Robert H. Kirven

Deine Engel

 

 

Vorbemerkung des Herausgebers

Im Herbst 1994 hat die Swedenborg-Foundation in den USA in der Reihe der „Chrysalis“-Bücher einen neuen „Kirven“ herausgebracht. Der Untertitel des Buches verrät schon einiges über den Inhalt: „Was Swedenborg sah und hörte.“ Für Kenner enthält also das Buch nichts grundsätzlich Neues. Wenn wir es dennoch ins Deutsche übersetzen und drucken, so weil unser Freund und Weggefährte eine besonders ansprechende Art hat, Swedenborgs Schau auch solchen Lesern nahezu bringen, die damit noch nicht vertraut sind.

 

Einleitung

Engel umgeben uns von allen Seiten. Darüber kann es keinen Zweifel geben. Selbst wenn Sie, liebe Leser, an ihrer Existenz zweifeln sollten, können Sie doch ihrer Gegenwart nicht entfliehen, wie sich diese in populären Filmen, Bestsellern, zu den Hauptsendezeiten des Fernsehens, in Wochenend-Magazinen und anderen Publikationen bemerkbar macht. Also: Engel umgeben uns von allen Seiten.

Aber warum dann noch ein Engel-Buch? Gibt es überhaupt etwas, das noch nicht zu diesem Thema gesagt worden wäre?

Einige Autoren haben in ihrer Neugierde die ganze einschlägige Literatur durchforscht, haben sie zusammengefaßt und analysiert. Andere haben selber Engel gesehen, auf andere Weise erfahren oder mit Menschen gesprochen, die das behaupteten und darüber geschrieben haben. Aber ein Beobachter, Emanuel Swedenborg, hatte während mehr als 27 Jahren beinahe täglich Umgang mit Engeln oder anderen Geistwesen. Doch obgleich er viel über Engel geschrieben hat — in allen dreißig Bänden der englischen Übersetzung seiner theologischen Werke äußert er sich über sie —‚ keines seiner Bücher behandelt ausschließlich die Engel und ihre Aktivitäten. Diese Lücke möchte ich mit meinem Buch füllen.

Um etwas persönlicher zu werden: In meinem bald 70- jährigen Leben habe ich viel über Engel und Swedenborg gelernt, und das hat mir sehr geholfen, mein Leben so erfolgreich bzw. nicht erfolgloser zu leben als es der Fall war. Das Wissen um die Engel und wie sie auf Menschen einwirken, war mir unschätzbar, und darum möchte ich diese Einsichten mit meinen Lesern teilen.

Über dreißig Jahre hinweg war ich als Erzieher tätig und habe Menschen Swedenborgs Ideen und christliches Denken vermittelt. So hatte ich die Gelegenheit und das Glück, mich mit dem, was Swedenborg über die Engel schrieb, im einzelnen vertraut zu machen. Doch erinnere ich mich noch sehr gut an die Zeit, als ich viele Fragen hatte, die ich damals nicht zu beantworten wußte, Fragen über Swedenborg und Fragen über Gott, so daß ich mich eine Zeitlang von der Kirche distanzierte. Darum habe ich große Sympathie für Menschen, die mich fragen: „Wer sagt denn das? und: „Woher wissen Sie das?“

Leser dieser Zeilen, die an der Bedeutung von Bibel, Kirche oder christlichen Begriffen und Anliegen für ihr Leben zweifeln, möchte ich bitten, ihr Urteil solange zurückzustellen, bis sie mehr darüber gelesen haben, was es mit den Engeln auf sich hat und was sie im Leben von Gläubigen jeder Religion wie auch von Menschen ohne Religion bewirken.

Der Aufbau dieses Buches ist einfach. Ich nehme an, daß es die meisten Leser begrüßen werden, zuerst etwas über die Engel und ihre Tätigkeit zu hören. Darum handeln die beiden ersten Kapitel davon. Leser, die erst etwas mehr über meine wichtigste Quelle erfahren möchten, können mit Kapitel drei beginnen: „Wer sagt das?“

Vieles von dem, was im ersten Kapitel über die Engel gesagt wird, gilt ebenso für Geister. Doch Swedenborg machte einen Unterschied zwischen diesen beiden Wesenheiten. Den Zusammenhang zwischen ihnen beschreibt Kapitel zwei: „Engel und Geister“.

Mein Swedenborgscher Hintergrund wie auch mein eigenes Leben haben mich überzeugt, daß Kenntnisse hinsichtlich der Tätigkeit von Engeln in unserem Leben für jeden Menschen nützlich sein können. Es ist daher meine inständige Hoffnung, daß dieses Buch seinen Lesern helfen wird, empfänglicher für die spirituelle Hilfe zu werden, die uns Engel geben möchten. Manche Leser werden zweifellos Mühe mit der Vorstellung haben, daß es tatsächlich Engel gibt und sie tätig sind. Die Erörterung von Swedenborgs Einsichten soll hier helfen. Zudem habe ich aufgrund einer langen Lebenserfahrung mit diesen Einsichten herausgefunden, wie sehr sie innerlich zusammenhängen und mit all dem harmonieren, was ich sonst vom Leben weiß — so daß sie sich selbst beweisen. Aber ich will Ihrem Urteil nicht vorgreifen.

Schließlich möchte ich meinen Dank zum Ausdruck bringen für Bill, David, Don, George, John, Nancy und andere Engel — die meisten von ihnen noch in der irdischen Welt, einige nicht mehr — die mir bei der Abfassung dieses Buches geholfen haben.

­­­­­­­­­­­­­­­­[Übersetzt aus dem Amerikanischen von Friedemann und Hella Horn.]

 

 

1. Was tun die Engel?

Man könnte einwenden: Ehe man die Tätigkeit der Engel beschreibt, sollte erst einmal bewiesen werden, daß sie überhaupt existieren. Aber der überzeugendste Beweis für ihre Existenz besteht gerade darin, daß ein Ereignis, das einem Menschen in seinem eigenen Leben zustößt, das Werk eines Engels war. Schließlich kann nur ein wirklich existierendes Wesen etwas vollbringen; eine Beschreibung der Aktivitäten der Engel könnte eine Antwort auslösen, sei es eine Erinnerung, sei es eine Intuition, welche die Existenz der Engel mehr bekräftigt als logische Überlegungen.

Engel sind normalerweise tätig. Sie sitzen nicht auf Wolken, auf Thronen oder ähnlichem herum, wie sie oft auf Gemälden oder Zeichnungen dargestellt werden. Außer in ihren Ruhezeiten — vergleichbar unserem nächtlichen Schlaf — sind sie nie untätig, sondern sind im Gegenteil eifrig mit dem beschäftigt, was sie gern tun: zum Beispiel mit geistlichen Betrachtungen, Lehrtätigkeit bzw. Lernen, Gottesdienst, Erholung, gegenseitigem Beistand, Hilfe für irdische Menschen. Die meisten wirklichen Engel beschäftigen sich freilich nicht mit den Menschen und Umständen, die sie in der physischen Welt zurückgelassen haben, und die Hilfe, die sie den Menschen geben, ist eher geistig als materiell. Sie helfen Menschen wie dir und mir, den rechten Weg zu finden, Stärke zu gewinnen, Geduld zu lernen oder Mut zu fassen, das zu tun, was getan werden muß. Sie sind auch nicht „freiwillige Helfer“, die sich die Menschen aussuchen, denen sie helfen wollen. Vielmehr sind sie Botschafter bzw. Beauftragte Gottes, die seinen Willen ausführen und seine Barmherzigkeit verkörpern.

Will man sich ein klares Bild davon machen, auf welche Weise uns die Engel beistehen, muß man zunächst verstehen, wie sich unser Leben mit dem der Engel und anderen Geistwesen verbindet. Darauf kommen wir noch zu sprechen. Als Einleitung wollen wir zuerst einen Bereich des uns Menschen gewährten Beistands der Engel betrachten, den wir leicht verstehen können.

 

Engel stehen uns im Tode bei.

Wenn der Mensch stirbt — genauer: wenn sein Körper stirbt — sind Engel mit einer besonderen Neigung und entsprechenden Ausbildung sogleich bei ihm und helfen ihm bei seinem Übergang vom körperlichen ins rein geistige Leben.

Gewöhnlich bleibt diese Hilfe den physischen Augen des Klinikpersonals und der Angehörigen am Bett des Sterbenden unsichtbar. Doch manchmal reagieren Sterbende, die im besonderen Maße für die Hilfe der Engel offen sind, solange sie noch im Leibe sind. In solchen Fällen spricht oder tut die sterbende Person etwas, das für die Anwesenden, denen die Gegenwart von Engeln nicht bewußt ist, unverständlich bleibt.

Einer meiner Freunde, der zwar um die Engel wußte, aber nicht viel darüber sprach, geriet anläßlich einer Herzattacke ins Koma. Während er bewußtlos auf dem Boden hingestreckt lag und seine Frau auf den Krankenwagen wartete, sprach er die letzten Worte seiner physischen Existenz: „ja, ich verstehe, was du tun möchtest.“

Er sprach zu den Engeln, die ihm bei der Trennung seines Geistmenschen vom Körper halfen. Er wußte bereits, was die meisten Menschen erfahren haben, die ein Nah-Todes- Erlebnis oder irgendein anderes spirituelles Erlebnis hatten: Der Mensch lebt weiter, nachdem sein Körper gestorben ist. Darum war mein Freund vermutlich gar nicht überrascht, Engel um sich zu sehen, ähnlich wie medizinische Helfer, die dabei sind, einen Patienten von der Herz-Lungen-Maschine zu trennen, nur daß die Engel bei den komplizierten Prozessen mit viel mehr Wissen und Sorgfalt vorgehen. Die meisten Menschen brauchen Hilfe, obgleich es einige wenige gibt, die ganz ohne eine relevante Erfahrung an diesen Punkt gelangen. Der Loslösungsprozeß bereitet vielen Menschen darum so große Schwierigkeiten, weil einerseits die Bande, die den Geist mit seinem Körper und mit der Welt verbinden, komplex und intim sind, andererseits aber Geist und (geistige) Sinne für eine ganze Reihe von Einflüssen und Empfindungen geöffnet werden müssen, deren sich der Mensch zuvor nicht bewußt war.

Eine Dame, mit der ich vor manchen Jahren eng befreundet war, obgleich sie älter als meine Eltern war, erfreute sich einer so engen Gemeinschaft mit ihrem Manne, daß die bei den einander immer ähnlicher wurden und schließlich fast wie Zwillinge aussahen. Sie überlebte ihren Mann um mehrere Jahre. Nach dessen Tode, so erzählte sie mir, sprach sie jede Nacht mit ihm. Obgleich ich das Fortleben nach dem Tode nicht bezweifelte, beschlich mich doch heimlich der Gedanke, ob sie nicht allmählich senil würde.

Als sie dann einige Monate später selber starb, änderte ich jedoch meine Meinung, als eine gemeinsame Freundin mir folgendes erzählte: Sie saß am Bett der Sterbenden, die eingeschlafen war. Plötzlich erwachte diese, schaute umher, und auf einmal leuchtete ihr Gesicht, und ein glückliches Lächeln verklärte ihre Züge. Sie erkannte jemanden, den unsere gemeinsame Freundin nicht sehen konnte, und sie rief den Namen ihres verstorbenen Mannes: „Malcolm!“ Lebhafter als seit Tagen und Wochen fuhr sie fort: „Ist es endlich Zeit?“ Ich nehme an, daß sie eine positive Antwort erhielt, denn nun schloß sie die Augen, lehnte sich lächelnd in die Kissen zurück und starb. Sie war bereit, ja hoch erfreut, wieder mit ihrem Gatten vereint zu sein und ihre Ehe fortzusetzen. Es erschien ihr wie selbstverständlich, daß er sie willkommen heißen würde, noch ehe sie völlig gestorben war — und als ich darüber nachdachte, erschien es auch mir ganz natürlich.

Andererseits brauchen Menschen besondere Hilfe beim Prozeß des Übergangs, wenn sie gänzlich unvorbereitet sind für das rein geistige Leben nach der Trennung vom Körper — sei es, daß sie vom Tod überrascht werden, sei es, weil sie nicht an ein Weiterleben glaubten, oder aus irgendeinem anderen Grund. Manche Menschen, die ein Todesnahe Erlebnis hatten, beschreiben eine Art von „Tunnel“, den sie durchqueren mußten, um am Ende von liebevollen Wesen umsorgt zu werden. Emanuel Swedenborg, der Naturforscher und Seher des 18. Jahrhunderts, der ausführlich über Engel schreibt, erzählt, wie ihm einmal der Übergang von der körperlichen zur rein geistigen Seinsweise zu erleben gegeben wurde. Danach habe er zuerst die Gegenwart von einigen der liebevollsten Engel wahrgenommen. Zwei waren nahe seinem Herzen, zwei bei seinem Haupt. Der Bericht schildert auch, wie die Menschen nach dem Sterben allmählich „erwachen“. Zuerst nehmen sie die Engel neben ihrem Haupt wahr. Diese sind verständnis- und liebevoller als irgendein Mensch, dem sie auf Erden begegnet sind, auch wenn ihre Rede zunächst unverständlich bleibt. Worte sind auch im Grunde überflüssig, denn die von den Engeln ausstrahlende Liebe macht ihre Gegenwart so trostreich und ihre Gesichter so ausdrucksvoll, daß sie dem gerade eben Verstorbenen mühelos das Gefühl vermitteln können, in Sicherheit und willkommen zu sein. Die anderen Engel, näher am Herzen, werden als nächstes wahrgenommen. Auch sie sprechen auf eine Weise, die der Ankömmling zunächst nicht versteht; aber sie passen ihre Sprache an, so daß er ihre Antworten auf seine erstaunten und verwirrten Fragen nach und nach verstehen kann, und sie erklären ihm seine Lage mit großer Sorgfalt und Liebe.

Wenn Neuankömmlinge fähig sind, ihre veränderte Situation einzusehen und zu akzeptieren — und das tun viele ohne oder mit nur geringer Nachhilfe — begegnen sie immer mehr solchen Engelgeistern, die ihnen selbst ähneln. Reagieren sie hingegen sehr verwirrt auf ihre neue Lage, kann es sein, daß sie zunächst einmal von Lehrern aufgesucht werden, die ihnen den Übergang besonders geschickt erklären können. Häufig passiert es auch, daß sie ihren früher gestorbenen Ehepartnern, Eltern, Verwandten oder Freunden begegnen. Das bestärkt sie in der Einsicht, tatsächlich gestorben zu sein — sie hatten es ja vor allem bezweifelt, weil sie sich nach Ablegen des Körpers so unerwartet real und wesenhaft fühlten — beziehungsweise weil das Leben nach dem Tode weitergeht (sofern sie das zuvor bezweifelt hatten). Aber der größte Nutzen solcher Begegnungen besteht darin, diesen Engel-Freunden Gelegenheit zu geben, den Neuankömmlingen bei der Anpassung an ihr neues Leben beizustehen.

Die Engel tun das auf höchst natürliche Weise. Einfach dadurch, daß sie aussehen, sich äußern und handeln wie Leute im irdischen Leben — schließlich waren sie ja auch einmal irdische Menschen! — üben sie eine beruhigende Wirkung auf Neuankömmlinge aus. Und indem sie über Erfahrungen sprechen, die Engel und menschliche Geister gemeinsam haben, gründen sie Vertrauen. Je nach Bedarf erklären sie den Neulingen mehr und mehr über ihr neues Leben.

Und da gibt es in der Tat viel zu lernen und zu verstehen. Neuankömmlinge müssen zunächst einmal begreifen, was sie wirklich schätzen und am liebsten tun möchten — im Unterschied zu dem, was sie in der Welt getan hatten, weil es von ihnen verlangt wurde oder weil sie sich davon Profit oder Ansehen erhofft hatten. Wenn sie dann erkannt haben, was für ein Geist sie wirklich sind, müssen sie eine geistige Gemeinschaft finden, die ähnliche Ziele oder Vorlieben hat. Und schließlich haben sie viel über den Unterschied zu lernen zwischen dem, was sie in der Welt geglaubt und „gewußt“ hatten, und was die Realitäten der geistigen Welt ausmacht. Engel helfen ihnen bei allem, was zu diesem Prozeß gehört.

 

Engel helfen den Kindern

Sterbende nehmen die tiefe und tröstende Zuneigung der Engel so bereitwillig an, weil deren strahlende liebevolle Gegenwart eine im Unterbewußtsein verborgene Erinnerung an die früheste Kindheit erweckt. Alle Kinder stehen vom Augenblick ihrer Geburt an während Monaten in enger Verbindung mit Engeln; und die Begleitung von Engeln und Geistern dauert auch später noch an, wenn auch auf andere Weise. Während der ersten Lebensmonate - ungefähr bis zur Entwöhnung des Kindes - kann das Kind noch keine eigenen Entscheidungen treffen und ist noch nicht verwickelt in den Konflikt zwischen guten und bösen Einflüssen. In dieser Phase der Unschuld sind den Kindern Engel nahe, die eine besondere Liebe zu Säuglingen haben, deren (angeborene) Liebesneigung sie teilen, um ihnen den erforderlichen geistigen Schutz zu gewähren und dafür zu sorgen, daß sie das Leben mit einer inneren Erfahrung dessen beginnen können, was wahr und gut ist.

Diese frühe Erfahrung der Liebe und Weisheit seiner Engel ist von vitaler Bedeutung für das Leben eines jeden Menschen. Wenn auch unbewußt, bleiben die Gefühle, die durch Liebe und Belehrung der Engel in uns ausgelöst wurden, verborgen in unserem inneren Gedächtnis erhalten. Nur aus diesem Grundgefühl können wir in unserem späteren Leben Liebe, Güte, Wahrheit und Schönheit erkennen — ganz unabhängig davon, wie entsetzlich oder bedrückend unser Leben auch geworden sein mag.

Die Unschuld kleiner Kinder, die sie bereit macht für die Fürsorge und Gesellschaft der Engel, ist eine unbezahlbare menschliche Eigenschaft. Sie geht freilich bei der unerläßlichen Entwicklung der Kinder nach und nach verloren, weil diese ein Gefühl des Selbstvertrauens, des Eigentumsrechts und der Verantwortlichkeit, des Selbstwerts und der Selbstdisziplin erfordert. Doch Menschen, die im Alter weise werden, gewinnen wieder etwas, das der kindlich Unschuld ähnelt: sie können nämlich sich selbst und ihren Platz in der Welt in der richtigen Perspektive sehen — wir nennen das die Unschuld der Weisheit.

Die Unschuld der Kinder übt eine große Anziehungskraft auf Engel aus, die gut und stark genug sind, ihr Inneres gegen alle Arten des Bösen zu schützen und vor schädlichen geistigen Einflüssen zu bewahren. Manche Engel, die sich auf diese Weise für Kinder engagieren, haben selbst einen so hohen Grad weiser Unschuld erreicht, daß sie anderen Engeln wie Kinder erscheinen. Doch alle im Himmel wissen, daß gerade jene, die wie Kinder erscheinen, zu den weisesten, mächtigsten und seligsten Engeln gehören.

Der geistige Schutz der Kinder vor unguten Einflüssen gehört zu den typischen Aufgaben der Engel und ist ein besonders wichtiger Dienst. Es gehört zu den Freuden des himmlischen Lebens, daß jeder Engel auf die Weise anderen Gutes tun kann, die seinen besten Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Darum haben Engel mit besonderer Liebe zu neugeborenen Kindern die Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Andere Engel und Geister treten anstelle dieser ersten Beschützer, wenn die Kinder heranwachsen. Sobald diese die Unterschiede zwischen Dingen und Situationen wahrzunehmen beginnen und zwischen ihnen wählen wollen, tritt an Stelle der anfänglichen Unschuld das Selbstgefühl als unerläßliche Voraussetzung jeder Wahl. Nun benötigen sie mehr geistige Führung und Unterstützung als Schutz, wie am Anfang. Geistige Gesellschaft und Umgebung wechseln laufend während der Entwicklung des Menschen und spiegeln immer seine Werte und Zielsetzungen.

 

Engel helfen uns, den rechten Weg zu finden

Engel und engelhafte Geister dienen uns in unserem Leben vor dem Tod auf mannigfache Weise. Haben wir das Gefühl, es fehle uns an der nötigen Stärke, an Mut oder klaren Zielen, rufen unsere Bitten um Hilfe — stille oder gesprochene Gebete, wenn sie nur echt und wir zur Annahme wirklich bereit sind — die Hilfe der Engel herbei. Sie werden uns gesandt, wenn es nötig ist, uns von bösen Begierden und den damit zusammenhängenden unguten Gedanken abzubringen. Gelingt ihnen das, versuchen sie uns gute Neigungen einzuflößen, die uns Gedanken fassen und ausführen lassen, wie wir unseren Mitmenschen helfen und die Gesellschaft, zu der wir gehören, fördern können.

Meist erreicht uns diese Hilfe auf dem Wege über geistige Dimensionen, die tief in unserem Unbewußten verborgen liegen. Werden wir ihrer gewahr, so meinen wir, die Kraft oder die plötzliche Klarheit über die Richtung, die wir einschlagen sollten, kämen aus unserem eigenen Innern, aus irgendeiner uns zuvor unbekannten Quelle. Zuweilen erreicht uns diese Hilfe aber nicht, dann versuchen es die Engel mit Träumen, die sie uns schicken, oder in hypnagogischen Zuständen, wie wir sie in der Zeit zwischen Schlafen und Wachen oder auch bei der Meditation erleben können. Zuweilen versuchen sie es sogar zu Zeiten, wenn wir voll bewußt sind.

Wenn Engel zu uns sprechen, so nicht in ihrer eigenen Sprache, die wir gar nicht hören oder verstehen könnten. Vielmehr kommunizieren sie mit uns durch Elemente unseres Unterbewußtseins, wo sich die Gedanken und Bilder formen, die sich dann erst zu Wörtern und Begriffen gestalten. Erreicht dann eine Idee, die sie uns übermittelt haben, unser Bewußtsein, denken wir sie in Wörtern unserer Muttersprache oder auch in einer anderen uns vertrauten Sprache.

Der Mensch kann eine solche geistige Kommunikation zuweilen auch als Stimme vernehmen. Wenn das geschieht, kommt der darin ausgedrückte Gedanke auf dem Wege über unser Unbewußtes, wo er sich in Worte kleidet, die wir zu hören meinen. Dabei haben wir Mühe festzustellen, ob der Ton von außen oder von innen kam.

Engel sprechen aber zu uns viel häufiger nicht in Worten, sondern übertragen uns Wünsche, Werte oder andere Neigungen. Wenn wir irgend etwas sehen oder uns vorstellen — ein Ding oder eine Handlung und empfinden dabei einen starken Wunsch oder eine Abneigung bzw. eine Zustimmung oder Ablehnung, dann ist es genau die Art von Gefühlen, die uns am häufigsten von Engeln kommuniziert werden. Die warme Zustimmung, die man fast physisch empfindet, wenn man etwa beim Gemeindegesang im Gottesdienst von einem Vers besonders angesprochen wird, weil er eine Wahrheit zum Ausdruck bringt, die man im eigenen Leben erfahren hat. Ähnliches gilt für Gefühle, wie sie zuweilen in uns aufsteigen und uns ungewollt die Schamröte ins Gesicht treiben, die uns als armselige Lügner entlarvt.

Wie können wir wissen, ob ein solches Gefühl in uns selbst entsteht oder von einem Engel eingegeben wird? Es gibt keine einfache Methode, sicher zu unterscheiden, ob eine tief empfundene Gemütsbewegung auf uns selbst oder den Einfluß eines Engels zurückgeht. Doch wenn uns unsere Reaktion selbst überrascht, weil sie für uns vielleicht nicht typisch ist, kann es sehr wohl sein, daß es sich dabei um eine Ermutigung aus der geistigen Welt handelt, uns zu ändern.

Wenn „Rippenstöße“ dieser Art nicht ausreichen, uns den nötigen Anstoß zu geben, können Engel uns auch über geistige Bilder Gedanken oder Gefühle übermitteln, die den gleichen Zweck verfolgen. Gelegentlich können diese auch durchaus mit hörbaren Worten einhergehen.

Eine solche Gelegenheit — noch fünfzig Jahre danach klar in meiner Erinnerung — ereignete sich in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs. Im Nachhinein ist klar, daß der Sieg der Alliierten nahe bevorstand. Aber ich war damals so deprimiert, daß mir eine amerikanische Niederlage als eine entsetzlich reale Möglichkeit erschien. Diese Aussicht beherrschte mein Bewußtsein derart, daß sie zu einem ernsthaften Hindernis für die Fortführung meiner Hochschulstudien wurde. Heute weiß ich, daß diese Depression durch böse Geister gefördert oder gar verursacht worden war. Da träumte ich eines Nachts, ich stünde auf einem freien Feld. Außer mir selbst war weit und breit niemand zu sehen, nicht einmal ein Gebäude; ich stand vor einem gewaltigen Gewirr von zusammengerolltem Stacheldraht, der sich links und rechts bis zum Horizont erstreckte und mich einsperrte. Wie ich so stand, kam mir über einen Hügel ein Engel entgegen, wie in einem zu hellen Licht, um hineinzuschauen. Hinter sich ließ er eine gebahnte Straße zurück, die mir immer näher kam und durch den Stacheldrahtverhau hindurchführte. Dieser löste sich beim Herannahen der Straße in Luft auf. Die Straße erreichte mich und verschwand hinter mir, bis ich sie nicht mehr sah. Als ich merkte, daß ich frei war, schritt ich in der Richtung vorwärts, aus der der Engel gekommen war. Ich erwachte. Meine Obsession mit dem Krieg und meine umfassende Depression waren damit beendet. Der Engel hatte mich von den irrationalen Ängsten befreit, die mich gefangen gehalten hatten. Wenn auch kein Wort fiel, war doch die Botschaft klar. Und diese am eigenen Leib erfahrene Gewißheit, daß Engel so etwas tun können, hat mir dann geholfen, auch andere Ängste zu überwinden.

