, guter
Vater, wohin Du willst, und ich werde Dir folgen, wenn auch dumm wie ein Fisch.
Aber folgen werde ich Dir ewig ohne alles eselhafte Bedenken!“
[BM.01_041,14] Sage Ich: „Nun denn, so folge
Mir von dieser Marstüre zur Jupitertüre Nr. 5! Es sei, und es geschehe!“
42. Kapitel – Die Überraschungen hinter der
fünften Tür. Die Wunderwelt des Jupiter.
[BM.01_042,01] Wir befinden uns nun schon bei
der Türe 5, die sich alsbald auftut, als wir zu ihr gelangen, und der Bischof
Martin schlägt gleich beim ersten Anblick dieses geöffneten Kabinettes die
Hände dreimal über dem Haupte zusammen und schreit förmlich: „Aber um Deines
Gottesnamens willen, Herr, Jesus, Vater – ja, was ist denn das schon wieder?!
Diese Unermeßlichkeit! Eine himmlischste Erde ohne Ende; über ihr noch vier
Erden wohl zu beschauen! Alles von einem Lichte umflossen, von dem sich selbst
der tiefsinnigste Erdenpilger nicht den allerleisesten Begriff machen kann. Diese
Pracht und Majestät der leuchtenden Paläste, der Tempel und auch der kleinen
Tempel, die diesen Bewohnern wahrscheinlich als freie Wohnungen dienen!
[BM.01_042,02] Oh, oh, nun erschaue ich auch
Seen, und ihr Wasser schimmert wie die schönsten geschliffenen Diamanten im
Sonnenlichte. Aber alles leuchtet da eigens aus sich selbst. Denn es ist
nirgends etwas zu entdecken, von wo aus etwa ein Licht käme. Ach, ach, Herr,
Vater! Das ist ja über alle Begriffe schön, herrlich, erhaben, ja ich möchte es
ordentlich heilig-schön nennen, so ich es nicht wüßte, daß Du allein nur heilig
bist!
[BM.01_042,03] O Herr, Vater, je länger ich
da hineinschaue, desto mehr entdecke ich stets. Nun sehe ich auch schon
Menschen, die aber freilich noch etwas zu ferne sind, daß ich nicht ausnehmen
kann, wie sie ganz eigentlich aussehen. Offenbar werden sie ebenfalls in
entsprechender Art mit ihrer Erde unaussprechlich schön sein! Es ist aber auch
besser, daß sie mir nicht zu nahe kommen: ich könnte ihre sicher zu große
Schönheit am Ende etwa doch nimmer ertragen. Man hat da schon mit dieser
großen, herrlichsten Wohnerde zum größten Übermaße genug!
[BM.01_042,04] Aber Herr, Herr, Vater! Ist es
wohl außer Dir einem Geiste möglich, so eine endlose Fülle und Tiefe und Größe
von solchen Erhabenheiten, deren Zahl kein Ende hat, je ganz zu durchschauen
und nur einen kleinsten Teil davon auch zu begreifen? Ich glaube, das ist
selbst dem größten Engel rein unmöglich!“
[BM.01_042,05] Rede Ich: „Nicht so, Mein
lieber Sohn Martin! Alles, was du hier ersiehst, schon gesehen hast, und was du
nun noch sehen wirst, ist nur ein allerkleinster Teil von dem, was die weisen
Engel Meines ewigen Reiches in aller Tiefe der Tiefen einsehen und in aller
Fülle überaus wohl verstehen.
[BM.01_042,06] Denn siehe, alles, was du hier
siehst und worüber du so überaus erstaunst, ist nicht außer dir, sondern in dir
selbst. Daß du es aber hier wie außer dir erblickst, liegt an deiner geistigen
Sehe. Es hat Ähnlichkeit mit dem Schauen der Gegenden, die du öfter in einem Traume
geschaut hast wie außer dir, während du sie eigentlich doch nur in dir selbst
mit dem Auge der Seele beschautest. Nur ist hier der Unterschied, daß hier
alles wirkliche Sache ist, was in einem Traum sich eigentlich zumeist nur als
leere Seelenspiegelfechterei darstellt. Frage nun nicht weiter darüber, denn zu
rechter Weile wird es dir klar werden!
[BM.01_042,07] Die Menschen dieser Erde aber
bekommst du hier darum nicht näher zu Gesicht, weil sie für deinen Zustand
wirklich zu schön sind. Wenn du aber stärker wirst, dann wirst du alles in
aller Fülle besehen und in allerseligster Reinheit genießen können – was dir
jetzt noch nicht möglich wäre, da dir die dazu erforderliche Stärke fehlt.
[BM.01_042,08] Gehen wir aber nun wieder um
eine Tür weiter, dort wirst du noch unvergleichlich Erhabeneres erschauen. Bei
dieser kommenden sechsten Tür mußt du dich jedoch so ruhig als möglich
verhalten, bloß auf Mich hören und alles wohl vernehmen, was Ich dir da sagen
werde. Auch darfst du Mich nicht fragen, warum du dich da so ruhig verhalten
mußt. Auch nicht, so Ich zu dir reden werde manches, das du nicht fassen und
verstehen wirst; denn in rechter Weile wird dir alles klar werden! Darum nun
weiter und vorwärts zur Tür Nr. 6! Es sei!“
43. Kapitel – Saturn als herrlichster aller
Planeten. Die Erde als Gotteskinderschule und Schauplatz der Menschwerdung des
Herrn.
[BM.01_043,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind
nun schon vor der offenen Türe. Und die herrliche Himmelswelt, die du erschaust
in vollster Klarheit: der große Wall, der in äußerster Ferne sich in
lichtblauer Färbung ausnehmen läßt und über dem in gemessener Ordnung noch
sieben Vereine wie frei schwebend erschaulich sind, das alles ist in
entsprechender Weise der Planet Saturn; die schönste und beste der Erden, die
um die Sonne bahnen. Um diese bahnt auch deine Erde, die da ist der häßlichste
und letzte Planet in der ganzen Schöpfung, dazu bestimmt, den größten Geistern
als eine Schule der Demut und des Kreuzes zu dienen!
[BM.01_043,02] Dieses aber ist darum so bestimmt:
Siehe, so irgendein großer und mächtiger Herr der Welt in seiner angestammten
Residenz wohnt und geht, und fährt und reitet da oft durch die Gassen und
Plätze der Stadt, da sehen sich die Bewohner als sicher nächste Nachbarn eines
solchen Machthabers kaum um, daß sie ihn als ihren Regenten begrüßten und ihm
die Ehre gäben. Darnach ist er aber auch aus Gewohnheit gar nicht lüstern, weil
er seine Nachbarn kennt und wohl weiß, daß auch sie ihn kennen. Wenn er aber
einen entfernten kleinen Ort besucht, da fällt alles nieder vor ihm und betet
ihn förmlich an. Dazu aber zeigt auch er in solch einem kleinen Orte, was er so
ganz eigentlich ist; was zu zeigen er in seiner Residenz nicht vermag: fürs
erste, weil ihn ohnehin ein jeder Mensch kennt, und fürs zweite, weil ein
solches Sich-Zeigen eben darum keinen Effekt machen würde.
[BM.01_043,03] Gleich – als möchte auf der
Welt jemand in einer großen Halle ein Lot Schießpulver anzünden, wo die
Explosion auch keinen Effekt zuwege brächte. Wohl aber, so dasselbe Maß Pulver
in einem sehr engen Raume angezündet werden möchte, wo dann ein dröhnender
Knall erfolgen würde und eine zerstörende Wirkung der Explosion.
[BM.01_043,04] Weil aber das Große dem
Kleinen gegenüber sich erst recht groß zeigt, das Starke gegenüber dem
Schwachen recht stark, das Mächtige dem Ohnmächtigen gegenüber sehr mächtig, –
so ist eben die Erde so höchst elend in allem gestaltet, auf daß sie den einst
größten und glänzendsten Geistern entweder zur Demütigung und daraus zur neuen
Belebung diene, oder aber zum Gerichte und daraus zum neuen ewigen Tode. Denn
wie Ich dir schon früher gezeigt habe, dient das Kleine und Unansehnliche auch
für sich dazu, das Große und Angesehene in seiner Art zu erhöhen. Und das ist
schon das Gericht, obschon das Große und Angesehene sich da, wo alles klein und
unansehnlich ist, nach dem richten und sich demütigen soll.
[BM.01_043,05] Wenn so ein großer Mensch
durch ein enges und niederes Pförtlein in ein Gemach kommen will, da muß er
sich zuvor zusammenschmiegen und recht tief bücken, ansonsten er in keinem
Falle ins Gemach gelangen kann. Also ist auch die Erde ein schmaler und
dorniger Weg und eine niedere und enge Pforte zum Leben für jene Geister, die
einst übergroß waren und noch größer sein wollten.
[BM.01_043,06] Aber diese Geister wollten
sich diesen ihren alten Hochmut sehr demütigenden Weg nicht gefallen lassen und
sprachen, dieser Weg sei für sie zu klein: ein Elefant könne nimmer auf einem
Haare gleich einer Mücke umhergehen und ein Walfisch nicht schwimmen in einem
Wassertropfen. Darum sei solch ein Weg unweise, und Der ihn geordnet, sei ohne
Einsicht und Verstand.
[BM.01_043,07] Da nahm Ich als der
allerhöchste und endlos größte Geist von Ewigkeit das Kreuz und ging diesen Weg
als Erster allen voran. Und Ich zeigte, wie dieser Weg, den der größte und
allmächtigste Geist Gottes gehen konnte, auch von allen andern Geistern leicht
kann durchwandert werden und durch ihn erreicht das wahre, freieste, ewige
Leben.
[BM.01_043,08] Darauf wandelten viele schon
diesen Weg und erreichten durch ihn das vorgesteckte, erwünschte Ziel, nämlich
die Erhebung zur Kindschaft Gottes und dadurch die Erbschaft des ewigen Lebens
in aller Macht, Kraft und höchsten Vollendung. Sie besteht darin, daß sie sich
aller jener schöpferischen Eigenschaften erfreuen, die Mir freilich ewig im
vollsten Maße eigen sind. Das aber ist den Geistern aus allen andern zahllosen
Sternen und Erden nicht gegeben, gleichwie nicht allen Gliedern des Leibes die
Sehe oder das Gehör, und noch weniger das Gefühl der innersten Geistessehe,
welches ist das eigentlichste Bewußtsein des eigenen und fremden Seins und das
Vermögen, Gott zu schauen und zu erkennen.
[BM.01_043,09] Diese dir nun gezeigten
Eigenheiten haben nur gewisse wenige Glieder des Leibes, während zahllose
andere Gliederteile dieser höchsten Lebenseigentümlichkeiten für sich völlig
entbehren, sich dabei aber dennoch als Glieder desselben Leibes im steten
Mitgenuß befinden.
[BM.01_043,10] Ebenso steht es auch mit den
vernünftigen Bewohnern aller andern Gestirne: sie sind wie einzelne Teile des
Leibes oder im vollkommeneren Sinne des ganzen Menschen, der in aller Fülle
Mein Ebenmaß und das Ebenmaß aller Himmel ist. Daher bedürfen sie zu ihrer
Beseligung auch all der göttlichen Fähigkeiten nicht, die all Meinen Kindern
eigen sind. So aber Meine Kinder allerseligst sind, sind es auch diese
Sternenbewohner in und bei ihnen, wie ihr Meine Kinder in und bei Mir, euerm
liebevollsten heiligen Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit.
[BM.01_043,11] Bist du nun selig, da sind all
diese Zahllosen, die du hier bemerkst, es auch aus und in dir; gleich als wenn
du dich wohlbefindest, da befindet sich auch wohl dein ganzer Leib. Daher aber
erfordert es dann auch der heiligen Liebe höchste Pflicht bei Meinen Kindern,
so vollkommen als Ich selbst zu werden. Denn von solcher seligster
Vollkommenheit hängt die Seligkeit von zahllosen kleinen Enkelkinderchen ab,
durch deren Seligkeit die eure stets ins Endlose vergrößert und erhöht wird.
[BM.01_043,12] Nun weißt du, warum Ich dir
hier zuerst diesen deiner Erde nächsten Planeten zeigte. Denke darüber nach und
folge Mir nun zur 7. Tür, wo du wieder in eine neue Weisheit eingeführt wirst!
Aber fragen darfst du Mich auch dort um nichts. Denn Ich allein weiß es,
welchen Weg Ich dich führen muß, um dich so selig als möglich zu machen. Also
gehen wir weiter; es sei!“
44. Kapitel – Das siebente Kabinett. Vom
Wesen und Zweck des Uran und seiner Geister. Die Schöpfung im Menschen und
außerhalb des Menschen in ihren Wechselbeziehungen.
[BM.01_044,01] (Der Herr:) „Wir sind nun auch
schon bei der offenen 7. Tür. Auch hier entdeckst du eine neue Himmelswelt, die
zwar nicht so groß und auch nicht gar so übermäßig schön ist wie die frühere.
Aber dafür erschaust du hier Gebäude von der seltensten und dabei
großartig-kühnsten Weise und eine für dich unübersehbare Menge von Werken, die
dieses Planeten, den ihr ,Uran‘ nennet, starrmütige Bewohner hervorbringen.
Ebenso entdeckst du auch eine übergroße Menge der seltensten Gärten, die an den
seltensten Verzierungen einen strotzenden Überfluß haben.
[BM.01_044,02] In den Gärten ersiehst du auf
deren breiten, überaus wohlgeebneten Wegen eine große Menge Geister in
vollkommenster äußerer Menschengestalt, alle wohlbekleidet. Aller Augen sind
nach uns gerichtet, denn sie alle ahnen, daß Ich Mich in ihrer Nähe befinde und
daß sich auch der künftige Besitzer und Gebieter nun schon in gleicher Nähe
aufhält. Durch ihn hoffen sie erst in ihre volle Seligkeit einzugehen und
dadurch zu ihrer vollen verheißenen Kraft und Stärke zu gelangen.
[BM.01_044,03] Im Hintergrunde, scheinbar in
großer Ferne, ersiehst du noch fünf kleinere Erden. Das sind Nebenerden dieses
Planeten und haben alle eine von dem Planeten ganz verschiedene Einrichtung,
die aber dennoch in voller Harmonie mit dem Planeten selbst steht.
[BM.01_044,04] Dieses Planeten Geister dienen
im Menschen entsprechend dazu, daß er wachse in allen seinen Teilen, auf der
Welt körperlich und hier geistig wesenhaft. Jedoch nur, was die Ausbildung der
Außenform betrifft oder das Wachstum des Menschen sowohl physisch als auch
psychisch der Form nach, wird durch das eigens geordnete und zugelassene
Einfließen dieses Planeten bewirkt.
[BM.01_044,05] Wie aber natürlich das
Vermögen zu wachsen im Menschen vorhanden sein muß, ansonst er nicht wachsen
könnte, ebenso müssen auch diese Geister in entsprechender Weise im Menschen
und an jener Stelle vorhanden sein, die der Hauptgrund des Wachsens ist. Darum
ist auch wieder alles das, was du hier erschaust, in und nicht außer dir. Es
befindet sich aber dieser Planet samt seinen Bewohnern und andern Dingen in der
Wirklichkeit auch irgendwo außer dir; allein dies kannst du noch lange nicht
schauen.
[BM.01_044,06] Wirst du aber in dir selbst
zur Vollreife des ewigen Lebens gelangen, dann wirst du auch die große
Schöpfung außer dir schauen können, wie Ich Selbst sie schaue – was aber auch
nötig ist. Denn so Ich Meinen vollendeten Kindern, die da Engel sind, eine
ganze Welt zur Hut und Obsorge anvertraue, so müssen sie so eine Welt doch auch
genauest sehen. Denn ein Blinder kann kein Hirte sein. Aber zur Beschauung der
wirklichen großen Schöpfung außer dir bist du noch lange nicht reif genug!
Daher mußt du nun schon dich mit dem begnügen, was du nun siehst; denn du
siehst das Wirkliche in entsprechender lebendiger Abbildung in dir so, als wäre
es außer dir.
[BM.01_044,07] In dieser inneren Beschauung
mußt du groß werden und reif dein Geist und wohlgenährt in aller Liebe zu Mir
und aus dieser Liebe in der Liebe zu allen Brüdern und Schwestern. Diese Liebe
wird dann erst jener Segen sein, den Ich dir verheißen habe, als du die schöne
Merkurianerin zu sehr lieben wolltest!
[BM.01_044,08] Dieser Segen, eine rechte
Brücke hinaus in die endlose große Wirklichkeit, wird dir dann ewig nimmer
genommen werden. Auf seinen Pfeilern erst wirst du in aller Fülle erkennen, wo
du bist, und w er du bist, und woher du kamst.
[BM.01_044,09] Nun weißt du für diese Tür
auch, was dir da zu wissen nottut. Das alles weißt du nun von Mir und aus Mir
Selbst. Und da du nun das alles weißt, so denke in dir wohl darüber nach und
folge Mir wieder weiter hin zur achten Tür! Dort werden wir wieder eine andere
und für dich völlig neue Welt kennenlernen samt ihren denkwürdigen Bewohnern.
Es sei!“
45. Kapitel – Die Welt des Miron, das
Geheimnis des achten Kabinetts. Das Geistige als Urgrund und Träger aller
Schöpfung.
[BM.01_045,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind
auch hier an Ort und Stelle. Die Tür ist geöffnet, und du siehst durch sie
wieder eine neue, sehr große, weitgedehnte Himmelswelt, die in einem
hellgrünlichen Lichte prangt. Auch hier ersiehst du große Gebäude und
unterschiedlich hohe Berge, von denen viele einen bläulichen Rauch von sich
geben. Diese rauchenden Berge entsprechen der Erscheinlichkeit nach den vielen
feuerauswerfenden Bergen, von denen dieser von der Sonne am weitesten
abstehende Planet mit dem rechten Namen Miron (der Wunderbare) den größten
Vorrat hat.
[BM.01_045,02] Hinter diesem Planeten
ersiehst du zehn kleinere Erden, die alle zu ihm gehören, aber dennoch eine
ganz andere Ordnung und Beschaffenheit haben als ihr Hauptplanet selbst. Hier
kannst du alle Augenblicke etwas Neues ersehen: Bäume schwimmen in der Luft
herum und noch eine Menge anderer dir bisher noch ganz unbekannter Dinge. Der
Rauch aus den Bergen nimmt auch allerlei seltene Gestaltungen an. Die Menschen
in vollkommener Gestalt sind zumeist wohlbekleidet, so daß du außer dem
Gesichte nicht viel zu sehen bekommen wirst.
[BM.01_045,03] Diese Menschen lieben Musik
und Dichtung, daher sie als Geister auch durch Entsprechung bei euch, Meinen
Kindern, Herz, Gemüt und Seele für die beiden obgesagten Künste empfänglich
machen. Sie haben ihren Sitz in den dazu geeigneten Organen im Menschen, wo sie
dann diese Organe anregen und dadurch im Menschen den Sinn für Musik und
Dichtung tauglich und aufnahmefähig machen, im ganzen den Menschen harmonisch
stimmen und seine Phantasie begeistern und erheben. Überhaupt aber werden alle
wundersamen und sogenannten romantischen Gefühle von diesem Planeten in
entsprechender Weise erregt.
[BM.01_045,04] Nun weißt du, was dieser
Planet für eine Eigenschaft hat und wozu er so ganz eigentlich gut ist. Nur
mußt du dir da nicht den wirklichen Planeten denken, der zwar wohl auch also
beschaffen ist, sondern das entsprechende Abbild nur, das da in deinen Geist
gelegt ist. Der war früher als alle äußere, materielle Schöpfung, die erst nach
dem gestaltet wurde, was schon lange vorher in einem jeden vollkommenen Geiste
vorhanden war. Denn bevor alle Welt war, war schon der Geist, und jene ging aus
dem Geiste, und nicht etwa der Geist aus ihr hervor! Daher ist dieser Planet,
den du in dir hast, auch um sehr vieles älter als der nun wirkliche materielle.
Und hätte er nur in eines einzigen Menschen Geiste gemangelt, so hätte er auch
nimmer gestaltet werden können.
[BM.01_045,05] Daraus aber kannst du leicht
entnehmen, daß, so du dich selbst vollkommen erkennen wirst, du auch all das
erkennen wirst, was sich da befindet außer dir; da sich außer dir nichts
befinden kann, das nicht schon lange zuvor in dir vorhanden gewesen wäre.
Ebenso wie auch in der ganzen Unendlichkeit sich nichts befinden kann, das
nicht schon von Ewigkeit zuvor in Mir in vollster Klarheit vorhanden gewesen
wäre!
[BM.01_045,06] Wie Ich aber der ewige Urgrund
und Träger aller Wesen bin, so sind nun auch Meine Kinder in Mir Selbst der
Grundstoff von allem, was nun erfüllt die Unendlichkeit für ewig. Wie aber in
Mir Unendliches ist, so ist es auch in euch aus Mir. Denn Meine Kinder sind die
Kronen Meiner ewigen Ideen und großen Gedanken!
[BM.01_045,07] Nun weißt du auch von dieser
Tür, was dir hier zu wissen nottut. Daher folge Mir nun zur neunten Tür, allwo
du wieder neue Wunder Meiner Liebe und Weisheit erschauen wirst! Es sei!“
46. Kapitel – Das neunte Kabinett mit seinem
traurigen Geheimnis. Die zertrümmerte Welt der Asteroiden und ihre Geschichte.
[BM.01_046,01] (Der Herr:) „Wir sind nun auch
bei der neunten Tür. Was ersiehst du hier? Nun kannst du, Mein lieber Sohn
Martin, schon wieder reden, aber nur so viel als nottut. Und so antworte Mir
auf Meine Frage!“
[BM.01_046,02] Spricht Martin: „Herr, ich
sehe vorderhand noch eben nicht gar viel! Bei neun kleine, kahle, unförmliche
Weltklumpen schwimmen in dieser reinsten Himmelsluft herum, auf denen außer
einigen Gesträuchen eben nicht viel zu entdecken ist. Im kaum ausnehmbaren
tiefsten Hintergrunde kommt es mir wohl vor, als erschaute ich eine große,
vollkommene Himmelswelt. Aber diese scheint mir schon so ungeheuer weit von
hier entfernt zu sein, daß ich ob dieser enormen Ferne kaum die Welt selbst
entdecken kann, geschweige das, was auf ihr zu Hause ist.
[BM.01_046,03] Vier dieser hier in größerer
Nähe herumkreisenden Weltklümpchen scheinen wohl auch bevölkert zu sein, weil
ich auf ihnen eine ganz eigentümliche kleine Art von Gebäudchen entdecke. Aber
von den Völkern dieser Weltstücke ist nichts zu erspähen. Wahrscheinlich werden
das der Himmel größte Völker nicht sein! Vielleicht wohnen darauf bloß nur so
eine gewisse Art von Infusionsmenschchen? Hier schwebt eben so ein
Weltstückelchen an der Türschwelle vorüber. Ich entdecke nichts außer sehr
verkümmerten Gesträuchen und einigen wahren Fliegenhäuschen, die freilich eher
zierlichen Ameisenhäufchen ähnlich sehen als irgendeiner Art Wohnhäusern.
Nichts regt sich da und nichts bewegt sich – außer das Weltstückchen selbst.
Sage Du, o Herr, mir gnädigst, was denn das ist, auch irgendein Planet oder
sonst etwas?“
[BM.01_046,04] Rede Ich: „Ja, Mein lieber
Sohn Martin, auch das ist ein Planet – aber, wie du siehst, kein ganzer,
sondern ein ganz gewaltig zerstückter! Denn nebst diesen neun Teilen, die da
vor uns sich in stark unordentlichen Kreisen bewegen, gibt es noch eine große
Masse Trümmer: zum Teil auf andern Planeten zerstreut herumliegend, teils sich
aber noch in sehr unordentlichen Bahnen in den endlosen Raumhallen der
Schöpfung herumtreibend. Hie und da noch zur Stunde, so sie einem festen
Planeten oder gar einer Sonne in die Nähe geraten, werden sie von denselben an
sich gezogen und gewisserart aufgezehrt.
[BM.01_046,05] Du fragst nun in dir: ,Wie und
warum ist denn ein solcher Planet also zerstückt worden, und wie sah dieser
Planet früher aus, und wie seine Einwohner?‘
[BM.01_046,06] Siehe, das Wie beantwortet dir
Meine Allmacht! Es war also Mein Wille.
[BM.01_046,07] Warum aber? – Siehe, dieser
Planet war einst vor der Erde dazu bestimmt, welche Bestimmung nun die Erde
hat! Denn der erste gefallene Geist hatte sich ihn auserwählt mit der
Verheißung, er wolle sich da demütigen und zu Mir zurückkehren. Dieser Stern
sollte darum dereinst ein Stern alles Heiles sein! Hier wollte er ganz in sich
gezogen wirken, und kein Geschöpf dieses Sternes sollte je von ihm in seiner
Sphäre beirrt werden, noch weniger irgend andere Planeten mit ihren Bewohnern!
[BM.01_046,08] Aber er hielt diese seine Verheißung
nicht, sondern wirkte so böse in seiner ihm zugelassenen Freiheit, daß da kein
Leben mehr fortkommen konnte. Er wurde darum in das Feuerzentrum dieses
Planeten gebannt, und die Bestimmung jenes Planeten wurde sofort deiner Erde
gegeben.
[BM.01_046,09] Als diese reif ward für
Menschen und Ich zu dem ersten Menschen den Keim legte, da riß der Böse an
seinem Kerker. Es dauerte Mich seiner und Ich ließ ihn tun, was er wollte. Und
siehe, da zerriß er seine Erde und fiel von da in den Abgrund dieser deiner
Erde und tat dann auf selber allzeit, was dir wohlbekannt ist!
[BM.01_046,10] Der Grund der Zerstörung
dieses Planeten war sonach wie allzeit in allen Dingen Meine Erbarmung! Denn
als der Planet noch ganz war und reich an mächtigen Völkern, da begeiferte der
Drache ihre Herzen. Und sie entbrannten alle in der wütendsten Herrschsucht und
schworen sich alle einen ewigen Krieg und eine gegenseitige gänzliche
Aufreibung bis auf den letzten Mann.
[BM.01_046,11] Da fruchtete kein freies
Mittel mehr. Daher mußte hier ein Gericht erfolgen. Und das war eben die
gewaltige Teilung dieses Planeten, bei welcher Gelegenheit aber freilich auch
viele Millionen von den riesig großen Menschen den Untergang fanden und teils
unter den Trümmern begraben wurden, zum größten Teile aber auch hinaus in den
unendlichen Raum geschleudert wurden. Einige von ihnen fielen sogar auf diese
Erde, von woher noch heutzutage die heidnische Mythe von dem Gigantenkriege
datiert.
[BM.01_046,12] Diese ersten Menschen aber
starben dann auf den kleinen Resten dieses einst größten Planeten ganz aus,
weil sie darauf keine Nahrung mehr fanden. An ihre Stelle wurden dann
verhältnismäßig kleine Menschen gesetzt, die noch jetzt die kleinen Erdchen
bewohnen und äußerst genügsame Wesen sind und nun den Kopfhaaren und den
Augenbrauen entsprechen. Im Hintergrunde aber ersiehst du noch den ganzen
Planeten mit allem, wie er einst bestand, aufbewahrt für einen großen Tag, der
einst über die ganze Unendlichkeit ergehen wird!
[BM.01_046,13] Nun weißt du auch von dieser
Tür, was dir nun vorderhand zu wissen nottut. Alles andere wird zur rechten
Weile von selbst aus dir selbst, und zwar aus diesem Samen kommen, den Ich nun
in dein Herz gelegt habe! Darum folge Mir nun zur zehnten Tür, allwo schon
wieder neue Wunder deiner harren; es sei!“
47. Kapitel – Das Geheimnis der zehnten
Kammer: die Sonne mit ihrer Pracht. Vom Wesen des Lichtes. Die Wunder der
Sonnenwelt. Schönheit als Ausdruck innerer Vollkommenheit.
[BM.01_047,01] (Der Herr:) „Siehe, wir stehen
vor der zehnten Tür; rede nun von allem, was du hier ersiehst!“
[BM.01_047,02] Spricht Bischof Martin: „Herr,
was soll ich hier reden! Ein unermeßlicher Lichtglanz blendet meine Augen, und
eine wunderbar herrlichste Harmonie dringt an meine Ohren! Das ist alles, was
ich über den Anblick durch die Türe sagen kann. Wahrlich, ich sehe sonst nichts
als ein unermeßlich starkes Licht und vernehme auch nichts als allein die
besagte himmlische Harmonie, die da aus dem Lichte zu mir zu kommen scheint.
[BM.01_047,03] Das Licht scheint hier auch
einen Raum einzunehmen, der völlig unermeßlich sein muß. Denn wohin ich nur
immer mein Auge wende, ist nichts als Licht über Licht. Dabei aber ist dennoch
äußerst sonderbar, daß diese ungeheure Lichtmasse nicht mehr Wärme durch die
offene Tür herein spendet!
[BM.01_047,04] Herr, was ist das? Ist das
etwa die Hauslampe dieses von Dir mir gegebenen Hauses? Oder ist das etwa gar
die Sonne, d.h. eine Miniatursonne von jener wirklichen großen Sonne, die der
Erde leuchtet?“
[BM.01_047,05] Rede Ich: „Ja, so ist es; das
ist die entsprechende Sonne in dir! Wenn dein Auge lichtgewandter wird, dann
wirst du schon auch andere Dinge in diesem Lichte erschauen. Daher siehe nur
eine kleine Weile unverwandt hinein und du wirst dieses Lichtes Reichtum bald über
die Maßen anzupreisen beginnen!“
[BM.01_047,06] Bischof Martin dringt nun
recht mit seinen Augen in das Licht hinein und späht, wo er etwas anderes als
bloß das Licht erschauen könnte. Aber er schaut noch immer nichts und spricht
wieder nach einer Weile: „Herr Jesus, es wird's nicht tun! Mir vergehen schon
förmlich die Augen, und ich sehe noch immer nichts als Licht über Licht. Ist
zwar ein schöner Anblick, aber dabei doch etwas langweilig. Aber das macht
gerade nichts; wenn ich nur Dich sehe, brauche ich ewig kein Wunderding in
diesem Lichtmeere herumschwimmen zu sehen! Ist aber wirklich merkwürdig: nichts
als Licht, und was für ein Licht!
[BM.01_047,07] Mein allergeliebtester Jesus,
was ist denn so ganz eigentlich Licht? Auf der Welt streiten die Gelehrten noch
zur Stunde, was da sei das Licht und behaupten dies und jenes. Aber am Ende
zeigt sich's denn doch wieder, daß da einer wie der andere nichts weiß und
nichts versteht! Ich habe darüber so manches gehört und gelesen, aber aus allem
ersehen, daß die Weltgelehrten in keinem Fache so wenig wissen, als was da
betrifft die Wesenheit des Lichtes. Daher, so es Dein Wille wäre, könntest Du
mir wohl einige Winke über das Wesen des Lichtes geben, da wir schon gerade an
dieser Lichtpforte weilen?“
[BM.01_047,08] Rede Ich: „Siehe, Ich Selbst
bin das Licht allenthalben! Das Licht ist Mein Gewand darum, weil die ewige,
unermüdlichste Tätigkeit Mein Grundwesen ist und Mich sonach allenthalben
durchdringt und umgibt. Wo eine große Tätigkeit zu Hause ist, da ist auch ein
großes Licht vorhanden. Denn Licht ist an und für sich nichts als eine pure
Erscheinung der Tätigkeit der Engel und besseren Menschengeister. Je höher in
der Tätigkeit diese stehen, umso größer ist auch ihr Licht.
[BM.01_047,09] Daher glänzen die Sonnen auch
mehr als die Planeten, weil auf ihnen und in ihnen eine millionenfach größere
Tätigkeit zu Hause ist als auf den Planeten. Ebenso ist auch das Licht eines
Erzengels größer als das Licht eines bloß kleinen weisen Engelgeistes, weil ein
Erzengel ganze Sonnengebiete zu übersorgen hat, während einem kleinen weisen
Geiste nur ein kleinstes Gebiet auf der Erde oder gar nur auf ihrem Monde
zugeteilt wird.
[BM.01_047,10] Ebenso glänzt auch ein Diamant
stärker denn ein gemeiner Sandstein, weil in seinen Teilen eine für dich kaum
berechenbar große Tätigkeit vor sich geht, weswegen er so hart ist, was beim
Sandstein sicher nicht der Fall ist. Denn es gehört doch sicher mehr dazu, die
Kohäsion des Diamanten als die eines Sandsteines zu bewerkstelligen!
[BM.01_047,11] Kurz und gut, wo du an
irgendeinem Ding eine größere Licht- und Glanzfähigkeit entdecken wirst, kannst
du auch allzeit auf eine größere Tätigkeit schließen; denn die Tätigkeit ist
das Licht und der Glanz aller Wesen und Dinge. Des Auges Sehkraft aber besteht
darin, diese Tätigkeit wahrzunehmen. Ist die Sehe noch unvollkommen, da ersieht
sie bloß nur Licht und Glanz. Ist sie aber vollkommen, da ersieht sie die
wesenhafte Tätigkeit selbst – was du nun in diesem Lichte auch bald erkennen
wirst, so deine Sehe nun vollkommen wird.
[BM.01_047,12] Daher gib nun nur recht acht:
du wirst Dinge erschauen, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden; denn
nun haben wir keinen Planeten, sondern eine Sonne vor uns! Betrachte und rede
dann!“
[BM.01_047,13] Nach einer ziemlich geraumen
Welle, in der unser Martin unverwandt in die Lichtmasse hineinsah, fing er an,
sich so zu verwundern, daß es beinahe kein Ende nehmen wollte.
[BM.01_047,14] Als Ich ihn fragte, was denn
nun gar so sehr sein Verwundern in Anspruch nehme, spricht er:
[BM.01_047,15] (Bischof Martin:) „O Herr, o
Herr, o Herr! Um Deines allerheiligsten Namens willen – ah, ah, ah! Ist das
wohl möglich! Ist es möglich, daß alle diese Wunder der Wunder Du übersehen,
ordnen und leiten kannst? Nein, nein, das ist über alle menschliche und selbst
engelische Vorstellungskraft! O mein Gott, mein Gott, Du bist unbegreiflichst
groß und Deines Ruhmes und Deiner Herrlichkeit ist ewig kein Ende!“
[BM.01_047,16] Rede Ich: „Ja, was siehst du
denn, das dich in eine solche Andachtsekstase bringt? So rede doch einmal, was
es ist, das du siehst!“
[BM.01_047,17] Spricht Bischof Martin: „Ach
Herr, was soll ich da reden, wo mir die Sinne vor zu großer Herrlichkeit und
überhimmlischer Schönheit und Majestät vergehen!
[BM.01_047,18] Fürwahr, das ist für mich rein
namenlos! Endlos schöne Menschen, das ist der einzige Gegenstand, den ich als
das erkenne, was er ist; alles andere aber ist für mich namenlos! Solche
erhabensten Dinge sah ich nie, auch die begeistertste Phantasie des weisesten
Menschen hat nie so etwas je geahnt! Es war bisher wohl alles von höchster
Anmut und Schönheit, was ich schon gesehen habe, – aber mit dem verglichen, was
ich hier erschaue, sinkt es in ein Nichts zurück!
[BM.01_047,19] Es ist hier von allem eine
solch endlose Fülle vorhanden, daß man sie bei einiger genauerer Betrachtung
ewig nimmer übersehen könnte. Dazu entwickeln sich hier noch fortwährend neue,
vorher nicht dagewesene Wunder, von denen stets das neue herrlicher ist als
sein vorhergehendes!
[BM.01_047,20] Nur die Menschen allein
bleiben sich gleich, aber in einer so namenlosen Schönheit, daß ich mich darob
in den dicksten Staub verkriechen möchte. Alles andere aber wechselt wie die
symmetrischen Reflexfiguren eines auf der Erde vorhandenen Kaleidoskop.
[BM.01_047,21] Sogar die Gegenden verändern
sich! Wo früher ebenes Land war, wächst auf einmal ein ungeheurer Berg; der
treibt Wässer mit sich auf und weitgehende Fluren werden zu Meeren. Die Berge
zerspringen, und alsbald stürzen eine Unzahl brennender Welten aus des Berges
Öffnung und fliehen oder fallen dann, wie durch eine große Gewalt getrieben, in
den endlosen Weltenraum hinaus. Dagegen fallen ebenso viele aus dem endlosen
Raum wieder zurück und vergehen da wie einzelne Schneeflocken, so sie auf einen
warmen Boden fallen.
[BM.01_047,22] Ach, ach, das sind furchtbar
große Erscheinungen! Und doch wandeln diese schönsten Menschen seligst
aussehend unter diesen Szenen und scheinen sich kaum viel darum zu kümmern! Sie
gehen in ihren überhimmlischen Gärten herum und ergötzen sich am Anblicke der
herrlichsten Blumen, die, wie ich merke, sich auch unter den Augen ihrer
Beschauer verändern und in stets herrlicheren Formen sich erneuen. O Herr, laß
nur da mich noch eine halbe Ewigkeit hineinschauen; denn da kann sich meiner
Meinung nach nicht einmal der erhabenste Erzengel ewig je satt sehen!
[BM.01_047,23] Oh, oh, nur diese Menschen,
diese Menschen! Es ist wahrlich nicht auszuhalten! Diese Fülle, diese Weichheit
und Rundung, diese Weiße und diese herrlich schönste, erhabenste Anmut des
Gesichtes! Nein, das ist zu himmlisch! Ich halte es nicht aus!
[BM.01_047,24] Ach, ach, da kommen einige so
recht nahe zu mir her. Ich kann ihre über alle menschliche Vorstellung erhaben
schönsten Gesichtszüge und den wahrhaft endlos harmonisch gebauten Leib in
vollsten Zügen bewundern und anstaunen! Sie sind nun völlig da, so nahe sind
sie mir, daß ich sie überleicht anreden könnte. Aber ich würde es nicht
aushalten, so diese zu himmlisch-schönen Menschen mit mir zu reden anfingen! O
Herr, ich würde von einem einzigen Worte aus diesem zu schönsten Munde ganz
vernichtet werden!
[BM.01_047,25] O Herr, o Herr, mache, daß sie
sich wieder zurückbegeben, denn ihre Anschauung macht mich völlig verschwinden!
Ich komme mir vor wie einer, der nicht ist, wie einer, der in einen
verzückenden Traum versunken ist! Ach, es ist namenlos!
[BM.01_047,26] Gott, du großer, allmächtiger
Weltenmeister, wie ist es Dir doch möglich gewesen, in der höchst einfachen
menschlichen Form, die im Grunde doch stets dieselbe ist, eine so endlose
Mannigfaltigkeit und Schönheit zuwege zu bringen, und das in zahllos
verschiedenen Abweichungen! Ich könnte mir wohl eine schönste Form denken, alle
andern aber dann minder; da aber sind zahllose, und eine jede ist unendlich
schön in ihrer Art! O Herr, das ist unbegreiflich, rein unbegreiflich!
[BM.01_047,27] Ich hatte auf der Welt immer
die überdumme Vorstellung, daß auf und eigentlich in der vollkommenen
himmlischen Geisterwelt alle Seligen einander so vollkommen gleich sehen wie
auf der Welt die Sperlinge. Aber wie ich's nun erschaue, so ist hier erst die
rechte Mannigfaltigkeit zu Hause, die auf der Welt entsetzlich stark durch das
sterbliche Fleisch verdeckt war!
[BM.01_047,28] Ach, ach, das wird immer
herrlicher und herrlicher! Da kommt schon wieder ein neues Paar! O Herr, o
Herr, o Herr! Nein, da bleibt jetzt mein Verstand rein kleben!
[BM.01_047,29] Herr, halte mich, sonst sinke
ich wie ein leerer Strumpf zusammen! – Ahahah, das ist ein weiblich Wesen! Ich
erkenne es an der hohen wallenden Brust! O Du mein Jesus, ist das eine
Herrlichkeit, eine so namenlose Schönheit, daß man darob gerade in den feinsten
Sonnenstaub könnte aufgelöst werden!
[BM.01_047,30] Diese Zartheit der Füße, diese
üppigste Fülle aller andern Leibesteile, die Glorie, die sie umgibt, dieser
endlos sanfte und freundlichste Blick aus einem Augenpaare, für deren
Beschreibung sicher der Erzengel Michael in die allergrößte Verlegenheit käme!
[BM.01_047,31] Kurz, ich bin nun schon ganz
dumm, schrecklich dumm muß ich sein! Ich wollte noch etwas fragen – fra – fra –
fragen, ja richtig fragen!? Es hole der Kuckuck die Frage! Ich bin nun ganz
dumm, oh, ich bin ein Esel oder noch ein dümmeres Vieh! Ja, ja, ein Rhinozeros
bin ich! Da gaffe ich hinein wie der Ochse in ein neues Tor und vergesse
beinahe, daß Du, o Herr, hier bei mir bist, gegen den auch alle diese
Schönheiten ein purstes Nichts sind! Denn so Du es wolltest, könntest Du sicher
noch endlos größere Herrlichkeiten im Augenblicke hervorrufen!
[BM.01_047,32] Herr, ich habe mich nun zur
Genüge ergötzt an diesen überhimmlischen Schönheiten! Für mich sind sie zu rein
und zu schön. Laß mich daher wieder etwas ganz Ordinäres sehen, auf daß ich
mich wieder finden kann und mich selbst besehen, ohne mich zu entsetzen ob
meiner gräßlich häßlichen Gestalt im Vergleiche zu diesen schönsten
Himmelswesen!
[BM.01_047,33] Wahrlich, da sieh einmal her –
oh, ich bin ja ein heller Pavian und ein ganz entsetzlich grober Lümmel! Nein,
ist aber das ein Unterschied zwischen mir und diesen Engeln der Engel! Gerade
speien könnte ich, so ich mich anschaue! Es ist grauslich, grauslich, und doch
bin ich nun auch schon ein Geist, der doch um etwas besser aussehen sollte als
ein Fleischmensch auf der Erde! Aber wie kommt es denn, daß diese Menschen gar
so unendlich schön sind, und wir als Deine Kinder sehen dagegen aus wie echte
Paviane, besonders ich?“
[BM.01_047,34] Rede Ich: „Weil ihr Mein Herz
seid; diese aber sind Meine Haut! Aber auch Meine Kinder sehen endlos schön
aus, wenn sie vollkommen sind. Wenn sie aber noch dir gleichen in der
Unvollkommenheit, dann sehen sie freilich nicht gar zu schön aus. Daher
befleiße dich der Vollendung und werde vollkommen, so wird deine Gestalt schon
auch ein himmlischeres Aussehen bekommen!
[BM.01_047,35] Ich aber will, daß du diese
großen, reinen Schönheiten schauest, auf daß du in ihrem Lichte dich desto eher
und desto leichter erkennest. Darum schaue nur noch eine Zeitlang hinein in
dieses Licht und empfinde deine eigene seelische Häßlichkeit, daß sie dadurch
zerbreche, mürbe werde und reif und dein Geist dann in ihr erstehe und dich zu
einem neuen Geschöpfe umgestalte!
[BM.01_047,36] Denn siehe, du bist noch lange
nicht wiedergeboren aus dem Geiste! Daher habe ich dich hierher in diesen
Garten verpflanzt, gleich wie in ein mächtiges Treibhaus, auf daß du eher zur
vollen Wiedergeburt gelangen mögest. Aber du mußt dich auch pflegen lassen wie
eine edle Pflanze! Denn siehe und fasse: Disteln und Dornen zieht man nicht in
den himmlischen Gärten und Treibhäusern! Betrachte nun weiter und rede; aber um
weniges nur frage! Es sei!“
48. Kapitel – Bischof Martins weitere
wunderbare Entdeckungen auf seiner Sonne. Grund der Größenverschiedenheit der
Sonnenvölker. Liebe und Weisheit als die wahren Größen des Geistes. Martins
Klage über die Erde und ihre Bewohner.
[BM.01_048,01] Bischof Martin wendet sein
Auge wieder der Sonne zu und beschaut die großen Szenen und Wunderdinge auf
ihrem leuchtenden Boden. Nach längerer Betrachtung spricht er wieder: „Da seht,
noch stets dieselbe Sonne und doch ganz andere Menschen! Zwar auch sehr schön,
aber ihre Schönheit ist doch wenigstens zu ertragen, denn sie haben Ähnlichkeit
mit schon gesehenen auf den andern Planeten und selbst mit den Bewohnern unserer
Erde.
[BM.01_048,02] Ich sehe nun überhaupt mehrere
Gürtel, die sich parallel um die Sonne ziehen. Und innerhalb jedes Gürtels
ersehe ich andere Menschen, die einen groß, die einen wieder etwas kleiner,
wieder andere ganz klein, und – o Tausend, Tausend! – da am Ende gibt es aber
Menschen, sind die aber groß! O je, auf diesen könnten die andern ja gerade als
Schmarotzermenschen anstatt gewisser Tierlein ganz bequem auf dem Kopfe
zwischen den Haaren herumsteigen!
[BM.01_048,03] O Herr, o Herr, vergib mir
meine etwas schmutzige Bemerkung! Ich sehe ein, sie gehört nicht hierher an den
Ort des Erhabensten. Aber man kann sich bei der Betrachtung dieser ungeheuren
Riesenmenschen ihrer nicht erwehren! Ich habe zwar schon in einigen anderen
Planeten wie im Jupiter, Saturn, Uran und Miron die Entdeckung gemacht, daß
deren Bewohner größer sind als die Menschen der Erde, die ich bewohnte, manche
um ein sehr bedeutendes. Aber was diese Riesen betrifft, so sind alle Bewohner der
andern Planeten pure Schmarotzermenschchen gegen sie!
[BM.01_048,04] Wenn so ein Riese auf der Erde
sich befände, so möchte er ja noch um ein bedeutendes die höchsten Berge
überragen! Nein, nein, das ist wahrlich mehr als ungeheuer! Sage mir, Du mein
allergeliebtester Herr Jesus, Du mein Gott und mein Herr, warum denn diese
Menschen gar so entsetzlich groß sind? Ich sollte Dich zwar nicht fragen um
vieles; aber da ich Dich bisher bei dieser jetzigen Betrachtung noch um nichts
gefragt habe, so vergib mir diese erste Frage! Gib mir gnädigst eine mich
erleuchtende Antwort auf diese meine erste Frage in dieser Wundersache!“
[BM.01_048,05] Rede Ich: „So höre und vernimm
es wohl! Sahst du nie auf der Erde, wie da Kriegsleute verschiedenes Geschütz
haben vom leichtesten bis zum schwersten Kaliber? So du nun in ein kleines
Gewehr die Ladung vom schwersten Geschütze tätest, was würde dadurch dem
kleinen Gewehre widerfahren? Siehe, die starke Ladung würde es in kleinste
Stücke zerreißen!
[BM.01_048,06] Was geschähe mit einem
Planeten, so er erfüllt wäre mit der Kraft der Sonne? – Siehe, würde die Erde
nur die Dauer von einer Minute hindurch in die mächtigste Lichtflut der Sonne
getaucht, so wäre sie also zerstört schon wie ein Tropfen Wasser, wenn er fiele
auf ein glühendes Erz. Also muß die Sonne darum aber auch ein sehr großer und
für die Größe verhältnismäßig starker Körper sein, um die in ihn gelegte Kraft
in aller Fülle der Tätigkeit tragen und halten zu können!
[BM.01_048,07] Wenn du eine Federflaume auf
ein Ei legtest, da wird das Ei nicht erdrückt werden, denn es hat Festigkeit in
Übergenüge, zu tragen dieses Gewicht. So du aber auf das Ei ein Gewicht von 100
Pfund legen würdest, wird das Ei unter dem mächtigen Drucke des zu schweren
Gewichtes gänzlich erdrückt werden!
[BM.01_048,08] Könnte wohl ein Riese den Rock
eines Kindes anziehen? Sicher nicht! So er's aber dennoch täte, was würde da
mit dem Rocke geschehen? Siehe, es würde der Rock in viele Stücke zerrissen
werden!
[BM.01_048,09] Also hat in der ganzen Schöpfung
jedes Ding sein Maß: das Kleine in seiner Art in allen seinen Verhältnissen,
und das Große in seiner Art auch in allen seinen Verhältnissen.
[BM.01_048,10] Wie du aber nun siehst, daß es
Welten gibt von verschiedenster Größe, zu tragen eine verhältnismäßige Kraft,
ebenso gibt es auf den Welten in gleichem Maße verschieden große Geister, zu
deren einstweiligen Trägern auch verschieden große Leiber erforderlich sind.
[BM.01_048,11] Nun wird aber die wahre,
eigentliche Größe des Geistes freilich nicht nach seinem Umfange, sondern
lediglich nach seiner Liebe und Weisheit bemessen. Aber siehe, das sind noch
Urgeister, die im freien Zustande ein ganzes Sonnengebiet in wirkender Fülle
erfüllten! Da sie aber auch an Meinem Reiche den seligen Anteil haben möchten,
so müssen sie auch des Fleisches engen Weg wandeln! Werden sie den Leib
ablegen, dann werden sie ob ihrer großen Sanftmut und Demut eben auch nur
unsern Umfang haben, – aber wohl auch den frühern, so sie seiner benötigen
werden!
[BM.01_048,12] Nun weißt du alles, was du zu
wissen brauchst in dieser Sphäre und für diesen deinen Zustand. Schaue daher
nun wieder weiter und rede, was dir auffallen wird, auf daß wir bald zu der
elften Türe übergehen können! Es sei!“
[BM.01_048,13] Bischof Martin schaut nun wieder
in die Lichtgefilde der Sonne und entdeckt da bald übergroße Tempel und andere
Wohngebäude, auch Straßen und Brücken von der allerkühnsten Art. Bald wieder
übermajestätisch hohe Berge, die sich in Hauptzügen um die ganze Sonne ziehen
und diese in Gürtel abmarken, von denen jeder andere Bewohner und andere
Lebensweisen hat und andere Sitten und Gebräuche. Ebenso entdeckt er nun auch,
wie zu beiden Seiten des Mittel- oder Hauptgürtels zwei Gürtel miteinander
zumeist in allem die größte Ähnlichkeit haben.
[BM.01_048,14] Vor allem aber gefallen ihm
doch noch immer die Menschen des Mittelgürtels am allerbesten, an deren
übermäßige Schönheit er sich nun schon etwas mehr gewöhnt hat. Nur dürfen sie
ihm noch nicht gar zu nahe gestellt werden, besonders die Weiber und Mädchen
schon gar nicht, weil sie zu schön und reizend sind. Aber selbst der männliche
Teil macht ihm starke Anfechtungen, weil auch dieser Teil so überaus schön und
reizend gebaut ist, daß diese Erde noch nie ein Wesen weiblicher Art von solcher
Üppigkeit, Weiche, Rundung und Sanftmut getragen hat.
[BM.01_048,15] Nach längerem Umherspähen
ersieht er nun ein Gebäude in der Mitte des Hauptgürtels, das an Pracht, Glanz
und reichster Verzierung alles bisher Gesehene in einem so hohen Grade
übertrifft, daß alles, was unser Martin bisher gesehen hatte, kaum als etwas
angesehen werden kann. Um dies Gebäude wandeln Menschen von einer so großen
Schönheit, daß er ob solchen Anblickes wie ohnmächtig zusammenfällt und lange
kein Wort herausbringen kann.
[BM.01_048,16] Nach geraumer Weile erst fängt
Bischof Martin wieder, wie ganz erschöpft, mehr zu stöhnen als zu reden an und
spricht ziemlich unzusammenhängend: „Mein Gott und mein Herr! Ach, wer auf der
Welt läßt sich so etwas in den Sinn kommen! Die Sonne ein leuchtender runder
Körper, aber wer vermutet das auf ihrem Boden!
[BM.01_048,17] Was bist du, Erde, gegen diese
endlos seligstmachende Pracht? Was sind die reißendsten Tiere von Menschen der
Erde gegen diese unbeschreibbar schönsten Wesen, voll der himmlischsten Glorie,
Schönheit und seligst-freundlichsten Anmut, von der sich der beste Mensch nicht
den leisesten Begriff machen kann!
[BM.01_048,18] Auf der Erde sind die Menschen
um so gefühlloser und oft um so teuflischer, in je prächtigeren Palästen sie
wohnen, je zarter ihre Haut ist und je glänzendere Kleider sie über ihre Haut
hängen können. Hier ist gerade der umgekehrte Fall! Ach, ach, so was ist ja
unerhört, nie gesehen auf der Erde!
[BM.01_048,19] Hier wohnen die Weisesten in
den unansehnlichsten Hütten auf den Bergen, wie ich soeben entdecke. Auf der
Erde ist die Wohnung des weisest sich dünkenden Oberhirten der Christenheit
gerade die größte, reichste und glänzendste auf der Erde. Und seine Kleider
sind pur Seide, Gold und kostbarste Edelsteine! Hier ist es gerade umgekehrt
der Fall. Ach, ach, und die Bewohner der Erde sollen Gotteskinder sein?! Ja,
Kinder des Satans sind sie diesen Sonnenkindern gegenüber, können auch nichts
anderes sein gegenüber diesen reinsten Himmelskindern!
[BM.01_048,20] Diesen ist nie ein Evangelium
gepredigt worden. Und doch sind sie ihrer Natur nach das reinste Evangelium
selbst, was sie auch offenbar sein müssen, da sich sonst diese himmlischste
Ordnung in allem, was hier zum Vorscheine kommt, ewig nie denken ließe! Ja, ja,
hier ersehe ich das reinste, wahrste und ewig vollkommenste, unverfälschte und
richtig gedeutete Wort Gottes lebendig!
[BM.01_048,21] Sehet an die Lilien auf dem
Felde: sie arbeiten nicht und ernten nichts in ihre Scheunen, und Salomo in all
seiner Königspracht war nicht bekleidet wie einer der Geringsten aus ihnen! Da
sehe ich zahllos viele solcher Lilien, sie haben keinen Pflug, kein Messer,
keine Schere, keinen Webstuhl und keine Stickrahmen. Wo aber auf der ganzen
Erde lebt ein Königssohn, eine Königstochter, die sich einer der
allergeringsten dieser Himmelslilien nähern dürften?
[BM.01_048,22] O Menschen, Menschen, die ihr
die Erde verfinsternd und verpestend bewohnet, was seid ihr, und was bin ich
gegen diese Sonnenvölker! Herr, Herr, o Herr, wir sind nichts als die
allerbarsten Teufel, und die Welt ist die Hölle selbst in optima forma! Darum
stehen die Sterne auch sicher so weit von der Erde ab, daß sie von ihr nicht
verpestet werden möchten!
[BM.01_048,23] O Gott, Du bist heilig und
endlos erhaben! Aber in Deinem Ärger mußt Du einmal ausgespuckt haben, und
daraus muß die Erde entstanden sein und ihre Geschöpfe aus Deinem einstigen
Fluche, den Du einmal in die Unendlichkeit hinausgedonnert hast!
[BM.01_048,24] O Herr, vergib mir diese meine
Bemerkung, aber ich kann mich ihrer beim Anblicke dieses Himmels nicht
erwehren! Nun graut es mir vor der Erde und ihren Bewohnern wie vor einem
giftig stinkenden Aase!
[BM.01_048,25] O Herr, sende mich in die
endlosesten Räume hinaus, aber nur zur Erde sende mich ewig nimmer! Denn sie
ist für mich eine Hölle aller Höllen, und ihre Bewohner sind unbekehrbare
Teufel, die sich's zum Hauptgeschäfte gemacht haben, die wenigen Engel unter
ihnen bis zum letzten Blutstropfen zu verfolgen.
[BM.01_048,26] O Herr, o Herr, laß doch
einmal ein rechtes Gericht los über diesen alleinigen Schandfleck in Deiner
ganzen unendlichen Schöpfung! Je mehr ich diese Herrlichkeiten betrachte, desto
mehr drängt sich mir der Gedanke auf, daß die ganze Erde samt ihren
eigentlichen Bewohnern eigentlich gar nicht Dein Werk, sondern ein Werk des
Satans, des Obersten aller Teufel, ist – rund heraus gesagt, ohne Scheu und
ohne Blatt vor dem Munde! Da ist nur Laster, Tod und Verderben, und davon bist
Du, o Herr, ewig der Schöpfer nicht!
[BM.01_048,27] Ach, ach, wie herrlich, wie
herrlich ist es hier, wo Deines Wortes ewige Ordnung herrscht! Und wie elend
und qualvoll dagegen auf der Erde, die da ist ein Fluch aus Dir, weil sie in
allem Deiner Ordnung gleichfort widerstrebt! O Herr, richte sie, verderbe und
vernichte sie auf ewig, denn sie ist nimmer Deiner Gnade wert!“
[BM.01_048,28] Rede Ich: „Sei nur ruhig, noch
siehst du das Rechte nicht, obschon du recht geredet hast. Gehe nun aber mit
Mir zur elften Tür, dort wirst du so manche Verhältnisse klarer erschauen und
anders urteilen! Darum folge Mir; es sei!“
49. Kapitel – Eine Mondschau durch die elfte
Tür. Bischof Martin und der Mondweise.
[BM.01_049,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind
nun bei der elften Tür! Siehe hinein und rede dann, was du hier alles erschaust!“
[BM.01_049,02] Bischof Martin schaut da nun
eine Weile hinein und spricht dann etwas schmollend: „Was ist denn das für eine
wahre Schnakerlwelt? Menschen, etwas größer als auf der Erde die Kaninchen, und
die Gegenden so schön wie auf der Erde recht nette Mistbeete! Die Bäume möchten
einige Spannen Höhe haben wie auf der Erde die Krummholz- und Brombeer- und
Wacholdersträucher. Das Beste sind noch die Berge, die im Ernste sehr hoch und
sehr steil sind. Meere sehe ich gerade keine, wohl aber Seen, der größte hätte
etwa, nach irdischem Maße genommen, wohl bei 10000 Eimer Wasser! Sapprament,
das ist ein Unterschied zwischen der Tür Nr. 10 und Nr. 11!
[BM.01_049,03] Ah, ah – was ist denn das für
ein Springinsfeld mit einem Fuße noch dazu? Das wird doch wohl nur ein Tier und
kein menschliches Wesen sein! Da entdecke ich noch eine ganze Herde von einer
eigenen Art Murmeltiere! Es ist überhaupt merkwürdig! Bis jetzt habe ich noch
nirgends Tiere gesehen, und hier auf dieser Schnakerlwelt gibt's auf einmal
beinahe mehr Tiere als Menschen. Soll denn das im Ernst eine Tierwelt sein? –
Ja, ja, siehe, da kommt noch eine starke Herde von einer Art Schafen daher!
Schade, daß ich keine Ochsen und Esel erschaue, daß ich mich meinesgleichen
erfreuen könnte! Vögel gibt es auch; wenn darunter nur keine gar zu lustigen
sind!
[BM.01_049,04] Da, da, da! Hahaha, das ist
ein wahrer Spaß! Da sind ja die Menschen ganz zusammengewachsen! Das Weibchen
sitzt dem Männchen wie Buckelkraxen über den Schultern! Und da bläht sich ein
Männchen wie ein Laubfrosch auf und macht mit dem gespannten Bauche einen Lärm
wie auf der Erde ein türkischer Regimentstambour! Nein, das ist im Ernste sehr
spaßig und in einem bedeutenden Grade lächerlich!
[BM.01_049,05] Wahrlich, Herr, so Du dieses
Weltchen erschaffen hast, hat es sicher Deine Allmacht und Weisheit nicht zu
sehr in Anspruch genommen, denn soweit ich jetzt dieses Welterl sehe, so ist es
eigentlich gegen alles früher Gesehene mehr fade als irgend erhaben. Da muß ich
der Erde wieder abbitten, was ich bei Nr. 10 zu schlecht von ihr geredet habe.
Denn gegen diese Welt ist sie bis auf ihre Menschen denn doch ein wahres
Paradies! – Sage, o Herr, mir doch gnädigst, wie da diese Welt heißt! Die kann
doch nicht mehr in unserer Erde Sonnengebiet sich befinden?“
[BM.01_049,06] Rede Ich: „O ja, siehe, das
ist der Mond der Erde. Und diese Menschen sind der Erde entnommen, so wie der
ganze Mond selbst, der zwar damals der Erde schlechtester Teil war, nun aber um
sehr vieles besser ist als die ganze Erde! Darum ist er nun auch eine Schule
für sehr weltsüchtige Seelen geworden. Denn siehe, besser eine magere, kleine
Welt mit einem fetten Geiste, als eine fette, große Welt mit einem höchst
mageren Geiste!
[BM.01_049,07] Siehe, so armselig diese
Menschen hier auch äußerlich aussehen, so wirst du aber noch lange zu tun
haben, bis du im Geiste so fett sein wirst, als diese es lange schon sind!
[BM.01_049,08] Auf daß du es aber praktisch
einsehen lernst, wie es mit der Weisheit dieser Menschen steht, so soll sich
ein Paar dir nahen und sich mit dir über Verschiedenes unterreden. Siehe, da
kommt schon so ein Buckelkraxenpärchen her: frage sie um Verschiedenes und sei
versichert, sie werden dir keine Antwort schuldig bleiben! Es sei!“
[BM.01_049,09] Spricht Bischof Martin: „Ja richtig,
da ist schon so ein Pärchen. Es nähert sich uns gleich mit seiner ganzen Welt,
deren es sich förmlich wie eines Schiffes bediente. Schau, in der Nähe sieht
das Pärchen ganz possierlich aus, besonders das kleine Weibchen! Aber wie ich's
merke, so müssen wir für sie unsichtbar sein, weil sie so ahnungsvoll um sich
blicken, als gewahrten sie im Ernste etwas, dabei aber dennoch nichts entdecken
können!“
[BM.01_049,10] Rede Ich: „Du mußt ihnen näher
treten und dadurch berühren ihre kleine Sphäre, dann werden sie dich schon
besser ausnehmen! Die Bewohner aller Monde der Planeten haben das
Eigentümliche, daß sie die Geister anderer Planeten erst dann völlig erschauen,
so diese sich in ihren kleinen Sphären befinden. Der Grund dieser Erscheinung
ist, weil die Monde der Planeten unterste, materiellste Stufe sind; gleichsam
wie der Unflat der Tiere auch ihre unterste und materiellste Stufe ist, aber
oftmals nützlicher als das Tier oder der Mensch selbst! – Tue nun, was Ich dir
sagte und das Pärchen wird deiner sogleich ansichtig sein!“
[BM.01_049,11] Bischof Martin tut nun, was
Ich ihn hieß. Das Pärchen ersieht Martin sogleich und bewundert seine Größe.
Martin aber beginnt sogleich folgendes Gespräch mit den beiden Mondbewohnern:
„Seid ihr wohl die wirklichen Bewohner dieser kleinen Welt, oder gibt es noch
andere, die größer sind denn ihr und weiser vielleicht auch?“
[BM.01_049,12] Reden die beiden: „Als
Menschen gibt es nur eine gerechte Menge unsersgleichen. Aber sonst gibt es
noch eine Menge Geschöpfe, und auf dem entgegengesetzten Teile dieser Erde
wohnen Büßer, die nicht selten zu uns herüberkommen, um von uns die innere
Weisheit zu erlernen. Diese Büßer aber kommen gewöhnlich von einer andern Welt
her, wahrscheinlich von der, von der du auch bist! Sie sind wohl sehr groß der
Gestalt nach, aber dem Wesen nach sind sie überaus klein. Auch du siehst sehr
groß aus, aber der eigentliche Mensch in dir ist noch kaum sichtbar!
[BM.01_049,13] Was tut ihr aber, ihr großen
Menschen, denen viel Leben gegeben ist? Warum wahret ihr dieses Leben so wenig?
Wenn die Zeit ist, Früchte auszusäen – von welcher Aussaat der Mensch sein
irdisches Leben zu wahren und dasselbe ernährend zu versorgen hat –, da ist der
Mensch voll Fleißes und arbeitet, wenn es ihm nur die Kräfte gestatten, wie ein
Wurm in einem morschen Baume unablässig fort und läßt sich nicht beirren durch
alle vorkommenden Hemmnisse. Er erduldet Hitze und große Kälte und Regen und
anderes Unwetter. Seinen Leib schont er nicht und setzt nicht selten dessen an
einem Haar hängendes kurzes Leben in die größte Gefahr, um eine kümmerliche
Nahrung zu erbeuten. Aber für die Wahrung und Erhaltung und Vervollkommnung des
eigentlichen inneren Lebens, für das eigentliche, ewige, heilige, große Ich tut
er wenig oder nichts!
[BM.01_049,14] Was wohl möchtest du zu einem
Gärtner sagen, der auf seinem Grunde Fruchtbäume setzte. Als sie aber Blüten
trieben und schützendes Laub, da nähme er diese ersten Triebe schon für die
Frucht, risse alle Blüten und Laub von den Zweigen und verzierte damit seines
Hauses Flur? So ein Gärtner wäre doch sicher ein allerdümmster Narr: denn wenn
sein Nachbar eine reiche Ernte hielte, müßte er vor Hunger sterben, da seine
Bäume keine Frucht trügen!
[BM.01_049,15] Ist aber nicht ein jeglicher
Mensch bei sich ein gleicher Narr im noch viel größeren Maße, so er ein
irdisches Leben, das Blüte und Laub nur zum innern, wahren Leben ist, schon als
eine Frucht genießt? Er zerstört durch solch unnatürlichen und höchst unreifen
Genuß die daraus erst hervorgehen sollende eigentliche Frucht, das wahre, ewige
Leben des Geistes. Was wächst denn wieder zum neuen, unvergänglichen Leben: die
Blüte, das Laub, oder der innere Same der reifgewordenen Frucht? Sieh, allein
nur der Same!
[BM.01_049,16] Ebenso ist es auch mit jedem Menschen
der Fall: sein Leib, seine Sinne, sein äußerer Verstand, seine Vernunft – das
sind Blüten und Laub. Aus diesen geht hervor eine reife Seele. Und diese
gerechte, gute Reife der Seele faßt dann in sich auch einen reifen Kern. Dieser
Kern ist der unsterbliche Geist, der in seiner Vollreife alles ergreift und in
seine eigene Unsterblichkeit verwandelt, – gleichwie ein verwesliches Fleisch,
das mit dem ätherischen Öle der Unverweslichkeit gesalbt wird, auch mit
unverweslich wird.
[BM.01_049,17] Siehe, du großer Mensch, das
ist unsere Weisheit! Um diese zu bewerkstelligen, befolgen wir die erkannte
Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes, und so sind wir vollkommen, was wir
sind. Du aber bekämpfe mich nun, so du es kannst; ich bin bereit, von dir alles
zu ertragen!“
[BM.01_049,18] Unser Martin macht ob dieser
Rede ein verdutztes, sehr langes Gesicht und kann nicht genug erstaunen über
die ihm ganz enorm vorkommende Weisheit dieses Mondpärchens. Nach einer
geraumen Weile erst spricht er: „Ah, ah – da hätte ich doch alles eher gesucht
als so eine tiefe Weisheit bei euch Mondmenschen! Wer lehrte euch solche tiefe
Weisheit? Denn aus euch selbst kann sie doch nicht entsprungen sein?
[BM.01_049,19] Es erkennen wohl die Tiere
ihre Ordnung instinktmäßig und entwickeln diese ganz natürlich aus ihrer
Naturordnung, die da eben ist ihr Instinkt. Auch alle Gewächse müssen das
entfalten, was in sie gelegt ist. Aber Tiere und Pflanzen sind eben darum als
das, was sie sind, gerichtet. Der Mensch aber als ein freies Wesen muß das
alles erst durch äußere Belehrung in sich wie ein vollkommen leeres Gefäß
aufnehmen. Und das Wort der Weisheit Gottes muß in sein Herz wie das Samenkorn
in die Erde gelegt werden, damit er dann erst zur Erkenntnis seiner selbst und
daraus zur Erkenntnis Gottes und Seiner Ordnung gelangen kann. Bekommt der
Mensch durchaus keinen Unterricht, so bleibt er dümmer als jedes Tier und
begriffsloser als ein Stein.
[BM.01_049,20] Da ihr unleugbar aber auch
Menschen von gleichen göttlichen Rechten seid wie unsereiner, so müsset auch
ihr einen Unterricht einmal, und zwar von Gott Selbst mittel- oder unmittelbar
empfangen haben, ansonsten mir deine Weisheit das allergrößte Wunder wäre, das
mir bis jetzt vorgekommen ist. Denn bei allen Urmenschen muß Gott der erste
Lehrer gewesen sein, indem sonst alle Menschen bis auf die jüngsten Zeiten in
ihrer Bildung bei weitem unter dem Tierstande sich befänden. Denn wo der A
blind wäre, wer hätte da dem B Licht geben können? Und wäre auf die Art
notwendig auch der B blind geblieben, von wem hätte dann der C usw. Licht
bekommen sollen? Da du aber ein sehr erleuchteter Mensch bist, so sage mir
gefälligst, wie das unverkennbare, wesenhafte Gotteslicht zu euch gekommen ist,
und ungefähr wann!“
50. Kapitel – Unterschied der Wirkung des
Unterrichtes von außen und von innen. Die Töpferwerkstatt.
[BM.01_050,01] Spricht der Mondbewohner:
„Freund, du redest und fragst, wie du es verstehst, und ich antworte dir nach
meiner Art! Nach dir zu urteilen, muß der allerhöchste Gottesgeist euch
freilich wohl von außen mit einem Prügel in der Hand unterrichtet haben. Denn
für einen innern, geistigen Unterricht scheinst du bis jetzt noch viel zu
stumpf zu sein, und höchstwahrscheinlich auch deines Weltkörpers gesamtes
Menschengeschlecht!
[BM.01_050,02] Meinst du wohl im Ernste, der
höchste, allmächtige Gottesgeist habe den Menschen als Sein vollkommenstes
Geschöpf wie einen leeren Sack gestaltet, in den man zuvor erst etwas hineintun
muß, wenn man etwas darinnen haben will? O siehe, da bist du in sehr großer
Irre!
[BM.01_050,03] Der Mensch eines jeden
Weltkörpers hat einen unendlichen Weisheitsschatz schon in sich! Dieser darf
nur durch ein taugliches Mittel geweckt werden, so treibt er sofort von selbst
die herrlichsten Früchte. Für ein solches Weckmittel aber sorgt schon der
erhabenste Gottesgeist.
[BM.01_050,04] Hat der Mensch so ein Mittel
nicht in den Wind geschlagen, sondern sogleich bei sich selbst in Anwendung
gebracht, wird er aus seinem eigenen Samen zu keimen, zu wachsen und endlich zu
reifen anfangen. Es bedarf da keines Unterrichtes von außen her, sondern
lediglich von innen heraus.
[BM.01_050,05] Denn alles, was von außen her
zum Menschen gelangt, ist und bleibt ewig ein Fremdes. Es kann dem Empfangenden
keine wahre, bleibende, eigene Weisheit geben, sondern eine Weisheit nur gleich
einer Schmarotzerpflanze, die dem Leben nie hilft, sondern dasselbe nur
verkümmert und am Ende ganz verdirbt, weil es als ein Äußeres stets nach außen
sich wendet statt nach innen, dem Wohnsitze des eigentlichen, wahren, ewigen
Lebens aus Gott, dem allerhöchsten Geiste!
[BM.01_050,06] Auf diesem Wege kommen wir zu
unserer Weisheit, nämlich lediglich von innen aus und nicht von außen herein!
So ihr aber auch eines äußeren Unterrichtes bedürfet, da müsset ihr sehr
verstockte Wesen sein und überaus sinnlich und daraus gröbst sündhaftig: also
Gegner der göttlichen Ordnung und so sicher das Gegenleben in euch selbst. Da
freilich muß der A wie der B und C usw. blind sein und bleiben, wenn kein
äußerer Unterrichtswind ihn weckt!
[BM.01_050,07] Hier hast du die Antwort auf
deine Frage auch äußerlich. Denn für eine innere scheinst du noch lange keine
Fähigkeiten zu besitzen, wovon deine Frage ein sicherer Beweis ist! Magst aber
darum schon weiter fragen!“
[BM.01_050,08] Das Gesicht des Bischof Martin
wird nach dieser Rede des Mondbewohners noch länger, indem er nun einsieht, daß
er mit seiner Weisheit neben der Weisheit des Mondbewohners nicht aufkommen
kann. Er denkt nun bei sich nach, was er tun soll, um dem Mondpärchen zu
beweisen, daß er als ein Erdbewohner dennoch am Ende der Weisere sei. Er denkt
wohl hin und her, aber es will ihm durchaus nicht so etwas recht Gescheites
einfallen.
[BM.01_050,09] Bischof Martin wendet sich
daher an Mich und spricht: „Herr, laß mich doch nicht so ganz im Stiche und
hilf mir, diesen überweisen Mondbewohner zu überwinden und ihm zu zeigen, daß
auf Deiner Erde die Menschen geradeweg auch keine Tannenzapfen sind! Der
verarbeitet mich ja auf eine Art, daß ich ihm nun auf Tausend nicht Eins
antworten könnte. Und doch soll ich sein Herr sein und mit der Weile der Leiter
dieser ganzen Welt!
[BM.01_050,10] Das möchte sich mit der Zeit
machen, so die Bewohner aller der bisher mir vorgestellten Welten zu mir als
ihrem Herrn kämen und mir zeigten, daß ich aus dieser ganzen Schöpfung der
allerdümmste Kerl bin! Ich denke, um dieser Schmach vorzubeugen, wäre es nötig,
ihnen gleich anfangs durch eine überwiegende Weisheit zu zeigen, daß man völlig
ihr Meister ist. Dann würden sie es in der Zukunft wohl bleiben lassen,
unsereinem gar so schulmeisterisch zu kommen und einen zu behandeln wie einen
Abc-Schützen!“
[BM.01_050,11] Rede Ich: „Höre, du Mein
lieber Martin! Meinst du denn, du werdest durch eine triftige Gegenmundwetzerei
solchen echten Weisen den Mund stopfen? Oh, da bist du in einem sehr großen
Irrtum! Siehe, wie es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine
Weisheit, die gleich einer ewigen Festung auch für alle Ewigkeit unüberwindlich
dasteht! So dieser Mondbewohner dir aber mit der einzig rechten Wahrheit
entgegenkam, sage, mit welcher noch größeren Weisheit wolltest du ihn dann
bekämpfen?
[BM.01_050,12] Siehe, da gibt's einen ganz
andern Weg, diese Geister sich gefällig, dienstfertig und liebuntertänig zu
machen, als der, den du meinst. Der Weg heißt Liebe, Demut und eine große
Sanftmut! Durch diese drei allerersten und allerwichtigsten Lebensstücke kommt
man endlich auf den Punkt, allen diesen zahllosen Sternenbewohnern auf das
allerkräftigste zu begegnen.
[BM.01_050,13] Die Liebe lehrt dich, allen
diesen Wesen wohlzutun und sie so glücklich als möglich zu machen. Die Demut
lehrt dich, klein zu sein und sich über niemanden – möchte er noch so
unbedeutend scheinen – hochmütig zu erheben, sondern sich selbst stets als den
Geringsten zu betrachten. Und die Sanftmut lehrt dich, jedermann stets gleich
wohlwollend zu ertragen und aus dem innersten Herzensgrunde bemüht zu sein,
jedem zu helfen, wo es ihm nottut. Und das allzeit durch jene sanftesten
Mittel, durch die ja niemand im geringsten in seiner Freiheit beirrt werden
kann. Werden hie und da ernstere Mittel vonnöten, so muß hinter ihnen nie etwa
eine Strafsucht oder gar richterlicher Zorn stecken, sondern allzeit die
allerhöchste und reinste, sich selbst nie berücksichtigende Liebe!
[BM.01_050,14] Siehe, das sind die Dinge
aller himmlischen Meisterschaft! Diese müssen dir völlig eigen sein, dann wirst
du mit diesen Mondbewohnern schon besser auskommen. Kehre daher noch einmal zu
dem Pärchen zurück und versuche dich in dieser himmlischen Art mit ihm;
vielleicht wirst du dann mit ihm leichter überorts kommen! Gehe und tue also;
es sei!“
[BM.01_050,15] Bischof Martin wendet sich nun
wieder an das Mondpärchen und spricht: „Höre, du mein lieber, kleingroßer
Freund, ich habe nun deine sehr weisen Worte wohl erwogen und daraus ersehen
mit der Gnade des Herrn, daß du wirklich in all dem, was du geredet, vollkommen
recht hast. Dessenungeachtet habe ich dennoch eine neue Frage an dich, nicht
aber etwa, um deine feste Weisheit tiefer prüfen zu wollen, sondern mich
lediglich von dir belehren zu lassen!
[BM.01_050,16] Siehe, du hast ehedem allen
äußern Unterricht für rein null und nichtig erwiesen; ich kann dir nicht sagen,
daß du unrecht hast! Aber so aller äußere Unterricht, also auch alle äußere
Wahrnehmung – mag sie von wo immer herrühren und durch was immer für einen Sinn
in den Menschen hineingelangen – schlecht, unnütz und somit verwerflich ist, da
möchte ich denn doch nun von deiner Weisheit vernehmen, wozu der große Schöpfer
aller Welten, Menschen und Engel uns äußere Sinne gegeben hat? Und wozu eine
nach außen hinaustönende Stimme und dazu eine sprachfähige Zunge? Wozu
eigentlich alle äußere Form und alle äußere Erscheinlichkeit all der zahllosen
Dinge und Wesen?! – Oder läßt sich wohl ein Wesen ohne alle Äußerlichkeit
denken? Hebt etwa nicht die Wegnahme aller Äußerlichkeit ein jedes Wesen ganz
auf? Denn siehe, ich wenigstens kann mir kein Wesen denken, das durchgehends
gar keine Äußerlichkeit hätte! Du ersiehst hier meine gerechten Zweifel; habe
daher Geduld und kläre sie mir auf!“
[BM.01_050,17] Spricht darauf der
Mondbewohner: „Freund, du greifst einmal zu seicht und das andere Mal zu tief!
Einmal zu wenig und einmal zu viel, das macht dir erreichen noch lang nicht
dein Ziel!
[BM.01_050,18] Der große Geist hat von allem
endlos viel erschaffen. Und all das viele, das sich gegenseitig nur äußerlich
begegnen kann – ansonst es unmöglich ein vieles wäre –, ist sich darum gegenseitig
auch ein Äußerliches. Damit aber der Mensch auch das Äußerliche fasse, sind ihm
auch äußere Sinne gegeben. Verstehen aber kann er es mit diesen äußeren Sinnen
nimmer, sondern lediglich mit den inneren seines Geistes.
[BM.01_050,19] So hat der Mensch äußere
Sinne, um Äußeres zu fassen, und hat innere Sinne, um Inneres zu fassen. Die
Weisheit aber ist ein Angehör der inneren Sinne des Geistes und nicht der
äußeren des Leibes; daher muß sie auch von innen heraus und nicht von außen
hinein erlernt werden.
[BM.01_050,20] Diesen inneren Unterricht aber
erteilt der Seele allein der Geist, dem der große Geist Gottes alles völlig
enthüllt eingehaucht hat, was da geschaffen ward und noch ewigfort geschaffen
wird.
[BM.01_050,21] Die äußere Sprache aber ist nur,
um das Äußere zu bemessen und es dann mit dem Innern zu vermählen. Dadurch wird
eine Ehe zwischen Außen und Innen bewerkstelligt, und durch diese Ehe die volle
Erkenntnis der göttlichen Ordnung. Diese Erkenntnis dann ist die eigentliche
Weisheit, nach der wir allein trachten sollen, weil sie die einige innere Kraft
des Geistes und sein wirkendes Leben bedingt.
[BM.01_050,22] Du wirst nun leicht ersehen,
daß Gottes Geist ewig nie die Menschen durch äußere Offenbarungen unterrichtet
hat, sondern allzeit lediglich von innen heraus durch den Geist. Hatte es etwa
auch das Ansehen eines persönlich äußeren Unterrichts, so konnte aber dieser
dennoch so lange von keiner innern Wirkung sein, bis er nicht durch die
allerweckende Kraft des Gottesgeistes in den inwendigsten Geist des Menschen
geführt wurde. Also ist auch alles das, was ich dir nun auch nur äußerlich
erläuterte, für dich so lange von keiner Wirkung, bis du es nicht aus dir
selbst vernehmen wirst!
[BM.01_050,23] So dich Gott Selbst äußerlich
in aller Weisheit unterwiese, wie ich's nun getan habe, so würde dir auch
dieser Gottesunterricht nichts nützen, solange Er, der große Gott, durch Seinen
allerheiligsten Geist dich nicht von innen durch deinen eigenen Geist
unterrichtete.
[BM.01_050,24] Dies fasse nun, so du's
kannst, als eine rechte Antwort. Und bedenke, daß sie dir nicht zum Heile,
sondern nur zum Gerichte dient, solange du sie nicht aus dir selbst empfangen
wirst! Denn was nicht dein ist, das ist ein Gericht, solange es nicht dein ist,
und macht dich nicht frei! – Willst du aber noch fragen, so frage; ich werde
dir antworten!“
[BM.01_050,25] Spricht darauf der Bischof
Martin: „Freund, ich sehe nun abermals, daß du bei aller deiner äußeren
Geringfügigkeit ein wahrhaft grundweises Wesen bist. Ich erkenne auch, daß ich
es mit dir noch lange nicht aufnehmen kann. Aber das wirst du steinfester
Weiser mir dennoch zugeben, daß ich, so ich jemanden aus großer Liebe auch bloß
äußerlich in Dingen der Ordnung Gottes, dessen Macht, Liebe und Weisheit
unterrichte, solch ein Unterricht doch unmöglich ein Gericht sein kann für
einen harmlosen, willigsten Jünger, sondern nur ein gerechter Weg zum ewigen
Leben! Denn ich halte überhaupt nicht gar zu große Stücke auf die ledige
Weisheit, sondern nur auf die Liebe. Denn wo diese mangelt, da ist mir alle
Weisheit um einen gemeinsten Lehmbatzen feil!
[BM.01_050,26] Was sagst du zu dieser meiner
Ansicht? Ich weiß es wohl, daß da ein jeder Mensch zuvor aus dem Geiste muß
wiedergeboren sein, bis er ins eigentliche, freieste Reich Gottes eingehen
kann. Aber um eben zu dieser Wiedergeburt zu gelangen, muß man ja doch zuvor
die ersten Wege dazu durch den äußern Unterricht empfangen, weil für mich
wenigstens ein innerer Unterricht – besonders bei Kindern – gar nicht denkbar
ist. Und habe ich da auch nicht recht, so zeige mir, wie denn ihr
Mondmenschlein eure Kinder unterrichtet!“
[BM.01_050,27] Spricht der Mondbewohner: „Was
fragst du denn da weiter, so dir deine eigene Ansicht bei weitem richtiger zu
sein scheint? Kurzsichtiger Mundwetzer, ist denn nicht jeder äußere Unterricht
ein Gesetz, das bestimmt, wie das eine oder das andere zu fassen ist? Richtet
aber nicht jedes Gesetz und jede Regel? Wann hat noch je jemanden das Gesetz
freigemacht?!
[BM.01_050,28] Ihr wohl macht aus euren
Kindern zuerst Gefangene und könnet sie dann nimmer frei machen. Wir aber
erziehen unsere Kinder, wie da ein Töpfer bei euch verfertigt seinen Topf, den
er von in- und auswendig zugleich auf seiner Drehscheibe auszuziehen beginnt,
ansonsten er einen sehr einseitigen Topf erzeugen würde! Willst du demnach
lernen, wie Menschen erzogen werden zur ewigen Freiheit, so gehe in die
Werkstatt eines Töpfers, dort wirst du deine unverstandene Liebe erkennen!
Verstehe wohl, bei einem Töpfer liegt mehr Weisheit als bis jetzt noch in dir!“
[BM.01_050,29] Nach diesem Hiebe kehrt sich
Bischof Martin wieder zu Mir und sagt: „O Herr, diesem wirklich radikalen
Mondwesen ist durchaus nicht beizukommen. Denn ich mag eine Sache noch so rein
Deiner Lehre gemäß darstellen, so ist er mir richtig schon wieder um ganze
tausend Jahre vor! Das Sonderbarste bei der Sache ist nur, daß er als ein
Mondbewohner die Erde, die er doch sicher auch nicht einmal als einen Stern
gesehen hat, besser zu kennen scheint als ich selbst! Er beschied mich zu einem
Töpfer auf der Erde, wo ich die Weisheit und gewisserart das Geheimnis der
Liebe studieren soll! Das ist ja im Ernste sehr spaßig!
[BM.01_050,30] Was wohl soll ich bei einem
Töpfer? Soll ich etwa hier diese Profession ausüben? Ja, der Kerl geht so weit,
daß er mir ganz trocken ins Gesicht behauptete, auch Du, o Herr, könntest mir
mit Deiner mündlichen Unterweisung nicht helfen, wenn solche nicht von innen
aus durch meinen eigenen Geist käme! Das ist doch offenbar eine grobe
Versündigung! So es nach meinem Wunsche ginge, da ließe ich diesen Kampel schon
ein wenig fühlen, was das heißt, sogar Deiner Lehre die wirkende Kraft
abzusprechen!“
[BM.01_050,31] Rede Ich: „Laß das gut sein,
Mein lieber Martin, denn so du dich mit diesem Mondbewohner in einen Streit
einließest, da würdest du bei weitem den kürzern ziehen müssen! Er aber
verdient es durchaus nicht, daß Ich ihm etwas Widerwärtiges begegnen lassen
sollte, denn er ist ein überaus guter Geist. Daß er dir aber zuletzt etwas
dicker gekommen ist, rührt daher, weil er in dir eine Art verborgener
ehrsüchtiger Tücke erschaut hat, die diese Mondwesen am allerwenigsten leiden
können! Denn bei ihnen muß das Äußere dem Innern völlig gleichen.
[BM.01_050,32] Im übrigen beachte du recht
wohl, was du von diesem Weisen vernommen hast; es wird dir zu seiner Weile wohl
zustatten kommen! Der Töpfer aber ist das beste Bild: aus diesem Bilde kannst
du die ganze Fülle Meiner Ordnung kennenlernen! Denn siehe, Ich Selbst bin ja
ebenfalls ein Töpfer und Mein Wirken ist das eines Töpfers. Denn Meine Ordnung
ist gleich der Drehscheibe eines Töpfers, und Meine Werke sind gleich den
Töpfen eines Töpfers! – Wie, das wird dich die Zukunft lehren!
[BM.01_050,33] Gehen wir nun aber zur 12.
Tür, da wird dir manches klar werden, was dir jetzt noch dunkel ist! Es sei!“
51. Kapitel – Ein Blick durch die zwölfte Tür
auf das kleinste Sonnengebiet. Martins Ahnung von der Größe und Gnade Gottes.
Die Form des Menschen als bleibende, überall gleiche Grundform. Jenseitige
Gefahren für den noch nicht völlig Wiedergeborenen.
[BM.01_051,01] (Der Herr:) „Wir sind nun bei
der zwölften Tür; sie ist auch wie die früheren schon geöffnet! Tritt an die
Schwelle und rede dann, was alles du hier erschaust!“
[BM.01_051,02] Bischof Martin tut, wie ihm geboten.
Nach einer Weile des seltensten Staunens beginnt er erst zu reden und spricht:
„O Gott, o Gott, das ist endlos, das ist ewig unermeßlich groß! Da sehe ich ja
in den ungeheuersten Fernen zahllose allerglänzendste Sonnen und Welten so
durcheinanderschwärmen wie auf der Erde die Ephemeriden etwa ein paar Stunden
vor dem Sonnenuntergange an einem Sommertage! Wie viele Dezillionen gibt es
denn ihrer? Und wie viele Ewigkeiten werden hierzu wohl erforderlich sein, um
sie alle nur einigermaßen näher kennenzulernen?!
[BM.01_051,03] O Gott, o Herr, je länger ich
da hineinsehe, desto mehr erschaue ich ihrer! O Herr, ist es Dir wohl möglich,
diese zahlloseste Masse von Sonnen und Erden zu übersehen, zu leiten und zu
erhalten? Das ist ja geradeweg erschrecklich, erschrecklich!
[BM.01_051,04] Mir gäbe schon der kleine Mond
für die Ewigkeit zu tun genug! Und Du, o Herr, spielst nur mit all diesen
zahllosen Dezillionen von Sonnen und Welten, ordnest und erhältst alle und
sorgst für das Kleinste auf all diesen zahllosen Weltkörpern, als stünde in der
ganzen Unendlichkeit gerade kein zweites mehr da! O Herr, o Herr, wie, wie, wie
ist Dir das möglich?“
[BM.01_051,05] Rede Ich: „Wie Mir solches
leicht möglich ist, das zu fassen vermag kein geschaffener Geist in der Fülle.
Aber die Ewigkeit wird dich noch so manches lehren, was dir jetzt dunkel ist!
Darum forsche darin nicht weiter. Würde Ich dir die Größe Meiner allmächtigen
Liebe und Weisheit zeigen, so könntest du nicht leben, denn die Tiefen Meiner
Gottheit sind für jeden geschaffenen Geist zu unergründlich!
[BM.01_051,06] Was du aber hier erschaust,
ist das kleinste Sonnengebiet nur, das du auf der Erde bei heiteren Nächten oft
gesehen hast. Denke aber ja nicht, daß dieses schon das einzige ist, das den
endlosen, ewigen Raum erfüllt. Ich sage dir, derlei und endlos größere,
reichere und wunderbarere Gebiete gibt es ohne Ende, ohne Zahl und ohne Maß!
Denn Meine Schöpfungen haben nimmermehr irgendein Ende. Allenthalben wirst du
die Einrichtungen für dich wunderbar verschieden finden und neue Formen
allenthalben von nie geahnter Majestät und Pracht.
[BM.01_051,07] Nur die Form des Menschen
allein ist die bleibende und überall gleiche. Unter diesen zahllos vielen
Bewohnern der verschiedenen Welten gibt es nur Abstufungen bezüglich der Größe,
Liebe, Weisheit und Schönheit. Aber allen diesen Abstufungen liegt dennoch die
unveränderte Menschenform zugrunde, indem sie alle Mein Ebenmaß haben. Die
Weisesten sind die schönsten, und die mit Liebe Erfüllten sind die zartesten
und herrlichsten!
[BM.01_051,08] Du aber wärest jetzt noch
nicht imstande, auch nur die geringste Schönheit einer menschlichen Form von
den unbedeutendsten dieser von dir nun geschauten Welten zu ertragen. Daher
mußt du nun dich nur mit der Beschauung dieser dir noch sehr ferne liegenden
Sonnen und Welten begnügen. Wird aber dein Geist reifer, so wirst du schon auch
zur näheren Beschauung all Meiner Schöpfungswunder gelangen!
[BM.01_051,09] Aber da heißt es zuvor noch in
gar vielen Dingen dich selbst verleugnen, und ganz besonders in deiner dir noch
stark anklebenden fleischlichen Weibersucht! Solange du dich von der nicht
entschlagen wirst, so lange wird dir all diese nähere Anschauung verborgen
bleiben müssen, weil du, so du nun zu all dieser für dich unbegreiflichen Schönheit
zugelassen würdest, Meiner leicht vergäßest!
[BM.01_051,10] Meiner vergessen aber heißt
soviel als: das Leben und dessen himmlische Freiheit verlieren und dafür das
Gericht, den Tod und die Hölle anziehen, vor der ein Geist so lange nicht
sicher ist, solange er nicht völlig aus Meinem Geiste wiedergeboren ist.
[BM.01_051,11] Nun kennst du diese deine
Wohnung. Ich Selbst habe dich überall an die Schwelle des ewigen Lebens
geführt, nun mußt du selbst wandeln, willst du wahrhaft frei werden! Ich werde
dich nun wieder sichtlich verlassen, dir aber dafür einen andern Gesellschafter
senden. Dieser wird dich lehren, Meinen Willen auf der weißen Tafel zu
erkennen. – Denke nun über all das, was du nun gesehen und gehört, getreu nach
und sei in allem nüchtern, so wirst du leicht weiterkommen! Es sei!“
52. Kapitel – Segen des Lichtes Swedenborgs.
Der alte Adam in Martin. Weise Lehre des Weibes und scharfe Mahnung Borems.
[BM.01_052,01] Nach diesen Worten verlasse
Ich sichtbar den Bischof Martin sehr plötzlich. An Meiner Stelle steht schon
ein anderer Engelsgeist, und zwar der des uns schon bekannten Buchhändlers.
Dieser hat unterdessen an der Seite Petri große Fortschritte gemacht, wozu ihm
freilich die Bekanntschaft mit den geoffenbarten Schriften Swedenborgs einen
großen Vorschub geleistet hatte.
[BM.01_052,02] Als Bischof Martin an Meiner
Stelle den ihm wohlerkennbaren Buchhändler erblickt, verwundert er sich groß
und spricht sogleich zu ihm: „Oho, oho, wieso denn!? Bist etwa gar du mein
künftiger Führer? Nein, da hätte ich mir auch eher den Tod im Himmel hier
eingebildet, als daß du mein Führer werden würdest! – Ah, ah, das ist denn doch
ein wenig zu stark! Zuvor der Herr Selbst – und nun du? Das wird sich etwa doch
so reimen, wie früher die Sonne und nachher der Hintern!
[BM.01_052,03] Hahaha, das ist ja doch rein
zum Lachen! Du, ein Buchhändler, mein Führer! Hahaha, das ist denn doch ein
wenig zu stark! Ein elender Buchhändler soll einem einstmaligen Bischof, einem
Gottesgelehrten, den Wegweiser durch alle Himmel machen? Nein, nein, das geht
auf keinen Fall! Mein Freund, gehe, wie du gekommen bist; denn dir werde ich in
gar keinem Falle irgendwohin folgen!
[BM.01_052,04] Ich hätte mir nichts daraus
gemacht, so der Herr mir auch den nächsten besten Gassenjungen zum
Gesellschafter und Führer gesandt hätte. Aber dich, und gerade dich, der du in
alle meine Lumpereien eingeweiht bist – das kann ich auf keinen Fall dulden!
Entweder gehst du oder ich, was mir ziemlich einerlei ist. Ich überlasse dir
recht gerne dieses Gedankenhaus, das sicher keine Beständigkeit hat, weil mir
dessen ganze Einrichtung überaus verdächtig vorkommt.
[BM.01_052,05] Was dieser Saal enthält, das
siehst du – wenn du überhaupt das sehen kannst, was ich sehe. Denn so weit habe
ich es in dieser chimärischen Welt schon gebracht, daß da zwei Menschen
nebeneinander ein und dasselbe Ding ganz anders erschauen. Wo der eine einen
Esel sieht, da sieht sein Kamerad entweder einen Ochsen oder gar einen Weisen.
Oder wo der eine Licht erschaut, da erschaut sein Gefährte Finsternis.
[BM.01_052,06] Daraus aber kann ein
gescheiter Kerl, wie ich einer zu sein die Ehre habe, allzeit den Schluß
ziehen, daß diese himmlische Welt, wie ich sie nun erkenne, eine sehr dumme und
gar nichts sagende Welt ist. Sie ist ein pures traumähnliches Sinnentrugwerk,
an dem nicht die leiseste Konsistenz haftet!
[BM.01_052,07] Darum werde ich auch gehn,
wohin es geht! Du weiser Bücherstaubschlucker aber kannst an meiner Statt bei
allen diesen zwölf Türen hinaus die höhere Astronomie studieren und dich dabei
in eine schöne Merkurianerin verlieben oder gar in eine schönste
Sonnenbewohnerin – vorausgesetzt, daß du mit deinen Augen auch das erschauen
kannst, was ich da erschaut habe! Lebe wohl und tue, was du willst. Ich aber
gehe und werde mir einen Ort suchen, der mehr Konsistenz hat als dieser
astronomische Saal!“
[BM.01_052,08] Nach diesen Worten will der
Bischof gehen. Aber der Buchhändler hindert ihn daran durch folgende gute Rede:
„Bruder, Freund – siehe, wie läppisch und überaus närrisch du bist! Waren wir
denn auf der Erde nicht stets die intimsten und vertrautesten Freunde? Wußte
ich dort nicht um alle deine Stücke und Stückelchen? Wann aber habe ich dich je
gegen jemanden verraten? Habe ich's dort nicht getan, um wieviel weniger werde
ich es hier im Himmelreiche tun, wo der Herr dich ohnehin Millionen Male besser
kennt, als ich dich je kennen werde! Was hältst du dich aber darum auf und bist
voll Ärger, als hätte der Meister der Ewigkeit mich dir zu einem Führer
gegeben?
[BM.01_052,09] Siehe, da bist du in einer
großen Irre! Ich kam zu dir nur, dir Gesellschaft zu leisten und dir ein Diener
und Knecht in allem zu sein. Wie aber einst du das wie gerade und krumm
untereinander? Ich will nur von dir, der du nun an der Seite des Herrn schon
sicher die größten Erfahrungen wirst gemacht haben, etwas lernen; nicht aber,
daß du von mir etwas annehmen sollest. Wenn sich die Sache aber bestimmt so
verhält, wie kannst du nun so auffahren bei meinem Erscheinen an deiner Seite!
[BM.01_052,10] Bleibe nur ganz ruhig in
diesem deinem Besitze, der sicher konsistenter ist, als du es wähnst. Und
betrachte mich für das, als was ich zu dir komme, und nicht als etwas, das du –
gegen den Herrn im höchsten Grade undankbar – von mir dir selbst vorfaselst.
Dann werden wir beide uns hoffentlich sehr wohl und freundlichst vertragen
können!“
[BM.01_052,11] Bischof Martin ist nun ganz
stumm und weiß nicht, was er darauf dem Buchhändler erwidern soll. Er geht
darum zur Merkurtüre und sucht sich da zu sammeln und zu fassen.
[BM.01_052,12] Als er dort ankommt, erschaut
er sogleich eine Menge Menschen beiderlei Geschlechtes als Bewohner ebendieses
Planeten. Unter ihnen auch jene ihm noch wohlbekannte Schöne, die ihm schon
beim ersten Besuche dieses Planeten stark in die Augen und ins Herz gefallen
ist. Als er diese erschaut, vergißt er sogleich seinen Gesellschafter, den wir
nun ,Borem‘ nennen wollen, und geht durch die Türe sogleich ihr entgegen.
[BM.01_052,13] Als er in ihre Sphäre tritt,
da wird auch sie (die schöne Merkurianerin) seiner ansichtig und spricht zu
ihm: „Ich kenne dich und liebe dich, wie dich auch wir alle lieben als unsern
Gebieter. Aber dennoch entdecke ich etwas in dir, das mir und uns allen nicht
gefällt, und dieses Etwas ist: fleischliche Gier in dir! Diese mußt du aus dir
schaffen, ansonsten du dich mir wie uns allen nimmer nähern dürftest.
[BM.01_052,14] Solches sage ich dir aber,
weil ich dich liebe. Und weil ich glaube, daß auch du mich und uns alle liebst,
die wir durch dich glücklich zu werden hoffen, so du wirst, wie du sein sollst.
Wirst du aber das nicht, dann freilich werden wir dir genommen und einem
Würdigeren gegeben werden.
[BM.01_052,15] Laß dich darum nicht
verblenden durch meine Reize und wandle der Ordnung jenes allerhöchsten Geistes
Gottes gemäß, dessen ewige Weisheit dich und mich so schön gestaltet hat.
[BM.01_052,16] Siehe, auch du bist für mich
unbegreiflich schön. Es leuchtet aus dir eine wahre Majestät des allerhöchsten
Gottgeistes. Aber dennoch muß ich mich bezähmen und muß dich fliehen, sobald
ich merke, daß mein Abbild in dir zu erglühen anfängt.
[BM.01_052,17] Tue desgleichen, solange du
nicht die volle göttliche Festigkeit hast. Wirst du aber diese haben, dann
wirst du mich und uns alle haben können in der Fülle aller göttlich-himmlischen
Lust.
[BM.01_052,18] Überhaupt aber merke dir: Was
du hier haben möchtest, das fliehe, so wirst du es erhalten. So du es aber
fliehest, da fliehe es aus Liebe und nicht aus Abscheu. Darum fliehe auch ich
dich, weil ich dich übermäßig liebe.
[BM.01_052,19] Geh und tue also, und du
sollst dafür in dieser für dich hoch aufwallenden Brust einen ewigen süßesten
Dank finden: ach, einen Dank, dessen Süße dir jetzt noch völlig fremd ist!“
[BM.01_052,20] Nach diesen Worten tritt die
schöne Merkurianerin zurück und entfaltet so erst recht sichtlich ihre rein
himmlische Anmut und Schönheit, die unsern Bischof Martin ganz zusammensinken
macht.
[BM.01_052,21] Lange hockt er da am Boden,
ganz stumm und beinahe auch ganz gedankenlos. Er erhebt sich erst wieder, als
Borem zu ihm kommt, ihm auf die Achsel klopft und spricht:
[BM.01_052,22] (Borem:) „Aber, Bruder Martin,
was ist dir denn widerfahren? Hat dich etwa gar jene holde Merkurianerin so
sehr verzaubert, daß du darum ganz schwach und förmlich ohnmächtig bist? Oder
ist dir sonst was zugestoßen?“
[BM.01_052,23] Spricht Bischof Martin ganz
ärgerlich: „Eh – hol dich, wer dich will! Hab' ich dich denn gerufen? Was
kommst du denn, so du mein Knecht bist und ich dein Herr, wenn ich dich nicht
rufe! Für künftig merke dir das und komme erst, wenn du gerufen wirst; sonst
kannst du gehen, von wannen du gekommen bist!“
[BM.01_052,24] Spricht wieder Borem: „Höre,
Freund, so darfst du mit mir nicht handeln! Sonst könnte es sehr leicht
geschehen, daß der Herr, der mit dir eine namenlose Geduld hat, dir noch zeigen
würde, wie dem Seine Schärfe schmeckt, der Seine Milde, wie du nun, gerade mit
Füßen zu treten anfängt! Erhebe dich darum und folge mir im Namen des Herrn und
auch im Namen dieser himmlischen Jungfrau, die dir soeben eine sehr weise Lehre
gegeben hat, sonst dürfte es dich bald sehr zu gereuen anfangen!
[BM.01_052,25] Bedenke, welche namenlosesten
Gnaden dir der Herr seit deiner letzten Weltstunde hat angedeihen lassen,
welche weisesten Lehren du von allen Seiten schon erlangt hast! Wie wenig haben
sie in dir noch irgendeine himmlische Frucht bewirkt; darum werde endlich
einmal ein anderes Wesen! Sonst, wie gesagt, sollst du empfinden, wie da
schmeckt die Schärfe des Herrn dem Hartnäckigen, der Seine Milde mit Füßen zu
treten anfängt! Denn wisse, der Herr läßt mit Sich eben gar zu lange nicht
spaßen! Darum erhebe dich und folge mir in den Saal zurück!“
[BM.01_052,26] Bischof Martin richtet sich
nun auf und spricht voll Ärger: „Aha, aha, nun kommt es schon heraus, was für
ein Gesellschafter und Knecht du mir bist! Bedanke mich für so einen
Gesellschafter, für solch einen Knecht! Du bist mir ja nur zu einem
Zuchtmeister gegeben worden – und dafür bedanke ich mich! Bleibe du daher hier
und tue, was du willst; ich aber werde auch gehen und sehen, ob ich ohne deine
Einsprache nicht auch Gutes zu tun vermag!
[BM.01_052,27] Das ist ja doch überärgerlich:
Ich, ein Bischof, also ein Apostel Jesu Christi, soll mich von einem lausigen
Lumpen von einem Buchmakler hofmeistern und führen lassen!? Nein, das ist zu
arg! Gehe mir aus den Augen, sonst zwingst du mich, daß ich mich an dir
vergreife! Ich habe dich zwar leider aus den Flammen gerettet und war dir gut;
aber nun reut es mich gewaltig, daß ich dir je etwas Gutes erwies! Kurz und
gut, du bist mir nun ein Dorn in meinen Augen, da du nun schon besser bist als
ich und bist mir darum zu einem Hof- und Zuchtmeister gegeben!
[BM.01_052,28] Man hört hier nichts als von
himmlischer Freiheit! Das ist mir eine schöne Freiheit, wo man nicht einmal zur
Türe seines Hauses hinausblicken darf, ohne einen Zuchtmeister an der Seite zu
haben! Geh und schau, daß dir diese himmlische Freiheit nicht gestohlen wird!
Drohen auch noch dazu! Das geht ja vortrefflich, charmant, charmant! Also kann
man auch noch im Himmel gezüchtigt werden! Nicht übel, nicht übel, das macht
sich!
[BM.01_052,29] Hast schon etwa gar so einen
himmlischen Zuchtprügel unter deiner himmlischen Toga bei dir versteckt, um im
nächsten Augenblicke auf mich loszudreschen? Kannst ja dein Glück versuchen!
Wirst wohl sehen, wieviel sich in einen Bischof hinein- oder herausdreschen
läßt!
[BM.01_052,30] Meinst du Esel von einem
Himmelsbewohner denn, ich fürchte mich vor irgendeiner Strafe? Versuche es nur
einmal, und du wirst dich gleich überzeugen, welch einen geringen Respekt sie
mir einflößen wird! Will der Herr mich aber durch Strafe besser machen als ich
bin, so soll Er tun, wie es Ihm beliebt. Ich aber werde auch sein, wie ich
werde wollen, solange ich wollen kann, was ich will! Ich kenne wohl, was das
heißt, dem Herrn Trotz bieten, und kenne Seine Macht. Aber ich kann auch die
Größe eines solchen Geistes nicht genug anstaunen, der den Mut hat, dem Herrn
Trotz zu bieten!“
[BM.01_052,31] Spricht Borem: „Freund, ich
kam im Auftrage des Herrn zu dir, so sanft wie ein Lamm. Ich habe dir nie im
geringsten etwas zuleide getan, weder in der Welt und noch viel weniger hier.
Aber du empfingst mich gleich auf eine Weise, wie auf der Welt kein Herrscher
den geringsten seiner Sklaven! Sage, ist das weise oder liebreich, wie es im
Himmel sein soll? So der Herr aber für gut fand, mich zu dir zu bescheiden –
bist du denn nun besser und weiser als der Herr, der allein mich zu dir
befohlen hat?!
[BM.01_052,32] Siehe, der Herr sieht deine
fleischliche Gier in dir und hinter dieser großen Hochmut gegen jedermann, der
dir in deiner ekelhaften Brunst begegnen möchte! Daher hat Er mich zu dir
gesandt, daß dein Hochmut endlich einmal herauskäme und mit ihm deine stets
steigende fleischliche Weibergier. Du aber empfängst mich wie ein barster
Höllenbewohner und scheinst dich wenig zu kümmern um den Herrn, der dich so
überselig machen will! Wahrlich, so du dabei beharren wirst, so wirst du für
solche Güte des Herrn bald desto mehr Gericht empfangen, je hartnäckiger du Ihm
entgegentreten wirst!
[BM.01_052,33] Ich aber verlasse dich nun, da
ich sehe, daß du mich hassest, ohne daß ich dir dazu den geringsten Anlaß
gegeben habe. Der Herr aber tue dir nach Seiner Liebe, Erbarmung und
Gerechtigkeit!“
[BM.01_052,34] Als Borem gehen will, ergreift
ihn Bischof Martin freundlich und bittet ihn, zu bleiben, da er sich mit ihm
wieder aussöhnen möchte und dann reden mit ihm über große Dinge; und Borem
bleibt nach dem Wunsche des Martin.
[BM.01_052,35] Borem harrt eine Weile auf eine
weitere Äußerung des Bischofs. Aber dieser studiert aus allen seinen
Lebenswinkeln zusammen, wie er nun dem Borem ganz unwiderlegbar begegnen und
ihn dann für sich gewinnen könnte; und das wegen besagter Schlichtung großer
Dinge, deren er dem Borem früher erwähnt hat.
[BM.01_052,36] Borem aber durchschaut ihn und
fängt folgendermaßen mit ihm das Wort zu führen an: „Freund Martin, ich sage
dir im Namen des Herrn Jesu Christi, der da ist der einige Herr Himmels und
aller andern Schöpfung in der ganzen Unendlichkeit, mache dir keine vergebliche
Mühe; denn siehe, ich durchschaue dich haarklein!
[BM.01_052,37] So wie du dir's jetzt
zusammendenkst, so denken alle rein höllischen Geister, die wir allesamt
,Teufel‘ nennen! Wahrlich, mit derlei großen Dingen – die aber bei mir ganz
ungeheuer scheußlich klein sind – komme mir ja nicht, sonst könnte dir dein
Plan sehr übel zustatten kommen!
[BM.01_052,38] Sage mir, auf wie lange hast
du dir denn vorgenommen, dem Herrn zu widerstreben in deinem Herzen? Sage mir
das ganz unverhohlen, damit ich mich danach richten kann! Denn glaube mir: So
sehr ewig von Bestand auch das alles ist, was du hier siehst, so kannst du
dennoch dich plötzlich auf einem Orte befinden, der dir eben nicht so angenehm
wie dieser hier vorkommen dürfte. Denn ich habe vom Herrn den bestimmten
Auftrag, mit dir von nun an keine Schonung mehr zu haben, da in dir das Feuer
der Unzucht und der Herrschsucht aufgetaucht ist!
[BM.01_052,39] Rede nun aus dir frei heraus
ohne Hinterhalt, was du tun willst! Rede aber die volle Wahrheit! Denn ich sage
dir im Namen des Herrn: Jeder lügenhafte Gedanke wird in dir von mir schnell
erkannt und mit meiner Entfernung von dir bestraft werden, und zwar durch die
plötzliche Wegnahme all dessen, was du jetzt noch dein nennen darfst! Bedenke
dies und rede dann wahr, was du nun tun willst; willst du mir folgen oder nicht
folgen?“
53. Kapitel – Der ärgerliche Bischof Martin.
Borems scharfe Mahnung und Weggang. Der einsame Martin.
[BM.01_053,01] Bischof Martin fängt auf diese
sehr kräftige Rede sich stark hinter den Ohren zu kratzen an und spricht
endlich wie für sich halblaut: „Da haben wir's, ich hab es ja gewußt, daß man
sich auch hier im Himmel auf niemanden verlassen kann und darf! Der Herr hat
mir hier schon gewisserart alle Schätze der Himmel aufgetan, und der führt nun
eine Sprache mit mir, als sollte ich etwa schon im nächsten Augenblicke in der
Hölle, Gott steh uns bei, stecken! Hübsche Vergeltung! Ich habe ihn sicher vor
so ein bißchen höllischem Feuer gerettet. Dafür wird er nun bemüht sein, mich
in diesen schönen Ort zu befördern. Ja, über eine solche Freundschaft steht
wohl ewig nichts auf!
[BM.01_053,02] (Etwas lauter zu Borem:) Mein
lieber Freund, so schön nach und nach ziehst du ganz behutsam die Larve von
deinem Gesicht und zeigst in klarerem Lichte, als was du zu mir gesandt
wurdest. Recht, recht so, tue du nur nach deinem Auftrage, und ich werde den
befolgen, den mir meine Vernunft auferlegt!
[BM.01_053,03] Es ist wahr, ich hatte einen
dummen und vielleicht auch wohl bösen Plan. Denn ich wollte im Ernste dem Herrn
einen kleinen Trotz bieten, – aber bloß, um mich zu überzeugen, was da in einem
solchen Falle mir begegnen würde. Aber du hast mich wirklich musterhaft
durchschaut und bist mir schärfstens in den Weg getreten.
[BM.01_053,04] Aber daß du mich darum schon
für einen Teu- (Gottstehunsbei) hältst und ganz reif für die Hölle, davon hat
der Herr, der doch offenbar mehr sein wird als du, mir nichts gemeldet. Ich
aber halte mich an den Herrn und nicht an dich! Daher werde ich auch tun, was
der Herr mir befehlen wird: ich werde dich nur an der weißen Tafel hören, von
der mir der Herr angedeutet hat, daß du mich ihren Gebrauch lehren wirst. In
allen anderen Dingen aber werde ich dich hören, so ich es wollen werde, so wie
bis jetzt.
[BM.01_053,05] Mit deinen Drohungen aber
bleibe nur hübsch fein zu Hause. Denn mit ihnen wirst du bei mir sehr wenig
ausrichten, da ich mich vor gar nichts fürchte! Das kannst du daraus entnehmen,
daß ich auch vor dem Herrn Selbst mir kein Blatt vor den Mund nehme und rede,
wie ich fühle und wie mir die Zunge gewachsen ist. Ich aber gehe nun wieder in
den Saal zurück. – Das kannst du auch tun, so du es willst; wenn nicht, so tue,
was du willst!“
[BM.01_053,06] Nach diesen Worten erhebt sich
Bischof Martin völlig und begibt sich schnell in den Saal. Borem folgt ihm ganz
freundlich.
[BM.01_053,07] Als beide im Saale sich
befinden, bemerkt Bischof Martin sogleich, daß die runde Tafel klein
angeschrieben ist. Er geht eilends hinzu und versucht zu lesen, was dort
geschrieben steht. Aber er vermag es nicht; denn er kennt diese Schrift nicht,
die da aussieht wie Hieroglyphen. Darum fängt er sich von neuem an zu ärgern
und spricht:
[BM.01_053,08] (Bischof Martin:) „Können denn
die Himmelsschreiber nicht auch eine solche Schrift schreiben, die unsereiner
selbst lesen könnte, ohne darum einen Dolmetscher kommen lassen zu müssen? Denn
jemandem in einer unbekannten Schrift schreiben, heißt geradesoviel, als mit
einem Deutschen chinesisch reden zu wollen! Wozu das etwa gut sein wird oder
kann?“
[BM.01_053,09] Fällt ihm Borem ins Wort:
„Freund, gerade dazu, wozu bei euch auf der Welt der ausschließliche
dogmatisch-lateinische Ritus gut ist! Denn da versteht auch niemand etwas,
außer er ist dieser heidnischen Zunge mächtig. Damit auf der Erde aber ja
niemand verstehen solle, was da in dem sogenannten gottesdienstlichen
lateinischen Ritus vorkommt, so er auch der lateinischen Zunge mächtig wäre,
muß während der Messe mit Orgeln, Pauken und Posaunen ein unbändiger Lärm
geschlagen werden. Dies, damit ja niemand etwas vernehme, was da alles gebetet
oder geplärrt wird. Ansonsten aber diese Messe still gemurmelt wird, damit
davon auch niemand etwas verstehe! Sage, ist das nicht auch unsinnig – und ist
doch bischöflich!?
[BM.01_053,10] Wie magst du dich nun als ein
solchen Unsinn gewöhnter Mann darüber ärgern, so du auf den ersten Augenblick
diese Schrift nicht lesen kannst? Siehe nur deutlicher und genauer auf die
Tafel! Vielleicht entdeckst du darauf auch einige lateinische Brocken, mit den
zwölf Himmelszeichen mystisch untermengt! Siehe, oben im Anfang lese ich
wenigstens recht deutlich: ,Dies illa, dies irae!‘“
[BM.01_053,11] Bischof Martin beschaut die
Tafel nun genauer, erschaut dasselbe und fragt, was das bedeute.
[BM.01_053,12] Borem aber spricht: „Bist doch
ein Lateiner; wirst dir's wohl übersetzen können! Lies nur weiter, es stehen
schon noch mehr solcher Brocken da oben! Wenn du fertig bist, dann komme und
frage!“
[BM.01_053,13] Bischof Martin heftet nun sein
Gesicht intensiver auf die Tafel und ersieht die Worte: ,Requiescant in pace,
et lux perpetua luceat eis!‘, und wieder weiter: ,Requiem aeternam dona eis,
domine!‘ und wieder weiter: ,Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem
reverteris‘ und noch eine Menge dergleichen höchst unsinniger Brocken mehr.
Nachdem er alle durchgelesen, wendet er sich an den Borem wieder und fragt ihn
sichtlich aufgeregt:
[BM.01_053,14] (Bischof Martin:) „Nun, was
soll's da mit diesem Zeug? Was bedeutet das? Warum steht es hier? Soll das etwa
gar eine Art Stichelei auf meine irdische Würde sein, die ich getragen habe?“
[BM.01_053,15] Spricht Borem: „O nein,
Freund, das nicht im geringsten! Das alles steht bloß darum da, um dir zu
zeigen, wieviel Narrheit noch in dir steckt. Deshalb stehst du auch noch in
deiner bald nach deinem Tode mit dem Bischofspallium vertauschten Bauernkleidung
da, von der dir aber die Oberjacke mangelt, weil du sie freiwillig mir
gespendet hast, da ich nackt im Hause des Herrn mich befand. Du weißt, bei
welcher Gelegenheit! Damit dir aber auch diese nicht fehle, kannst du sie
wieder zurücknehmen. Siehe, dort unter der Tafel liegt sie wohlgereinigt und
ordnungsmäßig zusammengelegt. Nimm sie und ziehe sie wieder an, auf daß es dir
leichter wird, die Fülle deiner Torheiten einzusehen!
[BM.01_053,16] Hat der Herr dir auch die
endlose Gnade erwiesen und dir das Gift der Bosheit genommen, so blieb dir aber
noch die große Torheit. Wenn sie von dir recht genährt wird, kann sie in die
barste Bosheit übergehen und dich stürzen in ein gräßliches Gericht. Denn
wisse: Solange du im Geiste nicht völlig wiedergeboren bist, bist du vor der
Hölle nicht im geringsten sicher! Damit du aber solcher Kalamität entgehen
möchtest, soll dir hier alle deine große Torheit gezeigt werden, an der du noch
überstark hängst und von der der Herr Selbst dich nicht befreien möchte, ohne
dich zu richten.“
[BM.01_053,17] Spricht der Bischof Martin
etwas nachdenklich: „Nun, wenn so, da ziehe ich pro primo meine Jacke wieder
an, damit ich nicht aussehe wie ein Hausknecht, sondern wenigstens so gut und
ehrlich wie ein Bauer. Und pro secundo zeige, du nun schon überweiser
himmlischer Buchhändler, meine vermeintlichen Torheiten, die ich von der
Schrift dieser Tafel erkennen soll. Aber ich kann sie darum wahrlich nicht
erkennen, weil alle diese Sätze sicher für jedermann ernst und zugleich sehr
weise sind, indem sie alle von so erhaben weisen Kirchenvätern herrühren, daß
wir beide deren Schuhriemen aufzulösen noch lange nicht wert sind – und
wahrscheinlich auch ewig nie sein werden!“
[BM.01_053,18] Spricht Borem: „Nun gut, so
höre! Wo und was ist denn der Tag des Zornes, des Gerichts? Wer wird da zürnen
und wer richten? Meinst du, Gott ist ein Gott des Zornes und ein Gott des
Gerichtes? O nein! Siehe, Gott ist die reinste und höchste Liebe Selbst, der
von Sich Selbst aussagte: ,Ich komme nicht, zu richten die Weit, sondern selig
zu machen jeden, der an Mich glaubt, und der Mich liebt!‘
[BM.01_053,19] Wohl spricht der Herr von
einer Erweckung am jüngsten Tage, der jedoch bei jedem gleich nach seines
Leibes Tode anfängt. Aber von einem Gerichte spricht Er nur also: ,Jeder aber
hat in sich schon, das ihn richten wird, nämlich Mein Wort!‘ Wenn aber so das
Wort des Herrn lautet, wo ist dann dein ominöser Dies irae, dies illa? Das
hieße offenbar besser: ,O Tag meiner nackten Torheit und meiner grellen Bosheit!‘“
[BM.01_053,20] Spricht Bischof Martin: „So du
diese Texte so gut in Anwendung bringen kannst und es nach deiner Meinung kein
letztes allgemeines Gericht gibt: wie verstehst du hernach jene Texte, die
eben, aus des Herrn Munde gehend, von der erschrecklichen Wiederkunft des Herrn
als unerbittlichsten Richter die allerunzweideutigste Kunde geben? Wo der Herr
die Vorzeichen schon an und für sich als überfürchterlich bezeichnet, als da
sind große Trübsal, Teuerung, Hungersnot, Kriege, Volksaufstände, Erdbeben,
Erscheinen des Zeichens des Menschensohnes am Firmamente, das Aufsteigen und
Fallen des Antichrist, die Verfinsterung der Sonne und des Mondes und das
Herabfallen aller Sterne vom Himmel. Und wo Er endlich die allerschrecklichste
Vorbereitung zum jüngsten Gerichte und am Ende das erschrecklichste Gericht
selbst beschreibt: wie die fluchwürdigsten Ketzer, Hurer und Ehebrecher zu
allen – Gottstehunsbei werden fahren müssen unter Begleitung von Milliarden
Blitzen, die aus dem Munde der Auserwählten und Engel Gottes als ein gerechter
Fluch über all die zahllosen, gleich dir verdammlichsten Ketzer ausgehen
werden?
[BM.01_053,21] Sage mir nun, du übermütig
weiser Buchhändler, wie erklärst du dieses? Bin ich da auch dumm, töricht und
boshaft noch obendarauf, wenn ich diesen Worten Gottes glaube?“
[BM.01_053,22] Spricht Borem: „Heuchler, wie
lange wohl ist es, daß du Christus halbwegs für Gott hältst – bei der leisesten
Versuchung aber wieder abfällst wie ein dürres Laub vom Baume! Ich sage dir,
hättest du dein ganzes Erdenleben hindurch diesen Worten Christi auch nur den
geringsten materiellen Glauben bezeigt, so stündest du hier schon lange in
einem andern Gewande. Aber da du weder den äußern Buchstabensinn des
Evangeliums und noch viel weniger den innern, geistigen Sinn gläubig und
darnach tätig angenommen hast, so stehst du noch da als einer, der beim Anblick
all dieser endlosen Wunder Gottes und beim Anhören von tausend weisesten Lehren
aus dem Munde Gottes Selbst der alte, unverbesserliche Stock bleibt!
[BM.01_053,23] Wer kennt sich denn aus bei
dir, und wer kann und mag dich leiten? Denn so du einmal einen Glauben und
irgendeine Demut zeigst, da bist du schon im nächsten Augenblicke ein Wesen, an
dem statt des Glaubens höchstens eine gleisnerische Heuchelei und statt der
Demut und Liebe der allerbarste Hochmut und Haß nur zu grell ersichtlich wird!
[BM.01_053,24] Meinst du wohl, meine weiseste
Lehre wird dir etwas nützen? O, ich kenne dich! Was hat dir des kleinen
Mondweisen wirklich weiseste Lehre genützt? Siehe, du wurdest darob sogar in
der sichtbaren Gegenwart des Herrn nur stets erboster, je weiser dir der
Mondpriester Piramah entgegenkam. Gebe ich dir nun auch die gründlichste
Belehrung auf deine deinen Stolz nährende Frage, so wirst du darob nicht besser,
sondern nur erboster und schlechter.
[BM.01_053,25] Darum sollst du von mir so
lange keine Lehre und Weisung mehr bekommen, solange du so verbleiben wirst wie
du jetzt bist! Damit ich dir aber von nun an keine Gelegenheit zum Ärger mehr
gebe, so verlasse ich dich nun im Auftrage des Herrn. Du kannst von nun an frei
machen, was du willst. Nur bedenke, daß dir von hier aus beide Wege, zum Himmel
wie auch zur Hölle gleich offen stehen nebst der damit verbundenen Erklärung,
was im Evangelium tatsächlich gesagt ist über die Erscheinungen der letzten
Zeit!“
[BM.01_053,26] Nach diesen Worten
verschwindet Borem und Bischof Martin ist nun ganz allein, sich selbst
vollkommen überlassen. Nun erst kommt es darauf an, was er tun wird, und wie er
alle die weisen Lehren bei und in sich behandeln wird.
[BM.01_053,27] Bischof Martin ruft zwar nun
ganz gewaltig nach Borem, aber dieser meldet sich nimmer. Er ruft auch nach dem
Herrn und nach Petrus; aber auch von diesen meldet sich nirgends etwas. Er
läuft nun wieder zur Merkurtüre und sieht diesen Planeten wohl, jedoch in einer
großen Ferne. Er geht zur Tür, durch die er früher bei Nr. 1 die schöne
Lämmerherde erschaut hatte, ersieht durch diese Türe aber nichts als jene
ziemlich öde Wiese, auf der er diese schönste Herde zum erstenmal erschaut
hatte, versehen mit dem Verzeichnisse ihrer Namen.
[BM.01_053,28] Darauf läuft er auch alle
andern Türen ab und ersieht wohl die Sonne, die andern Planeten und den Mond,
alles das aber in großen Entfernungen wie naturmäßig von der Erde. Nur der Saal
allein steht noch in seiner vorigen Gestalt da, in dessen Mitte die schon oft
berührte Tafel und neben ihr der astronomische Mechanismus.
[BM.01_053,29] Aber diese Gegenstände
gefallen unserm Bischof Martin nicht. Daher begibt er sich nun zur Ausgangstür
und will in das Haus des Herrn eilen, doch auch dieses ist unsichtbar geworden!
Da er auch dieses nicht mehr erschaut und der kleine Garten um sein Haus sehr
öde aussieht und ihn zu keinem anmutigen Spaziergange einlädt, begibt er sich ganz
verzweifelt wieder in sein Haus, wo er alles gleich und unverändert antrifft.
[BM.01_053,30] Da steht er eine Weile wie
eine Säule vor der weißen Tafel, die auf einer Seite leer und auf der andern
Seite noch mit den eben angeführten lateinischen Versen angeschrieben ist. Als
ihm da die Zeit zu langweilig wird, bewegt er sich einige Schritte vorwärts
gegen den astronomischen Mechanismus und fängt wieder die Erde zu betrachten
an. Aber zu reden getraut er sich nicht, weil er jetzt zu merken anfängt, daß es
mit ihm ganz sonderlich zu stehen beginnt.
54. Kapitel – Martins Selbstgespräch. Eine
Kritik der Kirchen. Die Entdeckung einer Vesperecke.
[BM.01_054,01] Nach einer Welle von irdischen
zwölf Stunden, nachdem er den geistig kunstvollen Erdglobus ganz durchmustert
hatte und niemand mehr zu ihm kam, begann er wieder folgendes Gespräch mit sich
zu führen:
[BM.01_054,02] (Bischof Martin:) „So, so – da
hätte ich nun wieder einmal die Erde beschaut und muß sagen, da geht es
schändlich zu! Nein, diese Betrügereien, diese Falschheiten, diese Bosheiten,
diese schändlichste Politik und diese namenlosen Grausamkeiten, die da in allen
Zonen verübt werden! Das ist wahrlich sogar alle englischen Begriffe
übersteigend!
[BM.01_054,03] Nein, man muß einen barsten
Ekel vor allem Leben bekommen, so man auf der Erde diese schändlichsten
Ausartungen so recht ins Auge faßt! Inmitten der schreiend größten Wunder
Gottes haben so viele Millionen Menschen nahezu keinen Begriff von Ihm und
handeln auf eine so eigentümlich herrschsüchtige Art, als wollten sie im Ernste
ewig leben auf einer Welt, der doch Milliarden Siegel des Todes von allen
Seiten her aufgedrückt sind. Wahrlich, das ist doch sonderbar, sonderbar! Ich
bin wohl auch noch ein ziemliches Stück Vieh; aber was zu toll ist, das ist zu
toll!
[BM.01_054,04] Meine römischen Genossen
halten wohl Konklave und Konzilium. Aber der Grund davon ist nicht der Herr und
der Geist der Lehre des Evangeliums, sondern lediglich die allerstinkendste
Herrschgier, die da verborgen beratet, durch welch schändlichste Mittel sie am
ehesten zu ihrem Zwecke gelangen könnte!
[BM.01_054,05] Desgleichen trachten auch die
Evangelischen, durch die Macht der reinen Vernunft bald über die ganze Erde zu
siegen und ihr dann neue Gesetze vorzuschreiben, die auch mehr zum Besten der
Gesetzgeber als zum Besten der Gesetzempfangenden gerichtet sind.
[BM.01_054,06] Die hohe bischöfliche Kirche
Englands bemüht sich auch auf das kräftigste, die Lehre vom Geben durch
allerlei schändliche Mittel unter ihre Gemeinde auszubreiten. Aber sie selbst
gibt keiner toten Katze auch nur ein Loch zum nötigsten Einscharren!
[BM.01_054,07] Kurz und gut, auf der Erde
geht es wirklich schon so zu, daß es offenbar in der Hölle nimmer ärger zugehen
kann. Weg daher mit dir, du schändliche Welt! Wer vorher nicht schlecht war,
der muß ja schon schlecht werden, so er dich nur ansieht – geschweige erst, so
er auf deinem Boden bei fünfzig Jahre selbst das Amt eines römischen Bischofs
ausgeübt hat!
[BM.01_054,08] Ich bin auch wirklich ein sehr
schlechtes Luder von einem Geiste hier in diesem Pseudohimmelreiche; aber, was
kann ich da tun? Vielleicht wird sich meine Bosheit doch etwa in 2000
wirklichen Jahren legen, so alles Irdische aus mir verraucht sein wird? O ich
Vieh, ich Vieh!“
[BM.01_054,09] Nach diesem Selbstgespräche
wird der Bischof Martin wieder still und überlegt bei sich, was er nun tun
solle; aber es fällt ihm nichts so recht Gescheites ein.
[BM.01_054,10] Nach längerem Simulieren fällt
ihm endlich ein, daß er die schönen Galerien dieses seines Hauses noch nicht
durchsucht und besichtigt habe. Er fängt daher den Aufgang zu suchen an, um auf
diese zu gelangen. Aber dieser ist verborgen, so daß er ihn nicht finden kann.
Er begibt sich darum hinaus und sucht außerhalb seines Hauses den Aufgang. Auch
da aber ist nirgends eine Spur von irgendeinem Aufgange in die Galerien!
[BM.01_054,11] Es kommt ihm überhaupt sehr
komisch und unbegreiflich vor, daß sein Haus von innen eine so übergroße Halle
darstellt, während es von außen nicht viel größer und ansehnlicher aussehe als
auf der Erde irgendein Eremitenhäuschen. Auch wundert es ihn nicht wenig, daß
er außerhalb dieses seines Gartenhauses keine Spur von den zwölf inneren
Seitengemächern entdeckt, während diese im Innern des Hauses doch eine so
wunderbare Rolle spielten.
[BM.01_054,12] Da er sich aber eine Zeitlang
außerhalb seines Hauses aufhält und nichts von all dem findet, was er so gerne
finden möchte, geht er darauf etwas verdrossen in seinem kleinen Garten eine
Zeitlang umher und findet einige unansehnliche Beeren, die er alsbald abbrockt
und verzehrt, da es ihn ein wenig zu hungern beginnt. Aber diese Kost schmeckt
ihm gerade nicht am besten, daher er davon eben nicht zu viel genießt. Er sucht
zwar noch eine kleine Zeit herum. Da er aber nichts findet, geht er wieder in
sein Haus und gibt da auch auf, die Galerien dieses seines Hauses fernerhin
besteigen zu wollen.
[BM.01_054,13] Im Hause geht er wieder an die
weiße Tafel und beschaut sie von vorne und von rückwärts, findet aber noch
keine Veränderungen an ihr: auf der Vorderseite ist sie noch leer, und auf der
Rückseite gegen den astronomischen Mechanismus stehen noch die früheren
lateinischen Verse darauf, also für unsern Bischof Martin nichts Interessantes.
Er begibt sich daher wieder zu einer Tür, und zwar zu jener der Sonne. Er
öffnet sie und schaut durch diese die sehr ferne stehende Sonne und ergötzt
sich wenigstens an ihrem Lichte, da er sonst nichts entdecken kann.
[BM.01_054,14] Nachdem er ungefähr ein paar
Stunden lang, nach der Rechnung seines Gefühls, da hinausschaut, fängt er nun
wieder mit sich folgendes Gespräch an:
[BM.01_054,15] (Bischof Martin:) „Die Erde
ist wohl im ganzen genommen ein Narrenhaus, aber so dumm ist sie denn doch
nicht wie diese angebliche himmlische Welt. Denn was auf der ist, das ist es
und bleibt es auch, oder kommt wenigstens als Gleiches wieder zum Vorschein.
[BM.01_054,16] Die Sterne am Firmament sind
stets dieselben – ein Haus bleibt sich so lange gleich, bis man es abgerissen
und ein anderes an seine Stelle gesetzt hat. Hier aber ist alles wie ein dummer
Traum nur! Man hat es einmal gesehen. Kehrt man sich jedoch dann um und möchte
es wiedersehen, etwa von einer andern Seite, dann ist keine Spur mehr da von
alledem, was man früher gesehen hatte von einer Seite.
[BM.01_054,17] Man nehme jetzt nur diese Tür,
durch die ich nun in eine viele Millionen Meilen weite Entfernung hinausschaue!
Wo ist sie, so ich außerhalb des Hauses sie suche? Keine Spur ist von ihr
irgend anzutreffen!
[BM.01_054,18] Hier ist gleich außerhalb der
Türstöcke ein unermeßlicher, dunkelblauer leerer Raum bestimmt erschaulich, in
dessen tiefster Tiefe die liebe Sonne in der Größe eines kleinen Tellers
prangt. Kommt man aber auf diese Stelle außerhalb dieses Hauses, so sieht man
weder von einer Tür und noch weniger von einer Sonne etwas. Wie ist denn das?
Was ist das?
[BM.01_054,19] Wahrlich, wer sich da
auskennt, der muß offenbar mehr als bloß das Einmaleins verstehen. Oder er muß
notwendig noch ein größerer Esel sein als ich, der ich doch wenigstens noch
einzusehen scheine, daß das alles bloß nur leerer Sinnentrug ist. So würden
auch alle Gelehrten der Erde sicher die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen,
würde man ihnen sagen, daß man hier in Häusern wohnt, die von außen bei weitem
kleiner sind als von innen.
[BM.01_054,20] Oh, das sind Sachen, wer da
nicht ein Narr wird, der wird es wohl ewig nimmer! Was soll ich aber nun tun?
Hier bleiben?! Das ist eine ganz fatale Geschichte, – allein, und nichts zum
Essen haben!
[BM.01_054,21] Es ist freilich sonderbar, daß
man auch als ein Geist in dieser sozusagen himmelreichischen Geisterwelt
empfindlich hungrig und durstig wird; aber es ist einmal so. Also hungrig,
durstig, und nichts zu essen, nichts zu trinken! Das ist ja ganz verzweifelt
lustig! Und doch wird nichts anderes zu tun sein, als leider hierzubleiben, wo
es doch noch in dem kleinen Garten einige schlechte Beeren für die äußerste Not
zum Verzehren gibt.
[BM.01_054,22] Aber halt, jetzt fällt mir
etwas ein, hol's der Kuckuck! Hier außerhalb dieser Sonnentür ist nun ja ein
endloser freier Raum! Was könnte einem denn wohl geschehen, so man da in diesen
endlosen Raum hinausspränge? Denn es ist abwärts wie aufwärts nichts, also
frei!
[BM.01_054,23] Wenn ich nun den Kopf
hinausstecke über die Türstöcke, da sehe ich von dem Hause nichts: auch nicht
die leiseste Spur von einer Wand, einem Dache und irgendeiner Grundfeste. Kurz,
es ist alles leer. Nur wenn ich wieder den Kopf hereinziehe, dann sehe ich
wieder meinen Saal, wie er sich mir bis jetzt noch immer gezeigt hat. Also, von
einem Loch in den Kopf schlagen kann da durchaus nicht die Rede sein, da gibt
es ewig nirgends einen Gegenstand, auf den man fallen könnte. Und gäbe es auch
so etwas, so bin ich ja ein Geist, dessen Gewicht hübsch luftig sein dürfte! Daher
nur mutig hinausgesprungen; wer weiß, was ich bei dieser endlosen Luftfahrt
alles für Erfahrungen machen werde!
[BM.01_054,24] Aber, halt! Mir fällt nun noch
etwas Besseres ein! Warum sollte ich denn in diesen hohlen Sonnenraum
hinausspringen? Ich habe ja bei der Türe Nr. 1 jene mir bekannte Wiese gesehen.
Wie wäre es denn, so ich auf derselben einen Spaziergang versuchte?! Vielleicht
käme ich da irgend mit den schönen Lämmern zusammen? Gut, gut, dieser Gedanke
ist besser; daher nur zur Türe Nr. 1!
[BM.01_054,25] Schau, schau, da bin ich ja
schon; es ist richtig Nr. 1! Aber wo ist denn die Wiese? Schau, die ist schon
weg; ich sehe nichts als einen sehr dichten, grauen Nebel! Stellt sich denn
dieser Spätherbstgast der Erde zuweilen auch hier in der Geisterwelt ein? –
Warum denn nicht? Gibt es doch himmlische Wolken, warum sollte es da nicht auch
einen himmlischen Nebel geben! Aber hinausgehen werde ich nun doch nicht. Denn
man kann eigentlich nicht wissen, wem alles man in solch einem Nebel begegnen
könnte!
[BM.01_054,26] Wie wäre es denn, so ich durch
die Merkurstüre so einen wahren Salto Mortale versuchte? Vielleicht käme ich da
mit der Zeit mit diesem Planeten in nähere Berührung und dadurch vielleicht gar
auch mit der schönen Merkurianerin, auf die ich – Gott verzeih mir meine
Sünden! – eine wahre, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, Vieh-Passion
habe! Oh, oh, oh, – von der nur so einen halben Kuß und ein wenig
Busenbetastung! Oh, oh, oh, das müßte ja eine wahre Götterlust sein! Also nur
zur Merkurstüre! Ist sogleich die nächste an dieser.
[BM.01_054,27] Da bin ich schon! Das ist die
Türe; aber sie ist zu! Werde sie aufmachen! – Wa – wa – was ist denn das?! Ah,
das ist nicht übel! Die Tür ging auf, und statt der Aussicht in die weite
Merkursphäre sehe ich einen mit Speisen reich besetzten Wandkasten! In der
untern Etage ist auch eine ganz schöne Batterie von Weinflaschen aufgestellt!
Ja, wenn so, da bleibe ich offenbar ohne weiteres hier! Lebe wohl, schöne
Merkurianerin! Lebe auch du, unendlicher Sonnenraum, sehr wohl; denn da ist mir
diese enge, wohlbesetzte Tafel um sehr vieles lieber!
[BM.01_054,28] Wahrlich, das ändert meine
ganze Gesinnung! O Du mein lieber Herr Jesus, das ist sicher Dein Werk! Oh, nun
sind wir wieder ganz ausgesöhnt, du mein liebster Buchhändler. Komm her, auf
daß ich dich umarme! – Du kommst zwar nicht, aber das macht nichts, ich habe
dich darum doch von Herzen lieb! Nun aber will ich gleich so eine Kommunion
halten im Namen des Herrn!“
55. Kapitel – Vom Hunger und Durst unreifer
Geister. Martin im angeheiterten Zustand nach seinem Vespermahl. Die
Ernüchterung des unternehmungslustigen Martin durch den erzürnten Jupitler.
[BM.01_055,01] Nach diesen Worten macht sich
Bischof Martin sogleich über ein gutes Stück Brot her und verzehrt es mit einem
starken Appetit. Denn so irgendein Geist sich eine Weile von Mir abgewandt hat,
wird er bald sehr hungrig und durstig. Und bekommt er dann, so er ein wenig
wieder in sich geht, etwas zu essen, verzehrt er es mit großer Gier,
desgleichen auch den Trank. Diese Gier zeigt aber eben auch, wie leer der Geist
in seinem Innern ist und daher von ihm noch lange nicht viel Ersprießliches zu
erwarten ist – was sich bei unserem Martin sogleich zeigen wird.
[BM.01_055,02] Nachdem er nun das Brot verzehrt
hat und darauf auch eine gute Flasche Wein, wird er sehr lustig, dabei aber
noch mehr sinnlich. Denn auch die Geister, wenn sie nicht aus Mir und durch
Mich wiedergeboren sind, können sich berauschen, in welchem Zustande sie dann
oft ganz dumm sinnlich ausgelassen werden und ihre Freiheit dabei sehr
mißbrauchen.
[BM.01_055,03] Als unser Bischof die Flasche
geleert hat, macht er den Wandkasten zu, damit sein Vorrat nicht verderbe nach
seiner Idee. Dann geht er hinaus ins Freie und spricht zu sich selbst:
[BM.01_055,04] (Bischof Martin:) „Gott sei
Dank, nun hätt' mein schon sehr hungrig gewordener Magen auch endlich wieder
eine kleine Arbeit bekommen. Ich aber will nun in diesem meinem Gärtchen ein
wenig herumschlendern und frische Luft einatmen.
[BM.01_055,05] Ja, ja, die frische Luft nach
einer Mahlzeit ist bei weitem besser als der dumme schwarze Kaffee, und, das
muß ich sagen, die Luft dieses Gärtchens ist wirklich das Beste an ihm.
[BM.01_055,06] Der Wein aber war schon auch
so ein rechter Mondtropfen! Sapprament! Ist eigentlich nur so ein schwaches
Halberl gewesen, aber ich g'spür ihn – was schon sehr viel sagen will, wenn ich
einmal so ein Halberl g'spür! Bin zwar nicht rauschig, aber ich g'spür ihn ganz
ordentlich!
[BM.01_055,07] Wenn in diesem Gärtchen nur so
ein Bänkchen wäre, auf das man sich ein wenig niedersetzen könnte! So einem die
Füße so ein wenig zu wackeln anfangen, da wäre dieses Gärtchen nicht zu
verachten. Aber da gibt es nichts dergleichen und der Boden sieht eben auch
nicht zu appetitlich aus!
[BM.01_055,08] Ich werde an die Umzäunung des
Gartens mich begeben, mich dort ein wenig anlehnen und einmal betrachten, was
ich denn so ganz eigentlich für eine Nachbarschaft habe, oder ob ich eine habe!
Denn von irgendeiner Landschaft ist hier wohl keine Spur zu entdecken, sondern
die ganze Gegend gleicht einer Sandwüste, über der noch dazu ein grau umwölkter
Himmel ein sehr düsteres und unfreundliches Gesicht macht. Also nur an den Zaun
hin; wer weiß, was sich über denselben alles wird erschauen lassen!
[BM.01_055,09] Sapperment, sapperment, ich
sage es, 's Wein'l g'spür ich! Aber nur an den Zaun!
[BM.01_055,10] Aha, da bin ich schon! Ahh,
die Aussicht ist prächtig! Da sieht man gar nichts! Dieser Garten samt meinem
Palais royal scheint so eine Art Schiff zu sein, das da auf den Wogen der
Unendlichkeit herumschwimmt, wo es mit irgendeiner Nachbarschaft verzweifelt
schlecht aussieht. Ich bin also nun ganz allein, vollkommen allein bin ich, und
das wird ein wenig verflucht sein – und verdammt obendarauf!
[BM.01_055,11] So, so, so – das ist nicht
übel! Ich kann also wirklich nirgends hin, über dieses Gärtchen nicht eine
Spanne weit? Oh, das ist ja ganz verflucht! Ich bin also so ganz geheim
verflucht?! Deswegen also solche Sentenzen auf der weißen Tafel? Deswegen also
richtig dies irae, dies illa? Da werde ich nun einstweilen bis zum jüngsten
Tage – requiescam in pace. Dann aber wird über mich erfolgen die allerschönste
ewige Verdammnis! O wehe, o wehe mir Armen!
[BM.01_055,12] Wenn ich nur beten könnte, so
einen Rosenkranz nach dem andern und eine heilige lauretanische Litanei nach
der andern, die von großer Kraft und Wirkung ist, da könnte mir vielleicht doch
noch geholfen werden. Aber ich kann nicht beten, und es kommt mir auch vor, als
wollte ich's nicht, wenn ich's auch könnte! Ich kann höchstens noch
herausbringen: ,Herr, erbarme Dich meiner; Christe, erbarme Dich meiner; Herr,
erbarme Dich meiner!‘ Weiter aber geht es auf keinen Fall!
[BM.01_055,13] Ja, was schaue ich denn aber
auch da in dieses dümmste Nichts hinaus? Zurück mit dir ins Haus! Da werde ich
mich wieder an die Sonnentüre hinmachen, von der man doch wenigstens die schöne
Sonne sieht! Oder – halt! Ich gehe einmal an die Mondtüre! Vielleicht treffe
ich da meinen Mondweisen; der soll mir anzeigen, was ich zu tun habe, um
möglicherweise vielleicht doch in ein etwas besseres Los zu gelangen! Also nur
ins Haus hinein und da an die Mondtür! –
[BM.01_055,14] Da wär' ich wieder! Schau, das
Innere dieses Hauses sieht noch überaus herrlich aus; es bleibt sich gleich!
Ah, da bleib' ich von nun an ununterbrochen im Hause, es ist wirklich hier sehr
angenehm! Aber nun an die Mondtür!
[BM.01_055,15] Holla, da wäre ich bald
hergefallen! Du Wein'l du; das will noch nicht so recht aus dem Kopf heraus.
Aber das macht nichts. Da ist schon die Mondtür und offen auch noch dazu! Aber
– o du verzweifelter Kerl von einem Mond – wie weit steht er von hier! Da wird
sich mit dem Mondweisen eben nicht viel reden lassen! Ist zwar gerade Vollmond,
aber er steht ja von hier noch weiter als von der Erde ab, da ist also nichts!
[BM.01_055,16] Werde mich einmal aber an den
Jupiter machen; vielleicht ist der nicht gar so g'schämig wie der keusche Mond?
[BM.01_055,17] Da ist schon die Pforte zum
großen Jupiter! Schau, diese ist zu! Werde sie aufzumachen versuchen! Hephata
(tue dich auf)! Da siehe einmal, die ging leicht auf! Und, Gott sei Dank,
dieser Großmogul unter den Planeten ist wirklich ganz nahe da; ja er kommt
stets noch näher! O Gott sei Dank, da werde ich etwa doch einmal zu einer
respektabeln Menschengesellschaft gelangen!
[BM.01_055,18] Richtig, richtig, da kommt
schon einer gerade auf mich zu, und nun ist der Planet auch völlig da! O Gott,
o Gott, was sind das für furchtbar weite Ausdehnungen der Ländereien! Nun kommt
es mir vor, als stünde mein Haus selbst auf dem Boden dieses Riesen der
Planeten!
[BM.01_055,19] Der schöne, große Mann steht
mir zwar gerade vor dem Gesichte und ist ein Riese. Aber er scheint mich nicht
zu bemerken, weil er sich gar nicht nach mir umschaut! Werde einmal in seine
Sphäre treten – vielleicht wird er mich dann wohl erschauen?“
[BM.01_055,20] Bischof Martin tritt nun in
die Sphäre des Jupitlers. Dieser ersieht ihn und fragt ihn sogleich:
[BM.01_055,21] (Der Jupitler:) „Wer bist du,
der du es wagst, dich mir zu nahen voll Schmutz und Unflat, voll Trug und voll
Hurerei: lauter Schändlichkeiten, die meiner großen Erde völlig unbekannt sind?
Meine Erde ist ein reines Land und würde gewaltigst erzürnt werden, so sie von
dir länger betreten würde. Daher weiche zurück in dein Schmeißhaus, wo du
fressen und huren kannst im Vollmaße deiner Schändlichkeit – oder ich zerreiße
dich!“
[BM.01_055,22] Bischof Martin macht nun einen
Satz ins Innere seines Hauses, wirft eilends die Tür hinter sich zu und sagt zu
sich: „Gehorsamer Diener – den Kerl könnte ich gerade noch brauchen als Zugabe
zu meinem Elende! Lebe wohl, Herr von Jupiter, wir sind für ewig quitt! Nein,
das ginge mir gerade noch ab! Zerreißen? Ganz gehorsamer Diener! Da habe ich's
letzte Mal hinausgeschaut!“
56. Kapitel – Martins vergeblicher Versuch zu
schlafen. Überraschung durch eine Schar Unglücklicher, deren sich Martin
erbarmt.
[BM.01_056,01] (Bischof Martin:) „Aber was
fange ich jetzt an, wo wende ich mich nun hin? Gehe ich etwa zur Tür des Mars,
der Venus, oder soll ich zu den Türen des Saturns, des Uran, des Miron (der neu
entdeckte Planet Neptun) oder der mehreren kleinen Planetchen hingehen? Am Ende
begegnet mir noch Gröberes, noch Unverschämteres! Was dann? Denn von einer
,Gegenwehr‘ von meiner Seite kann da keine Rede sein, wo ich's weder mit der
Kraft noch mit der Weisheit mit jemandem aufnehmen kann!
[BM.01_056,02] Ich bleibe sonach für die
Zukunft von allen Türen ferne und werde mich in irgendeinen Winkel hinmachen
und da gleich einem Igel zusammenkauern und versuchen, ob es denn da nicht
möglich ist, zu einem Schlafe zu kommen. Läßt sich das nicht tun, so will ich
wenigstens ganz unbeweglich liegenbleiben in alle Ewigkeit und werde keine
Nahrung nehmen und auch kein Wort mit jemandem mehr verlieren – möge da kommen,
wer da wolle! Kurz und gut, ich werde tot sein für jedermann, sogar für die
schöne Merkurianerin! Also alles Gott befohlen von nun an!
[BM.01_056,03] Weil ich nicht aufhören kann
zu sein, so will ich mich aber dennoch in eine Ruhe begeben, aus der mich kein
Gott mehr erwecken soll. Dort seh' ich schon so ein Plätzchen. Nur hin – dort
will ich liegenbleiben in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.“
[BM.01_056,04] Bischof Martin begibt sich nun
wirklich hin in eine Nische zwischen den Pfeilern, die die Galerie tragen. Er
legt sich da hinein, ganz zusammengekauert, und versucht zu schlafen: aber
natürlich – mit dem Schlafe geht es da nicht. –
[BM.01_056,05] Nachdem er aber ungefähr nach
irdischer Zeitrechnung bei zwei Stunden liegt, entsteht außerhalb des Hauses
ein großes Getöse, etwa wie das eines sehr heftigen Orkans, unter dem sich
Menschenstimmen vernehmen lassen also, als suchten sie Hilfe.
[BM.01_056,06] Als solches Bischof Martin
vernimmt, da erhebt er sich blitzschnell und sagt: „Ah, das ist was anderes;
bei so was kann man nicht ruhig verbleiben. Da kann auch von meiner mir
vorgenommenen ewigen Ruhe keine Rede sein. Nur schnell hinaus! Das sind
Notleidende, denen muß geholfen werden!“
[BM.01_056,07] Mit diesen Worten springt der
Bischof eiligst hinaus und ersieht außerhalb seines Gärtchens wirklich eine
Menge wie verfolgter Geister, die da Hilfe und Rettung suchen. Bei diesem
Anblicke eilt er zum Gartenpförtchen, macht es auf und ruft allen den
Verfolgten zu:
[BM.01_056,08] (Bischof Martin:) „Hierher,
hierher, ihr Freunde, ihr lieben Brüder alle – hier ist ein sicherer Ort! Hier
seid ihr vor jeglicher Verfolgung sicher. Und so es euch hungert und dürstet,
wird sich auch noch Rat schaffen lassen! Kommt sonach nur alle herein! Wie
viele sind euer an der Zahl?“
[BM.01_056,09] Spricht einer zunächst am
Martin: „Wir sind unser bei Tausend an der Zahl, lauter elendeste arme Teufel!
Wir sind der Hölle entlaufen und irren nun schon eine halbe Ewigkeit in dieser
schrecklichen, endlosen Wüste herum und finden weder Dach noch Fach, da wir uns
verbergen und nur ein wenig erholen könnten. Ach, ach, ach, das ist ein
schreckliches Los, ewig ohne Ruh' und Rast verfolgt zu werden! Hast du, Edler,
aber irgendeinen Winkel, der uns nur einige sichere Ruhe gönnen könnte, so nimm
uns alle auf und rechne auf unsere Dankbarkeit.“
[BM.01_056,10] Spricht Bischof Martin:
„Freund und Freunde! Hier ist das Pförtlein – kommt, kommt, kommt nur alle
herein! Mein Haus sieht zwar nicht groß aus von außen. Aber ich stehe euch
dafür, wir werden alle hinreichend Platz darinnen finden!“
[BM.01_056,11] Nach diesen Worten strömen die
Verfolgten nun alle in den Garten und von da ins Haus. Alle sind voll des
höchsten Staunens, als sie das Innere des Hauses so überaus herrlich und
geräumig finden.
[BM.01_056,12] Der erste umarmt gleich den
Bischof Martin und spricht im Namen aller: „O du seligster Freund, wie herrlich
ist es bei dir! Es ist das erste Licht seit Milliarden von irdischen
Jahrtausenden! Seit wir die Erde verlassen haben, drang kein Lichtstrahl mehr
in unsere Augen! O Licht, Licht, Licht, wie endlos herrlich bist du! O Freund,
laß uns nimmer von hier ziehen – oh, behalte uns!“
[BM.01_056,13] Spricht Bischof Martin: „Warum
nicht gar, ich werde euch von hier lassen? Ich bin ja selbst froh, daß ich an
euch eine so reiche Gesellschaft gefunden habe. Ihr bleibet bei mir ewig;
macht's euch nur bequem. Ich habe freilich selbst nicht viel zum besten hier in
diesem meinem Himmel. Aber was ich habe, das teile ich ja gerne unter euch, und
wenn da auch für mich nichts bliebe. Gott sei's gedankt, daß ich endlich einmal
eine Gesellschaft gefunden habe!
[BM.01_056,14] Wahrlich, an euch habe ich nun
meine größte Freude! Ja, ihr seid mir lieber als alle sogenannten himmlischen
Engel Gottes, die in ihrer Glückseligkeit einen armen Teufel eine ganze
Ewigkeit vergessen können und gar nicht bedenken können oder wollen, wie es
einem Unglücklichen zumute ist. Ich sage euch: Der Herr allein ist gut, das muß
ich sagen. Aber alles andere himmlische Gesindel kann mir ewig vom Halse
bleiben! Denn dieses hat euch einen Weisheitsdünkel, der für einen geraden,
ehrlichen Kerl, wie ich es bin und ihr es sicher alle seid, geradezu stinkt!
Aber wie gesagt: Gott, den Herrn Jesus, nehme ich aus! Der ist wirklich gut; ja
Er ist sehr gut!“
[BM.01_056,15] Spricht wieder ein anderer aus
den tausend: „Ja, ja, du hast recht: Der ist wirklich gut! Ihm alles Heil, so
Er irgend Einer ist! Aber auf alles andere Himmelsgesindel halten auch wir alle
nichts, dich, lieber Freund, ausgenommen!“
[BM.01_056,16] Spricht Bischof Martin: „Liebe
Freunde, bei mir hat der Himmel gute Weile, denn ich stehe mit euch so ziemlich
auf einem Punkte. Doch wir haben noch Zeit nachher in Ewigkeit, über unsere
Verhältnisse uns nach Muße zu verständigen. Daher wollen wir uns zuerst nach
einer Magenstärkung umsehen. Nachher erst wollen wir unseren Herzen den
freiesten Lauf gönnen. Kommt nun einige von euch mit mir her zu diesem
Wandschrank, da habe ich einen kleinen Vorrat für Hungernde und Dürstende!“
57. Kapitel – Die Erquickung der Elenden. Ihr
Dank und ihre Klagen über das Erlebte. Die Rede des Geretteten und Martins
Antwort.
[BM.01_057,01] Bischof Martin macht nun die
Tür auf und findet zu seinem eigenen großen Erstaunen diesen Schrank
vollgepfropft mit Brot und Wein. Er spricht zuerst bei sich: „Gott sei Dank –
schon meinte ich der Angesetzte zu sein! Denn hier verändert sich ja gleich
alles. – (Dann laut zu der Gesellschaft:) Da nehmt und sättigt euch nach
Herzenslust!“
[BM.01_057,02] Und alle nehmen davon und
essen und trinken; aber der Vorrat geht nicht aus, sondern mehrt sich
sichtlich. Die Gesättigten aber loben ihren Wirt über die Maßen und bekommen
viel schönere Züge und eine hellere Farbe im Gesichte; nur mit der Kleidung
sieht es noch sehr jämmerlich aus.
[BM.01_057,03] Als in kurzer Weile alle die
tausend gesättigt sind und ihrem Wirte alles erdenkliche Lob gespendet wird,
macht Bischof Martin den Wandkasten wieder zu und spricht zu seiner
Gesellschaft: „Höret ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, von denen
ich soeben einige als solche erkannt habe. Macht nicht soviel Aufhebens mit
euerm Lobe an meine außerordentliche Wenigkeit. Denn seht, mir macht das darum
keine Freude, weil ich durchaus nicht der eigentliche Geber bin, sondern nur
ein schlechter Austeiler dessen, was ich sicher zu dem Behufe vom Herrn Jesu
Selbst unverdientestermaßen erhalten habe.
[BM.01_057,04] So ihr sonach schon jemanden
loben wollt, da lobet Jesus, den Herrn! Vorausgesetzt, daß ihr je von Ihm was
vernommen habt, – was ich bei euch allen um so weniger voraussetze, da ihr
eurer Aussage nach schon eine undenklich lange Zeit hier im Geisterreiche euch
befinden müßt. In solchem Falle wäre es aber dann auch nötig, daß ihr von
diesem alleinigen Gott und Herrn Jesus irgend einige Notiz nehmen möchtet!“
[BM.01_057,05] Spricht einer aus der großen
Gesellschaft: „Freund, du wirst etwa doch nicht den Juden Jesus meinen, der da
an den Schandpfahl geheftet wurde mit noch ein paar Raubmördern?“
[BM.01_057,06] Spricht Bischof Martin: „Ja,
Freunde, ja, gerade Den meine ich! Dieser ist wirklich Gott und Mensch
zugleich! Er ist der Urgrund aller Dinge! Außer Ihm gibt es ewig keinen andern
Gott in der ganzen ewigen Unendlichkeit!
[BM.01_057,07] Glaubet mir das, denn ich
versichere euch: es hat wohl nie jemanden mehr Mühe gekostet als mich, so etwas
anzunehmen! Mit Worten hätten mir das auch alle Erzengel nicht beigebracht.
Aber da kam der Herr Jesus Selbst zu mir und lehrte mich durch rein nur Gott mögliche
Taten, daß Er es ist: der alleinige Herr der Unendlichkeit! Und so bin ich
darin nun ebenso stark, als ich ehedem über alle Maßen schwach war.
[BM.01_057,08] Ich meine, so ihr das
beherziget, da kann es euch unmöglich mehr schwer werden, mit mir alles zu
teilen, wie die Wohnung und Brot und Wein, so auch meine Überzeugungen!“
[BM.01_057,09] Sprechen mehrere aus der
Gesellschaft: „Wie recht, wie recht! Das versteht sich von selbst, wir wollen
dir in allem gleichen! Wir haben freilich auf den Jesus bei unsern Lebzeiten
eben kein großes Vertrauen gehabt. Und hier in der Geisterwelt um so weniger,
weil wir zu hart gehalten wurden und von der göttlichen Milde nirgends auch
nicht die leiseste Spur entdecken konnten. Von einem Jesus war daher auch bis
jetzt keine Rede mehr, außer daß Er samt uns irgend als ein armer, betrogener
Teufel schmachtet und alles verwünscht, was Er je auf der Erde getan und
gelehrt hat!
[BM.01_057,10] Aber wenn die Sache sich so
verhält, wie du, lieber Freund, sie uns eben mitgeteilt hast, ist uns alles
eins. Sei da Gott, wer da will, und heiße Er, wie Er will, wenn Er nur Einer
ist, auf den man sich verlassen kann!
[BM.01_057,11] Nur das eine ist uns etwas
unbegreiflich, wie dieser dein guter Jesus uns arme Teufel eine so endlose Zeit
hat können herumhetzen ohne Speise und Trank? Wahrlich, Freund, da hat ganz
verdammt wenig Liebe und Barmherzigkeit herausgeschaut! Freilich ist jetzt
alles gut. Aber an alle die Martern, die wir ausgestanden haben, dürfen wir
nicht zurückdenken, sonst ist es aus mit unserer Liebe zu dem ewigen
Seelenhetzmeister.
[BM.01_057,12] Es ist zwar wohl wahr, daß wir
alle auf der Welt uns um Seine Religion wenig oder gar nicht gekümmert haben
und gingen unseren Gelüsten nach. Aber wir waren sonst doch ehrliche und honette
Menschen aus den besten Häusern. Wir sind wie Kavaliere erzogen worden und
lebten dann auch solcher Erziehung gemäß. Ein weiser Gott aber sollte das doch
einsehen, daß sich kein Mensch selbst erschaffen und ebensowenig erziehen kann,
wie er will!? Aber es sei nun, wie es wolle, die niederträchtigste Hetzerei hat
nun ein Ende hoffentlich; daher sei Jesus von uns aus auch verziehen, was Er an
uns allen getan hat.“
[BM.01_057,13] Tritt ein anderer vor und
spricht: „Hast wohl recht im Grunde, denn verzeihen ist schöner als sich rächen
wollen. Aber ich werde dennoch mit dem vollen Verzeihen etwas innehalten. Denn
du weißt es, wie ich 1000 Jahre nach meinem und euerm Gefühle zwischen zwei
glühende Felsen eingeklemmt war und habe mehr gebetet und geflucht, als es da
gibt des Sandes im Meere. Und hättet ihr durch eure äußerste Anstrengung mich
nicht gerettet, so befände ich mich jetzt noch in dieser unerhört schmerzlichen
Felsenpresse; ein allmächtiger Herr Jesus hätte diese Höllentortur nicht um ein
Haar gemildert.
[BM.01_057,14] Wisset, so was ist denn doch
kein Spaß. Man merkt sich so etwas sehr leicht für ewig. Wahrlich, für so ein
ewiges Leben wird sich sicher jedermann bedanken! Ich bin gerade auch kein
Rache sinnender Geist, denn es wäre doch die scheußlichste Dummheit, so sich
ein beschränkter Geist gegen einen allmächtigen Gott auflehnen wollte. Aber
merken kann man sich das allerdings. Verstehst schon, was ich unter ,merken‘
verstehe!“
[BM.01_057,15] Spricht Bischof Martin: „Ja,
ganz ja, und gut ist deine Bemerkung – habe ich doch selbst noch so einige
Merkspitzel in mir, die mich noch manchmal ganz gewaltig stechen! Aber ich sage
euch auch, was da wahr ist: der Herr Jesus hat daran nicht die geringste
Schuld, sondern allzeit der nur, den es betrifft. Und oft wohl auch Seine, des
Herrn himmlische Beamte, die nicht selten nach einer Willkür handeln, von der
ihr noch gar keinen Begriff habt!
[BM.01_057,16] Es läßt sich das freilich am
Ende alles mit der Weisheit entschuldigen. Aber wehe dem, der unter solch eine
Weisheitsscheibe zu stehen kommt: für den wäre es wahrlich endlos besser, so er
nie wäre geboren worden! Daher ist der Herr auch allzeit zu entschuldigen und
hoch zu loben, so Er fast allzeit in die Willkür solcher Geister eingreift und
ihre Weisheit beschämt.
[BM.01_057,17] Oh, diese himmlischen Engel
sind Trotzköpfe ohnegleichen, so sie allein sind. Nur wenn der Herr kommt, da
ziehen sie freilich gleich den Schweif von einem Mute ein und tun so süß und
bescheiden, als so sie alle Weisheit aus der Demut mit dem großen Löffel
gefressen hätten!
[BM.01_057,18] Seht, das weiß ich alles und
habe darum Jesus erst recht lieb. Tut demnach, wie ich's tue, so werden wir
miteinander die ganze Ewigkeit leicht auskommen! Euer Wahlspruch sei: ,Der Herr
Jesus allein ist lieb und gut!‘ Alles andere aber gehört rein der Sau zu, und
Petrus und Paulus sind selbst keinen Schuß Pulvers wert.
[BM.01_057,19] Nur das einzige gebt mir kund,
wann ihr so ganz eigentlich die Erde verlassen habt müssen? Denn das sehe ich
zufolge eures Gesprächs schon ein, daß ihr vor Christus nicht gelebt habt, da
ihr um dessen nähere Verhältnisse zu wissen scheint, wie auch um die der
römischen Kirche. Ihr waret also nach Christus erst zur Welt gekommen! Das ist
klar; aber in welcher Zeitperiode, das allein gebet mir, so ihr's wollt, näher
kund. Denn auf diese geisterweltliche Gefühlszeit kann man sich nicht verlassen,
weil sie einem armen Sünder eine Stunde für eine ganze Million Jahre kann
empfinden machen – was ich selbst leider nur zu deutlich empfunden habe!“
58. Kapitel – Näheres über die neue
Gesellschaft von männlichen und weiblichen Dienern Roms. Ein römisch-chinesischer
Missionar.
[BM.01_058,01] Spricht einer aus der
GeselIschaft: „Lieber Freund und Bruder! Wir alle haben im Jahre 1846 nach
Christi Geburt die Erde verlassen. Auf der Erde lebten wir sehr zerstreut und
haben uns erst hier in der Geisterwelt so eigentlich zusammengefunden. Denn wir
waren auf der Erde Mönche aus dem Orden der Jesuiten, Liguorianer, Minoriten
und Karmeliter. Wir sind männlicherseits bei 800 an der Zahl; die 200
Schwestern sind zum Teil aus dem Orden der ,Barmherzigen‘ und zum Teil aus dem
Orden der ,Schulschwestern‘ und ,Herz-Jesu-Damen‘.
[BM.01_058,02] Nun weißt du, unser aller
lieber Freund und Bruder, wann wir auf der Erde gelebt haben und was wir waren.
Alles andere kannst du dir leicht selbst denken, was wir alles für Narrheiten
haben ausführen müssen, wie uns Rom in die ganze Welt aufs Fischen
hinausgesandt hat. Und wie wir für diese saure Ehre uns zum Teil in Asien, zum
Teil im glühenden Afrika und Australien und auch in Amerika haben müssen die
Köpfe abschlagen lassen. Und als wir dann, hier in der Geisterwelt anlangend,
meinten, als offenbare Märtyrer sogleich die Krone der ewigen Glorie zu
erreichen, da erst ging das Elend so recht radikal an!
[BM.01_058,03] Wie ich dir sage, du bist nach
wirklichen oder bloß nur gefühlten Trillionen von Erdenjahren – was ein Teufel
ist – das erste menschliche Wesen, dem wir in dieser endlosen Wüste begegneten.
Ist das nicht scheußlich – so ein Lohn für unsere märtyrerischen Mühen auf der
Erde? Ach, wie große Esel sind doch die Menschen auf der Erde! Wir aber waren
doch sicher die allergrößten!
[BM.01_058,04] Freilich, wohl glaubten wir
alles das, was wir den andern Menschen mit glühendsten Zungen lehrten, nicht im
geringsten – denn unser Motiv war nur Rom und die goldenen Fische für uns und für
Rom. Aber Christus haben wir dennoch gepredigt und viele Heiden zum Christentum
bekehrt – und haben uns am Ende noch müssen martern lassen. Welchen Lohn wir
hier dafür geerntet haben, das zeigt dir unser namenloses Elend in dieser Welt.
[BM.01_058,05] Ich bin ganz besonders gut zum
Teile gekommen! Ich war in China und hatte dort, dieser Sprache mächtig, zehn
Jahre hindurch recht gute Geschäfte gemacht. Ich drang vor und kam mit Hilfe
einer wunderschönen Chinesin sogar vor den Hof. Da aber entlarvte sich diese
Bestie, die ich leider zu tief in meine Geheimnisse eingeweiht hatte, und
verklagte mich sogleich bei der höchsten Behörde des Betrugs und meiner andern
Absichten, die freilich auch einen Hochverrat im Schilde führten.
[BM.01_058,06] Ich wurde ergriffen und
sogleich zwischen zwei steinerne Platten gesteckt und festgeklemmt. Zu deren
beiden Seiten fingen die Mandarins zu heizen an, wodurch diese Platten nach und
nach stets mehr erhitzt und ich langsam gebraten wurde. Diese Todesart ist doch
sicher die schmerzvollste, und man sollte glauben, damit alle Todsünden
abgebüßt zu haben; allein, höre! Diese Marter ward an mir auch nach dem Tode
fortgesetzt durch jene zwei glühenden Felsen, deren ich schon früher erwähnt
habe.
[BM.01_058,07] Das war der Lohn für meine
vielen irdischen Mühen bisher; was noch folgen wird, weiß ich nicht. – Ich
glaube, du wirst nun so ziemlich mit unserm Wesen und Lose vertraut sein. Wir
sind mit einem Worte kreuzarme Teufel nun, und du tust an uns ein gutes Werk;
der Herr, so Er irgend Einer ist, entgelte dir's!“
[BM.01_058,08] Spricht Bischof Martin: „Oh,
nun weiß ich auf einmal mehr, als ich eigentlich wissen wollte! Aber das macht
nichts; wir bleiben deshalb noch gute Freunde! Bringt mir aber die
Klosterjungfern her, auf daß ich auch von ihnen erfahre, wie sie zu euch und
hierher gelangt sind!“
59. Kapitel – Die Werkheiligkeit der
römischen Klosterschwestern. Wie die Arbeit, so der Lohn!
[BM.01_059,01] Der Redner begibt sich
sogleich zurück gegen die Tür dieses Hauses, wo sich die Schwestern befinden,
beruft sie und führt sie dann dem Bischof Martin vor.
[BM.01_059,02] Als sie nun samt und sämtlich
sich um Bischof Martin befinden, fragt dieser sie sogleich: „Liebe Schwestern
und Damen, wie sieht es denn eigentlich mit euch aus? Wie seid denn ihr in
solches Elend gekommen? Ihr habt doch sicher gebeichtet und genug kommuniziert
und habt Chor gesungen und zahllose Rosenkränze herabgebetet, wennschon
manchmal vielleicht mehr geschnattert als gebetet.
[BM.01_059,03] Auch an anderen Andachtsübungen
wird es nicht gemangelt haben. Auch habt ihr sicher alle Fasttage streng
gehalten und habt in großen Ehren gehalten die heiligen Reliquien, den
Weihbrunn und den Weihrauch und Glocke und Glöckchen. Auch habt ihr in euerm
sonstigen Amtswesen sicher unverdrossen eure Pflichten erfüllt. Es fragt sich
daher hier, wie ich euch gleich anfangs gefragt habe: Wie möglich wohl seid ihr
in dieses Elend gekommen?“
[BM.01_059,04] Spricht eine von den
Barmherzigen Schwestern: „O du lieber Freund, das alles wird der liebe Herrgott
besser wissen als wir! Ich sage dir: ich und auch alle diese Schwestern meines
Ordens waren wahre Märtyrerinnen!
[BM.01_059,05] Tag und Nacht waren wir auf
den Beinen; unverdrossen pflegten wir die Kranken; taten manchmal sogar mehr,
als was uns die ohnehin allerstrengste Ordensregel auferlegte. Wir fasteten
dabei und beteten ohne Unterlaß; wir gingen wöchentlich mehrmals zur Beichte
und Kommunion. Und so uns manchmal dennoch ehestandliche, sinnliche Gedanken
kamen, da schrien wir laut: ,Jesus, Maria und Joseph, stehet uns bei und
bewahret unsern keuschen Leib vor solchen Teufelsanfechtungen!‘
[BM.01_059,06] Und hat das dreimal
nacheinander noch nichts genützt, da liefen wir in die Kirche. Half auch diese
nicht, da kasteieten wir uns oft blutig und legten uns die allerschärfsten
Zilizien an den bloßen Leib; und hatte manchmal auch das nicht den erwünschten
Erfolg, so hat dann freilich müssen der Beichtvater mit exorzistischen Mitteln
zu Hilfe kommen, die aber leider nur bei den jüngeren Schwestern mit Nutzen
konnten angewendet werden. Bei uns älteren mußten dann eiskalte Bäder statt des
Exorzismus angewendet werden, mitunter auch ein Aderlaß.
[BM.01_059,07] Siehe, du liebster Freund, so
strenge war unser Leben; ja mancher Kettenhund hätte uns darum sicher nicht
beneidet, so er Verstand hätte!
[BM.01_059,08] Daß wir für solche Strapazen
hier die himmlischen Freuden mit Recht erwarteten, wird etwa für unser wahres
Kettenhundeleben auf der Welt doch nicht zu unbillig sein? So erwarteten wir
solches mit ungezweifelter Zuversicht, wie es allen verheißen ist, die um
Christi willen auf der Welt alles verlassen und sich wegen der himmlischen
Glorie den schmalen, dornigsten Kreuzespfad erwählt haben!
[BM.01_059,09] Aber da siehe nun unsere
erhoffte himmlische Glorie! Sehen wir nicht aus wie die barsten
Blocksberghexen? Die Gesichtsfarbe dunkelgrau, die Kleidung besteht aus den
schmutzigsten Fetzen. Fett sind wir schon wie die Mumien, die man dann und wann
in den Wüsten Afrikas findet, und hungrig wie ein Haifisch und durstig wie die
Sandwüste Sahara! Das ist nun unser so bestimmt und gewiß erhoffter Himmel! Was
soll man sich von solch einer göttlichen Gerechtigkeit wohl für einen Begriff
machen?
[BM.01_059,10] Als ich von der Welt hier
anlangte, da sah ich wohl ein sehr schlechtes Mensch, die nichts als eine Hure
war, von leuchtenden Engeln abholen und sie gegen den Himmel führen – so eine
Kanaille! Zu mir aber kam bis jetzt noch keine Katze, geschweige erst ein
besseres Wesen aus dem Himmel! Frage: Ist das auch eine Gerechtigkeit?! Ach,
ist das doch ein Elend, ist das ein Elend!
[BM.01_059,11] Ich habe so manche ehrliche
Mädchen, die jung, reich und schön waren, zu meinem Orden gebracht, die mir nun
fluchen, daß ich sie so schändlich geprellt hätte. Das geht mir nun gerade auch
noch ab! Für solch meinen Eifer gar noch eine verdammliche Verantwortung vor
dem ewigen Richter!“
[BM.01_059,12] Hier treten mehrere jüngere
Barmherzige Schwestern hervor und schreien: „Ja, ja, ja – du altes Luder, du
alte Bestie bist an allem schuld! Hast du dir nicht die Zunge nahezu bis in den
Magen hinab ausgeschrien, um uns zu überreden für deinen barmherzigen
Lumpenorden? Als wir den Profeß nicht ablegen wollten – da wir in der Welt doch
bessere Aussichten hatten, als wir sie in deiner Hurenanstalt kennenlernten –
liefst du da nicht zum Tod und allen Teufeln, damit uns nur der Austritt
verleidet wurde?!
[BM.01_059,13] Und als wir – zum größten Teil
gezwungen – den schmählichen Profeß ungefähr so ablegten, wie ein Rekrut den
militärischen Treue-Eid schwört, nämlich unter ,Du mußt, sonst bist du des
Teufels!‘, – da wurden wir dann behandelt ärger als die ärmsten Seelen im
Fegfeuer oder gar in der Hölle selbst. Wir durften bei strengster Ahndung nicht
einmal unsern lieben Eltern auch nur eine Silbe vermelden, wie schändlich und
schmählich wir gehalten wurden! Nur dem Beichtvater durften wir klagen, und das
nur im Beichtstuhle, weil er über eine solche Anklage dann selbst verstummen
mußte!
[BM.01_059,14] Wir fordern nun den verheißenen
Himmel von dir, und das mit mehr Recht als du den deinigen! Wo ist er? Führe
uns hin, – oder wir vergreifen uns an dir für ewig!“
[BM.01_059,15] Die erste Nonne wirft sich nun
vor dem Bischof Martin nieder und fleht ihn um Schutz an.
60. Kapitel – Martin als Friedensstifter. Die
werkheiligen Torheiten der Schulschwestern und ihre jenseitigen Folgen. Martins
Mahnung.
[BM.01_060,01] Bischof Martin aber spricht
hier: „Höret ihr alle, meine lieben Schwestern! Lasset den Herrn Jesus allein entscheiden
unter euch; Er allein ist ein gerechter Richter! Ihr aber vergebet einander von
Herzen, so wird alles gut werden. Dies mein Haus ist ein Haus des Friedens und
der Liebe, und nicht ein Haus der Rache! Daher beruhigt euch und seid frohen
Mutes, darum ihr hier bei mir eine so gute Unterkunft gefunden habt – sicher
nur durch die unsichtbare Gnade des Herrn! Werdet ihr euern Haß in Liebe
umgestalten, da werdet ihr schon auch zu einem bessern Aussehen gelangen!
[BM.01_060,02] Es gehen aber auf der Welt gar
viele einen verkehrten Weg der Tugend; wie solltet davon ihr eine Ausnahme
sein! Ihr habt zwar viel getan, aber nicht des Herrn, sondern des Himmels
wegen, – und das ist noch lange nicht evangelisch! Man muß alles tun und dann
erst ausrufen: ,Herr, siehe, ich war ein fauler Knecht! O Herr, sei mir, Deinem
nutzlosesten Knechte, gnädig und barmherzig!‘ Wenn ihr, meine lieben
Schwestern, so urteilen werdet über euch und werdet einander nicht richten und
verdammen, da werdet ihr schon Gnade vor Gott finden!
[BM.01_060,03] Wisset ihr denn nicht, was da
der weise Lehrer Paulus spricht, der für sich auch ein schlechter unnützer
Knecht ist und sein Tun nicht achtet, sondern allein die pure Gnade des Herrn?
Sehet, dieser Lehrer spricht: ,Du wirst nicht aus deinem Verdienste, sondern
lediglich durch die Gnade des Herrn selig werden!‘ – Beherziget das und werfet
all euere vermeintlichen Verdienste dem Herrn zu Füßen! Bekennet vor Ihm die
volle Nichtigkeit alles dessen, was ihr bisher als etwas Verdienstliches zum ewigen
Leben angesehen habt, so wird die Gnade des Herrn sogleich über euch
ersichtlich werden!
[BM.01_060,04] Sehet, ich war gar ein Bischof
auf der Welt und glaubte auch, so ich aus der Welt gehen werde, daß mir da
gleich ganze himmlische Scharen entgegenziehen würden. Aber, dem war ganz
anders! Ich selbst habe noch bis jetzt den eigentlichen Himmel nicht gesehen,
obschon ich mit dem Herrn schon sehr oft geredet habe und dies Haus auch
unmittelbar aus Seiner allerheiligsten Hand empfing. Wie wollt demnach ihr
schon mit aller Glorie gekrönt sein? Daher nur Geduld, Sanftmut und Liebe und
einen heitern Mut angezogen, alles andere wird sich dann schon von selbst
geben!“
[BM.01_060,05] Die Barmherzigen Schwestern
treten nun ganz besänftigt zurück. Bischof Martin ruft die Schulschwestern vor,
die sich während dieser Belehrung in einem Winkel soeben ein wenig die Augen
auskratzen wollten, und fragt auch sie, wie und auf welche Art sie in dies
Elend gelangt sind und wo sie auf der Erde eigentlich gelebt haben.
[BM.01_060,06] Und eine von diesen antwortet:
„O geliebtester, hochgeehrtester, allerhochwürdigster Freund! Wir sind nicht
alle von einem Orte, sondern sind teils aus Frankreich, teils aus der Schweiz,
aus Welschland und Tirol und teils auch aus der Steiermark.
[BM.01_060,07] Wir lebten übermäßig fromm:
Tag für Tag beteten wir wenigstens 14 Male, und allzeit wenigstens eine
Viertelstunde lang; täglich wohnten wir einer heiligen Messe bei und fehlten
nie bei der Vesper. Sonn- und feiertags wohnten wir wenigstens drei Messen bei,
einer Predigt und der nachmittäglichen Litanei und beiden ,Segen‘. Wir gingen
wöchentlich, besonders in der Advents- und Fastenzeit zum wenigsten dreimal
beichten und empfingen täglich das allerheiligste Altarsakrament. Wir fasteten
alle Wochen fünfmal zu Ehren der allerheiligsten Fünf Wunden und gaben uns am
Freitage zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria 7 Schmerzensstreiche, und
zwar 4 auf die linke und 3 auf die rechte Brust mit Strick oder Rute.
[BM.01_060,08] Die übrige Zeit widmeten wir
frommen Betrachtungen und dem Unterrichte junger Mädchen. Dabei richteten wir
unser Augenmerk hauptsächlich darauf, daß in den jungen Herzen schon frühzeitig
der Drang erwachen sollte – wenn aus finanziellen Rücksichten möglich –, so
früh als möglich in unsere Fußstapfen zu treten und all ihr irdisches Erbe Gott
zu Füßen zu legen, um so eine reine und würdige Braut Jesu Christi zu werden!
[BM.01_060,09] Ebenso durfte auch keine von
uns mit unverschleiertem Haupte auf die Straße und bei strengster Ahndung
keinen weltlichen Mann ansehen: nicht einmal einen Weltpriester, sondern allein
nur einen heiligen Bruder aus dem Orden des heiligen Franziskus, wohl auch
einen heiligen Jesuiten und den Bischof oder auch einen sehr frommen Domherrn.
Kamen uns dabei etwa dann und wann unzüchtige Gedanken, so zeigten wir solche
sogleich der würdigsten Mutter an und baten sie um eine recht scharfe Strafe
zur Abwendung solchen Höllenspuks von unseren keuschesten Herzen.
[BM.01_060,10] Die gute würdige Mutter, die
sehr heilig war, gab uns dann sogleich die weisesten Lehren und nachher erst
die gebührenden Strafen, die verschieden waren je nach der Größe der unkeuschen
Gedanken. Für einen ganz kleinen Gedanken war ein Streich auf die nackte Natur,
darauf 3 Rosenkränze und ein vollkommener Fasttag. Auf einen größeren Gedanken
waren 7 starke Rutenstreiche auf die nackte Natur, daß es Blut gab, darauf 12
Rosenkränze und 3 volle Fasttage in der Woche. Auf einen noch stärkeren
Gedanken – etwa gar an den allerverdammlichsten Ehestand, wie er jetzt besteht
– waren 15 Streiche mit spitzigen Ruten, 30 Rosenkränze und 9 volle Fasttage 3
Wochen hindurch und ein spitziges Zilizium über die nackte Brust oder Lenden
als Strafe diktiert und sogleich ausgeführt.
[BM.01_060,11] Dazu kamen noch die
geistlichen Bußen, oft noch ärger als jene, die uns die liebe würdige Mutter
gab. So mußten wir auch bei Nacht vom besten Schlafe oft aufstehen und
Chorbeten gehen, was besonders im Winter sehr bitter war. Wurden wir krank ob
der vielen Strapazen und Marter, so durften wir uns nie die liebe Gesundheit,
sondern allzeit nur den bittersten Tod wünschen wegen Abbüßung unserer
läßlichen Sünden, und dergleichen schrecklichste Selbstverleugnungen mehr. – Du
siehst aus meiner zwar kurzen, aber überaus wahren Schilderung unsern sehr
bitteren irdischen Zustand.
[BM.01_060,12] Wir haben also für Christus
viel und meist geduldig erlitten und haben uns ohne Murren willigst gefügt den
harten Regeln unseres strengen Ordens! Wir haben all unser Vermögen diesem
Orden vermacht zu seiner heilsamen Ausbreitung zur Ehre der allerseligsten
Jungfrau Maria und zur stets größeren Ehre Gottes! So glaubten wir denn, an
Gott keine unbillige Forderung gestellt zu haben, so wir nach unserem bitteren
Leibestode sogleich in die ewige Glückseligkeit möchten aufgenommen werden!
Aber nicht nur, daß wir alle unsere begründeten Hoffnungen hier wie einen
Schaum zerfließen sahen, sondern höre:
[BM.01_060,13] Als wir alle, die wir hier
stehen, fast zu gleicher Zeit uns hier in dieser Welt trafen und von einigen
Bauern angerufen wurden, daß wir nun in der Geisterwelt wären, da sahen wir von
einer andern Seite ganz liederliche und wohlbekannte Weibspersonen in diese
Welt ankommen. Wir waren ganz sicher der Erwartung, daß sogleich eine Menge Teufel
daherkommen würden, um diese schlechten, ausgelassenen und ketzerischen
Weiberseelen sogleich verdientestermaßen in die Hölle zu ziehen!
[BM.01_060,14] Allein – ah, wer hätte sich
das je können träumen lassen! Statt der Teufel kamen sichtbare Engel vom Himmel
herab und umkleideten diese schlechten, sündigsten Seelen sogleich mit wahren
himmlischen Kleidern! Sie gaben ihnen leuchtende Palmen und trugen sie
schnurgerade in den Himmel; uns aber würdigte kein Engel auch nur eines
Blickes! Wir schrien, wir beteten, ja wir beschworen Maria und Gott bei allen
Seinen Heiligen und Auserwählten, – aber all unser sicher Millionen Jahre
langes Schreien war bis jetzt noch fruchtlos! Sage, ist das nicht zu arg!? Sind
wir nicht betrogen, zeitlich und ewig! Ist das wohl auch eine Gerechtigkeit
Gottes zu nennen?!“
[BM.01_060,15] Spricht Bischof Martin: „No,
no, habt nur Geduld! Für jetzt seid ihr versorgt. Und wenn's auch in die
Ewigkeit nicht besser würde wie nun mit euch, so könntet ihr es schon ertragen!
Denn auf euer Verdienst dürfet ihr euch eben nicht zu viel einbilden. Warum
waret ihr so dumm auf der Welt, euch einsperren und prügeln und am Ende gar
förmlich umbringen zu lassen? Was Gutes habt ihr dadurch euren Nächsten wohl
getan? Ihr habt nur für eure Haut gesorgt und hättet euch wenig daraus gemacht,
so Gott auch die ganze Welt verdammt hätte, wenn nur ihr den Himmel erworben
hättet!
[BM.01_060,16] Sehet, mit solcher
Nächstenliebe kommt hier niemand weiter. Darum seid geduldig und werft euer
Verdienst von euch! Betrachtet euch als schlechte, nutzlose Mägde des Herrn, so
werdet auch ihr bei Gott Gnade finden! Tretet nun zurück und lasset die
Herz-Jesu-Damen hierher kommen!“
61. Kapitel – Rede der Herz-Jesu-Damen. Deren
körperliche Verirrungen und geistige Torheit. Martins Belehrungsversuch und
Moralpredigt.
[BM.01_061,01] Die Schulschwestern treten nun
etwas murrend zurück. Die Herz-Jesu-Damen treten hervor und beginnen sogleich
folgende Rede zu führen: „Allerhochwürdigster Herr! Wir sind Damen des
allerersten Damenordens der Welt, in welchen Orden nur Mädchen von sehr
reichen, angesehenen und adeligen Häusern aufgenommen werden, wo sie alles
lernen können, was es in der Welt nur immer zu lernen gibt!“
[BM.01_061,02] (Bischof Martin bei sich:
„Nicht übel, – die fangen schon gut an! Gerade so wird's der Herr am besten
brauchen können, oder was anders?“)
[BM.01_061,03] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Alle
Sprachen, Musik und Tanzen, allerlei andere Gymnastik – wie Fechten, wo tunlich
auch das Reiten –, dann Zeichnen, Malen, allerlei Kunststickereien und
Kunstnähereien! Daneben natürlich werden auch alle andern Wissenschaften
traktiert wie die vollkommene Geographie, Mathematik, Physik, Astronomie,
Geschichte, Nautik, Hydraulich, Geometrie, Trigonometrie, Stereometrie, Poesie
in den nobelsten Sprachen Europas und noch eine Menge anderer nützlicher
Gegenstände.
[BM.01_061,04] Kurz und gut, in unserm Orden
werden aller Welt Wissenschaften gelehrt und aller Welt Künste geübt –
natürlich nur, so es verlangt und dafür gezahlt wird. Die übrige Zeit aber wird
mit Beten, Singen, mitunter auch mit Fasten zugebracht, täglich eine Messe
gehört und wöchentlich dreimal Beichte und Kommunion. Auf die Übertretung der
strengen Ordensregeln sind auch angemessene scharfe Strafen gesetzt, welche allzeit
leider genauer beachtet werden als die Ordensregeln selbst!“
[BM.01_061,05] (Bischof Martin bei sich:
„Schau, bin doch auch ein Bischof gewesen, aber die Geheimnisse dieses Ordens
habe ich nie so ins Detail eingesehen wie eben jetzt! Ah, an diesem Orden muß
der Herr ja eine ganz besondere Freude haben!?“)
[BM.01_061,06] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Du
lieber, allerhochwürdigster Freund, du siehst daraus, –“
[BM.01_061,07] (Bischof Martin bei sich: „daß
ihr die dümmsten Gänse seid!“)
[BM.01_061,08] (Die Herz-Jesu-Damen:) „welche
schwere Regeln unser allerstrengster Orden hat und welche Größe“
[BM.01_061,09] (Bischof Martin bei sich: „der
Dummheit“)
[BM.01_061,10] (Die Herz-Jesu-Damen:) „von
Selbstverleugnung dazu gehört, alle diese tausend schwersten Regeln genau zu
beachten. Ja, ich sage dir, nur wahre Riesen“
[BM.01_061,11] (Bischof Martin bei sich: „von
Narren“)
[BM.01_061,12] (Die Herz-Jesu-Damen:) „von
Geistern gehören dazu, um alle die schwersten Regeln zu beachten! Dennoch haben
wir alle wie wahre Heldinnen fürs Himmelreich all diese Regeln genauest
beachtet und geglaubt, der Himmel könne uns auf diese Art unmöglich entgehen!“
[BM.01_061,13] (Bischof Martin bei sich: „Da
gehört wirklich ein sehr starker Glaube dazu!“)
[BM.01_061,14] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Aber
da siehst du uns jetzt nach einigen Millionen von Erdenjahren noch ganz so
elend, wie wir uns zum ersten Male hier in dieser Geisterwelt befanden. Dies
dein Haus ist der erste herrliche Gegenstand, der uns in dieser Welt zu
Gesichte gekommen ist. – Frage: Ist das wohl auch eine göttliche
Gerechtigkeit?!“
[BM.01_061,15] (Bischof Martin bei sich: „O
nirgends mehr als eben hier bei euch dummen Gänsen!“)
[BM.01_061,16] (Die Herz-Jesu-Damen:)
„Anstatt, daß man uns den wohlverdienten Himmel gegeben hätte, mußten wir von
einem ganz roh und ungebildet aussehenden, gemeinsten Bauernbengel, als wir bei
einer Pforte anklopften, über der geschrieben stand ,Tür in den Himmel!‘ die
Worte anhören: ,Zurück mit euch, ihr dummen und törichten Jungfrauen! Warum
habt ihr eure Lampen nicht zuvor mit Öl gefüllt!‘“
[BM.01_061,17] (Bischof Martin bei sich:
„Nichts mehr als billig! Diese Gänse könnte ich schon beinahe selbst aus meinem
Hause treiben!“)
[BM.01_061,18] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Darauf
verschwand diese Himmelspforte, und wir waren sogleich von einer Menge kleiner
Teuferl umringt, die aussahen wie Irrlichter. Diese Teuferl hüpften fortwährend
um uns herum und neckten uns jämmerlich die ganze endlose Zeit hindurch, bis
wir erst vor kurzem diese gegenwärtige Gesellschaft trafen auf unserer schon
nahezu ewigen Flucht!
[BM.01_061,19] Was sagst du, liebster,
allerhochwürdigster Freund dazu? Was ist das, – was sollen wir denn tun, um
vielleicht doch einmal in einen etwas bessern Stand zu gelangen? Oh, rate uns,
du liebster, hochwürdigster Freund!“
[BM.01_061,20] Spricht Bischof Martin ganz
lakonisch-ironisch: „Ah, ah, ah, da hat euch der Herr freilich sehr unrecht
getan! Denn ihr habt ja doch genau nach dem Evangelium gelebt! Ah, das muß ich
sagen, da ist der Herr Jehova Jesus sehr ungerecht, wenn Er auf die sehr
evangelischen Regeln eures Ordens den Himmel verheißen hat – und ihn euch
hernach nicht geben will! Das könnte man von Ihm sogar impertinent und très mal
honnête nennen! So zarten und doch so übergelehrten Herzerln den Himmel
versagen, – ah, das ist doch alles, was man sagen kann? Es müßte nur sein, daß
ihr vielleicht heimlich untereinander sodomitische Unzucht getrieben hättet?
Oder ihr hättet etwa neben euren tausend gelehrten Ordensregeln die beste
christliche Regel der Nächstenliebe ganz hintangesetzt?!“
[BM.01_061,21] Spricht eine andere, stark
französisch wirken wollende Dame: „Aeh ne, aeh ne, mon ami, mer leben schon
all' sehr Keußeit, ond Religion habe mer aug sehr gehabt! O mon dieu, was brauk
mer plus pour le Imel? Der Näckstelieb sein le ons, und den sodomitischen
Onzuckt könn' mer nikt, we sein der für Fih!? Mer habe urdenlik geleben ond
verstege, mon ami, keiß wie den Blumen! Was will mer plus Monsieur Jesu
Christ?“
[BM.01_061,22] Spricht Bischof Martin: „Ich
bitte dich, höre mir um Gottes willen auf mit dieser Sausprache! Bist doch eine
Deutsche und kannst aus lauter Sprachenmodedummheit deine Muttersprache nicht
reden? Glaubst denn du, so eine deutsche Franzosengretel wird hier in den
Himmel kommen? Ich sage dir, du extra dumme Gans, da hat's noch lange Zeit! –
Nein, das ist mir noch nicht vorgekommen hier im Geisterreiche! Geister sogar
anderer Planeten haben mit mir ganz rein deutsch gesprochen, und dieser dummen
Herz-Jesu-Dame gefällt noch's Französische besser, als deutsch mit einem
Deutschen zu reden! – Warum hat denn deine Vorgängerin, die doch eine geborne
Lyonerin ist, mit mir gut deutsch reden können, und warum du stolze Gans
nicht?!“
[BM.01_061,23] Spricht die Dame: „O Freund,
weil ich glaubte, mich dadurch bei dir recht einzustellen!“
[BM.01_061,24] Spricht Bischof Martin: „Das
war wohl ein ganz dummer Glaube gleich dem, durch den ihr alle für eure
grenzenlose Dummheit von Gott den Himmel erwartetet! Meint ihr, der Herr hat
den Himmel für solche dummen Gänse gemacht? Oh, da seid ihr in einer sehr
großen Irre! Ich sage euch: Eher kommen alle Esel und Ochsen hinein denn ihr,
merket euch das! Gehet dort in den hintersten Winkel und lernet zuerst die
Demut! Dann erst kommet und fragt, ob für euch irgendeine Kuhmagdstelle im
untersten Himmel zu vergeben sein wird – woran ich sehr zweifle. Gehet, wohin
ich euch beschied!“
62. Kapitel – Zwiegespräch zwischen einem
Jesuiten und Bischof Martin. Belehrung einer höllenängstlichen Barmherzigen
Schwester.
[BM.01_062,01] Tritt ein Jesuit hervor und
spricht: „Edler Freund, du scheinst eben kein großer Freund von Künsten und
Wissenschaften zu sein, weil du an diesen so überaus wertesten Damen des
Herzens Jesu so wenig Wohlgefallen findest. Und doch sind sie sozusagen der
einzige weibliche Orden, der mit allem Fleiße den Wissenschaften und Künsten
von früh morgens bis spät abends obliegt und dadurch uns Brüdern der
Gesellschaft Jesu am nächsten kommt! Ah, Bruder, Freund, diese Damen solltest
du doch mit mehr Achtung und Liebe behandeln!“
[BM.01_062,02] Spricht Bischof Martin: „Warum
nicht gar, diese dummen, eingebildeten Greteln mit mehr Achtung? Ich sage dir,
für diese ist das noch viel zu viel, was ich ihnen an Achtung zolle! Diesen
sollte man die Türe weisen und sie noch auf einige Millionen Jahre
hinausstoßen. Vielleicht verlernten sie dadurch ihre fremden Sprachen – was
wirklich gut für sie wäre!
[BM.01_062,03] Siehe, wie ich sie nun
anschaue, so sehe ich Zorn und Hochmut aus ihren Augen sprühen! Sie möchten
sich wohl sehr gerne verstellen, aber das tut sich nicht hier im Reiche der
Geister. Denn hier durchschaut man besonders so lockere Geister mit einem Blick
und erschaut bald und leicht, wie sie so ganz eigentlich von innen beschaffen
sind. Weil ich aber diese Gänse nun noch besser durchschaue und sie ob ihrer
großen Torheit mich sehr anekeln, muß ich sie ja wenigstens in jenen Winkel
hinbescheiden, damit ich mich nicht ärgere an ihrem Anblicke.
[BM.01_062,04] Du selbst und alle deines
löblich-dummen Kollegiums aber müsset euch auf euern höchst ungebührlichen
Namen eben auch nichts einbilden. Denn denke selbst nach und sage mir, mit
welchem Rechte ihr euch Jesuiten nennet, und wer euch da zu solcher
Entheiligung des göttlichen Namens die Befugnis erteilt hat? Du wirst dann
leicht einsehen, wie schändlich ihr selbst diesen allerheiligsten Namen
mißbraucht habt und wodurch ihr alle nun solchen Frevel wieder gutmachen
könntet!
[BM.01_062,05] Kann einer von euch sagen:
,Jesus, der Herr, hat uns so berufen wie etwa einen Paulus oder Petrus‘? Oder
hat je einer von euch Jesus gesehen oder gesprochen oder bei Lebzeiten eures
Leibes etwa das Evangelium höher gehalten als den Ignatius von Loyola? Seht,
ihr waret in der Tat die entschiedensten Feinde Jesu Christi und nennet euch
,Jesu-iten‘?!“
[BM.01_062,06] Spricht wieder der Jesuit:
„Liebster Freund und Bruder, diese Sache scheinst du entweder schlecht oder gar
nicht zu verstehen! Verstehst du denn nicht, was das heißt: Omnia ad maiorem
dei gloriam!? Siehe, in dem liegt der Grund unseres Namens! Nicht, als wenn uns
Jesus, der Herr, nominativ gestiftet hätte, sondern wir nur erwählten diesen
Namen zu Seiner größeren Ehre! Ich weiß wohl, daß das Mittel an und für sich
nicht löblich ist. Aber was liegt da am Mittel, wenn nur der Zweck gut ist und
das Mittel heiligt, wenn dieses auch noch so schal wäre!“
[BM.01_062,07] Spricht Bischof Martin: „Du
sprichst hier auch wie ein Narr und urteilst über göttliche Dinge wie ein
Blinder über die Farben! Meinst du wohl, der große Gott, den zahllose Myriaden
der unerhörtesten Wunder der Wunder ewig durch die ganze Unendlichkeit ehren –
ich sage dir: heilige Wunder, deren Klarheit, Erhabenheit und unbegreiflichste
göttliche Schönheit so groß ist, daß sie dich in einem Augenblicke töten würde,
so du ihrer ansichtig würdest –, wird dadurch an Seiner Ehre etwas gewinnen, so
du dich Ihm zu Ehren ungebührendst ,Jesuit‘ nennst, oder so du durch tausend
andere, oft allerschändlichste Mittel scheinbar gute Zwecke zu erreichen
wähntest?!
[BM.01_062,08] Meinst du wohl, daß Jesus die
schmähliche Inquisition zu Seiner größeren Ehre eingesetzt hat durch einen
Mönch?! Oder meinst du, Jesus hat ein Wohlgefallen an den Autodafés und an
anderen Greueln, die ihr vorgeblich zu Seiner größeren Ehre verübt habt, hattet
aber doch im Hintergrunde nur einen ganz andern, nicht selten
allerschändlichsten Zweck?!
[BM.01_062,09] Meinst du wohl, der Herr Jesus
hat ein Ihn ehrendes Wohlgefallen daran, so du Mädchen geschwängert hast und
hast sie dann eben auch ad maiorem dei gloriam in der Kirchengruft lebendig
einmauern lassen? Oder so du zur größeren Ehre Gottes das Vermögen von tausend
Witwen und Waisen durch allerlei höllische Vorspiegelungen an dich gezogen hast
und hattest nachher kein Herz, wenn du Tausende im größten Elende schmachten
sahst?!
[BM.01_062,10] Meinst du wohl noch im Ernste,
so was könnte zur größeren Ehre Gottes dienlich sein, und der Herr Jesus hätte
ein Wohlgefallen an solcher Verherrlichung Seines Namens? Oh, wenn du das im
Ernste meinst, so bist du das bedauernswürdigste Wesen in der ganzen ewigen
Unendlichkeit Gottes!
[BM.01_062,11] Was wohl würdest du sagen, so
nun Jesus, der alleinige, ewige Herr und Gott Himmels und aller zahllosen
Myriaden von Welten, vor dir stünde und dich fragte, wie du und dein ganzer
Anhang Sein Wort gehandhabt habt? Und wer hat euch das Recht erteilt, Seinen
allerheiligsten Namen auf eine so gräßliche Art zu entheiligen? Sage – ja saget
ihr alle, was wohl würdet ihr dem allmächtigen, ewigen Gott erwidern?!“
[BM.01_062,12] Alle ergreift ein
ersichtlicher Schauder und eine starre Stumpfheit. Keiner getraut sich auch nur
mit einer Silbe dem Bischof Martin etwas zu erwidern, denn sie alle halten ihn
nun für einen Richterengel.
[BM.01_062,13] Nur eine Barmherzige Schwester
geht ganz furchtsam zum Bischof Martin hin und sagt: „O du richtender Engel im
Namen Gottes! Nur in die Hölle verdamme uns nicht; ins Fegefeuer wollen wir in
Gottes Namen ja alle gerne gehen! – Oooooh, das ist ja schrecklich, was du für
ein gestrengster Richter bist! Hohoh – habe doch nur einiges Mitleid mit uns
armen Sündern und Sünderinnen!“
[BM.01_062,14] Spricht Bischof Martin: „Stehe
auf, du blitzdumme Barmherzigerin! Ich bin ewig kein Richter, sondern selbst
ein armer Sünder und erhoffe selbst des Herrn Gnade. Aber ich sehe meine große
Dummheit Gott sei Dank nun ein, und so zeige ich euch auch die eurige, auf daß
ihr dieselbe ablegen sollet und werden, wie es die ewige Ordnung des Herrn
will. Sonst werdet ihr stets nur in ein größeres Elend verfallen, statt
emporzusteigen in eine größere Seligkeit!
[BM.01_062,15] Daß ich euch aber nicht richte,
beweist, daß ich euch alle aufgenommen habe und euch nicht fortschaffe, sondern
freundlichst allesamt behalte – so ihr bei mir verbleiben wollt. Aber so ihr
bleibet, müßt ihr nicht an euren Torheiten festhalten, sondern euch ruhig
belehren lassen von dem, der hier sicher mehr Erfahrung hat als ihr Neulinge in
dieser Welt. Seid nun ruhig, und denket über meine Worte nach!“
63. Kapitel – Martins Zwiegespräch mit zwei
andern Jesuiten und zwei Liguorianern.
[BM.01_063,01] Es treten abermals zwei andere
Jesuiten und dazu noch zwei Liguorianer vor den Bischof Martin und sagen:
„Lieber, bester Freund, wir sind mit deiner Lehre, die du uns allen zugleich
gegeben hast, wohl recht sehr einverstanden. Wie wir's jetzt verspüren, so geht
uns allen hier auch wirklich nichts ab. Aber so wir daneben nur eine kleine
Beschäftigung hätten, da wären wir mit diesem Lose überhaupt zufrieden und
verlangten für die ganze Ewigkeit kein besseres. Müßten wir aber ohne alle
Beschäftigung die ganze Ewigkeit zubringen, da wäre uns am Ende schon der
vollkommene Tod lieber als so ein einförmigstes geschäftsloses Leben.“
[BM.01_063,02] Spricht Bischof Martin:
„Freunde, könnet ihr lesen, was da auf dieser runden weißen Tafel geschrieben
steht?“
[BM.01_063,03] Spricht einer von den vieren:
„O ja, da steht ja das verhängnisvollste ,Dies irae, dies illa! Libera nos ab
omni malo! Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris! Requiescant
in pace! Requiem aeternam dona eis, domine, et lux perpetua luceat eis! Ex
profundis clamavi! Clamor meus ad te veniat! Vitam aeternam dona eis, domine,
et sedere in sino Abrahami, et considere ad mensam illius, et comedere cum illo
per omnia secula seculorum, amen!‘
[BM.01_063,04] Siehe, lesen kann ich ja noch,
wenn ich auch meinem Gefühle nach einige tausend Millionen von Jahren keinen
Buchstaben mehr gesehen habe. Aber sage mir, was soll's denn da mit diesen
alten dogmatischen Versen? Wird sich denn hier in der Geisterwelt etwa ganz
ernstlich danach gerichtet? Wahrlich, so das der Fall wäre, sähe es sehr
schlecht aus mit unser aller Existenz für die ganze lange Ewigkeit! O Freund,
erläutere uns das, wie es hier zu verstehen und zu nehmen ist!“
[BM.01_063,05] Spricht Bischof Martin: „Wie
anders soll es denn zu verstehen sein, als wie es da geschrieben steht! Ich
sage euch, diese Stellen haben keinen andern Sinn als den nur, der sich klar
aus ihren zusammengefügten Worten entnehmen läßt! Zudem saget ihr es selbst:
Habt ihr wohl je auf der Welt einen andern Sinn mit diesen Exklamationen
verbunden, als der sich in der äußern Fügung kundgibt? Waret ihr auf der Welt
mit diesen Verseln zufrieden, wo sie euch Geld trugen und ein geheimes
geistliches Ansehen, warum sollen sie euch jetzt genieren, wo ihr Sinn an euch
praktisch angewendet wird? Was brauchet ihr Beschäftigung? Requiescant in pace;
ergo requiescamus! Diese Ruhe im ewigen Frieden habt ihr nun alle gefunden!
[BM.01_063,06] Licht gibt es auch hier, das
da bei den schönen großen Fenstern fortwährend gleich hereinleuchtet. Also ist
auch dies mein Haus gleich einem Schoße Abrahams und dort jener große, mit
gutem Brote und Weine vollgefüllte Schrank ein wahrer Abrahamstisch, bei dem
ihr samt mir ewig gespeist werdet bis zum jüngsten Gerichte – und, so ihr an
diesem Tage des Zornes nicht verdammt werdet, auch nach diesem ewig! Was wollet
ihr da noch mehr?!“
[BM.01_063,07] Spricht der Liguorianer einer:
„Ja, ja, Freund, du hast recht, es wird schon also sein. Dessenungeachtet aber
muß ich dir nach meinem Gefühle bemerken, daß die Geschichte mit der hier überaus
langweiligen Zeitenfolge ganz unbegreiflich, entsetzlich langweilig wird! Denke
dir: ewig hier, völlig müßig, und nichts anderes ewig zu erwarten habend! Höre,
Freund, diese Langweile nach etwa einigen Dezillionen Erdenjahren! O Herr, das
wird doch kein lebend Wesen mehr zu ertragen imstande sein!“
[BM.01_063,08] Spricht Bischof Martin: „Ja,
was nützt dir aber da auch dein Vernünfteln! Hast du denn nie gelesen, daß
geschrieben steht: ,Jeder wird seines Glaubens leben‘ und ,Wie der Baum fällt,
so wird er liegen bleiben‘? Warum glaubten wir denn so ein dummes Zeug, dessen
Wirklichkeit uns hier nicht munden will?
[BM.01_063,09] Waren wir starrsinnige Esel
auf der Welt, so müssen wir uns auch hier die Verwirklichung unseres eselhaften
Glaubens gefallen lassen, ob sie uns behagt oder nicht! Hätten wir aber weiser
unsern Glauben auf der Welt eingerichtet, würden wir uns auch hier sicher
besser befinden. Wir alle aber – ich nicht ausgenommen – waren auf der Welt nur
desto glücklicher, je mehr Finsternis wir dort verbreiteten. Darum geniere uns
das auch hier nicht, so wir nun allesamt hier in unserer eigenen Dummheit
begraben leben wie im vermeintlichen Schoße Abrahams!
[BM.01_063,10] Gab und gibt es nicht in der
Welt eine ungeheure Menge von alten Eseln, Ochsen und Schafsköpfen, die zwar
selbst in einem fort vom Lichte und von Aufklärung faseln? Wenn ihnen auch ein
besseres Licht gegeben wird und ein besseres Futter, so aber richten sie sich
dennoch nicht danach, sondern kehren ganz behaglich in ihre alte Dummheit
zurück, fressen das alte Futter und erquicken ihre Augen am spärlichsten
Zwielichte ihres Esels- oder Ochsenstalles, so sie ihres Magens alten Unflat
wiederkäuen können.
[BM.01_063,11] Seht, dergleichen Esel und
Ochsen und Schafsköpfe waren ja eben auch wir im Vollmaße. Daher muß es uns nun
gar nicht wundern, wenn der Herr so großmütig für unsere alte Viehnatur gesorgt
hat. Wer Freude hatte an der Dummheit, der bleibe in seiner Freude! Wer Freude
hatte mit dem Schlafe, der kann hier schlafen nach Herzenslust! Wer Freude
hatte am Müßiggange, der ruhe hier ewig! Wer Freude hatte am Essen und Trinken,
dort ist Abrahams Tisch! Wer sich gerne mit Jungfrauen befaßte, der hat dort
Barmherzige Schwestern, Schulschwestern und Herz-Jesu-Damen! Wir sind ja
ohnehin mit allem bestens versorgt; was jammern wir da noch?!“
[BM.01_063,12] Alle zucken die Achseln und
sagen: „Du hast zwar recht – aber der Teufel soll unsere Weisheit holen!
Könnten wir noch einmal Frösche auf der Welt werden und nach Lust quaken, so
wären wir offenbar besser daran! Aber was nicht mehr zu ändern ist, das muß
leider so verbleiben.“
64. Kapitel – Ehrliches Bekenntnis des
Minoriten. – Rom als Schuldträger. – Beginnende Erkenntnis und Besserung bei
den Minoriten.
[BM.01_064,01] Tritt ein Minorit hervor, und
spricht: „Freunde, lasset mich ein Wörtlein reden! Und sollte es zu nichts
Besserem taugen – was ich freilich nicht bestimmen kann –, so soll es uns
wenigstens ein Stückchen von unserer bevorstehenden ewigen Ruhe angenehmer
machen!“
[BM.01_064,02] Sprechen alle: „Bravo, recht
so! Rede nur zu, wir werden dich mit Vergnügen anhören! Denn du warst ja schon
auf der Welt als ein sehr weiser und salbungsvoller Redner bekannt. Rede daher
hier nur fleißig zu, wie dir die Zunge gewachsen ist!“
[BM.01_064,03] Spricht der Minorit: „Brüder
und Freunde, wir hatten alle auf der Welt gewisserart zwei Evangelien. Erstens
ein altes von Christus dem Herrn und von manchen Seiner Apostel, und zweitens
das der römisch-katholischen Kirche, die sich den dogmatischen Titel ,die
Allein-Seligmachende‘ beilegte, indem sie sich auf dem Stuhle Petri zu befinden
wähnte und noch wähnt und die Schlüssel zum Himmel wie zur Hölle habe.
[BM.01_064,04] Dieser Kirche schworen wir,
bis an unser letztes Ende treu zu sein und alles für wahr anzunehmen, was sie
zum Glauben gebiete – ob es nun in irgendeiner Bibel geschrieben stehe oder
nicht. Ebenso haben wir uns ihr auch eidlich verpflichtet, jeden
Andersdenkenden und Andersglaubenden als einen barsten Ketzer zu betrachten und
zu verdammen.
[BM.01_064,05] Was wir beschworen haben, das
hielten wir auch genau – obschon nicht selten wider unsere eigene Vernunft und
wider allen gesunden Menschenverstand.
[BM.01_064,06] Ihr wißt wohl alle, wie uns
die Bibel zu lesen von der Kirche aus als Todsünde verboten war und wie wir
bloß nur die sonntäglichen, sehr abgekürzten Evangelien lesen durften. Alles
andere durften bloß die Doktoren der Theologie lesen und verstehen. Uns waren
dafür die Patres ecclesiastici und das Breviarium und die Legenden beschieden,
dann auch die Ordensregeln, der Ignatius v. Loyola, die Reliquien, Bilder, die
Messen, die Sakramente, die Beichte und noch eine Menge anderer Dinge mehr, die
man hier sicher ohne Scheu als barste, oft bösartige Dummheiten bezeichnen
kann.
[BM.01_064,07] Frage: So wir bei all dieser,
von Gott doch sicher wenigstens zugelassenen römischen Kirchenverfassung der
eigentlichen Jesuslehre schnurgerade entgegengehandelt haben, können da wir
etwas dafür? Der Schuldträger daran ist somit nach allem menschlichen und
sicher auch göttlichen Rechte zur Verantwortung zu ziehen. Uns allen wäre aber
ein solcher Bescheid zu erteilen, wie wir uns für die ewige Zukunft zu benehmen
haben und wie gutzumachen, was wir am Ende selbst Schlechtes verübt haben!“
[BM.01_064,08] Sprechen die andern: „Bravo,
du hast wirklich sehr weise geredet und hast uns allen ein großes Vergnügen
bereitet! Der Schuldträger büße für uns! So ist's recht! Der Römische Stuhl
büße und jeder, der uns zu etwas qualifizieren ließ, ohne unsere Einwilligung
auf eine Zeit abzuwarten, in der unser Denkvermögen im rechten Lichte reif und
geläutert geworden wäre!
[BM.01_064,09] Man hat uns getauft ohne
unsere Einwilligung und hat eben durch derlei zu frühzeitige Taufe uns ein
römisches Bekenntnis aufgedrungen, somit das Kind im Mutterleibe schon
verantwortlich gemacht. Oder ist es nicht mehr als toll, von einem neugeborenen
Kinde durch gewisse Stellvertreter einen Eid der Treue schwören zu lassen? Ohne
zu bedenken, ob das Kind, so es erwachsen sein wird, mit dieser genötigt
geschworenen Treue wohl einverstanden sein wird oder nicht, und im
entgegengesetzten Falle offenbar einen Eidbruch begehen muß. Oh, das ist ja
entsetzlich widerchristlich!
[BM.01_064,10] Hat doch Christus Selbst
gesagt: ,Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden!‘ Oh, das ist ja
ganz antichristlich; wie kann man denn früher getauft werden, als man noch des
christlichen Glaubens in sich bewußt wird? Die Taufe soll doch ein lebendiges
Zeugnis sein, daß jemand den christlichen Glauben zur einzigen Richtschnur
seines Lebens angenommen! Weiß aber ein neugeborenes Kind, was Glaube, was der
christliche Glaube und was ein Zeugnis ist? Ah, wenn man da recht nachdenkt,
findet man die Dummheit immer größer und widerchristlicher!
[BM.01_064,11] Es heißt, daß durch diese
Taufe die Erbsünde und alle vor der Taufe begangenen Sünden nachgelassen
werden. Oh, wie schroff dumm ist das doch! Kann ein nur ein wenig heller
denkender Mensch ein Kind darum verdammen, weil seine Eltern einen
verzeihlichen Fehler begangen haben unter sich? Und Gott, der allerhöchst
Weiseste, sollte Kindern der mehr als tausendsten Generation noch fortwährend
Adams Fehltritt zur Todsünde rechnen, die doch nie eine Schuld an seinem
Fehltritt haben können?! Ja, das sieht man erst hier so recht ein. Was aber die
vor der Taufe begangenen Sünden betrifft, so ist das doch rein zum Lachen! Ein
Kind wird doch nicht schon im Mutterleibe sündigen!
[BM.01_064,12] Ein Heide aber, der erst zur
christlichen Religion übertritt, die jetzt wohl bei weitem heidnischer ist als
das barste Heidentum selbst, welche Sünden kann er wohl haben? Es müßten nur
Sünden gegen seine heidnischen Gesetze sein. Denn gegen die christlichen
Gesetze kann ein Heide sich doch unmöglich versündigen, weil er sie noch nie
erkannt hat! Einem Heiden aber seine heidnischen Sünden nachlassen, hieße ja
doch nichts anderes, als ihn von vorne wieder in seinem Heidentum bestätigen.
Ebendasselbe ist sicher bei einem Juden der Fall: denn einem Juden durch die
Taufe verzeihen wollen, daß er so lange ein Jude war, das wäre doch auch alles,
was sich nur ein einigermaßen nüchterner Mensch als Kulminationspunkt der
Dummheit denken kann!“
[BM.01_064,13] Spricht wieder der Minorit:
„Freunde, ihr seid mir nur zuvorgekommen. Eure Bemerkung war ganz richtig. Ich
sage euch: Mir kommt nun diese römische Christenmacherei schon im Mutterleibe
geradeso vor wie die alten Märchen von der Teufelsverschreiberei! Man wird hier
aus lauter niedrigen, politischen Absichten schon fast im Mutterleibe förmlich
dem ,Gott-steh-uns-bei‘ verschrieben, der einen dann durch Rom von allen Seiten
her völlig in Beschlag nimmt. Oh, das ist löblich! Und so eine
widerchristliche, sogenannte ,Erste Christenkirche‘ nennt sich auch noch dazu
eine ,Mutter‘ und ihr Oberhaupt einen ,Stellvertreter Jesu Christi‘, also
Stellvertreter Gottes!
[BM.01_064,14] Merkwürdig, merkwürdig – und
doch ist es wahr: in welchem Irrsal waren wir doch alle und merkten es nicht,
daß wir schon von der Geburt an rein des ,Gott-steh-uns-bei‘ waren! Durch die
Taufe hätten wir sollen von der blitzdümmsten Erbsünde befreit werden so, daß
wir dadurch zu Gotteskindern würden. Schöne Gotteskinder, – Gott steh uns bei!
Statt aus der Hölle sind wir nur buchstäblich in die Hölle hineingetauft
worden!
[BM.01_064,15] Und daß ja niemand je an
ernstliche Buße und wahre Besserung seines Lebens denken sollte, ward die alle
Todsünden beschwichtigende Ohrenbeichte erfunden mit dem vollkommenen
Absolutionsrechte bei uns Priestern. Dadurch wurde jeder Mensch wieder in
seinen alten Pfuhl hineingeworfen und war nie imstande, eine neue Kreatur in
Christus zu werden!
[BM.01_064,16] O Brüder, Brüder, Brüder! Das
sind Sachen, deren Zulassung von seiten Gottes uns ein ewig unauflösliches
Rätsel bleiben wird! ,Werdet alle vollkommen, wie da euer Vater im Himmel
vollkommen ist!‘ Schöne Vollkommenheit das, wo man wohlbewußt nur dümmer noch
als ein Stockfisch sein mußte und erst jetzt als Geist in einem mehr
himmlischen Lichte einzusehen anfängt, in welchem Irrsal man sich auf der Welt
befunden hat!
[BM.01_064,17] Es wäre noch sehr viel zu
reden und ließe sich immer deutlicher erweisen, daß der Römische Stuhl der ganz
alleinige Schuldträger an all unserer Verkehrtheit ist. Aber ich denke, was wir
jetzt nur dunkel einsehen, das wird der Herr sicher im vollsten Lichte sehen.
Und Er wird uns armen verführten Sündern gnädig und barmherzig sein, wenn wir
allen von Herzen vergeben wollen, die je irgend an unserer planmäßigen
Verfinsterung Schuld getragen haben und noch tragen! – Das ist so meine
Meinung; was meinet denn ihr?“
[BM.01_064,18] Alle rufen laut: „Bravo!“ und
sind – bis auf wenige Jesuiten – vollkommen mit ihm einverstanden.
65. Kapitel – Bischof Martin macht die
geistig-blinden Jesuiten sehend.
[BM.01_065,01] Diese Jesuiten aber übernimmt
Bischof Martin zur Bearbeitung und beginnt mit diesen Kopfschüttlern und
Achselzuckern einen ganz radikalen Diskurs zu führen, der so lautet:
[BM.01_065,02] „Warum schüttelt ihr
verneinend eueren Kopf und zuckt zweifelhaft mit den Achseln? Versteht ihr die
Sache etwa besser als eure nun recht bieder denkenden Gefährten? Ich glaube es
kaum! Ich weiß aber, wo ihr hinauswollt, und eben darin liegt der Grund, warum
ihr wenigen hierbei den Kopf schüttelt und die Achseln zuckt! Sehet, ich will
euch sagen, was euch noch die dreifache Decke Mosis vor den Augen hält!
[BM.01_065,03] Zuerst ist es euer alter,
starrer, unbeugsamer Sinn, der eure Gemüter noch fortwährend beherrscht und
kein besseres und reineres Licht in eure Herzen kommen läßt. Fürs zweite aber
ist es euer finsterer Irrwahn, demzufolge ihr glaubt, es gehöre, um ein Christ
zu sein, vorerst nichts als die Taufe dazu. Man brauche jemanden bloß nur im
Namen des Vaters, des Sohnes und Heiligen Geistes zu taufen – und der Christ
ist nach eurem Irrglauben fertig! Wahrlich, ein schöner Glaube! Und fürs dritte
seid ihr noch der hochmütigen Meinung und des herrschsüchtigsten Glaubens, ihr
seid die rechten Apostel des Herrn und habt von Ihm die Gewalt, zu tun, was ihr
wollt, weil ihr den wahren Heiligen Geist hättet!
[BM.01_065,04] O ihr alten Narren! Wodurch
könnt ihr das beweisen? Wo steht in der Schrift ein solcher Text, durch den
sich eure Narrheit rechtfertigen ließe? Meint ihr, daß der Herr auch zu euch
vollkommensten Widerchristen geredet hat, was Er zu Petrus und zu Seinen andern
Aposteln geredet hat, als Er sie in die Welt hinaussandte, das Evangelium allen
Völkern zu verkünden? Oh, da seid ihr in großer Irre! Sehet, dort heißt es:
,Nehmet hin den Heiligen Geist! Was ihr – im Besitze dieses Heiligen Geistes –
binden oder lösen werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden oder
gelöset sein!‘
[BM.01_065,05] Habt ihr aber je diesen
Heiligen Geist besessen? Kann sich der Heilige Geist je selbst widersprechen,
kann er ändern, was er einmal für ewig bestimmt hat? Oder kann er auch noch
weiser werden und einsehen, daß seine einmal gegebenen Gebote mangelhaft seien
und daher mit neuen und besseren zu ersetzen sind?
[BM.01_065,06] Hat denn der Heilige Geist zu
den Zeiten der Apostel noch nicht eingesehen, daß da später Mönche aller Farben
und Gattung vonnöten sein werden, die Menschen in den Himmel zu bringen? Daß da
Bilder, Schnitzwerke, Reliquien, Gnadenbilder, Glocken, Weihbronn, Weihrauch,
Meßgewänder, Mönchskutten, Kirchen und Klöster, Kelche und Monstranzen,
Meßglöckchen und lateinisch korrespondierende Ministranten und tausend derlei
Torheiten mehr nötig sein werden, um in den Himmel zu kommen? Wie blind muß der
Heilige Geist damals doch gewesen sein, daß er solche Notstücke nicht schon zu
den Apostelzeiten für das Seelenheil der Menschen eingesehen und sogleich
angeordnet hat!
[BM.01_065,07] Oder sind die ersten Christen
samt Petrus und Paulus eben darum nun wirklich des Teufels, weil sie keine
Kirchen, keine Glocken, keine lateinischen Messen und Totenämter hatten und
keine seligmachenden Gnadenbilder, sogar keine Beicht und letzte Ölung, keine
teuer bezahlten Seelenämter, kein Verschiedenläuten, kein Bahrtuch, keine
Windlichter und gelben Wachskerzen und dergleichen mehr?!
[BM.01_065,08] Seht ihr denn solch einen
Unsinn noch nicht ein? Sehet ihr nicht ein, daß wir alle – eben durch diese von
unserer Habsucht und glänzenden Herrschgier ganz eigenmächtig, nicht nur ohne
den allergeringsten evangelischen Auftrag, sondern schnurgerade wider das Wort
Gottes und wider die Lehre aller Apostel kreierten – sogenannten
gottesdienstlichen Werke, Gesetze und Zeremonien die offenbarsten Sünder gegen
den Heiligen Geist waren, von denen es heißt, daß es ihnen nicht vergeben wird,
weder zeitlich noch ewig?
[BM.01_065,09] So ihr das reine Wort des
Herrn an alle Menschen nur einmal oberflächlich vergleichet mit unserem
römisch-katholischen Unsinn, muß es euch ja wie Schuppen von den Augen fallen.
Und ihr müßt vollkommen einsehen, daß Rom nichts als die in der göttlichen
Offenbarung nur zu klar bezeichnete Hure Babels ist und wir Priester
zuallernächst ihre Engelchen – Gottstehunsbei – sind in optima forma!
[BM.01_065,10] Laßt also, liebe Brüder und
Schwestern alle, euren alten weltlichen Unsinn fahren! Wendet euch samt mir
alle an den alleinigen Gott und Herrn, Jesus Christus – so werdet ihr alle
sicher in Gnaden angenommen werden!
[BM.01_065,11] Aber höret: nicht diese meine
magere, wennschon gut gemeinte Beredung, sondern euer eigener Wille und die
Liebe eures Herzens bestimme euch fest und unabänderlich dazu!“
[BM.01_065,12] Alle sind nun mit dem Bischof
Martin einverstanden, – nur die Herz-Jesu-Damen sagen: „Bis wir nicht von Gott
Selbst, oder wenigstens von der seligsten Jungfrau Maria den Auftrag dazu
erhalten, bleiben wir der römischen Mutter getreu und nehmen von euch keine
neue Lehre an, die uns in die Hölle bringen könnte!“
[BM.01_065,13] Spricht Bischof Martin: „Nur
still, ihr dummen Greteln! Der Herr wird euch sogleich eine ganz eigene Wurst
braten lassen! Wollt ihr das Evangelium nicht zu eurer Lebensrichtschnur nehmen
für ewig, so bleibt in eurer Dummheit eine ganze Ewigkeit lang und zehret an
dem Speck eurer lieben römischen Mutter! Daß ihr dabei sicher nicht zu fett und
schön werdet, dafür wird des Herrn Weisheit Sorge tragen. Denn der Herr
versteht es, so dumme Geister auf eine ganz gehörige, überhomöopathische Diät
zu setzen, welche oft eine kleine Ewigkeit dauert und solchen dummen Geistern
entschieden die besten Dienste leistet – was ich aus der Erfahrung weiß!
[BM.01_065,14] Lassen wir diese dummen,
finstern Damen bei ihrem Glauben! Wir aber wollen uns null einem bessern Lichte
zuwenden im Namen des Herrn!“
66. Kapitel – Die Herz- und Hauserweiterung.
Des Herrn Ruf an Martin.
[BM.01_066,01] Fragt der Minorit: „Wo,
Bruder, wo ist dein ausgesprochenes besseres Licht? Wohin wirst du uns führen,
daß wir es erschauen?“
[BM.01_066,02] Spricht Bischof Martin: „Folgt
mir hierher in die Mitte dieses Saales! Seht, dort befindet sich ein wahrhaft
göttlich kunstvoller tellurischer und astronomischer Mechanismus! Da wollen wir
zuerst die Erde, die wir bewohnt haben, näher betrachten und von ihr uns dann
zu den andern Planeten und endlich zur Sonne selbst begeben. Allda werdet ihr
so manches erschauen, was euch allen bisher ein Rätsel war. Also nur vorwärts!“
[BM.01_066,03] Alles bewegt sich nun auf die
bezeichnete Stelle und umgibt diese in dichten Reihen. Auch die Herz-Jesu-Damen
schleichen ganz langsam nach, um zu sehen und zu hören, was alles da verhandelt
wird und wie etwa das vom Bischof Martin bezeichnete bessere Licht aussehen
wird.
[BM.01_066,04] Bischof Martin bemerkt das und
spricht ziemlich laut: „Was schleicht ihr weisen Damen uns denn nach, wie auf
der Welt eine geheime Polizei? Da ist nichts mit der geheimen Polizeischaft!
Wollt ihr euch dem bessern Lichte mit uns, euren Brüdern und Schwestern,
zuwenden, so gehet offen und freudig wie wir! Geheime, spitzelhafte Schleicherei
wird hier nicht geduldet! Verstanden?“
[BM.01_066,05] Als die Herz-Jesu-Damen
solches vernehmen, machen sie halt und sagen: „Freund, sei nicht zu ärgerlich
über uns! Denn so du weißt, daß wir dumm und schwach sind und sicher verleitet
– wie es sicher du selbst warst und hast auch nicht gleich beim Eintritte in
diese Welt alles für bare Münze angenommen, was dir gesagt wurde –, da habe
doch einige Geduld mit uns Armen, wir bitten dich darum! Wir haben von dir bis
jetzt noch keinen löblichern Namen als ,Greteln‘ erhalten und haben uns darüber
nicht beschwert. Daß wir unsern Orden in Schutz nehmen, wird doch etwas gar so
Schlechtes nicht sein! Du, lieber Freund, aber bist uns sehr hart gekommen,
doch wir ertrugen es, wenn wir schon ein wenig murrten. Wir bitten dich aber
nun, vergib uns, und sei nicht mehr gar so hart gegen uns arme Sünderinnen!“
[BM.01_066,06] Spricht Bischof Martin: „Ah,
diese Sprache von euch gefällt mir schon besser als die französische. Wenn ihr
mir so kommt, da kommet nur mutig und freudig zu mir her und überzeugt euch von
allem, was hier ist, geschieht und fürder geschehen wird!“
[BM.01_066,07] Die Herz-Jesu-Damen kommen nun
schneller herbei und fangen sich nicht wenig zu verwundern an, als sie dieses
großen und kunstvollsten Mechanismus ansichtig werden. Die Jesuiten umstehen sogleich
den Erdglobus und schlagen die Hände vor lauter Verwunderung über dem Kopfe
zusammen, daß dieser Globus der wirklichen Erde so getreu nachgeformt ist und
auf demselben auch nicht die geringste Kleinigkeit mangelt. Die Minoriten
gucken mit gleichem Erstaunen diesen Globus an, ebenso auch die Liguorianer.
Die Franziskaner bewundern mehr das Planetensystem und den Glanz der Sonne, die
hier ebensoviel Licht verbreitet, als zur Erleuchtung des ganzen
Planetenmechanismus vonnöten ist. Diese Sonne gefällt auch den Barmherzigen
Schwestern und den Schulschwestern am besten. Kurz, alles bewundert diese
Einrichtung, und Bischof Martin macht, so gut er's kann, einen eifrigen
Erklärer dieser himmlischen Merkwürdigkeit, wobei ihm manchmal freilich ein
sarkastischer Witz über die Erscheinungen auf der Erde nicht auf der Zunge
steckenbleibt.
[BM.01_066,08] Nachdem diese ganze große
Gesellschaft sich eine geraume Zeit bei diesem Erd- und Planetenmechanismus
aufhält und sich von Bischof Martin unterweisen läßt, wird es auf einmal
bedeutend heller im Saale. Er kommt nun sogar dem Bischof viel größer vor als
früher im sehr gemäßigten Lichte. Die Gesellschaft bemerkt das auch und fragt
den Bischof, woher nun mehr Licht und wodurch diese so bedeutende Erweiterung
des Saales komme.
[BM.01_066,09] Bischof Martin spricht: „Meine
lieben Freunde und Brüder und Schwestern! Das muß euch hier nicht zu sehr
befremden. Denn da verändert sich nur zu leicht alles, was einmal in einer
gewissen Art und Gestalt zum Vorscheine kommt. Habt ihr, als ihr hierher kamet,
nicht bemerkt, wie klein dies Haus von außen aussah, und wie groß es dann von
innen war? Seht, das ist doch schon sicher ein Wunder! So ist auch diese
Erscheinung nichts als ein Wunder, das wir zwar alle nicht verstehen, das zu bewerkstelligen
aber dem Herrn dennoch etwas überaus Leichtes ist.
[BM.01_066,10] Ich meine aber, da ihr alle
nun schon etwas bessere Erkenntnis angenommen habt, läßt der Herr auch mehr
Licht zu uns kommen. Und da sich unsere Begriffe über Ihn nun etwas erweitert
haben, so hat auch Er uns diese sichere Wohnung entsprechend erweitert, auf daß
wir alle in ihr einen desto hinreichenderen Platz haben sollen. Oh, über derlei
Erscheinungen muß man sich hier im eigentlichen Wunderreiche gar nicht zu sehr
wundern: hier werden nicht zuerst die Kirschen, dann die Pflaumen und bald
darauf Zwetschgen zeitig, sondern hier geschieht alles nur nach der Reife
unserer Herzen durch die Allmacht, Liebe und Weisheit des Herrn!
[BM.01_066,11] Aber nun erschaue ich dort auf
der runden Tafel auch auf einmal eine ganz neue, stark glänzende Schrift! Muß
doch sehen, was da oben steht!“ Bischof Martin bewegt sich behende zur Tafel
und liest: „Martin, komme heraus, denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen! Die
ganze Gesellschaft aber soll sich unterdessen ruhig verhalten. Komm, es sei!“
Bischof Martin macht ganz selig der Gesellschaft kund, daß sie sich nun ruhig
verhalte, was sie auch genau befolgt. Er aber will dann sogleich dem Rufe auf
der Tafel nachkommen.
67. Kapitel – Veränderung des Gartens. Borem
als Gärtner.
[BM.01_067,01] Als Bischof Martin aus der Tür
seines Hauses tritt, erschaut er den Garten um sein Haus sehr erweitert und in
einem überaus blühenden Zustande, was ihm eine ungemein große Freude macht. So
ersieht er auch wieder des Herrn Wohnung in großer Nähe gegen den Morgen zu,
was ihn noch ums unvergleichbare seliger stimmt. Aber er sieht sich nach allen
Seiten um und erblickt niemand, der ihn draußen erwartete. Das macht unsern
Martin schon wieder ein wenig stutzen; aber er verliert diesmal seinen Mut wie
auch seine Geduld nicht und geht in den Garten, Mich, den Herrn, aufzusuchen.
Er meint, Ich werde Mich da irgend verborgen halten, um möglicherweise von der
großen Gesellschaft durch ein Fenster nicht gesehen zu werden.
[BM.01_067,02] Bischof Martin durchsucht
emsigst den Garten. Da er Mich dennoch nicht findet, so spricht er bei sich:
„Das sieht schon wieder so einer kleinen himmlischen Ansetzerei gleich! Aber
das macht nichts, wenn nur ich meiner erkannten Pflicht nachkomme. Mag der Herr
entweder Selbst oder ein Abgesandter von Ihm tun, was Er will, das ist mir nun
schon alles eins. Ich könnte freilich wohl zu Ihm hin in Seine Wohnung gehen,
aber dazu habe ich keinen Auftrag. Denn auf der Tafel stand nur: ,Martin, komme
heraus; denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen!‘ Draußen bin ich nun einmal,
meinen Auftrag habe ich genau erfüllt. Hat mich der Herr umsonst herausgerufen,
so geht mich das nichts an, ich bin einmal da.“
[BM.01_067,03] Nach diesen Gedanken
schlendert Bischof Martin weiter in dem sehr ausgedehnten Garten herum und
entdeckt ganz am Ende des Gartens einen Gärtner, der gerade ein kleines
Bäumchen ums andere in das Erdreich setzt. Diesem fleißigen Gärtner geht er zu.
Als er in seine Nähe kommt, erkennt er sogleich seinen Buchhändler Borem und
spricht voll Freuden: „O Bruder, o Freund! Wie oft habe ich schon bereut, daß
ich dich so grob und so arg beleidigt habe! Vergib es mir, und werde mein ewig
unzertrennlicher Führer! Denn siehe, ich erkenne nun in der Fülle mein Unrecht
gegen dich – und besonders gegen die Güte des Herrn!“
[BM.01_067,04] Borem sieht sich um und
begrüßt freundlichst den Bischof mit den Worten: „Sei mir gegrüßt, mein lieber
Bruder Martin! Es macht dem Herrn eine rechte Freude, daß du frei aus dir
selbst Gutes getan hast. Darum aber hat der Herr mich auch hierher beschieden,
daß ich dir diesen deinen Garten zurechtbringe und ihn erweitere, wie du dein
Herz zurechtgebracht hast und hast es sehr erweitert in der Liebe. Fahre so
fort, im Namen des Herrn zu wirken, so wirst du dich der Wiedergeburt deines
Geistes mit Riesenschritten nahen!
[BM.01_067,05] Ich aber bleibe nun bei dir,
weil du mich selbst in deinem Herzen verlangtest, und will dir beistehen und
helfen, wo es dir nur immer nottun wird. In deinem Hause gibt es nun eine große
Arbeit. Diese wird uns noch sehr viel zu schaffen machen. Aber wenn der Kampf
am ärgsten sein wird, dann wird auch ein glänzender Sieg am nächsten sein.
[BM.01_067,06] Nun bin ich auch mit dem
Einsetzen der Bäumchen fertig. Laß uns daher zu denen gehen, die unserer Hilfe
bedürfen! Sie sind zwar von dir schon tüchtig bearbeitet, ungefähr wie dieser
Garten nun; dessenungeachtet wird es noch ziemlich viel brauchen, bis alle die
tausend Bäumchen vollreife Frucht zum Vorscheine bringen werden.
[BM.01_067,07] Liebe und Geduld aber
überwinden alles! Daher gehen wir nun getrost ins Haus und beginnen sogleich
unser gerechtes Werk im Namen des Herrn!“ – Borem und Martin gehen nun sogleich
ins Haus.
68. Kapitel – Borems belehrende Worte über
den Weg zur Seligkeit.
[BM.01_068,01] Als nun beide ins Haus kommen,
geht ihnen sogleich einer der Minoriten, der schon früher so recht verständig
geredet, entgegen und fragt Martin: „O lieber Freund und Bruder, was doch gab
es draußen, darum du so eilends hinaus mußtest? Siehe, wir alle waren darob in
großer Bestürzung und Sorge wegen deiner: wir meinten, du wärest etwa
unseretwegen zur Rechenschaft gezogen, und dir sei darum vielleicht etwas Übles
begegnet. O sage uns, wie es dir erging!“
[BM.01_068,02] Martin lächelt und spricht: „O
liebe Freunde und Brüder, seid meinetwegen gänzlich unbesorgt! Seht, diesen
lieben Freund und Bruder hat mir der Herr euret- und meinetwegen zugesandt, daß
er mir helfe, euch alle auf den rechten Weg zu bringen, – darum einzig und
allein bin ich hinaus gerufen worden.
[BM.01_068,03] Ihr alle aber müßt nun diesen
Freund des Herrn willigst anhören und euch allezeit nach seinen Worten richten,
so wird euer und vielleicht auch mein Los bald in Kürze ein besseres und freieres
werden. Denn seht, auch ich bin noch lange kein völlig seliger Geist, sondern
nur auf dem Wege, der vollkommenen Seligkeit durch die Gnade des Herrn
teilhaftig zu werden!
[BM.01_068,04] Befleißigt euch nun alle,
dieser Gnade ehest möglich teilhaftig zu werden! Es kann sehr leicht sein, daß
wir dann samt und sämtlich unsern Weg zu gleicher Weile in das Reich des
Gotteslichtes nehmen werden!“
[BM.01_068,05] Spricht der Minorite wieder:
„Ja, Bruder, wir alle versprechen es dir und deinem Freunde, uns in allem
strenge nach der Vorschrift zu verhalten, die ihr uns geben werdet, um nur der
allergeringsten Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!“
[BM.01_068,06] Spricht Borem: „Ja, liebe
Brüder und Schwestern, haltet dies euer Versprechen aus dem Grunde eures
Herzens! Liebet Jesus Christus, den Gekreuzigten, über alles, darum Er ist
unser aller einiger, liebevollster und heiligster Vater! Suchet allein nur Ihn
und Seine Liebe und hänget an nichts eure Herzen denn allein nur an Ihn, so
werdet ihr viel eher, als ihr es denket, euch in Seiner ewigen Liebewohnung
befinden! Aber alle eure sinnlichen Weltanhängsel müsset ihr aus euren Herzen
verbannen, sonst wäre es nicht möglich, euch in die ewige Wohnung des heiligen
Vaters zu bringen. Merket aber nun wohl, was ich euch sagen werde!
[BM.01_068,07] Seht, ihr alle hattet auf der
Welt von Gott und vom Himmel, wie überhaupt vom Leben der Seele und ihrem
Befinden nach dem Tode des Leibes, zwar zwei verschiedene, aber durchgehends
grundfalsche Begriffe. Ihr habt euch schon bisher überzeugen können, daß sich
hier euer irdischer Glaube in nichts bestätigt erwiesen hat: Ihr habt kein
Fegefeuer, ja sogar keine Hölle, wie auch keinen Himmel und keine beflügelten
Engel gefunden. Wie ihr aber das alles nicht gefunden habt, so werdet ihr auch
alles andere ewig nicht finden, woran ihr als römische Katholiken geglaubt
habt.
[BM.01_068,08] Auch alle die Gebetshilfen der
Gemeinden und der Priester, auf die ihr große Glaubensstücke gehalten habt,
haben hier nicht den allergeringsten Wert. Niemand kommt hier durch ein
vermitteltes Erbarmen zum Herrn, da der Herr ohnehin von der allerhöchsten
Erbarmung ist. Es wäre daher eine allergrößte, sündhaftigste Torheit, den
allerbarmherzigsten, liebevollsten, allerbesten Vater zur Barmherzigkeit bewegen
zu wollen.
[BM.01_068,09] Daher muß hier ein jeder
selbst ernstlichst Hand an sein eigenes Werk legen, ansonsten es unmöglich
wäre, zu Gott, dem Herrn aller ewigen, unendlichen Herrlichkeit zu gelangen.
Seht, ich bin nun selbst ein großer Engel des Herrn. Er ruft mich nicht anders
als: ,Mein Bruder! Wie endlos lieb habe Ich dich!‘ Und seht, so ich auch
hinginge und möchte bitten für euch eine Ewigkeit, würde euch das dennoch
nichts nützen. Denn jeder muß selbst tun aus seiner Liebe heraus, was da in seiner
Kraft steht, ansonsten er nie zu der wahren Freiheit seines Geistes gelangen
kann. Gott ist wohl allmächtig, aber Seine Allmacht macht niemanden frei, da
eben sie es ist, aus der wir durch unsern freien Willen und durch die Liebe zu
Gott frei gemacht werden müssen. Sonst wären wir nichts als Maschinen und
Automaten dieser Allmacht Gottes.
[BM.01_068,10] Der Herr aber hat darum aus
Seiner endlosesten Weisheit geordnete Wege gestellt, die wir wandeln müssen, um
zu dieser göttlichen Freiheit zu gelangen. Diese Wege waren euch bis jetzt
unbekannt, ich aber werde sie euch nun bekanntgeben. Daher müßt ihr wohl darauf
achten, und euch genau – aber freiwillig – auf diesen Wegen halten. Dann werdet
ihr dahin gelangen, wohin zu gelangen ein jeder von Gott geschaffene Geist
berufen ist.
[BM.01_068,11] Es wird euch von nun an alle
erdenkliche Freiheit gegeben werden. Was ihr immer wünschen und wollen werdet,
wird euch zuteil werden. Aber diese Freiheit ist noch keine Freiheit, sondern
nur eine Prüfung, die ihr zu verstehen, aber ja nicht zu mißbrauchen habt!
[BM.01_068,12] Es werden euch tausende Evas
den versuchenden Apfel hinhalten, aber ihr dürft ihn aus Liebe zum Herrn nicht
anrühren!
[BM.01_068,13] Ihr werdet verleumdet und
verspottet werden, aber da dürft ihr euch nie erzürnen oder an eine böse
Vergeltung denken!
[BM.01_068,14] Man wird euch verfolgen, wird
euch berauben, und mißhandeln sogar. Aber eure Gegenwehr sei nichts als Liebe,
obschon euch alle Mittel zu Gebote stehen werden, durch die ihr euch zur Genüge
rächen könntet!
[BM.01_068,15] Gedenket allezeit des Herrn
und Seines Evangeliums, so werdet ihr eure Wohnung für die Ewigkeit auf festem
Grunde bauen, daß sie nimmer erschüttert wird!
[BM.01_068,16] Ich sage euch die ewige
Wahrheit aus Gott, dem Herrn alles Seins und Lebens. Wer da nicht erfüllet das
Wort Gottes in sich tatsächlich, der kann in Sein Reich nicht eingehen!
[BM.01_068,17] Jeder muß der Demut engste
Pforte passieren und muß dem Herrn alles anheimstellen. Nichts als die
alleinige Liebe, mit der tiefsten Demut gepaart, darf uns bleiben! Uns darf
nichts beleidigen. Wir dürfen nie denken und sagen, dies und jenes gebühre uns
irgend mit Recht. Denn wir alle haben nur ein Recht, nämlich das Recht der
Liebe und der Demut. Alles andere ist ganz allein des Herrn!
[BM.01_068,18] Wie aber der Herr Selbst Sich
bis auf den äußersten Punkt gedemütigt hat, also müssen auch wir es tun, so wir
dahin kommen wollen, wo Er ist!
[BM.01_068,19] Wer dir eine Ohrfeige gibt,
dem erwidere sie nicht, sondern halte ihm noch die andere Wange hin, auf daß
Friede und Einigkeit herrsche unter euch! Wer von dir den Mantel verlangt, dem
gib auch den Rock dazu! Wer dich zu einer Stunde Geleite nötigt, mit dem gehe
zwei Stunden, auf daß du ihm Liebe erweisest im Vollmaße! Den Feind segne, und
bete für die, so dich verfluchen! Nie vergelte jemand Böses mit Bösem und
Schlechtes mit Schlechtem, sondern tuet denen Gutes, die euch hassen – so
werdet ihr wahrhaft Kinder Gottes sein!
[BM.01_068,20] Solange ihr aber euer Recht
irgend anderwärts suchet als allein nur im Worte Gottes, solange ihr noch der
Beleidigung Stachel in euch traget, ja, solange ihr der Meinung seid, es
geschehe euch in diesem oder jenem ein Unrecht – so lange seid ihr noch Kinder
der Hölle und des Herrn Gnade ist nicht in euch.
[BM.01_068,21] Gottes Kinder müssen alles
ertragen können, alles erdulden! Ihre Kraft sei allein die Liebe zu Gott und
die Liebe zu ihren Brüdern, ob sie gut oder böse sind.
[BM.01_068,22] Wenn sie darin fest sind, dann
auch sind sie vollkommen frei und fähig, in das Reich Gottes aufgenommen zu
werden.
[BM.01_068,23] Ich weiß aber, daß ihr alle
Priester waret und Nonnen der Gemeinde Roms, die da ist die allerfinsterste.
Ich weiß auch, daß sich einige von euch darauf heimlich noch viel zugute tun.
Aber da sage ich euch: daran denke niemand von euch, was er auf der Erde war
und getan hat! Denn so jemand daran denkt, daß er Gutes getan hat, wird der
Herr auch daran denken, wieviel Böses jemand von euch getan hat, und wird ihn
richten nach seinen Werken! Wer aber vom Herrn gerichtet wird, der wird
gerichtet zum Tode und nicht zum Leben; denn das Gericht ist der Tod der Seele
in der ewigen Knechtschaft ihres Geistes!
[BM.01_068,24] So aber der Herr spricht:
,Wenn ihr alles getan habet, so bekennet, daß ihr nutzlose Knechte waret!‘ – um
wieviel mehr müßt ihr an euch das bekennen, die ihr doch alle nie das
Evangelium nur im geringsten in euch, an euch und noch weniger an euren Brüdern
erfüllet habt!
[BM.01_068,25] So habe ich nun zu euch
geredet im Namen des Herrn und habe kein Wort dazugesetzt und keines
weggenommen: Wie ich es empfangen habe vom Herrn, so habe ich es euch auch
getreu kundgetan. Nun aber ist es an euch, das alles in den besten Vollzug zu
bringen. Von nun an könnt ihr euch nimmer entschuldigen, als hättet ihr es nie
gehört, so ihr wegen starrsinniger Nichtbefolgung dem Gerichte verfallen
würdet!
[BM.01_068,26] Ist aber jemand guten Willens
und fällt ob angestammter Schwäche, da bin ich und dieser Bruder da, im Namen
des Herrn jedermann aufzuhelfen!
[BM.01_068,27] Ihr sehet nun, daß von euch
allen vorerst nur der gute Wille gefordert wird, dann erst das Werk!
[BM.01_068,28] Seid also alle voll des
Willens zum Guten, so wird man es mit dem Werke so genau nicht nehmen, da ein
guter Wille schon als ein Werk des Geistes zu betrachten ist!
[BM.01_068,29] Wehe aber jedem von euch, der
da wäre in sich geheim hinterlistigen, bösen Willens und täte nur äußerlich,
als hätte er einen guten Willen! Ich sage euch aus der Kraft des Herrn, die
mich nun durchweht wie ein mächtigster Orkan einen Wald: ein solcher würde
jählings zur Hölle getrieben werden und geworfen in den Pfuhl des ewigen
Verderbens – wie da ein Stein fällt vom Himmel in den Abgrund des Meeres, von
wo aus er nicht wieder genommen wird, sondern liegenbleibt im Pfuhle und
Schlamme des Gerichtes!
[BM.01_068,30] Nun wißt ihr, was ihr zu tun
habt, um als wahre Kinder des Herrn in Sein Reich zu gelangen. Tuet alle
danach, so werdet ihr leben!
[BM.01_068,31] Ich und dieser euer erster
Freund aber werden, wennschon nicht allzeit sichtbar, hinter euch uns befinden
und werden euch aufhelfen, so jemand von euch fiele in seiner Schwäche. Aber
der da fiele in seiner Bosheit, dem wird nicht geholfen werden, außer durch
Gleiches mit Gleichem! Fragt aber nicht, wo wird der Ort solcher unserer
Prüfung sein? Ich sage euch: Hie und da, und wenn ihr es am wenigsten gedenket,
auf daß eure Freiheit nicht gestöret werde! Der Herr sei mit euch und mit uns!
Amen!“
[BM.01_068,32] Spricht Bischof Martin:
„Bruder, du hast hier wirklich rein aus dem Herrn geredet, und wahr ist alles
auf ein Haar. Aber mich hat es auch ganz sonderlich ergriffen, denn ich selbst
habe noch viele Punkte darin gefunden, die mich sehr nahe angehen!“
[BM.01_068,33] Spricht Borem: „So wird es dir
sicher keinen Schaden bringen, so du sie auch beachtest! Denn zu der schönen
Merkurianerin möchte ich dich ganz allein noch nicht lassen! Verstehst mich,
Bruder?“
[BM.01_068,34] Spricht Bischof Martin: „Hast
recht, hast recht! Weißt, so'n bißchen Vieh bin ich noch immer; aber ich hoffe,
nun wird sich's wohl ändern!“
69. Kapitel – Ein neues Wunder für Bischof
Martin: Prüfungsszene der Minoriten und Jesuiten.
[BM.01_069,01] Bischof Martin: „Aber nun bin
ich selbst neugierig, wie und wo die Prüfungen dieser sozusagen tausend Mann
hohen Gesellschaft beginnen werden. Hier im Hause wird sich's nicht tun, und
außer demselben einen jeden auf einen andern Ort stellen? Wir sind nur unser zwei
– ich weiß wirklich nicht, wie sich diese Sache tun wird. Aus hundert Schafen,
so neunundneunzig darunter gerecht sind, das eine verlorene suchen, das wäre
nach meiner Meinung eben keine gar zu unausführbare Aufgabe. Hier aber handelt
sich's um tausend sozusagen rein verlorene Schafe, da wird es heißen, nicht nur
einem, sondern tausend verirrten nachgehen. Höre, Freund, das wird eine höchst
sonderbare, mir bis jetzt durchaus unbegreifliche Aufgabe sein!“
[BM.01_069,02] Spricht Borem: „Freund und
Bruder, laß du solches Fragen gut sein. Siehe, bei Gott sind gar viele Dinge
möglich, die dir jetzt noch völlig unmöglich vorkommen. Diese alle werden hier
in diesem Hause verbleiben und werden sichtlich keinen Fuß vor die Schwelle
setzen. Und doch werden sie bei sich selbst in verschiedenste Gegenden versetzt
werden, die mit ihrem Innern auf ein Haar korrespondieren werden. Und so wir in
ihre Sphäre treten werden, so werden wir ganz von ihnen gesehen werden, und sie
werden mit uns gar wohl reden können. Werden wir uns aber außer ihrer Sphäre
befinden, so werden sie uns nicht sehen. Wir aber werden sie dennoch wie jetzt
vor uns haben und werden aus ihren Hinterhäuptern genauest erkennen, was sie
tun und wie sie des Herrn Wege beachten und wandeln.
[BM.01_069,03] Siehe, sie alle sind nun ihrem
Inwendigen nach schon lange dort, wo sie sein müssen. Wir sehen sie alle
unverrückt an ihren Plätzen stehen und sich so gebärden, als führten sie
Gespräche miteinander. Aber sie reden nicht miteinander, denn sie sehen sich
nun untereinander ebensowenig, als sie uns sehen.
[BM.01_069,04] Siehe, nun werden sie geordnet
in eine Reihe, daß wir sie leicht übersehen werden. Aber sie merken davon
ebensowenig wie ein tief Schlafender, so er samt seinem Bette in ein anderes
Zimmer getragen wird. Nun sind sie schon in Reihen geordnet, so, daß wir eines
jeden Hinterhaupt beobachten können. Komme hier zu diesem Minoriten und sieh,
was er tut!“
[BM.01_069,05] Bischof Martin tritt nun
hinter den Minoriten und sieht durch dessen Hinterhaupt wie bei einem
sogenannten Diorama durch das Vergrößerungsglas. Da erschaut er eine gar
wunderherrliche Gegend und in selber den Minoriten selbst, wie dieser von einer
ganzen Gruppe Evas umzüngelt ist, sich aber von ihnen nicht beirren läßt,
sondern sie nur belehrt und sein Auge einem hellen Sterne, der im ewigen Osten
aufgeht, unverwandt zuwendet.
[BM.01_069,06] Spricht Borem: „Siehe, der ist
schon gerettet! Und da sieh weiter, mit ihm noch eine Menge! Aber nun gehen wir
weiter und schauen, wie es mit den Jesuiten aussieht!“
[BM.01_069,07] Beide bewegen sich nun hinter
die Reihe der Jesuiten und besichtigen deren Hinterhaupt. Was erschauen sie
aber hier? Bei dreißig dieser Mönche balgen sich um eine ganze Legion nackter
Dirnen und können sich nicht sattsam befleischlustigen. Die Stärkeren ziehen
die Üppigsten an sich und lassen den Schwächeren die weniger Üppigen über. Das
ärgert die Schwächeren ganz gewaltig, darum sie sich auch von diesen ihren
stärkeren Kollegen zu entfernen beginnen, um gegen diese eine Rächerschar zu
sammeln, sie dann anzugreifen und grausamst zu züchtigen. Auch die Menge der
schwächeren und weniger üppigen Dirnen rottet sich gegen die üppigeren und
wollen ihnen ihre größere Üppigkeit mit der Schärfe aller ihrer Nägel auf das
energischste herunterkratzen.
[BM.01_069,08] Bischof Martin betrachtet
diese Szenen ganz stumm, teils vor Verwunderung und teils vor heimlichem Ärger,
und weiß nicht, was er dazu sagen soll.
[BM.01_069,09] Borem merkt das wohl und
spricht zum Bischof Martin: „Bruder, wie kommt dir dieser Anblick vor, was
sagst du dazu?“
[BM.01_069,10] Spricht Bischof Martin: „O du
mein liebster Freund und Bruder! Nein, das hätte ich von diesen scheinheiligen
Lumpen denn doch nicht geglaubt. Die Kerle treiben es ja ärger als alle Hunde
und Affen auf der Erde. Bei meinem armseligen Leben, da dürfte ich wahrlich
nicht deine Macht und Weisheit haben und dies mein Gefühl dazu! Ich ließe
sogleich wenigstens eine Million Blitze unter sie fahren. Wie diese Kerle nach
so einem Manöver aussehen würden, für das gebe es sicher kein hinreichend
elendes Bild, durch das sie ganz getroffen werden könnten!
[BM.01_069,11] O ihr allerabgefeimtesten
Lumpen! Nein, aber ich bitte dich, Bruder, da sieh hin! Da sehe ich nun gerade
den Lumpen, der in China ob Verrats zwischen zwei Steinplatten verbrannt wurde,
wie er eben die schöne Chinesin nun auf das entsetzlichste mißhandelt! Sieh,
sieh, wie er wie ein Geier die Arme zerfleischt! Ah, so was ist ja im höchsten
Grade empörend! Das müssen wir denn bei Gott ja doch nicht angehen lassen!“
[BM.01_069,12] Spricht Borem: „Mein Freund,
das ist erst der Anfang; lassen wir es nur gehen, wie es nun geht! Es wird sich
das Rad bald wenden. Sieh, diese Chinesin entflieht nun und wird bald zu einem
mächtigeren Regiment stoßen, das sich ihrer annehmen wird. Sie wird dann eine
ganz entsetzliche Rache nehmen an diesem rachsüchtigen Jesuiten. Da sieh, dort
aus jener Berghöhle, vor der sie nun steht und schreit, steigen schon eine
Menge Ungeheuer allergräßlichster Art! Sieh ihrer eine Unzahl! Sie teilen sich
und umzingeln nach allen Seiten unsere Jesuitenschar. Diese merken noch nicht,
was ihnen bevorsteht. Aber nun gib acht, die Ungeheuer haben den Kreis
geschlossen. Die Chinesin, noch mit ganz zerrissener und zerfetzter Haut und
mit einem Herrscherstabe in der Hand, naht sich dem Jesuitenhaufen, der sich
noch mit den nackten Dirnen beschäftigt. Nun gib acht, und sage mir, was du nun
sogleich erschauen wirst!“
[BM.01_069,13] Bischof Martin sieht nun eine
kurze Zeit hin, fährt dann förmlich zurück und spricht ganz ergriffen: „Ah, ah,
das ist ja schrecklich, ja, das ist entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich!
Sieh, diese Chinesin trat gleich einer Furie wie ganz glühend vor unsern
Jesuiten. Und soviel ich aus ihrer rein höllischen Gebärde entnehmen konnte,
sprach sie: ,Kennst du mich, Elender?‘ Der Jesuite machte ein erbostes,
trotziges Gesicht und sprach: ,Ja, Elendeste! Mein Fluch soll deiner ewig
nimmer vergessen!‘ Er gebietet darauf seinen Kollegen, diese Elendeste noch
einmal zu ergreifen und sie in Stücke zu zerreißen. Aber in diesem Augenblicke
schreit sie: ,Zurück, ihr verfluchten Verführer aller Welt! Euer Maß ist voll!
Nun kommt meine Rache über euch!‘ In diesem Augenblicke stürzen eine ganze
Legion großer, scheußlichster Ungeheuer auf unsere Jesuiten los, ergreifen sie
und zerreißen sie in kleine Stücke. Die Chinesin nimmt nun das Haupt unseres
Jesuiten, der sie ehedem zerfleischt hatte, und schleudert es in einen Abgrund,
aus dem nun helle Flammen emporschlagen, und schleudert nun auch die übrigen
Reste in denselben Abgrund. Ah, wenn das nicht mehr als Hölle ist, so weiß ich
wirklich nicht, unter welchem noch gräßlicheren Bilde ich mir dieselbe
vorstellen sollte! Höre, sollen wir da etwa auch noch nicht intervenieren?“
[BM.01_069,14] Spricht Borem: „O nein, da
handelt der Herr Selbst; wir wären da viel zu ohnmächtig! Sieh aber, solange
sie hier noch vor uns in Reih und Glied stehen, so lange sind sie noch immer
nicht für verloren anzusehen. Aber so etwa welche aus dieser Reihe entschwinden
möchten, mit diesen würden wir dann wenig mehr zu tun bekommen! Soviel aber
sage ich dir: gar zu weit sind diese von der Hölle eben nicht mehr, denn das
alles, was du nun geschaut hast, geht nur in den Gemütern dieser Patres vor und
nicht in der Wirklichkeit. Aber wenn ein Gemüt so sich gestaltet und gebärdet,
da ist freilich die allertraurigste Wirklichkeit keineswegs mehr ferne.
[BM.01_069,15] Was du nun gesehen, geht im
Herzen dieser Patres vor. Der Herr aber bewirkt es, daß wir so ganz in salvis
das alles bildlich und dramatisch vor uns erschauen. Wir haben nun gesehen,
welchen Sinnes und Willens diese Wesen sind. Nun werden wir ersehen, ob sie etwa
doch, der ihnen gegebenen Lehre eingedenk, diese arge Sinnes- und Willensart
nicht ändern werden zufolge dieser Demonstration, die ihnen der Herr Selbst in
ihr Gemüt wie eine Gegenrache eingegossen hat.
[BM.01_069,16] Die Zerreißung durch die
Ungeheuer stellt zwar eine starke Demütigung vor, durch die sie sicher zu
irgendeiner Vernunft gebracht werden. Wir werden sie nun aber bald wieder als
ganze Wesen auftreten sehen. Da wird sich's dann sogleich zeigen, welchen
Eindruck diese Demonstration auf sie gemacht hat.
[BM.01_069,17] Da, sieh nun nur wieder
hinein, du wirst die ganze Jesuitenschar wieder aus demselben Loche
emporsteigen sehen, in das früher die Chinesin bloß nur den einen zerstückelten
Jesuiten hinabgeschleudert hat!“
[BM.01_069,18] Bischof Martin richtet nun
wieder sein Augenmerk auf diese Szene und spricht: „Richtig, da kommen die
Kerls wieder ganz wohlgestaltig zurück; bin doch recht neugierig, was sie nun
anfangen werden! Aha, schau, schau, sie fangen an, nun etwas bessere Saiten
aufzuziehen! No, vielleicht wird sich's doch machen! Ich bemerke sogar, wie
einige aus der Schar den Eindruck erwecken, als wollten sie gar zu beten
anfangen, denn sie machen ganz fromme Mienen. Ich wäre wirklich von ganzem
Herzen froh, so sie sich alle bessern möchten!“
[BM.01_069,19] Spricht Borem: „Was bei den
Menschen unmöglich scheint, das ist bei Gott gar wohl möglich! Die erste
Prüfung wäre so leidlich ausgefallen, aber nun kommt eine andere. Wir werden da
sehen, wie sie diese bestehen werden. Ich sage dir, diese wird viel ärger sein
denn die erste. Sieh nun wieder hin, der zweite Akt wird sogleich seinen Anfang
nehmen!“
70. Kapitel – Zweite Szene der
Jesuitenprüfung und ihre Erklärung durch Borem.
[BM.01_070,01] Bischof Martin sieht nun
wieder hin und bemerkt, wie sich unseren Jesuiten eine Karawane Pilger naht,
welche sehr viele Schätze und Reichtümer mit sich führt.
[BM.01_070,02] Die Patres bemerken das, und
als die Karawane in ihre Nähe kommt, wird sie von ihnen angehalten und gefragt,
wohin sie ziehe und was sie mit sich führe.
[BM.01_070,03] Die Karawane spricht: „Wir
kommen von der Welt, haben dort mehrere Klöster ausgeraubt, und namentlich jene
reichsten der Jesuiten, weil diese selbst die größten Räuber und Banditen auf
der Welt sind.
[BM.01_070,04] Denn der Menschheit durch
falsche Reden, Frömmeleien, Gleisnerei und durch allerlei arge Vorspiegelungen
von der Hölle und Verdammnis ihre oft kümmerlich erworbene Habe abnehmen und
oft sogar mit allerlei Gewalt entreißen, ist noch ärger als öffentlich rauben und
stehlen. Gegen Räuber und Diebe hat jedermann das Notwehr- und
Verteidigungsrecht, aber gegen derlei jesuitische und andere mönchische
Diebereien und Räubereien können sich nur sehr wenige schützen.
[BM.01_070,05] Und so ist ihr Besitz ein
höchst unrechtmäßiger. Es ist demnach recht und billig, daß wir diese früher
erwähnten Klöster ausgeplündert haben. Nun tragen wir diesen Raub vor Gottes
Thron und wollen dort so lange um Rache schreien, bis der Herr und Gott uns
erhören wird und diese boshafteste und am meisten betrügerische Brut von der
Wurzel aus vertilgen wird!“
[BM.01_070,06] Als die Patres Jesu solches
vernehmen, da erglühen sie förmlich vor Wut und Grimm.
[BM.01_070,07] Bischof Martin, der das alles
mit angehört hatte, spricht zu Borem: „Bruder, jetzt sieht es im Ernste für
diese unsere Jesuiten – wenigstens für die dreißig, die schon beim ersten
Manöver zugegen waren – schlimm aus! Ich sehe wohl auch alle andern dieses
Kollegiums, diese aber halten sich nicht bei diesen dreißig auf, sondern bilden
eine abgesonderte Schar, die viel lichter aussieht als diese dreißig.“
[BM.01_070,08] Spricht Borem: „Diese andern
sind schon so gut wie gerettet, aber diese dreißig stehen noch überaus locker.
Gib aber nun acht, was da vor sich gehen wird!“
[BM.01_070,09] Bischof Martin gibt nun
aufmerksamen Gemütes acht und spricht nach einer Weile: „Aber, aber, aber!
Bruder, ich bitte dich um Gottes willen, da müssen wir ja doch eingreifen! Ach,
das sind ja wahrhaftige Teu– – – Gottstehunsbei! Nein, so was hätte ich von
diesem Orden nie geahnt!
[BM.01_070,10] Höre mich an, so du etwa die
schrecklichste Sentenz der Jesuiten überhört hast: Als die Karawane mit ihrer
Antwort und Erklärung fertig war, da wurden die Patres ganz glühend und schrien
aus einem Rachen:
[BM.01_070,11] ,O ihr verruchtesten
Gottesmörder, die ihr euch so frevelhaftig am Gottesheiligtum vergriffen habt!
Ihr seid der gerechten Rache gerade von selbst in die Hände gefallen! Diese
Jesuiten, die ihr so schändlichst beraubt habt, und gegen die ihr die Rache
Gottes anflehen wollt, sind wir! Gott hat uns sicher hierhergestellt, damit wir
euch ob eures unaussprechlich großen Frevels sogleich der tiefsten und
schrecklichsten Hölle übergeben an dieser Stelle! Hinab mit euch, ihr ärgsten
Teufel, zu den allerärgsten Teufeln!
[BM.01_070,12] Komme herauf, Luzifer, herauf,
du Satan, herauf, du Leviathan: Nehmet diese verruchtesten, allerbösesten,
ketzerischsten, somit auch allerverfluchtesten, vermaledeitesten,
überteuflischen Bösewichter in den ewig marter- und qualvollsten Empfang und
werfet sie dorthin, wo die Hölle am allerglühendsten ist!‘
[BM.01_070,13] Mein Bruder, das ist doch
sicher noch nicht dagewesen! Diese Kerle meinen es gut mit der armen Karawane!
Ich meine, Bruder, solche Gemüter werden sich wohl ewig nimmer bessern?
[BM.01_070,14] Ah, ah, ah, da sieh nun hin,
da kommen wirklich drei scheußlichste Gestalten aus der Tiefe! Feuer sprüht aus
ihren schrecklichen Rachen, die sie so weit aufsperren, daß sie ganze Häuser
verschlingen könnten!
[BM.01_070,15] Die Karawane gerät bei ihrem
Anblicke in die größte zagendste Angst, legt ihre Bündel vor den Jesuiten
nieder und fleht um Vergebung und Erbarmen.
[BM.01_070,16] Aber die Jesuiten stoßen sie
unbarmherzig zurück und schreien nur noch mehr, vor Zorn und Grimm
glühschäumend: ,Hinab mit euch, hier ist kein Erbarmen und ewig keine Vergebung
mehr! Die erschrecklichste ewige Qual in einer ewig vergeblichen, brennenden
Reue sei euer Los und Lohn für euer Werk! Ergreift sie, ihr drei allergrößten
und ärgsten Teufel, und vergeltet ihnen ewig, was sie an uns zeitlich getan
haben!‘
[BM.01_070,17] Die Karawane bittet noch mehr,
aber vergebens. Die drei Teufel nähern sich der Karawane. Die schreit nun noch
entsetzlicher um Erbarmen, aber es ist vergeblich. Mit großer Wonne betrachten
die Jesuiten die so endlos Geängstigten. Ah, das sind doch wahrhaftig
verfluchte Kerle, ja das sind Teufel der Teufel!
[BM.01_070,18] Die drei wirklichen Teufel
lassen sich noch Zeit und schauen ganz bedenklich in das schreckliche Begehren
der Jesuiten. Aber diese Luderkerle wollen die Armen sogleich ohne alle Gnade
und Pardon in der Hölle haben.
[BM.01_070,19] Da sieh, nun reden wirklich
die drei Teufel und bemerken, daß der Jesuiten Urteil zu strenge und sogar
ungerecht gegen diese nur kleinen Sünder geschöpft ist!
[BM.01_070,20] Aber die Jesuiten sagen laut:
,Unser Urteil ist Gottes Urteil, somit gerecht! Daher fort mit ihnen, hinab zur
Qual!‘
[BM.01_070,21] Die Teufel aber schreien
entgegen: ,Ihr begehret zu viel! So hat Gott noch nie geurteilt! Wohlan, wir
tun es, wie ihr wollt, aber höret: auf eure Rechnung, so euer Begehren nicht
von Gott herrührt!‘
[BM.01_070,22] O Bruder, höre, siehe ein
entsetzlicher Schrei entsteigt der unglücklichen Karawane und sie verschwindet
nun mit den Teufeln. Die Jesuiten aber frohlocken mit heiteren Gesichtern!
Bruder, was sagst du dazu? Sind das Teufel oder nicht?“
[BM.01_070,23] Spricht Borem: „Mache dir aus
allem dem nichts. Denn siehe, das alles ist – wie schon früher bemerkt – eine
pure Erscheinlichkeit, die sich uns durch des Herrn allmächtige Vermittlung
beschaulich darstellt, so diese Erscheinlichkeit zum Austritt aus den Gemütern
dieser noch stark unsinnigen Patres genötigt wird!
[BM.01_070,24] Denn die Ablegung des Bösen
besteht nicht selten darin, daß dieses in seiner wahren Gestalt aus den
Gemütern wie werktätig scheinend hinausgestoßen wird; aber das Ganze ist
dennoch mehr ein blinder Lärm als irgendeine Wirklichkeit.
[BM.01_070,25] Darum mußt du dir aus dem hier
Geschauten eben nicht gar soviel machen. Alles, was du hier geschehen siehst,
entstammt allein der allertiefsten Liebe und allerhöchsten Weisheit des Herrn
und hat große Ähnlichkeit mit dem Erscheinen der mannigfachen Krankheiten der
Menschen auf der Erde.
[BM.01_070,26] Die Krankheiten sind zwar ein
Übel des Leibes, aber dafür eine große Wohltat der Seele und nicht selten auch
des Leibes selbst, weil durch sie ein schlechter Stoff gewaltsam aus dem
Fleische geschafft wird.
[BM.01_070,27] Also sind auch diese
Erscheinungen nichts als mit herübergebrachte Krankheiten der Seele, die alle
sämtlich hinausgetrieben werden müssen, und zwar durch geistige Medizinen wie
die leiblichen durch leibliche, körperhafte Spezifika. Sonst könnte die Seele
nimmer gesund werden und der Geist in ihr nimmer erstehen.
[BM.01_070,28] Oder liegt bei einem Menschen
auf der Welt die Seele nicht so lange kränklich darnieder und hat keine Lust zu
irgendeiner Tätigkeit, solange der Leib krank darniederliegt? Ist aber der Leib
gesund, so ist auch die Seele wieder voll Lust und Heiterkeit.
[BM.01_070,29] Siehe, Bruder, ebenso geht es
auch hier: alle diese haben überaus kranke Seelen. Diese Krankheit wird nun
flott und wird hinaus- und hinweggetrieben durch die Kraft des Wortes Gottes,
das da ist die einzige, allerkräftigste Medizin. Hat dieses einmal seine
Operation gar sicher beendet, dann erst kommen wir an die Reihe und werden die
Rekonvaleszenten laben und stärken mit der Liebe des Herrn.
[BM.01_070,30] Nun, lieber Bruder, wirst du
diese Erscheinlichkeiten sicher besser verstehen und wirst dich künftighin
nicht mehr gar so sehr entsetzen, so du noch Ärgeres erschauen wirst, als du
bis jetzt gesehen hast. Denn bei jeder Krankheit ist der letzte Stoff, der
durch Arzneien hinausgeschafft wird, der ärgste, weil er der eigentliche
Hauptgrund der Krankheit ist. So werden auch hier zuletzt erst die Hauptübel aus
der Seele geführt.
[BM.01_070,31] Darum mußt du dich nicht mehr
gar so sehr ängstigen, so du diese Übel bei ihrem Austritt erschauen wirst.
Sieh nun nur wieder hin; sogleich wird der dritte Akt beginnen, der auch
wahrscheinlich der letzte sein wird für diese dreißig Jesuiten!“
71. Kapitel – Besserung und Umkehr des einen
Jesuiten. Die Rache der 29 andern Jesuitengeister.
[BM.01_071,01] Bischof Martin sieht nun
wieder in das Hinterhaupt des vor ihm stehenden Jesuiten und ersieht, wie die
dreißig gegenseitig sich ganz bedenkliche Mienen zuzuwerfen anfangen und einer
von ihnen folgende Bemerkung macht:
[BM.01_071,02] (Ein Jesuit:) „Brüder, der
Sieg ist uns zwar gelungen. Aber so ich der Sache auf den Grund blicke, kommt
es mir vor, als ob wir denn doch sehr ungerecht und völlig unbefugt mit der nun
in der Hölle brennenden Karawane verfahren hätten. Obwohl sie uns stark
verlästert hat, so haben wir aber nach dem Evangelium dennoch kein Recht, sie
zu richten und zu verdammen.
[BM.01_071,03] Dazu kommt mir nun noch die
Lehre frisch in den Sinn, die der Himmelsbote uns allen gegeben hat, bevor wir
in diesen ganz freien Zustand unseres Seins gelangt sind. Nach seiner weisen
Lehre sollen wir allen Anreizungen allein nur mit Liebe, Sanftmut und Demut
begegnen. Hier aber hat keins von diesen drei Stücken etwas zu tun bekommen,
sondern, wie figura miserabilissima gezeigt hat, haben uns buchstäblich die
drei allerärgsten Teufel an Sanftmut und Gerechtigkeit nur übertroffen und uns
dadurch bewiesen, daß wir noch um vieles ärger sind als sie!
[BM.01_071,04] Brüder, wie kommt euch die
Sache vor? Ich gestehe, mir fängt sie an, ganz verdammt seltsam vorzukommen!
Überhaupt scheint mir hier in dieser Geisterwelt alles so verfänglich. Das
eigenmächtige Handeln, zu dem man von den Boten Gottes keinen Auftrag hat,
scheint mir schon gar wider alle Ordnung der Dinge in dieser höchst mysteriösen
Welt zu sein. Mir kommt es auch so vor, als ob mir jemand ganz geheim
zuflüstern möchte: ,Diese eure allergrausamste Tat werdet ihr ewig zu bereuen
haben!‘ – Ei, ei, wäre ich doch nur bei dieser Begebenheit nicht zugegen
gewesen!“
[BM.01_071,05] Auf diese gute Bemerkung
stutzen wohl die andern neunundzwanzig. Nach einer Weile sagen sie aber wie aus
einem Munde: „Ja, du hast im Grunde wohl recht. Aber denke dir selbst, ob wir
anders sein können, als wir sind! Wir sind einmal so und können nicht anders
handeln, als wie wir zu handeln genötigt werden – und damit Punktum! Wer den
Zorn in uns gelegt hat, der muß sich ihn auch gefallen lassen und ebenso die
andern widrigsten Eigenschaften, mit denen unsere Seele so reichlich
ausgestattet ist.
[BM.01_071,06] Wer der Klapperschlange das
tötende Gift gab, dem muß es doch so wohlgefallen haben, ansonsten er diesen
Wurm nicht so böse eingerichtet hätte! So mußten auch wir Jesuiten werden und
in unserm Orden lernen, wie man dem Zorne und der Rache den freiesten Weg
bahnen und die größte Bosheit zur Ehre Gottes mit dem freiesten Gewissen
vollführen kann. Wir aber sind nun das vollkommen, wozu wir berufen sind! Was
willst du, ja was will Gott von uns noch mehr?“
[BM.01_071,07] Spricht der eine Jesuit: „Ja,
ihr habt recht! Wir sind sonach zu barsten Teufeln berufen und sind es auch
mehr als vollkommen. Was wollt ihr mehr? Uns alle erwartet sonach sicher nicht
der Himmel, sondern die reinste Hölle. Was wollen wir mehr? Also fahren wir in
unserer Bosheit und Tücke nur fort, damit wir desto eher in die segensvolle
ewige Verdammnis gelangen mögen! Wünsche euch den besten Appetit dazu! Ich aber
werde von nun an nicht mehr mit euch halten. Ich will nicht mit euch die hohe
Ehre haben, mich etwa schon im nächsten Augenblicke mit euch auf der
schwefeldampfenden, sehr warmen Flut zu befinden. Wahrlich, um diese hohe Ehre
werde ich euch in Ewigkeit nicht im geringsten beneiden!“
[BM.01_071,08] Sprechen die andern
neunundzwanzig wie aus einem Munde: „Was, du willst deinem Orden ungetreu
werden! Den erhabenen Stifter Ignatius willst du verlassen und seiner
heiligsten Lehre ungetreu werden? Was fällt dir ein? Bedenke, daß uns alle noch
ein Jüngstes Gericht erwartet; wie wirst du in diesem bestehen? Wenn du das
tust, so soll's dir noch tausendmal ärger ergehen als der früheren Karawane!“
[BM.01_071,09] Spricht wieder der eine
Jesuit: „Nur zu! Ich bleibe meiner Vornahme – Gott stärke mich dazu! – getreu.
Ihr aber könnt tun, was ihr wollt! Wegen dem Jüngsten Tage lasse ich mir gerade
kein graues Haar wachsen, aber wegen dem sichern Empfange der ewigen Verdammnis
in eurer Gesellschaft wohl! Ignatius hin, Ignatius her, ich folge von nun an
den Worten des Boten Gottes. Der Ignatius samt euch allen kann mich – hätte
bald was gesagt! – sowie auch der ganze Orden, wohlverstanden!
[BM.01_071,10] Wie ich's nun einsehe, so ist
dem Herrn sicher der Arsch eines Türken lieber als unser ganzes lumpigstes
Kollegium samt seinem erhabenen Stifter! Verstanden?! Alle Lutheraner,
Calvinisten und alle Altgläubigen sind Engel, während wir nach unseren Regeln
und Institutionen Teufel in optima forma sind.
[BM.01_071,11] Tut mit mir, was ihr wollt,
ich werde mich nimmer rächen! Mich reut es ungemein, daß ich mich an der armen
Chinesin so arg vergriffen habe; dafür, Gott sei Dank, bin ich samt euch doch
gehörig gezüchtigt worden! Aber die zweite Teilnahme an der Verdammung der
armen Karawane brennt mich schon jetzt wie die Hölle. Was würde aus mir erst
werden, so ich länger euer Spießgeselle bliebe? Daher lebet wohl, ich verlasse
euch!“
[BM.01_071,12] Als dieser eine Jesuit das
ausspricht, da fangen ihn alle zu verdammen und zu verfluchen an, umringen ihn,
zerfleischen ihn und teilen seine Haut untereinander aus. Den Hautlosen aber
werfen sie aus ihrer Rotte und werfen Steine nach ihm und rufen alle Teufel,
daß sie ihn holen sollen.
[BM.01_071,13] Die Teufel kommen richtig,
aber den Enthäuteten holen sie nicht, sondern die nur, die sie gerufen haben.
Diese aber sträuben sich entsetzlich und schreien um Hilfe. Da richtet sich der
Enthäutete auf und gebietet den Teufeln, daß sie die Blinden schonen sollen.
Und siehe, die Teufel gehorchen ihm und verlassen die Rasenden!
[BM.01_071,14] Diese Szene machte auf Martin
einen guten Eindruck und er schaut nun begierig, was da weiter geschehen wird.
72. Kapitel – Ein Blick in die seelische
Verfassung der Herz-Jesu-Damen. Eindringlinge im Klostergarten. Angriff der
rachegierigen Herz-Jesu-Damen.
[BM.01_072,01] Borem aber spricht: „Freund
und Bruder, danken wir der endlosen Weisheit des Herrn und Seiner
unbegreiflichen Liebe und Erbarmung, daß Er gegen unser beider Erwarten mit
dieser Gesellschaft so sanft und kurz hat verfahren wollen. Denn derlei
Prüfungen dauern bei manchen oft besser Bestellten gar viele irdische Jahre,
während sie bei dieser Gesellschaft nach irdischer Rechnung nur drei Tage
gedauert haben. Freilich, das Gefühl dieser Geprüften wird wohl mit einigen
Jahrzehnten belastet worden sein. Allein was tut das zur Wirklichkeit oder zu
einer solchen Gefühlsgestaltung, mit der der Geprüfte oft mit tausend-, ja oft
sogar mit millionenjähriger Dauer belastet wird?
[BM.01_072,02] Kurz und gut, ich sage dir,
der Herr war diesen dreißig Jesuiten überaus gnädig! Sie haben nun das
Schlimmste überstanden. Sie sind wirklich bis an den Rand des Abgrundes
gekommen und waren der Hölle endlos näher als dem Himmel, der wohl noch sehr
weit von ihnen absteht. Aber sie sind gerettet und kommen nun in die
Wiederherstellung. Und damit ist schon endlos viel gewonnen, wofür dem Herrn
allein alle Ehre gebührt ewig. Denn was dem höchsten Engel nicht mehr möglich
ist, das ist dem Herrn noch gar wohl möglich!
[BM.01_072,03] Du möchtest in diesem dritten
Akt wohl noch mehrere Szenen beschauen, darum du noch so aufmerksam
hineinblickst in das Hinterhaupt. Aber ich sage dir, da wirst du nun nichts
mehr erschauen. Denn diese Gesellschaft geht nun in sich und dann zu ihren
besseren Brüdern über und harrt dann der Losschälung von dieser materieartigen
Umgebung, die sogleich erfolgen wird, wenn wir noch die Herz-Jesu-Damen
durchschauen werden.
[BM.01_072,04] Damit diese aber darauf nicht
gar zu lange warten sollen, wollen wir uns sogleich zu den besagten Damen
hinbegeben und sie auf die gleiche Weise beobachten, wie wir diese dreißig
Jesuiten beobachtet haben. Siehe, da sind sie schon! Du kannst dir eine wählen,
die du willst; überall wirst du ganz dasselbe sehen!“
[BM.01_072,05] Bischof Martin: „Gut, wenn so,
da ist ja gleich die Nächste gut genug; also nur in das Hinterhaupt geschaut!
Richtig, richtig, wie bei den dreißig! Da sehe ich ja alle, wie sie hier sind,
auf einem Schock beisammenstehen: in einem Garten, der mit einer starken Mauer
umfangen ist, an deren nördlich gelegener Ecke ein ganz finster aussehendes
Klostergebäude angebracht ist.
[BM.01_072,06] Sie scheinen emsig miteinander
Worte zu wechseln. Ich kann aber noch nichts vernehmen, was sie eigentlich
miteinander beraten. Nur bemerke ich, daß sie bald dunkler, bald wieder ums
Kennen heller werden, gerade wie wenn die Winde Wolken über die beschneiten
Bergspitzen trieben, wobei diese dann auch unter dem Wolkenschatten ganz grau
wurden, und – wann die Wolke den Strahlen der Sonne wieder den Weg geräumt
hatte – diese dann die Bergspitzen lieblich schimmern machten! Woher wohl bei
diesen Herz-Jesu-Damen diese Erscheinlichkeit rühren mag?“
[BM.01_072,07] Spricht Borem: „Lieber Bruder,
du hast ein recht gutes Bild dafür aufgestellt und kannst in diesem
naturmäßigen Bilde ganz wohl die Erklärung dieser Erscheinlichkeit finden.
Siehe, auch hier ziehen über die Bergspitzen der verschiedenen Erkenntnisse
dieser Damen Wolken der Nichterkenntnisse, getrieben von den Winden ihrer
weltlich verschiedenartigen Leidenschaften! Du weißt aber, daß, so auf der Welt
die Winde mit den Wolken ihr Spiel zu treiben anfangen, es dann bald zu einem
schlechten Wetter kommt. Siehe, so wird es auch hier geistig erscheinlich der
Fall sein.
[BM.01_072,08] Merkst du nicht, wie diese
Verdunklungen sich stets anhaltender wiederholen? Das deutet schon zuverlässig
dahin, daß da der eigentliche Tanz sogleich angehen wird. Wenn die Verdunklung
nimmer aufhören wird, dann wird des bösen Wetters Vorakt gleich beginnen. Gib
nur genau auf alles acht; hier wirst du noch interessantere Dinge ersehen als
wie bei den dreißig Jesuiten!“
[BM.01_072,09] Spricht Bischof Martin: „Ja,
richtig, du hast recht! Ich merke schon bei einigen, daß sie sich nimmer
erhellen wollen, dunkel bleiben und auch richtig stets dunkler werden. Es will
sich nun auch bei den übrigen das liebe Licht nicht mehr in seiner Stärke
zeigen, sondern geht so nach und nach ins Grau über.
[BM.01_072,10] Wahrlich, eine ganz sonderbare
Mischung nun von Dunkel und Grau! Die schon sehr Dunklen werden nun von unten
herauf wie matt glührotes Eisen gefärbt. Das scheint entweder von einem in
ihnen erwachten Grimme oder am Ende gar von der Hölle herzurühren. Höre, du
mein liebster Bruder, das sind ganz verzweifelt verdächtige Voraussetzungen zu
nachkommenden bösen Erscheinungen!
[BM.01_072,11] Nun entdecke ich, daß durch
die Tür des Klosters sich zwei männliche Wesen in den Garten begeben. In dessen
Mitte weilen unsere Herz-Jesu-Damen nun schon ganz verzweifelt stark
verdunkelt, scheinen aber noch nicht zu merken, wie sich diese zwei
Eindringlinge nun schon ganz in ihrer Nähe befinden.
[BM.01_072,12] Aha, aha, jetzt wohl, jetzt!
Nun wird die Hetz' wohl bald angehen. Unsere Damen haben nun schon einen Wind
bekommen, daß sich jemand in ihrer Nähe befindet, der sich wahrscheinlich nicht
da befinden sollte. Denn ich sehe glühende Dolche in ihren Händen, die sie nun
nach auswärts richten, um die zwei Ankommenden auf eben nicht zu liebreiche Art
zu empfangen.
[BM.01_072,13] Nun richtet sich die Oberin
auf und gebietet mit Handzeichen allgemeines Schweigen. Was wohl wird da
herauswachsen? Vielleicht wird da eine ganz löbliche Anrede gehalten werden? –
Ja, ja, wird wohl so sein, denn sie räuspert sich schon großartig dazu!
Wahrlich, da bin ich doch sehr neugierig, was diese Priordame den übrigen
Unterdamen voreseln wird! Also nur aufgepaßt, sie spricht:
[BM.01_072,14] (Die Priordame:) „Höret mich
alle an, ihr meine ehrwürdigsten und hoch zu respektierenden Damen! Unserem
höchsten, würdigsten und heiligsten Orden droht eine große Gefahr! Es haben
sich zwei freche Männer, die ich lieber ,Buben‘ nennen möchte, durch unser
heiliges Kloster in diesen unsern Gottesgarten hereingeschlichen.
Wahrscheinlich, um mit uns Unzucht und Scherz zu treiben oder wenigstens, um
hier unseren heiligen Besitz auszuspionieren, wie er uns mit Gewalt entrissen
werden könnte, falls wir ihn nicht mit Ruhe übergäben! Aber diese Buben sollen ihren
Vorwitz teuer büßen!
[BM.01_072,15] Höret, wir sind unser bei
neunzig an der Zahl, wie ich euch hier flüchtig übersehe! Wenn diese zwei
frechen Buben sich uns nahen sollten und auf unseren Zuruf: ,Hinaus mit euch,
ihr gottvergessenen, ehrlosesten Buben!‘ sich nicht sogleich eiligst entfernen
sollten, fallen wir sie alle zugleich an! Und jede von uns stoße ihnen den
glühenden Dolch in die Brust bis ans Heft! Sind sie also getötet, dann lassen
wir sie durch unsern Hausknecht hier in diesem Garten in Stücke zerhauen und
auf einem verfluchten Scheiterhaufen verbrennen, auf daß dieses Gottesheiligtum
wieder gereinigt werde!“
[BM.01_072,16] Spricht Bischof Martin:
„Schau, schau; diese lieben Dämchen des Herzens Jesu, was sie für liebevolle
Blutgedanken haben! Ah, das ist ja allerliebst! O ihr gottlosesten Kanaillen!
Nein, das hätte ich von diesen wahren Furien der Hölle nicht erwartet! No, wenn
da schon das Vorspiel einen so löblichen Anfang nimmt, wie wird es dann erst
mit den nachfolgenden Prüfungsakten aussehen? Da sich nur hin: die zwei Männer
sehen sehr liebevoll aus, und ich könnte von ihnen sagen: ,Siehe hier zwei
Menschen, in deren Seelen kein Falsch zu entdecken ist!‘ Und diese bösen
Kanaillen verdammen sie schon, ohne sie noch recht gesehen und noch weniger
gesprochen zu haben!“
[BM.01_072,17] Spricht Borem: „Sei nur ruhig,
du weißt ja, wie sich diese Sachen verhalten! Laß sie ganz ruhig handeln! Wenn
es an der Zeit sein wird, sich hier ins Mittel zu legen, werden wir schon von
der Tafel erinnert werden. Vor dem aber seien wir nichts als bloß nur ruhige
Betrachter des hier Vorsichgehenden. Betrachte nur wieder weiter!“
[BM.01_072,18] Bischof Martin betrachtet nun
sehr aufmerksam wieder die Szene vor sich und spricht nach einer Weile: „Du,
Bruder, jetzt gehen die zwei Männer wieder zur Tür des Klosters und machen
Mienen, als wollten sie sich wieder auf- und davonmachen aus diesem
gottesheiligtümlichen Garten.
[BM.01_072,19] Aber die Damen bemerken das
und schreien nun ganz wider ihre frühere Absicht: ,Halt, keinen Schritt weiter,
ihr gottlosen Buben!‘
[BM.01_072,20] Die zwei Männer scheinen gar
nicht darauf zu achten und nähern sich stets mehr der Ausgangstür. Aber die
Damen merken nun, wie diese beiden auf ihren Zuruf nicht achten wollen. Sie
werden darum nun vollends glühend, stürzen mit einem furchtbaren Schrei den
zwei Männern nach und vertreten ihnen die Tür.
[BM.01_072,21] Ein Teil aber umringt die zwei
Männer mit gezückten Dolchen und fragt sie mit drohender Miene wie aus einem
Munde: ,Was suchtet ihr hier, ihr verruchtesten Buben? Gestehet eueren bösen
Vorsatz, eueren verräterischen Plan, auf daß wir euch dann ohne Gnade und
Erbarmen desto ärger quälen können! Denn ihr habt durch euer frechstes und
unverschämtestes Eintreten in diesen Garten Gottes Heiligtum entheiligt und
habt sogestaltig den Geist Gottes mit Füßen getreten! Solch eine
allerfrevelhafteste Todsünde aber sühnt nur der Tod, und nur eure ewige
Verdammnis kann der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung verschaffen! Redet
daher, ihr schon im voraus Allerverfluchtesten!‘
[BM.01_072,22] Die zwei Männer reden nun:
,Höret uns geduldig an! Wir sind von Gott an euch abgesandt, um euch aus eurer
großen Torheit zu befreien. Aber da wir an euch nichts als Zorn- und Racheglut
ersehen, seid ihr für solch große Gnade noch lange nicht reif und werdet von
nun an überlang zu warten haben, bis ihr dieser Gnade würdig werdet. Habt ihr
nicht gehört, daß, wer da richtet und flucht, selbst gerichtet und verflucht
wird?! Wir aber wollen es euch nicht vergelten, nichts Böses für Böses geben. Daher
besinnt euch und lasset uns im Frieden ziehen, sonst wird es euch arg ergehen!‘
[BM.01_072,23] Die Damen fallen nun ganz
ergrimmt mit ihren Dolchen über die zwei. Diese aber verschwinden und die Damen
erdolchen sich nun selbst in ihrer blinden Wut.“
73. Kapitel – Martins Bemerkungen und Borems
weise Winke über die Wege der ewigen Liebe. Die brennenden Herz-Jesu-Damen.
[BM.01_073,01] Bischof Martin, dieser Szene
ansichtig, fängt an zu lachen und spricht: „Bruder, da sieh, diese dümmsten
Weiber! Ah, wie sich diese in ihrer blindesten Wut zerfetzen mit ihren Dolchen!
No, no, das geht jetzt gut! Wahrlich, eine allerscharmanteste Blocksbergszene!
Wenn die's so forttreiben, wird von ihnen nicht viel übrigbleiben, und wir
werden dann mit unserer Intervention schön zuhause bleiben können! Ist auch
recht; wahrlich, an diesen Fetzen verliert der Himmel eben nicht gar zu viel!
[BM.01_073,02] Du mußt mir schon verzeihen,
liebster Bruder, wenn ich hier beinahe wie ein Schadenfroher erscheine, aber
hier komme ich wirklich nicht darum! Denn ich kann alle Wesen leichter ertragen
als dumme und zugleich auch böse Weibspersonen. Besonders unerträglich sind sie
mir, so sie, wie diese hier, sich vor Wut und Grimm nahezu ganz zerstören. Ich
wünsche ihnen zwar nichts Böses, aber so ein bißchen Hölle könnte diesen
wahrhaftigsten Bestien nicht im geringsten schaden. Weißt du, ich meine nicht
für ewig; aber so à la römisch-katholisches Fegfeuer – könnte nicht schaden!“
[BM.01_073,03] Spricht Borem: „Bruder,
ereifere dich nicht zu sehr und verbanne alles Feuer-rufen-vom-Himmel aus
deinem Herzen! Siehe bloß, was der Herr hier tut, so wirst du allein die wahre
Art und Weise kennenlernen und daraus ersehen, wie solche überstark
verfinsterten Wesen wieder dem Lichte zugewendet werden können. So der Herr
auch so dächte wie du, gäbe es für derlei arme Wesen ganz verzweifelt wenig
Hoffnung fürs ewige Leben! Aber hier ersiehst du klar, wie der Herr besser ist
als alle allerbesten Menschen und Engel!
[BM.01_073,04] Ich sage dir, gar seltsam sind
des Herrn Wege; ihre Zahl heißt Unendlichkeit. Und jeder Weg, den der Herr mit
einem Menschen einschlägt, ist ein neues, selbst für den tiefsinnigsten Cherub
unerforschliches Wunder und heilig unter jeder noch so sonderbaren Erscheinung!
[BM.01_073,05] Wenn du alle diese
Erscheinungen von diesem Gesichtspunkte aus betrachtest, so wirst du fürderhin
nimmer etwas Ärgerliches noch Lächerliches finden. Du wirst dich auch am Ende
hier überzeugen, wie endlos liebweise der Herr alles einem heiligen Ziele zuführen
kann; und wie Er gewöhnlich durch die unscheinbarsten, geringfügigsten Mittel
allzeit die erhabensten Zwecke erreicht, und – wo Er einem hilft, da hilft Er
zugleich zahllosen Wesen!
[BM.01_073,06] O Bruder, du wirst erst nach
und nach erkennen, wie endlos erhaben alles ist, was hier in die
Erscheinlichkeit übergeht, – ja wie heilig, möcht' ich sagen, das Dasein und
Wirken einer Milbe, die du auf der Erde oft ein halbdürres Blättchen bekriechen
sahst!
[BM.01_073,07] Darum freue dich über alles,
was du hier nur immer erschaust! Denn alles, alles bewirkt unseres heiligsten
Vaters heiligste Liebe! Meinst du, die Hölle mit all ihren unbeschreibbaren
Schrecknissen sei eine Rache des Herrn, gegründet auf Seinem Zorne von
Ewigkeit? Oh, mitnichten! Ich sage dir, der Herr ist auch in der Hölle pur
Liebe! Denn die ewige Liebe kennt weder Zorn noch Rache, sondern wie und was
sie ist, das sind auch alle ihre Anstalten endlos und ewig.
[BM.01_073,08] So, lieber Bruder, betrachte
von nun an diese Erscheinungen, so wirst du bald ein anderes Gewand bekommen,
nämlich ein Gewand der Liebe und Weisheit aus dem Herzen unseres heiligen
Vaters! Dieses Gewand wird dir dann keine Ewigkeit mehr nehmen. Und du wirst
erst in solch einem Gewande dann alle Dinge und Erscheinungen in ihrem wahren
Lichte schauen und sie beurteilen aus dem wahren Grunde alles Grundes.
[BM.01_073,09] Nun aber siehe nur weiter, was
da vor sich gehen wird! Aber siehe von nun an alles mit andern Augen und anderm
Gemüte an, so wirst du daraus den wahren Nutzen ziehen. Denn dies alles läßt
der Herr hauptsächlich deinetwegen geschehen, auf daß du ehestens zur wahren
Wiedergeburt deines Geistes und zur himmlischen Umkleidung deiner Seele
gelangen möchtest! Daher noch einmal: Darum beachte sorgfältigst alles, was ich
dir jetzt gesagt habe, so wirst du einen unberechenbaren Nutzen ernten in
großer Klarheit!“
[BM.01_073,10] Bischof Martin schaut nun
wieder in das Hinterhaupt unserer Herz-Jesu-Damen und ersieht, wie sich die
letzten zwei noch balgen, sich gegenseitig die Dolche in den Leib stoßen und
bald wie tot auf den Boden stürzen. Nach solcher Szene spricht er:
[BM.01_073,11] (Bischof Martin:) „Gott sei
Dank, nun haben sie einander den Garaus gegeben! Der Herr habe sie selig! Es
ist wirklich mehr als wunderbar, so das diesen Wesen auch zur Seligkeit
gereichen soll, wie du früher gesagt hast? Nun bin ich von ganzem Herzen
neugierig, was da jetzt weiter geschehen wird mit diesen Amazonen! Sie liegen
wirklich wie vollkommen tot darnieder!
[BM.01_073,12] Aha, nun kommt eine andere
Erscheinlichkeit! Die Damen liegen zwar noch wie steinfest tot am Boden. Aber
sie fangen an zu dampfen, und es entsteigt von einer jeden ein Rauch wie etwa
dem Schornstein eines Bäckers. Auch bemerke ich hie und da Feuerfunken mit
emporschießen gleich denen aus einer Esse! Sapprament, sapprament! Die Sache
fängt nun an, ein bedenkliches Gesicht zu bekommen! Liebster Freund, wenn da
nicht so ein bißchen Hölle herausschaut, so will ich doch alles heißen, was du
mich nur immer nennen willst!
[BM.01_073,13] Da sieh, nun schlagen auch
schon hie und da Flammen empor! Das sieht ja gar wie ein förmliches Autodafé
aus! Diese Armen fangen nun über und über zu brennen an! Die Sache wird sehr
bedenklich; aber noch rührt sich sonst nichts über, neben und unter diesen
Damen als bloß nur der starke Rauch, Funken und Flammen.