Ein andermal, einige Jahrzehnte später, fühlte ich mich frustriert und unsicher hinsichtlich der zu treffenden Berufswahl. Ich hatte eine erfolgversprechende Karriere auf einem Gebiet abgebrochen und mich in einer Universität eingeschrieben, um mich auf eine andere Laufbahn vorzubereiten. Aber ich war an einem Punkt angelangt, wo ich in alledem keinen rechten Sinn und Zweck mehr sah. Wiederum geschah es nachts, aber diesmal war ich gerade von einem Traum erwacht, in dem ich ganz allein in den verlassenen Straßen einer Stadt umhergeirrt war, die mir New York zu sein schien, wäre sie nicht so ohne jedes Lebenszeichen gewesen.

Erwacht, sah ich noch immer die Straße vor mir und bildete mir ein, ich ginge darauf weiter. Ohne einen bewußten Entschluß zu fassen, drückte ich die Türklinke eines Hauses und fand, daß die Tür offen war. Ich trat ein. Vor mir das Treppenhaus. Es führte abwärts, also stieg ich die Treppe hinab. Nachdem ich mehrere Stockwerke tiefer gelangt war, war ich einfach zu müde, noch weiter die Stufen hinabzusteigen und ließ mich einfach im leeren Raum zwischen den Treppen fallen. Ich fiel lange und landete schließlich unverletzt auf dem Boden. Dort erblickte ich einen Lichtschein, der aus einem bogenförmigen steinernen Torweg zu kommen schien und durch den ich einen erleuchteten Raum betrat.

Es war ein kreisrunder Raum mit steinernen Wänden wie in einem Turm und einem bogenförmigen Fenster, von dem die Aussicht auf grüne Hügel ging, die mit Bäumen gesprenkelt waren, wie sie Kinder zu malen pflegen — braune Stämme mit kugelförmigem Blattwerk und Orangenfrüchten. Als ich mich im Zimmer umschaute, gewahrte ich einen Mönch in Kutte und Kapuze. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schrieb mit einem Gänsekiel an seinem Stehpult. Dieser Mönch war, wie mir bald klar wurde, ein Engel, der alle meine Probleme und Fähigkeiten kannte. Anfangs nicht sicher, was ich sagen sollte, fragte ich ihn schließlich, wer er sei. Die Gestalt antwortete nicht und drehte sich auch nicht nach mir um, aber einen Augenblick später sank die Kutte samt Kapuze leer zu Boden. Kurz darauf erhob sie sich wieder und ich sah, daß ich nun selbst darin stand und die Feder in der Hand hielt.

Ich ergriff Bleistift und Papier neben meinem Bett und schrieb im Dunkeln und ohne die Augen zu öffnen, so gut es ging, die Worte: Was soll ich tun? Ohne irgendeine bewußte Anstrengung oder Absicht schrieb ich weiter und merkte erst als ich absetzte, was ich geschrieben hatte: Schreibe. Ich dachte bei mir: „Was soll ich schreiben?“ Meine Hand schrieb, das wirst du dann erfahren. Ich wunderte mich und schrieb: „Kann ich wieder zu Ihnen kommen?“ Es erschienen die Buchstaben ja.

Kutte und Kapuze sanken erneut zu Boden, und ich befand mich im Torweg, als ich das beobachtete. Das Bild verschwand, und obwohl es nochmals in mir auftauchte, geschah dabei nichts weiter, und ich versuchte auch nicht bewußt, etwas geschehen zu lassen. Die Visitation war vorbei.

Die „offenbarten“ Worte, die ich niedergeschrieben hatte, erscheinen, hier abgedruckt, fast sinnlos, wenn ich sie nicht in den Zusammenhang des Geschehens und der Gefühle stelle, die ich dabei empfand. Und wenn ich daran denke, habe ich das deutliche Gefühl, daß das Geschehen etwas mit der Gegenwart eines Engels zu tun gehabt habe. Das Erlebnis hat mir meine inneren Reserven und meine geistige Richtung bewußt gemacht, und tatsächlich habe ich seither, was diese grundlegenden Dinge betrifft, nie wieder so starke Zweifel gehabt, daß sie nicht bei der Erinnerung an das Erlebnis mit dem Keller-Turm und dem Mönchs-Engel schwanden und einer neuen Klarheit und Arbeitsfreude gewichen wären.

Das Nachdenken über diese Erfahrungen führt zu einer Reihe anderer Fragen: Woher weiß ich, daß das Licht und der Mönch etwas mit einem Engel zu tun hatten und nicht nur ein Phantasiegebilde waren? Und weiter, wenn es sich dabei tatsächlich um geistige Einflüsse von außerhalb meiner selbst handelte, wie soll ich wissen, ob es gute, engelhafte Einflüsse waren und nicht dämonische? Das kann man weder wissenschaftlich noch mit den Mitteln der Logik entscheiden, obgleich meine innere Gewißheit, daß sie engelhaft waren, im Grunde unumstößlich ist. Wie dem auch sei, wir werden diese Fragen bis zu einem gewissen Grad behandeln, wenn wir in unserer Betrachtung fortfahren.

 

Engel helfen den Menschen zu feiern

Haben wir gute Nachrichten bekommen, ein Problem gelöst, einen Preis gewonnen oder irgendeinen anderen Grund zum Feiern, möchten wir das gern rasch irgend jemandem mitteilen. Das Wesen der Freude besteht ja darin, daß sie größer wird, wenn wir sie mit anderen teilen; und feiern kann man auch besser in Gemeinschaft. Da uns Geister und Engel immer nahe sind und Anteil nehmen an unseren Wertvorstellungen, Zielen und unserer Geisteshaltung, umgibt uns stets ein geistverwandtes Publikum, das sich mit uns freut. Das gilt für schlechte Menschen ebenso, die böse Geister bei sich haben, wie für gute, die sich in Gesellschaft guter Geister und Engel befinden.

Manche Menschen sind an solche Gedanken vielleicht schon im Zusammenhang mit ihrer Religiosität gewöhnt: preisen sie mit Lob- und Dankliedern Gottes Barmherzigkeit, ist ihnen der Gedanke keineswegs fremd, daß Engel daran teilhaben, und sie fühlen auch, daß ihre feierliche Stimmung dadurch noch erhöht wird.

Und das geschieht tatsächlich wohl viel öfter als wir meinen. Engel, die selber voll Freude Gott lobpreisen, haben ihre Freude auch an unserem Gesang. Darum sind wir ihnen besonders nahe, wenn wir Gott mit Freuden lobsingen, und zuweilen spüren wir das auch ganz deutlich.

Aber diese Art gemeinsamen Feierns mit den Engeln und die sie begleitende große Freude, können wir oft auch außerhalb eines formellen Gottesdienstes erleben, nämlich immer wenn wir etwas Nützliches tun: eine Gefälligkeit für unseren Nachbarn, Beteiligung an Gemeinschaftsaufgaben oder auch nur unsere berufliche Arbeit; freuen wir uns darüber, stammt ein Teil dieser Freude von den Engeln um uns. Denn die Engel freuen sich besonders, wenn sie Dinge tun können, die anderen zugutekommen; und verrichten wir freudig unsere Arbeit und sonstigen Geschäfte, einfach weil wir sie gerne gut tun und wissen, daß wir damit anderen nützlich sein können, versetzen wir uns selbst in die Gesellschaft von Engeln und haben an ihrer himmlischen Seligkeit teil.

Wir Menschen empfinden die miteinander geteilte Freude weniger deutlich als die Engel. Für sie ist ihre Freude, wenn sie anderen nützlich sein können, ebenso fühlbar und köstlich wie für uns die Sonne an einem herrlichen Frühlingstag. Wir Menschen erfahren diese Freude vor allem in den inneren Bereichen unseres Gemüts, die uns meist unbewußt sind, wie später dargelegt werden soll: als eine Art innerer Wärme und als Gefühl des Wohlbefindens. So vage solche Freude für die körperlichen Sinne auch sein mag, ist sie doch ein bedeutender Teil unserer Befriedigung, wenn wir uns im Leben nützlich machen, und sie ist ein Geschenk des Himmels, das uns die Engel vermitteln, die um uns sind.

Solche Feierstunden erleben wir auch während der Erholung. Ein Teil der Freude, die Sportler, Musiker, Künstler usw. empfinden, wenn sie bei ihren Übungen deutliche Fortschritte machen, ohne die solche Übungen ja unerträglich stumpfsinnig wären, stammt von Geistwesen, die sich mit- freuen, wenn ein Irdischer etwas gut macht. Dasselbe gilt für Freuden, die wir im Konzert, bei Solo-Vorträgen oder anderen musikalischen Ereignissen erleben. Auch sie stammen teilweise von den Geistwesen, die uns umgeben und sich von Menschen angezogen fühlen, die eine tiefe spirituelle Freude empfinden. Das trifft besonders für musikalische Erlebnisse zu, weil Musik den Geist unmittelbarer berührt als andere Arten der Kommunikation.

Warum das wirklich so ist, zeigt uns die Beziehung zwischen der spirituellen Welt der Engel und unserer physischen Welt. Beide Wirklichkeiten sind durch ein durchgehendes System miteinander verbunden, das als Entsprechung bezeichnet und weiter unten, vor allem im dritten Kapitel, mehr im einzelnen behandelt wird. Ein Aspekt dieses Systems besteht darin, daß alles in dieser Welt, was in unsere physischen Sinne fällt, etwas in der geistigen Welt widerspiegelt, das von Engeln und anderen Geistwesen gesehen, gehört, berührt und gerochen werden kann.

Vor allem, wenn wir etwas tun, das nahezu ausschließlich seelisch oder gefühlsmäßig bestimmt ist, nehmen die Geistwesen daran teil. Konzentrieren wir uns derart auf etwas, so daß unsere körperliche Tätigkeit dadurch fast zum Stillstand kommt, sich selbst unser Atem, Puls und Blutdruck vermindern, dann treten unsere spirituellen Verbindungen deutlicher hervor. Obgleich wir den Geistern gewöhnlich ebenso unsichtbar sind, wie sie unseren körperlichen Sinnen, macht uns Konzentration — ist sie nur tief genug, so daß sie uns von uns selbst abzieht — zuweilen für die uns umgebenden Geistwesen sichtbar. Geschieht das, ist ihr Einfluß auf unsere Gedanken und Gefühle viel stärker und wahrnehmbarer als die übliche unterbewußte Wechselwirkung zwischen ihnen und uns.

Swedenborg zufolge erklärt diese Verbindung die individuellen Verschiedenheiten physischer Erscheinungsformen, wie etwa der musikalischen Töne. Der Gesang drückt Gefühle aus, und Laute (ohne Wörter) übermitteln reine Gefühle lebhafter und verständlicher als die beschwörendste Poesie. Streichinstrumente, ursprünglich entwickelt, um mit der menschlichen Stimme zu wetteifern, haben eine ähnliche Wirkung. Die Gefühle selbst müssen unterschieden werden von dem, wodurch sie ausgedrückt werden. Da ist vor allem der besondere Genius der Singstimme und ihrer instrumentalen Nachahmung durch Blasinstrumente zu nennen, weil der sie belebende Atem seinen Ursprung in den Lungen hat und diese im Körper die geistige Fähigkeit widerspiegeln, zu erkennen und auszudrücken, was wahr ist. Trompeten, Flöten oder Pfeifen rufen Gefühle leichter hervor als sie sie ausdrücken. Dieser Unterschied ist bei den physikalischen Instrumenten subtiler als der geistige Unterschied, den er darstellt. Engel hören Stimmen und Streichinstrumente in Verbindung mit Gefühlen, die durch Ideen in ihnen hervorgerufen werden, Trompeten und Chöre im Zusammenhang mit dem, was sie lieben. Die Wechselwirkung zwischen Trompeten und Chören im großen „Halleluja-Chor“ von Händels „Messias“ macht das deutlich.

Zu jeder Zeit aber umgeben uns Geister oder Engel, die an unseren Zielen und Wertvorstellungen teilnehmen, ob es ihnen oder uns nun bewußt ist oder nicht. Ob wir arbeiten oder spielen, uns grämen oder freuen, für unsere spirituellen Gefährten ist es ganz normal, mit unseren Gedanken und Gefühlen in Wechselwirkung zu stehen. Sobald wir lernen, ihren Einfluß zu erkennen, werden wir merken, daß wir manches intensiver und manches anders empfinden. Wir werden Anregungen empfangen, die uns helfen, unsere Wahrnehmungen besser zu deuten, Impulse zu Handlungen, die uns bisher nicht in den Sinn kamen und Ideen, an die wir nie gedacht hatten. Solche Gefühle und Gedanken kommen jedoch stets auf eine Weise zu uns, die uns erlaubt, sie entweder zu ignorieren oder sie für unsere eigenen zu halten. Gewöhnen wir uns aber daran, ihre Quelle und ihr Wesen anzuerkennen, so werden wir viel leichter fähig, mit den Problemen unseres Lebens fertig zu werden.

 

2. Engel und Geister

Im letzten Kapitel hieß es mehrmals „Engel und Geister“ oder „Engel und andere Geister“; es setzt voraus, daß zwischen den beiden Bezeichnungen zu unterscheiden ist. Geist oder Geister ohne nähere Bestimmung sind die allgemeine Bezeichnung für alle Menschen, die einst auf Erden waren und durch ihren Tod nur noch in der geistigen Welt leben. Engel sind gute Geister im Himmel. Böse Geister wurden oben meist nur als „Geister“ bezeichnet, gelegentlich auch, weil sie in der Hölle leben, als „höllische Geister“ oder als „Teufel“.

Es gibt auch Geister, die weder im Himmel noch in der Hölle, also weder Engel noch Teufel sind. Sie haben noch mit dem Übergang aus dem Leben im physischen Körper in eine rein geistige Daseinsform und Umgebung zu tun. Diese Geister leben in einer „Welt der Geister“, die sich zwischen Himmel und Hölle erstreckt. In dieser Welt sind die Geistwesen noch damit beschäftigt, sich selbst kennenzulernen und die ihnen nur scheinbar angehörenden Eigenschaften auszusondern, die sie während ihres Erdenlebens entwickelt hatten. An deren Stelle entfalten sie nun jene absolut echten Eigenschaften, die für die Engel bereits offensichtlich sind, weil diese sie durchschauen.

Diese Geister haben sich noch etwas von ihrer früheren Anhänglichkeit an physische und weltliche Dinge bewährt, gleichen also mehr uns (den menschlichen Geistern, die noch ein physisches Leben führen) als die Engel und können daher noch leichter und natürlicher mit uns kommunizieren als diese. Wir Geister, die noch mit einem physischen Leib bekleidet sind, befinden uns in der Tat ständig in der Gesellschaft solcher Wesenheiten aus der Geisterwelt. Da deren Ziele und Wertvorstellungen meist den unseren sehr ähnlich sind, haben wir mit ihnen den häufigsten und alltäglichsten geistigen Kontakt. Das ist auch der Grund, weshalb uns die meisten guten geistigen Einflüsse der Engel durch sie vermittelt werden.

Die Verbindung mit den Geistern erfolgt zumeist unbewußt bzw. unterbewußt. Wir können oft tatsächlich nicht sagen, ob unsere guten Ideen oder leitenden Grundsätze unserer eigenen Vorstellung und Urteilskraft entspringen oder der spirituellen Inspiration bzw. Führung. Ein Beispiel:

Vielleicht hatten Sie eine Tante — nennen wir sie Josephine —‚ die Sie, ehe sie starb, oft mit den Worten ermahnte, Ehrlichkeit sei die beste Politik. Geraten Sie nun in eine Situation, wo es schwierig ist, nach diesem Grundsatz zu handeln, fällt Ihnen das wieder ein. Beruht das nun bloß auf Ihrem Gedächtnis bzw. Gewissen, oder hat Ihnen das der Geist von Tante Josephine eingegeben? Beides könnte stimmen, und möglicherweise hat eins das andere verstärkt?

Es gibt jedoch in unserem Leben zuweilen Augenblicke höchster Dringlichkeit, mit unabsehbaren geistigen Folgen für unser ganzes ferneres Leben. Da kann eine bewußte Art besonderer Kommunikation ausschlaggebend sein. Sie kann die verschiedensten Formen annehmen, etwa indem uns Träume einfallen, die uns einst lebhaft beschäftigt haben, oder visionäre Bilder, die einmal in einem hypnagogischen Zustand vor uns aufstiegen. Gelegentlich kann es auch ein „Zeichen“ sein, das uns aufrüttelt und einen einst gedankenlos eingeschlagenen und in die falsche Richtung führenden Weg abbrechen läßt. Zuweilen geschieht es auch durch sogenannte Tagträume — manchmal auch einfach dadurch, daß wir bei dem, was wir gerade tun oder denken, unterbrochen werden. Es mag auch sein, daß wir — auf eine Weise, die momentan am besten für uns ist — Geister sehen oder hören, oder beides. Alle diese Kontakte kann man natürlich, wenn man das will, leicht als bloße Einbildung abtun und wegerklären. Darum bin ich auch überzeugt, daß ein halbwegs bewußter spiritueller Kontakt häufiger und bei mehr Menschen vorkommt als wir annehmen. Dennoch ist dieser Kontakt mit Geistern heutzutage in unserer Zivilisation selten, wenigstens im Vergleich zu unterbewußten geistigen Einflüssen. Unmittelbare Kommunikation von seiten der Engel ist sogar noch seltener.

Dazu kommt folgendes: Diese Geister sind uns so ähnlich, daß sie uns ganz vertraut vorkommen. Geister unserer Lieben, die uns unter bestimmten Umständen gelegentlich kurz nach ihrem Tode erscheinen, sehen gerade so aus wie ehe sie starben. Engel hingegen sind uns ganz und gar unvertraut. Wenn sie auch einander als jene menschlichen Wesen sehen, die sie einst waren, so erscheinen sie in der Geisterwelt doch oft unter Gestalten, die nur Geister erkennen können — vielleicht als Lichtgestalt, so blendend hell, daß man sie nicht direkt anschauen kann, oder in irgendeiner anderen Form, die sie darstellt. Engel haben zwar die Macht, Geistern, ja sogar physischen Menschen als Person oder in irgendeiner anderen, ihrer Absicht dienlichen Weise zu erscheinen, aber es geschieht recht selten. Zumeist erscheinen die Engel, wenn sie vom Menschen wahrgenommen werden, als ein Wesen oder ein Etwas, das dieser noch nie gesehen hat.

Die Engel oder Cherubim, die als Wache vor den Garten Eden gestellt wurden, hatten ein Flammenschwert, das sich hin und her bewegte (Gen 3, 24), und der Engel, der mit Jakob kämpfte (Gen 32, 24), sah aus wie ein Mann, den Jakob noch nie gesehen hatte. Der Engel, der 5000 Assyrer tötete (Jes 36, 36), blieb unsichtbar, zumindest für die Lebenden, aber die Engel oder Seraphim, die Jesaja im Tempel sah (Jes 6,2) und die „Lebewesen“, die Hesekiel am Flusse Chebar schaute (Hes 1, 4-28), glichen keinem Menschen oder Tier, das je ein irdisches Auge erblickte. Die Cherubim Jesajas „hatten sechs Flügel; mit zweien bedeckten sie ihr Angesicht, mit zweien ihre Füße, und mit zweien flogen sie“. Hesekiels Vision war womöglich noch surrealistischer: Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter, das eines Menschen, eines Löwen, eines Kalbs und eines Adlers, und sie fuhren auf einem Wagen mit Rädern innerhalb von Rädern, die einen Thron von Saphir trugen mit einer von Flammen umgebenen menschlichen Gestalt darauf.

Als heutige Beispiele mögen die Erscheinung eines Engels in dem von mir geschilderten Traum und mein traumartiges Erlebnis im Keller-Turm dienen. Das Licht, das in meinen Augen etwas Persönliches und Absichtsvolles hatte, paßt zu meiner Vorstellung vom Aussehen der Engel, und es hatte die Macht, die ich mit den Engeln verbinde. Der „Mönch in seiner Kutte scheint mir auch ein Engel gewesen zu sein; unter anderem weil die Szene im Keller-Turm so unwahrscheinlich war und mir die Gestalt des Mönches selbst nicht erschien, ich vielmehr nur die Kutte sah. Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, sie seien keine Geister gewesen und ich sie nur wegen ihres Aussehens für Engel hielt; doch glaube ich, daß es sich um Engel handelte.

Die Frage, ob meine Analyse der Erlebnisse richtig ist, erscheint freilich in diesem Zusammenhang nicht so wichtig. In der geistigen Welt jedenfalls sind Engel und Geister deutlich unterschieden, wie unsicher auch unsere Wahrnehmung von ihnen sein mag.

 

Böse Geister

Es gibt noch einen Grund, Engel und Geister getrennt zu behandeln: nur gute Geister sind Engel, aber nicht alle Geister zählen zu den guten. In manchen Fällen führt der Prozeß der Selbsterkenntnis, den alle Geistwesen nach dem physischen Tod durchmachen, dazu, daß ein solcher Geist sich unter üblen Genossen am wohlsten fühlt. Mit anderen Worten: Wenn Geister zur vollen Selbsterkenntnis gelangen, kann es sein, daß sie sich in der Hölle zu Hause fühlen.

Warum jemand dazu kommen kann, die Hölle zu wählen, wird später erklärt werden. Solche Geistwesen — ob bereits in der Hölle oder noch in der Geisterwelt, die aber zur Hölle neigen — sind ebenso fähig, unser Leben zu beeinflussen, ja sogar in bewußten Kontakt mit uns zu treten, wie gute Geister und Engel.

Das mag ein beängstigender Gedanke sein, er unterliegt jedoch einigen Einschränkungen. Vor allem ist folgendes zu sagen: Nur jene Geistwesen sind zu irgendeinem Zeitpunkt am engsten mit uns Menschen verbunden, deren Ziele und Motive den unseren am ähnlichsten sind. Tun wir also etwas Gutes und für andere Nützliches und konzentrieren uns völlig darauf, so hat das zwei gute Folgen: Böse Geister bleiben uns fern, weil sie mit solchen Absichten und Ideen nichts zu tun haben wollen, und gute Geister fühlen sich zu uns hingezogen, um uns bei solchem Tun zu helfen; sie halten die bösen Geister fern.

Zweitens: Gott und alle himmlischen Engel beschützen uns vor bösen Einflüssen, solange wir das auch wirklich wollen. Engel und Geister werden uns immer dann helfen, das Böse zu meiden oder ihm zu widerstehen, wenn wir uns ihre Hilfe wirklich wünschen, aber niemals werden sie uns ihre Hilfe aufdrängen.

Jedoch schützt uns weder die eine noch die andere Art der Hilfe vollständig vor bösen Einflüssen, wenn wir diese anziehend finden und in Betracht ziehen. Erwägen wir auch nur in Gedanken, etwas Selbstsüchtiges zu tun oder gar entsprechend aktiv zu werden, ziehen wir die Gesellschaft selbstsüchtiger Geister an. Fassen wir einen Plan, um uns auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, treten wir der Gemeinschaft unredlicher und selbstsüchtiger Geister bei. So steht uns Hilfe aus der geistigen Welt jederzeit zur Verfügung, wenn wir irgend etwas wirklich wollen — Hilfe von Engeln für gute, von höllischen Geistern für böse Zwecke.

Dasselbe gilt auch, wenn wir uns zwischen Alternativen entscheiden müssen. Solange wir zwischen ihnen hin und her schwanken, sind gute und böse Geister in unserer Nähe. Die einen wie die anderen versuchen unsere Entscheidung dadurch zu beeinflussen, daß sie uns Gründe zuspielen, die unsere Entscheidung nach dieser oder jener Seite unterstützen oder rechtfertigen. Haben wir uns dann entschieden, kommt uns die eine der beiden Seiten noch näher und drängt zugleich die andere zurück. Wenn wir das Resultat einer Handlungsweise um seiner selbst willen und ohne Rücksicht darauf wünschen, was andere von uns denken, und die Tat auch wirklich ausführen, dann tritt die Seite, die uns die Alternative zu unterstützen suchte, weit in den Hintergrund zurück. Unsere langfristigen Absichten und grundlegenden Wertvorstellungen zählen bei dieser geistigen Hilfe viel mehr als einmalige ad-hoc-Entscheidungen. Und wir sollten wissen, daß selbst unsere besten Absichten niemals völlig unvermischt mit Bösem sind — und umgekehrt. Uns scheint nur so, als stünden unsere besseren Absichten im vollkommenen Gegensatz zu den schlechten, so daß wir den Eindruck haben, uns zwischen schwarz und weiß entscheiden zu müssen.

Vor einigen Jahren wurde ein Zeitschriften-Artikel kontrovers diskutiert, demzufolge der ehemalige Präsident der USA, Jimmy Carter zugegeben habe, in seinem Herzen auch schon Ehebruch begangen zu haben, wobei er sich auf Mat. 5, 28 bezog. Sein Kommentar löste bei vielen, die vielleicht weniger über das Evangelium als über den Ehebruch nachgedacht hatten, die Frage aus, ob man bereits von Schuld oder Verdammnis sprechen könne, wenn eine Handlung nur in Betracht gezogen, aber entweder zurückgewiesen oder nicht ausgeführt wurde. Im Zusammenhang mit der hier besprochenen Wechselwirkung zwischen uns und den Geistern wird diese Frage etwas klarer.