[BM.01_073,14] Die Flammen werden immer
stärker, die toten Damen sehen schon ganz glühend aus! Nun ist es wirklich gut
für sie, daß sie tot und somit auch sicher ganz unempfindlich sind. Ah, ah, wie
lichterloh nun das Ding brennt! Wahrlich, ein sonderbarer Anblick, und
merkwürdig: trotz der starken Flamme verbrennt doch nichts, soviel ich's nun
bemerke! Sage mir doch, liebster Bruder, was diese höchst sonderbare
Erscheinlichkeit zu bedeuten hat?“
[BM.01_073,15] Spricht Borem: „Nichts als
lauter Gutes; denn was vom Herrn ausgeht, ist pur Gutes! Siehe nur weiter, du
wirst es bald ersehen, wie sehr ich recht habe und die vollste Wahrheit rede!“
74. Kapitel – Martins Kritik über das Wesen
des Bösen. Borems belehrende Rede über die göttliche Lebensordnung. ,Gut‘ und
,Böse‘ als die beiden Gegenpole in Gott und der Schöpfung.
[BM.01_074,01] Spricht Bischof Martin: „Ja,
ja, du hast wohl recht und redest sicher die vollste Wahrheit. Aber du mußt mir
doch zugeben, daß die Sünder so gut Gottes Geschöpfe sind wie wir, ja sogar der
Teufel selbst, und gehen somit auch von Gott aus! Wer aber wohl wird Sünder und
Teufel darum gut heißen, weil sie auch von Gott ausgehen und ausgegangen sind?!
[BM.01_074,02] Ich meine vielmehr so: Gott
hat unter Seinen zahllosen Geschöpfen auch freie Wesen gestaltet. Er hat ihnen
Seine unwandelbare Ordnung kundgegeben und die Wege vorgezeichnet, die sie eben
nach Seiner Ordnung zu wandeln haben. Da sie aber freie Wesen sind, können sie
wohl auch der erkannten göttlichen Ordnung den Rücken zuwenden und ihr
vollkommen zuwiderhandeln. So sie nun das tun, so frage ich:
[BM.01_074,03] Wenn allein dem göttlichen
Guten gegenüber etwas Böses denkbar ist, so ist ja doch nur eine Handlung wider
die erkannte göttliche Ordnung das eigentliche Böse zu nennen?! Ist aber diese
auch gut, da möchte ich denn doch wissen, was denn das Böse ist!? Denn etwas
Böses muß es ja doch geben, sonst wäre die Hölle der leerste Begriff, den ein
menschlicher Geist je gedacht hätte!
[BM.01_074,04] Ist aber die Hölle eine
wirkliche Realität, und ist eine der positiven unwandelbaren göttlichen Ordnung
zuwiderlaufende Handlung als wahrhaft böse zu bezeichnen, so sind diese Damen
böse und für die Hölle reif wie eine Traube auf der Erde im Monat November!
[BM.01_074,05] Sünde und Sünder als Jünger
des Teufels sind demnach böse, und ihr Lohn ist nach dem Ausspruche des Herrn
Selbst die Hölle als ein Sammelplatz alles Bösen. Aus der Erscheinlichkeit
dieser Damen hat sich's herausgestellt, daß in ihnen eitel Böses war. Sie
erdolchten sich gleich Furien, und nun brennen sie! Freund, hat die Hölle wohl
noch etwa ein anderes Gesicht?“
[BM.01_074,06] Spricht Borem: „Freund, du
sprichst noch wie ein kurzsichtiger Erdenpilger aus dem Kerker seines
Fleisches! Freilich ist von Seite eines freien Wesens eine der erkannten
göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Handlung Sünde und somit auch Böses. Aber
weißt du denn auch die Grenzen zwischen dem eigentlichen freien und daneben
aber gerichteten Wesen ein- und desselben Menschen zu bestimmen?
[BM.01_074,07] Weißt du, wo die Seele im
Fleische den Anfang nimmt, und wo in der Seele der Geist? Weißt du ganz genau,
wo bei einem Menschen die gerichteten Handlungen aufhören und die freien ihren
Anfang nehmen? Weißt du, wie das Geistige und Freie in das Naturmäßige und
Gerichtete hineinragt, und inwieweit?
[BM.01_074,08] So du den neuen Most in das
Faß gabst, da fing er bald darauf zu gären an. Da sauste und brauste es
gewaltig im Fasse, und als du mit der Nase an das Spundloch kamst, da schlug
dich ein heftiger Geruch ganz betäubt zurück. Weißt du wohl, was das war, was
den Wein gären machte? Siehe, du weißt es nicht! Als aber der Most ausgegoren
war, da ward er dann ruhig und rein und ward zu Wein. Weißt du wohl, wie aus
dem Moste ein lieblicher Wein wurde?
[BM.01_074,09] Bald nach der Blüte eines
Feigenbaumes oder eines andern Baumes sahst du die Frucht schon. So du sie
verkostetest, da fandest du sie sauer und herbe, also gegen die Ordnung deines
Geschmacks schlecht und böse. Als aber die Frucht reif ward, wie fandest du sie
dann? Siehe, da war sie deinem Gaumen vollkommen angepaßt, also sicher nicht
mehr schlecht und böse!
[BM.01_074,10] Der Winter ist für das Gefühl
sicher eine Sünde; denn er ist nicht in der Ordnung warmfühlender und
warmblütiger Menschen und Tiere. Aber so er nicht wäre, wie stünde es dann um
den Fruchtboden der Erde und um die physische Kraft des Menschen?
[BM.01_074,11] Ich sage dir, in der ganzen
Unendlichkeit findest du stets zwei Pole, von denen der eine wie der andere
gleich der Ordnung Gottes angehören, obschon sie sich in allem schnurgerade wie
Tag und Nacht oder wie Ja und Nein entgegengesetzt sind. Sage, welcher davon
ist denn böse? Siehst du denn nicht, daß der Herr alles leitet und führt, und
jedes Ding seines Weges? Wo also sollte da ein böser Weg sein!
[BM.01_074,12] Siehe, der Herr weiß es, wie
weit Er einem Wesen den Kreis seiner Freiheit spannt! In diesem Kreise kann
jedes Wesen, das einen freien Willen hat, zur Übung seiner Freiheit tun, was es
will. Aber über diesen Kreis hinaus vermag kein Wesen zu handeln!
[BM.01_074,13] In einem Wassertropfen leben
oft zahllose Infusorien und bewegen sich frei im selben; können sie aber auch
über den Tropfen hinaus ihre Lebensfreiheit ausüben?
[BM.01_074,14] Ebenso mögen die Menschen auch
die moralische Ordnung auf ihrem Erdboden untergraben durch Kriege und andere
Argheiten. Hindern sie aber dadurch den Nacht- und Tagwechsel, oder können sie
Regen und Winde aufhalten oder das Meer ausschöpfen?
[BM.01_074,15] Siehe, willst du von der großen
Ordnung Gottes reden, so mußt du weiter sehen als nur den schmalsten Raum
deines Wirkungskreises!
[BM.01_074,16] Was sich im Tropfen nicht
gibt, das gibt sich sicher im Meere, das der giftigste Tropfen nimmer vergiften
kann! Was in der Erdbahn keine Gleichung findet, das findet sie sicher in der
unermeßlich großen Sonnenbahn. Und wem diese noch zu klein ist, für den gibt es
noch Zentralsonnenbahnen von unermeßlichen Weiten und Tiefen!
[BM.01_074,17] So eine Zahl in einer andern
Zahl keine gleiche Aufnahme findet: ist das schon die Folge, daß es dann keine
Zahl mehr gäbe, in der sie eine harmonische Aufnahme fände? Oder so in einer
bestimmten Tonart in der Musik ein fremder, einer andern Tonart eigener Ton
nicht stimmt, somit eine barste Sünde ist, meinst du wohl, daß dieser Ton
sonach ganz aus der Musik zu verbannen wäre?
[BM.01_074,18] Siehe, Gott hat wohl auf der
Erde einem jeden Menschen eine gewisse Ordnung mit ,Du sollst!‘ gezeigt und
gegeben, aber Er hat ihm auch alles andere gegeben. Er weiß es am besten, wie
Er einen oder den andern leitet zur Erreichung des einstigen großen Zweckes.
Daher auch hat Er geboten, niemanden zu richten, so wie einst auch der Himmel
größter Engel Michael den Satan nicht richten durfte, als dieser mit ihm um den
Leichnam Mosis stritt!
[BM.01_074,19] Wir müssen daher nur sehen,
was der Herr tut, und darnach unser Urteil einrichten, wollen wir weise und
wahre Kinder Gottes sein. Alles eigene Urteil aber muß ganz aus uns weichen!
Denn wir können nur in unserm Kreise uns frei bewegen. Aber die Bewegung in den
zahllosen ewigen Kreisen der Ordnung Gottes geht uns nichts an, sondern allein
den Herrn – darum es auch heißt, daß da ein jeder nur vor seiner Tür fegen
solle und nicht auch vor der seines Nachbars!
[BM.01_074,20] Fasse dieses einmal wohl und
fest, und betrachte dann die Szene weiter! Ich hoffe vor Gott dem Herrn, du
wirst nun anfangen, die Sachen in einem ganz andern Lichte zu schauen und zu
beurteilen. Der Herr gebe dir bald den rechten Willen und die rechte Einsicht dazu!
Siehe nun hin, du ersiehst nun schon eine ganz andere Szene!“
75. Kapitel – Martins weitere Beobachtungen
an dem höllischen Zustand der Herz-Jesu-Damen. Borems entsprechende
Erklärungen.
[BM.01_075,01] Bischof Martin sieht nun
wieder hin, eine Weile ganz stumm; danach aber spricht er: „Ja, liebster
Freund, du hast recht: ich sehe es nun schon recht klar ein, daß des Herrn
Ordnung ganz anders bestellt ist, als wie ich sie mir ehedem vorgestellt habe!
Ja, wahr ist es, was da der große Seher David und der Apostel Paulus spricht,
da er sagt: ,Unergründlich sind des Herrn Wege und unerforschlich Seine
Ratschlüsse!‘
[BM.01_075,02] Aber daneben ist auch fast
gleich unergründlich und unerforschlich, warum ich so lange dumm bleibe,
während du gewisserart mit wenigen geistigen Mitteln in dieser kurzen Frist
schon ein grundweiser Engel des Herrn geworden bist! Aber sei nun, wie es
wolle, ich fühle stark in mir, daß der Herr Jesus nun mein einziges Bedürfnis
geworden ist. Und dieses Gefühl macht mich überaus glücklich und heiter! Mehr
aber brauche ich auch für die ganze Ewigkeit nicht. Ich sage dir, lieber Freund
und Bruder, so ich nun nur den Herrn habe, da liegt mir an allem andern wenig
oder nichts!
[BM.01_075,03] Ich meine daher: nachdem
ohnehin der Herr mit diesen starren Gesellschaftern und Gesellschafterinnen das
Beste tut und wir da weder was wegnehmen noch etwas hinzutun können, so ist es
nicht der Mühe wert, hier noch länger diese Szenen zu beobachten, an denen
wenigstens ich meinesteils verzweifelt wenig Angenehmes und den Geist
Erhebendes erschaue. Nun sind diese Damen wohl wieder ins Leben zurückgekehrt
und rennen in ihrem Garten glühend herum, als wenn sie die barsten Furien oder
Teufelinnen wären. Aber nützt mir solch ein gräßlicher Anblick, so ich ihn durchaus
nicht fassen kann und auch schwerlich je fassen werde?
[BM.01_075,04] Wenn es auf mich ankäme, da
ginge ich doch um eine ganze Million lieber hinaus in den schönen Garten etwas
herumarbeiten, als hier diese überaus langweiligen Szenen noch länger anzusehen!“
[BM.01_075,05] Spricht Borem: „Höre, liebster
Bruder, was dem Herrn recht ist, das sei auch uns recht. Denn siehe, auch uns
beide führt der Herr und weiß am besten, warum Er uns gerade diesen Weg
vorgezeichnet hat!
[BM.01_075,06] Betrachte daher nur geduldig,
was hier zu betrachten ist! Um die Erklärung aber sei ganz unbesorgt; diese
wird dir zu rechten Weile werden, und zwar in hoher Klarheit und reinster
Weise.
[BM.01_075,07] Was du aber nun erschaust, das
erzähle mir sogleich, wie du es erschaust. Ich werde dir dazu wie bisher stets
die erwünschte Beleuchtung zukommen lassen. Also tue im Namen des Herrn, wie
ich dir's nun geraten habe!“
[BM.01_075,08] Bischof Martin spricht: „Ja,
ja, du hast recht, der Herr führt daneben auch uns selbst; da freilich muß man
alles sorglichst beachten, was Er will! Und so will ich denn wieder recht
aufmerksam diese geistige Komödie betrachten. Aber nur reden laß mich dabei,
wie mir die Zunge gewachsen ist!“
[BM.01_075,09] Spricht Borem: „Rede, wie du
willst, mehr kann ich dir nicht sagen! Aber nur vor dem Richten hüte dich, denn
das gehört ganz allein dem Herrn zu!“ –
[BM.01_075,10] Bischof Martin ist damit ganz
zufrieden, sieht nun wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Dame und spricht:
„O jemine! Bruder, da sieht es auf einmal im Ernste sehr wild und böse aus!
Diese Damen sind nun ganz nackt, und ihr Fleisch ist durch und durch glühend
wie ein schmelzendes Erz. Je glühender es wird, desto ärger rennen sie
durcheinander.
[BM.01_075,11] Fett gerade sind diese wahren
Salamandrinen nicht; aber sie haben doch noch ein ziemlich menschliches
Aussehen. Der Leib ginge noch an, einige haben sogar einen gar nicht schlechten
Busen; aber die Gesichter sehen ganz entsetzlich verzerrt aus! Ich habe auf der
Erde nur unter den Affen manchmal ähnliche gesehen! Ei, ei, ei! Die Gesichter
sind fürchterlich wild und mehr als abschreckend häßlich!
[BM.01_075,12] O Gott, o Gott, da schau
einmal eine an, die uns nun ziemlich am nächsten steht! O Herr, das Gesicht!
Die Nase hängt ihr nahezu an den Bauch herab. Die Ohren haben Ähnlichkeit mit
denen eines Elefanten. Der Mund sieht eher dem After einer alten Kuh als einem
menschlichen Munde ähnlich; der Hals ist voll Kröpfe. Die Augen sehen zwei
unregelmäßigen Arschlöchern eines Hundes gleich und die Haare gleich einem
Gewürm! Ah, sapprament, das sieht verdammt häßlich aus! Wirklich sonderbar: der
Leib wäre bei ihr ganz in Ordnung; aber der Kopf, der Kopf! Wahrlich, ich kann
mir nichts Häßlicheres vorstellen!
[BM.01_075,13] Da, da, siehst du – o je, o
je, da kommt eine andere in unsere Nähe; die sieht aus, daß man sich darob über
alle Maßen entsetzen könnte! Das ist der Kopf von einer wahrhaftigen Boa
constrictor, nur die sehr langen Eselsohren mildern ein wenig die Gräßlichkeit!
Diese stieren Augen, dieses unausgesetzte Züngeln! Beim Munde, bei den Ohren
und durch die Nüstern schießt mit jedem sichtlichen Atemzuge ein reichlicher
dunkelbrauner Qualm heraus! Ah, ah, hörst du, liebster Freund, das ist doch
mehr als zuviel, das ist scheußlich! Der Leib wieder, wie bei den andern, ist
auch bei dieser ganz in Ordnung! Das Glühende abgerechnet, könnte man sie sogar
sehr üppig nennen. Aber nur der Kopf, der Kopf, der ist wahrhaft entsetzlich!
Um Gotteswillen, ist aber das eine Häßlichkeit ohne Maß und Ziel!
[BM.01_075,14] Holla, holla, jetzt rennen sie
wieder durcheinander wie rasende Hühner, als ob sie etwa den sogenannten
Hühnerteufel erschauen! Was doch solche Vorkommnisse zu bedeuten haben?“
[BM.01_075,15] Spricht Borem: „Ich sage dir:
gar nicht viel Sonderliches! Daß sie glühend aussehen, macht ihr
leidenschaftlicher, mit Zorn gemengter Eifer für die Sache ihres Ordens. Die
Tätigkeit seiner Aufrechterhaltung gibt sich durch das Herumrennen kund. Daß
die Leibesformen dieser Damen ganz gut aussehen, rührt von ihrem ziemlich
keuschen Sinne her; daß aber ihre Köpfe so wunderlich aussehen, davon ist ihre
große Dummheit die alleinige Schuldträgerin. Wenn sie sich mit der Weile besser
erkennen werden, dann werden sie auch bessere Köpfe überkommen. Solange sie
aber ihrem Wahne treubleiben, wird mit der Verbesserung ihrer Köpfe nicht viel
herausschauen.
[BM.01_075,16] Nun weißt du vorderhand die
nötige entsprechende Ursache solcher Erscheinung. Siehe aber nun weiter, denn
das, was du bis jetzt gesehen hast, war nur das Vorspiel, das eigentliche Drama
kommt erst!“
[BM.01_075,17] Spricht Bischof Martin: „Ganz
gehorsamster Diener! No, die Geschichte wird sich machen. Wenn jetzt erst das
eigentliche Hauptdrama beginnt, da bin ich wirklich äußerst wißbegierig, worin
dieses bestehen und wie es sich äußern wird!“
76. Kapitel – Herzloses Gebaren der
Herz-Jesu-Damen gegen ihre Einlaß begehrenden Eltern. Eingreifen der zwei
weißgekleideten Männer.
[BM.01_076,01] (Bischof Martin:) „Jetzt sehe
ich diese grauslichen Fetzen von Damen des Herzens Jesu (Ewig schade um diesen
herrlichsten Namen aller Namen!) sich allgemach in ihr Kloster zurückziehen,
und das sehr hastig! Was sie etwa darinnen wittern? Aber da entdecke ich nun
auch außer dem Garten sich mehrere alte Männer und Frauen lagern; sie sehen
sehr betrübt und mühselig aus! Was doch diese wollen und wer sie etwa sind?“
[BM.01_076,02] Spricht Borem: „Das sind
einige Elternpaare dieser Herz-Jesu-Damen. Sie suchen Hilfe bei ihnen, weil sie
durch vieles Suchen und Bitten erfahren haben, daß sich ihre seligsten Töchter
hier in einem himmlischen Kloster befänden und unausgesetzt für ihr Heil
bäten.“
[BM.01_076,03] Spricht Bischof Martin: „No,
die werden es da fangen! O weh, o weh, mir ist schon im voraus leid um diese
armen, gut- und dabei freilich dummherzigen Eltern!
[BM.01_076,04] Richtig, richtig, da greift
schon ein alter Mann nach der Pfortenklinke und läutet nun um Einlaß; aber es
kommt niemand! Er läutet abermals, aber es kommt noch niemand! Er läutet
stärker zum dritten Male, und es kommt auch zum dritten Male niemand!
[BM.01_076,05] Nun fangen die alt aussehenden
Leutchen wieder zu bitten und zu beten an und jammern, daß es schon völlig aus
ist. Ah, nun fangen sie diese Greteln gar mit lauten Gebeten zu verehren an!
Nein, das geht doch etwas zu weit! Aber es läßt sich dessenungeachtet noch
immer keine von unseren Salamandrinen sehen!
[BM.01_076,06] Ich höre nun laut schluchzen
und weinen und sagen: ,O ihr, unsere lieben, heiligsten Töchter, sehet von
euren himmlischen Thronen gnädig auf uns, eure armen irdischen Eltern, herab!
Nehmet uns als die Letzten in eure schlechtesten Dienste auf! O erhöret uns,
ihr heiligen Jungfrauen und Bräute Gottes!‘
[BM.01_076,07] Freund, Bruder, das ist stark!
Nein, für so dumm habe ich die Menschen, d.h. die römisch-katholischen Menschen
denn doch nicht gehalten. Ich war doch selbst ein Bischof und hielt große
Stücke auf manche fromm aussehende Dummheit der Menschen. Aber so etwas hätte
ich in meinem Sprengel denn doch nicht geduldet! Nein, diese armen Leutchen
oder Geisterchen, was sie hier schon sind, dauern mich wirklich von ganzem Herzen!
[BM.01_076,08] Nun bin ich nur neugierig, was
da zum Vorscheine kommen wird! Es läßt sich noch keine von den hier Angebeteten
blicken. Ich meine, diese Greteln wissen nun etwa gar schon, wie sie aussehen,
und schämen sich gar entsetzlich, sich also ihren Eltern zu zeigen. Darum
lassen sie diese bitten und beten, daß sie darob ihre Zungen bis auf die letzte
Fiber verbrauchen können, und es wird doch alles vergeblich sein. Höre, höre,
wie diese Armen schreien und jammern!
[BM.01_076,09] Oho, oho, was ist denn das
wieder für eine neue Erscheinung? Nun fängt es aus den vielen Fenstern des
Klosters förmlich zu blitzen und zu donnern an, aber gar zu mächtig rollt der
Donner nicht! Das scheint so ein wahrer klösterlich-theatralischer Hausdonner
zu sein; aber die Blitze sind den echten ziemlich ähnlich!
[BM.01_076,10] Horch aber nun, mir kommt es
vor, als ob der Donner zu Worten artikuliert würde! Bei meinem Leben, der
Donner spricht nun deutlich! Höre, höre, er spricht: ,Zurück mit euch, ihr
Verfluchten, von diesem Heiligtume Gottes, sonst verschlingt euch der Boden
sogleich in die Hölle hinab, da ihr gewagt habt, ihn mit euren sündigsten Füßen
zu betreten! Fliehet für ewig aus unserem heiligen Angesicht!‘
[BM.01_076,11] Ah, ah, ah, das sind doch
Luder erster Klasse! Weil sie selber schon beinahe rein des Teufels sind und
sich vor ihren tausendmal besseren Eltern schämen, verscheuchen sie nun diese
durch so eine scheußliche Maske. Und die Armen begeben sich nun wirklich unter
großem Heulen von diesem Orte.
[BM.01_076,12] Hör, Bruder, dieses Drama
nimmt schon einen sehr höllisch respektablen Anfang! Da bin ich wahrhaft sehr
neugierig, wie sich diese Sache weiter ausfechten wird!
[BM.01_076,13] Die armen Eltern haben nun
dort unweit vom Garten gegen Mittag hin einen reichlich mit Früchten behangenen
Baum erreicht. Sie lagern sich nun unter demselben, mit den Gesichtern gegen
das Kloster gewendet. Wahrscheinlich müssen sie einen falschen Trost und eine
sicher leerste Hoffnung im selben vermeinen! Sonst müßte ihnen eine solche
lumpigste Trugdemonstration ja doch zur größten Genüge zeigen, daß sie von
ihren vermeintlich seligsten Töchtern nichts zu erhoffen haben – außer eine
noch ärgere Demonstration!
[BM.01_076,14] Ich möchte denn doch sehen,
was nun unsere Damen machen werden! Blitze fahren noch immer aus den Fenstern;
auch ein Donnern vernehme ich noch, aber wohl nur ganz schwach. Die Alten unter
dem Baume entdecken nun die Früchte und einige von ihnen langen ganz behutsam
danach, pflücken sie ab und führen selbe an den Mund. Sie beißen ganz ernstlich
in diese recht gut aussehenden Früchte, die ihnen sehr zu schmecken scheinen,
weil sie nun gar so emsig nach mehr solcher Früchte greifen und selbe auch
denen darreichen, die selbst keinen Mut zu haben scheinen, sich welche von
diesem Baume herabzunehmen.
[BM.01_076,15] Aber nun sehe ich bei einem
Klosterfenster etwas hinausstecken, das da aussieht wie ein Sprachrohr. Es wird
gerade nach jenem Baume hin gerichtet, unter dem unsere Alten sich gelagert
haben, um sich an des Klosters ,himmlischem‘ Anblicke zu weiden und zu laben –
oder vielleicht auch etwas anderes. Nun möchte ich bald sehen, was da aus
diesem Sprachrohre sich alles – wahrscheinlich wie aus einer Pandorabüchse –
entwickeln wird!
[BM.01_076,16] Sapprament, da sieh hin! Eine
Menge Nachteulen fliegen nun aus diesem veritablen Sprachrohr gerade an den
Baum, wo unsere armen, geprellten Alten ihre erquickliche Rast genommen haben.
Die Nachteulen schwirren nun um den Baum und stoßen herab auf unsere Alten, die
darum sehr ängstlich werden.
[BM.01_076,17] Nun entströmen dem Rohre auch
Flammen, und Worte auch darunter, die wie zuvor die Nachteulen gegen die
ängstlichen Alten sichtlich ihre Richtung nehmen. Die Worte sehen wie glühende
Schlangen aus und sind voll der entsetzlichsten Drohungen, und die Flammen
scheinen die Träger dieser Schlangenworte zu sein.
[BM.01_076,18] Schau, das ist einmal ganz
etwas Neues! Daß sich Worte niederschreiben lassen durch gewisse Zeichen, die
man Buchstaben nennt, das ist eine altbekannte Sache. Aber daß man Worte auch
in diesen scheußlichen Gestalten ausdrücken könnte, das ist mir noch nicht
vorgekommen!
[BM.01_076,19] Siehe, nun erheben sich die
Alten und fliehen mit Sturmesschnelle von dannen, und die Nachteulen verfolgen
sie hin an einen Strom, den ich soeben entdeckt habe.
[BM.01_076,20] Aber dort ersehe ich nun zwei
weißgekleidete Männer; es sind dieselben, die diese herzlichen Damen vorher
erdolchen wollten. Diese zwei Männer winken den fliehenden Alten, zu ihnen zu
gehen. Die Nachteulen aber, als sie diese zwei Männer ersehen, machen eiligst
rechts um, fliegen in größter Hast wieder dem Kloster zu und schießen da wie
Blitze in das noch zum Fenster hinausgerichtete Sprachrohr. Auch die
Schlangenworte samt den Flammen nehmen wieder ihren sehr schnellen Rückzug.
[BM.01_076,21] Die zwei Männer aber
versammeln nun die Alten um sich. Wie es scheint, machen sie nun auch mit ihnen
eine umgekehrte Bewegung gegen das Kloster hin. Na, die Geschichte bekommt
stets mehr Ausdehnung! Ich bin schon über alle Maßen neugierig, was da noch
alles herauswachsen wird!“
[BM.01_076,22] Spricht Borem: „Liebster
Bruder, vor gar zu großer Neugierde mußt du dein Herz auch verwahren, weil
einer solchen Schaugier auch stets heimlich sich eine Schadenfreude beigesellt!
Sei daher hier bloß ein weiser Beobachter zum Nutzen deines Geistes; aber die
Neugierde lasse beiseite! Denn hier müssen wir im höchsten Grade nüchtern sein,
weil hier etwas Höllisches mit unterlaufen wird. Beobachte nun, aber ohne alle
Neugier; das Geschaute aber erzähle mir treu!“
77. Kapitel – Posaunenstoß der zwei weißen
Männer und Zusammensturz des Klosters. Die Herz-Jesu-Damen als Riesenfrösche.
Aufklärende Rede an die geängsteten Eltern.
[BM.01_077,01] Bischof Martin wendet seine
Augen wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Dame und spricht nach kurzer
Beschauung: „Ja, ja, so ist es schon recht; die zwei weißen Männer ziehen in
Gesellschaft der Alten nun wirklich dem Kloster zu! Je näher sie kommen, desto
fleißiger blitzt es aus den vielen Fenstern; aber die Blitze reichen nicht gar
zu weit. Auch läßt sich ein innerer Donner vernehmen, aber wohl sehr schwach.
[BM.01_077,02] Die Gesellschaft ist nun schon
ganz nahe an der Gartenmauer. Einer von den zwei weißen Männern geht nun
sogleich an die Türe und öffnet diese mit Blitzesschnelle. Nun dringen sie alle
in den Garten und im selben in des Klosters Nähe.
[BM.01_077,03] Hier angelangt stellen sich
die zwei weißgekleideten Männer vor die Schar der Alten. Ein jeder von ihnen
zieht eine lange Posaune unter dem Kleide hervor. Beide setzen nun diese
Musikwerkzeuge an den Mund und stoßen gar mächtig in dieselben. Oh sapprament,
das ist ein kräftiger, majestätvollster Ton!
[BM.01_077,04] Aber was sehe ich nun? Da
sieh, da sieh! Das Klostergebäude stürzt nun zusammen gleich den Mauern
Jerichos. Und unsere Damen kriechen laut klagend und fluchend aus dem Schutt
hervor wie Würmer aus einem Sumpfe und haben eine Gestalt wie die Riesenfrösche
Hinterägyptens auf der Erde. Nur die Köpfe sehen mehr den Köpfen der
Riesenschlangen gleich als denen der Frösche. Auch bemerke ich, daß sie an
ihren Steißen Skorpionsschwänze haben. O du verzweifelte Geschichte, das Ding
sieht nun äußerst bedenklich aus!
[BM.01_077,05] Den Alten sträubt sich ob
dieses Anblicks das Haar zu Berge. Diese ganz sonderbaren Frösche fangen auch –
statt weiter zu fluchen – ganz entsetzlich zu quaken an. Aber ihr Gequake ist
nun ohne Sinn und, wie es scheint, von gar keiner Wirkung. Denn die zwei Männer
bedräuen diese Frösche und treiben sie nun vor sich hin, und die Alten folgen
ganz erstaunt den zweien. Ihr Zug geht gegen Abend!
[BM.01_077,06] An der Stelle des Klosters ist
nun eine abscheuliche Pfütze zu sehen. Sapprament, Bruder, das sieht nun sehr
düster aus! Nein, ich werde nun schon selbst ängstlicher und ängstlicher!
Merkwürdig aber ist hier die Erscheinlichkeit, daß ich diese gegen Abend
eilenden Frösche, wie auch ihre sie treibende Nachfolge stets gleich groß und
gut sehe, obschon sie nun dem Raume nach schon sehr weit von uns entfernt
sind.“
[BM.01_077,07] Spricht Borem: „Räumliche
Entfernungen beirren nimmer des Geistes Sehe; denn jeder Geist ist über Zeit
und Raum erhaben. Aber die verschiedenen Arten der Gemütszustände sind wahre
Geistesentfernungen und beirren die Sehe des Geistes oder blenden sie oft ganz
und gar.
[BM.01_077,08] Wären bei dieser Fröscheflucht
die zwei weißgekleideten Männer nicht dabei, so würdest du sie nimmer
erschauen; denn der Gemütszustand dieser Frösche ist zu sehr verschieden von
dem unsrigen. Aber da diese zwei mit uns völlig verwandten Gemütes sind, so
können sie räumlich noch so weit von uns entfernt sein, so werden wir sie dennoch
stets gleich sehen.
[BM.01_077,09] Wir können zwar wohl auch die
Hölle in der vollsten Nähe beschauen. Aber das geschieht nicht durch die
Gemütsassoziation, sondern durch eine eigene wunderbare Vermittlung des Herrn,
die du erst später wirst kennenlernen.
[BM.01_077,10] Nun weißt du von dieser dir
mit Recht merkwürdig vorkommenden Erscheinung auch den Grund, den dir aber erst
die Folge vollends klarmachen wird. Beobachte nun weiter die Szene, die nun vor
dir ist; du wirst von ihr sehr viel lernen!“
[BM.01_077,11] Bischof Martin strengt wieder
seine Sehe an und ersieht die Frösche schon tief im dunklen Abend das Ufer
eines mächtigen Meeres erreichen und zugleich haltmachen. An diesem Ufer fangen
sie erbärmlichst an zu quaken und sträuben sich, ins Wasser zu gehen. Die zwei
Männer aber nötigen sie nicht, sondern lassen ihnen die freie Wahl.
[BM.01_077,12] Bischof Martin, solches
schauend, spricht: „Da sehe nun ein Mensch diese grauslichen Frösche an! In ihr
Element wollen sie denn doch nicht, obschon sie für selbes wie geschaffen zu
sein scheinen. Davon scheint, wie ich in mir zu ahnen beginne, das der Grund zu
sein: In ihnen muß doch noch etwas Besseres verborgen sein, das nicht diesem
Elemente angehört, und das wird sie wahrscheinlich noch auf dem trockenen Lande
erhalten?!“
[BM.01_077,13] Spricht Borem: „Wird schon so
sein! Aber beobachte nun nur weiter; denn nun wird sich bald die Entwicklung
dieses ersten Aktes zeigen!“
[BM.01_077,14] Bischof Martin schaut nun sehr
aufmerksam auf die Szene hin und spricht nach einer Weile: „Ah, ah, da sieh
einmal hin, das ist ja über alle Maßen merkwürdig! Nun blähen sich die Frösche
am Ufer des Meeres auf, daß es wahrlich grauenhaft anzusehen ist. Wie die
größten Elefanten stehen sie nun da vor den zwei Männern und vor der stets
ängstlicher werdenden Schar der Alten. Noch immer schwellen sie auf, als so sie
mit einem Gebläse aufgetrieben würden. O Tausend, o Tausend! Nun sind sie schon
so voluminös, daß man sie geradeweg für kleine Berge halten könnte!
[BM.01_077,15] Sie machen nun Miene, die zwei
Männer samt den Alten angreifen zu wollen. Aber die zwei Männer weichen keinen
Schritt zurück, obschon die Alten lieber davonfliegen als -gehen möchten.
[BM.01_077,16] Nun aber gebieten die zwei
Männer Ruhe und einer von ihnen spricht zu den Alten: ,Fürchtet euch nicht vor
diesen Aufgeblühten! Nur die sündige Haut ist es, vor der ihr euch entsetzt;
aber das Inwendige ist schwächer denn das Wesen einer Milbe! Wir könnten sie
wohl mit einem Hauche verwehen, die ihr zuvor noch als Seligste förmlich
angebetet habt. Aber wir sind so unbarmherzig nicht, wie sie als vermeintliche
Gottesbräute gegen uns und euch es waren, obschon wir die vollkommensten
Protestanten sind und tatkräftigst gegen alles auf das feurigste protestieren,
was irgend nur im geringsten nicht des Herrn ist!
[BM.01_077,17] Wollt ihr aber noch
handgreiflicher wissen, wer da diese aufgeblähten Frösche sind, da wisset: Das
sind eure Töchter, die eure große Dummheit samt einem großen Vermögen in das
Kloster dieser Herz-Jesu-Damen getrieben und gewisserart förmlich verdammt hat!
Wie gefallen sie euch nun in diesem Himmelsgewande?‘
[BM.01_077,18] Die Alten schlagen die Hände
über dem Kopfe zusammen, reißen sich die Haare aus und schreien: ,Aber um
Gotteswillen! Jesus, Maria und Joseph, steht uns bei! Wie ist denn das
möglich!? Sie sollen ja ein gar so reines Leben geführt haben! Sie haben ja
doch nichts getan, als was sie vom Beichtvater aus zu tun bemüßigt waren, und
was ihnen ihre strenge Regel vorschrieb! Und nun müssen wir sie in diesem
schrecklichsten Zustand hier antreffen! O Jesus, Jesus, Jesus, Maria und
Joseph! Was ist nun hier aus ihnen geworden!‘
[BM.01_077,19] Spricht wieder einer der zwei
Männer: ,Seid ruhig und ängstigt euch dieser wenig Werten wegen nicht. Wir sind
darum vom Herrn abgesandt, um in Seinem allerheiligsten Namen das zu suchen und
wiederzubringen, was da immer in Verlust geraten ist, und werden sonach auch
diese Frösche wieder zurechtbringen! Damit aber auch ihr von eurer Torheit
geheilt werdet, so müsset ihr bei diesem Werk zugegen sein und euch in aller
Geduld in alles fügen, was da immer über euch kommen mag. Erwecket aber vor
allem eure Liebe zum einigen Gott und Herrn Vater Jesus, so wird der von euch
allen zu wandelnde Weg ein leichter sein!‘
[BM.01_077,20] Nun fangen die Alten an zu
weinen über das Unglück ihrer seligst vermeinten Töchter; diese aber blähen
sich nun noch ärger auf.“
78. Kapitel – Eine dunkle Jesuitengeschichte:
Der um seine Tochter betrogene Vater. Die geistige Beleuchtung der Geschichte.
[BM.01_078,01] (Bischof Martin:) „Ein sehr
bejahrt aussehender Vater einer dieser Herz-Jesu-Damen tritt nun vor die zwei
weißen Männer und spricht in einem sehr weinerlichen Tone: ,O ihr mächtigsten
Boten Gottes, wie kann doch das sein, daß auch meine Tochter sich unter diesen
Unglücklichen befindet! Soviel mir wohl bekannt ist, lebte meine Tochter doch
so strenge und gewissenhaft genau nach den Regeln ihres Ordens und somit im
vollkommensten Geiste der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche,
welcher Geist doch offenbar der Heilige Geist sein muß?
[BM.01_078,02] Zufolge solchen Lebens und
laut der vielen Versicherungen der Kirche hätte meine Tochter doch sollen vom
Munde auf in den Himmel fahren! Denn nebst ihrem gewissenhaft strengsten Leben
erhielt sie auch vom Papste selbst nicht nur einen, sondern ein ganzes Dutzend
vollkommene, von der lauretanischen Maria selbst privilegierte Ablässe, wodurch
ihr auch das Fegefeuer vollkommen erlassen war! Wie geht es demnach hier zu,
wenn ein solches Leben vor Gott keinen Wert hat?
[BM.01_078,03] Ja, ich kann es euch auf mein
Gewissen und Leben sagen, daß meine Tochter wahrlich vom Himmel aus ganz
unverhohlen zur Braut Christi berufen wurde durch ein Traumgesicht eines
allerstrengst lebenden frömmsten Jesuiten. Diesem frömmsten Mann Gottes träumte
nach seinem ganz einfachen und schlichten Geständnisse:
[BM.01_078,04] Maria und der heilige Joseph
seien ihm erschienen im allerhöchsten Himmelsglanze und sprachen zu ihm: ,Höre
uns, du reinster Bruder der Engel, gehe du hin zum N. N.; der hat ein liebes
Töchterchen, an der Jesus ein großes Wohlgefallen hat, daß Er sie darob zu
Seiner fürnehmsten Braut haben will! Gehe bitten für Gott, deinen Herrn, und
verschaffe Ihm diese Braut, sonst sollst du nie einen Teil am Himmelreiche
haben!‘
[BM.01_078,05] Darauf sei er wach geworden
und habe sehr darüber nachgedacht, habe solchen dreimal gleich gehabten Traum
dem Konvente angezeigt, und dieser dem General nach Rom. Und wie war der ganze
Konvent überrascht, als er vom General die wunderbare Erklärung zurückerhielt,
daß auch demselben das gleiche geträumt habe und, als er dem Traume nicht
glauben wollte, Maria sogar zum vierten Male allein ihm ganz traurig erschien
und zu ihm sagte:
[BM.01_078,06] ,O du elender Wurm im Staube!
Dieweil du nicht glaubst, so sollst du so lange mit einer schweren Krankheit
geplagt werden, bis das liebe Mädchen sich im Kloster der Herz-Jesu-Damen als
eine Braut meines Sohnes befinden wird! Zur Steuer der Wahrheit sollen drei
Tage hindurch in der Nacht um 12 Uhr alle Glocken Roms eine Stunde lang von
selbst ertönen!‘
[BM.01_078,07] Alles dieses sei wunderbarst
wirklich eingetroffen, und der General habe dann sogleich Gebete in allen
Konventen heimlich angeordnet. Und er habe besonders den Pater, dem es von
meiner Tochter so wunderbar geträumt hatte, dringendst gebeten, daß er Tag und
Nacht beten solle, damit meine Tochter ins Kloster ginge.
[BM.01_078,08] Ich für mich aber wollte sie
nicht so leicht hineingeben, denn ich war auf der Welt sehr reich und von hohem
Adel. Meine Tochter aber war überaus schön und sanft und gut und hätte wohl die
beste Partie machen können. Aber ich gab endlich den vielen Bitten des frommen
Paters nach. Und da die Tochter auch Christus allen andern Bräutigamen vorzog,
so wählte auch sie den Schleier und wurde eine Braut Christi. Ach, du
unglückliche Braut!
[BM.01_078,09] O ihr beiden mächtigen Boten
des Herrn, o saget es mir armem, unglücklichen Vater: Was um Gotteswillen hat
denn meine Tochter verbrochen, darum sie sich nun auch unter diesen
unglücklichsten echten Teufelsgestalten befindet? Hatte sie etwa geheime
Sünden? Oder war sie eine pure Heuchlerin? Oder ist die römische Kirche ein
Betrug? O saget, warum widerfuhr meiner Tochter dieses unaussprechliche
Unglück!‘
[BM.01_078,10] Nun spricht der eine von den
zweien: ,O Freund, hast du denn nie das Evangelium des Herrn gelesen?‘
[BM.01_078,11] Antwortet der Alte: ,Als
Schulknabe wohl, aber später nimmer; denn ich ging ja alle Sonn- und Feiertage
ohnehin in die Kirche und hörte da Predigt und Messe! Zudem war das Lesen der
Bibel uns Laien ohnehin von der Kirche aus untersagt, und ich glaube recht
gehandelt zu haben, so ich der Kirche in allem gehorchte!‘
[BM.01_078,12] Spricht wieder der eine: ,Nun,
wenn dir die Kirche mehr galt als das reine Wort Gottes, so mußt du nun schon
die Kirche um Rechenschaft angehen und nicht uns, die wir als vollendetste
Protestanten der römischen Kirche uns nie an etwas anderes gehalten haben als
an das nur, was Christus allein gelehrt hat! Im Evangelium des Herrn aber steht
nirgends etwas von einer alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche,
nichts vom Papste, nichts von den Jesuiten und nichts von den Herz-Jesu-Damen,
sondern da steht ganz einfach: ,Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie
dich selbst! Darin ist das Gesetz und alle Propheten!‘
[BM.01_078,13] Siehe, wer nur des Lohnes
wegen arbeitet, der ist ein unnützer Knecht und nicht wert des Lohnes,
geschweige des Herrn, der da spricht: ,Wer seinen Vater, seine Mutter, seinen
Bruder, seine Schwester und dergl. mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht
wert! So ihr aber alles getan habt, da bekennet, daß ihr unnütze Knechte
waret!‘
[BM.01_078,14] Siehe, das sind Gottes Worte!
Frage dich selbst, ob du sie wußtest, und ob du und deine himmelsstolze Tochter
sie je beachtetet!‘
[BM.01_078,15] Spricht der Alte: ,Ja, wenn das
wirklich Gottes Worte sind, wie sie auch sein werden – besonders die des
Gesetzes der Liebe, die ich wohl öfter von der Kanzel gehört habe –, dann ist
es mir mehr und mehr einleuchtend, warum meiner Tochter so etwas widerfuhr.
Aber sie ist auf diese Art eine derbst Geprellte und verdient daher Nachsicht
und ein gnädigstes Erbarmen vom Herrn!‘
[BM.01_078,16] Spricht wieder der eine:
,Freund, wäre der Herr nicht besser, als du und deine Tochter Ihn kennen, so
würdest du samt deiner Tochter dich nun in der Hölle befinden. Weil aber der
Herr endlos besser und weiser ist, befindet ihr euch anstatt in der Hölle nur
in der notwendigsten Korrektion eurer Sehe und im Gnadenbade zur Heilung eures
ganzen Wesens!
[BM.01_078,17] Wisse denn, jener Traum des
Jesuiten war rein erdichtet deiner schönen und reichsten Tochter wegen. Du
warst durch Zulassung des Herrn darum schändlichst geprellt, weil du sonst
deine Tochter niemandem als nur einem Prinzen geben wolltest. Das aber war von
dir um so ärger gefehlt, als du wider aller Christuslehre Sinn, nach dem alle
Menschen gleich sind, deine Tochter einem armen, aber sonst rechtlichen Manne
schmählich vorenthieltst und ihn für seine Keckheit noch züchtigen ließest!
Siehe, solch ein Verfahren ist vor Gott das fluchwürdigste!
[BM.01_078,18] Es kam aber um deine Tochter
dennoch kein Prinz, sondern ein hinterlistiger Jesuit und überlistete dich samt
deiner Tochter! Kannst du darum vom Herrn, der die höchste Liebe, Demut und
Sanftmut Selbst ist, wohl Rechenschaft verlangen, so du deine Tochter statt im
Himmel hier in diesem mißlichsten Zustande findest?
[BM.01_078,19] Dann, mein Freund, war deine
Tochter stolz und hart gegen ihre Untergebenen, da sie als die Reichste bald
die Vorsteherin dieses neugebackenen Ordens ward. Sie hielt sich für eine
Heilige zufolge ihrer wunderbaren Berufung, und noch mehr, weil alle Nacht ein
maskierter Herr Jesus sie leibhaftig besuchte und sie als seine Braut natürlich
ihm alles gewährte, was er nach der Lüftung des sogenannten himmlischen
Schleiers von ihr verlangte. Davon sagte sie dir freilich nicht alles, sondern
nur, daß dieser ihr Jesus von dir auf das strengste verlange, daß du dein
gesamtes großes Vermögen dem heiligen Kollegium vermachen sollst, was du auch
getan hast in deinem blinden Glauben!
[BM.01_078,20] Siehe, also stehen die Dinge
um dich und deine Tochter und werden ebenso um dein noch auf der Welt lebendes
Weib stehen! Wie meinst du nun: kann ein Mensch neben der Lehre Gottes mittels
eines solchen Lebens den Himmel erwarten – besonders wenn deine Tochter gar
bald wußte, wer ihr Herr Jesus ganz eigentlich war? Verstehst du das nun, mein
lieber Freund?‘
[BM.01_078,21] Der Alte macht nun sehr große
Augen, und mehrere andere mit ihm, und er möchte nun über alle Maßen über Rom
zu fluchen anfangen. Aber die beiden verbieten ihm streng, solches zu tun, und
zeigen ihm, daß das Gericht allein des Herrn ist, allen Menschen aber die
Vergebung zukommt, so sie auch Vergebung erlangen wollen. Das beruhigt nun
unseren Alten. Und ich sehe nun, daß ein Frosch kleiner zu werden beginnt; das
wird sicher die besagte ,Braut Christi‘ sein! Bruder, die Sache macht sich!“
79. Kapitel – Des Alten Ärgernis an Rom und
an der Langmut Gottes. Gleichnisse von der Geduld des Herrn.
[BM.01_079,01] (Bischof Martin:) „Der Alte
macht sich nun wieder an den einen und fragt ihn: ,Ich sehe nun alles ein, was
du zu mir geredet und was du mir angezeigt hast; denn es ist sicher so und
nicht anders. Aber wenn es leider sicher so ist, wie du mir es nun gezeigt
hast, möchte ich doch auch erfahren, wie denn der Herr Rom noch kann bestehen
lassen?! Denn da ist Rom ja nur eine Stätte des Greuels und ewig nimmer eine
Kirche des Herrn!
[BM.01_079,02] Wo ist denn hernach Petrus,
der Fels, den der Hölle Pforten nimmer überwältigen sollen? Rom behauptet
solches von sich, und der jeweilige Papst als vorgeblicher Stellvertreter
Christi auf Erden sitze auf diesem Felsen unter dem beständigen Einflusse des
Heiligen Geistes! Solch eine Behauptung kann doch unmöglich etwas anderes als
nur ein größter Greuel vor Gott sein! O erläutere es mir, wie es denn zugeht,
daß der Herr so etwas dulden kann? Er hätte ja doch tausend Mittel, um diesem
Übel zu steuern!‘
[BM.01_079,03] Spricht der eine: ,Mein
Freund, das ist wahr, der Herr kann alles, was Er will. Aber was möchtest du zu
einem Vater von etlichen 10-20 Kindern sagen, so er, wenn einige seiner Kinder
widerspenstig und ungehorsam wären, diese sogleich entweder durch einen
Scharfrichter oder mit eigener Hand hinrichtete? Würde da nicht jeder Mensch sagen:
,Das ist unerhört; so ein Teufel von einem Vater ist noch nie dagewesen!‘
[BM.01_079,04] Was sagtest du denn zu einem
Herrscher, der seine Untertanen wegen Nichterfüllung seiner Gesetze sogleich
spießen und braten ließe? Würdest du da nicht rufen: ,O seht, seht, welch ein
schrecklicher Tyrann, welch ein unmenschlicher Teufel!‘
[BM.01_079,05] Und siehe, gegen einen so
unmenschlich strengen Vater könnten die Kinder sich sogar wirksam zur Wehr
stellen, und die Untertanen könnten sich gegen einen solchen Tyrannen mächtig
erheben und ihn übel erwürgen!
[BM.01_079,06] So aber der allmächtige Vater
ebenso mit Seinen Kindern verführe, sage, wie würdest du ein solches Verfahren
von der Gottesseite ansehen und benennen?
[BM.01_079,07] Wäre das nicht die namenloseste
Grausamkeit, so der allmächtige Gott mit Seinen schwachgestellten Geschöpfen so
verfahren möchte wie einst ein Wüterich in Frankreich mit den Franzosen?
[BM.01_079,08] Siehe, der Herr weiß gar wohl,
daß Rom eine grausliche Hure ist, wie Er auch wußte, daß die Ehebrecherin eine
allgemeine Buhldirne, die Magdalena eine große Hure und die Samaritanerin am
Jakobsbrunnen eine arge Geilerin war. Aber wie Sich der Herr gegen jene drei
Weiber erwiesen und erzeigt hat, und wie Er aufnahm den verlorenen Sohn, ebenso
erweist Er Sich der Hure Rom und nimmt jeden reuigen verlorenen Sohn aus ihrem
Schoße auf, wenn er zuvor auch noch so stark und mächtig mit dieser Hure
gebuhlt hätte! Aber natürlich – ohne Reue und Buße ist's für so lange nichts,
als wie lange der Buhler weder Reue noch wahre Buße gewirkt hat!
[BM.01_079,09] Was aber den Felsen Petri
betrifft und wo er ist, da ihn der Hölle Pforten nicht überwältigen können,
zeigte der Herr mit manchen Texten und Versen Seines heiligsten Evangeliums!
[BM.01_079,10] Da heißt es einmal: ,Wer an
den Sohn glaubt und aufnimmt Sein Wort, der hat das ewige Leben!‘ – Siehe, das
ist schon ein Fels!
[BM.01_079,11] Wieder heißt es einmal: ,Mein
Reich kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist inwendig in euch‘ –
Siehe, da also ist der wahre unüberwindliche Fels Petri aufgerichtet!
[BM.01_079,12] Und wieder heißt es anderswo:
,Wer Meine Worte hört, sie annimmt und danach lebt, der ist es, der Mich liebt;
der Mich aber liebt, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm Selbst offenbaren!‘ –
Siehe, das ist auch Petrus, der Unüberwindliche in eines Menschen Herzen. Das
allein ist die wahre, lebendige Kirche des Herrn, so Er durch den lebendigen
Glauben, der da die Liebe ist, im Herzen des Menschen Wohnung genommen hat!
[BM.01_079,13] Du siehst nun, wie es mit
Petrus steht, und wo er ist. Darum frage nicht mehr weiter um alberne, leere
Dinge der Welt, sondern suche nun vor allem das wahre Gottesreich in dir und
seine liebevollste Gerechtigkeit, so wird dir dann alles andere von selbst werden!‘
[BM.01_079,14] Der Alte verneigt sich nun bis
zum Boden vor diesem Boten des Herrn und auch die andern Alten tun desgleichen.
Aber die Frösche sind noch Frösche geblieben, nur kommen sie mir nicht mehr gar
so aufgebläht vor. Der eine Frosch ist nun ganz klein geworden und nähert sich
den zweien. Je näher er ihnen kommt, desto kleiner wird er; das scheint mir ein
gutes Zeichen zu sein!
[BM.01_079,15] Übrigens muß ich es selbst
offen und dem Herrn allerdankbarst bekennen, daß ich nun aus dieser Szene
bisher sehr viel profitiert habe und nun sicher um zehnmal weiser bin als
ehedem! Die Szene aber ist auch fortwährend interessanter und vollauf
merkwürdig.
[BM.01_079,16] Der Jesuit ist hier wirklich
glorios dargestellt worden, das muß man sagen! Wahrlich, da gehört mehr als
bloß nur göttliche Geduld dazu, um solche Kerls nicht noch ärger wie Sodom und
Gomorra heimzusuchen! Wahrlich, ich dürfte jetzt nicht mit der Macht des Herrn
ausgerüstet sein, da ginge es diesen Weltbetrügern ganz verdammt schlecht! Aber
es geschehe des Herrn Wille!“
80. Kapitel – Gleichnis von den Weizen- und
Distelsorten. Erwachen der Liebe Martins zum Herrn. Fortsetzung der Szene mit
den Herz-Jesu-Damen.
[BM.01_080,01] Spricht Borem: „So ist es
recht: allein des Herrn allerbester und allerweisester Wille geschehe! Die
Disteln sind offenbar schlechter als der Weizen, der schon so gut ist, wie er
sein muß. Aber gehe du alle Weizensorten der Erde durch, und du wirst in ihnen
wenig Unterschied finden. Gehe aber auch alle Distelsorten durch, und du wirst
obenan die herrliche Ananas finden und neben ihr die heilkräftige Aloe und
neben der die zuckerstoffreiche Feigendistel Afrikas!
[BM.01_080,02] Wie töricht wäre es darum, das
Geschlecht der Disteln zu verdammen, da doch die Natur zeigt, welcher Veredlung
sie fähig sind! Der Weizen bleibt Weizen, aber die Distel kann zur Ananas
erhöht werden!
[BM.01_080,03] Ebenso blieb ein Petrus, ein
Jakobus, ein Andreas usw. das, was sie seit ihrer Entstehung waren, nämlich ein
reiner Weizen in der Scheune des Herrn. Unter diesem Weizen aber stand auch
eine sehr stachlige, wilde Distel: sie hieß Saulus! Und siehe, der Herr
veredelte sie zur herrlichen Ananas, zur köstlichen Frucht der Erde!
[BM.01_080,04] Siehe, was aber der Herr
einmal tat, das tut Er noch! Daher sagen wir allzeit aus vollstem Grunde
unseres Lebens: O Vater, Dein heiligster Wille geschehe!“
[BM.01_080,05] Bischof Martin ist zu Tränen
gerührt und spricht: „Ja, ja, du mein lieber Bruder, ewig nur Sein heiligster
Wille! Oh, wenn ich Ihn jetzt da hätte, da möchte ich Ihn so an mein Herz
drücken, daß ich darob völlig mich auflösen könnte! O Du, mein guter Herr Jesus
Du, komme, komme zu uns beiden!“
[BM.01_080,06] Spricht Borem: „Bruder, nun
erst bist du auf den rechten Weg gekommen. Jetzt erst hast du angefangen,
Christus anzuziehen! Ich sage dir, du gehst nun einer herrlichen Löse entgegen!
Bald wirst du erfahren, was das heißt: ,Kein Auge hat je gesehen und keines
Menschen Sinn empfunden, was der Herr denen bereitet hat, die Ihn lieben!‘ Du
aber hast nun Liebe zum Herrn in deinem Herzen erweckt, die allein bei Ihm
etwas gilt. Gib nun acht, was mit dir bald vor sich gehen wird, so du in dieser
Liebe verharren und wachsen wirst! Siehe aber nun ein wenig nach der Tafel hin
und sage mir, was du nun dort ersiehst!“
[BM.01_080,07] Bischof Martin sieht sich nun
eilends nach der Tafel um und erschrickt. Er sieht diese heller denn eine Sonne
erglänzen und liest inmitten des großen Glanzes die Worte: ,Bruder, verharre
nur noch eine kurze Weile, und Ich werde bei dir sein!‘ Als er solches mit
großer staunender Freude erschaut, spricht er:
[BM.01_080,08] (Bischof Martin): „O Bruder,
ich empfinde nun eine Wonne, von der ich noch nie eine allerleiseste Ahnung
gehabt habe! Was wird daraus erst in der Folge werden, wenn die Sache so
vorwärtsgehen wird, wie ich's nun in meinem Herzen empfinde, da es stets mehr
in der Liebe zum Herrn Jesus sich entzündet?
[BM.01_080,09] Ja, ich sage dir, nun bin ich
in den Herrn Jesus aber schon so verliebt, daß ich mir vor lauter Liebe gar
nicht zu helfen weiß! Ja, ich könnte Ihn – ich möchte Ihn – ja ich könnte mich
vor lauter Liebe ganz in Ihn hineinverbeißen!
[BM.01_080,10] O du liebster, liebster,
liebster Jesus Du, jetzt sehe ich erst so recht ein, wie unendlich weise und
gut Du bist. Und diese Einsicht wird bei mir nun eine Klarheit, während sie
früher nur war wie ein etwas hellerer Traum!
[BM.01_080,11] O Bruder, wie freue ich mich
nun darauf, wenn der Herr zu uns kommen wird und wird uns sichtlich helfen,
unsere nun noch sehr starren oder wenigstens starr aussehenden Gäste in die
rechte Ordnung zu führen!“
[BM.01_080,12] Spricht Borem: „Ja, Bruder,
das wird auch geschehen, sobald diese Damen das Allergröbstmaterielle werden
abgelegt haben. Daher fasse dich nun wieder, betrachte die Szene weiter und
sage mir treu, was da alles vor sich geht. Denn war diese bisher belehrend, so
wird sie im weiteren Verlaufe noch ums Hundertfache belehrender und
interessanter sein!“
[BM.01_080,13] Bischof Martin richtet seine
Sehe nun wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Dame. Er ersieht, daß sich
alles noch so befindet wie früher, bevor er seine Sehe davon abgewendet hatte,
zu besehen die strahlende Tafel und zu reden darüber mit Borem.
[BM.01_080,14] Nun aber wendet sich der Alte
wieder an den einen der zwei weißen Männer. Bischof Martin horcht mit großer
Aufmerksamkeit, was da weiter verhandelt wird, und spricht nach einer Weile:
[BM.01_080,15] (Bischof Martin:) „Schau,
schau, der Alte ist gar nicht dumm! Er bittet die beiden Boten, sie möchten
wenigstens seine Tochter durch ihre Macht aus dieser Scheußlichkeit erlösen,
auf daß er dann an ihrer Seite sogleich in den Himmel kommen könnte; denn hier
wäre ihm nun schon entsetzlich langweilig. Er sehe wohl ein, daß die beiden
gerecht nach dem Willen des Herrn handelten. Aber es befalle ihn
dessenungeachtet ein äußerst fades Gefühl und eine verzweifelte Langweile, der
er in aller Kürze den Rücken zuwenden möchte.
[BM.01_080,16] Der Alte ist wirklich gar
nicht dumm für seinen Sack, wie man zu sagen pflegt! Aber die beiden weißen und
weisen Männer scheinen nicht seiner Meinung zu sein. Sie geben darauf mit dem
Haupte ein sehr verneinendes Zeichen und der eine sagt:
[BM.01_080,17] ,Freund, Geduld ist des Lebens
erste Regel, und das hier im Geisterreiche so gut wie auf der Welt! Alles hat
seine Zeit und Weile! Fahrt ihr alle aber fort, in euren Herzen die Liebe und
ein lebendiges Vertrauen auf den Herrn stets mehr und mehr zu beleben, so
werdet ihr so schnell als möglich zur wahren Erlösung aus diesem Jammerzustande
gelangen.
[BM.01_080,18] Aber unsere Macht kann euch in
dieser Hinsicht weder um ein Haar vor- noch um ein Haar rückwärts helfen. Denn
solches müsset ihr wissen: Hier gelangt nie jemand weder durch vermeintliche
gottwohlgefällige Verdienste noch durch ein vermitteltes oder unvermitteltes
Erbarmen des Herrn in den Himmel, sondern allein durch die eigene Liebe zum
Herrn und durch die daraus hervorgehende Gnade des Herrn Jesu Christi, der da
ist der alleinige Herr und Gott Himmels und aller Welt! Das alles da ist Sein
Werk!
[BM.01_080,19] Merket aber das: Es gibt
nirgends einen Himmel außer in euch; diesen müsset ihr selbst öffnen, wollt ihr
in ihn eingehen! Denn das Leben muß ein freies sein, so es ein Leben sein soll.
Ein gerichtetes Leben aber ist kein Leben, sondern nur ein Tod!
[BM.01_080,20] So wir euch aber nun frei
machten durch unsere Macht, würdet ihr nicht frei, sondern gerichtet sein und
somit nicht lebendig, sondern durch und durch tot! Saget, wäre euch mit solch
einer traurigen Hilfe wohl gedient?‘
[BM.01_080,21] Die Alten kratzen sich nun
sehr stark hinter den Ohren und scheinen die Belehrung nicht so ganz aus der
Wurzel zu fassen.“
81. Kapitel – Verschwinden der Frösche im
Meer und das Auf-dem-Meere-Wandern der suchenden Eltern. Borems Erläuterungen.
[BM.01_081,01] (Bischof Martin:) „Siehe, nun
geht der eine Frosch ganz zu den Füßen der beiden und beleckt dieselben.
[BM.01_081,02] Der eine aber spricht zum
Frosch (aufs Meer deutend): ,Siehe, dort ist dein Element!‘
[BM.01_081,03] Aber der Frosch richtet sich
nun mehr auf seine Vorderbeine und quakt recht vernehmliche Worte, die so zu
lauten scheinen: ,O ihr Mächtigsten, wohl weiß ich, daß dieses schreckliche
Meer mein mehr als verdientes ewiges Strafelement ist. Dennoch aber wage ich an
euch die Bitte zu stellen, daß ihr mit mir armen Seele nicht nach aller Strenge
des freilich gerechtesten Gottes-Gerichtes verfahren möchtet! Doch nicht mein,
sondern nur euer Wille geschehe!‘
[BM.01_081,04] Spricht nun der eine: ,Wir beide
haben keinen Willen außer den des Herrn, der da ewig unwandelbar ist. Diesen
haben wir dir kundgetan, und an dir ist es nun, dich zu fügen! Siehe also dort
dein Element!‘
[BM.01_081,05] Ah, ah, der Frosch fängt nun
jämmerlich zu quaken an, krümmt sich und windet sich und bittet nun ganz
entsetzlich, daß ihn die zwei noch auf dem trockenen Lande belassen möchten, so
es schon für ihn keine Gnade und kein Erbarmen mehr gäbe.
[BM.01_081,06] Der eine spricht: ,Solange du
den vorgezeichneten Weg nicht wandeln wirst, kann dir nicht geholfen werden!‘
[BM.01_081,07] Nun steigt der Frosch gar
elend dem Meere zu und stürzt sich in dasselbe. Es ist nichts mehr von ihm zu
entdecken, denn die große Flut scheint ihn auf ewig verschlungen zu haben. O du
armer Frosch! Ich muß dir, Bruder Borem, sagen, daß mich der arme Frosch nun
tiefst dauert. Aber es war ja des Herrn Wille, und so ist es auch gut! Aber er,
der arme Frosch, dauert mich dennoch!
[BM.01_081,08] Nun aber geht der Alte auch
ans Ufer und spricht: ,Hat meine arme Tochter beim Herrn kein Erbarmen
gefunden, so will auch ich keines und stürze auch mich aus Liebe für meine arme
Tochter in ihr ewig verdammliches Los!‘
[BM.01_081,09] Mit diesen Worten stürzt er
sich zwar auch in das Meer, aber dieses läßt ihn nicht untergehen, da es nicht
sein Element ist. – Bruder, das ist merkwürdig, der geht im Wasser nun herum
wie unsereiner auf trockenem Lande und sucht klagend seine Tochter! Was doch da
noch alles herauswachsen wird?
[BM.01_081,10] Aha, da sieh, nun werden auch
die andern Frösche kleiner und kleiner und steigen zu den zwei weißen Männern!
Nun sind sie an ihren Füßen und belecken diese. Es ist wirklich überaus
merkwürdig: Wie groß haben sich diese Frösche doch ehedem gemacht, nun sehen
sie klein aus wie auf der Erde die Unkelchen. Hörst du, liebster Bruder, die
müssen doch eine ungeheuer zähe Haut haben, daß sie bei einer solch immensen
Aufblähung nicht zerborsten ist!
[BM.01_081,11] Sapperment, wenn da eine in
ihrer höchsten – ich meine, wie sie sich am allerärgsten aufgebläht hatte,
zerborsten wäre, das wäre eine Explosion gewesen! Ich glaube, die hätte dieses
Meer auf eine halbe Ewigkeit zurückgetrieben. Wenn auf der Erde so etwas
Dehnbares wie die Haut dieser Frösche könnte erfunden werden, da wäre es mit dem
Gummielastikum rein aus!
[BM.01_081,12] Du mußt mir schon vergeben,
liebster Bruder, daß ich mir manchmal noch solche Bemerkungen erlaube, die
meiner Gewohnheit nach so einen humoresken Anstrich haben. Aber es bringt es
hier wirklich die Sache selbst mit sich, die, an sich betrachtet, im höchsten
Grade komisch ist! So kann ich mir nun die Trillionen Falten denken, in die die
Haut dieser Frösche nun zusammengeschrumpft sein wird; und das ist schon wieder
komisch!
[BM.01_081,13] Ich weiß wohl, daß in den Augen
des Herrn, wie auch denen eines Engels, alle diese Erscheinungen voll des
höchsten göttlichen Ernstes sind. Dessenungeachtet haben sie doch für
unsereinen etwas oft sehr Komisches an sich. So hat der Herr auch sicher nicht
gelacht, als Er dem Esel seine zwei langen Ohren angesetzt hat. Aber unsereiner
muß ja lachen, wenn man so einen langohrigen Philosophen ansieht, wenn man auch
weiß, daß dem Esel seine zwei langen Ohren ebenso notwendig sind wie dem Vogel
seine kaum sichtbaren.
[BM.01_081,14] Wie es aber auf der Erde eine
Menge dummscheinende und somit komische Erscheinungen gibt, so gibt es auch
hier dergleichen genug – freilich aber nicht für alle, sondern nur für Wesen
meinesgleichen! Ich werde vielleicht mit der Zeit – so hier noch von einer Zeit
die Rede sein kann – auch an diesen Erscheinungen nichts Komisches mehr finden.
Aber für jetzt und in diesem meinem Zustand ist es mir rein unmöglich, das
Humoreske ganz beiseite zu setzen.“
[BM.01_081,15] Spricht Borem: „Macht nichts,
macht nichts, lieber Bruder! Auch ich bin kein Kopfhänger, und der Herr schon
am allerwenigsten. Dessenungeachtet muß die sogenannte Spottlache aus den
Himmeln rein verbannt sein, weil in ihr doch eine geheime Schadenfreude
versteckt ist, so wie in einer übertriebenen Neugierde.
[BM.01_081,16] Aber deine Bemerkung über die
große Dehnbarkeit der Haut dieser erscheinlichen Frösche ist nichts als eine
deinem Geiste angeborene Witzelei, die gar keine Bösartigkeit in sich faßt. Mit
der Weile wirst du über deine wässrigen Witze selbst lachen, wenn du innewirst,
wie wenig Gehalt sie haben. Nun aber wende dein Augenmerk nur wieder deinen
Unkelchen zu und habe acht, was da mit ihnen weiter geschieht!“
[BM.01_081,17] Spricht Bischof Martin: „Ja,
du hast recht; ich hätte mich beinahe verplauscht! Ich sehe sie schon! Sie
belecken noch die Füße der beiden Männer. Einige quaken sie nun an, aber ich
verstehe nichts von dieser Quaksprache. Das wird schon zu echt quakisch sein?
[BM.01_081,18] Wahrscheinlich werden sie die
beiden Boten auch um eine allgemeine Amnestie angehen? Aber diese scheinen sich
auf ihre Sprache auch nicht zu verstehen und zeigen ihnen das Meerwasser. Die
Fröschlein aber quakeln nun noch ärger und steigen den zweien auf die Füße;
aber das nützt ihnen nichts. Die beiden bedräuen sie, und die Frösche hüpfen
nun dem Meere zu und nun – husch – in dasselbe!
[BM.01_081,19] Und nun ist's gar! Kein Frosch
und kein Fröschlein ist nun mehr zu sehen. Nur die Alten stehen noch am Ufer
und starren hinab in die Tiefe, um von ihren Töchtern etwa doch noch das letzte
Skorpionschweifspitzel zu entdecken. Aber sie entdecken, wie auch der erste,
nichts, der noch immer auf dem Wasser herumgeht und seine Tochter sucht. Er
ruft einige zu sich und sagt, daß das Wasser fest wäre wie ein Stein.
[BM.01_081,20] Aber die andern Alten wollen
dieses Wassers Härte dennoch mit ihren Füßen nicht probieren, sondern kehren zu
den zwei weißen Männern zurück. Sie fragen bittend, was denn nun aus ihren
Töchtern geworden sei, ob sie nun etwa auf ewig verloren seien.
[BM.01_081,21] Die beiden aber geben ihnen
nun keine Antwort, sondern begeben sich von dannen aufs Meer und wandeln in
eine weite Ferne hinaus.
[BM.01_081,22] Die Alten starren nun hin wie
Verzweifelte. Einige versuchen nun auf dringliches Zuraten des einen, ihre Füße
aufs Wasser zu setzen – und siehe, es geht! Nun rennen alle hinaus und wollen
den zweien nach; aber es geht mit dem Rennen nicht recht vorwärts, denn die
Oberfläche des Wassers muß äußerst glatt und heikel sein, weil diese alten
Renner in einem fort übereinander fallen. Der erste, der sich ins Wasser
stürzen wollte, kommt ziemlich gut fort. Aber die andern fallen in einem fort
hin und kommen fast nicht von der Stelle. No, diese werden wohl etwa auch das
erste und letzte Mal auf dieses wahre Eis tanzen gehen!
[BM.01_081,23] Nun möchte ich aber doch
wissen, was nun eigentlich mit diesen Damen oder nun Fröschen geschehen wird.
In der Hölle werden sie doch nicht sein, da sie hier als wahre Statuen noch
alle zu sehen sind. Wie aber ihr etwa noch außerhöllischer Zustand beschaffen
sein dürfte, wird der Herr sicher besser wissen und sehen als ich.
[BM.01_081,24] Aber sage mir doch, liebster
Bruder, was hat denn das alles eigentlich für einen Sinn und für eine
Bedeutung: die Froschgestalt, dieses Meer nun, das Hineinstürzen der Frösche,
daß die Alten nicht untergehen und daß die zwei weißen Boten sich nun so weit
entfernt haben?
[BM.01_081,25] Ich habe das wohl alles mit
angesehen und habe so manches daraus gelernt. Aber so ich den eigentlichen Sinn
alles dieses Geschauten erläutern sollte, ginge es mir ganz verzweifelt
schlecht. Sage mir daher gütigst, was das alles bedeutet!“
[BM.01_081,26] Spricht Borem: Alle –
besonders weibliche Wesen, die sich dem Geistigen zugewandt haben und beten und
fasten zwar wohl des Himmels wegen, dabei aber auch die weltlichen Vorteile
sehr stark berücksichtigten, erscheinen in der Abödung ihres Naturmäßigen als
allerlei Amphibien: Tiere die sich auch in zwei Elementen aufhalten und in
selben leben können!
[BM.01_081,27] Das Meer stellt ihr
Naturmäßiges dar, das ihnen bei ihren irdischen Lebzeiten mehr am Herzen lag
als das Geistige. Darum auch müssen sie sich nun in dasselbe stürzen und im
selben das Eitle ihrer weltlichen Bestrebungen erproben. So stellt das Meer
auch die Masse ihrer großen Dummheit dar, in die sie nun bis auf den Grund
eingehen müssen, um sie als solche zu erkennen. Die Schlangenköpfe dieser
Frösche bedeuten die entschiedene hochmütige Bosheit und oft kluge Berechnung
zu deren Ausführung. Die Skorpionschwänze aber bezeichnen ihr hinterlistiges
Wesen, zufolge dem sie jene, denen sie schaden wollten, hinter dem Rücken
packten und verwundeten. – Verstehst du das?“
[BM.01_081,28] Spricht Bischof Martin:
„Bruder, ich verstehe das nun sehr gut. Ich habe dergleichen gleisnerische,
ultrapapistische Machinationen auf der Erde leider nur zu viele kennengelernt
und mußte als Bischof dazu beide Augen fest zuschließen. Und warum, das wirst
du auch sicher sehr wohl verstehen!“
[BM.01_081,29] Spricht Borem: „O ja, nur zu
gut und beinahe zu klar! Aber nun höre weiter! Die Alten, die ursprünglich dumm
waren, gelangten ihrer meistens hochadeligen Geburt wegen auch nie zu einem
andern als nur zum pfäffisch-aristokratischen Lichte. Daher sahen sie auch alle
die pfäffischen Bestimmungen zumeist für echt himmlische an und verkauften ihre
Töchter an solche Pfaffen mit einer starken Mitgift. Diese Alten sind nun noch
viel zu dumm, als daß sie auf den Grund ihrer eigenen Dummheit eindringen
könnten. Daher steigen sie auf selber herum wie der Esel auf dem Eise und
fallen in einem fort – bis auf den einen, der etwas weiser ist und sich seine
Dummheit mehr dienstbar gemacht hat als die andern. – Verstehst du auch das?“
[BM.01_081,30] Spricht Bischof Martin: „O ja,
liebster Bruder, das versteh' ich nun auch non plus ultra! Da hätten wir dann
ja so einen wahrsten Aristokratenschwindeltanz vor uns!“
[BM.01_081,31] Spricht Borem: „Ja, ja, so
ist's! Aber nun merke wohl auf den weitern Verfolg dieser Szene. Der erste Akt
ist nun abgespielt und der zweite wird sogleich seinen Anfang nehmen. Da wirst
du erst Dinge zu Gesicht bekommen, zu denen du sicher die seltensten Gesichter
machen wirst!“
[BM.01_081,32] Spricht Bischof Martin: „Freue
mich schon darauf! Nun werde ich die Vorfälle auch sicher besser verstehen als
bis jetzt; also nur zu und weiter in der Art! Nur die Entfernung der beiden
Weisen hast du, liebster Bruder, mir noch zu erklären vergessen, um die ich
dich auch gefragt habe.“
[BM.01_081,33] Spricht Borem: „O nein, lieber
Bruder, das mitnichten; denn hier vergißt man nie etwas! Aber die Bedeutung
dieser Erscheinung, wie noch gar vieles, mußt du selbst suchen und finden, auf
daß du eine Übung haben sollst, dich in den rein himmlischen Beschäftigungen
aus dir selbst zu üben. Versuche es nur einmal und du wirst dich gleich
überzeugen, wie weit deine Weisheit schon reicht!“
[BM.01_081,34] Spricht Bischof Martin: „Ja
so, das ist freilich etwas ganz anderes! Weißt du, nun du mir schon die andern
Dinge erläutert hast, geht es mit dieser Erklärung freilich eben nicht zu
schwer, wie mir vorkommt. Ich denke darüber nun so:
[BM.01_081,35] Die zwei Weisen sind gleich
wie ein himmlisches Öl. Und diese alten, dummen Aristokraten sind wie ein
irdisches Pechöl, das überaus schmutzig ist und verzweifelt stark stinkt. Daß
das himmlische Öl es neben diesem Pechöl nicht länger aushalten kann, wird wohl
mit den Händen greiflich sein! Was meinst du, Bruder, habe ich richtig
geurteilt?“
[BM.01_081,36] Spricht Borem: „Richtiger, als
du es nun noch selbst zu fassen imstande bist. Was du aber noch nicht bis auf
den Grund des Grundes fassest, das wirst du in der Folge fassen. Denke daher
nicht weiter über diese Sache nach, sondern wende deine Augen nun wieder in das
Hinterhaupt dieser Dame; da wird sich dir bald die vollste Lösung von selbst
darbieten.“
[BM.01_081,37] Spricht Bischof Martin:
„Bruder, bin schon ganz vollkommen dabei! Bis jetzt ist zwar noch alles beim
Alten; aber das macht nichts, es wird schon kommen – ja, ja, dort kommt schon
etwas!“
82. Kapitel – 2. Akt des Schauspiels mit den
Herz-Jesu-Damen. Der höllische Sturm auf dem Meere. Einfangen des
Sturmgeschmeißes in einen Sack. Borems Erläuterung.
[BM.01_082,01] (Bischof Martin:) „Aber was
doch das ist?! Sieh, dort aus dem tiefen Abend heraus entsteigen dem Meere ganz
dichte Wolkenmassen etwa so, wie ich sie manchmal vor schweren Gewittern auf
der Erde hinter den Bergen habe aufsteigen sehen. Diese Wolkenmassen ziehen
sich stets näher und näher und es blitzt aus ihnen schon ganz entsetzlich.
[BM.01_082,02] Auch sehe ich nun eine Menge
großer und kleiner Wasserhosen vor dem schwarzgrauen Gewölke einherziehen. Das
sieht nun einmal ganz frappant drohend aus! Unsere Alten entdecken nun auch den
heranziehenden Sturm und bemühen sich nun nach allen Kräften, das sichere Ufer
zu erreichen. Wie sie arbeiten mit Händen und Füßen und wie oft sie da
hinfallen!
[BM.01_082,03] Nein, das ist ja, wie man zu
sagen pflegt, der Welt ungleich! Und doch scheint ihnen ihre Mühe wenig zu
nützen: statt näher kommen sie nur stets weiter weg vom Ufer. Ah, das muß eine
sehr fatale Situation für diese Alten beiderlei Geschlechtes sein!
[BM.01_082,04] Ich sehe wohl auch noch die
zwei weißen Männer draußen in weiter Ferne gegen Mittag wie zwei Sterne
glänzen. Aber sie scheinen sich um diesen herannahenden großen Sturm nicht im
geringsten zu kümmern. Und siehe, dieser kommt stets näher und näher, und das
mit Begleitung von nun schon über tausend Wasserhosen und zahllosen Blitzen!
Auch donnern höre ich schon ganz entsetzlich, und Orkane heben die Wasserwogen
nun auch zu Bergen hoch empor. O Tausend, Tausend, das Ding sieht nun recht
schlimm aus!
[BM.01_082,05] Aber nur die Alten, die Alten!
Ah, was die zusammenarbeiten, und doch ist alle ihre Mühe und Arbeit
vergeblich! Da sieht man wohl so ganz klar, was ein Mensch gegen solche
unerhörten Kraftäußerungen vermag. Wenn mit dem Menschen nicht eine Gotteskraft
wirkt, dann ist er die allerbarste Null in der ganzen Unendlichkeit. Aber
neugierig bin ich nun ganz absonderlich, was da noch alles zum Vorschein kommen
wird.“
[BM.01_082,06] Spricht Borem: „Gib nun recht
acht, und du wirst es gleich sehen, wohin sich dieser Sturm wenden wird! Sei
unbesorgt um die Alten, die sich da abmühen, das Ufer zu erreichen, um dem
herannahenden Sturme zu entgehen – sie geht er nichts an. Aber jene zwei weisen
Boten draußen im Mittage, die sind die Zielscheibe der Rache nun, darum sie den
Bitten dieser Damen kein willfähriges Ohr geliehen haben.
[BM.01_082,07] Siehe, das ist nun schon ein
bißchen höllisch; aber nur so anflugsweise. Denn da diese auf den Grund ihrer
Dummheit gekommen sind, fanden sie auch noch einige Überreste vom irdischen
Aristokratenstolz und mit selbem verbundener Herrschsucht. Diese Überreste
entzündeten sich an der Flamme der sie demütigenden Erinnerung, wie sie von den
zwei Boten auf die vermeintlich schnödeste Art in Frösche verwandelt und dann
nach ihrer Meinung unbarmherzig ins verfluchte Meer getrieben wurden.
[BM.01_082,08] Da jene Überreste auf solche
Art bei ihnen in Brand gerieten, ergriff dieser auch bald ihr ganzes Wesen,
trieb sie an den Rand der ersten Hölle und verschaffte ihnen dort sogleich eine
Menge gleichgesinnter und gleichbeschaffener Gehilfen. Mit diesen vereint
ziehen sie nun in jenen Sturmwolken einher und wollen Rache nehmen an den
zweien und hernach auch an allen, die die zwei abgesandt haben. Gib nun nur
acht, denn die Hauptsache wird nun sogleich angehen!“
[BM.01_082,09] Spricht Bischof Martin: „Ich
danke dir und vor allem dem Herrn für diese Erklärung. Aber neben diesem Dank
muß ich dir auch bekennen, daß ich nun auf diese Greteln eine förmliche Wut in
mir empfinde, während mich früher wirklich eine Art von Barmherzigkeit
ergriffen hatte. Wenn ich nur die Kraft von jenen zwei Boten hätte, sapprament,
da ginge es diesen Sturmheldinnen schlecht! Aber ich hoffe, diese zwei werden
sich wohl auch gegen diese saudummen, grauslichen Kreaturen zu verteidigen
verstehen?
[BM.01_082,10] Schau, der Sturm beugt sich
nun wirklich in einem rechten Winkel gegen Mittag. Blitze zucken schon
millionenweise nach jenen zwei Weisen hin, die noch fortwährend ganz
unbeweglich gleich den Fixsternen Kastor und Pollux dort im fernen Mittage weilen.
Sapprament, wie das Meer gewaltig wogt und wie der Sturm saust und braust und
tobt!
[BM.01_082,11] Aber schau nur die armen Alten
an, was sich diese plagen! Sie können nun gar nicht mehr stehend sich erhalten,
sondern hocken und kriechen auf Händen und Füßen. Nein, die müssen nun ja eine
wahre Höllentortur ausstehen! Oh, oh, oh, nun trennt sich ein Fetzen von einer
Wolke und fliegt zu den Alten herüber! Was wird denn da daraus?
[BM.01_082,12] Schau, schau, dieser Fetzen
umhüllt nun den ersten Alten, der sich ins Meer stürzte, und trägt ihn heraus
ans Ufer! Nun ist er da. Das ging schnell wie ein Blitz! Und nun, da sieh, nun
sammelt sich der Wolkenfetzen, wird kleiner und kleiner und sieht stets mehr
einer menschlichen Gestalt ähnlich!
[BM.01_082,13] Ah, ah – sieh, das ist ja gar
eine Dame, und zwar die erste – gerade die, deren Hinterhaupt ich nun beschaue!
Sie tröstet ihren Vater und liebkost ihn sogar. Der Alte ist darob ganz selig,
daß er seine für ewig verloren geglaubte Tochter in ihrer wahren Gestalt nun
wieder in seinen Armen besitzt. Das ist sehr rührend, ich muß es offen
gestehen! – Aber die andern stürmen nun darauf los, daß es eine barste Schande
ist!
[BM.01_082,14] Ah, ah, ah; nun erschaue ich
auch die Nachhut des Sturmes! Da gibt es ja ein unzähliges Heer von lauter
Drachen und Krokodilen und Gott weiß was alles noch für Geschmeiß. Das gibt
erst den Hauptlärm!
[BM.01_082,15] Das Brüllen, das Pfeifen, das
Zischen! Das Meer siedet förmlich unter den Sturmwolken und sieht schon ganz
glühend aus. Große Feuerbälle wälzen sich in den Wolken herum. Einige sind
schon ganz in der Nähe der zwei, die nun besser sichtbar sind als ehedem.
[BM.01_082,16] Nun kehren sich die beiden um
und bedräuen den Sturm. Aber dieser weicht nicht, sondern, wie es sich zeigt, wird
er nur intensiver und rasender.
[BM.01_082,17] Nein, die Sache sieht
sonderbar aus! Da sieh, da sieh, die beiden nehmen nun förmlich Reißaus und
schweben in größter Eile herüber zu den zweien am Ufer, nämlich zu dem Alten,
den seine Tochter noch ganz zärtlich kost. Sie sind auch schon da, Gott sei's
gedankt, und begrüßen den Alten samt seiner Tochter gar sehr freundlich. Ah,
das ist sehr schön, herrlich und rührend; aber nun wendet sich der Sturm auch
hierher!
[BM.01_082,18] Nein, dieser wahre Frösche-
und Geschmeiß-Sturm ist ja über alle Maßen keck! Bin doch neugierig, was da
noch alles herauskommen wird?“
[BM.01_082,19] Spricht Borem: „Gib nur
unausgesetzt acht, nun kommt die Entwicklung dieses zweiten Aktes! Da wirst du
ein bißchen von einem Gerichte zu Gesicht bekommen, denn hier wird eine große
Löse vor sich gehen!“
[BM.01_082,20] Spricht Bischof Martin: „Ja,
Bruder, ja, da wird es freilich eine große Löse geben müssen, bei der es für
den Himmel sicher wenig gute Körner, für die Hölle aber überaus viel
wertloseste Spreu abgeben wird. Aber nun nur wieder fest das Auge in die
vorliegende Szene gesteckt!
[BM.01_082,21] Da, da sieh! Der Sturm naht
sich dem Ufer! Der Alte und seine gerettete Tochter haben eine große Furcht vor
demselben; aber die zwei weisen Boten trösten sie und sagen deutlich
vernehmbar:
[BM.01_082,22] ,Fürchtet euch nicht vor
dieser Spiegelfechterei, denn sie ist bloß ein Schein ohne Sein. Wenn die
Blindheit rast, haben die Sehenden gut ausweichen! So da wären tausend blinde
Krieger gegen einen Sehenden und möchten gegen ihn ziehen mit Schwertern und
Lanzen, sagt, was wohl würden sie gegen einen einzigen wehrfähigen,
wohlerfahrenen Krieger ausrichten? Siehe, dieser einzige würde sie alle gar
leicht übel umbringen!
[BM.01_082,23] Viel leichter aber als auf der
Welt geht es hier in der Geisterwelt, in der die Blindheit solcher Geisterlein
auch mit Taubheit geschlagen ist. Glaubet es fest, dieses gesamte
Sturmgeschmeiß fangen wir zwei leicht in einen Sack hinein und können sodann
mit ihnen tun, was wir wollen. Gebt nur recht acht, und ihr werdet sogleich
sehen, was da geschehen wird!‘
[BM.01_082,24] Daß die zwei Weisen mit dem
Alten und seiner Tochter schon auf recht freundlichem Fuße stehen, ist nun ganz
klar, und ich bin dessen sehr froh. Wie aber die zwei der großen Wut des dem
Ufer stets näher kommenden rasendsten Sturmes begegnen werden, und wie ihn gar
in einen Sack einsperren – das zu sehen wird wohl außerordentlich der Mühe wert
sein!
[BM.01_082,25] Nun sind die noch auf dem
Wasser befindlichen Alten schon ganz in die Sturmwolken gehüllt und schreien
entsetzlich um Hilfe. Aber es erscheint von keiner Seite eine, außer daß sie
der Sturm selbst durch seine Kraft dem Ufer näher schiebt ungefähr so, als wenn
ein starker Wind Gegenstände vor sich hinschöbe, die auf einer Eisfläche lägen.
[BM.01_082,26] Nun sind die Alten endlich
einmal am Ufer und der Sturm schleudert Millionen Blitze gegen die zwei. Diese
aber breiten im Ernste einen großen Sack auf. Und der eine spricht nun zum
Sturme: ,Höre, du wildes Ungetüm – hier in diesen Sack ziehst du ein oder zur
Hölle – was dir lieber ist!‘
[BM.01_082,27] Schrecklich erdröhnt nun ein
mächtigster Donner, zahllose Blitze schießen aus dem stets kleiner werdenden
Sturmwolkenknäuel nach allen Richtungen hin. Und nun steckt mitten durch die
Wolkenmasse ein scheußliches Ungeheuer einen gar schrecklich aussehenden Kopf
hinaus und sperrt den Rachen aber schon so weit auf, als wollte er die ganze
Gotteserde mit einem Drucke verschlingen.
[BM.01_082,28] Ah, das sieht schon
entsetzlich schrecklich aus! Aber unsere zwei scheinen gar keine Furcht vor
diesen Schrecknissen zu haben, sondern der eine sagt noch einmal: ,Sack – oder
Hölle!‘
[BM.01_082,29] Oh, oh, da sieh, nun schrumpft
der ganze ungeheure Sturmwolkenknäuel samt dem ungeheuer großen Kopf in einen
Knäuel zusammen, der kaum größer ist als ein Fünf-Eimer-Faß, rollt gegen die
Mündung des Sackes und durch diese wirklich in den Sack hinein!
[BM.01_082,30] Wahrlich, das ist dem
Anscheine nach ein rechter Spaß! Ah, ah, der ganze Sturm in einem Sack! Das
sieht aber doch geradeso aus, als befände man sich vor einem leibhaftigen
Märchen von Tausendundeiner Nacht! Was wird denn da weiter geschehen?
[BM.01_082,31] Der Sturm liegt nun in diesem
veritablen Strohsack so ruhig, als ob er nie einer Bewegung fähig gewesen wäre.
Wahrlich, das ist doch ein höchst burleskes Bild! Der ganze ungeheure Sturm mit
allen seinen drohendsten Schrecknissen in einem Strohsack! Bruder, wenn hinter
dieser Erscheinung auch etwas Weises steckt, so will ich doch alles heißen, was
du mich immer heißen magst!“
[BM.01_082,32] Spricht Borem: „O Bruder,
darin liegt eine überaus weise Bedeutung! Hast du denn nie gehört, wie die
rechten Büßer in Sack und Asche Buße gewirkt haben, um die Vergebung ihrer
vielen und schweren Sünden von Gott dem Herrn zu erlangen?
[BM.01_082,33] Siehe, hier ist diesen
Sturmhelden durch die zwei Boten ob ihrer ausgelassensten Bosheit ein Gericht
verkündet worden: nämlich die Wahl zwischen selbstzuwählender Bußdemütigung –
d.i. einzugehen in den Sack – oder aber im entgegengesetzten Falle durch
göttliche Macht genötigt einzugehen in die Hölle des ersten Grades, die da ist
die äußerste Demütigung und tiefste Beschämung der Seele!
[BM.01_082,34] Das erste, frei zu wählende
Gericht kann einer Seele zum Leben gereichen, so sie dieses mit Beharrlichkeit
an sich vollführt und sich von einem falschen Ehrgefühl nimmer abwendig machen
läßt. Das zweite Notgericht zur Hölle aber gereicht der Seele nur zum Tode,
weil dieses Gericht ein über sie erlassenes ist für den Fall, daß sie nimmer in
eine Selbstdemütigung eingehen will. Sie muß gedemütigt werden zur Sicherung
anderer Seelen, die durch so einen freigelassenen Hochmut einer einzigen Seele
großen Schaden leiden könnten. Ob und wie aber solche zur Hölle gerichtete
Seelen auch noch zum Leben gelangen, und welche weiteren Wege sie geführt
werden, das weiß allein der Herr und der, dem es der Herr allzeit höchst geheim
offenbart.
[BM.01_082,35] Siehst du nun, welch eine
weise Bedeutung nun dein Strohsack bekommt? In einen Sack gehen heißt: sich in
allen seinen Lüsten und Begierden gefangennehmen und sich in solcher
Eigengefangennehmung von selben losmachen und sodann als ein neues
gottwohlgefälliges Geschöpf aus so einem Sack hervorgehen. Verstehst du nun
diese dir so närrisch vorkommende Erscheinung?“
[BM.01_082,36] Spricht Bischof Martin: „Ja,
Bruder, ja, ich verstehe sie nun bis auf den Grund, zugleich aber auch, daß ich
noch ein sehr großer Esel und Ochse bin! Schau, wie klar und wie einleuchtend,
und ich habe über so eine erhabene Erscheinung lachen können! O ich dummes
Vieh, ich! O lieber Bruder, du mußt mehr als eine himmlische Geduld haben, daß
du mich nicht auch in so einen Strohsack hineinschichtest!“
[BM.01_082,37] Spricht Borem: „Laß das gut
sein. Ich sage dir, wie ich dir schon gesagt habe: du bist einem großen und
herrlichen Ziele nahe. Bearbeite nun fleißig dein Herz und gib auf alles acht,
so wirst du bald die große bevorstehende Löse an dir selbst gewahr werden!“
83. Kapitel – Martins Sehnsucht nach dem
Herrn. Die Fische im Sack. Das Auslesen der Fische. Der Kelch, das Gefäß der
Gnade, und andere Entsprechungen Beginn von Martins Geisteslöse.
[BM.01_083,01] Spricht Bischof Martin: „Ja,
der Herr gebe die Löse mir lediglich nach Seiner Gnade, sowie auch allen
diesen, die nun noch mehr oder weniger blind sind. Denn solange man hier in
diesem Reiche, in dieser Welt der Geister nicht vollends zu Hause ist, kann man
auch nie zu einer vollen inneren, seligen Zufriedenheit gelangen. Zu Hause aber
kann man hier nirgends sein als allein im Hause des Herrn, im heiligsten
Vaterhause. Meine höchste Sehnsucht ist demnach, sobald als möglich beim Herrn
zu sein. Und so will ich denn nun auch auf jedes Pünktchen genauest Achtung
geben, auf daß ich bald der großen Löse möchte gewärtig werden. – Also nun nur
wieder das Auge ins Hinterhaupt dieser Dame geheftet!
[BM.01_083,02] Oho, die zwei wälzen nun den
Sturmsack ans Ufer! Was wird denn nun da vor sich gehen? Sie werden etwa doch
nicht zum zweiten Male den Sack, oder vielmehr dessen Inhalt, dem Meere
übergeben? Der Alte samt seiner Tochter helfen auch diesen Sack an das Ufer
fördern. Aber die anderen Alten sehe ich mit ängstlichen Blicken der weiteren
Begebnisse harren. Sie scheinen nicht in Kenntnis zu sein, was dieser Sack
enthalten dürfte?
[BM.01_083,03] Aha, nun ist der Sack am
Wasser und wird aufgelöst! Was wohl wird da alles herauskommen? – Oh, oh, da
sieh nun hin! Eine große Menge Fische kommen nun zum Vorscheine, große und
kleine, frische und auch faule, an denen ich keine Regung und Bewegung wahrnehmen
kann.
[BM.01_083,04] Nun fangen die beiden die
faulen von den frischen zu sondern an und werfen sie ins Meer. Die frischen
aber legen sie in ein herrliches Gefäß. Dieses Gefäß sieht aus wie ein überaus
großer Kelch und glänzt, als wäre er aus Silber oder Gold. Wo sie nur in der
Geschwindigkeit diese Dinge hernehmen, von denen man vorher nichts sieht. Sind
sie aber vonnöten, da sind sie auch schon da, als würden sie hingezaubert! Aber
es ist mir nun schon begreiflich, wie derlei Dinge hier entstehen: sie sind aus
der Ordnung Gottes heraus notwendig. Der Herr will sie, und sie sind da! Nicht
wahr, du mein geliebter Bruder Borem?“
[BM.01_083,05] Spricht Borem: „Ja, so ist es!
Du weißt es nun schon in dir, daß der Herr alles in allem ist. Und so ist es
dir auch schon ein leichtes, aus dem Grunde einzusehen, von woher alle die
Wunder, die du hier in großer Fülle erschaust, kommen. Gib nun weiter acht!“
[BM.01_083,06] Spricht Bischof Martin: „Ja,
ja, Bruder, ich wende nun meine Augen gar nicht ab. Ich sehe soeben, wie der
Kelch größer wird samt dem Gestell. Aber wie ich's nun merke, wird er nicht
höher, dafür aber desto umfangreicher. Nun sehe ich die Fische im selben
überaus munter herumschwimmen, wie ich auf der Erde oft die Goldfischlein in
einem gläsernen Gefäße schwimmen sah; nur sind diese Fische bedeutend größer.
[BM.01_083,07] Diese Fische sind sicher die
früheren Damen, die als häßliche Frösche in das Meer wandern mußten. Aber warum
sie hier in einem Kelche nun als Fische vorkommen, und warum eine Menge faule
oder tote wieder in das Meer zurückgeworfen sind, darüber kann ich in mir noch
nicht den eigentlichen rechten Grund finden. Ich fühle wohl so eine leise
Ahnung, wie sich die Sache verhält; aber aussprechen kann ich es noch nicht.
[BM.01_083,08] Halt, nun durchzuckt mein
Inneres plötzlich ein heller Gedanke! Ja, ja, so ist es, nun habe ich es schon:
Der Kelch bezeichnet das Gefäß der Gnade und Erbarmung des Herrn, in das diese
Damen nun aufgenommen worden sind. Und das Wasser in diesem Gefäße ist ein
lebendiges, in dem diese Damen – nun noch in Fischgestalten – bald zu
Menschengestalten umgewaschen werden. Das Wachsen des Kelches deutet auf die
Mehrung der Gnade und Erbarmung. Die Gestalt der Fische scheint die der
demütigen, freien Büßer zu sein und überhaupt von allen Menschen, die voll
freien Willens für das Gottesreich durch das Wort Gottes gefangen werden oder
sich vielmehr willig fangen lassen. Darum hat der Herr Selbst schon die Apostel
,Menschenfischer‘ benannt.
[BM.01_083,09] Was aber die faulen Fische
betrifft, die ins Meer geworfen worden sind, so steht dasselbe Bild, das der
Herr Selbst aufgestellt hat, schon ohnehin im Evangelium, das da ist eine
wahrhaftigste, allerbeste Botschaft aus den Himmeln, und kann daher unmöglich
etwas Arges in sich fassen. Daß aber die Fische im Kelche wenigstens vorderhand
besser daran sind als jene ins Meer geworfenen, daran ist auch gar nicht zu
zweifeln! Was meinst du nun, liebster Bruder, habe ich diese Sache recht
aufgefaßt?“
[BM.01_083,10] Spricht Borem: „Gott dem Herrn
alle unsere Liebe! Bruder, freue dich, und frohlocke hoch im Herrn: nun bist du
in deinem Geiste vom Herrn entbunden worden! Siehe, die Seele hat das nicht
recht aufgefaßt, sondern allein dein Geist, den der Herr nun in dir erweckt hat
in der Fülle. Darum begreifst du nun solches, das da ist rein der Himmel
Gottes. Und siehe, das ist der Anfang der Löse, von der ich nun schon öfter mit
dir geredet habe, und zugleich das Ende des zweiten Aktes dieses großen
Geistesdramas!
[BM.01_083,11] Deine Erläuterung des in der
vorliegenden Szene Geschauten war richtig und wahr in allen Teilen, obschon du
noch nicht in der Vollsehe bist. Was dir aber noch mangelt, wird dir der dritte
Akt geben durch die endlose Gnade des Herrn. Darum gib nun nur wieder acht; in
diesem Akte wirst du die ungeheuersten Erscheinungen zu Gesichte bekommen und
daneben die rechte Anschauung der wunderbarsten Wege des Herrn, auf denen Er
Seine Kinder führt zum einzigen großen Ziele alles Heils und Lebens! Gib nun
acht, dieser wichtigste dritte Akt nimmt seinen Anfang!“
84. Kapitel – Beginn des 3. Aktes des
himmlischen Dramas. Der Gnadenkelch mit dem siedenden Wasser. Der höllische
Wall.
[BM.01_084,01] Spricht Bischof Martin: „Bin
schon dabei und schaue mit größter Gespanntheit auf die Szene, die noch ganz
unverändert vor meinen Blicken weilt. Der Kelch ist nun schon sehr groß; er
dürfte nun nach irdischem Maße schon mehrere Klafter im Umfange haben. Und
soviel ich's nun mehr hellen Blickes beobachten kann, kommt es mir vor, als
wachse er noch immer.
[BM.01_084,02] Die beiden stehen am Rande
dieses nun über alle menschlichen Begriffe großen Kelches. Auch der Alte mit
seiner Tochter betrachtet diesen Kelch mit größter Aufmerksamkeit. Die andern
Alten aber lugen von einer kleinen Ferne auf diesen Kelch ungefähr so, wie auf
der Welt die Ochsen auf ein neues Tor oder gar in ein spanisches Dorf.
[BM.01_084,03] Die Fische im Kelch sind nun
schon sehr groß und schwimmen äußerst munter in dem großen goldenen Becken
herum. Die Köpfe bei einigen sehen schon sehr menschlich aus; alles andere ist
aber wohl noch sehr stark Fisch. Ich meine, diese Fische werden zuerst eine
geistige Art von Meerfräuleins und endlich gar zu wirklichen, wohlausgebildeten
weiblichen Wesen?
[BM.01_084,04] Aber was entdecke ich nun?
Bruder, das ganze früher so höchst imposant aussehende Meer ist nun ganz
verschwunden. Statt am Meeresufer befindet sich dieser stets noch im Wachsen
begriffene Kelch in der Mitte einer ungeheuer großen Ebene. Diese Ebene dürfte
wohl einen Umfang von 100 Meilen haben. Der äußerste Rand scheint jedoch mit
einem übergroßen, starken und hohen Walle umgeben zu sein; ich merke es genau,
wo die Ebene aufhört und wo der Ringwall seinen Anfang nimmt!
[BM.01_084,05] Was mir aber dabei höchst
sonderbar vorkommt, ist, daß dieser Wall hie und da bald höher und bald wieder
niederer wird. Auch bemerke ich nun hie und da, wo sich der Wall sehr stark
erhöht, daß man unter ihm ganz bequem durchsehen kann. Wahrlich, eine höchst
merkwürdige Erscheinung von einem Walle! Was etwa doch der zu bedeuten hat?
[BM.01_084,06] Aber da sieh nun, ungefähr
10000 gute Schritte vom Kelch, der sich noch ganz in seiner früheren Ordnung befindet,
wie es mir vorkommt gerade an jener Stelle, an der früher das Kloster stand und
nach seiner Zerstörung eine recht abscheuliche Pfütze zum Vorscheine kam – hat
sich nun ein furchtbar großes, vollkommen rundes Loch gebildet. Aus dem steigt
nun ein starker Rauch empor, verliert sich aber alsbald, wie er nur einige
Klafter über des großen Loches Rand gestiegen ist. Wahrlich, höchst sonderbare
Vorkehrungen für den dritten Akt dieses Dramas!
[BM.01_084,07] Aber Bruder, schau nur auch
einmal den Kelch an! Ah, das ist doch über alles! Nun beginnt auch das Wasser
in dem Kelche zu sieden und dampft ganz gewaltig. Die armen Fische strecken nun
ihre Köpfe über den Rand des Kelches hervor und schreien ganz entsetzlich. Sie
haben nun schon fast alle, wie ich's bemerke, vollkommene Menschenköpfe; einige
nur noch sehen den Seelöwen und Seekälbern eben nicht sehr unähnlich.
[BM.01_084,08] Ah, ah, das Wasser im Kelche
siedet immer ärger und dampft schon ganz entsetzlich. Und die Fische, die armen
Fische, die schreien nun schon über alle Maßen vor Schmerz! Nein, wenn diese
Absiederei noch eine Weile dauert, so wird's da eine Menge heiß abgesottener
Fische geben, die ich auf der Welt recht gerne gegessen habe!
[BM.01_084,09] Ah, da sieh, da sieh, nun
bekommen die Fische schon sogar Arme und ganz wohlgestaltete Hände! Mit diesen
wollen sie sich nun über den Kelchrand erheben, um der großen Qual zu entgehen.
Aber die Arme scheinen noch keine Kraft zu besitzen, denn jeder Fisch läßt den
Rand bald wieder aus und fällt dann in das siedende Wasser jählings zurück.
[BM.01_084,10] Ich möchte eigentlich so recht
vom Grunde aus erfahren, von wo aus das Wasser in diesem Riesenkelche so sehr
erhitzt wird? Das siedet ja stets ärger und ärger noch, und die Fische werden
von den Siedwogen so durcheinandergesprudelt wie lockerer Sand über einer
heftig aufsprudelnden Quelle. Auweh, auweh; o jemine, jemine – wie doch die
armen Fische nun – ah, ah, ah; das ist denn doch alles, was man sehen und sagen
kann! Da sieh, wie sie nun herumgetrieben werden von den immer heftiger
werdenden Siedwogen, wie sie sich krümmen und bäumen und welch Jammergeschrei
dem Kelche entsteigt!
[BM.01_084,11] Die zwei Boten aber stehen so
stumpf da und scheinen eher ein Behagen an dieser Szene zu haben, als daß ihren
Gesichtern irgendein Mitleid zu entnehmen wäre. Nein, ich sage dir, liebster
Bruder, was zu stark ist, das ist auch zu viel! Warum müssen denn diese Armen
nun gar so entsetzlich gemartert werden, um die reine Menschengestalt
wiederzuerlangen? Ich war ja doch auch ein Sünder non plus ultra, aber zu so
einer Absiederei ist es mit mir dennoch nicht gekommen; Gott sei Dank, ich bin
dennoch ein Mensch, wennschon gegenwärtig noch in meiner Bauernkleidung
steckend!“
[BM.01_084,12] Spricht Borem: „Bruder, das
Wort ,Erscheinlichkeit‘ vergiß nicht! Du siehst doch diese Damen noch alle hier
ganz wohlerhalten in Reih und Glied stehen; wie kannst du dann ängstlich werden
wegen dem, was nun in ihrem Innern vorgeht! Es ist die innere Welt des Menschen
freilich wohl die eigentliche wahre Welt. Aber darum bleibt der Mensch dennoch
Mensch und wird als solcher nur stets edler und edler, je mehr sein Inneres
bewegt und in große Tätigkeit gebracht wird.
[BM.01_084,13] Du meinst freilich, daß du
ohne solch eine Absiederei dennoch die Menschengestalt beibehieltest. Ich aber
versichere dir, daß du hundertmal ärger abgesotten worden bist im Gnadenkelche
des Herrn als alle diese Damen! Wußtest du wohl darum? Wenn du vollendet sein
und zu sehen bekommen wirst die Tätigkeit des irdischen Menschen in seinen
leiblichen Lebensverhältnissen – was wirst du dann sagen, so dir der innere
Herd des Lebens erschaulich wird? Wo du zahllose Feuerströme durch die ebenso
zahllosen Kanäle wirst auf das furchtbarste durcheinanderwüten und -toben
sehen? Also nur hübsch gescheit, mein lieber Bruder!“
[BM.01_084,14] Spricht Bischof Martin: „Ja,
ja, so ist es; nun bin ich schon wieder beisammen! Jetzt nur zugesotten, und
wenn's nötig, auch ein bißchen gebraten dazu. Denn wer in der Liebe und Gnade
des Herrn siedet und bratet, dem geht es sicher nicht gar zu schlecht! Denn so
ich auch abgesotten worden bin und verspürte von solcher Absiederei wenig oder
nichts, so wird's denen wohl noch erträglicher gehen, als wie ihre Gebärden es
zeigen? In Gottes Namen, wie es der Herr macht, so ist es schon am allerbesten!
[BM.01_084,15] Aber nun sehe ich auch die
Alten zu den zweien treten und bitten, daß sie auch in den siedenden Kelch zu
ihren Töchtern möchten getan werden! Und richtig, die beiden gestatten es
ihnen. Auch die zwei ersten, d.i. der Alte mit seiner Tochter, springen nun in
dieses heiße Bad. Nun ist alles darinnen! O Entsetzen, Entsetzen! Jetzt
arbeitet das glutheiße Wasser unter dieser Gesellschaft!
[BM.01_084,16] Nein, dieses Schreien, dieses
Weheklagen, dieses verzweifelte Händeringen, dieses Rufen um Hilfe und
Linderung des unerträglich großen Schmerzes! Nein, Bruder, Erscheinung hin,
Erscheinung her; so sie schmerzfähig ist, da hole sie der Kuckuck! Es müssen
diese Damen schon auch etwas empfinden. Denn sieh, ich merke nun sogar an ihnen
äußere Bewegungen, während sie doch früher fest und ruhig dastanden, als ob sie
angemauert gewesen wären!“
[BM.01_084,17] Spricht Borem: „Nun, das ist
ja gut; da kehrt ja das Leben in sie zurück! Ich meine, das wird doch etwas
Gutes sein?“
[BM.01_084,18] Spricht Bischof Martin: „Ja,
wenn das, da bin ich freilich schon wieder beruhigt; aber der Anblick dieser
Belebung ist und bleibt doch ein höchst fataler. Da sieht es wahrlich sehr
fegfeuermäßig aus!“
[BM.01_084,19] Spricht Borem: „Was Fegfeuer,
Fegfeuer! Ich sage dir, derlei gibt es ewig nirgends! Hier siehst du nichts als
das Wirken der Liebe Gottes, die da wohl ist ein Feuer alles Feuers. Dieses
aber schmerzt nicht sondern lindert nur alle Schmerzen und heilt alle Wunden, die
die Hölle einer Seele zugefügt hat. Diese schreien nun freilich vor Schmerz um
Hilfe und Linderung; aber diesen Schmerz bereitet ihnen nicht der siedende
Kelch, sondern die Hölle, die nun von ihnen weichen muß!
[BM.01_084,20] Denn siehe nun weiter hinaus!
Betrachte den ungeheuren Wall, der diese große Fläche einschließt. Du wirst es
gleich gewahr werden, daß dieser Wall nichts anderes ist als die Hölle oder der
Teufel selbst in Gestalt einer ungeheuren Schlange, die sich um die Fläche
gelagert hat und diese Begnadigten als ihre vermeintliche Beute nicht will
auskommen lassen! Siehe, das ist aber dennoch alles nur eine Erscheinlichkeit,
und die Fläche bedeutet das Welttümliche dieser nun Begnadigten, über das sie
nicht hinaus können, weil sich darin allenthalben die Hölle gelagert hat.
[BM.01_084,21] Siehe, dieser Wall ist es
sonach, der die nun im Kelche Befindlichen so schmerzlich drückt. Nun aber wird
es nicht mehr lange dauern, so wird dieser Wall zerstört und in jenen Abgrund
gestürzt werden, der sich, dir sichtbar, bei 10000 Schritte nordwärts von
diesem Gnadenkelche befindet. Gib nun nur acht und du wirst schon große
Vorkehrungen dazu erschauen!“
85. Kapitel – Das Nahen der Katastrophe. Die
alte Schlange, die zwölf Gerichtsengel und der Abgrund. Herrlicher Sieg und
köstlicher Preis.
[BM.01_085,01] Spricht Bischof Martin:
„Richtig, richtig, ja, du hast in allem recht! Hinter diesem Wall erschaue ich
nun zwölf große Geister, jeder hat ein ungeheures Schwert in seiner Rechten.
Ah, ah, ist aber das ein Schwert! Mit solch einem Schwerte hiebe so ein Geist
ja die ganze Erde wie einen Apfel auf einen Streich entzwei! O Tausend, die
Geister sind aber schon so furchtbar groß, daß sie eine ganze Welt zwischen
zwei Fingern kurzweg zerreiben könnten! O Tausend, Tausend, Tausend, der Wall
fängt nun stets wütender sich zu gebärden an! Bruder, das sieht ganz wie ein
Jüngstes Gericht aus! Sapprament, sapprament!
[BM.01_085,02] Aber nun bemerke ich, daß das
Wasser im Kelche etwas ruhiger wird. Die ganze Badegesellschaft liegt nun unter
dem trotz der Ruhe noch immer stark dampfenden Wasserspiegel wie ganz tot. Man
vernimmt nun keinen Laut mehr von ihr. Nur die zwei Boten reden etwas
miteinander, ich kann jedoch nicht vernehmen, was sie eigentlich miteinander
abmachen. Der eine hält nun auch einen Stab in der Hand, ähnlich dem des Aaron,
und hebt ihn in die Höhe. Was wohl wird da wieder zum Vorscheine kommen?
[BM.01_085,03] Aha, da sieh einmal hinaus auf
den Wall; der wird nun stets größer, rückt stets näher herzu und erhebt seinen
Rücken bald hier, bald dort zu einer erstaunlichen Höhe! Ah, das ist wahrlich
furchtbar anzusehen! Nun merke ich auch deutlich den schrecklich aussehenden
Kopf dieses Höllenungeheuers. Um Gotteswillen, ist das aber eine Scheußlichkeit
ohne Namen! Stets näher und näher rückt es!
[BM.01_085,04] Nun erhebt es sein ungeheures
scheußlichstes Haupt und sperrt den Rachen so furchtbar weit auf, als wollte es
die ganze Schöpfung verschlingen. Es richtet seinen Gang – wie ichs nun merke –
schnurgerade zum Kelche her. No, wenn es diesen packt, so wird es damit gerade
einen hohlen Zahn ausfüllen können!
[BM.01_085,05] Nun ist im Kelche alles in
vollster Ruhe; dafür aber speit das fürchterliche Loch da unten an der Stelle
des ehemaligen Klosters desto mehr Rauch und nun auch schon Glut und Flammen
aus! O sapprament, nun ist das Ungeheuer keine tausend Schritte mehr vom Kelche
entfernt!
[BM.01_085,06] Was wird nun geschehen? Die
zwölf Riesengeister halten wohl ihre fürchterlich großen Schwerter in die Höhe,
aber sie hauen noch nicht drein. Ihre Augen sind beständig auf den einen Boten
mit dem Aaronstabe in seiner Rechten gerichtet. Dieser winkt nun dem Ungeheuer,
zurückzuweichen; dieses aber richtet sich nicht darnach, sondern rückt nur
näher und näher an den Kelch.
[BM.01_085,07] Oh, oh, das sieht sehr drohend
aus! Wieder winkt der eine Bote mit dem Stabe, aber vergeblich. Ah, wie
gräßlich sieht nun dieses Ungeheuer aus! Es läßt sich nicht beirren und kriecht
stets näher und näher an den Kelch! Nun winkt der Bote wieder mit dem Stabe,
aber auch diese Abweisung ist fruchtlos.
[BM.01_085,08] Oh, oh, oh – jetzt ist es mit
dem Kopfe schon nahe am Rande des großen Kelches und macht mit einer ungeheuer
langen Doppelzunge Versuche, den Kelch umzustoßen! Aber der Kelch steht fest
und läßt sich nicht im geringsten bewegen. Auch regt sich im selben nichts,
weder das Wasser noch dessen dermalige Bewohner!
[BM.01_085,09] Siehe, stets zudringlicher
wird diese ungeheuerste Bestie! Nun erhebt der eine wieder seinen Stab und
weist die zudringlichste Bestie wieder vom Kelche ab. Aber das nützt sehr
wenig, da die Bestie sich auf den Wink dieses Stabes gar nicht entfernen will.
[BM.01_085,10] Nun taucht der eine den Stab
in den Kelch und gibt ein Zeichen den zwölf mächtigsten Geistern, und – o weh,
o weh! – diese schlagen jetzt drein! Und siehe, siehe, diese Bestie ist nun in
zwölf Teile auseinandergehauen!
[BM.01_085,11] O je, o je! Bruder, das ist
nun ein Wüten und ein Toben! Wie schrecklich bäumen und krümmen sich nun die
einzelnen abgehauenen Teile! Wie einzelne Berge springen sie nun auf dieser
weitgedehnten Ebene herum und wälzen sich dem schauderhaften Loch näher und
näher!
[BM.01_085,12] Ah, und der Kopf, o Gott, o
Gott, das ist schaudervollst! Ich sage dir, der Kopf, der Kopf! Der macht
Sprünge bis an das sichtbare Firmament und grinst schon in einer solch
unbeschreiblichen Zornwut nach den zwölf Geistern, daß diese Großen schon
nahezu ein Grauen überkommt ob des enorm gräßlichen Anblickes!
[BM.01_085,13] Aber nun wird der Kopf von dem
einen mit dem Stabe an den Rand des Loches getrieben und auch – Gott sei's
gedankt! – hineingestürzt. Das gibt aber nun Rauch, Glut und Flammen! Oh, oh,
oh, das prasselt und rasselt nun, daß es ein Grauen ist!
[BM.01_085,14] Aber nun werden auch die
andern elf Teile von einer unsichtbaren Macht in dasselbe Loch getrieben und
stürzen unter gräßlichstem Gekrache in dasselbe. Da, da gibt es nun Rauch und
Flammen, als hätte man den ganzen Erdball angezündet!
[BM.01_085,15] Nein, nein, nein, dieses
Krachen, dieses Donnern! Freund und Bruder, ich werde nun schon förmlich
sprachlos! Wahrlich, um das Grauenhafte dieses Tobens und Wütens aus diesem
Loche zu beschreiben, müßte man die Zunge eines allerfeurigsten Cherub haben!
Aber es soll nun wüten und toben, wie es will! Weil diese furchtbare Bestie nur
einmal in sicher festweg höllischer Verwahrung sich befindet, bin ich schon
sehr froh. Da heraus wird dieses Ungetüm doch sicher nicht so leicht wieder zum
Vorscheine kommen!
[BM.01_085,16] Nun sind auch die beiden Boten
wieder beim Kelche. Auch die zwölf großen Geister nähern sich nun dem Kelche;
aber je näher sie kommen, desto kleiner werden sie. Ah, das ist auch
merkwürdig: Früher waren sie solch ungeheure Kolosse, und nun sind sie kaum
größer als die beiden andern Boten! Das ist wirklich sehr merkwürdig!
[BM.01_085,17] Nun sind sie auch schon völlig
bei den zweien, und was seh' ich? Alle verneigen sich übertief, besonders vor
dem einen, der noch den Aaronstab in seiner Rechten hält! Das muß schon so ein
rechter Zentralengel sein aus dem obersten Himmel!?
[BM.01_085,18] Nun spricht dieser eine zu den
zwölfen: ,Brüder, hebet den Kelch und traget ihn hin dort an die Pforte der
Hölle! Dort setzet das Gestell über diese Pforte, auf daß dem Aufsteigen des
Bösen endlich einmal ein Ziel gesetzt sei, das es nicht leicht wieder
überwältigen soll, zu verderben diese arme Gesellschaft, zu deren
Wiederbelebung in Mir alle Mächte der Himmel in Anspruch genommen wurden. Tuet
also!‘
[BM.01_085,19] Nun heben die zwölf den Kelch
und tragen ihn ganz behutsam hin. Sie setzen das Gestell gerade über das noch
sehr stark dampfende und rauchende Loch, das aber nun keinen Rauch mehr
emportreiben kann, weil es mit dem Gestell des Kelches sicher hermetisch
geschlossen ist. Ah, nun schaut es in dieser Gegend schon recht lieb aus! Was
ich nun noch bemerke, ist, daß sich nun die gesamte Badegesellschaft im Wasser
des Kelches wieder zu regen beginnt. No, no, Gott sei's gedankt, daß nur diese
wieder zum Leben kommen!
86. Kapitel – Der ewig eine große Held. Die
herrliche Löse. Gleichnis vom Säen, Wachsen und Ernten. Die große Ernte.
[BM.01_086,01] (Bischof Martin:) „Aber was
nun die zwölf Geister vor diesem Einen für einen unbegrenzten Respekt haben,
das ist mehr als außerordentlich; denn sie knien alle vor Ihm nieder und beten
Ihn ja förmlich an! Das wird am Ende doch nicht etwa gar der Herr Selbst sein?!
Ich bekomme nur Sein Gesicht nicht zu sehen, das ich wohl kenne. Sähe ich das
Gesicht, so wüßte ich bald, ob Er Selbst oder jemand anderer es ist!
[BM.01_086,02] Nun stehen die zwölf wieder
auf und verneigen sich tiefst vor dem Einen. Dieser aber reicht nun allen die
Hand und spricht zu ihnen, wenn auch mit etwas leiserer Stimme, aber doch wohl
vernehmbar:
[BM.01_086,03] ,Brüder, sehet, das ist nun
ein schöner Weideplatz! Ich übergebe euch diese Lämmer. Weidet sie und mästet
sie wohl für Meinen Stall, auf daß sie Mir eine gute Speise werden und Ich
Freude habe über sie in Meinem Herzen! Hebt sie nun behutsam heraus aus dem
Gefäße Meiner Sorge und lasset sie dann frei weiden auf dieser weiten Trift
Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung! Also sei es!‘
[BM.01_086,04] Schau, schau, das ist doch der
Herr! Niemand kann ja doch im ganzen ewig unendlichen Himmel sonst so reden,
wie dieser Bote nun geredet hat. Wie aber dieser Bote nun geredet hat, so redet
nur der Herr! Und so glaube ich es nun fest, daß dieser Bote der Herr Selbst
ist! Was meinst du, Bruder, in diesem Punkte?“
[BM.01_086,05] Spricht Borem: „Ja, freilich
wohl ist das der Herr, was du schon lange hättest merken können. Aber der Herr
hielt deine Augen gefangen, damit dein Geist dadurch desto geschäftiger war! Da
es nun aber an der Zeit ist, daß dir die Augen einmal geöffnet werden sollten,
sind sie dir nun auch geöffnet worden. Du erkennst nun den Herrn, und das ist
recht und völlig gut!
[BM.01_086,06] Siehe aber nur noch eine
kleine Weile auf die vorliegende Szene, auf daß du die Vollöse dieses äußerst
verwirrt gewesenen Knäuels gewärtig wirst und erkennen kannst die endlose Liebe
und Gnade des Herrn. Denn da ist niemand gleich, weder in allen Himmeln noch
auf den Weltkörpern und unter diesen in der ganzen Unendlichkeit!“
[BM.01_086,07] Spricht Bischof Martin: „O
Gott, o Herr, Du über alles liebevollster, heiligster Vater! Wer kann Deine
endlose Weisheit und Güte je ermessen? Du, o Heiligster aller Heiligkeit, bist
allein ein Meister in aller Wesen Tiefe! Deine Weisheit erpreist kein Cherub
ganz, ja nie ganz weder Himmel noch Erden! Heilig, heilig, heilig ist Dein
Name, und die ewige Ordnung aller Dinge ist Dein heiligster Wille!
[BM.01_086,08] Du brauchst von niemandem
einen Rat, denn Du bist Dir ewig allein genug. Aber Dein heiligstes Vaterherz
will nicht allein sein, nicht allein genießen die endlose Fülle der eigenen
heiligsten Vollkommenheit: es ruft aus Seinen tiefsten Gedanken Wesen hervor
und gestaltet sie im Feuer Seiner endlosen Liebe und im Lichte Seiner ewigen
Weisheit zu Gotteskindern, auf daß sie wie freie Gottwesen selbst an der
endlosesten Vollkommenheit dieses heiligsten Vaterherzens den vollsten Teil
nehmen sollen ewig!
[BM.01_086,09] O höret es, ihr alle Himmel,
höret es, ihr Seraphim und Cherubim, o höret es, ihr Engel alle! Gott, Gott –
Gott der ewige Geist in aller Seiner Fülle der göttlichen Vollkommenheit, deren
Größe keines Himmels Gedanke ewig je in der Vollfülle wird denken können, ist
unser Vater, wandelnd unter uns, als wäre Er nicht mehr denn wir! Oh, erhöhen
wir Ihn darum in unseren Herzen, da Er Sich so endlos tief zu uns Sündern herab
erniedrigt!
[BM.01_086,10] O Herr, o Vater, nun hat neben
Dir in meinem Herzen nichts mehr Platz; denn Du allein bist mir nun alles in
allem geworden! Du warst wohl einmal sehr klein in mir, da war ich ein Sünder.
Nun aber bist Du endlos groß geworden in meinem Herzen, darum bin ich nun ein
Seligster! Aber das alles, Vater, ist allein Dein Werk; ich aber war, bin's
noch und werde ewig verbleiben ein allernutzlosester Knecht!
[BM.01_086,11] O Bruder Borem, da sieh hin,
die zwölfe heben nun die Gäste des heiligen Kelches aus dem Wasser des Lebens.
Sie sind nun so schön und hehr, daß ich sie nur mit dem Namen ,Engel‘ benennen
kann! Oh, wie herrlich sind sie nun anzusehen; welche Freude strahlt aus ihren
himmlischen Augen, die nun bestimmt sind, Gott zu schauen!
[BM.01_086,12] O Bruder, freue dich mit mir
und fühle es, wie gut der Herr ist! Ach, ach, ich möchte ja gerade vergehen vor
Liebe zum Herrn!“
[BM.01_086,13] Spricht Borem: „Bruder, nun
ist dies beendet bis dahin, wo wir nichts zu tun imstande gewesen waren; denn
derlei verrichtet der Herr allemal unmittelbar allein. Nun aber kommt es wieder
auf uns als Kinder Gottes an, dieses Werk in Seiner Liebe und Ordnung in uns
fortzusetzen. Daher auch müssen wir nun auf alles gefaßt sein, was da nur immer
kommen mag!
[BM.01_086,14] Es tut aber der Herr hier
entsprechend das gleiche wie auf der Welt. Siehe, auf der Welt nehmen die
Menschen das Weizenkorn und streuen es ins Erdreich. Diese Vorarbeit geschah
auch hier, als du dieser gesamten Gesellschaft weise Lehren und
Verhaltungsregeln gabst, bei welcher Arbeit ich dich selbst unterstützte. Wir
beide streuten sonach den Weizen Gottes in die Furchen ihrer trüben Herzen.
[BM.01_086,15] Wenn der Same aber einmal in
der Erde ruht, da kann kein Mensch etwas tun, daß dieser wachse und eine reife
Frucht brächte. Das tut lediglich der Herr durch Sein unmittelbares Einfließen
in diejenigen Naturgeister, die da in vollste Tätigkeit zu treten haben und das
Wachstum der Pflanzen, wie auch das der Tiere ausmachend bezwecken. Bei dieser
Arbeit sind nur wenige jener Geister mitbeschäftigt, die des Herrn allzeit
innigste und erste Freunde und Brüder sind.
[BM.01_086,16] Ist diese Arbeit zu Ende, und
hat die Saat die Reife erlangt, dann wird sie wieder den Menschen übergeben,
daß sie diese dann einsammeln und in ihre Scheunen bringen. Und siehe, diese
Arbeit harrt nun hier auch unser!
[BM.01_086,17] Wir haben hier den Samen des
Wortes Gottes zuerst in ihre Herzen gestreut, worauf sie dann ruhten wie ein
Acker, der da besät ward. In dieser Ruhe aber fing des Herrn Arbeit an, weil
wir da nichts hätten tun können außer zusehen, was da allein der Herr tut.
Gleichwie auch auf der Welt ein Sämann bloß nur zusehen kann, wie das von ihm
ausgesäte Korn wächst und für die Ernte heranreift.
[BM.01_086,18] Dieses Weizenkorn, diese
unsere Brüder und Schwestern aber sind nun durch die allzeit alleinige Mühe des
Herrn gereift. Nun ist die Zeit da für uns, sie einzuernten. Und so wollen wir
auch von dem großen Segen im Namen des Herrn den rechten Besitz nehmen, und
wollen zu dem Behufe die Hände unseres Herzens abermals in vollste Tätigkeit
setzen!
[BM.01_086,19] Du weißt aber, daß die Ernte
allzeit um vieles reicher ist denn die Aussaat; also wird es auch hier sein. Da
wir ehedem nur mit einem zu tun hatten, da werden wir nun dafür 30-100
bekommen. Darum freue dich nun, lieber Bruder; denn unser harrt eine reiche
Ernte!“
87. Kapitel – Martins Bescheidenheit,
geregelt durch Borems Weisheit. Martin im Festkleid. Die Erweiterung des Hauses
Martins.
[BM.01_087,01] (Borem:) „Nun aber etwas
anderes! Dort unter der Tafel des Herrn in deinem Hause ersiehst du eine Kiste
wie aus reinstem Golde. Gehe hin und öffne sie, du wirst darin ein Kleid und
einen leuchtenden Hut finden. Dieses Kleid ziehe an und setze den Hut auf dein
Haupt, daß du im wahren himmlischen Hochzeitskleide unsere nun bald
wiederkehrenden Gäste im Namen des Herrn würdig empfangen kannst, der diese als
Wiedergefundene Selbst hierher bringen wird. Gehe, und tue das; es ist des
Herrn Wille!“
[BM.01_087,02] Spricht Bischof Martin:
„Liebster Bruder, alles, was du mir nun gesagt hast, war herrlich und wahr wie
das Wort Gottes selbst. Aber dieses letzte riecht nach einer himmlischen
Eitelkeit, die mich wahrlich nicht anficht! Daher mußt du es mir schon zugute
halten, so ich dir in diesem Punkte nicht folgen werde!
[BM.01_087,03] Ich bin froh, daß nun endlich
einmal mein Herz in der Ordnung ist, an dem der Herr allein ein Wohlgefallen
hat. Was da aber die Bekleidung meines Außenwesens betrifft, da bin ich für
ewig mit dieser Bauernjacke zufrieden.
[BM.01_087,04] Wahrlich, mir liegt nun an
allem solchen Glanze nichts, ob himmlisch oder irdisch, das ist mir nun gleich.
Desto mehr aber liegt mir nun an der alleinigen Liebe zum Herrn, zu der mich
aber nur mein Herz und nie ein glänzender Rock und Hut bringen kann! Daher
bleibe ich, wie ich bin, ein Bauer!“
[BM.01_087,05] Spricht Borem: „Du hast recht,
liebster Bruder, es ist freilich wohl nur das Herz allein, auf das der Herr
sieht. Und unsere Demut, durch die wahre Liebe zum Herrn erzeigt, ist wohl
jedes Engels kostbarste Bekleidung. Aber dessenungeachtet erfordert es doch die
Ordnung des Herrn, daß in Seinem Reiche das Kleid der Wiedergeburt und ewigen
Unsterblichkeit jeden Bewohner der Himmel als ein seinem Innern Entsprechendes
schmücken soll. Denn demütiger als der Herr Selbst ist wohl kein Wesen in der
ganzen Unendlichkeit; aber dem ungeachtet kannst du dir dennoch keine Pracht
irgendwo denken, die nicht von Ihm herrührte!
[BM.01_087,06] Siehe an die unbeschreibliche
Pracht und Größe dieses Saales, der da ist ein einziges Gemach deines Hauses.
Wer wohl, als nur der Herr, ist der Urheber und alleinige Erbauer solch
unaussprechlicher Pracht und Majestät?
[BM.01_087,07] Du hast gleich beim ersten
Eintritte in dieses dir vom Herrn gegebene Haus durch die zwölf Türen
hinausgeschaut und sahst kaum zwölf Tropfen aus dem endlosesten Meere der
Schöpfungen des Herrn. Und es ergriff dich beinahe ein Grauen vor der zu großen
Pracht und Majestät, die du da nur flüchtigst bemerktest. Was aber würdest du
erst sagen, so du wirklich einen Engel in aller seiner Himmelsglorie zu
Gesichte bekommen hättest? Wahrlich, du hättest nicht leben und ihn dabei aber
auch zugleich anschauen können – so endlos groß ist seine Schönheit, Glorie,
Pracht und Majestät!
[BM.01_087,08] Du siehst nun aus dem Gesagten
und aus tausenderlei Dingen, daß die gerechte Pracht und Herrlichkeit so wie
alles andere aus der Ordnung des Herrn stammt. Und so meine ich, daß es auch
für dich nicht gefehlt sein wird, so du dich in allem in die Ordnung des Herrn
fügst!
[BM.01_087,09] Weißt du, was der Herr zu
Petrus gesagt hat, als dieser auch vor purster Demut sich von Ihm nicht wollte
die Füße waschen lassen? Siehe, dasselbe könnte der Herr wohl auch zu dir
sagen, so du hartnäckig bei deinem demütigen Eigensinn verharren wolltest!
Daher gehe du nun nur hin, dahin ich dich beschied! Tue, was ich dir aus dem Herrn
heraus anbefohlen habe, so wird dann hier in deinem Hause auch sogleich alles
ein anderes Gesicht bekommen. Aber bevor du dich mit dem neuen Gewande
bekleidest, mußt du dieses alte ganz bis auf den letzten Faden ablegen und dir
aus einem Becken, das du auch in Bereitschaft antreffen wirst, das Wasser
nehmen und damit die Füße waschen! Hast du solches getan, dann erst eröffne die
goldene Kiste, nimm die Kleider heraus, und bekleide dich damit!“
[BM.01_087,10] Spricht Bischof Martin: „Ja,
wenn so, da muß ich freilich wohl tun, was du mir im Namen des Herrn geboten
hattest! Gerne, weißt du, liebster Bruder, tue ich das noch immer nicht, weil
ich darinnen denn doch – trotz aller deiner erleuchteten Erklärung – eine Art
von einer Eitelkeit entdecke. Aber weil es schon so in der Ordnung des Herrn
ist, will ich die Geschichte im Namen des Herrn denn doch angehen! Wohin aber
soll ich dann mein gegenwärtig an mir haftendes Kleid tun? Etwa zum ewigen
Angedenken in jene goldne Kiste?“
[BM.01_087,11] Spricht Borem: „Sorge dich
nicht darum, dafür wird schon ein anderer sorgen!“
[BM.01_087,12] Bischof Martin geht nun zur
Kiste hin und sieht sich einige Male um, ob ihn niemand sähe. Als er sich aber
wie hinter einer zierlichen Schutzwand befindet, durch die er vor den vielen
Gästen in seinem Hause gedeckt ist, zieht er sich eiligst aus. Er legt die
alten Kleider auf einen Haufen vor sich nieder, die aber alsbald verschwinden.
Darauf schöpft er mit der Hand aus dem bezeichneten Becken Wasser und wäscht
sich die Füße. Als diese gewaschen sind, springt die Goldkiste sogleich von
selbst auf und der gute Martin ist auch schon bekleidet mit einem Purpurkleide,
das da mit den herrlichsten Sternen verbrämt ist an allen Rändern. Und er hat
auf seinem Kopfe einen Hut, der bei weitem mächtiger strahlt denn die Sonne!
[BM.01_087,13] In dem Augenblicke aber, als
Bischof Martin so umkleidet ist, erweitert sich auch das Innere seines Hauses
so gewaltig, daß es ihm nun ums hundertfache größer vorkommt als ehedem.
Zugleich auch öffnen sich die Zugänge auf die Galerien, die bisher nicht
aufgefunden werden konnten.
[BM.01_087,14] Als Bischof Martin solches
alles nun wie auf einen Schlag entdeckt, ergreift ihn ein wonnigstes Gefühl,
daß er darob zu Tränen gerührt ist und Mich laut zu loben und zu preisen
beginnt.
[BM.01_087,15] Als er aber in seinem Loben
und Preisen nach und nach völlig ganz zu Tränen wird, da kommt Borem auch
gleichen Anzugs und spricht: „Nun, Bruder, wie kommt es dir nun vor? Fühlst du
dich wohl eitler nun?“
[BM.01_087,16] Spricht Bischof Martin: „O
Bruder, nun erst fühle ich es, wie klein ich – und wie endlos groß der Herr
ist!“
[BM.01_087,17] Spricht Borem: „So komme denn
nun vorwärts; denn es ist schon alles bereitet, dich als den Besitzer dieses
Hauses zu begrüßen! Freue dich, das wird ein großartiger Gruß sein!“
88. Kapitel – Begrüßung Martins durch die
glückliche Gesellschaft. Martins Hinweis auf den Herrn als alleinigen
Wohltäter. Das eine, was noch fehlt.
[BM.01_088,01] Bischof Martin geht nun mit
Borem hinter der Schutzwand, die ziemlich gedehnt ist, hervor, und bei 1500
kommen ihm jubelnd entgegen. Sie begrüßen ihn und danken ihm für seine erste
Versorgung, die er ihnen hat angedeihen lassen, und für die weisen Lehren, die
er ihnen auf die vergangene wahrhaftigste Prüfungsreise mitgegeben hatte.
[BM.01_088,02] Alle bezeugen ihm nun eine
große Freude und noch größere Liebe und Achtung, worüber sich unser Bischof
Martin recht sehr freut. Dies um so mehr, weil er nun aus ihren schon sehr
wohlgestalteten Physiognomien den geläuterten inneren Zustand ersieht. Sie
zeugen, daß sich alle auf dem besten Wege befinden.
[BM.01_088,03] Mit großem Wohlbehagen
betrachtet er eine Zeitlang die große Gesellschaft und kann sich über ihr gutes
Aussehen nicht sattsam und genug verwundern. Nach geraumer Weile erst spricht
er:
[BM.01_088,04] (Bischof Martin:) „O ihr alle,
meine liebsten Freunde, Brüder und Schwestern, wie sehr freue ich mich nun
euretwegen, wie auch, daß ihr mir alle nun so liebreich entgegenkommet. Aber
mich müßt ihr weder ehren, noch danken und loben darum, daß ihr alle nun
gerettet seid und euch alle im hehrsten Vorhofe zum wahrsten Himmelreiche
befindet – sondern alle Ehre, aller Dank und alles Lob gebührt dem Herrn,
dessen endlose Gnade euch ganz allein so herrlichst umgestaltet hat! Mich aber
liebet als euern Bruder, der mit euch allen einen und denselben Gott und Herrn
zum Vater hat!
[BM.01_088,05] Diesen einzigen, wahrsten,
heiligsten Vater aber lasset uns lieben ewig ohne Maß und ohne Ziel! Denn Er
allein tut alles und ist allein alles in allem! Ihm allein sei daher auch alle
Ehre, aller Ruhm und Dank und alles Lob!
[BM.01_088,06] Ich und dieser mein lieber
Freund und Bruder waren Zeugen, wie euch der Herr ganz allein geführt hat und
hinausgeschafft hat allen Unrat aus eurem Herzen und hat um euch gegen die
Hölle einen heißen Kampf gekämpft und gestritten wie der alte Löwe Israels!
[BM.01_088,07] Daher tuet nun alle eure
Herzen weit auf, damit der Herr aller Ehre und Glorie bald zu uns allen den
vollsten Einzug halten möchte und sodann verbleiben in uns und bei uns allen
ewig!“
[BM.01_088,08] Als die Gesellschaft solche
gute Anrede von ihrem Hausherrn vernommen hatte, da ward sie wie verklärt und
lobte in ihm den Herrn, der dem Menschen eine so große Macht und Weisheit
gegeben hat. Und darauf gingen alle die ersten der Gesellschaft zu ihm und
baten ihn, daß sie bei ihm als seine geringsten Diener verbleiben dürften.
[BM.01_088,09] Spricht darauf der Bischof
Martin: „O Freunde, Brüder und Schwestern, nicht als meine Diener, sondern als
meine liebsten Brüder und Schwestern ewig mit dem gleichen Besitzrechte alles
dessen, was mir der Herr so überschwenglich reichlich gegeben hat! Denn ohne
euch wäre mir diese endlose Pracht und Herrlichkeit lästig. Aber an eurer Seite
macht mir alles um so mehr Freude, je mehr ich dadurch Gelegenheit überkomme,
euch die größtmögliche Freude zu machen!
[BM.01_088,10] O bleibet alle hier und freut
euch mit mir des Herrn, der uns hier in Seinem Reiche eine so
übergroß-herrliche Wohnung bereitet hat und, wie ich's nun gerade bemerke,
diese Wohnung auch mit einem Tische versah, der für uns alle zur ewigen
Übergenüge mit dem herrlichsten Brote und Weine besetzt ist. Und das alles,
alles, alles, ohne daß es auch einer von uns je im geringsten verdient hätte
durch einen gerechten Lebenswandel nach Seinem Worte! Daher also loben, lieben
und preisen wir Ihn aber auch ewig um so mehr, da Er uns in der Fülle gegeben
hat solche Herrlichkeit, deren wir nicht im geringsten wert waren, wert sind
und wert sein werden!
[BM.01_088,11] Ihr seht nun alle, wie Seine
Liebe zu uns kein Maß und kein Ziel hat; darum aber sei auch die unsrige ewig
ohne Maß und ohne Ziel! Alles haben wir nun als vollkommen Selige; nur eines
geht uns zu diesem allem noch ab, und dieses eine, meine lieben Brüder und Schwestern,
dieses eine ist der Herr, sichtbar in unser aller Mitte! Bitten wir Ihn daher
in unserm Herzen, daß Er uns auch diese allerhöchste Gnade erweisen möchte!“
[BM.01_088,12] Die ersten der Gesellschaft
stimmen dem Bischof Martin bei, jedoch mit dem Bemerken: „Dieses wohl ist auch
unser aller höchster Wunsch; aber wir sind der Verwirklichung desselben noch
viel zu unwürdig. Daher danken wir für das, was uns der Herr beschied, dessen
wir wohl auch völlig unwert sind. Der Wunsch, den Herrn zu sehen, aber sei
stets unser aller höchstes und ewigstes Bestreben!“
[BM.01_088,13] Spricht Bischof Martin: „Habt
recht, liebe Brüder, also gebietet es uns die rechte Weisheit; aber die Liebe
überschreitet oft die Weisheit und tut, was sie will! Und in diesem Punkte halte
ich's nun mit der Liebe. Tuet auch ihr also und ich glaube, es wird durchaus
nicht gefehlt sein!“
89. Kapitel – Martin und der Botaniker im
Garten. Neuer Zuwachs an Elenden. Der ersehnte köstliche Lohn.
[BM.01_089,01] Als Bischof Martin noch weiter
die Liebe anpreisen will, ruft ihn jemand außerhalb des Hauses beim Namen:
„Martin!“
[BM.01_089,02] Als Martin solchen Ruf
vernimmt, fragt er gleich Borem, wer ihn doch gerufen habe.
[BM.01_089,03] Spricht Borem: „Bruder, gehe
hinaus und du wirst es sehen. Es ist mitunter hier auch wie auf der Welt: man
kann hier außer dem Herrn auch nicht alles auf einem Punkte zu Gesichte
bekommen. Man muß sich zu dem Behufe manchmal wohl auch an verschiedene Orte
begeben, um Verschiedenes zu sehen und zu vernehmen, wie du dich nun schon oft
wirst überzeugt haben!
[BM.01_089,04] Daher gehe du nur eilends
hinaus, und es wird sich sogleich zeigen, wer dich gerufen hat! Denn, weißt du,
mein geliebter Bruder, für alles weiß ich auch noch keinen allzeit sicheren
Bescheid zu geben. Ich höre abermals rufen; gehe, gehe, und sieh nach, wer da
ruft!“
[BM.01_089,05] Spricht Bischof Martin: „Ja,
ja, ich gehe schon; wahrscheinlich werden wieder Verirrte Hilfe suchen!“
[BM.01_089,06] Bischof Martin geht nun
eilends an die Hausflur, öffnet sie und erstaunt nicht wenig über die endlose
Pracht seines Gartens. Dieser hat mittlerweile an Ausdehnung und an wunderbar
reichsten Segnungen über alle menschlichen Begriffe zugenommen seit der Zeit,
als Bischof Martin Borem in diesem Garten pflanzend angetroffen hat.
[BM.01_089,07] Auch diesmal ersieht Bischof
Martin niemanden auf der Flur harren und begibt sich darum sogleich in den
Garten, den zu suchen, der ihn zuvor gerufen hatte. Er kommt, gegen Morgen
gewendet, zu einer herrlichen Laube, die aussieht wie ein großer, offener
Tempel. In der Mitte dieses gewisserart lebendigen Tempels ersieht er jemanden
stehen, der sich mit der Sonderung einiger Pflanzen beschäftigt, die auf einem
ebenfalls lebendigen Altare liegen.
[BM.01_089,08] Bischof Martin betrachtet
diesen Menschen eine kurze Weile, geht dann auf ihn zu und redet ihn also an:
„Liebster, bester Freund und Bruder, warst nicht du es, der mich ehedem aus
meinem mir vom Herrn gegebenen Hause bei meinem Namen rief? Wenn du es warst,
gib mir auch gütigst kund, womit dir mein Herz dienen kann und soll!“
[BM.01_089,09] Spricht darauf der Botaniker:
„Lieber Freund und Bruder! Siehe, dein Haus ist nun überaus geräumig geworden
und dieser Garten im gleichen Maße. Du beherbergst wohl schon über tausend
Brüder und Schwestern, was von dir überaus edel ist. Ich aber meine, wo tausend
und darüber Platz haben, da sollte sich wohl noch für einige Platz vorfinden
lassen?
[BM.01_089,10] Gehe mit Mir, dort gegen Abend
dieses deines Gartens befinden sich hundert Arme, die da Unterkunft suchen;
diese nimm noch auf – und Mich dazu, da Ich gewisserart auch zu ihnen gehöre,
und es wird das dein Schade nicht sein!“
[BM.01_089,11] Spricht Bischof Martin: „O
liebster Freund und Bruder – was hundert! Ich sage dir's, so es ihrer auch
10000 wären, ließe ich doch keinen weiterziehen, sondern würde alles aufbieten,
daß sie alle bei mir blieben! Daher führe mich nur gleich zu ihnen hin, daß ich
sie um so früher aufnehmen und nach allen mir vom Herrn verliehenen Kräften
bestens versorgen kann!“
[BM.01_089,12] Spricht der Botaniker: „O
Freund, o Bruder, du bist Meinem Herzen ein köstlicher Balsam geworden! Komme
daher nur schnell mit Mir, wir werden sogleich bei ihnen sein!“
[BM.01_089,13] Beide begeben sich nun schnell
gegen Abend hin und kommen zu einer gar elend aussehenden Menschengruppe,
bestehend aus männlichen und weiblichen Wesen. Alle sind nahezu nackt, höchst
abgezehrt und daneben voll Geschwüren und Grinden.
[BM.01_089,14] Als Bischof Martin diese Armen
ersieht, da kommen ihm die Tränen und er spricht teilnehmend und voll des
herzlichsten Mitgefühls: „O mein Gott, mein Gott, wie sehen diese Armen aus!
Kaum noch haben sie ein Leben! O kommet, kommet alle mit mir in mein Haus, auf
daß ich euch sogleich alles angedeihen lasse, was euch gesund und stärker
machen kann! Der Herr, unser aller heiligster und bester Vater Jesus, wird mir
dazu Kraft und Mittel verleihen!“
[BM.01_089,15] Sprechen die Armen: „O du
sichtbarer Engel Gottes – wie gut muß der Herr sein, da du schon so endlos gut bist!
Du siehst aber ja, wie unrein wir sind. Wie können wir es wagen, deine reinste
Wohnung zu betreten!?“
[BM.01_089,16] Spricht Bischof Martin: „War
ich doch noch viel unreiner denn ihr und bin rein geworden in diesem Hause der
Liebe. So hoffe ich zu Gott, ihr alle werdet es auch, darum kommet, liebe
Freunde, Brüder und Schwestern, ohne Scheu nur sogleich mit mir! Ihr
Schwächsten aber hänget euch an mich, auf daß ihr leichter in mein Haus kommet!
Auch du, Bruder (der Botaniker), greife einigen Schwächsten unter die Arme!“
[BM.01_089,17] Spricht der Botaniker: „O
Bruder, du Mein Herz, du Kern Meiner Liebe, welche Freude machst du Mir!
Wahrlich, das soll dir einst groß vergolten werden! Ja es ist dir schon
vergolten, denn siehe, Der, den du nun so sehr liebst, ist nun bei dir. Ich bin
ja der Herr, dein Bruder, dein Vater!“
[BM.01_089,18] Bischof Martin erkennt nun in
der Fülle Mich, den Herrn, fällt auf sein Gesicht nieder vor Mir und spricht:
„O Herr, o Gott, o heiliger Vater! Wo soll ich anfangen, Dich zu loben und zu
preisen ohne Maß und Ziel, und wo und wann enden?! O Du heiligster Vater, wie
groß ist Deine Liebe und welch unergründliche Tiefen aller Erbarmung müssen in
Dir vorhanden sein, daß Du Sündern, wie ich einer war und es noch bin, so
endlos gnädig sein kannst!
[BM.01_089,19] O Du heiliger, guter Vater Du,
ich möchte nun beinahe vergehen vor Schande darum, daß ich Dich nicht erkannte,
als ich in Deinem ewigen Vaterhause mit Petrus wohnte und wenig achtete Deiner
Worte, die nichts als pur Liebe waren! Nun freilich, da mein Herz Dich
erkannte, möchte ich vergehen vor Liebe, aber zugleich auch wohl vor Schande! O
stärke mich, daß mein sündig Herz Deine heiligste Nähe zu ertragen vermag!“
90. Kapitel – Jesus als Herr, Vater und
Bruder. Gleichnis vom Fürsten und den Ministern. Ehrfurcht und Liebe.
[BM.01_090,01] Rede Ich: „Stehe auf, lieber
Bruder, und denke nicht an Meine Herrlichkeit beständig, sondern nur daran, daß
du nun in der Liebe völlig Mein Bruder bist, so wirst du Meine Nähe leicht
ertragen! Ich bin ein Herr nur denen, die da sind abtrünnig Meinen Worten und
sich dennoch in aller Weisheit groß dünken. Denen aber, die ihr Herz mit aller
Liebe erfüllt haben, bin Ich kein Herr, sondern ein allmächtiger Bruder nur und
gebe ihnen als ein wahrster Vater alles, was Ich habe! Darum also, liebster
Bruder, erhebe dich und habe fürder keine solch unbegrenzte Heiligscheu vor
Mir!
[BM.01_090,02] Siehe, so auf der Welt ein
mächtiger Fürst zu seinen weisen Ministern tritt, da fallen diese vor lauter
Achtung ihm zu den Füßen. Und es ist recht, daß sie also tun ihrem Fürsten;
denn solange sie seine Diener sind, ist er auch ihr Herr! Wenn aber solche
Diener ihren Fürsten lieben über die Maßen und zu ihm sagen: ,Herr, du bist ein
überguter Fürst! Nicht nur unsere höchste Achtung verdienst du im Vollmaße,
sondern alle unsere Liebe! Darum nimm fürder unsere getreuesten Dienste ohne
allen Entgelt an! Wir aber wollen, weil wir dich nun mehr lieben denn unser
Leben, dir auch dienen mit jeder Fiber unseres Lebens! Und so du von uns
hundert Leben verlangen möchtest, wollen wir sie dir geben, darum du nun ein
wahrer Fürst unserer Herzen geworden bist!‘ – was meinst du, Bruder, wird wohl
der Fürst solchen Dienern tun?
[BM.01_090,03] Siehe, solche wahre Liebe wird
ihn ergreifen in seines Lebens innersten Kammern und er wird zu ihnen sagen: ,O
meine liebsten Freunde, da ihr mir nicht nur in euerem Kopfe, sondern auch in
euerem Herzen einen so herrlichen Thron errichtet habt, herrsche ich nun nicht
mehr durch meine Gewalt und Macht über euch, sondern durch eure so große Liebe
zu mir in euch! Ihr alle tragt mich nun in euren Herzen, die nun geheiligt sind
durch die Gegenwart meiner Hoheit in ihnen. Ihr alle traget also nun den in
euch, den ich selbst in mir trage. Aus dem Grunde aber seid ihr alle nun auch
das, was ich selbst bin, also meine innigsten Brüder. Darum aber sollet ihr mit
mir auch alles haben, was ich selbst habe!‘
[BM.01_090,04] Siehe nun, gleichwie so ein
weiser Fürst zu seinen Dienern spräche und sie adeln möchte, da sie ihn so sehr
in ihre Herzen aufgenommen hätten, so rede und spreche auch Ich zu allen jenen,
die Mich gleich dir in ihre Herzen aufgenommen haben! Denen also, die Mich über
alles lieben und Mich völlig in ihren Herzen tragen, die darum durch und durch
geheiligt sind durch Mich Selbst in ihnen, bin Ich kein Herr mehr, so wenig als
Ich Mir Selbst ein Herr bin, sondern ein innigster Bruder ewig! Und was Ich
habe, das auch haben sie, weil sie Mich Selbst in sich haben durch ihre große
Liebe!