Man kann Ehebruch weder akzeptieren noch ablehnen, ohne sich bewußt zu überlegen, was er bedeutet. Bis dahin ist also weder Tugend noch Schuld im Spiel. Doch genau an diesem Punkt nähern sich uns gute wie böse Geister mit ihren gegensätzlichen Einflüssen. Entscheidet sich ein Mann eine verheiratete Frau nicht zu verführen, so dürfte das als Sieg der Engel erscheinen, und der betreffende Mann mag es auch so empfinden. Aber in der Welt der Geister könnte diese Entscheidung weniger wiegen als die Gründe, die hinter dieser Entscheidung standen. Fällt ein verheirateter Mann diese Entscheidung, weil er Ehebruch für Sünde hält, dann wäre das wirklich ein Sieg für die Engel, aber auch ein anderer, weniger spezifischer Grund kann ein Triumph für die Engel sein: Vielleicht hat er die Versuchung nur deshalb zurückgewiesen, weil ihm ein Ehebruch „nicht recht schien“ oder weil er auf diese Weise sein Ehegelöbnis brechen würde; vielleicht beruhte seine Entscheidung darauf, welchen Schaden er der Ehe oder dem Gewissen der anderen Frau zufügen würde, die er „anschaute“ und begehrte (Mat. 5, 28) oder weil diese es nicht wünschte. Sich aus diesen oder ähnlichen Gründen gegen sexuelle Beziehungen mit einem Menschen zu entscheiden — wenn sie nur ihren Ursprung im Respekt für die Ehe, für persönliche Verpflichtungen oder für die Integrität einer bestimmten Person haben — wäre immer noch ein größerer oder kleinerer Sieg der Engel — je nachdem wie tief und umfassend der für die Entscheidung ausschlaggebende Grundsatz war.

Kommt jedoch ein verheirateter Mann nur darum zu dem Entschluß, Ehebruch zu meiden, weil er für seinen guten Ruf in der Öffentlichkeit fürchtet, sobald es bekannt würde, hätten seine Engel keinen Grund zur Freude. Das gilt auch, wenn er den Ehebruch nur unterläßt, weil er Angst vor dem anderen Ehemann hat oder aus irgendeinem anderen Grund Schaden fürchtet; oder ganz einfach, weil sich ihm keine Gelegenheit bietet. In solchem Fall gehörte der Sieg den höllischen Geistern und wäre größer oder kleiner, je nach den ausschlaggebenden Gründen. Beabsichtigt ein Mensch den Ehebruch, führt ihn aber nur aus Furcht vor den möglichen Folgen für ihn selbst nicht aus, öffnete er den ehebrecherischen Geistern einen stärkeren Einfluß auf ihn als zuvor, einen größeren als den selbstsüchtigen Geistern, die mehr Wert auf Reputation, persönliche Sicherheit und dergleichen legen als auf höhere Grundsätze. Zudem würde dadurch den guten Geistern der Einfluß auf seine zukünftigen Entscheidungen sehr erschwert.

Die Fähigkeit böser Geister, sich gewissermaßen an unsere Absichten anzuhängen, wenn diese schlecht — oder einfach ungut — sind, sollte für alle ein Warnsignal sein, die offenen Umgang mit Geistern suchen. Eine pauschale Ermutigung oder Verdammung solcher Praktiken geht am Entscheidenden vorbei, das nämlich in unserer grundsätzlichen Motivation liegt, weshalb wir einen derartigen Kontakt suchen. Es kann sehr wohl sein, daß uns — völlig unbewußt — eine geistige Absicht leitet, die wir dann rational erklären und rechtfertigen, und nur diese Absicht zählt für die uns umgebenden Geistwesen.

Die Wahl unserer geistigen Gefährten ist nicht der einzige, aber ein ganz wichtiger Faktor, der unser Leben beeinflußt. Wenn wir aus echter Liebe zu Gott unseren Mitmenschen gegenüber handeln, und himmlische Hilfe für die Aufgaben erbitten, die damit zusammenhängen, dann ziehen wir Engel und andere Geistwesen an, die uns wirklich helfen können. Sucht man aber nur aus abenteuerlicher Neugier Kontakt mit der Geisterwelt, zieht man ähnliche Geister an — vielleicht solche, die einst die Revolverblätter verfaßten, die man in den Supermärkten kauft! Oder wenn es einem bei solchen Kontakten um Vorteile an der Börse oder um einen Blick in die Zukunft zu tun ist, weil die Geister angeblich aus ihrer Perspektive jenseits der Zeit besser darüber Bescheid wissen, wird man möglicherweise ehemalige Börsenmakler anziehen, die „Insider-Geschäfte“ gemacht haben, oder Geister, die einst ihr Geld damit verdienten, daß sie den Menschen verrieten, auf welches Pferd sie setzen sollten. Einer meiner Freunde sagte einst: „Wenn du keine Aktien gekauft hättest, die dir von Onkel Louis empfohlen wurden, als er noch lebte, was bringt dich auf den Gedanken, er sei jetzt, wo er tot ist, zuverlässiger?“

Natürlich bringt es Gefahren mit sich, wenn wir uns vermehrt spirituellen Einflüssen öffnen. Diese Gefahren sind keineswegs leicht zunehmen, wie hier nicht weiter ausgeführt werden muß. Geister und ihre Einwirkungen auf unser Leben sind real und mächtig. Da unsere tiefsten und oft unbewußten Beweggründe viel mit diesen uns umgebenden Geistwesen zu tun haben, ist die Kontaktsuche weder ein Spiel noch darf sie auf die leichte Schulter genommen werden.

Jahweh‘s Warnung an die Adresse des Propheten, alle zu meiden, die da sagen: „Befraget die Totengeister und Wahrsagegeister, die da flüstern und murmeln...“ (Jes. 8, 19), mag den modernen, wohlerzogenen „Sensitiven“ belanglos erscheinen, und doch ist die Möglichkeit, Kontakt mit Geistern aufzunehmen, eine wichtige Entscheidung. Bei Jesaja heißt es an der angeführten Stelle weiter: „Soll nicht ein Volk (vielmehr) seinen Gott befragen?“ (8, 19). Das verweist uns wieder auf die Frage nach dem Motiv. Wenn man sich an ein Medium oder eine sensitive Person wendet, statt Gott im Gebet um Beistand anzugehen, handelt es sich möglicher weise um Abwendung von Gott. Andererseits können wir die Kommunikation mit Geistwesen auch erfahren, wenn wir uns im Gebet an ihn wenden. Ich kenne eine Frau, die, als sie Gott um Trost über den Verlust ihres Sohnes gebeten hatte, von ihrem Pfarrer zu einem bekannten Medium geschickt wurde, bei dem sie den Trost fand, um den sie gebetet hatte.

 

Das Schlachtfeld

Die Vorstellung, daß gute und böse Geister mit entgegengesetzten Einflüssen auf uns einwirken, während wir zwischen ihnen wählen sollen — etwas, das wir ständig zu tun haben — ruft ein anderes Bild hervor. Ein Klischee, sehr populär bei politischen Kommentatoren und vielfach gebraucht, wenn es um Wahlen oder Entscheidungen geht, lautet: der Präsident, der Kongreß oder irgendeine politische Gruppierung habe „einen Kampf um die Herzen und Seelen“ der Wähler geführt. Die beiden Arten von Geistern, die vom Himmel geleiteten und die anderen, kämpfen in der Tat um die Herzen und Seelen der Menschen. Als mit physischen Körpern bekleidete Geistwesen sind wir und unser Leben das Schlachtfeld.

Der Apostel Paulus schrieb, daß „unser Ringkampf nicht mit Feinden aus Fleisch und Blut ist, sondern mit ... den Geisterwesen der Bosheit“ (Eph. 6, 12). Aus dieser Sicht könnte man sagen, dieses Ringen ist der Sinn des Lebens überhaupt. Unsere physischen Leiber zwingen uns von Anfang an zur Selbstverteidigung; wir müssen uns um Nahrung, Kleidung und Unterkunft bemühen — um alles, was uns am Leben erhält, uns gesund und komfortabel sein läßt, ohne Rücksicht auf andere. Körperliches Überleben ist nun einmal ichbezogen, und das wird von bösen Geistern gern dazu benutzt, um es in Selbstsucht, ja — wenn möglich — sogar in ein Streben nach Gewaltherrschaft zu wandeln. Wenn wir heranreifen, entfaltet unser Geist andere Werte, etwa die Liebe zu bestimmten Menschen oder Dingen, die nicht direkt zu unserem physischen Überleben beitragen, also altruistische Werte. Gute Geister ermutigen uns dabei und trachten danach, daraus himmlische Tugenden in uns zu gestalten.

Körperliche Existenz und geistiges Leben bilden in uns, was man auch als unsere zwei menschlichen Naturen bezeichnen könnte. Die körperliche Natur umfaßt alles, was mit unserem Körper und seinen unzähligen und unentwirrbaren Verbindungen zu anderen Menschen und Dingen in der materiellen Welt zu tun hat. Dieses ganze verwickelte System ist jedoch seinerseits vernetzt mit unserer geistigen Natur. Erst beim physischen Tode löst sich diese Verbindung; aber solange unser Geist im Körper lebt, bleiben die beiden Naturen folgerichtig voneinander abhängig, jedoch in Spannung oder Konflikt miteinander. Dieser Widerspruch in uns, in Verbindung mit unserer Fähigkeit, frei zu entscheiden, welche von beiden Naturen wir bei den unzähligen Entscheidungen in unserem Leben vorziehen wollen, formt unsere Persönlichkeit und unseren Charakter. Letztlich ist das Resultat all dieser Entscheidungen unser wahres Selbst, das wir während unseres Aufenthalts in der Geisterwelt entdecken.

Wir Menschen, als mit einem physischen Körper bekleidete Geistwesen, sind anders als Engel und Geister, die Leiber geistiger Art haben. Die Fähigkeit unseres physischen Leibes, unsichtbare Gedanken und Gefühle sichtbar auszudrücken, ermöglicht eine weitere Unterscheidung zwischen uns und den Geistern: Wir Menschen sind fähig, unsere wahren Gefühle und Absichten falsch darzustellen oder, wie Shakespeare seinen Hamlet sprechen läßt: „Man kann lächeln und immer wieder lächeln, und doch ein Schurke sein.“ Diese Fähigkeit ist nicht unbedingt und in jedem Falle schlecht. Verstellung kann in manchen Fällen lebenswichtig sein. Vieles von dem, was wir als zivilisiertes Verhalten bezeichnen, beruht darauf, daß wir Konkurrenten, Gegner, in gewissen Fällen sogar Feinde höflich anlächeln und scheinbar kühl Dinge mit ihnen besprechen, an denen wir leidenschaftlich interessiert sind. Ein Beispiel sind auch die „ernsten Gespräche“ von Eltern mit ihren Kindern. Friedenskonferenzen sind ein anderes; sie würden gar nicht erst beginnen, wenn die einzelnen Teilnehmer ihre persönlichen Gefühle nicht bis zu einem gewissen Grad verbergen könnten. Täuschung ist eine jener Waffen, die auf dem Schlachtfeld der physischen Welt, in der geistige Qualitäten erst herangebildet werden, jederzeit benutzt werden können. In der geistigen Welt gibt es weder Kriege noch Friedenskonferenzen, ebenso wenig körperliche Gesichter, die die wahren Gefühle verbergen können. Dort treten alle Gefühle offen zutage. Die Unfähigkeit der Verstellung macht es Geistern unmöglich, sich unter Wesen mit anderen Wertvorstellungen und Absichten wohlzufühlen und verhindert jede Art von Täuschung.

Ohne die Spannungen, die sich aus unserer physisch-geistigen Beschaffenheit ergeben, und ohne unsere Fähigkeit zur Täuschung finden sich Geister mit weit weniger Versuchungen konfrontiert. Das bedeutet zugleich, daß sie weniger Gelegenheiten haben, jene Entscheidungen zu treffen, die den Charakter bilden. Die wichtigsten Gelegenheiten, geistig zu wachsen und sich zu entfalten, liegen daher in unserem gegenwärtigen Leben. Entscheidungen, die wir mit oder gegen die Engel und guten Geister um uns herum treffen, bestimmen weitgehend, wo wir schließlich unseren Platz in der geistigen Welt finden werden, im Himmel oder in der Hölle.

Genau darin liegt der Wert für uns, um Engel und Geister zu wissen. Wenn wir versucht werden, wenn uns die Einflüsse böser Geister attraktiv oder gar zwingend erscheinen, kann ein gewisses Verständnis, daß engelhafter oder dämonischer Einfluß im Spiel ist, in mehrfacher Hinsicht hilfreich sein.

Zum einen kann es uns helfen, zu wissen, daß die Attraktivität von irgendetwas, bzw. der scheinbare Zwang zu irgendeiner besonderen Handlung auf dem Einfluß böser Geister beruht, statt auf irgend einer Anlage oder gar Unabänderlichem in uns selbst oder im Gegenstand unseres Verlangens. Solches Wissen kann eine große Kraft sein, wenn wir es dazu benutzen, unsere Gefühle und die sie begleitenden, begründenden Gedanken zu objektivieren und als Eindringlinge zu entlarven, die es zurückzuweisen gilt. Ebenso dient uns die Gewißheit, daß Engel uns dabei zur Seite stehen, wenn wir ihre Hilfe mit ganzem Herzen suchen. Das kann uns vom Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der betreffenden Versuchung befreien.

Das Wissen um Engel und Geister kann uns aber ebenso wenig helfen wie die Engel selbst, wenn wir das, was wir versucht sind zu tun, wirklich tun wollen. Die Engel können nur dann helfen, wenn wir ihre Hilfe mehr als alles andere begehren. „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, läßt Goethe die Engel über Faust sagen. Wenn aber Beistand in der Versuchung das ist, was wir wirklich wollen, so erlangen wir ihn auch. Und dieser Beistand ist unbesiegbar.

Unbesiegbarkeit ist eine der wichtigen Charakteristiken der Engel. Da sie für das Wahre und Gute wirken oder kämpfen, steht ihnen die Macht Gottes, also die einzige Macht, die es wirklich gibt, zur Verfügung. Keine Macht der Hölle kommt der eines Engels gleich, und durch unser Gebet können wir ganze Scharen von Engeln herbeirufen. Gutes und Wahres triumphieren unter allen Umständen, wenn wir darum aus tiefstem Herzen bitten.

Freilich erleben wir die Versuchung durch böse Geister niemals als etwas so Einfaches, wie sie wirklich ist. Einmal weil die Wahrheit hinter dem Einzeiler — „ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung!“ — darin besteht, daß wir uns bei ernsthaften Versuchungen keineswegs so ohne weiteres wünschen, sie möchten vorübergehen. Zum anderen kann es sein, daß unser erdgebundenes Bewußtsein all die Hilfen gar nicht wahrnimmt, die wir bekommen haben. In dem Fall mag es sein, daß wir zwar um Hilfe gebetet, aber keine sofortige und vollständige Erleichterung gespürt haben. Dann haben es böse Geister leicht, uns zu überzeugen, daß unsere Gebete überhaupt nicht gehört wurden. Wenn wir dann aufgeben, obgleich die Engel schon beinahe gewonnen hatten, ist der Sieg der Teufel umso tragischer. Auch wenn Engel uns nur helfen, sofern wir nur rückhaltlos darum bitten — so werden sie die Versuchung besiegen.

Nur wenige glauben wirklich an die volkstümliche, aber törichte Ausrede für eine böse Tat: „Der Teufel hat mich dazu angestiftet“ — schon weil wenige an den Teufel glauben. Aber auch die Tatsache, daß es böse Geister, also Teufel gibt, verleiht der alten Ausrede keine Glaubwürdigkeit, da trotz ihrer furchtbaren Realität keine dämonische Macht auch nur vor einem einzigen Engel bestehen kann. Was immer wir tun, kein Teufel kann uns dazu veranlassen, es sei denn, wir selbst hätten es irgendwie gewollt. Ein Hilferuf aus ganzem Herzen, und mit Hilfe des Himmels wären wir der Versuchung Herr geworden.

Unsere Erfahrung beim Kampf gegen Versuchungen scheint jedoch niemals so eindeutig zu sein. Viele Menschen sind sich darüber klar geworden, daß ihre eigene Achillesferse darin besteht, Entschuldigungen für ihre Handlungen zu finden. Sobald wir überlegen, ob wir etwas Gutes oder Böses tun sollen bzw. uns für gute oder böse Motive entscheiden, sehen wir die zahllosen Schattierungen von Grau zwischen ihnen und fragen uns, was wir wirklich wollen, uns erhoffen oder glauben. Selbst wenn wir uns selber diese Fragen nicht stellen, böse Geister sind stets bereit, sie uns aufzuzeigen. Das Positive an diesem trüben Bild besteht in der Möglichkeit der Hilfe von seiten der Engel und guten Geister. Wenn wir damit aufhören, selbst herausfinden zu wollen, was Recht oder Unrecht, gut oder böse ist und statt dessen aufrichtig um Hilfe bitten und sie auch annehmen wollen, wenn sie gewährt wird, ist der Weg vor uns klar — zumindest klar genug, um weiterzugehen. Die Finsternis hat das Licht nicht besiegt (Joh. 1,5), und der Teufel kann uns nicht zu einer Tat zwingen.

Der „Teufel“, der Mat. 4 zufolge Jesus in Versuchung führte, „Satan“ nach Luk. 10, 18, „der Teufel und seine Engel“, wie es in Mat. 25, 41 heißt, beziehen sich entweder auf ein Beispiel oder auf die Gesamtheit der dämonischen Mächte, nicht aber auf einen Fürsten des Bösen, der in irgendeinem Sinne als Gottes Gegenspieler oder „Schöpfer des Bösen“ gelten könnte. In den tönenden Worten des Propheten Jesaja ist es Gott allein, der für alles verantwortlich ist: „Ich bin Jahwe, und keiner sonst, der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin‘s, der all dies wirkt“ (45, 6 f.). Gottes Macht, uns unmittelbar oder durch Engel zugänglich, ist alle Macht, die es gibt. Aber ein Teil dieser Macht wurde uns von Gott im Schöpfungsakt verliehen, als er uns „ein wenig niedriger als Gott“ schuf (der Ü.: meist wird übersetzt: „wenig geringer als Engel“). Gott gab uns die Macht der Entscheidung zwischen der Annahme oder Zurückweisung seiner Hilfe. Berichte über dämonische Besessenheiten, angefangen bei den Heilungsberichten der Evangelien, bis hin zur Arbeit von Paul Tillich, Rollo May und M. Scott Peck, sind höchst lebendige Beschreibungen einer schrecklichen Wirklichkeit. Aber ich habe keine Schilderung der Macht des Bösen finden können, die mein Vertrauen in die größere Macht Gottes und seiner Engel schwächen könnte.

Wer das Bild vom Leben als einem Schlachtfeld wirklich ernst nimmt, wird wünschen wollen, auf Seite der Engel zu stehen!

 

Geister, die zu Engeln werden

Weiter vorn in diesem Kapitel hieß es, die Geister arbeiteten am Übergang von ihrem physischen zum rein geistigen Leben. Um diesen Übergang zu schaffen, müssen sie zuerst einmal akzeptieren, daß sie „gestorben“ und trotzdem lebendig sind. Ebenso müssen sie sich ihres geistigen Leibes bewußt werden, sich mit den Eigenschaften ihrer geistigen Umgebung bekannt machen und nach und nach ihren wahren Charakter erkennen.

Letzteres — der Prozeß der Selbsterkenntnis — ist für die meisten der schwierigste Aspekt des Übergangs. Die typisch menschliche Fähigkeit, wahre Gefühle und Absichten zu maskieren, ist so wirksam, daß es die meisten von uns fertig bringen, sich selbst ebenso wie andere hinter‘s Licht zu führen. Wenn wir uns vorzustellen versuchen, worin eigentlich unser höchster Wert besteht und was wir tatsächlich tun würden, wenn uns alles möglich wäre und uns niemand dabei auf die Schliche ungesetzlicher Handlungen käme, mag uns die Antwort schwer fallen, vielleicht unmöglich sein. Ja, sie könnte auch mehrfach wechseln, wenn wir nur lange genug darüber nachdächten.

Geister haben nicht die Fähigkeit, andere Geister zu täuschen, aber während der Übergangsperiode gibt man ihnen etwas Zeit, das selbst herauszufinden. Den meisten Geistern erlaubt man, sich durch ihre eigenen Selbst-Täuschungen hindurchzuarbeiten, um sich ihrer wahren Natur bewußt zu werden, ehe sie merken, wie andere sie sehen. Manche realisieren das rasch, da sie schon im irdischen Leben sich selbst gegenüber um Aufrichtigkeit bemüht waren. Andere hingegen, die selbst an die „Fassade“ glaubten, die sie ihren Mitmenschen präsentierten, brauchen Zeit und Hilfe beim Prozeß der Selbsterkenntnis.

Ein Erfahrungsweg zur Selbsterkenntnis der Geister ergibt sich aus der Freiheit und Offenheit des geistigen Lebens. Geister brauchen ihre Aufmerksamkeit lediglich auf irgendetwas Bestimmtes zu konzentrieren, das sie besonders schätzen, und schon finden sie sich in Gesellschaft anderer, die es ebenfalls begehren. Kaum denken sie an irgendeine besonders erfreuliche Handlung, so sehen sie sich schon in Gesellschaft anderer, die etwas Ähnliches im Sinn haben. Auf diese Weise können sich Neulinge in der Geisterwelt mit Gruppen von Geistern ähnlicher Wertvorstellungen und Absichten zusammentun und dabei Erfahrungen machen, so daß sie rasch merken, ob sie sich unter ihnen wohl fühlen oder nicht. Fühlt sich ein Geist unter anderen Geistern nicht wohl, obgleich diese sich dasselbe vorgenommen haben, von dem er sich selbst und anderen gegenüber immer gesagt hat, das sei sein Wunsch, so muß er einsehen, daß er in Wirklichkeit doch wohl etwas ganz anderes wollte. Nahm ein anderer Geist immer eine besondere Neigung zu einem bestimmten Tun für sich in Anspruch, fühlt sich aber unter Geistern fehl am Platz, die dasselbe behaupten, muß er erkennen, daß seine vorgebliche Begeisterung nur scheinbar war und er in Wirklichkeit etwas anderes viel höher schätzte.

Da unsere Selbsttäuschung sehr vielschichtig sein kann, müssen manche Geister viele geistige Gemeinschaften durchlaufen, ehe sie sich in einer von ihnen wirklich zu Hause fühlen, was zugleich bedeutet, daß sie endlich ihr wahres Selbst gefunden haben. Geister, die sich am wohlsten unter denen fühlen, die die Wahrheit lieben und das Gute beabsichtigen, befinden sich im Himmel, und Geister, die sich im Himmel wohlfühlen, sind Engel. Es gibt zahllose Gemeinschaften in allen Bereichen des Himmels, darum kann jeder Geist seine wahre Heimat finden.

Andere Geister wiederum können sich in keiner einzigen himmlischen Gemeinschaft wohlfühlen, ebenso wenig wie ein Fisch ohne Wasser leben kann. Sie fühlen sich am wohlsten unter höllischen Geistern, die Lügen bevorzugen und gern anderen schaden. Ein von außen auferlegtes Gericht ist nicht erforderlich, um sie zur Hölle zu „schicken“. Das absolute Selbst-Bewußtsein, das in der geistigen Welt herrscht, sortiert die Geister so genau, daß alle ganz von selbst ihre Heimat finden.

Weil die Selbst-Einschätzung bei manchen Geistern sehr lange dauert, ist die Geisterwelt zwischen Himmel und Hölle ein so belebter „Ort“, angefüllt mit Gemeinschaften, die noch an ihren menschlichen Erinnerungen und Anliegen festhalten. Es handelt sich um die Geister, die mit den Irdischen noch am meisten gemeinsam haben und am leichtesten durch Medien, meditative Techniken oder mit anderen, auf direkten Kontakt zielenden Mitteln erreicht werden können. Weil diese Geister sich noch immer um Dinge kümmern, die für sie wichtig waren, als sie noch in ihren physischen Leibern lebten, warnen wir nochmals davor, absichtlich Kontakt mit ihnen zu suchen. Ihre Verwicklung in weltliche und körperliche Dinge läßt viele ihrer Durchsagen trivial und banal erscheinen; und wenn wir ihren Rat darum ernst nehmen, weil wir meinen, er komme doch aus einer geistigen Quelle, kann das zur Fixierung oder zumindest zu Torheit führen. In den meisten Fällen suchen die Geister von sich aus keinen Kontakt mit uns Menschen in dieser Welt, außer unter Leitung der Engel oder der Teufel — falls wir geneigt sind, derartige Geister willkommen zu heißen.

 

3. Wer sagt das?

Das meiste von dem, was bis hierher über die Engel gesagt wurde — ausgenommen meine eigenen Erfahrungen oder die von Freunden — stammt von Emanuel Swedenborg. Er war ein Bergbau-Fachmann des 18. Jahrhunderts und ein theoretischer Physiker, der behauptet, die letzten 27 Jahre seines Lebens beinahe täglich Umgang mit Engeln und anderen Geistern gehabt zu haben. In der Natur einer solchen Behauptung liegt, daß wir von diesen Erfahrungen nur wissen können, was er uns berichtet. Darum ist wichtig, sich ein Bild davon zu machen, was für ein Mensch Swedenborg war.

 

Der Mensch

Sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits waren Swedenborgs Vorfahren Eigentümer von Minen und Schmelzöfen. Er selbst wurde 1688 als Sohn eines Hofpredigers zu Stockholm geboren. Sein Vater wurde später Professor und Dekan der Theologischen Fakultät in Uppsala und Bischof der schwedisch-lutherischen Reichskirche in Skara.

Die folgenden Abschnitte enthalten biographische Informationen, die unmittelbar mit Swedenborgs Glaubwürdigkeit zusammenhängen. Wer mehr Informationen wünscht, sei auf die Arbeit von George F. Dole und Robert H. Kirven verwiesen: „Ein Naturwissenschaftler erforscht geistige Welten“ (New York und West Chester, Swedenborg-Foundation 1992; die deutsche Übersetzung von F. Horn erscheint demnächst im Swedenborg Verlag Zürich. Das Buch enthält zusätzliche Angaben über Swedenborgs Leben, einen bibliographischen Führer zu anderen Biographien und Quellen, sowie eine Zusammenfassung seiner wichtigsten theologischen Ideen. Eine ausführliche Darstellung gibt Ernst Benz, ein international bekannter evangelischer Theologe, in seinem Werk „Emanuel Swedenborg — Naturforscher und Seher“, Swedenborg Verlag Zürich 1970.

Der junge Emanuel hatte zu seinem Vorteil einen ausgezeichneten Lehrer, konnte in Uppsala studieren, anschließend in England, Holland und Frankreich bei hervorragenden Mathematikern und Physikern seine Studien während vier Jahren abrunden. Als er nach Schweden zurückkehrte, wurde er von König Karl XII. gefördert, der ihn zunächst als Gehilfen von Christopher Polhem, dem führenden schwedischen Erfinder und Hofmechanikus, einsetzte; später betraute Karl ihn mit einem leitenden Amt in der schwedischen Bergbaubehörde. All das geschah, als er noch keine 30 Jahre alt war. Mit 36 fiel ihm eine nicht unbedeutende Erbschaft zu, die ihm zusammen mit seinem Gehalt bis zum Tode im Jahre 1772 eine gewisse Unabhängigkeit sicherte. Als Vertreter seiner in den Adelsstand erhobenen Sippe war er ein angesehenes Mitglied des Adelshauses des schwedischen Reichstags und befreundet mit der Elite des Landes. Regelmäßig sah man ihn als Gast des Königs bei Hofe. Seine Berufspflichten und wissenschaftlichen Interessen führten ihn zunächst zur theoretischen Mineralogie. Im Alter von 46 veröffentlichte er zu Leipzig seine dreibändigen, in lateinischer Sprache verfaßten „Philosophischen und Mineralogischen Werke“. Namentlich der erste Band, „Principia Rerum Naturalium“, gibt den Wissenschaftshistorikern Anlaß zur Bewunderung, enthält er doch neben grundlegenden kosmologischen Erkenntnissen, die bis heute fälschlicherweise Kant und Laplace zugeschrieben werden, und fortschrittlichen Gedanken über Magnetismus und Atomtheorie zahlreiche Anregungen, die für einen Forscher seiner Zeit erstaunlich sind.

Anschließend konzentrierte er sich auf die Erforschung der Seele und ihres Zusammenhangs mit dem Körper. Das war, als die europäische Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht hatte, ein zentrales Thema. Zahlreiche große Geister — Descartes, Leibniz, Newton, Rousseau und viele andere hatten sich damit befaßt. Die Art, wie Swedenborg das Problem anging, war typisch dafür, wie er Fragen des Lebens wissenschaftlich und zugleich praktisch anpackte:

Da er die Seele als Ursache und wirkende Kraft und den physischen Körper als ihr Wirkungsfeld betrachtete, entschloß er sich, auf dem Wege über die Zergliederung des menschlichen Körpers nach der Seele zu fahnden. Er verließ sich dabei vor allem auf die Sektions-Technik, die sich gerade damals stürmisch entwickelte. Bei seinen Reisen hatte er einigen der führenden europäischen Anatomen bei ihrer Arbeit zugesehen und selbst einige Erfahrungen auf dem Gebiet der Sektion erworben. Aber er gab die eigene Betätigung auf diesem Gebiet auf und stützte sich stattdessen auf die von hervorragenden Spezialisten veröffentlichten Werke. Ausdrücklich erklärte er den Grund für diese Selbstbeschränkung: Es sei ihm nämlich aufgefallen, daß es schwerer sei, gegenüber eigenen Entdeckungen objektiv zu bleiben, als gegenüber denen anderer, und er wolle doch bei seiner Suche nach dem Sitz der Seele unbedingt die wissenschaftliche Objektivität wahren. Als er dann die Korrekturfahnen zum dritten Band eines auf acht Bände angelegten Werkes über die Seele las, wurde seine Arbeit plötzlich durch eine Serie bemerkenswerter psychischer Ereignisse unterbrochen.

Doch bevor näher darauf eingegangen wird, soll noch auf die ausgesprochen praktische Ader Swedenborgs verwiesen werden: In seinen frühen Zwanziger Jahren hatte er nebst vielem anderen eine „Flugmaschine“ entworfen, für die er genaue Berechnungen anstellte, um das Verhältnis zwischen fester Tragfläche und Auftriebskraft festzustellen. Die Maschine sollte mit einem Fahrgestell, einem Cockpit für den Piloten und einer Vorrichtung zur Erhaltung des Gleichgewichts ausgerüstet sein. In der detaillierten Beschreibung heißt es, der Pilot müsse, sollte der Entwurf je ausgeführt werden, wohl anfänglich mit ein paar Knochenbrüchen rechnen. Tatsächlich wurde 1897 in den USA ein maßstabgetreues Modell der Maschine gebaut und nach Anweisung des Erfinders von einem halben Dutzend kräftiger Männer zum Start gezogen. Es erhob sich etwa 15 m hoch in die Luft, um dann — unbemannt und ungesteuert — am Boden zu zerschellen. Aber es war, dokumentarisch einwandfrei belegt, geflogen! Die Eigenschaften, die Swedenborg seiner Flugmaschine zu geben gedachte, hätten die Geschichte der Luftfahrt wesentlich beschleunigen können. Aber wichtiger noch ist der darin liegende Beweis für Swedenborgs realistischen und praktischen Geist. Als Bergbaufachmann hat er zahlreiche technische Neuerungen ersonnen, die Bergbau und Schmelzerei ökonomischer und weniger gefährlich machten. Seine mineralogischen Werke wurden zu Meilensteinen dieser Wissenschaft.

Darüber hinaus haben einige seiner physiologischen Analysen, die er bei seiner Suche nach der Seele ausführte, eine Reihe von Entdeckungen auf dem Gebiet der Fortpflanzungsorgane um ein halbes Jahrhundert vorweggenommen. Ebenso identifizierte er als Erster die Funktion der Hirnrinde und ihrer Pyramidenzellen — mehr als hundert Jahre, ehe sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft erkannt wurde. Eine 1910 veröffentlichte Studie von Martin Ramström, Professor in Uppsala, wies nach, daß Swedenborg seine analytischen Spekulationen auf eine richtige Interpretation der schon damals vorliegenden Sektionsbefunde gegründet hatte, ohne diese nach irgendwelchen vorgefaßten Meinungen zurechtzubiegen. Er habe, so Ramström, aus dem ihm vorliegenden Material wahrhaft originelle, von keinem anderen „geborgte“ Schlußfolgerungen gezogen. Alle Beweise sprechen dafür, daß Swedenborg ein gründlicher Wissenschaftler war, ebenso wie ein treues und in Finanzsachen konservatives Mitglied des schwedischen Parlaments.

Dennoch war Swedenborg gegen nicht-wissenschaftliche Einflüsse nicht immun. Während er an seiner physiologischen Suche nach der Seele arbeitete, beobachtete er genau die mentalen und emotionellen Vorgänge in sich selbst. Er fand heraus, daß seine Konzentration zu besseren Resultaten führte, wenn er nur minimal atmete, d.h. wenn er „hypoventilierte“. Als er das praktizierte, bemerkte er etwas wie ein „heiteres Licht“, ein „blaues Flämmchen“ vor seinem geistigen Auge, das immer dann erschien, wenn er einer Sache auf der richtigen Spur oder ihrer Lösung nahe war.

Ebenso machte er, als er die ersten Bände seines Werkes über die Seele herausgab, die Erfahrung ungewöhnlicher Stimmungs-Schwankungen und seltsamer Träume. Charakteristisch für ihn war, daß er das alles seinem Tagebuch anvertraute, und wie er seine Träume gleich beim Erwachen deutete. Damit war er der erste moderne Wissenschaftler, der ein Traumtagebuch hinterließ. Es scheint, er war sich völlig klar über die psychischen Vorgänge, die er in sich erlebte und daß er sie ebenso rational behandelte wie die Entdeckungen der Anatomie oder irgendwelcher anderen Wissensgebiete, mit denen er vertraut war.

Die Behauptung dürfte also nicht übertrieben sein, daß Swedenborg ein erfahrener und praktischer Empiriker war — der psychischen Abläufe in ihm selbst bewußt, ohne jedoch im geringsten die Kontrolle darüber zu verlieren. Zu der Zeit näherte er sich dem Ereignis, das man als den dramatischen Höhepunkt seines Lebens bezeichnen kann.

An einem Tag der Osterwoche des Jahres 1744 nahm Swedenborg die Korrekturfahnen seines Druckers in Den Hag zur Hand. Seiner Gewohnheit gemäß fuhr er, während er sie las, durch die nahegelegenen holländischen Städte. Nach dem er am Ostergottesdienst in Amsterdam teilgenommen hatte, reiste er am nächsten Tag nach Delft. Wieder hatte er ungewöhnliche Träume. In der Nacht vom Sonntag auf Montag notierte er, daß er sich der liebenden Gnade Gottes ganz besonders unwert fühle, doch am Montagnachmittag bemächtigte sich seiner ein Gefühl der Seligkeit. Dann erwachte er mitten in der Nacht mit heftigem Zittern, das ihn zu Boden warf; und schließlich fand er sich in den Armen des Herrn Jesus Christus wieder.

Diese Heimsuchung hinterließ in ihm das Bewußtsein, einen Auftrag erhalten zu haben; denn die letzten Worte, die Jesus zu ihm sprach, lauteten „ s giör“, was soviel heißt wie „tue es also!“ Er selbst verstand es, wie man seiner Tagebuch-Notiz entnehmen kann, als „tue, was du versprochen hast.“ Stundenlang hatte er mit Zweifeln zu kämpfen, meinte er doch, es sei Hochmuts-Sünde anzunehmen, Christus habe ihn persönlich besucht, wenn es in Wirklichkeit vielleicht nur eine Illusion gewesen sei. Aber — fragte er sich — wäre es nicht eine noch größere Sünde, die Gegenwart des Herrn zu leugnen, wenn sie doch Wirklichkeit gewesen wäre? Gegen Morgen fühlte er etwas wie Trost und fiel dann in Schlaf; er träumte, sein Vater, der etliche Jahre zuvor gestorben war, gebe ihm ein Zeichen der Zustimmung.

Am Dienstagmorgen trug er nach seiner Gewohnheit das ganze Erleben in sein Tagebuch ein, im Unterschied zu den darin geschilderten Träumen aber merkte er eigens an, daß es sich hier um einen ganz besonders wichtigen Eintrag handle. Er macht keinerlei Andeutung, daß ihm irgendwelche Parallelen zwischen seinem Erlebnis und den Berufungserlebnissen anderer Gestalten der christlichen Heilsgeschichte, etwa Zinzendorf und Wesley, bewußt gewesen wären. Ungefähr ein Jahr nach dieser ersten Heimsuchung und nachdem er die ersten tastenden Versuche unternommen hatte, zu tun, was seiner Meinung nach der Herr von ihm erwartete, empfing er einen viel präziseren Auftrag. Der Herr erschien in seiner Glorie ein zweites Mal und sagte ihm, er werde ihm den inneren Sinn der Bibel — d.h. den geistigen Sinn innerhalb des Wortlauts der Bibel — finden helfen, und er sollte ihn durch den Druck bekannt machen.

Von dieser Nacht im Jahre 1745 an bis zu seinem Tod im Jahre 1772 erfuhr er in der Schau fast täglich Himmel und Hölle sowie den dazwischen liegenden „Zustand“, den er als „Geisterwelt“ bezeichnete. Bei diesen Jenseitsreisen sprach er mit Engeln und guten wie bösen Geistern, die er in den verschiedenen Bereichen antraf. So durfte er mit Geist und Leib lebendige Demonstrationen der verschiedenen Einflüsse der Engel und Geister aufnehmen.

Diese lange Reihe von geistigen Begegnungen versorgte ihn während jener 27 Jahre mit grundlegenden Fakten für seine theologischen Schriften, die in der Standard-Ausgabe 30 Bände umfassen. In allen Bänden findet man Informationen über Engel und andere Geistwesen, aber in einigen konzentriert sich dieses Material besonders. So zuerst in einer Reihe von Abhandlungen, die er zwischen viele einzelne Kapitel seines ersten und umfangreichsten theologischen Werkes, „Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes“, einstreute. Diese „Zwischen-Kapitel“ finden sich als Einschübe in seine Bibelauslegungen von Nr. 67 bis 2893 (Swedenborg numerierte alle Abschnitte, so daß sie auch in den verschiedensten Ausgaben und Übersetzungen immer leicht zu finden sind). Eine zweite Quelle dieses Materials ist der ganze Inhalt seines zu allen Zeiten populärsten Buches „Himmel und Hölle“, das er 1758 herausgab. Die dritte Quelle sind die sogenannten „Denkwürdigkeiten“, die er zwischen die einzelnen Kapitel dreier weiterer Werke einschob, die „Enthüllte Offenbarung“ von 1766, die „Eheliche Liebe“ von 1768 und die „Wahre christliche Religion“ von 1771.

 

Die Botschaft

Aus Swedenborgs Berichten über die Engel ragen mehrere Themen heraus. Man sollte jedoch im Auge behalten, daß sich — aufs Ganze gesehen — seine Botschaft nicht in erster Linie auf die Engel bezog. Viel wichtiger war es ihm, die Bedeutung der Liebe zu Gott und des Dienstes an unseren Mitmenschen sowie des persönlichen geistigen Wachstums herauszuarbeiten. So schrieb er einmal, wenn es etwas wie einen Swedenborgianismus gäbe, dann wäre es die Verehrung des Herrn Jesus Christus. Ernst Benz, einer seiner Biographen, betont, Swedenborgs grundlegende Lehre sei „dieselbe gewesen wie die älteste Botschaft der Evangelien: ‚Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbei gekommen‘.“

Wie immer man es ausdrücken will, der Schwerpunkt der religiösen Schriften Swedenborgs besteht in dem Bemühen, die ihm zuteil gewordene Offenbarung mitzuteilen, um Glauben und Leben seiner Leser zu fördern, damit sie das Heil finden möchten. Vieles, was die Substanz dieser Botschaft ausmacht, hat er in seinen Berichten über Engel und Geister mitgeteilt, denen er begegnet war und über die er eine Menge zu berichten wußte.

Wohl das Wichtigste an seiner Engellehre ist, daß Engel und Geister nicht besondere Schöpfungen — getrennt vom menschlichen Leben — seien, vielmehr einst ebenfalls menschliche Wesen waren und dieselbe Art von Leben lebten, das wir alle von dieser Erde her kennen, und das auf zahllosen anderen Erdkörpern im Universum zwar nicht gleich, aber doch ähnlich ist. Die Engel oder Geister, denen wir am ehesten begegnen könnten, haben vor kurzem — zu unseren Lebzeiten — auf unserer Erde und in unserem eigenen, uns vertrauten Kulturkreis gelebt. Die meisten, wenn nicht alle Stellen in der Bibel, die von Engeln berichten, zeigen sie als Boten Gottes. Die Ansicht, sie seien besondere Schöpfungen Gottes, beruht nur auf Tradition und kann sich nicht auf die Bibel berufen.

Eng verbundenen mit Swedenborgs Beteuerung, alle Engel seien einst Menschen gewesen, ist sein Grundsatz, daß wir selber in Wirklichkeit Geister sind, auch schon während unseres irdischen Lebens. In „Himmel und Hölle“ (Nr. 433) stellt er fest:

„Wenn nun alles, was im Körper lebt und aus dem Leben wirkt und fühlt, einzig dem Geist und nicht dem Körper angehört, so muß folglich der Geist der Mensch selber oder — was auf dasselbe hinausläuft — der Mensch an sich betrachtet ein Geist sein und dieser auch die gleiche Form aufweisen.“

Seine Erfahrungen in der geistigen Welt lehrten Swedenborg, daß wir aufgrund dieser unserer wesentlich geistigen Natur die theoretische Möglichkeit haben, mit den Engeln und Geistern um uns zu kommunizieren und ihre Erfahrungen zu teilen. Tatsächlich, sagt er, sei das in den frühen Tagen der Menschheit auch üblich gewesen. Heutzutage aber geschehe es normalerweise nicht mehr, weil die Menschheit von der Tendenz beherrscht werde, sich mehr um körperliche und weltliche als um geistige Dinge zu kümmern. Würde jedoch diese Tendenz umgekehrt, könnten Menschen die Gegenwart von Engeln und Geistern wieder ebenso bewußt wahrnehmen wie die ihrer irdischen Gefährten.

Doch Geister und Engel waren nicht nur einst menschliche Wesen wie wir, sondern sie sehen auch weiterhin so aus und empfinden sich selbst und untereinander als menschliche Wesen. Zumindest zur Zeit Swedenborgs — und es besteht wenig Grund zu der Annahme, daß sich heute etwas daran geändert haben sollte — staunten Geister, die vor kurzem erst gestorben waren, daß ihre äußere Erscheinung, ihre Umgebung und ihre Gefühle weitgehend dieselben waren wie vor ihrem Tode. Manche wunderten sich natürlich, daß sie überhaupt noch existierten, hatten sie doch geglaubt, mit dem Tod sei alles zu Ende. Von ihnen abgesehen aber waren die meisten, die an irgendeine Weiterexistenz nach dem Tode geglaubt hatten, sehr erstaunt, nach wie vor ein menschliches Aussehen zu haben — vor allem darüber, daß sie selbst und alle anderen, auch Gärten, Häuser und ihre ganze Umgebung so real waren, unerwartet solid und substantiell. Einige hatten geglaubt, nach dem Tode würden sie nur wie ein Hauch, etwas Unbestimmtes oder Ätherisches, sein. Viele sind überrascht, daß sie keine Flügel, keinen Heiligenschein, keine weißen Gewänder oder Harfen haben, wie sie unter dem Einfluß mittelalterlicher oder auch moderner Bilder geglaubt hatten. Ebenso überrascht sie die Tatsache, daß anstelle des allgemein erwarteten Gerichts jeder selbst seinen Platz im Himmel oder in der Hölle bestimmt!

Swedenborg berichtet, daß Engel und Geister über alle menschlichen Sinne verfügen, jedoch in höherer Vollkommenheit, völlig real und substantiell. In der Tat kommt es vor, daß Geister, die plötzlich und ohne Vorbereitung gestorben sind, sich zuerst in Umständen vorfinden, die ihrem irdischen Leben so ähnlich sind, daß es einige Zeit dauert — wir würden je nach ihrer Anpassungsfähigkeit vielleicht von Tagen oder gar Monaten sprechen —‚ bis sie sich überzeugt haben oder sich von anderen Geistern überzeugen ließen, daß sie tatsächlich gestorben sind. Menschen, die nicht an ein Leben nach dem Tode glaubten, haben ähnliche Schwierigkeiten, sich mit ihrem Ableben abzufinden.

Swedenborg traf einst einen solchen Geist. Er war erstaunt und offenbar auch ein wenig belustigt über die ungewöhnliche Sicherheit, mit der dieser Geist behauptete, er sei noch immer ein Mensch in seinem physischen Leib und könne sich keinerlei Vorstellung von der Seele machen. Um ihn von seiner wirklichen Lage zu überzeugen, wies ihn Swedenborg darauf hin, daß er gar nicht auf einem festen Boden stehe, sondern in der Luft, ein wenig oberhalb von Swedenborgs Haupt. Diese Diskrepanz überzeugte den Skeptiker offenbar, erzählt uns doch Swedenborg, daß er Hals über Kopf mit dem Ruf davonstürzte: „Ich bin ein Geist! Ich bin ein Geist!“

Engel tragen Kleider wie irdische Menschen und können wählen zwischen Gewändern für verschiedene Tage und Gelegenheiten. Ihre Kleider aber dienen weder dem Schutz vor Kälte noch anderen Einwirkungen, wie sie in unserer irdischen Atmosphäre vorkommen, vielmehr ist in sie etwas projiziert von den Wahrheiten, die die Engel verkörpern, und von ihrem Verständnis oder Anteil an denselben.

Engel leben in Häusern, die sich so zu Siedlungen gruppieren, daß jeweils die Häuser benachbart sind, deren Bewohner Werte und Absichten ähnlicher Art vertreten. Das Haus eines jeden Engels entspricht, was Größe und Schönheit der Anlage, Innenausstattung und Garten betrifft, der Art des Guten, das er verkörpert.

Alle Engel haben Zeiten der Tätigkeit und der Ruhe und Erholung. In ihrer himmlischen Welt setzt sich alles fort, was sich in unserer physischen Welt auf das Wahre und Ewige bezieht. Die Beziehung von Kleidern, Häusern usw. auf das Wahre und Ewige besteht darin, daß die sichtbaren Dinge die unsichtbaren auf eine so vollkommene und wesenhafte Weise repräsentieren, daß die Heimstatt eines Engels, seine Kleider, sein Besitz und Beruf die tiefsten und wichtigsten Seiten seines Charakters nach außen projizieren.

Die innere Beziehung zwischen uns Menschen und den Geistern macht unsere geistigen Gefährten für Gott zu einem natürlichen Medium, uns auf vielerlei Weise zu leiten, zu unterstützen und zu helfen. Die Fähigkeit dieser Geistwesen, uns zu helfen, ist innerhalb des von Gott gesetzten Rahmens beinahe unbegrenzt. Beschränkungen ergeben sich allein aus der Notwendigkeit, unsere Wahlfreiheit zu schützen. Innerhalb dieser Schranken steht uns jede nur denkbare geistige Hilfe, um die wir bitten, zur Verfügung. Die Hilfe der Engel wird uns nie aufgedrängt, ist aber immer da, wenn wir sie benötigen und erbitten.

So sicher Swedenborg hinsichtlich der Macht und Zugänglichkeit der geistigen Hilfe für uns war, so wenig unterschätzte er die Schwierigkeiten, mit denen wir es trotzdem auf dem Schlachtfeld des Lebens zu tun haben. Denn der Ruf nach Hilfe der Engel ist in der Praxis nicht so leicht, wie es scheinen mag, da die Feinde der Engel über große Möglichkeiten verfügen, uns daran zu hindern, solche Hilfe auch wirklich zu suchen. Zum einen ist unser Selbsterhaltungs-Instinkt nicht allein ein Sprungbrett für unsere Selbstsucht, wie bereits erwähnt; er wird auch leicht zu einem Abschreckungsmittel für unseren Glauben an die Möglichkeit von Hilfe in einer schwierigen Lage, in der wir uns gerade befinden.

Seit den Schulhof-Zwisten unserer Kindheit, seit wir gelernt haben, unser Auto „defensiv“ zu steuern, mit unseren Mitteln hauszuhalten und unzähligen anderen, ähnlichen Lebenserfahrungen sind wir daran gewöhnt, uns auf unsere eigene Intelligenz und Stärke zu verlassen, wenn es darum geht, Schwierigkeiten zu meistern. Daher machen wir noch lange, nachdem wir im Prinzip erkannt haben, daß uns Gott und das Heer der Engel zur Seite stehen, immer wieder den Fehler, auf unser instinktives Selbstvertrauen zu bauen. Und je erfolgreicher im Leben wir waren, desto stärker wird der Zug zu diesem Selbstvertrauen, damit aber auch das Gefühl, letztlich allein und verwundbar zu sein. Schlimmer noch, „Zusicherungen“ geistiger Hilfe machen uns in solchen Situationen für Schuldgefühle und Selbst-Verurteilung empfänglich, weil wir uns noch immer in einer Lage befinden, aus der uns das Gebet vermutlich gerettet hätte.

Wir sollten in einer schwierigen Lage in erster Linie den Kurs verfolgen, die Schwierigkeit (zuweilen sogar die Gefahr) anzuerkennen und in zweiter Linie eine Haltung anzunehmen, die Swedenborg mit den Worten „als ob“ umschreibt. Diese Haltung, die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben wollen, besteht darin, zu wirken oder zu kämpfen — was immer die Lage verlangen mag —‚ als ob wir ganz allein für die Lösung des vor uns liegenden Problems verantwortlich wären, gleichzeitig jedoch wissen, daß uns Gott allein, direkt oder durch die Engel, befähigen kann, mit der Situation fertig zu werden — und um seine Hilfe bitten.

 

Können Sie es glauben?

Die Frage kann man beantworten, indem man Beweise für das beibringt, was Swedenborg über die Tätigkeit der Engel sagt. Wir haben ihn weiter oben als einen gebildeten, fähigen und verantwortungsbewußten Wissenschaftler beschrieben, einen Berichterstatter also, dem man vertrauen kann — vertrauen zumindest innerhalb vernünftiger Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Seine Behauptung, während 27 Jahren täglich mit den Engeln gesprochen zu haben, mag in den Augen der meisten diese Grenzen sprengen. Jedoch ist über Swedenborgs Glaubwürdigkeit noch mehr zu sagen.

Zum Beispiel gehört hierher das Problem der Verleumdung: Einige leitende Persönlichkeiten der Kirche waren außer sich über die Schriften Swedenborgs. Einige Schweden — so ein gewisser Bischof Lamberg und ein Dekan Ekeborn — hatten davon reden hören, daß seine Bücher gegen die orthodoxe kirchliche Lehre verstießen. Mit derselben Logik, die bis heute ein Kennzeichen politischer und religiöser Hexenjagd ist, wollten sie seine Bücher mit dem Bann belegen, obwohl sie sie gar nicht gelesen hatten. Der schwedische lutherische Pastor Aron Mathesius in London setzte eine Geschichte in die Welt, die Swedenborg die geistige Gesundheit abstritt. Er behauptete, auf dem Höhepunkt einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere sei Swedenborg mit hohem Fieber schwer erkrankt, und man habe ihn sich in diesem Zustand auf der Straße nackend im Rinnstein wälzen sehen. Kurz darauf habe er begonnen, über Geister und häretische Lehren zu schreiben. Die Geschichte wurde so weitverbreitet, daß auch John Wesley, der Begründer des Methodismus, sie hörte und in seiner Zeitschrift als Faktum erwähnte.