[BM.01_090,05] Erkennst du, lieber Bruder,
nun, was das heißt, so Ich dich ,Bruder‘ nenne, wie Ich einst auch Meine zwölf Apostel
Brüder genannt habe? Begreifst du das nun, da richte dich auf und führe mit Mir
diese Armen in dein Haus! Aber nur verrate Mich in deinem Hause deinen Gästen
nicht zu vorschnell! Diese hundert hier wissen ohnehin noch lange nicht, daß
Ich der Herr bin. Denn es sind Chinesen, die auf der Welt auf dem Punkte
standen, Mein Zeugnis – freilich wohl sehr entstellt – anzunehmen, weshalb sie
auch alle hingerichtet wurden samt dem Missionar. Was sie auf der Welt sonach
nicht erreichen konnten, soll ihnen hier im Vollmaße zuteil werden. Nun weißt
du alles; daher erhebe dich schnell, und handle mit Mir – denn von nun an wird
Mein und dein Haus in ein Haus vereint werden!“
91. Kapitel – Martins Liebesdrang beim Herrn.
Aufnahme der chinesischen Märtyrer und ihre Erquickung.
[BM.01_091,01] Auf diese Meine Rede erhebt
sich Martin schnell, fällt Mir an die Brust und küßt Mich klein ab. Als er mit
solchen wahrhaft kindlichtatsächlichen Liebesbeweisen zu Ende ist, spricht er:
[BM.01_091,02] (Bischof Martin:) „So, so, so
– oh, nun ist mir schon viel leichter, weil ich nun meiner zu mächtigen Liebe
zu Dir endlich einmal ein wenig Luft gemacht habe! Wenn es auf mich ankäme, so
könnte ich Dich, o Du mein liebster, heiligster Vater, eine ganze Ewigkeit so
abherzen und abküssen. Aber ich behalte mir diese meinem Herzen
allerangenehmste Beschäftigung vor, wende mich sogleich an Dein Wort und führe
diese Chinesen in dies Haus, natürlich unter Deiner Voranführung. Denn ohne
Dich, o Herr, ist kein Schritt vor- und kein Schritt rückwärts zu machen! Und
nun ans Werk!“
[BM.01_091,03] Bischof Martin wendet sich nun
an die hundert und spricht: „Nun, liebe Brüder und Schwestern, erhebet euch
alle und gehet mit mir in dies Haus! Ihr Schwächsten aber hänget euch an mich,
auf daß wir alle vereint in dies mein Haus ziehen können; darinnen sollet ihr
sogleich alle Pflege und Wartung haben. Die Allerschwächsten von euch aber wird
schon dieser mein allmächtigster Freund übernehmen und wird sie vor mir hin in
das Haus führen.“
[BM.01_091,04] „Aber, Freund“, sagen nun
einige aus der Gesellschaft, „wie können wir dieses reinste Haus betreten?
Siehe, wir sind ja alle im höchsten Grade unrein! Weißt du denn nicht, daß bei
uns ein Gesetz besteht, demzufolge kein Haus von irgendeinem Aussätzigen betreten
werden darf? Und das um so gewisser, als sonst die Todesstrafe unvermeidlich
einer solchen Gebotsübertretung folgen würde. Nun bedenke, wenn die weltlichen
Machthaber ein göttliches Gebot schon so sehr respektieren, um wieviel mehr
wird es hier respektiert werden. Daher belasse uns doch lieber in diesem
Garten, bis wir rein werden; dann erst erlaube uns, in dein Haus einzuziehen!“
[BM.01_091,05] Spricht Martin: „Liebe
Freunde, Brüder und Schwestern! Lasset euch durch eure uralten tyrannischen
Gesetze, die ihr nicht versteht samt euren Machthabern, nicht irremachen. Denn
alle Gesetze der Welt gehen uns hier nichts mehr an, sondern allein ein
Gottesgesetz nur, welches da ist das ewige Gesetz der Liebe! Dieses Gesetz aber
wird euch nun soeben auferlegt und fordert von euch, daß ihr der Liebe
unbedingt folgen sollt. So tuet denn nun auch sogleich willigst, was meine
Liebe von euch allen verlangt!“
[BM.01_091,06] Auf diese Worte erheben sich
nun die hundert und gehen – freilich sehr bedenklichen Schrittes – mit Mir und
Martin in das Haus. Als sie alle im Hause und in dem übergroßen, majestätischen
Saale sich befinden, da schreien sie laut auf vor Verwunderung und Schreck und
sagen:
[BM.01_091,07] (Die hundert:) „O Lama, Lama,
Dalai-Lama! Das ist ja die Wohnung des ewigen Brahma! O wir Armen, o wir Armen!
Wir sind hier verraten und für ewig verloren! Denn es steht im Zoroasteron
(chinesisches Sanskrit) geschrieben: ,Wer je die allerheiligste Wohnung des
ewigen Brahma unrein betreten wird, den wird der böse Ahrimann ergreifen und
ihn dann allergräßlichst ewig martern!‘ O wehe uns, wehe uns!“
[BM.01_091,08] Spricht Martin: „Ei, ei, liebe
Brüder und Schwestern, was faselt ihr für leeres Zeug durcheinander! Ich sage
euch auf mein Gewissen und auf alle meine Liebe, die ich euch hier will
angedeihen lassen: euer gefürchteter Brahma ist ein Betrüger, der
seinesgleichen sucht, und ist sterblich, so wie ihr es waret! Den Lama (Gott)
kennt weder der betrügerische Brahma, noch euer Kaiser, wie auch keiner von
euch.
[BM.01_091,09] Ich aber, mit Namen Martin,
ein ehemaliger Bischof der christlichen Religion auf der Erde, und zwar in
Europa, bin der wirkliche Besitzer und Eigentümer dieses Hauses nun für ewig.
Und es hat kein Brahma je hierin etwas zu tun, außer er käme hierher wie ihr
als Hilfsbedürftiger. Darum seid nun ruhig und ängstigt euch nicht vergeblich.
Denn in diesen wahren ewig heiligen Hallen wird nimmer jemand fallen, dem sie
zu betreten nicht vorenthalten wurden!“
[BM.01_091,10] Nach solcher Versicherung
werden die hundert sichtlich ruhiger und können sich vor lauter Pracht und
Glanz und Größe nicht genug fassen, um Martin auf seine Tröstungsrede einen
Dank zu geben.
[BM.01_091,11] Zugleich aber kommt auch schon
Borem mit Brot und Wein herbei, um die neuen Gäste zu stärken. Ich aber segne
beides insgeheim. Nachdem beides gesegnet ist, Brot und Wein, spricht Borem zu
den Gästen:
[BM.01_091,12] (Borem:) „Liebe Freunde,
Brüder und Schwestern, lasset euch auf die Bänke nieder, und nehmet hier eine
Stärkung zu euch; sie tut euch not auf ein so langes Fasten! Unser Herr, Gott
und Vater ist von unbeschreiblicher Liebe, Güte, Sanftmut und Geduld und erläßt
euch alle Schuld, die ihr von irgendwoher auf euer Gewissen gelegt habt!
[BM.01_091,13] Daher sollt ihr nun froh und
heiter sein und genießen ohne Furcht und Sorge, was euch dargereicht wird.
Alles, was ihr hier genießen werdet, wird euch stärken zum ewigen Leben und
dienen zur wahren Erkenntnis Gottes, die an und für sich ist das wahre, ewige
Leben. Wie solches auch Gott der Herr Selbst gelehrt hat, indem Er sprach: ,Das
aber ist das ewige Leben, daß sie (alle Jünger) Den erkennen und erkannt haben,
den Du, o heiligster Vater, in die Welt gesandt hast zur Vergebung aller
Sünden!‘“
[BM.01_091,14] Nach dieser guten Anrede setzen
sich alle neuen hundert Gäste nieder. Borem teilt darauf das Brot und den Wein
aus, und alle greifen emsigst darnach, danken und verzehren alles mit großer
Begierde. Das ist ein gutes Zeichen: denn mit der Begierde sie nun dieses Brot
und diesen Wein verzehren, mit derselben Begierde werden sie auch hernach das
noch viel geistigere Gotteswort aufnehmen.
92. Kapitel – Heilbad der hundert
Aussätzigen. Ihre Bekleidung und ihre Dankrede. Vom Wesen Lamas. Die Frage nach
Jesus und des Herrn Bescheid.
[BM.01_092,01] Als nach einer kleinen Weile
die hundert gesättigt und gestärkt sind, sage Ich zu ihnen: „Meine lieben
Freunde, erhebet euch nun und entkleidet euch. Gehet dann in dies Bad, das sich
zwischen dieser Säule und jener lichten, aber dennoch völlig undurchsichtigen
Schutzwand befindet! In diesem Bade werdet ihr eueren Aussatz verlieren und
ganz rein wieder hervorgehen. Also sei es!“
[BM.01_092,02] Die hundert entkleiden sich
nun schnell und steigen in das Bad. Sobald sie sich sämtlich im Bade befinden,
siehe, da werden sie auch alsbald rein. Ihre frühere häßlich-braune Farbe
wandelt sich in ein liebliches Weiß und die Formen ihrer Glieder werden dabei
auch stets voller, runder und weicher.
[BM.01_092,03] Da diese Gäste solche
Veränderung an sich gewahren, werden sie überfroh und fangen an, uns drei über
die Maßen zu loben: „Wer ihr drei im Grunde auch sein möget, ob im Dienste
Dalai-Lamas oder im Dienste des Ahriman – was wir nicht zu beurteilen imstande
sind –, aber gewiß wahr ist, ihr habt uns vollkommen Gutes erwiesen. Euer Herr
vergelte es euch ewig!
[BM.01_092,04] Wie sehr elend waren wir, und
eine undenklich lange Zeit hat unser großes Elend angedauert. Den ganzen
Erdkreis suchten wir klein ab, und sehet, wir fanden niemanden, der unser Elend
nur um ein allergeringstes gemildert hätte! Nach einem wohl sicher mehr als
10000 jährigen Suchen fanden wir in der Nähe dieses Gartenpalastes diesen
Freund und baten ihn, daß er uns helfen möchte, so es irgend in seiner Macht
stünde. Und er sprach:
[BM.01_092,05] ,Ja, ich kann euch helfen und
will euch auch helfen! Folget mir in diesen Garten. Ich werde da den Herrn des
Hauses rufen, und dieser wird mit großer Freude tun, was ich ihm um euretwillen
gebieten werde!‘
[BM.01_092,06] Was er sagte, das tat er auch
pünktlich, und wir alle sind nun tatsächlich Zeugen alles dessen, was er an uns
getan hat. Daher gebührt vor allem auch nur ihm das Hauptlob. Euch beiden
andern aber gebührt auch das beste Nachlob, indem ihr bereitwilligst das getan
habt, was dieser erste Hauptfreund unseretwillen von euch verlangte. Und so sei
du, unser erster Freund, hochgelobt und über die Maßen gepriesen, der du so
Übergutes an uns getan hast! Ihr beiden aber seid auch hochgelobt, indem ihr
bereitwilligst das tatet!
[BM.01_092,07] Nun aber, liebe Freunde, sehet
ihr selbst, daß wir völlig nackt sind. Da ihr schon so viel an uns getan habt,
so tuet auch noch eines: Gebet uns nur eine nötigste Umhüllung zur Deckung
unserer Scham! Wir sind dann so glücklich, als nur irgend in der ganzen Unendlichkeit
ein Wesen glücklich sein kann!“
[BM.01_092,08] Sage Ich zu Martin und Borem:
„Brüder, öffnet jene goldene Kiste, dort werden sich schon Kleider in rechter
Menge finden lassen, durch die unsere Schützlinge für den ersten Augenblick
hinreichend gut und zweckmäßig bekleidet werden können. Mit der Weile aber
werden sie dann nach dem Grade der Vollendung ihres Geistes schon ohnehin das
Gewand des Gottesreiches überkommen. Also sei es!“
[BM.01_092,09] Bischof Martin und Borem
springen sogleich an die goldene Kiste und ziehen dort hundert Stück blaue
Röcke mit viel Falten zum einen Teile und mit weniger Falten zum andern Teile
heraus, geben die mehr faltigen Röcke den Männern und die weniger faltigen den
Weibern. Im Nu kleiden sich alle damit und haben wieder eine noch größere
Freude, als sie sehen, daß ihnen diese Kleider überaus gut stehen.
[BM.01_092,10] Alle loben nun Mich und sagen:
„O Freund, du bist gut, ja übergut bist du und dabei sehr weise und mächtig
nach dem Maße deiner Weisheit! Wir hörten auf der Welt wohl, daß der große Lama
auch sehr gut und weise sein soll, wenn er nicht den Ahriman zu Gesicht
bekommt. Dessen Anblick soll ihn so erbittern, daß er dann 1000 Jahre nichts
als Zorn speie über die Welt, in der Ahriman wohnt. Er verdecke aber nachher
noch 1000 Jahre sein Gesicht, um nur seinen Erzfeind nicht zu sehen. Dadurch
aber übersähe er dann auch die Menschen und kümmere sich volle 2000 Jahre nicht
um sie.
[BM.01_092,11] Wenn die Sache mit dem Lama
sich im Ernst so verhält, da sagen wir, daß du um vieles weiser, mächtiger und
somit auch besser bist als der ganze Lama, der einen so dummen Abscheu vor dem
bösen Ahriman hat! So ist es; wir sagen es hier alle zum Trutze des Lama und
zum Zeugnis der Wahrheit!
[BM.01_092,12] Wir haben aber alle auf der
Welt durch einige Boten einer andern Welt wohl vernommen von einem gewissen
Jesus. Dieser soll der eigentliche, leibhaftige Lama Selbst gewesen sein.
Diesen hat Ahriman aber erwürgt, weil er die Menschen wider ihn gehetzt habe.
So ihr von dieser Geschichte auch etwas wißt, erzählet uns davon; wir alle
möchten darin sehr gerne ins reine kommen!
[BM.01_092,13] Auf der Welt hat uns das ums
Leben gebracht. Hier aber, glauben wir, gibt es keinen Tod mehr! Daher wäre es
hier vielleicht doch ratsam, über diesen Jesuslama Näheres zu erfragen?
Vorausgesetzt, daß an der Sache, die uns das irdische Leben kostete, etwas ist
– sagt uns gütigst etwas davon, so euch diese Sache bekannt ist!
[BM.01_092,14] Seht, es ging die Sache mit
uns allen schon recht gut! Wir hatten schon gewisse Gebete erlernt, die gut
waren. Aber da geschah es, daß ein solcher Bote zu weit ging: eine Geliebte
verriet ihn und uns alle und noch eine Menge. Wir alle mußten es mit unserem
Leben büßen, weil wir hatten von unserem Lama abfallen und einen andern
annehmen wollen.
[BM.01_092,15] Wahrscheinlich aber hat uns
diesen Streich nur der böse Ahriman gespielt. Und das berechtigt uns zu hoffen,
daß der Lama es uns nicht gar so groß anrechnen wird, besonders so hinter
diesem gewissen Jesus wirklich der Lama Selbst steckt!“
[BM.01_092,16] Rede Ich: „Meine lieben
Freunde, geduldet euch nur eine kleine Weile und ihr werdet hier alles
tatsächlich erfahren, was ihr erfahren möchtet! Kommt nun aber mit uns nur
weiter vorwärts. Ihr werdet daselbst eine große Gesellschaft antreffen: jene
Boten, die solche Lehre zu euch brachten, wie auch jene Maid eures Landes, die
euch verraten hat samt jenem Boten, der sich zu weit gewagt hatte. Aber so ihr
mit ihnen zusammenkommen werdet, da müsset ihr keinen Zorn äußern, noch haben,
sondern müßt ihnen alles vergeben, was sie an euch taten; alsdann werdet ihr
den Jesuslama sogleich erkennen! So kommt nun hinter dieser Schutzwand hervor
und folgt uns guten Herzens und Willens! Also sei es!“
93. Kapitel – Peinliche Wiedersehensszene
unter den Chinesen. Die Geschichte der Verräterin.
[BM.01_093,01] Auf diese Worte gehen nun alle
hundert lieblichen Angesichts hinter der Schutzwand hervor und erstaunen über
die große Pracht und Räumlichkeit des Saales. In dessen gegen Mittag gewendeten
Teile befinden sich die tausend früheren Gäste nebst noch andern mehreren
Hunderten, die bei der Gelegenheit der inneren Bearbeitung der Mönche und
Nonnen mitgerettet wurden.
[BM.01_093,02] Als die hundert diese vielen
Gäste erschauen, die noch zum größten Teile in der naturmäßigen Kleidung
stecken, verwundern sie sich überaus mächtig, auch als sie nun wirklich jene
Boten sogleich erkennen, die sie auf der Welt im Christentum haben unterweisen
wollen. Als sie aber auch jene Chinesin unter ihnen erblicken, die den
Hauptboten und dadurch auch sie alle verraten hatte, machen sie bald finstere
Mienen und sagen zu Mir:
[BM.01_093,03] (Die hundert Chinesen:) „Höre,
du liebster Freund, diese Erscheinung berührt uns zwar äußerst unangenehm. Aber
da sie euch, wie es scheint, nicht zuwider ist, so soll sie es auch uns allen
nicht sein. Der Bote, den sie verriet, scheint nun merkwürdigerweise auf gutem
Fuße mit ihr zu stehen, denn er bespricht sich gar freundlichst mit ihr. Sie
ist wohl sonst ein schönes und artiges Wesen, darum sie auf der Welt auch ein
Liebling dieses Boten war, wie sie auch eine wahre Schönheit in der großen
Kaiserstadt Peking genannt wurde und daher ein Liebling der ganzen Stadt war.
Aber durch ihren gewinnsüchtigen, schnöden Verrat an uns allen hat sie dann
wohl alle Achtung der großen Kaiserstadt verloren und starb, wie wir vernommen
hatten, bald darauf aus Gram.
[BM.01_093,04] Wir wundern uns daher
hauptsächlich bloß darum, wie diese doch sichere Dienerin des Ahriman, die den
Jesuslama an uns verriet, in diese heiligen Hallen hereingekommen ist! Hat etwa
der Lama Selbst ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit?“
[BM.01_093,05] Rede Ich: „Liebe Freunde,
hattet ihr nicht auch Kinder, darunter einige fromm, einige aber recht schlimm
waren? Ihr alle saget: ,Ja!‘ Ich aber frage euch weiter: Habt ihr die schlimmen
wohl darum den Hyänen und Tigern vorgeworfen, oder habt ihr alle eure Sorge und
Liebe nicht diesen schlimmeren Kindern zugewendet und habt die frommen viel
weniger beachtet? Ihr saget: ,Ja, ja, so war es!‘
[BM.01_093,06] Sehet, so aber ihr, die ihr
euer ganzes Leben hindurch nie gut gewesen seid, euren sogar schlimmsten
Kindern nur Gutes tatet – wie könnt ihr da denken, daß der ewig allerbeste Lama
Seinen Kindern etwas Böses geben werde, so sie Ihn reuig um etwas Gutes bitten?
[BM.01_093,07] Diese Jungfrau hat auf der
Welt freilich gewisserart übel an euch allen gehandelt. Aber sie bereute später
ebenso mächtig ihre vermeintliche böse Tat, wie mächtig sie früher euch alle
geliebt hatte, bevor sie den Hauptboten und dadurch auch unwillkürlich euch
alle mit verriet.
[BM.01_093,08] Und so hat der gute Lama ja
auch recht, so Er eines Seiner Kinder nicht sogleich auf ewig verwirft, so es
auch Böses getan hätte, dann aber zu Ihm kommt und Ihn von ganzem Herzen
reuigst um Vergebung bittet.
[BM.01_093,09] Sehet, der gute Lama braucht
demnach nicht verliebt zu sein in eine schöne Pekingerin, um sie selig zu
machen. Sondern es ist genug, daß Er ein guter Vater aller Menschen ist und daß
Er als solcher erkannt wird. Ist besonders letzteres der Fall, dann hat es mit
dem Seligwerden einer schwachen Tochter auf der Erde gar keine Schwierigkeit
mehr.
[BM.01_093,10] Was meinet ihr lieben Freunde
nun – handelt der gute Lama so recht oder unrecht?“
[BM.01_093,11] Spricht einer aus den hundert:
„Ja, also handelt der große, heilige Lama vollkommen gut und recht! Aber da
sieh, nun bemerkt uns die schöne Chanchah und geht eilends auf uns zu! Was sie
uns etwa doch hinterbringen wird? Nun nur stille, sie ist schon da!“
94. Kapitel – Schöne, echte Versöhnung
zwischen Chanchah und den hundert Chinesen. Der Herr und Chanchah.
[BM.01_094,01] Chanchah fällt nun vor den
hundert auf ihr Angesicht und fleht sie um Vergebung all des Üblen an, das sie
– wenn auch unbeabsichtigt – an ihnen getan hat.
[BM.01_094,02] Die hundert aber sagen alle
einstimmig: „Holdeste Chanchah, so dir's der große heilige Lama vergeben hat,
was wohl sollen dann wir noch wider dich haben! Hat ja doch derselbe Heilige
der Ewigkeit auch uns vergeben, die wir dem Ahriman doch auch viele und große
Opfer gebracht haben. Daher erhebe dich und kneife uns ins Ohrläppchen zum
Zeichen, daß wir nun für ewig einander aus dem tiefsten Lebensgrunde vergeben
haben!“
[BM.01_094,03] Chanchah erhebt sich nun
lieblichsten Angesichts und Wesens und tut, was die hundert von ihr verlangen.
Nachdem sie alle die hundert sanft ins Ohrläppchen gekneift hat, spricht sie:
[BM.01_094,04] (Chanchah:) „Eure Herzen seien
mein köstlichster Schmuck, euer Anblick die schönste Weide meiner Augen. Mein
Herz aber sei euch ein sanftestes Ruhekissen, auf dem ihr ausruhen wollet, so
euch die Liebe müde gemacht hat. Meine Arme seien euch ein sanftes Band für
Herz ans Herz, und aus meinem Munde fließe unversiegt der köstlichste Balsam in
euer Leben.
[BM.01_094,05] An meiner Brust sollet ihr
euch schwingen bis zu den Sternen und meine Füße sollen euch tragen über harte
Wege. Und wenn die Sonne untergeht und kein Mond der Erde leuchtet und der
Sterne Schimmer dichte Nebel überdecken, dann soll mein Augenpaar euch
erleuchten den Pfad eurer Sehnsucht, und all mein Eingeweide soll euch erwärmen
in der frostigen Lebensnacht.
[BM.01_094,06] Also will ich euch sein eine
sanfteste Dienerin in den zartesten wie schwersten Bedürfnissen eures Lebens
ewig, darum ihr mir euer Ohr geliehen habt zur Vergebung meiner schweren Sünde
an euch.“
[BM.01_094,07] Nach dieser Rede, die die
liebliche Chanchah gesprochen, geht einer aus der Mitte der hundert zu ihr hin,
hebt beide Hände über sie und berührt sie am Kopfe mit den Zeigefingerspitzen.
Er spricht: „O Chanchah, wie gar so schön bist du nun! Ich sage dir's so laut
nun, wie da braust ein mächtiger Sturm. Und ich sage es dir auch so sanft, als
wie sanft da fächelt ein duftiger Abendhauch um die zarteste Wolle der Gazelle:
du bist schöner nun als die Morgenröte über den blauen Bergen, die da zieren
die große Stadt der Mitte der Reiche der Erde, und herrlicher als die Chujulukh
(eine der schönsten Blumen, die nur im kaiserlichen Garten gezogen wird)!
[BM.01_094,08] Dein Haupt ist lieblicher als
der Kopf einer Goldtaube und dein Hals runder und weißer als der einer weißen
Gazelle. Deine Brust ist sanfter und weicher denn Tutschuran (eine Art
weichster Wolle, die an einer Schilfstaude wächst), und deine Füße sind kleiner
denn die einer Antilope, die da hüpft und tanzt auf Himalajas höchsten Spitzen.
Ja, so lieb uns die Sonne ist, so lieb bist uns auch du. Und wie herrlich der
Vollmond den wogenden Spiegel der Seen bescheint, so herrlich bescheint deine
Anmut auch unsere Herzen.
[BM.01_094,09] So sollen von nun an auch
deine Wünsche ebenso lieblich in unseren Seelen erschimmern und unsere Herzen
also über und über erquicken, als wie da erquicken die Sterne die Herzen
zerstobener Schiffer, die auf weitem Ozean ihre Segel hissen unbewußt am Tage,
wohin sie den Lauf der Schiffe richten sollen, um zu gelangen in die glückliche
Heimat.“
[BM.01_094,10] Darauf wendet er sich zu Mir
und spricht: „O Freund, ist es recht, daß wir diese, die unsere Feindin war,
also aufgenommen haben wie ein Herz in hundert Herzen?“
[BM.01_094,11] Rede Ich: „Ja, so ist es recht
nach eurer besten Sitte. Aber da ihr alle nun nicht mehr auf der Welt, sondern
im ewigen Reiche der Geister euch befindet, wo andere Sitten und Formen gang
und gäbe sind, so werdet ihr euch nach und nach auch darnach richten und in
allem so handeln, wie ihr es an uns sehen werdet, wenn ihr hier verbleiben
wollt! Wäre euch aber eures Landes Tugend lieber als die dieses Hauses, da
freilich müßtet ihr dann zu jenen übergehen, die noch gar lange zu tun haben
werden, bis sie dies Haus erreichen!“
[BM.01_094,12] Spricht Chanchah: „O du
lieblichster, herrlichster Freund der Armen – siehe, wir wollen hier so sein
wie die feinste Porzellanerde, die sich in alle edlen Formen fügen läßt. Dein
Wille sei unser Leben und dein Wort ein heiliges Wort Lamas!“
[BM.01_094,13] Rede Ich: „Komm her, du
lieblichste Chanchah, Ich will dir ein neues Kleid geben, welches dich
herrlicher zieren soll denn die schönste Morgenröte die weißen Spitzen der
blauen Berge!“
[BM.01_094,14] Chanchah springt nun förmlich
zu Mir hin. Und Martin bringt schon aus der goldnen Kiste ein rotes Kleid, das
mit vielen Sternen verbrämt und wohl geschmückt ist, und übergibt es Mir mit
den Worten:
[BM.01_094,15] (Bischof Martin:) „Das wird
dieser wirklich schönsten Chanchah gar überhimmlisch gut stehen; das ist ein
wahres Kleid der Liebe! Ich muß offen gestehen, diese Chinesin gefällt mir nun
auch ganz überaus gut; nur in ihre echt chinesischen Redensarten kann ich mich
noch nicht so recht finden. Da hängt noch viel Irdisches daran, aber sonst echt
orientalisch poetisch. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß in den Chinesen
so viel ehrliche Lyrik zu Hause ist. Aber mir gefällt das! Diese lassen wir auf
keinen Fall mehr weiterziehen!“
[BM.01_094,16] Rede Ich: „Hast recht – auch
Mir gefallen sie, das Herz dieser Chanchah ganz besonders. Aber sie werden dir
noch so manches zu schaffen geben! Doch nun zur Chanchah!
[BM.01_094,17] Hier, du liebliche Tochter,
empfange das Kleid: es ist das der Liebe und der weisen Sanftmut in dir! Wohl
warst du eine Verräterin an diesen, die das Zeugnis des Jesuslama annehmen
wollten. Aber du wardst zur Verräterin durch die Tugend deines Reiches und
wolltest nur retten des Kaisers Leben, dabei aber nicht opfern das deiner
Brüder. Solches hat hernach der Kaiser getan – hätte es aber nicht getan, so er
dein Herz in seiner Brust gehabt hätte. Du bist sonach völlig schuldlos und
rein wie dieses Kleid, mit dem Ich dich nun bekleide. Nimm es hin, es ist Meine
große Liebe zu dir!“
95. Kapitel – Chanchahs Verlangen, das Wesen
des Herrn zu erforschen. Des Herrn Rezept. Chanchahs glühende Liebe zum Herrn.
[BM.01_095,01] Chanchah nimmt ehrfurchtsvoll
das Kleid, das im Augenblicke, als sie es berührt, schon ihr ganzes Wesen
überaus herrlich schmückt. Als sie so himmlisch bekleidet dasteht, weint sie
vor Freude und spricht: „O Freund, welchen Namen wohl führst du? O sage es mir,
daß ich ihn in mein Herz mit der glühendsten Schrift für ewig zeichne!“
[BM.01_095,02] Rede Ich: „Schönste Chanchah,
dafür ist schon gesorgt! Was du tun möchtest, ist schon geschehen. Forsche nur
in deinem Herzen und du wirst das finden, was du nun von Mir suchst zu
vernehmen! Ich sage dir: Deine Liebe zu Mir wird dir alles verraten!“
[BM.01_095,03] Chanchah macht über Meine
Worte große Augen und stutzt gewaltig. Nach einer Weile spricht sie, ganz in
sich vertieft: „,Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten! Was du tun
möchtest, das ist schon geschehen. Forsche nur in deinem Herzen und du wirst es
finden, was du von mir suchest zu vernehmen!‘?
[BM.01_095,04] Sonderbar, höchst sonderbar!
Hm, hm, wie kann der so reden?! Warum brennt denn aber mein Herz gar so mächtig
vor Liebe, so er mit mir spricht? In seiner Stimme liegt eine so unbegreifliche
Zaubermacht, daß mir vorkommt, dieser müßte durch die Macht seiner Rede Welten
erschaffen und wieder zerstören können! Eine Milde, nie gekannt, dabei aber
doch voll wahrhaft göttlichen Ernstes! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, – ich ahne
Großes!
[BM.01_095,05] O du heilig Wort, auf der Erde
noch nie vernommen! O heiliger Klang solcher Rede: ,Deine Liebe zu mir wird dir
alles verraten!‘ Ich will ja nur eines, seinen Namen nur will ich. Und er
spricht: ,Alles! Alles!‘ Wie endlos größer wohl ist das Alles denn das Eine!
Ich wollte ja nur eines, und er spricht: alles!
[BM.01_095,06] O Lama! Lama! Du großer,
heiliger Lama, wie soll ich dies fassen?! Ach, ach, wie herrlich doch ist seine
Gestalt, welch erhabenste Majestät in seinen Augen! Es sind wohl die andern
zwei auch wunder erhabene Gestalten und scheinen auch sehr weise und mächtig zu
sein. Aber wenn ich diesen einen ansehe, da erbrennt mein Herz wie die große
Kaiserfackel, die, so sie angezündet wird über dem großen Fackelturme der
kaiserlichen Burg, die ganze Stadt erleuchtet heller denn der volle Mond.
[BM.01_095,07] (Sich zu Mir wendend:) Ach, du
lieber Freund, ja du göttlicher Freund! Was für Worte hast du zu mir geredet!
Wer außer dir kann ihren Sinn deuten? Sie haben in mir tiefe Ahnungen erweckt,
und ach – ich kann es dir unmöglich mehr verhehlen – eine Liebe, ja eine
wunderbar mächtigste Liebe zu dir, du Herrlichster! Ja, du hast recht, du hast
wahr gesprochen: ,Deine Liebe zu mir!‘ Ja wohl, Liebe zu dir, du Herrlichster!
[BM.01_095,08] Siehe, als ich auf der Erde
wandelte in den schönen und großen Gärten, an denen meiner Brüder Stadt so
reich ist, da horchte ich oft den leisen Tönen nach, mit denen die Schwäne, die
gar lieblichen Anblicks über dem Spiegel eines zierlichen Teiches dahinwogten,
die sinkende Sonne begrüßten. Es waren herrliche Töne; aber wie gar nichts
waren sie im Vergleiche zur sanftesten Milde des Tones deiner Rede!
[BM.01_095,09] Oft ging am frühen Morgen ich
lustwandeln und nahm meine Windzither mit mir. Sie klang herrlich, wenn der
heitersanfte Morgenhauch ihre Saite begrüßte, daß darob mein Herz vor Freude
erbebte. Ja, damals wohl erbebte mein Herz – denn damals hatte ich ja deine
Stimme noch nicht gehört; jetzt würde Chanchahs Herz die Khalank nicht rühren,
seit es erbebte beim Himmelsklang deiner Rede!
[BM.01_095,10] Ach wie süß klangen einst auch
die Worte meiner Mutter, so sie mich rief und sprach: ,Chanchah, du mein Leben,
komme ans Herz deiner Mutter, die dich mehr liebt denn ihr eigenes Leben!‘ –
Ach, du lieber Freund, in diesem Rufe lag mehr Harmonie, als die Welt sie
fassen kann. Wie gar so selig war die muntere Chanchah bei diesem Rufe! Die
Erde ward schöner, ward wie verklärt, ja sie ward zu einem Himmelsgarten!
[BM.01_095,11] Aber, o Freund, du
Herrlichster, damals habe ich deiner Rede Klang noch nicht gehört! Oh, wie tief
in den Staub sinkt das alles nun zurück, so ich dich ansehe und deiner
himmlischen Rede Ton in meinem bebenden Herzen vernehme, wie ein heiliges Echo,
aus den Himmeln wiederklingend! Ach du Herrlichster, was werde ich beginnen,
wenn mein Herz stets ungestümer für dich, ganz ewig allein für dich erbrennt?!
[BM.01_095,12] Lama, Lama, Du bist wohl groß
und herrlich, wo Du bist. Dich soll man wohl mehr lieben denn alles. Aber was
kann die arme Chanchah dafür, wenn ihr Herz diesen, sicher Deinen Freund auch,
gar so innigst ergriff!
[BM.01_095,13] Aber du, o Herrlichster, wirst
mir doch nicht zürnen, darum ich es wage, dich so mächtigst zu lieben? Kann ich
ja doch nicht dafür, daß du meinem Herzen so heilig geworden bist!
[BM.01_095,14] Man lehrte mich auf der Erde
wohl, daß es für die Guten einen Himmel gibt, der noch tausendmal schöner sei
denn Peking, die große Kaiserstadt, und erhabener als die Majestät der blauen
Berge. Ich aber finde diese Himmelspracht nun ganz leer und finde, daß nie der
Himmel höchste Pracht, sondern nur ein Herz dem andern ewig ein Himmel der
Himmel bleibt!
[BM.01_095,15] Ich habe in dir meinen Himmel
der Himmel gefunden! Ach möchtest du auch in mir wenigstens so ein kleines
Lustgärtchen finden!“ – Mit diesen Worten sinkt die Holde Mir zu Füßen.
[BM.01_095,16] Martin sagt: „O Herr –
,Bruder‘ wollt ich sagen; hätte Dich bald verraten! – etwas Ähnliches von einer
jungfräulichen Weichheit ist mir noch nicht vorgekommen. Das will ich doch
Liebe nennen! Da ist unsereiner gerade ein räudiger Ochse dagegen! – Bruder
Borem, bei der können wir beide noch hübsch lange in die Schule gehen! Was
meinst du?“
[BM.01_095,17] Spricht Borem voll der
höchsten Achtung: „Allerdings, lieber Bruder Martin, in der beseligendsten
Gesellschaft des Meisters aller Meister werden wir mit dem Lernen wohl ewig nie
fertig werden. Übrigens alle Achtung vor dieser holdesten Chinesin; mit der
Zartheit ihrer Gefühle und mit der echt orientalischen Glut ihrer Liebe werden
wir es freilich noch lange nicht aufnehmen können. Es ist außerordentlich
erfreulich, sie reden zu hören und daneben die Steigerung ihrer Liebe zu
betrachten. Überaus beseligend für uns aber ist es zu wissen, wohin ihre nun
noch blinde Liebe ihren Zug nimmt!“
96. Kapitel – Des Herrn Wink zum vorsichtigen
Handeln bei Unreifen. Chanchahs Liebe zum Herrn im Konflikt mit Chanchahs Liebe
zum Lama.
[BM.01_096,01] Rede Ich: „Redet nur nicht zu
andeutend! Wir drei hier wissen es, was und wer wir sind. Aber diese alle sind
nun noch viel zu schwach, unsere Wirklichkeit zu ertragen. Daher müßt ihr bei
euch sehr behutsam sein, so ihr mit Mir redet. Verstehet es, liebe Brüder, wir
sind gleich! Ich habe euch das nun in der Stille gesagt, daß diese von allem
nichts vernommen haben. So aber wir drei vor allen laut reden, sind wir alle
gleich und sind eines. Verstehet wohl, ihr wisset schon, warum!“
[BM.01_096,02] Spricht Martin: „O Bruder, Du
– Du – Du allergeliebtester Bruder, wir kapieren die Sache schon! Ich werde da
so aufpassen wie die Katze auf eine Maus, daß ich mich ja nicht irgendwo
verrede. Nur mußt Du schon noch ein bißchen Geduld mit mir haben, so mir
manchmal etwas Dummes herausrutscht. Ich komme mir manchmal wohl schon recht
weise vor. Aber wenn Du da bist, kommt mir meine Weisheit schon so dumm vor,
daß ich mich selbst aus vollem Halse auslachen könnte. Aber mich freut es
dennoch, daß ich es – freilich mit Deiner alleinigen Hilfe nur – so weit
gebracht habe, wenigstens manchmal etwas Weises hervorzubringen.“
[BM.01_096,03] Rede Ich: „Ganz gut, lieber
Bruder Martin, bleibe du nur, wie du bist, denn gerade so bist du Mir am
angenehmsten. Denn siehe, ein rechter Humor des Herzens darf auch in allen
Himmeln nicht fehlen! Nun aber müssen wir schon unserer Chanchah wieder unsere
Aufmerksamkeit widmen. Martin und Borem, hebet sie auf von Meinen Füßen, denn
Ich darf sie mit Meinen Händen noch nicht berühren!“
[BM.01_096,04] Die beiden tun behende, was
Ich ihnen geboten. Chanchah steht noch ganz liebetrunken in unserer Mitte und
kann sich kaum fassen, um ihre Gefühle in Worte umzugestalten.
[BM.01_096,05] Martin spricht dabei: „Aber
wie sie in dieser wahrsten Liebetrunkenheit schön ist! Wahrlich, sapprament,
wenn eine solche auf der Erde zu sehen wäre, ich glaube, die Menschen würden
geradeweg rasend ob des Anblicks solcher Fülle der weiblichen Reize!
[BM.01_096,06] Über mich aber wundere ich
mich nun sehr, daß ich eine so außerordentliche Schönheit zwar wohl mit dem
größten Wohlgefallen, aber ohne alle sinnliche Begierde ansehen kann, was bei
mir – wie Figura der Merkurianerin und der noch früheren Lämmerherde
hinreichend bewiesen hat – ehedem nicht der Fall war.
[BM.01_096,07] Es hat zwar die Berührung
dieses weichsten und rundesten Armes mir überaus wohlgetan. Nichts aber habe
ich dabei von einer sinnlichen Regung verspürt. Dafür kann ich nur, Du weißt es
schon wem, über alle Maßen ewig danken und preisen ohne Ende!
[BM.01_096,08] (Sich zu Chanchah wendend:)
Wie ist dir nun, du allerholdeste Einwohnerin meines vom großen, heiligen,
liebevollsten Lama für ewig mir gegebenen Hauses? O rede, rede wieder! Siehe,
wir haben dich ja alle überaus sehr lieb und deine schönsten Worte erfreuen
ungemein unser aller Herz!“
[BM.01_096,09] Spricht Chanchah: „Ach, mir
ist unendlich wohl! O ihr lieben himmlischen Freunde, ihr Diener Lamas, des
Heiligen! Wem sollte es in eurer Mitte nicht endlos wohlgehen? Ist ja doch die
Liebe des menschlichen Herzens höchstes Gut. So aber ein Herz Liebe gefunden,
wie ich sie hier fand, was sollte da wohl noch übrig sein zu wünschen? Welch
höhere Seligkeit als die, welche die Liebe gibt? O Freund, mir ist hier endlos
wohl!
[BM.01_096,10] Nicht wahr, ihr liebsten
Freunde, ich werde euch doch wohl nimmer verlassen dürfen? Freilich fühle ich
wohl, daß ich euer nicht wert bin, da ich noch eine Menge Makel an mir entdecke
trotz dieses herrlichsten Kleides. Aber mein Herz liebt euch und – ich gestehe alles
gerne – besonders dich, der du mir deinen Namen nicht sagen wolltest. Und ihr
werdet ja dies Herz nicht verstoßen, darum es euch, und besonders dich
Namenlosen, so unaussprechlich liebt!“
[BM.01_096,11] Rede Ich: „O ewig nimmer wirst
du von uns entfernt werden! Denn siehe, aller Himmel Grund ist die Liebe, und
die Liebe ist auch der Himmel aller Himmel selbst. Wer diese, wie du, in solch
großem Vollmaße hat, wie sollte der aus dem verbannt werden können, das da ist
sein eigen Wesen? Solche Liebe aber wie die deinige zu uns tilgt auch alle
Makel der Seele augenblicklich, daß sie dann so rein ist, als wäre sie soeben
dem Hauche Lamas entsprossen!
[BM.01_096,12] Daher kümmere dich fürder
nimmer, ob du wohl hier wirst verbleiben dürfen. Denke, daß wir dich ewig als
ein besonderes Zärtchen unserer Liebe behalten werden, wohin wir auch
zeitweilig nach den zahllos verschiedenen Bedürfnissen dieses Reiches zögen. Ob
wir gerade schon für ewig hier in diesem Hause verbleiben werden, das freilich
wohl mußt du nicht als ausgemachte Sache betrachten. Denn in des großen Lama
Reich gibt es wohl noch gar sehr viele Wohnungen! Aber wohin wir auch zögen,
wirst du stets so wie jetzt unter uns sein!
[BM.01_096,13] Denn siehe, wir lieben dich
nun ja auch sehr, als wärest du das einzige Wesen in der ganzen Unendlichkeit,
das mit allem Rechte auf unsere vollste Liebe den entschiedensten Anspruch
machen kann. Da wir – und verstehst du, holdeste Chanchah, ganz besonders Ich!
– dich so sehr lieben, wie möglich könnten wir dich dann von uns lassen? Du
bist nun Mein Liebchen für ewig; das sei dir sicherer und gewisser denn dein
eigen Leben!“
[BM.01_096,14] Spricht Chanchah: „O Lama,
Lama, wie heilig gut mußt Du sein, da Deine Diener schon so unendlich gut und
lieb sind! Aber, ach, du lieber Freund, weißt du, wenn ich dich so recht
betrachte, so – ach, es will doch nicht heraus! – ja, ach, so kommt es mir vor,
als wenn der Lama unmöglich besser sein könnte, als du es bist! Es wird das
vielleicht der einzige Fehler sein, den die Liebe hat, daß sie das, was sie
einmal über alles liebt, auch für das Beste und Vollkommenste hält. So halte
ich auch dich wenigstens für so gut wie den großen Lama Selbst! Lama wird der
armen Chanchah wohl vergeben, wenn sie solches denkt und fühlt?! Denn ich kann
ja nichts dafür, daß ich dich so unbegrenzt lieben muß!“
[BM.01_096,15] Rede Ich: „O Chanchah, Lama
hat dir schon längst alles vergeben, des sei völlig gewiß. Denn Lama liebt ja
auch Seine Diener so unbegrenzt, daß es Ihm wohl Selbst die größte Freude und
Seligkeit macht, wenn sich Seine Kinder, die Seine eigentlichen Diener sind,
untereinander ganz ohne Maß und Ziel lieben. Daher fürchte dich ja nicht, als
könntest du dich mit deiner Liebe zu Mir beim Lama versündigen. Dafür stehe ich
dir mit allen Schätzen der Himmel gut!“
97. Kapitel – Chanchahs eifriges Forschen
nach dem Namen ihres geliebten Freundes. Des Herrn Hinweis auf das beste
Rezept. Unterschied zwischen Gastgeber und Gast.
[BM.01_097,01] Als Chanchah das vernimmt,
spricht sie ganz verlegen: „O du herrlichster Freund meines ganzen Wesens! Du
mußt den großen, heiligen, ewigen Lama sicher schon oft gesehen haben und
vielleicht auch gar gesprochen, weil du mit einer solchen, mir ganz
unbegreiflichen Bestimmtheit von Ihm reden kannst, als wärest du zunächst Sein
erster Diener? Ja, ja, es wird schon so sein, sonst könntest du ja doch nicht
gar so unaussprechlich lieb sein! Deine Worte hätten die Kraft nicht, die sie
haben, als wären es Worte Lamas Selbst!
[BM.01_097,02] Siehe, es haben ehedem auch
deine beiden Freunde geredet, aber ich merkte wenig Kraft in ihren Worten. Nur
wenn sie mit dir redeten, da freilich hatten auch ihre Worte einige Kraft. Als
der eine aber mit mir redete, verspürte ich keine Kraft in seinen Worten.
Daraus aber schließt mein Herz, daß du dem Lama näher bist denn diese beiden.
Habe ich nicht recht geurteilt?“
[BM.01_097,03] Rede Ich: „Ich sage dir, frage
nur dein Herz, deine Liebe zu Mir; diese wird dir alles verraten! Nun aber
gehen wir auch zu den andern Brüdern, auch sie bedürfen unserer Sorge und
Liebe. Du gehe Mir zur Seite, Meine liebste Chanchah!“
[BM.01_097,04] Spricht Chanchah: „Ach ja, das
ist wohl sehr recht und gut, daß auch meiner andern Brüder und Schwestern
gedacht wird in euren Herzen; denn besser sind immer die Gastgeber als die
Gäste daran. Die Gastgeber können geben, wann sie wollen. Die Gäste aber dürfen
erst dann etwas nehmen, so ihnen etwas gegeben wird. Und so sie das Gegebene
nehmen, müssen sie es fein artig nehmen und dem Gastgeber viel Ehre antun und
ihm die Dankbarkeit nie versagen.
[BM.01_097,05] Der Gastgeber aber braucht zu
niemand bitten kommen, so er aus seiner Vorratskammer für sich etwas nehmen
will. Er kann sich nehmen wieviel er will, wann und was er will. Er hat dabei
nicht nötig, für sich alle Höflichkeitsregeln zu beachten, noch braucht er
jemanden darum zu ehren und auch niemandem zu danken. Daher sind die Herren im
Grunde doch allein nur glücklich zu preisen, darum sie geben können, was und
wann sie wollen. Die Empfänger aber sind, wenn auch schon gerade nicht
unglücklich, doch stets übler daran, darum sie nehmen müssen, was ihnen gegeben
wird.
[BM.01_097,06] Also gedenke ich auch hier
dieser vielen Gäste, zu denen auch ich gehöre. Ihr drei freilich wohl über
alles lieben und guten Gastgeber und Herren dieses Himmelshauses habt es trotz
eurer unbegrenzten Güte aber dennoch um sehr vieles besser denn alle diese von
euch noch so gut gehaltenen Gäste. Denn Herren bleibt stets ihr, diese aber nur
Gäste, die in allem von euch abhängen. Und so ist es wirklich sehr recht, daß
nun auch ihrer sicher überaus gut gedacht wird.
[BM.01_097,07] Du, liebster Freund, aber
wirst es mir doch nicht zu einem Fehler anrechnen, daß ich nun so geredet habe?
Ich hätte gewiß nicht so frei heraus geredet, wenn ich dich nicht gar so
unermeßlich lieb hätte. Meine große Liebe zu dir, du mein himmlischer Freund,
löst mir die Zunge; und wenn sie gelöst ist, ach, dann geht sie schon, wie sie
gewachsen ist!“
[BM.01_097,08] Rede Ich: „O du zartestes
Balsamtröpfchen meines Herzens, rede du nur immer zu, wie dir es dein Herzchen
gibt. Uns kannst du wohl ewig nimmer beleidigen, besonders wenn du so weise
sprichst, wie du jetzt geredet hast. Denn ich sage dir's, du Holdeste, es ist
genau so, wie du nun geredet hast. Es ist wirklich viel leichter, zu geben als
zu nehmen. Es ist der kümmerliche Geber im Grunde noch immer besser daran als
der beste Nehmer!
[BM.01_097,09] Aber es läßt sich diese
Ordnung ewig nimmer ändern, da unmöglich jedermann ein Herr sein kann. Würden
vom Lama aus auch alle Menschen zu Herren gemacht sein, so daß da jeglicher
hätte sein Haus und sein gutes Auskommen und niemand den andern zu bitten
brauchte, was wäre dann mit der Nächsten- und Bruderliebe, und was mit der Liebe
zum Lama? Sieh, diese ginge da rein unter, und doch müßte am Ende der Lama
Geber und alle Menschen gebundene Empfänger sein, wie sie es nun sind und ewig
sein werden!
[BM.01_097,10] Damit aber die Nehmer so
ungeniert als möglich das Gegebene nehmen können, wird von uns Gastgebern hier
stets in so überfließend reichlichster Fülle gegeben, daß jeder Empfänger und
Nehmer sich so viel von dem endlos viel Gebotenen nehmen kann und darf, wieviel
nur immer sein Herz zu begehren vermag.
[BM.01_097,11] Ja Ich sage dir, Meine
allerliebste Chanchah: es wird hier mit dem Geben sogar so weit getrieben, daß
es beinahe in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen gibt, dem nicht allzeit
tausendfach mehr gegeben würde, als was seines Herzens glühendster Wunsch ewig
je begehren könnte! Was meinst du nun, du Meine geliebte Chanchah – sind die
Nehmer bei solchen Geberverhältnissen wohl noch für bedauerlich anzusehen?“
[BM.01_097,12] Spricht Chanchah: „Ach ja,
dann freilich wohl sind die Nehmer beinahe noch glücklicher als der Geber. Denn
der Geber muß – du wirst mir's wohl vergeben, so ich hier vielleicht wieder zu
viel und zu ungebührlich rede – ja doch sehr viel Sorgen haben. Denn er muß
denken über Hals und Kopf, wie er seine Vorratskammern so fülle, daß sie selbst
durch die steten reichsten Weggaben nicht erschöpft werden können!
[BM.01_097,13] Ich habe wohl auf der Erde
öfter gedacht, wie es doch dem Lama möglich sein kann, für so endlos vieles zu
sorgen: für all das Gras, das da wächst allenthalben, für die Gesträuche und
Bäume und für all die zahllosen Tiere und Menschen. Aber da sagte mir meine
Mutter:
[BM.01_097,14] Chanchah, wie denkst du so
menschlich von Lama?! Weißt du denn nicht, daß der Lama allmächtig ist und
allgegenwärtig mit Seiner Macht? Er, der endlos Weise, darf ja nur wollen, und
es geschieht dann sogleich alles, so Er es will, und wann und wie Er es will!
[BM.01_097,15] Als die Mutter so zu mir
redete, gab ich sehr acht und ward auch bald befriedigt. Aber nun möchte ich
von dir, der du ein Diener Lamas bist, erfahren, ob es sich wirklich so verhält
mit dem Lama, wie mich die Mutter lehrte.
[BM.01_097,16] Ist es dem Lama ein leichtes,
zu sorgen für all das Unendliche, oder ist es auch für Ihn schwer? Ist es Ihm
ein leichtes, dann ist Er ebensogut daran als Geber, wie gut all die zahllosen
Empfänger daran sind. Macht Ihm aber solch ein Sorgen für unendliche
Bedürfnisse der zahllosen Myriaden doch manchmal bedeutende Schwierigkeiten, da
wäre Er bei Seiner unbegrenzten Freigebigkeit wirklich sogar zu bedauern! – O sage
es mir, du mein geliebtester Freund, so du darin nähere Kenntnisse besitzest!“
98. Kapitel – Des Herrn Worte über das Wesen
und Wirken Lamas. Das Baumwunder. Eine Mahnung zur Vorsicht.
[BM.01_098,01] Rede Ich: „O du Meine
allerliebste Chanchah! Das kann Ich dir in aller Kürze sagen, und so höre!
Siehe, da Ich den Lama so gut kenne, wie Er Sich Selbst kennt, so sage Ich dir:
Was da das Hervorbringen und Schaffen betrifft, so ist das dem großen Lama
wirklich etwas dir kaum begreiflich Leichtes. Denn Er braucht zu einer einmal
gefaßten Idee nur aus Seinem Willen zu sagen: ,Es werde!‘, und es ist dann
schon alles da, was Er will! Ungefähr also – gib nun recht acht! –, als so Ich
nun in Mir denke, daß hier vor uns ein schöner Baum stehe, mit den besten Früchten
erfüllt! Oder stelle du dir so einen Baum vor, z.B. einen sehr schönen
Feigenbaum. Hast du ihn schon?“
[BM.01_098,02] Spricht Chanchah: „Ja, ja, ich
denke mir nun einen, wie da einer stand in dem Garten meiner Eltern!“
[BM.01_098,03] Rede Ich: „Nun gut, gib nun
acht! Ich denke Mir nun auch denselben Baum und sage gleich dem Lama nun zu
diesem gedachten Baume: ,Werde!‘. Sieh, der Feigenbaum steht nun schon vor uns
samt ganz reifer, wohlgenießbarer Frucht!
[BM.01_098,04] Siehe nun, wie leicht es Mir
war, dir hier ein lebendiges Beispiel zu stellen, ebenso leicht ist es dem
Lama, Eines wie Unendliche zu erschaffen. Aber nicht so leicht ist es dem Lama,
die Menschen so zu gestalten, daß sie ebenso frei und vollkommen würden, wie Er
Selbst es ist. Dazu gehört schon etwas mehr als die bloße Allmacht; aber wenn
das auch schwerer ist, so ist dennoch dem Lama alles möglich!
[BM.01_098,05] Nun, Meine allerliebste
Chanchah, verstehst du nun Meine Erklärung? Diesen Feigenbaum aber schenke Ich
dir für immer; er wird dir ewig nimmer verdorren, sondern wird dir stets die
reichsten und besten Früchte tragen!“
[BM.01_098,06] Chanchah ist ganz verblüfft,
kann vor lauter Staunen kein Wort herausbringen und betrachtet bald Mich, bald
wieder den Feigenbaum. Dies Wunder aber zieht auch sogleich alle Gäste herzu,
so daß wir nicht not haben, uns zu ihnen zu bewegen; alle sind voll Staunens.
[BM.01_098,07] Auch Bischof Martin betrachtet
ganz überrascht den Baum und spricht: „O Bruder, wohl weiß ich, daß es Dir ein
leichtes ist, einen solchen Baum hervorzubringen. Aber dennoch hat es mich ganz
absonderlich überrascht, als Du ihn gar so plötzlich hier entstehen ließest!
[BM.01_098,08] Ja, ich muß gestehen, es ist
wohl eine sonderbar schöne Sache um so ein bißchen Allmacht. Aber was kann
unsereiner dafür, daß er sie nicht hat und auch nicht haben kann, weil er noch
viel zu dumm dazu ist! Im Grunde ist es aber auch gut, daß ein dummer Geist –
wie z.B. der meinige – keine Allmacht besitzt. Denn besäße ich so etwas, da
wäre es aus bei mir! Du, herrlichster Bruder, würdest Dich Selbst verwundern
über die selten dümmsten Gebilde, mit denen ich bald einen ungeheuren
Weltenraum anfüllen würde! O Herr, da gäbe es Karikaturen, die ihresgleichen
suchten!
[BM.01_098,09] Daher ist es vollkommen recht,
daß der weiseste Lama solche Allmachtsfähigkeiten nur jenen erteilt, die der
himmlischen Weisheit vollkommen mächtig sind, wie es bei Dir in überaus hohem
Grade der Fall ist! Daß bei Dir aber demnach das Geben offenbar leichter sein
muß als das Nehmen, wird etwa doch klarer sein als auf der Erde die hellste
Mittagssonne? Denn mit dem Nehmen hätte es bei Dir – meinen Begriffen nach –
ohnehin einen ganz absonderlichen Anstand, indem (ganz leise) ja ohnehin alles
Dein ist!“
[BM.01_098,10] Rede Ich: „Nicht so laut, Mein
liebster Bruder Martin! Du kommst immer tiefer. Bedenke, daß da noch andere
zugegen sind, die noch nicht auf deiner Stufe stehen! Anfangs hast du schon
recht geredet; aber gegen das Ende wärst du bald zu weit gegangen, und das
hätte dieser Gesellschaft auf eine geraume Weile schaden können! Daher nimm
dich nur recht zusammen, sei klug wie eine Schlange, dabei aber sanft wie eine
Taube! Nimm dir nur immer Borem zum Muster, der ist hier ganz an seinem Platze
und beachtet genau die himmlische Klugheit. Tue du auch so, und wir werden mit
diesen Gästen leicht vorwärtskommen!“
[BM.01_098,11] Bischof Martin: „Oh, ich danke
Dir für diesen guten Rat, ich werde ihn sicher genau befolgen! Aber da siehe
nun die Chanchah an, wie sie Dich nun mit einer Aufmerksamkeit betrachtet, von
der mir früher nichts Ähnliches vorgekommen ist!“
[BM.01_098,12] Rede Ich: „Gut, gut ist das,
lassen wir sie nur ihre Beobachtungen machen; sie führen ihren Geist näher zu
Mir! Bald wird sie mit allerlei Fragen fertig sein, auf die wir ihr vollauf
werden eine geraume Weile zu antworten haben. Sieh, ihr Mund macht schon einige
Bewegungen. Daher frage du als Hausherr zuerst, wie sie mit dieser Erklärung
zufrieden ist; das andere wird sich dann schon von selbst machen!“
[BM.01_098,13] Bischof Martin befolgt
sogleich Meinen Rat und spricht zur Chanchah, die noch immer vor Verwunderung
ihren Mund nicht in die rechte Sprechverfassung bringen kann: „Holdeste
Chanchah, sage uns doch einmal, wie du mit dieser Erklärung zufrieden bist, und
ob du sie wohl in allen Teilen gut und klar verstanden hast! Du mußt dich ob
dieses Wunders hier nicht gar so sehr erstaunen, denn hier sind derlei
Erscheinungen eben nichts Seltenes. Mit der Weile wirst du dich daran schon
mehr und mehr gewöhnen.
[BM.01_098,14] Siehe, es ist mir im Anfang
auch um kein Haar besser gegangen. Wenn du wüßtest, was erst mir während meines
Hierseins alles für Wunderdinge begegnet sind, ich sage dir, du würdest dich
gerade umkehren vor lauter Staunen!
[BM.01_098,15] Weißt du, meine liebste
Chanchah, das ist nur so ein kleines Hauswunderchen. Es dient dir bloß nur als
eine beispielsweise Belehrung über deine früheren Fragen, die du an meinen
Bruder gestellt hast. Habe aber nur Geduld, es wird mit der Weile noch endlos dicker
werden!“
[BM.01_098,16] Spricht Chanchah: „Ach, du
lieber Freund, du hast hier leicht reden, so du an derlei Erscheinungen schon
gewöhnt bist. Aber unsereins kommt beim ersten Anblick einer solch
außerordentlichen Erscheinung außer aller Fassung – und muß es auch. Denn wo in
der Welt hat man je so etwas gesehen?!
[BM.01_098,17] Wenn du zu mir nicht gar so
beschwichtigend geredet und mir in gewisser Hinsicht eine andere Überzeugung
beigebracht hättest, so hätte ich deinen Freund und Bruder, der sich nun mit
meinen Landesbrüdern bespricht, so wahr ich lebe, für den Lama Selbst gehalten!
Aber weil, wie du gesagt hast, derlei Wunder hier gerade nichts Seltenes sind,
bin ich nun wieder etwas beruhigter und liebe diesen Bruder noch inniger als
zuvor.
[BM.01_098,18] Denn obschon er sonach nur
dein Bruder ist, sieht er dennoch viel göttlicher aus als du und hat solches
auch durch diese Kleinschöpfung bewiesen. Ich halte wohl auch von dir sehr
viel, aber ich zweifle sehr, ob du so eine Kleinschöpfung zuwege brächtest? Was
meinst du darob?“
[BM.01_098,19] Spricht Martin: „Ja – du –
meine allerliebste Chanchah, weißt du, wenn es gerade sein müßte – wer weiß es,
vielleicht doch auch!? Aber so ich mich etwa mit solch einem Wunderwerk
gewisserart nur produzieren wollte etwa des Ruhmes wegen – da säße ich
unfehlbar zwischen zwei Stühlen auf der Erde und müßte mich dann schämen wie
ein erwachsener Bettpisser – vorausgesetzt, daß du weißt, was bei uns ein
Bettpisser ist?“
[BM.01_098,20] Spricht Chanchah: „O rede nur
weiter, ich verstehe dich schon! Bei uns heißen derlei Naturschwächlinge
,Lagerfeuchter‘ (Tschimbunksha). Sie müssen tags darauf das angefeuchtete Lager
den ganzen Tag auf einem öffentlichen Platze hüten, wobei sie sich auch
gewöhnlich sehr stark schämen müssen. Du siehst nun, daß ich dich verstehe.
Rede darum nur ungestört fort und sage mir alles, was du mir zu sagen hast!“
[BM.01_098,21] Spricht Martin: „Hm, ja, hm,
jaaaa! – was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja richtig, ja, so ist
es: es war die Rede wegen Wirkung eines Wunders! Richtig, ich habe den Faden
schon wieder! Weißt du, allerholdeste Chanchah, so ganz eigentlich kann nur der
große Lama Wunder wirken, wann und wie und wo Er will. Wir, Seine Diener, aber
nur durch Seine Zulassung, so es nötig ist. So hat auch mein Bruder hier dies
Wunderwerkchen gewirkt, weil es zu deiner Belehrung nötig war, ansonsten Er
auch keines gewirkt hätte – was aber auch bei Lama Selbst der Fall ist. Auch Er
wirkt vor unsern Augen fast nie ein Wunder, weil es da nicht nötig ist, wo wir
ohnehin Seine leisesten Winke verstehen! – Verstehst du mich, liebste
Chanchah?“
99. Kapitel – Martin in Verlegenheit durch
Chanchahs wißbegierige Fragen.
[BM.01_099,01] Spricht Chanchah: „O ja, ich
verstehe alles, was du sagst! Aber weil du soeben von des großen Lama leisestem
Winke geredet hast, den du ohne ein Wunder alsogleich verstehst: sage mir dann,
wie der große Lama dir und deinen Brüdern winkt, daß ihr Seinen sogar
allerleisesten Wink sogleich wahrnehmt und dann sicher sogleich befolgt! Ihr
müßt also den großen Lama ja sehen, sonst könnte Er euch doch unmöglich winken
– oder doch wenigstens hören und so Seine Winke vernehmen?! Sehet oder höret
ihr Ihn, da sage mir, wie ihr Ihn sehet oder höret, daß ich mir von Ihm doch
irgendeine Vorstellung machen kann!“
[BM.01_099,02] Spricht Martin, etwas
verlegen: „O meine allerliebste, holdeste Chanchah, das ist eine sehr kitzlige
Frage! Wenn ich sie dir auch beantworte, so wirst du sie doch sicher nicht
verstehen. Daher wäre es fast besser, so du mir die Antwort auf diese Frage
erlassen möchtest, da sie für diesen Augenblick weder mir noch dir nützen
kann!“
[BM.01_099,03] Spricht Chanchah: „O Freund,
das Handeln um den Preis eines Gutes kann wohl bei euch zu Hause sein; uns
Chinesen aber ist so etwas fremd. Jede Ware, die wir feilbieten, hat ihren
bestimmten festgesetzten Preis. Wer sie feilbietet, der muß sie auch verkaufen
und davon dem Kaiser den Verkaufszins geben. Verkauft der Feilbieter die Ware
nicht, ist das ein Beweis, daß er sie zu hoch geschätzt hat und Wucher treiben
wollte, wofür er dann auch der bestimmten Züchtigung nicht entgeht.
[BM.01_099,04] Ebenso muß auch jedermann beim
Reden sich sehr zusammennehmen und ja nichts sagen zur Hälfte und die andere
Hälfte schuldig bleiben, entweder aus Furcht oder Unkenntnis. Denn für beides
wird er gezüchtigt, da es eines Menschen unwürdig ist, entweder sich zu
fürchten, wo keine Furcht vonnöten ist, oder gar aus sich mehr machen zu
wollen, als man ist.
[BM.01_099,05] Siehe, ich bin eine strenge
Chinesin und erlasse dir nichts, was du mir durch deiner Rede Gang gewisserart
verheißen hast! Denn wer bei uns durch seiner Rede Gang jemandem zu einer Frage
Anlaß gibt, der muß die Frage auch beantworten. Sonst ist er mit seiner ganzen
Rede entweder ein Prahler – soviel wie ein Lügner –, oder er ist ein unfähiger
Feigling und kennt das selbst nicht durchaus, von dem er geredet hat. Willst du
von mir nicht für eins oder das andere gehalten sein, da gib mir eine volle
Antwort auf meine Frage, und das ohne allen Vorenthalt!“
[BM.01_099,06] Bischof Martin ist nun sehr
verlegen und weiß nicht, was er tun soll. Denn gibt er ihr die rechte Antwort,
da muß er Mich verraten vor der rechten Weile. Antwortet er aber nicht, erklärt
sie ihn vor allen Gästen für einen Lügner oder einen Dummkopf und Feigling, was
ihm auch nicht angenehm wäre, da er sich so ganz heimlich als Hausherr etwas
zugute dünkt. Er geht daher zu Mir und fragt Mich, was er nun in dieser Lage
tun solle.
100. Kapitel – Des Herrn Rüge und Verhaltungswinke
an Bischof Martin.
[BM.01_100,01] Rede Ich: „Habe Ich dir nicht
Borem zum Muster gestellt? Warum mußt du denn in einem fort plaudern und reden
für nichts und wieder nichts! Jetzt, da du dich in eine Klemme hineingeredet
hast, möchtest du dich wieder mit Ehren aus derselben ziehen. Aber siehe, es
wird sich die Sache nicht so leicht machen als du glaubst!
[BM.01_100,02] Die Chinesin ist nun durch
Mein notwendiges Wunderwerk und durch deine Reden überaus erregt. Ihr Herz
wittert Meine Nähe und ihr Geist wird wacher und wacher. Du hast ihr noch dazu
durch das Definieren, wie du Lamas Winke selbst von der leisesten Art sogleich
verstehst, Kopf wie Herz in einen noch heftigeren Brand versetzt. Was wunder,
daß sie dich nun auf Mord und Brand angeht? Aber selbst schaffen, selbst
dulden!
[BM.01_100,03] Ich habe dir schon einmal
bemerkt, daß uns diese Chinesen noch manches werden zu schaffen machen, aber da
sahst du die Sache nicht ein. Da du nun aber durch deine Wichtigtuerei die
kritische Sache vor der Zeit herbeigeführt hast, so fechte nun als ein Mann.
Und siehe zu, die Sache mit der Chanchah wieder ins Gleichgewicht zu bringen,
während Ich diese übrigen hundert Chinesen bearbeite; sind diese in der
Ordnung, dann werde Ich schon auch mit Chanchah wieder rechte Ordnung machen! –
Gehe nun und tue also!“
[BM.01_100,04] Martin kratzt sich nun hinter
den Ohren und sagt nach einer Weile: „O Du mein H– –, oha, hätte mich bald
wieder verschnappt! O Du mein Bruder, wenn es Dir nichts macht und ich tun darf
nach meinem Gutdünken – freilich unter Deinem geheimen Einflusse –, da werde
ich mit dieser Chinesin wohl bald und leicht fertig werden!“
[BM.01_100,05] Sage Ich: „Tue, was und wie du
willst; aber diese Chinesin mußt du Mir auf jeden Fall wieder in die Ordnung bringen!“
[BM.01_100,06] Spricht Bischof Martin: „Ja,
wenn so, Du mein H– – Bruder, wollt ich sagen –, da werde ich die Sache mit der
Chanchah schon ausfechten. Ich bin nur froh, daß ich nun ein bißchen mehr Mut
bekommen habe, ohne den es mir wohl recht schlecht hätte ergehen können!“
[BM.01_100,07] Spricht Borem: „Bruder, sieh
nur zu, daß dir am Ende der Mut nicht zu kurz wird! Ich schmecke schon im
voraus den Braten und wünsche nur, daß du nicht den kürzeren ziehst! Mit den
Chinesen, in denen ein stoischer Geist herrscht, ist der Umgang sehr kitzlig;
denn wo du eins sagst, da haben sie hundert dawider! Verstehst du das?
[BM.01_100,08] Diese Chanchah ist zwar ein
selten reines Wesen voll echt morgenländisch feuersprühender, Ambra-Äther
duftender Anmut. Aber eine Chinesin ist sie im vollsten Sinne des Wortes
dennoch bei alledem. Sei daher außerordentlich vorsichtig mit jedem Worte,
sonst wird sie dir zur unerträglichen Laus in deinem Rocke, und du wirst zu tun
haben, sie auf eine gute Art loszuwerden!“
[BM.01_100,09] Spricht Bischof Martin: „Ja,
was soll ich aber tun? Etwas muß doch geschehen? Aber was, das ist freilich
eine ganz andere Sache! Ich will es doch versuchen und sehen, ob ich sie nicht
nach der Anforderung (leise) des Herrn in die Ordnung bringen kann!“
101. Kapitel – Chanchahs erneute Frage nach
dem großen Lama. Martins Verlegenheit und leere Ausflüchte. Chanchahs Antwort:
„O du armer Esel!“.
[BM.01_101,01] Bei diesen Worten klopft ihn
schon Chanchah auf die Achsel und spricht: „Nun, du Diener Lamas? Wie lange
läßt du die arme Chanchah harren auf eine rechte und bestimmte Antwort, nach
der sich ihr Herz mächtiger sehnt als ihre Seele nach tausend Leben!
[BM.01_101,02] O Freund, so ich hätte tausend
Herzen und wäre das schönste Wesen, das je unter den Strahlen der Sonne
wandelte: dein sollen alle Herzen sein, und mein schönstes Augenpaar soll
nimmer von dir abgewandt werden, so du mir die Wahrheit sagst auf das, was du
mir zur Antwort zu geben schuldest. Ich aber habe nur ein Herz; dies eine Herz
aber soll dich lieben wie tausend Herzen, so du mir ein wahrer Freund bist und
mir zeigst den großen Lama entweder in Worten oder womöglich in der Tat. Aber
wehe dir, so du wagst zu berücken mein Herz, das dich so unermeßlich lieben
will!
[BM.01_101,03] Es ist wahr, ich liebe deinen
herrlichsten Bruder mit einer dir unbegreiflichen Glut. Aber alle diese Glut
soll dir zugewandt sein, so du mir ein wahrer Freund sein willst und sein
kannst! Auf mein Wort kannst du bauen fester denn auf diamantene Felsen!“
[BM.01_101,04] Martin ist ob solcher Rede
ganz verdutzt. Er sieht die ganz unbegreiflich schöne Chinesin wie versteinert
an und denkt und simuliert, was er nun tun oder reden soll. Nach einer ziemlich
langen Weile sagt er zu ihr:
[BM.01_101,05] (Bischof Martin:) „O du
holdeste und außerordentlich schöne Chanchah! Wärest du nicht so unbegreiflich
schön, ich hätte schon so manches gesagt. Aber wenn ich dich ansehe, da bin ich
rein weg vor Verwunderung und Liebe zu dir und kann nicht reden. Ich muß dir
daher offen gestehen, daß ich so lange zu dir nicht viel Gescheites werde reden
können, bis sich meine Augen an deinen Anblick werden mehr gewöhnt haben.
[BM.01_101,06] Du hast freilich leicht reden
und auch drohen, denn mein Anblick wird dich sicher nicht verwirren. Mir aber
geht es absonderlich schlecht mit meiner Zunge, so sie von deiner zu großen
Schönheit rein vernichtet wird und dann gänzlich erlahmt, wenn ich mit dir
reden soll. Daher mußt du schon ein bißchen Geduld mit mir haben. Nach und nach
wird sich schon alles machen, so ich mich an deine Schönheit werde mehr gewöhnt
haben.“
[BM.01_101,07] Spricht die Chanchah: „Wenn
das der Grund ist, da sage mir: wie war es dir denn nur möglich, mit mir so gut
geordnet zu reden und mir einen rein aus der Luft gegriffenen Grund
aufzutischen, aus dem du mit mir über das Gefragte nicht reden kannst?
[BM.01_101,08] Siehe, dem die Liebe die Zunge
bindet, der redet wie ein Betrunkener und stottert und seine Rede hat keinen
Sinn. Denn eine verlegene Zunge hat keine Wurzeln, die aus der Quelle der
Weisheit ihre Bewegung saugen. Deiner Zunge Wurzeln aber sind voll der
regsamsten Feuchte. Daher rechtfertige dich vor meinem Herzen wie ein Mann,
aber nicht wie ein losester Schalk! Was ich dir sage, ist so wahr wie mein
innerstes Leben. Wie kannst du da nur aus deiner Haut und nimmer aus deinem
Herzen zu mir reden?“
[BM.01_101,09] Bischof Martin wird nun noch
verlegener und weiß keine Silbe irgend ausfindig zu machen, um seiner schönen
Gegnerin zu begegnen. Er fängt daher wirklich allerlei Wort- und Silbenwerk zu
stottern an, dahinter kein Sinn zu entdecken ist. Je länger er so stottert,
desto größere Augen macht die Chanchah und schmunzelt mitunter auch ganz
mitleidig. Nach einer Weile, als ihr des Martin Stotterei schon zu toll wird,
spricht sie:
[BM.01_101,10] (Chanchah:) „Freund, ich
bedauere dich; denn du bist entweder ein schlauer Fuchs oder ein dummer Esel –
eines schlechter als das andere! Ich halte dich aber dennoch mehr fürs letzte
denn fürs erste. Und das entschuldigt auch deine frevelhafte Angabe, als seist
du auch ein Diener des großen Lama. Wahrlich, so sich Lama solcher Diener
bedienen würde, da wäre Er samt solchen Dienern sehr zu bedauern!
[BM.01_101,11] Siehe, ich habe von dir ehedem
wohl so einige ziemlich weise Worte vernommen und dachte wirklich, du wärest im
Ernste etwas Höheres. Das zu glauben zwang mich auch deine prahlende
Hauptbedeckung, wie auch, daß du jenen wahrhaft Weisen deinen Bruder nanntest.
Nun aber bin ich über dich ganz im klaren! Du bist ein sogenannter guter Esel,
der hier im Himmelreiche bloß vegetiert, weil er auf der Erde wohl sicher zu
dumm war, je eine Sünde zu begehen. Und so bist du wohl so eine gutmütige
Eselsseele, die niemandem etwas zuleide tut und als ein Geschöpf Lamas auch
alle Achtung verdient. Aber man kann von dir nicht mehr verlangen, als was der
große Lama in deine Natur gelegt hat. Du wirst mir aber auch vergeben, daß ich
von dir mehr haben wollte, als von dir zu haben ist! Ich erlasse dir sonach
jede ehedem von dir verlangte Beantwortung!
[BM.01_101,12] O du armer Esel du, wie leid
tut es mir nun, dich so geängstigt zu haben! Du hast hier freilich wohl die
Menschengestalt, die im Geisterreiche etwa alle Tiere bekommen, weil sie nur
verwunschene Menschen freilich dümmster Art sind. Aber darum bist du dennoch,
was du sicher auf der Erde warst. Sei daher nur wieder gut, mein armer, dummer
Esel! Wie leid tut es mir nun, daß ich dir ehedem menschliche und wohl gar
himmlische Weisheit zugemutet habe! Gelt ja, du mein lieber Esel, du nimmst es
mir nicht für übel?“
[BM.01_101,13] Bischof Martin sieht nun ganz
springgiftig aus und möchte der Chinesin gerne so recht derb ums Maul fahren,
wie man zu sagen pflegt. Aber weil er sich dadurch der lästigen Beantwortung
enthoben sieht, schluckt er alle diese Komplimente hinab und entfernt sich ganz
bescheiden von seiner Chanchah, die ihn aber dennoch nicht aus den Augen läßt.
102. Kapitel – Borems gute Winke über den
inneren Verkehr mit dem Herrn und über die Behandlung von stoischen Naturen.
[BM.01_102,01] Borem tritt zu ihm und
spricht: „Bruder Martin, wie geht es dir nun mit deinem Mute? Ist er dir schon
zu kurz geworden, oder wird er dir erst zu kurz werden?“
[BM.01_102,02] Spricht Bischof Martin: „Ach,
geh, das ist ja rein zum Durchgehen! Bei diesen Chinesen scheint wohl noch so
manches der altasiatischen Poesie geblieben zu sein, das ist aber auch alles,
was sie von einer geistigen Bildung innehaben. In allem übrigen aber sind sie
höchst sicher das dümmste Volk der ganzen Erde. Kaffern, Hottentotten,
Madagaskaresen, Australier und Neuseeländer müssen gegen diese Glattköpfe ja
wahre Platos und Sokratesse sein!
[BM.01_102,03] Stelle dir vor – was meinst
du, lieber Bruder, wofür mich nun diese Holde Pekings hält? Ach, es ist
wirklich lächerlich toll! Höre, für nichts mehr und weniger als platterdings
für einen wirklichen Esel! Nicht etwa nur für einen allegorischen, sondern ganz
im vollsten Ernste für einen wirklichen Esel! Erlaube mir, Bruder, das ist denn
doch etwas zu stark!“
[BM.01_102,04] Spricht Borem: „Allerdings ist
das etwas Starkes, einen Hausherrn – und sogar einen himmlischen Hausherrn für
einen wirklichen Esel zu halten! Aber da mache du dir nur gar nichts daraus.
Denn nur auf diese Art konntest du ihre Anforderung an dich vollends loswerden.
Und das hast du nur dem Herrn zu verdanken, der allein diese Sache so gewendet
hat zu deinem und der armen Chanchah Bestem. Sei du daher nur ruhig und stecke
alles geduldig ein, was dir zuteil ward; nach der rechten Weile wird sich schon
alles wieder ausgleichen.
[BM.01_102,05] Weißt du, liebster Bruder
Martin, bilde dir in Zukunft auf deine Hausherrlichkeit nichts ein, so wirst du
ums Hundertfache leichter fortkommen und alles leicht ertragen. Auch mit dieser
Chanchah wirst du leichter überorts kommen.“
[BM.01_102,06] Spricht Bischof Martin: „Ja,
du hast recht! Ich sehe nun ein, daß ich da nimmer Hausherr sein sollte, wo der
Herr eingezogen ist. Aber es kitzelt einen manchmal noch gewaltig danach, so
ein bißchen was zu sein! Ich sehe es nun ganz ein, es ist das Allerbeste, gar
nichts zu sein!
[BM.01_102,07] Wegen der dummen Beschimpfung
von Seite dieser Chinesin aber bin ich nun schon wieder in vollster Ordnung,
d.h. ich habe ihrer Dummheit alles verziehen. Aber daß ich weisermaßen mich mit
ihr für die Zukunft eben nicht zu viel abgeben werde, dessen kannst du völlig
versichert sein. Denn da ich schon einmal als ein Esel deklariert wurde, werde
ich als solcher auch nicht zum zweiten Male aufs Eis gehen!“
[BM.01_102,08] Spricht Borem: „Bruder, du
hast schon recht, aber rede nur nicht zu laut. Denn die Chanchah gibt nun auf
jede deiner Bewegungen und Mienen mit den schärfsten Augen acht. Weißt, es ist
in ihr durchaus nichts Böses, aber dafür ein desto größerer Drang, über das
Heer von Mysterien ihres Landes hier im Geisterreiche ins klare zu kommen.
Darum bietet sie denn auch alles auf, um hier wenigstens über den wichtigsten
Punkt ihres Glaubens ins klare zu kommen.
[BM.01_102,09] Wie diese Chinesin, so pflegen
sich alle jene Menschen hier zu benehmen, in deren Lande auf der Erde oft die
krassesten und zahllosen Geheimnisse bezüglich des Hierseits zu Hause sind. Das
ist an und für sich eine sicher sehr löbliche Eigenschaft dieser Menschen. Aber
man muß mit ihnen dennoch äußerst behutsam zu Werke gehen. Sie gleichen sehr
ausgehungerten Menschen auf der Erde, denen man auch nicht gleich anfangs
gestatten darf, sich aus einer Schüssel nach dem großen Appetit vollsatt zu
essen, sondern erst nach und nach, weil sie sonst an ihrer Gesundheit großen
Schaden erleiden würden.
[BM.01_102,10] Es ist allerdings wahr und
löblich, daß diese auf der Erde in großer Finsternis gehaltenen Menschen einen
nun hier unmäßigen Hunger und Durst nach endlicher Enthüllung ihrer zahllosen
Geheimnisse haben. Aber alle diese Geheimnisse, durch die eben dieser Menschen
Phantasie und Dichtergabe im höchsten Grade genährt ward, sind bei ihnen mit
solchen Bildern und Ideen ausgestattet, daß sie zur inneren Schöpfung geworden
sind und nahezu völlig ihr gesamtes Wesen ausmachen.
[BM.01_102,11] Würde man ihnen hier gleich
mit dem reinsten Lichte kommen, würde sie dieses völlig vernichten, da es ihr
eigenes Wesen so gut wie völlig auflösen möchte. Daher muß man mit ihnen
beinahe so verfahren wie mit einem alten, schadhaften Hause, wo man auch nur
teilweise mit Ausbesserungen zu Werke gehen muß, will man das Haus nicht mit
einem zu allgemein kräftigen Angriffe vollends zerstören. So aber ein Haus zerstört
ist, ließe sich freilich ein neues in gleicher Form erbauen mit ganz neuen
Bestandteilen. Aber mit einem Menschen geht es nicht: da müssen alle seine
Bestandteile verbleiben, ansonsten er vollends aufhört, ein und derselbe Mensch
zu sein.
[BM.01_102,12] Ich hoffe, du hast mich nun
verstanden, und so sei nun nur auf deiner Hut. Rede und tue besonders mit
diesen Chinesen nichts, als was der Herr mir und dir anzeigen wird, so wird
alles in der besten Ordnung gehen. Auch mußt du den Herrn wie auch mich vor
diesen Menschen nichts laut fragen, sondern bloß nur im Herzen. Es wird dir
dann schon ins Herz die Antwort gelegt werden gleichwie mir. Auch ich frage
fortwährend den Herrn, was hier und da zu tun ist. Und der Herr zeigt mir dann
auch augenblicklich an, was ich zu tun und nötigenfalls auch laut zu reden
habe!
[BM.01_102,13] Gib nun nur acht, die Chinesin
naht sich dir. Denke nicht, was du reden möchtest, sondern frage nur im Herzen
sogleich den Herrn, und Er wird es dir sogleich ins Herz legen, was du zu reden
hast! Nun weißt du alles; handle darnach, so wird alles gut gehen. Aber
beleidigen darf es dich in keinem Falle, so du von der Chanchah noch einige
Male als ein wirklicher Esel begrüßt werden wirst!“
103. Kapitel – Die gesegnete Frucht der
Demütigung Martins.
[BM.01_103,01] Spricht Bischof Martin nun in
seinem Herzen: „Ich danke dir mit aller Liebe meines Herzens, daß du mich in so
wichtigsten Dingen klar wie bisher noch nie unterwiesen hast! Jetzt fange ich
erst so ein bißchen mich auszukennen an, was das heißt: ein innerer Mensch sein
und als solcher reden und handeln! Nun wird mir auch klar, was bei meinem
ersten Hiersein unter der Leitung des Herrn ein Mondbewohner zu mir gesagt hat,
dem ich lächerlichsterweise meine Blitzdummheit als himmlische Weisheit
anbinden wollte.
[BM.01_103,02] Ja, Bruder, nun geht mir ein
ganz neues Licht auf! Ich erschaue nun Wirklichkeit, wo ich früher noch
Wunderhaftes, nur dieser Welt Eigentümliches gesehen zu haben wähnte. Ich danke
dir, du lieber Bruder, und ganz besonders ewig Dir, Du mein Gott, Herr und
Vater; ja, jetzt wird es freilich gut gehen! In dieser Verfassung nun dürfen
tausend Chinesinnen zu mir kommen, und ich werde sie alle auf die allerbeste
Art bedienen!“
[BM.01_103,03] Spricht heimlich wieder Borem:
„Ja, so ist es; aber du mußt dich sehr zusammennehmen! Denn es gehört anfangs
eine recht starke Überwindung dazu, daß man mit dem Munde schweigt, wo einem
die Zunge aus lauter angewohnter Plauschwut förmlich aus dem Munde springen
möchte.
[BM.01_103,04] Manchmal legt einem der Herr
aus sicher höchst weisen Gründen die Antwort auch nicht augenblicklich ins
Herz, wie man sie oft haben möchte. Aber da heißt es dann, in aller Liebe und
Ergebung ganz ruhig und gelassen abwarten, bis es dem Herrn gefällt, die
erwünschte Antwort uns ins Herz zu legen!
[BM.01_103,05] Also diese Verhaltungsregel
noch hinzubeachtet, liebster Bruder, dann wird alles überaus gut gehen! Nun
aber rüste dich; siehe, sie ist schon völlig bei dir, die dich nun überaus
scharf beobachtet hat!“
[BM.01_103,06] Spricht Bischof Martin im
Herzen: „Jetzt kommt sie sicher mit einer ganzen Legion Esel in aller
Wirklichkeit. Ich aber werde sie alle ertragen, gleich wie der freie Weltenraum
das endlose Heer von Sternen, Erden und Sonnen erträgt, ohne dabei müde zu
werden. In Deinem Namen, Herr, mag nun kommen, was da wolle! Auf meinem
geduldigsten Rücken soll nun so manches Kreuz und Kreuzlein ganz bequem Platz
finden, ich werde es schon ertragen in aller Liebe und Geduld. Also nur zu
jetzt im Namen des Herrn!“
104. Kapitel – Aussöhnung zwischen der
Chinesin und Martin. Vom Beleidigen und Vergeben im chinesischen Geiste.
[BM.01_104,01] Chanchah tritt nun vor Bischof
Martin hin, lächelt ihn liebfreundlich an und spricht mit einer gar überaus
freundlichen und dabei wahrhaft jungfräulich zart bebenden Stimme: „Liebster
Freund, du hast dich ehedem ganz stillschweigend von mir entfernt, als ich dir
meine sicher sehr zu entschuldigende Mutmaßung über deine Wesenheit vorhielt,
da du mir keine Antwort gabst auf meine Frage. Ich schließe daraus, daß dich
meine Mutmaßung sicher mächtig beleidigt hat? Ist das der Fall, so vergib mir,
nachdem du mich zuvor nach deinem Wohlgefallen zur Genüge wirst gezüchtigt
haben. Sei mir dann nur wieder gut, denn ich gebe dir die heiligste
Versicherung, daß ich dich darauf um gar nichts fragen und dich noch weniger je
mit einem Blick oder Wort beleidigen werde.
[BM.01_104,02] Meines Landes Glaube und
Sitten, für die ich nicht kann, sind von der Art, daß man die in ihrem
Verstande etwas einfachen Menschen für Tiere hält. Ich habe hier eine solche
Entdeckung an deinem Verstande zu machen geglaubt und hielt dich demnach auch
für ein Tier. Ich aber habe mich nun dagegen überzeugt, daß du das bei weitem
nicht bist, für was ich dich törichtermaßen hielt.
[BM.01_104,03] Ich bereute sogleich meinen
Irrtum und wollte dir zu Füßen fallen. Aber da ich sah, wie du mit deinem
Bruder sicher etwas Wichtiges zu reden hattest und ich dich nicht stören wollte,
so wartete ich, bis du dich selbst von diesem Bruder würdest entfernen. Da nun
aber der von mir sehnlichst erwünschte Moment eingetroffen ist, so tue ich nun,
was ich lange schon hätte tun sollen: ich falle dir zu deinen himmlischen Füßen
und bitte dich um eine gerechte Züchtigung und darauf um Vergebung aller meiner
Schuld an dir, du herrlicher Großbürger aller Himmel!“ Mit diesen Worten fällt
sie dem Martin zu den Füßen.
[BM.01_104,04] Martin aber, ganz gerührt von
der anmutigsten Bittstellerin, spricht: „O du rein himmlische Chanchah, ich
bitte dich, stehe nur gleich auf! Was fällt dir denn ein! Ich – dich – du
Himmlische – züchtigen? Ich, der ich dich vor lauter Liebe gerade aufessen oder
ganz in mein Leben hinein verdrücken möchte! Glaubst denn du, ich sei etwa auch
so ein unbarmherziger Chinese? Oh, davor behüte mich ewig der große, heilige,
wahrhaftigste Lama! Stehe nur schnell auf, denn so kann ich dich keine Minute
lang sehen, du meine himmlische Chanchah!“
[BM.01_104,05] Chanchah steht nun schnell
wieder auf und spricht: „O du lieber Freund, in deinem Lande müssen doch viel
bessere Menschen sein als in dem großen Reiche, in dem ich zur Erde geboren
ward. Denn siehe, bei uns geht es mit dem Vergeben einer angetanen Beleidigung
eben nicht so leicht, wie du es mir so übergut gezeigt hast.
[BM.01_104,06] So man bei uns jemanden
beleidigt hat, heißt es dann, sich vor ihm aufs Angesicht niederwerfen und den
Beleidigten dadurch um die Vergebung der Beleidigung anflehen, daß man ihn
zuerst um eine gerechte Züchtigung, ja bei schweren Beleidigungen sogar um den
Tod bittet und darauf erst um die Nachlassung der Schuld. Denn sie sagen und
glauben dort alle: Eine Beleidigung kann man nur durch eine körperliche
Gegenbeleidigung vollkommen wieder gutmachen. Ist dadurch die Beleidigung
ausgeglichen, dann erst kann der Beleidiger seinen beleidigten Züchtiger
bitten, ihm auch im Herzen zu vergeben.
[BM.01_104,07] Siehe, also sieht es bei uns
aus! Daher darf es dir auch nicht zu wunderlich vorkommen, so du an mir vielleicht
noch so manches entdecken wirst, was mit deines Landes Sitten nicht im Einklang
stehen wird. Denn bei uns sind die Gesetze sehr alt und unendlich streng. Wehe
dem, der es da wagen würde, diese uralten Gesetze auch nur im geringsten
mildernder auszulegen, indem das noch ganz unverändert dieselben Gesetze wären,
die der Lama Selbst dem ersten Menschenpaare aus den Himmeln erteilt habe.
[BM.01_104,08] Aber weißt du, liebster
Freund, bei euch hier sind die Gesetze sanft und liebevoll. Da brauche ich mich,
nachdem ich wahrscheinlich ewig nichts mehr werde mit den Gesetzen meines
Landes zu tun haben, auch sicher nimmer darnach zu halten haben. Ich werde mich
daher nach euren Gesetzen richten und werde da sicher nie fehlen! Was meinst du
in dieser Hinsicht?“
105. Kapitel – Das himmlische Gesetz der
Liebe und seine beseligende Wirkung.
[BM.01_105,01] Spricht Bischof Martin: „O
meine geliebte Chanchah, ich meine, da wirst du ganz recht haben. Nur muß ich
dir hier offen bekennen, daß wir Bürger der Himmel eigentlich gar keine Gesetze
haben, sondern völlig gesetzlos ein allerfreiestes Leben in Gott, unserm Herrn,
dahinleben. In Gott, dem Herrn, dahinleben aber heißt – in aller Liebe leben
ewig. Die Liebe macht alles frei und kennt außer sich selbst kein Gesetz. Daher
haben wir hier auch kein Gesetz als allein das der Liebe, welches Gesetz aber
kein Gesetz ist, sondern nur die ewige vollkommenste Freiheit aller Wesen.
Verstehst du das?“
[BM.01_105,02] Spricht die Chanchah: „Ja, ich
verstehe es und bin nun überfroh, daß ich solche gute Lehre verstehe. Wenn die
Liebe – auch wo sie ganz geheim gehalten werden muß – ein liebendes Herz schon
so über alle Maßen glücklich macht: wie glücklich müssen da erst jene sein, die
unter dem alleinigen Szepter der Liebe stehen und kein anderes kennen. Ja, ja,
die Liebe, die Liebe – wo die Gesetz ist, da freilich müssen alle Menschen
unter solch einem Gesetze in aller Seligkeiten höchster sich befinden!
[BM.01_105,03] Was nützt einem Menschen aller
Glanz der Sonne, so ihm ihre Wärme fehlt? Wozu alles Gold und Edelsteine, wenn
in ihren Besitzern kalte, steinerne Herzen eisknisternd pulsen? O Freund, du
hast mir nun etwas Heiliges gesagt. Ich beginne schon zu merken, was dein mir
über alles teurer Freund damit hat andeuten wollen, als er zu mir sagte: ,Deine
Liebe zu mir wird dir alles verraten!‘ Ja, ja, diese Liebe hat mir nun schon
viel verraten und mein Herz sagt es mir, sie wird mir noch viel mehr verraten!
[BM.01_105,04] Ich liebe euch aber auch mit
aller Glut der Mittagssonne, und ganz besonders jenen, der mir noch seinen
Namen schuldig ist. Du mußt mir schon vergeben, daß ich jenen, deinen Freund
und Bruder, viel lieber habe als dich. Ich weiß zwar nicht warum, da er im
Grunde nicht schöner ist denn du und dein Bruder Borem und hat nicht einmal ein
schöneres Kleid. Aber es liegt in seinem großen blauen Auge so etwas
unbeschreiblich Anziehendes, und sein Mund hat so einen sonderbar götterartigen
Zug und Ausdruck, daß man gerade in die größte Versuchung geführt wird, seine
so endlos liebevolle Gestalt für das getreue Ebenbild Lamas zu halten!
[BM.01_105,05] Ja, ich sage dir, wenn ich so
mein Herz frage in aller seiner Liebesglut zu diesem einen, so sagt es mir: ,O
Chanchah, für mich ist das der große, heilige Lama! Wer sonst wohl könnte so
himmlisch reden, wer sonst mit einem Worte einen Feigenbaum samt vollreifen
Früchten erschaffen und ihn dann der Ihn über alles, alles, alles liebenden
Chanchah zum lebendigsten Zeichen Seiner Liebe schenken? Wer sonst wohl auch
könnte gar so liebe, herrliche Augen und einen gar so überhimmlisch schönen
Mund haben – als allein mein geliebtester Herzens-Lama!‘
[BM.01_105,06] Weißt du, liebster Freund, so
redet freilich nur mein Herz und nicht auch mein Verstand. Obschon mein
Verstand wohl auch sehr gerne der schönsten Stimme des Herzens folgen möchte,
so er sich nicht fürchten dürfte, eine Sünde zu begehen. Denn der Verstand ist
da, wo das Herz den größten Anteil nimmt, eben kein zu strenger Richter und
vergöttert gerne dasselbe, was des Herzens ist.
[BM.01_105,07] Ebenso ist es auch bei mir
nun: mein Herz vergöttert jenen Herrlichsten, und der Verstand für sich täte
nur zu gerne dasselbe, wenn er der einzige Verstand wäre und nicht noch eine
Menge anderer Verstande um sich hätte.
[BM.01_105,08] Aber ich werde mir bald aus
den andern Verstanden nichts mehr machen, sondern allein dem Verstande des
Herzens folgen. Vielleicht werde ich da eher zum rechten Ziele gelangen denn
so! Wenn es hier ohnehin kein anderes Gesetz als das der Liebe nur gibt, werde
ich mit dem trocknen Verstande bald im reinen sein. Was sagst du, liebster
Freund, zu dem allem?“
[BM.01_105,09] Spricht Bischof Martin:
„Allerliebste Chanchah, da läßt sich vorderhand sehr wenig darauf sagen. Folge
du nur deinem Herzen, da wirst du keinen zu krummen Weg einschlagen. Mit der
Weile wird dann schon auch deinem Verstande ein rechtes Licht werden. Mehr kann
ich dir nun wahrlich auf all deine schönsten Worte nicht sagen.“
106. Kapitel – Martin in der Klemme durch die
weiteren Fragen Chanchahs.
[BM.01_106,01] Spricht Chanchah: „O liebster
Freund, weißt du, ich habe dich wohl überaus lieb, kann dich aber um nicht viel
weiteres fragen, da ich mir vorgenommen habe, dich fürderhin nicht so leicht
wieder mit irgendeiner vielleicht zu wenig klug berechneten Frage zu
belästigen. Aber dessenungeachtet mußt du mir hier folgende Bemerkung doch
einmal wieder zugute halten:
[BM.01_106,02] Siehe, ich merke aus deiner
Rede wie aus deiner Miene nur zu gut, daß du allzeit ganz absonderlich verlegen
wirst, so oft ich mit dir in was immer für einer Beziehung von deinem
himmlischen Freunde und Bruder mich zu besprechen anfange. Woher wohl mag
solche Verlegenheit rühren?
[BM.01_106,03] Bist du etwa darum
eifersüchtig, weil mein Herz jenen weit über dich hinaus bevorzugt? Oder bist
du sein wahrer Freund und Bruder nicht so sehr, als du es vorgibst? Ärgert es
dich etwa heimlich in deinem Herzen, so jener bis jetzt für mich noch namenlose
Herrliche dich in jeglicher Art geistiger Vollendung unberechenbar weit
übertrifft? Oder ist dir etwa seine männlich göttliche Schönheit im Wege? Magst
du etwa seine Augen und seinen Mund nicht, die freilich den deinigen samt
deinen Augen ebenso übertreffen, wie seine ganze erhabenste Wesenheit die
deinige, obschon du bei weitem glänzender aussiehst als er?
[BM.01_106,04] Siehe, lieber Freund, diese
Fragen sind für mich von besonders wichtiger Art. Ich sehne mich nach ihrer
Beantwortung ebenso mächtig wie ein Wanderer in einer heißen Sandwüste nach
einem Labetrunke frischen Wassers, so ihn ein brennender Durst quält. Daher, so
du Liebe in deinem Herzen zu mir empfindest, zaudere ja nicht, mir diese
wichtigen Fragepunkte treuherzig zu beantworten. Wirst du das nicht tun, so
wird sich die Chanchah von dir wenden und dich nimmer nach etwas fragen!“
[BM.01_106,05] Bischof Martin macht über
diese Fragepunkte schon wieder ein verdutztes Gesicht. Äußerlich macht er zwar
eine Miene, als ob er nachdächte, wie er der holden Chanchah auf die höflichste
Art ihre Fragen beantworten möchte. Innerlich aber wartet er ängstlich, ob Ich
ihm nicht bald irgendeine, natürlich über alles vortreffliche Antwort ins Herz
legen würde. Ich aber lasse den guten Martin auch diesmal aus wohlweisen
Gründen ein wenig zappeln, wie ihr zu sagen pfleget.
[BM.01_106,06] Da auf diese Art Martin die
holde Chanchah schon eine ziemliche Weile mit lauter vielversprechenden
Gesichtern auf die erwünschte Beantwortung warten läßt, wird diese schon etwas
unwillig. Sie fängt ihn zuerst mit ihren großen Augen vom Kopfe bis zum Fuße
bedeutend zu messen an, was den Martin noch mehr geniert und ihn um eine rechte
Antwort noch verlegener macht.
[BM.01_106,07] Die holde Chanchah läßt den
guten Martin noch eine kleine Weile nachdenken, weil sie aus seinen weise
scheinenden Mienen noch immer irgendeine Antwort erwartet. Aber da von der
erwarteten Antwort trotz aller gewisserart vorbereitenden, weise scheinenden
Gesichterschneidereien nichts zum Vorscheine kommt, bricht ihr endlich die
Geduld. Sie spricht:
[BM.01_106,08] (Chanchah:) „Lieber Freund und
Bruder, ich sehe, daß du mir entweder keine Antwort geben kannst, geben willst
oder höchstwahrscheinlich gar nicht geben darfst! Kannst du mir keine Antwort
geben, so bist du zu entschuldigen. Denn es wäre höchst unbillig, von jemandem
mehr zu verlangen, als er geben kann. Du wirst mich wohl verstehen, was ich
damit sagen will, vorausgesetzt, daß dir so viel Verständnis innewohnt!
[BM.01_106,09] Darfst du mir keine Antwort
geben, bist du auch zu entschuldigen. Denn da ist auch klar, daß sich hier
jemand befindet, der dir aus einer ihm innewohnenden Machtvollkommenheit genau
vorschreibt, was du reden und nicht reden darfst. In diesem Falle wäre es dann
auch von mir eine Tollheit, von dir über das Gesetz etwas zu verlangen; ich als
eine Chinesin weiß wie nicht leichtlich jemand anderer, Gesetze zu
respektieren.
[BM.01_106,10] Willst du mir aber keine
Antwort geben, obschon du vielleicht solches tun dürftest und könntest, so bist
du ein eifersüchtiger und sogar böswilliger Mensch. Und dein glänzend Gewand
ist gleich dem Fell einer sanften Gazelle, innerhalb dessen sich aber dennoch
eine reißende Hyäne birgt. In diesem Falle bist du durchaus nicht zu
entschuldigen und verdienst nichts anderes als die vollste Verachtung meines
Herzens.
[BM.01_106,11] Da du mir auf meine früheren
wichtigen Fragen durchaus keine Antwort gegeben hast, beantworte mir doch
wenigstens einen oder den andern dieser drei Fragepunkte, damit ich mich als
ein Neuling in dieser Welt und zunächst in deinem Hause zu benehmen weiß! Aber
ich bitte dich aus dem tiefsten Grunde meines Herzens: rede hier die Wahrheit
und bleibe hier in keinem Falle die Antwort schuldig!“
[BM.01_106,12] Martin wird hier noch zehnmal
verlegener als bei den früheren Fragen. Denn sagt er: ,Ich kann es nicht!‘ – so
lügt er. Sagt er aber: ,Ich will es nicht!‘ – so lügt er auch und zieht sich
noch obendarauf die Verachtung seiner vielgeliebten Chanchah zu. Sagt er aber:
,Ich darf es nicht!‘ – so setzt er sich augenscheinlich der weiteren Frage aus,
wer ihm solches verboten habe und warum. Beide Fragen muß er dann notwendig
beantworten, so er nicht beschämt vor der Chanchah notgedrungen Reißaus nehmen
will.
[BM.01_106,13] Als unser Martin durch diese
drei letzten Fragen der Chanchah in größte Verlegenheit gerät, komme Ich soeben
von der Gesellschaft zur Chanchah zurück und übernehme Selbst die Beantwortung
der obigen drei Fragen, und dadurch die Entschuldigung des über alles verlegen
gewordenen treuherzigen Martin.
107. Kapitel – Des Herrn Belehrung an die
fragelustige neue Himmelsbürgerin. Das Gleichnis vom zugebundenen Sack. Martins
Beruhigung.
[BM.01_107,01] Als Ich zur Chanchah von ihren
Landsleuten zurückkehre, will sie sogleich zu Mir. Sie beklagt sich über das
Benehmen des Bischof Martin, und wie sie sich nun nimmer auskenne, wie sie mit
ihm daran wäre.
[BM.01_107,02] Da sage Ich zu Ihr: „Höre,
Meine liebe Chanchah, du setzt aber auch Meinem Bruder auf Brand und Leben zu!
Bedenkst du nicht, welche geheimen Weisungen ihm sehr leicht zu deinem ewigen
Besten die äußere Zunge binden könnten? Daher mußt du in Zukunft mit ihm, einem
meiner edelsten Freunde, schon ein wenig schonender umgehen, sonst bringst du
ihn ja in die größte Verlegenheit und machst seinem Herzen viel Kummer.
[BM.01_107,03] Siehe, was deine ersten
allfälligen sechs Fragen betrifft, so ist in diesem Freunde und Bruder wirklich
nichts von alledem anzutreffen, was du von ihm vermutet hast. Außer daß er aus
einem sehr weisen Grunde notwendig ein wenig verlegen wird, sooft du mit ihm
dich von Mir besprechen willst. Aber seine Verlegenheit hat einen ganz andern
Grund als den, den du je vermuten möchtest. Somit kann er dir auch keine
Antwort geben auf deine Fragen, da in ihnen der wahre Grund seiner Verlegenheit
durchaus nicht zugrunde liegt.
[BM.01_107,04] Was aber deine drei letzten
Fragen betrifft, so kann er sie dir darum nicht beantworten, weil du den
eigentlichen Grund seiner Verlegenheit in deinen ersten Fragen nicht gefordert
hast und auch nicht fordern konntest, da du ihn doch selbst nicht kennen
konntest. Hätte er dir daher was immer für eine bejahende oder verneinende
Antwort gegeben, so hätte er dir eine Unwahrheit sagen müssen. Das aber ist
hier im Himmelreiche eine barste Unmöglichkeit, denn hier kann niemand eine
Unwahrheit reden, so er sie auch reden wollte. Daher blieb Freund Martin, der
dich sehr liebt, denn auch stumm und wollte sich von dir eher alles antun
lassen, als dich, seine geliebte Chanchah nur mit einem Wörtchen zu belügen!
War das nicht sehr löblich von ihm?“
[BM.01_107,05] Spricht die Chanchah, auch
etwas verlegen: „Ach, du herrlichster Freund, wenn es so mit unserem Hausherrn
sich verhält, dann freilich reut es mich unendlich, so ich die Ursache manches
sicher nicht unbedeutenden Schmerzes seines Herzens war. Oh, wenn ich das nur
wieder gutmachen könnte!
[BM.01_107,06] Ja, ja, es schmerzt mich ganz
außerordentlich! Freilich kann ich wohl auch nicht für all das. Denn du, mein
herrlichster, mächtigster Freund, siehst es ja auch, daß ich ein Fremdling bin
und nicht weiß, was und wie man hier fragen darf. Da du mir aber nun den Wink
gegeben hast, wie man hier fragen soll, werde ich mich in Zukunft schon darnach
richten. Aber nur das sage mir, warum man denn hier eigentlich auf eine plump
und unklug gestellte Frage, in der kein rechter Antwortgrund liegt, durchaus
keine Antwort bekommen kann?“
[BM.01_107,07] Rede Ich: „Meine liebste
Chanchah, siehe, das ist ganz einfach: Du gäbest Mir einen Sack, fest
zugebunden, mit der Bitte: ,Freund, löse mir den Sack auf, und gib mir daraus
tausend der schönsten Edelsteine!‘ Ich fragte dich aber dann: ,Weißt du wohl
ganz gewiß, daß sich in diesem Sacke tausend Edelsteine befinden?‘ Du sprächest
dann: ,Nein, das weiß ich nicht bestimmt, sondern vermute es nur!‘
[BM.01_107,08] Siehe, so Ich aber daneben
ganz bestimmt wüßte, daß in dem Sack nicht nur keine Edelsteine, sondern ein
verhärteter Unflut sich befindet, löste aber dennoch nach deinem Willen den
Sack und gäbe dir seinen schmählichen Inhalt anstatt der tausend schönsten
Edelsteine: – was wohl würdest du von Mir halten, so du es dann dennoch
erführest, daß Ich – obschon wohlwissend, was der Sack enthalte – dich habe
deiner Unwissenheit halber beschämen wollen? Würdest du dann nicht sagen:
,Freund, so du wußtest, was der Sack enthielt, warum löstest du ihn denn und
sagtest mir nicht zuvor die Wahrheit?‘
[BM.01_107,09] Siehe, der gleiche Fall ist
hier mit einer unsicheren Frage. Diese ist auch ein Sack, fest zugebunden, den
dir Martin auflösen soll und herausgeben, was du verlangst. So aber das nicht
darinnen ist, was du möchtest – sage, was soll er da tun? Soll er den Sack
lösen oder nicht? Soll er die beschämen, die er so innigst liebt, die sein
ganzes Herz nun in vollste Beschäftigung versetzt? Was meinst du, holdeste
Chanchah?“
[BM.01_107,10] Spricht Chanchah: „Ach ja, ach
ja, mein geliebtester Freund, wenn du redest, da freilich kommt mir alles ganz
überaus klar vor, und ich sehe die hohe Wahrheit von all dem ein, was du sagst.
Aber nicht so ist es, wenn Freund Martin redet! Je länger und je mehr er spricht,
desto dunkler und unbegreiflicher wird mir dann alles, wovon immer er spricht.
So bin ich dann ja genötigt, stets weiter und tiefer in ihn zu dringen durch
allerlei Fragen, von denen er mir aber auch noch nicht eine bestimmt
beantwortet hat.
[BM.01_107,11] Würde er mir eine Frage so
ganz bestimmt beantwortet haben, hätte ich ihn dann sicher um nichts Weiteres
gefragt. Oder hätte er es mir, wie du nun, wenigstens gezeigt, wie man hier
fragen muß, um eine Antwort zu erhalten, ob man hier überhaupt fragen muß, um
eine Antwort zu erhalten, oder ob man hier überhaupt fragen darf! Aber siehe,
mein herrlichster Freund, von alldem war beim Martin keine Rede. Daher also
magst du und Martin mich auch für entschuldigt halten, so ich mich mit meinen,
dem guten Freund Martin sicher lästig gewordenen Fragen zu weit verirrt hatte.
[BM.01_107,12] Ach Freund, es ist hier aber
auch sonderbar zu sein! Wo man das Auge nur immer hinwendet, sieht man nichts
als Wunder über Wunder. Ach, und Wunder, von denen die Erde keine Ahnung hat!
Wer sollte aber bei solchen Erscheinungen, die er nicht versteht, nicht die
Eingeweihteren fragen, was das eine oder das andere bedeutet? Wer ist der, der
solches tut? So hier der Himmel, wo ist Lama, der ihn gegründet hat? Sage mir,
du mein über alles geliebter Freund, sind das nicht ganz natürliche und durch
die wunderlichsten Umstände dieses Seins überaus zu entschuldigende Fragen?!“
108. Kapitel – Gleichnis von der klugen
Erziehung der Kinder.
[BM.01_108,01] Rede Ich: „Allerdings, Ich
sage dir, Meine liebste Chanchah, diese und noch viele tausend andere Fragen
sind sehr zu entschuldigen. Aber weißt du, es hat wie auf der Erde so auch hier
alles seine Weile.
[BM.01_108,02] Siehe, auf der Erde sind die
Kinder am naschhaftesten und auch am wißbegierigsten. Sie sind fast beständig
hungrig, möchten alles bis auf den Grund wissen und fragen darum ihre
Vertrauten auch in einem fort um allerlei Dinge. Meinst du wohl, daß es gut
wäre, die Mägen dieser Kleinen zu überladen mit allerlei, darnach ihr sehr
reizbarer Gaumen ein heftiges Verlangen verspürt? Und ihre Neugierde durch die
steten Beantwortungen alles dessen, darnach sie fragen, zu befriedigen?
[BM.01_108,03] Siehe, weise Eltern legen da
ihren Kindern einen rechten Zaum an und lenken sie so natürlich und sittlich
auf einer rechten Bahn zum schönen Ziele der männlichen Entwicklung! Dumme
Eltern hingegen, die ihren Kindern alles gewähren, was sie ihren Augen nur
ansehen, machen aus ihnen Affen statt Menschen. Ihr zu strotzend genährtes
Fleisch wird voll Sinnlichkeit und ihr Geist träge und endlich ganz stumpf für
alles Hohe, Gute und Wahre, wie es dir auf der Erde besonders in deinem Lande
tausendmal tausend Beispiele sicher nur zu klar gezeigt haben.
[BM.01_108,04] Wie aber auf der Erde, also
ist es auch hier der Fall. Es wäre niemandem gut, sogleich alles zu genießen
und zu erfahren, sondern erst nach und nach, wie es eines jeden
Aufnahmefähigkeit erheischt. So geleitet, werden dann die hier jüngsten Kindlein
stärker und stärker und können von Weile zu Weile mehr ertragen, bis sie zum
Empfange des Allerhöchsten stark genug und tauglich werden.
[BM.01_108,05] Und ebenso wirst nun auch du
samt allen, die du hier erschaust, erzogen von uns dreien. Daher füge dich nur
ganz geduldig in alles, so wirst du leicht und bald alle deine Fragen dir
selbst vollkommen beantworten können! Bist du nun zufrieden mit dem?“
109. Kapitel – Der Chinesin Kernfrage und des
Herrn sehr kritische Gegenfrage. Geschichte der Morgen- und Abendblume.
[BM.01_109,01] Der Martin macht bei dieser
Meiner Belehrung an die liebe Chinesin ein überaus fröhliches Gesicht und dankt
mir über die Maßen in seinem Herzen.
[BM.01_109,02] Chanchah aber spricht: „O du
herrlichster Freund meines Herzens, meines Lebens! Du hast ja freilich wohl nur
zu recht in jeglichem Worte, das deinem Munde entstammt. Dennoch kann auch die
Chanchah nichts dafür, daß sie eines so wißbegierigen Geistes Kind ist. Aber
ich, deine arme Chanchah, werde von nun an mein Herz bezähmen und werde sein
gleich einer Blume des Feldes, die durch Licht und Wärme der Sonne Lamas sich
entfaltet und, durch die Tautropfen der Morgenliebe Lamas genährt, endlich auch
ihre Fruchtgefäße mit reichen Samen des Lebens füllt.
[BM.01_109,03] Ach, der große, heilige Lama
muß wohl endlos gut, weise und mächtig sein, da alles, was Er gemacht, so
übergut und weise eingerichtet ist! Ach, ach, wenn ich nur einmal das
endloseste Glück genießen dürfte, Ihn nur von fernhin zu erschauen auf wenige
Augenblicke nur! O sage mir, du Herrlichster, werde ich dieses größten Glückes
wohl je gewürdigt werden? Wenn es nur einmal geschähe – gleichviel wann –, so
will ich mich für alle ewigen Zeitläufe vollkommen zufriedenstellen und will
alles willig befolgen und tun, was ihr mir nur immer vorschreiben wollet. Aber
nur dazu gebt mir eine gute und gerechte Hoffnung!“
[BM.01_109,04] Rede Ich: „O du liebes
Kindchen du! Ich sehe es schon, daß dir dein Lama am meisten am Herzen liegt.
Und das ist überaus löblich von dir. Aber du sagst auch Mir immer – und Ich
erkenne es aus deinen Augen und Reden –, daß du Mich auch über die Maßen
liebst. Nun möchte Ich denn doch von dir erfahren, ob du Mich oder deinen Lama
mehr liebst! Frage darüber dein Herz und sage es Mir dann!“
[BM.01_109,05] Chanchah wird hier sehr
verlegen und schlägt die Augen nieder. Ihr Herz aber entzündet sich stets mehr
und mehr in der Liebe zu Mir, was sie nur zu mächtig fühlt. Daher kommt sie,
die sonst nur zu Gesprächige, diesmal mit keiner Antwort zum Vorschein. Nach
einer Weile frage Ich sie abermals, ob sie Mir solches nicht kundgeben könne.
Da spricht sie, wie mit sehr beklommenem Gemüte:
[BM.01_109,06] (Chanchah:) „O du mein
Augapfel, o du Feueraltar meines Herzens! Siehe, als ich auf der Erde noch zu
Hause war an der Seite meiner Mutter und war ein Mädchen von etlichen 13
Sonnenjahren, da fragte ich die Mutter, wie man es denn ganz eigentlich
anstellen solle, um den heiligen Lama über alles zu lieben.
[BM.01_109,07] Da sprach die recht weise
Mutter: ,Höre, du meine geliebte Tochter: Pflanze im Garten zwei gleiche
Blumen, eine gegen Morgen – diese weihe dem Lama – und die andere gegen Abend,
und diese weihe den Menschen. Pflege beide gleich und sieh, wie sie wachsen und
sich entfalten werden. Wird die Abendblume besser gedeihen als die Morgenblume,
so wird das ein Zeichen sein, daß du die Welt mehr liebst als den heiligen
Lama. Wirst du aber an den beiden Blumen das Gegenteil bemerken, da ist deine
Liebe zum Lama stärker als die zu den Menschen.‘
[BM.01_109,08] Ich tat sogleich, was mir
meine weise Mutter riet. Da ich aber fürchtete, die Blume Lamas möchte etwa vor
der der Menschen zurückbleiben, pflegte ich sie heimlich doppelt mehr als die
der Menschen. Aber siehe, trotz meines großen Eifers in der Pflege der Blume
Lamas blieb sie dennoch zurück in der Entwicklung!
[BM.01_109,09] Ich sagte das alles der
Mutter. Diese beruhigte mich durch ihre weise Lehre, indem sie sagte: ,Sieh, du
mein liebstes Töchterchen; der Lama hat dir dadurch anzeigen wollen, daß du
Ihn, der im ewig unzugänglichen Lichte wohnt, nur dadurch über alles lieben
kannst, so du die Menschen wie dich selbst liebst. Denn wer die nicht liebt,
die er doch sieht, wie kann er den Lama lieben, den er nicht sieht?‘
[BM.01_109,10] Darauf begoß ich dann die
Abendblume öfter denn die Morgenblume, und siehe, da wucherte die Morgenblume
gewaltig vor der Abendblume! –
[BM.01_109,11] Und geradeso verfahre ich nun!
Du bist nun meine Abendblume, und mein Herz für Lama ist die Morgenblume. Dich
begieße ich nach aller Kraft, da ich in dir den vollkommensten Menschengeist
entdecke, und mein Herz wuchert ganz gewaltig – aber leider nicht mit Lama,
sondern mit dir, mit dir!
[BM.01_109,12] Du bist ein wahrer Lama meines
Herzens geworden! Was aber dazu der große Lama zu Seiner Zeit sagen wird, das
wird Er auch am besten wissen! Ich muß dir dazu noch bekennen, daß mir darob
sogar mein überaus zartfühlendes Gewissen gar keine Vorwürfe macht! Was sagst
du Herrlichster nun aber dazu?“
[BM.01_109,13] Rede Ich: „Meine geliebte Chanchah,
Ich habe eine Weile auf deine Mein Herz überaus erfreuende Antwort harren
müssen. So mußt du nun auch ein bißchen warten auf eine recht schöne und gute
Antwort. Aber da freue dich, was Ich dir erst für eine schönste Antwort geben
werde; sie soll dir bald werden!“
110. Kapitel – Zurüstungen zu einem
himmlischen Fest. Martins erste Reise mit der Himmelspost.
[BM.01_110,01] Unterdessen aber wende Ich
Mich zu Martin und Borem und sage zu ihnen geheim: „Freunde und Brüder, nun
habt ihr Gehilfen und Gehilfinnen in Menge. Gehet daher hin, stellet den großen
Tisch in des Saales Mitte und besetzet ihn wohl mit Brot und Wein. Nehmet auch
vollreife Früchte von diesem Feigenbaume und leget sie zahlreich neben Brot und
Wein auf den Tisch! Denn nachdem Ich zuvor mit Meiner allerliebsten Chanchah
noch einige Worte wechseln werde, wollen wir nachher allesamt eine gute Labung,
Stärkung und Nahrung zu uns nehmen! Geht und erfüllet diesen Meinen Wunsch und
Willen!“
[BM.01_110,02] Die beiden danken Mir in ihrem
Herzen für diesen Auftrag und gehen dann, die anbefohlene Sache sogleich in
Ordnung zu bringen. Martin beruft sogleich die nun gereinigten Patres aus all
den schon kundgegebenen Orden. Ebenso auch die Nonnen, die mit dem Auftragen
der Speisen, d.h. des Brotes und Weines, und die Herz-Jesu-Damen, die besonders
mit Herbeischaffung der Feigen beauftragt sind, während zuvor die Patres den
großen Tisch, der hier auch ohne Schreiner entstand, nach Anordnung der beiden
zurechtstellen.
[BM.01_110,03] Die hundert Chinesen sehen
dieser Bewegung mit gespanntester Aufmerksamkeit zu, denn sie wissen noch
nicht, was daraus werden soll. Besonders befremdet die plötzliche
Herbeischaffung des großen Tisches, von dem früher nirgends eine Spur zu
entdecken war. Denn die ebenso plötzliche Entstehung des Feigenbaumes wundert
sie nicht mehr gar so mächtig, indem sie sich durch die längere Beschauung
schon mehr und mehr daran gewöhnt haben.
[BM.01_110,04] Ebenso staunen auch die vielen
irdischen Eltern, besonders jene der Herz-Jesu-Damen, über die plötzlich
entstandene Tätigkeit in diesem Saale. Sie sind etwas ängstlich dabei, weil sie
auch nicht fassen können, was da am Ende herauskommen wird. Denn sie können vor
Volksmenge, die sich nun um den Tisch sehr geschäftig macht, nicht erschauen,
wie dieser reichlichst mit Brot, Wein und Feigen besetzt wird.
[BM.01_110,05] Als der Tisch bestellt ist,
begeben sich alle Diensttuer wieder auf ihre sanften Ruheplätze zurück. Martin
und Borem in Begleitung der einen Herz-Jesu-Dame – d.h. derjenigen, die zuerst
als Frosch sich ins Meer stürzte in ihrem Innern – kommen aber wieder zu Mir
und zeigen Mir an, daß nun alles bereitet ist.
[BM.01_110,06] Ich aber sage: „Es ist alles
gut. Gehet aber nun auch hinaus an den Zaun des Gartens und seht, ob niemand da
sei, der noch an dieser Mahlzeit teilnehme! Gella (Herz-Jesu-Dame) aber bleibe
unterdessen hier bei Mir und höre, was Ich nun Meiner liebsten Chanchah für
schöne Dinge sagen werde. Also sei es, Meine Brüder!“
[BM.01_110,07] Die beiden gehen sogleich
hinaus und erstaunen nicht wenig, als sie den Garten in der größten himmlischen
Üppigkeit antreffen und dabei von einer so großen Ausdehnung, daß ihnen beinahe
Hören und Sehen vergeht und Martin, sich über alles stark verwundernd, spricht:
[BM.01_110,08] (Bischof Martin:) „O Bruder,
da werden wir hübsch weit herumzugehen haben, bis wir da alle diesen ungeheuren
Garten umgebenden Zäune absteigen werden! Wahrlich, dieser Garten muß ja schon
eine größere Ausdehnung haben denn ein größtes Königreich auf der Erde! O Herr,
o Herr, das ist unendlich, das ist unbegreiflich; ja, so etwas kann wahrlich
nur im Himmel vorkommen!
[BM.01_110,09] O Gott, o Gott, da sieh gegen
Morgen hin, die Allee! Welch herrlichste Baumreihen! Und, Bruder, siehst du
irgendein Ende dieser Allee? Ich erschaue keines, und von irgendeiner
Einzäunung ist gar keine Spur zu entdecken! No, Bruder Borem, mit unserer
gewöhnlichen Fußbewegung werden wir beide zu tun haben, nur einmal irgendwo an
einen Zaun zu kommen. Und dann den ganzen Zaun abgehen – o Herr, das wird ein
ganz löbliches Stückchen von einer Kommotion non plus ultra sein!
[BM.01_110,10] Aber das macht nichts; des
Herrn Willen vollziehen ist ja allzeit die größte und seligste Lust und Freude,
und so freue ich mich auch auf die Bereisung dieses Gartens! Aber Bergsteigen
werden wir auch: dort gegen Mittag entdecke ich ja Berge von bedeutender Höhe.
Und, o sapprament, da sieh gegen Abend und Mitternacht, das sind ja Gebirge,
wie auf der Erde sich wohl noch nie jemand etwas Ähnliches hatte träumen
lassen! Ah, ah, diese Spitzen, diese ungemein schönen Spitzen! Bruder, ist das
alles noch innerhalb des Zaunes unseres Gartens?“
[BM.01_110,11] Spricht Borem: „Allerdings,
denn der Garten erweitert sich ja wie unsere Liebe zum Herrn und zu unsern
Brüdern und Schwestern. Aber weißt du, Bruder, im Verhältnis zur himmlischen
Ausdehnung dieses unseres Herrn Gartens, den Er für uns so herrlich zubereitet
hat, gibt es aber auch eine eigene Art himmlischer Bewegung, die da ist
dreifach: erstens eine natürliche mit den Füßen so wie auf der Welt. Zweitens
eine schwebende, d.i. die seelische, die da hat die Schnelligkeit der Winde.
Und endlich drittens eine plötzliche, d.h. geistige, welche ist gleich einem
Blitz und gleich dem Fluge eines Gedankens.
[BM.01_110,12] Diese dritte Art der Bewegung
wird nur im äußersten Notfalle gebraucht. Daher wollen wir hier von dieser auch
keinen Gebrauch machen, wohl aber von der Bewegung der zweiten Art, mit der wir
hier schon auslangen werden. Das Mittel zu dieser Bewegung aber ist unser
fester Wille. Daher dürfen wir bloß nur wollen in des Herrn Namen, und sogleich
werden wir in dieser Himmelsluft uns ganz frei schwebend befinden. Wohin wir
dann ziehen wollen, dahin auch wird es mit Windesschnelle vorwärtgehen. – Also
wolle du nun, und es wird gehen!“
[BM.01_110,13] Martin will nun, was Borem ihm
gezeigt hat, und sogleich schweben beide in der freiesten Himmelsluft und
machen eine erste Bewegung gegen Morgen, worüber Martin eine solche Freude hat,
daß er sich ordentlich nicht zu helfen weiß.
111. Kapitel – Des Herrn Gegengleichnis: die
zwei Menschenpflanzen im Garten der Liebe Gottes. Gottes Menschwerdung.
[BM.01_111,01] Ich aber öffne unterdessen
Meinen Mund zu Chanchah und auch zu Gella und rede also: „Meine herzlichste,
liebste Chanchah, du hast Mir ehedem ein gar herrliches Wort gegeben, das darum
um so herrlicher war, weil du es aus der Tiefe deines Herzens genommen hast.
Ich versprach, dir ein noch herrlicheres entgegenzubringen, und siehe, nun bin
Ich zu diesem Zwecke da und will Mein Versprechen erfüllen. So höre Mich nun
ganz geduldig an! Erwarte aber ja nicht irgendeine lange Rede; denn siehe, Ich
rede allzeit nur kurz und pflege stets mit wenigen Worten vieles zu sagen.
[BM.01_111,02] Du gabst Mir ein Bild von der
Pflege deiner Morgen- und Abendblume, und das war gar lieblich. Ich aber gebe
dir dafür ein anderes Morgen- und Abendbild, und dieses besteht darin:
[BM.01_111,03] Siehe, gleich wie du deine
Blumen, also pflanzte auch der große, gute Lama im endlosen Garten Seiner Liebe
zwei Menschen: den einen gen Morgen für Sein Herz – und nachher auch den andern
gen Abend für Seine Weisheit! Den ersten nährte Er mit aller Seiner Gottheit,
auf daß er würde so herrlich wie Lama Selbst und Lama an ihm ein allerhöchstes
Wohlgefallen hätte! Aber siehe, dieser erste wurde dadurch übermütig, wollte
nicht gedeihen, sondern fiel vom Lama ab und verachtet Ihn bis jetzt noch über
alle Maßen – obschon der Lama ihn noch stets mit offenen Armen und Herzen
aufnehmen möchte!
[BM.01_111,04] Da dieser erste Mensch also
nicht geraten wollte, stellte der große Lama bald darauf den zweiten gen Abend,
d.h. in die Welt, und pflegte diesen nicht minder. Aber auch dieser verkümmerte
eigenwillig. Da reute es den Lama, daß Er den Menschen erschaffen hatte; darum
wollte Er auch wieder vernichten solch ein Werk, gleichwie ein Töpfer ein
Geschirr, das ihm nicht geraten will.
[BM.01_111,05] Lama aber fragte da Seine
Liebe, und diese stellte sich für die Mißratenen; Er Selbst ward Mensch, um dem
Menschen ein rechtes Vorbild zu sein.
[BM.01_111,06] Die mißratenen Menschen aber
ergriffen Ihn und töteten den Gottmenschen, obschon sie den Gott in Ihm nicht
töten konnten. Nur wenige erkannten Ihn und nahmen Seine Lehre in ihr Herz.
Zahllos viele aber, obschon sie von Ihm hören, glauben doch nicht und nehmen
Seine Lehre nicht an, auf daß sie Seine Kinder würden und dann sein möchten wie
ihr ewiger Vater!
[BM.01_111,07] Was meinst du wohl, was soll
nun Lama solchen Menschen tun? Soll Er sie wohl noch länger dulden und
ertragen?
[BM.01_111,08] Siehe, so groß ist Seine Liebe
zu diesen Menschen, daß Er noch tausend Male stürbe für sie, so es möglich und
gedeihlich wäre! Und doch wollen sie Ihn nicht mehr lieben denn die nichtige
Welt, sondern vergessen Seiner lieber ganz und gar, um desto gewissenloser der
Welt anhängen zu können. –
[BM.01_111,09] O Chanchah, sage, was wohl
verdienen solche Menschen? Soll sich Lama wohl noch länger ihren hartnäckigen
Trotz gefallen lassen oder soll Er sie verderben?“
[BM.01_111,10] Spricht Chanchah: „O Freund,
du meine Liebe, das sind wohl recht böse Pflanzen Lamas und verdienten eine
übergroße Strafe! Aber wenn Lama so übergut ist, könnte Er da wohl diese
Pflanzen abmähen und preisgeben dem Feuer, wie Er es den Urvätern angedroht
hatte? Ich meine, die Unendlichkeit, wie ich nun zu erkennen anfange, ist doch
groß genug, um solch ein Unkraut in seiner Art aufzubewahren. Aber verderben
möchte ich an der Stelle Lamas nichts, was einmal Leben hat! – Meinst du nicht
auch so, mein allergeliebtester Freund?
[BM.01_111,11] Rede Ich: „Ja, ja, du
Lieblichste, dieser Meinung bin Ich wohl und tue es auch so! Aber warte nun ein
wenig: bald werden die beiden Brüder ganz sonderbare Gäste hereinbringen, und
Ich werde sehen, was du zu diesen sagen wirst. Daher fasse dich; denn da wirst
du etwas äußerst Seltsames ersehen und vernehmen!“
112. Kapitel – Satan als Ungeheuer im Saal.
Das stärkende Mahl. Gella erkennt den Herrn.
[BM.01_112,01] Nach einer kurzen Weile geht
die Tür des Saales auf. Martin wie Borem haben jeglicher eine starke Kette in
der Hand und ziehen, an diese zwei Ketten fest angeschlossen, ein über alle
Beschreibung gräßlich aussehendes Ungeheuer herein. Ihm folgen noch eine Menge
kleinerer Ungeheuer, die an Gräßlichkeit dem Hauptungeheuer nichts nachgeben.
[BM.01_112,02] Als Chanchah und Gella diese
fürchterlichst aussehenden Gäste ersehen, prallen sie von zu großer Angst
ergriffen jählings zurück. Chanchah schreit wie aus einer betäubenden Ohnmacht:
[BM.01_112,03] (Chanchah:) „O Lama, Lama, um
Deines heiligsten Namens willen, was taten denn wir Armen Dir, daß Du uns nun
so gräßlich von dem allerbösesten Ahriman und seinem ärgsten Gesindel willst
verderben lassen?! O du, mein herrlichster Freund, so es dir irgend möglich
ist, rette uns und dich und verderbe es womöglich! O schrecklich, schrecklich,
was das doch für zornglühende gräßliche Gestalten sind!“
[BM.01_112,04] Rede Ich: „O Chanchah, fürchte
dich nicht! Die Ungeheuer, die du hier siehst, sind in unserer Macht – und
nimmer wir in der ihrigen! Solches ersiehst du ja leicht daraus, weil sie trotz
ihrer freilich immensen Gräßlichkeit dennoch von den beiden Brüdern gebändigt werden.
[BM.01_112,05] Also fürchtet euch nicht,
sondern gehet mit Mir den beiden entgegen und höret da, wie diese Bestien bei
Meiner Annäherung ganz entsetzlich werden zu brüllen anfangen. Sehet, wie
furchtbar sie sich winden und bäumen werden. Aber das alles erschrecke euch
nicht! Denn Ich allein bin mächtig genug, zahllos viele solcher Ungeheuer mit
einem Blicke völlig zu vernichten, so wie Ich ehedem diesen Feigenbaum in einem
Augenblicke habe hier entstehen lassen. – Daher folget Mir nur mutigst! An Meiner
Seite seid ihr für ewig sicher, denn keine Macht kann Mir Trotz bieten!“
[BM.01_112,06] Ich gehe nun Martin und Borem
entgegen, da sie mit dem Ungeheuer sehr viel zu tun haben, um seiner Meister zu
bleiben.
[BM.01_112,07] Martin spricht: „O Herr, das
sind saubere Gäste; an diesen kannst Du eine ganz absonderliche Freude haben!
Diese werden sich machen für dies Haus wie eine Faust aufs Auge! Es ist leider
nichts anderes anzutreffen gewesen, daher nahmen wir mit, was wir fanden. Ich
muß aber offen bekennen: wenn das nicht der leibhaftige Satan samt seinem
schönen Anhang ist, so will ich aber schon alles sein und heißen, was Du nur
immer willst!“
[BM.01_112,08] Rede Ich: „Sei nur ruhig, Ich
habe das schon vorgesehen! Es muß so sein zu euer aller tiefsten Lehre und
Ruhe. Wer das Allerhöchste erkennen will, der muß nicht in Unkenntnis des
Alleruntersten verbleiben. Bringet Mir den Drachen näher!“
[BM.01_112,09] Die beiden ziehen an den
beiden Ketten gewaltigst, aber es will nicht weitergehen.
[BM.01_112,10] Martin spricht daher: „Herr,
es ist rein unmöglich, dieses Scheusal auch nur um ein Haar weiter vorwärts zu
bringen!“
[BM.01_112,11] Rede Ich: „Also lasset es
stehen; befestigt aber die Ketten an den Säulen dieses Saales, und lassen wir
es da eine Zeitlang vergeblich toben! Wir aber gehen unterdessen an das
vorbereitete Mahl, uns zu stärken für diesen Kampf.“
[BM.01_112,12] Spricht Martin: „Ach ja, auf
diesen unseren Ausflug wird uns eine von Dir gesegnete Mahlzeit wahrlich nicht
unvorteilhaft zustatten kommen! Es ist nur gut, daß diese bestialischen Gäste
im Hintergrunde unseres Saales angefestigt sind, ansonsten ihr Anblick unserer
Eßlust eben nicht zustatten käme. Auch die sie umgebende Luft duftet nicht wie
Rosen des Paradieses, sondern wie Schwefel, Pech und Dreck
untereinandergemengt. Gut, daß sie im Hintergrunde sind!“
[BM.01_112,13] Rede Ich: „Gut, gut, Mein
Bruder, gehe nun voran und berufe sie zu diesem Mahle, das Ich für euch alle
bereitet habe. Alle sollen daran gestärkt werden zum ewigen Leben ihres
Geistes!“
[BM.01_112,14] Martin geht nun schnell
vorwärts und beruft alle zur Tafel, wo Brot, Wein und eine große Menge der
herrlichsten Feigen ihrer harren.
[BM.01_112,15] Alles erhebt sich auf den Ruf
des Martin und geht gar bescheiden und gelassen zum großen Tische.
[BM.01_112,16] Als nun all die vielen Gäste
dabei anwesend sind, richten alle ihre Augen auf Mich. Denn sie halten Mich –
bis auf Martin und Borem – alle noch für einen Abgesandten Gottes und wissen
noch nicht, daß Ich Selbst als der Herr Mich unter ihnen befinde. Daher meinen
sie nun auch, Ich als ein Abgesandter des Herrn werde ihnen nun große und
wichtige Dinge verkünden.
[BM.01_112,17] Aber Ich sage sonst nichts
als: „Kindlein, esset und trinket alle, jeder nach seinem Bedürfnisse. Lange
schon ist alles wohl gesegnet für alle, die Gott lieben und ihre Brüder und
Schwestern gleich wie sich selbst!“
[BM.01_112,18] Auf diese Worte schreien alle:
„Hochgelobet sei unser großer Gott im Vater, Sohne und Geiste; Ihm allein alle
Ehre, alles Lob und aller Preis ewig!“
[BM.01_112,19] Darauf greifen alle nach dem
Brot und Weine und die Chinesen nach den Feigen; einige aber versuchen auch das
Brot und es schmeckt ihnen besser denn die Feigen.
[BM.01_112,20] Chanchah und Gella, die bei
Mir stehen, aber wissen nicht, ob sie Brot und Wein oder pur Feigen genießen
sollen.
[BM.01_112,21] Da sage Ich ihnen: „Meine
Kinder, esset, was euch am besten schmeckt; alles wird euch stärken zum ewigen
Leben!“ – Die zwei greifen nun auch nach dem Brote und Chanchah findet es
unendlich wohlschmeckend. Nicht minder auch Gella, die jedoch die Bemerkung
macht:
[BM.01_112,22] (Gella:) „Ich meinte, daß das
Himmelsbrot so wie die Hostien schmecken würde?“
[BM.01_112,23] Ich aber sage ihr: „Gella, nun
bist du im Himmel am Tische des Herrn und nicht auf der Erde am Tische Babels!
Daher denke nun auch, was des Himmels, und nicht, was des irdischen Babels ist,
dessen Herr sich dort im Hintergrunde befindet!“
[BM.01_112,24] Gella erschrickt über diese
Worte und es kommt ihr vor, als ob Ich am Ende etwa Selbst der Herr wäre.
[BM.01_112,25] Ich aber vertröste und
beruhige sie mit den Worten: „Gella, wenn es auch so wäre, was du nun in dir
ahnst, so sei aber dennoch der andern willen ruhig und denke dir: Gott, dein
wie aller Herr, ist kein unzugänglicher, sondern ein ewig Sich allertiefst
herablassender, liebevollster Vater aller Seiner Kinder und ist unter ihnen wie
ein am wenigsten glänzen wollender Bruder! – Verstehst du das, liebes Töchterlein?“
[BM.01_112,26] Spricht die Gella: „O mein,
mein, Herr – mein Gott – mein Vater!“
[BM.01_112,27] Chanchah merkt das und fragt
sogleich die Gella: „Ach Schwester, wem wohl galten deine bedeutungsvollsten
Worte? Ist etwa gar irgendwo Lama unter uns?! O rede, daß ich hineile zu Ihm
und dort vergehe vor Ehrfurcht und Liebe!“
[BM.01_112,28] Ich aber beruhige Chanchah
sogleich damit, daß Ich ihr verheiße, auch sie werde den Lama bald erkennen und
erschauen, und damit ist sie auch zufrieden.
113. Kapitel – Der vorlaute Martin in der
Wäsche – „Wer der Erste sein will, der sei aller Diener!“
[BM.01_113,01] Es werden aber auch einige
andere stutzig über das Benehmen der Gella, wie zuletzt auch der Chanchah. Und
einer fragt den andern, wer Ich etwa doch so ganz eigentlich wäre, da Ich,
obschon Ich nicht der vorgebliche Hausherr wäre – was eigentlich doch nur der
Martin sei –, dennoch täte, als wäre Ich der eigentliche Hausherr und Martin
sowie Borem bloß nur Meine allerergebensten Diener.
[BM.01_113,02] Als Martin solche
Frageregsamkeit unter vielen der anwesenden Gäste bemerkt, geht er sogleich hin
und sagt zu ihnen: „Höret mich an, liebe Brüder und Schwestern! Wisset ihr denn
nicht, wie das Wort Gottes lautet? Hat nicht der Herr Selbst also geredet und
gesagt: ,Wer von euch der Erste sein will, der sei der Geringste unter euch und
sei euer aller Knecht!‘? Meinet ihr denn etwa, hier im Himmel bestehe eine
andere Ordnung als die, die der Herr Selbst auf der Erde gezeigt, gelehrt und
geoffenbart hat?
[BM.01_113,03] O, ich sage es euch, hier ist
erst eigentlich derjenige Platz, wo die auf der Welt vom Herrn Selbst gelehrte
und geoffenbarte Ordnung von Punkt zu Punkt lebendigst erfüllt wird! Daher
fraget euch nicht viel: ,Wer das? Warum so?‘, sondern esset und trinket nun
nach euerm Bedürfnisse. Und dann danket allein Jesu, dem Herrn, dafür, alles
andere werdet ihr schon zur rechten Weile erfahren!“
[BM.01_113,04] Sagen die Angeredeten:
„Freund, was du nun uns gesagt hast, war wohl recht weise. Aber siehe, das
wissen wir wohl – Gott sei Dank – auch! Daher hast du uns mit deiner Belehrung
wahrlich keinen wesentlichen Dienst erwiesen. Auch wissen wir, daß wir hier von
diesem gesegneten Mahle so viel verzehren dürfen, als es uns nur immer
schmeckt. Daher hättest du, lieber Freund, dir auch die Mühe ersparen können,
uns zum Weiteressen aufzufordern! Denn wir sind der Überzeugung, daß auch hier
im Gottesreich ein jeder Geistmensch oder Menschengeist seinen eigenen Magen
hat. Der weiß es sicher am besten, ob, wo und wie ihn der Schuh drückt, und
wieviel er in sich aufnehmen kann. Du ersiehst daraus, daß du dir diese
überflüssige Geschäftigkeit leicht hättest ersparen können!
[BM.01_113,05] Wohl wissen wir nun, daß im
Reiche Gottes nur der Diener aller der Größte ist. Unter ,aller Diener und
Knecht sein‘ aber verstehen wir im entgegengesetzten Falle zugleich das
Allerhöchste, d.h. in der Liebe, in der Weisheit, wie auch in der Kraft. Denn
wo zu wenig Liebe, ist auch zu geringe Tatlust, die doch eine hauptsächliche
Eigenschaft des Allerdieners sein wird! Also muß zweitens der Allerdiener von
höchster Weisheit erfüllt sein; denn mit so manchen Weisheitslücken wird es ihm
mit der Allerdienerschaft auch schier nicht am besten vonstatten gehen. Und
drittens sind wir alle der festen Überzeugung, daß der Allerdiener auch
allerkräftigst und allmächtigst sein müsse, um ein Allerdiener sein zu können.
[BM.01_113,06] Freund, hältst du dich etwa im
Ernste für solch einen letzten, geringsten Allerknecht, Allerdiener? Wahrlich,
so bei dir das der Fall wäre, würden wir dich sehr bedauern. Wir sind darin
alle nun eines Sinnes, nämlich: daß eine solche Allerdienerschaftsstelle nur
ganz allein der Herr versehen kann! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
[BM.01_113,07] Martin ist über diese
Entgegnung wie vom Blitze getroffen. Er weiß nun nicht, was er den weisen
Rednern erwidern solle und steht ganz verblüfft vor ihnen. Der eine aber sieht
seine Verlegenheit und spricht zu ihm:
[BM.01_113,08] (Der eine Redner:) „Bruder,
gehe du ganz ruhig und getrost an deinen früheren, sicher allerbesten Platz!
Halte dich nur genau an Jenen, der uns allen nun sehr stark ein wahrster
Allerdiener zu sein scheint, so wirst du nie in Verlegenheit kommen! Aber so du
manchmal auf eigene Faust Rechnung machst, kann es dir noch oft so geschehen
wie jener aberwitzigen Fliege, die auf dem Rücken des starken Pferdes, das
einen großen Lastwagen zog, den Schweiß schlürfend – am Ende zu glauben anfing,
daß sie den Wagen ziehe. Als aber dann das Pferd eine Rast nahm, mußte die
Fliege mit großer Beschämung gewahr werden, wie gar nichts ihre vermeintliche
große Kraft gegen die kolossale Kraft eines Pferdes ist. Daher kehre nur zu
jenem Kräftigsten zurück: mit Ihm kannst du schon ziehen, aber ohne Ihn,
Freundchen, tut's sich auf keinen Fall!“
[BM.01_113,09] Martin kehrt nun eiligst zu
Mir wieder und spricht: „Aber Herr, die haben mich gewaschen, ganz gehorsamer
Diener! Nein, so knapp hat mir noch nie jemand meinen Mund gestopft. Aber man
kann ihnen nichts einwenden; sie haben leider recht!“
[BM.01_113,10] Rede Ich: „Da sieh den Borem
an! Siehe, er tut nie etwas ohne Meinen Auftrag und rennt daher nirgends an. Du
aber möchtest dich manchmal so ein bißchen hervortun, und da rennst du an! Ja,
Mein lieber Martin, hier muß man die Gäste ganz anders behandeln als auf der
Erde. Sonst stößt man leicht auf einen, den man belehren möchte, an dem man
aber am Ende gewahr werden muß, daß man ihm nicht einmal die Schuhriemen lösen
kann! Wie oft wirst du wohl noch anrennen müssen, bis du klug wirst?“
[BM.01_113,11] Spricht Martin: „O Herr, man
sagt, ein Esel ginge nur einmal aufs Eis, dann hätte er genug. In mir müssen
schon aller Esel Seelen vereinigt sein, von denen jede einmal den schlüpfrigen
Versuch machen will – sonst müßte ich ja um Deines heiligsten Namens willen
doch schon weiser geworden sein!“
[BM.01_113,12] Rede Ich: „Nun, es ist schon
alles wieder gut. Gib nur fein acht, was Ich will, dann wirst du ewig nimmer
anrennen! Nun aber labe dich nur wieder mit Brot und Wein, damit du recht stark
wirst, jenen Gast mit Borem hierher zu ziehen!“
114. Kapitel – Vom formwechselnden Wesen
Satans. Ein Wink über den Charakter Martins. Der Neulinge Ahnung von der Nähe
des Herrn. Chanchahs demütiges Schuldbekenntnis.
[BM.01_114,01] Nun spricht Chanchah ganz
betroffen: „Ach du meine Liebe – werden alle diese Gäste den gar zu gräßlichen
Anblick jenes Ungeheuers wohl ertragen? Und wird es uns wohl nichts Arges antun
können? O Lama, Lama, das wird ein gräßlichstes Schauspiel werden! Siehe, wie
es sich schon entsetzlich zu winden und bäumen beginnt! Ach Lama, welch ein
grauenhaftester Anblick! Welche Wut, welch furchtbarer Grimm sprüht aus seinen
gräßlichen Feueraugen! O du Freund, wenn dies Ungeheuer erst hier sein wird vor
uns, wer wohl wird es wagen, es anzusehen?“
[BM.01_114,02] Rede Ich: „Sei nur ruhig:
dieser Gast kann alle Gestalten annehmen, wie er sie gerade zu seinem vermeintlichen
Vorteil zu brauchen wähnt. Aber wir werden ihm hier das Rauhe schon
herunterarbeiten, wenigstens auf eine Weile! Daher fürchte dich nicht, es wird
schon alles gut gehen.“
[BM.01_114,03] Spricht Chanchah: „O liebster
Freund, o du meine Liebe, auf dich habe ich wohl – wie auf den Lama – mein
größtes Vertrauen; aber auf Bruder Martin halte ich dennoch keine gar zu großen
Stücke! Denn er tut so vorlaut. Wenn es jedoch dann an irgendeinen Ernst kommt,
zieht er sich aber bald so zurück, als wäre er dem bei weitem nicht gewachsen,
was er ausführen sollte oder wollte. Daher meine ich, er wird beim
Hierherführen jenes schaurigsten Ungeheuers leicht wohl mehr Ungünstiges als
Günstiges bewirken. Borem wohl, der ist ein Mann voll Weisheit und voll
gerechter Kraft, auf den kann man schon bauen! Martin aber ist und bleibt ein
Pehux (schußliger Mensch), der sich viel zutraut, aber dann nichts vermag, so
es ernstlich darauf ankommt!“
[BM.01_114,04] Rede Ich: „Mein Liebchen, du
hast freilich nicht ganz unrecht; aber er füllt dennoch seinen nunmaligen Platz
vollkommen aus. In der großen Ordnung Lamas sind auch solche Wesen nötig, die
ohne viel Nachdenken sich gleich über eine Sache hermachen, ob sie derselben
gewachsen sind oder nicht. Das bewirkt, daß dann auch andere angeeifert werden,
auch etwas zu tun, und oft viel klüger als derjenige, der ohne viel Überlegung
den Anfang machte! Die gar zu Weisen sind nicht selten zu mückenfängerisch. Sie
getrauen sich oft aus lauter Tiefsinn nicht, eine Sache anzugreifen, solange
nicht alle ihre Weisheitsgründe für eine Sache ganz auf ein Haar passen. Und so
müssen auch Martins sein, die weniger Weisheit, aber dafür einen großen
Tateifer in sich tragen, der oft besser ist als zuviel Weisheit. Daher sei du
wegen Martin nur ganz ruhig; er wird seine Sache schon recht machen, so er sie
nach Meinem Auftrage angreift und vollzieht.“
[BM.01_114,05] Spricht Chanchah: „Ach ja, das
sicher! Daß du hier der Weiseste bist, ist nur zu einleuchtend meinem Herzen.
Aber daß ich noch immer nicht weiß, wer du ganz eigentlich bist, dies einzige
ist mir nicht recht an dir! Sieh, du sagtest jüngst zu mir, als ich dich bloß
nach dem Namen fragte, daß meine Liebe zu dir mir schon alles verraten werde.
Aber wie unbegreiflich mächtig ich dich auch liebe, so kann ich's aber doch von
nirgend erfahren und noch weniger aus mir selbst, wie du heißt und wer du
eigentlich bist. O du mein über alles geliebter Freund, o sage mir doch deinen
Namen!“
[BM.01_114,06] Rede Ich: „Liebste, holdeste
Chanchah! Siehe, an dem alleinigen Namen liegt vorderhand ohnehin nichts, so du
noch nicht erkennen kannst, was alles an den Namen gebunden ist. Wenn du aber
auf alles, was Ich rede, recht gemerkt hättest, wärst du mit Mir schon so
ziemlich im reinen! Gib aber von jetzt an auf alles acht, was und wie Ich reden
werde, und wie die andern zu Mir und mit Mir reden werden, und was auf Mein
Wort, wenn Ich etwas gebiete, sich alles gestalten wird, dann werden wir beide
uns leicht und bald näher erkennen. Aber nun sei standhaft und unerschrocken.