Diese Verleumdung empörte seine Freunde, die sehr genau wußten, daß sich Swedenborg stets einer außerordentlichen geistigen Gesundheit erfreut und bis zu seinem Tod nichts von seiner Vernunft eingebüßt hatte. Solange Augenzeugen seines Benehmens noch am Leben und ihre Erinnerungen frisch waren, sammelten und veröffentlichten sie daher deren Zeugnisse. Dienstboten, die ihm aufgewartet, Gelehrte, mit denen er über Theologie diskutiert hatte, Freunde, die ihn zu Tisch geladen hatten — alle ohne Ausnahme bezeugten seine völlig normale und charmante Art der Unterhaltung und des Benehmens. Nach diesen zahlreichen zeitgenössischen Berichten war Swedenborg daher, als er über Engel schrieb, ebenso fähig und logisch wie zur Zeit, als er genauestens die Auftriebskraft eines brauchbaren Flugzeugs berechnete.

Ein anderes Argument für Swedenborgs Glaubwürdigkeit sind seine Schriften selbst. Trotz gewisser Schwierigkeiten, die Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert ihren heutigen Lesern bereiten, waren sie in einem gepflegten, schlichten Latein geschrieben. Auch das vermittelt den Eindruck eines Mannes, der sich um Klarheit bemüht und seine Leser nicht überreden möchte. (In seinen früheren Werken hatte Swedenborg seine Meisterschaft bei der Beherrschung eines reichen lateinischen Stils unter Beweis gestellt.) Jetzt aber sollten seine Werke den Leser nur noch durch die Aufzählung zusammenhängender Fakten überzeugen.

Ein anderes Merkmal seines Werkes hat mehrere Kommentatoren stark beeindruckt, nämlich die vielen Querverweise. Seine theologischen Grundsätze sind so formuliert, daß sie ständig durch zahlreiche Zitate aus der Bibel — die wahre Autorität für einen gläubigen schwedischen Lutheraner! — sowie Bezüge auf ähnliche Feststellungen in seinen früheren Werken bestätigt werden. Die Anzahl und Häufigkeit dieser Bezüge und ihr innerer Zusammenhang sind für viele ein zwingendes Argument.

R. L. Tafel hat in seinen „Documents concerning Swedenborg“ (2 bzw. 3 Bände, London, 1875-1892) auf über 200 Seiten diese Zeugnisse abgedruckt.

Diese Beweise für Swedenborgs Glaubwürdigkeit, denen weitere hinzugefügt werden könnten, überzeugen manche, andere nicht. Die Menschen, die sie zuerst sammelten oder beobachteten, glaubten, was Swedenborg geschrieben hatte und suchten darum nach objektiven Argumenten, um ihren Glauben zu stützen. Skeptische Leser mögen ja zugeben, daß solche Beweise Swedenborg glaubwürdig erscheinen lassen, aber nicht beweisen, daß seine Berichte wahr sind.

Bedenkt man die unterschiedliche Natur von Wissen und Glauben, so ist das nicht überraschend. Häufig wurde darauf hingewiesen, daß die Beweise des Thomas von Aquin für die Existenz Gottes logisch nie widerlegt wurden, aber nicht einen einzigen Menschen zum Glauben an Gott geführt haben. Beobachtet man den Prozeß, wie Menschen zum Glauben kommen, genauer, kann man sagen, daß sie stets Gründe finden werden, um zu glauben, was sie glauben wollen, aber durch logische Gründe durchaus nicht gezwungen werden können zu glauben, was sie nicht glauben wollen.

Dennoch wissen wir, daß Menschen (vielleicht mit Hilfe der Engel) ihre Ansichten ändern und zum Glauben an Dinge gelangen können, die sie früher bezweifelt oder geleugnet hatten. Das geschieht, weil die Menschen häufig ein tiefes Verlangen nach etwas haben, von dem sie meinen, daß es ohne Widerspruch in sich zusammenhängt, und dieses Verlangen kann gelegentlich ihr Zögern überwinden, an etwas Neues zu glauben, wenn es durch Beweise gerechtfertigt ist. Solches Zögern kann auch überwunden werden durch eine neue Idee, die eine Lücke ausfüllt, die sich im Weltbild der betreffenden Person aufgetan hat. Das gilt ebenso für die wissenschaftliche Praxis wie für die Theologie.

Ungezählte Menschen haben die eine oder gar beide Arten dieses „Zwanges“ zu glauben erfahren, wenn sie Swedenborg lasen. Eine ältere Dame, die ich in meiner Jugend kennenlernte, erzählte von einer komprimierten Form dieser Erfahrung. Um 1900 herum hatte sie Osteopathie studiert (später erwarb sie darin den Doktorgrad). Ihr Mann bereitete sich auf das geistliche Amt in der Episkopalkirche vor. Einige Zeit danach wurde er ein swedenborgianischer Pfarrer. Als er seiner Frau zum erstenmal sagte, er wolle die Episkopalkirche verlassen und Swedenborgs Theologie studieren, gerieten sie so heftig aneinander, daß sie schließlich nicht mehr miteinander sprachen. Eines Abends, nachdem sie schweigend das Nachtmahl eingenommen hatten und am aufgeräumten Eßtisch noch zusammensaßen und lasen, beendete er seine Lektüre und ging schweigend zu Bett. Sein aufgeschlagenes Buch blieb auf dem Tisch zurück.

Die Frau las zunächst das Kapitel in ihrem Buch zuende und langte dann über den Tisch, um das Licht zu löschen. Dabei fiel ihr Blick auf eine Stelle in dem Buch ihres Mannes, die sie veranlaßte, ein wenig mehr zu lesen. Das Buch war Swedenborgs „Himmel und Hölle“. Sie las bis zum Ende, blätterte dann zum Anfang zurück und kam gerade rechtzeitig zum Schluß, um das Frühstück zu bereiten und ihrem Manne zu verkünden, daß das Schweigen und Argumentieren zwischen ihnen beendet sei, denn sie sei jetzt bereit, auch eine Swedenborgianerin zu werden.

Sie erzählte gern, wie alles, was sie in jener wichtigen Nacht las, sie als etwas beeindruckte, was sie geahnt oder gehofft hatte, es möge wahr sein, was sie aber nie zuvor gehört oder gelesen habe. Sie wollte gern in der Sicherheit und Vertrautheit des Glaubens bleiben, in dem sie aufgewachsen war, doch ihr Verlangen zu glauben, was sie las, war stärker.

Beides, das An-sich-Ziehen eines aufgeschlagenen Buches und die Wirkung des Wunsches, glauben zu können, haben Menschen ebenso für Swedenborg bereit gemacht wie gegen ihn eingenommen. Bei mir war einst Letzteres der Fall. Wenn ich jedoch von meinem heutigen Standpunkt darauf zurückblicke, scheint mir, es habe mich nicht so sehr vom rechten Wege abgebracht, wie vielmehr auf einem Umweg zu besserem Verständnis geleitet, das ich möglicherweise sonst nicht erreicht hätte. Theorie und Praxis haben mich überzeugt, daß die Engel den Wunsch, glauben zu können, anfachen, und zwar zu einer Zeit, die in Gottes Augen, nicht in unseren eigenen, richtig ist.

Menschen, die gerne glauben möchten, was Swedenborg über das Wirken der Engel berichtet, werden das auch können und genügend einleuchtende Gründe für diesen Glauben finden.

 

4. Was Swedenborg sagt

In den vorausgegangenen Kapiteln wurde mehrfach auf Swedenborgs Menschenbild verwiesen. Eine Voraussetzung dafür ist die Idee, daß Leben, Denken, Fühlen, Lieben und Handeln des Menschen geistiger Natur sind. Und weil sie das sind, ist jeder denkende und handelnde Mensch unsterblich.

 

Die menschliche Natur

Diese Idee bleibt freilich unvollständig, wenn man sie nicht damit ergänzt, daß jedes menschliche Wesen in der natürlichen Welt auch mit einem natürlichen Leib bekleidet ist und davon endgültig nur durch den Tod getrennt werden kann. Paranormale Erlebnisse, wie Austritt aus dem Körper, Astralwanderung und dergleichen, beruhen auf außersinnlicher Wahrnehmung, Projektion und anderen bemerkenswerten Eigenschaften des Geistes, nicht aber auf einer tatsächlichen Trennung von Geist und Körper. Ein körperloser Geist ist eben kein Mensch, sondern ein Geist; und ebenso wenig ist ein Körper ohne Geist ein Mensch, sondern eine Leiche. Mit anderen Worten: der Mensch ist ein Geist, umkleidet von einem Körper, mit dem er in Wechselwirkung steht.

Dieses komplizierte Wesen — ein Geist, der in einem Körper lebt und durch ihn handelt — ist zudem gekennzeichnet durch die Spannung zwischen guten und bösen Impulsen, aber ebenso durch die Fähigkeit, sich zu ändern und zu wachsen, wie es im 2. Kapitel beschrieben wurde. Die Beziehung zwischen Geist und Körper geht über die Körper-Sinne vor sich, und doch werden diese durch den Geist verdunkelt oder geschärft und geleitet. Solange er in seinem Körper lebt, hängt die Fähigkeit des Geistes, seine Ziele zu verwirklichen, vollständig vom Körper ab. Der Geist ist sich seiner natürlichen Umgebung allein durch den Körper bewußt, und das Gehirn des Körpers kann ein Bewußtsein geistiger Dinge nur durch den Geist erlangen.

Die komplizierte Beziehung zwischen beiden wird durch das Diagramm teilweise veranschaulicht. Wegen seiner statischen Natur hat es natürlich nur begrenzten Wert, weil die Dynamik der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist nicht dargestellt werden kann. Dennoch mag das Diagramm bei der Definition der Beziehungen zwischen den Komponenten des Bewußtseins hilfreich sein.

 

Erscheinungsformen des menschlichen Geistes

Alle drei der einander überschneidenden Kreise repräsentieren Bereiche des menschlichen Geistes. Zeichnete man den Körper in das Diagramm ein, würde er den untersten Kreis unter einem gewissen Gesichtspunkt überlappen, unter einem anderen würde er die beiden unteren Kreise umschließen und in den dritten Kreis eingreifen. Die Überschneidungs-Bereiche bezeichnen die Wechselbeziehungen zwischen dem, was man die Stufen oder Grade der geistigen Natur des Menschen nennen könnte. Das ist zwar nicht ganz der richtige Ausdruck, aber: da jeder der drei Kreise einen unerläßlichen Bestandteil des menschlichen Wesens darstellt, kann man keine Rangordnung bezüglich ihrer Priorität oder Bedeutung aufstellen. Die Äußerung des Paulus über die Körperteile gilt auch für die Teile der geistigen Natur des Menschen: „Der Leib ist einer und hat viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, bilden einen Leib“ (1 Kor. 12, 12).

Der unterste Kreis repräsentiert, was man das Nerven Bewußtsein nennen könnte: die geistige Wechselwirkung mit den Nervensystemen des Körpers. Es ist die Stufe unbewußten Wissens von dem, was der Körper dem Geist durch die Sinne zuführt, zugleich die ebenfalls unbewußte Kontrolle und Koordination der Muskeln, durch die der Geist seine Absichten verwirklicht. Es bezeichnet den Bereich des geistigen Gemüts, in dem alle sinnlichen Eindrücke registriert werden, die weit zahlreicher sind als das, was normalerweise davon ausgewählt wird, um in den bewußten Geist aufzusteigen, der durch den zweiten Kreis dargestellt wird.

Der oberste Kreis bedeutet das spirituelle Bewußtsein, zu dem auch die Wahrnehmung unserer geistigen Umwelt und Gefährten sowie alle Arten von geistigen Einflüssen gehören. Ebenso wie der unterste Kreis kennzeichnet auch dieser einen unbewußten Bereich unseres geistigen Wesens. Dieser Bereich nimmt ebenfalls weit mehr Daten aus seiner Umwelt auf, als in den mittleren Kreis, das Bewußtsein, zugelassen werden.

Der zentrale Kreis ist also das Bewußtsein, das bewußte Gemüt, das geistig ist, weil es denkt, fühlt und Absichten hat. Das Bewußtsein überschneidet sowohl den oberen wie den unteren Kreis, weil wir, wann immer wir bewußt sind, eine gewisse Wahrnehmung sowohl physischer als auch geistiger Einflüsse haben. Wäre das Diagramm ebenso dynamisch wie die Wirklichkeit, die es darstellt, würden sich die Bereiche, in denen sich die Kreise überschneiden, bald vergrößern, bald verkleinern, da wir mal mehr, mal weniger von den physischen und geistigen Einflüssen ins Bewußtsein zulassen, die uns von unseren beiden Umwelten erreichen.

Meditieren wir beispielsweise, dehnt sich der überlappende Teil des oberen Kreises so weit aus, daß er beinahe den ganzen mittleren Kreis einnimmt. Mit anderen Worten, erfolgreiche Meditation drängt fast die ganze natürliche Wahrnehmung zurück — Temperatur, Raumbeleuchtung, vielleicht sogar das Läuten des Telephons dringt nicht ins Bewußtsein (das heißt: der Bereich der unteren Überschneidung schrumpft), wobei wir mehr als gewöhnlich die geistigen Einflüsse wahrnehmen. Ein extremes Beispiel für das Gegenteil: Spielen wir ein Video-Spiel — bei dem es auf möglichst rasche Antworten ankommt — beherrschen, was uns Augen und Ohren zutragen und die Bereitschaft unseres Fingers, im rechten Augenblick die Kontroll-Taste zu drücken, unser Gemüt, und unsere geistigen Ziele, Werte und anderen Einflüsse sind vergessen. Ebenso werden die Einflüsse unserer Nerven, die uns etwas über die Raumtemperatur sagen wollen, nicht wahrgenommen oder der Ruf, zu Tisch zu kommen und alles andere, was uns von unserer Konzentration aufs Spiel ablenken könnte.

Die meiste Zeit aber kontrolliert unser bewußtes Gemüt sowohl die Einflüsse aus unserem körperlichen wie auch aus unserem geistigen Bereich. Zuweilen bricht jedoch das eine oder andere ein und macht uns etwas bewußt, ob wir es wollen oder nicht: z.B. kann unsere Aufmerksamkeit ganz und gar von einem spannenden Buch gefangen genommen sein; wenn das Nachmittagslicht allmählich immer schwächer wird, erzwingt das aber an einem bestimmten Punkt unsere Aufmerksamkeit, und wir dre hen das Licht an. Oder wir konzentrieren uns mit allem Fleiß auf eine Handarbeit, wie etwa den Hausputz oder die Arbeit im Geschäft, doch plötzlich erinnert uns irgendein Ereignis an eine wichtige Verpflichtung, und wir erkennen, daß wir die Arbeit unterbrechen und unsere Aufmerksam keit jemandem zuwenden müssen, der unsere Hilfe braucht. Gelegentlich, in dramatischeren Situationen, können auch geistige Einflüsse in unser Bewußtsein drin gen, die zuweilen die Form einer inneren Stimme oder Erscheinung annehmen, die wir regelrecht zu hören oder zu sehen glauben, gerade als ob sie von außen gekommen wären. Obgleich solche Einbrüche in unser Bewußtsein relativ selten sind, geschehen sie doch häufig genug, um die Akten der amerikanischen und britischen Gesellschaft für Parapsychologie mit vielen hundert gut dokumentier ten Berichten zu füllen.

Bei jedem Menschen arbeiten Körper und Geist in dieser Weise zusammen, und unter der Spannung, die ihren verschiedenen Naturen innewohnt, entfalten die Menschen während des Lebens allmählich einen geistigen Charakter mit mehr oder weniger dominanten Werten und Absichten. Dieser Charakter — und nicht unser erklärtes Ziel oder scheinbares Ideal — bestimmt darüber, welche Art von Geistwesen wir nach dem Tode im völlig vom Geist beherrschten Leben sein werden. Das bedeutet: Wachstum und Entwicklung werden dann ohne die Spannung und Fähigkeit zur Veränderung, die unser jetziges Leben der dualen Existenz kennzeichnen, langsamer und schwieriger sein. Wenn wir uns nicht sogar einen so festgefahrenen Charakter gebildet haben, daß wir uns jeder zukünftigen Wandlung verschließen.

Diese Begrenzung der Wandlungsmöglichkeiten des grundlegenden menschlichen Charakters oder genauer: seiner „herrschenden Liebe‘ (wie sich Swedenborg ausdrückt) sollte nicht in der Weise mißverstanden werden, als ob Wachstum und Entwicklung des in der Welt gebildeten Charakters in der Ewigkeit ausgeschlossen wären. Vielmehr ist fortgesetzte Entfaltung des Persönlichkeitskerns in Richtung auf unendliche Vollkommenheit ein wesentlicher Teil von Swedenborgs Engel-Schau.

 

Menschen, Geister und Engel

Das beschriebene Modell der menschlichen Persönlichkeit mit seinen drei geistigen Komponenten innerhalb eines physischen Körpers kann hilfreich sein, uns ein Bild von unserem Wesen zu machen, das gleichzeitig in der physischen und in der geistigen Welt lebt. Wir Menschen sind etwas wie eine Brücke zwischen beiden Welten und haben darum in gewissem Sinn an beiden teil und sind in beiden zuhause — freilich selten zur gleichen Zeit.

Ein möglicherweise abgedroschen wirkendes Beispiel: Der „geistes-abwesende Professor“ ist von seinen geistig mentalen Aktivitäten derart absorbiert, daß der Bereich, in dem sich sein Bewußtsein mit den von seinen Nerven herkommenden Einflüssen überschneidet, praktisch zu einem Nichts zusammenschrumpft. So nehmen seine Augen den Randstein nicht wahr, über den er dann natürlich stolpert, und er tut vielleicht noch ganz andere Dinge, die einem Beobachter töricht erscheinen müssen, sofern er die totale Konzentration des Professors auf unsichtbare Dinge nicht bedenkt. Derselbe Beobachter, der mit seinen Füßen vermeintlich fest auf dem Boden der Tatsachen steht, kann unter Umständen selbst so von dem Problem absorbiert sein, den gerade gereinigten Vergaser seines Autos wieder zusammenzusetzen, daß er die Hitze auf seinem Nacken ignoriert und sich einen scheußlichen Sonnenbrand zuzieht. Beispiele eines Jogi in tiefer Meditation oder des Baseball-Spielers, der in einem Spiel-entscheidenden Augenblick am Schlag-Mal steht, würden noch stärkere Extreme beleuchten.

Die Variabilität der Wechselwirkung zwischen dem Bewußtsein und den beiden unbewußten Komponenten der Menschen zwingt uns zu allzu großer Vereinfachung, wenn wir von „dem“ Menschen sprechen. Und doch kann man sagen, daß zu den Grundzügen der menschlichen Natur die Fähigkeit gehört, geistige Einflüsse wahrzunehmen und darauf zu reagieren, und daß sie ebenso wichtig ist wie die parallel dazu bestehende Fähigkeit, physische Einflüsse aufzunehmen und darauf zu reagieren. Sind wir mit Freunden zusammen in einem Raum, ist die Wechselwirkung zwischen uns zunächst einmal körperlicher Art — wir atmen mit einander dieselbe Luft, trinken von demselben Wein, usw. —‚ zugleich ist die Wechselwirkung aber auch geistiger Natur, wenn wir dabei in geistigem Austausch stehen. Daß uns meist die körperliche Wechselwirkung mehr zu Bewußtsein kommt, schmälert nicht die Bedeutung des geistigen Kontakts und seiner Wirkung auf uns.

Es gibt Gelegenheiten, bei denen der geistige Aspekt eines Zusammenseins größere Bedeutung hat als der physische. In einer wenig interessanten Gesellschaft kann es vor kommen, daß man die geistige Gegenwart eines Menschen, der räumlich vielleicht tausende von Meilen entfernt, einem aber geistig näher steht als irgend jemand, mit dem man zufällig im selben Raum zusammensitzt, so vollständig gefangen nimmt, daß man sich die letzte Frage, die einem gestellt wurde, wiederholen lassen muß, obwohl das physische Ohr sie genau gehört hat.

Diese Beispiele zeigen die bedeutsamen Möglichkeiten unseres „Doppellebens“, die von den wenigsten Menschen realisiert werden, weil unsere Erziehung, das Beispiel unserer Lehrer und unsere angenommenen Gewohnheiten uns dazu bringen, meistens die Überschneidung zwischen unserem Bewußtsein und der spirituellen Wahrnehmung zu leugnen. Wie bereits bemerkt, behauptet Swedenborg aufgrund dessen, was er von den Engeln erfuhr, daß sich unsere frühesten Vorfahren noch mit Geistern und Engeln wie mit den Mitmenschen verständigen konnten. Im Verlauf längst vergangener Zeiten, als die Menschen ihre Sprache entwickelten, abstrakt zu denken begannen und andere Fähigkeiten erwarben, die sie für nötig hielten, um miteinander und der Umwelt fertigzuwerden, verleugneten sie ihre geistigen Fähigkeiten so weit, daß viele diese Fähigkeiten in der Praxis verloren. Sie gaben ihre hart erworbenen Fertigkeiten und die Verminderung ihrer Geistigkeit an die nachfolgenden Generation weiter, bis hin zu unserer eigenen.

Gleichwohl gehört eine wache Geistigkeit noch immer zu den wesentlichen Grundzügen unseres Wesens. Wir können sie uns auch mit der erforderlichen Disziplin wieder erwerben, wenn wir danach verlangen.

Ein erster Schritt zu einem vertieften geistigen Bewußt sein bestünde darin, sich über die Bedeutung geistiger Einflüsse klar zu werden und sie anzuerkennen, die sich hier und jetzt in unserem Leben bemerkbar machen. Das nächste Kapitel wird zeigen, wovon die menschliche Freiheit abhängt und wie weit wir fähig sind, uns ein persönliches Verdienst (oder in manchen Fällen auch eine Schuld) für die Eingebungen, Inspirationen, Fähigkeiten und Anregungen zuzuschreiben, die in Wirklichkeit aus geistigen Quellen in unser Gemüt fallen. Unsere menschliche Fähigkeit, geistige Kräfte zu verhehlen und falsch zu interpretieren, läßt uns die Freiheit, an eine geistige Realität zu glauben oder nicht.

Wenn jedoch die geistige Hilfe und Führung von uns angenommen, anerkannt und ohne Vorbehalt erbeten wird (d.h.: ohne heimliche Hoffnung, vielleicht mit Hilfe der Engel etwas für sich selbst zu erreichen, was gar nichts mit himmlischen Absichten zu tun hat), dann wird die geistige Hilfe, bzw. Hilfe der Engel auch Wirklichkeit.

Gott um Hilfe, Führung, Kraft oder irgendetwas anderes zu bitten, heißt beten. Zu Gott beten ist die beste Art, geistigen Beistand zu suchen. Die Engel handeln, um Gottes Absichten und nicht unbedingt die unseren, auszuführen. Swedenborg war ein großer Beter und besaß ein außerordentliches Wissen von den geistigen Vorgängen. Er hat folgendes über das Gebet und seine Beantwortung zu sagen:

„Das Gebet an sich betrachtet ist ein Reden mit Gott und gleichzeitig eine Betrachtung dessen, was Gegenstand des Gebets ist, unter geistigen Gesichtspunkten. Es wird beantwortet mit einer Art von Einfluß ins Innewerden oder in die Gedanken des Gemüts, die eine gewisse Öffnung des Inneren des Menschen zu Gott hin bewirkt. Das geschieht mit Unterschieden, je nach dem Zustand des Betenden und in Übereinstimmung mit dem Wesen dessen, um das gebetet wird. Betet ein Mensch aus Liebe und Glauben und nur um himmlische und geistige Dinge, dann kommt im Gebet etwas zum Vorschein, das wie eine Offenbarung ist (die in der Neigung des Betenden empfunden wird) und sich als Hoffnung, Trost oder eine Art von innerer Freude zeigt“ (HG 2535).

Wenn das eigentliche Gebet unser Gemüt auf die geistigen Aspekte dessen lenkt, um das wir beten, haben wir den notwendigen ersten Schritt getan, damit unser Gebet beantwortet wird. Und wenn wir dann nicht auf eine verbale Antwort hoffen, sondern offen bleiben für neue Gefühle, die zu einer anderen Betrachtung unseres Anliegens an Gott führen können, dann erfahren wir etwas von dem normalen Einfluß, den Engel auf unser Leben nehmen können. Gewöhnlich ist es nichts Augenfälliges, das gar nicht übersehen werden kann, aber auch nichts so Verborgenes, daß wir keine Chance hätten, es zu bemerken, sondern ein subtiles inneres Gefühl, das womöglich eine neue Idee, Fähigkeit oder Lösung entwickelt, die zuvor undenkbar schien.

Engel, die uns im Traum oder in der Meditation begegnen, wie die Beispiele in 1. Kapitel  berichten, mögen eine andere Art Antwort auf unsere Gebete, auch eine Erweiterung der eben beschriebenen sein. Solche Erscheinungen, die zuweilen in unsere bewußten Handlungen einbrechen, können auch mit zeitlicher Verzögerung auf unser Gebet eingehen, und ich glaube, auch auf unsere nicht voll bewußt gesprochenen Gebete antworten. Wie weiter oben in diesem Kapitel erklärt wurde, brechen Engel zuweilen auch ungebeten in unserer Bewußtsein ein, wenn die geistige Notwendigkeit dazu dringend ist.

 

Wie Engel leben

Die Feststellung, Engel und Geister hielten Gemeinschaft mit uns Menschen, bedeutet nicht, daß sie uns heimlich auf den Schultern sitzen oder unsichtbar in einer Ecke unseres Zimmers stehen. Engel und Geister sind mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt und wenden sich uns nur dann absichtlich zu, wenn besondere Umstände vorliegen und es Gottes Absichten entspricht. Der Einfluß der Engel, wie z.B. die normalen Antworten auf unsere Gebete, beruht oft darauf, daß der Geist des Menschen sich in der Gegenwart von Engeln befindet, die ähnliche Absichten und Ziele haben und durch die er — indirekt — von Gott Weisung und Kraft aufnimmt oder was immer die Antwort auf ein Gebet erfordert.

Engel leben in Häusern, ganz wie zur Zeit ihres physischen Lebens, nur mit dem Unterschied, daß ihre Häuser vollkommener sind. Bei ihnen gibt es keine losen Dachrinnen oder abblätternden Fassaden und ungemähte Rasenflächen. Die Kleider, die sie tragen, passen vollkommen zu ihrer Stimmung oder ihrem Gemütszustand. Sie arbeiten in Berufen, die dem entsprechen, was sie am liebsten tun, erfreuen sich an vielfältigen Freizeitbeschäftigungen und halten ihre Ruhezeiten.

Die Ähnlichkeit von Umgebung und Tätigkeit der Engel mit ihren einstigen irdischen Lebensumständen hat einen bedeutsamen Grund und spiegelt einen der Grundsätze, die Swedenborg während all der Jahre seines Umgangs mit den Engeln erkannt hatte.

Alles, was wir in dieser physischen Welt sehen und wissen, bezieht sich — nicht nur im allgemeinen, sondern bis in die letzte Einzelheit — auf etwas in der geistigen Welt. In dieser Beziehung leiten die physischen Dinge Wesen und Erscheinung von ihrem geistigen Gegenstück ab — nicht umgekehrt. Pferde, Bäume, Regenbögen — alles, was zur natürlichen oder geschaffenen Ordnung gehört — spiegelt den ursprünglichen Wesenskern von Ideen und Gefühlen. Sportwagen, Waschmaschinen, TV-Werbespots und alles, was der Mensch herstellt, projiziert den geistigen Zustand und die Absicht seiner Erzeuger. Die Engel sind keine geistigen Projektionen der Menschen; vielmehr sind Menschen wie die Engel und haben auch deren Gestalt. Jedes natürlich geschaffene Ding leitet seine physikalischen Eigenschaften von den Qualitäten der geistigen Wirklichkeit ab, denen es entspricht.

Swedenborgs Ausdruck für diese ganze, allumfassende geistig-physische Beziehung, in der jeder physikalische Gegenstand einen geistigen darstellt, lautet „Entsprechung“. Er betrachtete die Entsprechung als den wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der physischen wie der geistigen Welt. Bei der Erklärung dieses Prinzips und wie es sich auf unser Verständnis der Engel auswirkt, werde ich mich an seinen Sprachgebrauch halten, indem ich dasselbe Wort noch in zwei anderen Sinnzusammenhängen benutze, die zwar in enger Verbindung mit dem allgemeinen Gebrauch des Wortes stehen, aber doch davon zu unterscheiden sind. Entsprechung oder entsprechend wird also gesagt, wenn man irgendeinen Gegenstand in der physikalischen Welt beschreibt, der einen Gegenstand in der geistigen Welt genau darstellt. Eine Unterscheidung ist notwendig, denn während alles in dieser Welt — natürlich oder künstlich geschaffen — irgendetwas Geistiges darstellt, scheinen dagegen manche menschlichen Produkte etwas darzustellen, aber deren Darstellung ist gewissermaßen trügerisch. Ein dritter Wortgebrauch ist in unserem gegenwärtigen Buch nicht so wichtig wie in Swedenborgs Werken: alles in der Bibel ist eine vollkommene Repräsentation von etwas Geistigem; darum kreist Swedenborgs Bibelauslegung um die Definition biblischer Entsprechungen.

Diese Beziehung der Entsprechungen zwischen Geistigem und Physischem ist ein grundlegendes Element aller Beziehungen, die wir kennen — so durchgehend, daß es einer gewissen Aufmerksamkeit bedarf, um sie uns bewußt zu machen. Wann immer wir anderen Menschen begegnen, interessiert uns ihr Gesichtsausdruck. Zusammen mit einer Reihe anderer, weniger offensichtlicher „Schlüssel“, die wir als „Körpersprache“ bezeichnen, erkennen wir im Gesichtsausdruck eine Darstellung der Eigenschaften unseres Gegenüber. So vermittelt uns der Ausdruck der Menschen etwas über ihren Gemütszustand, ihre Einstellung uns gegenüber und manches andere — vorausgesetzt, ihr Ausdruck stellt ihre Haltung und Gefühle auch wirklich dar. Wir haben ja erfahren, daß der Gesichtsausdruck der Menschen nicht immer ihren wahren Gefühlen entspricht, wissen aber auch, daß er darstellt, was die Betreffenden über ihre Gefühle uns gegenüber glauben machen möchten. Und wir sind daran gewöhnt, auf dieser Basis mit unseren Mitmenschen zu verkehren.

Wir benutzen dieses Denken in Entsprechungen auch auf vielen anderen Gebieten. Wollen wir z.B. einen neuen Wagen anschaffen, vergleichen wir, ob der Preis dem Wert entspricht, den er für uns darstellt. Eine Versicherungspolice betrachten wir unter dem Gesichtspunkt, welche Sicherheit sie für unsere Lieben darstellt; eine Reihe von zubereiteten Bodenfurchen (bezeichnet mit aufgesteckten leeren Samen-Säckchen an den Enden) stellt für uns das frische Gemüse dar, das wir in ein paar Wochen auf dem Tisch haben werden. Wir sind vollkommen daran gewöhnt, Dinge nach der ihnen beigemessenen Bedeutung oder Entwicklungsmöglichkeit zu werten. „Entsprechung“ ist einfach ein Ausdruck für diese Denkweise, angewandt auf die Beziehung zwischen physischen und geistigen Dingen.

Wasser z.B. ist erfrischend, säubernd, lebenswichtig, es läßt sich praktisch nicht zusammenpressen und ähnelt auch in mancher anderen Hinsicht den Wahrheiten; in der Tat entspricht Wasser der geistigen Wahrheit. Die Festigkeit der Steine eines Fundaments beruht auf derselben Eigenschaft, die wir im Glauben finden, dem sie entsprechen. Verschiedene Tiere spiegeln unsere Gefühle von Dingen und Menschen. Die uns nützlichen, etwa Pferde, repräsentieren eine Vorliebe, anderen zu helfen, während Löwen und andere Raubtiere Zorn und Haß entsprechen.

Abstraktere Beispiele bieten die Entsprechungen von Raum und Zeit zu ihren geistigen Gegenstücken. Entfernungen zwischen Dingen oder Menschen sind wie die Unterschiede zwischen ihnen, darum sagen wir z.B., gewisse Dinge seien „nahezu“ oder „beinahe“ dasselbe, oder wir fühlen uns einem anderen Menschen „nahe“, unabhängig davon, ob wir ihm räumlich nahe sind. Die Parallelen fallen uns auf, weil der physische Raum einem geistigen „Zustand“ (wie „Gemüts-Zustand“) und die Entfernung einer Verschiedenheit entspricht. Ähnlich entspricht irdische Zeit den Zustands-Veränderungen in der geistigen Welt, in der es weder Zeit noch Raum in unserem Sinne gibt. Wasser und Felsen, Pferde und Löwen, Raum und Zeit — von ihnen allen kann man sagen, daß sie geistigen Dingen entsprechen, weil sie wahre Repräsentationen sind. Besitztümer andererseits stellen gute und hilfreiche Handlungen dar, die Menschen für andere oder für die Gesamtheit getan haben, aber sie entsprechen nicht unbedingt, weil sich unrechtmäßig Erworbenes in seinem Aussehen auf Erden nicht vom rechtmäßig Erworbenen unterscheiden läßt.

In der geistigen Welt gibt es jedoch keine betrügerischen Repräsentationen, sondern nur Entsprechungen. Daher spiegelt das Haus eines Engels mit seiner Innenausstattung wirklich die Güte seiner Taten und Beweggründe. Die Kleider eines Engels entsprechen seiner Einsicht; und da die Einsicht der Engel zu- oder abnimmt im gleichen Verhältnis wie ihre Liebe zu anderen wächst oder schwindet, ändert sich die Farbe ihrer Kleider entsprechend diesem Wechsel, wobei leuchtendere Farben höhere Einsicht bezeichnen.

Alle Einzelheiten der Umgebung der Engel beruhen auf Entsprechungen, handle es sich dabei um die Position ihrer Heimstätte im Verhältnis zu denen der anderen Engel oder um ihre Tischdekoration, die Farbe der Blumen in ihrem Garten. So wie irdische Menschen Häuser, Besitztümer und Berufe haben, die zusammen ihren Beitrag an das Gemeinwesen darstellen, haben Engel Wohnungen und Lebensstile, die dem Nutzen entsprechen, den sie in der geistigen Welt bewirken. Und diese Beiträge stellen gewissermaßen die Folge der Grundhaltung dar, die sie während ihrer irdischen Lebenszeit angenommen hatten.

 

Liebe und Ehe der Engel

Viele Christen lehnen die Vorstellung ab, daß Engel eine Ehe führen. Sie verstehen die Worte Jesu bei Mat. 22, 30 (ebenso Mark. 12, 25 und Luk. 20, 34 f) so, daß Engel in ewigem Zölibat leben. Swedenborg erfuhr jedoch, daß Engel in ehelicher Liebe miteinander verbunden sind und Jesu Worte nur besagen wollen, daß man im Himmel keine Hochzeiten auf irdische Art kennt, die fleischliche wie geistige Bande voraussetzen — und oft aus politischen, finanziellen oder anderen äußerlichen Gründen arrangiert werden, um Nachwuchs sicherzustellen. Swedenborg verweist auf Jesu andere Lehren über die Ehe, wie sie in Mat. 19 und Mark. 10 angedeutet werden, und in denen der Herr die Aussage der Schöpfungsgeschichte bestätigt, wonach ein Paar „nicht länger zwei, sondern ein Fleisch“ ist. Menschen, die schon während ihres irdischen Lebens wahrhaft eins werden, leben auch nach ihrem körperlichen Tod als eins zusammen. Engel leben mit ihrem Ehepartner als eine Person, und Engel der höheren Himmel, deren Ehen eine größere Vollkommenheit aufweisen, erscheinen auch von weitem als ein einziger Engel.

Gleichberechtigung ist ein wichtiges Kennzeichen dieser himmlischen Ehe, die zwei Engel wie einen einzigen erscheinen läßt. Jedes Streben eines der beiden Partner, den anderen in irgendeiner Weise zu kontrollieren oder zu beherrschen, würde die wahre eheliche Liebe zwischen ihnen zerstören. Geister mit dem Wunsch, Herrschaft über andere auszuüben, sind natürlich keine Engel und würden auch keine Ehe mit einem Engel eingehen. Engel verbinden sich ehelich nur mit Engeln ihrer eigenen Gesellschaft, die aus Wesen ähnlicher Zielsetzungen und Wertvorstellungen besteht. Beide Engel-Gatten haben nur ein Ziel und eine Freude, nämlich einander gegenseitig anzugehören.

Das Wesen der himmlischen Ehe besteht in der Vereinigung wahrer Einsicht und guter Absicht, so daß beide eins werden. Wie Swedenborg erkannte, sind männliche Geister vorwiegend auf Gedanken oder Einsichten konzentriert, weibliche mehr auf Neigungen oder Absichten. Auch physische Männer und Frauen entsprechen dieser Unterscheidung, wenngleich Männer wie Frauen beide Fähigkeiten besitzen. In der physischen Welt verbinden daher die menschlichen Ehen sowohl die geistigen wie die körperlichen Eigenschaften von Mann und Frau. Entwickelt sich das Paar noch während seines irdischen Lebens hin zum Geistigen, setzen sie ihre Ehe im Himmel fort. Unverheiratete Männer und Frauen oder solche, die geistig von ihrem Partner getrennt werden, finden — falls sie wirklich danach verlangen — den passenden Partner in ihren himmlischen Gesellschaften.

Von allen Beziehungen, die auf Entsprechung beruhen, ist die himmlische Ehe die erhabenste. Entspricht die Hochzeit eines irdischen Paares der Verbindung von Einsicht und Absicht im Himmel, so entspricht die himmlische Ehe ihrerseits der Vereinigung der göttlichen Weisheit und Liebe in Gott. Zu einer Zeit, da in Europa die Ehe allgemein nur als eine bürgerliche Angelegenheit betrachtet wurde, brachten seine Erfahrungen mit den Engeln Swedenborg dazu, auch den weltlichen Ehestand seinem Wesen nach als etwas zu betrachten, dessen Heiligkeit auf seiner himmlischen und göttlichen Entsprechung beruht. Er erfuhr von einem Engel, daß zwei Menschen, deren Gemüter eins geworden sind, die Entsprechung oder das Bild zweier in himmlischer Ehe verbundener Engel darstellen. Und da zudem die himmlische Ehe ein Bild Gottes ist, bietet die menschliche Ehe — wenn gleich weniger deutlich — ebenfalls ein Bild des Gottes von Himmel und Erde.

Männer und Frauen, die sich jedoch in falschen Vorstellungen verbinden, besonders wenn dahinter böse Absichten stehen, mögen zwar eine leidenschaftliche sexuelle Anziehung aufeinander ausüben und zivilisiert miteinander sprechen und umgehen; ihre Beziehung ist dennoch eher von Haß als von Liebe diktiert. Solche Paare entsprechen eher der Verbindung zweier höllischer Geister als der zweier himmlischer Engel.

Eins der späteren Werke Swedenborgs, wie alle seine Werke in lateinischer Sprache veröffentlicht (1768), bekannt unter dem deutschen Titel „Eheliche Liebe“, schildert viele Variationen der himmlischen Liebe und Ehe und gibt eben so einen detaillierten Bericht über die vielstufige Entsprechung der idealen ehelichen Beziehung. Swedenborg erklärt, alle Engel im Himmel lebten im Zustand der wahren ehelichen Liebe. Das eheliche Leben der Engel ist ein wichtiger Bestandteil der ewigen Seligkeit.

 

5. Freiheit

Kapitel 4 behandelte das menschliche Leben unter dem Bilde eines Schlachtfelds, auf dem gute und böse Geister um die Vorherrschaft über unser Leben kämpfen. Bereiten Militärmächte einen Krieg vor, wenden sie riesige Summen an Geld und Energie auf, um soviel als möglich über die Stärken und Schwächen ihrer Alliierten und Gegner in Erfahrung zu bringen und studieren die geographischen Einzelheiten des Schlachtfelds. In ähnlicher Weise kann eine bewußtere Wahrnehmung der guten und bösen Kräfte und der Art des „Schlachtfelds“ unseren persönlichen Kampf unterstützen.

Zunächst einmal muß ich einen grammatischen Punkt klären: Die Worte Gut und Böse können als Hauptwörter gelesen werden, aber in diesem Buch werden sie gewöhnlich als Eigenschaftswörter gebraucht. Im letzten Paragraphen benutzte ich sie, um Geister zu beschreiben; an anderen Stellen bezeichnen sie Gefühle, Absichten oder Handlungen. Immer wenn sie allein erscheinen, wie in „das Gute“ oder „was gut ist“, handelt es sich um den Bezug auf das Gesamte, was als gut bezeichnet werden kann. Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sich die Diskussion hier auf bestimmte Dinge konzentriert, die wir wünschen, wollen oder tun. Große globale Abstraktionen sind nicht unser Gegenstand.

Zweitens ist eine Frage der Wortbedeutung zu bedenken: alle „guten“, ebenso wie alle „schlechten“ oder „bösen“ Dinge, die hier diskutiert werden, sind gut oder böse in einem relativen Sinn. Ohne Zweifel gibt es Begierden und Taten, die im absoluten Sinn gut oder böse sind, aber wenn überhaupt, so werden doch die wenigsten von uns darein verwickelt. Die Kämpfe, in die wir verstrickt werden, bestehen meistens darin, daß wir zwischen einer besseren oder schlechteren Möglichkeit wählen müssen.

Diese Relativität hat bedeutende Auswirkungen auf unser Schlachtfeld. Man stelle sich den Kampf als eine Art Tauziehen vor, bei dem wir das Mittelstück des Taues festhalten, das von gegensätzlichen Geistern nach entgegengesetzten Richtungen gezogen wird. Es gibt keine Mittellinie, die, falls überschritten, den Sieg einer der beiden Seiten markiert, auch nicht die Wahrscheinlichkeit, daß wir bei der Auseinandersetzung über die Grenzlinien des Feldes gezogen werden. Vielmehr ziehen genau gleich starke Gegner an dem Tau. Die Kräfte sind so ausgewogen, daß schon unsere Gewichtsverlagerung oder der Einsatz unserer eigenen Kraft genügt, um das Kräfteverhältnis zu verschieben, so daß sich das Ringen je nach unserem eigenen Einsatz hin und her über das ganze Feld bewegt. Jede unserer Entscheidungen in Richtung auf das Gute bedeutet einen Sieg für die Engel — selbst wenn die beiden Alternativen weit am anderen Ende des Feldes lagen. Die Tat eines Menschen, ausgeführt, weil sie das kleinere von zwei Übeln ist, könnte schon eine gute Wahl sein, während dieselbe Tat, von einem anderen anstelle einer besseren Handlungsweise ausgeführt, schlecht sein könnte.

Die Absicht solcher Wahl im Zusammenhang eines individuellen Lebens läßt eine Tat gut oder schlecht sein. Steht hinter einer getroffenen Entscheidung die Neigung zu Gott, ist sie gut, steht dahinter eine Abneigung gegen Gott, ist sie schlecht. Die Neigung zu Gott zeigt sich, wenn jemand das Vertrauen auf göttliche Führung höher einschätzt als das Vertrauen auf eigene Kraft und Einsicht, was mehr im Einklang mit moralischen Grundsätzen steht. Auch die Zurückweisung eines Impulses, der im Gegensatz zu Gottes Willen steht, gehört dazu.

An gute und böse Einflüsse schließen sich eng wahre und falsche an. Die beiden sich so ergebenden Paare sind genau zu unterscheiden, da bei beiden der eine Teil alles in sich schließt, was zu unserem Willen, unseren Wünschen, Wertvorstellungen, Absichten und Taten gehört, der andere, was unsere intellektuelle Fähigkeit, unsere Überlegungen, unser Verständnis, Unterscheidungs- und unser analytisches Vermögen ausmacht. Obgleich es für Philosophen faszinierende Ausnahmen gibt, basieren doch gute Absichten meist auf richtigen Wahrnehmungen, und umgekehrt. Auf jeden Fall haben gute Absichten ein Verlangen nach wahren Begriffen, hingegen finden böswillige Absichten an Verzerrungen der Wahrheit Geschmack.

 

Einflüsse des Falschen und Bösen

Beim irdischen Krieg — um zu diesem Vergleich zurückzukehren — sucht jede Seite totale Kontrolle über die andere zu gewinnen. Kriege werden jedoch selten unter Einsatz aller Kräfte beider Seiten zugleich ausgefochten; meist handelt es sich nur um Gefechte zwischen einzelnen militärischen Verbänden in bestimmten und gewöhnlich unbedeutenden Geländeabschnitten. Ähnlich geht es auch bei unseren geistigen Kämpfen zu. Während Engel auf der einen und Teufel (oder böse Geister) auf der anderen Seite darum streiten, einen beherrschenden Einfluß auf unsere Entscheidungen zu gewinnen, spiegelt sich in unserem Erleben ihr Konflikt jeweils nur in unseren besonderen Entscheidungen und Handlungen, die uns oft viel zu trivial erscheinen, um viel darüber nachzudenken — nur formen eben alle diese nebensächlichen Entscheidungen und Handlungen zusammen unseren Charakter und bewirken, daß wir gute oder böse Menschen werden. Dieser Anschein, der oft die Wahl, vor die wir uns gestellt sehen und die Entscheidung, die wir treffen, unwichtig erscheinen läßt, so daß wir meinen, es komme gar nicht so genau darauf an, wozu wir uns entschließen, ist falsch. Er wird von bösen Geistern dazu benutzt, uns zu täuschen. Sie möchten uns auf diese Weise Versuchungen gegenüber nachgiebig machen, ohne daß wir viel darüber nachdenken, was wir sonst vielleicht tun würden.

Aber die Illusion, gewisse Entscheidungen und Taten seien unwichtig, ist nicht die einzige Falschheit, durch die böse Geister unsere Selbsttäuschung unterstützen. Die meisten Menschen sind auch aufnahmebereit für ihre Suggestion, daß geistige Kräfte nichts mit unseren Entscheidungen zu tun hätten. Viele Menschen geben dieser Suggestion nach, weil sie überzeugt sind, unsere Sinne — zusammen mit unserem aus Sinneseindrücken gespeisten Gedächtnis — lieferten sämtliche Einflüsse, denen unser Gemüt ausgesetzt ist. Natürlich stimmt es, daß unsere Sinne und unser Gedächtnis die elektrochemischen Vorgänge beeinflussen, die sich in unserem Gehirn abspielen und die wir als Denken bezeichnen. Doch wer sich dieser weitverbreiteten, allzu großen Vereinfachung anschließt, kommt schließlich zu der Ansicht, die Wörter gut und böse seien nichts als Etiketten, die wir Dingen anheften, die uns als nützlich oder schädlich erscheinen, ja daß wir von geistigen Kräften unabhängig seien und es überhaupt keine bösen oder anderen Geistwesen gibt, die aktiv auf unsere Gedanken und Taten einwirken könnten.

Die meisten Menschen, wenigstens unter denen, die die Vorstellung von geistigen Einflüssen teilen, halten es für leichter, daran zu glauben, daß irgendeine böse Macht uns drängt, Dinge zu tun, die als schlecht gelten. Wir schreiben uns gerne selbst ein Verdienst dafür zu, wenn wir etwas Gutes tun, haben aber eine natürliche Anlage, wenn immer möglich, Schuld auf andere abzuwälzen. Denken wir an den Kommentar des Paulus in seinem Brief an die Christen von Rom: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, das Böse aber, das ich nicht will, das tue ich“ (. 7, 19). Die beharrlichen und raffinierten Rationalisierungen, die uns immer dann in den Sinn kommen, wenn wir uns gegen eine Handlung entschieden haben, zu der es uns drängt, erscheinen so spontan, daß wir meinen, sie kämen aus einer anderen Quelle. Die unredlichen Ausnahmen von unseren Grundsätzen, die wir uns herausnehmen und die uns vom Kurs abbringen, fühlen sich ebenso an. Und dasselbe gilt für die subtilen Übertreibungen, die für uns diese „Ausnahmen“ zunehmend attraktiv werden lassen, während wir „mit uns selbst argumentieren“.

Sobald wir — wenn auch nur versuchsweise — die Idee erwägen, daß böse Kräfte uns zu bösen Handlungen antreiben, werden wir den Schlüssel zur Erhaltung unserer ursprünglich guten Absicht im Gebet um geistige Hilfe finden, und nicht mehr in immer neuen Bemühungen, unsere ständig schwindende Entschlossenheit aus eigener Kraft zu stärken. Wenn bei diesem — zugegeben unkontrollierbaren — Experiment das Gebet hilft, so ist das wenigstens ein Indiz dafür, daß um uns oder in uns wirklich ein geistiger Kampf tobt — ein Kampf, für dessen Ausgang unsere dringende Bitte um Beistand guter Geister und Engel einen entscheidenden Faktor darstellt. Hilft uns dann das nächste Mal wiederum unser Gebet, wird unser Glaube an den geistigen Einfluß bestärkt. Das Resultat, das sich in dieser allgemeinen menschlichen Situation immer wieder einstellt, ist eine kräftige Stütze für Swedenborgs Bericht über das in der geistigen Schau Beobachtete: Unser Bewußtsein ist ein Schlachtfeld, auf dem gute und böse Geister miteinander ringen, und eine geistig wache Entscheidung unsererseits kann das Ergebnis bestimmen.

Aber was sind eigentlich böse Geister? Einfach gesagt: menschliche Seelen, die in ihrem irdischen Leben falsche Ziele wahren Zielen und böse Taten guten Taten vorgezogen hatten. Durch ein solches Verhaltensmuster, bewußt immer wiederholt, werden diese Ziele und Taten zu ihrer Vorliebe. In der geistigen Welt, wo sich ihr wahres Wesen offenbart, fahren sie fort, die gleichen Ziele zu verfolgen und dieselben Taten zu tun. Nähert sich unser eigenes Denken dem ihren genügend an, benutzen sie ihre Wahrnehmungen und Überzeugungen, die bei ihnen selbst gewirkt haben, um uns in ihre Richtung zu drängen. Sie bedienen sich dabei unserer Verstandeskräfte und sind ebenso gescheit wie wir, Argumente gegen unsere guten Absichten zu ersinnen. Tatsächlich werden wir in diesem Kampf unterliegen, wenn wir nicht oder bis wir Gott um Hilfe angehen. Tun wir das aufrichtig und von ganzem Herzen, wird die Übermacht der bösen Geister durch die uns von Gott gesandten Engel ins Gegenteil verkehrt. Die Teufel können, wie bereits gezeigt wurde, den Kampf nicht mehr gewinnen; suchen wir aber keine Hilfe, dann messen wir unsere eigene moralische Kraft mit einem Gegner, den wir nicht sehen und dessen Macht wir nicht abschätzen können. Unter diesen Umständen gewinnt oft das Böse die Überhand.