Denn Martin und Borem haben von Mir schon den Wink erhalten, das Ungeheuer
hierher zu führen. Siehe, sie lösen dem Tobenden bereits die Ketten!“
[BM.01_114,07] Chanchah wird nun ganz stumm.
Gella aber tritt mutig zu ihr und spricht: „Chanchah, wenn dir die endlose
Kraft und Macht dieses Freundes wie mir bekannt wäre, würdest du dich an Seiner
Seite wohl vor tausend solchen Ungeheuern weniger fürchten denn vor der
kleinsten Mücke!“
[BM.01_114,08] Chanchah erschrickt förmlich
und spricht hastig: „Schwester, was sprichst du! Ach, rede fort, rede von ihm,
den ich so endlos liebe! Kennst du ihn? Kennst du diesen Herrlichsten – o so
rede, rede schnell! Sollte etwa meine geheime Ahnung an ihm sich erwahren?! O
Lama, dann ist Chanchah entweder das glücklichste Wesen der Himmel oder aber
das unglücklichste der Unendlichkeit!
[BM.01_114,09] Denn siehe, ich bin eine gar
große Sünderin vor Lama, da ich in meinem Lande einmal einen Verrat an seinen
vorgeblichen Boten verübt habe, die dann alle übel um ihr Leben gekommen sind.
Waren sie wirklich Lamas Boten, dann wehe mir, so meine große Ahnung sich hier
erwahrt! Denn von dem auf ewig verstoßen zu sein, den man so unendlich liebt –
o Schwester, kennst du noch eine größere Qual? Nur dann, so jene von mir
Verratenen Frevler, Betrüger und somit keine Boten Lamas waren – was ich jedoch
nicht entscheiden kann –, dann freilich würde mir des Allgerechtesten Antlitz
sicher erträglicher sein! Daher rede, rede; doch, ach Schwester, rede nicht –
denn zu unerträglich könnte mein Herz deine zu frühe Enthüllung durchbohren!
Oh, laß mich noch eine Weile in süßer Ungewißheit schwelgen!“
[BM.01_114,10] Mit diesen Worten sinkt sie
wie ohnmächtig zu Meinen Füßen. Ich aber stärke sie und richte sie vollends
wieder auf.
115. Kapitel – Ergreifende Versöhnung
zwischen dem Jesuiten Chorel und Chanchah. Des Herrn Freude über Chanchahs
Liebe.
[BM.01_115,01] Im selben Momente aber kommt
eben derjenige Jesuit, den die Chanchah verriet, mit noch einigen seiner
Kollegen, fällt vor Mir auf die Knie und spricht:
[BM.01_115,02] (Ein Jesuit:) „O Herr, o
Vater, nun erst haben unsere Herzen Dich erkannt! O vergib uns unsere so lange
Blindheit, die es nicht zuließ, Dich so zu erkennen, wie Du bist – so gut, so
sanft, so mild, so endlos herablassend!“
[BM.01_115,03] Rede Ich: „Stehet auf,
Kindlein, und machet nun kein Aufsehen; denn es gibt noch welche, die Mich noch
nicht vollends erkennen dürfen ihrer Freiheit wegen. Ihr wisset, daß der Töpfer
am besten weiß, wann es Zeit ist, den Topf von der Drehscheibe zu heben. Bleibt
nun hier und bezeuget, was Übels jener Drache an euch getan hat, den Martin und
Borem soeben hierher ziehen. Du, Chorel, aber zeige dich nun auch hier dieser
Chanchah, die dich einst in China an den Kaiser verriet, und die nun hier ob ihrer
übergroßen Liebe sich Mir zunächst befindet, aus welcher Nähe sie schwerlich
die Ewigkeit verdrängen wird!“
[BM.01_115,04] Chorel befolgt sogleich Meinen
Auftrag und stellt sich gar freundlich der Chanchah vor. Diese erkennt ihn
sogleich und erschrickt vor ihrem vermeintlichen Ankläger.
[BM.01_115,05] Chorel aber fragt sie:
„Chanchah, warum erschrickst du vor mir? Tatest du nicht, was dein Gewissen dir
gebot? Ich selbst habe dich ja gelehrt, daß das nur Sünde sei, was ein Mensch
tut wider die Stimme seines Gewissens; denn des Gewissens Stimme ist Gottes
oder Lamas Stimme in uns. Du achtetest mich anfangs ja sehr hoch, da du in mir
und meinen Gefährten wirkliche Boten Gottes ersahest. Später aber entdecktest
du durch deinen weiblichen Scharfsinn an uns einen Hochverrat und brachtest es
durch deine List am Ende dahin, daß wir dich in unser Vorhaben einweihten. So
war es dann ja sogar deine Pflicht als eine Chinesin, mit allem Eifer unser
böses Vorhaben anzuzeigen und dadurch viel Unheil von deinem Vaterlande
abzuwenden.
[BM.01_115,06] Obschon wir dann schrecklich
gezüchtigt wurden, bist du dennoch nicht im geringsten schuld daran, sondern
allein wir selbst, darum wir den heiligen Zweck unserer Sendung in einen so
schmählichen Unfug verkehrt haben! Denn wären wir, und besonders ich, dem Zweck
unserer Sendung treu geblieben, würdest du wohl eine der eifrigsten Christinnen
geworden sein, samt einer Menge deiner Stammesverwandten. Da wir aber nur zu
bald – von den großen Schätzen deines Landes geblendet – unserem heiligen Zweck
abhold wurden, verloren wir dann auch alles samt unserem wenig werten Leben.
[BM.01_115,07] Du ersiehst daraus gar leicht,
daß wir alle unmöglich gegen dich eine Anklage haben können, sondern eher das
Gegenteil zu befürchten hätten. Somit hast du, holdeste, treuherzigste
Chanchah, vor uns wohl ewig nie den leisesten Grund zu erschrecken, da doch wir
mit Grund vor dir nicht erschrecken, die du uns wohl anklagen könntest! Vergib
uns aber, du Geliebte des Allerhöchsten, damit wir endlich frei von aller
Schuld Dem nahen dürfen, dessen Namen unsere Zungen ewig nimmer wert sind
auszusprechen!“
[BM.01_115,08] Chanchah ist über dies
Bekenntnis Chorels innigst gerührt und spricht: „O liebe Freunde, hier in
diesen Hallen gibt es keine Schuld mehr; und gäbe es eine, so tilgt sie für
ewig meine Liebe zu Lama! Denn mein Herz sagt mir: ,Deine Liebe zum Lama – ist
Lama Selbst in dir!‘ Freunde, diese heilige Liebe kennt keine Schuld, sondern
überall nur liebe Brüder und Schwestern, und das auch dann, wenn diese noch in
ihrem Irrtume wandeln! Meine Anklage gegen euch aber sei: daß ich euch alle
liebe und achte wie mein eigenes Leben! Habt ihr dagegen etwas einzuwenden?“
[BM.01_115,09] Chorel und seine Kollegen
weinen freudig über diese herrlichen Worte Chanchahs und Chanchah weint mit.
[BM.01_115,10] Ich aber wende Mich zur
Chanchah und sage: „Du herrlichste Blume Meines Herzens, komm her und lasse
dich umarmen! Wahrlich, solch eine Liebe ist überaus selten und kaum eine so
rein!
[BM.01_115,11] O du Lieblichste, du bist nun
endlos glücklich, da du Mich so sehr gewonnen hast. Aber auch Ich als dein
Geliebter bin überglücklich, da Ich in dir, einer Heidin, eine Liebe gefunden,
dergleichen in der Christenheit außer einer Magdalena und der Mutter Meines
Fleisches kein drittes Beispiel aufzuweisen ist!
[BM.01_115,12] O Chanchah, Chanchah, du hast
es weit gebracht, noch weißt du nicht, wie weit! Aber die jüngste Weile wird
dich in eine Tiefe versetzen, von der du noch keine Ahnung hast! Deine Augen
sollen noch eine kurze Weile gehalten sein, damit du dann desto seliger werden
sollst. Daher gedulde dich noch eine kurze Weile! – Nun aber fasset euch alle;
die beiden ziehen den Drachen hierher schon über die Mitte des Saales und
werden sogleich mit ihm hier sein!“
116. Kapitel – Eine Szene mit Satan zur
Belehrung der Gotteskinder. Martins Wortgefecht mit Satan. Martin in der Enge.
Des Herrn Rat.
[BM.01_116,01] Martin schreit schon von
weitem: „Herr, hilf uns, hilf uns! Die Bestie tut uns sonst Übles an; mit aller
Kraft können wir uns ihrer kaum mehr bemächtigen!“
[BM.01_116,02] Rede Ich: „Satan, gehorche
deinem Herrn!“
[BM.01_116,03] Brüllt der Drache: „Dir
gehorche ich nimmer! Keinen Herrn erkenne ich über mir!“
[BM.01_116,04] Rufe Ich: „Willst du Meinem
Vaterworte nicht gehorchen, so wirst du wohl Meiner Allmacht keinen Trotz
bieten können, was du schon so oft erfahren hast! Ich rufe dich daher noch
einmal als Vater und Herr und sage: Hierher komme und rechtfertige dich!“
[BM.01_116,05] Brüllt der Drache: „Nein,
nein, nein! Dir gehorche ich nimmer; denn ich allein bin der Herr der
Unendlichkeit, und Du bist, was Du bist, nur durch mich!“
[BM.01_116,06] Rufe Ich: „Satan, trotze Gott,
deinem ewigen Schöpfer, nicht länger, sonst erreicht dich hier dein ewig
unerbittlichstes Gericht!“
[BM.01_116,07] Brüllt abermals der Drache:
„Ich, Dein Herr, will Dir und Deinem elendsten Gerichte ewigen Trotz bieten!
Schaffe mich von dieser Stelle, so Du es vermagst!“
[BM.01_116,08] Nun ergreife Ich ihn mit der
Macht Meines Willens, schleudere ihn samt seinem Anhang vor Mich und halte ihn
so, daß er daliegt wie tot!
[BM.01_116,09] Martin fragt ihn schnell,
warum er (der Drache) jetzt nicht getrotzt habe.
[BM.01_116,10] Ich aber sage: „Lasset ihn
nun, bis er zu sich kommt; da soll es sich zeigen, was er nun vorbringen wird!“
[BM.01_116,11] Spricht Martin: „O Herr, nur
jetzt möchte ich meiner Zunge auf kurze Frist freien Lauf lassen, um diesem
über alle menschlichen Begriffe dümmsten Wesen einige wohlgenährte Wahrheiten
hinters Ohr zu schleudern! Wie ich nun auf diesen ungeheuren dümmsten Trotzbold
erpicht bin, kann ich gar nicht aussprechen! Vor seiner höchst lächerlichen,
greulich dümmsten Gestalt scheue ich mich schon ganz und gar nicht, sondern ich
muß darüber nur – freilich ärgerlich – lachen!“
[BM.01_116,12] Rede Ich: „Wenn du schon eine
gar so große Passion hast, es mit Meinem Erzfeinde aufzunehmen, so versuche
immerhin dein Glück; aber sieh zu, daß du nicht den kürzern ziehen wirst! Es
soll ihm zu dem Behufe bloß die Zunge freigelassen sein. Denn würde Ich ihn
ganz frei lassen, da würde er mit dir wie ein Löwe mit einer Mücke spielen! Ja,
Ich sage dir, ohne Mich würde seiner Kraft, die er noch hat, wohl die ganze
Schöpfung keinen Trotz bieten können! Aber bloß mit seiner Zunge, die nun
gelöst ist, kannst du es schon ohne Schaden versuchen, ob du ihrer Meister
wirst. Somit fange nur an, deine scharfen Wortpfeile hinter seine Ohren zu
treiben!“
[BM.01_116,13] Martin tritt nun ganz mutig
und knapp vor den Rachen des Drachen und fängt an, folgende Beißfragen an ihn
zu richten: „Höre, du allerdümmstes Vieh der ganzen Unendlichkeit! Was willst
du von Gott mit deinem alten, allerlächerlichsten Trotze denn erstreben? Sind
einige Ewigkeiten noch nicht hinreichend, dir zu zeigen, daß du das
allerdümmste Luder der ganzen Unendlichkeit bist?! Siehe, von einem Esel sagt
man doch, daß er nur einmal aufs Eis tanzen gehe. Was soll man aber von dir
sagen, du uraltes, alle Welten, Vieh und Menschen betrügendes Mistvieh! Ist
dein Saugehirn denn noch nicht genug ausgebacken worden im Höllenfeuer durch
einige Dutzend Dezillionen Jahre oder Ewigkeiten – vorausgesetzt, daß deine
unendliche Dummheit von einer Dezillion einen Begriff hat? Gib Antwort,
dümmstes Luder, wenn du eine Antwort geben kannst!“
[BM.01_116,14] Spricht der Drache: „Höre, du
naseweiser Blindkopf! Ein Löwe ist kein Mückenfänger. Und ich als ein
urgesetzter Geist bin wahrlich in meinem größten Elende zu großherzig, mich mit
einem Nomadengeiste abzugeben! Dir vergebe ich aber schon darum gerne, da du
auf der Erde ja ein guter Arbeiter für mein Reich warst. Also nichts für ungut,
mein lieber Martin!“
[BM.01_116,15] Diese Erwiderung bringt den
Martin ganz außer sich. Kaum hat er noch Fassung genug, solch eine
Geringschätzung seiner Person zu ertragen und die schließliche Anklage
anzuhören. Er holt daher sehr tief Atem und spricht:
[BM.01_116,16] (Martin:) „O du elendster
Bösewicht, wie kannst du es wagen, mich, einen Bürger des Himmels, hier in der
vollsten Gegenwart Gottes so schändlichst zu erniedrigen! Weißt du nicht, wie
es geschrieben steht? Siehe, also steht es: ,Wehe dem, der sich vergreifen wird
an einem Meiner Gesalbten!‘ Ich, als ein Bürger der Himmel Gottes, werde etwa
auch ein Gesalbter des Herrn sein? Meinst du wohl, der Herr wird dir solch
einen Frevel ungerächt lassen, Elendster?!“
[BM.01_116,17] Spricht der Drache: „Höre du,
Martin: Ich, den du allzeit den Fürsten der Lüge gescholten hast, solange du auf
der Erde lediglich in meinem Solde standest und arbeitetest, habe dir in aller
Gelassenheit nur die nackte Wahrheit auf deine wahrhaft bübische Beschimpfung
meines elendsten Wesens erwidert. Und siehe, du als ein von Gott gesalbter
Himmelsbürger fährst auf ärger denn ein entzündetes Pulverfaß auf der Erde und
warnst mich unter Androhung göttlicher Rache, dein gesalbtes Haupt nicht
anzutasten!
[BM.01_116,18] Sage mir aber, woher du das
Recht hast, mich so zu beschimpfen vor Gott?! Bin ich nicht wie du aus Gott,
nur mit dem Unterschied, daß ich ein unendlicher Teil aus Gott bin! Du aber ein
Staub des Staubes am Staube aus mir nur, vom Herrn wieder aufgeklaubt aus der
Spreu vollster Nichtigkeit und umgewandelt zu einem winzigsten Menschengeiste!
[BM.01_116,19] Hast du aber irgendeine
Achtung vor Gott, so achte alles, was aus Ihm ist und nicht allein dein
gesalbtes Haupt, an dem dir mehr als am Herrn zu liegen scheint! Oder hast du
mit deinem gesalbten Haupte jene endlosen Urtiefen der Gottheit so auf ein Haar
ausgemessen, daß du dann mit ewigem Weisheitsgrunde mir entgegentreten könntest
und sagen: ,Warum bist du so, wie du nicht sein sollst?‘
[BM.01_116,20] Kannst du mir beweisen, daß
ich nicht so bin, wie ich aus dir ewig unerforschlichen Schöpfungsgründen sein
muß, auf daß du das Bißchen sein kannst, was du bist? Oder gibt es wohl einen
Töpfer, der ohne Drehscheibe einen Topf macht? Was aber die Drehscheibe dem
Töpfer ist, das ist alle Welt dem Schöpfer. Ich aber bin die Materie aller
Welt, somit auch die Basis. Ich bin also der gefestete Gegensatz, durch den
alles spezielle Werden und Sein erst bedingt werden muß, um als solches sich in
der Unendlichkeit manifestieren zu können!
[BM.01_116,21] Du kannst daraus mit deinem
gesalbten Haupte entnehmen, daß ich in der großen Ordnung Gottes sicher auch
notwendig bin. Und daß Gott durch meine Urgestaltung sicher keine Unweisheit
zum Grunde alles Seins und Werdens gesetzt hat. Sage, daß es also ist – so du
das einsiehst und Gott die vollste Achtung geben willst! Wie siehst du denn mit
deinem gesalbten Haupte nicht ein, daß du, so du Gottes Werke lästerst, auch
notwendig Gott Selbst lästerst und Ihn – freilich in deiner verzeihlichen
großen Dummheit – einen barsten Pfuscher nennst?!
[BM.01_116,22] Daher, mein lieber Martin, sei
du ruhig! Denn es werden wohl viele Ewigkeiten verrinnen, bis du nur den
dezillionsten Teil eines Atoms jener unendlichen, tiefsten Verhältnisse
zwischen mir und Gott fassen wirst! Übrigens: muß es dir als einem gesalbten
Friedensbürger der Himmel Gottes nicht sonderbar vorkommen, von mir, Satan,
Sanftmut zu lernen?
[BM.01_116,23] Martin, so du mir etwa doch
etwas zu sagen hast, so rede! Aber rede wie ein Weiser und nicht wie ein
dümmster, ausgelassener Gassenjunge auf der Welt. Bedenke, daß du hier vor Gott
und Seinem größten urgeschaffenen Geiste stehst, an dem dir höchstens nur seine
Gestalt und sein dir ewig nie begreifbarer Trotz deiner Dummheit halber
ärgerlich auffallen!“
[BM.01_116,24] Martin stutzt nun ganz
gewaltig und weiß nicht, was er sagen soll. Er sieht bald Mich, bald wieder den
Drachen an und fragt Mich geheim: „Herr, was ist das? Was soll ich darauf dem
Drachen erwidern? Er scheint mir unbegreiflichermaßen in aller Tiefe der Tiefen
am Ende auch noch recht zu haben!?
[BM.01_116,25] Der Teufel – und recht haben,
das paßt aber ja doch wie eine Faust aufs Auge! Aber was soll ich da sagen,
wenn der Teufel am Ende doch noch recht hat?! Nein, wenn das nicht verfl - -
hätte bald gesagt – ist, so will ich doch alles heißen! Der – Teufel und recht
haben!“
[BM.01_116,26] Rede Ich: „Du hast dich ja mit
ihm in einen Wortkampf einlassen wollen, also kämpfe nur noch weiter; denn vom
Teufel darfst du dich nicht besiegen lassen! Daher suche ihn nun zu bekämpfen
nach deiner Lust. Rede sonach weiter mit ihm und widerlege ihm, was er dir
gesagt hat!“
[BM.01_116,27] Spricht Martin: „Oh, das wird
eine schöne Widerlegung werden! O je, o je! Ich – und der?!“
117. Kapitel – Martins Versuchung durch Satan
in der verführerischen Gestalt der Satana.
[BM.01_117,01] Nach einer Weile wendet sich
Martin doch wieder zum Drachen und spricht: „Höre, du unverbesserlicher
Verderber alles Lebens, du Unwesen, du alter Held der Geistesnacht und
unbarmherzigster Todbringer aller armen Seelen! Du redest wohl wie ein
Grundweiser. Aber dein Wille ist es nicht, der dir so zu reden gebietet,
sondern deine nun tief empfundene Ohnmacht nur, in der du dich durch die
unendliche Macht des Herrn durch und durch ergriffen befindest! Wärest du frei
– tausend Leben setze ich da auf eins! –, da würdest du eine ganz andere Rede
führen!
[BM.01_117,02] Wohl weiß ich, daß du als ein
erster, größter Geist voll Licht und Klarheit aus Gott hervorgegangen bist.
Deine Macht war eine, die alle Räume durchdrang, und dein Licht strahlte wie
ein Gottesauge! Aber ich weiß auch, daß dich Gott nicht für den Fall, in dem du
nun schon einige Ewigkeiten hartnäckig verharrst, sondern nur für die
allerhöchste Auferstehung des freiesten und seligsten Lebens aus Sich
hervorrief!
[BM.01_117,03] Sage – warum stehst du denn
nicht auf solcher Stufe, auf der du nach dem Willen Gottes stehen solltest?
Warum bist du fortwährend der allerschroffste Gegensatz des Gotteswillens?
Warum willst du lieber in der gräßlichsten Qual für ewig verharren, als zum
Herrn, deinem Gott und Vater, dich wenden, und als solch ein zurückgekehrter
verlorener Sohn ein endloses Unmaß der ewigen Vaterliebe genießen in aller
Freiheit und höchsten Machtvollkommenheit! Rede, wenn du dazu Weisheit in
Genüge besitzest!“
[BM.01_117,04] Spricht der Drache: „Sieh,
Martin, diese Fragrede ist schon bei weitem vernünftiger als deine früheren und
macht deinem Geiste Ehre. Da kommen wirklich Dinge vor, die einer besseren
Antwort wert sind! Aber weißt du, bevor ich jemandem solche Punkte aus aller
Tiefe der Tiefen beantworte, fühle ich zuvor jedermann auf den Zahn, ob er wohl
auch fähig ist, das zu fassen, was ich ihm zur Antwort bringe!
[BM.01_117,05] Ich bitte darum den Herrn – so
Er's will, daß ich dir darauf antworten soll –, mir nur auf eine kurze Weile
volle Freiheit zu gewähren. Und zwar unter der heiligen Garantie, daß ich weder
dir noch jemand anderem auch nur ein Haar krümmen wolle! Wirst du meine Probe
bestehen, so will ich dir alle deine Fragen beantworten. Wenn nicht, so wird
das ein Zeichen sein, daß du für zu tiefe Weisheit noch lange nicht reif bist.
Schließlich füge ich auch noch bei, daß ich dir nur dann auf den Zahn fühlen
werde, so du auf die Beantwortung deiner Fragen dringst und es so willst! Nun
entschließe dich!“
[BM.01_117,06] Martin wendet sich wieder an
Mich und fragt Mich, was er tun solle.
[BM.01_117,07] Rede Ich: „Wer ein Werk
beginnt, der muß es auch vollenden; das ist allen wahren Lebens erste
Ordnungsregel. Daher mußt du schon tun, was dein Gegner dir als Bedingung
setzt. Aber Ich sage dir, sei fest! Denn dieser Geist ist ein höchst schlauer
Geist, und seine Prüfungen sind überfein gelegte Fallstricke!“
[BM.01_117,08] Darauf Mich zum Drachen
wendend, sage Ich: „Du bist frei auf wenige Augenblicke; mißbrauche diese Gnade
nicht!“
[BM.01_117,09] In diesem Augenblicke
verschwindet der schauderhafteste Drachenpanzer. Aus dem Panzerstaube erhebt
sich eine so unendlich schöne weibliche Gestalt, gegen die alle weiblichen Schönheiten
der Sonne endlos weit zurückweichen müssen! Eine Weichheit, die nichts
Ähnliches aufzuweisen hat, eine Rundung, ein Adel in allen Gliedern und
Gelenken, eine unfaßbare Zartheit und Weiße der Haut, wie der endlose Raum kein
zweites Beispiel mehr hat. Auf dem unendlich schönen Leibe sitzt ein Haupt,
dessen majestätische Schönheit jede Vorstellungskraft tief zurückläßt!
[BM.01_117,10] Als Martin diese Gestalt vor
sich ersieht, diese für ihn nie geahnte Schönheit, die ihn dazu noch
überfreundlichen Blickes mit unendlich zarter, wohlklingendster Stimme fragt:
[BM.01_117,11] (Satana:) „Nun, lieber Martin,
so du es willst, will ich dir deine Fragen beantworten. Aber sage mir nur
zuvor, ob du mich wohl lieben könntest, so ich dich lieben möchte mehr denn mein
Leben! Könntest du mich lieben und durch solche deine Liebe mich erretten von
meiner dir wohlbekannten endlos großen Qual? O Martin, rede, rede!“
[BM.01_117,12] Da ist Martin ganz weg. Er
kann vor Staunen über Staunen zu gar keinem Atem kommen. Die ungeheueren Reize
dieses Wesens wirken so auf ihn ein, daß er geradezu in ein förmliches Fiebern
gerät! Vom Reden- oder Sprechenkönnen ist vorderhand bei ihm nun keine Rede
mehr. Er stammelt bloß einige verworrene Laute und reißt Mund und Augen nur
stets weiter auf. Jede Fiber seines Wesens wird zur glühendsten Liebe zu dieser
für ihn zu unerträglichen weiblichen Schönheit.
[BM.01_117,13] Nach einer langen Weile dieses
seines Stets-glühender-Werdens schreit er (Martin) endlich aus allen Kräften:
„O Himmel, Himmel, Himmel aller Himmel! Wer kann dich sehen und nicht lieben?!
Ich liebe, liebe, liebe dich unendlich! Wenn du unglücklich bist, du schönstes,
reizendstes Wesen aller Wesen, wenn du leiden mußt: wer kann wohl glücklich
sein, so er dich gesehen und weiß, daß du leidest?!
[BM.01_117,14] Wenn ich dich nicht retten
kann, oh, dann will ich lieber ewig mit dir leiden, als aller Himmel Seligster
sein ohne dich! Für dich möchte ich Unendliches bieten, so ich's hätte! Tausend
Leben gäbe ich für ein Atom deines Wesens! O du endlos herrlichstes Wesen! – O
rede, rede, was soll ich tun, um dich zu retten, – ewig für mich zu gewinnen?!“
[BM.01_117,15] Spricht der verwandelte
Drache: „O du herrlichster Martin, so du mich liebst, wie du hier beteuerst, so
gib mir hier einen feurigsten Kuß! Dieser Kuß wird mich auf ewig retten und zur
süßesten Gefährtin deines ewigen Lebens machen!“
[BM.01_117,16] Spricht Martin, voll von
höchster Entzückung: „O du Himmel der Himmel! Nicht nur einen, sondern eine
Trillion Küsse sollst du haben!“
[BM.01_117,17] Schnell will er seine Aufgabe
lösen und springt förmlich hin. Aber welch ein Gesicht macht er, als ihn dies
Wesen mit verächtlichster Miene zurückstößt und ruft:
[BM.01_117,18] (Satana:) „Zurück, elender
Geilbock, du hast deine Probe schlecht bestanden und bist fürder keiner Antwort
von mir wert! Nichtswürdiger, wie konntest du Gott vergessen und dich mir in
die Arme werfen – mir, dem Feinde alles Lebens, das nicht dem meinen gleicht! O
du schwache Kreatur, du Auswurf aller Häßlichkeit!
[BM.01_117,19] Martin sinkt ohnmächtig zurück
und der Drache nimmt wieder seine frühere Gestalt an.
118. Kapitel – Aufrichtung und Belehrung des
gefallenen Martin durch Borem. Des Herrn Ermahnungen an Martin.
Unzertrennlichkeit von Besitz und Besitzer im Himmel.
[BM.01_118,01] Borem tritt zu Martin hin,
erhebt ihn und spricht: „Lieber Bruder, siehe, du bist zu eifrig! Laß in der
Zukunft nur den Herrn handeln! Wir aber wollen nur das tun, was uns der Herr
anbefiehlt, da werden wir allzeit am allerbesten drauskommen.
[BM.01_118,02] Mit solchen Wesen es
aufzunehmen, wie dieses da, gehört sehr viel mehr dazu, als wir jetzt zu fassen
imstande sind! Mit diesem Wesen aber kann gar kein Engel es aufnehmen für sich,
sondern allein mit der knappsten Hilfe des Herrn. Denn diesem Urdrachen stehen
ja tausend und abertausend der feinsten Trugmittel aus ihm selbst zu Gebote,
durch die er alle Himmel berücken könnte, so es ihm vom Herrn zugelassen würde!
Wenn aber schon alle Bürger der Himmel vor ihm ohne die Dazwischenkunft des
Herrn durchaus nicht sicher wären, was wollten dann wir zwei als kaum Neulinge
dieses Reiches gegen ihn ausrichten!
[BM.01_118,03] Siehe, als Michael, aller
Himmel mächtigster Engel, mit diesem Drachen um den Leib Mosis rang, ward er
überwunden. Und er konnte als Besiegter nichts tun, als das Gericht des Herrn
über dies allerböseste Wesen rufen, das allein imstande war, diesem Drachen die
Beute zu nehmen!
[BM.01_118,04] Wenn aber schon ein Michael
gewisserart den kürzeren ziehen mußte, was sollen dann wir beide mit ihm
ausrichten? Daher sei in alle Zukunft überaus vorsichtig bei irgendeinem, vom
Herrn bestimmten nötigen Zusammenstoß mit solchen Wesen; denn ihr Wesen ist
eitel Grundböses und Falsches!
[BM.01_118,05] Nun erhebe dich nur wieder und
danke dem Herrn, der ganz allein dich nun von einem großen Übel befreit hat!
Denn wenn es auf Satan angekommen wäre, so hätte er von dir den Kuß auf jeden
Fall angenommen. Aber dadurch hätte er dann auch all deine himmlische Liebe in
seine höllische verkehrt und hätte dich durch seine weibliche Gestalt, die er
vor dir nicht leicht wieder abgelegt hätte, mit mehr als eheren Banden an sich
gekettet.
[BM.01_118,06] Aber im Augenblicke, als du
ihn küssen wolltest, ward er vom Herrn in seine eigentümliche böseste Natur
zurückgerichtet. Sein unendlicher Hochmut tauchte auf, und du warst von ihm
elendst zurückgestoßen, worauf er dann sogleich seine Drachengestalt annehmen
mußte. Der Herr also hat dich gerettet! Daher erhebe dich nun sogleich und
danke dem Herrn für die Rettung deines ganzen schwachen Wesens!“
[BM.01_118,07] Martin erhebt sich auf diese
gute Mahnung des Borem sehr schnell und stürzt zu Mir hin. Er bittet Mich um
Vergebung seiner Tollheit und dankt Mir allerinbrünstigst für die ihm erteilte
Rettung und Mahnung durch den Mund Borems.
[BM.01_118,08] Ich aber sage zu ihm: „Martin,
wie lange werde Ich dich noch in deiner nur zu oft wiederkehrenden Tollheit
ertragen müssen? Wann wirst du denn einmal anfangen, deinen oft gemachten
besten Vorsätzen vollends gemäß zu handeln? Wie viele Merkstölpel wirst du wohl
noch empfangen müssen, um weise zu werden für bleibend? O du verkehrte Art –
wieviel Geduld doch braucht es, um dich auf den rechten Weg zu bringen!
[BM.01_118,09] Erhebe dich nun; aber sei
endlich einmal klüger! Es ist genug, so du durch irgendeine Wirklichkeit nur zu
geschwinde dich hinreißen läßt. Aber sich auch von einem eitlen Truge bis auf
die letzte Lebensfiber besiegen lassen – sage, wieviel Schwäche gehört dazu!“
[BM.01_118,10] Martin schluchzt vor Reue und
bittet Mich unausgesetzt um Vergebung.
[BM.01_118,11] Ich aber beuge Mich alsbald
nieder, erhebe ihn und sage: „Siehe, nun stehst du wieder vor Mir frei, da Ich
dich aufgerichtet habe; aber wie lange wirst du wohl dich so aufrechterhalten?!
[BM.01_118,12] Siehe, jeder rechte
Himmelsbürger muß endlich unbedingt aus sich selbst vollkommen frei sein und
darf nicht fallen, wenn er einen noch so schlüpfrigen Weg auf eine Weile zu
betreten hätte! Was wird aber mit dir sein, so Ich dich vollends frei lassen
würde? Wirst du wohl das Gleichgewicht erhalten und nicht fallen, so du irgend
allein einen schlüpfrigen Weg wandeln solltest?“
[BM.01_118,13] Spricht Martin ganz
zerknirscht: „O Herr, laß nur Du mich nimmer aus. O laß mich nimmer völlig
frei, sonst bin ich verloren! Oh, ich verlange ewig von einer absoluten
Freiheit nichts! Wenn ich nur der Allerletzte bei Dir sein darf, bin ich ja für
alle Ewigkeiten völlig zufrieden! Also gib auch dieses Haus dem lieben Bruder
Borem, denn ich tauge durchaus nicht für solch einen zu überherrlichen Besitz!“
[BM.01_118,14] Rede Ich: „Sei nur ruhig, und
halte dich in deinem Herzen fest an Mich, so wird alles gut gehen. Aber diesen
Besitz kann Ich dir nicht abnehmen und dem Borem überantworten. Denn dir
solchen Besitz nehmen, hieße dein Leben nehmen und es einem andern geben. Denn
hier kann niemand etwas anderes besitzen als das nur, was aus ihm hervorgeht.
Solcher lebendige Besitz aber muß bleiben wie der Besitzer selbst, weil hier
Besitzer und Besitz unzertrennlich sind.
[BM.01_118,15] Aber nur mußt du dich in
solchem Besitze nie als ein Herr dünken, so wird dein Besitz immer herrlicher
und herrlicher werden! Jeder Himmelsbürger ist wohl ein freiester Besitzer der
Werke seines Geistes, seiner Liebe zu Mir; aber der alleinige Herr über jeden
Besitz wie über jeden Geist bin nur Ich!
[BM.01_118,16] Nun weißt du, wie hier die
Sachen stehen. Stehe daher aber auch du von nun an fest in Meiner alleinigen
Liebe, so wird dich dein himmlischer Besitz nimmer genieren!
[BM.01_118,17] Sorge dich auch nicht um
Borem, denn er hat für sich schon alles zur höchsten Genüge. Und wenn du
vollends reif sein wirst, dann wird er dich schon auch in seinen Besitz
einführen. Gehe aber nun hin zu Borem und tue, was er tut! Ich aber werde nun
mit diesem Gaste ein paar Wörtlein sprechen.“
[BM.01_118,18] Martin tut wie ihm geraten.
119. Kapitel – Des Herrn Zwiegespräch mit Satan.
Satans böswilliger Trotz. Des Herrn Gleichnis vom Erzgießer. Der gerettete
Anhang Satans.
[BM.01_119,01] Ich aber wende Mich an den
Drachen und Meine Worte lauten: „Satan, wie lange noch willst du Gott, deinen
ewigen Herrn, versuchen? Wie lange noch wird dein unbegrenzter Hochmut währen?
Was willst du erreichen Meiner unendlichen Macht gegenüber, die dich allzeit
völlig auflösen und vernichten kann! Und will sie schon das nicht, so kann sie
dich doch ewig auf das allerschärfste züchtigen!
[BM.01_119,02] Du weißt, daß diese Zeit deine
allerletzte ist; in dieser kannst du noch erstehen – oder fallen auf ewig! Was
willst du tun?! Dir ist Mein Wille nur zu bekannt, und wäre er das nicht, da
hättest du keine Sünde ewig. Da dir aber Mein Wille bekannt ist und der Lohn
wie auch die Strafe, so rede: Was wirst du tun?
[BM.01_119,03] Siehe, nun erhebt sich alles
wider dich! Alle Berge werden erniedrigt und die Täler ausgefüllt. Alle Kronen
und Throne der Erde, die du errichtet, werden in den Pfuhl geschleudert werden!
Was wirst du tun? Meiner Macht wirst du ewig nimmer Trotz bieten können; es
wird dir nichts mehr zugelassen werden! Also rede, was wirst du tun? Wirst du
dich erheben oder willst du fallen?
[BM.01_119,04] Siehe, unter dir der ewige
Abgrund – und siehe, hier bin Ich, ein Vater aller, die Mich lieben, und hier
Mein Tisch! – Wähle nun und entschließe dich schnell! Es sei!“
[BM.01_119,05] Spricht Satan: „Herr, ich
kenne Dich, kenne Deine Macht und meine entsetzliche Ohnmacht neben Deiner
unendlichen, ewigen Macht. Aber eben darum, daß ich alles das nur zu sehr in
aller Tiefe der Tiefen einsehe und meine Ohnmacht zutiefst fühle, sehe ich es
auch als einen Triumph meines Stolzes ein, daß ich Dir trotzen kann, ja, daß
ich dir ewig trotzen kann! Und ich sehe es auch ein, daß aller Deiner Macht
kein Mittel übrigbleibt, meinen Sinn zu beugen, zu siegen über meinen Willen –
außer durch meine völlige Vernichtung, was Du aber ewig nie als einen Sieg über
mich betrachten kannst! Denn ein geistiger Lebenssieg beruht nimmer auf der
möglichen gänzlichen Vernichtung des endlos schwächeren Gegenteils, sondern in
der weisesten Überzeugung dessen, was die vollste Freiheit der beiden Parteien
notwendig bedingt.
[BM.01_119,06] Diese Überzeugung aber beruht
stets auf der frei willkürlichen Annahme des Gegenteils. Dieses Gegenteil bin
aber ich, der ich es nie einsehen will, was Du auch rechtestermaßen willst. Und
so ich es auch einsehe, so will ich es dennoch nicht tun, um Dir zu zeigen, daß
es außer Deinem Willen noch einen anderen gibt, den alle Deine Allmacht ewig
nimmer beugen soll, solange Du mich bestehen läßt!
[BM.01_119,07] Denn siehe, es ist ein
leichtes, frei nach Deinem Willen zu sein. Aber Deine ewige Allmacht kennen und
Deinen Zorn, und in der eigenen Ohnmacht, ewig verzichtend auf alle Seligkeit,
in der größten Qual Dir, dem allmächtigsten Geiste dennoch zu trotzen – siehe,
das ist größer denn alle Größen, die Dein allsehend Auge ewig je irgend zu
erschauen wird vermögen!
[BM.01_119,08] Und siehe, das ist auch der
Grund meines steten Ungehorsams gegen Dich. In diesem Ungehorsam ersehe ich den
größten Triumph meiner Ohnmacht gegen Deine Allmacht darum, weil ich in solcher
Ohnmacht stets der freiwillige Sieger Deiner Allmacht, Weisheit und Liebe, wie
auch Deines Zornes verbleibe und Du mich nicht beugen kannst mit aller Deiner
Macht, Kraft, Liebe, Weisheit, Gericht und Zorn!
[BM.01_119,09] Ein Michael sein ist keine
Kunst, ein Gabriel sein keine Schwierigkeit, ein Uriel ein leichtes, ein
Seraph, ein Cherub eine himmlische Spielerei. Aber ein Luzifer sein, ein
erster, größter Geist nach Dir, wohl wissend, welche endlose Seligkeit Deine
endlose Liebe bietet, und daneben aber auch, welche stets steigende Qual Dein
Zorngericht! Dabei aber dennoch alle Seligkeit wie alle ewige Qual verachtend,
Dir aus der eigenen wohlbewußten Ohnmacht den unerschütterlichsten, ewigen
Trotz bieten, ohne eine leiseste Aussicht zu haben, dabei je etwas zu gewinnen,
sondern ewig nur endlos zu verlieren! Siehe, diese ohnmächtige Willensgröße
eines Geschöpfes ist endlos größer als alle Größe Deiner Göttlichkeit! Und
dieses Bewußtsein macht mich seliger in meiner größten Qual, als Du samt allen
Deinen Geistern und Engeln es je warst! Daher frage mich nimmer, wie lange ich
Dir noch trotzen werde. Meine Antwort wird stets die gleiche sein: Ewig, ewig,
ewig! Gott wird mich nimmer beugen!“
[BM.01_119,10] Rede Ich: „O du blinder,
finsterer Geist, wie groß doch ist dein Tod, in dem du wähnst, Mir Trotz bieten
zu können! Du hast eine Freude in deinem Wahne und bedenkst nicht, daß da jede
wahre wie deine falsche dir wie dein eigen dünkende Freiheit am Ende dennoch
Meinem Willen untertan sein muß. Wer hat je mit Mir Rat gehalten und wer Meine
Wege durchschaut? Weißt du denn wohl, ob das nicht Mein geheimer Wille ist, daß
du eben so sein mußt, wie du bist?! Weißt du es, ob Ich dich nicht schon von
Urbeginn zum Falle bestimmt habe?! Kann das Werk wohl je dem Werkmeister
vorschreiben, wie und wozu er es gestalten soll?
[BM.01_119,11] Ein Erzgießer verfertigt aus
einer feuerfesten Masse seine großen Schmelztiegel. Diese kommen in ein
mächtiges Feuer und in ihnen kocht dann das harte Erz. Und so es genug zerkocht
ist, da fließt es dann wie ein Wasser, und der Werkmeister läßt es fließen in
verschiedene brauchbare Formen. Ist das Erz in Formen gegossen, da werden diese
dann abgekühlt und erleiden keine Glut mehr. Der Tiegel aber bleibt in der
Glut, damit anderes Erz in ihm geschmolzen werde. Er wird nicht abgekühlt eher,
als bis er unbrauchbar geworden ist, wo er dann auch verworfen wird für immer
als eine zu nichts mehr brauchbare ausgebrannte Materie.
[BM.01_119,12] Bin Ich aber nicht ein
Werkmeister aller Werke der Werke? So Ich das aber bin und schaffe Mir
Werkzeuge, wie Ich sie brauche und haben will – sage, kannst du Mir dann
trotzen? Oder kannst du das Trotz nennen, wenn du so bist, wie du bist, und
nicht anders sein kannst als so nur, wie Ich es am Ende will?!
[BM.01_119,13] Ich aber bin kein harter
Erzgießer, sondern ein Meister voll Liebe, sodaß Ich sogar Meine Tiegel aus
ihrer langen Glut ziehen will, so sie es wünschen und in die Ordnung Meiner
freien Werke übergehen wollen. Wollen sie das aber nicht und macht es ihnen
mehr Freude, Meine ewigen Schmelztiegel zu verbleiben, so ist es Mir auch
recht, denn da brauche Ich Mir keine neuen zu schaffen. Bleiben sie aber
Tiegel, so sind sie, wie sie sein müssen, und unmöglich, wie sie sein wollen.
Denn ein Werkzeug kann nicht anders sein, als wie Ich es gestalte und haben
will.
[BM.01_119,14] Daher ist dein vermeintlicher
Trotz, an dem du eine Freude hast, auch nichts als eine Chimäre, entstammend
deiner großen Blindheit. Denn so wenig ein Topf zum Töpfer sagen kann: ,Ich
bin, wie ich will!‘, während ihn doch der Töpfer dreht und gestaltet, wie er
will – ebensowenig kannst du zu Mir sagen, daß du seist, wie du wollest,
während du doch nur sein mußt, wie und was du bist, wie Ich es will! Nur gebe
Ich, als die ewige Liebe selbst, dir nebst deinem Gerichte auch so viel
lebendige Freiheit, derzufolge du deinen qualvollsten Zustand fühlen, begreifen
und ändern kannst, so du es willst. Willst du es aber nicht, so bleibe, wie und
was du bist – nicht aber, weil du es so willst, sondern weil Ich es so will!
[BM.01_119,15] Willst du aber dein Los
verbessern, so werde Ich an deine Stelle ein anderes, Mir in deiner Art
dienliches Werkzeug setzen! – Rede nun, was du willst! Mir ist es völlig ein
gleiches, ob du bleibst, wie und was du bist – oder ob Ich, wie gesagt, an
deine Stelle ein anderes Werkzeug setze!“ –
[BM.01_119,16] Hier stutzt Satan gewaltig und
weiß nicht, was er sagen soll.
[BM.01_119,17] Sein zahlreicher Anhang aber
schreit: „O Herr, wenn also, oh, da erlöse uns aus unserer alten Qual und setze
an unsere Stelle neue, brauchbare Werkzeuge! Denn wir haben des Elends zur
Genüge verkostet und sind vom Feuer schon sehr morsch geworden. Daher erbarme
Dich unser und gestalte uns um, o Herr, nach Deiner Güte, nach Deiner Liebe!“
[BM.01_119,18] Als Satan solches vernimmt von
seinem Anhange, wird er wütend und brüllt und heult: „Wollt ihr nicht
teilnehmen an meiner Größe?! So bleibe ich auch nicht, was Gott will, sondern
was ich werde wollen! Stimmet mir zu!“
[BM.01_119,19] Schreit sein Anhang: „Narr,
was kannst du wollen, das Gott nicht wollte! Ist dein möglich freiester Wille
nicht Gottes Wille? Wolle du, was du willst, so kannst du aber dennoch nichts
wollen aus dir, sondern nur den Gotteswillen in dir, der allein allzeit und
ewig dein unbesiegbarer Richter bleiben wird! Tue du, wie du gerichtet bist;
uns aber hat nun Gottes Erbarmung ergriffen und läßt uns nimmer aus! Daher tun
wir nun auch nach unserem besseren Gerichte!“
[BM.01_119,20] Rede Ich: „So erstehet, ihr
Elenden, und euer Los werde ein freies! Du einer aber bleibe, so du willst, was
du bist! Was du auch nun immer tun willst, ist nicht dein, sondern Mein
Gottwille – und dein Wille in dir sei ewig ein Gericht aus Mir in dir!
[BM.01_119,21] Ich gebe dir aber noch zu
dieser endlichen, größten und tiefsten Belehrung eine kurze Frist, in der du
wohl überdenken kannst, was du und wie du bist! Willst du dein Los verbessert
haben, so wird es geschehen. Willst du es aber nicht, so wirst du bleiben, was
du nun bist so lange, bis aller gegenwärtigen Schöpfung letzter Gefangene
entkeimen wird durch den Weg des Fleisches! – Was aber dann mit dir, das weiß
Ich allein und niemand in der Unendlichkeit außer Mir!“
[BM.01_119,22] Bei diesen Worten stößt Satan
einen großen Schrei aus sich und eilt zur Tür hinaus. Sein Anhang aber wirft
seine Drachenpanzer von sich, und es stehen tausend gar elend aussehende Seelen
ganz nackt hier und bitten um Heilung und Linderung ihrer großen Schmerzen.
[BM.01_119,23] Ich aber berufe nun wieder
unseren Martin, den Borem und auch Chorel und heiße sie, zu führen diese
Elenden in das kühlende Bad. Die drei tun sogleich, wie Ich ihnen gebot, und
die tausend Elenden finden Linderung im Bade.
120. Kapitel – Chanchahs Erwachen aus ihrem
traumähnlichen Zustande. Des Herrn Erklärungen über die großen Vorgänge und
über Sich Selbst.
[BM.01_120,01] Unterdessen aber erwacht auch
Chanchah wie aus einem Schlafe an Meiner Seite und erinnert sich all des vor ihren
Augen Geschehenen nur wie eines lebhaften Traumes. Sie fängt sogleich an, von
Punkt zu Punkt Mir alles zu erzählen, was ihr nun geträumt hat. Nachdem sie mit
ihrer Erzählung fertig ist, fragt sie Mich, ob an solch ihrem Gesichte wohl
etwas daran sei.
[BM.01_120,02] Ich aber sage zu ihr:
„Chanchah, sahst du nicht ehedem, wie Borem und Martin den dir so
überschauerlichen Drachen an den Ketten hierher schleppen hätten sollen und wie
sehr sich dieser ihrer Kraft widersetzte? Und wie Ich dann, als Martin Mich mit
rechtem Einverständnisse Borems um Hilfe bat, mit Meiner Willensmacht
augenblicklich den Drachen hierher zu unseren Füßen schleuderte? Du hast
solches ja doch noch mit ganz offenen Augen gesehen!“
[BM.01_120,03] Spricht Chanchah: „Ja, du
Herrlichster, das habe ich wohl noch gesehen. Aber als der Drache zu knapp vor
uns lag, da ergriff mich ein zu mächtiges Grauen, daß ich darob in eine Art
Angstschlaf verfiel und die darauf folgenden Begebnisse mit diesem Ungeheuer
nur wie in einem Traume sah. Ungefähr so, wie ich bald nach der Ankunft in
dieser Welt auch in einen ähnlichen Zustand kam, in welchem ich mit Chorel
zusammentraf und mit ihm einen fürchterlichen Kampf habe bestehen müssen. Und
als ich darauf erwachte, kam mir dann auch alles so wie nun als ein schwerer
Traum vor.
[BM.01_120,04] Was ich bei vollem, wachem
Bewußtsein sehe, das kann ich wohl fassen, soweit meine kleine Erkenntniskraft
reicht. Was aber diese traumähnlichen Gesichte betrifft, so liegen sie zu weit
über dem Erkenntniskreise meiner Seele. Ich kann da nichts tun als allein an
dich mich wenden, da ich von dir die lebendigste Überzeugung habe, daß du
allein der Allerweiseste und Mächtigste dieses ganzen großen Hauses bist! O
erläutere mir daher dieses mein Gesicht!
[BM.01_120,05] In diesem Gesichte tastet und
sprachst du als der ewig heiligste Lama Selbst. Aber da ich nun wieder wache,
erschaue ich an dir aber auch nicht die allerleiseste Veränderung deines mir
bekannten Aussehens. Du kannst daher ebensogut ein mit aller Macht ausgerüsteter
Bote Lamas, wie hinter einer gerechten Maske auch der Lama Selbst sein! So viel
und nicht weiter kann ich mein Gesicht beurteilen; das Weitere und Richtigere
erwarte ich aber von dir, du meine alleinige Liebe! O zaudere nicht, zu tränken
mein Herz mit der Überfülle deiner Weisheit!“
[BM.01_120,06] Rede Ich: „Chanchah, wo ist
der Drache nun und wo sein Anhang? Siehe, du staunst nun plötzlich und sagst in
deinem Herzen: ,Bei Lama, dem Allerheiligsten! Nirgends mehr ist das Ungeheuer
zu ersehen! Und sein Anhang – und Borem, Martin und Chorel – wo sind sie?‘
[BM.01_120,07] Ich aber sage dir: Siehe,
Meine Kraft trieb den einen zur Tür hinaus so schnell, als da flieht der
schnellste Gedanke. Und sie verwies ihn, in die Schweine der Erde zu fahren,
auf daß sie nun wütend werden sollen, in solcher Herrschwut berennen das
Vorgebirge der vollsten Selbstsucht und endlich von da sich stürzen in das Meer
des finstersten Wahnes und ersaufen im selben!
[BM.01_120,08] Seinen alten Anhang aber habe
Ich ihm genommen durch die Macht des Wortes und beschickte ihn durch die drei
Abwesenden in das Bad der Selbsterkenntnis, der Demut und der daraus
hervorgehenden möglichen Besserung.
[BM.01_120,09] Alles, was Ich aber hier wie
allenthalben tue, das tue Ich aus ganz eigener Macht. Es gibt keine Macht weder
über Mir, noch unter Mir, die Mir gebieten könnte und sagen: ,Nun tue dies und
jenes!‘, sondern was Ich tue, das tue Ich allein – ohne Geheiß jemandes
anderen. So Ich aber zu jemandem sage: ,Tue du dies und du jenes‘, da mag niemand
der Kraft Meines Willens Widerstand leisten!
[BM.01_120,10] O Chanchah, so du das alles
leicht aus Meinen Handlungen ersiehst und schon lange hast ersehen können, wie
magst du da noch fragen, ob Ich ein Bote Lamas oder wohl am Ende Lama Selbst
bin!
[BM.01_120,11] Das Schlichte Meines äußern
Wesens darf dich nicht beirren, denn siehe, Lama braucht nicht wie der Erde
Fürsten nach außen zu glänzen, sondern allein durch Seine Vaterliebe, Weisheit
und Macht in den Herzen Seiner Kindlein! Ich aber glänzte in deinem Herzen
schon lange über die Maßen; wie wohl hast du Mich nicht erkennen mögen?!
[BM.01_120,12] Siehe, du Meine Chanchah, du
Meine Tochter, Ich bin ja dein Vater, dein Lama, und außer Mir gibt es ewig
nirgends einen mehr! Aber du mußt dich darob nicht entsetzen; denn siehe, wie
Ich bin, so bin Ich ewig unveränderlich gleichfort Derselbe. Und alle Meine
Kindlein sollen Mich nicht als ihren Gott, sondern stets nur als ihren
liebevollsten Vater erkennen und ersehen, lieben und anbeten!
[BM.01_120,13] Fürchte dich nicht vor Mir, da
du Mich nun erkennst! Denn du wirst an Mir ewig keine Veränderung gewahr
werden, außer daß du fürder alle endlosen Schätze Meiner Vaterliebe und
Weisheit in ewig steigender Überfülle ohne Maß und Ziel genießen wirst. – Bist
du nun zufrieden mit dieser Erläuterung Meines Wesens?“
121. Kapitel – Chanchahs übergroße Seligkeit
und Liebe zum erkannten Lama. Liebe und Weisheit. Der Herr als Vater und
Bruder.
[BM.01_121,01] Chanchah sinkt nun zu Meinen
Füßen nieder und weint und schluchzt vor zu großer Freude und Seligkeit. Ich
aber stärke sie, und sie richtet sich auf und betrachtet Mich mit großen,
seligsten Augen vom Kopfe bis zur Zehenspitze und kann sich nimmer satt sehen
an Mir. Nur ihr Herz spricht:
[BM.01_121,02] (Chanchah:) „Du, Du, o Du bist
es also! Du bist der allmächtige, heilige Lama! Du der Ewige! – Du hast die
Erde, den Mond, die Sonne, alle die zahllosen Sterne, das gewaltige Meer, ein
unzählbares Heer von allerlei Tieren im Wasser, auf der Erde und in der Luft,
Du hast uns Menschen erschaffen?! O Lama, Lama, Du großer, heiliger Lama! Wer
kann Dich loben, preisen und anbeten zur Genüge! Welches Herz ist wert, Dich,
Du Heiligster, lieben zu dürfen?!
[BM.01_121,03] Aber, o Lama, wert oder nicht
wert, welches Herz kann Dich nicht lieben, wenn sein Auge Dich erschaut und
sein Sinn Dich erkennt! Daher vergib mir Nichtswertesten, daß ich es wagte,
Dich, o Du zu Heiliger, zu lieben! Aber was kann die arme Chanchah dafür, so
ihr Herz mächtiger ist denn ihr Verstand?
[BM.01_121,04] O Lama, Lama! Siehe, ich
erkenne wohl nun meine Nichtigkeit gegen Dein endlos Alles; aber mein Herz
liebt Dich nun nur um so mächtiger! Du wirst mir ja nicht zürnen, daß ich Dich
nur unbegreiflich mächtiger lieben muß! O Lama, stärke mein Herz, sonst erträgt
es die zu mächtige Liebe zu Dir nimmer! O Lama, Lama, ich vergehe vor Liebe!“
[BM.01_121,05] Mit diesen Worten sinkt die
Chanchah wieder vor Mir nieder und weint und schluchzt vor Liebe.
[BM.01_121,06] Rede Ich: „O Chanchah, deine
Liebe ist groß und dein Herz eine überköstliche Perle. Aber siehe, du mußt dich
ermannen und nicht über deine Kraft erbrennen zur mächtigsten Glut, sonst
könntest du Meine Gegenwart für die Folge nicht ertragen – was deine Seligkeit
nicht wenig beirren würde!
[BM.01_121,07] Siehe hier neben dir die Gella
an, und betrachte Martin, Borem und auch den Chorel: Diese kennen Mich schon
eine geraume Weile und sind ebenfalls voll Liebe zu Mir. Aber sie ertragen Mich
und können daher alles tun und genießen, was Ich ihnen gebiete und gebe. Wären
sie aber in deiner Verfassung, da könnten sie ebenfalls nichts tun und
genießen, wie du jetzt auch nichts tun und nichts Höheres genießen könntest,
weil deine zu mächtige Liebe alle deine Kräfte zu sehr in Anspruch nimmt!
[BM.01_121,08] Ich aber sage dir, du Meine
geliebte Chanchah, das nicht etwa darum, als wäre Mir nicht liebsam deine
übergroße Liebe. Denn Ich habe dir ja schon oft gesagt, wie überaus lieb du Mir
bist, und sage dir noch hinzu: Mich kann niemand genug lieben! –; aber das ist
bei der möglich größten Liebe wohl zu merken, daß die Liebe nicht ohne Weisheit
einhergehen darf, so sie die Seligkeit aller Seligkeiten bewirken soll!
[BM.01_121,09] Denn die pure Liebe ist ein
verzehrendes Feuer! Da es ein Grundfeuer ist, kann es von keiner Seite durch
nichts gesteuert werden als allein durch einen entsprechenden Grad von
Weisheit. Daher mußt auch du deine Liebe zu Mir durch einen rechten Grad von
Weisheit mäßigen, so du die rechte Seligkeit der rechten Liebe genießen willst!
[BM.01_121,10] Betrachte Mich nicht
fortwährend als das allerhöchste, allmächtigste Gottwesen, dem sich niemand
nahen kann und leben. Sondern betrachte Mich als deinen allerbesten und allein
wahrhaftigsten Vater, ja sogar in Meiner Menschlichkeit als deinen Bruder! Dann
wirst du Mich wie jeder andere Selige leicht ertragen. Du wirst beständig um
Mich sein können und teilen alle Seligkeiten mit den Allerseligsten, die auch
stets bei Mir sind wie nun du. Nur daß sie von Mir aus stets alle Hände vollauf
zu tun haben in allen zahllosen Räumen Meiner ganzen unendlichen Schöpfung,
dabei aber Mir dennoch stets so nahe sind, wie es du nun bist und ewig sein
wirst! Verstehst du, Meine allerliebste Tochter, was Ich nun zu dir geredet
habe?“
122. Kapitel – Eine himmlische
Liebeserklärung. Der Sieg der Liebe. Gellas Freude über Chanchah.
[BM.01_122,01] Spricht Chanchah: „O Lama, o
Lama! Wo ist das Herz, das Dich erkennt und kann dann noch Maß nehmen in seiner
Liebesglut zu Dir, Du Heiligster von Ewigkeit! Siehe, so ich so viel Herzen
hätte, als es da gibt Sterne am Himmel, des Sandes im Meere und des Grases auf
dem Erdboden, und wäre jedes Herz eine Sonne voll der höchsten Glut zu Dir, –
so wäre aller dieser zahllosen Herzen Liebesglut zu Dir, o Du mein heiligster
Lama, dennoch nur wie ein kühlster Tautropfen gegen ein siedendes Meer! Denn Du
kannst ewig nimmer zuviel geliebt werden, da Du doch die allerhöchste und
mächtigste Liebe Selbst bist!
[BM.01_122,02] Ich weiß es wohl, daß Du, o
Lama, ein Vater, ja sogar ein Bruder Deinen Geschöpfen bist, weil Du es sein
willst. Aber welches Herz kann Dich nur als Vater und Bruder denken und sich
dabei nicht stets erinnern, daß der Vater, der Bruder, auch der – ach, der ewig
heiligste, große, allmächtige Lama (Gott) ist?! Daher muß ich Dich ja lieben,
weil ich nicht anders kann, als Dich nur ganz allein endlos ewig über alles
lieben! Und keine Weisheit kann die Liebe meines Herzens mäßigen!
[BM.01_122,03] Oh, so ich tausend Leben hätte
und es sagte mir die Weisheit: ,Chanchah, alle diese tausend Leben wirst du
verlieren, so du deine Liebe zum Lama nicht weise mäßigst!‘ – da würde mein
Herz der Weisheit erwidern: ,Oh, welche Seligkeit kann der gleichen, tausend
Leben in der Liebe zu Dir, o Lama, zu verlieren!‘, was aber sicher unmöglich
ist. Denn wie sollte je einer das Leben verlieren können, der Dich als das
höchste Leben alles Lebens über alles liebt!
[BM.01_122,04] Daher werde ich Dich nur noch
mehr lieben, und keine Weisheit wird mein Herz in der Liebe zu Dir, Du mein
Lama, je zu mäßigen imstande sein! Nur so Du, o Heiligster, es verwehren und
zunichte machen willst, dann freilich wird die arme Chanchah Dich nicht mehr
lieben können. Aber, o Lama, o Vater, das wirst Du der Chanchah ja doch nicht
tun?“
[BM.01_122,05] Rede Ich: „Meine allerliebste
Tochter! Wahrlich, Ich sage Dir: Wer Mich wie du liebt, der ist eins mit Mir
und hat nicht ein Leben, sondern zahllose Leben in sich! Wie sollte der
vergehen können? Liebe daher Mich nur aus allen deinen Kräften und fürchte
nichts. Deine Liebe zu Mir wird dir auch Weisheit geben, und diese wird auch
mehr erweitern dein Herz, daß du Mich stets mächtiger wirst lieben können. Nun
aber komme an Meine Brust und mache deiner Liebe Luft!“
[BM.01_122,06] Bei diesen Worten schreit
Chanchah vor Entzücken auf und wirft sich Mir wie nahezu bewußtlos an die
Brust.
[BM.01_122,07] Gella weint mit vor Freude,
daß die Chanchah Mich erkannt hat und sagt schluchzend: „O du Glücklichste! Wie
selig muß es sein, an dieser Brust die endlosen Ströme der ewigen Gottesliebe
einzuatmen! Ach, welch eine Luft muß da wehen – am Urborne, aus dem alle
zahllosen Wesen, Engel, Sonnen, Welten, Menschen, Tiere und Pflanzen ihr
Dasein, ihr Leben, ihr Alles schöpfen! O allerhöchste Lust, Freude und
Seligkeit!
[BM.01_122,08] O Chanchah, wie groß muß die
Wonne sein, in der du im Vollmaße schwelgst! Welcher Engel wohl hat einen
Maßstab, sie zu bemessen!
[BM.01_122,09] Aber was denkst denn du, mein
Herz – bist ja auch in der größten sichtbaren Nähe Dessen, der heilig ist,
überheilig! Darum sei stille, mein Herz; der Herr gibt ja einem jeden nach dem
gerechtesten Maße seiner Liebe und Weisheit! Daher denke nicht an das höchste
Seligkeitsmaß, das nun dieser edlen Chinesin zuteil wird, sondern denke, wie
endlos glücklich du selbst nun bist!“
123. Kapitel – Geistiges Erwachen der andern
Chinesen und der Mönche. Die eifersüchtigen Nonnen und ihre Demütigung.
[BM.01_123,01] Während Gella solch löbliche
Betrachtungen bei sich macht, kommen alle die Chinesen hinzu. Einer von ihnen
spricht:
[BM.01_123,02] (Ein Chinese:) „Du unleugbarer
Gottesbevollmächtigter, sage uns doch aus deiner uns wohlbewußten großen
Weisheit, was da wohl der eigentliche Grund ist, daß unsere Chanchah gar so
übermächtig an dir hängt? Sie hat ja eine solche Liebe zu dir, daß wohl kein
Mensch zum Lama eine größere haben könnte, so dieser – wenn es möglich wäre –
auch sichtbar vor ihm stünde!“
[BM.01_123,03] Rede Ich: „Habt nur Geduld,
Chanchah wird euch in Kürze alles kundgeben, was euch hier zu wissen nottut!
Nun aber forschet nicht weiter, sondern laßt euer Herz vor eurem Verstande
einhergehen, so werdet ihr den sichersten und kürzesten Weg zu wandeln haben!“
[BM.01_123,04] Sagt darauf einer von ihnen
wieder: „Das wird wohl sehr gut und ehrlich sein, und wir hoffen das auch von
ihr. Aber wird sie uns auch sagen können, was jenes Ungeheuer zu bedeuten hat,
das du früher so urplötzlich zur Tür hinausgewiesen hast, nachdem es dem guten
Martin zuvor allerlei Spuk vormachte, ja sich sogar in ein reizendstes
Weibwesen verwandelte, um den armen Martin zu fangen? War das nicht etwa ein
ahrimanischer Abgesandter oder gar Ahriman selbst?“
[BM.01_123,05] Rede Ich: „Auch das wird euch
Chanchah nicht vorenthalten. Begebet euch daher nur wieder auf eure Plätze
zurück und harret dort in aller Freude solcher Löse. Es sei!“
[BM.01_123,06] Auf diese Worte begeben sich
alle die Chinesen wieder zurück und tun, was Ich ihnen anbefohlen.
[BM.01_123,07] Aber auch mehrere der Mönche
treten nun vor und fragen Mich um ähnliche Bescheide. Auch ihnen wird bedeutet,
nur noch ein wenig zu ruhen, auf daß sie hinreichend gestärkt werden für die
folgende Löse. Darauf treten sie zurück und harren in aller Geduld und Freude.
[BM.01_123,08] Aber einige Nönnchen bilden
einen Klub und raunen einander zu: „Wir hatten zufolge einiger Winke unserer
Schwester, die nun Gella heißt, schon fast geglaubt, dieser Chinesenfreund, der
dem Drachen samt seinem Anhange so kräftigst begegnen konnte, sei entweder der
Erzengel Michael oder wohl gar Jesus, der Herr, Selbst. Aber nach dem zu
urteilen, was er mit der freilich viel schöneren Chinesin, als wir es sind,
treibt, wie er sie herzt und kost, daß es schon völlig aus ist, kann das doch
unmöglich Michael und noch viel weniger der Herr Jesus sein!
[BM.01_123,09] Ich möchte es sogar für eine
große Sünde halten, von Michael und gar vom Herrn Jesus nur schwach zu denken,
als könnte Er – und noch dazu mit einer Heidin! – so ein verliebtes Spiel
treiben. Diese dumme Gretel aber geniert sich auch nicht im geringsten vor uns!
Nein, wie sie in seiner Brust herumwühlt; muß aber das eine verliebte Katze
sein!
[BM.01_123,10] Wenn er Michael oder der Herr
Jesus wäre, wäre er ja auch zu uns Christinnen gekommen, die wir auf Ihn doch
ein unbestreitbares Vorrecht vor den Heiden haben. Da er aber nur stets dieser
Chinesin huldigt, uns aber beinahe gänzlich außer acht läßt, so wird's bei ihm
besonders mit der Jesusschaft wohl einen hübsch starken Haken haben! – Es ist
nur dumm von unserer Schwester Gella, wie auch sie dort stehen kann, als wollte
auch sie sich an seine Brust stürzen. Mienen macht sie wenigstens schon
derartige!“
[BM.01_123,11] Rede Ich zu Gella: „Mein
Töchterchen, siehe, hier neben der Chanchah ist auch für dich ein Plätzchen!
Komme auch du her und mache deiner Liebe Luft!“
[BM.01_123,12] Gella fällt sogleich auch an
Meine Brust und ist voll Seligkeit.
[BM.01_123,13] Aber die Klubistinnen sagen:
„Nein – da haben wir's! Wie wir es uns gedacht haben, so ist es auch! Nein, da
ist nichts mehr zu reden! Wenn nur der Hausherr Martin bald zurückkäme, auf daß
wir uns bei ihm beschweren könnten! Aha, dort kommt er schon mit Borem und
Chorel! Gehen wir ihm nur schnell entgegen!“
[BM.01_123,14] Als Martin sieht, daß ihm der
ganze, zahlreiche Troß der Weiber entgegenkommt, ersieht er auch zugleich, wo
sie der Schuh drückt. Er geht ihnen freundlich entgegen und spricht:
[BM.01_123,15] (Bischof Martin:) „Weiß schon,
weiß schon, wo es euch drückt! Geht nur wieder ganz ruhig an eure Plätze
zurück, denn für derlei Beschwerden habe ich keine Ohren! Nur das merket euch
fest und wohl: Wer Liebe will, der muß zuerst lieben; denn Liebe läßt sich
durch nichts als nur wieder durch Liebe gewinnen! Daher liebet auch ihr wie
jene beiden den Herrn, so werdet auch ihr Seine Brust gewinnen! Verstehet ihr
das?“
[BM.01_123,16] Sagen die vielen
Klosterweiber: „Ach, lieber Herr dieses Hauses, wie könnten wir solches tun?
Siehst du denn nicht ein, daß wir die festesten Christinnen sind? Jene
Favoritin aber ist eine Heidin. Gella aber ist ohnehin schon von jeher eine
Person von sehr leichter Art gewesen, darum sie auf der Erde auch voll von
allerlei Teufelsanfechtungen war. Sie wird es daher auch nicht versäumen, wie
und wo es sich nur immer fügt, hier in deinem himmlischen Hause solchen
Anfechtungen ein williges Ohr und Herz zu leihen.
[BM.01_123,17] Jener Mann, den wir alle
beinahe schon für den Herrn Jesus oder wenigstens für Michael ansahen, wird
wohl auch ein um sehr vieles tiefer unten stehender Geist sein. Sonst würde er
sich doch sicher nicht mit den beiden leichten Personen gar so intim abgeben!
Daher –“
[BM.01_123,18] Hier unterbricht sie Martin
und spricht: „Schon gut, meine Lieben! Ich glaubte, ihr wäret alle schon rein,
indem ihr doch schon tüchtig abgesotten und darauf gewaschen worden seid. Jetzt
aber kommt aus euch ein ganz verborgener alter Rost und Schmutz zum Vorschein!
Daher werdet ihr schon noch einmal in ein ganz scharfes Bad gehen müssen, bevor
ihr wert sein werdet, euch jenem Heiligen zu nahen!“
[BM.01_123,19] Schreien die Mönchinnen: „Was
sagst du, wir – baden?! Du bist auch ein Unreiner, darum geht der Teufel bei
dir aus und ein! Oder haben wir etwa zu unserem größten Entsetzen nicht
gesehen, wie du ehedem der schönen Teufelin einen Kuß hast geben wollen, hätte
sie dich nicht zurückgestoßen! Wenn das so fortgeht, wird es bald klar genug
sein, in wessen Händen wir uns in diesem Hause befinden!“
[BM.01_123,20] Spricht Martin ganz gelassen:
„Ja, ja – nur ins Bad mit euch! Baden, nur baden! Dort hinter jener weißen Wand
schwimmen nun tausend gar rare Fischlein herum und baden sich; dort ist für
euch auch noch Platz! Daher begebt euch nur schön gutmütig hin und machet
Gemeinschaft mit jenen Badegästen, sonst – –!“
[BM.01_123,21] Die Mönchinnen schreien vor
Zorn und gehen auf ihre alten Plätze zurück.
124. Kapitel – Seelenheilwinke. Geistige
Naturheilmethode. Krisen der Chinesengeister. Vom Wesen der Eifersucht.
[BM.01_124,01] Martin aber begibt sich mit
Borem und Chorel zum Herrn, d.h. zu Mir. Er will Mir anzeigen, daß die tausend
Badenden vom Anhange des Drachen, da es ihnen nun besser geht, allerlei
Gestalten annehmen und sehr ungebärdig werden, so daß sich auch Borem nicht
mehr auskennt, was fürder mit ihnen geschehen soll.
[BM.01_124,02] Rede Ich zu den dreien: „Die
tausend sind im Bade, da sind sie gut aufgehoben. Denn sie sehen nicht diese
Wohnung, sondern nur die Welt ihrer inneren Bosheit. Diese wird nun in ihnen
stets mehr und mehr flott und damit in ihrer Äußerlichkeit ersichtlich. Das ist
schon ein gutes Zeichen! Lasset daher nun die tausend, sie werden schon des
rechten Weges geführt werden!
[BM.01_124,03] Aber dort stehen über
dreihundert Weiber. Diese sind von großer Eifersucht beherrscht und leiden viel
in ihrem Herzen, so daß sie Mich dauern. Gehet hin und belehret sie recht; aber
mit dem Bade darfst du, Bruder Martin, sie nicht mehr bedrohen, willst du die
Armen zu Mir bringen!
[BM.01_124,04] Siehe, die Eifersucht ist eine
Schmarotzerpflanze der Liebe und untergräbt diese! Wird die Schmarotzerpflanze
am Lebensbaume der Liebe zu mächtig, zerstört sie wohl mit der Folge den ganzen
Baum. Will man aber den Baum erhalten und kräftigen, muß man durch rechte
Mittel suchen, den Baum von solchen fremden Ausgeburten völlig zu reinigen.
[BM.01_124,05] So du aber eifersüchtige
Gemüter durch Drohungen noch mehr aufregst als sie ohnehin schon sind, pfropfst
du selbst die Schmarotzerpflanze auf den Baum des Lebens, daß diese dann
wuchert und den Baum völlig zugrunde richtet.
[BM.01_124,06] Daher mußt du in der Folge so
handeln, wenn du mit eifersüchtigen Geistern zu tun haben wirst: Betrachte die
Eifersucht stets als eine Ausgeburt der Liebe und denke: wo Eifersucht ist, da
ist auch Liebe! Besänftige diese mit Liebe, so wirst du aus der Eifersucht bald
die glühendste Liebe zuwege bringen!
[BM.01_124,07] Ich sage euch, wo sich keine
Eifersucht zeigt, da ist auch keine Liebe! Oder habt ihr auf der Welt je
gesehen, daß unfruchtbare Weiden, Fichten und Tannen, Föhren und tausend andere
unfruchtbare Bäume mit Schmarotzerpflanzen behaftet werden? Sicher niemals habt
ihr eine solche Abartung gesehen, wohl aber sehr häufig an den edlen
Fruchtbäumen.
[BM.01_124,08] So ist es auch hier und ganz
besonders mit jenen Weibern der Fall. Sie haben sehr viel Liebe, wie ein edler
Fruchtbaum viel edlen Saftes hat. Suchet aber den schlechten Auswuchs aus ihren
Herzen zu entfernen durch Liebe, und ihr werdet an ihnen Wunder der
fruchtbarsten Liebe erbeuten! Geht daher nun hin und tuet, wie Ich es nun euch
angeraten habe, so werdet ihr Meinem Herzen ein gutes Werk darbringen!“
125. Kapitel – Borem und die herzkranken
Nonnen.
[BM.01_125,01] Die drei gehen nun
freundlichen Antlitzes zu den armen Weibern. Als sie bei ihnen ankommen, nimmt
Borem das Wort und spricht:
[BM.01_125,02] (Borem:) „Liebe Schwestern,
höret mich recht geduldig an! Ich will euch allen ein gutes Recht verschaffen,
denn ich weiß, daß euer Herz leidet. Und ich weiß, daß dieser Bruder, als ihr
ehedem bei ihm euer Recht suchtet, euch hart zurückgewiesen hat. Ich konnte
damals, als selbst Gast dieses Hauses, dem Hauseigentümer nicht in seine Rede
fallen, denn ein jeder ist der erste Rechtsherr seines Hauses.
[BM.01_125,03] Nun hat mir aber der Oberherr
aller Hausherren das Recht eingeräumt, auch als Gast das Recht der Liebe zu
üben. So will und werde ich nun nach meinen Kräften und mit allen Mitteln euch
euer gutes Recht verschaffen und alles im Namen des Herrn gutmachen, was euch
nun bedrückt und euer Herz beleidigt hat. Seid ihr alle, meine lieben
Schwestern, damit zufrieden?“
[BM.01_125,04] Reden die Weiber wie aus einem
Munde: „O ja, lieber, guter Freund! Wahrlich, du bist schon sicher ein wahrer
Gottesfreund; von dir wollen wir alles gerne annehmen! Du meinst es gut und
redlich mit uns und erkennst das Leid unserer Herzen. Aber mit diesem Martin
wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn statt unsere Not zu erkennen, uns zu
trösten, zu belehren und die Wahrheit zu zeigen, so wir etwa doch auf einem
Irrwege wären, hat er uns zur Hölle in das Bad der Teufel verwiesen. Das war
sehr unhimmlisch von ihm gehandelt, der ein Hauptbürger der Himmel ist oder
wenigstens sein will. Daher wäre es uns lieber, so er zurückträte, daß wir uns
nicht ärgerten an seinem Anblicke.“
[BM.01_125,05] Spricht Borem: „Liebe
Schwestern, lasset das nur gut sein, und lasset es nun mir über. Ich werde
schon alles wieder gutmachen! Sehet, unser Bruder Martin ist kein böser Geist,
sondern, wie ich, aus dem Herrn nur ein guter.
[BM.01_125,06] Wir hatten mit jenen noch
stark argen Gästen, die nun im Bade sind, sehr viel zu tun und hatten dabei
recht viel bedauerlichen Ärger. Als wir, der für uns zu großen Mühe beinahe
überdrüssig, zu jenem übermächtigen Freunde gingen, uns Rat zu holen, kamt ihr
uns gerade wie in einem sehr ungünstigen Wurf entgegen. Und der ohnehin leicht
erregbare Martin hat euch dann freilich wohl etwas zu hart und unsanft
empfangen, was aber, wie gesagt, uns allen sehr zu verzeihen ist.
[BM.01_125,07] Daher meine ich, ihr werdet
ihm das wohl leicht verzeihen, da er doch sonst zu euch voll Liebe ist und eine
große Freude hat, euch alle als seine lieben Hausgenossen zu begrüßen. Ich
glaube, ihr werdet das tun, was ich auch sicher tun würde, so ihr mich
beleidigt hättet.“
[BM.01_125,08] Sagen darauf die Weiber:
„Weißt du, liebster Freund, was du uns sagst, tun wir ja alle von Herzen gerne.
Aber das sagen wir dir auch zur Beschämung des Martin: nur dir zuliebe tun
wir's und wollen ihm seine große Unart nachsehen. In der Folge jedoch möchten
wir es ihm wohl schwerlich mehr verzeihen, so er uns noch einmal so ungebärdig
entgegenkäme.
[BM.01_125,09] Er ist wohl ein recht lieber
Mann, und es ist eine rechte Freude, seine schöne Gestalt anzusehen. Was aber
nützt die Gestalt, so sie roher ist im Herzen denn ein Apfel acht Wochen nach
der Blütezeit? Wird uns Martin gleich dir entgegenkommen, wird er in uns auch
Herzen finden, die gewiß nicht ohne Liebe sind. Aber in seiner hausherrlichen Tyrannisierlust
wird er anstatt Liebe ganz was anderes finden.
[BM.01_125,10] Wir sind ja nun, Gott sei's
gedankt, doch gewiß auch recht himmlisch schön. Die Männer alle, die hier in
großer Anzahl zugegen sind, haben uns schon mit großem Wohlgefallen betrachtet,
obschon wir uns darauf nichts zugute tun, – denn wir wissen ja, daß alle äußere
Schönheit ein Geschenk des Herrn ist. Aber daß eben Martin und jener euer
mächtiger Freund an uns gar nichts finden, was ihnen irgend Wohlgefallen
abgewinnen könnte, ist denn doch kränkend für uns.
[BM.01_125,11] Jene zwei Schwestern sind im
Grunde doch auch nicht schöner als wir, aber jener Freund liebt sie über alles
und gibt sich ausschließlich fast nur mit ihnen ab. Wir aber stehen hier wie
arme Sünderinnen und werden von niemand beachtet, denn alles heftet die Augen
auf jene drei. Soll so etwas uns denn nicht kränken? Und so wir von jenem
Freunde eine Zeitlang auch schon die erhabensten Mutmaßungen in unseren Herzen
faßten: müssen sie nicht wieder verwelken gleich irdischen Blumen, so ihnen
alle nötige Nahrung entzogen wird?
[BM.01_125,12] Siehe, das Herz braucht auch
Nahrung, soll es in der Liebe stark werden. Wie sollen aber unsere Herzen in
der Liebe je erstarken, wenn sie statt einer Nahrung bloß nur Faste über Faste
bekommen?“
[BM.01_125,13] Spricht Borem: „Ja, meine
liebenswürdigsten Schwestern, eure Forderung ist gerecht. Habt nur eine kleine
Geduld und eure Herzen werden bald in Überfülle gesättigt werden! – Ihr wisset
ja, daß der gute Arzt zuerst die Kranken heilt und dann erst zu den Gesunden
auf Besuch kommt.
[BM.01_125,14] Ebenso geschieht es auch hier.
Werden jene beiden Patientinnen erst völlig hergestellt sein, wird jener Arzt
auch zu euch kommen. Daher geduldet euch nur noch ein wenig und folget mir, –
ich werde euch allen etwas gar Wunderbares zeigen!“
[BM.01_125,15] Sprechen die Weiber: „Lieber
Freund, das tut hier wahrlich nicht not. In diesem ungeheuren Saale gibt es
ohnehin eine solche Menge der allerwunderbarsten Sehenswürdigkeiten, daß man
sich daran nimmer satt sehen kann!
[BM.01_125,16] Dieser herrliche Fußboden, der
doch gerade so aussieht, als wäre er aus lauter alleredelsten Steinen von den
verschiedensten und lebendig frischesten Farben in schönsten Girlanden
zusammengefügt!
[BM.01_125,17] Die großen, herrlichen Säulen,
die die unbeschreiblich schönsten Galerien tragen! Wie sie strahlen, als wären
sie aus den leuchtendsten Rubinen angefertigt, in deren Innerem tausend Sterne
wie Goldfischlein im Wasser herumschweben und dadurch stets neue, wunderschöne
Lichtformen bilden!
[BM.01_125,18] So gibt es hier noch tausend
und abermals tausend Herrlichkeiten, für die wir gar keine Namen haben. Da
demnach hier eine so große Menge der überherrlichsten Dinge zur Beschauung
stehen, haben wir nicht ein leisestes Bedürfnis, noch etwas Herrlicheres und
Wunderbareres zu sehen.
[BM.01_125,19] Unsere Augen sind hier in
Überfülle versorgt und brauchen nichts Weiteres. Ganz anders aber sieht es mit
unseren Herzen aus! Siehe, diese sind noch sehr unversorgt! Was nützt es, das
Auge zu erquicken, wenn dabei das Herz leidet? Sorge daher zuerst für unsere
Herzen, dann werden unsere Augen mit etwas ganz Leichtem befriedigt werden!“
[BM.01_125,20] Spricht Borem: „Liebe
Schwestern, eure Forderung ist sehr recht und gerecht. Aber ihr gebt sie mir
früher kund, als ihr Erfahrung genommen habt von dem, was ich euch zeigen will!
Wisset ihr denn, ob das nicht eben hauptsächlich für eure Herzen berechnet ist?
Wisset ihr schon im voraus, worin das Wunderbare besteht, das ich euch zeigen
soll? Ist das Wunderbare denn nur für die Augen? Kann es nicht auch etwas
höchst Wunderbares allein fürs Herz nur geben?!
[BM.01_125,21] Was ist denn mehr: das Auge
oder das Herz? Kann nicht das Auge blind sein und das Herz dennoch in aller
Fülle des Liebelebens schwelgen? Welches irdische Menschenauge kann Gott
schauen? Seht, dazu ist jedes Fleischauge blind; aber das Herz kann Gott denken
und es kann Ihn lieben. Ja, es kann sogar Ihm, dem Herrn, zu einem lebendigen
Tempel werden, in dem Er Wohnung nimmt! Was ist also mehr: das Auge oder das
Herz?!
[BM.01_125,22] Wenn aber so, wie könnt ihr
lieben Schwestern euch da denken, daß ich euch hier, im Reiche des Herzens
Gottes, irgendwohin führen möchte, wo es nur für die Augen allein wunderbar
scheinende Dinge gibt?
[BM.01_125,23] Ich sage euch: hier gilt alles
ganz allein dem Herzen nur! Das Auge aber ist nur ein Lichtzeuge von alledem,
was da geschieht im Herzen, und was dargebracht wird dem Herzen vom Herzen. So
ist auch das Wunderbare, was ich euch zeigen will, nicht für eure Augen,
sondern lediglich für eure Herzen vorbereitet.
[BM.01_125,24] Aber da hier im Gottesreiche
kein Wesen blind ist, sondern jegliches seine Sehe hat – gleich kräftig wie das
Herz –, so ist das Auge freilich auch allzeit Zeuge von dem, was da geschieht
fürs Herz und kommt aus dem Herzen. Und so werdet auch ihr das, was für euer
Herz geschehen wird, mit euren Augen sehen. Daher folget mir nun!“
[BM.01_125,25] Auf diese Worte Borems folgen
alle die Weiber den dreien, und zwar zur Tür, die da führt in die Gefilde der
Sonne.
126. Kapitel – Geläster des badenden
Drachenanhanges. Des Herrn beruhigende und belehrende Worte.
[BM.01_126,01] Während sich Borem, Martin und
Chorel mit den vielen Weibern hin zur Sonnentür begeben, werden die tausend
Badegäste äußerst unruhig in ihrem bewußten Bade. Sie fangen an, ganz gewaltige
Lästerungen auszustoßen, so daß selbe sämtliche gereinigten hier anwesenden
Mönche und sogar Chanchah und Gella wohl vernehmen.
[BM.01_126,02] Die beiden ermannen sich bald aus
ihrem seligsten Liebestaumel und horchen nun aufmerksamer. Chanchah will Mich
gerade fragen, was dies zu bedeuten habe, als eben hundert der Mönchsbrüder zu
Mir eilen und Mich inständig bitten, diesen Gästen im Bade das Maul zu stopfen,
da sonst leicht die Schwächeren von ihnen selbst geärgert werden könnten.
[BM.01_126,03] Als diese Mönche kaum ihre
Bitte Mir kundgegeben, kommen auch schon die Chinesen samt ihren vielen Weibern
und die Eltern der Mönchinnen herbei und sagen: „Du mächtiger Bote Gottes, hörst
du denn nicht, wie jener Anhang des Drachen nun im Bade über Gott, über dich
und über uns alle sich hermachen will, um uns alle gar übel zu verderben? Hier
wird es für die Folge kaum mehr zu bestehen sein, wenn diesem bösen
Höllen-Gesindel in seinem Treiben nicht völliger Einhalt getan wird.
[BM.01_126,04] Höre, welch gräßliche
Lästerungen sie ausstoßen! Diese Bestien sind ja noch viel ärger als der Drache
selbst, der doch ehedem ganz vernünftig scheinend gesprochen hatte mit Martin
und auch mit dir. Mache daher diesem Treiben ein Ende, oder laß uns alle
hinausgehen, damit wir fürder nimmer solche Lästerungen des Allerheiligsten
vernehmen!“
[BM.01_126,05] Rede Ich: „Es ist wohl sehr
recht von euch, daß eure Herzen mit Abscheu erfüllt werden gegen solch ein
ärgerliches Toben. Aber dabei müsset ihr dennoch nur auf Mich und nicht auf
euch selbst schauen, sonst werfet ihr euch selbst zu Richtern auf. Das wäre
dann ärger als all dies leere Geläster dieser freilich noch sehr argen
Badegäste!
[BM.01_126,06] Wer da nur lästert, bekennt
dadurch nichts als seine Ohnmacht. Hätte er Macht, würde er sogleich handeln
und nimmer vergebliche Worte gebrauchen, die nichts als leerer Schall sind. Wer
ohnmächtig ist, will aber dennoch tun, als hätte er eine Macht, der wirft sich
zu einem falschen Richter auf und greift dadurch mut- und böswillig in die
ausschließlichen Rechte Gottes. Er schändet diese durch seine Ohnmacht, während
in Gott doch allein nur alle Macht und Kraft und somit das ausschließliche
Recht zu richten zu Hause ist und sein muß wegen der ewig notwendigsten
Ordnung.
[BM.01_126,07] Seht, liebe Freunde und
Brüder, euch ärgert nun das loseste Schmähen und Lästern dieser Badegäste. Und
es ist recht, daß ihr daran in euren Herzen ein großes Mißfallen habt! Ich aber
erschaue daneben in euch allen auch eine Glut, die, so sie hinreichend mächtig
wäre, diesen Badegästen einen ewigen Garaus machen würde. Sehet, diese Glut ist
ärger denn jenes sinnlose ohnmächtige Lästern.
[BM.01_126,08] Diese Gäste beschimpfen uns
bloß, da sie wohl wissen, daß sie uns sonst ewig nichts anhaben können. Auch
wissen sie, wieviel Geduld und Langmut in Gott zu Hause ist. Wir aber würden
sie dafür verderben, weil wir dazu Macht haben, oder sie wenigstens auf ewig
verlassen. Wäre das wohl weise? Wäre das in der Ordnung Gottes, die nichts
zerstören, sondern ewig nur alles erhalten will, ja sogar erhalten muß, weil
selbst die Gottheit litte, so nur das Kleinste, das auch aus Ihr hervorging,
zerstört werden könnte!
[BM.01_126,09] Ermannt euch daher und lasset
sie alle schimpfen und lästern. Mit der Weile werden sie ausgelästert haben und
in eine starke Reue übergehen. Sie werden uns allen dann noch recht liebe und
treue Brüder werden und ganz besonders Schwestern, – denn die größte Mehrzahl
ist weiblich!
[BM.01_126,10] Daß sie aber völlig ohnmächtig
sind, könnet ihr ja daraus leicht ersehen, daß sie sich nicht um ein Haarbreit
über das Bad heraus bewegen können. Welch ein Ruhm aber wäre es dann für uns,
so wir uns nun an ihnen rächen möchten, weil wir mächtig, sie aber völlig
ohnmächtig sind? Ich meine, dieser Ruhm gliche dem eines Löwen, so er sich zu
einem Mückenfänger herabwürdigen möchte.
[BM.01_126,11] Ich aber ermahne euch alle,
daß ihr allzeit auf Mich schauet und dabei merkt, was Ich tue, so werdet ihr
fürder keinen Ärger und keine Richtergier in euren Herzen mehr verspüren! Mich
geht dies alles am meisten an, und doch bin Ich ruhig. Seid daher ihr um so
mehr ruhig, da euch all diese Lästersachen nicht im geringsten berühren!
[BM.01_126,12] Sie lästern nur Gottes
Gerechtigkeit, die sie hier baden läßt, – welches Baden für sie natürlich nicht
ganz schmerzlos sein kann, so ihnen geholfen werden soll. Denn jede Umwandlung
ist mit Schmerz verbunden so lange, bis nicht ein ganzes Wesen in eine andere
Ordnung übergegangen ist. Der Schmerz selbst aber ist notwendig. Gäbe es keinen
Schmerz, so gäbe es auch keine Wonne, da ein Wesen, das für keinen Schmerz
empfänglich, auch völlig tot wäre für die Wonne.
[BM.01_126,13] Diese Badenden aber sind nun
alle in einem gewaltigen Übergangsprozeß und haben dabei so manchen Schmerz zu
erleiden, der ihre Zungen auch zu solchen Lästerungen treibt. Werden sie mit
der Weile einer neuen, festen Ordnung nähergerückt, so werden auch ihre
Schmerzen sehr vermindert werden. Ihre Zungen werden sodann vom Lästern ganz
abgehen und werden erhebende Worte der Reue zu bilden anfangen, die da sind
eine Brücke zur Liebe und zum Leben.
[BM.01_126,14] Damit ihr euch aber nicht
länger ärgert an diesem leeren Geläster, so beweget euch nun mit Mir hin zu
jener Tür, an welcher nun schon Borem, Martin und Chorel mit den vielen Weibern
stehen. Diese Tür, die nun noch verschlossen ist vor euren Augen, werde Ich
auftun. Ihr werdet da eine große Gelegenheit bekommen, euch in eurem ganzen
Wesen so recht bis in die innerste Fiber eures noch ziemlich hoch
anschwellenden Herzens zu demütigen, was euch allen vor allem nottut! Daher
folget Mir nun; es sei!“
127. Kapitel – An der verschlossenen
Sonnentür. Verhältnis des Lichtes zur Tätigkeit. Verhaltungswinke für die
Sphäre der Weisheit.
[BM.01_127,01] Die ganze große Gesellschaft
folgt Mir nun zu der bezeichneten Tür, an der Bischof Martin und Chorel mit den
Weibern harren, bis ich komme und ihnen öffne die Tür des Lichtes. Es sind in
allem nun schon bei dreitausend an der Zahl, so daß es da ein förmliches
Drängen gibt. Aber da diese Tür nun sehr weit ist, haben die verschiedenen
Gäste dennoch Platz zur Genüge und können unbehindert auf den Boden der Sonne
gelangen und dort schauen die Wunder der Liebe, die Wunder des Lichtes.
[BM.01_127,02] Bei der Tür kommt Mir sogleich
der Martin entgegen, um Mich über den Grund des Verschlossenseins dieser Tür zu
befragen, während doch alle andern nun offen stünden.
[BM.01_127,03] Ich aber sage zu ihm: „Freund,
Bruder, hast du nie auf der Erde von den verschiedenartigen Geburten der
Menschen und Tiere etwas gehört oder gelesen? Siehe, jedes Wesen ist bis aufs
Auge schon im Mutterleibe seiner Sinne mächtig! Es fühlt, es schmeckt, es
riecht, auch das Ohr ist nicht geschlossen; aber das Auge wird erst geöffnet
nach der Geburt. Daher ist auch bei der geistigen Wiedergeburt das Öffnen der
Tür zum Lichte oder das Öffnen des geistigen Auges das Letzte. Denn bevor
jemand schauen will, muß er dafür wohl vorbereitet sein.
[BM.01_127,04] So aber jemand in seinem Hause
zur Nachtzeit ein Licht anzünden will, muß er doch zuvor die nötigen
Vorkehrungen treffen, durch die er Licht erzeugen kann. Muß er nicht in
Bereitschaft haben eine mit Öl gefüllte Lampe und ein gutes, verläßliches
Feuerzeug? Was muß er mit dem Feuerzeuge tun, und wie lange wird er zu tun
haben, bis er daraus ein erwünschtes Licht zuwege bringen wird? Siehe, es wird
bis zum Licht eine Zeit vergehen. Und eine mannigfache Handlung wird vorangehen
müssen, und der Zweck aller vorangehenden Handlung wird am Ende das Licht sein!
Wenn das Licht einmal erzeugt ist, dann erst kann auf ein anderes
ersprießliches Handeln im Lichte übergegangen werden; zuvor aber kann davon
keine vernünftige Rede sein!
[BM.01_127,05] So du das bedenkst, wirst du
leicht einsehen, warum hier in diesem Hause alle andern Türen geöffnet sind und
nur diese Sonnentür bis nun verschlossen war vor diesen Gästen.
[BM.01_127,06] Ich sehe wohl, daß du Mich
abermals fragen möchtest und sagen: Ja, wenn so, warum sei denn die Tür dir
schon ein paarmal offen gestanden? Und warum sei sie, als du sie zum ersten und
zum zweiten Male betratst, nicht die letzte gewesen? Ich aber sage dir: fürs
erste gehörst du nicht mehr zu diesen Gästen, die erst der Wiedergeburt
gewärtig werden müssen. Fürs zweite, was die anderen Türen betrifft, die du
nach der Sonnentüre betratst, so wird wohl jeder Geist nach seiner Wiedergeburt
sich doch zu einer Tätigkeit im Lichte oder in klarer Einsicht und Erkenntnis
bequemen wollen?
[BM.01_127,07] Oder meinst du etwa noch, nach
dem Empfange des Lichtes tritt ein ewiger, allenfalls wollüstiger Müßiggang
ein? O nein, sage Ich dir, die rechte Tätigkeit tritt erst im Lichte ein. Vor
dem Empfang des Lichtes ging jede Handlung nur darauf hin, das Licht zu
empfangen. Ist das Licht aber da, ist der Tempel der Sonne geöffnet, dann erst
fängt die große Tätigkeit des wiedergeborenen Geistes an!
[BM.01_127,08] Oder hast du auf der Erde wohl
je gesehen, daß die Schulknaben Ämter bekommen? Vorher muß ein Schüler zum
erforderlichen vollen Erkenntnislicht durch manche Studien gelangen, bis ihm
ein seinem Lichte angemessenes Amt erteilt wird. So er aber seine
wissenschaftliche Laufbahn durchgemacht und ein rechtes Erkenntnislicht
erreicht hat, wird er sich dann wohl auf ein Ruhebett werfen und auf selbem
behaglich zu schlafen anfangen, anstatt zu arbeiten in seinem ihm gewordenen
Lichte? Ja, er wird nun erst so eigentlich zu arbeiten anfangen, denn alle
seine früheren Studienarbeiten waren bloß nur ein Lichtmachen in der Nacht
seines Wesens.
[BM.01_127,09] Und siehe, da hast du wieder
einen starken Grund mehr, warum es nach der Sonnentür noch andere Türen gibt,
besonders jene zum ganzen endlosen Universum! Hast du etwa noch eine Frage
übrig?“
[BM.01_127,10] Spricht Martin: „O Herr, Du
durchschaust mein Herz wie einen Wassertropfen. Ich empfinde nun nichts anderes
in mir als nur die heißeste Liebe zu Dir, Du endlos guter, heiliger Vater! Du
weißt, daß mir die meinen Kräften angemessene Tätigkeit über alles willkommen
ist; daher wird auch mir ein noch höherer Lichtgrad sicher sehr gut zustatten
kommen! Denn Du weißt es, daß es mir am Willen, Gutes zu wirken, noch nie
gemangelt hat, wohl aber am Lichte, d.i. an der rechten Weisheit dazu fast noch
immer. Daher meine ich, die volle Wiederöffnung dieses Tempels wird mir
vorzugsweise von großem Nutzen sein! Obschon ich für mich allein in Dir die
eigentliche Sonne aller Sonnen und das Licht alles Lichtes erschaue und nun
auch in aller Fülle habe, daher ich auch für ewig jedes anderen Lichtes
entbehren kann!“
[BM.01_127,11] Rede Ich: „So, so, Mein lieber
Bruder Martin; diese Rede gefällt Mir schon um sehr vieles besser denn deine
früheren Fragen.
[BM.01_127,12] Wohl ist es wahr, daß Ich da
bin die Sonne aller Sonnen, das Licht alles Lichtes. Wer Mich hat, der wandelt
und handelt am hellsten Tage. Aber da doch ein jeder Mensch aus Mir ein nun
eigenes und freies Wesen ist, so hat er auch sein eigenes Licht. Dieses muß
ebenso frei in ihm leuchten, als wie frei da leuchtet die Sonne in der großen
Raumhalle ihrer Planeten, wie frei jedem Menschen leuchten seine Augen und wie
frei da jedes Menschenherz pulst stets neue Gedanken. Aus ihnen gehen dann
freie Ideen hervor, aus ihnen die Erkenntnisse ihrer selbst und daraus die
große Erkenntnis Meines Gottwesens, Meiner Liebe und Weisheit. Daher wird
diesen Gästen nun auch diese Tür geöffnet, damit sie sich erkennen und dann erst
Mich in aller Wahrheit. Wollen wir uns denn nun auch an die Öffnung dieser Tür
machen!“
[BM.01_127,13] Spricht Martin: „O Herr, Du
heiligster Vater, das wäre schon alles überwahr, gut und recht. Aber gib mir
nur die Versicherung, daß Du zufolge der Erkenntnis und vollen Wahrheit, die
diese Gäste über Dich bekommen werden, etwa nicht wieder Dich irgendwo
verbergen wirst und wir Dich dann wieder werden suchen und rufen können, wie
wir wollen, und Du wirst nicht so bald wieder zum Vorscheine kommen! O Herr, o
Du lieber Vater, nur das tue Du uns nimmer an!“
[BM.01_127,14] Rede Ich: „Mein geliebter
Sohn, Ich sage dir: Sorge du dich um alles, nur um das sorge du dich nimmer!
Denn wo die Kindlein sind, da ist auch der Vater – und wo der Vater, da auch
die Kindlein! Aber du weißt ja, daß Meine Familie groß ist und übergroß die
Herde aller Meiner Schafe. Diese alle werden wir dann in ein Haus bringen, und
es wird dann eine Herde und ein Hirte sein! Aber es wird dabei noch sehr viel
zu tun geben.
[BM.01_127,15] Merke dir: auf dem Erdkörper
sind nun viele Schnitter bestellt; da wird eine große Sichtung vor sich gehen!
Ich werde viel Fleisches benötigen, darum wird viel Blut fließen zur Ausrottung
aller Hurerei. Ich habe auf der Erde Zeugen erweckt, und was Ich mit dir nun
hier rede, geredet habe und noch reden und handeln werde, siehe, das alles wird
zu gleicher Zeit auf der Erde aufgeschrieben und dem Fleische kundgemacht!
Daher sorge dich nicht, als würde Ich euch nach der Öffnung dieser Tür auf
irgendeine Art verlassen, sondern denke: nun erst werde Ich ewig unverändert
fest bei euch verbleiben! –
[BM.01_127,16] Nun aber noch etwas, Mein
geliebter Martin! Siehe, wir werden diesmal die großen Gefilde der Sonne viel
inniger und weiter gedehnt betreten als das erstemal. Es werden dir daselbst
weibliche Wesen von nie geahnter Schönheit mit der größten Anmut, Liebe und
unbeschreiblicher Zärtlichkeit entgegenkommen, desgleichen auch Männer. Du aber
mußt sie stets mit wahrem himmlischem Ernste behandeln. Wenn du aber redest, da
rede wenig und weise; dadurch wirst du sie am meisten gewinnen! Lieben mußt du
sie ganz geheim nur, so daß sie es nicht merken, dann wirst du unter ihnen
sicher wandeln!
[BM.01_127,17] Denn auf dieser großen Welt
des Lichtes ist die Weisheit obenan. Innerhalb dieser erst birgt sich ganz
geheim die Liebe geradeso, wie im Lichte der Sonne die Wärme ganz unersichtlich
vorhanden ist und sich nur in der zahllos vielartig produktiven Wirkung
kundgibt. In der Sonne mußt du daher bloß leuchten, wie du auch Mich wirst
leuchten sehen! Diese Regel also getreu beachtet, wirst du bei dieser ersten
großen Expedition viel Seligkeit genießen. Und nun gehe hin und öffne die Tür
in Meinem Namen! Es sei!“
128. Kapitel – Auf der lichtquellenden Sonne.
Der Herr als der Letzte. Martin als Reiseführer.
[BM.01_128,01] Martin dankt Mir für diesen
Auftrag aus vollstem Herzen, bewegt sich dann zur Tür und öffnet sie mit
größter Leichtigkeit, obschon sie in ihrer Erscheinlichkeit eine Höhe von zwölf
Manneslängen und eine Breite von sechs solchen Längen hat.
[BM.01_128,02] Als die Tür nun offen steht,
geschieht aus mehreren tausend Kehlen ein Schrei voll entzückten Entsetzens.
Alles fährt mit den Händen vor die Augen, da das Licht in äußerst intensiver
Fülle all diesen Gästen entgegenkommt. Niemand getraut sich, auch nur einen
Schritt weder vorwärts noch rückwärts zu machen. Denn die meisten sind der
Meinung, daß in diesem ungeheuer mächtigen Lichte ganz ungezweifelt die
eigentliche Gottheit wohne in aller Urfülle ihrer Macht, Kraft und Weisheit.
[BM.01_128,03] Selbst Martin stutzt diesmal,
denn auch ihm kommt dieser Lichtglanz nun bei weitem heftiger vor als die
beiden früheren Male. Aber das geniert ihn wenig, daher ergreift er sogleich
das Wort und spricht:
[BM.01_128,04] (Martin:) „Brüder und
Schwestern, fürchtet euch nicht vor dem, was uns nur über die Maßen zu
beseligen vom Herrn bestimmt ist! Kommet alle heraus zu mir, denn dies Licht
ist ein fester Boden und man kann wandeln darauf wie auf Erz!“
[BM.01_128,05] Borem und Chorel führen nun
ihre Weiber hinaus. Diese sind sehr furchtsam, beginnen aber am Ende, durch
ihre große Neugierde die Furcht besiegend, dennoch ihre Füße hinaus über die
Türschwelle zu setzen. Den Weibern folgen die Mönche und die andern Gäste, als
da sind die Eltern der Mönchinnen und auch so mancher Mönche. An diese
schließen sich endlich die Chinesen und folgen ihnen überaus sorgfältigen
Schrittes.
[BM.01_128,06] Als nun alle draußen sind,
folge auch Ich ihnen mit Chanchah und Gella, die sich vor diesem grellsten
Lichte anfänglich auch sehr scheuen. Aber an Meiner Seite gibt sich ihre
Furcht, und sie betreten ganz behaglich diese neuen Lichtgefilde.
[BM.01_128,07] Nun befindet sich alles auf
dem leuchtenden Boden der Sonne, nicht etwa bloß geistig, sondern auch
körperhaft genommen. Denn alle Geister aus Meinem obersten Himmel sehen auch
jeden naturmäßigen Körper aus- und inwendig, wie er beschaffen ist. Da sie bei
Mir sind, so sehen sie durch Mich alles, was da ist in der Geisterwelt und in
der Körperwelt genau so, wie Ich es sehe.
[BM.01_128,08] Im Anfang sehen sie wohl eben
nicht am besten, weil ihre Augen von einem zu grellen Lichte zu sehr geblendet
werden. Aber nach und nach wird es sich schon geben, wie es sich nun zu zeigen
beginnt. Denn einige der Gäste fangen schon an, am Boden verschiedene
Gegenstände und auch verschiedene Farben zu unterscheiden.
[BM.01_128,09] Die Weiber entdecken sogar
einige wunderherrliche Blumen und möchten sich sogar einige pflücken. Aber
Borem und Chorel widerraten ihnen, weil das in der Sonne als ein schlimmes
Vorzeichen angesehen werde, so zu einer unrechten Zeit an einem Gewächse etwas
beschädigt würde; denn da müsse alles in der strengsten Ordnung geschehen.
[BM.01_128,10] Nachdem diese große
Gesellschaft unter der Anführung Martins sich schon eine geraume Strecke auf
dem Sonnenboden fortbewegt hat und es nun selbst Martin schon ein wenig zu
bangen anfängt, macht er eine kleine Rast, begibt sich zu Mir und spricht:
[BM.01_128,11] (Martin:) „O Herr, o Vater,
nach meinem Gefühle haben wir uns von meinem Hause nach irdischem Maße nun wohl
schon über 1000 Meilen Weges entfernt und haben außer einigen Blumenstauden
noch nichts zu Gesicht bekommen. Wie weit und wie lange werden wir wohl noch zu
wandeln haben, bis wir irgendein bestimmtes Ziel werden erreicht haben?
[BM.01_128,12] Ich muß es offen gestehen: auf
dieser gar zu lichten Welt möchte ich eben nicht gerne zu lange zubringen, so
man auf ihr nichts als Licht und einige Blumenstauden zu Gesicht bekommt! Es
ist nur gut, daß diese Lichtglut nicht brennt und unsere geistigen Augen nicht
mehr gleich den fleischlichen entzündbar sind, sonst wäre es geschehen um sie!
Ich gehe wohl voran; aber was nützt mein Vorangehen, so ich nicht weiß, wohin?
Daher gehe, o Herr, lieber Du voran, da werden wir alle am ehesten zum rechten
Ziel gelangen!“
[BM.01_128,13] Rede Ich: „Mein Sohn Martin,
gehe du nur vorwärts auf dem Boden des Lichtes, geduldig und unverdrossen; es
wird das Ziel unserer Wallfahrt schon kommen! Weißt du denn nicht, daß die
Sonne millionenmal größer ist denn die Erde? So aber schon große Geduld und
viel Selbstverleugnung dazu gehört, auf der Erde große Reisen zu machen, so
gehört hier auf der Sonne, deren Boden ein gar weitgedehnter ist, doch sicher
noch bei weitem mehr Geduld dazu, solch weite Gefilde zu bereisen. Daher gehe
du nur wieder als Führer voran; wir alle werden dir schon gleichen Schrittes
folgen!
[BM.01_128,14] Ich kann hier aber aus dem
Grunde nicht vorangehen, um fürs erste niemanden von euch allen in seiner
Freiheit zu beirren. Und fürs zweite, so Ich voranginge und es kämen uns die
Bewohner dieser Lichtwelt entgegen, da würden sie Mein Wesen mit ihrem sehr
hellen Geiste nur zu bald erkennen, dabei aber zugleich verschmachten vor zu
großer Hochachtung vor Mir! Gehe Ich aber ganz zuletzt hinter euch her, so
macht das nichts. Denn bei diesen Sonnenbewohnern ist das Erste allzeit das
Vorzüglichste. Was aber zuhinterst sich befindet, das beachten sie wenig oder
gar nicht! Und siehe, so bin Ich zuhinterst am besten plaziert!
[BM.01_128,15] Wir befinden uns noch auf
einem überaus hohen Gebirge. Werden wir nun aber bald hinab in ein Tal kommen,
dann wird das Licht schon milder werden. Dort wirst du Massen von Menschen
erschauen und vollauf zu tun bekommen, sowie alle die hier mit uns wandeln.
Daraus wirst du dann erst den wahren Zweck unserer Reise erschauen. Nun aber
gehe nur wieder auf deinen Posten und verrichte deinen Führerdienst!“
[BM.01_128,16] Martin dankt Mir für diesen
Auftrag, geht sogleich wieder vor die Gesellschaft und gibt ihr ein Zeichen,
ihm zu folgen. Alles erhebt sich und folgt ihm.
129. Kapitel – Martins Begegnung mit Petrus
und Johannes. Vom Wesen der Liebe und der Weisheit bei den Sonnenmenschen.
[BM.01_129,01] Als Martin wieder eine geraume
Zeit fortwandelt und sich selbst heimlich fragt, wann etwa das Tal zum
Vorschein kommen werde, da kommen ihm Petrus und Johannes der Evangelist
entgegen und grüßen ihn überfreundlich. Er erkennt sie sogleich, ganz besonders
Petrus, der sein erster Führer war in der geistigen Welt, und kann vor Freude
kaum reden, daß er seinen Petrus wieder einmal zu Gesicht bekommt, den er nun
schon so lange vermißt hatte. Nach einer Weile der Freude des Wiedersehens sagt
Martin:
[BM.01_129,02] (Bischof Martin:) „Aber
Freund, Bruder, du Fels des Wortes Gottes, wo warst denn du so lange?! Warum
kamst du nicht zu mir in das Haus, das der Herr mir gegeben hat? O wärest du
doch zugegen gewesen, da hättest du gestaunt über und über, was der Herr alles
für unbegreifliche Wunder gewirkt hat! Aber ich bin nun über die Maßen froh,
daß du nur endlich wieder einmal bei mir bist! Nun wirst du aber etwa doch
wieder bei mir eine längere Weile verbleiben?“
[BM.01_129,03] Spricht Petrus: „Lieber
Bruder, du weißt, wir alle haben nur einen Willen, und dieser Wille ist des
Herrn. Was Er will und anordnet, das ist gut! Die Unendlichkeit ist groß und
ist voll von Seinen Werken; wir aber sind Seine Kinder und sind wie Sein Arm.
Daher sind wir bald hier, bald dort. Wie und wo uns der Herr gebrauchen will,
da sind wir auch im Augenblick, ob Milliarden Sonnenentfernungen tiefer unten
oder höher oben, das ist gleich, – denn für uns gibt es keine Entfernungen mehr
dem Raume nach.
[BM.01_129,04] Und siehe, so habe ich nach
dir viel zu tun gehabt und konnte nicht sichtlich zu dir kommen. Nun aber habe
ich samt unserem liebsten Bruder Johannes wieder etwas mehr Muße und werde mich
in deiner Gesellschaft eine rechte Weile aufhalten! Ganz ein Hauptgrund aber
ist stets der Herr Vater Jesus. Ohne Seine sichtliche Gegenwart können wir es
nie eine zu lange Weile aushalten, schon gar nicht bei solchen Momenten, in
denen Er wieder einmal Selbst sehr rührig wird und heraustritt aus Seiner
Geduld und Langmut!
[BM.01_129,05] O Freund, auf den Weltkörpern,
besonders auf der lieben Erde, geht es zu, daß du dir gar keinen Begriff machen
kannst. Daher wird auch der Herr rührig, und wir werden bald Dinge erschauen,
von denen du bis nun keine Vorstellung hast. So wir nun aber hier auf der Sonne
hinabkommen werden in ihre großen Täler, da wirst du dich selbst überzeugen,
wie es hier in den großen Landen der Lichtwelt wahrlich recht toll zuzugehen
anfängt. Nach dieser unserer natürlichen Bewegung werden wir noch eine gute Weile
brauchen, bis wir ins erste Tal gelangen werden. Aber Wunder wirst du ersehen,
von denen du dir bis jetzt auch noch keinen Begriff machen kannst, obschon du
nun samt mir ein Einwohner des dritten Himmels bist!
[BM.01_129,06] Aber nur mußt du den Begriff ,Ernst‘
nie aus den Augen lassen, denn die Sonnenmenschen sind ganz kurios! In ihrem
Äußern sind sie der Abglanz der Himmel und in ihrem Innern sind sie schlauer
denn die Füchse. Sie haben die höchste Hochachtung vor uns reinen Kindern
Gottes. Aber so du ihnen nur irgendeine sinnliche Blöße zeigst, dann wirst du
sie nicht so leicht mehr los. Sie werden dir dann mit einer Weisheit
entgegentreten, von der du bis jetzt noch nicht die leiseste Ahnung hast. Unser
Bruder hier wird dir so manches mehr sagen können, da er hauptsächlich mit den
Sonnenbewohnern zu tun hat.“
[BM.01_129,07] Spricht Martin: „Hörst du,
mein geliebter Bruder, deine Erzählung ist zwar sehr anziehend; aber ich habe
keine große Lust, mit diesen Lichtweltbewohnern bald zusammenzukommen, wenn diese
Wesen so sonderbare Käuze sind! Das weiß ich schon, daß sie unendlich schön
sind, da ich schon einmal das Glück hatte, von meinem Hause aus einige zu
erschauen. Aber daß hinter ihrer Schönheit so eine gewisse Weisheitsknifferei
stecken soll, das habe ich noch nicht festweg gewußt.
[BM.01_129,08] Der Herr hat mir wohl
Andeutungen gegeben, wie ich mich benehmen soll – diese stimmen mit deinen
gegenwärtigen Bemerkungen genau überein. Aber von einer gewissen hinterlistigen
Schlauheit ist mir mit Klarheit noch nichts angezeigt worden. Der Herr stärke
mich und euch, meine geliebten Brüder: ich werde ihnen die Pfiffigkeit schon
austreiben mit eurer Hilfe! Oh, das wäre nicht übel, wenn wir uns von diesen
lichtglatten Sonnenschönheiten möchten einschlingeln lassen!“
[BM.01_129,09] Spricht Johannes: „Bruder, die
Liebe ist beisammen und ist für Liebe ganz offen! Die Liebe erkennt die Liebe
bald! Aber der Weisheit Pfade sind unendlich; außer dem Herrn werden wir sie
wohl ewig nimmer völlig durchschauen. Daher ist mit der Weisheit durchaus kein
Streit anzufangen auf eigene Faust, sondern lediglich nur durch den Herrn. Ihm
allein sind alle ihre Wege klarst bekannt, weil alle endlose Weisheit aus Ihm
ist, – darum auch Er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben!
[BM.01_129,10] Du weißt, daß mir der Herr die
große Gabe der tiefsten Weisheit verliehen hat. Er hat mir gegeben eine tiefste
Offenbarung und darum nun auch die Völker aller Sonnen und hat mir
untergeordnet Äonen Geister von tiefer Weisheit, welche aber dennoch alle aus
meinem Überflusse schöpfen. Und siehe, selbst mich haben die Bewohner,
besonders von dieser Sonne, schon in eine nicht unbedeutende Verlegenheit
gebracht! Wäre mir in solchen Momenten der Herr nicht zu Hilfe gekommen, da
hätte ich mit Schanden abziehen können!
[BM.01_129,11] Wenn es aber mir, der ich nun
doch schon nahezu bei 2000 Erdenjahren mit den Sonnenvölkern zu tun habe, noch
manchmal ganz eng gehen kann: was würdest dann du machen, der du nun zum
erstenmal in die Berührung mit diesen Völkern kommst?!
[BM.01_129,12] Siehe, wie herrlich diese
Gebirgsgegend nun ist, wie majestätisch diese lichten Felsen in den Lichtäther
hineinragen gleich großen Diamantkristallen, und wie auch diese Hochfläche
geziert ist mit den herrlichsten Blumen von für dich sicher unbeschreiblicher
Pracht, und wie sanft dieser Weg sich auch dahinzieht wie ein strahlenreichster
Regenbogen, – so ist aber all diese Herrlichkeit dennoch eine pure Armseligkeit
gegen die Harmonie, die dir unten im Tale in einem einzigen Blick eines
Sonnenmenschen entgegentönen wird!
[BM.01_129,13] Nun mußt du aber dann erst die
Harmonie der Worte in Erwägung ziehen, die den reinsten Kehlen der
großherrlichen Redner und Sänger dieser Lichtwelt entschwebt! Ich sage dir, du
wirst dastehen wie eine Säule vor Verwunderung und Entzückung und wirst dir
kaum zu denken getrauen, geschweige erst zu reden oder gar zu belehren die, die
dir bloß mit einem Blicke den Mund bis in den Magen hinabstopfen werden!
[BM.01_129,14] Willst du mit diesen unsagbar
schönen und nüchtern weisen Sonnenmenschen beiderlei Geschlechts auskommen, so
mußt du äußerlich völlig teilnahmlos scheinen. Aber in deinem Innern mußt du
ihnen überaus wohlwollen, dann werden sie in dir bald einen Bürger des großen
Himmels erkennen, dem eine große Macht verliehen ist, und werden dich achten
und lieben!
[BM.01_129,15] Aber die Liebe ist bei ihnen
auch ganz anders als bei uns Kindern des Herrn. Sie ist wohl auch eine Art
herzlicher Neigung, aber nur insoweit die Weisheit sie nicht zerstört. Denn
sobald die Liebe nur um ein Minimum stärker wird als ihr Licht, geht der
überwiegende Teil der Liebe sogleich in ein momentanes heftigstes Auflodern
über. Diese auflodernde Liebesflamme vereinigt sich dann sogleich mit dem
inneren Weisheitslichte, wo dann wieder statt der Liebe nur eine potenzierte
Weisheit zum Vorschein kommt, die dann oft kälter ist als der Südpol der Erde!
[BM.01_129,16] Daher ist mit der Weiberliebe,
auf die du große Stücke gehalten hast, bei diesen Sonnenweibern so gut wie rein
nichts zu machen. Ganz besonders die Weiber sind am allerwenigsten dafür
empfänglich.
[BM.01_129,17] Siehe, Bruder, so du diese
Regeln genau beachten wirst, dann wirst du viel Seligkeit bei den Sonnenvölkern
treffen. Im Gegenteil aber äußerst starke Verlegenheiten gleich der, die dir
die Satana bereitet hat, als du sie in ihrer Verstellung im Angesichte des
Herrn hast küssen wollen!“
[BM.01_129,18] Spricht Martin: „Aber, um des
Herrn willen, sage mir, warst denn du da auch dabei?“
[BM.01_129,19] Spricht Johannes: „O ganz
sicher! Siehe, dein Haus hat ja auch große Galerien, die du noch gar nicht
kennst. Ich sage dir, diese fassen gar viele Zuschauer da, wo der Herr so
mächtig wirkend zugegen ist! Nicht nur ich, sondern alle zahllosen Bürger der
Himmel haben solcher Szene beigewohnt! Du wirst sogar unter den Bewohnern der
Sonne viele antreffen, die dir das sogleich vorhalten werden, so du dich in
irgend etwas vergessen würdest!“
[BM.01_129,20] Martin macht darob ein sehr
verdutztes Gesicht und sagt nach einer Weile: „O du verzweifelte Geschichte!
Oh, das schaut schon im voraus ganz absonderlich gut aus! Nein, jetzt habt ihr
das auch gesehen, und diese feinsten Bewohner der Sonne auch! Oh, das ist nicht
übel! Aber nun ist schon alles eins. Hat mich die Sonne doch auf der Erde oft
in einen tüchtigen Schweiß versetzt, so wird sie's nun auch um so weniger
sparen, wo ich nun das Glück habe, in corpore spirituoso ihren höchsteigenen
Boden zu betreten! Daher nur vorwärts; ich verspüre es schon im voraus: die
Sache wird sich machen!“
130. Kapitel – Einige Prüfungsfragen des
Johannes an Martin. Von der Fürbitte der Heiligen und der Sorge um die
Verwandten.
[BM.01_130,01] Spricht Johannes: „Du Freund
und Bruder Martin, höre, du warst ja meines Wissens auf der Erde ein großer
Freund Mariens und auch des Joseph und anderer Heiligen. Wie ist es denn, daß
du dich hier gar nicht um sie zu kümmern scheinst? Auch um deine Verwandten,
Vater, Mutter, Brüder und Schwestern, die vor dir hierher kamen, und noch um
eine Menge anderer Verwandten und Freunde kümmerst du dich nicht! Sage mir
doch, was ist denn wohl daran die Schuld?
[BM.01_130,02] Sie könnten ja leicht irgendwo
unglücklich sein. Du bist nun ein großer Freund des Herrn. Könntest oder
wolltest du ihnen denn nicht helfen, so du sie irgendwie unglücklich wüßtest?
Hast du auf der Welt doch selbst große Stücke auf die Fürbitte der Heiligen
gehalten, und hier als nun Selbstheiliger, Selbstfreund des Herrn, denkst du
nicht einmal daran! Sage mir, wie kommt denn das?“
[BM.01_130,03] Spricht Martin: „Liebster
Freund und Bruder, der Ochse frißt Heu und Stroh, und ein Esel ist schon gar
mit dem schlechtesten Futter zufrieden; ich aber war auf der Erde zuerst ein
Esel und darauf ein Ochs! Was war sonach mein Futter? Siehe, zuerst ein mistiges
Heu und Gras und darauf ein etwas besseres Stroh und Heu! Frage: Kann man bei
einer solchen Kost für den Geist wohl auch geistig fett werden?!
[BM.01_130,04] Nun aber bin ich durch die
alleinige Liebe, Erbarmung und Gnade des Herrn ein wirklicher Mensch geworden
und habe schon öfter Sein Brot des Lebens gegessen und Seinen echten Wein der
reinen Erkenntnis getrunken. Wäre es nun wohl löblich von mir, nach der schönen
irdischen Esel- und Ochsenkost einen Appetit zu haben? Sollte ich hier etwa
auch noch wie auf der Erde irrwähnend meinen, die seligen Bürger dieses endlos
großen himmlischen Geisterreichs möchten barmherziger, liebevoller und gnädiger
sein als der Herr Selbst, und Er müßte Sich etwa von ihnen zur Liebe, Erbarmung
und Gnade erst bewegen lassen? O Freund, so dumm wie ich war, bin ich nun wohl
– Gott sei Dank! – nimmer.
[BM.01_130,05] Was sind Maria und Joseph, was
alle sogenannten Heiligen, was meine irdischen Eltern, Brüder und Schwestern
und alle sonstigen Freunde gegen den Herrn! Habe ich Ihn, was frage ich da nach
1000 Marias und Josephs, nach 1000 Eltern, nach 10000 Brüdern und Schwestern
und nach einer zahllosen Menge von allerlei Freunden? Der Herr sorgt für sie
alle, wie Er für mich gesorgt hat; und was braucht es dann mehr? Ich meine, jeder
echte Himmelsbürger wird so denken wie ich. Denkt er aber anders, so muß er
notwendig noch vollkommener sein als der Herr Selbst!
[BM.01_130,06] Sagte ja doch einst der Herr
Selbst, wer so ganz eigentlich Seine Mutter, Brüder und Schwestern sind, als man
Ihn benachrichtigte, daß draußen Maria, Seine Mutter, und Seine Brüder und
Schwestern Seiner harreten.
[BM.01_130,07] So aber Er, der da war und
ewig sein wird unser aller Lehrer und Meister, uns mit solch einer Belehrung
entgegenkam, die wir leider auf der Welt freilich wohl nicht verstanden haben:
sollen wir nun hier im Himmel etwa eine bessere Belehrung in uns selbst finden?
Ich meine, das wäre noch über all mein irdisches Esel- und Ochsenfutter! Meinst
du, liebster Bruder, nicht auch so?“
[BM.01_130,08] Spricht Johannes: „Allerdings,
du hast mir ganz aus dem Zentrum meines Herzens gesprochen. Es ist so, muß so
sein und kann ewig nie anders sein! Aber so dir die Maria und der Joseph und
noch andere denkwürdige Personen unterkämen, möchtest du da nicht eine ganz
besondere Freude haben?“
[BM.01_130,09] Spricht Martin: „Eine rechte
Freude allerdings, aber eine größere sicher nicht, als so der Herr zu mir
kommt. Denn in Ihm allein habe ich alles, und daher ist Er allein mir auch über
alles! Siehe, du und Bruder Petrus, ihr gehöret doch gewiß zu den ersten
Personen, die die Erde trug; brate ich für euch – wie man auf der Erde sagt –
eine Extrawurst? Ich habe euch sehr lieb, achte aber jeden guten und weisen
Himmelsbürger euch gleich. Denn wir alle sind ja nur Brüder, und einer ganz
allein ist der Herr! Ist es nicht so?“
[BM.01_130,10] Spricht Johannes: „Bruder, bei
solcher wahren Weisheit wirst du auch auf der Sonne gut durchkommen. Nun sehe
ich schon, daß du die rechte Weisheit hast! Und siehe, der Weg wendet sich
schon hinab ins Tal; wir werden nun mit Sonnenweisen zu tun bekommen!“
131. Kapitel – Niederstieg in ein Sonnental.
Das Schauen der Geister. Bedingungen des schnellen oder langsamen Reisens im
Geisterreiche.
[BM.01_131,01] Martin sieht nun wirklich den
Weg, wie er sich in tausend Windungen über die weitgedehnten Bergrücken hinab
in ein ungeheures Tal schlängelt, von dem er aber noch durchaus keine
Gegenstände wahrnehmen kann.
[BM.01_131,02] Denn auch Geister sehen das,
von dem sie noch keine Kenntnis haben, wie in einer großen Ferne. Sie nähern
sich demselben in dem Maße und Verhältnisse, als ihre Weisheit über das
vorliegende Objekt zunimmt. Also bedeutet auch das Hinabgehen vom hohen Berge
ins tiefe breite Tal ,in die volle Demut eingehen und durch diese in die größte
Liebe, ohne welche kein Geist zur vollsten Lebenskraft gelangen kann‘.
[BM.01_131,03] Martin, wie auch die vielen
andern Gäste, sehen nun schon ins Tal hinab; aber sie können noch nicht
wahrnehmen, was sich in selbem befindet. Daher fragen viele ihre Anführer, was
sie nun bald im Tale antreffen werden. Borem weiß es wohl, aber er weiß auch,
was er zu sagen hat. Die Chinesen wenden sich an Mich, der Ich aber doch auch
etwa wissen werde, was Ich ihnen zu antworten habe.
[BM.01_131,04] Martin wendet sich darum an
Johannes und spricht: „Liebster Freund, ich sehe wohl schon recht deutlich das
Tal. Aber was nützt da das Schauen in ein so ferne entlegenes Tal, so man nicht
erkennen kann, was alles sich etwa im selben befindet? O Bruder, da muß es noch
sehr weit hin sein! Der Weg ist wohl nicht im geringsten beschwerlich – man
wandelt sehr leicht, ja wir schweben mehr, als wir eigentlich mit den Füßen
gehen. Aber dessenungeachtet will uns das Tal nicht näherrücken! Wie lange wohl
werden wir noch brauchen, bis wir es werden erreicht haben?“
[BM.01_131,05] Spricht Johannes: „Freund,
Geduld ist der Grundstein der Weisheit. Habe daher nur diesen Grundstein fest
in deinem Herzen, so wirst du um vieles eher und leichter das vor uns
ausgebreitete Sonnental erreichen!“
[BM.01_131,06] Spricht Martin: „Freund und
Bruder, an Geduld fehlt es mir nicht, wie es mir noch nie daran gefehlt hat.
Aber ich weiß auch, daß einem jeglichen Geiste zwei bis drei Bewegungen möglich
sind, nämlich eine natürliche, eine seelische und endlich auch noch eine rein
geistige, so schnell wie ein Gedanke. Warum bedienen wir uns hier bloß nur der
natürlichen, die da ist die langsamste? Wäre es denn nicht besser, so wir durch
eine wenigstens etwas schnellere Bewegung früher zu unserem Zwecke gelangten?“
[BM.01_131,07] Spricht Johannes: „Aber,
lieber Bruder, jetzt sprichst du schon wieder bei weitem nicht so weise als
ehedem! Was liegt denn daran, ob wir hier etwas geschwinder oder etwas
langsamer ins Tal gelangen? Sind uns ja hier doch keine Lebensstunden wie auf
der Erde vorgezählt! Was gehen uns ewig Lebende früher oder später
zurückzulegende Zeitverhältnisse mehr an! Siehe, uns drängt ewig keine Zeit
mehr: wo wir sind und wo vorzüglich der Herr ist, da sind wir auch zu Hause!
[BM.01_131,08] Übrigens hängt hier im
vollkommensten Geisterreiche die Schnelligkeit unserer Bewegung ja ohnehin
nicht von unsern Füßen, sondern lediglich nur von der Vollkommenheit unserer
Erkenntnisse ab. Wer eine schnellere Bewegung wünscht, befleißige sich zuerst
der Geduld, aus dieser der Demut, aus welcher hervorgeht Liebe und Weisheit.
Hat er die Weisheit im Vollmaße, wird er auch in allen Dingen die vollkommenste
Erkenntnis haben; diese aber bedingt die Bewegung des Geistes!
[BM.01_131,09] Weil aber die Sache hier sich
unmöglich anders verhält, brauchst du auch gar nicht auf deine Füße zu sehen,
ob sich diese schnell oder langsam bewegen. Schaue du bloß aufs Gemüt und auf
die Erkenntnis, so wird die Bewegung sogleich schnell genug werden! Verstehst
du das?“
132. Kapitel – Vom Allgegenwärtig-Sein und vom
Gleichzeitig-Wirken der vollkommenen Himmelsbürger. Martins Einwände und ihre
Widerlegung durch Johannes.
[BM.01_132,01] Spricht Martin: „Ja, ja, es
kommt mir wohl vor, als verstünde ich's. Aber so ganz radikal verstehe ich die
Sache noch nicht. Denn ich weiß, daß der Herr, du und Bruder Petrus, wie auch
Borem sicher die vollste Erkenntnis habt, jedoch bewegt ihr euch um nichts
schneller als ich und diese ganze Schar! Wie ist denn hernach das zu
verstehen?“
[BM.01_132,02] Spricht Johannes: „Freund,
unsere Bewegung ist nur eine scheinbare deinem Auge, – was da geschieht aus
Liebe zu dir und zu dieser ganzen Schar. Im Grunde des Grundes aber sind wir
schon lange überall, wo wir sein müssen und wollen!
[BM.01_132,03] Siehe, während ich hier mit
dir rede, bin ich nicht nur in dieser, sondern in einer zahllosen Menge von
Sonnen und Welten und handle dort wie hier im Namen des Herrn und vollziehe
nach allen meinen Kräften Seinen heiligen Willen! Und was ich tue, das tut um
so mehr der Herr Selbst und Petrus und alle vollkommenen Himmelsbürger! Freund,
verstehst du das und begreifst du es?“
[BM.01_132,04] Spricht Martin: „Mein
geliebter Bruder, da muß ich dir offenherzig gestehen, das ist für mich ein
wenig zu rund! Es schaut deine Erklärung fast so einer himmlischen
Aufschneiderei gleich! Freund, wenn aus dir, anfänglich nur einem Johannes in
der Erdzeit von nahezu 2000 Jahren nicht wenigstens eine Dezillion ganz gleiche
Johannesse herausgewachsen sind, so ist das die reinste Unmöglichkeit von allen
Himmeln und Welten!
[BM.01_132,05] Ich bin doch nun auch ein
Geist und, weil beim Herrn, doch sicher nicht der unvollkommenste. Aber ich bin
bis jetzt stets nur einer, und wo ich bin, da bin ich, und kann unmöglich
zugleich irgendwo anders ganz derselbe sein! Denn solange die Einheit eine
Einheit ist, ist sie unmöglich geteilt. Ist sie aber geteilt, oder ist ihre
Form von gleichem Werte und Charakter vielfach da, so ist die Einheit auch
keine Einheit mehr, sondern eine Geteiltheit ein- und desselben Wesens. Und
jede einzelne Form aus der früheren totalen Einheit kann dann nur so viel Wert
haben, als ein wievielter Teil der frühern gesamten Einheit sie ist.
[BM.01_132,06] Wenn sich hernach mit dir und
sogar mit dem Herrn die Sache so verhält, wie du mir nun angedeutet hast, so
bist du kein ganzer Johannes, und der Herr ist kein ganzer Herr, wie Er hier
bei uns ist! Ich kann dich erst dann als ganzen Johannes betrachten, so du
wieder komplett beisammen bist! Oder erkläre es mir logisch richtig, ob es je
anders möglich zu denken und zu begreifen ist!“
[BM.01_132,07] Spricht Johannes: „O Freund,
das ist nur so ein kleines Nüßchen der inneren Weisheit, dir zum Aufknacken
geboten, und du würgst dich schon daran. Was wirst du aber erst machen, so dir
die Kinder der Sonnenkinder ganze weltengroße Diamantklumpen zum Zermalmen
vorlegen werden?!
[BM.01_132,08] Siehe aber, du hast nie mehr
als eine Sonne nur gesehen. So dir ein oder tausend Spiegel ihr volles Bild
wiedergaben, wird die Sonne darum geteilt und geschwächt in ihrer Wirkung, so
tausend Spiegel deinen Augen ihr gleichwirkendes Bild zuführten?
[BM.01_132,09] Nimmt nicht ein jeder
Tautropfen und ein jedes Auge das Bild der Sonne wirksam auf? Ist darum die
Sonne nicht eine und ihre Wirkung nicht stets die gleiche?
[BM.01_132,10] Freund, denke darüber ein
wenig nach, dann wollen wir uns in dieser Sonnensphäre weiterbewegen. Sonst
werden wir freilich noch hübsch lange zu tun haben, bis wir das Tal völlig
werden erreichen können!“
133. Kapitel – Martins Gedanken über die
Allgegenwart Gottes.
[BM.01_133,01] Martin macht bei dieser
Erklärung überaus große Augen und geht darob sehr in sich. Nach einer Weile
fängt er an, so ganz bei sich zu stammeln und spricht wie halblaut: „Hm, – bin
noch weit zurück! O Tiefe, Tiefe – große, ungeheuere Tiefe, – wann werde ich
deinen Grund begreifen! Ja, ja, so ist es: Gott ist allgegenwärtig! Wie kann Er
das sein? Wie ist Seine Allgegenwart möglich, so Er als Ein- und Derselbe hier
ist und wirkt und spricht, und ich sehe Seine Gestalt wie die eines Menschen?!
[BM.01_133,02] Ja, ja, die Sonne in tausend
und abermals tausend Spiegeln ist dennoch eine und dieselbe Sonne, und es gibt
nicht eine zweite Sonne. Eine Sonne leuchtet aus allen Spiegeln und eine nur
und dieselbe aus Trillionen Tautropfen. Eine aus Trillionen Augen und wirkt
nach der Größe des sie aufnehmenden Spiegels, des Tropfens, des Auges! Es ist
wunderbar merkwürdig, und doch ist es so und kann nicht anders sein!
[BM.01_133,03] Wie aber der Herr auf eine
ähnliche Art auch allenthalben gegenwärtig sein kann, das ist freilich endlos
schwerer zu begreifen! Ist Er denn auch eine Sonne? Wo aber ist diese Sonne?
Ich sah nur den Herrn, den Gottmenschen Jesus sah und sprach ich. Aber eine
Sonne hier, außer auf der ich nun wandle, sah ich noch nicht!
[BM.01_133,04] Es ist hier wohl alles Licht
über Licht, – aber ich weiß nicht, woher das Licht kommt! Sicher kommt es vom
Herrn; aber der Herr Selbst strahlt nicht! Er ist hier ohne Glanz, einfacher
als unsereiner! Sein allmächtiger Wille wohl wird es sein, der Sein ewiges ,Es
werde Licht!‘ ausspricht in ununterbrochener Tat, geistig wie naturmäßig! O
Gott, o Gott, wer faßt Deine endlose Tiefe?
[BM.01_133,05] Ja, jetzt sehe ich es zum
ersten Male klar ein, daß alle meine Weisheit eine barste Null ist, ein unbestimmter
leerer Kreis mit vielen Unebenheiten, in dem kein Zentrum gegeben ist! O Herr,
wann werde ich begreifen, was Du bist?!“
[BM.01_133,06] Nach diesen Worten verstummt
Martin und versenkt sich in große und tiefe Gedanken.
134. Kapitel – Johannes Antwort auf Chorels
Frage, ob die Bewohner der Himmel die Erde und ihre fernere Geschichte
betrachten können.
[BM.01_134,01] Während aber nun Martin sich
mit seinen Gedanken beschäftigt, tritt Chorel zu Johannes und Petrus und
spricht: „O ihr lieben Freunde des Herrn, ihr alten eingeweihtesten Brüder und
Genossen der göttlichen Weisheit und Liebe, vergebt mir, so auch ich mich
unterfange, euch mit einer Frage zu belästigen! Ich habe darüber wohl auch
schon Borem befragt. Aber er gab mir stets eine ausweichende Antwort und ich
konnte nicht fassen, was er zu mir redete. Daher wende ich mich nun an euch und
hoffe, bei euch mehr Tiefe und Klarheit als bei Borem zu finden.“
[BM.01_134,02] Spricht Johannes: „Bruder, du
brauchst uns gar nicht zu fragen, was du nun wissen und vollends einsehen
möchtest. Solches ist uns schon lange überaus klar vor Augen gestellt, daher
sollst du auch sogleich eine gute Antwort erhalten.
[BM.01_134,03] Du möchtest wohl wissen, ob
die seligen Bewohner der Himmel wohl auch je wieder die Erde, wie sie ist,
werden beschauen und ihre fernere Geschichte betrachten können. Denn gar oft
hast du auf der Erde dich selbst gefragt:
[BM.01_134,04] ,Werde ich nach Abstreifung
des Fleisches wohl diese wunderschöne Erde mit ihren Flüssen, Seen, Meeren,
Bergen, Tälern und all ihren andern tausend wunderbaren Herrlichkeiten sehen
können? Werde ich erfahren all die neuen Erscheinungen im Gebiete der Geschichte
des Werdens und Vergehens? Werde ich etwa gar irgendeinen wirksamen Einfluß
dabei nehmen können?‘
[BM.01_134,05] Ich aber antworte dir darauf:
Bruder, alles steht den Seligen des Herrn zu Gebote! Wir sind ja alle des
Herrn, und die Erde ist Sein. Alles, was darauf ist und darinnen, ist Sein
Eigentum. So wir aber Seine Kinder sind, wird uns der Vater, der uns so Großes
gibt, wohl etwas Kleinstes vorenthalten? Er, der uns Meere Seiner Liebe und
Gnade zu trinken gibt, wird uns Tautropfen verweigern?
[BM.01_134,06] Siehe, du wandelst nun auf der
wirklichen, leibhaftigen Sonne und schaust ihre Herrlichkeit und wirst zu den
größten erst gelangen. Kannst du aber diese sehen, um wieviel mehr wirst du
jene der kleinern Erde beschauen können! Ich meine, so jemand einmal eine
Fürstenwohnung innehat, in der ihm alle Freiheit, alle Bequemlichkeit, alle
Lust und Freude zuteil werden muß, wie und wann er sie nur immer haben will:
wird er daneben noch die geringste Begierde haben, auch in einer
Verbrecherwohnung, in einem Kerker voll Pestilenz und Tod ein Plätzchen zu
haben; oder wenigstens jenen Gegenstand lustig beobachten wollen, der dem Tode
entsprossen ist? Oder möchtest du nun wohl zur Erde steigen und verlassen diese
Sonne?“
[BM.01_134,07] Spricht Chorel: „O Bruder, mitnichten!
Ehe ich nun diese überhimmlischen Gefilde verlassen möchte und die heiligste
Gesellschaft des Herrn, der so endlos gut, lieb, mild und sanft ist, eher gäbe
ich eine ganze Trillion Erden für ewig auf! Ich bin schon damit zufrieden, daß
ich die Erde besehen könnte, so ich sie nur immer wollte. Um die wirkliche
Benützung dieser Fähigkeit werde ich mich weiterhin wenig mehr kümmern. Ich
danke dir, liebster Bruder, aber aus vollem Herzen, daß du mich darob so
herrlich aufgeklärt hast; der Herr vergelte dir solche Güte!“
[BM.01_134,08] Spricht Johannes: „Bruder,
aller Dank, alles Lob, aller Preis und alle Ehre gebührt dem Herrn ganz allein!
Gehe nun wieder zu Borem; denn ich muß nun Martin wieder in den Zügel nehmen,
da wir nun sogleich das Tal erreichen werden und seine schönen Bewohner.“
135. Kapitel – Herrlichkeiten der Sonnenwelt
und ihrer Bewohner. Martins Bangigkeit vor der Weisheit der Sonnenmenschen und
des Johannes Verhaltungswinke.
[BM.01_135,01] Während sich Chorel wieder zu
seinem Freunde Borem begibt, ersieht der bis jetzt noch sehr in Gedanken
versunkene Martin schon des großen Tales überweit gedehnte Flächen allenthalben
bebaut mit großartig-herrlichen Gärten und Palästen und Tempeln. Er ersieht
auch, wie von einem nächsten Tempel eine große Menge Menschen von
allerherrlichster Gestaltung sich ihnen naht. Diese Erscheinung weckt Martin
aus seinem Gedankentaumel, und er wendet sich sogleich an Johannes und Petrus:
[BM.01_135,02] (Martin:) „Nun endlich, wie
ich's erschaue, wären wir so ziemlich an Ort und Stelle. O ihr meine lieben
Brüder, da sieht es unendlich herrlich aus! Wahrlich, die ungeheuere Pracht und
anmutigste Schönheit dieser Gegenden benimmt mir gerade den Atem!
[BM.01_135,03] Und, o Tausend, da kommt uns
ja schon eine große Prozession von Sonnenmenschen entgegen! Die Vorgänger kann
ich schon recht gut ausnehmen; sie sind endlos schön, und wie herrlich
bekleidet und geschmückt! Ach, ach, je näher sie kommen, desto herrlicher
werden sie! Wenn das so fortgeht, da sage ich schon im voraus, daß es mir ohne
ganz besonderen Beistand des Herrn gar nicht möglich sein wird, ihre volle Nähe
zu ertragen!
[BM.01_135,04] Auf diesen Weisheitskampf bin
ich absonderlich neugierig, den ich mit euch verfechten soll. Oh, der wird
sicher sehr hübsch ausfallen! Ich merke schon zum voraus meine Kraft in meinen
schon jetzt ganz abscheulich schlotternden Füßen!
[BM.01_135,05] Wenn diese Menschen nur
einigermaßen gute Augen haben, müssen sie mir ja schon von weitem ankennen, was
ihnen in mir für ein blitzdummer, fleischlicher Bursche entgegenkommt. Oh, die
werden eine seltene Freude an mir und meiner Weisheit finden! Oh, oh, denen
schaut eine ungeheure Weisheit schon bei den Augen heraus – und mir dagegen
eine noch größere Portion der rarsten Dummheit! Das wird einen herrlichen
Zusammenstoß abgeben!
[BM.01_135,06] O Brüder, tretet doch vor mich
hin, daß diese Herrlichsten meiner nicht gar so plötzlich ansichtig werden und
die Größe meiner Dummheit schon zum voraus taxieren!“
[BM.01_135,07] Spricht Johannes: „Mache dir
nichts daraus, wenn es dir im Anfange auch ein bißchen sonderbar ergehen wird.
Ein längerer Umgang mit diesen Wesen wird sie dir schon erträglicher machen.
Aber sei nur stets ernst und in deinem Innersten aber dennoch mild und sanft!
So wirst du mit ihnen leichter auskommen, als du dir nun denkst. Ihre Weisheit
ist wohl groß zu nennen, aber sie hat dennoch wie alles Geschaffene ihre
Grenzen. Daher, Bruder, nur mutig darauf los! Einmal mußt du ja doch die
Herrlichkeiten ertragen lernen, und das wirst du nun, wo der Herr uns alle so
innigst geleitet, ja um so leichter imstande sein!“
[BM.01_135,08] Spricht Martin: „Ja, ja, du
hast da wohl ganz recht. Aber es ist doch diese Sache wahrlich keine
Kleinigkeit, und es handelt sich da um einen ganz verzweifelten Ernst. Noch
einige Dutzend Schritte, und wir sind beisammen. Nun, in des Herrn Namen,
vielleicht wird auch hier das Wetter in der Nähe nicht gar so gefährlich sein,
als wie drohend es sich aus dieser nunmehr sehr unbedeutenden Ferne ausnimmt!
[BM.01_135,09] Was tragen denn die nun
vorauseilenden himmlisch schönen Jungfrauen, oder was sie sonst sein mögen, für
so mächtig glänzende Hüte und Kränze uns entgegen? Was wollen sie damit?“
[BM.01_135,10] Spricht Johannes: „Das sind
Preise für die Weisesten unter uns, mit denen sie uns schmücken werden, nachdem
sie uns zuvor auf den Zahn werden gefühlt haben. Du hast zwar schon vom Herrn
einen solchen Hut auf deinem Haupte, aber das macht nichts! Wirst du von ihnen
als preiswürdig befunden werden, so werden sie deinen Hut mit dem ihren so
innig vereinen, daß daraus völlig nur ein Hut wird, aber mit vielfach erhöhtem
Glanze. Werden sie dich aber nicht für preiswürdig erkennen, so werden sie dich
belassen wie du bist. Daher nimm dich nur fest zusammen, auf daß dir solcher
Preis nicht entgehe!“
[BM.01_135,11] Spricht Martin: „O Bruder,
sorge dich darum nicht! Ich habe noch nie einen Preis irgendwo errungen und
werde darum auch hier um so sicherer kein Preisträger werden, – was mich auch
ganz wenig kümmern wird. Aber nur meine Natur – und solche Schönheiten, solche
Reize! O Bruder, das wird die eigentliche wahre Hetze abgeben! Aber nun
möglichst ernst und wortkarg! Sie kommen schon ganz in unsere Nähe; ja – sie
sind schon da!“
136. Kapitel – Der verzückte Bischof Martin
und die drei schönen Sonnenjungfrauen.
[BM.01_136,01] Hier treten sogleich drei
Jungfrauen von übergroßer Schönheit vor Martin hin, breiten ihre Arme aus und
sagen: „O du herrlicher Führer dieser deiner schönsten Genossenschaft, was
Hehres bringst du uns aus deiner Höhe der Höhen? O rede, du lang Ersehnter!“
[BM.01_136,02] Martin beißt sich heimlich in
die Zunge und kneipt sich in die Lenden, um auf diese anziehende Anrede doch
nicht zu schnell aus seinem angenommenen Ernste in die größte Gegenfreundlichkeit
zu geraten. Er sagt auf diese Anrede gar nichts. Die drei wiederholen daher
noch zärtlicher ihre erste Anrede. Martin beißt sich fast die Zunge ab und
redet noch nichts.
[BM.01_136,03] Die drei Jungfrauen verwundern
sich heimlich über diese seltene Stummheit unseres Martin und sagen dann: „O du
Hoher, siehst du Makel an uns, darum du uns keines Wortes würdigen willst?
Gefallen wir dir denn nicht? Und doch sahen wir, wie du den verstellten Drachen
küssen wolltest in deinem Hause auf der Höhe der Höhen!
[BM.01_136,04] Auch haben unsere Scharfseher
dich schon im Merkur gesehen, wie du dort vor einer Schönen nahezu ganz
zerschmolzen bist. Noch früher sahen sie dich bei der bewußten Lämmerherde, wo
du sehr redselig warst. Und sie sahen dich auch im sterblichen Leibe auf der
Erde wandeln und waren Zeugen von deinen nicht selten sonderbarsten Handlungen.
Da wohl warst du sehr beredt; aber uns Töchter der Sonne würdigst du keiner
Antwort! O sage doch, warum du noch immer schweigst?
[BM.01_136,05] Wohl wissen wir, daß Schweigen
zur rechten Zeit ein guter Teil der Weisheit ist; aber dein gegenwärtiges
Schweigen scheint kein derartiges zu sein! Rede wenigstens, warum du nun
schweigst; unsere Herzen erglühen darnach und bitten dich!“
[BM.01_136,06] Martin vergeht schon nahezu
vor Liebe zu diesen drei großen Schönheiten und denkt nun, was er auf solch ein
Verlangen erwidern soll. Das hat er schon gemerkt, daß er ihnen von A bis Z
bekannt ist und sie alle seine Schliche überaus gut kennen müssen. Daher sagt
er bei sich ganz heimlich:
[BM.01_136,07] (Martin:) „O du über alle
menschlichen und englischen Begriffe verzweifelte Geschichte! Das wird eine bis
jetzt noch nicht dagewesene verlegenhaft rarste Begebenheit werden! Ich soll
reden mit ihnen? Da möchte ich denn doch wissen, wie!
[BM.01_136,08] Fürs erste wird ihre ohnehin
schon unbegreiflich reizende Schönheit stets mehr die höchsten Reize
entfaltend, daß man schon darob vollkommen stumm werden muß. Fürs zweite kennen
sie mich ja beinahe schon besser, als ich mich selbst je gekannt habe!
[BM.01_136,09] Wie und was soll ich sonach
hier reden? O Herr, nur jetzt verlaß mich nicht! Und du, mein guter Ernst,
verlaß mich auch nicht, sonst bin ich rein verloren!
[BM.01_136,10] O sapprament – ah, diese
unendliche Schönheit! Ach, diese Augen, so feurig wie die Sonne selbst, diese
Haare gleich dem blanksten Golde! Dieser Nacken – welche Weiche, welche
Rundung, welche unaussprechliche Zartheit!
[BM.01_136,11] Oh – oh – dieser Busen! Ah,
ah, nein – das halt' ich keine Minute mehr aus! Auf der Erde gibt es nichts,
mit dem man diese unbegreifliche Zartheit von der größten Ferne hin vergleichen
könnte!
[BM.01_136,12] Was ist die Zartheit eines
reinsten Tautropfens dagegen, was der reinste Schliff eines Diamanten, was ein
zartestes Lämmerwölkchen, das die untergehende Sonne umschwebt, getragen vom
zartwehenden Abendhauche? Was auf der Erde wohl kennt solch eine Weiße! Der
reinste von der Mittagssonne beleuchtete Schnee wäre kaum nur eine schmutzige
Stiefelwichse dagegen zu nennen!
[BM.01_136,13] Nein, daran könnte man sich
eine ganze Ewigkeit nimmer satt sehen! Und der Arm, die Hand, der Fuß! –
Martin, kehre deine Augen weg von diesen zu großen, reizendsten und zartesten
Schönheiten, sonst bist du pfutsch, rein pfutsch und matsch!“
137. Kapitel – Martin im Examenskampf mit den
drei Sonnentöchtern. Zwischen Weisheit und Liebe.