 

Gleichgewicht

Ich muß etwas weiter ausholen, um die Rolle zu beschreiben, die die Engel bei der Aufrechterhaltung jenes geistigen Gleichgewichts spielen, das uns unsere Freiheit bewahrt. Zwei der Scheinbarkeiten, die zur populären Illusion beitragen, eine geistige Natur sei unwichtig oder existiere gar nicht, sind bereits erwähnt worden: die scheinbare Trivialität von Entscheidungen, die aber in Wirklichkeit wichtig sind, und der Verdacht, geistige Einflüsse seien unwirksam. Wir müssen uns aber noch mit einem anderen Trugschluß befassen, der unter den größten Geistern der westlichen Kultur wie auch unter Philosophiestudenten kursiert und noch immer den gesunden Menschenverstand behindert. Theologen sprechen gewöhnlich vom „Problem des Bösen“ (als ob das Böse nicht schon an sich problematisch genug wäre!), und in philosophischen Seminaren taucht es in Gestalt solcher Tiefsinnigkeiten auf, wie: „Wenn Gott gut ist, kann er nicht Gott sein; und wenn Gott Gott ist, kann er nicht gut sein“. Kurz gesagt: warum läßt ein liebender Gott Kriege zu, Hungersnöte, Haß, Völkermord und dergleichen mehr?

Das Problem mit diesem „Problem des Bösen“ scheint überwältigend, und wie sich manche zu behaupten anmaßen, völlig unlösbar. Aber es gibt mehr als einen Weg, sich der Frage anzunähern. Swedenborg geht dabei vom Gedanken der Wahlfreiheit aus, die Gott in der geschaffenen Natur menschlicher Wesen anlegte. Wie wir noch deutlicher sehen werden, ist Wahlfreiheit die Grundlage unserer Fähigkeit, mit den geistigen Kräften, die um uns sind, umzugehen, und Gott erhält uns diese Freiheit unverletzt. Der göttliche „Mechanismus“, der das ermöglicht, besteht im Gleichgewicht, das zwischen einander entgegengesetzten Kräften aufrechterhalten wird — Einflüsse der Wahrheit gegen solche der Falschheit, Kräfte, die uns zu guten Motiven und Handlungen anspornen gegen Kräfte, die uns aufstacheln, Böses und Schädliches zu tun.

Unter diesen Bedingungen setzt sich der geistige Kampf zwischen Gut und Böse bei jedem Menschen bis an sein Lebensende fort. Das ist die „schlechte Nachricht“. Die „gute Nachricht“ aber ist, daß jede Schlacht in diesem Krieg gewonnen werden kann, wenn wir uns nur bei unseren Entscheidungen jeweils auf die geistigen Hilfsquellen, die Engel um uns, verlassen. Es gibt tatsächlich einige wenige Menschen, die die Führung und Unterstützung der Engel so konsequent suchen, daß es ihnen zur Gewohnheit wurde und zum Merkmal ihrer Reaktion in jeder Lage. Für sie ist es, als ob die Schlacht bereits gewonnen sei. Swedenborg beobachtete, wie Engel Menschen auf diese Weise beschützten und beschrieb das in den „Himmlischen Geheimnissen“ wie folgt:

„Dann herrschen die Engel und inspirieren sie mit allem Guten und Wahren und mit der Furcht vor allem Bösen und Falschen. Die Engel führen zwar, aber nur als Diener, denn es ist der Herr allein, der Menschen durch Engel und Geister regiert“ (# 50).

Die meisten von uns kennen Menschen, die als Beispiel für diesen Zustand gelten können. Gewöhnlich handelt es sich um ältere Leute, Männer oder Frauen, die genügend Herausforderungen im Leben bestanden und selbst viele Fragen gelöst haben, ob sie nun über ihre Erfahrungen reden oder nicht. Es sind Menschen, mit denen man gern zusammen ist. Sie legen einem den Gedanken nahe: „Hoffentlich kann ich das eines Tages auch...“. Mutter Theresa ist ein Beispiel, aber die lebendigste Illustration bieten die eigenen Erfahrungen jedes einzelnen.

 

Schutzengel

Engel sind bei uns bis zum Ende unseres Lebens. Ihre Gegenwart bei Kindern wurde bereits beschrieben. Im Lauf ihres Heranwachsens werden diese frühen Wächter durch Engel ersetzt, die durch ihre eigene Erfahrung als Menschen am besten geeignet sind, bei den Problemen zu helfen, mit denen sich der junge Mensch in den verschiedenen Stadien seiner Entwicklung auseinandersetzen muß. Sie handeln jetzt eher als Helfer denn als Schutzengel, solange die Kinder noch nicht über die Fähigkeit zu vernünftigem Handeln und die daraus resultierende Freiheit verfügten. Diese Engel tun ihr Möglichstes, um ihren Schutzbefohlenen die richtige Wahl nahezulegen und ihre guten Absichten zu ermutigen; sie nehmen so viel Einfluß auf ihre Wahrnehmungen und Gefühle, wie freiwillig von ihnen akzeptiert wird. Doch wie weit wir Menschen auch bösen Geistern auf selbstzerstörerischen Wegen schon gefolgt sein mögen, die Engel lassen nicht nach in ihrem Bemühen um uns! Ihr Werk ist — parallel zu Gottes unmittelbarem Einfluß — die himmlische Verwirklichung der unendlichen göttlichen Barmherzigkeit.

Lassen sich Menschen bei ihren Absichten und Handlungen so weit von physischen Wünschen leiten, bis das zu ihrem normalen Verhaltensmuster wird, suggerieren ihnen Engel irgendetwas Gutes, das sie als Reaktion auf diesen inneren Drang tun könnten. Menschen z.B., die ihre Meinung gewohnheitsmäßig durch falsche Werte bilden und sich allein nach dem richten, was ihnen persönlich Spaß macht, werden durch Engel angeleitet, an höhere Werte zu denken, die ebenfalls Freude bereiten. Um unsere individuelle Freiheit zu wahren, werden uns diese Anregungen niemals in Form klarer Erkenntnisse oder absoluter Gewißheit bewußt. Sie fallen ins Bewußtsein als Möglichkeiten oder Fragen, z.B. wenn wir uns fragen: „Ich möchte wissen, ob...“ Wir können die Anregungen der Engel zurückweisen, das Gegenteil davon tun, ihre und die Gegenwart von Geistern leugnen, ja sogar ihre Existenz verneinen. Um der Freiheit willen zwingen uns Engel niemals ihre Führung auf.

Sanftheit und Subtilität der Engel sowie ihr Respekt vor unserer Wahlfreiheit sollte nicht dazu verleiten, die Macht jener Engel zu unterschätzen, die uns beschützen oder leiten, noch die Rolle zu unterschätzen, die sie in unserem Leben spielen. Ihre lebenswichtige Bedeutung wurde von Swedenborg klar erkannt, als er beobachtete, was Engel und Geister für uns Menschen tun. In „Himmlische Geheimnisse“ heißt es:

„Durch Geister haben die Menschen Verbindung mit der Geisterwelt und durch Engel mit dem Himmel. Ohne Verbindung mit der Geisterwelt durch Geister und mit dem Himmel durch Engel und so durch den Himmel mit Gott, könnten die Menschen nicht leben. Unser Leben hängt von dieser Verbindung so sehr ab, daß wir augenblicklich sterben würden, falls sich Geister und Engel zurückzögen“ (# 50).

Das bedeutet nichts anderes, als daß Gott uns in jedem Augenblick unseres Lebens erhält und stützt. Engel sind das Medium, das die unendliche Macht der göttlichen Liebe so für uns moduliert, daß daraus eine Lebenskraft wird, die unserer menschlichen Größenordnung entspricht. Doch nicht allein die allgemeine Kraft zu existieren wird uns von den Engeln vermittelt. In „Himmel und Hölle‘ sagt uns Swedenborg:

„Engeln wurde gestattet, meine Schritte, meine Handlungen, meine Zunge und Sprache nach ihrem Willen zu lenken, und zwar durch einen Einfluß in mein Wollen und Denken. So machte ich die Erfahrung, daß ich aus mir selbst nichts vermag. Nachher sagten die Engel, jeder Mensch werde so regiert und könne dies aus der Lehre der Kirche und aus dem Wort wissen. Er bete ja, Gott möge seine Engel senden, daß sie ihn führen, seine Schritte lenken, ihn lehren und ihm eingeben, was er denken und reden soll usw., obwohl er sich anders ausdrücke und auch anders glaube, wenn er außerhalb der Lehre aus sich selbst denkt. Diese Dinge wurden erwähnt, damit man wisse, welche Macht die Engel beim Menschen haben“ (# 228).

Zuweilen unterbrechen weltliche oder körperliche Rückschläge, selbst Katastrophen, die Führung, Belehrung und Inspiration der Engel. Unser Instinkt mag uns in solchen Fällen dazu drängen, uns ganz auf unsere eigene Erfahrung und unseren eigenen Mut zu verlassen, um wieder zur Normalität zurückzufinden. Swedenborg zufolge aber raten uns die Engel, während solcher Rückschläge noch inständiger zu beten und noch mehr auf die Hilfe der Engel zu bauen.

Swedenborg lernte durch Erfahrung, daß Engel über eine Macht verfügen, die wir Menschen uns bei einem kreatürlichen Wesen kaum vorstellen können. Die Bibel beschreibt diese Macht der Engel, etwa wenn sie von dem Cherub spricht, der mit seinem flammenden Schwert Adam und Eva daran hinderte, ins Paradies zurückzukehren, oder von dem feurigen Wagen, der mit seinen Rossen den Propheten Elijah gen Himmel entführte (2 . 2, 11) — von anderen furchterregenden Beispielen zu schweigen. Doch trotz ihrer gewaltigen Macht und ihrer engen Verbindung mit unserem Dasein halten die Engel ihren Einfluß auf uns zurück, so daß wir dadurch niemals beherrscht werden. Als Beispiel für die vielen Wege, auf denen die Engel zu unseren Gunsten intervenieren, kann ich ein eigenes kürzliches Erlebnis schildern:

Als ich eines Nachts einschlief, verdrängten unerwünschte Phantasien und Vorstellungen das, was ich gerade gedacht hatte. Zu müde und nicht wachsam genug, um ihnen zu widerstehen, gab ich ihnen nach, als ich einschlief. Im Traum kletterte ich eine steile Treppe oder Leiter in ein dämmeriges Dachgeschoß empor. Ich bemerkte Bewegung in der Ecke des Raumes und ging näher heran, um zu sehen, was es war. Da sah ich, daß eine Kreatur von ihrem Sitz auf einer Art Regal herunterstieg, bis es auf meiner Höhe stand. Die Gestalt erschreckte mich nicht so sehr, wie sie mich empörte. Sie schien eine rauhe, lederige Haut zu haben; ihre Arme und Beine (bzw. Vorder- und Hinterläufe — das Wesen schien menschenähnlich und auch wieder unmenschlich) waren ungefähr gleich lang, eher zu lang für ihren Körper. Das Gesicht, ebenfalls von zweifelhafter menschlicher Form, zeigte knopfähnliche Augen und große Zähne in einem Mund, der sich zu einem Grinsen oder einer Grimasse verzog — all das dicht beieinander in einem großflächigen Gesicht.

Das Wesen war nicht aggressiv oder bedrohlich, es hatte auch vor mir keine Angst, bewegte sich langsam, schien aber sehr stark zu sein. Ich dachte, ich sollte versuchen, es zu töten, wußte aber, daß ich dazu nicht annähernd stark genug wäre. Wir starrten einander an, ich mit Ekel, und es, wie ich empfand, mit Verachtung. Nichts passierte, aber ich erwachte gleich darauf, erschöpft und mit wild schlagendem Herzen.

Vor diesem Traum hatte ich noch nicht lang geschlafen, und gleich darauf fiel ich wieder in Schlaf, aber in einen gesünderen. Doch beim Eindösen erfüllte mich der Schrecken vor dieser Kreatur so total, daß er die unerwünschten Phantasien, die zuvor so hartnäckig gewesen waren, völlig verdrängte. Am nächsten Morgen brachte mich die lebhafte Erinnerung an den Traum zur Erkenntnis, daß die Kreatur etwas wie eine Repräsentation jener bösen Geister war, die mich so hartnäckig mit jenen Phantasien bedrängten und mir Freude daran beibringen wollten. Mit der Zeit war diese Kreatur für mich zu stark geworden, um sie aus eigener Kraft zu besiegen, und sie schien für den Fall eines Kampfes so siegesgewiß, daß sie es sich leisten konnte, Geduld zu üben. Bei diesem Gedanken hatte ich das Gefühl, Engel wollten mich auf die Gefährlichkeit meines Gegners dadurch aufmerksam machen, daß sie mich ihn sehen ließen. So schützten sie mich davor, den Gegner zu unterschätzen. Und die Warnung diente außerdem dazu, mich für eine Weile vor diesem Einfluß zu schützen. Die Botschaft des Traumes aber war, daß der Kampf noch lange nicht beendet sei.

Ich hätte das auf jeden Fall wissen können, denn dieser besondere Kampf hielt mich schon seit Jahren in Atem. Weiter unten in diesem Kapitel folgt die Beschreibung einer meiner (besser gesagt: der Engel und meiner) größten Siege — und trotzdem geht der Kampf weiter. Ich habe in diesem geistigen Konflikt geistige Hilfe gesucht und auch empfangen, aber offenbar die Hilfe der Engel noch nicht vollständig genug akzeptiert.

Ich bezweifle keinen Augenblick, daß der Einfluß der Engel stets genügend stark ist, um ein perfektes Gleichgewicht zur Macht des Bösen zu sichern, daß aber ihr Einfluß niemals so stark ist, daß ich ihm nicht auch widerstehen oder ihn ignorieren bzw. seine Existenz bei mir leugnen könnte. Darin aber, daß ich einen Kampf kämpfe, den ich nie allein gewinnen kann, bin ich, wie ich glaube, ein Jedermann. Solange ich meinem Beschützer vertraue, entgehe ich einer endgültigen Niederlage, und doch bin ich noch nicht bereit, mich ihm völlig unterzuordnen, obgleich dann der Sieg vollkommen sein würde. Es ist also eine schwierige, aber nicht hoffnungslose Situation, die den Ausgang offen läßt, weil für das Gleichgewicht gesorgt ist.

 

Wem vertrauen wir?

Die Zurückhaltung, die sich Engel bei ihrem Einfluß auf uns auferlegen, ist eine unerläßliche Bedingung für die Bewahrung unserer Freiheit, eigenständig zwischen dem zu wählen, was richtig und was falsch, ebenso wie zwischen dem, was gut und was böse ist. Diese Zurückhaltung erklärt uns auch, warum die Meinungen über die Existenz der Engel auseinandergehen. Manche bejahen Gegenwart und Beistand der Engel und haben ihre Einstellung oft genug belohnt gefunden, so daß sie die Tatsache ihres geistigen Beistands nicht länger bezweifeln. Solche Menschen machen die Erfahrung, daß sich ihre instinktiven Deutungen von Ereignissen und ihre Absichten allmählich verändern. In dem Maße, wie sie sich wandeln, werden sie mehr und mehr wie die Engel, so daß sie sich gelegentlich auch eines bewußten Kontakts mit ihrer geistigen Gemeinschaft erfreuen können — d.h. in ihren Träumen oder in Zeiten der Meditation Engel hören oder sehen—, ohne daß dadurch ihre Freiheit bedroht würde. Andererseits könnten sich Menschen, die die Existenz geistiger Wesen oder deren Einfluß auf ihr Leben leugnen, zum Glauben gezwungen sehen, wenn ihnen ein Engel erschiene. Aus diesem Grund erleben sie kaum je solche Erscheinungen.

Erzählt einem jemand, er habe einen Engel gesehen bzw. ein Engel habe dies oder das für ihn getan, so macht einen die Erfahrung, die man mit einem solchen Menschen hatte, entweder geneigt, ihm zu glauben oder auch nicht: menschliche Erfahrung ist hier nicht einheitlich. Derselbe Umstand kann uns geneigt machen, die Meinungen von Leuten, die überzeugt sind, Engel hätten außerhalb einer hyperaktiven Einbildung keine Existenz, anzunehmen oder abzulehnen.

Dieses Buch — oder auch eins der Bücher, die das genaue Gegenteil behaupten — mag die Erfahrungen der Leser bestätigen oder ihnen widersprechen. Höchstwahrscheinlich werden die meisten Bücher, die sich mit geistigen Fragen auseinandersetzen, mit einigen Erfahrungen ihrer Leser übereinstimmen und mit anderen nicht. Es wird niemals einen strikten Beweis für die eine oder andere Meinung geben, der die Existenz oder Nicht-Existenz über jeden vernünftigen Zweifel hinaus demonstriert. Um das zu verhindern, wirken Gott und der ganze Engelhimmel fortgesetzt zusammen, das Gleichgewicht zu erhalten. Man ist also stets frei, an Engel zu glauben und ihnen zuzutrauen, daß sie einem helfen, wenn man darum bittet, und man ist ebenso frei, ihre Existenz zu leugnen und sich allein auf eigene Kraft und Einsicht zu verlassen.

Die Verantwortung jedes Menschen in Glaubensdingen, wie in allen anderen Angelegenheiten, seine eigene Entscheidung zu treffen, gehört zur Wahlfreiheit, die für die menschliche Natur grundlegend ist. Die Entscheidung, sein Urteil aufzuschieben, ist auch eine Entscheidung, doch kann auf die Dauer niemand seiner Verantwortung entgehen. Jeder muß sich also selbst entscheiden, was er glauben und wem er vertrauen will.

Das geistige Gleichgewicht behindert jedoch Engel und Geister nicht dabei, Hilfe zu leisten, um die sie ersucht werden, und das schließt die Hilfe bei der Entscheidung ein, ob man an sie glauben und ihnen vertrauen will. Auch wenn sie nie unwiderlegliche Beweise liefern, bieten uns die Engel doch Erfahrungen, die für jeden überzeugend sind, der glauben möchte.

Eine Bekannte von mir, die nicht an Engel glaubte und starke Zweifel an der Existenz Gottes hatte, geriet in eine tiefe Depression und einen Zustand äußerst angstvoller Verunsicherung. Sie wußte nicht, was sie tun sollte und zweifelte an ihrer Fähigkeit, irgendeinen Plan auszuführen, zu dem sie sich entschließen würde. Ein Freund schlug ihr vor, sie solle versuchen, Hilfe zu erbitten, ob sie nun daran glaube oder nicht, daß es jemand gebe, der ihr helfen könne. Höchst skeptisch, aber mit dem Willen, den ihr die Verzweiflung eingab, legte sie sich abends zu Bett und „bat den leeren Raum“ um Hilfe. Beinahe augenblicklich schien sich ein Gefühl des Friedens „wie eine warme Decke“ über sie zu breiten, und sie konnte einschlafen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, sah sie deutlich den nächsten Schritt, den sie tun mußte, und war zuversichtlich, daß sie ihn tatsächlich ausführen könne. Heute — Jahre später — ist ihr das Vertrauen in Gott und in die geistige Macht eine so selbstverständliche Voraussetzung, wie ihre Zuversicht, daß die nächste Stufe sie tragen wird, wenn sie eine Treppe hinuntersteigt.

Ein anderes Beispiel aus meinem eigenen Erleben betrifft eine Nacht tiefster Verzweiflung. Ich lag wach zwischen Mitternacht und Morgendämmerung, und für mein geistiges Auge war es ebenso dunkel wie vor meinen weit offenen physischen Augen. Endlos wiederholten sich unerwünschte Phantasien, die ich nicht aus meinem Bewußtsein vertreiben konnte. Es kam mir der Gedanke, daß ich beten sollte, und so begann ich still das Gebet des Herrn zu wiederholen. Nach einem oder zwei Sätzen waren die Phantasien wieder da, und ich gab den Gedanken ans Gebet auf. Später erinnerte ich mich wieder an meine Absicht und begann erneut zu beten — mit demselben niederschmetternden Ergebnis.

Nachdem ich es ein drittes Mal vergeblich versucht hatte, überkam mich das entsetzliche Gefühl, in die Tiefe zu sinken. Ich spürte, als mir klar wurde, daß mich die Phantasien beherrschten und ich nicht beten konnte, einen schmerzhaften „Knoten“ in meinem Magen!

In fürchterlicher Panik schrie ich innerlich — und hätte meine Frau nicht neben mir gelegen, so wäre es laut gewesen: „O Herr, hilf mir! Hilf mir beten!“ Kaum hatte ich diese Worte bei mir gesprochen, entspannte sich mein Körper, und ich hatte dabei ein Gefühl, das mir das Erlebnis meiner Bekannten mit der warmen Decke verständlich machte. Neben meinem Bett, nahe genug, daß ich ihn hätte berühren können, stand mein Vater, darauf wartend, mit mir zu beten. Er war seit über einem Jahrzehnt verstorben, aber das war mir in diesem Augenblick nicht bewußt oder schien, wenn überhaupt, keine Rolle zu spielen. Ebenso wurde mir auch erst im Nachhinein klar, daß er und ich nie zusammen gebetet hatten, außer wenn wir nebeneinander auf derselben Kirchenbank saßen oder am sonntäglichen Mittagstisch. Obgleich ich meine Augen nicht öffnete, wußte ich, daß er da war: Ich wußte sogar, welche Haltung er einnahm und was er anhatte.

Ich wiederholte langsam und mit voller Konzentration das Vaterunser und fand in den einzelnen Worten reiche, bis dahin nicht geahnte Bedeutung. Dann bat ich um die besondere Hilfe, die ich in meinem Zustand brauchte und fiel schließlich in Schlaf. Die Einstellung, mit der ich am Morgen erwachte, brachte einen neuen Ausblick auf meine Probleme und den Entschluß, in Zukunft anders zu handeln; es war eine direkte Antwort auf mein Gebet. Der Entschluß hielt während Monaten stand, lange genug, damit die neue Haltung zur Gewohnheit werden konnte. Aber um das Erlebnis war nichts Gewalttätiges. Ich vermute, es wäre mir möglich gewesen, die Gegenwart meines Vaters als bloße Einbildung zu deuten, einfach indem ich die Augen öffnete (das war mir in dem Augenblick auch halbwegs bewußt). Ich entschloß mich jedoch, seine geistige Gegenwart zu akzeptieren, und so empfing ich die nötige Unterstützung.

Anders ausgedrückt, ich vertraute Gott, zu dem ich gebetet hatte, mehr als meiner eigenen Einsicht, die mich in diese Lage gebracht hatte. Ich vertraute dem Geist, der mir in Beantwortung meines Stoßgebets geschickt wurde, mehr als meinem physischen Wahrnehmungsvermögen. Ich verstehe dieses Erlebnis so, daß es mein Vertrauen war, das es mir ermöglichte, den Segen dieser geistigen Erfahrung zu machen.

 

Wer ist verantwortlich?

Eine wichtige Frage ist bisher noch nicht ausführlich behandelt worden, obgleich es scheinen könnte, als sei sie in den verschiedenen Zusammenhängen der bisherigen Ausführungen bereits unter zwei oder drei Aspekten implizit enthalten. Es ist die Frage: wer ist eigentlich verantwortlich dafür, wie wir unser Leben gestalten, wie wir unsere Entscheidungen treffen, ob spontan oder mit voller Überlegung? Ich habe gezeigt, daß wir selbst es sind, indem wir bei unserer Wahl unsere von Gott behütete Freiheit gebrauchen. Aufgrund der vorigen Erörterungen könnte man schließen, es seien die Engel und Geister, weil sie uns ja Hilfe gewähren oder scheinbar versagen. Und zudem sollte klar sein, daß Gott Engel, Geister und Menschen leitet, da er unausgesetzt für ihr persönliches und kollektives Wachstum und Wohlergehen sorgt. Wer ist also wirklich verantwortlich?

In gewisser Hinsicht enthält jede der drei Ansichten etwas Wahrheit; aber um unsere immerwährende Beziehung zu den Engeln wirklich zu verstehen und daraus Nutzen zu ziehen, ist eine genaue Kenntnis der Relation zwischen diesen Wahrheiten erforderlich. Die wichtigste Wahrheit, in deren Licht die anderen ebenfalls richtig sein können und ohne die sie auf jeden Fall falsch und gefährlich irreführend sind, besteht darin: Gott stellt die gesamte Kraft bereit, die Engel, Geister und Menschen überhaupt erst zu irgendwelchen Handlungen, ja zu leben befähigt. In diesem fundamentalen wie übergreifenden Sinn hat also Gott allein die Verantwortung; er allein ist der Autor der Geschichte. Der Anschein von Autonomie, den wir bei unseren eigenen Entscheidungen empfinden und den wir auch bei anderen zu sehen meinen, ist eine Funktion jener Wahlfreiheit, mit der Gott alle menschlichen Geschöpfe ausgestattet hat.

Engel erkennen die Beziehung zwischen der göttlichen Macht und der individuellen Freiheit unmittelbarer als wir Menschen. Im Licht des Himmels gibt es viel weniger Illusionen als im physischen Licht. Darum ist den Engeln voll bewußt, daß jeder Atemzug oder Gedanke, jede Handlung allein durch Gott ermöglicht wird. Aber selbst in diesem Bewußtsein müssen die Engel Entscheidungen treffen, als ob sie dabei allein von ihrer eigenen Befähigung abhingen. Wir Menschen, deren Wahrnehmungen durch die Zweideutigkeit unserer physischen Existenz umwölkt sind, sehen uns mit der Notwendigkeit konfrontiert, so zu handeln als hätten wir einen vollständig freien Willen und unsere totale Abhängigkeit von Gott sei nur Theorie — für einige von uns eine Theorie, die durch ihren Glauben gestützt wird. Wenn wir dabei versagen, das Dilemma Freiheit/Abhängigkeit auf persönlicher Basis zu lösen, kann die Kapitulation gegenüber der einen oder der anderen Seite katastrophal sein. Wir gleichen dem Odysseus, der zwischen Skylla und Charybdis hindurchsteuern muß. Erkennen wir unsere Abhängigkeit von Gott an, leugnen aber gleichzeitig unsere Freiheit, sind wir der Unbeweglichkeit und Richtungslosigkeit überlassen. Vermeiden wir diese Falle und machen einen großen Bogen darum herum, verfangen wir uns im Gegenteil, der Hyperaktivität, ausgerichtet allein nach unserem eigenen, wild nach allen Seiten ausschlagenden Kompaß.