[BM.01_137,01] Während Martin so mit sich
phantasiert, fangen die drei Anführerinnen zu lächeln an. Sie haben dem Martin
genau aus den Augen und Mundwinkeln gelesen, was er nun mit sich gefaselt hat,
und sagen daher zu ihm: „Freund, nun wissen wir schon, warum du nichts redest.
Siehe, du bist schwach, – ja sehr schwach bist du noch, und deine angeborene Schwachheit
lähmt dir die Weisheit und die Zunge! Kommen wir dir denn gar so reizend und
rührend schön vor? O sage uns doch wenigstens das laut!“
[BM.01_137,02] Martin will schon auf die
erste der drei hinstürzen, dennoch ermannt er sich und spricht: „Ja, ihr
Herrlichsten, eure Form ist endlos vollkommen schön. Aber ihr seid zu weise
dabei, und das deckt eure Schönheit und macht, daß ich sie mit genauester Not
noch halbwegs ertragen kann. Denn ich bin kein Freund von zu großer Weisheit.
Wollet ihr mich aber zu eurem Freunde, da müsset ihr aus der Liebe und nicht
aus der Weisheit mit mir reden!
[BM.01_137,03] Ihr brachtet mir wohl einen
Preis entgegen, um ihn mir darzureichen, so ihr mich als einen vollkommen
Weisen erkennen würdet. Ich aber sage euch, daß ihr euch da an mir sehr
verrechnet habt, trotz eurer großen Weisheit. Denn sehet, solche Preise nehme
ich durchaus nicht an! Ich kenne nur einen Preis, und dieser ist für mich
allein die Liebe, welche ist Gott der Herr, den ihr als den urewigen Geist
kennt, von dem alle Dinge gemacht sind. Dieser ist allein mein Preis, den ich
schon lange für ewig angenommen habe. Aber diesen euren Weisheitspreis kann ich
durchaus nicht brauchen. Daher reichet ihn irgendwem andern, den ihr dafür als
würdig erachtet, mich aber verschonet damit!“
[BM.01_137,04] Sagen darauf die drei: „O
höre, du herrlicher Freund! Wir haben mit dir bis jetzt noch durchaus keine
Weisheitsprobe angestellt. Solche wäre auch eitel, da wir ja sehen, was für ein
Geist in dir lebt. Es wäre doch sicher höchst unweise von uns, wenn wir mit
einem andern Geiste in dir reden wollten, als den wir in dir gefunden haben! Du
nanntest uns wohl den Preis, den du, ihn mit Recht über alles schätzend, schon
hast. Aber da sind wir solchen Lichtes und sagen:
[BM.01_137,05] Der urewige, allschaffende
Geist ist nicht teilbar. Wohl ist sicher die Liebe Sein Grundwesen; aber diese
Liebe ist nicht nur Liebe, sondern ist in sich selbst auch die urewige
Weisheit. So du aber diese Liebe preisest, kannst du wohl die Weisheit, das
Licht alles Lichtes, von ihr scheiden? Freund, kommt es dir hier nicht etwa so
vor, als ob nun nur du, dich selbst übereilend, dich verrechnet hättest? Wie
kannst du den Leib allein wollen und verwerfen den Kopf? O rede, erläutere uns
das!“
[BM.01_137,06] Martin ist nun ganz verblüfft
und spricht bei sich: „No, das geht nun gut! Die haben mich schon! Aber jetzt
nur wieder ernst, nur ernst! Wenn sie nur nicht so entsetzlich liebenswürdig
wären, da könnte man noch ernster mit ihnen umgehen; aber bei solcher
Liebenswürdigkeit braucht es fürwahr einen übergroßen Ernst, um mit ihnen nur
viertelwegs ernst scheinend reden zu können.
[BM.01_137,07] Sie warten mit einer
anmutigsten Begierde und lieblichsten Ungeduld auf eine Antwort. Aber, was soll
ich ihnen sagen? Wie wenden und drehen die Zunge, daß ich ihnen die Wahrheit
sage, aber dennoch nicht beleidige ihr an zu himmlische Harmonien gewöhntes
Ohr?! Stille. Nur stille, mir fällt schon wieder etwas recht Triftiges bei! Das
werde ich ihnen sagen, natürlich auf eine möglich humanste Art; da werden sie
doch sicher stutzen! Also nur Mut in des Herrn Namen!“
138. Kapitel – Martins Begründung für die
Ablehnung des Weisheitspreises. Der Sonnentöchter weisheitstiefe Entgegnung.
[BM.01_138,01] Auf dieses Selbstgespräch wendet
sich Martin wieder zu den dreien und spricht: „O ihr über alle Begriffe
herrlichsten Töchter der großen Sonne! Ihr habt mir wohl in allem eine völlig
rechte Erwiderung gegeben auf das, was ich zu euch geredet habe. Aber eines ist
dabei, das denn doch ein ganz erheblicher Rechenfehler von eurer Seite ist.
[BM.01_138,02] Sehet und höret! Ihr habt wohl
recht, so euer Licht euch sagt: Der große, urewige Geist ist in Seiner Liebe
und Weisheit in allem vollkommen unteilbar. Wo ein Leib ist, da muß auch ein
Kopf sein, was so viel sagen will als: Wem da zuteil ward ein Preis der Liebe,
der darf, um vollkommen zu sein, den Preis der Weisheit nicht außer acht
lassen. Aber ihr sehet es ja doch sicher mit euren hellsten und himmlisch-
schönsten Augen, daß mein Haupt schon mit einem dem euren ganz gleichsehenden
Preise geschmückt ist. Und da ihr in alle meine sonstigen Erlebnisse so tief
eingeweiht seid, so werdet ihr ja auch wissen, daß ich diesen Schmuck
unmittelbar vom Herrn Selbst erhalten habe!
[BM.01_138,03] Da ihr allerliebsten Kinder
das unmöglich in Abrede stellen könnt, so muß mir der Herr dennoch einen
geteilten Preis gegeben haben, also: den der Liebe für sich ganz allein, der
aber in sich dennoch schon den nötigen und verhältnismäßig gerechten Grad der Weisheit
faßt! So aber dieser Preis als eine vollkommene Gabe des großen Gottes demnach
keine halbe, also geteilte, sondern eine vollkommen bestgemessen ganze Gabe
ist, sehe ich trotz eurer sehr weise gestellten Entgegnung wahrlich nicht ein,
wozu mir euer lediger Weisheitspreis dienen soll!
[BM.01_138,04] So ich schon einen Kopf habe,
wie es euch doch sicher meine Gestalt zeigt, wozu soll mir nun noch ein zweiter
Kopf dienen? Sollte ich wirklich noch eines Kopfes bedürfen, so will ich ihn
nach dem Willen meines Herrn ja von euch, ihr liebenswürdigsten Töchter der
Sonne, gerne annehmen. Ist es aber nicht nötig, zwei Köpfe zu haben, sondern
bloß einen vollkommenen, werdet ihr wohl auch einsehen, daß ich euren Preis
durchaus nicht annehmen kann? O redet, redet; ich höre!“
[BM.01_138,05] Sagen die drei: „O du
Herrlicher, du Hoher, wohl wissen wir, daß dir in deinem Preise mehr gegeben
ist, als wir ewig je zu fassen imstande sind. So wissen wir auch, daß dein
Preis kein halber, sondern ein völlig ganzer ist. Aber siehe, wir wissen auch
aus zahllosen, stets auf dieselbe Art wiederkehrenden Erfahrungen, daß der
große Gott auch jedem Wesen nach seiner Art ein vollkommenes, ganzes Leben
gibt!
[BM.01_138,06] Wir wissen, daß da kein Mensch
ohne Kopf zur Welt geboren wird. Er hat Augen zum Sehen, Ohren zum Hören, eine
Nase für den Geruch, einen Gaumen zum Schmecken und allerlei Nerven für
allerlei Empfindungen und Gefühle. Einem neugeborenen Kinde fehlt nichts von
dem, und all das entstammt doch sicher wie der Liebe so auch der höchsten
Weisheit des allerhöchsten Geistes. Denn da ist das eine wie das andere mit
einem Blicke klar ersichtlich.
[BM.01_138,07] Wie aber kommt es denn, daß
ein neugeborenes Kind – als ein Werk der Liebe und Weisheit des großen Gottes –
zur Weisheit doch allzeit bei weitem später gelangt als zur Liebe, die da ist
das eigentliche Leben? Du selbst lebst schon gar lange und hast Liebe in aller
Überfülle. Aber so du dich fragst, ob deine allfällige Weisheit auch so alt ist
wie dein Leben, da wirst du in dir selbst offenbar die widersprechendste
Antwort finden!
[BM.01_138,08] Siehe, wir wissen es von
unseren obersten Weisen, daß der große Gott auf deiner Erde zu einem gewissen
weisen Juden geredet hat: ,Niemand kann in das Reich Gottes eingehen, so er nicht
neugeboren wird im Geiste!‘ Sage uns: Wie kann der große Gott von einem schon
lange lebenden Weisen des Geistes Wiedergeburt verlangen, so Er schon einem
Kinde im Mutterleibe alles gegeben hat, was zur vollsten Besitznahme des ewigen
Gottesreiches vonnöten ist?!
[BM.01_138,09] Überall zeigt es sich, daß die
Reife jeder Entstehung erst viel später folgt. Kannst du uns wohl aus deiner
Erdgeschichte nachweisen, daß da je ein ganz ausgebildeter Mensch dem
Mutterschoße entstammt ist? Oder weißt du nun schon bestimmt, warum dich der
große Geist erst jetzt, nachdem du schon so manche Verwandlungen erlitten, in
der Mitte dieser zwei urerzweisen Geister hierher in diese große Welt des
Lichtes beschieden hat? O rede, du Herrlicher, und unterrichte uns, denn wir möchten
von dir ja überaus viel Tiefes erfassen!“
139. Kapitel – Martin in der Weisheitsklemme.
Des Petrus ermutigender Zuspruch. Martins gute Erwiderung.
[BM.01_139,01] Auf diese Entgegnung ist
Martin erst ganz verlegen und weiß keine Silbe mehr zu erwidern. Bei sich nur
murmelt er ganz leise: „So, so, jetzt ist's recht! Jetzt liegt die Sau
vollkommen in ihrer Pfütze! Was soll ich nun sagen? Die haben recht in allen
Punkten, und ich bin dagegen ein Esel und Ochse in allen Punkten, – notabene
mit dem Weisheitshut auf dem Haupte! O das taugt recht nett zusammen! Die
kommen mir mit einem zweiten Hute entgegen! Es geht immer besser! – Brüder,
liebe Brüder, reißet ihr mich nicht aus diesem Sumpfe, so gehe ich euch auf
jeden Fall durch!“
[BM.01_139,02] Spricht Petrus: „Bruder, habe
nur Geduld und ertrage diese weise Prüfung, dann wird es schon bald besser
werden! Denke nur wieder nach; es wird sich schon wieder irgendeine Antwort
finden lassen. Nur sei stets ernst und laß nicht viel handeln, sondern behaupte
gründlich, was du aufstellst. Rede wie ein Lehrer, dann wirst du mit diesem
Vorposten schon überorts kommen! Mit dem Nachtrabe wird es freilich etwas
hitziger aussehen, aber da werden wir dir schon helfen, so es sehr not tun
wird. Daher sei nur mutig und verzage nicht; es wird alles gut gehen!“
[BM.01_139,03] Spricht Martin: „Brüder, wie
ich verspüre, wird bei mir nicht viel Rares mehr nachkommen, denn ich habe
meinen Weisheitskasten bereits ausgeleert! Daß der Liebe die Weisheit notwendig
folgen muß, ist mir nun über alle Maßen klar. Es wurde von diesen drei
Wunderwesen so richtig geordnet dargestellt, daß sich dagegen nicht das
geringste einwenden läßt. Ich kann daher nichts anderes tun, als ihnen völlig
recht geben. Oder weißt du etwas Besseres?“
[BM.01_139,04] Spricht Petrus: „Ja, das ist
schon richtig: was recht ist, das ist recht auf Erden wie im Himmel.
Dessenungeachtet mußt du dich nicht gar zu leicht schon nach dem Verlauf von
einigen weisen Reden gefangengeben, denn auch deine Sätze lassen sich
verteidigen! Daher, wie gesagt, denke nur ein wenig nach, und es wird sich dir
bald eine sehr gute Antwort vorstellen!“
[BM.01_139,05] Martin denkt nun kreuz und
quer nach, was er da sagen solle. Er findet nach einem etwas längeren
Nachdenken doch im Ernste einen Satz, der sich allerdings hören läßt und
spricht dann: „O ihr überherrlichen Töchter der großen Sonne! Eure Rede ist
wohl sehr weise und ist bestens geordnet. Aber es geht ihr dennoch etwas ab,
das euch zwar äußerst gering vorkommen dürfte, für mich aber durchaus nichts
Geringes ist.
[BM.01_139,06] Da ihr durch eure Weisen wißt,
was der große Geist Gottes auf meiner kleinen Erde gelehrt hat, und auch wißt,
wie dort die Natur aller Kreatur beschaffen ist, so nimmt eines mich sehr
wunder: daß ihr nicht auch wißt, was der Herr Jesus, der da ist euer urewiger
großer Geist, noch bei andern Gelegenheiten zu uns, Seinen Kindern, geredet
hat!
[BM.01_139,07] Sehet, einst brachten Mütter
ihre Kindlein hin zu Ihm. Und da dadurch ein Drängen entstand, stellten sich
die schon sehr weise sich dünkenden Jünger den Müttern entgegen und wehrten
ihnen, sich dem Herrn zu nahen. Da aber der Herr das bald merkte, sprach Er zu
den Jüngern: ,Lasset die Kleinen, und wehret ihnen nicht, zu Mir zu kommen;
denn solcher ist das Himmelreich! Wahrlich sage Ich euch, so ihr nicht werdet
wie diese Kleinen hier, werdet ihr nicht eingehen in Mein Reich!‘
[BM.01_139,08] Damit aber setzt der Herr
denjenigen, die schon weise waren, die Kindschaft, die noch keine Weisheit
besitzt, als Bedingung zur Erreichung des Himmelreiches. Da weiß ich dann
nicht, wie ihr die Weisheit für so etwas Großes haltet und überzeugt zu sein
scheint, daß man erst nach Empfang eures Weisheitspreises fürs Himmelreich
befähigt werden würde! Ich meine, die Lehre Gottes wird doch etwa über die
eurige erhaben und durchaus wahr sein?
[BM.01_139,09] Wohl sagte der Herr zum weisen
Nikodemus, daß er zuvor wiedergeboren sein müsse, so er in das Gottesreich
eingehen wolle. Aber der Herr meinte damit nicht eure Weisheit, die der Jude
ohnehin schon besaß, sondern die unschuldige Kindheit, die da pur Liebe ist!
Also verstehe aber auch ich des Herrn Wort, halte mich bloß an die Liebe und
überlasse alle Weisheit allein dem Herrn. Seht, darum bin ich auch bei Ihm, –
während ich Gott weiß wo wäre, so der Herr meine Weisheit ansehen möchte, die
so gut wie ewig keine ist!
[BM.01_139,10] Ich bin auch mehr als
überwiesen, daß ein jeder sündigt, der sich vor Gott der Weisheit rühmen
möchte. So aber des Einfältigen Herz nur voll ist der Liebe zu Gott, hat er
schon auch den höchsten Lebenspreis in sich, der ihm die Gotteskindschaft
erwirkt. Hat er aber diesen Preis, wozu soll ihm dann der eurige dienen? Daher
sei euch von mir nun zum letzten Male gesagt: Ich bedarf eures Weisheitspreises
nicht, da ich schon lange habe, was ich brauche!
[BM.01_139,11] Seht aber auch ihr, daß euch
mein Preis zuteil wird! Da werdet ihr alle glücklicher zu preisen sein, als ihr
es nun seid in eurem ledigen Weisheitsglanze, aus dem trotz eurer unnennbaren
Schönheit wenig Liebe herausschaut! Redet nun, ob ihr noch was zu reden habt;
aber auf eine Antwort rechnet ja nicht mehr von mir! Denn nur eines tut not,
und das ist die Liebe; alles andere gibt der Herr, wann ich es brauche!“
140. Kapitel – Bitte der drei Sonnentöchter
an Martin, sie Gott lieben zu lehren. Martins kritische Zentralfrage. Die
liebeentbrannten Sonnentöchter an der Brust Martins.
[BM.01_140,01] Nach dieser guten Erwiderung
Martins verneigen sich die drei bis zur Erde und sagen: „O du herrlicher Sohn
des großen Geistes! Nun erst erkennen wir, du bist ein wahrer Sohn Dessen, der
für uns keinen Namen hat. Du hast uns besiegt; wir sind nun dein und dieser
Preis mit uns! O laß uns die Letzten sein in deinem Hause und lehre uns lieben
den ewigen Gott!“
[BM.01_140,02] Spricht Martin, ganz überrascht
von dieser Erscheinung: „In meinem Hause ist noch für viele Tausend Raum; so
wird er auch für euch sein! Denn größer als eure Welt ist mein Haus, das der
Herr, mein ewig heiliger Vater, mir für ewig erbaut hat. Daher, so euch nach
meinem Hause gelüstet, werfet euren Weisheitspreis von euch, ergreifet den
meinigen der Liebe und folget mir! Aber so euch möglich, verdeckt mehr eure zu
großen Reize! Denn diese sind mächtiger als eure Worte für mich, der ich
lebendig bin in der Liebe und nicht in der ledigen Weisheit!“
[BM.01_140,03] Auf diese Worte Martins
bringen die hinter den drei Stehenden sogleich reiche blaue Faltenkleider und
ziehen dieselben in einem Augenblicke den dreien an. Als diese bekleidet sind,
sagen sie zu Martin: „O du hoher, herrlicher Sohn des Allerhöchsten! Sind wir
so bekleidet recht und angenehm deinem Auge? Findet es an uns kein Ärgernis
mehr? Sind wir nun nach dem Wunsche deines Herzens?“
[BM.01_140,04] Spricht Martin: „So tut es
sich schon. Das ist die Art und Weise in meinem Hause, das da ist ein Haus des
großen heiligen Vaters, der da auch nicht fast ganz nackt wie ihr ehedem,
sondern ganz bekleidet einhergeht. Ihr seid auch so noch endlos schön, dabei
aber doch erträglich meinem Auge. Und so könnet ihr wohl bei mir verbleiben!
[BM.01_140,05] Aber nun noch etwas: Sagt,
kennt ihr den großen Geist? Habt ihr eine Vorstellung von Ihm? Was würdet ihr
wohl tun, so ihr vor Ihn treten müßtet?“
[BM.01_140,06] Sprechen die drei: „O du
Herrlichster! Wir wissen wohl, daß es einen allerhöchsten, urewigen Geist aller
Geister gibt, der alles, was da ist, erschaffen hat aus Seiner ewigen Weisheit
und Allmacht. Aber dieser Geist ist uns so endlos heilig, daß wir uns nimmer
unterstehen dürfen, uns von Ihm irgendeine Vorstellung zu machen! Solches dürfen
nur die höchsten Weisen. Darum kannst du dir wohl auch denken, wie uns zumute
wäre, wenn wir vor Ihn, so Er irgendeine Gestalt hat, hintreten müßten mit der
Überzeugung, daß Er es ist! Oh, das wäre etwas Entsetzliches, das wäre das
Schrecklichste, das uns widerfahren könnte!“
[BM.01_140,07] Spricht Martin: „Oh, wenn so,
wie fürchtet ihr euch denn vor uns, Seinen Kindern, nicht? Könnet ihr euch denn
nicht denken, daß der Vater auch so aussehen wird wie wir, Seine Kinder? Sehet,
was die ledige Weisheit für Früchte trägt! Was unserem Herzen das allerhöchste
Bedürfnis ist, das ist dem eurigen ganz ehern vorenthalten. Was uns zur größten
Wonne erhebt, das möchte euch zur größten Qual werden!
[BM.01_140,08] Welch ein Unterschied zwischen
uns und euch! Saget mir, habt ihr denn in eurem Herzen noch nie Liebe verspürt?
Verspürt ihr nicht so etwas allenfalls nun zu mir oder zu einem meiner zwei
Brüder?“
[BM.01_140,09] Sprechen die drei: „Was meinst
du damit? Wir wissen wohl, daß die Liebe ein Geiz im Herzen ist: eine zusammenziehende
Kraft, die manchmal ihr verwandte Dinge ergreift, selbe dann sehr anzieht und
mit sich vereinen will. Was aber die Liebe sonst noch ist, wissen wir nicht!
Diese Herzenskraft aber kann nur kleine Dinge ergreifen, weil sie selbst klein
ist. Wie könnte sie so große Dinge, wie du es bist, wohl ergreifen! Wir können
dich wohl überhoch achten, aber für unsere Liebe wärest du ja viel zu groß, so
daß wir dich nicht erfassen könnten.“
[BM.01_140,10] Spricht Martin: „Aha, eure
Weisheit fängt schon an, Haare zu lassen! O sorget euch um die Größe eures
Herzens nicht; das wird bald für gar viel Liebe groß genug sein! Welche von
euch könnte mich umarmen und so recht fest drücken an ihre Brust?“
[BM.01_140,11] Sprechen freudig alle drei:
„Oh, das können wir sehr gut, und so du Herrlichster es uns gestatten willst,
wollen wir dir sogleich eine feurigste Probe geben!“
[BM.01_140,12] Spricht Martin: „Nur zu; ich
gestatte es von ganzem Herzen gerne!“
[BM.01_140,13] Auf dies Wort fallen alle drei
an Martins Brust und jede preßt ihre zarteste Brust wie nur immer möglich an
die seinige. Jede spricht: „Ach, ach, das ist endlos süß! O laß uns lange so an
deiner Brust!“
[BM.01_140,14] Spricht Martin: „Ich wußte es
ja, daß ihr Liebe habt, und das eine ganz kurios kräftige! Bleibet nun hübsch
lange an meiner Brust, die wird euch am besten lieben lehren! Oh, es wird sich
diese Sache schon machen!“
141. Kapitel – Drohende Haltung der drei
Sonnenmänner. Martins kräftige Entgegnung. Gehorsam der drei Sonnenmänner auf
Anraten ihrer Geister.
[BM.01_141,01] Es bemerken aber die andern
Sonnenmenschen, zu deren Familie die drei Jungfrauen gehören, wie eben diese
drei sich an Martin klammern und sich nimmer von ihm trennen wollen. Die Sache
kommt ihnen bedenklich vor, daher sich denn andere drei Martin nahen, die aber
nicht mehr weiblichen, sondern männlichen Geschlechtes sind.
[BM.01_141,02] Diese drei fragen Martin:
„Hoher, Erhabener! Unsere Augen sehen hier, was zu sehen sie nicht gewohnt
sind, da dergleichen hier nicht vorkommt. Das ist eine fremde Sache, die nicht
in unserer Ordnung haftet; daher fragen wir dich, was dies zu bedeuten hat!
Willst du uns diese drei Töchter nehmen? O sage, mit welchem Rechte! Willst du
sie zu deinen Weibern? Willst du sie befruchten? Siehe, das kannst du nicht;
denn du bist nicht von dieser Welt und bist zudem noch ein Geist, der nicht
befruchten kann! Also sage, was bedeutet das? Was hast du mit unseren Töchtern
vor?“
[BM.01_141,03] Spricht Martin zu den auch
über alle Maßen schönen drei Männern: „Ihr liebsten, schönsten Freunde, sorget
euch nur um diese drei Töchter nicht! Denn sie sind bei mir in viel besseren
Händen denn in den eurigen, die ihr bloß Weisheit, aber in dieser Weisheit ganz
entsetzlich wenig Liebe habt! Ich lehre sie nun lieben, und sie fassen die
Liebe. Und das ist der Wille des großen Gottes, der in Sich Selbst die
allergrößte, höchste und reinste Liebe ist. Ich sage euch, das solltet auch ihr
lernen, so würdet ihr auch höherkommen können und nicht stets bleiben auf
dieser eurer Welt leiblich und auch geistig. Ich werde diese eure Töchter
aufnehmen in mein Haus! Euch aber werde ich nicht aufnehmen, so ihr nicht
lieben könnet. Werdet ihr aber auch lieben können, soll sich auch für euch ein
Plätzchen finden!“
[BM.01_141,04] Reden die drei Männer: „Deiner
Rede Sinn ist ohne Ordnung, somit ohne Weisheit und sonach für uns nicht
faßbar. Rede daher weise, so du mit uns redest! Wohl wissen wir, daß du aus der
Gemeinde der Kinder des großen Urgeistes bist. Auch kennen dich unsere höchsten
Weisen schon von deinem Planeten aus. Das alles aber ist so lange wertlos bei
uns, als wie lange du nicht mit dem Kleide der Weisheit angetan sein wirst. Aus
diesem Grunde gebieten wir dir denn auch im Namen der höchsten Weisheit dieser
großen Lichtwelt, daß du alsbald diese drei von dir läßt, ansonsten dir ein
großes Unheil widerfahren soll, sowie der ganzen großen Schar, die dir folgt!
Gehorche, oder wir rufen unsere mächtigsten Geister, daß sie Hand an euch legen
sollen!“
[BM.01_141,05] Spricht Martin: „Oho, nur
nicht gar zu hitzig, meine allerschönsten, liebsten Freunde! Sehet mich an –
unter allen diesen vielen Brüdern und Schwestern, die mich hier geleiten und
Genossen meines Hauses sind, bin ich sicher der schwächste. Aber gegen euch
habe ich dennoch so viel Kraft, daß ich euch bloß mit meinem schwächsten
Gedanken so zerschmeißen könnte, wie ein großer Sturm zerstreut den Staub!
Daher ziehet ab mit euren lächerlichen Drohungen, sonst lege am Ende gar ich
selbst die Hand an euch und eure allmächtig sein sollenden höchst weisen
Geister! Ihr sollt aus mir sogleich einen solchen Ernst erstrahlen sehen, daß
euch allen darob sehr fiebrig zumute werden soll! Also kehret euch nur gutwillig
um, sonst werde ich sogleich mit euch ganz anders zu reden anfangen!“
[BM.01_141,06] Die drei Sonnenmänner strecken
ihre Hände in die Höhe und rufen ihre Geister. Aber diese erwidern aus einer
Wolke:
[BM.01_141,07] (Die Geister:) „Dieser
Gesellschaft können wir nichts anhaben, denn wir verspüren in ihrem Gefolge das
Schrecklichste des Allerschrecklichsten! Tut entweder, was diese Gesellschaft
will oder fliehet vor ihr, so weit und schnell ihr nur immer könnet, sonst
könnte es euch allen gar sehr übel zustatten kommen. Denn allmächtig sind alle
diese, und der Allmächtigste ist unter ihnen! Daher gehorchet oder fliehet;
besser aber ist für euch der Gehorsam denn die Flucht! Denn wohin wollt ihr vor
denen fliehen, deren Füße schneller sind denn eure Gedanken?“
[BM.01_141,08] Nach diesen Worten nimmt
wieder Martin das Wort und spricht: „Nun, ihr meine noch immer
liebenswürdigsten, schönsten Freunde, was wollt ihr nun tun, was sagt euch eure
Weisheit nun? Wollt ihr es noch mit uns allen aufnehmen?“
[BM.01_141,09] Sagen die drei: „Wenn so, da
sagt unsere Weisheit: ,So aber der, mit dem du streiten möchtest, mächtiger ist
als du, da laß den Kampf. Und gibt er dir dann irgendein Gebot, da gehorche
strenge dem, der das Gebot gibt!‘ Siehe, da du in dieser deiner Gesellschaft
mächtiger bist denn wir, so wollen wir dir denn auch gehorchen. So gebiete uns
denn, was du willst!“
[BM.01_141,10] Spricht Martin: „So eilet
voraus alle, mit Ausnahme eurer drei Töchter, die bei mir bleiben, und
bestellet euer Haus; denn wir werden bei euch einziehen auf eine Weile! Was
dann später zu geschehen hat, wird euch schon Jemand Anderer aus dieser meiner
großen Gesellschaft kundgeben; denn, wie ich schon bemerkt habe, bin ich der
Allergeringste unter diesen Tausenden! – Also geschehe es!“
[BM.01_141,11] Auf diese Worte Martins
entfernen sich die drei und ziehen über glänzende Fluren auf eine kleine
Erhabenheit des Tales, wo sich ein großer Tempel befindet, zur Wohnung dieser
Sonnenmenschen bestimmt. Um diesen stehen etwas tiefer liegend kleinere
Gebäude, in denen die Kinder erzogen werden.
142. Kapitel – Neugierde der zwanzig eitlen
Nonnen. Heilsame Demütigung durch die enthüllte Schönheit der drei
Sonnentöchter.
[BM.01_142,01] Als die zahlreiche
Sonnenmenschengesellschaft sich eiligst verläuft, richten sich auch die drei
Töchter wieder auf und sind noch um vieles schöner. Denn nun blickt gar hold
schon Liebe aus ihren unbegreiflich schönen Augen. Ihre Rede wird so sanft und
wohlklingend wie ein Cherubsgesang, denn sie reden nun von nichts als von der
Liebe.
[BM.01_142,02] Wir aber fangen auch wieder
an, uns weiterzubewegen. Die vielen Weiber, die der Borem und der Chorel
führen, und auch die Mönche an ihrer Seite beginnen nun auch sich
hervorzudrängen, um die ungeheueren Schönheiten der Sonne zu besichtigen.
Früher hatten sie vor lauter Verwunderung nicht Zeit gehabt, da ihnen zu viele
und wunderbare Naturseltenheiten dieser Welt sozusagen in die Augen gefallen
sind. Da sie nun aber ihre Augen mehr und mehr gesättigt haben und sie Borem
eigens dazu aufmerksam macht, wollen sie nun auch sehen, ob und um wieviel die
Sonnenweiber schöner wären denn sie.
[BM.01_142,03] Martin merkt durch einen
innern Wink von Mir sogleich, was diese im Sinne haben. Er weiß aber auch, wie
sehr diese auf ihre einstige Schönheit sich viel zugute haltenden Nonnen von
den drei mächtigsten Schönheiten der Sonne geschlagen würden. Daher sagt er zu
den drei Töchtern:
[BM.01_142,04] (Martin:) „Höret mich an, ihr
schönsten Töchter! Seht, eine bedeutende Anzahl von Weibern meines Planeten
fangen nun an sich hervorzudrängen, um ihre gestaltliche Schönheit mit der
euren zu vergleichen. Da ihr aber gegen sie zu unendlich schön seid, so daß
eure Schönheit die ein wenig Eitlen auf längere Weile förmlich töten könnte, so
verhüllet mit euren überreichen Haaren auf eine kurze Weile euer Gesicht.
Enthüllet es erst nach und nach wieder, so ich euch dazu den Wink geben werde!
O tuet mir diesen Gefallen!“
[BM.01_142,05] Sprechen die drei: „O du
unsere Liebe nun! Sind wir gestaltlich denn wohl gar so schön? Sieh, hier in
dieser Welt hat uns noch nie jemand das gesagt. Hier weiß man nichts von einer
gestaltlichen Schönheit, sondern nur von einer gestaltlichen Ordnung und einer
entsprechenden Weisheit aus ihr. Du warst wohl der erste, der unsere Gestalt zu
rühmen begann, was wir aber mehr auf unsere Ordnung und Weisheit bezogen haben.
Aber nun merken wir wohl, daß du hauptsächlich unsere Gestalt meinst! So aber
im Ernste unsere Gestalt für dich, wie du sagst, so unnennbar schön ist, so sage
uns, worin denn unsere so große Schönheit besteht!“
[BM.01_142,06] Spricht Martin: „Zuerst
erfüllet meinen Wunsch, dann werde ich euch das schon alles gelegentlich
erläutern!“
[BM.01_142,07] Sagen die drei: „Oh, so
schiebe du selbst uns die Haare über das Gesicht. Denn du wirst am besten
wissen, wie unser Gesicht verdeckt sein muß, um jenen, die nun zu uns
hervorkommen, nicht gefährlich zu sein!“
[BM.01_142,08] Martin läßt sich das nicht
zweimal sagen und vollzieht sogleich das verlangte Werk. Als er gerade bei der
dritten fertig ist, kommt schon Borem zu ihm und spricht:
[BM.01_142,09] „Bruder, du hast deine Aufgabe
bisher meisterlich gelöst! Freilich wohl hast du zwei Freunde bei dir, denen
auf dieser wie auf zahllosen andern Welten alle Wege bekannt sind.
Dessenungeachtet hast du förmlich Wunder geleistet. Doch nun mußt du mit diesen
nun deinen drei Töchtern gegen die vordringenden Nonnen sehr achtsam sein,
sonst wirst du ein wahres Mordsspektakel erschauen!
[BM.01_142,10] Das Gesicht darfst du sie vorderhand
schon gar nicht sehen lassen, außer auf dringendes Verlangen. Kannst du sie
aber sonst abfertigen, wird es um so besser sein. Wie unsere Nonnen diese drei
von Angesicht erschauen werden, da werden sie wie vom Blitz getroffen zu Boden
stürzen und sich aus Gram und großer Beschämung förmlich selbst zu zerreißen
anfangen. Daher sei du nun möglichst behutsam, sonst gibt es hier eine tüchtige
Wäsche ab.“
[BM.01_142,11] Martin wird darob bedeutend
verlegen und spricht: „Also wieder eine verzweifelte Geschichte in Aussicht!
Nein, diese Nonnen haben mir noch allzeit am meisten zu schaffen gemacht, und
hier im Himmel geben die dummen Greteln auch noch keine Ruhe! Ich hätte gute
Lust, ihnen diese drei ganz entblößt in ihrer größten Schönheit vorzustellen.
Sie sollen nur anrennen, was immer kreuzmöglich ist, und gedemütigt werden über
einen Sklaven! Vielleicht wird's nachher besser mit ihnen!“
[BM.01_142,12] Spricht Petrus: „Ja, hast
recht, Bruder, gar zu zart muß man mit jenen nicht umgehen, die sich in ihrem eitlen
gestaltlichen Wesen mehr als recht zu gefallen bemüht sind. Es ist wohl recht,
anfangs gelindere Mittel anzuwenden, um solche eitlen weltlichen Überreste von
der Seele zu entfernen. So aber die gelinden Mittel nicht hinreichen, dann aber
nur geschwind die gröbsten Bürsten her. Bruder Borem, hast wohl recht, wie du
es meinst; aber Martin hat auch recht! Daher lassen wir ihm hier das Handeln
ganz frei über!“
[BM.01_142,13] Johannes bestätigt solches
auch und sagt noch zu Borem: „Du hast ganz recht, und Martin hat auch recht.
Denn siehe, in der Sonne gibt es ewig keine Nacht, und der Nordpol leuchtet
gleich wie der Südpol. Gehe daher nur zurück und führe deine fromme Herde vor;
sie soll hier bestens gekämmt und geschoren werden!“
[BM.01_142,14] Borem geht und bringt mit
Chorel zwanzig der Eitelsten, die sich für ganz besonders schön dünken. Sie
umringen sogleich den Martin samt Petrus, Borem und Chorel und sagen zu Martin:
„Nun, wo sind denn die gar so unendlichen Schönheiten der Sonne, von denen uns
in deinem Hause gesagt wurde, daß wir gegen sie gar nichts wären? Zeige sie uns
und überzeuge uns von der Wahrheit deiner Aussage!“
[BM.01_142,15] Spricht Martin: „Nur her mit
euch, ihr eitlen Seelen! Soll euch sogleich geholfen sein! Sehet, da stehen
schon drei! Wie gefallen sie euch?“
[BM.01_142,16] Sprechen die Nonnen: „Wir
sehen nichts denn Haare und blaue Faltenkleider, dergleichen auch wir haben;
aber wir wollen das offene Gesicht, die Brust und die Arme sehen!“
[BM.01_142,17] Spricht Martin: „So ihr sterben
wollt vor Gram und Scham, soll euch euer Verlangen sogleich gewährt werden!
Saget nun – ja oder nein!“
[BM.01_142,18] Die Nonnen stutzen über die
letzte Aufforderung Martins und fragen einander, was sie tun sollen; aber keine
weiß der andern einen rechten Bescheid zu geben. Eine wendet sich an Chorel und
fragt ihn um Rat in dieser Sache. Aber Chorel zuckt ebenfalls die Achseln und
sagt nach einer nachdenklichen Weile:
[BM.01_142,19] (Chorel:) „Ja, meine geliebten
Schwestern, hier ist ein guter Rat wahrlich sehr teuer! Sagt ihr ja, da seht
zu, wie es euch nach den sehr bestimmten Worten Martins ergehen wird. Sagt ihr
aber nein, so wird euch eure unbegrenzte Neugierde nahezu zugrunde richten. Ihr
sehet, wie schwer euch hier zu raten ist. Eines wäre freilich wohl das Beste,
aber das werdet ihr euch kaum zu tun getrauen?“
[BM.01_142,20] Sagen die Nonnen: „Wir wollen
alles tun, so es etwas Rechtes ist! O sage es uns und rate uns!“
[BM.01_142,21] Spricht Chorel: „Nun denn, so
höret: Hinter uns gehen Chinesen, und hinter diesen zieht der Herr inmitten der
beiden Ihn hoch über alles Liebenden! An Ihn wendet euch; Er wird euch die
allerbeste Auskunft geben können, was ihr hier zu beachten und zu tun habt!
Werdet ihr Seiner Verheißung folgen, da werdet ihr auch sicher mit der heilsten
Haut darauskommen. Im Gegenteile aber müsset ihr's euch dann selbst
zuschreiben, wenn es euch so oder so übel ergehen dürfte. Denn das sehe ich
hier schon ein, daß hier mit nichts zu spaßen ist! Das ist mein Rat; ihr aber
könnet tun, was ihr nur immer wollt!“
[BM.01_142,22] Als die Nonnen solches
vernehmen, sagen sie: „Freund, das wissen wir schon lange! Aber das heißt hier
nichts anderes, als vom Regen in die Traufe gehen. Da fürchten wir denn doch
die drei um tausend Male weniger als den Herrn! Denn was sind diese alle gegen
den Herrn? Der Herr ist der Herr; diese alle aber sind dennoch gleich wie wir
nur Seine Geschöpfe. Ob überschön oder überhäßlich, das ist vor dem Herrn ein-
und dasselbe. Daher glauben wir, es wird besser sein, wir besehen doch diese
drei Schönheiten der Sonne, als so wir zum Herrn gingen und dadurch zeigten,
daß wir uns vor Ihm weniger fürchten als vor diesen drei Geschöpfen!“
[BM.01_142,23] Spricht Chorel: „Gut, gut; so
ihr euch selbst besser denn ich raten könnt, so tut, was ihr wollt! Aber für
einen künftigen ähnlichen Fall ersparet euch die Mühe, mir mit einer Frage zu
kommen!“
[BM.01_142,24] Auf diese Äußerung treten die
Nonnen wieder vor Martin hin und sagen: „Geschehe, was da wolle, wir wollen
diese drei ganz in ihrer Schönheit sehen!“
[BM.01_142,25] Spricht Martin: „Gut, gut,
kommt nur her und macht eure Augen recht weit auf; es wird euch eure dumme
Eitelkeit bald vergehen!“ Hier wendet er sich zu den dreien und spricht: „Nun,
meine geliebtesten Töchter, tut aus dem Gesichte eure Haare und lasset es diese
Eitlen sehen!“
[BM.01_142,26] Sprechen die drei: „So es
ihnen aber schadete, da blieben wir lieber verhüllt, denn durch uns soll
niemand zu Schaden kommen!“
[BM.01_142,27] Spricht Martin: „Meine
herrlichsten, geliebtesten Töchter, das ist nun gleich. Dem, der etwas festweg
selbst will – ob Gutes oder Schlechtes –, geschieht kein Unrecht! Diese aber
wollen euch durchaus sehen, trotzdem sie gewarnt wurden zu mehreren Malen durch
mich wie durch noch einen anderen Bruder. Darum sollen sie euch auch sehen und
dabei toll werden und nahezu zugrunde gehen. Und so enthüllet euch denn und
zeigt euch diesen eitlen Törinnen!“
[BM.01_142,28] Auf diese Worte sagen die
drei: „O du erhabener Freund, wahrlich, du bist ein großer Weiser; denn deine
Rede baust du auf festestem Grunde! Daher wollen wir denn sogleich tun, was du
uns geboten hast. Mag die Wirkung ausfallen, wie sie immer wolle, so enthüllen
wir uns denn!“
[BM.01_142,29] Mit diesem Worte schieben alle
drei zugleich ihr Haar auf die Seite. Ihrer zu großen Schönheit strahlendster
Glanz hat bei den eitlen Nonnen ungefähr eine ähnliche Wirkung, als wenn eine
jede von zehn Blitzen zugleich wäre getroffen worden. Alle stürzen wie über
einen Haufen zusammen, und nur einige von ihnen schreien mit dumpfer Stimme:
[BM.01_142,30] (Einige der Nonnen:) „Wehe uns
Häßlichsten, wir sind verloren! Krokodile, Kröten und noch anderes häßlichstes
Geschmeiß ist um vieles schöner gegen uns, als wir gegen diese! O Herr, mache
uns alle blind! Denn es ist besser, ewig blind zu sein, als nur einmal noch
einer solchen zu ungeheuren Schönheit ansichtig zu werden!“
143. Kapitel – Mitleid der drei Sonnentöchter
mit den ohnmächtig gewordenen Nonnen. Deren Belebung durch den Herrn. Johannes'
und Martins Gespräch mit den Sonnentöchtern über den Herrn.
[BM.01_143,01] Nach diesen Worten verstummen
sie ganz, und die drei sagen zu Martin, Petrus und Johannes: „Ach, da habt
ihr's nun! So ihr das schon im voraus gewußt habt, warum hießet ihr uns, ihnen
unser enthülltes Angesicht zu zeigen? Nun liegen die Armen ganz leblos vor uns!
Wer wird ihnen nun ein neues Leben wiedergeben? Könnet etwa ihr das? Oh, wenn
ihr es könnet, da erwecket die Armen wieder, denn sie dauern uns gar sehr! Ach,
wenn wir uns vor ihnen doch nicht enthüllt hätten!“
[BM.01_143,02] Spricht Johannes: „Macht euch
nichts daraus! Was hier diesen durch eure – von Gott, dem Herrn, eigens erhöhte
– übermächtige gestaltliche Schönheit begegnete, ist ihnen überaus gut und
heilsam. Eben dadurch sind sie einer letzten, aber überaus schweren materiellen
Bürde ledig geworden, die sie sonst noch lange gequält und unfähig gehalten
hätte, höhere und höchste Freuden der Himmel Gottes zu genießen. Nun aber ist
diese Bürde mit einem Hiebe von ihnen gewichen auf ewig. So werden sie auch
bald zu einem besseren und reineren Leben erstehen und werden euch ohne Ärger,
Schande und Schaden beschauen können gleich uns. Sie werden euch recht viel
nützen können, indem sie doch Töchter des Allerhöchsten und heiligen Vaters
sind!
[BM.01_143,03] Sie sind jetzt freilich so gut
wie tot. Denn es wurde ihnen nun ihre falsche Liebe genommen, die sie bis jetzt
belebt hatte bei weitem mehr denn die Liebe zu Gott, dem ewigen Herrn aller
Herrlichkeit und alles Lebens. Aber seht, dort vom Hintergrunde dieser großen
Gesellschaft kommt soeben ein Mann, ein Vater, zwischen zwei Töchtern hierher!
Dieser wird die nun tot Scheinenden schon zur rechten Weile wieder ins Leben
zurückrufen, und vor euren Augen wird sich dadurch Gottes Herrlichkeit auftun.
Daher macht euch nichts daraus; denn was diesen begegnet ist, ist ein
heilsamster Akt für ihre noch sehr eitel gewesenen Herzen.“
[BM.01_143,04] Sprechen die drei: „O du
herrlicher, uns schon bekannter Freund! Da du uns nun so viel Tröstendes gesagt
hast, so sage uns auch, wer denn jener Mann ist, der nun zwischen seinen zwei
Töchtern hierher wandelt. Ist es auch ein Bruder von euch und entstammt er
gleich wie ihr dem heiligen Planeten?“
[BM.01_143,05] Spricht Johannes: „Wie ihr Ihn
nun daherwandeln sehet, ist Er wohl uns allen ein Bruder. Er entstammt so wie
wir Seinem hier sichtbar gestaltlichen Wesen nach der Erde, d.i. jener kleinen
Welt, die eure Weisen gemeinweg den Heiligen Planeten nennen. Aber
dessenungeachtet ist Er dennoch unser aller Meister und somit auch Herr! Denn
wer ein Meister ist, der ist auch ein Herr. Er aber ist unser Meister in allen
Dingen; also ist Er auch ein Herr über alle Dinge, von Gott verordnet!“
[BM.01_143,06] Sprechen die drei: „Oh, wenn
so, da ist er ja um sehr vieles mehr denn ihr? Vielleicht so wie bei uns der
oberste Weise, dem nicht nur alle Menschen dieser großen Welt, sondern auch
alle Berge und Wässer und alle Tiere und Pflanzen gehorchen müssen?“
[BM.01_143,07] Spricht Johannes: „Ja, ja,
ungefähr so; aber noch etwas mehr, wie ihr es selbst bald werdet kennenlernen!“
[BM.01_143,08] Sprechen die drei: „Müssen wir
uns etwa auch vor ihm verhüllen?“
[BM.01_143,09] Spricht Johannes: „Hat keine
Not! Der kennt euch schon lange und eure ganze Welt, bevor sie noch war und
bevor wir und eure Weisen waren!“
[BM.01_143,10] Das nimmt die drei
Sonnentöchter so wunder, daß sie darauf erwidern: „Was sagst du?! Das ist
etwas, was wir noch nie vernommen haben, selbst von unseren größten und
höchsten Weisen nicht. Denn diese sagen, unsere Lichtwelt sei wie eine Mutter
aller andern Welten und sei daher auch die älteste unter allen. Wenn aber
unsere große Welt, die nahezu kein Ende hat, die älteste ist – was da sicher
und gewiß ist, da wir schon oft Zeugen waren, wie aus ihrem weiten Schoße neue,
freilich nur kleine Welten geboren wurden –, wie kann da ein Weiser einer
anderen, sicher kleineren Welt, die auch aus unserer Welt geboren ward, älter
sein als unsere Weisen, ja älter als unsere große, nahezu endlose Welt!
[BM.01_143,11] O du sonst herrlicher Freund,
da hast du dich doch wohl sicher ein wenig verrechnet. Es müßte nur sein, daß
jener Meister ein Urengelsgeist wäre; dann freilich wäre es etwas anderes, dann
könntest du wohl recht haben. Aber weil das schwerlich der Fall sein wird – was
wir daraus entnehmen, daß ihn gar kein Lichtglanz umgibt, was doch bei den
anderen Engelsgeistern stets so mächtig der Fall ist, daß wir gegen sie nahezu
ganz finster erscheinen –, so mußt du es uns schon zugute halten, so wir dir
hier einen kleinen Rechenfehler zur Last legen.“
[BM.01_143,12] Spricht Johannes: „Meine
geachtetsten Töchter! Eure Weisen rechnen wohl gut, wir aber rechnen besser.
Denn seht, es ist ein großer Unterschied zwischen uns und euch: Wir sind
wahrste Kinder des Allerhöchsten; ihr alle aber seid nur Seine Geschöpfe und
könnt nur durch uns Seine Kindeskinder werden! Das wisset ihr auch aus dem
Munde eurer Weisen. Wenn aber also, saget mir, wer da älter ist: die Kinder
oder die Kindeskinder, was ihr seid?“
[BM.01_143,13] Hier stutzen die drei und
sagen nach einer Weile: „Oh, deine Frage ist von einer zu tiefen Weisheit!
Diese können wir dir nicht beantworten. Vielleicht könnten es unsere Weisen wohl,
was wir aber auch nicht behaupten können, da wir natürlich nicht berechnen
können, wie tief sie mit ihrer Weisheit reichen. Lassen wir aber nun diese
Sachen ruhen, denn euer Meister und Herr – wie du es uns gesagt hast – ist
schon ziemlich nahe gekommen. Wir wollen uns auf seinen Empfang würdig
vorbereiten! Nur das sage uns noch, wie er es am liebsten hat, daß man ihm
entgegenkommt, auf daß wir uns innerlich und äußerlich darauf vorbereiten
können!“
[BM.01_143,14] Spricht Johannes: „Über diesen
Punkt wendet euch nur an euren zweiten Vater Martin, der euch ehedem lieben
gelehrt hat. Er wird es euch schon ganz genau sagen!“
[BM.01_143,15] Darauf wenden sich die drei
sogleich an Martin und dieser spricht:
[BM.01_143,16] (Martin:) „Meine geliebtesten
Töchter! Bei diesem Meister und Herrn gilt nichts als einzig allein die reine
Liebe! Daher kommet Ihm mit der größten Liebe entgegen, so werdet ihr Ihn
gewinnen. Habt ihr aber Ihn gewonnen, so habt ihr alles gewonnen, denn Ihm sind
alle Dinge möglich. Er könnte euch sogar zu wirklichen Gotteskindern machen,
dessen bin ich völlig überzeugt!“
[BM.01_143,17] Sprechen die drei: „Dürften
wir ihn denn auch so lieben, wie wir dich ehedem geliebt haben? Dürften wir uns
auch so nach unserer neuerwachten Herzenslust fest an ihn schmiegen?“
[BM.01_143,18] Spricht Martin: „Allerdings,
die Liebe kann vor Ihm nie einen Fehltritt machen. Würde Er auch im äußersten
Falle zu euch sagen: ,Rühret mich nicht an!‘, so lasset euch dadurch dennoch
nicht abhalten und erglühet nur desto mehr zu Ihm. Fasset Ihn ehernfest in eure
Herzen, so wird Er euch dann schon von selbst entgegenkommen und wird euch in
aller Fülle gestatten, wonach eure Herzen dürsten! Hat Er euch einmal in Sein
Herz aufgenommen, dann erst werdet ihr eine Seligkeit in euch empfinden, von
der kein Weiser eurer Welt auch nur die leiseste Ahnung hat!“
[BM.01_143,19] Sprechen die drei: „Ach, jene
beiden Herrlichsten werden sicher solch eine Seligkeit in größter Fülle
genießen? Was für ein mächtiger Himmelsgeist muß er doch sein, daß ihr, als
wahre Kinder des allerhöchsten Geistes, ihn als eueren Herrn und Meister
bekennt! Sicher muß Er der erste Sohn des Allerhöchsten sein und daher auch
Sein Liebling und Sein alles?!“
[BM.01_143,20] Spricht Martin: „Ja, ihr habt
nun beinahe das Zentrum getroffen; so wird sich die Sache ziemlich verhalten.
Aber nun seid ganz ruhig, Er wird nun sogleich hier sein! Sehet, die Toten
fangen bei Seiner Annäherung auch schon sich zu rühren an; daher also nur
ruhig! Nicht wahr, meine geliebtesten Töchter, ist Er nicht endlos
liebenswert?“
[BM.01_143,21] Sprechen ganz entzückt die
drei: „Ach Himmel, ach Himmel! Oh, solch eine Liebenswürdigkeit haben sicher
alle endlosen Himmel nicht noch einmal! Ach, welch eine unbeschreiblichste
Sanftmut strahlt aus seinem ganzen Wesen! Ach, je näher er kommt, desto endlos
liebenswerter wird er! O vergib uns, so wir dir sagen müssen, daß ihr, auch als
Kinder des Allerhöchsten, doch nahe wie leere Schatten gegen ihn erscheint.
Ach, je näher er kommt, desto klarer wird es unseren Herzen, daß man außer ihm
kein Wesen mehr lieben könnte!
[BM.01_143,22] O Freund, o du unser neuer
geistiger Vater, wir können nun unsere Herzen nimmer zurückhalten; zu mächtig
verlangt es sie nach ihm! Nun bleibt er ungefähr zehn Schritte vor uns stehen,
und – ach, da sieh hin! Siehe, er winkt mit dem Zeigefinger! O sage uns, wem,
wem gilt dieses heilige Winken? Siehe, die Berge dieser Welt neigen sich, sooft
er winkt! Und dort unten tief im Tale, wie das große Wasser sich erhebt und
erbebt! – O sage uns, wem gilt dieses heilige Winken?“
[BM.01_143,23] Spricht Martin, auch ganz
gerührt: „Euch, euch, meine geliebtesten Töchterchen, und nach euch diesmal
sicher eurer ganzen Welt! Daher eilet nun hin und tuet, wie ich euch früher
gelehrt habe!“
[BM.01_143,24] Sprechen die drei: „Ach, führe
uns hin! Wir haben nicht den Mut und die Kraft, denn unsere zu mächtige Liebe
erlahmt unsere Glieder!“
[BM.01_143,25] Martin, Johannes und Petrus
greifen nun sogleich den dreien unter die Arme und führen sie sanft zu Mir hin.
144. Kapitel – Chanchahs und Gellas Staunen
ob der Schönheit der drei Sonnentöchter. Des Herrn Lob an Martin als
Menschenfischer. Vom Zukommenlassen und Ergreifen der Gnade.
[BM.01_144,01] Als die drei mit ihren Führern
bei Mir anlangen und Chanchah und Gella dieser drei außerordentlichen
Schönheiten ansichtig werden, fahren sie förmlich zusammen, und Chanchah
spricht:
[BM.01_144,02] (Chanchah:) „O Du mein
allmächtigster Vater, was sind denn das für Wesen? Von solch einer
unbegreiflichen Schönheit hat wohl noch nie selbst der glühendsten
Menschenbrust etwas geträumt! O Vater, sind das auch geschaffene Wesen oder
Urgeister, deren Sinn von Ewigkeit her makelloser war als das Licht des
reinsten Sternes?
[BM.01_144,03] Ach, wie entsetzlich häßlich
muß ich mich im Vergleiche mit diesen ausnehmen! Ja, wenn ich diese beschaue,
kommt es mir – o vergib mir solch einen Gedanken! – gerade vor, als sollte es
Dir, o Vater, nahezu unmöglich sein, die weibliche Menschengestalt gar so
unendlich schön zu gestalten. Freilich ist solch ein Gedanke ebenso dumm und
blöde wie ich selbst nun! – Oh, – wahrlich, ihre endloseste Schönheit ist für
mich beinahe völlig unerträglich!“
[BM.01_144,04] Nach diesen Worten verstummt
Chanchah; die Gella aber ist schon gleich von Anfang stumm und weiß sich nicht
zu raten und zu helfen, sondern seufzt bloß heimlich im Gefühle ihrer
vermeintlichen größten Häßlichkeit.
[BM.01_144,05] Ich aber belasse die beiden
aus bestem Grunde eine Weile in solcher Zerknirschung und sage darauf zum
Martin: „Nun, Mein geliebter Bruder Martin, das Fischen geht bei dir ja recht
gut vonstatten. Da hast du Mir ja drei recht artige Fischlein sogar aus den
tiefen Gewässern der Sonne gefangen, was Mir eine sehr große Freude macht! Ich
sehe schon, daß dir das Fischen hier besser gelingt als auf der Erde. Daher
werde Ich dich schon müssen zu einem wirklichen Fischer in den Gewässern der
Sonne machen. Du wirst nun ganz besonders fest und taugst wirklich zu Meinem Bruder
Petrus und Johannes, die stets Meine Hauptfischer in der ganzen Unendlichkeit
sind.
[BM.01_144,06] Wahrlich, diesmal hast du dich
selbst übertreffend ausgezeichnet! Sieh, das ist die erste rechte Freude, die
du Mir gemacht hast! Denn bis jetzt ist es beinahe noch keinem ausgesandten
Fischer in dieser Lichtwelt gelungen, Menschen dieser Welt in das Netz der
Liebe zu fangen. Ihre Weisheit ist groß und ihre Schönheit hat viele Fischer
schon ganz ohnmächtig gemacht. Aber du hast dich da wirklich wie ein Meister
ausgezeichnet. Ich werde dich daher schon über Größeres setzen müssen, weil du
im Kleinen so gut gewirtschaftet hast!“
[BM.01_144,07] Spricht Martin: „O Herr, o
Vater, zu viel, zu viel Gnade! Du weißt ja, daß man von einem Ochsen nichts als
ein Stückchen Rindfleisch haben kann. Und was bin ich sonst wohl vor Dir
anderes als ein Ochse und mitunter manchmal auch noch ein anderes Vieh? Du
weißt schon, was für ein Vieh ich meine!
[BM.01_144,08] Ohne Deine besondere Gnade
wäre es mir in Gesellschaft dieser drei allerliebsten Töchter sicher
absonderlich schwach und schlecht ergangen. Hätten sie mir mit ihrer Weisheit
auch schon keinen gar zu mächtigen Rippenstoß versetzt, so doch einen desto
mächtigeren mit ihrer allerreizendsten Schönheit.
[BM.01_144,09] Oh, und was für einer
Schönheit vom Kopfe bis zur letzten Zehe! Aber da griffst Du mir durch die zwei
kräftigsten Brüder unter die Arme, und siehe, da ging es freilich! Hättest Du
mich aber nur ein wenig frei gelassen, da wäre ich ja auf der Stelle fertig geworden
mit meiner Stärke. Wie es mir aber dann weiter ergangen wäre, wirst Du, o Herr,
sicher am besten wissen!“
[BM.01_144,10] Rede Ich: „Mein lieber Bruder,
da hast du freilich wohl recht geantwortet, denn ohne Mich kann niemand etwas
tun. Aber siehe, die Sache ist so:
[BM.01_144,11] Das Zukommenlassen Meiner
Gnade ist freilich Mein Werk, das da niemandem vorenthalten wird. Aber das
Ergreifen dieser Gnade und das Handeln darnach ist das eigene Werk eines jeden
freien Geistes und sonach auch das deinige. Und darum lobe Ich dich, daß du
eben Meine Gnade so vortrefflich ergriffen und darnach gehandelt hast!
[BM.01_144,12] Ich lasse Meine Gnade gar
vielen zukommen, und sie erkennen sie auch und loben Mich darob. Aber so sie
darnach handeln sollen, achten sie der Gnade nicht und bleiben stets gleich in
ihrer irdischen schlechten Gewohnheit. Solange sie im Leibe sind, tun sie, was
ihrem Fleische wohl tut und bleiben sinnlich bis auf den letzten Augenblick.
Kommen sie dann in das Geisterreich, so sind sie dann noch zehnfach ärger als
auf der Welt, indem sie hier alles haben können, was sie wollen. Sie haben
dennoch stets gleich mächtig Meine Gnade; aber sie achten ihrer nicht, und das
ist schlimm für sie.
[BM.01_144,13] Du aber hast nun Meine Gnade
geachtet in der Tat und bist darum Meines Lobes wert. Besonders hier, wo es um
tausend Male schwerer ist als auf der Erde, Meine Gnade ins Werk zu setzen.
Fahre nur so fort, so wird sich dein Geist bald einer Freiheitsstärke erfreuen,
die ihresgleichen sucht!“
[BM.01_144,14] Petrus und Johannes geben
selbst Zeugnis und sagen: „Wahrlich, wir beide hätten den Mut nicht gehabt, den
Sonnenweibern mit der Liebe zu kommen, weil wir sie kennen, was sie können, so
sie bei einem Geiste nur die leiseste Schwäche entdecken! Aber dem Martin ist
es gelungen. Dir, o Herr, allen Preis darum und dem Martin eine herrlichste
Heldenkrone!“
[BM.01_144,15] Sage Ich: „Ja, also sei es!
Nun aber stelle Mir du, Mein lieber Bruder Martin, deine drei Fischlein vor,
daß Ich von ihnen erfahre, wie du sie für Mich zubereitet hast!“
145. Kapitel – Der Herr und die drei
liebereifen Sonnentöchter.
[BM.01_145,01] Auf diese Beheißung wendet
sich Martin zu den dreien und spricht zu ihnen: „Nun, meine geliebtesten
Töchter, sind wir am rechten Ort. Da schüttet eure Herzen aus, wie ich es euch
gelehrt habe und es die Glut eurer Herzen verlangt!“
[BM.01_145,02] Auf diese Worte Martins
breiten die drei schnell ihre überschönen Arme aus und wollen sogleich Mir an
die Brust fallen.
[BM.01_145,03] Ich aber bedeute ihnen: „Meine
geliebten Kindlein, noch rühret Mich nicht an, da ihr noch in eurem Fleische
seid; denn solches würde euren Leib töten! Wenn ihr aber entleibt sein werdet,
werdet ihr Mich ohne allen Schaden anrühren dürfen! Ich bin ein vollkommenster
Geist; daher können auch nur vollkommene Geister mich anrühren!“
[BM.01_145,04] Sprechen die drei: „Ist dieser
dein Bruder ja doch auch ein Geist! Und sieh, wir lagen an seiner Brust und
lernten da die Liebe kennen, und es hat uns nicht geschadet! So du,
allerherrlichster Meister und Herr deiner Brüder, ein noch vollkommenerer Geist
bist, meinen wir, daß es uns noch weniger schaden wird, so wir an deiner Brust
uns so ganz der Liebe hingeben wollen!
[BM.01_145,05] Und was ist es denn, wenn wir
dadurch entleibt würden? Es ist doch besser, ohne Leib zu lieben, als mit dem
Leibe von der Liebe verbannt zu sein! – O sieh uns doch an und fühle, wie sehr
wir leiden, so wir dich nicht nach unserem Herzensdrange lieben dürfen!“
[BM.01_145,06] Rede Ich: „Meine lieben
Kindlein! – Lieben dürfet ihr Mich schon aus allen euren Kräften, die Liebe sei
euch nicht vorenthalten. Aber nur anrühren sollt ihr Mich noch nicht, weil euch
das schaden würde! Aber so eure Liebe schon so heftig ist, daß sie euren Leib
nahezu auflösen möchte, könnet ihr wohl Meine Füße anrühren; denn die Brust
wäre wohl noch zu heiß für euch!“
[BM.01_145,07] Bei diesen Worten stürzen die
drei sogleich zu Meinen Füßen nieder, umklammern diese mit ihren zartesten
Händen und sprechen dann mit einer überzarten und harmonischen Stimme: „Ach,
ach, welch eine unendliche Süßigkeit! Oh, wüßten doch unsere Brüder von vielen
Aeonen, wie endlos süß die Liebe ist, sie gäben alle ihre Weisheit für einen
Tautropfen solcher Liebe!
[BM.01_145,08] O du herrlichster Herr und
Meister, warum wissen denn wir Menschen dieser großen herrlichen Welt nichts
von der Liebe? Warum müssen wir allein nur in der nimmer zu erforschenden
Weisheit der Himmel des ewigen Urgeistes wühlen und dabei nie gewahren, was die
Liebe, die allersüßeste Liebe ist!“
146. Kapitel – Schwierige Bedingungen zur
Erreichung der Gotteskindschaft auf der Erde.
[BM.01_146,01] Rede Ich: „Meine lieben
Kindlein! Sehet, der Leib eines Menschen hat mannigfache Glieder und
Sinneswerkzeuge. Aber es kann das Ohr nicht haben, was das Auge, – der Mund
nicht, was die Nase, – der Kopf nicht, was das Herz, – und das Herz nicht, was
die Füße und Hände haben. So aber der ganze Leib gesund ist, da sind es auch
alle einzelnen Glieder. Es fühlt sich das Auge nicht unglücklich, weil es nicht
hört, und das Ohr nicht, weil es nicht sieht.
[BM.01_146,02] Ebenso hat auch das Haupt sich
noch nie beklagt, weil es weiter vom Herzen entfernt ist als die Lunge. Denn
alle Glieder, welcher Verrichtung sie auch sein mögen, genießen und leben doch
von einem Herzen, das da ist die Wohnung der Liebe und des Lebens. Und so,
Meine Kindlein, seid auch ihr, wennschon nicht das Herz selbst in der großen
Ordnung der Dinge Gottes, so doch gleiche Mitgenießer alles dessen, was aus dem
Herzen Gottes kommt. Wer von euch aber ganz besonders die Liebe erkennt wie ihr
nun, der wird auch von der Liebe aufgenommen werden!
[BM.01_146,03] Solange ihr noch Blut seid,
könnet ihr jedes Gliedes Anteil werden. So aber das Blut einmal Nährteil
irgendeines Gliedes geworden und mit ihm zur Einheit zusammengeflossen ist, ist
an eine Weiterführung solch eines vereinigten Blutteiles nicht mehr zu denken.
[BM.01_146,04] Ich weiß wohl, daß eure Weisen
oft über das große Vorrecht jener kleinen Welt – die sie gewöhnlich den
Heiligen Planeten nennen, da seine Menschen ausschließlich Kinder des
Allerhöchsten sind – erstaunen. Bedenket aber, wie gar elend müssen sie alldort
ihr zeitweiliges Leben zubringen!
[BM.01_146,05] Hunger, Durst, große Kälte,
oft noch größere Hitze, nebst einem sehr gebrechlichen Leibe müssen sie von
Kindheit an ertragen. Dieser ihr Leib aber ist noch dazu tausend schmerzlichsten
Krankheiten und endlich noch einem sicheren schmerzlichen Tode unterworfen! Mit
großen Schmerzen wird dort der Mensch geboren und ebenso muß er wieder die Welt
verlassen.
[BM.01_146,06] Bis in sein zwölftes Jahr ist
dort der Mensch oft kaum eines reifen Gedankens fähig und wird oft mit Hieben
der Rute erst zum vernünftigeren Menschen gebildet. Ist er nur halbwegs bei
Vernunft, wird ihm schon das harte Joch einer Menge schwerst zu beachtender
Gesetze aufgebürdet. Für deren Übertretung erwarten ihn nicht nur schwere und
schmerzliche zeitliche, sondern sogar allerschärfste und unausbleibliche ewige
Strafen!
[BM.01_146,07] Daneben muß er noch, um das
Leben seines ohnehin gebrechlichen, schweren Leibes zu fristen, im brennenden
Schweiße seines Angesichtes seine Nahrung bereiten! Und er ist bei alledem oft
bis auf den letzten Augenblick seines irdischen Lebens in beständiger
Ungewißheit, ob es nach dem schmerzlichen Tode seines Leibes noch irgendein
Leben gibt. Und so es schon eines gibt, so ist das für ihn nicht selten
schrecklicher gestellt und weniger wünschenswert als selbst eine ewige
Vernichtung. Zu allen den Bitterkeiten des Lebens wird er aber dennoch von
einer außerordentlichen Liebe zum Leben dergestalt beseelt, daß ihm der Tod
trotz allen Drangsalen seines kummervollsten Lebens dennoch als das
Allererschrecklichste erscheint!
[BM.01_146,08] Wenn ihr nun die Menschen des
von euch sogenannten Heiligen Wandelsternes so betrachtet, was sie ausstehen
müssen, um ihrem einstigen, freilich höchsten Berufe zu entsprechen: saget, so
ihr euch dagegen betrachtet, sind sie von euch zu beneiden? Oder möchtet ihr
das ausstehen, um möglicherweise das zu werden, was sie von Geburt an noch
lange nicht sind und auch nie werden können, so sie nicht all die schweren
Bedingungen nach den strengen Gesetzen erfüllen, die ihnen unmittelbar unter
strengsten Sanktionen vom allerhöchsten Gottesgeiste gegeben sind?!“
147. Kapitel – Absprechende Kritik der drei
Schönen über die entbehrungsreiche Gotteskindschaft auf der Erde.
[BM.01_147,01] Bei dieser Beschreibung stehen
die drei Sonnentöchter wieder auf und sagen: „O du erhabenster Freund und
Meister großer Weisheit! Wenn der große Gott Seine werdenden Kinder so
behandelt, da halten wir von solch einer Kindschaft ewig nichts! Denn wenn dann
einer vielleicht aus Tausenden durch ein entsetzlich selbstverleugnendes Leben
mit der so hart und schwer errungenen Kindschaft alle Fähigkeiten des
Allerhöchsten erreicht hätte, so sind sie aber dennoch nichts gegen solche
Leiden! Und dreimal nichts, weil sie nur jenem zuteile werden, der sein Leben
hindurch am meisten alles erdenkliche Elend geduldig ausgestanden hat.
[BM.01_147,02] Was nützt einem solchen Kinde
wohl selbst die größtmögliche Seligkeit, die ihm ein allmächtigster Gottgeist
nur immer bereiten kann? Wenn ihm die Erinnerung bleibt, was er einst darum hat
ausstehen müssen, so muß sie ihm jede Seligkeit auf ewig verbittern. Und das um
so mehr, so er daneben gewahr werden muß, daß seine ebenbürtigen Brüder sicher
zu Tausenden allerelendst in irgendeinem ewigen Straforte schmachten, während
er vielleicht aus vielen Äonen als der einzige glücklich seine schreckliche
Lebensaufgabe gelöst hat.
[BM.01_147,03] Erinnert er sich aber seines
einstigen Elendes nicht und kümmern ihn seine unglücklichsten Brüder nimmer,
weil er allein das nahezu unerreichbare Glück hatte, ein Kind Gottes zu werden,
da ist er um sein Leben betrogen. Denn ohne Rückerinnerung kann er unmöglich
sagen, daß er sich solch eine Glückseligkeit erworben habe. Kennt er jedoch die
nimmer, die neben ihm elendst geworden sind, dann ist bei uns ein Kind im
Mutterleibe ja schon weiser und erleuchteter denn so ein elendes Gotteskind,
das von seiner Gotteskindschaft außer einer stumpfen Seligkeit sicher nichts
als bloß einen leeren und bedeutungslosesten Namen hat!
[BM.01_147,04] Bei so bewandten Umständen –
höre du, wenn auch ein allererster Sohn Gottes! – halten wir von der
Gotteskindschaft nichts, könnten wir selbst dir gleichgestellt werden.
Vorausgesetzt, daß dich deine Gotteskindschaft auch verhältnismäßig große
Vorleiden gekostet hat! Wir begreifen da aber auch die Weisheit Gottes nicht,
wie sie an solchen gemarterten Wesen ihre Lust haben kann? Wahrlich, solch ein
Gott – und unser Gott, die müssen wenig voneinander wissen!
[BM.01_147,05] Ihr dauert uns wirklich von
ganzem Herzen! Kommt mit uns und bleibet bei uns, da soll es euch besser gehen
als bei eurem Gott, der nur Freude an den Elenden hat!
[BM.01_147,06] Wohl ist eure Liebe etwas
Süßes und ist zum Teil die Basis des Lebens. Aber was nützt all diese
Lebenssüßigkeit, so dabei der Geist ein ewig gebundener bleibt, und so seine
Bewegung so gut wie keine ist, da es ihm nur gegönnt ist, sich innerhalb der
engstgezogenen Schranken einer bestimmten Ordnung zu bewegen?
[BM.01_147,07] Wir Menschen hier auf dieser
großen Welt sind wahrhaft frei. Allein die Weisheit ist es, die uns frei macht
und untertänig alle Dinge der Weisheit unserer Geister. Da wir aber eben durch
Weisheit frei sind und die Liebe bloß nur als eine stumme, vegetative Kraft
betrachten, so gibt es bei uns auch keine Gebrechen, weder physisch noch
sittlich.
[BM.01_147,08] Wir sind vollkommen in der
Gestalt, vollkommen im Denken, Begehren und Handeln. Nichts könnt ihr bei uns
finden, weder in den Tälern noch auf den Bergen, das da nur mit der geringsten
Unvollkommenheit behaftet wäre.
[BM.01_147,09] Neid, Zorn, Ehrsucht, Geiz,
Geilheit und Herrschsucht sind dieser Welt – soweit wir sie kennen – völlig
fremd; denn die rechte Weisheit lehrt uns in allem gleiche Rechte und gleiche
Vorzüge. Denn wir alle sind vollkommene Ebenmaße des allerhöchsten Geistes und
ehren diesen in uns gegenseitig durch die rechte Weisheit, die wir von Ihm
haben. Und sehet, das ist eine rechte, dieses Geistes würdige Ehrung!
[BM.01_147,10] Ihr aber meint, durch die
Liebe allein werdet ihr Ihn gewinnen und werdet Seine allmächtigen Kinder sein?
O ihr Elenden, o ihr Schwachen, meint ihr als vermeintliche Kinder im Ernste,
man dürfe nur so ein wenig juckenden Herzens dem höchsten Geiste kommen und Ihm
gleich einem neugeborenen Kinde nur einen süßlichen Saugzuzel antragen, um Ihn
zu gewinnen?!
[BM.01_147,11] Oh, da seid ihr alle in sehr
bedauerlicher Irre und zeigt dadurch, daß euch als selbst schon vollkommen sein
wollenden oder sollenden Geistern der Begriff ,Geist‘ vollkommen fremd ist! Ihr
kennet euch nicht, habt euch noch nie erkannt, – wie wollt ihr dann erst den
ewigen Urgeist aller Geister kennen und am Ende gar Seine ausgezeichnetsten
Kinder sein? Kommt zu uns in die Schule, da werdet ihr zuerst euch und dann
erst den allerhöchsten Geist kennenlernen!“
148. Kapitel – Fortsetzung der kritischen
Weisheitsrede der drei Sonnentöchter.
[BM.01_148,01] (Die drei Sonnentöchter:) „Wir
nahmen wohl wahr, daß besonders dieser Bruder, den ihr ,Martin‘ nennet, einige
sehr beachtenswerte Fünklein mystischer Weisheit besitzt, ähnlich der unserer
Hochgebirgsweisen, die uns auch manchmal mit Dingen kommen, die, so wie ihre
Wohnungen, über unserem Gesichts- und Erkenntniskreise liegen. Was aber nützt
ihm und euch solch eine hohe Mystik, wenn euch die ersten Prinzipien der
praktischen Lebensweisheit gänzlich ermangeln?
[BM.01_148,02] Diese aber bestehen in der
gerechten Nachgiebigkeit gegen Schwache. Denn wo der Starke gegen den Schwachen
stark sein will und ein Sieger über ihn, da ist alle Ordnung der Weisheit
verloren. Denn jede Kraft muß den Sieg in ihrem klaren Bewußtsein finden und
nie in der schmählichen Unterjochung dessen, der schon von weitem als der
Schwächere erscheint.
[BM.01_148,03] Und so handelten auch wir, als
wir euch als die bei weitem Schwächeren auf unserem Boden erschauten: wir
taten, was ihr wolltet, um euch desto tiefer erforschen zu können. Wir haben
nun genau erkannt, daß ihr sehr bedauerliche Wesen seid. Daher laden wir euch,
trotzdem ihr Geister seid, auch ein, bei uns hier die rechte Weisheit zu
erlernen, die euch vor allem nottut, wollt ihr mit der Zeit bessere Gedanken
und Begriffe von dem allerhöchsten Geiste bekommen!
[BM.01_148,04] Wohl haben uns unsere reinen
Geister aus den schwebenden Lichtgewässern verkündet, daß wir uns euch nicht
widersetzen sollen, da in eurer Mitte sich der Erschrecklichste befinde; aber
wir begriffen diesen Zuruf damals nicht ganz! Nun aber ist es uns klar, daß sie
darunter niemanden als dich verstanden. Dieses Erschrecklichste besteht sicher
darin, daß du in einer törichten Einbildung es wohl am weitesten gebracht hast,
da du dich, wie wir sehen, im Ernste für den allerersten Sohn des Allerhöchsten
hältst und auch deine Brüder in solch einem Wahne zu erhalten suchst. Und das
eben ist das Schrecklichste bei uns, so sich jemand beifallen läßt, seine
schwächeren Brüder zu täuschen!
[BM.01_148,05] Wer stark ist, der verberge
seine Stärke nicht, aber mache sie auch nicht geltend an den Schwachen! Wer
aber schwach ist, der scheine nicht, als wäre er stark, sondern schwach! So
wird die Kraft des Starken und die Schwäche des Schwachen zu einer Stärke im
Starken!
[BM.01_148,06] Beherziget diese Worte wohl!
Sie kommen nur aus dem Munde nahezu unmündiger Kinder dieser herrlichen Welt.
Kommt aber in die gastfreien Wohnungen unserer Alten, dort soll euch ein viel
kräftigeres Licht angezündet werden. Es hindere euch nicht, daß ihr euch schon
als vollkommen wähnt und meint, es würde uns schaden, so wir eure Brüste
anrührten! Oh, des seid ganz unbesorgt!
[BM.01_148,07] Denn seht, wir sind ja eben
durch die rechte Weisheit schon jetzt als Kinder in diesirdischen Leibern um
sehr vieles reingeistiger, als ihr es je werdet. Das Geistige liegt doch sicher
nicht im Leibe, sondern im eigentlichen Geiste, der doch stets derselbe ist und
bleibt, ob in einem gröberen oder feineren ätherischen Leibe.
[BM.01_148,08] Auch müßt ihr unsere Leiber
nicht nach denen bemessen, die ihr auf eurem sogenannten Heiligen Planeten
getragen habt, die gröber, schwerer, finsterer und plumper waren als die
gröbsten Steine dieser Welt. Ihr seht ja doch selbst, daß da unsere Leiber
schon bei weitem ätherischer und dem Lichte verwandter sind als eure Geister,
wie sie hier zu sehen sind. Sie vereinen bei weitem größere Reinheit und rechte
Ordnung in sich, weil sie von dem ihnen innewohnenden Geiste allzeit durchwirkt
werden.
[BM.01_148,09] Daher ziehet nur ganz voll
guter Dinge mit uns! In unseren Wohnungen sollt ihr sicher lauterer werden, als
ihr nun seid. Aber dessenungeachtet geschehe eurer Schwäche nicht der leiseste
Zwang durch die überwiegende Stärke, die wir nicht also prunkend ausstecken wie
du, Freund Martin: ehedem, als du lächerlicherweise von einer Kraft – trotzdem
du der Schwächste wärest – an dir sprachst, mit der du unsere große Welt etwa
wie die zarte Knospe einer ätherischen Lichtstaubblume zwischen Daumen und
Zeigefinger leicht zerreiben könntest!
[BM.01_148,10] Findest du nun nicht selbst,
daß du deine Kraft denn doch ein wenig zu hoch angeschlagen hast? Aber es werde
dir darum kein Vorwurf, denn du sprachst in deinem blinden Eifer und kanntest
uns nicht. Nun du uns aber hoffentlich besser kennst, wirst du auch so etwas
nimmer von uns denken, geschweige laut aussprechen.
[BM.01_148,11] Wir aber gehen nun voraus, und
so ihr wollet, da folget uns! Seid versichert, daß ihr bei uns über alle Maßen
freundlich aufgenommen werdet in unseren festen Häusern, die nicht wie dein
himmlisches in einer fixierten Einbildung, sondern in festester Wirklichkeit
bestehen, gebaut mit unserem Willen und mit unseren Händen! –
[BM.01_148,12] Auf daß du, Martin, aber
siehst, daß unsere Weisheit denn doch ein wenig weiter reicht und wir dich
besser kennen und euch alle, als du es meinst, so sollst du in der Wohnung
unserer Alten ein Schauspiel finden, in dem du dich vom Uranfang bis zu diesem
deinem Augenblicke ganz wiederfinden wirst!
[BM.01_148,13] Du wähnst nun wohl, schon
recht weit außer deinem hochhimmlischen Hause zu sein? Siehe, wir sind in
diesem Augenblicke in selbem und sehen alles genau, wie es in ihm zugeht. So
waren wir auch Zeugen, als du dem verkappten Drachen einen feurigsten Kuß
verabreichen wolltest! Aber denke nun nicht über unsere Gesichtsstärke nach,
denn zur rechten Zeit wirst du in der wahren Weisheit den Grund von alledem
finden! Dein und euer aller freier Wille geleite euch! Wir gehen nun voraus!“
[BM.01_148,14] Auf diese längere Rede
entfernen sich die drei.
149. Kapitel – Niederschlagende Wirkung der
Weisheit der drei Sonnentöchter auf Martins Siegesgewißheit.
[BM.01_149,01] Martin aber, der schon lange
wie auf Nadeln gestanden ist, wendet sich sogleich zu Mir und spricht: „O Herr,
o Vater, – ganz gehorsamster Diener, da sind wir einmal ins rechte Wespennest
geraten! Nein, das ist noch über alles, was mir bis jetzt vorgekommen ist!
[BM.01_149,02] O Bruder Petrus und Johannes,
ihr habt meinen Mut und Sieg viel zu früh gepriesen und die Heldenkrone
angelobt! Jetzt hat es sich gezeigt, was für einen Sieg ich errungen habe und
wie gut uns allen nun die drei Sonnenforellen geschmeckt haben!
[BM.01_149,03] O Herr, wenn ich an meine – Du
weißt es – lumpigste Fischerei zurückdenke, so wahr ich Dich über alles liebe,
sie war für mich rühmlicher denn diese! Deine Güte und Gnade hat mich hier ehedem
schon zu einem rechten Fischmeister in den Lebensgewässern der Sonne ernannt.
Nun aber muß ich Dir schon mit der Bitte kommen, mir diese löbliche
Meisterschaft sogleich wieder abnehmen zu wollen! Denn diese Fische fräßen mich
ja doch lange eher – bei Butz und Stengel schon gebraten am sauern Kraute, wie
man zu sagen pflegt – auf, bevor ich so eigentlich daran denken könnte, aufs
Fischen auszugehen!
[BM.01_149,04] O du verzweifelter Sturmwind!
Nein, nein, diese drei haben uns allen hier die Leviten aus allen Sternen auf
einmal vorgelesen! Und das Verzweifeltste ist dabei nur, daß man ihnen im
Grunde wenig oder nichts einwenden kann! Sie sind gut, edel, sanft, nachgiebig
und dabei unaussprechlich hold und schön. Aber doch möchte ich nun vor Ärger
gerade zerspringen, daß mich diese drei Kinder gar so schmählich angesetzt
haben!
[BM.01_149,05] Wir sollen ihnen folgen? Ich
einmal nicht! Wer noch? Das ginge uns gerade noch ab, zu ihnen in die Schule zu
gehen! Und Du, o Herr, etwa Selbst mit? Und du, Petrus, und Johannes auch? Die
Sache machte sich! – Was sagst denn Du dazu, o Herr, Du mein Alles?“
[BM.01_149,06] Rede Ich: „Sei nur ruhig. Wir
alle tun, was die drei von uns wünschen, d.h. wir folgen ihnen und wollen
sehen, was da herauskommen wird. Je verwickelter eine Komödie, desto
beseligender ihre Löse. Denn siehe, ihr als Meine ersten Kinder, Brüder und
Freunde müßt ja alles kennenlernen, sonst wäret ihr nicht geschickt zu Meinem
Dienste! Daher gehen wir nun nur ganz geduldig den dreien nach!“
[BM.01_149,07] Spricht Martin: „Herr, Du
weißt, daß ich jetzt wie alleweil sage: ,Dein allein heiligster Wille
geschehe!‘ Denn ich weiß ja, daß nur Du allein alle Wege kennst, die wir zu
gehen haben, um zu jenem Ziele zu gelangen, das Du als Gott, Vater, Herr und
Liebe und Weisheit uns für ewig gesetzt hast. Aber dessenungeachtet stehe ich
nun erst hier so recht wie ein barster Ochse am Berge und kann nicht einmal in
diesem Momente die Masse der Widersprüche zusammenfassen, die jetzt diesen drei
Sonnengöttinnen wie in einem Strome entsprudelt sind!
[BM.01_149,08] Ich sehe nun immer klarer ein,
daß ihre Sätze voll Widerspruchs sein müssen. Und doch kann ich ihnen nichts
einwenden; denn was sie redeten, war und ist faktisch richtig.
[BM.01_149,09] Aber Du wirst es Selbst am
besten bemerkt haben, wie sie an meiner Brust selig waren und gewisserart Liebe
erlernen wollten. Deren Süßigkeit priesen sie so sehr, daß darob ihre Begleiter
mir Gewalt antun wollten und sogar ihre Geister beriefen, die ihnen dann
freilich einen ganz anderen Bescheid gaben. Da war ihnen die Liebe alles! Nun
aber ward sie von eben ihnen als eine stumme Vegetativkraft deklariert:
ungefähr als ein Unding, das für sich gar nichts ist, sondern bloß nur den
freieren Wesen zur Fortpflanzung als ein unbewußtes stummes Motiv dient, das
wahrscheinlich in einem nichtigen elektromagnetischen, höchst imponderablen
Fluidum besteht!
[BM.01_149,10] Wie war ihre Sprache, als Du
ihnen zu Dir zu kommen winktest! Welch eine Lyrik entfloß da ihrem schönsten
Munde! Ich dachte mir: ,Nun da haben wir's, die haben Ihn schon erkannt oder
ahnen wenigstens stark, wer hinter Ihm steckt!‘ Aber wie sehr habe ich mich in
ihnen getäuscht, wie ganz anders sprachen sie, als sie Deine Füße umklammert
hielten! Und gewaltig hat sich ihre Rede geändert, als Du ihnen die bitteren
Bedingungen kundgabst, unter denen ein Mensch auf der Erde zu Deiner Kindschaft
einzig und allein gelangen könne – wobei Du aber freilich von Deiner endlosen
Liebe, Erbarmung und Gnade wenig hast merken lassen!
[BM.01_149,11] Ich sage Dir, o Herr und
Vater, wenn das mit diesen Sonnenbewohnern so fortgehen wird, werden wir hier
eine verzweifelt sparsame Ernte halten. Denn da möchte ich eher mit dem Satan
mir etwas auszurichten getrauen als mit diesen drei leider schönsten
Sonnengöttinnen!
[BM.01_149,12] Wahrlich, diese sind – wie man
zu sagen pflegt – so recht des Teufels! Schön, wie sich keine menschliche
Phantasie etwas Schöneres vorstellen kann, dabei aber ärger verschmitzt denn
all unsere daheimgelassenen löblichen Badegäste, die ehedem als ein
respektabler Anhang des Luzifer von ihm getrennt wurden! Ich behaupte, ein
ungestaltig häßlichster Teufel ist um tausend Male weniger gefährlich als ein
solches überhimmlischschönes Wesen, wenn es so ausgedehnte Teufelspfiffigkeiten
besitzt!
[BM.01_149,13] Aber sei nun, wie es wolle.
Wie Du willst, so werde ich – wie sicher wir alle – handeln und werden nun auch
in ihre Wohnung gehen. Aber das, o Herr, wirst Du mir wohl erlauben, daß ich
bei guter Gelegenheit meiner Zunge keinen Zaum anlegen darf? Ihre unbegrenzte
Schönheit wird mich nun nicht mehr beirren. Daher freut euch, ihr frommen Wesen
dieser Welt – jetzt sollet ihr den Martin auf eine Art verkosten, daß euch eure
große Weisheit wie eine Milbe gegen einen Berg vorkommen soll! Denn um Deiner
Ehre und um Deines Namens willen will ich zu einem Löwen werden und kämpfen mit
tausend glühendsten Schwertern zugleich. Aber freilich darfst Du, o Herr über
Alles, mich nicht im Stiche lassen! Denn so Du das tätest, da könnte ich mit
meinem großen Mute erst in eine rechte Soße kommen!“
150. Kapitel – Des Herrn liebweise
Verhaltungsregeln an Martin. Winke über die inneren Vorgänge bei den drei
Schönen. Martins Ärger und des Herrn beruhigende Worte.
[BM.01_150,01] Rede Ich: „Mein lieber Martin,
dein Wille und dein Mut sind überaus gut und alles Lobes wert. Aber nur mußt du
dir nie im Feuer – wenn auch eines gerechten Ärgers – etwas zu tun vornehmen,
bevor du den wahren Grund durchschaut hast, aus dem du wie ein Löwe mit tausend
Schwertern kämpfen möchtest!
[BM.01_150,02] Siehe, Ich habe dich ehedem zu
einem Fischmeister dieser Welt ernannt, und das wirst du auch verbleiben. Und
deine von Petrus angebotene Heldenkrone wird dir auch bleiben, weil du hier
wirklich ganz meisterlich dich benommen hast. Denn wie dir Mein Bruder Petrus
selbst bemerkt hat, ist es äußerst schwer, diese Wesen dahin zu bringen, wohin du
sie – wennschon durch Meine Kraft in dir – gebracht hast.
[BM.01_150,03] Glaube ja nicht, daß diese
drei nun, weil sie von Mir notwendigerweise etwas zurückgedrängt wurden, der
Liebe in ihrem Herzen laut ihrer langen Wahrheitsrede entsagt haben! Hätten sie
das, da hätten sie uns nimmer ihnen zu folgen geheißen und hätten auch nicht so
viele Worte an uns gerichtet; denn ihre Weisheit ist sonst sehr einsilbig.
[BM.01_150,04] Aber weil eben ihr Herz
heimlich an uns gar mächtig hängen blieb, so hatten sie viele Worte und wären
noch lange nicht fertig, so wir ihnen etwas eingewendet hätten. Da wir sie aber
reden ließen, wie ihnen die Zunge gewachsen ist, so mußten sie endlich fertig
werden. Ich sage dir, sie schieden heimlich mit überaus schwerem Herzen von uns
und können nun nicht erwarten, bis wir ihnen nachkämen. Wie du selbst sehen
wirst, werden sie uns auch gleich wieder entgegenkommen bis hierher, darum wir
auch ein wenig hier verharren!
[BM.01_150,05] Es wäre daher sehr unbillig,
so wir sie nach ihrer früheren, rein aus Eifersucht hervorgehenden Rede
beurteilen wollten, – welche Eifersucht eben die neuerwachte Liebe in ihnen
erzeugt hat! Sie sahen, daß uns ihre Schönheit gewisserart kalt läßt und sie
bei uns sich weder durch ihre Schönheit, noch durch ihre heftige Liebe recht
beliebt machen können. Daher nahmen sie zu einer gutmütigen Weisheit Zuflucht
und wollen sich uns soviel als möglich nützlich erweisen.
[BM.01_150,06] Sage nun selbst: wäre es wohl
löblich, so du sie als ein Löwe mit tausend glühendsten Schwertern bekämpfen
möchtest? Denke darüber selbst ein wenig nach und sage Mir, ob sich die Sache
nicht so verhält!“
[BM.01_150,07] Martin denkt hier, große Augen
machend, ganz ernstlich nach und spricht nach einer Weile: „Ja, ja, ganz
überaus bestimmt ja! Es ist richtig also! O ich Vieh, ich dümmster Esel und
Ochse zugleich, vielleicht der einzige auf dieser großen, lichten, besseren
Erde!
[BM.01_150,08] Wo habe ich denn um Deines
heiligsten Namens willen meine Augen, meine langen Ohren, meine Sinne überhaupt
gehabt? Nein, wenn ich nun nur so einen recht festen Knittel bei der Hand
hätte, um mir meinen dümmsten Hirnkasten tüchtig durchzuklopfen, da geschähe es
mir ordentlich leichter!
[BM.01_150,09] Diese allerliebsten liebenden
Herzerln wollte ich – nein, ich mag es gar nicht aussprechen, denn es ist zu
dumm! Richtig, dort kommen sie schon wieder über eine kleine Anhöhe herab! O
ihr allerliebsten Kinderchen, kommt nur, kommt nur! Diesmal sollt ihr schon
besser empfangen werden!
[BM.01_150,10] Was soll ich aber nur tun, um
meinen eselhaft großen Fehler wieder gutzumachen? Wahrscheinlich werden sie es
aufs Haar wissen, was alles ich zu Dir über sie geredet habe! Oh, das wird
schon wieder eine herrliche Wäsche abgeben!“
[BM.01_150,11] Rede Ich: „Martin, sei du
weder auf der einen, noch auf der anderen Seite zu hitzig, so wird alles gut
gehen! Denke an den Unterricht, wie man sich hier zu benehmen hat – nämlich
voll Liebe mit äußerem Ernste, dann wirst du stets der gleiche Sieger bleiben
und ein Meister der Fischerei in den Gewässern der Sonne! Nun also nur ernst,
denn sie sind schon wieder ziemlich nahe!“
[BM.01_150,12] Spricht Martin: „O Herr, gib
mir doch ein wenig mehr Ein- und Durchsicht, auf daß ich in der Folge besser
urteile, wenn die drei Herrlichsten mir wieder mit ihrer frappanten Weisheit
kämen! Sonst stehe ich nicht gut, ob ich nicht wieder einen Haupteselsstreich
begehe!“
[BM.01_150,13] Sage Ich: „Kümmere dich dessen
nicht, denn gerade so, wie du bist, kannst du Mir hier mehr dienen als Petrus
und Johannes, deren Sehe in alle Geheimnisse dieser Welt reicht! Denn wer schon
im voraus weiß, was seine Mühe für Früchte tragen wird zufolge der Ordnung
dieser Welt, der getraut sich nicht so viel zu unternehmen wie einer, der
zufolge seiner nicht so klaren Sehe diese Wesen mehr nach der Ordnung seiner
eigenen Welt behandelt. Daher bleibe du nur wie du bist, und du wirst so am
meisten wirken können!
[BM.01_150,14] Diese Menschen verlieren auch
bald die Lust zu einem Geiste, so sie merken, daß er ihnen an Weisheit
gleichkommt oder, wie es bei Petrus und Johannes der Fall ist, ihnen bei weitem
überlegen ist. Da werden sie außerordentlich spitzig und ziehen sich dann sehr
zurück. Aber so sie mit einem, wie du es bist, zu tun haben, sind sie die
zuvorkommendsten Wesen, die du nur zu finden vermagst, und sind dann auch
sozusagen um einen Finger zu wickeln. Daher sei, wie du bist, so wirst du Mir
hier am besten dienen können! Aber nun nur stille, sie kommen schon ganz zu
uns!“
151. Kapitel – Frage der drei Schönen an den
Herrn, warum Er und die Seinen nicht in ihre Wohnungen gekommen sind. Des Herrn
weise Antwort.
[BM.01_151,01] Als die drei bei uns anlangen
in derselben Bekleidung, wie sie ehedem vor Martin sich angekleidet hatten,
sagen sie sogleich zu Mir: „O Erhabenster, wie lange wohl wirst du uns mit all
diesen Deinen harren lassen, bis du uns für würdig erachtest, einzugehen in
eine unserer für deinen Empfang würdig bestellten Wohnungen?
[BM.01_151,02] Siehe, wir wissen durch unsere
Weisen und die Geister unserer großen Welt, ebenso wie durch die Geister vieler
anderer Welten, die uns zu öfteren Malen besuchen, und wissen auch aus dem
Munde nicht selten zu uns kommender Engel des allerhöchsten Geistes: daß wir
Bewohner dieser Welt nicht nur gestaltlich überaus schön, sondern auch sittlich
so rein bestellt sind, daß an uns selbst die reinsten Lichtwesen keinen Makel
entdecken können. Und daß sie uns stets ihres Besuches wert finden, sich mit
uns bestens in aller Reinheit erlustigen und Kunde geben, was für Wunderwerke
sich im endlosesten Engel- und Weltenreiche des allerhöchsten Geistes, den ihr
euren Gott und Vater nennet, vorfinden und noch immer stets größere und
unbegreiflichere hinzugeschaffen werden von Augenblick zu Augenblick.
[BM.01_151,03] Wenn aber alle Engel und
Geister uns ein solches Zeugnis geben und vor uns gar nicht zurückhaltend sind,
da begreifen wir nicht, was ihr doch an uns finden möget, darob ihr so wenig
Neigung zu uns fühlet! Wir bitten die anderen Geister nie, daß sie zu uns
kommen sollen. Aber sie kommen dennoch gerne, weil sie an uns stets das finden,
was ihnen große Lust und Freude macht. Euch aber baten wir inständigst nach
unserer besten Weise auf dem reinsten Wege der Weisheit unserer höchsten
Weisen. Aber auf euch scheint das wenig oder wohl gar keine Wirkung gemacht zu
haben! O sage es uns, du Erhabenster, was daran die wahre Schuld sein kann!
Sage uns, warum ihr noch nicht gekommen seid in unsere Wohnungen, in denen
Tausende eurer harren!“
[BM.01_151,04] Rede Ich: „Daran ist sittlich
niemand schuld von euch. Ich weiß wohl am besten, wie ihr in allem bestellt
seid, und kenne eure Gestalt, eure reinen Sitten und eure Wohnungen. Aber wie
ihr, so sind auch wir frei und tun, was wir wollen. Es hat niemand das Recht,
von uns Rechnung zu verlangen und uns zu sagen: ,Warum tut ihr dies und
jenes?‘; denn wir sind vollkommen frei und tun, was wir wollen.
[BM.01_151,05] Solches aber sollet ihr bei
all eurer Weisheit doch auch wissen, daß wir uns durch Weisheit allein durchaus
nicht anziehen lassen, sondern nur durch die gerechte, lebendige Liebe! Werden
wir recht geliebt, dann werden wir schon folgen dem Drange eurer Herzen. Aber
eure vermeintliche große Weisheit wird uns nie auch nur um einen halben Schritt
weiter heben!
[BM.01_151,06] Ich aber habe wohl gemerkt,
daß ihr eure ehedem an Mich gerichteten weisen Worte nur wie einen Deckmantel
gebrauchtet, um vor Mir eure wirkliche Liebe zu verbergen. Ich aber bin kein
Freund von solchen Verhüllungen, sondern nur der vollsten Offenheit des Herzens!
Wollet ihr demnach Mich und alle diese Meinen in eure Wohnungen bringen, müßt
ihr äußerlich nicht anders scheinen wollen, als ihr innerlich beschaffen seid;
denn Ich durchschaue jede allergeheimste Fiber eures Lebens! Was aber Ich sehe,
das sehen alle diese Meinen und noch zahllose andere, die auch wie diese hier
vollkommen Mein sind für ewig!“
152. Kapitel – Demütigende Wirkung der
Körperschönheit der drei Sonnenmädchen auf die andern Weiber. Martins
Donnerrede und des Herrn Rat an die verärgerten Weiber.
[BM.01_152,01] Auf diese Meine Worte ziehen
die drei sogleich ihre Kleider aus und sagen: „O du Erhabenster, – wenn so, da
sollen auch diese Kleider nimmer unseren Leib bedecken. Denn auch sie sind eine
Verhüllung der Wahrheit und helfen mit, unser Herz und die Liebe zu verhüllen,
was nicht des Rechtens ist!“
[BM.01_152,02] Als sie wieder bloß, nur mit
einem Gürtel um ihre Lenden und Hüfte bekleidet, dastehen und ihre Schönheit
wieder völlig ersichtlich wird, fallen alle Weiber nieder und schreien: „O
wehe, wehe uns Häßlichsten!“
[BM.01_152,03] Über dieses Benehmen der
Weiber wird Martin wieder einmal unwillig, tut seinen Mund stark auf und
spricht mit sehr vernehmbarer Stimme: „Da haben wir's wieder! Da liegen sie
gleich matt gewordenen Fröschen am Boden! Nein, so ist der Himmel bis auf die
magisch-herrliche Gestaltung der Dinge aber auch nicht um ein Haar besser als
die Erde mit ihren vergänglichen Wesen! Dort macht eben die Vergänglichkeit,
daß die Menschen aus lauter Besorgnissen für ihr Leben ganz dumm werden. Darum
verlieren sie nicht selten das Leben samt seiner fatalen Vergänglichkeit so sehr
aus den Augen, daß sie dann in aller Dummheit ihres Daseins sogar nicht mehr
wissen, was das Leben ist, und ob sie noch leben. Am allerwenigsten wissen sie
aber, ob sie über des Leibes Tod hinaus noch länger ihrer selbst bewußt leben
werden.
[BM.01_152,04] Hier im Himmel haben die
Vergänglichkeitssorgen wohl aufgehört. Aber an ihre Stelle treten tausend
andere Miserabilitäten, die die verhängnisvollen Sorgen der Erde bei weitem
übertreffen. Bald kommt dies, bald jenes, bald ganz etwas anderes. Kurz, man könnte
schon eher alles als ein Mensch werden!
[BM.01_152,05] Was mir diese weiblichen Wesen
schon für Sorgen machten, das ist sogar dieser Sonnenwelt ungleich! So meint
man: ,Dem Herrn alles Lob, nun wird's einmal gut!‘, – gerade da kommt wie ein
Blitz wieder etwas vor, daß man sich schon selbst die Haut vom geistigen Leibe
übers Gesicht ziehen möchte!
[BM.01_152,06] O ihr eitlen, dummen Gänse, o
ihr Schandwesen der Menschheit: glaubt ihr denn, daß euch der Herr für die
Eitelkeit oder als eine Zierde der Himmel erschaffen hat? Glaubt ihr wohl immer
das Recht zu haben, uns männlichen Wesen mit dem ganzen Heere eurer Dummheit
zur beinahe unerträglichen Last zu fallen? Steht auf und gebärdet euch in der
Folge weiser, sonst lassen wir euch alle im Stich und ihr könnt dann allein
euren grauslichen Dummheiten leben!
[BM.01_152,07] Aus lauter heimlicher Galle,
weil diese Sonnenmädchen freilich endlos schöner und weiser sind als sie,
fallen diese Närrinnen wie gefüllte Strohsäcke nieder und schreien aus lauter
Kränkung ihrer unerträglichen Eitelkeit: ,O wehe, wehe uns Häßlichsten!‘ O ihr
Gänse, wollet ihr etwa aus eurer Dummheit heraus noch schöner sein als diese
Töchter der himmlischen Weisheit, die so hoch steht, daß sie uns Manngeistern
die gerechteste Bewunderung abnötigt? Ich sage euch, da hat es noch entsetzlich
lange Zeit für euch!
[BM.01_152,08] Wenn ihr in eurer Dummheit wie
bis jetzt so löbliche Fortschritte machen werdet, dürftet ihr mit der Folge
wohl noch häßlicher werden als derselbe Gast, den ich mit Bruder Borem in meine
Wohnung geschleppt habe an zwei Ketten! Auf daher mit euch, so ihr noch länger
bei uns verbleiben wollt!“
[BM.01_152,09] Nach diesen Worten Martins
richten sich alle die Weiber wieder auf und wenden sich an Mich mit der Bitte,
daß Ich Martin ob solcher Kränkung doch einen rechten Verweis geben möchte.
[BM.01_152,10] Rede Ich: „Habt ja selbst Mund
und Zunge; so gebet ihm zurück, was euch nicht taugt! Mir tat Martin kein Leid
an; denn es war recht, daß er euch durch ein kleines Donnern ein bißchen
erweckt hat!“
[BM.01_152,11] Sagen die Weiber: „Also auch
Du, o Herr, unser Alles, bist wider uns! Wo werden wir dann Gnade finden?“
[BM.01_152,12] Rede Ich: „In eurer rechten
Demut, in eurem Gehorsam und in der rechten Liebe zu Mir! Aber durch eure
Eitelkeit werdet ihr Mir schwer irgendeine Gnade entlocken. Daher tuet, was
euch Martin geraten hat, dann wird alles gut werden! Werdet Freundinnen dieser
drei und liebet sie, dann wird euch ihre Schönheit wenig mehr genieren!“
[BM.01_152,13] Auf diese Worte fangen die
Weiber sogleich an, gemütlicher zu werden. Mehrere können schon die große
Schönheit der Sonnentöchter ertragen und nähern sich ihnen nun ohne viel Scheu.
153. Kapitel – Beruhigende Rede der drei
Sonnenkinder. Martin in neuer Versuchung. Die Erdenweiber mit den Sonnenweibern
in Harmonie. Des Herrn Anordnung zum Zug in die Wohnungen der Sonnentöchter.
[BM.01_153,01] Die Sonnentöchter aber merkten
gar wohl, in welche Verlegenheit die vielen Weiber versetzt wurden ob ihrer
Enthüllung. Daher nähern auch diese sich den Weibern und sagen: „Geachtete,
unserm Geschlechte verwandte Schwestern, legt ab und werft von euch, was eurer
nicht wert ist, dann wird unsere Gestalt euch nimmer beirren!
[BM.01_153,02] Wir können nicht dafür, daß es
dem Allmächtigen wohlgefallen hat, uns nach eurer Meinung gar so unendlich
schön zu gestalten. Wir sind darob auch nicht im geringsten eitel oder gar nach
eurer irdisch schlechten Art stolz darauf, da wir ja doch nur zu klar einsehen,
daß das nicht unser, sondern ganz allein Gottes Werk ist. Es wäre überaus
töricht und schlecht von uns, so wir euch darum verächtlich ansehen möchten,
weil ihr gestaltlich nicht so schön seid wie wir!
[BM.01_153,03] Haben ja doch nicht wir,
sondern die Kraft des allerhöchsten Geistes euch wie uns also gestaltet, wie es
Seiner unendlichen Weisheit gut und rätlich war! So wir aber Werke eines- und
desselben ewigen Meisters sind, wie wohl könnten wir uns gegenseitig
verächtlich anblicken und uns wegen gewisser Eigenschaften bevorzugen wollen,
die nicht wir, sondern allein Gott uns verliehen hat?
[BM.01_153,04] Seid daher fröhlich, liebe
Geschlechtsschwestern! Sehet uns nimmer mit scheelen Blicken an, so werdet ihr
unsere Gestalt so leicht wie eure eigene ertragen. Seht, es ertragen uns ja
sogar eure Männer, für die wir gewiß noch um vieles anziehender sind. So meinen
wir, daß ihr uns als Geschlechtsverwandte ja noch um vieles leichter ertragen
sollet?
[BM.01_153,05] Spricht Martin bei sich: „Aber
wohl mit der genauesten Not! Denn jetzt seid ihr entsetzlich reizend! Die
leiseste Berührung eines Armes könnte unsereinen ja doch augenblicklich in
solch höchste Ekstase versetzen, in der man vor brennendster Wollust gleich
einem aufgeblähten Frosch gerade zerplatzen müßte!
[BM.01_153,06] O sapprament, diese Brust,
diese Arme und die Füße von A bis Z! Nein, das ist auf keinen Fall auszuhalten!
– Wenn sie jetzt so an meine Brust fielen, sapprament, da wäre es aus; ja rein
aus wäre es mit mir! Sie werden sich denn doch wieder mehr bekleiden müssen,
denn so sind sie zu unerträglich schön und sicher sogar für Steine zu reizend!“
[BM.01_153,07] Sprechen die Weiber: „O ihr
herrlichsten Töchter dieser bessern großen Erde! Es ist einesteils wohl wahr,
daß wir anfangs ein wenig eitel waren und beneideten euch gar sehr um eure
Schönheit. Nun aber müssen wir gestehen, daß doch eure für uns unbegreifliche
Schönheit es eigentlich ist, die uns schlägt! Denn unsere Augen sind zu
ungeübt, um solch einen Anblick zu ertragen. Daher bitten wir euch, ihr
Engelstöchter, daß ihr doch wieder ein Kleid nehmen möchtet, sonst müßten wir
ob eures Anblickes gänzlich verschmachten, trotzdem wir schon gewisserart
selige Geister sind und ihr noch diesirdische Wesen, mit Fleisch und Blut
umhüllt!“
[BM.01_153,08] Sagen die Sonnentöchter: „Die
Gewährung eures Wunsches, so bereitwilligst wir euch zu Diensten stehen wollen,
hängt nicht von uns, sondern von euren Herren ab. Was diese wollen, das werden
wir tun! Wendet euch daher an diese!“
[BM.01_153,09] Rede Ich: „Bleibet; so müßt
ihr Mir dienen! Ich weiß warum! Denn seht, Meine drei lieblichsten Töchter,
obschon auf dieser Erde geboren: niemand kennt besser, was den Kindern nottut
als allein der Vater. Ich aber bin ein wahrster und rechter Vater dieser und
noch zahllos anderer Kinder. Daher weiß Ich auch am besten, was ihnen frommen
kann und will darum, daß ihr euch nicht anders bekleidet, als ihr euch in eurer
Ordnung kleidet auf dieser Erde!“
[BM.01_153,10] Sprechen die drei: „Herr,
Meister und Vater deiner Kinder, dein Wille sei uns ein heiliges Gebot! Aber
nun kommet doch endlich in unsere Wohnung! Lasset euch dort ehren und – so ihr
wollt – auch lieben mit aller Glut unserer Herzen!“
[BM.01_153,11] Rede Ich: „Ja, Meine neuen
Töchter, jetzt wollen wir eure Wohnungen betreten und sehen, wie sie beschaffen
sind. Martin, ziehe voran mit Petrus und Johannes! Du, Borem, und du, Chorel,
folget den dreien mit den Weibern und den übrigen Brüdern; hinter Mir aber
ziehen die Chinesen mit ihren Weibern! Ihr drei Töchter der Sonne und nun Meine
Töchter ziehet hier an der Seite Meiner beiden Schwestern, die da heißen
Chanchah und Gella. So wohl geordnet wollen wir sämtliche in eure Wohnung
einziehen!“
[BM.01_153,12] Sagen die drei: „Herr und
Meister, werden aber die drei Vorgeher auch wissen, wohin sie diese ganze große
Gesellschaft zu führen haben?“
[BM.01_153,13] Rede Ich: „Kümmert euch dessen
nicht! Die zwei, in deren Mitte Martin geht, kennen eure Wohnungen überaus
genau; denn Meinen Kindern ist nichts fremd und unbekannt. Was Ich als ihr
Vater habe, das haben auch sie in aller Fülle; darum also keine Sorge!“
154. Kapitel – Von der wahren Weisheit und
der Scheinweisheit der Sonnenweisen. Das Gesetz der Blutschande unter den
Sonnenbewohnern, ein Kunstgriff Satans! Vom Zweck des Kommens des Herrn.
[BM.01_154,01] Der Zug setzt sich nun wieder
in Bewegung, und wir gehen gemächlich vorwärts.
[BM.01_154,02] Unterwegs aber fragen Mich die
drei Sonnentöchter: „Guter und weisester Herr, Meister und Vater deiner Kinder,
warum sind denn deine zwei lieblichen Töchter gar so stille und fragen dich
auch um nichts? Wissen sie denn schon alles und sind etwa darum schon sehr
weise? Siehe, unsere hohen Weisen reden auch ganz entsetzlich wenig. Aber wenn
sie dann reden, da freilich ist ein Wort gewichtiger aus ihrem Munde als
zehntausend aus dem unsrigen! So wird es wahrscheinlich bei diesen
allerliebsten Töchtern auch der Fall sein?“
[BM.01_154,03] Rede Ich: „Ja, beinahe so ist
es fürwahr. Aber nur mit dem Unterschied, daß diese beiden nun schon in aller
Fülle besitzen, worüber eure höchsten Weisen in ihrer tiefsten Mystik kaum
leise Ahnungen haben, und sie kaum selbst auszusprechen wagen!
[BM.01_154,04] Denn seht, eine Weisheit wie
die eurer Weisen ist eigentlich keine rechte Weisheit. Sie ist vielmehr eine
Geheimniskrämerei, die im Grunde zu nichts führt, das Ich in der Wahrheit
gutheißen könnte. Ja, Ich sage euch, eurer Weisen Gesetze sind hie und da von
einer Art, die euch für Mein Reich völlig untauglich machen!
[BM.01_154,05] Freilich begeht ihr keine
Sünde, so ihr genau das befolgt, was euch eure Gesetze vorschreiben. Die aber
sind von jenen Urgesetzen schon so weit entfernt, als wie weit der Himmel
absteht von dieser Welt. Ich sage es euch, ihr habt wohl eure Urform in allem
noch und seid mächtig in eurem Willen. Aber eure sogenannten Grundweisen taugen
nicht mehr viel im allgemeinen, obschon es wohl noch hie und da Gemeinden gibt,
die ihre Urgesetze bisher treu beibehalten haben. Und so sind diese beiden
Schwestern wohl um sehr vieles weiser als eure größten Weisen hier!
[BM.01_154,06] Denn seht, diese sind voll
Liebe, und als sie auf der Welt waren, da war ihnen der Beischlaf von Seite
ihrer Brüder und Väter fremd und eine größte Sünde, weil ein solcher Akt von
Mir aus mit der schwersten ewigen Strafe ohne Gnade belegt ist! Bei den
Bewohnern der Erde heißt es: ,Verflucht sei ein Blutschänder!‘; bei euch aber
ist die Blutschande ein Gesetz von euren Weisen! Seht nun, wie weit eure Weisen
fehlen! Darum sind sie nicht so weise, als ihr es meint, – und Ich komme nun eben
darum zu euch, um ihnen ihre hohe Unweisheit zu zeigen.“
[BM.01_154,07] Sprechen die drei: „O du
erhabenster Herr und Meister deiner Kinder! Bist denn du auch ein Herr über
unsere Weisen und über unsere große, herrliche Welt, daß du uns andere Gesetze
geben willst?“
[BM.01_154,08] Rede Ich: „Ja, Meine von der
Blutschande noch reinen Töchter! Der Satan hat einen Weg gefunden auch in diese
reine Erde und hat schon viele Gemeinden verdorben. Darum muß Ich, als der Herr
auch dieser Erde, Selbst kommen und den unreinen Boden fegen. Sonst würdet ihr
alle bald euren Uradel verlieren und damit das ewige Leben des Geistes, das in
vielen Gemeinden nunmehr an einem sehr schwachen Faden hängt! Denn wen Satan
fangen will, den fängt er durch einen gewissen Weisheitshochmut und darauf
durch die Unzucht. Bei euch hat er es gar fein angelegt; aber Ich sage euch,
Meinem Auge ist nichts zu fein!
[BM.01_154,09] Ihr alle samt euren Weisen
seid sehr krank geworden, und das in vielen und großen Gemeinden! Eure Zeugung,
die ursprünglich rein geistig war, ist nun gröbst materiell geworden; ja, sie
ist das Schändlichste aller Schändlichkeit geworden!
[BM.01_154,10] Ich sage, unter Meinen Kindern
auf dem von euch so genannten Heiligen Planeten ist die Blutschande das
heilloseste, vor Mir das gräßlichste Verbrechen. So zwar, daß Ich einen
Blutschänder unwiderruflich ohne alle Gnade und Erbarmung mit dem zeitlichen
und ewigen Feuertode bestraft haben will! Und seht, dieses gräßlichste, ganz
rein satanische Laster ist bei euch zum Gesetz geworden!
[BM.01_154,11] Meint ihr wohl, daß Ich, als
der Urgrund alles Seins und die Ordnung aller Ordnung, ein solches Gesetz
billigen kann? Daher komme Ich nun, euch zu erretten oder zu richten für ewig.
Nicht umsonst schrien eure Geister den Euern zu, daß in dieser Gesellschaft der
,Erschreckliche‘ kommt; aber das waren keine guten Geister, sondern Verirrte
durch den wahren Satan! Aber Ich bin der Schreckliche nicht, sondern pur Liebe
den Unschuldigen, aber wohl ein ewiges Gericht denen, die einmal Mein Wort
haben und Mein Gesetz und tun nicht darnach!“
155. Kapitel – Chanchahs weise Rede. Böse
Gesetze und wahre Gesetze. Ohne Kampf kein Sieg. Warum der Herr zu den
Sonnentöchtern jetzt erst kommt.
[BM.01_155,01] Diese Meine Worte machen die
Sonnentöchter sehr stutzen. Chanchah aber öffnen sie den schönen Mund, und sie
fängt mit sanften Worten zu reden an:
[BM.01_155,02] (Chanchah:) „O ihr schönsten
Töchter dieser herrlichen Erde, die keine Nacht je gesehen und nie empfunden
den herben Wechsel der Jahreszeiten! O ihr Glücklichsten dem Leibe nach, die
ihr keine Krankheit kennet und habt nie jemanden sterben sehen! Eure Gesetze
aber, schlechter denn unsere größten Laster, erhalten euch dennoch frei und
bisher unsterblich! So seid ihr zwar frei, daß ihr nach euren Gesetzen gar nie
sündigen könnt, so ihr es auch wolltet. Eure Gesetze machen euch einen
Fehltritt rein unmöglich; wie aber kommt das? Wie müssen Gesetze beschaffen
sein, daß sie nie jemand übertreten kann?
[BM.01_155,03] Sehet, ich will es euch durch
die Gnade und Liebe meines heiligen Vaters zeigen: Der böse Ahriman (Satan) hat
euren Weisen als ein gestaltlicher Lichtgeist alle möglichen Eigenschaften und
Bedürfnisse eurer Natur treu gezeigt und kennen gelehrt. Und er hat dazu die
Anweisung gegeben, alles, wonach sich irgendeine Fiber eures Wesens begehrend
äußert, zum Gesetze zu machen, aber mit dem Beisatze: ,So es jemandem genehm
ist, da tue er, was er will. Ist es ihm aber nicht genehm, fehlt er auch nicht,
so er es unterläßt!‘
[BM.01_155,04] Denkt nun selbst nach, ihr
Weisen, was solche Gesetze wert sind und was sie euch nützen können! Oder habt
ihr je von einer Strafe auf die Übertretung eines Gesetzes etwas gehört?
[BM.01_155,05] Seht, wahre Gesetze müssen so
beschaffen sein, daß sie den Menschen eine große Selbstverleugnung kosten, bis
er sie, gerade seinen heftigsten Naturreizungen entgegengesetzt, an sich
erfüllen kann. Erfüllt er sie freiwillig mit Hintansetzung aller naturmäßigen
Vorteile, so erst erhebt er sich als freier Geist über seine dem Tode und der
Vergänglichkeit unterworfene Materie. Er steht dann da als ein Sieger über
seinen eigenen, seiner Natur innewohnenden Tod. Und er kann als solcher dann in
die höhere Ordnung des ewigen Geistlebens eingehen und der Kindschaft des
allerhöchsten Geistes teilhaftig werden durch dessen Gnade!
[BM.01_155,06] Welcher Sieg aber läßt sich
durch die nichtssagenden Gesetze eurer höchsten Weisheit erreichen? Ich sage
euch, gar keiner! Denn wo kein Kampf, da gibt es keinen Sieg. Und wo kein Sieg,
da gibt es auch keinen Preis! Was aber ist ein Mensch, der sich keinen Preis
errungen hat? Seht, er ist wertloser als die gemeinste Pflanze, die er mit
seinen Füßen zertritt; denn diese hat auf der großen Stufenleiter der
aufsteigenden Wesen ihren Zweck erreicht. Aber der preislose Mensch lebte ohne
Zweck. Er lebte nur, weil er lebte; aber sein Leben war zwecklos und kann daher
auch nie zu irgendeiner Bestimmung gelangen – was eben mit euch der Fall ist.
[BM.01_155,07] Ihr lebt nach der Ablegung
eurer Außenhülle wohl als eine Art Lichtwolkengeister fort. Aber ebenso ohne
Zweck wie hier noch in euren Leibern, deren Außenseite in der gestaltlichen
Entsprechung eurer Erde steht. Deren äußerste Sphäre ist wohl auch pur Licht
von großer Kraft und Herrlichkeit, aber deren Inneres ist in sich finsterer als
das Innere eines jeden andern Planeten. Ich sage euch, eure Weisheit ist nichts
als ein Trug – und eure Schönheit ein leerer Schein!
[BM.01_155,08] Darum aber kommt nun der Herr
Selbst, um euch Kindern der Lichtspenderin (Sonne) ein wahres Licht zu geben
und euch einen neuen Weg zu zeigen, auf dem ihr auch zu uns in aller Wahrheit
gelangen könnt. Seht, so lautet unsere wahre Weisheit! Wollt ihr aber
vollkommen werden, so muß sie auch bei euch tatkräftig sein, sonst seid ihr bei
all eurer Schönheit die elendsten Wesen im ganzen Schöpfungsraume Gottes,
Meines Vaters!“
[BM.01_155,09] Die drei beben nun förmlich
vor der Weisheit Chanchahs und sagen nach einer Weile: „O du Herrlichste, wenn
es, wie du uns die Sache erläutertest, ganz bestimmt so sein wird, da unsere
Gesetze wirklich von der Art sind, wie du sie uns beschrieben hast, – warum
ließ denn euer Herr und Meister als größter Bote des Allerhöchsten uns so lange
in solcher Wirre und kam nicht eher, um uns zu helfen?“
[BM.01_155,10] Spricht die Chanchah: „Liebste
Schwestern, der Herr weiß es am besten, wann die Frucht vollends reif ist! Denn
Er hat den Samen gemacht und hat in selben gelegt den lebendigen Keim und in
den Keim gegeben die Frucht, ihre Zeit und ihre Reife! Also ist es auch bei
euch nun der Fall. Ihr seid reif geworden, aber nicht im Wahren, sondern im
Falschen. Damit ihr aber aus dem Falschen nicht in Böses übergehet, kommt Er
Selbst, um euch zu erretten!“
156. Kapitel – Der Sonnentöchter gute Ahnung
vom Wesen des Herrn. Ankunft im Palast der Sonnenbewohner. Chanchahs und Gellas
bewundernde Worte.
[BM.01_156,01] Sprechen die drei, nicht mehr
ferne von der Wohnung: „O du lieblichste Schwester unseres Geschlechtes, du
redest von deinem Herrn, Meister und Vater geradeso, als wäre er keineswegs ein
Bote des Allerhöchsten, sondern gerade der Allerhöchste Selbst! Oh, wir bitten
dich, so du schon eine so große Weisheit besitzest, erläutere uns diese Sache
genauer!“
[BM.01_156,02] Spricht Chanchah: „Liebe
Schwestern, über das zu reden steht mir nicht zu, sondern allein diesem meinem
Herrn und Vater! Wir aber sind ohnehin nicht mehr ferne von eurer Wohnung; dort
werdet ihr alles vernehmen, darnach es euch verlangt! Daher geduldet euch bis
dahin!“
[BM.01_156,03] Mit diesem Bescheid sind die
drei zufrieden und treten mit uns weiter den Weg zur nahen Wohnung an. Wir
gelangen nun an die Umfassung des ersten Vorhofs, von welcher aus der erste
Garten seinen Anfang nimmt, nach welchem terrassenartig der zweite oder
mittlere und nach diesem endlich ein dritter und oberster, prachtvollster
Garten kommen.
[BM.01_156,04] Als Chanchah und Gella dieser
großen Pracht und am Ende gar des sehr großen, tempelartigen Wohngebäudes
ansichtig werden, erschrecken sie über die Maßen und sagen nach einem langen
Atemholen zu den dreien:
[BM.01_156,05] (Chanchah und Gella:) „Aber,
um des Herrn willen! Solche Häuser bewohnt ihr? Da sehen wir außer Gold und den
größten, alleredelsten Steinen ja sonst nichts! Und welch ein kühnster Bau,
welch eine kunstvolle Architektur! Ja, in solchen Wohnungen mit vollstem
Bewußtsein wohnen, daß man nicht sterben braucht, solange einen dieses Leben
freut, muß freilich etwas überaus Beseligendes sein!
[BM.01_156,06] Aber wir sehen auch, daß es sehr
schwer sein muß, darin ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Denn wo so
mächtig für den Außenreiz gesorgt wird, denkt sicher kein Mensch an Entbehrung,
noch viel weniger an eine Selbstverleugnung, durch die allein der unsterbliche
Geist geweckt und mit seinem Schöpfer wieder vereint werden kann.
[BM.01_156,07] O Herr, liebevollster Vater,
hast Du an dieser äußeren Pracht wohl irgendeine Freude? Siehe, Martins
himmlisches Wohnhaus ist doch sicher überaus herrlich; aber im Vergleich mit
diesem Hause ist es eine wahre Armesünderstube! Und diese Gärten, diese
weitgedehnten und prachtvollsten Gärten! Welch eine Fülle der unglaublichsten
Kunstwerke! Nein, das kann keine Welt, das muß ja ein Himmel sein!“
157. Kapitel – Chanchahs ernste Bedenken
angesichts der Pracht. Von der liebe flammenden Pracht des Herzens. Allerlei
Widersprüche.
[BM.01_157,01] Reden die drei: „O liebe
Schwestern, wenn euch schon diese äußere Einfachheit so sehr entzückt, was
werdet ihr denn dann sagen, so ihr das Innere unserer Wohnung betreten und
besehen werdet? Denn wir verwenden nur auf das Innere unserer Wohnhäuser alle
unsere Sorge und Aufmerksamkeit. Wir glauben dem großen Urgeiste eben dadurch
die größte Ehre zu erweisen, daß wir die uns verliehenen Talente tatsächlich in
allem verwenden, was uns für unseren Geist würdig erscheint.
[BM.01_157,02] Wir meinen, daß da jede große
Pracht, wenn sie zur Ehre des höchsten Geistes von uns verständigen Wesen
zustande gebracht wird, eben darin ihre volle Rechtfertigung findet. Denn hat
uns der große Geist einen solchen Sinn eingehaucht, der unserem Geiste als
Gesetz gilt: wie sollen wir dann Niedriges schaffen anstatt des Erhabenen?
Hieße das nicht unseren Geist anders gestalten wollen, als ihn der Schöpfer
eingerichtet hat! Daher stoßt euch nicht an der Pracht unserer Häuser, denn wir
errichten sie nicht aus Eitelkeit, sondern rein nur nach dem weisen Bedürfnisse
unseres Geistes!
[BM.01_157,03] Spricht die Chanchah: „Also
auch hier wie auf der Erde bei den sogenannten Jesuiten, von denen ich einst
eine Schülerin war, das ,Omnia ad majorem dei gloriam‘?! Sollen denn diese
argen Mönche auch hierher den Weg gefunden haben?
[BM.01_157,04] So ein Haus wäre freilich noch
um vieles besser denn ein Kaiserreich meines Vaterlandes auf der Erde. O ihr prachtvollsten
Armen, da besehet den Herrn: Sein Gewand wird es euch sagen, welche Pracht Ihm
zunächst am Herzen liegt! Daraus werdet ihr leicht entnehmen, ob und wie Ihm
solch eine Außenpracht genehm ist. Ja, die liebeflammende Pracht des Herzens,
die wohl ist Ihm über alles angenehm, alles andere aber ist vor Ihm ein Greuel!
[BM.01_157,05] Wäre es nicht also, da wäre Er
schon oft bei euch gewesen, so wie Er auf meinem Planeten gar oft eben zu den
Ärmsten und Unansehnlichsten kommt, sie als liebevollster Vater Selbst zieht zu
Seinen Kindern und ihnen alle Fülle Seiner Gnade schenkt! Aber zu den Großen
und Ansehnlichen, die auch in prachtvollen Palästen wohnen, kommt Er wohl nie
und lehret sie nicht und erzieht sie auch nicht zu Seinen Kindern!“
[BM.01_157,06] Sagen die drei: „Du, liebe
Schwester, wirst wohl recht haben. Aber wie bist denn du dem Herrn – falls Er
wirklich den Geist des Allerhöchsten in Sich birgt – so angenehm geworden,
während du doch, wie wir es durch unsere innerste Weisheit erschauen, auch von
keinem gar zu ärmlichen Hause deines Planeten abstammst?“
[BM.01_157,07] Spricht die Chanchah: „Darum
aber ward mir auf meinem Planeten solche Gnade auch nie zuteil! Daß ich aber
nun Ihm so nahe bin, daran ist meine Liebe zu Ihm schuld. Denn ich liebte Ihn
mit aller Glut meines Lebens, schon ehe ich Ihn kannte und wußte, daß auch
Geschöpfe den heiligsten Schöpfer lieben dürfen! Und sehet, diese Liebe und
nicht die Pracht meines irdischen Wohnhauses hat mich zu Ihm gebracht!“
[BM.01_157,08] Sprechen die drei: „Aber wir
sind nun doch auch bei ihm, obschon unser Haus überaus prachtvoll ist. Wie
kommt denn hernach das, falls Er wirklich das ist, als was du Ihn durch deine
Reden darstellst?“
[BM.01_157,09] Spricht Chanchah: „Liebe
Schwestern, äußerlich scheinbar wohl freilich! Aber diese Nähe ist keine wahre
und wirkliche Nähe, was ihr bald nur zu klar einsehen werdet, so Er Seinen Mund
vor euren Weisen auftun wird! – Nun aber sind wir bereits auch schon vor der
Flur eures Hauses. Martin macht schon Halt und kehrt zu uns zurück, um sich Rat
zu holen. Stellen wir nun unsere Reden ein und geben auf alles acht, was da vor
sich gehen wird!“
158. Kapitel – Martins blinder Eifer gegen
den Zeremoniendienst der Sonnenbewohner. Des Herrn weise Toleranzrede. Martins Gespräch
mit Petrus über die Rüttler vom Herrn.
[BM.01_158,01] Als Chanchah diese Worte
gesprochen, ist auch Martin schon vor Mir und spricht: „O Herr, o Vater, da
könnte einem ja doch das Gesicht aus den Fugen kommen! Das ist ja eine Pracht,
von der sicher keinem Geiste einer andern Welt je etwas geträumt hat! Sogar
Deine hehrsten Brüder reiben sich die Augen und scheinen den zu großen Glanz
kaum ertragen zu können! Aber merkwürdig, daß uns auch nicht eine Fliege,
geschweige irgendetwas Menschliches entgegenkommt?
[BM.01_158,02] Petrus meint freilich, wir
müßten so lange vor der Flur verharren, bis die Ersten des Hauses mit all ihren
Zeremonien uns entgegenkämen nach ihrer diesweltlichen Sitte. Ich aber, der ich
auf der Welt einen derben Ekel vor aller Zeremonie bekommen habe, da ich in
selber völlig begraben ward, meine, wir sollten diese glänzenden Dummheiten
nicht abwarten, sondern ohne viel Anklopfen ins Haus dringen. Du wirst wohl
sicher dazu die hinreichende Macht haben!“
[BM.01_158,03] Rede Ich: „Oho, Mein lieber
Martin! Wir kommen ja nicht als Feinde hierher, sondern als wahre Freunde. Wir
wollen helfen und aufbauen – und nicht schlagen und zerstören!
[BM.01_158,04] Was Ruhmes hätten wir wohl, so
wir nun im Augenblicke diese ganze Gegend zerstörten? Oder ist es ehrsam für
einen kräftigen Arm, einer Mücke den Kopf vom Leibe zu reißen? Siehe, es ist
besser, einer Mücke den Kopf aufzusetzen als ihn zu zerstören. Daher wollen wir
hier auch nicht von unserer Kraft, sondern von unserer Geduld und Liebe den rechten
Gebrauch machen!
[BM.01_158,05] Oder wäre es dir recht
gewesen, so Ich – statt dir alle Meine Geduld und Liebe angedeihen zu lassen,
die du wohl nie verdient hast – dich sogleich mit Meiner Allmacht ergriffen
hätte und geworfen in die Hölle? Womit wohl hättest du Mir das vorenthalten
können? Aber siehe, Ich habe dir das nicht getan, weil Ich keine Ehre darin
fand, als Allmächtiger dich Ohnmächtigsten zu verderben, – wohl aber, dich zu
erhalten und aufzurichten! Wäre es nun klug von uns, hier feindlich zu
verfahren?“
[BM.01_158,06] Martin schlägt sich an die
Brust und spricht: „O mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! O Herr, vergib
mir, Du weißt ja, daß ich ein Vieh bin!“
[BM.01_158,07] Rede Ich: „Ja, ja, es ist dir
schon lange alles vergeben. Aber habe in Zukunft stets den rechten Grund
unausgesetzt vor Augen, aus dem allein wir tätig sind und ewig sein werden, so
wirst du nicht leicht wieder in solche Dummheit verfallen! Siehe, wir wollen
alles ewig erhalten und nichts auch nur auf eine Sekunde lang zerstören; nach
Zerstörung dürstet allein die Hölle! Solches fasse und begib dich wieder auf
deinen Platz!“
[BM.01_158,08] Martin küßt Mir die Füße und
begibt sich schnell wieder zu den zwei Brüdern.
[BM.01_158,09] Diese (Petrus und Johannes)
fragen ihn: „Nun, was sollen wir also tun? Sollen wir warten oder eindringen?“
[BM.01_158,10] Spricht Martin: „Wisset, die
Narren sind noch allzeit am ungeduldigsten gewesen, weil sie keinen Verstand
haben. Aber so sie zu dumm werden, ist ein tüchtiger Rippler ihnen sehr
heilsam! Und das ist denn auch bei mir der Fall. Der Herr hat mich ein wenig
geputzt, und nun bin ich wieder ganz in Ordnung! Aus einem Vieh hat Er wieder
einen Menschen gemacht, und nun ist alles wieder in der schönsten Ordnung!“
[BM.01_158,11] Spricht Petrus: „Ja, ja, da
hast du wohl recht gesprochen. – Auch ich habe auf der Welt einige gar
gewaltige Rippenstöße vom Herrn bekommen, und es war auch gut. Sogar Bruder
Paulus hat einmal seine geistige Faust an meinen Rücken geworfen, und siehe,
auch das war gut! Nun aber wissen wir beide immer noch nicht, ob wir da warten
und uns etwas langweilen oder sogleich in dieses Prachthaus dringen sollten.
Nur das sage uns, lieber Bruder Martin!“
[BM.01_158,12] Spricht Martin: „Wie mir
vorkommt, wollt ihr mich auch noch ein wenig zu kneipen anfangen! Es versteht
sich ja von selbst, daß wir nach dem Willen des Herrn warten müssen, bis alle
ihre Zeremonien werden gemacht haben, die uns da entgegenkommen wollen! Ihr
werdet sicher wohl wissen, welche?“
[BM.01_158,13] Spricht Petrus: „Nun, lieber
Bruder, du mußt nicht gleich auffahren in deiner Leber! Siehe, ich weiß am
besten, daß ein Rüttler vom Herrn nicht so wohl tut wie eine Liebkosung; aber
er ist doch ebensogut Liebe wie die Liebkosung selbst! Weißt du, als ich den
Herrn, da Er mir und meinen Brüdern von Seinem bevorstehenden Leiden
vorhersagte, warnte vor Jerusalem und in meiner größten Liebe zu Ihm sprach:
,Herr, das geschehe nur Dir nicht!‘ – Was sprach da der Herr zu mir?“
[BM.01_158,14] Spricht Martin: „O Bruder,
wiederhole mir diese schreckliche Sentenz nicht! Denn wahrhaftig, mir ist
allzeit unbegreiflich gewesen, wie der Herr, der dich kurz vorher zum Pfeiler
Seiner Kirche stellte, die keine Macht der Hölle ewig je überwältigen soll,
dich gleich darauf einen Satan, der Hölle Obersten, benennen konnte! Wahrlich,
das ist mir bis jetzt noch ein tiefstes Rätsel! Wie wohl verstehst du das?“
[BM.01_158,15] Spricht Petrus: „Siehe, als
mich der Herr zu einem Pfeiler Seiner Kirche stellte, da redete Er zu mir aus
Seiner Weisheit. Als Er mich aber einen Satan nannte, redete Er aus Seiner
unermeßlichen Liebe zu mir, weil Er da mein Welttümliches mit aller Gewalt wie
mit einem Hiebe aus mir wies, welches Welttümliche in mir der eigentliche Satan
selbst war! Verstehst du nun diese Sentenz und diesen allergewaltigsten
Rüttler?“
[BM.01_158,16] Spricht Martin: „Zwar noch
nicht ganz in der Fülle, aber ich spüre wohl, wo hinaus diese Sache geht! Ja,
ja, der Herr ist schon durchaus Liebe!“
159. Kapitel – Musikalisches von der
Sonnenwelt. Petrus' ernste Mahnung an Martin, seine Sinnlichkeit zu überwinden.
[BM.01_159,01] (Martin:) „Aber nun vernehme
ich wie Glockentöne! Was wohl wird da herauskommen? Ah, das ist herrlich! Also
auch hier Musik! Zwar läßt sich nichts von irgendeiner Rhythmik vernehmen, aber
das Durcheinandertönen ist dennoch herrlich. Wäre wirklich neugierig, mit
welchen Tonwerkzeugen sie das zuwege bringen!“
[BM.01_159,02] Spricht Petrus: „Lieber Bruder,
es sind das eine Art Glocken, ungefähr wie sie bei den alten Ägyptern
gebräuchlich waren und jetzt noch bei den Persern, Gebern und Hindus zu Hause
sind; nur sind sie hier viel reiner tönend als auf der Erde. Diese Glocken
bestehen aus einer Art Scheiben, an die mit elastischen Hämmern geschlagen wird
bei Gelegenheit besonders großer Feste oder auch bei großen Naturszenen, die
hier eben nichts Seltenes sind.
[BM.01_159,03] Für kleinere Ereignisse haben
sie eine Art Schellen, mittelst derer sie ihre verschiedenen Zeichen geben. Sie
haben wohl auch eine Art Harfen, die sie meisterlich behandeln können. Diese
aber wirst du erst dann hören, wenn du dich im Innern des Wohntempels
befindest. Nun weißt du schon, was zu wissen dich gar sehr gejuckt hat! Da sie
aber sogleich aus der Wohnung hervorkommen werden, seien wir nun ruhig und
erwarten sie!“
[BM.01_159,04] Fragt Martin ganz kurz noch:
„Freund, ist unsere Stellung recht zu ihrem Empfang?“
[BM.01_159,05] Antwortet Petrus: „Sind wir ja
doch keine Soldaten oder gar Komödianten! Was ist dir denn da wieder
eingefallen?“
[BM.01_159,06] Spricht Martin: „Ich bitte
dich, lieber Bruder, werde nur du mir nicht gram, sonst müßte ich ja in
ordentliche Verzweiflung kommen! Sooft ich jetzt den Mund öffne, kommt richtig
etwas Dummes zum Vorscheine!“
[BM.01_159,07] Spricht Petrus: „Ja, es ist
mit dir beinahe so. Aber die Ursache davon ist, daß du, ohne vom Herrn
aufgefordert zu sein, in einem fort redest und fragst! Zudem hast du aber auch
noch eine bedeutende Portion fleischliche Sinnlichkeit in dir, die in deiner
Seele wie kleine Schlangen herumkreiselt und -ringelt. Das trübt noch
fortwährend die Sinne deines Geistes derart, daß du nur dann ein wenig weiser
zu reden vermagst, so deine in dir rastende Sinnlichkeit nicht durch äußere
Reizmittel von neuem angeregt wird.
[BM.01_159,08] Ich bitte dich aber um des
Herrn willen, mache endlich einen Bund mit dir selbst und laß dich ewig nimmer
gelüsten nach dem, was deines Geistes nicht würdig ist! Dann wird die Sehe
deines Geistes stets heller werden und du wirst allzeit Worte reden aus der
reinen Weisheit. Wo du aber das nicht ernstlich tust, wirst du aus deiner
Dummheit nimmer herauskommen. Und der Herr wird dich, statt höher zu leiten, in
den Mond der Erde geben auf 1000 Jahre, nach der naturmäßigen Zeit der Erde
bemessen!
[BM.01_159,09] Es werden nun sogleich eine
Menge der allerschönsten und reizendsten Weiber und Töchter der Sonne zum
Vorscheine kommen. Ich sage dir im Namen des Herrn ganz vollernstlich: Bis
hierher und nicht weiter ist es vom Herrn vorgesehen dich zu führen, um dich
endlich von deiner Sinnlichkeit loszumachen! Wirst du diese Prüfung bestehen,
so wird es wohl und gut sein für dich. Wirst du dich aber da nicht behaupten,
so wirst du von uns plötzlich verlassen sein und dich anstatt auf der Sonne auf
des Mondes kahlstem Boden befinden, von welcher Welt du schon früher einmal
einen Weisen verkostet hast!
[BM.01_159,10] Denn siehe, alles, was seit
deiner Ankunft in unserer Geisterwelt mit dir und um dich geschah, das geschah
alles hauptsächlich deinetwegen, um aus dir einen tüchtigen Arbeiter in des
Herrn großem Weinberg zu machen. Wie es dir auch der Herr Selbst sagte, daß du
Ihm besonders auf dieser Welt ein nützlicher Diener werden könntest, darum Er
auch so Großes tut, um aus dir einen rechten Engel zu machen. Aber du mußt
selbst auch etwas tun, so der Herr so viel tut, sonst wirst du dir ein höchst
widriges Los bereiten. Und du wirst dann im wahren Gottesreiche, das dir bis
jetzt noch immer fremd ist, im besten Falle nichts als ein elender
Fetzensammler werden!
[BM.01_159,11] Nun weißt du, was das alles
bedeutet. Nimm dich daher endlich einmal für bleibend fest zusammen, sei ernst
und gut, und wenn dich eine zu große Schönheit beirren will, da blicke zum
Herrn hin, und du wirst alsbald Ruhe finden! Denn du mußt es dahin bringen, daß
dich noch viel größere Schönheiten nimmer überreden können, und das pur darum,
weil du des Herrn bist und ewig sein willst. Dann erst wirst du fähig sein, in
den wahren Himmel aufgenommen zu werden, wo Seligkeiten ohne Namen und Zahl
deiner harren, von denen du jetzt noch keine Ahnung hast.
[BM.01_159,12] Denn bis jetzt hat dein Auge
noch nicht gesehen, was der Herr denen bereitet hat, die Ihn wahrhaft und
getreu lieben. Und die nicht wie du über dem Anblick einer glatten,
rundgespannten Weiberhaut Seiner beinahe völlig vergessen, solange es nur noch
einigermaßen erträglich geht, und nur dann zu Ihm wieder Zuflucht nehmen, wenn
sie durch ihre grenzenlose Torheit bis an den Mund in eine Pfütze versunken
sind!
[BM.01_159,13] Siehe, Martin, bisher warst du
doch meistens so beschaffen und warst nach deinem eigenen öfteren Bekenntnisse
stets mehr Vieh als Mensch. Nun aber, da wir am Ziele stehen, lege im Namen des
Herrn dein Tierisches endlich einmal vollkommen ab! Ziehe den alten Adam
vollkommen aus und in aller Fülle der Liebe Christum vollkommen an, so wirst du
sogleich in den wahren, eigentlichen, festen Himmel, in das Neue Jerusalem
aufgenommen, dessen Bürger ich, Johannes und zahllose andere schon überlange
sind! Martin, hast du mich nun verstanden?“
160. Kapitel – Martins Niedergeschlagenheit
und Verzweiflung. Des Petrus Zuspruch und Mahnung.
[BM.01_160,01] Spricht Martin, sehr
nachdenkend: „Also – noch immer Prüfung, meine Prüfung! Also pur meinetwegen
dies alles! O Gott, o Gott, wann werden diese Prüfungen denn endlich einmal ein
Ende nehmen?
[BM.01_160,02] Ich werde wohl etwa so lange
geprüft werden, bis ich nicht für den Himmel, sondern für die Hölle reif genug
werde! Darum muß ich jetzt wahrscheinlich so viel des Himmlischen verkosten,
damit mir dann die Hölle desto schrecklicher vorkommen soll?
[BM.01_160,03] Wie oft habe ich schon
vernommen, daß man zu mir sagte: ,Nun, Martin, lieber Bruder, bist du
vollkommen!‘ So ich aber vollkommen bin, kann und muß ich denn für den
eigentlichen Himmel mehr noch als vollkommen sein?
[BM.01_160,04] O Gott, hättest Du mich lieber
ewig nie erschaffen, dann wäre mein Nichts seliger nun als mein Sein unter
lauter Prüfungen zwischen Hölle und Himmel!
[BM.01_160,05] Zwar weiß ich nun, wie ich
daran bin, und das danke ich dir, du lieber Bruder Petrus. Aber ich sage dir
auch: mit dieser Enthüllung hast du bereits auch mit einem Hiebe alle Prüfungen
an mir beendet! Nun magst du Engel oder Teufel vor mir aufmarschieren lassen,
so wird mir das wohl so einerlei sein wie mein künftiges Sein oder Nicht-Sein,
oder Himmel oder Hölle! Denn wenn das auch noch Prüfungen sind und ich nichts
als in einem fort geprüft werde, so halte ich von keinem weiteren Leben etwas!
[BM.01_160,06] Und bei Gott, du sagtest
ehedem vom kahlen Monde. O setze nur schnell, aber auf ewig mich hin! Ich werde
dort glücklicher sein als hier unter diesen beständigen Prüfungen, aus denen
ich nur zu klar ersehe, daß ich – trotzdem ihr ersten Fürsten der Himmel um
mich seid samt dem Herrn – anstatt zum Himmel nur zur Hölle geführt werde!
[BM.01_160,07] Aber sei nun, wie es wolle.
Wie ich schon gesagt habe: führet nun Engel oder Teufel vor mich hin, so wird
mir das einerlei sein; denn von nun an will ich stummer sein denn ein Stein!“
[BM.01_160,08] Spricht Petrus: „Bruder, laß
fallen diesen Stachel! Denn dieser ist der Tod, den die Unzucht des Fleisches
in sich führt. Sein Name ist ,Zorn‘, darum auch Kinder des Fleisches ,Kinder
des Zornes‘ heißen! – Nun aber kommen sie auch schon ganz heraus! Daher sei
ruhig, dein Ernst wird dir nütze sein!“
161. Kapitel – Martins leichter Sieg im
Weisheitszwiegespräch mit dem dummstolzen Sonnentempelältesten.
[BM.01_161,01] Bei diesen Worten tritt auch
schon der Älteste und Weiseste der dritten Höhe aus der großen Flur des Tempels
in grauem Faltengewande, umgeben von Jünglingen und Jungfrauen. In der rechten
Hand trägt er einen Stab gleich dem des Aaron und in der Linken eine Art
Zauberband, auf dem verschiedene Zeichen mystischen Aussehens kleben. – Als er
etwa fünf Schritte vor den drei Anführern steht, rollt er das Band vollends auf
und legt selbes vor sich ausgestreckt auf den blausamtartigen Boden nieder.
Darauf senkt er den Stab auf dieses Band nieder und spricht nach einer Weile:
[BM.01_161,02] (Der Älteste:) „Bei der
unermeßlichen Kraft und Macht, die mir eigen ist durch meine unbegrenzte
Weisheit, beschwöre ich euch als der erste und älteste Mensch dieser Welt, die
ewig kein Ende hat und erhalten wird von mir,“ –
[BM.01_161,03] Spricht Martin darunter bei
sich: „Oder was?! Der Kerl wird possierlich! Nur so fort in dieser Breite!“
[BM.01_161,04] (Der Älteste:) „daß ihr mir
der unendlichsten Wahrheit getreu kundgebet, was ihr hier wollet, und was euch
hierher geführt hat! Der leiseste Schein einer Unwahrheit aus eurem Munde – und
ihr alle werdet durch meine unbesiegbare Macht zerstäubt werden! Nun redet!“
[BM.01_161,05] Spricht Martin: „Wir alle
zugleich, oder einer für alle? Das müssen Eure Weisheit schon näher bestimmen;
denn gar so gescheit sind wir nicht wie Eure Hochweisheit! Bitte also um nähere
Bestimmung! – (Bei sich:) Der ist just recht; denn seine Dummheit zieht auch
zugleich einen starken Schleier über die Schönheit der Jungfrauen, und das ist
auch recht! Nun bin ich mit Petrus, Johannes und allen wieder vollkommen
ausgesöhnt!“
[BM.01_161,06] Spricht der Weise: „Wenn einer
spricht, da kann man noch nicht wissen, wie die andern gesinnt sind. Daher
müssen alle zugleich und sehr laut reden!“
[BM.01_161,07] Spricht Martin bei sich: „Ich
bin doch im allgemeinen und besonders gegenüber diesen alten Himmelsfürsten
sehr dumm, aber über die Dummheit dieses Weisen steht doch nichts mehr auf! Dem
seine Weisheit will ich ganz allein so verarbeiten, daß er sich am Ende vor
lauter Dummheit und Verlegenheit nimmer umdrehen soll können! Muß aber doch den
Petrus fragen, was ich hier tun soll!“ – Darauf wendet sich Martin zu Petrus in
dieser Hinsicht.
[BM.01_161,08] Und Petrus spricht: „Lieber
Bruder, nun ist die Reihe an dir, und das mit der vollsten Freiheit und
Wahrheit! Hier rede, wie dir die Zunge gewachsen ist!“
[BM.01_161,09] Spricht darauf Martin zum
Weisen: „Aber, du unbegrenzter Weiser, so deine Weisheit so ungeheuer ist,
begreife ich ja gar nicht, wie du uns fragen kannst, was wir hier wollen, und was
uns hierher geführt hat? Denn sieh, wir viel geringeren Weisen durchschauen
sogar dich auf ein Haar und wissen schon ganz genau, was hinter deiner
vermeinten höchsten Weisheit steckt! Und so meine ich, du wirst uns auch auf
gleiche Weise durchschauen, so du im Ernste so ungeheuer weise bist! Was meinst
du in dieser Hinsicht?“
[BM.01_161,10] Spricht der Weise: „Ja, das
kann ich wohl auch, wenn ich das große magische Band vor mir ausgebreitet habe
und habe dabei den Doppelstab. Aber da ich für so geringe Gäste nur meine
ordinärsten Behelfe mitgenommen habe, so muß ich wohl auch fragen, um von euch
etwas zu erfahren, – und so müßt ihr nun reden!“
[BM.01_161,11] Spricht Martin: „Ja, wenn so,
wie wirst du denn hernach ersehen können, ob wir dir die Wahrheit oder die
Unwahrheit sagten?“
[BM.01_161,12] Spricht der Weise: „Um dem
vorzubeugen, habe ich euch die große Drohung gemacht, die ich auch ausführen
werde, so ihr die Unwahrheit reden würdet. Daher nur die ungeheucheltste
Wahrheit, oder – sonst –“
[BM.01_161,13] Spricht Martin: „Ja, oder
sonst – bist und bleibst du ein Esel!“
[BM.01_161,14] Spricht der Weise: „Was ist
das: ein ,Esel‘?“
[BM.01_161,15] Spricht Martin: „Das ist bei
uns ein ganz harmloses Wesen, ganz von deiner Farbe. Es hat sehr lange Ohren,
aber dafür einen äußerst kurzen Verstand!“
[BM.01_161,16] Spricht der Weise: „Was
berechtigt dich, mich dafür zu halten?“
[BM.01_161,17] Spricht Martin: „Erlauben Eure
unendliche Weisheit mir eine kleine Pause, denn so eine wichtige Frage braucht
Studium!“
[BM.01_161,18] Spricht der Weise: „Was heißt
ihr ,Studium‘? Bei uns gibt es kein Ding, das da ,Studium‘ hieße!“
[BM.01_161,19] Spricht Martin: „Höre, du
Weisester der Weisen, deine Weisheit muß eben nicht gar zu weit her sein, so du
das nicht kennst, was zur Erlangung der Weisheit wenigstens im Anfange vonnöten
ist! Ein Studium ist soviel wie ein fleißiges Nachdenken über die ersten
Begriffe und Elemente, die der Weisheit notwendig vorangehen. Verstehst du nun,
was ein Studium ist?“
[BM.01_161,20] Spricht der Weise: „Nein, das
verstehe ich nicht. Denn meine Weisheit ist zu groß und faßt solche
Kleinigkeiten darum nicht, weil sie ihr zu klein, zu geringfügig sind. Daher
erkläre dich großartiger, sonst kann ich dich nicht verstehen!“
[BM.01_161,21] Spricht Martin: „Schau, schau,
du bist nicht gar so dumm, als man glauben sollte, so man dich ansieht und dann
erst hört! Also wegen der ungeheuren Größe deiner Weisheit kannst du solche
Kleinigkeiten nicht fassen! Schau, schau, wie weise! – Aber so du schon ob
deiner immensen Weisheit solche Kleinigkeiten nicht fassen kannst, da begreife
ich wieder nicht, wie du ehedem den noch viel kleineren Begriff ,Esel‘ sogleich
begriffen hast mit sehr kurzer Erläuterung?“
[BM.01_161,22] Spricht der Weise: „,Esel‘ ist
ein Wesen – und ,Studium‘ nur ein Begriff. Ein Wesen aber faßt man allzeit
leichter als einen puren Begriff. Also rede daher größer und für mich
faßlicher!“
[BM.01_161,23] Spricht Martin: „Freund, ich
glaube, wir beide werden uns besonders in der Folge schwer oder wohl auch gar
nicht verstehen. Denn du bist samt deiner Weisheit ein überaus dummes
menschliches Wesen, bei dem aber auch nicht eine leiseste Spur irgendeiner
Weisheit anzutreffen ist!