Es ist ein Gesetz des Lebens, wenn nicht der Logik, daß die einzige wirkliche Lösung eines echten Dilemmas ein echtes Paradox ist. Ein Paradox ist eine Aussage über Gegensätze, die beide wahr sind. Das Paradox der Freiheit — nämlich daß Freiheit eine notwendige Illusion ist, unser einziger Zugang zu jener Stärke, die in unserer vollständigen Abhängigkeit von Gott liegt — mag, wie alle Paradoxa, für unsere Vernunft unannehmbar sein. Denken und Handeln, als ob es wahr sei, kann uns den praktischen Beweis für die Gültigkeit dieses Paradoxons liefern. In äußerster Vereinfachung gesagt: Wenn wir handeln, als gäbe es keine himmlische Hilfe, aber beten, als ob wir auf Erden keine andere Hilfe fänden, funktioniert unser Leben besser als wenn wir uns allzu sehr auf eine der beiden Alternativen verlassen.

 

6. Was können wir tun?

Was unterscheidet einen Menschen, der um Engel und Geister weiß, von einem, der keine Kenntnis von ihnen hat? Das ist eine wichtige Frage, hängt doch das, was wir über die Engel wirklich wissen (im Unterschied zu dem, was wir nur gelesen und theoretisch bedacht haben) wesentlich von unserer Motivation ab, ob wir etwas über sie wissen wollen. Und schließlich sind die Engel selbst gewiß die besten Lehrer über Wesen und Aufgaben der Engel; sie beantworten unsere an sie gerichteten Bitten auf eine Weise, die ihren Werten und Absichten entspricht.

Wenn man nur etwas über die Engel wissen möchte, um seine Neugierde zu befriedigen (und zu diesem Zweck Spiritismus betreibt, d.Ü.), werden die wirklichen Engel einen solchen Wunsch gar nicht wahrnehmen. Statt ihrer werden viel eher Geister darauf antworten, die während ihrer physischen Existenz von bloßen „Fakten“ und materiellen Trivialitäten gefesselt waren. Sie werden einen Dinge „wissen“ lassen, die vielleicht die Neugier befriedigen, gleichgültig ob wichtig oder unwichtig, ja ob sie überhaupt der Wirklichkeit entsprechen. Männer, die sich vor allem deshalb für Engel interessieren, weil Bilder von hübschen weiblichen Engeln in gazeartigen Gewändern sie neugierig gemacht haben, werden ihre „Antworten“ vielleicht von männlichen Geistern bekommen, die sich in ihrem Erdenleben damit vergnügten, erotische Bilder in einem Versteck zu sammeln; möglicherweise bekommen sie ihre Informationen auch von weiblichen Geistern, denen es in ihrem Erdenleben Spaß gemacht hatte, sich auffällig zu kleiden, um Männer herauszufordern.

Möchte man aber erfahren, woher man Willenskraft oder auch das nötige Wissen nehmen soll, um jemandem zu helfen, der wirklich Hilfe braucht, dann erregt das viel wahrscheinlicher die Aufmerksamkeit der Engel, vor allem natürlich der Engel, die selber bereits nach Wegen suchen, dem Betreffenden beizustehen. Engel suchen nach Möglichkeiten zu helfen, ohne durch allzu offensichtliche Hilfe die Freiheit eines Menschen, an Engel zu glauben oder nicht, zu beeinträchtigen — wir sollten ja auch unsere Hilfe niemand aufdrängen.

Was wir mit unserem Wissen tun möchten, und mehr noch, was wir damit getan haben, bestimmt darüber, ob wir zu einem wirklichen Wissen über Engel gelangen. Wenn wir etwas tun, das gut für andere ist, und es wirklich mehr für sie als für uns tun (wie die treuen Knechte des Königs in Jesu Gleichnis Mat.25, 14-30) und unser erworbenes Wissen, wie anderen zu helfen ist, anwenden, dann sind wir geistig in der Lage, mehr über Engel zu lernen.

Verallgemeinerungen wie diese lassen die Mannigfaltigkeit, die starke persönliche Färbung unserer Entscheidungen und Handlungen außer acht. Doch ein wirkliches Verständnis unserer inneren Beweggründe erfordert große Erfahrung bei der Selbstprüfung und wahrscheinlich auch psychologische oder geistliche Leitung. Ein Buch wie dieses kann nur die allgemeine Richtung aufzeigen. Unter Berücksichtigung dieser Begrenzungen läßt sich jedoch einiges darüber sagen, wie man das Wissen um die Engel nutzen kann.

 

Wir können den Menschen helfen

Wohl der einfachste Weg, persönlich Bekanntschaft mit Engeln zu machen, besteht darin, sie einzuladen, uns in unserem Handeln zu unterstützen, im Gebet um ihren Beistand bei unserer Hilfe für andere zu bitten. Dazu muß man jedoch besonders gut die Rolle verstehen, die unsere Beweggründe in unseren geistigen Beziehungen spielen. Sorge um uns selbst bringt uns in Verbindung mit selbstsüchtigen Geistern. Wollten wir daher einem Freunde zu dem Zweck helfen, damit wir für uns selbst die Hilfe von Engeln erfahren, würde uns das eher von den Engeln trennen, als uns ihnen näher bringen. Anderseits führte uns die Bitte um Gesundheit, Kraft oder größere gefühlsmäßige Ausgeglichenheit, um einem Freunde besser helfen zu können, näher an Engel-Gesellschaften heran.

Der Unterschied zwischen beiden Beispielen liegt eher in den Ursachen, die jeweils unsere Absicht leiten, als in deren Art oder Inhalt. Dieser Gedanke mag auf der Hand liegen, ist aber wichtig genug, um ihn noch etwas weiter zu entfalten. Hinter jeder Absicht, die wir ausführen möchten, stehen mehrere Schichten von Motivationen. Es kann sein, daß wir einem Menschen helfen wollen, weil uns echte Sorge für sein Wohlbefinden bewegt — aber auch weil wir möchten, daß er uns nett findet. Wir können uns um ein bestimmtes Amt bewerben, weil es uns ein höheres Prestige verspricht und es uns Spaß macht, wenn Menschen zu uns aufblicken, aber auch weil wir als Inhaber eines solchen Amtes anderen nützlicher sein können als es sonst der Fall wäre. Aus der Sicht der Engel ist das Grund-Motiv entscheidend, das in den verschiedenen Schichten letztlich verborgen liegt. Sie fühlen sich zu uns hingezogen oder von uns abgestoßen aufgrund unserer tiefsten Absicht — die wir möglicherweise nicht zugeben wollen, vielleicht nicht einmal vor uns selbst.

Voraussetzung, in die Gesellschaft von Engeln zugelangen, ist das Interesse, einem anderen Menschen um seiner selbst willen zu helfen, oder zumindest sich dann an seinem Glück mitzufreuen. Und nur wenn wir unser Bestes gegeben haben, ohne ans Ziel zu kommen, werden uns unsere himmlischen Gefährten neue Wege aufzeigen oder neue Kraft zukommen lassen. Denn ist unser innerstes Motiv wirklich das Wohl der anderen und scheinen die Hindernisse unüberwindlich, kommen Engel uns ganz gewiß zu Hilfe. Auch unter vielen anderen Umständen stärken sie uns — unter Umständen, die wir teils verstehen, teils nicht verstehen können — aber ihr Verlangen zu helfen ist so groß, daß wir in diesem Zusammenhang ihre Gegenwart am ehesten erfahren.

Der Wunsch, einem anderen Menschen zu helfen, kann in der Sicht eines Engels viel bestimmter sein als in unserer. So erzählte beispielsweise ein mir befreundeter Pfarrer folgende Geschichte: Als er eines Sonntags seine Familie im Auto verstaute, um zur Kirche zu fahren, hatte er, wie üblich, das Gefühl, spät dran zu sein. Während er das Auto rückwärts aus der Garage fuhr, hörte er eine Stimme, so klar, als komme sie von einem seiner Kinder: „Deine Predigt liegt auf dem Schreibtisch“. Er selbst war sicher, daß er die Predigt in seine Aktentasche gesteckt hatte, wunderte sich zwar einen Augenblick lang über die Stimme, entschloß sich aber zur Weiterfahrt; doch bevor er das ausführen konnte, wiederholte sich die Stimme. Ärgerlich und sich dumm vorkommend, stoppte er und stürzte ins Haus zurück, schaute auf den Schreibtisch — und da lag sie, die Predigt!

Als er über das merkwürdige Ereignis nachdachte, kam ihm sein Bruder in den Sinn, der schon als Kind gestorben war und ihn, wie er glaubte, bereits bei anderen Gelegenheiten vor Gefahren gewarnt hatte. Doch konnte er die gehörte Stimme nicht klar identifizieren und war überrascht, daß mit seinem Predigt-Manuskript eine so große geistige Bedeutung verbunden sein sollte. Dann kam ihm in den Sinn: Jemand in der Gemeinde würde vielleicht an diesem Morgen ganz besonders durch etwas angeregt werden, das er ohne Manuskript nicht sagen würde. Vielleicht gab es auch einen anderen Grund, den nur die Engel kannten. Aber das leuchtete ihm ein: Die Absicht, die ihn bei der Arbeit an seiner Predigt bewegt hatte, wäre ohne diese geistige Intervention kaum so klar zum Ausdruck gekommen, und etwas an dieser Absicht war wahrscheinlich wichtig für irgend jemanden unter seinen Zuhörern — das war offenbar Grund genug für einen Engel oder Geist einzugreifen. Meinen Freund vor der Unannehmlichkeit zu bewahren, die Kanzel ohne Predigt-Manuskript betreten zu müssen, war gewiß nur ein erwünschtes Nebenprodukt, aber sicher nicht Grund genug, um die Stimme zu veranlassen, sich zweimal so deutlich hören zu lassen.

Ein anderer Freund, ebenfalls ein Pfarrer, berichtete mir von einem Ereignis, bei dem die Teilnahme der Engel so subtil war, daß sie von niemandem bemerkt wurde. Er hatte gerade seine Ausbildung beendet und traf am Ort seines ersten Pfarramts ein. Kurz zuvor war ein prominentes Mitglied der Gemeinde gestorben. Er besuchte die Familie des Verstorbenen, eher beseelt von dem Wunsch, sich hilfreich zu erweisen als zu wissen, wie das geschehen könnte. Eine Menge von Freunden und Verwandten hatte sich eingefunden, ihre Teilnahme zu bekunden. Er selber fühlte sich der Situation in keiner Weise gewachsen, und so beschränkte er sich darauf, jedem einzelnen, dem er vorgestellt wurde, die Hand zu drücken und möglichst wenig Worte zu machen. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, betrachtete still jeden einzelnen, bis er fand, er habe sich lange genug aufgehalten. Beim Verlassen des Hauses war er sicher, seine erste Probe als Pfarrer nicht bestanden zu haben. Zu gegebener Zeit leitete er die Bestattungsfeier und bekam nachher dafür viel Anerkennung, und doch hatte er das Gefühl, Kirche und Familie in gewisser Weise im Stich gelassen zu haben. Einige Jahre später jedoch erzähl ten ihm Freunde der betreffenden Familie, sie hätten gehört, wie weise und tröstlich er sich bei dieser Gelegenheit, so kurz nach seinem Amtsantritt, verhalten habe. Man sagte ihm, wie dankbar ihm die Familie sei für das, was er damals gesagt habe und wie diese Leute anderen gegenüber dafür eingetreten seien, dem jungen Geistlichen ihr Vertrauen zu schenken, der in schwerer Zeit solch ein Fels für sie gewesen sei.

Er hat mir und vermutlich auch anderen jungen Pfarrern diese Geschichte erzählt, um ein Beispiel dafür zugeben, wie wichtig es ist, „einfach da zu sein“, um dadurch Trauernde zu trösten, selbst wenn man nichts zu sagen wisse. Was er nicht erzählte, weil er es nicht mit Gewißheit sagen konnte: Wer hat den Familien-Mitgliedern und Freunden des Verstorbenen die tröstenden Worte eingegeben, die sie aus seinem Mund gehört haben wollten? Menschen, die vielleicht nicht willens oder auch bei aller Freiheit dazu nicht fähig waren, die Stimme eines Engels zu hören, konnten sich doch an himmlische Worte und Gefühle des Trostes erinnern und schrieben sie ihrem Pfarrer zu, dessen Gegenwart und guter Wille von Engeln für ihren Dienst gebraucht werden konnten.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat mich eine Menge gelehrt über die stille Art des Wirkens der Engel in meinem Leben, eine Art, die zwar keine dramatischen Geschichten liefert, aber wirkliche Hilfe bedeutet und keine andere Quelle oder Erklärung zuläßt. Meine Frau leidet unter einer fortschreitenden Kondition, die als Alzheimer oder Alzheimer ähnliche Krankheit gilt. Sie kann sich kaum noch durch Wort oder Schrift mitteilen, auch der meisten manuellen Fähigkeiten ist sie beraubt. Obgleich ich mich immer für einen Menschen gehalten habe, der sich um andere kümmert und womöglich zu helfen versucht, war ich — wie vermutlich die meisten Menschen — völlig unvorbereitet für die Rolle eines Krankenpflegers. Diese Rolle als „Beruf‘ zu erfüllen, zu der ständig Neues und Unerwartetes hinzukommt, hat mich mit mentalen, emotionalen und geistigen Herausforderungen konfrontiert, die rasch die Hilfsquellen meiner Erziehung und Lebenserfahrung erschöpften.

Die Erkenntnis, daß ich um Hilfe beten mußte, um mit meiner Lage fertig zu werden, kam nur langsam. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Probleme zu lösen, meine Emotionen zu besänftigen und darüber nachzudenken, was hier geschah. Als ich dann um dieser Dinge willen betete, stieg die Erinnerung auf an die Tiefen der Verzweiflung, aus denen heraus ich früher gebetet hatte, und wie damals die Antwort in Form wirklicher Hilfe kam. Ich begann zu versuchen, meine Probleme weniger aus eigener Kraft als durch Gebet zu lösen, obgleich meine Aufmerksamkeit fortgesetzt von kleineren, aber dringenden Krisen abgelenkt wurde. Allmählich, aber nicht etwa regelmäßig, traten Veränderungen ein.

Jetzt bin ich soweit, daß ich mich meistens gar nicht mehr darüber wundere, welche Wärter-Qualitäten und -Einstellungen ich zu entwickeln fähig bin, ohne sichtbare Lehrer, an die ich mich wenden könnte, und nur selten frage ich mich, wie ich mit der zunehmenden Verschlimmerung des Zustands meiner Frau fertig werden soll. Nicht, daß ich wüßte, was ich dann tun werde, ich weiß aber, irgendwie werde ich es schaffen. Die Aufgaben, die ich nicht bewältigen konnte, wurden schließlich doch getan und haben mir sogar noch Zeitfetzen gelassen, dieses Buch zu schreiben, mit dem vielleicht jemandem geholfen ist.

 

Wir können in Fühlung bleiben

Noch etwas anderes kann unser Wissen um die Engel bewirken: daß wir im Kontakt mit ihnen bleiben. Das bedeutet, uns in Gebet und Meditation am Himmel und an den Engeln zu orientieren, eine Gewohnheit, die bei allen unseren täglichen Aktivitäten oberste Priorität haben sollte. Ich hoffe, ich habe mich sorgfältig genug ausgedrückt, doch muß ich noch mehr über eine fundamentale Zweideutigkeit sagen, die mit jeder Empfehlung, zu beten, verbunden ist.

Für mich und viele Leser heißt das, zum auferstandenen und verherrlichten Herrn Jesus Christus beten. Aber diese Worte bedeuten den verschiedenen Christen Verschiedenes; und für viele Nicht-Christen muß ein Rat, der im selben Geist gegeben wird, in anderen Worten ausgedrückt werden. Etwas besonders Wichtiges entnahm Swedenborg seiner Beobachtung der Engel bei ihren himmlischen Tätigkeiten:

alle irdischen Menschen können lernen, was gut und wahr ist, von dem Einen, den sie Gott nennen — selbst wenn sie diesem Gott verschiedene Namen geben und ihm verschiedene Eigenschaften zuschreiben.

Jeder einzelne Mensch, gleichgültig welcher Religion, wenn er sie nur regelmäßig und nach bestem Wissen ausübt, kann nach seinem physischen Tod ein Engel des universalen Himmels werden. Alle, die Christen eingeschlossen, haben die Pflicht, durch ihre Handlungen Zeugnis abzulegen für den Gott, den sie verehren. Wenn diese Verpflichtung frei gehalten würde von allen Unterscheidungen und Konflikten, die allein von Menschen erfunden wurden, so würde sie zur friedlichen Zusammenarbeit der Menschen verschiedenen Glaubens führen und nicht zu jener Feindseligkeit, die man gewöhnlich beobachtet. Die Christen, wie alle anderen, könnten ein glücklicheres und fruchtbareres Leben führen, wenn sie in dieser Weise zu ihrem Gott beteten, die Hilfe der Engel akzeptierten und zur Anwendung brächten, denn damit würde ihr Leben zu einem lebendigen Ausdruck ihres Glaubens oder ihrer Religion.

Einer der Gründe, weshalb nur eine solche Haltung tatsächlich wirkt, besteht darin, daß die Ausübung unserer Religion schwieriger ist als die bloße Anerkennung ihrer Glaubenssätze. Nur Menschen, die die Anweisungen ihrer Religion befolgen, haben ihre Religion wirklich angenommen, haben sie verinnerlicht. Ein anderer Grund, den uns Swedenborg aufgrund seiner Beobachtungen in der Welt der Geister berichtet, besteht darin, daß die Geister, die im irdischen Leben ihre Religion wirklich praktiziert hatten, leicht und willig — zuweilen sogar mit Freude — alle möglicherweise nötigen intellektuellen Korrekturen an ihrem bisherigen Glaubensverständnis annehmen. Absichten und Handlungsweisen sind in der geistigen Welt viel schwerer zu ändern als in der uns bekannten physischen Welt, das Denken hingegen kann in der geistigen Umgebung viel leichter berichtigt werden. Die meisten Geister-Novizen verbringen im Zuge des Prozesses der nötigen Entfaltung ihrer Selbsterkenntnis einige Zeit (oder was in jenem Bereich, in dem Zeit als Maßeinheit nicht existiert, wie Zeit erscheint) in Schulungsgemeinschaften, in denen sie ihr Verständnis der geistigen Wirklichkeiten, insbesondere Gottes, klären und berichtigen.

 

Auch wir können den Engeln helfen

Es gibt eine Geschichte aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die wert ist, hier erzählt zu werden. Ich habe ihre Genauigkeit nicht nachgeprüft, aber sie hat eine mystische Seite, die eine Wahrheit enthält, gleichgültig ob die Einzelheiten stimmen oder nicht. Beim Wiederaufbau von Dresden, nach den fürchterlichen Bombenangriffen gegen Ende des Krieges, fanden Arbeiter im Schutt eine Jesus-Statue. Die Figur war mehr oder weniger intakt, nur die Hände an den ausgebreiteten Armen waren abgebrochen. Nach langer Diskussion entschieden die Bürger, die Statue wieder aufzustellen, wie sie war, obgleich der Ersatz der Hände eine durchführbare Option gewesen wäre. Die achtbaren Argumente der Mehrheit lauteten: Christus braucht Hände, um sein Werk auf Erden tun zu können. Die Statue mit den Handgelenk-Stumpen würde allen Betrachtern eine Mahnung sein, daß Christus ihre Hände brauche.

Im Geist dieser Geschichte stelle man sich das Bild eines sanft tröstenden Engels vor sein geistiges Auge oder auch das Bild eines ehrfurchtgebietenden Engels, der die Wahrheit verteidigt, aber die Gestalt hätte selber keine Hände, sondern sie warte auf die Hände eines Menschen, um ihre himmlische Absicht auszuführen! Das Bild ist nicht weit hergeholt. Ein Mensch, der die Erinnerung an einen Engel abtun würde, der ihm im Traum erschien, der sich jedoch überwältigt fühlen würde, wenn ihm ein Engel in Fleisch und Blut erschiene, so daß er die Freiheit verlöre, zu glauben oder nicht — so ein Mensch kann durch einen gewöhnlichen Menschen, der auf Anregung eines Engels handelt, nach Bedarf herausgefordert, geführt oder getröstet werden.

Darin mag ein anderer Weg als in den Worten liegen „helft einander“, wie oben anregt, oder „bleibt in Verbindung“ mit dem Hinweis: „... und seid vorsichtig!“ Es ist beides zusammen, aber auch etwas mehr. Wie dargelegt, bringt es uns den Engeln näher, wenn man einem anderen Menschen um seinetwillen beisteht, als wenn man es mit dem Blick auf sich selbst tut. Doch gibt es eine noch höhere Motivation, die einen in die Gesellschaft von Engeln versetzt und Gott sogar noch näher steht: Man kann einem anderen Menschen um Gottes willen Hilfe leisten — indem man die Kraft ausstrahlt, um die man Gott gebeten hat, nämlich daß er uns zu einem wirkungsvolleren Helfer machen möge; dann wird die Hilfe zu einem Akt des Gottesdienstes. So zu handeln, spannt uns zusammen mit hohen und mächtigen Engeln. In einem denkwürdigen Kapitel seines Buches „Himmel und Hölle“ führt Swedenborg aus:

„Nahezu alle Menschen praktizieren äußerlich Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit ... Der geistige Mensch muß notwendigerweise ebenso leben ... Der einzige Unterschied besteht darin, daß der geistige Mensch nicht nur deshalb aufrichtig und gerecht handelt, weil es den bürgerlichen und moralischen, sondern weil es auch den göttlichen Gesetzen gemäß ist. Denn da er beim Handeln an das Göttliche denkt, stellt er die Gemeinschaft mit den Engeln des Himmels her ... und wird mit ihnen verbunden“ (#530).

Man kann weder eine bessere Gesellschaft finden noch ein lohnenderes und befriedigenderes Leben. Letztlich ist das ein Grund, möglichst viel über die Engel zu lernen. Wer sich bereits in dieser Welt soweit wie möglich der Lebensart der Engel im Himmel annähert, empfängt von ihnen einen unbezahlbaren Anteil an himmlischer Freude. Diese Freude bietet uns alle Segnungen von Glück, Trost, Gewißheit und gehobener Stimmung, die wir auf Erden empfinden können.

Swedenborg kannte die himmlische Freude aus Erfahrung, fand aber, sie sei unmöglich zu beschreiben. In „Himmel und Hölle“ lesen wir:

„Um mich zu befähigen, das Wesen und die Beschaffenheit des Himmels und der himmlischen Freude zu erkennen, wurde mir vom Herrn verliehen, oft und lange die Wonnen der himmlischen Freuden zu empfinden, so daß ich sie aus lebendiger Erfahrung wohl kennen, gleichwohl aber durchaus nicht beschreiben kann ... Ich durfte empfinden, daß Freude und Wonne aus dem Herzen kamen und sich ganz sanft durch alle innersten Fasern und von da aus in die Muskeln verbreiteten, mit einem solch innigen Wonnegefühl, daß jede Fiber gleichsam nichts als Freude und Wonne war, und jede davon abgeleitete Wahrnehmung und Empfindung ebenfalls in Wonne lebte. Im Vergleich zu diesen Freuden verhalten sich die der körperlichen Wollust wie ein grober, verletzender Klumpen Erde zu dem reinsten und sanftesten Lüftchen“ (#413).

Das ist eine Gabe, die Gott allein gewähren kann, und er gewährt sie seinen Engeln. Menschen aber, deren Leben dem der Engel ähnlich ist, weil sie aus engelhaften Motiven handeln, leben zwar noch in materiellen Leibern, aber ihr Geist ist bereits im Himmel. Sie sind die sichtbaren Engel unter uns. Obgleich sie sich äußerlich nicht von anderen unterscheiden, fühlt man sich schon nach kurzer Zeit in ihrer Gegenwart heiterer und von frischem Mut beseelt. Es gibt solche Menschen, und auch wir können sein oder werden wie sie. Wir können als Engel handeln, wie Menschen, von denen Swedenborg sagt, daß „sie vor den Engeln im Himmel als schöne menschliche Wesen und als ihre Partner und Gefährten erscheinen.“

Lesen Sie als Ergänzung zu diesem Buch:

Emanuel Swedenborg - HIMMEL UND HÖLLE, Auditionen und Visionen. Deutsch von Dr. E Horn.

 

    Inhalt

1. Was tun die Engel?

Engel stehen uns im Tode bei.

Engel helfen den Kindern

Engel helfen uns, den rechten Weg zu finden

Engel helfen den Menschen zu feiern

 

2. Engel und Geister

Böse Geister

Das Schlachtfeld

Geister, die zu Engeln werden

 

3. Wer sagt das?

Der Mensch

Die Botschaft

Können Sie es glauben?

 

4. Was Swedenborg sagt

Die menschliche Natur

Erscheinungsformen des menschlichen Geistes

Menschen, Geister und Engel

Wie Engel leben

Liebe und Ehe der Engel

 

5. Freiheit

Einflüsse des Falschen und Bösen

Gleichgewicht

Schutzengel

Wem vertrauen wir?

Wer ist verantwortlich?

 

6. Was können wir tun?

Wir können den Menschen helfen

Wir können in Fühlung bleiben

Auch wir können den Engeln helfen

 

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