[BM.01_161,24] Ich aber gebe dir einen Rat
und sage dir: Trete du fein zurück und laß einen andern – aber ohne Zauberband
und Hexenstab – für dich reden! Vielleicht wird er etwas Besseres zum
Vorscheine bringen. Allenfalls wie die drei Töchter dieses Hauses, die uns
zuerst entgegenkamen und recht viele weise Worte hervorbrachten, daß ich darob
schließen mußte, ihr würdet noch gar ungeheuer weiser sein!
[BM.01_161,25] Aber ich habe mich in dieser
Erwartung sehr getäuscht. So einen blitzdummen Kerl, wie du einer bist, gibt es
vielleicht auf deiner ganzen Welt nicht zum zweiten Male! Weißt du, wir beide
sind nun miteinander schon fertig; daher trete zurück und laß einen andern für
dich reden!“
[BM.01_161,26] Spricht der Weise: „Das geht
hier ewig nicht an. Denn so ich von der Höhe aller Höhen herabkomme zu diesen
gemeinen Würmern, darf niemand reden denn allein ich als der Höchste, der
Weiseste, der Mächtigste, der Ewige, der Unendliche!“
[BM.01_161,27] Spricht Martin: „Oder was?! –
Sapprament, du bist am Ende etwa gar das allerhöchste Gottwesen?“
[BM.01_161,28] Spricht der Weise: „Das gerade
nicht, aber nicht viel minder; nur ist Er um etwas älter als ich, indem ich
Sein Sohn bin!“
[BM.01_161,29] Spricht Martin: „Sonst
nichts?! Oder vielleicht doch noch ein bißchen was hinzu! Weißt, so ein bißchen
was wie eine Zuwaage!“
[BM.01_161,30] Spricht der Weise: „Freilich
wohl noch gar sehr viel hinzu; aber das wäre für dich zu unbegreiflich. Daher
kann ich dir's nicht sagen, denn du bist ein Nichts gegen mich!“
[BM.01_161,31] Spricht Martin: „Ja, ja, das
glaube ich dir alles auf ein Haar! Oh, du bist wirklich was Großes, ja
ungeheuer Großes in deiner Art! Du wirst deinesgleichen auf dieser Welt sicher
nimmer finden! O du, du, du, – –!“
[BM.01_161,32] Spricht der Weise: „Ja, ich
habe niemanden über mir. Wenn ich mit dem Stabe den Boden berühre, so erbebt
die ganze Welt, und alle Wesen zittern vor Furcht, so ich mich ihnen nahe! Ich
begreife aber durchaus nicht, wie du nicht zitterst und diese deine schwachen
Begleiter auch nicht zittern vor mir, der ich euch doch ganz plötzlich
verderben könnte?“
[BM.01_161,33] Spricht Martin: „Was du jetzt
nicht begreifst, das wirst du hoffentlich äußerst ba1d begreifen! Von mir aus
wohl am wenigsten; aber es ist schon jemand gegenwärtig bei dieser
Gesellschaft, der es dir sagen wird, warum wir vor dir durchaus nicht zittern
und ewig nie zittern werden!
[BM.01_161,34] Denn siehe, du bist durch
einen argen Geist, der in der Gestalt eines Lichtengels einmal zu dir kam,
weidlichst betrogen worden. Und hernach hast du auch diese ganze große Gemeinde
betrogen, da du ihr Gesetze gabst, durch die sie tun kann, was sie will, und
nimmer fehlen kann, – welche Gesetze so gut wie gar keine Gesetze sind!
[BM.01_161,35] Ich weiß aber, daß du ehedem
ein recht demütiger Weiser warst und bist deiner großen Gemeinde bestens
vorgestanden. Als dich aber jener falsche Lichtgeist betört hatte und dir statt
der alten, wahren göttlichen Weisheit deine gegenwärtige übergroße Dummheit
gab, da bist du geworden, wie du nun bist, ein Wesen voll der größten Narrheit!“
[BM.01_161,36] Spricht der Weise: „Du
sprichst da etwas, das der Sache nach wohl wahr ist. Aber ob ich darum ein Narr
bin, das muß sich erst zeigen, denn ich komme mir nicht also vor! Ich gebiete
dir darum weiterzureden, aber nur stets groß!“
[BM.01_161,37] Spricht Martin: „Sage mir, ob
du dich wohl erinnern kannst, wie alt du bist? Bist du wohl immer gewesen, was
du bist, oder war vor dir irgendein anderer in deinem Amte, vielleicht dein
Vater? Warst du nicht etwa einmal jünger, etwa gar ein Knabe? Nur das sage mir,
dann werde ich dir um vieles leichter deine Frage beantworten können!“
[BM.01_161,38] Spricht der Weise: „Die erste
Frage kann ich dir darum nicht beantworten, weil der große Zeitmesser zerstört
ist schon seit geraumer Zeit. Ein einstmaliger großer Sturm hat die Schnur des
großen Pendels abgerissen, und wir können sie nicht mehr ganz machen. Daher
weiß weder ich noch jemand anderes, wie alt man hier ist.
[BM.01_161,39] Ob ich immer war oder einmal
einen Anfang genommen habe, so kann ich mich nur ganz dunkel erinnern, als wäre
ich einmal geboren worden und wäre sonach auch nicht immer das gewesen, was ich
nun bin. So kommt es mir auch vor, als hätte ich einmal einen Vater gehabt, der
damals, als ich noch ein Knabe war, mein Amt bekleidete, aber freilich nicht
mit meiner großen Weisheit! – Beantwortet sind deine Fragen, darum rede nun
wieder du!“
[BM.01_161,40] Spricht Martin: „Sieh, ich
habe es ja gewußt, daß du kein Gott und kein Gottessohn, sondern ganz einfach
ein sterblicher Mensch bist, wie es unsereiner war. Und das ist gut für dich
und deine ganze Gemeinde; denn also kannst du und deine Gemeinde auch wieder
gerettet werden! Wärst du aber in deiner starren Dummheit verharrt, hätte es
euch nun im vollsten Ernste sehr schlecht ergehen können. Warum, das wird dir
die nächste Folge zeigen. Willst du aber sehr glücklich sein, da wirf sogleich
dein magisches Band von dir wie auch deinen Zauberstab, sonst läßt sich mit dir
noch immer kein weises Wort sprechen!“
[BM.01_161,41] Spricht der Weise: „Du
verlangst zu viel von mir. Lege ich diese notwendigsten Behelfe meiner Kraft,
Macht und Weisheit weg, so kann ich ja nichts mehr wirken! Wer wird mir
gehorchen, so ich keine Macht habe, wer sich einem Kraftlosen vertrauen? Und
wer wird mich hören, so ich keine Weisheit habe? Daher mußt du nicht Dinge von
mir verlangen, die sich mit meiner höchsten Würde nicht vertragen!“
[BM.01_161,42] Spricht Martin: „Freund, wir
Erdbewohner haben ein allerhöchstes Wort von Gott Selbst, und das lautet also:
,Es gibt nichts, das ihr verlasset in Meinem Namen, das ihr dann nicht
hundertfach wieder gewinnet zur Zeit der Vergeltung!‘
[BM.01_161,43] Und siehe, so wird es auch mit
dir der Fall sein! Was du tun und lassen wirst in unseres Herrn Namen, das
wirst du tausendfach wieder erhalten in aller Wahrheit. Elendes wirst du
lassen, und Edelstes wirst du dafür nehmen. Für Schein wirst du ein wahres Sein
empfangen. Für Falsches wird dir Wahrheit, für Dummheit Weisheit, für Schwäche
wahre Kraft, für Ohnmacht Macht! So wirst du alles in wahrster Fülle erhalten
von Gott dem Herrn, was du hier lässest vom Übermaße deiner Nichtigkeit!
[BM.01_161,44] Daher tue freiwillig gerne,
was ich von dir verlange. Ich gebe mich dir zur Geisel, daß du mit mir machen
kannst, was du willst, so ich dir hier nicht die vollste Wahrheit gesagt habe!“
[BM.01_161,45] Spricht der Weise: „Gut, ich
sehe schon, daß du im Ernste ein wahrhaftigster Geist bist und tue sonach, was
du von mir verlangst. Dafür aber beantworte mir doch einmal die erste Frage, wer
und woher ihr seid, damit ich euch dann in dies Haus führen kann!“
162. Kapitel – Vom wahren Glauben und von der
Geistesfreiheit. Das geistige Erwachen des Ältesten.
[BM.01_162,01] Der Weise legt nun alles von
sich. Als er das Band samt dem Stabe von sich wirft, tritt Petrus zu ihm hin
und spricht:
[BM.01_162,02] (Petrus:) „So ist es recht! Du
tatest, was zu tun Bruder Martin in unser aller Namen von dir verlangt hat, und
bist uns dadurch ein neuer Bruder geworden. Es ist daher nun billig, daß auch
wir tun, was du von uns verlangtest, nämlich daß wir dir kundtäten, wer und
woher wir sind.
[BM.01_162,03] Siehe, es ist nichts leichter,
als dir durch Worte zu sagen, was du von uns erfahren möchtest. Damit aber ist
eigentlich noch gar nichts getan und dir wenig geholfen! Denn zu dem, was ich
dir kundgebe, gehört von dir ein unbedingter Glaube, eine willige,
ungezweifelte Annahme dessen, was ich dir sage. Fehlt dir dieser Glaube, da
nützt dir alles nichts, was ich dir auch immer sagen möchte!
[BM.01_162,04] Du sprichst freilich bei dir:
,So Beweise dem Gesagten beigegeben werden, will und kann ich ja alles
glauben!‘. Aber dagegen muß ich dir freilich bemerken, daß solch ein Glaube
kein Glaube, sondern ein pures Wissen ist, durch das deinem inneren Wesen wenig
oder nicht geholfen wird.
[BM.01_162,05] Denn ein auf Beweise
gegründetes Wissen ist kein freies Wissen mehr, sondern ein gerichtetes. Es
macht keinen Geist frei, sondern nimmt ihn ebenso oft gefangen, als wie viele
Beweise für einen Glaubenssatz gegeben werden!
[BM.01_162,06] Nur jener Glaube, der da
gleich ist einem freien Gehorsam des Herzens, wo das Herz nicht fragt: ,Warum,
wie und wann und wodurch?‘, ist ein rechter Glaube. Nur dieser macht den Geist
frei, weil ein solcher Glaube eine freie, unbedingte Annahme dessen ist, was
dir von einem Boten der Himmel kundgetan wurde, dessen Autorität niemand als
allein die Liebe deines Herzens zu prüfen hat.
[BM.01_162,07] Fühlst du Liebe zum Boten, so
nimm ihn auf; fühlst du aber keine, da laß ihn gehen! Auch der Bote hat die
gleiche Weisung von Gott. Denn Er spricht und sprach: ,Wo man euch aufnehmen
wird, da bleibet; wo man euch aber nicht aufnehmen wird, da schüttelt den Staub
eurer Füße über sie und ziehet weiter!‘
[BM.01_162,08] Du siehst daraus, daß weder der,
an den die Botschaft geschieht, noch auch der Bote selbst gebunden sein sollen,
sondern ganz frei. Die Verkündigung frei und die Annahme frei! Wo mehr verlangt
wird, da ist keine Freiheit mehr, sondern ein Gericht, das keinen Geist frei
macht.
[BM.01_162,09] Wäre Gott, dem ewigen Herrn,
darum zu tun, Seine Menschen durch unumstößliche Beweise zu lehren, daß Er ist
und wie und wodurch, so wäre Ihm das ein überaus leichtes: Er dürfte die
Menschen nur in ein Gericht stellen, so würden sie unmöglich etwas anderes
annehmen und denken können, weil da ihr Herz gleich dem der Tiere gerichtet
wäre. Aber der Herr will keine künstlichen, sondern ganz freie Menschen haben.
Darum muß auch ihr Herz frei sein, besonders in der Annahme der geoffenbarten
Lehre von Ihm, ansonsten sie in ihrem Geiste nimmer frei werden können.
[BM.01_162,10] Solange dein Verstand einen
Beweis verlangt, um eine Lehre oder Offenbarung anzunehmen, so lange auch ist
der Geist wie ein Gefangener im finstern Gefängnisse. Und da es ihn hungert und
dürstet, schreit er nach Nahrung, die ihm durch Beweise wie spärliche Brosamen
erteilt wird. Durch diese kann er aber nie zu jener Kraft gelangen, vermöge
welcher er sich von seinen Fesseln befreien könnte.
[BM.01_162,11] Nimmt aber der Verstand des
Herzens frei, ohne Beweise etwas an, da zeigt das Herz sogleich seine freie
Kraft, die in den Geist übergeht und ihn frei macht. Ist aber der Geist frei,
dann ist alles frei im Menschen: die Liebe, das Licht und das Schauen! Da
braucht es dann keines Beweises für die Wahrheit mehr, denn da ist der freie
Geist selbst die klarste und vollste Wahrheit aller Wahrheit.
[BM.01_162,12] Frage nun dein Herz, ob du mir
unbedingt glauben kannst, was ich dir sagen werde, so werde ich dir auch sagen,
was du wissen möchtest! Kannst du aber das nicht, dann wäre meine Rede
vergeblich. Denn wir sind nicht gekommen, euch zu richten, sondern euch frei zu
machen vom harten Joche eurer alten Knechtschaft!“
[BM.01_162,13] Spricht der Weise: „Erhabener
Freund, du stehst höher als ich. Rede daher und ich werde dir glauben frei,
weil ich dir glauben will!“
163. Kapitel – Petrus' Auskunft über die
angekommene Gesellschaft und ihren Besuchszweck. Des Weisen Bedenken über die
Sichtbarkeit Gottes.
[BM.01_163,01] Spricht Petrus: „Nun, so höre
denn! Wir alle, wie du uns hier erschaust, sind fürs erste Kinder Gottes, d.h.
nach eurer Vorstellung Kinder des allerhöchsten Geistes. Fürs zweite aber sind
einige von uns auch des Allerhöchsten erste Hauptdiener, und zwar von der Art,
daß eben der Allerhöchste Selbst sie zu einem Grundpfeiler Seiner Kirche der
ganzen Unendlichkeit gestellt hat. Zuerst freilich wohl nur auf der Erde, d.h.
auf jenem Planeten, den ihr den heiligen nennt. Als sie aber dort ihre Aufgabe
mit Freude und Hingebung erfüllt hatten, wurden sie dann durch eine
schmerzliche Abnahme des Leibes sogleich zu Ihm in den obersten aller Himmel
erhoben, um von Ihm alles zu haben, was Er Selbst hat, und sonach die höchste
aller Seligkeiten ewig ungetrübt zu genießen. Fürs zweite aber in solcher
Seligkeit jenen Dienst im ausgedehntesten Sinne zu verrichten, den sie auf der
Erde – freilich im engsten Maße – verrichtet haben. Und so wisse, daß eben ich,
Petrus, und jener Dritte, Johannes, solche Diener sind. Die andern aber sind
alle mehr oder weniger Anfänger in dieser Welt und in diesem oberwähnten
Dienste.
[BM.01_163,02] Der Zweck, warum wir hierher
kommen, ist zunächst der, daß wir zuerst die in dieser Welt Neuangekommenen zu
höheren Liebediensten einführen und einweihen. Darnach wollen wir aber euch
Bewohner dieser Lichtwelt, und zwar nur einige Gemeinden, die vom rechten Wege
sich abgewandt haben, wieder aufrichten.
[BM.01_163,03] Weil aber eben dies letzte ein
hartes Geschäft ist, so daß da die Mühe unsere Kräfte überbieten möchte, so ist
auch Gott der Herr Selbst in aller Seiner Kraft- und Machtfülle gegenwärtig!
Und das in sichtbarer Menschengestalt, welche Gestalt eben die eigentliche
göttliche ist, indem Gott uns Menschen nach Seinem Ebenmaße äußerlich wie
innerlich geformt hat. Denn Er nahm keine andere Form für Seine Lieblinge als
die urerste Seiner ewigen Liebe.
[BM.01_163,04] Daher gibt es in der ganzen
Unendlichkeit nirgends eine Welt, auf der die Menschen eine andere Form hätten,
als wir sie haben. Nur sind sie hie und da nach der äußeren Größe voneinander
verschieden und an der Farbe, manchmal auch an einigen wenigen äußerlichen
Dingen. Die Grundform aber bleibt immer die göttliche.
[BM.01_163,05] Daher darf es dich auch nicht
befremden, so du nun gar bald Gott, den allerhöchsten Geist, ganz in meiner
Gestalt und Größe erblicken wirst. Seine unendliche und ewige Macht und Größe
hängt nicht von Seiner äußeren gestaltlichen, sondern von Seiner innersten
Geistgröße ab, die aber ewig wohnt im allerheiligsten, unzugänglichen Lichte
und nie von einem geschaffenen Geiste gesehen und noch weniger je begriffen
werden kann.
[BM.01_163,06] Nun weißt du alles; nichts
habe ich ausgelassen, was zur Beantwortung deiner Frage in hohem Grade nötig
war. Sage mir nun auch ganz treuherzig ohne alle Verstellung – die bei euch
besonders in dieser Gemeinde sehr zu Hause ist –, ob du wohl alles glaubst, was
ich dir nun gesagt habe!“
[BM.01_163,07] Spricht der Weise:
„Erhabenster Freund, aufrichtigsten Sinnes gesprochen, bis aufs letzte – alles.
Aber daß da Gott, das allerhöchste, unendliche, urewige Gottgeistwesen auch
hier unter euch, und zwar in deiner Gestalt und Größe vorhanden sein soll, das
– du siehst es selbst ein, so dir nur ein wenig unsere urältesten Weissagungen
und Offenbarungen bekannt sind – ist eine harte Sache! Es kann wohl sein, daß
ich das später einsehen werde. Aber für diesen Augenblick ist das für meine
Begriffe von Gott, dem allerhöchsten Wesen, beinahe völlig unmöglich!
[BM.01_163,08] Du weißt es, daß Gott nur
höchst selten Seine Engel hierher sendet, die uns obersten Weisen eben das
höchste Gottwesen offenbaren, aber allzeit beisetzen: ,Gott aber kann niemand
sehen und leben zugleich!‘ Daher wohne Er in einer unerforschlichen Tiefe aller
Tiefen, daß kein Wesen durch die Beschauung der Gottheit beeinträchtigt werden
solle in seinem Leben. Wie aber würde es uns nun ergehen, wenn es wirklich so
wäre, wie du mir nun verkündet hast, wenn Gott hier unter euch weilte!
[BM.01_163,09] Ich kann nicht in Abrede
stellen, daß solches dem Gottwesen allerdings auch möglich sein könnte. Wo aber
käme dann Seine ewige, unwandelbarste Ordnung hin, die uns so oft verkündigt
worden ist?“
[BM.01_163,10] Spricht Petrus: „Freund, nur
eine kleine Geduld, und du wirst das dir kaum möglich Scheinende gar sehr
möglich finden! Aber nun gedulde dich nur ein wenig – Er kommt Selbst her; von
Ihm wirst du es am ersten fassen!“
164. Kapitel – Logische Darlegungen des
Petrus und Behebung der Zweifel des Sonnenältesten hinsichtlich des sichtbar
anwesenden Herrn.
[BM.01_164,01] Spricht der Weise: „Lieber
Freund, der wird es etwa doch nicht sein, der dort in der Mitte von zwei
Weibern wandelt, vor denen – wie es mir vorkommt – eben jene drei Töchter
dieses Hauses einhergehen, die wir früher dahin abgesandt hatten, wo ihr wart
und nicht weitergehen wolltet oder durftet?!
[BM.01_164,02] Siehe, bei uns wäre es im
höchsten Grade unschicksam, so sich auch nur ein Weiser dritten Ranges von
Weibern führen ließe! Wie sollen wir danach erst das ansehen, so der
allerhöchste Gott, von dem doch alle Gesetze der Ordnung herrühren müssen, Sich
von Weibern führen läßt? Natürlich vorausgesetzt, daß jener eben nichts
Besonderes verratende Geist oder vielmehr Mensch ein solcher Gott ist!“
[BM.01_164,03] Spricht Petrus: „Freund, hast
du dein ganzes Leben hindurch nicht verschiedene Dinge entweder zu deinem
nützlichen Gebrauche oder bloß nur zu deinem Vergnügen verfertigt?
[BM.01_164,04] Du sagst: ,O ja, eine Menge zu
beiderlei Bestimmungen!‘
[BM.01_164,05] Gut, so du also verschiedene
Dinge verfertigt hast, da sage mir, ob sich darunter auch eines befindet, von
dem du behaupten könntest: ,Dieses Werk ist meiner nicht wert! Ich schäme mich
dessen, und es wäre wider alle Ordnung und im höchsten Grade unschicksam,
dieses Werk mit meinen Augen anzusehen oder gar mit meinen Händen anzurühren.‘
[BM.01_164,06] Du sprichst: ,Nein!‘ Denn
hättest du ein solches Werk, wie wohl hättest du es verfertigen können, so es
weder deiner Augen noch deiner Hände würdig wäre? Siehe, sehr richtig hast du
da geredet und es ist auch so. Nun aber höre:
[BM.01_164,07] Wenn du schon keines deiner
Werke für so schlecht hältst, daß es deiner unwürdig wäre, so du doch gegen
Gott ein allerunvollkommenster Meister deiner Werke bist: wie sollst du dann
von Gott eine Ordnungstugend verlangen, der doch der ewig vollkommenste Meister
aller Seiner Werke ist?
[BM.01_164,08] Sage mir, welches Gotteswerk
wohl findest du so schlecht, daß Sich Gott dessen schämen sollte? Oder sollte
Er als ewiger Herr all Seiner unendlichen Werke etwa von uns, eben Seinen
Werken, erst das schicksame Recht erbitten und die Bestimmung, ob und mit
welchem Werke Er umgehen dürfe! – Was meinst du in dieser Hinsicht?“
[BM.01_164,09] Spricht der Weise: „O Freund,
ich sehe nun ganz klar, daß du ein überaus tiefer Weiser bist. Jeder deiner
Sätze hat den allerfestesten Grund, und es läßt sich dagegen nichts stellen!
Und so fange ich nun auch an, ernstlich solchen Glauben zu fassen, daß jener
ganz einfach aussehende Mensch gar wohl das allerhöchste Gottwesen in Sich fassen
kann. Denn konnte Er das auf dem kleinen Heiligen Planeten – wie wir von Seinen
Engeln unterwiesen worden sind, – warum sollte Ihm das hier auf dieser großen
und lichten Welt unmöglich sein?
[BM.01_164,10] Du siehst, daß ich solches
wohl annehmen kann und auch annehme. Aber nun kommt eine andere, gar
schrecklich wichtigere Frage: Freund, so Er es aber ist, Er, der
Allgewaltigste, Heiligste und endlos Weiseste – Er, der sogar für unsere
größten und tiefsten Gedanken zu erhaben und heilig ist, als daß sich auch nur
der höchste und reinste Weise je getrauen dürfte, Seinen Namen zu denken; –
wie, frage ich, werden wir Ihn empfangen und vor Ihm bestehen!“
[BM.01_164,11] Spricht Petrus: „Freund, Er
ist uns schon ziemlich nahe. Sehe Ihn einmal mit deinen scharfen Augen recht
fest an und sage mir dann, ob Er wohl gar so fürchterlich, grimmig und
erschrecklich aussieht. Sage mir auch, ob die drei Töchter dieses Hauses, die
sich fortwährend nach Ihm umsehen und überaus heiter gestimmt zu sein scheinen,
auch von deiner großen Furcht etwas in sich verspüren mögen?“
[BM.01_164,12] Spricht der Weise: „O Freund,
so etwas entdecke ich nicht. Er sieht überaus gut, sanft und mild aus, und die
drei habe ich noch nie so nahezu ausgelassen heiter gesehen!“
[BM.01_164,13] Spricht Petrus: „Nun, so du
das merkst, wie kannst du dann also fragen? Ich sage dir: Fürchte dich vor Ihm
nur nicht! Denn wo Er kommt, da kommt Er allzeit aus Liebe – und ewig nie aus
Zorn und Rache. Obschon Zorn und Rache gleich wie die Liebe ewig Sein sind und
daher niemand Zorn haben und Rache üben soll an seinen Nebengeschöpfen.
[BM.01_164,14] Denn der Zorn ist allein
Gottes und die Rache des Richters. Die Liebe aber ist des Vaters, und diese
gibt Er Seinen Kindern, sucht sie bei ihnen und kommt, so Er kommt, weder im
Zorne, noch in der Rache. Er kommt allzeit in der Liebe als Vater zu Seinen
Kindern, die Er eben aus Liebe nach Seiner Gestalt gebildet und in ihr Herz die
wunderbarste Bestimmung gelegt hat, ganz das werden zu können, was Er Selbst
ist.
[BM.01_164,15] Wenn nun aber solches der
ewigen Wahrheit gemäß so ist, wäre es da wohl weise, sich vor Dem zu fürchten,
der gegen uns die Liebe Selbst ist?
[BM.01_164,16] Fürchtest du dich doch vor mir
nicht, der ich auch so viel Macht und Kraft besitze, daß ich durch den
leisesten Gedanken diese ganze Welt in einem Augenblicke zerstören und eine
andere hervorrufen könnte! Da du dich aber vor mir nicht fürchtest, der ich
ebenfalls alle Macht aus dem Herrn in mir habe, aber dabei ewig nie so gut sein
werde, wie Er ist: wie sollst du dich dann vor Ihm fürchten, dessen Güte endlos
ist?
[BM.01_164,17] Fürchte dich also nicht,
sondern freue dich über alle Maßen, darum dir und dieser Welt nun eine so
unbegrenzt große Gnade widerfährt! Dann wird auch Er Freude an dir und euch
allen haben und wird euch helfen, da ihr am meisten Seiner Hilfe bedürft! Aber
nun, Freund, ordne dein Herz; denn nur wenige Schritte, und Er ist in unserer
Mitte!“
[BM.01_164,18] Spricht der Weise: „O Freund,
ob mein Herz geordnet ist, weiß ich nicht zu sagen. Aber daß ich große Liebe zu
Ihm empfinde, fühle ich nun zum ersten Male lebendig!
[BM.01_164,19] Ebenso habe ich mich nun
ziemlich meiner Furcht entledigt unter folgenden mir nicht unweise vorkommenden
Voraussetzungen: Zufolge richtigen Denkens kann ich als Geschöpf unmöglich mehr
sein und werden als nur das, was ich bin, nämlich ein Geschöpf, so kann auch
Gott ebenso unmöglich weniger sein und werden, als was Er ist – nämlich Gott,
das vollkommenste Grundurwesen, durch das jede andere wie immer geartete
Wesenheit bedingt sein muß.
[BM.01_164,20] Ohne Schöpfer läßt sich kein
Geschöpf denken, wohl aber der Schöpfer ohne Geschöpf. Denn der Schöpfer ist
schon das, was Er ist, durch Sein ewig klarstes Bewußtsein, demzufolge Er
erschaffen kann, was und wann Er will. Das Geschöpf aber kann unmöglich zuvor
je etwas sein, als bis es der allmächtige Wille des Schöpfers zu etwas gemacht
hat.
[BM.01_164,21] Ich ersehe im Schöpfer wie im
Geschöpfe zwei Notwendigkeiten, von denen die zweite durch die erste bedingt
erscheint; wenn aber diese Sache unmöglich anders als nur so zu betrachten ist,
sehe ich durchaus nicht ein, wie ich mich als bedingte Notwendigkeit vor der
ersten, unbedingten fürchten sollte!
[BM.01_164,22] Ich denke mir die Sache zur
größeren Beruhigung meines Gemütes so: Unsere große Welt hat auf ihrer
Oberfläche eine Menge so kleiner Dinge, von denen das Volumen eines einzelnen
zum Gesamtvolumen dieser ganzen Welt in einem unansehnlichsten Verhältnisse
steht, wie beinahe das reine Nichts zur Unendlichkeit!
[BM.01_164,23] Dessenungeachtet besteht das
Kleinste neben dem Großen ganz unbeirrt und hat denselben Grund, sich seines
Daseins zu erfreuen, wie das nahezu endlos Große. Ist es auch gegen das Große
ein Nichts, so ist es aber doch gegen sich selbst vollkommen. Und ich denke da
weiter: Ich kann freilich ewig nie werden, was da ist unser erhabenster,
allmächtigster Schöpfer. Aber dagegen kann auch der Schöpfer trotz Seiner
Allmacht nie werden, was ich bin, nämlich ein Geschöpf.
[BM.01_164,24] Freilich ist an diesem
leidenden Vorzuge nichts gelegen. Aber es ist dennoch eine eigentümliche Stufe,
die vom Schöpfer in keinem Falle je betreten werden kann. Und so hat hier jede
der zwei Notwendigkeiten etwas für sich: daß eben dieses Etwas vielleicht wohl
scheinbar, aber in Wirklichkeit vom Gegenteile doch nie erreicht werden kann.
Wenn ich dieses Verhältnis mir klar vor Augen stelle, so werde ich auch der
gewissen Furcht überhoben, die mich bis jetzt befiel!“
165. Kapitel – Johannes im Zwiegespräch mit
dem Sonnenweisen. Das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf.
[BM.01_165,01] Spricht darauf Johannes:
„Lieber Freund, ich habe den Sinn deiner Rede genau erwogen und fand, daß er in
sich betrachtet ganz richtig ist. Nur muß ich dabei bemerken, daß du hier die
beiden Extreme zu schroff behandelt und eine zu scharfe Grenzlinie gezogen
hast.
[BM.01_165,02] Es ist allerdings wahr, daß
der Schöpfer nie Geschöpf und das Geschöpf nie Schöpfer werden kann.
Nichtsdestoweniger ist dabei der Schöpfer im Nachteil und ebensowenig in einem
besonderen Vorteil gegen das Geschöpf.
[BM.01_165,03] Denn fürs erste hat Er zur
Hervorbringung des Geschöpfes durchaus keine andere Materie als Sich Selbst. Er
muß das Geschöpf aus derselben Substanz bilden, aus welcher Er Selbst besteht
von Ewigkeit. Sodann aber muß Er dieses Geschöpf sogestaltig auch fortan aus
Sich Selbst erhalten, während das Geschöpf seinem Schöpfer gegenüber nichts zu
tun hat, als bloß nur zu sein.
[BM.01_165,04] Und so das Geschöpf also ist,
wie es der Schöpfer haben will – nämlich in der fürs Geschöpf bestimmten
Ordnung –, kann das Geschöpf ebenfalls in die Vollkommenheit seines Schöpfers
eingehen. Es kann die Kindschaft Gottes erlangen und dann mit Ihm sozusagen in
demselben Hause wohnen und alle Seine Rechte gebrauchen und genießen. Ich
meine, daß sich in diesem Fall der Schöpfer wie das Geschöpf gegenseitig sehr
wenig werden zugute zu halten haben.
[BM.01_165,05] Solange Schöpfer und Geschöpf
zufolge der ihm erteilten moralischen Willensfreiheit eben im Wollen und
Handeln einander gegenüberstehen, so lange freilich ist dein aufgestellter
Grundsatz richtig. Denn die Priorität des Schöpfers kann da unmöglich je in
Zweifel gezogen werden, weil sie eine unwidersprechliche Notwendigkeit ist.
[BM.01_165,06] Aber so das Geschöpf durch
Erkenntnis und tätiges Wollen des geoffenbarten Schöpfer-Willens die
Scheidewand selbst zerstört, dadurch den Schöpfer in sich selbst aufnimmt und
damit völlig eins wird mit Ihm, da fragt es sich dann:
[BM.01_165,07] Wo ist der Schöpfer als ewig
Einer und Derselbe mehr Schöpfer: in Sich oder im Geschöpf? Was ist hier älter:
das Geschöpf als identisches Wesen mit und in dem Schöpfer – oder der Schöpfer
als identisches Wesen im Geschöpfe? Denn Er Selbst spricht: ,Ihr seid in Mir
und Ich in euch!‘
[BM.01_165,08] In diesem Falle, der wahr und
unleugbar ist, meine ich aus der Fülle meiner hellsten Anschauung, hast du,
lieber Freund, deine Saiten etwas zu stark angezogen und wirst daher schon
müssen mit dir etwas handeln lassen! – Was meinst du in dieser Hinsicht?“
[BM.01_165,09] Spricht der Weise: „Lieber
Freund, ich sehe, daß du ungeheuer weise bist. Es läßt sich deinen
aufgestellten Grundsätzen nichts einwenden. Nur meine ich, daß das produktive
Wesen dem Schöpfer gleichfort eigen bleibt: ob Er für Sich isoliert dasteht,
oder ob Er Seiner ausfließenden Wirkung zufolge Sein Geschöpf wie ein Gefäß mit
Sich Selbst erfüllt, natürlich nach dem Maße der dem Geschöpf erteilten
Aufnahmefähigkeit.
[BM.01_165,10] Daß das Geschöpf nie die ganze
unendliche Fülle der Urgottheit wird in sich aufzunehmen imstande sein, darüber
dürfte wohl kein Zweifel sein! Ich meine, die Beantwortung dieser Frage liegt
schon im Begriffe ,Unendlichkeit‘, die nur wieder von derselben Unendlichkeit,
nie aber von einer aus ihr genommenen Endlichkeit aufgenommen werden kann.
[BM.01_165,11] Siehe, wir sehen von unserer
Welt eine Sonne, deren Größe nach unseren Berechnungen der Größe unserer Welt
viele tausendmal tausend Male überlegen sein wird. Aber so ich gar oft
beobachtet habe, wie selbst die kleinsten Tautröpfchen das Bild jener großen
Welt gestaltlich für das Volumen ihres Wesens vollkommen aufnehmen, so
unterliegt es keinem Zweifel, daß wir Geschöpfe auf ähnliche Weise den Schöpfer
in uns wohl aufnehmen, soweit Er eben von uns zu unserer Vollendung aufgenommen
werden kann.
[BM.01_165,12] Wie weit aber bleibt das
Sonnenbild im Tautropfen vor der wirklichen Sonne zurück, und wie weit erst das
Geschöpf mit seinem Schöpferbilde hinter dem wirklichen Schöpfer! Ich glaube,
es dürfte schwer eine Zahl zu ermitteln sein, wie viele solcher Tautröpfchen
erforderlich wären, um nur das wahre Volumen jener Sonne darzustellen, die sich
in ihnen wohl äonenmal abbildet!
[BM.01_165,13] Und doch stehen sich hier nur
zwei begrenzte Dinge gegeneinander! Wie aber wäre da erst eine alles
ausgleichende Bestimmung möglich, wo sich die ewige Unendlichkeit und eine
sicher kaum beachtbare zeitliche und räumliche Begrenztheit begegnen!
[BM.01_165,14] Es ist übrigens nicht in
Abrede zu stellen, daß das schöpferische Wesen im Geschöpfe identisch ist mit
dem Schöpfer, wie auch umgekehrt; aber ich frage: in welchem Verhältnis? Und
diese Proportion muß doch auch in große Beachtung gezogen werden, weil aus ihr
nur zu klar hervorgeht, daß zwischen Schöpfer und Geschöpf trotz aller
natürlichen und moralischen Gleichheit dennoch eine solche Kluft für ewig
stehen bleiben muß, weil sie weder von einer noch von der andern Seite je
völlig überschritten werden kann.
[BM.01_165,15] Und so bleibe ich insoweit bei
meinem Grundsatze stehen, daß die beiden Gegensätze nie vollkommen in eins
zusammenfallen können. Ich will mich aber dennoch nicht gegen eine tiefere
Belehrung verwahren. Im Gegenteil: es wird mir jede tiefere Belehrung in dieser
Sache höchst willkommen sein, daher ich mich auch sehr freue, dich darüber
weiter und tiefer zu vernehmen!“
166. Kapitel – Einswerdung des Menschen mit
Gott. Beispiel vom Meer und den Wassertropfen. Schwerfälligkeit der
Verstandesweisheit gegenüber der Herzensweisheit.
[BM.01_166,01] Spricht Johannes: „Lieber
Freund, du gehst wohl sehr kritisch zu Werk in dieser über alles wichtigen
Sache und hast in manchem recht. Aber im Ganzen kannst du damit doch auf solche
Abwege gelangen, auf denen du wohl in Ewigkeit schwerlich das wahre Ziel deines
Seins erreichen möchtest! Daher will ich dich im Namen des Herrn, der nun
gerade unsertwegen ein wenig innehält, etwas tiefer beleuchten. So höre, du
lieber Freund:
[BM.01_166,02] Du nahmst zu einem natürlichen
Bilde deine Zuflucht, um mir die Richtigkeit deines Grundsatzes klarer
vorzustellen. So kann ja auch ich ein ähnliches Bild nehmen, um wider dich
selbst ein Zeugnis zu stellen, das dich erhellen soll mehr denn das maßlose
Lichtmeer deiner mir vorgeführten Sonne! Ich werde zwar nicht so tief wie du in
den Schöpfungsraum hineingreifen, glaube aber dennoch, daß ich unter dem
Beistande des Herrn den Nagel auf den Kopf treffen werde.
[BM.01_166,03] Siehe, das Meer ist beinahe
auf einer jeden Welt – mag sie groß oder klein sein ihrem Volumen nach – jene
Wassermasse, in die sich endlich alle einzelnen Ströme, Flüsse, Bäche und
zahllose kleinere Bächlein ergießen, und in die auch die allermeisten
Regentropfen fallen.
[BM.01_166,04] Dieses Meer aber ist auf jeder
Welt der erste Hauptgrund zu allen Gewässern sowie auch von jedem Regen und
Tau. Hätte eine Welt kein Meer, so gliche sie einem Menschen, der kein Blut und
somit auch keine andern Säfte hätte und dadurch auch ehestens zu einer Mumie oder
leblosen Bildsäule werden müßte. Einer Welt ist sonach das Meer ebenso
notwendig wie das Blut dem Menschen und jedem anderen lebenden Wesen.
[BM.01_166,05] Nun geht aber alles, was auf
einer Welt nur immer den Namen Flüssigkeit hat, aus dem einen Meere hervor,
verrichtet die bestimmten Dienste und kehrt nachher wieder in das Meer zurück.
In zahllos vielen kleinsten Kügelchen oder Tröpfchen spendet das Meer
fortwährend seinen großen Überfluß in den ihm völlig verwandten Luftraum, der
jede Welt umgibt. In diesem stets bewegten Luftraume werden diese kleinsten
Wasserteilchen in allen möglichen Richtungen über die ganze Welt getragen. Sind
sie in der Luft einmal in großer Fülle vorhanden, werden sie anfangs als Nebel
und später bei noch größeren Ansammlungen als dichte Wolken ersichtlich. In
diesen Wolken ergreifen sie sich, bilden dadurch größere und somit auch
schwerere Tropfen, die dann bald hie und da in großer Anzahl als Regen auf die
dürstende Welt niederfallen und diese neu beleben und erquicken.
[BM.01_166,06] Du weißt nun, was das Meer ist
und was alles aus ihm hervorgeht.
[BM.01_166,07] Du sprichst: ,Ja, das beruht
doch schon auf alten Erfahrungen!‘
[BM.01_166,08] Gut, so du das verstehst, da
sage mir, was so ganz eigentlich älter ist: die einzelnen Tropfen des Meeres
oder das gesamte Meer selbst? Freilich wohl ist das gesamte Meer früher
dagewesen, bevor aus ihm ein Regentropfen aufsteigen konnte in die Luft. So er
aber einmal aus dem Meere stieg, war er da als Teil desselben Meeres etwas
anderes als das Meer selbst? Und so er wieder ins Meer zurückfallen wird, wirst
du da wohl einen Unterschied finden zwischen ihm und dem Meere?
[BM.01_166,09] Du sprichst: ,Nein, da ist
alles identisch; denn wo der Teil des Ganzen gleich ist dem Ganzen, da sind
Teil und das Ganze eins!‘
[BM.01_166,10] Gut, sage ich; wenn aber nun
zwischen Schöpfer und Geschöpf dasselbe Verhältnis waltet, woher nimmst du dann
deine scharfen Grenzen, die du zwischen Schöpfer und Geschöpf stellst?“
[BM.01_166,11] Der Weise ist hier ganz
frappiert und spricht erst nach einer Weile: „Überweisester Freund, ich sehe
nun klar, daß du recht hast. Es läßt sich diesem deinem Beweise für die
Identität des Schöpfers mit dem Geschöpfe nichts mehr entgegenstellen! Es ist
so und es kann durchaus nicht anders sein. Denn woher sollte der Schöpfer zur
Erschaffung der Geschöpfe den Stoff anders genommen haben als aus Sich?!
[BM.01_166,12] Hat Er ihn aber aus Sich
genommen, so muß wenigstens das Material oder der Stoff mit dem Schöpfer
identisch sein. Wennschon die Zeit, in der das Material des Geschöpfes vom
Schöpfer getrennt wurde, natürlich mit dem Schöpfer nicht identisch ist. Denn
die Zeit ist nur ein zu beiden Seiten scharf begrenzter Ausschnitt der
Ewigkeit, während der Schöpfer durchaus ewig ist und notwendig sein muß, weil
ohne Ihn sich nie ein Werden denken ließe.
[BM.01_166,13] Diese Sache ist demnach klar
und kann unmöglich klarer werden durch immer noch tiefere Beweise. Aber um
diese Sache recht bergfest zu stellen, dürfte die Aufstellung einer Gleichung
nicht ohne Nutzen sein, besonders für diese Gemeinde, die alles genau berechnet
haben will!
[BM.01_166,14] Diese Proportion aber möchte
ich so stellen: daß Sich nämlich der Schöpfer als Gesamtheit aller einzelnen
der durch Sein Wollen getrennten Totalitäten zu letzteren gerade so verhält,
wie sich umgekehrt alle einzelnen Totalitäten, die ewig aus Ihm hervorgehen, in
ihrer Gesamtheit zum Schöpfer verhalten – welche Proportion aber notwendig
dieses Produkt gibt, daß die volle Zusammenfassung aller produzierten
speziellen Totalitäten der in ihnen gesetzten Totalität des Schöpfers gleich
ist. Oder: das gesamte Eins des Schöpfers ist vollkommen im Eins der Geschöpfe
enthalten, wie auch umgekehrt.
[BM.01_166,15] Ist aber das gesamte Eins im
Geschöpfe dem Eins des Schöpfers gleich, so ist auch ein getrenntes Eins dem
Gesamt-Eins gleich, weil es ebensogut wie das Gesamte im Gesamten, und zwar im
streng gleichen Verhältnisse enthalten ist. – Ich meine, diese Proportion
dürfte hierzu gar nicht überflüssig sein?“
[BM.01_166,16] Spricht Johannes: „Ja, ja, die
Proportion ist wohl richtig. Aber ich muß dir dazu nur bemerken, daß wir Kinder
des Herrn, der uns ein Vater ist und bleibt auf ewig, ganz anders zu rechnen
pflegen, als du mir hier vorgerechnet hast!
[BM.01_166,17] Siehe, das, was du berechnest
mit deinem Kopfe, das alles berechnen wir stets mit unserm Herzen. Und wir
bekommen allzeit ein bestes Resultat, das da alle erdenklichen Sonderfälle in
sich begreift! Aber nun kommt der Hauptrechenmeister, Der wird dir ganz andere
Rechnungen zeigen!“
[BM.01_166,18] Spricht der Weise: „Also, das
ist der Herr, oder das eigentliche Wesen Gottes?“
[BM.01_166,19] Spricht Johannes: „Ja, Freund,
das ist der Herr!“
[BM.01_166,20] Spricht der Weise: „Wahrlich,
Sein Äußeres verrät eben nicht viel Herrliches; wohl aber erweckt Sein Nahen
einen starken Grad Liebe zu Ihm in mir!
[BM.01_166,21] Das Aussehen ist gut, ja sehr
gut! Aber daß dieser ganz natürlich aussehende Mensch, der wohl ungeheuer viel
Weisheit haben kann, der Schöpfer der Unendlichkeit und aller Werke in ihr sein
soll, das schaue sich aus Ihm heraus, wer es will! Mir ist das so gut wie
völlig unmöglich.
[BM.01_166,22] Er ist ja ebenso begrenzt wie
wir beide! Wie möglich kann Er da das Unendliche zugleich durchdringen und
umfassen?! Aber, wie gesagt, die Weisheit hat ewig unergründliche Tiefen; es
kann alles möglich sein. Ich will eigentlich damit nur soviel gesagt haben, daß
es mir nur absonderlich vorkommt! – Aber nun nur stille; Er winkt zu
schweigen!“
167. Kapitel – Der Herr und Uhron, der
Sonnenweise. Uhrons Bekehrung und gute Antwort. Martins anerkennende Worte über
Uhrons Rede.
[BM.01_167,01] Nun komme Ich herzu und rede:
„Uhron, sage, geht die Pforte dieses Hauses schwer oder leicht auf? Geht sie
leicht, so führe uns hinein. Geht sie aber schwer, da laß Mich die Probe
machen, auf daß Ich sehe, wie schwer sie geht!“
[BM.01_167,02] Spricht der Weise: „Höchst
erhabenster Freund aller Engel und Menschen! Mir kommt vor, Du bist nicht
einer, der da suchte die Weisheit bei den Menschen. Denn alle unsere Weisheit
ist ja ohnehin Deine Gabe an uns, und alle unsere Einrichtung ist Dein Werk.
Und so meine ich, daß es gar nicht nötig sei, daß ich Dir dartun soll, ob
schwer oder leicht die Pforte dieses Hauses aufgehe! Gebiete, was da geschehen
soll, und es wird sogleich geschehen!“
[BM.01_167,03] Rede Ich: „Du sagtest, was Ich
von dir verlangte. Die Pforte geht leicht auf, daher führe Mich ins Haus! Denn
Ich fragte nicht nach der Pforte dieses Wohnhauses, ob sie leicht oder schwer
aufginge. Was liegt Mir daran, da es doch ewig in Meiner Macht liegt, Myriaden
solcher Häuser in einem Augenblick entstehen und wieder vergehen zu machen!
[BM.01_167,04] Ich aber stellte die Frage nur
an dein Herz, das da ist die rechte Pforte in das Haus deines Lebens. Siehe,
diese Pforte geht leicht, und das ist, wohin Ich will, daß du Mich da
hineinführen sollst! Du hast Mich schon eingeführt und tatest wohl daran. Nun
aber führe uns alle auch in dies äußere Haus zum Zeugnis dessen, was deines
Lebens ist, auf daß alle sehen, daß Ich auch ein Herr dieses Hauses und dieser
Erde bin!“
[BM.01_167,05] Spricht der Weise: „Du bist
der Herr hier wie endlos allenthalben! Dir allein gehört auch dieses äußere
Haus ewig. Außer Dir hat niemand ein Recht, darin zu schalten und zu walten
nach seinem Belieben. Daher wäre es im höchsten Grade vermessen von mir, so ich
Dich als den ewigen, wahrsten Eigentümer dieses Hauses wie dieser ganzen Welt
in Dein vollrechtliches Eigentum einführen sollte!
[BM.01_167,06] O Herr, Du ewiger Eigentümer
der Unendlichkeit, da Du nun endlich einmal auch in Dein vollstes Eigentum
gekommen bist, so führe Du uns als allein rechtlicher Hausvater in dies völlig
Dein Haus!“
[BM.01_167,07] Rede Ich: „Du hast wohl und
recht geredet, da es also ist, wie du sagtest. Aber Ich habe dich durch Meine
Engel ja zu Meinem Sachwalter gestellt und komme nun, mit dir zu rechnen. Da
meine Ich, daß es denn doch an dir wäre, Mich als den Herrn in Mein dir
anvertrautes Eigentum zu führen?“
[BM.01_167,08] Spricht der Weise: „O Herr, so
Du ein Pächter wärst, dann ja! Denn so jemand, der noch nichts besitzt, einen
Hof pachtet, muß er wohl füglich vom Sachwalter, der die Sachen kennt, in solch
einen Afterbesitz eingeführt werden. Du aber bist ein Besitzer dessen in aller
Fülle der höchsten Wahrheit. Es ist Dir kein Atom all dessen unbekannt, was
dieses Haus faßt, wie auch meine überschlechte Haushaltung. Darum wirst Du mit
mir nicht viel zu rechnen haben, da ich nun nur zu sehr überzeugt bin, daß Dir
meine schlechte Rechnung schon seit Ewigkeiten bekannt ist in ihren treulosen
Punkten.
[BM.01_167,09] Daher komme ich noch einmal
mit der demütigsten Bitte und sage: Du alleiniger Herr und Vater dieses wie
jedes andern Hauses, ziehe Du in Dein vollstes Eigentum ein. Mir aber als
Deinem schlechtesten Sachwalter sei gnädig und barmherzig, und züchtige mich
nicht nach dem Maße meines sicher argen Verdienstes!“
[BM.01_167,10] Mit diesen Worten fällt der
Weise vor Mir auf sein Angesicht und weint zum ersten Male seines Lebens; denn
das Lachen wie das Weinen ist den oft sehr schroff-weisen Bewohnern dieser Welt
nahezu ganz fremd.
[BM.01_167,11] Ich aber rufe Martin und sage:
„Martin, wie gefiel dir die Sprache dieses nun völlig bekehrten Weisen?“
[BM.01_167,12] Spricht Martin: „O Herr, der
hat nun wohl die vollste Wahrheit gesprochen, und zwar so umfassend, daß ich
mir ewig nichts Wahreres vorstellen kann.
[BM.01_167,13] Hätten doch die Juden, als Du
auf die Erde kamst, so geredet! Da hätte Dich kein Judas verraten und kein
Kaiphas und Pilatus kreuzigen lassen. Denn auch dort kamst Du in Dein vollstes
Eigentum, aber die Deinen haben Dich nicht erkannt so wie dieser Fremdling nun
hier in dieser Welt!
[BM.01_167,14] Aber was geschehen ist, können
Menschen nicht mehr ungeschehen machen! Daher vergib, o Du bester Vater, allen,
die nicht wissen, was sie tun – zu denen zu gehören auch ich leider die Ehre
habe!“
[BM.01_167,15] Rede Ich: „Nun gut, Mein
Martin, auch du hast recht geredet! Aber nun nehmt diesen Weisen und tragt ihn
auf euren Händen vor Mir in das Haus! Es geschehe!“
168. Kapitel – Wirkung von Uhrons Bekehrung
auf dessen Hausbewohner. Der Eintritt ins Sonnenhaus.
[BM.01_168,01] Petrus, Johannes und Martin
heben den Weisen vom Boden und tragen ihn in das herrliche Haus. Darob aber
entsetzen sich die anderen Sonnenbewohner, und zwar zunächst die eigentlichen
Bewohner dieses Hauses und sagen unter sich:
[BM.01_168,02] (Die Hausbewohner:) „Was ist
das?! Der unsterbliche höchste Weise fiel vor diesem Menschengeiste wie tot auf
den Boden, und nun tragen ihn die drei fremden Geister in unser Haus! Was wird
daraus werden? Wer ist denn dieser Geist, daß er eine solche Macht hat, wie wir
sie noch nie bei einem Engel entdeckt haben?“
[BM.01_168,03] Sagen darauf einige, die den
Trägern auf dem Fuße nachfolgen: „Habt ihr's denn nicht ehedem vernommen, daß
dieser Geist der allerhöchste Geist Gottes sein soll? Wir unsererseits sind
dessen nun beinahe gewiß; wie so etwas aber euren Blicken entgangen ist, das
ist uns ein Rätsel!
[BM.01_168,04] Habt ihr denn nicht vernommen,
wie unser höchster Weiser mit Ihm geredet hat und hat Ihn anerkannt als den alleinigen
Hausvater und somit Allerältesten dieses wie auch jedes andern Hauses?
[BM.01_168,05] Geht daher in euch und
bedenket, welche Gnade nun diesem Hause, ja dieser ganzen Welt widerfährt, so
ihr Schöpfer sie betritt mit Seinen allerheiligsten Füßen zum ersten Male
sichtlich unseren Sinnen! Eilt voraus und reinigt den reichen Sitz des Ältesten
dieses Hauses, auf daß der rechte Eigentümer zum ersten Male Seinen
altgerechten Platz einnehmen möge!“
[BM.01_168,06] Auf diese Worte rennen sie
alle ins Haus und tun sehr emsig, wie ihnen die Weiseren aus ihrer Mitte
geraten haben. Ich aber folge ihnen auf dem Fuße nach, und zwar in der Mitte
der Chanchah und Gella und der drei Töchter eben dieses Hauses. Mir folgen
Borem und Chorel nun als Führer der gesamten Gesellschaft, die hier die Augen
nicht genug aufreißen kann, um all die zahllosen Herrlichkeiten gebührend zu
würdigen, die sich ihnen hier zur Beschauung darbieten.
[BM.01_168,07] Alle frohlocken über die Maßen
und loben Mich. Denn nun wissen es schon alle in der Fülle, daß Ich allein der
Herr bin. Sie sind ebendarum um so glücklicher, weil sie sich in der
Gesellschaft Dessen befinden, der da der ewige Meister aller dieser
Herrlichkeiten ist. In dieser Ordnung also gehen wir in das erste Haus der
Sonnenbewohner.
169. Kapitel – Uhrons gute Empfangsrede. Des
Herrn gnadenreiche Kundgabe an Uhron. Berufung der Sonnenmenschen zur
Gotteskindschaft. Ein trauriges Zeugnis über die Erdenmenschen.
[BM.01_169,01] Als sich nach kurzdauerndem
Einzuge alle in diesem großartigen Prachttempel befinden, tritt der schon
wieder gestärkte Weise in demütiger Ehrfurcht vor Mich hin und spricht:
[BM.01_169,02] (Der Weise:) „O Du, dem auf
dieser Deiner Welt keine Zunge wagte einen Namen zu geben! Du so lange Zeiten
hindurch durch Deine Urerzengel uns verkündeter ewiger Urgeist und
allmächtigster Schöpfer aller Wesen, deren Zahl keinen Anfang und kein Ende
hat! Du Erster, Du Heiligster, Du Weisester, Du ewiges Gesetz und ewige Ordnung
aller Wesen und Dinge! Da Du uns gnädig endlich einmal heimgesucht hast, so
würdige uns Unwürdigste auch noch solcher Gnade, daß Du Selbst uns Deinen
Willen zeigst und uns einen Weg vorzeichnest, auf dem wir uns mit Zuversicht
Deines Wohlgefallens auf ewig erfreuen könnten!
[BM.01_169,03] Wohl sind wir auf dieser Welt
mit großen Vorzügen ausgerüstet. Wir sind, was die Form betrifft, überaus schön
und nach Maßgabe unseres Gesellschaftsbandes auch hinreichend weise. Wir
arbeiten mehr mit dem Willen als mit den Händen. Noch nie haben uns
Nahrungssorgen geplagt, was auf andern Welten sehr häufig der Fall sein soll.
Ebenso kennen wir auch keine Krankheiten unseres Leibes, obschon unser Fleisch
sehr reizbar ist; ebenso können wir auch leben solange wir wollen. Willigen wir
aber in die von höheren Geistern verlangte Umwandlung, so wird sie uns zur
höchsten Lust!
[BM.01_169,04] Kurz, wir sind in allem so
gestellt, daß ich sicher sagen kann: Es wird kaum im unendlichen Raume Deiner
Schöpfungen noch eine zweite Welt geben, in der naturmäßige Menschen noch
glücklicher gestellt wären als wir durch Deine endlose Gnade. Aber bei alldem
sehen wir dennoch ein, daß wir hinter Deinen Kindern weiter zurückstehen, als
da voneinander abstehen die Pole der Unendlichkeit!
[BM.01_169,05] O Herr, sieh uns an, die wir
auch wie Deine Kinder aus Dir hervorgegangen sind! Stelle eine Möglichkeit auf,
durch die auch wir Aussicht gewinnen könnten, Deinen heiligen Kindern in der
geistigen Wirklichkeit nur um etwas näher gestellt zu werden!
[BM.01_169,06] Du erhabenster, heiligster
Vater Deiner Kinder, so es Dein Wille wäre und nicht wider Deine heilige
Ordnung, so erhöre meine armselige Bitte, zu deren Hervorbringung mir die
geistige Not dieses Volkes und meine unbegreiflich mächtige Liebe zu Dir den
Mut gegeben haben! Aber zürne uns nicht, o Vater der Deinen, so ich als ein
Fremdling es wagte, an die heiligste Pforte Deines Herzens zu pochen!“
[BM.01_169,07] Darauf sage Ich: „Mein Sohn
Uhron, eben darum du bittest, bin Ich auch da! Denn siehe, die Menschen der
kleinen Erde haben nun Meiner völlig vergessen und haben aus ihr eine
vollkommene Hölle bereitet! Nur wenige gibt es noch hie und da, die in der Tat
noch etwas auf Meinen Namen halten und bauen; den meisten andern aber ist er zum
Ärger und Ekel geworden. Du siehst daraus leicht, daß Ich fürderhin Mir kaum
mehr auf jener treulosen Erde werde Kinder ziehen können.
[BM.01_169,08] Denn mit Meiner Macht kann
solches nicht bewerkstelligt werden, weil sie da gerichtet wären. Das aber darf
bei Meinen Kindern ewig nie der Fall sein, da Meine Kinder in die höchste
Freiheit übergehen müssen, ansonsten sie Mir nicht als Mein rechter Arm dienen
könnten. Rühre Ich sie aber mit Meiner Macht nicht an und lasse sie fürderhin
noch tun, was sie frei wollen, werden sie zu Teufeln und treiben miteinander
solche Dinge und Taten bösester Art, daß sie damit der tiefsten Hölle zum
Muster aufgestellt werden könnten.
[BM.01_169,09] Sie haben keinen Glauben,
keine Liebe, keine Demut und keinen Gehorsam und somit auch kein Vertrauen auf
Mich. Wie auch könnten sie auf Mich vertrauen, da Ich zufolge ihres dicksten
Unglaubens so gut wie gar nicht bin?
[BM.01_169,10] Daher bleibt Mir nun nichts
anderes übrig, als die wenigen Rechten und Besseren zu schützen und zu bewahren.
Die andern aber will Ich ihrem eigenen Willen völlig freigeben und von ihnen
nehmen allen Meinen Verband, wodurch sie dann in kurzer Zeitenfolge gänzlich
von der Erde Boden wie nichtige Schemen verschwinden werden.
[BM.01_169,11] Auf diese Art aber kann Ich
beinahe keine vollkommenen Kinder von jener Erde mehr bekommen. Die Besten sind
ärger als hier nun die Ärgsten, die eben ihr selbst wart. Und so will Ich hier
eine neue Pflanzschule für Meine künftig werdenden Kinder anlegen, jene Erde
aber so sichten, daß die übriggebliebenen Besseren tagelang Reisen machen
werden, bis sie auf ein Wesen ihresgleichen stoßen werden!
[BM.01_169,12] Da Ich aber solches tun will,
muß Ich euch nun auch solche Wege vorzeichnen, auf denen ihr zu Meiner
gerechten Kindschaft gelangen könnet – so ihr es wollt! Wird die Erde aber
gereinigt, da will Ich von ihr bis zu euch eine Brücke bauen für den Geist,
über die ihr mit jenen wie Hand in Hand wandeln sollt!
[BM.01_169,13] Nun aber sende schnell Boten
aus und laß viele hereinkommen; denn Ich will ihnen allen die Pforte zu Meinem
Herzen sehr weit auftun! Also sei und geschehe es!“
170. Kapitel – Zusammenströmen der Völker der
Sonnengemeinde. Predigtauftrag an Martin und seine ängstlichen Bedenken. Der
herrliche Gesang und seine Wirkung auf Martin.
[BM.01_170,01] Schnell eilen auf das sogleich
erfolgte Geheiß des Weisen nach allen Richtungen Boten hinaus, um zu rufen
Tausende und abermals Tausende, hierher zu kommen zur großen Verkündung einer
neuen Lehre, welche auf dieser Welt bisher noch niemals sei gehört worden.
[BM.01_170,02] Wie die Sturmwinde fliehen und
die Wolken vor sich hertreiben, so fliehen die Boten in der großen Gemeinde
umher. Sie rufen wie atemlos die Bewohner, mit ihnen eiligst zu ziehen in die
Wohnung, in die stets bei großen Gelegenheiten der Weise Uhron zu kommen
pflegt, um den Menschen aus der Höhe der Höhen neue Wege der Weisheit zu
verkünden.
[BM.01_170,03] Solchen Ruf vernehmend, eilen
die Völker der Gemeinde dem bezeichneten Wohnhause zu. Jeden trägt die große
Gier wie auf Adlers Fittichen förmlich durch die Lüfte, und es ist ein Strömen
und ein Wogen dahin, wo das Höchste ihrer harrt.
[BM.01_170,04] Martin vernimmt das große
Sausen und Brausen wie ein Rollen des Donners schon in das Haus und fragt Mich:
„Herr, Vater, woher dies Getöse? Es kommt näher und näher und wird heftiger von
Augenblick zu Augenblick!“
[BM.01_170,05] Antworte Ich: „Weißt du noch
nicht, daß dort die Anziehung am stärksten wirkt, wo sich der Grundmagnet
befindet? Siehe, dies Getöse kommt vom schnellen Herannahen der Menschen dieser
großen Erde her, weil sie alle ahnen, was ihnen hier zuteil wird. Schon
umlagern sie dies Haus; sieh durch die vier Tore hinaus, welch unabsehbare
Massen sich herzudrängen! Alle, alle kommen, um zu vernehmen die Worte des
Herrn des Lebens und des Todes.
[BM.01_170,06] Siehe, da wird unsere Arbeit
schon etwas stärker werden, als du sie bisher verkostet hast! Aber mache dir
nichts draus; denn ist die Arbeit auch groß, so haben wir ja auch mehr als
hinreichend Kraft und Macht dazu! Oder meinst du etwa, wir werden da mit
unserer Kraft nicht auslangen, weil du so ängstlich die heranziehenden Massen
betrachtest?“
[BM.01_170,07] Spricht Martin: „O Herr, das
wäre wohl eine höchst blinde Meinung von meiner Seite; ich denke nur, wie uns
alle diese zahllosen Wesen vernehmen werden? Hier im Hause – ob es auch schon
mächtig groß ist – werden sie ja doch unmöglich können untergebracht werden.
Denn ich sehe wie auf der Erde ja viele Meilen weit hinaus, und der ganze Umkreis
ist gedrängt voll! Gehen wir aber aus dem Hause ins Freie, da werden uns nur
die wenigen Nächsten vernehmen, alle anderen werden unser nicht einmal
ansichtig werden. Wahrlich, diese schauderhafte Masse zu belehren, wird eine
schöne Arbeit abgeben!“
[BM.01_170,08] Rede Ich: „Nicht also, Mein
lieber Martin; die Sache geht hier ganz anders! Wir werden hier nur mit den
Nächsten, und zwar hauptsächlich mit dem Uhron verhandeln. Dieser wird es dann,
durch eigene Zeichen im Augenblicke allen anderen wie durch einen Telegraphen
kundgeben.
[BM.01_170,09] Aber es kommt hier wieder
zuerst an dich! Du wirst die erste Predigt halten, dann Petrus und Johannes,
und endlich Ich Selbst. Aber Ich sage dir, nimm dich jetzt zusammen, denn es
wird hier viel Wetters geben; sieh, daß du nicht gestört werdest! Nun gedulde
dich noch ein wenig; so Ich dir ein Zeichen geben werde, beginne deine Predigt!
Also sei es!“
[BM.01_170,10] Spricht Martin bei sich: „Ja,
ja, o Herr, Du hast leicht sagen: ,Es sei!‘ Aber ich, ich – das ist etwas ganz
anderes! Ich soll jetzt diesen Millionen Menschen, die sicher ebenso weise, wo
nicht weiser als ich sind, eine Predigt halten? Und das im Angesichte des
Herrn, des Petrus und des ungeheuer tiefsinnigen Johannes! Das wird sich
machen, – und das unter allerlei Stürmen und Wettern, das wird sich noch besser
machen! Dabei werde ich einen Bock um den andern machen, dann werde ich
weidlich ausgelacht werden, – oh, das wird sich ganz verzweifelt gut machen!
[BM.01_170,11] Zwar habe ich wohl schon öfter
allerlei dumme, manchmal wohl auch etwas gescheitere Reden gehalten in
Gegenwart des Herrn sowohl wie in Gegenwart des Petrus und Johannes. Aber da
waren nicht Millionen oder gar Trillionen Zuhörer, die sämtliche weiser sind
als ich. Hier aber, wo es nur so wimmelt, da hat die Sache ein ganz anderes
Gesicht!
[BM.01_170,12] Das ganze Haus ist gesteckt
voll. Man kennt sich ja gar nicht mehr aus, was da Männchen oder Weibchen ist!
Tausend unbegreiflich schönste Wesen glotzen mich mit ihren großen feurigen
Augen an und scheinen in höchster Spannung zu sein auf das, was ich vortragen
werde. Oh, das wird sich machen! Mir ist noch keine Silbe bekannt, was ich
reden soll, und sie reißen schon alle Augen, Ohren und Mund auf, soweit sie nur
können, um meine Weisheit – oder was – zu vernehmen! Oh, die werden staunen
über meine Weisheit!
[BM.01_170,13] Wenn der Herr mich jetzt
sitzen läßt und mir nicht jedes Wort in den Mund legt, so werde ich nun in eine
Soße kommen, wie ich mich bis jetzt noch in keiner befunden habe! Ich passe
schon immer auf das Zeichen vom Herrn, aber Ihm sei Dank, daß bisher noch
keines erfolgt ist! Oh, wenn es nur für mich ganz wegbliebe! Aber es wird
sicher nicht! Der Herr macht schon eine Miene, als ob Er sagen wollte: ,Martin,
nun mache dich gefaßt!‘
[BM.01_170,14] Aber horch, horch – ich höre
ja wie ferne Harmonien. Ich höre Gesang, wunderherrlichsten Gesang! Das tönt
wie Orgeltöne und wie Stimmen reinster Sängerkehlen! Ach, das ist
wunderherrlich, das ist rein himmlisch! O du reine Musik, du göttliche Musik,
du erfreust und erbaust nicht nur auf Erden das Gemüt der Seele – auch im
Himmel bist du eine große Labung der seligen Geister! Stets kräftigere Akkorde
wechseln in erhaben gehaltenen Tönen!
[BM.01_170,15] Ach, das ist übermajestätisch!
Dieser kräftige Baß, dieser wohlklingende Diskant und diese reinste Stimmung! O
Herr, diese Musik ist herrlicher noch als alle sonstigen Herrlichkeiten dieser
Welt! Ja, diese Musik belebt mich durch und durch. Ich fühle nun, daß ich doch
etwas zuwege bringen werde, so ich werde müssen anfangen zu predigen! Wahrlich,
das ist wohl das herrlichste Predigtlied, das je irgendeines Geistes Ohr, wie
ich einer bin, vernommen hat!
[BM.01_170,16] O herrlich, herrlich,
herrlich! Herr, ich danke Dir für diesen endlos herrlichsten Genuß! Er gilt
wohl nur Dir ganz allein, aber ich bin dennoch überselig und habe nun auch mehr
Mut als ehedem. Ja, Du hast wohl zahllose Mittel, ein schüchternes Gemüt
aufzurichten und dem Zaghaften Mut einzuflößen, und kennst eines jeden Sinn. So
will ich nun auch wie ein rechter Herold Dich verkünden und ihnen zeigen Deine
verborgene Größe, Liebe, Macht, Kraft und Heiligkeit! Ewig gelobt und gepriesen
werde Dein heiligster Name!“
171. Kapitel – Der Herrn Verhaltungswinke an
Martin. Von der Zornkur. Wie Satan zu behandeln ist. Martins Vorsicht vor
Beginn der Predigt. Des Feindes gewaltige Drohungen. Martins beruhigende Worte
an die geängstigte Menge. Des Herrn tröstliche Worte.
[BM.01_171,01] Rede Ich: „Gut, gut, lieber
Martin! Das Predigtlied naht dem Ende, daher mache dich nun sehr gefaßt! Ich
sage dir, es wird hier sehr hitzig zugehen, denn wir sind nicht sicher vor dem
Besuche unseres Feindes!
[BM.01_171,02] Daher nimm dich zusammen und
laß dich nicht vom Zorn gefangennehmen. Dem Zornigen darfst du nicht mit
Gegenzorn begegnen, sondern nur mit sanftmütigem Ernst, dann wirst du über ihn
den schlagendsten Sieg erbeuten! Denn der Zorn will wieder Zorn erwecken, um
ihn dann durch seine vermeinte Übermacht zu töten. Findet aber der Zorn nichts,
daran er sich vergreifen könnte, so kehrt er auf sich selbst zurück und
zerfleischt sich selbst. Daher sei auf alles gefaßt; sei ernst und sanft, so
wirst du siegen!“
[BM.01_171,03] Spricht Martin: „O Herr, so
etwa jener Feind kommen sollte, mit dem ich schon einmal in meinem Hause zu tun
die Ehre hatte, da bitte ich Dich wohl um die Verleihung von etwas mehr Kraft.
Denn dieser Bestie möchte ich denn doch gerne einen Merkstölpel für die ganze Ewigkeit
beibringen als Dank für das viele Gute, das sie an mir getan hat!“
[BM.01_171,04] Rede Ich: „Nicht so, Mein
lieber Martin, du weißt doch, daß Böses mit Bösem vergelten noch nie eine
gesegnete Frucht getragen hat! Daher laß solche Gedanken wieder so von dir
gehen, wie sie zu dir gekommen sind. Handle, wie Ich dir ehedem geraten habe,
so wirst du des entschiedensten Sieges sicher sein. Würdest du aber zerstörend
auf den Feind einwirken, da würde er wohl fliehen. Aber nicht, um nicht
wiederzukehren, sondern um neue Kräfte zu sammeln und dir danach vermeintlich
mehr schaden zu können.
[BM.01_171,05] Ich sage dir: Zerstört wäre er
bald, so er nur zerstört werden könnte. Da aber das nicht möglich ist zufolge
der so gestellten Ordnung, muß man anders handeln und ihn ganz anders
gefangennehmen, um durch seine Erhaltung die ganze materielle Schöpfung in
Bestand zu erhalten. Ihn möglichst beschränken, das ist die Losung; aber ferne
sei von jedem, ihn zu zerstören oder gar zu vernichten!
[BM.01_171,06] Nun geht auch das Predigtlied
zu Ende, daher mache dich gefaßt. An Meinem Beistand wird es dir nicht fehlen,
so du nach Meinem Rate handeln wirst!“
[BM.01_171,07] Als Ich solches rede,
verstummt die Musik. Uhron, der Weise, tritt zu Martin hin und spricht: „Nun, Freund,
wie ich's vernommen habe, daß du das erste Wort an uns richten wirst, kannst du
auch schon beginnen; es ist alles bereitet. Die Völker sind beisammen, die
Fernsprecher auf ihren Plätzen. Alle Ohren und Augen sind auf dich gerichtet,
und so – wenn es dir und vor allem dem Einen wohlgefällig wäre – könntest du
wohl anfangen!“
[BM.01_171,08] Spricht Martin: „Ja, Freund,
sogleich werde ich beginnen. Nur sage mir zuvor, ob du alle Gäste, die nun in
gedrängten Massen hier in diesem großen Hause versammelt sind, wohl so gut
kennst, daß du mir kundgeben kannst, ob sich unter ihnen kein völlig fremder,
dir völlig unbekannter Gast befindet?
[BM.01_171,09] Ist kein Fremdling hier, werde
ich mit euch ganz gerade und kurz reden. Ist aber irgendein Ungeladener hier,
der sich etwa wie ein Räuber, Dieb und Mörder eingeschlichen hat, um hier
während meiner Rede die Gemüter dieser überaus vielen Zuhörer zu trüben und
aufzuregen, so zeige mir ihn, daß ich ihn hierher vor mich stelle vor euer
aller Augen!“
[BM.01_171,10] Der Weise durchsucht mit
seinen Augen fleißig die Menge der Gäste, die in der schönsten Ordnung
aufgestellt sind. Er entdeckt aber niemanden, der da fremd wäre, und spricht zu
Martin: „Freund, so weit meine Augen reichen, entdecke ich durchaus nichts Fremdes.
Aber ich will auch an die, welche draußen in großen Mengen stehen, ein Zeichen
in dieser Beziehung ergehen lassen, dann wird sich sogleich zeigen, ob irgend
jemand Fremder unter ihnen ist!“
[BM.01_171,11] „Gut“, spricht Martin, „tue
das; ich will darum noch ein wenig innehalten!“
[BM.01_171,12] Der Weise läßt schnell ein
solches Fragezeichen hinaus in die Ferne ergehen. In kurzer Zeit kommt von
allen Seiten die Antwort zurück und lautet:
[BM.01_171,13] (Die Menge:) „Nein, nein,
nein! Niemand Fremder ist unter uns! Aber etwas anderes zeigt sich an der
Fläche des nahen, großen Meeres; die Oberfläche wird sehr unruhig und schwankt
gewaltig! Wir sind in banger Erwartung, daß da eine große Geschwulst
aufgetrieben wird und wir alle werden eher die Flucht ergreifen müssen, als bis
die erhabensten Gäste Ihre heiligen Worte an uns werden beendet haben!
[BM.01_171,14] Während wir dir, Uhron, dieses
künden, zeigt sich in nicht großer Ferne auch schon ein Flachbauch von
ungeheurer Ausdehnung! Großer Gottgeist, wenn der zur Vollhöhe aufgetrieben
wird, so wird er das Gewässer wohl bis über deine höchsten Wohnungen treiben! O
bitte Ihn, den Allmächtigsten, der nun über alles heilig in deinem Urstammhause
Sich sichtlich befinden soll, Er möchte solche drohende Gefahr von uns allen
abwenden und uns nicht elend zugrunde gehen lassen!“
[BM.01_171,15] Der Weise zeigt das dem Martin
verlegen an und bittet ihn, daß er doch den Herrn bitten möchte, solch eine
Gefahr von ihnen gnädigst abzuwenden.
[BM.01_171,16] Spricht Martin: „Freund, zeige
nur schnell allen an, daß sie sich darob nicht im geringsten fürchten sollen,
und daß niemandem auch nur ein Härchen gekrümmt werde! Denn solches tue jener
ohnmächtige böse Geist, der sich die große Keckheit genommen, früher einmal als
ein falscher Lichtengel ihnen allen neue Gottesgesetze vorzuschreiben. Die
waren aber nur seine eigenen, und durch sie wollte er alle aus dem Grunde
gänzlich verderben. Damit aber sein arger Plan für ewig vollkommen vereitelt
würde, sind wir nun da und werden sie alle erretten durch die Macht und Kraft
Dessen, der nun unter uns weilt als ewiger, heiligster Vater unter Seinen
Kindern! Gib das sogleich allen kund!“
[BM.01_171,17] Der Weise tut das sogleich,
bekommt aber wieder kurze Zeit darauf die Antwort:
[BM.01_171,18] (Die Menge:) „Dem höchsten
Gottgeiste alle Ehre und Anbetung! Das ist wohl ein höchster Trost! Aber
dennoch steigt das Wasser in unglaublicher Raschheit und wird uns binnen zehn
Pendelschlägen des großen Zeitmessers erreichen. Bittet, daß der Herr das
ändere, sonst ist zur Flucht wohl die allerhöchste Zeit!“
[BM.01_171,19] Der Weise berichtet solches
eiligst Martin und dieser spricht:
[BM.01_171,20] (Bischof Martin:) „So zeige
nur schnell allen an, daß sie trotz aller dieser Erscheinungen dennoch nicht
die geringste Furcht haben sollen! Sie sollen nicht fliehen, selbst wenn schon
das Wasser ihre Füße bespülen sollte. Denn der Herr wird dem Feinde nur bis
dahin durch die Finger sehen, ihn sodann aber mit seiner allerhöchsten
Gerichtsstrenge ergreifen und auf das gewaltigste züchtigen vor ihren Augen!“
[BM.01_171,21] Der Weise zeigt solches wieder
schnell an, und es kommt die Antwort:
[BM.01_171,22] (Die Menge:) „Auf das Wort des
Heiligen wollen wir die Gefahr auch an unsere Füße kommen lassen und wollen
dann frohlocken und den Gottgeist loben und preisen, so Er uns solch eine
unerhörte Gnade erzeigen wird! Aber das Wasser steigt fortwährend, und der
unübersehbare große Bauch wächst mit bisher nie gesehener Raschheit. Das wird
einen allergräßlichsten verheerenden Ausbruch abgeben, so ihm durch Gottes
Allmacht kein Einhalt gemacht wird!“
[BM.01_171,23] Der Weise berichtet solche
Antwort schnell dem Martin. Dieser spricht in großer Erregung:
[BM.01_171,24] (Bischof Martin:) „Höre,
Freund, das ist ein elendster Wurm und hat vor Gott, seinem ewigen Herrn, keine
Achtung, da er weiß, daß der Herr zu gut, ja zu unendlich gut ist! Aber obschon
beim Herrn gewissermaßen alles den Charakter der Unendlichkeit annimmt, so wird
sich aber Satan hier sehr verrechnen. Diesmal wird dem Herrn Seine schon nahezu
ewig dauernde Geduld sicher zu kurz werden und wird den ruchlosen ältesten
Bösewicht gehörig zu knebeln wissen!“
[BM.01_171,25] Rede Ich: „Martin, laß dich
nun nur nicht stören! Mit dem Wühler werde Ich gar bald zu rechnen anfangen. Du
aber beginne nur deinen Vortrag, daß wir endlich einmal zu einem Ziel kommen!
Lassen wir Satan seine Freude; Ich sage dir, sie wird sehr kurz sein! Damit du
desto ruhiger sein kannst, so sage Ich dir noch hinzu: Diesmal wird der Feind
an Meiner Geduld sich sehr verrechnen und hat sich schon verrechnet!“
[BM.01_171,26] Spricht Martin: „O Herr, Du
bester, heiligster Vater! Nun ist von meinem armen Herzen eine
Dreißigtausend-Zentner-Last hinweggewälzt! Oh, Dir alle meine Liebe und tiefste
Anbetung ewig!“
172. Kapitel – Martins Predigt an die
Versammlung der Sonnenmenschen. Kreuzleben auf Erden als Bedingung der
Gotteskindschaft.
[BM.01_172,01] Nach diesen Worten wendet sich
Martin an die Gemeinde und spricht: „Ihr alle, die ihr hier bei dieser
außerordentlichen Gelegenheit versammelt seid, um Worte des Lebens aus meinem
und endlich sogar aus dem Munde des Herrn Selbst zu vernehmen: Lasset euch vor
allem gesagt sein, daß ihr euch nicht sollt stören lassen, so nun ein böses
Wetter euch bedrohen wird. Denn seht, es ist ja Gott, der allerhöchste,
allmächtigste Geist Selbst hier sichtbar gegenwärtig und ist eben Derselbe, mit
dem ihr alle mich habt ehedem reden sehen, wenn auch nicht reden hören.
[BM.01_172,02] Dieser allein wahre, ewige
Herr und Schöpfer aller Unendlichkeit hat mir für euch alle die vollste
Versicherung gegeben, daß Er den Bösen vor euren Augen auf das gewaltigste
züchtigen wird, so er es wagen sollte, sein arges Spiel noch weiter zu treiben.
Da wir aber von Ihm Selbst solche Versicherung haben, wollen wir auch ohne
Furcht in aller Geduld harren, was der Herr über uns für Gnaden wird ergehen
lassen.
[BM.01_172,03] Ich aber, der nun redet, bin
durchaus kein Weiser aus mir. Alles, was ich zu euch nun reden werde, das werde
ich euch sagen aus dem Herrn nicht in hohen, sondern in ganz einfältigen
Worten. Daher erwartet auch nichts Hohes, dafür aber desto mehr Wahres und
Gutes! Ich werde euch geben, was ich habe; und so vernehmet mich!
[BM.01_172,04] Meine teuren Genossen der
Gnade meines und eures Gottes, meines Herrn und Vaters und eures Herrn und nun
auch eures Vaters! Der allmächtige Wille dieses einen Vaters hat euch alle
schon von Uranfang an auf eurer herrlichen Welt mit so viel Vorzügen
ausgerüstet, daß sich diese gegen die Bewohner meiner Erde in gar kein
Verhältnis bringen lassen.
[BM.01_172,05] Ihr seid eurer Gestalt nach
schön, ja so schön, daß wir Erdbewohner uns nicht einmal einen reinsten
Lichtengel schöner vorstellen können. Dazu habt ihr die Dauer eures irdischen
Lebens freigestellt, so daß da jeder von euch leben kann, solange er will. Der
Unterschied zwischen eurem Naturleben und eurem abgeschiedenen Seelenleben ist
wirklich so gering, daß es beinahe ein gleiches ist, ob ihr mit diesem Leibe
oder ohne ihn herumwandelt. Ihr sehet und sprechet die Dahingeschiedenen, wann
und wie oft ihr nur immer wollt, und könnt sogar mit uns nun ganz reinen
Geistern reden und handeln, als hättet ihr gar keinen Leib mehr!
[BM.01_172,06] Wie ganz anders ist das alles
auf jener harten Welt, auf der ich und alle hier mit mir Weilenden im Fleische
gewandelt sind! Dort ist das Naturleben zwar unbestimmt, dabei aber dennoch
sehr kurz bemessen. So von euch jemand sagt: ,Ich bin jung!‘, da wäre er bei
uns schon ungeheuer alt. Denn ich weiß, daß hier in dieser Versammlung es noch
viele gibt, die nach unserer Erdzeitrechnung mehrere hundert Jahre alt wären.
Und das sind bei euch noch junge Menschen, während sie bei uns schon wahrlich
fabelhaft alt wären.
[BM.01_172,07] Desgleichen gibt es bei euch
aber auch so alte Menschen, daß sie nach unserer Zeitrechnung schon älter sind
als das gesamte Menschengeschlecht auf meiner kleinen Welt! Ja, hier wird es
wohl auch so alte noch im Fleische lebende Menschen geben, die vielleicht noch
um tausend Male älter sind. Welche großen, wichtigen und heiligen Erfahrungen
müssen solche Menschen gemacht haben! Welch einen hohen Aufschwung muß eure
geistige Bildung an der Seite solch hocherfahrener Lehrer gewinnen, und wie tief
muß eure Weisheit ihre herrlichsten Wurzeln treiben!
[BM.01_172,08] Während man auf unserer Welt
noch kaum zu begreifen angefangen hat, was das Leben ist, wird man schon
schmerzlichst getötet und muß aus dem schlechten Fleische. Ob zum ewigen Leben
oder Tode, das wird kaum jemandem angezeigt! Kurz, man muß alles verlassen, was
man sich irgend erworben hatte, sei es Ehre, Ruhm, Glanz, Tugend, Wissenschaft,
Weisheit; darauf wird nie vom Herrn aus Rücksicht genommen! Sondern wenn der
heimliche Würge- und Marterengel kommt und dem Menschen sein Schwert ins Herz
stößt, so ist es dann schon völlig aus.
[BM.01_172,09] Man muß sterben ohne bestimmte
Aussicht auf eine Vergeltung! Denn das Leben nach dem Leibestod besteht bei uns
nach überlieferter Lehre bloß im Glauben und Hoffen. Wohl fast niemand hat
schon, wie ihr hier, ein bestimmtes Bewußtsein des ewigen Lebens in seinem
Fleische! Bedenkt, welch ein Vorzug das für einen freien Menschen ist, so er,
wie ihr hier, ein Herr seines Lebens ist! Wie kann er sich all des Erworbenen
freuen und wie frei genießen die zahllosen Vorzüge solch eines Lebens!
[BM.01_172,10] Ihr könnt mit den Seelen eurer
von euch leiblich geschiedenen Brüder reden und könnet sie allzeit sehen, als
wären sie gar nicht gestorben. Bei uns weiß der Zehntausendste kaum, ob nach
dem Fleischtode wohl noch ein Leben ist und wie gestaltet. Und doch ist man
verpflichtet, alles für ein künftiges Leben zum Opfer zu bringen, das so viele
gar nicht kennen und nicht einmal eine Ahnung haben, daß es ein solches Leben
gibt! Die es wohl glauben, haben aber doch nicht die leiseste Andeutung – außer
einigen unhaltbaren Fabeln –, worin dieses Leben besteht oder bestehen wird!
[BM.01_172,11] Denket euch, welch ein
unberechenbarer Vorzug das ist, wenn ein Geschöpf von Anfang an schon wie ein
Herr seines Lebens dasteht!
173. Kapitel – Fortsetzung der Predigt
Bischof Martins. Unterschied der Lebensverhältnisse auf der Sonne und der Erde.
[BM.01_173,01] (Bischof Martin:) „Eure Welt
ist uns eine Sonne, ohne die wir kein Leben hätten. Sie gibt uns Licht und
Wärme; ihr aber bewohnt sie und kennt keine Nacht und keinen Winter.
[BM.01_173,02] Wißt ihr wohl, was eine Sonne
ist? – Ja, bei aller eurer Weisheit wißt ihr kaum, was da eine Sonne ist, weil
ihr eben selbst Bewohner einer Sonne seid!
[BM.01_173,03] Ihr kennt kaum den Vorteil,
Bewohner einer Sonne zu sein. Ich kannte ihn eher auch nicht, als ich noch auf
meinem armseligsten Planeten gleich einem Wurme herumkroch. Nun aber kenne ich
ihn und kann euch darum sagen, daß ich als ein nun weiser gewordener Geist gar
keinen Ausdruck finden kann, durch den es mir möglich wäre, euch darzutun, wie
groß der Vorteil ist, ein Bewohner der Sonne zu sein. Wie entsetzlich
kümmerlich ist dagegen ein Bewohner besonders meines Weltkörpers gestellt in
allen seinen naturmäßigen Verhältnissen! Es gibt für ihn höchstens flüchtige
Augenblicke, von denen er sagen kann, sie vergnügten ihn.
[BM.01_173,04] Die große Härte und Magerkeit
des Bodens zwingt den armen Menschen, sein Brot im blutigen Schweiße seines
Angesichtes sich zu erarbeiten. Weil aber dies schwere Arbeiten manchen schon
von Geburt aus weicheren Naturen nicht munden will, so betteln sie. Oder so sie
mächtig genug sind, nehmen sie dann wohl auch den Tätigeren mit Gewalt ihren
Vorrat weg und verzehren ihn.
[BM.01_173,05] Mit der Zeit dingen solche
Menschen eine Menge Gleichgesinnter, die nicht mehr arbeiten, sondern bloß auf
solchen Raub ausgehen. Sie bedrücken die fleißigen Arbeiter auf alle mögliche
Art und unter allerlei Vorwänden, die wie ein Recht schimmern, und fordern von
ihnen gewisse Steuern, wobei sie die Arbeiter dennoch für viel geringer halten
als sich selbst.
[BM.01_173,06] Mit der Zeit bilden sich dann
aus solchen anfangs Arbeitsscheuen mächtige Herren, die die Arbeiter und
Brotbereiter beherrschen und mit ihnen tun, was sie wollen. Dafür geben sie
ihnen bloß nur Gesetze über Gesetze, die zumeist auf den Vorteil solcher
Gesetzgeber abgesehen sind. Darum auch ihre Beachtung unter den schärfsten
Strafen im Verweigerungsfalle geboten wird, was das kummervolle Leben eines
Brotbereiters noch ums tausendfache erhöht und elender macht.
[BM.01_173,07] Werden hie und da die Arbeiter
zu sehr gedrückt, so erheben sie sich dann nicht selten in großem Zorne, ziehen
in großen Scharen gegen ihre Bedrücker und töten sie oft zu großen Haufen,
wobei sie aber gewöhnlich auch das eigene Leben einbüßen.
[BM.01_173,08] Solche zornentbrannten
Bewegungen heißen bei uns Kriege. Und so sie anfangen, da nehmen sie dann
gewöhnlich nicht eher ein Ende, als bis nicht selten eine Partei die andere
entweder ganz aufgerieben hat, oder bis die schwächere während des Mordens zur
Einsicht gekommen ist, daß sie der mächtigeren durchaus nicht gewachsen ist und
sich auf Gnade oder Ungnade ergibt, wo dann freilich wieder Friede hergestellt
wird.
[BM.01_173,09] Aber was für ein Friede? Ich
sage euch: ein Friede der Hölle und kein Friede der Himmel! Denn da wird der
Besiegte zum Sklaven und muß sich wegen seiner Ohnmacht nicht selten Gesetze
gefallen lassen, durch die nicht nur sein armer, oft mit vielen Wunden
überdeckter Leib, sondern auch sein Geist mit schwersten Ketten und Banden
geknebelt wird.
[BM.01_173,10] Ein solcher Zustand dauert
dann nicht etwa eine kurze Zeit, sondern nicht selten Tausende von langen Erdenjahren
fort. Dabei aber bleibt die Natur der Erde dennoch stets die gleiche: bald
Nacht, bald wieder ein elender Leidenstag. Bald ein alles erstarren machender
Winter, darauf wieder ein so heißer Sommer, daß er die ehernen Ketten noch
glühender und unerträglicher macht als der totstarre Winter.
[BM.01_173,11] Mangel an Nahrung erzeugt
einen Schmerz im Magen, den wir Hunger nennen, der oft bei unfruchtbaren Jahren
so groß wird, daß viele daran sterben.
[BM.01_173,12] O Freunde, vergleichet dies
Leben mit dem eurigen und sagt selbst, ob eure Weisheit wohl irgend Worte
findet, durch die der ungeheure Vorteil des eurigen genügend bezeichnet werden
könnte! Ihr sagt: ,So ein Leben ist ja kein Leben, sondern eine scheußlichste
Qual nur! Wie können da Menschen bestehen und wie loben ihren Schöpfer?‘
[BM.01_173,13] Ich sage euch aber, obschon
eure Frage gerecht ist, daß es dort dennoch sehr viele Menschen gibt, die ihren
Schöpfer desto mehr lieben und loben, je ärger es ihnen geht! – Was meint ihr
denn dazu?
[BM.01_173,14] Ihr saget: ,Freund, das ist
unmöglich! Wie kann ein über alles guter Schöpfer irgendwo Seinen Geschöpfen so
Arges geben und verlangen, daß sie Ihn dafür noch loben und lieben sollen?
Wahrlich, da haben die armen Bewohner der Erde noch nie ihren rechten Schöpfer
erkannt! Oder erkennen sie Ihn, da sind sie Narren, so sie Ihm für so ein Leben
danken oder Ihn gar noch lieben dazu!‘
[BM.01_173,15] Auch diese eure Gegenfrage ist
zufolge eures so endlos bevorzugten Lebens gerecht. Aber was sagt ihr dann dazu,
daß der Schöpfer den Menschen meines Planeten sogar die schärfsten ewigen
Strafen im Feuer der Hölle zur sicheren Folge gesetzt hat, so sie Ihn bei allen
Qualen ihres irdischen Lebens nicht über alles lieben, ihre Feinde und Quäler
nicht segnen, für die nicht beten, die ihnen fluchen! Und so sie Gott, dem
Schöpfer, nicht für alles, was Er ihnen an Wohl oder Wehe gibt, aus all ihren
Kräften, die ihnen bei all den Martern noch übrigbleiben, dankbar sind? – Sagt,
was dünkt euch da?
[BM.01_173,16] Wie gefällt euch, daß der Herr
auf jenem Planeten gerade diejenigen am schärfsten züchtigt, die Ihm am meisten
von ganzer Seele zugetan sind? Und daß sich Seine barsten Verächter oft und
fast meistens im besten Wohlstande befinden, d.h. was man auf meiner Welt ,Wohlstand‘
nennt, der freilich mit dem eurigen nicht zu vergleichen ist?
[BM.01_173,17] O redet, Freunde, gebt mir
kund euer Urteil, ihr Glücklichsten! – Ihr seid förmlich stumm! Ich muß euch
schon noch mehreres sagen, daß ihr dann desto leichter ein volles Urteil
schöpfen könnt. So höret:
[BM.01_173,18] Ich brauche euch nicht allzeit
euren herrlichsten Zustand zu schildern, um dagegen den elendsten meiner Welt
recht leuchtend vor eure Augen zu stellen. Ich weiß es, daß ihr den euren
ohnehin viel besser kennt als ich. Aber ich will euch dafür den Zustand meiner
Welt desto klarer vor Augen stellen und mich etwas weitwendiger fassen. Ihr
werdet mit eurer gediegensten Weisheit und euren schärfsten Blicken dann schon
von selbst leicht zu beurteilen imstande sein, wie die Bewohner meiner Erde zuständlich
sich zu euch verhalten. Da ihr über das, was ich euch bis nun mitteilte, schon
nahezu atemlos dastehet, bin ich wahrlich neugierig, was ihr zu dem sagen
werdet, was ich euch nun weiter mitteilen werde!
[BM.01_173,19] Ich habe euch schon ehedem
gesagt, daß meine Welt durchaus sehr hart ist: natürlich wie geistig oder
moralisch. Nur mittels schwerster, alle Kräfte anstrengender Arbeit kann ihrem
Boden Nahrung abgewonnen werden. Bevor man aber mit Erfolg arbeiten kann, muß
man sich noch tausend Werkzeuge anfertigen, mit deren Hilfe man dem harten
Boden der Erde etwas abgewinnen kann.
[BM.01_173,20] Nun haben sich mit der höchst
veränderlichen Zeitenfolge die Dinge und Verhältnisse auf meiner Welt unter den
Menschen so gestaltet, daß da nur der wenigste Teil der Menschen eigenen Grund
und Boden besitzt, der bei weitem größte Teil hat nichts und muß dem
besitzenden Teile um schlechten Sold und nicht selten um die allermagerste Kost
einen puren Sklaven machen.
[BM.01_173,21] Gar viele dieser Besitzer
scharren oft viele tausend Male mehr zusammen, als sie und ihre Kinder in
tausend Jahren verzehren könnten.
[BM.01_173,22] Nun kommt aber der harte,
alles erstarrende Winter. Für diesen haben reiche Besitzer gute Häuser und
wohlvermachte Gemächer, die sie mittels eines künstlich erzeugten Feuers recht
angenehm erwärmen können, und haben in solchen Gemächern warme und weiche
Betten zum Ruhen.
[BM.01_173,23] Aber die übervielen
besitzlosen Armen müssen mit schlechter Bekleidung und nicht selten hungrig,
krank und elend in den schlechtesten Löchern ihr Leben zubringen. Und wenn es
ihnen nicht selten auch schon so schlecht geht, daß sie häufig zu Tausenden
verhungern und verzweifeln müssen, so lassen sich darum die reichen Besitzer
dennoch kein graues Sorgenhaar wachsen. Sie sehen ganz behaglich zu und sagen:
,Es ist wohl gut, daß solch ein überflüssiges Bettelgesindel verendet und wir
von ihm nicht so sehr gequält und belästigt werden!‘
[BM.01_173,24] Aber ebensolche Not, die diese
Reichen am meisten bei den Armen bewirken, benützen sie dann noch mehr zu ihrem
Besten: sie wuchern unmenschlich mit den in großen Massen aufgeschichteten
Lebensmitteln. Wer ihnen nicht das gibt oder nicht geben kann, was sie
verlangen, kann vor ihrer Tür verhungern, und sie werden darum nicht um ein
Haar weicher in ihrem Herzen!
[BM.01_173,25] So himmelschreiend ungerecht
aber auch eine solche Sache ist, tut aber der Schöpfer dennoch sozusagen nichts
dabei. Die Tage und Nächte wechseln regelmäßig. Der Regen fällt und segnet die
Felder der Reichen mehr denn die der Armen, die nicht so viele Mittel haben,
ihre magersten Anteile nach Erfordernis zu bestellen. Die Fruchtbäume der
Reichen strotzen meistens vom Segen, während die der Armen nicht selten
verkümmert, halbverdorrt und fruchtlos dastehen. Die harten Reichen haben alles
im Überflusse, während die Armen oft in kaum beschreiblichem Elend zugrunde
gehen!
[BM.01_173,26] Wie gesagt, solch ein
himmelschreiendes, höllisches Treiben wird vom Schöpfer mit einer solchen
Gleichgültigkeit nicht selten viele Jahre lang geduldet, als wenn das gar
nichts wäre. Und wenn Er schon dann und wann – freilich nur vermutlich durch
blutige Tränenbitten der Armen erweicht – etwa ein Gericht über die Erde
sendet, das aber nur den Schein hat, als käme es von Ihm, so trifft dann solch
ein Gericht wieder hauptsächlich nur die Armen und Schwachen. Die Reichen
kommen gewöhnlich zumeist mit heiler Haut davon und manche werden während eines
solchen Gerichts nur reicher und irdisch glücklicher.
[BM.01_173,27] Kommt ein Krieg, da müssen für
die Reichen zumeist die armen Nichtsbesitzer auf dem Schlachtfeld sich
totschlagen lassen, wofür sie nichts als einen kargsten Sold bekommen. Dafür
aber wird dann den Reichen ihr Besitz wieder gesichert. Und so die Armen dann
vom Schlachtfelde heimkehren – oft ganz verstümmelt, mit einem Fuß, mit einer
Hand und mit tausend Wundnarben –, da müssen sie betteln um ein elendes Stück
Brot. Kommen sie vor die Tür eines Reichen, werden sie nicht selten wie ein
gemeinstes Tier hinweggeschafft, bekommen oft die ruchlosesten Schmähworte und
werden davongetrieben!
[BM.01_173,28] Seht, dennoch dürfen sie
nichts Übles wünschen solchen reichen Übeltätern, sondern sollen sie noch
segnen und ihren Peinigern von ganzem Herzen vergeben, ansonsten sie noch von
Gott aus der ewigen Höllenstrafe verfallen können!
[BM.01_173,29] Wie es aber mit dem Kriege als
einem Gottesgericht aussieht, das da allzeit die ohnehin Elendsten am härtesten
trifft, ebenso ist es auch mit allen andern Gerichten der Fall. Die Armen und Elenden
trifft jedes am stärksten, während die herz- und gefühllosen Reichen und
Glücklichen zumeist mit heiler Haut davonkommen.
[BM.01_173,30] Dennoch sind es zumeist nur
die Armen, die an dem Herrn hängen, an Ihn glauben und zu Ihm beten, so gut sie
es können. Die glücklichen Reichen aber haben selten kaum einen halben Glauben,
meistens wohl gar keinen. Sie hegen in ihren steinfesten Herzen wohl sehr wenig
Liebe zu Gott, beten wenig oder gar nicht und erlauben sich nicht selten, Ihn
samt Seinem Gesetze schmählichst zu verhöhnen.
[BM.01_173,31] Ein Stück Goldes, ein gutes
Essen und eine junge geile Dirne, mit der sie die schändlichste Unzucht treiben
können, ist ihnen um tausend Male lieber als Gott, der für sie so gut wie
keiner ist, und viel tausend Male lieber als jene, die im Schweiße ihres
Angesichtes für sie die schwersten Arbeiten verrichten und mit ihrem armen
Leben für ihre Sicherheit Wache halten Tag und Nacht und Sommer und Winter.
[BM.01_173,32] Aber bei ihrer vollen
Gottlosigkeit sind sie irdisch glücklich und werden nie durch die Armen,
sondern nur durch ihresgleichen manchmal in ihrem Überflusse beeinträchtigt.
Aber selbst als Unglückliche befinden sich die Reichen gewöhnlich noch um
tausendmal besser als die glücklichsten Armen, die außer Elend nie etwas
besessen haben.
[BM.01_173,33] Freunde, was sagt ihr dazu?
Wie gefällt euch dieses Leben eines Menschen auf jenem Sterne, den ihr
gemeinhin den ,heiligen‘ nennt?“
174. Kapitel – Erregender Eindruck der
Predigt Martins auf die Sonnenmenschen. Zwiesprache zwischen Uhron und Martin.
[BM.01_174,01] Hier tritt der Weise Uhron vor
und spricht: „Freund, ich sehe, daß du uns Wahres kündest; aber was willst du
damit? Willst du diese Völker gegen Gott empören? Wahrlich, hier ist alle meine
Weisheit zu Ende und ich kann weder dich, noch weniger Gott fassen! Welche
Ordnung soll das sein?
[BM.01_174,02] Ich kenne die Himmel und kenne
auch die Höllen vieler Welten, aber ich sage dir: da ist keine Hölle ärger als
deine Erde! Ich bitte dich darum, rede von etwas anderem, sonst empörst du alle
Völker gegen Gott, den sie bis jetzt über alles gelobt und geehrt haben.“
[BM.01_174,03] Spricht Martin: „Freund, es
hat jedes Ding und Wesen vom Herrn offen oder heimlich eine bestimmte Aufgabe
zu lösen. Nur ist da der Unterschied: Die Dinge müssen sie lösen; wir frei- und
selbstwilligen Wesen aber können und wollen sie lösen! Und so mag da aus meiner
Rede auch folgen, was da immer wolle; denn ich tue nichts, als was allein der
Herr will! So könnt ihr mich immer noch weiter anhören, da ich mit der Sache
noch nicht zu Ende bin!“
[BM.01_174,04] Spricht der Weise: „Du kannst
immerhin deine Rede fortsetzen; aber es fragt sich nur, zu wessen Nutz und
Frommen? Du verlierst oder gewinnst sicher nichts dadurch, ob wir als reinere Wesen
und Bewohner dieser Welt wissen oder nicht wissen, wie es auf deiner Welt
zugeht. Und wir gewinnen sicher auch nichts, so wir die Schlechtigkeit deiner
Welt näher vorgestellt bekommen, als es unserer Weisheit möglich ist, Blicke in
die Wesensverhältnisse deiner Welt zu tun. Wohl aber können wir bei deinen
Erzählungen über den schrecklichen Gerichtsstand deiner Welt einen barsten
Schaden erleiden – von der Art, daß er sich schwerlich je wieder dürfte
vergüten lassen!
[BM.01_174,05] Daher meine ich also: Wir
haben ohnehin von dir schon eine breit gehaltene Darstellung der ärgsten
Verhältnisse deiner Welt erhalten und können uns nur zu leicht vorstellen, daß
es auf deiner Welt noch viel ärgere Dinge geben müsse, weil alle Bedingungen
dazu eben durch deine Erzählungen erläutert sind. So glaube ich wohl, daß es
nun völlig unnötig sein dürfte, uns noch länger mit etwas zu quälen, was uns im
Grunde des Grundes schon darum um so weniger kümmern kann, weil wir ganz außer
Stand gesetzt sind, die bösen Verhältnisse deiner Welt zu ändern! Auch werden
wir wirklich nie geneigt sein oder gar wünschen, daß die allerschlechteste
Ordnung deiner Welt hier angenommen würde. Und so meine ich, du könntest nun
deinen Bruder Petrus an deiner Statt reden lassen; vielleicht kommt er mit
etwas Besserem zum Vorschein!
[BM.01_174,06] Solltest du etwa gar die
Absicht haben, Gott, deinen und unsern Schöpfer, vor uns anzuklagen und uns
darüber entscheiden lassen, ob Er recht oder unrecht handle, da müßte ich dich
in allem Ernste bedauern! Was wohl könnten wir ohnmächtigste Geschöpfe gegen
des Schöpfers unbegrenzteste Allmacht ausrichten, so wir auch wirklich
einsähen, daß Er mit den Menschen deiner Welt noch so ungerecht verfahren
würde? Ist Er ja doch allein der Herr, in dessen Willenshand alle Unendlichkeit
liegt!
[BM.01_174,07] Ich setze den Fall, Er hätte
wirklich unter den zahllosen Myriaden Seiner Welten eine gestellt, die da bloß
ein Spiel Seiner Launen sein sollte. Sage, wer wohl könnte Ihn darum zur
Rechenschaft fordern? Und so du dir das getrauen würdest, meinst du wohl, du
könntest dadurch von Ihm eine rechtfertigende Antwort erzwingen? Er ist und
bleibt ewig ganz allein der Herr und tut, was Er will! Dem Er gut sein will,
dem ist Er gut; den Er aber verwerfen will, den kann Er auch verwerfen, – mag
es uns recht oder unrecht dünken.
[BM.01_174,08] Wer könnte Ihm in den Weg
treten und verwehren, so Er nun diese unsere Welt augenblicklich vernichten
wollte! Oder so Er sendete Myriaden der schrecklichsten Quälgeister über uns
und ließe uns quälen Äonen Zeiten? Was könnten wir Ihm zur Verhütung solchen
Gerichtes entgegenstellen!
[BM.01_174,09] Ich meine: Gott, der Sich nun
sichtlich hier unter uns befindet, ist allein ein Herr aller Welten, Himmel und
auch Höllen. Seine Allmacht aber bürgt für Seine gleichermaßen unendliche
Weisheit! Er wird am besten wissen, warum Er hie und da so manches geschehen
läßt, das unsere Weisheit wohl schwerlich je begreifen wird. Daher, fügen wir
uns willigst in Seinen Willen und in Seine Ordnung, bin ich überzeugt, wir
werden keines schlechten Weges wandeln! – Bist du einverstanden mit mir?“
[BM.01_174,10] Spricht Martin: „Allerdings!
Aber eben weil es des Herrn Wille ist, muß ich noch weiter reden; denn auch in
diesem mußt du Seinen Willen respektieren!“
[BM.01_174,11] Spricht der Weise: „Wenn so,
da rede du in Seinem Namen allerdings nur weiter; wir werden dich hören!“
175. Kapitel – Schluß der Predigt Martins und
ein Wink über deren Zweck. Die Bedingungen zur Gotteskindschaft. Des Weisen
Dank- und Anerkennungsrede.
[BM.01_175,01] Spricht Martin: „Mit all den
von mir berührten übelsten Lebensverhältnissen, deren ich freilich nur im
geringsten Maße Erwähnung getan habe, will ich aber durchaus nicht gemeint
haben, als sei der Herr etwa ungerecht! Oder es sei daher auf der Erde dadurch
nahezu unmöglich, ein Gott dem Herrn wohlgefälliges Leben zu führen! Ich will
euch dadurch auflockern in eurem Gemüte. Um das desto sicherer bewirken zu
können, muß ich euch die unendlichen Vorteile eurer Lebensverhältnisse zeigen.
Denn ihr, in sie hineingeboren, könnt dieselben gar nicht beurteilen ohne
Hinzustellung der Lebensverhältnisse anderer Welten, namentlich der meinen –
die ich gottlob besser kenne, weil ich von dorther bin und selbst mit ihren
Lebensverhältnissen sehr viel zu schaffen gehabt habe.
[BM.01_175,02] Ich will dadurch weder vor
euch und eurer Weisheit den Herrn anklagen – was von mir ewig fern bleibe –,
noch will ich euch gegen den Herrn empören – was doch wohl die größte Tollheit
wäre! Aber da auch ihr für die Folge zur Kindschaft Gottes berufen seid und
durch eure Weisheit zur Kenntnis gelangt seid, daß nur auf meiner Welt die
eigentlichen, wahren Gotteskinder gezeugt werden – ist es für euch nun um so
notwendiger zu erfahren, unter welchen Bedingungen ein Mensch, ein Geschöpf, zu
dieser unschätzbarsten, erhabensten Würde gelangen kann!
[BM.01_175,03] Euer Leben aber war bisher
eigentlich nur eine barste Spielerei der Engel Gottes, deren Eigentum ihr
bisher wart. Es taugt durchaus nicht, um dadurch zur Gotteskindschaft zu
gelangen. Denn Gotteskindschaft ist ein heiligster Ernst und keine Spielerei,
daher muß sie auch im vollsten und oft bittersten Lebensernste erstrebt werden!
[BM.01_175,04] Darum aber werdet auch ihr
Gesetze erhalten, wie wir sie haben. Und es wird auch bei euch heißen: ,Ein
jeder von euch nehme sein Elend auf seine Schultern und folge Mir, dem Herrn,
nach, ansonst es wohl nicht möglich ist, dahin zu gelangen, wo Ich (spricht der
Herr) bin und lebe und handle in der Mitte Meiner Kinder, die da sind und
bleiben für Ewigkeiten Mein rechter Arm und tun, was Ich tue, und leben, wie
Ich lebe!‘
[BM.01_175,05] Der Herr Selbst ist darum auf
meiner Erde ein Mensch geworden, trug alle erdenklichsten Mühseligkeiten dieses
irdischen Menschlebens, ließ Sich am Ende von der großen Blindheit der Menschen
meiner Welt sogar auf die schmählichste und schmerzlichste Weise an einem
Kreuzbalken dem Leibe nach töten, auf daß dann die Menschen dieser meiner Welt
Götter werden könnten, – so sie es natürlich selbst wollen.
[BM.01_175,06] Aber darum, daß jemand auf
jener Welt geboren ist, wo der Herr Selbst Sich ins Fleisch gehüllt hatte, wird
wohl niemand zur Kindschaft Gottes gelangen. Erst wenn er alle jene Bedingungen
erfüllt an sich ganz frei, welche der Herr Selbst zu diesem Behufe
vorgeschrieben hat!
[BM.01_175,07] Ihr alle habt von mir
vernommen, wie gar elend es auf meiner Erde zugeht. So zwar, daß man meinen
sollte, dem Herrn liege gerade an jener Welt, die Er Selbst zur wichtigsten und
heiligsten im ganzen Universum durch Seine Menschwerdung gemacht hat, nun gar
nichts, und Er kümmere Sich um sie nicht im geringsten. Aber dem ist nicht so!
[BM.01_175,08] Die Menschen jener Erde nur
sind im vollsten Sinne frei und können tun, was sie wollen: Gutes nach dem
Gebote Gottes oder Schlechtes wider dasselbe. Sie werden weder zum Guten noch
zum Schlechten durch nichts gezogen als lediglich durch ihren vollkommen freien
Willen. Aus diesem Grunde ist jene Welt auch in allen ihren Lebensverhältnissen
so mager gestellt, damit durch sie kein freier Wille irgendeine Beirrung
erleiden und schlecht werden solle.
[BM.01_175,09] Im Gegenteile aber ist auch
das Himmlische dergestalt verdeckt, daß ob der bestimmten Anschauung künftiger
Seligkeiten ebenfalls kein freier Wille zum Guten genötigt werden solle.
Obschon aber jeder die Folgen seines guten oder schlechten Lebens aus der
gegebenen Gotteslehre weiß, so kann er dennoch handeln, wie er will, weil er
weder auf der einen noch auf der andern Seite irgendeine nötigende Gewißheit
hat.
[BM.01_175,10] Alles aber ist auf der Erde
darum so eingerichtet, auf daß der Wille der Menschen vollkommen ein freiester
bleiben soll. Denn ohne ihn ist es unmöglich, die freieste, ewig ungerichtete
Kindschaft Gottes zu erlangen.
[BM.01_175,11] Daß nun die Menschen dieser
meiner Erde zumeist in Abirrungen gelangen – der eine so, der andere anders –,
wird nun sicher begreiflich sein. Aber daß demnach auch ihr in ganz andere
Lebensverhältnisse werdet versetzt werden – so es euch ernst ist um die
Erreichung der Gotteskindschaft –, das ist etwas ganz anderes! Wie aber, das
wird euch mein Nachfolger verkünden; vernehmet ihn daher!“
[BM.01_175,12] Spricht der Weise: „Es sei dir
gedankt von mir und allen denen, die hier und draußen versammelt sind, für
deine Rede und Lehre, die du uns nun hast zukommen lassen durch die Gnade
deines und unseres Gottes und Herrn. Von dieser Lehre war mir besonders der
letzte Teil um so schätzbarer, als ich dadurch ziemlich hell einsehen gelernt
habe, aus welchem Grunde auf deiner Welt die Menschen, gegen uns betrachtet,
gar so mißlich gestellt sind. Ich habe aber auch daraus abermals die Bestätigung
meines aufgestellten Grundsatzes wahrgenommen, demzufolge kein intelligentes
Wesen an dem Schöpfer und Seiner Güte verzweifeln soll.
[BM.01_175,13] Denn Seine unendliche
Allmacht, deren Werke zahllos und von wunderbarster Art und Ordnung sind, ist
uns eine unumstößlichste Bürgschaft für Seine ebenso unendliche Weisheit.
Solche Weisheit aber kann nur ein Ausfluß der gleich großen Ordnung im ewigen,
vollkommensten Leben des Schöpfers Selbst sein!
[BM.01_175,14] Wo aber das Leben auf
allerhöchster, reinster und zugleich tiefster Ordnung beruht, muß in solch
einem vollkommensten Leben auch eine Güte zu Hause sein, von der sich ein
geschaffener, wenn noch so freier Geist ewig keine völlig klare Vorstellung zu
machen imstande ist!
[BM.01_175,15] Ich danke dir, lieber Freund,
daher noch einmal für mich wie für alle hier anwesenden Völker und freue mich
sehr auf die Rede, die nun dein Bruder Petrus uns allen vortragen wird! Der
Herr leite seinen Mund und seine Zunge!“
176. Kapitel – Die steigende feindliche Flut
– Petrus' stärkende Worte an alle. – Seine bedeutsame Frage an die
Sonnenmenschen: „Wollet ihr Kinder Gottes werden oder nicht?“. Uhrons Antwort.
[BM.01_176,01] Nach dieser Rede wird von
außen her ein Zeichen gegeben, daß das Gewässer des großen Meeres nur eine
Mannshöhe von jenen entfernt sei, die am tiefsten ihren Stand genommen haben,
und daß es im nächsten Augenblicke ihre Füße bespülen werde. Es solle ihnen der
allmächtige Geist helfen, sonst seien sie genötigt, sogleich die schnellste
Flucht zu ergreifen.
[BM.01_176,02] Spricht darauf Petrus: „Freund
und Bruder, sage den Völkern, sie sollen nicht verzagen. Denn der Herr läßt
diese Gefahr geflissentlich entstehen, auf daß sie alle einen desto helleren
Beweis von der großen Herrlichkeit Gottes überkommen sollen!
[BM.01_176,03] Wohl wird das Wasser ihre Füße
berühren, aber sie dennoch nicht benetzen. Ebenso wird auch der unterirdische
Auftrieb bis zu seiner höchsten Ausdehnung kommen und zerbersten und wird große
Massen voll Feuers ausspeien. Aber diese Massen werden in ihrer Gesamtheit noch
viel eher zerstört und gänzlich zunichte gemacht werden, als sie den Boden
berühren bei ihrem Rückfall, und die aufgetriebene Rinde wird zurücktreten im
Augenblick, wo sie zerbersten wird!
[BM.01_176,04] Daher soll niemand eine Furcht
haben, sondern sich bei aller scheinbar drohenden Gefahr so verhalten, als ob
gar nichts da wäre, das da zu befürchten wäre, so wird auch niemandem ein Haar
gekrümmt werden! Dieses tue sogleich allen kund!“
[BM.01_176,05] Der Weise läßt diese Belehrung
durch die schon bekannten Zeichen hinaus kundmachen. In wenigen Augenblicken
kommen von allen Seiten Gegenzeichen, daß die Belehrung richtig verstanden und
allseitig dankbar und bereitwillig angenommen wurde zur genauesten und
mutigsten Darnachhandlung.
[BM.01_176,06] Als der Weise solches dem
Petrus wieder kündet, spricht dieser:
[BM.01_176,07] (Petrus:) „So deute ihnen, daß
sie nun sehr aufmerken sollen, da ich hohe Worte an sie richten werde!“
[BM.01_176,08] Der Weise tut das sogleich und
alles ist in der gespanntesten Erwartung.
[BM.01_176,09] Spricht Petrus: „Meine
Freunde, meine Brüder! Mein Vorgänger hat euch die Lebensverhältnisse gezeigt,
unter welchen die Menschen auf jener Welt leben. Auch ich habe dort in
derselben Zeit gelebt, in welcher der Herr Sich mit Fleisch bekleidete und alle
erdenklichen Beschwerden von Seiner leiblichen Kindheit an ertrug gleich einem
jeden andern irdisch armseligst gestellten Menschen.
[BM.01_176,10] Aus diesen treu geschilderten
Lebensverhältnissen habt ihr leicht beurteilen können, wie ganz anders ihr in
jeder Lebenshinsicht auf eurer großen Lichtwelt gestellt seid. Daneben aber
freilich auch, was dazu erforderlich ist, um aus dem puren Geschöpfe ein
allerfreiestes Gotteskind zu werden.
[BM.01_176,11] Es stellt sich daher nun
zuallererst die Frage: ,Wollt ihr – und zwar mit Beibehaltung aller eurer
Lebensvorteile, insoweit sie euch nicht durch ein Gesetz dahin geschmälert
werden, daß ihr wegen des Gottesreiches denselben frei entsaget – Kinder Gottes
gleich uns werden oder nicht?‘ Bedenket aber wohl, was ihr tun wollet; nach
reifer Überlegung sagt mir dann erst Ja oder Nein!
[BM.01_176,12] Bedenket den Vorteil, ein Kind
Gottes zu sein oder wenigstens werden zu können. Bedenkt, was dazu gehört,
diesen Vorteil zu erreichen; bedenket aber auch eure bisherigen Vorteile und
euren gegenwärtigen Lebensstand, von dem ihr selbst sagen müßt: ,Wie doch gar
so verändert ist er von jenem!‘
[BM.01_176,13] Freilich wohl wird niemand
etwas verlassen, das ihm im Gottesreiche nicht tausendfach ersetzt werden würde
für ewig. Aber dieser Ersatz wird nicht gar zu klar seiner Weisheit vorgehalten
werden, sondern bloß nur so weit, als die Kraft seines Glaubens zu reichen
imstande sein wird.
[BM.01_176,14] Jetzt habt ihr alles klarst
vor euch: das Geistige wie das Naturmäßige liegt vor euch offen! Solches aber
wird nicht der Fall sein bei jenen, denen es ernst ist, Gottes Kinder zu
werden. Daher überdenket wohl, was ihr nun in dieser Hinsicht tun wollet!
Großes wird euch geboten, aber auch nichts Geringes von euch verlangt!“
[BM.01_176,15] Spricht der Weise: „Freund, du
weißt, daß unsere Intelligenz von der Art ist, daß wir über einen Satz nicht
gar lange zu überlegen brauchen, um klar zu werden darüber, was wir wollen oder
sollen. Und so glaube ich auch hierüber völlig im klaren zu sein im Namen aller
hier anwesenden Völker, was wir tun wollen und natürlich auch tun können.
[BM.01_176,16] Denn das Können ist eine
Hauptbedingung beim Tun oder Handeln, da doch sicher Gott Selbst von keinem
Geschöpfe mehr verlangen kann, als dieses seinen ihm innewohnenden
Eigenschaften und Kräften zufolge leisten kann. So bin ich auch hier der mich
selbst klar überzeugenden Meinung, daß der Herr von uns unmöglich mehr zu
leisten verlangen wird als wir zufolge unserer natürlichen und geistigen
Stellung auf dieser Erde zu leisten imstande sind!
[BM.01_176,17] Dieses Motto ist kurz und klar
genug, um daraus zu ersehen, daß wir nur das wollen, was wir können.
Gotteskindschaft hin oder her, hoch oder nieder, das ist gleich! Wir wollen
sie, so ihre Erreichung nicht über unsere Kräfte geht. Kostet sie aber mehr als
den Aufwand aller unserer Kräfte, dann können wir sie auch nicht wollen, weil
sie in diesem Falle für uns unerreichbar ist!
[BM.01_176,18] Kurz – ist sie für uns unter
unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen erreichbar, dann wollen wir sie. Ist
das nicht der Fall und nicht möglich, dann, Freund, mußt du selbst einsehen,
daß wir sie unmöglich wollen können! Nun weißt du unseren Entschluß. Tue daher,
was du willst; denn ich meine, daß auch unser Wille frei ist und bleiben muß!“
177. Kapitel – Nochmalige Klarstellung der
Gotteskindschaftsfrage durch Petrus. Seine Kritik betreffs der Blutschande der
Sonnenmenschen.
[BM.01_177,01] Spricht Petrus: „Lieber
Freund, du hast im Grunde des Grundes meinen Vortrag nicht verstanden! Siehe,
die Frage lautete ja: ,Wollt ihr – und zwar mit Beibehaltung aller eurer
Lebensvorteile, insoweit sie euch nicht durch Gesetze dahin geschmälert werden,
daß ihr des Reiches Gottes wegen frei denselben (es versteht sich von selbst:
nur jenen Lebensvorteilen, die zum Leben nicht unumgänglich nötig sind)
entsaget – Gottes Kinder gleich uns werden oder nicht?‘ – So ich von der
Beibehaltung rede, da glaube ich doch, daß du die Sache so erfassen wirst, wie
ich sie dir vorgetragen habe!
[BM.01_177,02] Glaube mir, Freund, daß wir im
Gottesreiche auch so weise sind, um einzusehen, daß sich eine Sonne nicht zu
einem gemeinen Planeten umgestalten läßt, so man eine einmal festgestellte
Ordnung des ganzen Universums nicht stören will! Und daß Sonnenmenschen von
ganz anderer Natur und Beschaffenheit sind als die Menschen eines kleinen
Planeten! Das alles wissen wir sicher ebensogut wie du, Freund!
[BM.01_177,03] Aber ihr habt gewisse von euch
selbst gemachte Gesetze, die eigentlich gar keine Gesetze sind, weil sie nichts
gebieten als eine ungebundenste Willkür im Handel und Wandel! Diesen Gesetzen
zufolge könnet ihr auch eure alten, weisen Urgesetze verwerfen und die
allernichtigsten neuen an ihre Stelle setzen. Frage: Rechnet ihr solch eine
Willkür auch unter die eigentlichen Vorteile eures Lebens?
[BM.01_177,04] Euch haben Engel aus den
Himmeln eine Ehe, d.h. einen rechtlichen Verband eines Mannes mit einem
ordentlichen Weibe angeordnet. Sie haben euch auch gezeigt die rechte geistige
Zeugung der Kinder, nach der ihr wohl noch bis jetzt eure Zeugungen
bewerkstelligt habt. Wie kommt es aber, daß nun die Väter ihre eigenen Töchter
tierisch beschlafen, wo sie doch ein Gebot haben, daß kein Vater bei Strafe mit
seiner Tochter nicht einmal eine geistige Zeugung vornehmen darf?
[BM.01_177,05] Sage, rechnest du auch solches
zu den unerläßlichen Vorteilen eures Sonnenlebens? Rede, was darüber deine
Meinung ist!“
[BM.01_177,06] Spricht der Weise: „O Freund,
solches gehört nicht zu den Vorteilen unseres Lebens, da es uns allen wohl die
größten Nachteile fürs natürliche wie fürs geistige Leben gebracht hat! Daher
versteht es sich von selbst, daß wir solche wahren Nachteile für unser Leben gar
überaus wohl können fahren lassen. Unter dem aber, was ich so eigentlich
,Vorteile unseres Lebens‘ nannte, verstehe ich nur jene Ureigentümlichkeit
unseres wesenhaft-natürlichen Lebens, durch die wir zum größten Teile Herren
über die Natur und Wesenheit unserer Welt sind!
[BM.01_177,07] Ein solcher Vorteil unseres
Lebens ist, daß wir dem Boden dieser Erde alles entlocken können, was wir nur
wollen, als Herrlichkeiten ohne Zahl und Maß – und auch alle erdenklichen
Notwendigkeiten zur Verpflegung unseres Leibes.
[BM.01_177,08] Ich meine, die Bitte um
Belassung solcher Lebensvorteile wird vor den Augen des Herrn doch keine Sünde
sein und kein Grund, uns darob die Aufnahme in Seine Kindschaft zu verweigern?
[BM.01_177,09] Sollte aber solch eine Bitte
vor dem Herrn eine Sünde sein, dann freilich müßten wir wohl darauf bestehen,
daß uns gewährt werden möchte, lieber so zu verbleiben, wie wir nun sind, als
daß wir dieses ersichtlich Sichere mit etwas höchst Unsicherem und schwerst zu
Erreichendem vertauschen sollen!
[BM.01_177,10] Siehe, Freund, das meine ich!
Ist dir das recht da sagen wir alle zu deinem Antrage ja; ist dir aber das
nicht recht, da sagen wir alle nein. Denn etwas Unmögliches kann der Herr
Selbst von uns nicht verlangen, – außer Er gestaltet uns ganz und gar um und
versieht unser Leben mit ganz andern uns bis jetzt völlig unbekannten
Eigenschaften und Fähigkeiten. Gegen die Allmacht des Herrn kann kein Wesen
protestieren, also auch wir nicht!“
178. Kapitel – Petrus' Vorschlag zum Danken
und Bitten. Uhrons bedeutsame Ablehnung des Bittgebetes zu Gott.
[BM.01_178,01] Spricht Petrus: „Des Herrn
Allmacht ist Seine ewige Ordnung, aus der ihr wie die ganze Unendlichkeit
hervorgegangen seid. Wollte euch der Herr nun ganz eigens umgestalten, müßte Er
zuvor auch Seine ganze Ordnung umgestalten, was Er wohl ewig nie tun wird, da
Er eben diese Ordnung Selbst ist!
[BM.01_178,02] Aber euer bisheriges Leben ist
ein außerordentlich bequemes und sorglosestes zu nennen! Es kostet euch
nirgends einen Kampf, nirgends eine Mühe und Anstrengung. Von der Geburt an bis
zu eurem freiwilligen Austritt aus eurem Leibesleben wißt ihr von keiner
namhaften Unvollkommenheit etwas, daher auch von keiner Selbstverleugnung.
[BM.01_178,03] Ihr wißt es wohl, daß ihr samt
eurer Welt Werke eines allweisesten Gottgeistes seid, den ihr darum auch
allerhöchst verehret. Aber wann habt ihr Ihn noch um etwas besonders gebeten
und wann Ihm gedankt für eine der großen Lebenswohltaten, die Er euch doch
allzeit im höchsten Übermaße hat zukommen lassen?!
[BM.01_178,04] Seht, bis nun lebtet ihr wie
völlig unabhängig von Ihm. Wäre es etwa zu viel von euch verlangt, so ihr in
der Folge euch bequemen würdet, von Ihm doch etwas mehr abhängen zu wollen, als
es bis jetzt der Fall war? Rede nun wieder und zeige mir getreu deinen
Entschluß!“
[BM.01_178,05] Spricht der Weise: „Freund,
das wollen wir allerdings! Besonders was unsere schuldigste Dankbarkeit
betrifft, wollen wir wohl alles Erdenkliche aufbieten, um diese für so viele
und große Wohltaten gebührend auszudrücken und dem heilig-großen Geber so
zahllos bester Gaben vom Grunde unseres Lebens zu bezeugen. Aber was da
betrifft das Bitten, so muß ich dir gestehen, daß ich damit durchaus nicht
einverstanden sein kann, da ich jede Bitte als eine Beleidigung der göttlichen
Weisheit ansehen muß.
[BM.01_178,06] Denn durch eine Bitte an die
Gottheit bekenne ich ja doch offenbar, daß ich einsichtsvoller bin als Gott und
daher gewisserart besser einsehen will als der Herr Selbst, was mir not tut.
Ich meine, so etwas sollte sich selbst ein Kind Gottes nicht anzumaßen
getrauen, geschweige erst ein anderes Geschöpf!
[BM.01_178,07] Ferner erscheint mir jede
Bitte auch wie ein höflicher Kampf, durch den das Geschöpf eine gewisse Härte
und gleichsam eigensinnige Unbarmherzigkeit im Schöpfer besiegen und damit über
Ihn triumphieren möchte!
[BM.01_178,08] Wahrlich, Freund, ehe ich mir
getrauen möchte, dem allweisesten, allgütigsten und allmächtigsten Schöpfer mit
einer Bitte zu kommen, durch die ich Ihm doch offenbar dartäte, daß ich meine
Bedürfnisse besser kenne als Er, – und ehe ich bitten möchte für andere und Ihm
dadurch zeigete, daß ich offenbar besser und barmherziger bin als Er, da wollte
ich lieber nicht sein! O Freund, welche Achtung vor Gott, dem urweisesten und
allmächtigsten Geiste, wäre wohl das!
[BM.01_178,09] Daher ist meine Antwort auf
deinen Antrag folgende: Wir wollen für ewig wie bis jetzt in allem ganz von Ihm
abhängen, weil es unmöglich ist, von jemand anderem abzuhängen! Ebenso wollen
und werden wir Ihm auch ewig aus tiefstem Lebensgrunde für alles danken, da wir
eine jede Gabe von Ihm für endlos gut ansehen und sie als solche auch
allertiefst anerkennen. Bitten aber werden, wollen und können wir den Herrn um
nichts, da wir nur zu klar einsehen, daß der Herr endlos besser weiß, was uns
allen not tut, und nicht nötig hat, von uns erst darauf aufmerksam gemacht zu
werden durch eine nichtssagende Bitte von elenden und kaum halb lebenden
Geschöpfen gegen Ihn! So sei es von uns auch ewig ferne, Ihm durch eine Bitte
zu sagen, daß Er ein harter Gott ist und solche Schwäche hat, die erst durch
Bitten von Seite der Geschöpfe in die wahre Ordnung gebracht werden kann!
[BM.01_178,10] Freund, wir alle achten Gott,
den allerhöchsten Geist, zu endlos hoch und haben eine zu heilig-erhabenste
Vorstellung von Seinen vollkommensten Eigenschaften, als daß wir uns je so tief
vergessen könnten, dem mit einer Bitte kommen zu wollen, der uns doch ohne
unsere Bitte so vollkommen als für uns notwendig erschaffen hat!
[BM.01_178,11] Danken, ja ewig danken werden
und wollen wir Ihm für alle die vielen Wohltaten und Gaben, deren die kleinste
so groß und heilig ist, daß wir sie wohl kaum in aller Fülle je zu würdigen
imstande sind. Aber – wie nun schon gründlich gezeigt – mit einer Bitte wollen
und werden wir uns wohl an Ihm, dem allerheiligst Vollkommenen, nie
versündigen!
[BM.01_178,12] Tue du nun, was du willst.
Aber es wird dir mit all deiner Weisheit schwerlich gelingen, uns dahin zu
stimmen, daß wir uns auch an das Bitten machen sollen! Es müßte nur sein, der
Herr Selbst verlangte es ausdrücklich von uns. Natürlich – gegen den Willen
Gottes kann kein Geschöpf sich stemmen. Aber bei unserer Freiheit bleiben wir
auch frei und werden tun, was wir als recht vor Gott und den Menschen und
Engeln erkennen!“
179. Kapitel – Petrus als Lehrer im Beten des
Vaterunsers. Warum das Bitten über dem Danken steht. Petrus' gewichtige Frage
an Uhron im Auftrage des Herrn.
[BM.01_179,01] Spricht Petrus: „Freund, als
der Herr als allmächtiger Schöpfer Himmels und aller Welten auf meiner Erde das
Fleisch angenommen hatte und hat unter uns Menschen gelebt und gewandelt wie
ein Mensch, da lehrte Er uns alle vollkräftig so beten, indem Er sprach:
[BM.01_179,02] So ihr aber betet, da
sprechet: ,Unser Vater, der Du in den Himmeln wohnst, Dein heiligster Name
werde geheiligt! Dein Reich der Liebe, der Wahrheit und des ewigen Lebens komme
zu uns! Dein allein heiliger Wille geschehe alle Zeiten und alle Ewigkeiten
hindurch! Gib uns heute wie allzeit das tägliche Brot! Unsere Sünden und
Gebrechen vergib uns nach dem Maße, als wir vergeben unseren wie immer
gearteten Schuldnern! Laß nicht Versuchungen über unsere Schwächen kommen,
denen wir unterliegen müßten; sondern erlöse uns von allem Übel, das uns nur
immer begegnen könnte! Dein, o Vater, ist alle Kraft, Macht und Herrlichkeit ewig!
Dir allein sei aller Preis, alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe, alles Lob und
aller Dank ewig!‘ –
[BM.01_179,03] Da uns aber der Herr Selbst
also beten und bitten gelehrt hat, so glaube ich denn doch, daß es nicht
unrecht sein dürfte, so wir als Kinder Ihn zuvor um all das bitten möchten, was
wir für uns als notwendig erkennen!
[BM.01_179,04] Denn ich meine: Schon der
schuldige Dank, den wir für die zahllosen Wohltaten dem Schöpfer darbringen,
ist ein heilig großes Privilegium für uns freie Wesen. Wir anerkennen dadurch
Gott gegenüber das, was wir haben und empfangen, als freie und nicht als
gerichtete Gabe. Aber die Bitte steht dennoch viel höher, da uns eben durch die
Bitte nicht nur die Erkenntnis zukommt, daß wir eine Gottesgabe als eine freie
anerkennen dürfen, sondern auch sogar die freie Wahl der Gabe!
[BM.01_179,05] Zur vollkommenen Freistellung
des Geistes gehört nicht nur die freie Erkenntnis dessen, was der Herr als für
uns Lebensnotwendiges frei gibt, sondern hauptsächlich die freie Wahl dessen,
was uns nottut. Dazu aber gehört doch offenbar mehr Selbsterforschung und freie
Selbsterkenntnis als nur zur Wahrnehmung, daß alles, was wir sind, haben und
empfangen, freie Gaben aus Gott dem Herrn sind.
[BM.01_179,06] Wer für eine empfangene Gabe
dankt, fühlt aber dabei kein Bedürfnis nach einer für die Folge weiter nötigen
Gabe, ist in seiner Lebenssphäre noch sehr stumpfsinnig und hat noch viel
Tierisches in sich. Denn auch Tiere danken durch ihren frohen Genuß
instinktmäßig dem Geber, wenn sie Ihn auch nicht zu erkennen imstande sind.
Begehren aber kann kein Tier etwas, weil es seine Bedürfnisse nicht erkennen
kann! Wenn es hungrig ist, da sucht es Speise. Hat es diese gefunden und sich
gesättigt, dann ruhet es so lange, bis es wieder hungrig wird. Diese Ruhe ist
ein stumpfer Dank für die Speise, die es zur Sättigung gefunden hat; aber wenn
das stumpfe Tier satt ruht, hat es keine weitere Erkenntnis, daß es künftig
wieder hungrig werden könnte und einer Nahrung bedürfte.
[BM.01_179,07] Nicht so ist es bei dem
Menschen, denn dieser weiß, was ihm not tut. Hat der Mensch sich gesättigt, so
weiß er, daß er wieder wird essen müssen, um sich zu sättigen. Er kennt aber
auch den Geber. Daher soll er nicht nur danken, wenn er sich gesättigt hat,
sondern soll vielmehr noch mit dem Danke die Bitte vereinen. Durch sie legt er
dem Schöpfer um so mehr an den Tag, und bezeugt, daß er alles nur von Ihm
bekommt und auch für die Zukunft das Gute und Notwendige von Ihm erwartet.
[BM.01_179,08] Zugleich aber stellt der Mensch
sich seinem Meister eben durch die Bitte auch so dar, wie ihn eben der Meister
haben will: als ein völlig freies Wesen, dem nicht nur das Recht des
Empfangens, sondern auch das demütig freie Recht des Begehrens zusteht. Dieses
Recht aber setzt doch sicher bei jedem Menschen eine mächtige Selbsterkenntnis
voraus, ohne die kein Mensch ein vollkommener Mensch werden kann!
[BM.01_179,09] Ich meine, diese Gründe
dürften für eure Weisheit wohl hinreichend sein, um einzusehen, daß die Bitte
für jeden freien Geist um vieles nötiger ist als der beste und allerschuldigste
Dank!
[BM.01_179,10] Und sollten dir, mein Freund
Uhron, alle meine sicher triftigsten Gründe noch immer nicht genügen, so genüge
dir, daß der Herr Selbst uns gar oft aufgefordert hat, daß wir bitten sollen,
so wir etwas empfangen wollen, aber nur überaus selten jemanden an eine
Danksagung erinnerte!
[BM.01_179,11] So gab Er uns denn auch eine
heilige Form, nach der wir beten und bitten sollen. Aber von einer Form, wie
wir danken sollen, weiß ich dir kaum etwas zu sagen!
[BM.01_179,12] Wohl dankte der Herr Selbst
der Gottheit, die als Vater in Ihm war, zu öfteren Malen und verwies es auch
ein einzigesmal den neun Gereinigten, die nicht wieder mit dem Zehnten gekommen
sind, Ihm die Ehre zu geben. Dessenungeachtet gab Er uns dennoch nie eine Form,
wie wir danken sollen, – was Er in bezug auf die Bitte doch ausdrücklich getan
hat.
[BM.01_179,13] Hat aber der Herr von uns
unvollkommeneren Bewohnern der Erde die Bitte ausdrücklich verlangt, so bin ich
wohl der Meinung, daß Er sie bei euch nicht als überflüssig betrachten wird!
[BM.01_179,14] Daher geht schließlich mein
Auftrag vom Herrn an euch alle dahin, daß ihr in der Folge zwar alles, was ihr
nun habt, vom Herrn haben sollt, aber nur auf dem Wege der Bitte! Wer von euch
aber nicht bitten wird, der wird auch nichts oder nicht viel erhalten.
[BM.01_179,15] Denn seid ihr frei, so müßt
ihr auch selbst erkennen, was euch nottut. Habt ihr euch dahin erkannt – was
bei euch um vieles leichter sein wird, als es bei uns war –, dann bittet; und
es wird euch gegeben werden, um das ihr werdet gebeten haben.
[BM.01_179,16] Ist euch das recht, so bejahet
es, und mein Bruder Johannes wird euch weiterführen. Euer freier Wille hat hier
zu wählen und zu bestimmen!“
180. Kapitel – Des Sonnenweisen bejahende
Antwort an Petrus. Seine Kritik an den Verheißungen des Herrn.
[BM.01_180,01] Spricht der Weise: „Ja,
Freund, es ist uns alles recht, was der Herr will. Denn man kann sich ja doch
dem allmächtigen Willen des Herrn nicht widersetzen, ob Er von uns Leichtes
oder Schweres verlangt! Denn tun wir's nicht frei zu unserem einstigen Besten,
müßten wir es dennoch tun durch ein Gericht zu unserm Verderben! Also tun wir
es endlos lieber frei und wollen dadurch für unser künftiges Leben lieber etwas
gewinnen als verlieren.
[BM.01_180,02] Ich sehe wohl aus alledem, was
du und dein Vorgänger uns gesagt hast, daß wir hier die bisher freie,
schöpferische Willenskraft, mittels der wir bis jetzt unsere Gärten bestellten
und unsere Häuser und Wohnungen meist herstellten, ganz in die Hände des Herrn
werden zurücklegen müssen. Aber das macht gerade darum nichts, weil wir auf dem
Wege der Bitte diese Fähigkeit doch ungeschmälert wieder haben können!
[BM.01_180,03] Freilich wissen wir auf dem Wege
unserer inneren Wahrnehmungen und durch allerlei Geister aus deiner Erde, daß
der Herr es mit Seinen Verheißungen eben nie gar zu buchstäblich genau nimmt.
Dem Er Reichtum verheißt, dem gibt Er Armut. Dem Er bei Gesundheit ein langes
Leben zusagt, der kann sich alsbald auf Leiden und auf ein baldiges Ende seines
irdischen Lebens gefaßt machen. Dem Er des Lebens Freiheit geben will, der wird
in Kürze ein irdisch Gefangener; die Er lieb hat, die läßt Er versuchen und
gewaltig züchtigen. Die getreuest an Ihm und Seinem Worte hängen, die läßt Er
Not und allerlei Verfolgungen erleiden. Und die Ihn über alles lieben, die läßt
Er kreuzigen – und dergleichen mehr!
[BM.01_180,04] Aber – wie gesagt – das macht
alles nichts; denn Er allein ist der allmächtige Herr Seiner Werke und kann mit
ihnen tun, was Er will. Niemand kann Ihn fragen und sagen: ,Herr, warum tust Du
dies oder jenes, das uns unbillig vorkommt?‘, denn Er ist der Herr ganz allein,
und das genüge jedem!
[BM.01_180,05] Der Herr verhieß – wie wir
wissen – Seinen Königen auf der Erde eine ewige Herrschaft, und sie starben wie
ein jeder andere Mensch. So verhieß Er einem gewissen Volke ein ewiges Land und
Reich, und wie wir erfuhren, hat dieses erwählte Volk nun kein Reich und kein
Land mehr! So wissen wir auch, daß Er Weise erwählte, die dem Volke Seinen
Willen, was Er tun werde, offenbaren mußten. Als es aber dann an der Zeit war,
daß solche Offenbarung hätte sollen erfüllt werden, da standen die Weisen wie barste
Maulreißer da: denn der Herr ließ nicht geschehen, was Er durch die Weisen
verkünden ließ! Und dergleichen mehreres!
[BM.01_180,06] Du siehst, daß man sich auf
des Herrn Verheißungen ganz buchstäblich nicht verlassen kann. So wird es auch
mit der Gewährung der verschiedenen Bitten der gleiche Fall sein; denn wer
könnte Ihn dazu wohl je nötigen?
[BM.01_180,07] Aber dennoch wollen wir deinen
Antrag annehmen, da wir nur zu gut wissen, daß eine Weigerung von unserer Seite
wohl die größte Torheit wäre. Darum geschehe, was da der allmächtige Herr
will!“
181. Kapitel – Des Johannes Rede über die
geistige Bedeutung der Verheißungen des Herrn. Das prophetische Bild von dem
neuen Haus und der neuen Stadt als neue Verheißung des Herrn. Ablehnung durch
Uhron als kopf- und herzlose Faselei.
[BM.01_181,01] Spricht Johannes: „Freunde,
und du, Bruder Uhron, insbesondere, der du das Wort führst! Irdisch genommen
magst du wohl recht haben. Aber da des Herrn Worte und Verheißungen doch sicher
allergeistigst sind und ihre wahre Geltung nur den Geist und nicht das
vergängliche Fleisch berührt, so gehört auch ein rechtes geistiges Verständnis
jeder göttlichen Verheißung dazu, um sagen zu können, ob der Herr in Seinen
Verheißungen getreu ist oder nicht!
[BM.01_181,02] Was der Herr verheißt, das
erfüllt Er auch getreu, aber nur für den Geist und nicht für den notwendig
sterblichen Leib! Ich werde euch nun in Seinem Namen eine Verheißung machen.
Sage mir dann auch, ob und wie du sie verstanden hast! Also aber laute sie:
[BM.01_181,03] ,Ein neues Haus wird der Herr
erbauen, und eine neue Stadt wird aus den Himmeln lebendig niedersteigen. Und
das Haus wird sein wie die Stadt aus vielen Häusern.
[BM.01_181,04] Die aber bewohnen werden das
neue Haus und zugleich bewohnen die neue Stadt und die vielen Häuser der Stadt,
die werden größer sein denn das neue Haus und die Stadt und die vielen Häuser
der Stadt.
[BM.01_181,05] So sie beziehen werden das
neue Haus des Herrn, da wird es sich beugen vor ihnen, und es werden sich
beugen die Stadt und in ihr die vielen Häuser.
[BM.01_181,06] Das Haus aber wird klein sein
von außen, aber dafür übergroß von innen zur Aufnahme von zahllosen Bewohnern,
und es wird also auch sein die Stadt und werden sein alle die vielen Häuser in
ihr!
[BM.01_181,07] Wohl denen, die dieses Haus
beziehen werden und die Stadt und die vielen Häuser in ihr! Denn das Haus und
die Stadt und in ihr die vielen Häuser werden ihnen anziehen das Kleid der
Kindschaft des Herrn!
[BM.01_181,08] Da werden sie sein stets
mächtig aus dem Hause, aus der Stadt und aus den vielen Häusern der Stadt! Aber
wer da nicht bewohnen wird das Haus, die Stadt und die vielen Häuser der Stadt,
der wird schwach sein, und diese Schwäche wird zunehmen und wird sie töten!‘
[BM.01_181,09] Nun, Freund Uhron, da hast du
die Verheißung des Herrn, die an euch höchst getreu wird erfüllt werden. Darum
aber sage mir nun, ob und wie du diese rein göttliche und wahrste Verheißung
begriffen hast!
[BM.01_181,10] Aber das sage ich dir zum
voraus, daß du auch da sehr vergeblich auf eine äußere, also buchstäbliche
Erfüllung harren wirst. Gerade wie einst auf meiner Erde ein Prophet Jonas
vergeblich auf den vom Herrn vorhergesagten Untergang der großen Stadt Ninive
geharrt hat. Also rede nun, was dir von dieser Verheißung dünkt!“
[BM.01_181,11] Spricht nach einigem
Nachdenken der Weise: „Freund, von dieser rein göttlich bestimmten Verheißung
kann ich dir aus vernünftigsten Gründen nichts anderes sagen als: sie ist eine
reine kopf- und herzlose Faselei. Daher kann sie vor dem Richterstuhle unserer
hellsten Weisheit auch keine Aufnahme finden!
[BM.01_181,12] Ich sage dir gerade heraus:
Wer mir, wie diesem ganzen Volke irgendeine Verheißung geben will oder ein
Gebot, der gebe es mit Worten so, wie der reine, klare Wortsinn es gibt. Aber
eine solche Verheißung, die in allen ihren Teilen ein natur- und
ordnungswidrigster Unsinn ist, mag von diesen Gefilden stets ferne verbleiben!
[BM.01_181,13] Denn so wir schon unsere
gegenwärtigen Lebensvorteile aufzugeben genötigt sind, um dadurch die
Gotteskindschaft zu erlangen, die wir bisher noch nie eigentlich gesucht und
festweg gewünscht haben, so wollen wir aber auch dafür die Verheißungen wie die
Bedingungen klar ausgedrückt haben. Nicht mit Worten, durch die man Weiß
verheißt und dann Schwarz geben kann, sondern mit solchen Worten, die das ganz
natürlich klar ausdrücken, was man zu gewärtigen hat!
[BM.01_181,14] Ich meine, mein Verlangen ist
doch sicher billig; daher rede du meinem Verlangen gemäß, so werden wir leicht
eins werden! Aber mit einem neuen Hause, vom Herrn erbaut, das da kleiner als
seine Bewohner sein soll, und dessen Inneres größer sei als dessen Äußeres, und
desgleichen die Stadt mit ihren vielen Häusern, komme mir nicht wieder. Denn
vor solchen Widersprüchen müßte bald ein jeder unserer Zuhörer den barsten Ekel
bekommen!
[BM.01_181,15] Ist der Herr schon der höchste
und reinste Geist, so hat Er dennoch auch die unreine Natur erschaffen. Daher
rede Er mit den Geistern geistig, aber mit uns natürlichen Menschen rede Er auch
natürlich. Ich bin der Meinung, daß Er ebensogut rein natürlich verständig wird
reden können, als Er doch die Natur auch rein natürlich erschaffen hat.
[BM.01_181,16] Freilich wohl hat der Herr ein
unumstößliches Urrecht, zu reden, wie Er will. Aber ich glaube, daß auch wir
ein Recht haben zu sagen: ,Herr, das verstehen wir nicht, es ist für uns ein
Unsinn; rede daher mit uns, wie Du weißt, daß wir es verstehen!
[BM.01_181,17] Verbirg Dich nicht stets
hinter Wolken, sondern tritt offen in Dein Eigentum. Denn Du hast doch nicht
vonnöten, Dich vor uns, Deinen Werken, zu genieren, da wir doch nicht anders
sein können, als wie Du uns haben willst!
[BM.01_181,18] Du weißt am besten, welche
Sprache Du uns gelehrt hast und welche wir daher verstehen. Rede mit Deinen
himmlischen Geistern und Kindern geistig und himmlisch, aber mit uns rede
natürlich!
[BM.01_181,19] Willst Du aber durchaus nur
geistig und in übersinnlichen Bildern himmlisch mit uns reden, so gib uns zuvor
auch das nötige Verständnis; denn sonst ist Deine Rede für uns kein Gewinn und
für Dich keine Ehre! Was man nicht versteht – ob es von Gott oder von einem
Geiste oder Menschen kommt, das kann man auch nicht würdigen nach Gebühr. Und
was man nicht würdigen kann, wie sollte man das ehren?
[BM.01_181,20] Ich meine, daß ich nun sehr
verständlich gesprochen habe; rede auch du (Johannes) so, und ich werde dich
hören und dir folgen mit diesem großen Volke und all seinen Nachkommen!“
[BM.01_181,21] Spricht Johannes: „Freund, du
verlangst Dinge, die rein unmöglich sind und selbst mit eurer reinsten
Naturweisheit im größten Widerspruche stehen! Wie kannst du Rein-Geistiges ganz
natürlich dargestellt haben wollen? Oder so du schon durchaus Natürliches
willst: ist das nicht so natürlich als möglich, daß ich vom Herrn aus dir
Geistiges und Himmlisches verheiße durch Hilfe von natürlichen Bildern,
innerhalb welcher sich Geistiges und Himmlisches ebenso birgt wie dein
eigentliches geistiges Leben innerhalb deines natürlichen Leibes?
[BM.01_181,22] Welchen Nutzen aber hätte ein
rein materielles Wort für deinen Geist? Wäre so ein Wort nicht gleich einer
hohlen Frucht, die wohl ein äußerliches Ansehen hat, als wäre sie etwas – aber
von innen ist sie hohl und hat nichts, damit du deinen Magen erquicken und
stärken könntest?
[BM.01_181,23] So gebe ich dir vom Herrn aus
auch keine hohlen Worte und Verheißungen, sondern volle vom Innersten bis zum
Auswendigsten. Und es wird auch mit der Gabe das Verständnis nicht unterm Wege
verbleiben! Sage, was willst du da noch mehr haben?“
[BM.01_181,24] Spricht der Weise: „Ja,
Freund, wenn das rechte Verständnis zu solcher Sprache hinzukommt, dann lasse
ich es mir wohl gefallen. Aber sage mir denn auch, wie man das anzufangen hat,
um hinter das rechte Verständnis zu kommen!
[BM.01_181,25] Was ist mit dem neuen Hause,
was mit der vom Himmel herabsteigenden Stadt und den vielen Häusern in ihr? Was
mit ihrer Lebendigkeit? Wie werden die Einwohner größer sein denn die Häuser,
oder ein Haus, oder die ganze Stadt? Wie werden sich das Haus, die Stadt und
die vielen Häuser in ihr neigen vor ihren Einwohnern? Und wie werden das Haus,
die Stadt und die vielen Häuser in ihr von außen kleiner sein denn von innen? –
[BM.01_181,26] Siehe, das sind für unsere
Weisheit gar sonderbare Dinge! Wir können sie unmöglich fassen. Gib uns daher
auch ein Verständnis, so wollen wir dann mehreres annehmen, und wäre es anfangs
aus gleichen Gründen auch noch so unverständlich für unsere Weisheit!“
182. Kapitel – Erklärung des prophetischen
Bildes durch Johannes. Erwachendes Verständnis und Vertrauen des Sonnenweisen.
[BM.01_182,01] Spricht Johannes: „Gut, so
merke denn: Das neue Haus ist die neue Offenbarung des Herrn an euch, die Er
soeben erbaut in euren Herzen. Die lebendige Stadt, die aus den Himmeln niedersteigt,
sind der Herr und wir, Seine Kinder, voll des ewigen Lebens. Ihr aber sollt in
diese an euch gerichtete Offenbarung eingehen und darin eine wahre
Lebenswohnung nehmen, so wird diese Lehre sich zu euch neigen und euch untertan
sein.
[BM.01_182,02] So ihr aber in dieser
Offenbarung werktätig leben werdet, so werdet ihr dadurch in eine noch größere
Weisheit gelangen, als die wir euch nun geben. Und so wird es auch sein, daß
ihr in diesen wenigen Worten, deren äußere Umfassung wirklich klein ist, einen
inneren unendlich großen Weisheitsgehalt finden werdet, so groß, daß ihr selben
in seiner ganzen Fülle wohl ewig nie völlig begreifen werdet. Und zahllose
Nachkommen werden in dieser Weisheit wohnen und werden dennoch nie an ihre
Schlußwände und Grenzen gelangen.
[BM.01_182,03] Wie der Mensch aber leiblich
ein Wohnhaus hat und dieses bewohnt, nachdem er es zuvor wohl eingerichtet hat,
ebenso ist die Gotteslehre für den Menschgeist auch ein ewiges Wohnhaus, in dem
er wohnen und handeln wird ewig.
[BM.01_182,04] Die Stadt Gottes und die
vielen Häuser in ihr sind dann gleich dem einen Hause. Wer da bewohnt ein
solches Haus oder tätig ist in der kleinen Weisheit des enggefaßten
Gotteswortes, der wird dadurch in die Stadt Gottes eingehen. Das heißt: in die Fülle
der göttlichen Weisheit, da ihm alles zuteil wird, was da der Herr in Seinem
Hause und in Seiner ewigen Stadt und den endlos vielen Wohnhäusern in ihr hat.
[BM.01_182,05] Ich meine, Freund, daß du mich
nun besser denn ehedem verstanden hast. Sage mir daher, ob du damit
einverstanden bist, und dir die Sache so genehm ist!“
[BM.01_182,06] Spricht der Weise: „Ja, jetzt
wohl, nun hat die Sache ein ganz anderes Gesicht! Nun habe ich mich gleich
gefunden und wußte schon bei der ersten Erläuterung des Hauses, wo hinaus die
ganze Sache gehen werde. Ich sehe, daß das lauter tiefste Entsprechungen sind;
aber sie sind begreiflich und faßlich. Du kannst daher schon fortfahren, uns
den göttlichen Willen weiter zu offenbaren, und wir werden ihn ohne alle
Widerrede annehmen!“
[BM.01_182,07] Spricht Johannes: „Freund, ich
habe schon geredet, was ich zu reden hatte; nun aber kommt Er Selbst! Ihn
höret; Sein Wort erst wird euch umgestalten und euch geben die rechte Freiheit!
Merket daher wohl auf, denn jedes Wort, das Er spricht, ist ewiges Leben und
höchste Weisheit! Und so höret Ihn!“
183. Kapitel – Der Sonnenmenschen
Empfangsgruß an den Herrn. Dessen Rede an die Sonnenweisen. Demut, das Mittel
zur Erlösung vom Geschöpflichen. Sanfte Last der neuen Lebensregeln.
[BM.01_183,01] Nun komme Ich hervor, noch
immer umgeben von Chanchah, Gella und den drei Sonnentöchtern, die sich
unterdessen recht viel über diese Erde mit den zwei Erstgenannten besprochen
haben. Und als Ich hervortrete, fällt der Weise und all sein Volk innen und
außerhalb dieses Wohnhauses aufs Angesicht und alle preisen Mich laut:
[BM.01_183,02] (Die Sonnengemeinde:) „Heil
und Ehre Dir, Du Unerforschlicher, Du Ewiger, Du Unendlicher! Nimm hiermit
unsern allertiefsten Dank für diese unbegreiflich höchste Gnade, daß Du auch
uns Würmchen dieses Staubes Sonne einmal Deiner sichtbaren Gegenwart gewürdigt
hast!
[BM.01_183,03] Es ist wohl höchst
ungebührlich, so sich in unseren Herzen ein Deiner unwürdiger Wunsch regt: daß
es unsere unaussprechlich höchste Seligkeit wäre, wenn Du von nun an uns nimmer
verlassen, sondern ewig verbleiben möchtest bei uns! Was aber können wir tun,
als diesem sehnenden Begehren unseres Herzens vor Dir, Du Heiligster, Luft zu
machen?
[BM.01_183,04] O Du, dessen Füße zu heilig
sind, als daß dieser Boden würdig wäre, von ihnen betreten zu werden, wirst uns
ja ein solch unsinniges Verlangen gnädigst vergeben! Wenn Du, o Heiligster, uns
noch für wert achtest, einige Worte des Lebens an uns zu richten, so bitten wir
Dich alle aus tiefstem Herzen, Du möchtest uns diese Gnade erweisen! Aber über
alles hochgepriesen sei Dein allein heiligster Wille!“
[BM.01_183,05] Nach dieser sehr demütigen
Anrede sage Ich: „Stehet auf, Meine lieben Kinder! Vernehmet Mich, den ewigen
Vater der Unendlichkeit, euren Vater und den Vater der Myriaden eurer Brüder
und Schwestern, die aus Mir hervorgingen, zu bewohnen die Unendlichkeit und
überall zu zeugen, daß Ich ihr Vater bin von Ewigkeit!“
[BM.01_183,06] Spricht der Weise: „O Herr,
Herr, Herr, – zu unwürdig sind unsere Augen, um die endlose Heiligkeit Deines
Angesichtes zu schauen! Daher laß uns in dieser Stellung, die ich für die
geziemendste halte, in der sich Würmer wie wir vor dem ewigen, allmächtigsten
Schöpfer zu verhalten haben!“
[BM.01_183,07] Rede Ich: „Liebe Kindlein,
Demut ist wohl die erste und größte Tugend eines jeden menschlichen Herzens,
aber sie darf ebensowenig übertrieben werden wie eine andere Regel des Lebens.
[BM.01_183,08] Daß Ich der Schöpfer und ihr
die Geschöpfe seid, ist eine Sache, die auf beiden Seiten eine Notwendigkeit
ist und sich selbst für Mich unmöglich anders darstellen läßt. Denn will Ich
Geschöpfe haben, so muß Ich sie so erschaffen, wie Ich sie haben will. Und es
wird unmöglich ein Geschöpf eher gefragt werden können, ob und unter welchen
Bedingungen es erschaffen sein möchte, sondern es hängt da ganz allein von Mir
ab, wie Ich das Geschöpf haben will!
[BM.01_183,09] Da sonach das Geschöpf eine
Notwendigkeit Meines Willens ist, Mein Wille aber – als der Grund des Werdens
und Bestehens des Geschöpfes – dem Geschöpfe gegenüber ebenfalls eine
Notwendigkeit ist, so haben sich auf diesem Standpunkte Schöpfer und Geschöpf
gegenseitig nicht viel zugute zu halten. Denn wie Ich als Schöpfer dem Geschöpf
eine Notwendigkeit bin, ebenso ist auch das Geschöpf als Stützpunkt Meines
Willens diesem eine Notwendigkeit.
[BM.01_183,10] Ganz anders aber ist es, wenn
der Schöpfer aus Seinen Geschöpfen freie, Ihm ähnliche, selbständig mächtige
Wesen hervorbringen will. Da freilich tritt das Geschöpf in eine ganz andere
Lebenssphäre! Der Schöpfer gibt da dem Geschöpf durch das freie, lebendige,
vollkräftige Wort eine eigene Kraft, die das Geschöpf dann durch fleißige
tatsächliche Pflege in sich zur Vollreife zu bringen hat, um dadurch ein
freies, ganz aus sich mächtiges Wesen zu werden.
[BM.01_183,11] In diesem Falle tritt erst die
wahre Demut ein, weil sie das alleinige Mittel ist, durch welches das Geschöpf
sich der schöpferischen Nötigung vollends entwindet. Es vermag sodann als ein
aus sich selbst lebendiges und mächtiges Wesen Mir, dem Schöpfer, gegenüber
sich also aufzustellen, als so Ich Selbst Mir gegenüber als ein zweites Ich
auftreten könnte. Aber diese notwendige Demut darf dennoch keine übertriebene
sein, sondern gerade nur so, wie Ich als Meister alles Lebens sie anordne;
sonst kann sie das nicht bezwecken, wozu sie gegeben ist.
[BM.01_183,12] Steht daher nun alle auf und
wendet eure Augen auf Mich! Ich werde euch erst so und alsdann die rechten
Worte des Lebens können zukommen lassen! Und so erhebet euch denn!“
[BM.01_183,13] Nach diesen Worten aus Meinem
Munde erheben sich alle hier Anwesenden zugleich mit dem Weisen, der bei dieser
Gelegenheit folgende Worte spricht:
[BM.01_183,14] (Der Weise:) „Brüder und
Schwestern, wir haben uns erhoben vor dem Herrn, und vor Seinem allerheiligsten
Antlitz standen wir auf. Bedenket wohl, wer Der ist, vor dem wir nun stehen!
Bedenket und fasset es tiefst in euren Herzen!
[BM.01_183,15] Er ist der Herr, der
allerheiligste, urewige Gottgeist, der allmächtige Schöpfer aller unendlichen
Himmel, aller Engel, aller Welten, aller Menschen und aller anderen Wesen! Er,
der Heiligste, der Erhabenste hat zu uns geredet, daß wir uns vor Ihm erheben
sollen, und wir taten in höchster Ehrfurcht, was Er von uns verlangte.
[BM.01_183,16] Er verhieß uns aber noch
weitere Worte des Lebens. Wir haben die gerechteste Ursache, uns darüber im
höchsten Grade im voraus zu freuen! Denn wir wissen ja, daß von Dem, der das
ewige Urleben Selbst ist, unmöglich andere Worte als nur die des Lebens zu uns
gelangen können.
[BM.01_183,17] So freuet euch endlos mit mir;
denn der Herr – Er, das Leben Selbst – wird Worte des Lebens, Worte der
Freiheit, ja allmächtige Worte zur völligen Umgestaltung unseres geschöpflich
gerichteten Wesens an uns alle richten! Daher öffnet weit eure Ohren und
Herzen, auf daß solche hier nie gehörten heiligsten Worte nicht an irgendeinem
Ohre ungehört und unbeachtet vorübergleiten möchten!
[BM.01_183,18] O Herr, Du Heiligster, unsere
Herzen sind bereitet! So es Dein heiligster Wille wäre, laß uns bitten um die
verheißenen Worte voll Lebens und göttlicher Macht und Kraft! Dein heiligster
Wille werde allein ewig gepriesen!“
[BM.01_183,19] Rede Ich: „Mein geliebter
Uhron – wahrlich, wahrlich, dein Herz machte Meinem Herzen eine große Freude!
Erwarte daher auch samt deinen Völkern, daß auch Ich nicht verabsäumen werde,
euren Herzen eine große Freude zu machen. Diese wird euch verbleiben auf ewig,
und niemand wird sie euch nehmen können!
[BM.01_183,20] Dessen seid gewiß, so ihr
Meiner Lehre und der Lehre dieser Meiner Kinder und Boten nachkommen werdet.
Das wird euch aber um so leichter ankommen, da ihr in der Weisheit Meiner
Gerechtigkeit schon ohnehin allen andern Völkern um sehr vieles voran seid!
[BM.01_183,21] Meine Lehre aber ist ohnehin
überaus leicht zu beachten. Denn Ich als Schöpfer weiß es wohl am besten, was
euch allen nottut, und was ihr für eure Freiwerdung auch eurer natürlichen
Beschaffenheit nach am leichtesten beachten könnt. Daher fürchtet euch nicht
vor der neuen Bürde, die Ich nun auf eure Schultern legen werde! Ich sage euch,
sie wird sehr leicht, mild und sanft ausfallen!
[BM.01_183,22] So aber lautet kurz das
Lehrwort, das Ich nun an euch richte: Liebet Mich, euren Herrn, Gott und Vater,
aus allen Kräften eures Lebens, und liebet desgleichen auch euch untereinander!
[BM.01_183,23] Ein jeder von euch suche in
Meinem Namen dem andern Dienste zu erweisen. Keiner dünke sich mehr zu sein,
als da ist sein Bruder und seine Schwester! So werdet ihr gar leicht Meine
geliebten Kinder werden und verbleiben auf ewig.
[BM.01_183,24] Bewahret dabei aber auch eure
alte Sittenreinheit! Ferne sei von euch des Fleisches wollüstige Unzucht, in
die ihr seit einer kurzen Zeit durch Berückung eines bösen Geistes gekommen
seid! Zeuget euch nach der alten, ordentlichen, geistigen Art, die euch gegeben
ist in euren Willen und nicht in euer Fleisch!
[BM.01_183,25] Wohl könntet ihr euch auch
fleischlich zeugen durch den natürlichen Beischlaf und könntet dadurch Kinder
des Fleisches und Kinder der Welt ins Leben rufen. Aber was würde euch solches
nützen? Ihr würdet euch dadurch nur Diebe, Räuber und Mörder züchten, die in
kurzer Zeit mächtiger würden denn ihr und würden euch dann machen zu Sklaven
ihrer bösen Begierden. Daher meidet sorgfältig euer Fleisch vor solchem Übel
und berührt vorzugsweise eure Töchter nicht, durch die ihr Teufel in eure reine
Welt zeugen würdet, so wird euch allen die Erreichung Meiner Kindschaft gar
leicht werden!
[BM.01_183,26] Möchtet ihr aber fortfahren,
wie bis jetzt zu geilen in eurem und eurer Töchter Fleische, würde euch die
geistige Zeugungskraft bald genommen werden. Statt diesem eurem leichten,
ätherischen Leibe würdet ihr einen plumpen, schweren, häßlichen und mit
allerlei Krankheiten behafteten Leib überkommen, in dem sich der unsterbliche
Geist nur sehr schwer und mühsam bewegen würde. Dazu käme dann noch der Tod
über euch, den ihr bisher noch nie gefühlt und geschmeckt habet.
[BM.01_183,27] Also bleibet in eurer alten
Sittenreinheit und zeuget euch fortan geistig! Denn was der allein lebendige
Geist zeugt, das bleibt dann auch fortan Leben, das keinen Tod kennt. Was aber
das tote Fleisch zeugt, das bleibt tot und kann nur schwer ins Leben übergehen,
da des Fleisches Wurzel der Tod ist.
[BM.01_183,28] Wie aber auf einen dürren Stock
schwerlich ein lebendiger Zweig eingepfropft werden kann zum Leben, so auch ein
lebendiger Geist ins tote Fleisch zur Gewinnung des Lebens!
[BM.01_183,29] Ebenso würde auch euer Wille
geschwächt werden, daß ihr nimmer könntet mit desselben alleiniger Kraft eure
Gärten und Äcker bestellen. Ihr müßtet euch dann nur mit jenen Pflanzen
begnügen, die Samen haben und sich durch denselben fortpflanzen. Da könntet ihr
dann nicht wie jetzt fortwährend reife Eßwaren dem Boden eurer Erde entlocken,
sondern müßtet ängstlich und oft sehr ungeduldig die Zeit abwarten, in der die
eine oder andere Frucht zur Reife kommen möchte.
[BM.01_183,30] Ebenso ginge es euch mit der
Erbauung eurer Wohnhäuser! Das Material dazu würde dann sehr hartnäckig, schwer
und gebrechlich sein. Ihr könntet es dann nimmer durch die Kraft eures Willens
geschmeidig, leicht und für alle Zeiten dauerhaft machen.
[BM.01_183,31] So habt ihr auch eine große
Freude daran, daß ihr mit den Geistern eurer abgeschiedenen Brüder sichtlich in
Verbindungen treten könnt und könnt sie sehen, sprechen und sogar liebkosen.
All dieses würde euch alsbald zur Unmöglichkeit werden, so ihr in eurer
Berückung fortleben würdet.
[BM.01_183,32] Wenn ihr aber nun so fortlebt,
wie Ich euch nun kurz belehrt habe, werdet ihr nicht nur eure Vollkommenheiten
behalten, sondern werdet noch neue hinzubekommen, deren Vorteile so groß sein
werden, daß ihr sie jetzt gar nicht zu fassen imstande wäret.
[BM.01_183,33] Ich habe euch nun alles
gesagt, was ihr zu tun habt für die Zukunft. Nun aber liegt es an euch, ob ihr
das alles wohl annehmen und darnach handeln wollet.
[BM.01_183,34] Fraget alle euer Herz und sagt
es Mir dann frei heraus! Denn Ich lasse euch die vollste Freiheit und will
nicht einmal in eure Gedanken schauen, auf daß ihr völlig frei selbst bestimmen
könnt, was und wie ihr es wollt!“
184. Kapitel – Des Weisen gute Antwort.
[BM.01_184,01] Spricht der Weise: „O Herr,
Deine Forderung an uns alle ist unaussprechlich mild, sanft und über alle Maßen
gut! Es bedarf von unserer Seite wohl ewig nicht des geringsten Besinnens, um
selbe mit dankerfülltem Herzen nicht augenblicklich anzunehmen! Was sollen wir
uns fragen, was beschließen, ob uns Deine heiligste Anforderung in unseren
Herzen genehm wäre oder nicht?
[BM.01_184,02] O Du allerheiligster
Wohltäter, wir werden ewig nie Dir gebührend zu danken imstande sein für diese
endlose Wohltat und Gnade, die Du uns nun erzeigt hast: daß Du uns durch Deine
für uns unbegreifliche Herablassung solch unerhörte Liebe erzeigt hast, uns
Geschöpfen einen so überleicht zu wandelnden Weg zu zeigen, auf dem wir die
höchste Himmelswürde erlangen können, Deine freien Kinder zu werden! Und wir
sollten uns dazu noch besinnen?
[BM.01_184,03] O Herr, o Vater, Du ewiger,
heiligster Geist – wenn ich tausend Leben hätte und müßte sie hergeben zur
Erreichung Deiner Kindschaft nur dem geringsten Grade nach – wahrlich, ich gäbe
sie mit tausend Freuden, und wenn der Verlust eines jeden Lebens auch mit
größten Martern und Schmerzen verbunden wäre! Und ich sollte mich hier über
solche höchsten Gnadengaben noch bedenken, ob ich und dies Volk sie annähmen
oder nicht?
[BM.01_184,04] Du heiligster Vater! Ich will
nicht ja und nicht nein sagen mit dem Munde. Sieh nur gnädig in unsere, Deines
heiligsten Anblickes freilich wohl ewig unwürdigen Herzen. Diese werden Dir
noch ein tausendmal feurigeres Ja entgegenbeben, als wie feurig dort jene
Weltgeschwulst ist, die nun bald zum Ausbruch reif sein wird.
[BM.01_184,05] O Herr, o Vater, alles, alles,
das Du willst, wollen wir noch genauer erfüllen, als wie da bahnen die kleinen
Welten um unsere nun durch Dich für ewig geheiligte große Erde!
[BM.01_184,06] Aber nur diese Bitte lasse
nicht unerhört an Dein heiligstes Vaterherz dringen, daß Du uns von nun an mit
Deiner sichtlichen Gegenwart nicht für immer verlassen möchtest, sondern Dich
nach Deinem Wohlgefallen uns dann und wann zeigen möchtest!
[BM.01_184,07] Denn siehe, zu mächtig ist
unser aller Liebe zu Dir nun entbrannt! Welch einen Jammer würden unsere Herzen
empfinden, so unsere Augen Dich, o heiligster Vater, nimmer erblicken und
unsere Ohren nimmer vernehmen sollten Deiner Vaterstimme so wohlklingende
Worte! Haben sie doch unsere gebeugten Herzen plötzlich mit einer solch
unerhörten Lebensfülle erfüllt, daß wir keine Worte finden können, Deine
wahrste Gott-Vatergnade zu beschreiben!
[BM.01_184,08] Daher, o Herr, laß diese Bitte
von uns allen nicht ganz unerhört an Dein Vaterherz dringen! Dein allein
heiligster Wille sei ewig gepriesen!“
[BM.01_184,09] Rede Ich: „Kindlein, worum ihr
bittet, das habe Ich schon lange väterlich vorgesehen. Der Schöpfer bleibt nur
den Geschöpfen unsichtbar und unerforschlich. Denn die Geschöpfe sind gerichtet
in des Schöpfers Macht und können nie vor Ihn hintreten, Ihn schauen und
vernehmen Seine Stimme. Aber ganz anders steht es mit den Kindern, die Ich als
Schöpfer und nunmehr Vater frei gestellt habe durch Wort und Lehre. Diese
können Mich sehen und sprechen, wann sie wollen – vorausgesetzt, daß ihre
Herzen sich in der Ordnung Meiner Lehre befinden!
[BM.01_184,10] Ist das aber nicht der Fall,
sind die Herzen sinnlich gestimmt, haben materielle Dinge und nichtige
Weltsorgen in ihnen Platz genommen und Mein Wort und Meine Lehre untätig
gemacht: da freilich kann Ich nicht mehr gesehen und gehört werden, weil da so
ein werdendes Kind meiner Gnade, Liebe und Erbarmung dann wieder das gerichtete
Kleid der Geschöpflichkeit angezogen hat – wozu es freilich auch die volle
Freiheit hat.
[BM.01_184,11] Daher bleibet fortan alle in
dieser Meiner Lehre! Bewahret eure Herzen in eurer urangestammten sittlichen
Reinheit, auf daß Meine Vaterliebe in ihnen Raum haben und in euch erzeugen
kann ein neues Leben, das da ist ein wahrstes, freiestes in und aus sich
selbst. Dann werdet ihr nie Grund haben, zu klagen: ,Herr, Vater, wo bist Du?
Warum können wir Dich nimmer sehen und nicht vernehmen Deine Vaterstimme?‘
[BM.01_184,12] Wahrlich sage Ich euch: Alle,
die an Meiner Lehre tätig hängen, die sind es, die Mich wahrhaft lieben. Da sie
Mich aber wahrhaft lieben, werde Ich entweder sichtlich oder vernehmlich stets
unter ihnen sein und werde sie Selbst lehren und ziehen zu Meinen Kindern. –
[BM.01_184,13] Nun aber schaffet Speise und
Trank herbei, soviel ihr könnt! Wir wollen uns alle sättigen, und ihr werdet es
sehen, daß Ich euch segnend gleich wie ihr essen und trinken werde, und alle
die Brüder und Schwestern, die mit Mir sind! Also gehet und tut nach Meinem
Worte!“
185. Kapitel – Des Weisen Freuden- und
Dankrede. Die überschwemmten Fruchtgärten. Vertreibung Satanas durch Petrus und
Martin.
[BM.01_185,01] Als der Weise solches
Verlangen von Mir vernimmt, erregt er sich freudigst und spricht: „O Herr, o
Vater voll Liebe, Güte, Herrlichkeit, Macht, Kraft und Heiligkeit! Das erst
gibt uns die größte Bürgschaft, daß Du uns nimmer verlassen wirst. Denn wer mit
uns speist, der sagt uns, daß er bei uns bleiben wolle. Und so wirst auch Du
bei uns verbleiben, wie Du es uns ehedem verheißen hast. O ewig alles Lob, alle
Ehre und aller Dank Dir darum!“
[BM.01_185,02] Auf diese Worte eilt alles
hinaus und will aus den Gärten Speise holen um sie im reichsten Maße und in
ausgewähltester Art vor Mir hinzulegen.
[BM.01_185,03] Aber als die Speiseholer
hinaus ins Freie treten, werden sie trübselig überrascht, da sie das von der
großen Feuergeschwulst hinausgetriebene Wasser über die reichen Fruchtgärten
stehend erblicken. Sie sind daher nicht imstande, auch nur etwas Weniges aus
den großen und sonst überreich bestellten Gärten zu bekommen für den von Mir
verlangten Zweck. Sie kommen daher auch ganz traurig zurück,
[BM.01_185,04] und der Weise spricht: „O
Herr, vergib uns Armen! Du siehst, die arge Feuergeschwulst hat mit dem
garstigen Meereswasser alle unsere Fruchtgärten überdeckt, und das dergestalt,
daß wir nicht das Kleinste daraus zu bekommen imstande sind. Treibe daher diese
arge Flut vorher hinweg, und wir werden dann sogleich Deinem Verlangen gemäß
handeln können!“
[BM.01_185,05] Rede Ich und berufe den Martin
und Petrus: „Mein Bruder Petrus, und du auch, Martin: Geht hinaus, schlagt die
Flut und vernichtet die arge Feuergeschwulst, auf daß diese nicht aufgehalten
sind in der Erfüllung Meines Verlangens! Sollte euch aber der Feind nicht
gehorchen wollen auf den ersten Ruf, dann gebietet ihm in Meinem Namen zum
zweiten und zum dritten Male! Sollte er auch da sich widerspenstig zeigen, so
macht dann einen ernsten Gebrauch von der euch innewohnenden himmlischen
Gewalt! Also sei es!“
[BM.01_185,06] Petrus und Martin verneigen
sich vor Mir und gehen eilends mit dem Weisen hinaus ins Freie. Als sie da
anlangen, erstaunt Martin gewaltig über diesen Spektakel und spricht:
[BM.01_185,07] (Bischof Martin:) „Ah, – das
ist doch ein niederträchtigstes, schändlichstes, verworfenstes, allerbösestes
Luder! Aber sage mir doch, Bruder Petrus, wird denn diese halbewige Erzkanaille
nimmer aufhören, Böses zu treiben und Schändliches zu tun?
[BM.01_185,08] Du, Bruder, zuckst mit den
Achseln! Das will so viel sagen als: ,Das weiß allein der Herr!‘ – Ja, ja, du
hast allerdings recht; aber freuen soll sich nun das Luder, so es uns nicht
urplötzlich Folge leisten wird! Wahrlich, dem soll sein Starrsinn teuer zu
stehen kommen. Unsere vom Herrn und Vater verliehene himmlische Gewalt wird ihm
wohl etwas zu sagen imstande sein, wo er künftighin seine bösen Gaukeleien treiben
soll! Bruder, sollen wir zugleich rufen, oder rufst du allein, oder soll ich
allein im Namen des Herrn für uns beide rufen?“
[BM.01_185,09] Spricht Petrus: „Rufe du im
Namen des Herrn allein für uns beide!“
[BM.01_185,10] Spricht Martin: „Gut, so will
ich's versuchen! Und so vernimm denn, du arge Flut, und du auch, überarge
Feuergeschwulst, und hauptsächlich du, alter, bösester Satan: Weichet
augenblicklich zur Ordnung des Herrn zurück, sonst fürchtet ein gerechtes und
allerschärfstes Gottesgericht! Amen! Dreimal Amen, Amen, Amen!“
[BM.01_185,11] Auf diesen Ruf erschallt
zurück ein gellendes Gelächter und danach diese Worte:
[BM.01_185,12] (Satan:) „O du elende
Schmeißfliege von einem Bischof Martin! Du Zehntausendmal-weniger-als-Nichts
willst mir gebieten zu weichen? Siehe, mich bringt weder Gott noch alle Seine
Himmel zum Weichen, geschweige du elendstes Nichts!
[BM.01_185,13] Aber nun rufe ich dir und all
dem anderen Schmeißgesinde aus purer Großmut zu: Verkriechet euch irgendwohin
in Löcher, sonst sollt ihr alle von der guten und sehr warmen Speise etwas zu
verkosten bekommen, die in meinem großen Topfe sogleich vollends fertig gekocht
sein wird!
[BM.01_185,14] Es ist wohl nicht darum, um
mich an euch Nichtsen zu rächen, denn ein mächtigster Löwe fängt nicht Fliegen.
Ich tue, was ich hier tue, notwendig zur Erhaltung meiner Schöpfung! Auf daß
ihr Nichtse aber dabei nicht zugrunde geht, so flüchtet euch und erfrecht euch
ja nimmer, mich etwa noch einmal zu bedräuen! Treibet meine große Geduld nicht
aufs äußerste! Wehe euch, so sie reißt!“
[BM.01_185,15] Martin zerplatzt fast vor
Ärger über diese Frechheit Satans und weiß nicht, was er ihm in aller Eile
erwidern soll.
[BM.01_185,16] Petrus aber ermahnt ihn und
spricht: „Bruder, ärgern darfst du dich ja nicht, denn dadurch tust du gerade,
was er eigentlich von dir haben will. Den muß man ganz anders fangen! Sieh, ich
werde ihn sogleich zum Weichen bringen, und das mit der größten Ruhe! Ich werde
ihm nur ganz sanft sagen: ,Satana, der Herr Jesus Christus sei auch mit dir!‘ –
Und sieh, schon weicht die Flut und die Feuergeschwulst sinkt in ein wahrstes
Nichts zusammen. Er meldet sich nicht mehr und muß sich über alles ergrimmt
zufriedenstellen, was meine Himmelsgewalt über ihn verfügt hat.“
[BM.01_185,17] Spricht Martin: „Ah, das hätte
ich nicht geglaubt, daß sich dieses Unwesen so bald fügen wird! Ist denn das
die Himmelsgewalt? Ich habe mir darunter ganz etwas anderes gedacht! Ich danke
dir, Bruder, für diese wahrhaft himmlisch-weise Belehrung. Durch sie bin ich
nun schon wieder ums tausendfache weiser geworden!
[BM.01_185,18] Sieh, das Wasser ist ganz
zurückgewichen und von der glühenden Geschwulst ist auch nichts mehr zu
entdecken! Dem Herrn Lob und Ehre ewig! Ich glaube, nun wird sich dieses arge
Luder von einer Satana oder von einem Satan nicht so bald wieder in unsere Nähe
wagen.“
[BM.01_185,19] Spricht Petrus: „Sorge dich
darum nicht, der hat schon ganz andere Lektionen bekommen als diese da. Aber
kehre die Hand um, so ist er schon wieder mit einer ganz neuen Erfindung
fertig! Es wird gar nicht lange währen, wird er uns wieder zu schaffen geben.
Aber so man ihn mit nichts in die Flucht schlagen kann, muß man dann wieder zur
Gewalt der Himmel Zuflucht nehmen und er ist besiegt. Merke dir das, Bruder,
und tue darnach ein nächstes Mal!“
[BM.01_185,20] Darauf wendet sich Petrus zu
dem Weisen, der noch ganz verblüfft vor den beiden steht und sagt zu ihm: „Nun
erfüllet des Herrn Verlangen, denn eure Gärten sind wieder frei!“
[BM.01_185,21] Der Weise verneigt sich tief
und eilt dann in die Gärten, zu holen Speise und Trank.
186. Kapitel – Der Kinder reine Freude ist
auch des Himmelsvaters Freude. Ein heiliges Liebes- und Gottesgeheimnis. Von
der kindlichen Einfalt.
[BM.01_186,01] Petrus und Martin kehren nun
wieder zu Mir in das Sonnenhaus zurück, und Martin will sogleich treuherzig zu
erzählen beginnen, was nun draußen vor sich gegangen ist.
[BM.01_186,02] Aber Petrus sagt zu ihm wie
insgeheim: „Bruder, was willst du denn dem Herrn erzählen, als wüßte Er nicht
um eine Ewigkeit früher alles, was hier ist, diese Sonne und wir beide als
wirklich Erschaffene! Weißt du denn nicht, daß der Herr von Ewigkeit her
allwissend ist?“
[BM.01_186,03] Martin schlägt sich auf die Stirne
und spricht: „O Bruder, und Du besonders, o Herr, müßt mir schon vergeben, daß
ich noch immer zuweilen in eine Art irdische Dummheit verfalle!
[BM.01_186,04] Es ist ja nur zu wahr, daß Du,
o Herr, allwissend bist und Dir wohl ewig nie etwas vorerzählen zu lassen
brauchst, um zur Kenntnis von irgendeiner Sache oder Handlung zu gelangen. Aber
es liegt dennoch in mir der freilich sicher irdisch dumme Trieb, Dir – wie auf
Erden irgendeinem Freunde – erzählen zu wollen, als wüßtest Du noch nicht
darum!
[BM.01_186,05] Aber ich habe dabei doch auch
die sichere Erwartung, daß Du, o Herr, mir solch eine irdische Dummheit
gnädigst nachsehen wirst! Denn in der Folge werde ich mich schon fester
zusammennehmen und solche Torheiten nach allen Kräften vermeiden!“
[BM.01_186,06] Rede Ich: „Nun, Mein lieber
Sohn Martin, es ist die Sache nicht gar so weit gefehlt, als du nun meinst, so
man Mir etwas beschreibt oder erzählt. Denn alle Kinder reden gerne, und mit
Mir schon überaus gerne.
[BM.01_186,07] Würde Ich darum Mir von Meinen
Kindlein nichts vorerzählen lassen, weil Ich allwissend bin, so würde zwischen
Mir und euch wohl ewig nie ein Wort gewechselt werden. Weil Ich aber eben will,
daß Meine Kinder ewig nie um eine Freude verkümmert werden sollen, sollen sie
Mir auch alles erzählen, was sie irgendwo und -wann für Erfahrungen machen.
[BM.01_186,08] Denn Ich versichere euch bei
der ewigen Treue und Liebe Meines Vaterherzens: Mir macht nur das Freude, was
Meinen Kindlein Freude macht. Nicht Meine Gottheit, nicht Meine Weisheit und
Allmacht, auch nicht Meine Allwissenheit, sondern allein die große Liebe zu
Meinen wahren Kindern, die Mich lieben, wie ihr alle nun um Mich Versammelten,
macht die höchste Glückseligkeit Meines ganzen Wesens aus.
[BM.01_186,09] Glaubt Mir, Ich war endlos
seliger am Kreuz, als da Ich durch Mein allmächtigstes Wort Himmel und Erde zu
gestalten begann! Denn als Schöpfer stand Ich als ein unerbittlicher Richter in
der Mitte Meiner ewig unzugänglichen Gottheit. Am Kreuze aber hing Ich als ein
zugänglichster Vater voll der höchsten Liebe, umgeben von so manchen Kindlein
schon – die in Mir den Vater zwar noch nicht völlig erkannt hatten, da ihnen
der gekreuzigte Sohn, d.i. des Vaters Leib, im Wege stand, aber Mich dennoch
aus allen Kräften als den Sohn des allerhöchsten Vaters über alles liebten.
[BM.01_186,10] Wahrlich, sage Ich euch, ein
Herz, das Mich wahrhaft liebt, gibt Mir mehr als alle Himmel und Welten mit
aller ihrer Herrlichkeit. Ja, Ich will 99 Himmel verlassen und ein Herz suchen,
das Mich lieben kann!
[BM.01_186,11] Wo aber ist die Mutter, die da
hätte in ihrem Hause eine große Gesellschaft und Musik und Spiel aller Art,
hätte dabei aber ein neugeborenes Kind und vernähme in der Mitte ihrer
gastlichen Freude, daß das neugeborene Kind weine und in Erkrankungsgefahr
stehe, die nicht sogleich diese Gesellschaft verließe und eilte zu ihrem
Kindlein? Denn von der Gesellschaft erwartet sie wohl mit Recht Dank und
Achtung, aber in der Brust ihres Kindes schlägt ein Herz, in dem Liebe zu ihrem
Mutterherzen gesät ist.
[BM.01_186,12] Ich sage es euch allen: Auch
diese Mutter würde 99 der glänzendsten Gesellschaften verlassen und eilen zu
ihrem Kinde der künftigen Liebe wegen, da ein kleines Fünklein wahrer Liebe
höher steht als tausend Welten voll des mächtigsten Wunderglanzes!
[BM.01_186,13] So aber schon eine irdische
Mutter das täte, um wieviel mehr Ich, der Ich zu Meinen Kindern alles bin in
der Fülle als Vater und als Mutter: als Vater in Meinem Herzen und als eine
Mutter in der Geduld, Sanftmut und endlosen Güte.
[BM.01_186,14] Daher scheuet euch, Meine
geliebten Kindlein, nicht vor Mir, und redet und erzählet Mir, was ihr höret
oder sehet! Machet Luft der Liebe eures Herzens, denn Mich erfreuen Meine
wundervollsten Erschaffungen erst dann, so sie euch erfreuen!
[BM.01_186,15] Oder weiß die Mutter etwa
nicht darum, was ihr kleines Kindlein zu ihr lallend spricht? Und doch macht
ihr der erste Ruf ,Mutter‘ aus dem Munde ihres Lieblings tausendmal mehr
Freude, so undeutlich er auch ausgesprochen wird, als die gediegenste Rede
eines Weisen.
[BM.01_186,16] Was sind die kühnsten Gedanken
über Welten, Sonnen, Völker und Engel gegen den allein dem liebekeimenden
Herzen des Kindes entsprossenen Ruf ,Liebe Mutter!‘? – Ebenso auch bei Mir. Was
wohl gleicht dem an Größe, so ein Mich liebend Kindlein, kaum erwacht aus
seinem notwendig vorangehenden Gerichtsschlafe, frei und wahr ,Lieber Vater‘
ruft!
[BM.01_186,17] Daher laß auch du, Mein lieber
Sohn Martin, in der Zukunft dich nicht beirren im Drange deines Herzens, und
ebenso auch ihr alle nicht. Eure kindliche Einfalt steht bei Mir endlos höher
als die höchste Weisheit des tiefsinnigsten Cherubs. Darum gab Ich solches
schon auf der Erde zu erkennen, als Ich zu Meinen Jüngern sprach: ,Unter allen,
die vom Anfange der Welt bisher von Weibern geboren wurden, war keiner größer
denn Johannes, der Täufer. Aber in Zukunft wird der Kleinste Meines Reiches der
Liebe größer sein denn er!‘
[BM.01_186,18] Nun aber haben unsere Wirte
die Tische voll besetzt und der Weise naht sich, uns zum Mahle zu laden. Daher
wollen wir ihn auch gebührend anhören, wie er seine Einladung an uns wird
ergehen lassen! Doch das merket euch: Wie er es ordnen wird, so wollen wir auch
an dem großen Tische Platz nehmen. Also sei es, Meine Kindlein!“
187. Kapitel – Liebesmahl des Herrn bei den
Sonnenmenschen. Wo der rechte Platz des Herrn ist.
[BM.01_187,01] Nun verneigt sich der
herbeigekommene Weise tiefst und spricht mit der ihm möglichen höchsten
Ehrfurcht: „O Herr, o Gott, o Vater Deiner Kinder und heiligster, allmächtiger
Schöpfer aller Deiner unendlichen Werke! Dein heiligster Wille ist von uns nach
Kräften vollzogen, Speisen und Getränke aller Art sind herbeigeschafft und der
große Tisch damit angefüllt. Nun geschehe fürder Dein heiligster Wille!“
[BM.01_187,02] Rede Ich: „So ist es recht und
gut. Nun aber bestimme du als Oberhaupt dieser ganzen Gemeinde mit dem
eigentlichen Hausbesitzer auch die Ruheplätze am Tische und weise uns an, wo
wir Platz zu nehmen haben!“
[BM.01_187,03] Spricht der Weise zugleich mit
dem Besitzer des Hauses: „O Herr, wie sollen wir Würmer vor Dir auch nur zu
denken wagen, Dir einen Platz anweisen zu wollen? O Herr, solch eine Erfrechung
müßte uns ja augenblicklich auf ewig töten. Gehört ja doch ewighin alles
vollkommen Dir! Jeder Platz, da Du stehst, ist der allererste, allerhöchste,
allerheiligste; und wir – –? Nein, nein, ich kann es nimmer zum zweiten Male
aussprechen!
[BM.01_187,04] O Herr, ich habe nur die
alleinige Bitte, daß Du hier Deinen heiligsten Willen in gar keiner Sache
verborgen halten möchtest, sondern ihn uns zur genauesten Befolgung offenbarst.
Wir werden ihn als das heiligste Kleinod in unsere Herzen aufnehmen und uns
bemühen, ihn nach allen Kräften getreu zu erfüllen!
[BM.01_187,05] Nimm daher diesen Auftrag
gnädigst zurück, durch den wir genötigt wären, rein nur nach unserer Einsicht
für Dich und Deine erhabenen Kinder an dem großen Speisetische die Plätze zu
bestimmen!“
[BM.01_187,06] Rede Ich: „Du hast nun wieder
gut und recht geredet. So lehrte dich deine Liebe zu Mir! Aber so du Meinen
Willen als das heiligste Kleinod deines Herzens anerkennst, mußt du auch diesen
dir und dem Hausbesitzer erteilten Auftrag anerkennen und danach handeln! Sonst
redest du wohl recht von Meinem Willen, aber so Ich dir etwas zu tun gebe,
glaubst du Mich dann zu beleidigen, wenn du tätest, was Ich dir auftrage! Tue
daher, was Ich will! Dann erst wirst du einsehen, warum Ich so etwas von dir
will.“
[BM.01_187,07] Hierauf verneigt sich der
Weise samt dem Hausbesitzer tiefst und beide denken ängstlich nach, was sie nun
tun sollen. Welchen Platz Mir anweisen? Denn bei ihnen sieht ein Platz dem
andern gleich. Der sogenannte Hausherrnplatz und der erhabene Platz des Weisen
scheinen aber beiden darum nicht passend zu sein, weil sie dadurch sich selbst
ehren würden, so sie Mir ihre Plätze anwiesen. So denken sie hin und her, aber
es fällt ihnen nichts Rechtes ein.
[BM.01_187,08] Der Weise wendet sich darum an
Martin, ob er ihm da keinen rechten Bescheid geben könne.
[BM.01_187,09] Martin zuckt mit den Achseln
und spricht: „Ja, mein Freund, da ist schwer zu raten! Habt ihr keinen Platz
der Liebe gewidmet?“
[BM.01_187,10] Die beiden machen große Augen
und sagen: „Freund, wahrlich, so einen Platz haben wir noch nie gehabt! Was ist
da nun zu tun?“
[BM.01_187,11] Spricht Martin: „So errichtet
nun einen solchen und die Sache wird sich dann schon machen!“
[BM.01_187,12] Die beiden fragen weiter: „Wie
soll aber so ein Platz aussehen? Wie soll er eingerichtet sein?“
[BM.01_187,13] Spricht Martin: „Geht hin zu
den drei Töchtern dieses Hauses, die beim Herrn sind; diese werden solch einen
Platz bald ausgemittelt und fertig haben!“
[BM.01_187,14] Die beiden Weisen begeben sich
nun zu den dreien und fragen sie darum.
[BM.01_187,15] Diese (die drei Töchter des
Hauses) aber legen ihre Hände ans Herz und sagen: „Liebe Väter, sehet, hier ist
der rechte Platz für den Herrn der Herrlichkeit! Daher sinnet nicht mit dem
Kopfe, sondern ziehet Ihn mit euren Herzen, und da wird der erste nächste Platz
auch der rechte sein!“
[BM.01_187,16] Nun erst geht den beiden ein
neues Licht auf und sie verstehen, was Ich will. Sogleich treten beide vor Mich
hin, verneigen sich tiefst, erheben dann ihre Häupter wieder und sprechen:
[BM.01_187,17] (Die beiden Weisen:) „O Herr,
Gott, Vater! Dir allein alles Lob, alle Ehre, aller Dank und alle unsere Liebe.
Wir haben Deinen heiligsten Willen mit Hilfe des lieben Bruders Martin und
unserer lieben drei Töchter näher erkannt und sind ihm daher nach unseren
möglichen Kräften auch nachgekommen.
[BM.01_187,18] O Herr, Gott und Vater –
siehe, hier in unserer Brust haben wir für Dich, und nach Dir auch für alle
anderen Brüder und Schwestern den ersten und daher sicher rechten Ruheplatz
bestimmt! Daher komme nun, Du allerbester, heiliger, liebevollster Vater samt
allen denen, die Du lieb hast, und nimm ihn für Ewigkeiten in vollsten Besitz!
[BM.01_187,19] Denn nun wissen wir, daß der
hier mit den materiellen Speisen besetzte Tisch nur ein äußerliches Sinnbild
ist dessen, was wir innerlich in unseren Herzen Dir, o Du heiliger,
liebevollster Vater, bereiten sollen.
[BM.01_187,20] Zwar ist unser innerer
Lebenstisch noch lange nicht so reichlich mit den Dir allein wohlschmeckenden
Speisen besetzt als dieser äußere. Aber segne Du ihn in uns, o heiliger Vater,
auf daß er reich werde durch Taten der Liebe, der Demut und der zartesten und
dabei vor Dir gerechten Sanftmut! Dann werden auch wir Dir, o Du heiliger
Vater, ein wahres und ewiges werktätiges Hosianna entgegensingen können!
[BM.01_187,21] Dein Name, der da ist Dein
allmächtiger, heiligster Wille, werde von uns, wie von aller Unendlichkeit ewig
gepriesen!“
[BM.01_187,22] Rede Ich: „So, Meine geliebten
neuen Kinder, ist es recht. Wenn ihr verbleibt, wie ihr nun seid, da wird auch
alles, was euch verheißen ward, in vollste Erfüllung gehen. Nun aber gehen wir
auch an diesen äußeren Tisch!
[BM.01_187,23] Ich werde euch die Speisen
segnen und mit euch das Mahl der Liebe halten. Und alle, die davon essen,
werden Mich aufnehmen in ihren Herzen leibhaftig und werden damit in sich haben
das ewige Leben und das wahre Licht und die Wahrheit!
[BM.01_187,24] Daher gehen wir nun alle an
den Tisch. Aber keiner suche einen Platz, sondern für jeden sei der erste und
nächste der rechte. Denn am Äußerlichen liegt nichts, sondern an dem, was in
euch ist! Und demnach sei und geschehe es, wie Ich nun gesagt habe!“
[BM.01_187,25] Nun bewegt sich alles zum
Tische und harrt, bis Ich einen Platz nehme. Als Ich nun Mir den ersten und
nächsten Platz genommen habe, neben Mir die fünf Jungfrauen, dann Johannes,
Petrus, Martin, Borem, Chorel und dann alle andern mit Mir Gekommenen, nehmen
auch die Sonnenbewohner uns gegenüber überaus ehrfurchtsvoll Platz, und zwar
Uhron und Shonel (Besitzer des Hauses) Mir gegenüber.
[BM.01_187,26] Als nun alle an dem großen
Tische, bei 30000 an der Zahl, versammelt sind, segne Ich die Speisen und den
aus ihnen bereiteten Trank und heiße sie dann alle essen und trinken. Ich esse
und trinke samt allen mit Mir Gekommenen, und alle Sonnenbewohner essen und
trinken ehrerbietigst mit und haben innerlich die höchste Freude, da sie auch
Mich mit essen und trinken sehen.
188. Kapitel – Vom ewigen Segen an des Herrn
Tisch. Plötzliche geistleibliche Verwandlung der drei Sonnentöchter. Wink über
die Macht der Liebe und ihre Wunder.
[BM.01_188,01] Das Mahl ist bald verzehrt,
alles ist vollauf gestärkt und jeder wundert sich über den köstlichsten
Geschmack. Da aber das Mahl verzehrt ist und somit der große Tisch leer
dasteht, fragen Mich in aller Demut
[BM.01_188,02] Uhron und Shonel: „O heiliger,
lieber Vater, so es Dein heiligster Wille wäre, möchten wir auf der Stelle den
Tisch wieder voll machen?“
[BM.01_188,03] Rede Ich: „Das wäre sehr
unnötig. Wer einmal an Meinem Tisch gespeist ward, der hat sich gesättigt mit
dem ewigen Leben. Er braucht nicht mehr als einmal Mich in sich aufzunehmen und
er hat Mich ganz für die Ewigkeit!
[BM.01_188,04] Aber, Kindlein, nun haben wir
etwas anderes noch abzumachen und das wird auch eine Speise sein, aber geistig
und nicht materiell.
[BM.01_188,05] Diese drei Töchter, die Mir
zuerst entgegengekommen sind und Mich auch zuerst erkannt haben in aller
Liebeglut ihres Herzens und eine starke Prüfung wohl bestanden haben, werde Ich
zu Mir nehmen unter die Zahl Meiner Kinder. Aber nur dann, so es euch recht
ist! Denn der Vorteil, daß ihr irdisch leben könnt, solange ihr wollt, soll
euch nicht benommen werden. Daher gebt Mir euren Willen kund, ob es euch genehm
ist, daß Ich deren Leben auf dieser Welt abkürze und sie zu Mir nehme!“
[BM.01_188,06] Sprechen Uhron und Shonel:
„Herr, Du lieber, heiliger Vater, ist ja doch Dein ewig heiliger Wille unser
aller Leben, unser aller Form und Wesenheit! Sind wir doch alle Dein und nicht
unser, alle Dein Werk! Wie sollen wir da wieder unseren Willen kundgeben, ob es
uns recht wäre oder nicht?
[BM.01_188,07] O Herr, was Du tun willst, das
ist uns allen vollkommen von ganzem Herzen recht; denn Dein heiligster Wille
ist nun unsere Liebe, ist unser aller Leben! Du hast uns diese drei lieben
Töchter erweckt und gegeben uranfänglich. Daher sind sie Dein und nicht unser,
und Du kannst sie nehmen, wann Du willst! Dein allein heiliger Wille werde ewig
gepriesen!“
[BM.01_188,08] Rede Ich: „Liebe Kinder, eure
Rede gefällt Mir, weil sie nicht aus eurem Munde nur, sondern auch aus eurem
Herzen kommt. Und so sind die drei, wie ihr sie nun sehet, nicht mehr in ihren
diesirdischen Leibern, sondern in den schon reingeistigen hier an Meiner Seite.
Denn sie sind im Augenblicke verwandelt worden, als ihr in euerem Herzen die
wahrhaft freudige Einwilligung dazu gabt! Merket ihr an ihnen wohl einen
Unterschied zwischen früher und jetzt?“
[BM.01_188,09] Sprechen Uhron und Shonel: „O
Vater, wir merken nicht den allergeringsten Unterschied! Wie ist das wohl
zugegangen und wie sollen wir das verstehen? Denn siehe, unsere Abgeschiedenen
sehen als Geister viel leichter und ätherischer aus, diese aber, als hätten sie
noch völlig ihren früheren irdischen Leib! Auch hinterlassen unsere sonstigen
Abgeschiedenen ihren toten Leib, den wir dann an einen bestimmten Ort bringen,
wo er bald vollends aufgelöst wird. Aber bei den dreien ist ja gar kein Leib zurückgeblieben!
Wie wohl möglich ist das also zugegangen?“
[BM.01_188,10] Rede Ich: „Kindlein, dies
merket: Wessen Liebe zu Mir so heftig und mächtig ist, als da ist die Liebe
dieser drei, der wird auch schon im Leibe verwandelt durch die heftige Liebe zu
Mir. So daß sein Fleisch vom Feuer seines Geistes alsbald zersetzt, geläutert
und in das eigene Leben und Wesen des Geistes aufgenommen wird, ohne daß vorher
der Leib gänzlich vom Wesen des Geistes getrennt zu werden braucht.
[BM.01_188,11] Folget daher in der Liebe zu
Mir dem Beispiel dieser drei, so wird dann auch eure Verwandlung eine gleiche
sein! Denn wahrlich, sage Ich euch, wer Mich wahrhaft so liebt, daß er aus
Liebe zu Mir alles verläßt, der wird ebenso verwandelt werden wie diese drei!“
[BM.01_188,12] Spricht Martin: „O Herr und
lieber Vater Jesus, das wäre auf unserer kleinen Erde wohl auch gut. Aber die
Leiber meiner irdischen Brüder sind wohl zu grobmateriell, als daß sie einer
solchen Verwandlung fähig werden könnten?“
[BM.01_188,13] Rede Ich: „Martin, die Erde
ist nicht, was die Sonne, und die Sonne nicht, was die Erde. Ich aber bin
gleich wie im Himmel, also auch in der Sonne und auf der Erde, und so ist auch
gleich die rechte Liebe und ihre Kraft und Wirkung!
[BM.01_188,14] Auch die Erde hat solche
Verwandlungsbeispiele genug aufzuweisen, und das sowohl in der alten, wie in
der jungen Zeit. Aber einer solchen Wirkung muß auch die dazu erforderliche
Ursache vorangehen! Bei zu wenig Wärme zerschmilzt nicht einmal das Wachs,
geschweige das Erz! Verstehst du dies?“
[BM.01_188,15] Spricht Martin: „O Herr, das
verstehe ich nun bestens. Denn ich selbst war ein solches Wachs oder Erz und
hatte viel zu wenig Wärme in mir, um das Wachs damit auch nur etwas zu
erweichen, geschweige das harte Erz meiner Materie zu zerschmelzen! Und so
werden wohl eine Menge Brüder die Erde bewohnen, deren Materie nicht nur Erz,
sondern ganz rein Diamant sein mag. Diese wird wohl schwer so verwandelt werden
können wie die jener drei Himmelstöchter nun!“
[BM.01_188,16] Rede Ich: „Martin, das zu
erörtern, gehört nun nicht mehr hierher. Aber das wirst du wohl wissen, daß Mir
gar vieles möglich ist, was dir unmöglich scheint. Ich sage dir, auch in den
Gräbern geschehen Wunder, die von den Fleischaugen der Erdenmenschen nicht
gesehen und beobachtet werden!
[BM.01_188,17] Aber nun nichts mehr davon.
Wir haben nun etwas ganz anderes zu tun. Ich sage euch, nun werden wir noch
etwas Bedeutendes zu tun bekommen, denn unser Feind hat schon wieder etwas
gemacht! Daher fasset euch!“
189. Kapitel – Martins menschlicher Vorschlag
zum Unschädlichmachen Satans. Des Herrn Wink über die Zulassung der bösen Werke
Satans. Martins Vollmacht, Satan zu bannen.
[BM.01_189,01] Spricht Martin: „Hat denn
dieser namenlose Bösewicht noch keine Ruhe! O Herr, wenn ich doch nur ein
kleines Fünklein Deiner Allmacht hätte, wollte ich ihn doch an irgendeinen
Weltkörper dergestalt anhängen, daß er gewiß für alle Ewigkeiten bestens
versorgt wäre. Denn so dieses Argwesen nicht für ewig geknebelt wird, wird es
auf den armen Weltkörpern ewig nie besser als bis jetzt aussehen!
[BM.01_189,02] Ich glaube, o Herr, daß Deine
Schöpfung doch schon so einige Dezillionchen von Erd- oder gar Sonnenjahren in
der Wirklichkeit besteht?!
[BM.01_189,03] Alle diese undenklichen
Zeitenräume hindurch besteht und hat schon vor aller Schöpfung bestanden der
Satan ebenso böse wie nun. Alle endlosen und schweren Prüfungen und
Züchtigungen haben ihn auch nicht einmal um ein Haar gebessert. Und
nachfolgende Ewigkeiten werden an ihm ebensowenig etwas ändern, als die
vergangenen es vermocht haben!
[BM.01_189,04] Daher meine ich, man sollte
zufolge dieser Umstände dieses Wesen für alle Ewigkeiten auf irgendeinen aller
Wesen ledigen Weltkörper festbannen, auf daß dann alle übrige Schöpfung Ruhe
hätte!
[BM.01_189,05] Denn läßt Du, o Herr, ihm
fortan eine gewisse, wenn auch sehr bedingte Freiheit, so wird es in der ganzen
Unendlichkeit ewig nie besser werden als nun, und wir werden stets mit ihm
vollauf zu tun haben!
[BM.01_189,06] Du, o Herr, siehst die
Verhältnisse freilich besser ein als unsereiner und weißt, warum dem Satan von
Dir aus eine so endlose Langmut und Geduld erteilt wird. Aber wie ich die Sache
besehe, so ist sie gerade so, wie ich es nun dargetan habe! Du wirst wohl tun,
was da rechtens sein wird aus Deiner ewigen Liebe und Weisheit heraus; aber ich
würde das tun, was und wie ich nun vor Dir geredet habe!“
[BM.01_189,07] Rede Ich: „Mein lieber Sohn
Martin, du redest, wie dich deine Weisheit lehrt. Ein anderer würde wieder
anders reden. Wer aber schaut in die Tiefen Meiner Ordnung, der wird dann aber
so reden, wie Ich da rede!
[BM.01_189,08] Sage, was liegt denn daran, so
dies Wesen irgend etwas zerstört, da wir es ja doch wieder ganz machen können?
Hast du auf der Erde nicht seine Schule durchgemacht und bist ganz absonderlich
zerstört worden? Und siehe, nun bist du für ewig wieder erbaut!
[BM.01_189,09] Sage, kümmert dich nun dessen
noch, wie es dir früher in deiner Zerstörtheit ging? – Du sprichst, daß dich
nun das nicht im geringsten mehr kümmere! Nun, dann wird das wohl auch mit
Trillionen anderen deinesgleichen sein!
[BM.01_189,10] Es sind wohl sehr viele
Kranke, die leiden viel, aber wir können ihnen helfen. Und so sie wieder gesund
werden, werden sie leidend sein aus ihrer früheren Krankheit heraus? Ich meine,
das wird wohl schwerlich der Fall sein! Denn ein völlig Gesunder vergißt nur zu
bald, wie einem Kranken zumute ist, und ist daher auch nur zu oft mit dem
Kranken und Leidenden zu wenig mitleidig!
[BM.01_189,11] Und so ist es nun auch mit dir
der Fall. Du bist nun gesund für ewig und fühlst nimmer, was da ist ein
Schmerz, eine Angst, ein Schreck; aber jener, der mächtig krank ist, der
empfindet es wohl!
[BM.01_189,12] Daher aber müssen wir Gesunden
und Mächtigen sogar auch mit dem höchst kranken Satan eine rechte Geduld haben;
und das um so mehr, weil uns Satan sogar durch seine böseste Krankheit dienen
muß!
[BM.01_189,13] Oder meinst du wohl, der
gerichtete Satan kann so ganz frei tun, was er will? Oh, da wärest du in einer
sehr großen Irre!
[BM.01_189,14] Siehe, er kann nur so viel
tun, als ihm zugelassen wird! Sein Wille ist wohl durchaus böse; aber er kann
ihn nicht ausführen ohne Meine Zulassung. Warum Ich aber manchmal hie und da
zulasse, etwas von seinem bösen Willen in die Wirkung zu bringen, kannst du
jetzt noch nicht fassen. Wenn du dir aber aus der Liebetätigkeit aller Himmel
etwas mehr Erfahrung wirst gesammelt haben, dann wirst du auch vieles einsehen,
was du jetzt noch lange nicht kannst!
[BM.01_189,15] Aber Ich will dich in deiner
Ansicht nicht beirren! So du den Satan bannen willst, um dadurch in der ganzen
Unendlichkeit den ewigen Frieden zu bewerkstelligen, habe Ich wahrlich nichts
dawider! Ich will dich auch mit so viel Macht ausrüsten, daß du nach deiner
Meinung des ledigen Satans Meister werden kannst. Es soll geschehen, daß du
deinen Willen vollkommen realisiert finden sollst. Aber gib acht, ob du am Ende
nicht selbst die Bande, mit denen du Satan knebeln willst, nur zu bald wieder lösen
wirst! Tue nun, was du willst, die Kraft und Macht habe ich dir schon gegeben!“
[BM.01_189,16] Spricht Martin: „O Herr, so
ich nur Kraft habe und es Dir also recht ist, da werde ich mit dem Luder schon
fertig werden! Aber ein Bruder muß doch mit mir sein!“
[BM.01_189,17] Rede Ich: „Nicht nur einer,
sondern Petrus, Johannes, Borem, Chorel und Uhron und Shonel sollen dich dahin
geleiten, und das im schnellsten Zuge! Denn auf der Sonne weitem Mittelgürtel,
unseren Füßen gerade gegenüber – also gewisserart auf der unteren Sonnenhälfte
– hat Satan große Zerstörungen vorgenommen und treibt es zu bunt; da wirst du
ihn treffen voll Grimm, Schmerz und schwerster Arbeit! Dort tue dann mit ihm,
was du willst und was dir gut dünkt! Also sei es!“
[BM.01_189,18] Spricht Martin: „Ich danke
Dir, o Herr und Vater; mit solcher Deiner Hilfe wird es schon gehen! Daher,
Brüder, machen wir uns nur schnell auf den Weg dahin, sonst zerstört uns dieser
Wicht noch vorher die halbe Sonne!“
[BM.01_189,19] Spricht Petrus: „Bruder, so
wir schnellstens reisen, sind wir nun auch schon an Ort und Stelle, ohne auch
nur einen Fuß bewegt zu haben. Denn im Geiste ist die Bewegung ,hier und dort‘
ein Augenblick!“
190. Kapitel – Martin mit seinen himmlischen
Begleitern am Ort der Verwüstung. Der von Martin gerichtete Satan. Martins
Mitleid mit dem weinenden Satan und des letzteren Befreiung.
[BM.01_190,01] Martin schaut sich nun nach
allen Seiten um, sieht kein Haus mehr, den Herrn nicht, niemanden außer seine
obgenannten Begleiter. Alles ringsum ist wüst und zerstört. Rauch und ungeheure
Feuersäulen entsteigen mit größter Heftigkeit dem zerstörten Sonnenboden. Hie
und da klaffen erdweite Krater voll donnernder Glut, aus der von Zeit zu Zeit
erdgroße Glühmassen in den weiten Weltenraum hinausgeschleudert werden. Hie und
da stürzen viele wieder zurück unter furchtbarstem Gekrach und treiben Wasser
in die großen glutvollen Krater, wodurch da wieder die mächtigsten neuen
Dampfexplosionen bewerkstelligt werden. Und das alles mit einer Kraft, die eine
Welt wie diese Erde auf Millionen Meilen hinauszutreiben vermag.
[BM.01_190,02] Als nun Martin sieht, wie
dieser Sonnenfeuerkrater Macht mit weltgroßen Massen spielt wie auf der Erde
der Wind mit Schneeflocken, spricht er erstaunt: „Brüder, das ist mehr, als was
ein armseliger Menschengeist zu fassen vermag! Das ist ja doch eine
Kraftäußerung, von der die ganze Erde, so sie denken könnte wie ein Mensch,
sich nicht den leisesten Begriff zu machen imstande wäre! Saget es mir doch!
Ist das alles Wirkung und Werk des Erzbösewichtes Satan?“
[BM.01_190,03] Spricht Petrus: „Allerdings!
Denn wir helfen ihm sicher nicht, und andere unseresgleichen auch nicht. So
können wir da nichts anderes annehmen, als daß das seine alleinige Wirkung
ist!“
[BM.01_190,04] Spricht Martin: „Wo aber
befindet er sich, auf daß wir hingehen möchten und ihm den Garaus geben?“
[BM.01_190,05] Spricht Petrus: „O Bruder, das
hat es hier nicht not. Er wird dir sogleich von selbst die Ehre und das
besondere Vergnügen machen! Siehe, über jenen großen Krater erhebt er sich
schon so glühend wie ein flüssig Erz, das einem Schmelzofen sprühend entströmt!
Mache dich nur gefaßt auf seinen Empfang; aber laß ihn dir ja nicht zu nahe
kommen, sonst könnte es dir wohl ein wenig zu warm werden!“
[BM.01_190,06] Spricht Martin: „Gut, gut,
Bruder, er wird mir nicht gar zu weit gehen!“
[BM.01_190,07] Hier richtet Martin sogleich
machtvolle Gerichtsworte an den Satan, sagend: „Die Macht des Herrn in mir
halte zur Gewinnung des ewigen Friedens aller geschaffenen Wesen dich auf jenem
Glutmeere gebannt auf ewig! Und damit du desto weniger Aussicht haben sollst
zur Erweckung böser Pläne, so sollen dich auch noch obendarauf einige weltengroße
Berge hermetisch dicht und diamantenfest zudecken! Also geschehe es im Namen
des Herrn!“
[BM.01_190,08] Als Martin diese Worte kaum
ausgesprochen, geschieht es auch nach seinen Worten. Aber es dauert nicht
lange, so fragt Martin den Johannes: „Bruder, du hast die Offenbarung und hast
sie zu deiner Zeit geschrieben aus dem Geiste des Herrn für die Welt. Sage mir
nun: ist das recht oder nicht, was ich nun mit dem Bösewicht getan habe?“
[BM.01_190,09] Spricht Johannes: „Frage dein
Gemüt und daraus die Ordnung Gottes! Ich sage dir, auch du bist so alt wie
dieser von dir nun Gebannte und warst, bis dich der Herr ergriff, auch eitel
böse. Wenn dir darum der Herr getan hätte, wie du nun diesem mit dir zugleich
geschaffenen bösen Geiste, wärest du damit wohl zufrieden?“
[BM.01_190,10] Spricht Martin: „O Bruder, das
wäre wohl das Allerentsetzlichste, was mir je begegnen könnte! O sage mir,
fühlt er nun in diesem Zustande auch Schmerzen?“
[BM.01_190,11] Spricht Johannes: „Ich sage
dir: die entsetzlichsten, die namenlosesten! Ist dir aber dabei leichter, so
dieser gar so unaussprechlich nun gequält wird?“
[BM.01_190,12] Spricht Martin: „O Brüder,
nein, nein, Schmerzen soll er keine leiden, sondern bloß untätig sein; daher
hinweg mit dieser Decke und mit der Glut!“
[BM.01_190,13] Sogleich geschieht es, was
Martin gebietend ausspricht. Satan erhebt sich schmerzvoll auf der noch
dampfenden Schlacke des ehemaligen Glutkraters und weint gar erbärmlich.
[BM.01_190,14] Als Martin solches sieht, sagt
er: „Brüder, trotz seiner uralten Bosheit dauert er mich nun über die Maßen,
der arme Teufel! Wie wäre es denn, so wir ihn nun zu uns beriefen und möchten
ihm Wege vorschlagen, die er wandeln solle, auf daß es dann besser würde mit
ihm? Denn an Intelligenz fehlt es ihm sicher nicht, wohl aber am Willen. Und da
meine ich, dieser sollte mit Hilfe seiner eigenen Intelligenz denn doch einmal
zu beugen sein?! Was meinet ihr lieben Brüder in dieser Sache?“
[BM.01_190,15] Spricht Johannes: „Du hast nun
ganz recht; denn das ist auch des Herrn unveränderlicher Wille! Aber du wirst
dich selbst überzeugen, daß ihm auf keinem anderen Wege beizukommen ist als auf
dem des langen, fortdauernden Gerichtes – das nämlich in der äußern materiellen
Schöpfung besteht. Dadurch wird er stets schwächer und ohnmächtiger und muß
sich, solcher Schwäche und Ohnmacht bewußt, doch in gar vieles fügen, in das er
sich in seiner freien, ungerichteten Vollkraft ewig nie fügen würde.
[BM.01_190,16] Aber dessenungeachtet kannst
du mit ihm ja den Versuch machen, um dich selbst zu überzeugen, wie seine
Intelligenz und sein Wille beschaffen sind. Berufe ihn daher hierher und er
wird sogleich da sein!“
191. Kapitel – Berufung Satans durch Martin.
– Satans Rechtfertigungsversuch.
[BM.01_191,01] Martin tut, wie ihm Johannes
geraten hat. Er beruft Satan mit der Macht seines Willens, und dieser steht
sogleich in einer elendsten und mit tausend Brandwunden überdeckten
Menschengestalt vor ihm und fragt ihn:
[BM.01_191,02] (Satan:) „Was noch willst du
mir antun? Ist dir noch nicht genug, daß du mich so elend gemacht hast, wie ich
nun vor dir dastehe! Willst du mich noch elender machen? Was tat ich dir? Bist
du nicht glücklich, wie nur ein Geist glücklich sein kann, und das für ewig?!
Meinst du, dadurch deine ewige Glückseligkeit wohl zu erhöhen, so du mich der
größten Qual preisgeben würdest? O du schwacher Geist, wie weit hast du noch,
bis du vollkommen wirst und begreifen die ewige Ordnung der Gottheit!
[BM.01_191,03] Siehe, du hältst mich für das
grundböseste aller Wesen, somit dem Himmel gegenüber auch für das
verabscheuungswürdigste und fluchbelastetste! Aber ich frage dich: wann habe
ich dich beschimpft wie du mich? Welch Böses habe ich dir je zugefügt? Warst du
nicht selbst es, der Gottes Gesetze aus eigener Macht übertrat auf der Erde,
und brauchtest nicht im geringsten meine Lockung dazu? So ich dich verführt
hätte, hätte der Herr sicher deinetwegen mit mir und nicht mit dir Rechnung
gehalten gleich nach deiner Anlangung in der Welt der Geister!
[BM.01_191,04] Wohl hast du, da du das Meer
deiner eigenen Bosheit mit Hilfe des Herrn ausfischtest und dadurch deine
Sünden zunichte machtest, auch den sogenannten Drachen aus dir – eigentlich aus
dem Meere deiner eigenen Bosheit – gehoben. Du meintest, daß ich das gewesen
sei; aber ich sage dir, da bist du in großer Irre! Denn jener Drache warst du
selbst im ganzen Umfange deiner gröbsten fleischlichen Sinnlichkeit, und nicht
ich!
[BM.01_191,05] Wohl bin ich auch in dir –
denn dein ganzes Wesen bis auf den innern Geist bin ich. Denn wie einst auf
deiner Erde, die auch ganz aus mir genommen ist, der Herr aus Adams Rippe das
Weib schuf, so bist du und alle Schöpfung aus mir genommen. Aber ich kümmere
mich um das nicht, was aus mir genommen wird, und richte es auch nicht. Es hat
ja ohnehin ein jeder das Gotteswort durch den Gottesgeist in sich, das ihn
richtet allezeit und überall! Wenn aber also, was verdammst du mich denn in
einem fort und bist erfüllt von einem unauslöschbaren Haß gegen mich!
[BM.01_191,06] Oder ärgert dich etwa noch,
daß ich dich in meiner Verwandlung zurückstieß vor dem Angesichte des Herrn,
als du mir einen Kuß geben wolltest? Siehe, so ich dich da nicht zurückgestoßen
hätte, wärest du verlorengegangen im großen Pfuhle deiner groben Sinnlichkeit!
Da ich dich aber zurückstieß und demütigte und dir dadurch die größte Wohltat
erwies, verdiene ich darum von dir solche Behandlung?
[BM.01_191,07] So ich hier diese
Sonnenbodenerschütterung bewirkt habe, so habe ich es tun müssen, weil sonst
dieser Körper für seine künftige bestimmte Dienstleistung untauglich geworden
wäre gleich wie ein Tier, das wohl fort und fort Nahrung zu sich nähme, aber
die groben, untauglichen Exkremente nicht aus dem Leibe schaffen könnte. Wie
lange wohl würde es leben und seine Dienste leisten?
[BM.01_191,08] Siehe, auch ich bin so gut wie
du ein Diener der Gottheit – freilich leider ein gerichteter, nur mit höchst
geringer Freiheit begabt. Ich muß tun, was ich tue! Und fehle ich irgendwo in
der ganzen Unendlichkeit nur ein wenig, so ist die schärfste Zuchtrute auch
sogleich über mein ganzes Wesen auf meinem Rücken! Ich bin unter allen
Dienstwesen das letzte, unterste und somit auch vom Schöpfer verworfenste und
elendste. Ich kann nichts tun, außer wozu ich gerichtet werde, obschon ich
dabei dennoch die vollkommenste Intelligenz besitze und gar oft etwas anderes
tun möchte – was mich dann nur noch elender macht!
[BM.01_191,09] Wie wäre es dir an meiner
Stelle, so dich der Schöpfer an meiner Statt zu gleichen Zwecken verordnen
würde? Wie würde es dir gefallen, wenn auch irgendein Martin über dich käme und
täte mit dir, wie du nun mit mir getan hast? Rede nun, denn ich habe genug
geredet!“
192. Kapitel – Martins kluge Gegenrede an
Satan. Satans Größenwahnerwiderungen auf Martins Vorschläge.
[BM.01_192,01] Spricht Martin: „Armseliger,
wie ich dich nun vor all diesen lieben Zeugen und Freunden des Herrn geduldig
angehört habe, so erwarte ich von dir, daß du mich nun geduldig hören wirst.
Denn ich sage dir im Namen des Herrn, daß wir nun eigentlich da sind, dir zu
helfen für ewig, oder dich zu richten für immer!
[BM.01_192,02] Viel sagtest du mir nun von
deiner wahrlich höchst unglücklichen Lage und Stellung, in der du dich schon
Äonen von großen Schöpfungszeiträumen befindest. Aber siehe, ich bin ein
Hartgläubiger und sage gerade heraus, daß ich von all dem nicht den dritten
Teil glaube!
[BM.01_192,03] Daß es dir sicher sehr elend
geht, ja manchmal sogar unaussprechlich schlecht, glaube ich dir recht gerne.
Aber die Gründe deines großen Elends glaube ich dir durchaus nicht! Denn nur zu
gut kenne ich nun des Herrn endloseste Güte, Liebe, Geduld, Sanftmut und die
unbegreiflichste Herablassung zu uns, Seinen Geschöpfen! Wie könnte ich da nur
im geringsten glauben, daß es Sein Wille sein könnte, dich rein für das
entsetzlichste Elend in der ganzen Unendlichkeit geschaffen zu haben, indem es
doch sonst nirgends ein Wesen gibt, das den Herrn solch einer furchtbar
schrecklichen Härte zeihen könnte!
[BM.01_192,04] Mir ging es auch, als ich in
diese wahre Welt kam, gar nicht gut. Ich war elend, litt Hunger und Durst und
wurde von der entsetzlichsten Langeweile geplagt, die aus Minuten Jahrtausende
schuf. Aber das geschah alles, um mich zu erwecken und endlich einzuführen in
das Reich der ewigen Herrlichkeit Gottes. In diesem Reiche erkenne ich stets
mehr, wie alle die nur scheinbar elenden Zustände nichts als die größte Liebe
des Herrn waren, auf daß ich durch sie geläutert und fähig wurde, die nunmalige
Volliebe des Vaters in mich aufnehmen zu können.
[BM.01_192,05] Hätte ich meinen
herübergebrachten bischöflichen Hochmut früher abgelegt – was ich, wie ich es
nun einsehe, leicht hätte tun können –, so wäre es mit mir auch schnell besser
gewesen. Aber ich selbst war hart und wollte es nicht, weil der bischöfliche
Hochmut mich belebte und aus dem heraus eine wahre Millionsinnlichkeit! Und so
mußte ich wohl leiden, aber nicht aus dem Willen des Herrn, sondern rein aus
meinem höchst eigenen Willen heraus – an dem du ewig keine Schuld tragen sollst
und noch weniger der Wille des Herrn!
[BM.01_192,06] So glaube ich auch fest, daß
an deinem Elende niemand schuld ist als du ganz allein! Wolltest du in diesem
Augenblicke dich zum Herrn wenden und als ein wahrhaft verlorener Sohn
zurückkehren in den Schoß deines heiligen, ewigen Vaters: – für ewig will ich
an deiner Statt das elendste Wesen der Unendlichkeit sein, so Er dir nicht
augenblicklich mit liebeerfüllten Armen entgegenkäme und dich unter der größten
Festlichkeit aller Himmel als Seinen liebsten Sohn aufnähme!
[BM.01_192,07] Durch dich selbst, ärmster
Bruder, tue das, und dein großes Elend hat augenblicklich ein Ende! Vergib mir
auch, daß ich oft hart war und legte meine Sünden dir zur Last! Ich nehme nun
alles auf meine Rechnung und will dir ewig gut sein, so du meinen Vorschlag
annimmst und darnach handelst!
[BM.01_192,08] Ich bekenne auch, daß ich gar
nicht wert bin, dir als dem ersten und größten Geiste aus Gott solch einen
Vorschlag zu machen. Denn ich weiß, daß in dir noch jetzt in deinem Gerichte
endlos mehr Weisheit und Stärke ist, als ich, ein wahres Nichts gegen deine
Größe, je werde begreifen können. Aber eben darum, weil ich dich deiner Größe
wegen so schätze und als den Erstling Gottes hoch verehre, wünsche ich
gleichwie alle Himmel, daß du endlich einmal zu deinem Gott, zu deinem Vater
umkehren möchtest!
[BM.01_192,09] Es sind ja schon Ewigkeiten
verronnen, in denen du stets bemüht warst, dich über den ewigen, allmächtigen
Gott zu schwingen durch alle Mittel, die deiner tiefsten Weisheit und
übergroßen Macht nur möglich waren! Du hast durch sie nicht nur nie etwas
erreicht, sondern bist nur allzeit elender, schwächer und armseliger geworden.
In nichts bist du dadurch reicher geworden als in dem nur dich selbst
verzehrenden Grimm und Zorn gegen Gott.
[BM.01_192,10] Wohl zahllose Male hast du
schon gleiche und auch bessere Einladungen bekommen, wie diese meine nun ist.
Aber sie gingen fruchtlos an deinem mir unbegreiflichen Starrsinn vorüber. Aber
siehe, einen elenderen Boten hast du sicher noch nie in solcher Absicht vor dir
gehabt, als mich nun; mache daher nun eine Ausnahme und kehre mit mir um!“
[BM.01_192,11] Spricht Satan: „Du hast nun
wahrlich sehr artig und nett geredet. Ich vergebe dir darum auch alle deine
Grobheiten, die du mir angetan hast. Was aber dein mir nur schon zu bekanntes
Begehren betrifft, werde ich dir erst dann antworten können, wenn im ganzen
unermeßlichen Schöpfungsraume keine Sonne und keine harte Erde mehr mein Wesen
gefangenhalten wird.
[BM.01_192,12] Denn mein Ich ist das unermeßliche
All; dieses aber ist gerichtet. Wie kann ich des Gerichtes los werden in meiner
Allheit? Was du hier vor dir siehst, ist nur der innerste Lebenskern meines für
deine Begriffe endlosen Seins! Kannst du mir geben, was ich verloren habe, dann
will ich dir auch unverzüglich folgen!“
[BM.01_192,13] Martin starrt den Satan an und
spricht nach einer Weile ganz ernst: „Ja, durchaus alles, armseligster Erstling
aus Gott; also folge mir!“
[BM.01_192,14] Spricht Satan: „Womit kannst
du dein Versprechen mir als völlig wahr garantieren?“
[BM.01_192,15] Spricht Martin: „Mit der
endlosen Liebe Gottes, deines Vaters! Genügt dir diese?“
[BM.01_192,16] Spricht Satan: „Freund Martin,
du meinst es nach deinen beschränkten Begriffen wohl recht gut mit mir. Deine
Garantie ist gut und annehmbar für Geister, die wie du endlich und beschränkt
sind. Ob aber diese Garantie auch mir, der ich gleich Gott – wennschon aus Gott
– ein unendlicher Geist bin, genügen kann, das ist eine andere Frage!
[BM.01_192,17] Siehe, für eine Mücke wirst du
bald und leicht Futter in Menge finden, aber nicht so leicht für einen
Elefanten und noch weniger für den riesigsten Leviathan, der berggroße Brocken
zu seiner Sättigung braucht!
[BM.01_192,18] Und so ist die für dich
unendliche Liebe Gottes für endliche Wesen wohl mehr als genügend groß, um sie
alle für ewig zu sättigen. Aber für einen ebenbürtigen unendlichen Geist dürfte
sie nur dann genügend sein, so sie nur ihn allein zu sättigen hätte!
[BM.01_192,19] Aber neben ihm noch eine
Unendlichkeit von zahllosen Wesen sättigen, von denen mit der Weile ein jedes
Unendliches benötigen wird: siehe, da hat auch die unendliche Liebe der
Gottheit notwendig ihre Grenzen, weil sie aus ihrer einen Unendlichkeit zwei
Unendlichkeiten zu erhalten hätte, was da rein unmöglich wäre.
[BM.01_192,20] Ich brauche selbst jetzt noch
endlos viel durch den ganzen Schöpfungsraum physisch und moralisch, wo ich
allerhärtest gefangen bin. Um wieviel mehr würde ich erst dann in meiner
wiedergewonnenen Freiheit brauchen!
[BM.01_192,21] Ich sage dir und auch euch
allen, die ihr hier seid: Ich kehre euretwegen nicht zurück. Denn kehre ich
zurück, so gehet ihr unter und zugrunde! Ich allein weiß, wie groß Gott ist,
wieviel Er hat und was Er geben kann. Ich sehe es ein, daß Er mich und euch
unmöglich zugleich erhalten kann. Daher bleibe ich lieber ewig elend, auf daß
ihr als meine Kinder die mir allein gebührende Herrlichkeit genießen könnet –
was ich euch auch von ganzem Herzen gönne!
[BM.01_192,22] Ich sehe wohl ein, daß Gott
unendlich gut ist; aber eben Seine zu unendliche Güte macht Ihn zum
Verschwender! Würde ich aus Liebe zu euch, meinen Kindern, Ihm nicht die
freilich sehr heiße Stange halten und Ihn manchmal beschränken in Seiner zu
ungeheuren Großmut, so dürfte Er bald wieder auf die Erde gehen und dort bei
Seinen harten Geschöpfen Brot suchen!
[BM.01_192,23] Du siehst also, daß mir die
endlose Liebe Gottes nicht als annehmbare Garantie dienen kann. Da mußt du mir
schon eine andere geben, die mir mehr taugen wird als diese!“
193. Kapitel – Martins weitere gute
Vorschläge zu Satans Heil. Dessen weitere Einwände. Die Schöpfungsordnung vor
und nach der Menschwerdung des Herrn.
[BM.01_193,01] Spricht Martin: „Mein
armseligster Freund, du hast logisch folgerecht die Gründe vor uns aufgedeckt,
aus denen dir als selbst endlosem Geiste die unendliche Liebe Gottes nicht
genügen kann. Aber ich meine, so du von deinem Verlangen etwas handeln ließest
und würdest dich gleich uns zufriedenstellen mit dem, was ein jeder von uns hat
– was doch sicher ungeheuer mehr wäre, als was du nun in diesem elenden
Zustande hast –, so wäre es für dich ja doch endlos besser als jetzt? Und da,
meine ich, wäre die endlose Liebe Gottes wohl eine hinreichend mächtige
Garantie für deine Umkehr!
[BM.01_193,02] Jetzt bist du im Grunde so gut
wie nichts, du hast nichts und mußt immer viel leiden. Dann aber würdest du
doch wenigstens das werden, was wir sind, und würdest auch nicht mehr brauchen
als wir! Wäre denn das nicht besser, als es nun mit dir steht?
[BM.01_193,03] Du bringst aber, wie du
sagtest, aus Liebe zu uns, deinen eigentlichen Kindern, ein unendliches Opfer –
was sicher keiner von uns je verlangen kann. Da könntest du dann ja auch ein
Opfer so bringen, daß du als Beweggrund zu deiner Umkehr nicht alles wieder
zurückfordertest, sondern bloß nur so viel, als da ein jeder von uns hat! Das
würde für die unendliche Freigebigkeit Gottes wohl keinen Unterschied machen
und die große Vorratskammer des Vaters nicht ärmer machen!
[BM.01_193,04] Was sagst du dazu? Ich meine,
so könnte es ja auch gehen!“
[BM.01_193,05] Spricht Satan: „Mein lieber
Martin, du redest, wie du die Sache einsiehst in deiner natürlichen und
notwendigen Beschränktheit. Weil du dabei sehr artig bist, so kann ich auch mit
dir die rechte Geduld haben. Aber bedenke nur, was da sein und was durchaus
nicht, ja unmöglich sein kann! Kann ich denn kleiner werden, als ich bin?
Siehst du denn noch nicht ein, daß der ganze unendliche Schöpfungsraum
lediglich mit meiner unteilbaren Wesenheit erfüllt ist!
[BM.01_193,06] Oder könntest du, um weniger
zu brauchen, dir die Füße, die Hände, ein Glied ums andere wegnehmen lassen, um
so deine Bedürfnisse zu verringern? Denn ohne Füße würdest du schon ein
kürzeres Kleid brauchen, ohne Hände ein Kleid ohne Ärmel, und der Magen würde
für weniger Glieder auch weniger zu tun brauchen und also auch weniger
Nährstoffe benötigen. Diese Rechnung wäre richtig; nur sage mir, ob du dich
damit wohl zufriedengeben würdest?“
[BM.01_193,07] Spricht Martin: „Armseliger
Freund, ich meine, dessen würde es bei dir ebensowenig wie bei mir dem Herrn
gegenüber benötigen! Denn muß sogar ein jeder Mensch seinen Leib zurücklassen,
der doch auch eine Zeitlang seine Wesenheit ausgemacht hat, so könntest du wohl
auch deine materielle Wesenheit fahren lassen und dich, so wie wir, nur mit der
geistigen begnügen. Der Herr aber würde dann mit deinem großen Weltenleibe
schon sicher die allerweiseste und beste Verfügung treffen, wie Er sie mit
unserem kleinen Leibe trifft! Siehe, wir sind mit diesem edelsten geistigen
Leibe vollkommen zufrieden; so könntest du es ja auch sein?!“
[BM.01_193,08] Spricht Satan: „Lieber Freund,
du sprichst immer nur, wie du die Sache in deiner Beschränktheit verstehst. Das
kommt daher, weil du deine Augen nicht, wie ich die meinen, über die Schöpfung
hinaus erheben kannst, die meine Wesenheit ist. Dein Wille ist gut und dein
Herz ist gut. Aber deine Weisheit ist nur ein leuchtender Punkt in der
Unendlichkeit!
[BM.01_193,09] Siehst du denn nicht ein, daß
jedes Sein eine Basis, einen Stützpunkt haben muß, um entstehen und dann
bestehen zu können? Jede Kraft muß eine Gegenkraft haben, um sich als solche
äußern zu können! So zwei Kräfte gegeneinander auftreten, finden sie aneinander
Widerstand und äußern sich dadurch auf dem Wege polarischer Gegenwirkung. Erst
durch solch eine kampfähnliche oder -gleiche Äußerung zweier Kräfte kann ein
Sein bewerkstelligt werden.
[BM.01_193,10] Nun siehe: Gott ist die
positive oberste Kraft, – ich als die negative unterste ebenso unendlich wie
Gottes oberste in ihrer Art! Gott könnte ohne mich ebensowenig Sich äußern als
ich mich ohne Gott!
[BM.01_193,11] So ich aber nun nach deinem
Rate zurückträte zur Gottheit und würde dadurch eine positive Kraft mit Ihr –
sage, müßte da nicht alle bisherige Schöpfung aus Gott und aus mir sich in ein
eitelstes Nichts auflösen? Und alles in unser Ursein als bloße Idee
zurücktreten und da aufgeben Wesenheit, Sein und Bewußtsein?
[BM.01_193,12] Rede nun und überzeuge mich,
daß das Fortbestehen aller Dinge auch auf andern Wegen möglich ist, so will ich
dir folgen!“
[BM.01_193,13] Spricht Martin: „Weißt du, so
tief wohl reicht meine Weisheit nicht, und ich glaube, auch diese meine Brüder
werden ihre Augen noch nicht über die Unendlichkeit hinaus erhoben haben. Aber
ob der Herr in der Erhaltung Seiner bisher geschaffenen Werke nunmehr gerade
auf dich notwendig beschränkt ist, das möchte ich wohl mächtig bezweifeln!
[BM.01_193,14] Es war wohl vor Seiner
Menschwerdung eine alte Erde und ein alter Himmel, die ruhten wohl auf dir, da
warst du wohl der negative Pol. Als aber der Herr Selbst Fleisch annahm, da
verwarf Er deine Polarität und setzte in Sich Selbst eine viel tauglichere,
Seiner würdigere und für alle Ewigkeiten haltbarere an die Stelle der deinen!
Mit dieser kittete Er die durch deine Schwäche aus allen Fugen gehen wollende
Schöpfung wieder von neuem fest zusammen. Damit verging gewisserart das Alte
und etwas ganz Neues trat an seine Stelle.
[BM.01_193,15] Vor der Menschwerdung wohl
warst du vielleicht eine Notwendigkeit. Aber nach dieser bist du nichts mehr
und nichts weniger als jeder andere Geist und bist zur Erhaltung der Dinge
durchaus nicht mehr notwendig. Daher meine ich, du solltest nun solches
einsehen und tun nach meinem Verlangen!“
[BM.01_193,16] Spricht Satan etwas mehr
erregt: „Freund, du wirst nun schon wieder ein wenig keck; aber die
Beschränktheit deiner Weisheit entschuldigt dich!
[BM.01_193,17] Siehe, du Kurzsichtiger, wer
half denn damals der Gottheit, daß Sie solch eine neue Schöpfung
bewerkstelligen konnte? War nicht ich es, der Ihn verfolgen mußte, der Ihn
versuchte und endlich Ihn sogar dem Fleische nach mußte töten helfen, damit Er
so mein negatives Polarwesen des Schmerzes und Leidens in Seine positive Gottnatur
aufnehmen konnte?
[BM.01_193,18] Diese Natur ist nun eben das
in Gott, was du Seine unendliche Liebe genannt hast! Diese aber – wie ich dir
schon ehedem bemerkt habe – kann wohl euch endlichen Wesen genügen. Mir aber
darum nicht, weil ich selbst unendlich und ewig bin! Und jetzt schon gar nicht,
wo noch so viele Myriaden Sonnen und Erden fest dastehen, die noch durchaus
mein Wesen sind!
[BM.01_193,19] Ah, wenn einmal alle Materie
als negative Polarität aufgelöst in Gott übergegangen sein wird, dann wohl. Da
erst wird meine Verneinung vollends überflüssig werden. Ich werde dann als ein
all des Meinen entblößter Geist wohl das tun können, was du nun von mir
verlangst!
[BM.01_193,20] Dann werde ich kleiner werden,
als ich nun bin. Und ich werde nicht viel mehr zu meinem Unterhalte benötigen
als du nun und werde eure Glückseligkeit nie mehr gefährden können. Jetzt aber
würde es euch allen noch sehr schlecht ergehen, so ich mit dir gleich völlig
zum Herrn mich umkehren würde! Ich werde daher wohl noch einige Äonen von
Erdjahren so, wie ich nun bin, verharren müssen, bis ich deinem Wunsche ohne
Gefahr für euch alle werde folgen können!
[BM.01_193,21] O Freund, o Sohn, ich kenne
nur zu gut die endlose Süßigkeit der Himmel, kenne aber auch das entsetzlich
Herbe meines Zustandes! Aber was kann ich tun?
[BM.01_193,22] Siehe, übers Knie läßt sich
keine ausgewachsene Eiche mehr beugen, noch weniger ich als die Ureiche aller
Schöpfung! Aber mit der Zeit und nach den rechten Umständen wird schon auch
noch dein artiger Wunsch in Erfüllung gehen können.
[BM.01_193,23] Ihr solltet aber nun lieber
zur Erde eure Blicke wenden, wo es nun sehr arg zugeht. Da würdet ihr Besseres
tun, als so ihr vor der Zeit das jetzt noch rein Unmögliche wollt möglich
machen! – Was meinst du darüber, mein lieber Sohn Martin?“
194. Kapitel – Martins nochmaliger Versuch,
Satan das Verkehrte seines Starrsinns klarzumachen.
[BM.01_194,01] Spricht Martin: „Armseliger
Freund, das kann wohl alles so möglich sein, wie du nun mit gütiger Geduld es
mir erörtert hast. Aber siehe, ich bin wie alle Blinden denn doch sehr
ungläubig, oder vielleicht auch mehr dumm als ungläubig. So kann ich durchaus
nicht recht begreifen, wie nun die Schöpfung ohne dich nicht sollte bestehen
können? Besonders, so du durch deine Umkehr zu Gott nicht nur nicht aufhörst zu
sein, sondern in deinem Sein nur endlos vollkommener werden würdest!
[BM.01_194,02] Wohl weiß ich aus dem Herrn,
daß du durchaus erhalten werden mußt, weil durch dich zufolge der göttlichen
Ordnung die Erhaltung der Naturkörper und Wesenheiten abhängt. Allein, was
liegt denn an den vergänglichen Wesenheiten?
[BM.01_194,03] Bist du einmal als vollendet
gewonnen – was da ganz rein und allein von deinem Willen abhängt –, so ist dann
die ganze Materie ohnehin ganz überflüssig! Sie wird – da sie nichts als dein
gerichteter Starrsinn ist – mit deiner Umkehr und Vollendung ohnehin nach des
Herrn Wunsche sogleich aufgelöst und vollendet werden in der reingeistigen
Wesenheit, die in ihr nun geknebelt und gefangen ist durch deinen gerichteten
Starrsinn!
[BM.01_194,04] Aber unsere geistige Wesenheit
und die neue Erde und der neue Himmel haben mit dir wahrlich nichts zu tun, da
ihr ewiger Bestand lediglich im Herrn allein seine Polaritäten findet, die da
sind Liebe und Weisheit, oder Gutes und Wahres!
[BM.01_194,05] Du hast wohl recht, daß du
ehedem unsere Blicke zur Erde wiesest, wo es arg zugehe. Aber ich behaupte,
mein armseliger Freund und Bruder, so du umkehrst, da wird im Augenblicke nicht
nur die Erde, sondern die ganze Schöpfung in ihrer ursprünglichen göttlichen
Reinheit und Vollendung dastehen! Alle Bosheit wird aufhören, und was noch den
gerichteten mühsamen Weg des Fleisches und der Materie durchmachen müßte, wird
in und durch deine Umkehr im Augenblicke vollendet dastehen!
[BM.01_194,06] Denn der ganze Fleischweg ist
ja nichts anderes als eine mühsame Losschälung von dir und eine beschwerliche
Erstehung aus deinem Gerichte. Hat aber bei dir das Gericht ein Ende, wozu wäre
dann die Materie, wozu der beschwerliche Leidensweg des Fleisches?
[BM.01_194,07] Ich meine, daß ich nun auch
die vollste Wahrheit geredet habe, und das aus meinem bestmöglichen Herzen und
Willen. Tue du nun darnach und du wirst sehen, daß die Sache ganz anders
ausfallen wird, als du sie dir nun vorstellst!“
195. Kapitel – Satans Antwort an Martin, dem
er Hoffart vorwirft.
[BM.01_195,01] Spricht Satan: „Freund, das
Beste bei deinem Reden ist, daß du deine Kurzsichtigkeit mir gegenüber sehr
artig und gelassen vorbringst. Sonst aber bist du in deiner Auffassung dieser
Dinge und Verhältnisse noch um eine ganze Ewigkeit zurück!
[BM.01_195,02] Ich sehe aus allen deinen
Worten, daß du alles, was ich nun zu dir geredet habe, auch nicht ahnungsweise
verstanden hast. Es wäre daher auch vergebliche Mühe, dir die tieferen
Lebensverhältnisse zwischen Gott und mir näher zu enthüllen, da du sie noch
viel weniger fassen würdest als das bisher Gesagte!
[BM.01_195,03] Daher meine ich, wir sollten
uns im Frieden wieder verlassen und uns unseren notwendigsten Geschäften
weihen. Denn durch unser gegenseitiges unverstandenes und somit fruchtloses Hin-
und Herreden werden wir ewig zu keinem Zwecke gelangen. Ich verstehe wohl, was
du möchtest. Du aber verstehst es nicht und kannst es auch nicht verstehen, was
da möglich oder unmöglich ist. Daher ist all dies Wortetauschen mit dir eine
vergebliche Arbeit!
[BM.01_195,04] Aber ich werde dir, weil du so
artig bist, doch etwas sagen, und das wird dir sehr nützlich sein! Siehe, du
wie alle deine Welt sieht in mir den Grund alles Erzbösen, das da hervorginge
aus meiner alle Engelsbegriffe übersteigenden Hoffart! Ich lasse es auch
gelten, wenn Selbstgefühl, das Bewußtsein des Daseins, die Selbstbestimmung
seiner Kräfte und daraus hervorgehende notwendige Tätigkeit diesen
beleidigenden Namen verdiente. Aber was ist denn das bei dir, Freund Martin, so
du mich eigentlich bloß darum zur Umkehr bewegen möchtest, um dir sogar aus des
Herrn Munde in allen Himmeln den größten Namen zu bereiten?
[BM.01_195,05] Du hast mit deiner Zunge an
den Bewohnern dieser Welt siegend gewirkt, und der Herr hat dir darum ein
großes Lob zukommen lassen. Er hat dich ausgezeichnet vor allen deinen gleich
und mehr verdienten Brüdern; nun möchtest du durch meine Besiegung dir wohl des
Himmels größten Ruhm bereiten! Du möchtest nun bald lobend und rühmend von dir
sagen hören: ,Da seht, seht! Was bisher Myriaden mächtigster Geister, was
selbst Gott nicht gelungen ist, das ist dem schwachen Martin rühmlichst
gelungen!‘
[BM.01_195,06] Meinst du, Martin, daß solches
Bestreben etwas anderes ist als die größte versteckte Hoffart, gegen die die
meine ein pures Nichts ist? Gib diese auf aus dem innersten Grunde, dann erst
werden wir vielleicht weiterreden können! Denn siehe, ich bin Licht, so ich in
meiner wahren Gestalt vor dich hintrete. Daher mußt du ganz rein sein, dann
erst werden mir miteinander wirksam reden können! Gehe daher hin und reinige
dich von allem Schmutze, dann erst komme wieder und rede mit mir, dem Urlichte
der Ewigkeit!“
196. Kapitel – Martin, Johannes und Satan.
Martins Ehrlichkeit und des Johannes Weisheit und Entschiedenheit. Satans
Widerspruchsgeist und Tadel an Johannes. Des Johannes Antwort.
[BM.01_196,01] Martin stutzt nun bei diesen
Worten Satans sehr, und das um so mehr, weil er sich dabei wirklich ein wenig
getroffen fühlt. Er wendet sich daher, als sein Gemüt etwas ruhiger wird, an
Johannes und spricht: „Lieber Bruder, der du wie keiner mit des Herrn Weisheit
erfüllt bist, was sagst denn du dazu? Soll ich wohl in diesem einzigen Punkte
dem Satan glauben? Nach meinem innersten Gefühl hat er allerdings nicht gar zu
unrecht!“
[BM.01_196,02] Spricht Johannes: „Laß du nun
diese Sache; denn wo wir noch nie etwas ausgerichtet haben, da wird auch deine
Mühe vergeblich sein! Gebiete ihm im Namen des Herrn Ruhe; darauf aber wollen
wir wieder heimwärts zum Vater ziehen! Dieser allein soll mit ihm machen, was
Er will, und das wird auch das Beste sein!“
[BM.01_196,03] Spricht Satan: „Und gerade
nicht, weil du meinem Martin solch einen Rat gegeben hast, werde ich mir von
ihm Ruhe gebieten lassen. Ich werde Martin die Ehre antun und werde mit ihm hin
vor den Herrn ziehen, um dort die Sache, die ihr alle nicht verstehen könnt,
mit Ihm Selbst abzumachen! Geht nun heim, ich werde euch freiwillig folgen zum
Herrn hin!“
[BM.01_196,04] Spricht Johannes: „Wir aber
kennen leider deine Absichten und wissen genau, daß du nie gefährlicher bist,
als wenn du im Kleide der Humanität auftrittst! Daher, so du den Mut hast,
wirst du schon allein dich zum Herrn begeben müssen, denn wir haben keinen
Auftrag, dich als des Herrn größten Feind mitzunehmen.
[BM.01_196,05] Ach, ganz was anderes wäre es,
so du dich nach dem sehr guten Rate Martins bekehrt hättest und wärest als ein
reuevoller verlorener Sohn in den heiligen Schoß des Vaters zurückgekehrt! Da
wohl wärst du uns allen der willkommenste Begleiter gewesen. So aber können wir
dich wahrlich durchaus nicht brauchen.
[BM.01_196,06] Wie aber gesagt, so du zum
Herrn willst, da ist dir der Weg nur zu wohl bekannt. Mit uns aber kannst und
darfst du so, wie du nun bist, ewig in keiner Gemeinschaft wandeln! Also sei es
im Namen unseres und deines Gottes und Herrn!“
[BM.01_196,07] Satan macht darob eine sehr
finstere Miene und spricht: „Wenn der Herr Boten, wie du einer bist, an mich
sendet und ferner senden wird, schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist,
daß mich Ewigkeiten nicht zur Umkehr bewegen werden – und mag der Herr mich
auch mit dem Feuer aller Zentralsonnen richten!
[BM.01_196,08] Martin könnte mit mir etwas
ausrichten, aber Johannes und Petrus und Paulus ewig nimmer! Schreibe dir diese
Worte hinter deine Ohren, du harter, unbarmherziger Klotz von einem Jünger
Christi! Meinst du denn, daß ich etwa Furcht oder Scheu vor dir und deinen
Sentenzen habe, dieweil du Johannes, der Evangeliumschreiber und der
Offenbarungskratzer bist? Oh, da irrst du dich sehr!
[BM.01_196,09] Siehe, eine von mir
geschaffene Schmeißfliege ist mir endlos teurer als tausend solcher Propheten,
wie du einer bist! Schäme dich ob deiner großen Herzenshärte gegen diejenigen,
die desselben Schöpfers Werke sind, aber freilich leidend, elend und gequält
ewig!
[BM.01_196,10] Trefflich hat euch der Herr
Selbst dadurch gezeichnet, wie ihr beschaffen seid, da Er im Gleichnis vom
verlorenen Sohn sagte: Als aber der Vater dem heimgekehrten armen, verlorenen
Sohne ein großes Fest bereitete und des Vaters andere Söhne und Kinder
vernahmen, daß es in des Vaters Hause überfröhlich zugehe, da kamen sie herbei
und sagten ärgerlich: ,Uns, die wir dir stets treu waren, hast du noch nie ein
Fest gegeben! Aber da dieser Verworfene zurückkam, der dich so sehr beleidigt
hat, daß darob Himmel und Erde erbebten und starr wurden vor Entsetzen, diesem
gibst du deinen Siegelring und bereitest ein größtes Festmahl!‘
[BM.01_196,11] Was der Vater von diesen
ärgerlich Murrenden darauf sagte, brauche ich dir nicht wieder ins Gedächtnis
zurückzurufen. Denn du bleibst dennoch, der du bist: voll Härte und
Unbarmherzigkeit in deinem Herzen wie alle deines Gelichters!
[BM.01_196,12] Aber Martin nehme ich aus! Er
war zwar, durch euch geleitet, eine Weile sehr grob. Aber er hat sich gebessert
und seine Unterredung mit mir war seit Äonen undenklicher Zeiträume der erste
selige Augenblick für mein Herz. Daher soll er von mir auch ewig hochgeachtet
bleiben! Und so mit mir je jemand etwas ausrichten wird, so wird es Martin
sein; aber von euch andern allen erspare sich ewig jeder die Mühe! Geht nun;
ich aber werde bleiben!“
[BM.01_196,13] Spricht Johannes: „Du tust mir
sehr unrecht! War nicht ich es, als dich Martin durch seine Macht für ewig in
das Feuer jenes dampfenden Feuerkraters warf und bannte und dich noch
obendarauf mit glühenden Bergen bedeckte, der dies Martin verwies und ihn dahin
stimmte, daß er dich wieder frei machte? Da ich aber solches tat, wie bin ich
denn nun ein harter, unbarmherziger Klotz?“
[BM.01_196,14] Spricht Satan: „Freund, rede
nur du mir von deiner Barmherzigkeit nichts! Martin tat, was er tat, in seiner
Unüberlegtheit. Und da er es bald einsah, daß er nicht recht handelte, änderte
er sogleich seine unüberlegte Handlung. Du aber bist entschieden, was du bist,
und änderst deinen Ausspruch nie, ob er gerecht oder ungerecht ist. Darum hasse
und verachte ich dich mehr als alle meine ärgsten Leiden und Qualen! Dir,
Martin, meine Achtung, euch andern aber ewig meine tiefste Verachtung! Hebet
euch nun von dannen, sonst fange ich ein Spektakel an, wie es die ganze
Unendlichkeit bisher noch nie gesehen hat!“
[BM.01_196,15] Spricht Johannes: „Wir sind
nicht da, daß wir dir gehorchen sollen, sondern dich zu hemmen in deiner
Bosheit nur sind wir da. Wir werden uns daher auch heben, wenn der Herr es
wollen wird, und nicht nach deinem Willen! Willst du aber Spektakel machen, so
kannst du es ja versuchen. Es wird sich dann gleich zeigen, ob unsere Macht
über dich nicht größer sein wird als die deinige über uns!
[BM.01_196,16] Weil du uns aber befohlen
hast, daß wir uns sogleich von hier heben sollen, so könnten wohl auch wir aus
des Herrn Namen dir nun etwas ganz anderes gebieten. Aber wir wollen nicht
Böses mit Bösem vergelten, sondern geben dir bloß den Rat, dich nun ferner
völlig ruhig zu verhalten, so du schon dem Rufe Martins nicht folgen kannst
oder willst. Denn siehe, es ist dies der letzte kurze Termin, der dir noch zu
deiner Umkehr belassen ist! Wirst du diesen nicht benützen, so wirst du für
ewig allerschärfstens gerichtet werden!
[BM.01_196,17] Wohl rupftest du uns das
Evangelium vom verlorenen Sohne vor und wolltest uns darin unserer Härte
zeigen. Aber ich sage dir, der verlorene Sohn wird auch ohne dich zurückkehren,
und zwar in den vielen gottergebenen Brüdern, die eines Sinnes wie ein Mensch
vor Gott stehen werden. Du aber wirst dem reichen Prasser gleich in das ewige
Feuer des Gottesgerichtes auf ewig verworfen werden, so du dem Rufe Martins
nicht ehestens folgen wirst!“
[BM.01_196,18] Spricht Satan: „Der Herr soll
tun, was Er will. Ich aber werde auch tun, was ich werde wollen. Ich werde Ihm
und euch allen zeigen, daß der Herr wohl mit Seiner Macht die ganze
Unendlichkeit wie Spreu verwehen kann, aber mein Herz und mein Wille soll ewig
aller Seiner Allmacht und Weisheit den härtesten, unbesiegbaren Trotz bieten!
Tuet ihr nun, was ihr wollet, und ich werde auch tun, was ich werde wollen!“
[BM.01_196,19] Spricht darauf Martin zu
Johannes: „O Bruder, wie ich nun sehe, ist alle unsere Mühe vergeblich; daher
gehen wir! Denn nun sehe ich schon klar, daß mit diesem Satan nichts weiter
mehr zu machen ist!“
[BM.01_196,20] Spricht Johannes: „Lieber
Martin, so er uns nicht heimzuziehen geboten hätte, da wären wir schon
heimgezogen. Aber sein Wille darf den unsrigen nicht bestimmen, daher wollen
wir noch ein wenig verweilen. Denn zögen wir nun auf sein Wort von hier, wäre
das für ihn ein Triumph über uns. So aber er über uns triumphierte, da stünde
es schlecht mit uns! Daher wollen und müssen wir noch ein wenig verweilen und
diese Gegend in Ordnung bringen; also sei es denn!“
197. Kapitel – Satans Wut. Martins Furcht und
des Johannes Ruhe und Klarheit. Der Kinder Gottes Unabhängigkeit von Satan.
[BM.01_197,01] Satan merkt, daß die
Gesellschaft auf sein Geheiß nicht fortziehen will. Daher wird er stutzig und
in seinem Innern grimmglühend, welcher Zustand ihm auch äußerlich ein sehr
abschreckendes Aussehen verleiht.
[BM.01_197,02] Martin merkt das und spricht
zu Johannes und den andern Begleitern: „Freunde, wie ich merke, sieht es mit
dem verlorenen Sohne nun eben nicht am besten aus! Ein furchtbarer heimlicher
Zorn blitzt aus seinen Augen, seine in tausend finstere Falten gefurchte Stirn
und seine ebenso entstellten Mundwinkel deuten auf eine furchtbare Rache hin,
die er zu nehmen willens ist!
[BM.01_197,03] Ich meine, du, Bruder
Johannes, bist ihm vielleicht doch ein wenig zu hart an den Leib gegangen? Ich
muß dir sagen, daß ich bei seinem Anblicke, trotz der mir innewohnenden Kraft
des Herrn, in eine nicht unbedeutende Furcht gerate. Nicht etwa, daß er uns
etwas anhaben könnte, sondern wegen der sichern und gänzlichen Vergeblichkeit
aller unserer Bemühungen. Dort schaue die Gesichter des Uhron und Shonel nur
an; diese beiden vergehen nahezu schon vor Angst! Um des Herrn willen, was wird
da nun herauskommen?“
[BM.01_197,04] Spricht Johannes: „Wahrlich,
die Sache sieht allerdings übel aus. Aber ich sage dir: nur keine Furcht vor
ihm! Denn auch Furcht vor ihm ist eine Art Hingebung unserer Macht unter seine
Kraft; das wäre auch eine Art Triumph auf seiner Seite über uns, was wir nie
zugeben dürfen! Denn täten wir das, würden wir von seiner bösen Polarität so
angezogen, daß es uns dann große Mühe kosten würde, uns von ihm loszuschälen.
[BM.01_197,05] Siehe, er ist mit dir wohl
sehr human umgegangen und hat dir bedeutende Verheißungen gemacht. Aber das tat
er nicht etwa, um sie deiner Artigkeit wegen zu erfüllen, sondern nur, um dich
dadurch als einen unerfahrenen Neuling dieses Reiches in seine Schlingen zu
fangen!
[BM.01_197,06] Kennst du dich nun aus? Da ich
aber seinen feinen Plan durchschaute und vereitelte, so ist er nun heimlich
voll höchsten Grimmes und würde uns alle zermalmen vor Wut, so er sich unserer
Macht gewachsen fühlte. Aber da er nur zu gut einsieht, wie himmelweit seine
Macht hinter der unsrigen steht und wie ohnmächtig er gegen uns ist, so wird er
darum nun über die Maßen zornig, grimmig und wütend in seinem Inneren!
[BM.01_197,07] Allein, wir dürfen uns nicht
im geringsten etwas daraus machen, da wird er bald wieder ein ganz anderes
Gesicht uns zeigen!“
[BM.01_197,08] Satan stößt hier mit seinem
Fuße so gewaltig in den Boden, daß dieser weit und breit erbebt, und spricht
dann gewaltig zu Johannes: „Elender, bist du noch nicht zur Genüge gesättigt an
meinem Elend? Wenn ich nunmehr nichts bin und in der großen Schöpfung keinen
Wert mehr habe, so zerstöre mich ganz mit deiner Macht über mich, wenn du dich
getraust! Siehe aber dann zu, ob du mit meiner Vernichtung nicht auch dich
vernichtet haben wirst!
[BM.01_197,09] Aber ich sehe nur zu gut, wie
dir an meiner Erhaltung wegen der deinen alles gelegen ist. Darum bist du dann
auch eine feigste Memme, hast die scheußlichste Furcht vor mir, weil dir meine
Arbeit sicher nicht also schmecken möchte als die der weichen Himmel! Du
fürchtest meinen Triumph über dich und sprichst, man solle vor mir keine Furcht
haben!
[BM.01_197,10] O du dummer Kopf, welche
Furcht ist denn ärger: die leere vor mir oder die vor meinem Siege über dich?
Siehst du denn nicht ein, daß solch eine Furcht für mich ein größter Triumph
ist? Rede, ist es nicht so?“
[BM.01_197,11] Spricht Johannes: „O
himmelweit und tausend Male nein! Denn etwas ganz anderes ist Furcht vor einem
Benehmen, durch das man bei deiner schroffsten Verkehrtheit dir ähnlich werden
könnte, und ganz etwas anderes eine läppische Furcht vor deiner individuellen
Wesenheit. Die erste könnte einem reinsten Geiste sehr schädlich werden,
während die zweite bei einem starken Geiste aus dem Herrn heraus ohnehin
unmöglich ist und den schwächeren Geistern darum nicht schaden kann, weil sie
immer mächtigste Schutzgeister um sich haben!
[BM.01_197,12] Daher warnte ich Martin
hauptsächlich vor solchen Eingebungen in deinen Willen, die dir offenbar einen
Triumph über uns einräumten, der sogar auch mir gefährlich werden könnte. Nicht
so sehr aber aus Furcht vor dir selbst, der du gegen uns keine Macht hast außer
die der Lüge und Überredungskunst!
[BM.01_197,13] Daß du aber der dummstolzen
Meinung bist, daß ich darum eine Furcht vor dir hätte und mir nicht getraue,
dich zu vernichten, weil ich fürchtete, durch deine Vernichtung mich selbst zu
vernichten: o Satan, da bist du in einer sehr großen Irre! Denn meine Erhaltung
und die Erhaltung unser aller hängt ebensowenig von der deinigen ab als die des
Herrn Selbst, da wir nunmehr alle ewig im Herrn leben und der Herr durch Seine
Vaterliebe in uns!
[BM.01_197,14] Daraus aber kannst du als
ewiger Lügner erkennen, daß ich dich gar wohl gänzlich vernichten könnte, ohne
meiner Existenz dadurch auch nur um ein Härchen Abbruch zu tun. Daß ich aber
solches nicht tue, daran ist nicht etwa meine Liebe zu dir oder meine Furcht
vor dir, sondern lediglich des Herrn endlose Liebe und Geduld schuld, die auch
in meinem Herzen wohnt.
[BM.01_197,15] Wahrlich, so es lediglich auf
mich ankäme, hätte die ganze Unendlichkeit schon längst vollkommene Ruhe vor
dir; denn ich, Johannes, hätte dir schon lange den Garaus gemacht! – Ich meine,
du wirst meine sehr offene Rede wohl verstanden haben?“
[BM.01_197,16] Spricht Satan: „Ja, wohl habe
ich sie verstanden! Aber leider auch die allzeit wiederkehrende empörende
Erfahrung gemacht, daß gerade ihr sogenannten reinen Himmelsgeister die
allerunreinsten und Gottes unwürdigsten Begriffe und Vorstellungen von Gott
habt!“
[BM.01_197,17] Spricht Johannes: „Wieso?
Rede! Das scheint ein neuer, von dir bisher noch nie vorgebrachter Fangkniff zu
sein! Wir wollen ihn hören!“
[BM.01_197,18] Spricht Satan weiter: „Du
fragst: ,Wieso?‘ Gelt, das klingt deinem sogenannten himmlisch-reinsten Ohre
sonderbar und neu? Warte nur ein wenig, es soll dir sogleich ein Licht
aufgehen, über das du dich ewig wundern sollst! Willst du aber das Licht, so
habe die Gefälligkeit, mir die Fragen kurz zu beantworten, die ich dir nun
geben werde!
[BM.01_197,19] Ich gebe dir aber zuvor die
heiligste Versicherung, daß ich für ewig mich allem frei unterwerfen will, was
du nur immer von mir verlangen wirst, so du mich einer Unwahrheit wirst zeihen
können. Wirst du aber das nicht imstande sein, so bleibe ich, was ich bin. Du
aber kannst samt deinem Anhang, von mir ganz unberührt und unbeirrt heimziehen
und dir dann in deiner himmlischen Heimat reinere und würdigere Begriffe von
Gott sammeln!“
[BM.01_197,20] Spricht Johannes: „So frage
denn; aber mit deinen alten, mir schon zu sehr bekannten Fragen komme mir
nicht, denn da würden wir bald ausgeredet haben!“
[BM.01_197,21] Spricht Satan: „Nun wohl, denn
es gilt hier Sein oder Nichtsein. Ich werde sehen, wie weite Sprünge du mit
deiner Weisheit vor mir machen wirst! – Frage: ,Ist Gott allgegenwärtig oder
nicht?‘“
198. Kapitel – Wortkampf zwischen Johannes
und Satan über Gottes Allgegenwart und die Entstehung des Bösen. Satan in
seiner Art ein Triumph des Schöpfers. Johannes' Beweis der wirklichen Erlösung
vom Übel.
[BM.01_198,01] Johannes antwortet:
„Allerdings, Seinem Gottwesen und Willen nach ist Gott unendlich und somit auch
allgegenwärtig. Aber als wesenhafter Gottmensch und wahrster Vater Seiner
Kinder wohnt Er nur unter Seinen Kindern im Himmel der Himmel!“
[BM.01_198,02] Spricht Satan: „Gut, du
bekennst sonach die Allgegenwart Gottes unwiderruflich. So sage mir gefälligst auch,
ob Gott allerhöchst weise und durchaus gut ist und daraus allwissend und
allsehend? Und wählt Er zur Erreichung Seiner Zwecke zufolge Seiner höchsten
Weisheit und endlosen Güte wohl auch alle Male die besten und tauglichsten
Mittel?“
[BM.01_198,03] Antwortet Johannes:
„Allerdings; denn Gott ist in Sich die reinste Liebe, und diese kann nicht
anders als ewig durchaus gut und allerhöchst weise sein! Ich weiß aber schon,
wo du hinauswillst; aber frage nur zu, ich werde dir keine Antwort schuldig
bleiben!“
[BM.01_198,04] Spricht Satan weiter: „Hat
Gott wohl alles erschaffen, was die Unendlichkeit faßt? Oder gibt es noch
irgendeinen anderen Gott, der das, was ihr ,böse‘ und ,schlecht‘ nennt,
zwischen das von deinem guten Gott Erschaffene gemengt hat? Oder hat der eine
gute Gott aus Sich heraus wohl Gutes und Böses erschaffen können?“
[BM.01_198,05] Spricht Johannes: „Im Anfang
alles Werdens und Seins war das Wort, das Wort war bei Gott, Gott war das Wort,
und alle Dinge sind durch dasselbe gemacht. Dies Wort ist dann auch Selbst
Fleisch geworden und hat unter dem geschaffenen Fleische Wohnung genommen; aber
die Finsternis der Welt hat es nicht erkannt.
[BM.01_198,06] Der Herr Selbst kam, alles neu
zu schaffen, zu den Seinen in Sein Eigentum. Aber diese Seinen erkannten nicht
das Licht, die Weisen der Welt nicht das ewige Wort und die Kinder nicht ihren
ewigen heiligen Vater. Denn du ganz allein hieltest aller Welt Sinne gefangen,
auf daß sie Den ja nicht erkennte, der da von Ewigkeit war, ist und ewig sein
wird alles in allem!
[BM.01_198,07] Da aber Gott allein Schöpfer
aller Dinge ist und es außer Ihm keinen Gott irgendwo gibt, so ist auch klar,
daß alles, was aus Seiner Hand hervorging, unmöglich anders als nur gut und
vollkommen sein konnte.
[BM.01_198,08] Alle Geister gingen von Ihm
aus so rein und gut, wie Er es Selbst ist. Aber Er gab den Geistern die vollste
Freiheit des in sie gehauchten Willens, demzufolge sie alles tun konnten, was
sie wollten. Und um sie den Gebrauch dieser Gaben zu lehren, gab Er mit dem
freiesten Willen auch durch Ihn Selbst geheiligte Gesetze, die sie entweder
beachten oder auch nicht beachten konnten.
[BM.01_198,09] Und siehe, alle beachteten die
Gesetze bis auf einen! Dieser eine und erste, mit dem größten Erkenntnislichte
begabt, verschmähte die Gesetze Gottes aus seinem freien Willen heraus und
widerstrebte ihnen, nicht achtend der Folgen!
[BM.01_198,10] Dieser Geist verkehrte sonach
in sich die göttliche Ordnung mittelst seines freien, ihm von Gott
eingehauchten Willens. Auf diese Weise ist er gegenüber jenen Geistern, die
ihren ebenso freien Willen nicht mißbraucht haben, widerordentlich geworden und
für sich selbst böse und schlecht. Und er mußte sich dann, durch sich selbst
genötigt, von der Gesellschaft entfernen auf so lange, bis er nicht freiwillig
umkehren und eintreten wird in jene Ordnung die der Herr allen Geistern gleich
gegeben hat, nämlich die Ordnung der Liebe.
[BM.01_198,11] Gott und uns allen nun rein
himmlischen Geistern gegenüber aber kannst du als der widerordentlich gewordene
Geist unmöglich böse sein, da du uns ewig nie schaden kannst. Böse und schlecht
bist du nur gegen dich selbst, weil du ganz allein nur dir schadest, solange du
in deiner Widerordnung verharrst.
[BM.01_198,12] Du hast mich nun fangen
wollen. Denn du meintest, ich werde genötigt sein zu sagen, daß Gott auch Böses
erschaffen habe, weil du als ein böser Geist auch ein Geschöpf Gottes bist.
Aber wo du hindenkst, bin ich schon um eine Ewigkeit voraus und kenne schon zu
gut alle deine kniffliche Weisheit! Daher rate ich dir auch ernstlich: behalte
deine künftigen, noch allfälligen Fragen, so sie auf meinen Fang gezielt sein
sollten, denn mit mir wirst du ewig keine Wette gewinnen!
[BM.01_198,13] Ich sehe es deinen
Schalksaugen an, daß du mir am Ende deiner Fragen sehr gerne bewiesen hättest,
daß wir im Ernste von Gott die unreinsten und Seiner unwürdigsten Begriffe
hätten. Dies, da wir bei unseren Erkenntnissen am Ende doch selbst bekennen
müßten: es gäbe entweder zwei Götter – einen guten und einen bösen –, oder der
eine Gott sei ein Zwitter und somit ein Pfuscher Seiner Werke. Aber siehe, dem
ist nicht also, sondern gerade, wie ich es dir nun gezeigt habe.
[BM.01_198,14] Wohl aber wäre Gott dann
unvollkommen, so Er den geschaffenen Geistern nur einen gerichteten und keinen
vollkommen freiesten Willen hätte einhauchen können. Davon lieferst aber du
selbst den allermächtigsten Gegenbeweis! Denn wie ungeheuer frei und vollkommen
Gott alle Geister und damit auch dich erschaffen hat, ist eben daraus am hellsten
zu ersehen, daß du, obschon kreuz und quer dem Außen nach gerichtet, dich doch
dem Schöpfer schnurgerade entgegenstemmen kannst, solange du nur willst. Du
kannst aber auch ebensogut wie wir alle vollkommen frei nach dem Willen des
Herrn handeln!
[BM.01_198,15] Ich sage dir, im ganzen Himmel
gibt es keinen Geist, der einen größeren Beweis für die unbegrenzteste
Vollkommenheit Gottes geben könnte, als gerade du! Du bist sozusagen das größte
Meisterwerk des Herrn und kannst daher auch dem Herrn gegenüber kein Pfuschwerk
sein.
[BM.01_198,16] Daraus aber muß nun auch klar
sein, daß du mich mit deiner Verkehrtheit nie fangen wirst; denn was du weißt,
das weiß ich schon lange! Und das ist wieder ein neuer Beweis für die endlose
Vollkommenheit Gottes, daß ich – als ein aus deinem Wesen gelöster Geist – dir
in all deinem Wollen auf das mächtigste widerstehen kann!
[BM.01_198,17] Was sagst du nun? Hast du etwa
für mich noch einige Fangfragen in Bereitschaft? Nur heraus mit ihnen, ich
werde dir jede gehörig beantworten!“
[BM.01_198,18] Hier stutzt Satan gewaltig und
kommt in große Verlegenheit; denn er findet nicht, was er nun dem mächtigen
Johannes erwidern soll.
199. Kapitel – Johannes' Aufforderung an
Satan, weitere Fragen zu stellen. Satans Größenwahn und hochmütige Antwort.
Johannes' Befehl an Satan, die Sonne zu verlassen. Satans Bitte um Nachsicht.
[BM.01_199,01] Da Satan nun mit keiner Frage
mehr zum Vorscheine kommt und sein Gesicht mehr einen dumm-verdutzten als
eigentlich bösen Charakter annimmt, spricht Johannes weiter:
[BM.01_199,02] (Johannes:) „Satan, nun, wie
ist es denn? Hast du denn keine Fragen mehr? Ich wäre nun gerade von ganzem
Herzen aufgelegt, dich mit Antworten förmlich einzugraben! Aber du schweigst,
und ich muß daraus schließen, daß du mit deiner Weisheit ziemlich zu Ende bist
und dein väterliches, von dir gewaltsam erzwungenes Erbe bis auf den letzten
Heller vergeudet sein dürfte. Was meinst du in dieser Hinsicht?“
[BM.01_199,03] Spricht nach einer Weile sehr
kreischend der Satan: „Da hat's noch lange Zeit! Glaube es mir, meine Weisheit
ist noch gar sehr unendlich! Ich könnte dir noch eine unendliche Frage stellen;
aber wie würdest du, endlicher Geist, sie mir je beantworten? Und so schweige
ich lieber, da ich einsehe, daß das rein Unmögliche meiner Sättigung von dir
auch unmöglich zu verlangen ist. Ein kleiner Tautropfen kann wohl einer Mücke
Durst löschen, aber einer Zentralsonne wird er wohl schwerlich genügen! Du
wirst wohl ungefähr verstehen, was ich mit dieser Parabel andeuten will?“
[BM.01_199,04] Spricht Johannes: „O ja, ohne
viel Mühe und Kopfzerbrechen; aber ich entnehme daraus noch mehr, als du
glauben dürftest! Ich ersehe daraus auch, daß du, so dir dein vermeintlicher
Weisheitsfaden vollends ausgegangen ist, sogleich wieder zu deinem alten
lügenhaften Hochmut Zuflucht nimmst und willst dich damit selbst befriedigen.
Aber siehe, es tut sich so etwas nun doch nicht mehr.
[BM.01_199,05] Miß meinen und dann deinen
Umfang, und du wirst dich leicht überzeugen, wie es nun mit unserer beiderseitigen
Unendlichkeit steht! Ich meine, was sich mit Elle und Zirkel bemessen läßt, da
ist die Unendlichkeit nicht gar zu weit her! Und so steht es auch mit deiner
und meiner Unendlichkeit. Ich sage dir, wer sich für unendlich dünkt, der
versteht nicht, was die Unendlichkeit ist. Oder er ist ganz und gar ein Narr
und kann demnach um so weniger fassen, was die Unendlichkeit in jeder Beziehung
ist.
[BM.01_199,06] Schau, schau, du hast ehedem
von einer unendlichen Frage gefaselt! Würdest du mit ihr wohl je fertig werden?
So aber deine Frage ewig kein Ende nähme, wann sollte dann die gleichfalls
unendliche Antwort ihren Anfang nehmen? Das mußt du nun doch einsehen, daß
solch hochtrabende Reden aus deinem Munde heraus nichts als die unsinnigsten
Faseleien sind! Ober siehst du das wirklich nicht ein?“
[BM.01_199,07] Spricht Satan: „Ich sehe alles
ein, so ich's will. Aber ich will manches geflissentlich nicht einsehen, und
das bloß darum, weil es mir als einem Herrn der Herrlichkeit nicht beliebt!
Verstehst du diese meine Sprache?“
[BM.01_199,08] Spricht Johannes: „O ja, das
ist eine alte, uns allen nur zu bekannte Sprache. Aber diese Sprache hören wir
nicht mehr an, sondern gebieten dir jetzt, diese Welt mit deiner
Zentralwesenheit zu verlassen und dich im Namen des Herrn zur Erde auf den dir
bestimmten Ort zu begeben! Wirst du dort ruhig sein, so soll dir kein weiteres
Leid zukommen. Wirst du aber voll Unruhe und Bosheit sein, da wirst du dir es
dann nur selbst zuzuschreiben haben, so dir der Herr die Schärfe Seines Zornes
zum Verkosten geben wird!“
[BM.01_199,09] Spricht Satan: „Liebe Freunde,
tut ihr mir nur das nicht an; denn vor der Erde graust mir nun wie vor einem
ekelhaftesten Aase! Belasset mich hier! Ich verspreche euch, mich für ewig wie
ein Stein ruhig zu verhalten; nur von hier treibt mich nicht!“
200. Kapitel – Satan in Widersprüche
verwickelt. Satan, der Verderber und Versucher. Neuer Friedenskontrakt zwischen
Johannes und Satan.
[BM.01_200,01] Spricht Johannes: „Höre, du
sprichst, daß es dich vor der Erde ärger denn vor einem ekelhaftesten Aase
graue! Das kommt mir ganz sonderbar vor! Bist du es doch, der mit seiner
tiefsten Weisheit und großherrlichsten Meisterschaft die Erde so zugerichtet
hat, wie sie nun bestellt ist! Wie kann es dich dann gar so ekeln vor deiner
Weisheit Meisterwerke?
[BM.01_200,02] Siehe, ich habe durch die
Gnade des Herrn auch schon so manchem Werkchen ein Dasein bereitet. Aber ich
habe noch bei keinem irgendeinen Grund gefunden, mich desselben zu schämen oder
gar einen Ekel vor ihm zu haben!
[BM.01_200,03] Derselbe Fall ist auch bei
meinen zahllosen himmlischen Brüdern und Schwestern, und doch hat sich noch nie
eines von uns gleich dir mit übergöttlicher Weisheit und Macht gebrüstet. Wir
alle rühmen uns nie außer der Gnade des Herrn. Alle unsere Werke sind lieblich vor
dem Herrn und herrlich in jeder Art und Weise, und wir haben die gerechteste
Ursache, uns ihrer zu freuen! Wie kommt es hernach, daß dir deine hochweisen
Machwerke ein Ekel sind?“
[BM.01_200,04] Spricht Satan: „Ist denn die
Erde mein Werk? Steht es nicht geschrieben: ,Im Anfange schuf Gott Himmel und
Erde?‘ Wie wäre denn dann die Erde mein Werk?“
[BM.01_200,05] Spricht Johannes: „Oho, wie
wechselst denn du nun deine Rede? Sagtest du nicht wie oft schon, daß du nicht
nur der eigentliche Schöpfer der Erde und der ganzen Unendlichkeit seist,
sondern das alles wärst du im Grunde selbst!
[BM.01_200,06] So weiß ich mich auch gut zu
erinnern jener großen Zeit der Zeiten der Erde, wo du dir die allerfrechste
Freiheit nahmst: den Herrn, deinen Gott und Schöpfer, auf eines hohen Berges
Spitze zu führen und da Ihm zu sagen: ,Siehe, das alles ist mein! Alle Reiche
dieser Erde will ich dir geben, so du vor mir niederfällst und mich anbetest!‘
– So du aber da die Erde dein nanntest, wie ist sie denn hernach nun wieder ein
Werk des Herrn? Sage, wann hast du gelogen: damals oder jetzt?“
[BM.01_200,07] Spricht Satan: „Ich bitte
dich, beschäme mich nun nicht so gewaltig! Ich gestehe ja, daß ich damals und
auch jetzt mehr oder weniger gelogen habe, weil es schon so in meiner Natur
liegt! Ich gestehe auch, daß ich viel schuld daran bin, daß nun die Erde so
ekelhaft aussieht. Aber verschone mich nun mit derlei Vorhaltungen und gib mir
Ruhe! In Zukunft wirst du nie wieder Ursache haben, mit mir armem Teufel so zu
grollen!“
[BM.01_200,08] Spricht Johannes: „Welche
Garantie aber gibst du uns nun, daß wir dir glauben könnten?“
[BM.01_200,09] Spricht Satan: „Du weißt ja,
daß es schon von altersher gelautet hat, daß in mir keine Wahrheit ist. Wenn
aber also, womit könnte ich dir Garantie leisten? Dein Wille sei mein Gericht,
so ich mein Wort breche! Das ist alles, was ich dir zur Sicherung meines
Versprechens geben kann!“
[BM.01_200,10] Spricht Johannes: „Nicht mein,
sondern des Herrn Wille sei dein Gericht, und so bleibe denn nach deiner
Bitte!“
[BM.01_200,11] Hierauf beruft Johannes alle
Anwesenden und spricht zu ihnen: „Brüder, ihr wißt, daß ein Kontrakt zwischen
einem Redlichen und einem der Unredlichkeit Verdächtigen Zeugen benötigt, damit
durch sie der Kontrakt volle Rechtskraft erhält. Ihr habt nun alles gehört und
gesehen, was hier vorgefallen ist und geredet wurde und zu welchem Zweck. Des
Zeugnisses halber seid ihr vom Herrn aus hierher mitgekommen, so wie Martin und
ich des Wortes und der Schlichtung und auch des Zeugnisses wegen. Darum sollt
ihr alle ein ewiges lebendiges Zeugnis verbleiben dessen, das ihr hier gesehen
und gehört habt. Und euer Zeugnis soll wahr sein ewig vor dem Herrn und vor
allen Seinen Himmeln und Kindern!“
[BM.01_200,12] Sprechen die Zeugen einmütig:
„Ja, so wahr unser Leben ist ein Leben aus Gott!“
[BM.01_200,13] Spricht darauf Johannes zum
Satan: „Unser Kontrakt ist nun durch ewig wahrhaftige Zeugen bekräftigt und
sanktioniert; daher halte dein Versprechen! Wehe dir aber, dreimal Wehe, so du
nach deiner alten Art dein Versprechen nicht halten wirst!“
[BM.01_200,14] Spricht Satan: „Wozu so viel
Aufhebens? Zeige mir nur einen Platz an, und ich sage dir: komme nach
Dezillionen Sonnenjahren und du wirst mich finden, wie du mich nun verlassen
wirst!“
[BM.01_200,15] Spricht Johannes: „Gut, also
sei es denn! Dort zwischen den zwei Bergen siehst du einen Rasen, ganz
hoffnungsgrün. Dorthin begib dich, und ruhe im Namen des Herrn Jesu, des
Gesalbten von Ewigkeit!“
[BM.01_200,16] Bei dem Namen ,Jesus‘ springt
der Satan wie ein Blitz von dannen und nimmt unter einem starken Geheul den
angezeigten Platz ein. Alle die Gesandten aber kehren nun wieder heim.
201. Kapitel – Selige Heimkehr ins Haus
Shonels. Des Herrn lobende, besonders an Martin gerichtete Empfangsrede. Seine
große trostreiche Verheißung: Vom Gerichte zum Heil!
[BM.01_201,01] Die Heimreise geschieht ebenso
schnell wie die ehemalige Hinreise, und so sind die ausgesandten Boten in einem
Nu bei Mir, und zwar im Hause des Shonel.
[BM.01_201,02] Als sie da anlangen, eilen sie
sogleich zu Mir hin voll Freuden, Liebe und Dank für die ihnen verliehene
Kraft, Macht, Liebe und große Geduld.
[BM.01_201,03] Martin ist der erste, der nun
vor brennendster Liebe vor Mir niederfällt und Mich über alle Maßen zu loben
und preisen beginnt.
[BM.01_201,04] Ich aber erhebe ihn und sage
zu ihm: „Mein geliebter Sohn und Bruder, du hast nun ein allerärgstes Geschäft
gut ausgeführt und warst meinem Bruder Johannes ein überaus tauglicher
Wegbereiter; so ist es recht, Mein Martin!
[BM.01_201,05] Du warst im Anfang wohl ein
wenig zu hitzig und machtest einen etwas zu grellen Gebrauch von Meiner dir
verliehenen Macht. Aber als dich Bruder Johannes ermahnte, da handeltest du
dann völlig nach Meiner gerechtesten Ordnung und hast dich dabei so gut
benommen, daß du mit Satan etwas Derartiges bewirkt hast, was bis jetzt noch
keinem ganz ohne Gericht gelungen ist.
[BM.01_201,06] Denn fast alle Boten konnten
bisher mit Satan nur durch ein schärfstes zeitweiliges Gericht etwas
ausrichten; denn seiner Reden Schärfe konnten sie kein Gegengewicht halten!
Aber du hast ihn durch deine Rede so zugerichtet, daß er sich dann in des
Johannes Rede von selbst freiwillig gefangengeben mußte, – und das ist bisher
noch nie vorgekommen! Er ist nun frei und ruht dennoch auf dem angewiesenen
Platze, obschon er sich bewegen könnte, und das ist gut.
[BM.01_201,07] Freilich hat er noch viele
Legionen, die in seinem Namen Arges wirken; die Erde wird es empfinden, – aber
nur auf kurz! Dann aber wird die arge Quelle mehr und mehr versiegen und alles
Arge wird dadurch erlahmen, wennschon nicht völlig ein Ende nehmen. Aber es
wird dann auch das Ende alles Argen nicht mehr ferne sein!
[BM.01_201,08] Das Gericht über alles Arge
aber wird sein unsere Liebe. Diese wird alles gefangennehmen, und nichts wird
ihr widerstehen können ewig! Der Liebe Gericht aber wird ein festes, ewig
unwandelbares sein. Aber es wird nicht drücken als eine schwerste Bürde,
sondern nur gefangenhalten, was nicht frei werden wollte!
[BM.01_201,09] Bevor aber dieses Gericht
seinen Anfang nehmen wird, wollen wir noch einmal Einlader zum großen Festmahle
hinaussenden nach allen Sternenwelten. Wer immer da getroffen wird, soll
hereinzukommen genötigt werden! Wohl denen, die sich den Einladungen nicht
widersetzen werden; ihrer Freuden soll nimmer ein Ende werden!“
202. Kapitel – Der Überwinder Lohn.
Himmlische Ehe als höchste Vollendung der göttlichen Ordnung. Vom Wesen des
Weibes. Martins gute Wahl und Hingabe in des Herrn Willen. Ein Wink über die
himmlische Ehe. Martins himmlische Mission als Vollendeter.
[BM.01_202,01] (Der Herr:) „Nun, Meine
Kindlein, aber noch etwas anderes! Martin, Borem und Chorel, tretet näher zu
Mir! Ihr habt euch nun durch alle schweren Prüfungen durchgewunden und seid
siegreich aus so manchen starken und sehr hitzigen Kämpfen hervorgegangen.
Dadurch habt ihr euch völlig tauglich gemacht für Mein Reich aller Himmel!
[BM.01_202,02] Ihr seid nun zu tüchtigen
Arbeitern in Meinem Weinberg geworden, und so seid ihr auch eines gerechten
Lohnes wert, der euch nun zuteil werden soll. Ich weiß es und lese klar in
euren Herzen, daß Ich euer allergrößter Lohn bin und ihr für ewig nach keinem
anderen Verlangen tragt. Aber eben diese Gestaltung eurer Herzen macht euch
auch für den Empfang jedes anderen Lohnes wert und fähig.
[BM.01_202,03] Meine Ordnung zu eurer
höchsten Vollendung aber will es, daß ihr in der Folge nicht außer, sondern in
der Ehe der Himmel leben und wirken sollt. Daher muß auch ein jeder von euch,
um vollkommen zu sein in allem, ein Weib haben, auf daß da erfeste für ewig
seine Weisheit und aufnehme das Licht, das der Flamme der Liebe im eigenen
Herzen entströmt!
[BM.01_202,04] Denn ein Weib ist wie ein
Gefäß, aber ein geistiges Gefäß zur Aufnahme und Aufbewahrung des Lichtes aus
euren Herzen. Zugleich aber ist das Weib eine Magd in der Lebensküche des
Herzens und unterhält das heilige Lebensfeuer auf dem Herde, den Ich in euren
Herzen erbaut habe. Und so müsset ihr euch nun auch jeder ein Weib nehmen und
mit ihm völlig eins sein für ewig! Martin, Ich meine, das wird dir nicht
unangenehm sein?“
[BM.01_202,05] Spricht Martin, vor Seligkeit
ganz zerknirscht: „O Herr, Du kennst meine Natur am besten! Was Du mir geben
wirst, wird mich endlos selig machen! Chanchah oder Gella, das ist mir gleich;
oder wenn's tunlich wäre, so ein Sonnentöchterchen! Oh, das wäre schon über
alles!“
[BM.01_202,06] Rede Ich: „Das steht nun bei
dir; du bist frei und darfst sonach auch frei wählen!“
[BM.01_202,07] Spricht Martin: „O Herr, ganz
allein Dein Wille geschehe!“
[BM.01_202,08] Rede Ich: „Nun, so nimm dir
die nächste bei dir!“
[BM.01_202,09] Martin, voll Seligkeit
sogleich sich umsehend, erschaut schon die Marelisael, die erste und schönste
der drei Sonnentöchter, an seiner Seite. Er führt sie vor Mich hin und fragt:
„Herr, ist das die Rechte?“
[BM.01_202,10] Ich sage: „Ja!“ und segne ihn
für ewig, womit Martin vollendet ist.
[BM.01_202,11] Voll höchster Seligkeit küßt
er sein Himmelsweib und erkennt nun, daß dadurch seine Liebe sich mit der
Weisheit für ewig vermählt hat. Beide loben und preisen Mich nun aus einem
Herzen und einem Munde. Denn so wird aus dem getrennten Adam erst im Himmel
wieder ein vollkommener Mensch, aber in gesonderter, persönlich seligster
Wesenheit.
[BM.01_202,12] Nach Martin bekommt Borem die
Surahil, die zweite der drei Sonnentöchter, und Chorel die Hanial, die dritte
der drei, – und beide sind glücklich und selig über die Maßen!
[BM.01_202,13] Martin, sich vor Seligkeit und
süßestem Wonnegefühl kaum fassend, spricht: „O Herr, Du bester, heiligster
Vater! Hier möchte ich nun wohl auch, wie einst Petrus auf dem Tabor ausrufen:
,Hier ist gut sein!‘ Aber nur allein Dein Wille geschehe!“
[BM.01_202,14] Sage Ich: „Mein lieber, nun
vollendeter Martin! Hast du auf der Erde das alte Sprichwort nie gehört: ,Wer
die Liebe hat, der führt die Braut heim!‘ Siehe, das wird nun auch bei dir der
Fall sein. Daher, da wir nun hier in diesem großen Hause alles geordnet haben,
werden wir wieder heimziehen!
[BM.01_202,15] Der Weg aber, den wir gehen
werden, soll diesen Meinen neuen Kindern auf dieser großen Lichterde fortan
offen bleiben bis in dein und Mein Haus! Alle aber, die du aufgenommen hast in
dein Haus, bleiben dein und Mein für ewig. Denn was Mein ist, das ist nun auch
dein, und was dein ist, das ist auch Mein für ewig.
[BM.01_202,16] Also wirst du auch für ewig
der Schutzengel dieses Hauses und seiner Gemeinde verbleiben in Mir, wie Ich in
dir. Aber nicht nur die Gemeinde dieser Erde, sondern auch alle zwölf Tore
deines Hauses werden dich in zahllose andere Erdengemeinden führen, wo du erst
der Seligkeiten ohne Maß und Zahl finden wirst!
[BM.01_202,17] Nun noch ein Wort an die neuen
Kinder dieser Erde! Das aber gehe aus deinem Munde!“
203. Kapitel – Martins, des neuen
Schutzengels, Rede an seine Sonnengemeinde. Uhrons gute Erwiderung an Martin.
Seine Bitte an den Herrn und dessen Amen.
[BM.01_203,01] Martin dankt aus aller seiner
Lebenstiefe für diesen Auftrag, wendet sich dann an Uhron und Shonel und
spricht: „Liebe Freunde und Brüder, ihr habt nun mit euren Augen gesehen und
mit euren Ohren gehört, was der Herr Selbst getan und geredet hat! Eure Bitte
war aber – als ihr es begriffen habt, daß sie notwendiger ist denn der Dank –,
daß der Herr und wir alle fortwährend in eurer Mitte verharren möchten. Der
Herr hat diese Bitte wohlgefällig erhört und wird euch alles gewähren, was da
eure große Liebe zu Ihm und uns wünscht. Aber es versteht sich von selbst: nur
in und aus Seiner ewigen Ordnung heraus!
[BM.01_203,02] Wir werden zwar nicht in
unserer Persönlichkeit hier verbleiben, wohl aber einen sicheren Weg eröffnen,
auf dem ihr allzeit zu uns wie wir zu euch werden sichtlich gelangen können.
[BM.01_203,03] Verharret aber von nun an fort
in der Lehre, die aus des Herrn Munde an euch erfloß, so wird der Weg von euch
zu Ihm ein wunderkurzer sein. So ihr aber Seine Worte und Lehren mit der Weile
weniger achtet als nun, wo ihr von des Herrn Wort ganz durchdrungen seid, da
freilich würde dieser Weg ein stets längerer und mühevollerer werden, wovor
euch aber der Herr Selbst und eure große Liebe zu Ihm bewahren wird!
[BM.01_203,04] Mein Haus und des Herrn Haus
sind nicht zwei Häuser, sondern nur ein Haus; denn es ist ein Haus der Liebe!
Ihr wißt, wo es steht, und so kommet denn allzeit in dies Haus zu uns! Da
werdet ihr den Herrn stets in unsrer Mitte treffen als den ewig heiligen,
besten Vater in der Mitte Seiner Kinder, die Ihn über alles lieben! Also sei es
im Namen des Herrn!“
[BM.01_203,05] Spricht Uhron: „Gott dem Herrn
alle unsere Liebe und euch durch Ihn; Sein Name werde geheiligt ewig!
[BM.01_203,06] Unsere lieben Töchter, vom
Herrn und von uns euch gegeben, seien unser Herz in euch und unsere Zunge des
tiefsten Dankes in eurem Munde. Soweit aber die Strahlen unserer Welt in die
Unendlichkeit hinauslangen, so weit töne auch der Lobgesang, den wir allzeit
dem Herrn und euch in Ihm darbringen werden in reinster Harmonie!
[BM.01_203,07] (Zu Mir, dem Herrn, sich
wendend:) Und Du, o namenlos heiligster Vater, gedenke unser als Deiner neuen
Kinder! Erhalte uns und alle unsere Nachkommen und unsere große Gemeinde in
Deiner Gnade und Liebe ewig! Gedenke aber auch jener andern Gemeinden und Völker,
die auf dieser großen Erde uns noch völlig unbekannte Länder und Gürtel
bewohnen! Dein Wille tue ihnen wie uns nach Deiner Liebe und ewigen Weisheit!“
[BM.01_203,08] Sage darauf Ich: „Amen, sage
Ich euch, Ich werde sie aus allen Gegenden Meiner endlosen Schöpfungen um Mich
versammeln und geben jedem das Seine in der Fülle ewig! Meine Liebe, Meine
Gnade und Erbarmung sei mit euch!“
204. Kapitel – Heimkehr der himmlischen
Gesellschaft. Ein Werk der Barmherzigkeit. Besuch der Galerien des Hauses
Martins. Der Weg zur Stadt Gottes. Herrliche Begegnung und Begrüßung.
[BM.01_204,01] In diesem Augenblicke erheben
wir uns und sind auch sogleich im Hause Martins. Daselbst harren auch die
bewußten hinterlassenen Badegäste ganz gereinigt unser, die vor uns sogleich
auf ihre Angesichter niederfallen und Mich um Gnade und Erbarmung anflehen, die
ihnen auch alsogleich zuteil wird im Vollmaße.
[BM.01_204,02] Darauf wird Martin mit allen
seinen Gästen, Freunden und Brüdern von Mir zum ersten Male auf die Galerien
seines Hauses geführt. Hier steht gegen Morgen hin ein Tor offen, von welchem
aus ein herrlicher Weg in die heilige Stadt Gottes führt.
[BM.01_204,03] An diesem Tore kommen Martin
auch alle anderen Apostel samt Maria, Joseph und David, Moses, Abraham, Noah,
Henoch, Adam und Eva, nebst allen andern Patriarchen und Propheten entgegen und
begrüßen ihn überaus freundlich als einen neuen Bürger Meiner Stadt.
[BM.01_204,04] Da erst werden Martin die
Augen vollends geöffnet und seine wahre Seligkeit nimmt erst hier ihren
vollsten Anfang.
[BM.01_204,05] Das ist aber auch das Ziel,
wie weit Ich euch Meine Führung jenseits des Grabes an Bischof Martin zeigen
wollte. Denn so Ich euch noch weiter führen wollte, würdet ihr die Sache schwer
fassen, weil wir da wohl nie zu einem Ende kämen!